Sie sind auf Seite 1von 2

IO. Jg„ H. I Spruchbeilage Nr. 9.

darüber fohle, ob der Kläg.erin die von dieser behaupteten daraus aber kei:ne Gefahr für die Ki1nder ableit etJe. Es
1

und beklagterseits bestrittenen Sohäden entstanden seien. ist auch f.esng esnellt, daß Luitigard N. mit i:hren
1

Gegen diesen Beschluß der Berufungsinstanz richtet sich Geschwistern sohon vor dem 27. Aug. 1960 wJed{~rholt
der Rekurs der beklagten Partei: darin wird di e Annahme
1 über das riohüge Verhalten bei Überquerung
der Haftung der Beklagten aus den Bestimmungen des § 1309 Straße belehrt wurde und s·ich bis zum Unfall
ABGB. bekämpft und beantragt, den angefochtenen Be- danach hielt; sie war schon einsichtig
schluß aufzuheben „und die Berufung der Kläg.erin abzu- F.-Strnße neben dem Wohnhaus ihr.es Vater
weisen" (dieser Rekursaintrag ist zu weit gefaßt, weH der überqueren; die Beklagte hatte wiedeflholt
OGH. im Rekursv.erfahren nicht mit Urteil zu entscheiden 27. Aug. 1960 .ihrem Kinde naohgesahaut, wenn
h,at). in das sohrä:g :gegenüberliegende Haus gehen
Dem Rekurs gab der OGH. Folge und trug dem Be- mit der dreijährigen Christine S. zu spielen, und
rufungsgericht auf, über die Berufung neuerlich zu ent- wahrgenommen, daß sich das Kind beim überqueren
scheiden. der Straße richtig ver:hielt. Unter di,esem Umständen
ist der Beurteilung des Erstgerichtes beizupflichten, daß
Aus der Begründung: es nooh kein V:ersahulden der Beklaigten bedeute, wenn
Nach ständiger Rechtsprechung (vgl. z. B. 2 Ob di ese durch rund 11 / 2 Stunden ihr Augenmerk niioht
1

327/59 v. l. Juli 1959, ZVR. 1960 SpruohbeilaJge Nr. 18) auf die Tochter Luitigard, sondern auf ihre jüngsten
bestimmt sich das Maß der von den Elt1ern (vorli·eg1en- Kinder gelenkt hat.
denfaHs kommt es nur auf die Mutter der Luitg.ard N. Demnach ;ist der R1ekurswerberin zu foLgen, wenn sie
an, da 1nur di.ese und nicht auch der Vater des Mäd- den Sta1ndpunkt vertr·itt, daß di,e Stfleitsaohe i. S. der
chens von der Kläig.erin auf Schadenersatz ~n Anspruch Bestätigung der khgsabweislichen Entscheidung der
genommen worden ·ist) zu leistenden Aufsiohtspflioht ersten Instasnz spruohr.eif sei; der von der Berufungs-
naoh dem, was nach Alter und Entwicklung des Kindes instanz ang·eordneten Ergänzung des Verfa:hr,ens über
von v.erständig·en Eltern in Berücbiahtirgung ihrer die Unfallsschäden bedarf es nicht.
1eigenen w:irtschaftliohen Vef'hältnisse und ihr,er Ge-
schäfts- und Berufspflichten erwartet werden k1ann. 9. - § 1325 ABGB.
Nun ist die Beklaigte Mutter von fünf Kindern im
Alter von 9, 7, 4 (dabei handelt ·es sich um die Toohter 1. ·Bei einer Behinderung der Arbeitsfähigkeit um 20 bis
Luitgard), 1 / 2 und 1 / 2 Jahren (die jüngst1en Kinder sind 250/o und einem erhöhten Aufwand an Energie und Zeit
Zwilhng,e). Nach dem Mittagessen am 27. Auig. 1960 gegenüber nicht versehrten Berufskollegen sowie Über-
halfen der Beklasgt·en die Töchter von 9 und 7 Jahren windung von Schmerzen, um unfallsbedingte gesundheit-
beim Abtrocknen. Als die Beklagte mit den Arbeiten liche Nachteile zu überwinden, sind die Voraussetzungen
in der Küche f.erti1g war, bnachte sie aHe Kinder hinter für die Zuerkennung einer abstrakten Rente gegeben.
das Haus, an das ein rund 1000 m 2 großes Grundstück, 2. Für einen 43jährigen Schmiedemeister und Landmaschinen-
das zur Liegenschaft des Gatten der Beklagten gehört, händler, dessen Arbeitsfähigkeit durch Versteifung des lin-
grenzt. Sie setzte die Zwillinge auf eine Decke und ken unteren Sprunggelenkes und Deformation des Fußes
trug den Mädchen von 9 und 7 Jahren auf, bei den um 20 bis 250/o eingeschränkt ist, ist bei einem derzeitigen
jüngsnen Geschwistern zu bleiben. Luitgard N. spielte monatlichen Durchschnittseinkommen von S 2200.- bis
zunäohst im Sandkasten hinter dem Hause. Die Be- S 2400.- eine abstrakte Rente von S 150.- monatlich
klagte. verbot ihr, wegzulaufen, und v:err.iohtete da:nn angemessen.
verschiedene Reiiniigungsarheiuen; sie putzt·e dein Gang OGH., 16. 4. 1964, 2 Ob 100/64.
im Hause, klopfte Teppiohe, wusoh Windeln und Der Kläger hat am 13. Feb. 1960 einen Verkehrsunfall
hängte sie zum Trocknen auf. Wä:hr·end dieser Zeit erlitten. Im Rechtsmittelv.erfahren ist nicht mehr strittig,
hatte .der Gatte der Beklaigten - von Beruf Elektriker daß ihm der Beklagte dararus aus Verschulden .ersatzpflichtig
1

- im Stall und um das Haus herum zu tun. Trotz des ist. Im V:oripwzeß 1 Cig . . . .des Erstgerichtes sind dem
Verbots vierliieß Luitg:ard N. den Spielplatz hint·er dem Kläger g,egenüber dem Beklagten mit den U. v. 23. Mai 1961
Haus und begab sich zum Spielen mit Christine S. bzw. 28. Juli 1961 Schadenersatzbeträge zuerkannt worden.
und amderen Kindern vor das Haus und vor das an der In der am 12. Feb. 1963 ·erhobenen Klage macht der Kläger
F.-Straß;e dies,em Hause g·egenüberliegende Haus Nr. 230,
1
zmsätzliche Ansprüche ·gegen den Beklagten aus dem Ver-
woselbst sioh spät·er der ei1ngangs bezeiohnetie Unfoll kehrsunfall v. 13. F eb. 1960 gieltend.
1

der Kläiger:iin ereignete. B.is zum Unfall hatten die Kin- Das Erstg,ericht sprach unter anderem eine abstrakte
der an der Straße :etwa 1112 Stunden ·gespielt, ohne daß Rente von monatlich S 400.- zu, wovon die dem
der Beklaigten trotz mehrmaliger N aohsohau bei den Kläger von der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt ge-
I\Jindem hint·er dem Hause das Weggehen der Tochter währte Rente von S 150.- monatlich in Abzug zu bringen
Luitgard vom Spielpbtz aufgefoHen wäre; sie merkte wäre.
erst, als das Kind nach dem Unfall der Kläig·erin er- Das Berufungsgiericht schränkte den R.entenanspruch auf
sohrocken zu .ihr kam, daß 1es in der Zwischenzeit S 150.- monatlich ein und wies das diesbezügliche Klage-
vors Haus gelaufen war. 1Die Ansicht der Berufungs- begehren unter Berücksichtigung der .erwähnten Unfalls-
) instasnz, daß der ·Beklagten bei diesen Umständen ·ein
V ersohulden durah Vernachlässigung der ihr uber ihre
rente ab.
Der dagegen vom Kläger erhobenen Revision der
vierjährige Toohter Luiugard anv.er-trauten Obsorge zur OGH. keine F~lge.
Last falle, w.ird vom OGH. nicht geteilt; vielmehr trifft
di,e Beurteilung der ersten Instanz zu, wonach die Vor- Aus den Entscheidungsgründen:
aussetzungen für eine Haftung der Beklagten ,gemäß Es kommt aber auoh der Rechtsrüge keine Ber,ech-
§ 1309 ABGB. ve11neint werden. Es muß doch berück- tigung zu. Beide V orinsta>nz·en haiben die Voraus-
sichtigt werden, daß s:ioh der Vorfall in einer ländlichen setzungen für die Gewä,hrung ·einer sogenannten ah·
Gemeinde zugetragen hat und die an der Straße spi·e- strakten Rente an den Kfäg.er ab Schluß der Streit-
lenden Kinder zur kr·inisohen Zeit .iinsofern nicht un- verhandlung hejaiht. Währ:end aber das
beaufsiahtiigt warnm, ails ·die Mutter der rund dreij~hri­ unter d~esem Gesichtspunkt e~ne Monatsrente von
gen. Christine S., der Gespielin der vierjährigen Luit- S 400.- r·echnun:gsmäßig für angemess.en erachtet
gard N., auf der Bank vor dem Hause Nr. 230 saß hatte, hat die Berufungs~nstanz .die Höhe dieser Rente
µnd das Herankommen der Radfq;hrerin bemerk1t·e, mit bloß S 150,- rp~ziffert; in jedem der
18 Spruchbeilage Nr. IO. ZVR. 1965

kam davon zufoLge der Legalzession des § 332 ASVG. hohe Strohballen quer über die Straße das
die dem Kläg,er aus der SoZJial-Unfallversicherung ge- Verbrechen nach § 87 StG.
bührende Rente von S 150.- monatlich zum Abzug, OGH., 22. 5. 1964, 10 Os
sodaß die Berufungsinstanz in Abänderung dieses Punk- Wie der OGH. in zahlreichen .En.tsc:hetdumgen,
tes des Ersturteiles das Rentenbegehren des Klägers EvBl. 1953 Nr. 453, SSt. XXVIII 65, XVI
gegenüber dem Schädiger ~dem Beklagt1en) abwies. II 36 Slg. 3278 u. a. m. zum Ausdruck
Nunmehr rügt der Kläger ,diese Abweisung und ver- ist 1di1e Herlheiführu11lg der Gefahr
langt die Wiederherstellung des Ersturteiles in dieser Wortlaut des § 87 StG. Tatbestandsmerkmal
Hinsicht, demnach den Zuspruch einer abstrakten etwa objektive Bedingung der Straftat; sie muß daher
~ente von S 250.- monatlich ab 15. Okt. 1963. Der vom Täter bedacht und beschlossen sein, mit anderen
B,ekLagte als Revisionsgegner bekämpft die Revision, Worten, der Vorsatz des Täters muß nicht bloß das
dies zunächst mit der Begründung, daß cLi1e Voraus- gesetzte Mittel, nämlich 1die Ha11ldlung oder 1die nt1m11t-
setzungen für die Gewährung einer abstrakten Rent.e widrige Unterlassung, sondern auch den Erfolg, ist
diesfalls schon von vornherein nicht gegeben seien. das Herbeiführen der Gefahr, umfassen. Es genügt also
Nun ist festgestellt, daß der im Ja:hr·e 1921 geborene nicht, daß aus der boshaft (vorsätzlich) unternommenen
Kläg:er durch den V1erkehrsunfall v. 13. Feb. 1960 einen Handlung oder der pflichtwidrigen Unterlassung eine
Bruch des linken Fers·enbeins sowie des ersten Gliedes Gefahr i. S. des § 85 lit. b StG. objektiv entstehen
des Linken Kleinfingers und eine BrustkorbpreHung 1er- konnte oder daß sich der Täter dieser Möglichkeit be-
litten ihat. Als Folge des Fersenbruohes 1ist eine völliige wußt war. Ein solches Bewußtsein schlösse auch die
Versteifung des unt·eren Sprunggelenkes bei ausreichen- Vorstellung des Täters in sich, daß die mögliche Gefahr
der Bewegung im oberen Sprunggelenk eingetreten. vermieden werden könne. Dann wäre aber sein Tun
Es besteht eine erhebliche Fußdeformität, vorw,iegend in bezug auf den Eintritt der Gefahr kein gewolltes,
i. S. eines traumanischen Plattfußes und ·einer Verbrei- sondern nur ein fahrlässiges. Das Verbrechen nach
terung der Ferse mit Andeutung einer Hammerzehe. § 87 StG. verlangt jedoch vorsätzliche Gefährdung;
Der Kläger ist Schmiedemeister und Landmaschinen- der Täter muß den Eintritt der Gefahr geradezu wollen
händler; seine Berufstäügkeit ist mit langdauerndem oder zumindest in Kauf nehmen, d. h. sich des Delikts-
Stehen und Gehen, oft auoh in unebenem Gelände, erfolges, nämlich der konkreten Gefahrenlage als einer
verbunden, sodaß der Kläger .durch die beschriebenen möglichen Folge seines Verhaltens, bewußt sein und
Dauerfolg.en des Unfalls behiindert rist; die Vorinstanz.en trotz diesem Bewußtsein die betreffende Handlung auf
haben, dem Gutachten des ärzt:l1iohen Sachv.erständigen die Gefahr hin unternommen haben, daß der mögliche
folg,end, seine Arbeitsbehiinderung mit etwa 20 bis 250/o Erfolg, das ist die konkrete Gefahrenlage, auch wirklich
angenommen; die Untengeric:hte ,ha!ben auoh angenom- eintrete!
men, daß der Kläger :gegenüber nioht vers.ehrten He- In diesem Sinne hat das Erstgericht zufolge seiner
rufskollegen einen erhöhten AufwaJnd an Enengie und Urteilsbegründung angenommen, daß es den beiden
Zeit 1erbr1ingen und auftnetende Schmerz·en überwinden Angeklagten nicht nur darum zu tun war, sich einen
müsse, um di1e unfallsbedingten >gesundheitlichen Nach- Scherz mit ihren Freunden zu leisten, sondern daß sie
teile zu überwinden. Demnach kann dem R 1evisions- auch die Möglichkeit ihrer Gefährdung bzw. der
g1e gn e·r .nicht beigepflioht1et werden, wenn er das anderer Straßenbenützer vorausgesehen und bei der
Rentenbegehren des Klä.gers schon aus grundsätzlichen Tat in ihrem Vorsatz aufgenommen haben. Das Erst-
Erwägungen bekämpft. Vielmehr 'entspricht die Be~ gericht ist bei dieser Annahme von folgenden Feststel-
urteifong der Vorinstanzen, die Voraussetzungen für lungen ausgegangen:
d~e Gewährung :einer ·abstrakten Rente an den Kläg·er a) Beide Angeklagten haben gegen Mitternacht des
seien im Pr.inzip zu beja1hen, der ständiig.en Pra:xiis des 13. Dez. 1962 auf der Bundesstraße 40 außerhalb der
Revisionsg1ericht·es, an der auch vorliegendenfalls fest- Ortschaft P. in einer unbeleuchteten Linkskurve knapp
gehalten wird. Die Festsetzung der Rentenhöhe ist aber vor einem Bahnviadukt ein nahezu 2 m langes und
Ermessenssache und di e Ausfü.hrung.en des R 1evisions-
1
5 cm dickes Gefahrenzeichen über die rechte Fahrbahn
werbers si1nd nicht geeignet, einen Re oh tJsirrtum der gelegt, weiters in der Ortschaft L. ebenfalls in einem
Berufungsinstanz in di1eser Hinsicht überzeugend dar- kurvenreichen, jedoch beleuchteten Straßenstück die
zutun. Die Berechnung der ersten Instanz - im Erst- linke Fahrbahn mit einem gleichartigen Warnungs-
urteil waren rund 20°/o des derz,eitirgen Durchschnitts- zeichen versperrt und schließlich nach der letztgenann-
einkommens des Kläg.ers von S 2200.- bis S 2400.- ten Ortschaft an einer unbeleuchteten Stelle mehrere
monatlich 1als angemess1en bezeichnet worden - hat das 50 cm hohe Strohballen über die gesamte Fahrbahn-
Berufongsigericht mit R 1echt abgelehnt, weil schon ein breite geschichtet. .
weit geringerer Betrag 1in Anbetraoht des Alters des b) Diese drei Hindernisse waren nur sehr schlecht
Klägers und seiner Berufsaussichten ausreicht, die oben und zum Teil auf kürzeste Distanz erkennbar. Ein
bezeichnete Behinderung des Klägers auszugleichen. überfahren der Strohballen war überhaupt
Wird aber der Rentenbemessung seitens der Herufungs- überfahren der Warnungszeichen allenfalls mit
instanz be1gepflichtet, ··dann muß die Klagsabweisung Verklemmen der Holzbalken oder mit einem Ver-
i n diesem Punkte bestätigt werden. Es ist doch unbe-
1
reißen der Lenkung verbunden, sodaß eine
stritten; daß dem K:läger eiine Rente von S 150.- Gefährdung der Verkehrsteilnehmer gegeben gewesen
monatlich seitens des oben gienannten Sozialversiche- ist, weil diese mit solchen Hindernissen nicht rechnen
rungsträg.ers .gebührt; zufolge der in § 332 ASVG. nor- konnten, und zu einem unvermuteten, plötzlichen An-
mierten Legalzession ist der Kläger gegenüber dem halten auf der mit einer Schneeschichte von 2 cm be-
Schädig1er insoweit nioht fordemngsber.eohtigt. deckten und daher glatten Fahrbahn gezwungen ge-
Aus diesen Erwägungen war der Rev·ision rein Erfolg wesen wären.
zu versaigen. c) Den beiden Angeklagten war die
bekannt, weil sie kurz vor ihren Tathandlungen bei
10. - § 87 StG. einem Anhalten mit ihrem PKW. ins Rutschen "' 0 '„~"""
men waren.
Ein mit den Gefahren der Straße vertrauter Kraftfahrer, Zufolge dieser Urteilsfeststellungen hat das Erst-
der bei Schneeglätte an unübersichtlichen Straßenstellen gericht die Verantwortung der beiden an
2 m lange und 5 cm dicke Gefahrenzeichen, bzw. 50 cm die Möglichkeit einer solchen Gefährdung ge-

Das könnte Ihnen auch gefallen