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YVONNE CHADDÉ

MERSEDEUTSCH-LETTISCHE BEZIEHUNGEN
2/3 KULTUREN VERMITTELN

I.
Kulturen vermitteln lassen sich nicht nur auf der Ebene der kulturellen Produkte in
Architektur, Kunst, Musik, Literatur und anderen Sparten oder der gängigen Diskurse,
bestimmtes Wissen zu verbreiten, sie sind ebenso stark an die vermittelnde Tätigkeit von
Personen gebunden – sei diese nun motiviert oder Ergebnis eines tätigen Lebens.
Vorbedingung für kulturellen Austausch sind Strukturen, die diesen ermöglichen:
Handel(swege) und Märkte, Zölle, Einreisebestimmungen, Arbeitserlaubnis, kurzum
staatliche oder gesellschaftliche Regelwerke. Diese wiederum basieren auf dem Interesse der
zueinander in Beziehung stehenden „Partner“ aneinander und einer Kenntnis voneinander,
das sich am jeweiligen Interesse orientiert.

Im Falle der lettisch-deutschen Beziehungen waren die diese historisch lange klar geregelt:
man konnte eher von deutschen Beziehungen zwischen verschiedenen Regionen sprechen
und falls das im Angesicht des verhältnismäßig späten Erfolgs der nationalen Idee konstruiert
erscheint, von ständischen Interessen, weitesgehend wirtschaftlicher Natur.

In offiziellen Dokumenten über die kulturellen Beziehungen zwischen Lettland und


Deutschland werden die kulturellen Gemeinsamkeiten hervorgehoben bei gleichzeitiger
Bewerbung der lettischen Eigenständigkeiten.
Noch Anfang des 20. Jahrhunderts bemühten sich lettische Historiker und Ethnologen, die
beinah 800 Jahre dauernde Vorherrschaft deutsch geprägter Kultur als grobe Zäsur in der
lettischen Kulturentwicklung festzuschreiben und damit die bäuerlich ländliche Folklore als
ursprünglichstes Zeugnis vergangener kultureller Hochzeiten zu stilisieren.
Historisch liegt der Grund dafür in der fehlenden Schrift- beziehungsweise bürgerlichen
Hochkultur der Letten, die sich erst mit der nationalen Bewegung der Jungletten Mitte des
19. Jahrhunderts entwickelte, etablierte und zur Errichtung eines lettischen Staates im
November 1918 beitrug. Die deutsche Geschichtsschreibung hatte die „Kolonisierung“ des
Ostens, seine Unterwerfung unter den christlichen Glauben und seine wirtschaftliche
Entwicklung, die sich vornehmlich in hanseatischen Städten und auf Großgrundbesitzen
vollzog, als Kultur generierend, kultivierend, das heißt die Barbarei beendend dargestellt.

Lettland besteht heute aus den historischen und kulturellen Gebieten Vidzeme, Kurzeme,
Zemgale und Latgale auf einer Gesamtfläche von 64589 Quadratkilometern und grenzt im
Norden gegen Estland, im Osten gegen Weißrussland und Russland, im Süden gegen Litauen
und wird im Westen von der Ostsee eingegrenzt. Am 18. November 1918 ruft es seine
Unabhängigkeit als Republik Lettland aus und wird zwei Jahre später– als Nationalstaat –
durch den Völkerbund anerkannt. Bis 1934 herrscht eine parlamentarische Demokratie,
welche durch die Autokratie K. Ulmanis’, Präsident der Bauernpartei abgelöst wird.
Im Zusatzprotokoll zum Hitler-Stalin-Pakt wird Osteuropa unter Deutschland und der
Sowjetunion aufgeteilt, Lettland fällt an die Sowjetunion und wird ein Jahr darauf besetzt.
Zwischen 1941 und 1944 okkupiert das Naziregime das Gebiet Lettlands unter den Plänen
der Osterweiterung. 1944 folgt die erneute Besetzung Lettlands durch die Sowjetunion und
seine Einverleibung in die Räterepublik. Es folgen Zwangskollektivierungen der
Landwirtschaft, einhergehend mit Massendeportationen, wie bereits 1941 und
Industrialisierung, verbunden mit der Ansiedlung von Arbeitskräften aus allen Teilen der

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UdSSR. Seit Mitte der 1980er Jahren entwickeln die Umweltschutz- und Folklorebewegung
Mobilisierungskräfte, die in die so genannte Singende Revolution münden.
Die Unabhängigkeit der lettischen Republik wird 1990 proklamiert, die Staatlichkeit kann im
August 1991 wieder hergestellt werden. Teile der Verfassung von 1922 treten wieder in
Kraft. Die Republik Lettland ist Mitglied internationaler Organisationen und wurde 2004 in
die europäische Union aufgenommen.

Die quasi brüderliche Verbindung Lettlands zu Deutschland mag sich nun aus der zeitlich
näher liegenden Besetzung durch Sowjetrussland entwickelt haben. Nach der planmäßigen
Durchführung der Modernisierung des Landes und seiner völligen Umstrukturierung gemäß
des Homo Sovieticus bestand schon psychologisch für die „wiedererrichtete“ lettische
Republik die Notwendigkeit, an die Zeit vor 1940 anzuknüpfen. Lettland lebt in seiner
Selbstdarstellung von der Idee, durch Fremdeinflüsse gewachsen oder bereichert aber nicht
im Grunde verändert/ verfremdet worden zu sein. Deshalb werden anhand bestimmter
items oder Diskurse Kontinuitäten, die konstitutiv für die lettische Kultur seien, betont.
Schlägt das Volkslied lettischer Prägung alle Bevölkerungsteile der „ersten“ lettischen
Republik vereinend, eine Brücke zur unbeschwerten freien vorgeschichtlichen Zeit, so kann
es wieder die lettische kulturelle und staatliche Souveränität in der „singenden Revolution“
mit der Befreiung von der Diktatur verknüpfen.
Das lettische kulturelle Erbe, jene Substanz, die durch die Modernisierungswelle der
Sowjetrepublik als Ausdruck bürgerlicher Herrschaft angegriffen wurde, beispielsweise
Einzelbauernhöfe oder Gründerzeitbauten, tragen das Zeugnis deutscher kultureller
Hegemonie und innerhalb dieser Strukturen sich entwickelten lettischen Bürgertums und
galten nun als bewahrenswert.
Der Fokus hat sich mit der wirtschaftlichen Blüte Lettlands verschoben: wurden während
der Fremdherrschaft bestimmte items als Manifestationen jener Herrschaft wahrgenommen,
konnte nun in der „Freiheit“ ihr kultureller „Wert“ neu eingeschätzt werden. Was gab es
beispielsweise in Riga an Bausubstanz, die nicht von Letten gebaut, aber dennoch etwas
Eigentümliches, Besonderes hatten?
Mit einem definierten Kern, was lettische Kultur sei (am Beispiel des Volkslieddiskurses),
erfolgte die Integration oder lettische Einfärbung kultureller Leistungen außerhalb dieses
Kerns. Die Sicherheit der Identität garantierte das Paradigma kultureller Vielfalt.
Unter diesem Motto stehen die akuten kulturellen lettisch-deutschen Beziehungen.

II.
"O!Vacija", der „deutsche Kulturmonat“1 stellt eine Schau derzeitigen und traditionellen
deutschen Kulturschaffens in Lettland (enger Riga) dar - alle Sparten schicken Vertreter.
„In der Zeit des Deutschen Kulturmonats treten in Lettland die Berliner Philharmoniker auf,
und eines der zentralen Ereignisse im Bereich Kunst wird nach Meinung des Botschafters die
Ausstellung über deutsche expressionistische Graphik im lettischen Nationalen
Kunstmuseum werden.
Die zeitgenössische deutsche Kunst wird durch Multimediakunst und professionelle
Fotographie vertreten sein; der Musikbereich durch den berühmten Cellisten baltischer
Abstammung, David Geringas aus Hamburg, sowie den in München lebenden Pianisten
Aljoscha Zimmermann, der Vorführungen von Ernst-Lubitsch-Filmen am Klavier begleiten
wird, informierte Schuppius weiter. (…)

1 http://www.kas.de/proj/home/home/39/1/index.html; Konrad Adenauer Stiftung Auslandsbüro Baltikum (Stand: 8.


Mai 2008)

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Eine große Expressionismus-Schau des Dortmunder Museums am Ostwall im Lettischen
Nationalen Kunstmuseum mit Druckgraphiken und Aquarellen bringt große Meister der
Klassischen Moderne (d. 20. Jahrhunderts) wie Kirchner, Macke, Kokoschka und Beckmann
nach Riga. Die Berlin-Ausstellung im Goethe-Institut zeigt neue Akzente der Fotokunst des
21. Jahrhunderts, über die auch die Chefkuratorin der letztjährigen „documenta XII“ Ruth
Noack reflektieren wird, so wie der geborene Rigenser und Stararchitekt Mainhard v.
Gerkan2, der über seine Vision vom Bauen spricht.“3

Als Teilnehmer der „Essentia Baltica 2008 – das deutsch-baltische Kulturjahr“4 anlässlich des
90. Jahrestages der Staatsgründungen der baltischen Länder stellt sich Lettland dieses Jahr
durch verschiedene Veranstaltungen (Filme, Theater, Ausstellungen, Konzerte, Festlichkeiten
und Diverse, so der Webauftritt) in Deutschland vor. Als Veranstaltungsorte dominieren,
sofern nicht in thematische Festivals einbezogen, Berlin, als Sitz der lettischen Botschaft,
Hamburg und diverse andere norddeutsche (Hanse)städte und Nordrhein-Westfalen, durch
seine lokale Nähe zur lettischen Community, die sich aus den displaced-persons camps
entstand.

III.
Eine kulturelle Verbindung zu Sachsen-Anhalt/ Sachsen/ Thüringen, speziell den Raum
Merseburg besteht eher in historischer Perspektive.

Diese lässt sich anhand drei Kategorien systematisieren:


Institutionen, items, Personen

Zu der ersten Rubrik zählen Hanse und Deutscher Orden und der Protestantismus:

Die Hanse bezeichnete eine Ost-West-Handelsverbindung über die Ostsee und gliederte
sich in Kaufmannshanse und Städtehanse. Riga erhielt 1201 Lübisches Recht und wird freie
Stadt. Die große und kleine Gilde waren in Riga ansässig.
Merseburg trat 1426 der Hanse bei.

Der Deutsche Orden, der Orden der Brüder vom Deutschen Haus St. Mariens in Jerusalem,
war das einzige nicht-städtische Mitglied der Hanse und verschrieb sich der gewaltvollen
Missionierung des Ostens. Um 1200 ließ er sich durch das Spital St. Kunigunen in Halle/ Saale
nieder und eroberte von dort aus das Baltikum.
Dem Orden wurde durch eine päpstliche Bulle Souveränität zugesichert.
Er vereinigt sich 1237 mit dem Schwertbrüderorden und organisiert sich später in
Ritterschaften.
Militärische Kämpfe zur Unterwerfung und Bekehrung durch den deutschen Ordens bis
Ende des 16. Jahrhunderts errichten ein hegemoniales System der Fron- und Arbeitspacht,
welches lettische und estnische Gesindewirte in die vollständige Abhängigkeit Adliger bringt,
welche aus Westfalen und Niedersachsen zugewandert und in Herrschaftsverbänden, später
Ritterschaften, organisiert sind. Die Struktur der Selbstverwaltung der deutschen
Oberschicht funktioniert bis Anfang des 20. Jahrhunderts.

2 Meinhard von Gerkan, 1935 Riga, entwarf den Berliner Hauptbahnhof und den Christus Pavillon in Volkenroda
3 http://www.culture.lv/de/actualities/737/, Das lettische Kulturportal (Stand: 8. Mai 2008)
4 http://www.essentia-baltica.de/ (Stand: 8. Mai 2008)

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Der Protestantismus wurde durch Luthers Gesandten 1522 in Riga populär. Jener blieb als
Pastor bis 1539 dort. In der Rigenser Petrikirche kam es zu einem Disput, der die
Bevölkerung auf Seiten der Lutheraner schlug, denn der Protestantismus galt als
Gegengewicht zum Schwertritterorden, das heißt gegen die katholische Oberschicht.
Im Zuge der Volksbildung entwickelte sich eine lettische Schriftkultur, da die Bibel und der
Katechismus in Muttersprache gelesen werden sollten: 1689 übersetzte Ernst Gluck
erstmals die Bibel.
Die Eroberung des lettischen Gebietes 1629 durch Gustav Adolf von Schweden, der in der
in Schlacht bei Lünen fiel, sicherte die Religionsfreiheit.

Ebenso, wie die Bewegung durch Einzelpersonen, die aus Mitteldeutschland das Baltikum
bereisten, ein Profil erlangte, ist auch der Erfolg der Herrenhuter Brüdergemeinde an ihren
Begründer Nikolaus Graf von Zinzendorf , der 1700 in Dresden geboren wurde, gebunden
und stellt eine Überschneidung der oben genannten Einordnung dar. Zum einen hat/ hatte
die Herrenhuter Brüdergemeinde ihren Hauptsitz in Herrenhut/ Oberlausitz, zum anderen
wurden die reformistische und pietistische Impulse der Bewegung durch das Studium bei
August Hermann Francke im Pädagogikum der Franckeschen Stiftung Halle angeregt.
Die Herrenhuter Brüdergemeinde hatte seit Mitte des 18. Jahrhunderts besonders im Gebiet
Vidzeme verstärkt Zulauf. Die Brüdergemeinde hielt ihre Gottesdienste in lettischer Sprache
ab und nahm sich der Lage der leibeigenen Bauern an. Der Erfolg der Herrenhuter
Brüdergemeinde in Vidzeme erstreckte sich unter Anderem auf die Übernahme geistlicher
Lieder im Alltagsgebrauch.

In die zweite Kategorie fällt die Statue des Roland. Diese steht in Bezug zur Hanse, denn sie
symbolisiert die Stadtrechte (Marktrecht/Gerichtsbarkeit).
Riga ziert eine Rolandstatue; auffällig oft sind sie in Sachsen-Anhalt.
„Allein 13 der bekannten Statuen befinden sich in Sachsen-Anhalt, was eine deutliche
Konzentration im östlichen und westlichen Raum der mittleren Elbe zeigt. Dies entspricht
dem östlichen und nördlichen Grenzbereich des Frankenreiches um 800 und deutet die
Verbindung zu Karl dem Großen an.“5

Die Feier des Johannesfestes, ein lettischer Brauch, ist ein weiteres item, das seine
Ausprägungen in der mitteldeutschen Region findet. In Merseburg geschieht das systematisch
als Feier des Namenstages der Johannes-Schule am 24. Juni.

Ein weiteres item, dass Merseburg mit Lettland verbindet, ist ein chemisches
Syntheseverfahren und Düngemittelforschung, welche durch Wilhelm Ostwald, der
1853 in Riga geboren wurde und 1932 in Leipzig verstarb und eine interkulturelle
Persönlichkeit war, erfunden wurde. Jener studierte an der Polytechnischen Hochschule Riga
und in Leipzig und verbrachte seinen Lebensabend in Großbothen
„Der herausragende, in Riga geborene Chemiker Wilhelm Ostwald, Professor am Riga
Polytechnikum und der Leipziger Universität, arbeitete ab 1875 intensiv an der Analyse von
katalytischen chemischen Prozessen und entdeckte die grundlegenden Gesetze der
homogenen Katalyse von Säuren und Basen, ohne welche die moderne chemische Industrie
undenkbar wäre. Die von Oswald erfundene Methode zur Herstellung von Salpetersäure
(Ostwald-Prozess), wurde zum ersten Mal während des ersten Weltkrieges zur Herstellung

5 http://de.wikipedia.org/wiki/Roland_%28Statue%29 (Stand: 15. Mai 2008)

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von Sprengstoffen verwendet. Außerdem leistete er einen großen Beitrag zur Produktion
von Chemikalien, welche die landwirtschaftliche Produktivität steigern.“6

Neben der Chemie, taten sich auch auf anderen Gebieten Persönlichkeiten hervor, die die
lettisch-(mittel-)deutsche Beziehungen mitformten.

„Viele deutsche Wissenschaftler, Künstler und Gesellschaftsvertreter haben ihre Namen und
Werke in der Geschichte unserer Hauptstadt hinterlassen, wie z.B. der Komponist Richard
Wagner, Schriftsteller Werner Bergengrün, der bekannte Nobelpreisträger der Chemie
Wilhelm Ostwald, Johann Gottfried Herder, sowie auch viele deutsche Architekten, die den
Jugendstil unserer Hauptstadt geprägt haben.“7

Garlieb Helwig Merkel 1769 in Livland als Sohn eines Landpastors geboren und 1850 in Riga
verstorben, studierte in Leipzig und Jena und lebte in Weimar. Merkels „Die Letten am Ende
des philosophischen Jahrhunderts“ wird 1796 in Leipzig verlegt. Er stellte die Letten als
historisch entstandene Gemeinschaft dar, die zwanghaft in einen Stand gedrängt wurde.
Er setzte - entgegen das weit verbreitete Geschichtskonzept der Deutschen, welche die
These von der kulturellen Missionierung der indigenen Bevölkerung durch die Kreuzritter
vertraten - seine Geschichtsschreibung mit Darstellungen des Lebens vor der Zeit der
deutschen Eroberung im 13. Jahrhundert an, indem er sich auf ethnographische und
folkloristische Studien stützte, die er angefertigt hatte.

Das allgemeine Interesse an der Volkskultur wird durch J. G. Herder Ende des 18.
Jahrhunderts eingeleitet, der in der Volkskultur den Ausdruck eines genuinen schöpferischen
Potentials vermutete. Herder wurde im Herbst 1764 als Aushilfslehrer an die Domschule
nach Riga berufen und behielt diese Stellung für fünf Jahre. 1776 wurde er
Generalsuperintendent in Weimar. Er stellte als Erster die Qualität der lettischen
Volkskultur heraus und sicherte sozusagen dem lettischen Volk ein Existenzrecht als Nation
zu. Damit konnte im 19. Jahrhundert eine Brücke geschlagen werden, die lettische mündlich
tradierte Volkskultur in die Schriftkultur aufzunehmen und die ländliche Bevölkerung an die
moderne städtische Kultur zu binden und die kulturelle Autonomie anzustreben.
Die orale Kulturform wurde in der Romantik als Symbol einer eigenständigen lettischen
Kulturform gegenüber der deutsch geprägten Schriftkultur betrachtet.

Zu nennen sind in diesem Zusammenhang ebenfalls die Deutschbalten August Johann


Gottfried Bielenstein, der in Jelgava lebte und starb, aber in Halle studierte.
Als Volkskundler, Sprachwissenschaftler und Ehrenpräsident der Lettisch-Literärischen
Gesellschaft trug er zur Erforschung der lettischen Sprachkultur bei.
Auch Johann Christoph Brotze, ein Görlitzer studierte in Leipzig und Wittenberg und lebte
ab 1768 in Riga. Als Volkskundler verfasste er die „Sammlung verschiedener livländischer
Monumente“.

Jene transformierten durch oder in den lettischen Kontext die Idee der Aufklärung.
Auf dem Gebiet der Musik ist Heinrich Andreas Cantius, Barnim Grüneberg und Richard
Wagner zu nennen.
Geboren 1708 in Halle avancierte Cantius zum bedeutendsten Orgelbauer des Baltikums.

6 http://www.li.lv (Stand: 15. Mai 2008)


7 Dr. MārtiĦš Virsis, Botschafter der Republik Lettland¸ http://www.essentia-baltica.de/ (Stand: 8. Mai 2008)

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Er betreute die Orgel im Merseburger Dom und betrieb eine Werkstatt in Altenburg bei
Merseburg, bis er 1761 nach Valmiera zog, um dort zu arbeiten.

Der Stettiner Orgelbauer Barnim Grüneberg erbaute die größte mechanische Orgel seiner
Zeit in der Dreifaltigkeitskirche der lettischen Küstenstadt Liepaja. Auch Magdeburg besitzt
eine Grünebergorgel.

Richard Wagner, verheiratet mit der Tochter von Franz Liszt, welcher sich von der
Merseburger Orgel inspirieren ließ8, war musikalischer Leiter von Bad Lauchstädt und
Magdeburg und in den Jahren 1837 – 1839 Leiter des Rigaer Theaters.

Die Geschichte der Deutschbalten erfuhr eine jähe Zäsur durch das Zusatzprotokoll des
deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes 1939 und kann unter „Heim ins Reich“
zusammengefasst werden. Die Umsiedlung in die Region Posen und nach Westpreußen
erfolgte9.
Die Geschichte von Letten oder Deutschbalten im deutschen Exil spare ich aus, weil sich
diese vermehrt in Nordrheinwestfalen und allgemein Westdeutschland durch die Displaced-
Persons Lager vollzog und dabei schwierig zu recherchieren ist. Über das Schicksal von
beispielsweise Vaira Viėe-Freiberga, Janis JaunsudrabiĦš oder Māra Zālīte lässt sich in
Biografien und Autobiografien nachlesen.
Zur Besetzung Lettlands 1940, zu den Letten in der deutschen Wehrmacht und zum
Völkermord an den Juden Europas, der in Lettland ausgeübt wurde und über die Ermordung
anderer Bevölkerungsgruppen durch das nationalsozialistische Regime möchte ich auf die
Informationen des Okkupationsmuseums verweisen.10

8 so wikipedia
9 vergleiche Wikipedia, Stichwort Deutsch-Balten
10 http://www.occupationmuseum.lv/eng/services/petnieciba.html (Stand: 16. Mai 2007)

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