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Medizin an Bord

Die Seekrankheit
Von Dr. Frank Praetorius Teil 1. Über Sinneskonflikte und Sinnestäuschungen auf hoher See Für uns Segler ist die Seekrankheit eines der wichtigsten Themen. Kein Wunder, denn Übelkeit medizinisch „Nausea“, vom griechischen Wort „Naus“ für Schiff - lässt keine Lebensfreude aufkommen und vertreibt manchem Segler Freude und Spaß an seinem Sport. Noch gravierender ist die Tatsache, dass bei Seekrankheit die Sicherheit auf See massiv eingeschränkt werden kann – und leider ebenso durch vorbeugend eingenommene Medikamente. Schon mal seekrank gewesen? Fast keiner mag es zugeben, und manche weisen weit von sich, dass es auch sie schon einmal erwischt hat. Gut, es gibt sie, die angeborene Gnade eines wenig empfindlichen Gleichgewichtsystems, das jedem Seegang standhält. Aber Vorsicht: Den seiner selbst so sicheren Autor („… niemals seekrank, … nie Medikamente“) erwischte es nach beschwerdefreien Jahrzehnten gleich zweimal, obwohl eigentlich ab dem 50. Lebensjahr das Risiko geringer werden soll. Das erste Mal passierte es während der nächtlichen Ausfahrt zur Atlantiküberquerung aus St. George’s(Bermuda), nach einer gerade an Land überstandenen Magen-Darm-Grippe, bei nur 6 bis 7 Beaufort. Ein paar Stunden später war alles o.k., und die folgenden Stürme des nördlichen Atlantik blieben ohne Folgen. Drei Jahre danach vor Kap Hoorn: Bei 9 Beaufort und zunehmendem Seegang „über“ der ortsüblich sehr starken Dünung dauerte es ebenfalls nur ein paar Stunden, bis die Übelkeit aufhörte (ohne Medikamente). Das war wichtig, denn sechs von neun Mitgliedern der Crew blieben handlungsunfähig in der Koje – schwer seekrank oder von Scopolaminpflastern und anderen Medikamenten bedröhnt. Offensichtlich ist diese „Krankheit“ nicht auszurechnen. Oder vielleicht doch - weiß die Wissenschaft mehr? Diese erlebte einen Aufschwung durch den zweiten Weltkrieg, als es bei den Truppenbewegungen im Atlantik und Pazifik durch Seekrankheit zur massenhaften Kampfunfähigkeit kam. Seit etwa 1960 wird die Kinetose-Forschung durch die Raumfahrt vorangetrieben. „Kinetose“ das Fachwort kommt aus dem Griechischen und heißt wörtlich Bewegungskrankheit. Um eine solche handelt es sich bei der Raum- und Reisekrankheit ebenso wie bei der Seekrankheit. Laurence Young und Chuck Oman, leitende Raumfahrtforscher am hoch angesehenen „ManVehicle-Laboratory“ des Massachusetts Institute of Technology (MIT) bestätigten mir vor kurzem, dass immer noch kein Wundermittel („magic bullett for seasickness“) in Aussicht steht. In schlimmen Fällen erhalten die Astronauten eine Injektion mit Promethazin (Atosil ®), sonst nichts vorher oder nachher - kein Thema für eine Segelyacht. Seeleute sind einer auch wissenschaftlich heiklen Kinetose ausgesetzt, weil die Bewegungen der See weniger kalkulierbar und oft auch gröber sind als Startbeschleunigung und anschließende Schwerelosigkeit, welche bei Astronauten die „space motion sickness“, die Raumkrankheit verursachen. Dennoch können wir aus der Raumfahrtforschung sehr viel zum Verständnis der Seekrankheit lernen: Zumindest die Prinzipien der Vorbeugung und des Verhaltens an Bord verstehen wir heute theoretisch besser. Auch wenn die Wissenschaft nach wie vor nicht zu einer allgemein akzeptierten Therapie geführt hat, nützt es wenig, sich auf „Geheimtipps“ und andere Patentlösungen einzulassen. Derartige Empfehlungen beruhen meist auf individuellen Erfahrungen, Wissenschaft bleibt Fehlanzeige, und bei näherem Hinsehen entdeckt man regelmäßig große Widersprüche. Wer wenigsten den Durchblick haben will, dem bleibt nur der Versuch, mit viel Aufwand ein möglichst weitgehendes Verständnis der den „Kinetosen“ zugrunde liegenden komplizierten Vorgänge zu erwerben – soweit sie heute geklärt sind. Diesen steinigen Weg möchte der Text dem Leser zumuten. 1. Wie funktioniert das Gleichgewichtssystem? Einige Stichworte aus dem persönlichen Erleben sind vielleicht aufgefallen: Kap Hoorn, sehr starke Dünung, Grippe, nur 6-7 Beaufort, nächtliche Ausfahrt, Medikamente. Die hohe Dünung vor Kap Hoorn scheint als Auslöser akzeptabel zu sein. Dennoch: Warum tritt die Seekrankheit so unterschiedlich auf, mal mehr, mal weniger intensiv, und bei einigen Menschen vielleicht gar nicht? Die Erfahrung lehrt, dass vieles von der persönlichen Situation im Augenblick der Belastung unserer Gleichgewichtsorgane abhängt: Ob wir am

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Kartentisch arbeiten oder uns im Cockpit auf die Fahrt konzentrieren. Ob wir uns gesund fühlen und seelisch stabil sind oder nicht – siehe die Grippe des Autors oder die halbbewusste Angst vor der großen Überfahrt (bei einem zweiten Besuch am Kap passierte nichts). Bei anderen trifft dieselbe Belastung durch groben Seegang im einen Jahr auf eine gute private Verfassung, während sich vor dem nächsten Törn zu Hause vieles geändert haben kann: Der Seekranke war schon vor der Reise nicht mehr „im Gleichgewicht“, und wer weiß, was ihn schwindlig gemacht, ihm gar „den Magen umgedreht“ hat …. Natürlich sind das erstmal nur Wortspiele, die uns die Zusammenhänge nicht erklären. Aber sie zeigen, dass unser Alltagsgefühl von Sicherheit oder ihrem Gegenteil viel mit unserem Gleichgewichtssystem zu tun hat. Es ist ein uraltes System, das schon vor hundert Millionen Jahren bei einigen Fischarten in der heutigen Form vorhanden war. Wie sieht es aus? In Bild 1 erkennt man das in Wirklichkeit nur erbsgroße rechtsseitige Gleichgewichtsorgan und seine Lage im Kopf. Zusammen mit dem Gehörssinn bildet es das „Labyrinth“ des Innenohrs. Es besteht aus zwei Teilsystemen, den drei senkrecht zueinander stehenden Bogengängen und dem Vorhof mit Utriculus und Sacculus. Man kann sich aus der Abbildung leicht vorstellen, dass die Bogengänge für die Registrierung von
Bild 1. Rechtsseitiges Gleichgewichtsorgan und seine Lage im Kopf (nach M. Hardy 1934). Linke Bildseite (Drehsinnesorgane): vorderer (Sup.), seitlicher (Lat.) und hinterer (Post.) Bogengang. An der Bogengangsbasis kolbenartige Verdickungen, die Ampullen; siehe dazu Bild 2. Mitte (Schweresinnesorgan): Der „Vorhof“ mit Utriculus (Utr.) und Sacculus. Rechte Bildseite: unten die Schnecke (Cochlea) des Gehörorgans, darüber der Gleichgewichtsnerv (N. vest.)so wie Gehörnerv (N. cochl.) und Gesichtsnerv (N. fac.).

Drehbewegungen des Kopfes in drei Ebenen gebaut sind: Sie funktionieren als „Drehsinnesorgan“. Jeder Bogengang ist am Ende zu einer Ampulle erweitert, in der sich die Sinneszellen befinden. Das Gehirn vergleicht die Reize aus den sechs Bogengängen beider Seiten und kann so die Richtung einer Kopfbewegung “errechnen”. Wer genauer wissen möchte, welche Kopfbewegungen die Seekrankheit fördern, kann sich die Zuständigkeit der Bogengänge sozusagen „vor Augen führen“: Betrachtet man eine Handfläche vor den Augen und „dreht“ die Hand zugleich mit dem Kopf daumen- oder kleinfingerwärts, so bewegt man sich in der Ebene des vorderen Bogengangs. Schaut man auf die Daumenkante und bewegt dann die Handkante nach unten oder kopfwärts – wieder zugleich mit dem Kopf -, dann ist der hintere Bogengang zuständig (es ist der Blick zum Kompass!). Die Funktion des dritten, des seitlichen Bogengangs sieht man beim Betrachten einer waagerecht und vom Körper weggehaltenen Hand, die nach rechts oder links gedreht wird. Den Erregungsvorgang in den Bogengängen betrachten wir in Bild 2: Man muss sich klarmachen, dass beim Kopfdrehen die Beschleunigung wahrgenommen wird und nicht die folgende neue Position des Kopfes. Denn schon nach einer viertel Minute Ruhe (in welcher Position auch immer) kehrt die „Kupula“ in den Ausgangszustand zurück; es werden keine Signale mehr an

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diese zu Meldungen an das Nervensystem veranlassen. In der Stammesgeschichte sind diese kleinen Sinnesorgane noch viel älter als die Bogengänge (die schon zu einer höheren Entwicklungsstufe gehören). Mit Hilfe der Schweresteine fanden sich primitive Tiere (zum Beispiel Quallen) im dreidimensionalen Raum zurecht. Sie lernten dabei sozusagen, den zweidimensionalen Meeresboden zu verlassen und frei zu schwimmen, ohne umzukippen. Diese Statolithen funktionieren ganz einfach: Sie folgen wie jeder Stein der Erdanziehung und verlagern sich dementsprechend bei jeder Stellungsänderung. Das kann eine lineare Bewegung unseres Körpers entlang den Achsen des Raumes sein also auch das Stampfen, Rollen und Gieren unseres Schiffes. Dabei verschieben die Steinchen die Sinneshaare und veranlassen so ein Signal der zugehörigen Nervenendigungen. Wenn wir aber hochspringen oder mit dem Flieger abheben, werden die Steinchen „schwerer“, und umgekehrt leichter wenn wir herunterspringen oder landen. Das Extrem davon ist neueren Datums und macht den Einfluss der Raumfahrt auf die Forschung verständlich: Kommen Astronauten in den Zustand der Schwerelosigkeit, dann „schweben“ auch die Schweresteinchen – und das Gefühl der Schwerelosigkeit wird für den Raumfahrer sehr konkret. Aber auch auf See gibt es etwas Vergleichbares: Jeder Fahrtensegler kennt das Gefühl, wenn sich das Schiff mit der Welle hebt und senkt. Aber anders als der Raumfahrer weiß er auch, dass „Auf und Nieder“ im Seegang keineswegs die einzige Bewegungsrichtung ist, sondern eben Stampfen, Gieren und Rollen hinzukommen. Unser „Schwerkraftorgan“ in Utrikulus und Sacculus ist also für vier Bewegungsarten zuständig. Der wohl wichtigste Wissenschaftsfortschritt in jüngster Zeit ist die klare Abgrenzung dieser von den Schiffsbewegungen abhängigen Vorgänge von den Drehbewegungen unseres Kopfes mit der Zuständigkeit der Bogengänge. Diese Erkenntnis wird unser Verhalten an Bord beeinflussen. 2. Wie entstehen Bewegungskrankheiten? Um die in unseren „persönlichen“ Stichworten skizzierten Einflüsse zu erklären, reicht die Kenntnis der Innenohrfunktion allerdings nicht aus. Eine Grippe wirkt sich eben nicht an den Statolithen oder Bogengängen aus; für seelische Einflüsse, Medikamente und vieles andere gilt das ebenso. Und die Kimm sehen wir ja mit dem Auge – wie

Bild 2. Bogengang mit Ampulle (aus Flugmedizin, Motorbuch Verlag, Stuttgart) 1 = Gleichgewichtsnerv; 2 = Ampulle (Verdickung) des Bogenganges; darin 3 = Kupula (mit Sinneshaaren) und 4 = Sinneszellen. Bei Kopfdrehung in der Ebene des Bogenganges kurzfristige Ablenkung der Kupula durch die Bogengangsflüssigkeit, die so genannte Endolymphe

das Nervensystem „gefeuert“. Dieser Punkt wird für unser Verhalten an Bord sehr wichtig sein. Für die Entstehung der Seekrankheit ist hingegen das andere Teilsystem entscheidend, die beiden Sinnesorgane des Vorhofs, der „Schweresinn“. Hier werden vom Körper keine Drehbeschleunigungen, sondern lineare Beschleunigungen in den drei Ebenen des Raumes sowie Veränderungen der Schwerkraft registriert. In ihren Funktionen können sich übrigens Bogengangs- und Vorhoforgane gegenseitig in keiner Weise ersetzen. Den Vorhof bilden zwei kleine, mit Flüssigkeit gefüllte Vorhofsäckchen namens „Sacculus“ und „Utrikulus“ (siehe Bild 1), in denen je ein Sinnesfeld (Makula) sitzt, die „Macula sacculi“ beziehungsweise „utriculi“. Bild 3 zeigt so ein kleines Wunderorgan stark vergrößert (es hat nur etwa 1 Millimeter Durchmesser). Man spricht heute von „Otolithenorganen“, da zu den Sinnesfeldern kleine Kalksteinchen gehören. „Otolithen“ heißt wörtlich Ohrsteinchen, ihre Aufgabe wird jedoch genauer durch das Wort „Statolithen“, das heißt Schweresteine bezeichnet. In Bild 3 sehen wir einen Haufen von winzigen Kalksteinen, die über den Sinneshärchen der Rezeptorzellen liegen und

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Bild 3. Statolithen (Schweresteine) und Sinnesfeld von Utriculus eziehungsweise Sacculus (aus Exempla otologica). (1) Statolithen (Kalzit-Kristalle) in einer gallertigen Membran (2). Darunter erkennt man die feinen Sinneshärchen (6) der Rezeptorzelle (3) und deren Verbindung mit den Nerven (7-10). Bei Schwerelosigkeit im Weltraum, aber auch beim Durchgang einer Welle unter der Yacht „schweben“ die Steinchen, beim Stampfen, Rollen und Gieren werden sie in die entsprechenden Richtungen gezogen. Beim aufrechten Gang liegen sie stabil auf.

aber hängt dieser wichtige Aspekt der Seekrankheit mit der Funktion des Gleichgewichtorgans im Innenohr zusammen? Im Grunde funktionieren Sinnesrezeptoren ähnlich wie Mikrophone: Sie registrieren Empfindungen und wandeln sie in elektrische Erregungen um, die über Nerven an ein Gehirnzentrum weitergeleitet werden. Diese Zentrale versucht ununterbrochen, an ihrem „Mischpult“ die Informationen aller „Mikrophone“ auf einen Nenner zu bringen. Bei Auge und Ohr sind die Verhältnisse relativ einfach: Die Sinnesreize - also Licht und Schall – verursachen eine Erregung, die über eine gut bekannte Nervenbahn zu dem zuständigen Zentrum unseres Großhirns geleitet wird. Vom Auge beispielsweise geht der Weg in das primäre Sehzentrum im Bereich des Hinterkopfes. Dort beginnt die Zusammensetzung eines Bildes „im Kopf“, das wir später beliebig oft ins Bewusstsein oder zum Wiedererkennen aufrufen können. Übrigens mit der Gefahr der Täuschung: Es kommt schon vor, dass wir uns etwas nur „ein-bilden“, dass wir Illusionen haben oder schlicht träumen. Auch beim Hören gibt es Täuschungen - und wie wir sehen werden - erst recht beim Gleichgewichtssinn. Die Schwierigkeit beim Gleichgewichtssinn besteht nun darin, dass wir kein ausschließlich für diese Aufgabe zuständiges Sinnesorgan haben wie
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Auge oder Ohr für das Sehen oder Hören, sondern dass drei wichtige Organ-Systeme zusammenwirken. Nummer eins ist das Gleichgewichtsorgan selbst – besser im Plural: Denn wenn wir nachrechnen – drei Bogengänge, Utriculus und Sacculus auf jeder Seite – kommen wir auf nicht weniger als zehn Sinnesorgane, gegenüber nur je zweien zum Hören und Sehen. Doch reicht das offenbar nicht aus, wie der Selbstversuch jedem von uns zeigt: Beim Balancieren auf einem Bein kommt man vielleicht ganz gut klar, aber beim Schließen der Augen geht sofort das Schwanken los, und wir müssen uns dringend festhalten – falls wir den einbeinigen Stand im Dunkeln nicht extra gründlich geübt haben (siehe Nummer drei). Nummer zwei des Gesamtsystems ist das Auge, dessen Wahrnehmungen am „Mischpult“ der Zentrale mit den Meldungen des Vestibularorgans in Übereinstimmung gebracht werden. Freilich klappt das auf See nicht so ganz, wie wir sehen werden. Und Nummer drei? Auf Anhieb ist dieses Sinnesorgan wenigen bekannt: Es handelt sich um die Wahrnehmung unserer Körperstellung durch Tausende von speziellen Nervenendigungen in unseren Muskeln, Sehnen und Gelenken. Ein Beispiel mag deren Wirkung verdeutlichen: Wir wissen auch bei geschlossenem Auge, in welcher
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Höhe und Haltung (zum Beispiel waagerecht) wir diese Zeitschrift halten, und wie viel sie etwa wiegt. Man nennt diese Art der Wahrnehmung die Propriozeption (übersetzt „Selbstwahrnehmung“), etwas vereinfacht „Stellungssinn“. Es ist ein Hochleistungsbereich, zu dem beispielsweise die Selbstkontrolle bei schwierigen Sportübungen, beim Spielen von Musikinstrumenten oder beim Tanzen gehört. Astronauten berichten bei Raumkrankheit von einem lindernden Effekt, wenn sie mit ihrem Körper Kontakt zu Teilen des Raumschiffs suchen. Und wir Seeleute fühlen uns auf schwankenden Booten schon viel sicherer, wenn wir die Beine fest anstemmen oder den Körper stabil in eine Ecke drücken. Umgekehrt fällt jedermann bei einer gewalttätigen Störung dieses Systems schlagartig zu Boden, wie es bei bestimmten Tritten und Schlägen der Kampfsportarten oder bei plötzlichen Nervenlähmungen vorkommt; aber auch wenn eine kleine Verletzung die normale stabile Haltung unterbricht - wie es der Autor bei einem Muskelriss während einer Gymnastik erlebte -, oder wenn ein sehr starker Schmerz zum plötzlichen Haltungsverlust führt, beispielsweise bei Hüftgelenkserkrankungen. Zählen wir noch einmal zusammen: Mit drei Hauptsystemen - Gleichgewichtsorgan, Augen und Propriozeption - betreibt die Natur einen bemerkenswerten Aufwand um unser Gleichgewicht. Diese Systeme sind durch viele Schaltstellen und Leitungen miteinander vernetzt, deren genaue Funktion die Wissenschaft erst zu verstehen beginnt. Es ist nicht schwer sich vorzustellen, dass ein so ausgewogenes Gesamtsystem (Netzwerk) „aus dem Gleichgewicht“ gerät, wenn die verschiedenen Teile widersprüchliche Meldungen machen. Wenn beispielsweise unter Deck das Auge etwas ganz anderes (nämlich „Ruhe“) meldet als das von den Schwankungen irritierte Gleichgewichtsorgan. Während man die Seekrankheit lange Zeit auf eine „Übererregbarkeit“ der Gleichgewichtssinne zurückführte, geht man heute von solchen Konflikten zwischen Sinnesmeldungen aus, nicht zuletzt weil die Behandlung der Übererregbarkeit durch beruhigende und dämpfende Mittel zu keiner Lösung geführt hat (im Pharmabereich ist das immer noch der bevorzugte Behandlungsansatz). Die heutige Wissenschaft arbeitet mit der „sensorischen Konflikttheorie“, die sich ungeachtet ihrer Kompliziertheit als fruchtbar für das Verständnis und die Behandlung erwiesen hat – auch wenn der Weisheit letzter Stein noch nicht gefunden ist.

3. Einteilung der sensorischen Konflikte Die „sensorische Konflikttheorie“ betrachtet nur Gleichgewichtssinn und Auge. Unsere obige „Nummer drei“, das System der Propriozeption (Selbstwahrnehmung, Stellungssinn) spielt als Auslöser der Seekrankheit keine Rolle und fehlt deshalb in Tabelle 1. Es ist jedoch besonders geeignet, bei der Überwindung der Seekrankheit zu helfen, Stichwort „Seebeine“ – aber darüber später. 3.1 Auge gegen Gleichgewichtssinn („visuell“ gegen „vestibulär“) Das bekannteste Beispiel für die Kategorie 1: Am Kartentisch arbeitet das Auge über einer unbewegten Karte und verkündet deshalb „Ruhe“, während der Gleichgewichtssinn schaukelnde Schiffsbewegungen feststellt. Dieser „Typ 3“ gilt genauso für den lesenden Beifahrer bei einer Serpentinenfahrt in den Alpen. Beim „Typ 1“ melden beide Sinne Bewegungen, die jedoch nicht übereinstimmen, wie etwa die Betrachtung der Wellenbewegungen vom schwankenden Schiff aus. Es kann auch vorkommen, dass das Auge Bewegung meldet, während das vestibuläre System Ruhe „verkündet“ – beispielsweise im Kino oder in einem Simulator (Typ 2). Lange hat man den Typ 1 des visuell-vestibulären Konflikts für den Kern der Seekrankheit gehalten, manchmal unterstützt durch Kartenarbeit unter Deck, also Typ 3. Beide tragen zur Seekrankheit bei, jedoch mehr verstärkend als verursachend. Durch den Vergleich mit der Raumkrankheit ist deutlich geworden, dass die folgende Kategorie von wesentlich größerer Bedeutung ist: 3.2 Drehsinn gegen Schweresinn (Bogengänge gegen Sacculus/Utrikulus) Die Kategorie 2 handelt von dem Konflikt innerhalb des Vestibularapparates, der heute als für die Seekrankheit entscheidend gilt. Die drei Bewegungsarten des Schiffes im Seegang - Stampfen, Rollen und Gieren - wirken, wie die Erfahrung zeigt, oft mehr oder weniger gleichzeitig und durcheinander, erst recht beim Auftreten von Kreuzseen. Jedenfalls bedarf es nicht vieler Fantasie, sich die Wahrnehmungskonflikte zwischen Bogengängen und Otolithen vorzustellen, und zwar in kürzester Zeit in allen denkbaren Richtungen. Der Konflikt zwischen beiden Systemen ist dann besonders groß, wenn von Seiten des

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Tabelle 1. Am Konflikt beteiligte Sinnesorgane (Kategorie 1 bis 2) und Konfliktarten (Typ 1 bis 3) Typ Arten des Konflikts (A und B siehe jeweils unter Kategorie 1 und 2) Kategorie 1: Auge (A) gegen Gleichgewichtssinn (B) Vorkommen in der Praxis 1 Beide Beteiligte (A und B) melden gegensinnige Bewegung. Betrachtung des Seegangs vom schaukelnden Schiff aus. Blick aus fahrendem Auto. Blick aus der Raumkapsel. Übelkeit im Kino, im Simulator. Arbeit am Kartentisch auf See. Lesen im fahrenden Auto. Kategorie 2: Drehsinn (A) gegen Schweresinn1 (B) Vorkommen in der Praxis Seekrankheit2 .

2

A meldet Bewegung, B meldet Ruhe

Raumkrankheit (Schwerelosigkeit).

3

A meldet Ruhe, B meldet Bewegung.

(bisher nur im Laborexperiment bekannt.)

Schema in Anlehnung an J.T. Reason (1975) und F. Schmäl (2000)
1
2

Sozusagen Gleichgewichtsorgane intern: Bogengänge gegen Sacculus/Utrikulus. Der Konflikt „Auge gegen Gleichgewichtssinn“ wirkt hier nicht ursächlich, sondern lediglich verstärkend.

Betroffenen Kopfbewegungen erfolgen, die zur Erregung der Bogengangs-Sinneszellen führen. Er wird geringer, wenn die Schweresteinchen beim Liegen in einer Mittschiffskoje nicht mehr so ausgeprägt in alle Richtungen „toben“ können (man stelle sich das Bild 3 entsprechend gekippt vor) und zugleich der Kopf in einer Kojenecke verkeilt liegt, um die Bogengänge vor Drehbeschleunigungen zu schützen. Glücklicherweise kommt es nur bei relativ wenigen Menschen zur schweren Seekrankheit. Nach wissenschaftlichen Untersuchungen rechnet man bei 75 Prozent der Menschen mit einer „normalen“ Anfälligkeit (seekrank also nur unter harten Bedingungen), etwa 10 Prozent sind stark anfällig und zirka 15 Prozent relativ unempfindlich. Es gibt Hinweise darauf, dass die Anfälligkeit vererbbar sein könnte, möglicherweise auf der Basis einer zwischen rechtem und linkem Otolithenorgan ungleich verteilten Otolithenmasse: Ein „Fehler“, der normalerweise vom Gehirn ausgeglichen wird, was bei der Belastung auf See dann nicht mehr so klappt. Das Durcheinander der Einflüsse unterscheidet ganz offensichtlich die Seefahrt von der Raumfahrt. Denn auch auf See entfällt das Problem

der Schwerelosigkeit keineswegs so ganz, wie wir am Verhalten der Schweresteinchen im Auf und Ab des stampfenden Schiffes gesehen haben. Eine vollständige und konstante Schwerelosigkeit mit „schwebenden Schweresteinchen“ wie im Raum gibt es jedoch nicht. Kein Wunder, dass die Erscheinungen der Raumkrankheit regelmäßig schwächer ausgeprägt sind als das Übel der Seeleute. Die Raumkrankheit entspricht dem so genannten Typ 2 dieser Konfliktkategorie: Bei gleichbleibender Schwerelosigkeit melden die Bogengänge Winkelbewegungen des Kopfes, während die Schweresteine und die Macula „Stillstand“ verkünden: Deshalb wird den Raumfahrern empfohlen, bis zur Anpassung nach etwa zwei bis drei Tagen Kopfbewegungen zu vermeiden. Mit Hilfe dieser relativ klaren Situation in der Raumfahrt haben wir verstanden, warum sich mittelalterliche Potentaten bei Schiffsreisen Beamte oder Sklaven als Kopfhalter hielten (zu nichts anderem!). Und wir lernen daraus, dass wir beim an sich ja empfehlenswerten Rudergehen nicht dauernd den Kopf zum Kompass und wieder zurück zur Kimm neigen sollten: Weil wir dabei die Sinneszellen der hinteren Bogengänge erregen.

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4. Die „Zentrale“ und der Einfluss der Psyche Bei medizinischen und psychologischen Experten beginnt die Darstellung an dieser Stelle oft erst richtig. Das wäre insofern berechtigt, als ja die vielen Meldungen der Sinnesorgane in den übergeordneten Schaltstellen unseres Gehirns ausgewertet und dort eigentlich erst „wirklich“ werden müssen. Manche Philosophen sind davon überzeugt, dass unser Gehirn wie ein Computer arbeitet. Das mag bewiesen oder widerlegt sein – in jedem Fall ist der Erklärungswert solcher Theorien für die konkrete Praxis gering, weil auch bei Computern das Gemeinsame ihre technischen Raffinessen, jedoch nicht ihre Inhalte sind. Fragt man genau, was in der Praxis geschieht und mit welchen messbaren Zeichen, dann enttäuscht die Wissenschaft heute leider noch sehr, trotz mancher viel versprechenden Ankündigung. Noch nicht einmal die Funktion des winzigen Gehirns von Insekten wird durchschaut - und niemand weiß bisher, was eigentlich im naturwissenschaftlichen Sinne unser Bewusstsein ist, und wo genau es seinen Sitz hat. So sind wir auch in unserem Verständnis der Steuerung des Gleichgewichtssystems durch die so genannten Vestibulariskerne, das Kleinhirn und das Großhirn noch ganz am Anfang. Wir wissen nur, dass nicht starre Reflexwege, sondern eine große Flexibilität und Plastizität das gesamte System kennzeichnen: Setzt man zum Beispiel im Experiment Umkehrbrillen auf, die alle Richtungen in ihr Gegenteil verkehren, dann dauert es nur etwa vierundzwanzig Stunden, bis die Testpersonen sich der neuen Sinneskonstellation anpassen und wieder „normal“ sehen können. Übrigens kann das in abgeschwächter Form jeder Brillenträger bestätigen, dem nach dem Anpassen einer neuen Brille sogar ein wenig übel werden kann aber nach sehr kurzer Zeit „stimmt“ wieder alles. Wir ahnen, zu welchen wunderbaren Leistungen unser Nervensystem fähig ist, und beginnen zu verstehen, was bei der Anpassung auf See in drei Tagen passiert.

Auf dem Sektor der Psychologie ist die Beweislage nur wenig besser. Unbestritten ist heute die Rolle der Angst als Auslöser und Verstärker von Seekrankheit - und ihre Wechselbeziehung mit dem Faktor Stress. Da bekannt und auch beim Menschen nachgewiesen ist, dass der Mandelkern (Amygdala) des Schläfenhirns das wichtigste Zentrum der Angstverwaltung ist, deuten sich hier therapeutische Zukunftsmöglichkeiten an. Es scheint, dass an dieser Stelle das subjektive Erleben des Leidens gespeichert ist – und die wiederholte Auslösung damit vorprogrammiert („exposure history“). Freilich bleibt jede Beschreibung der vom Mandelkern ausgelösten oder kontrollierten Stressreaktionen nach wie vor sehr allgemein, hilft also dem Betroffenen auf dem wissenschaftlichen Weg der Selbsterkenntnis und der Behandlung überhaupt nicht. Es bleibt allerdings für ihn die Möglichkeit einer Behandlung der Angst oder wenigstens des Erlernens der Angstkontrolle mit den Mitteln der Psychotherapie, beispielsweise in den Kursen der KreuzerAbteilung. Wir können uns nicht anmaßen, auf diesem Feld die Richtigkeit irgendeiner Theorie, sei sie physiologischer oder psychologischer Herkunft, für allgemeingültig zu erklären, auch wenn sie noch so überzeugend klingt. Es fehlt nicht an Hinweisen beispielsweise was die Stresshormone angeht -, jedoch fast vollständig an experimentellen Grundlagen für konkrete therapeutische Ziele. Solange das gilt, ist die Enttäuschung von Betroffenen immer dann vorprogrammiert, wenn sie sich auf Patentlösungen verlassen. 5. Die Diagnose der Seekrankheit Die Diagnose ist für den erfahrenen Segler leicht zu stellen, da Situation und Symptome zusammenpassen. Meist wird in drei Stadien eingeteilt: − Leichte Form und Beginn: Müdigkeit, Gähnen, Schwäche und Appetitlosigkeit. − Mittelschwere Form: Antriebs- und Interesselosigkeit, Übelkeit, Blässe, schließlich kalter Schweiß, Erbrechen. − Schwere Form: Starkes Erbrechen von Magensaft und Gallenflüssigkeit, subjektiv schweres Krankheitsgefühl, Koordinationsstörung, Kreislaufstörungen. Bei der schweren Form darf der Einsatz ärztlicher Behandlung nicht verzögert werden, wenn die bordeigene Therapie nicht hilft.

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Teil 2. Vorbeugen und Behandeln: Stand der Dinge 1. Kein Wundermittel in Sicht – und keine „gezielte“ Therapie Das Netzwerk des Gleichgewichtssinnes, dieses hoch komplizierte Geflecht aus Sinnesorganen und Nervenverbindungen hat die Wissenschaft bisher weder aufgeknüpft noch durchschaubar gemacht. Wir wären ja schon zufrieden, gäbe es wenigstens den goldenen Therapieschlüssel zur „Nummer eins“, dem Gleichgewichtsorgan. Denn so viel ist sicher: Ohne das Vestibularsystem, etwa im Falle seiner Zerstörung, ist die Seekrankheit in keinem Fall mehr auslösbar. Das erklärt auch den Sonderfall des höheren Lebensalters: Mit zunehmender Unerregbarkeit des vestibulären Apparates entfällt das Problem „Seekrankheit“ bei älteren Menschen - auch wenn manche seelischen und körperlichen „Auslöser“ des Übels aus jüngeren Jahren fortbestehen. Kein Wunder, dass diese Altersgruppe besonders dann auf den Kreuzfahrtschiffen dominiert, wenn es in die Polregionen oder auf den hohen Atlantik geht. An die Stelle der Zerstörung oder des Alterns (wer möchte das schon künstlich herbeiführen?) könnte in unserem Gedankenspiel ein ideales Medikament treten, das nur und ausschließlich auf das vestibuläre System wirkt. Leider bisher Fehlanzeige. Sind alle bisher bekannten Methoden sinnlos? Nein, aber wir müssen ihnen vorwerfen, dass sie alle völlig ungezielt wirken. „Ungezielt“ kann im einen Fall eine sehr geringe Wirkung bedeuten, im anderen jedoch eine zu starke, beispielsweise wenn stark dämpfende Medikamente das gesamte Nervensystem eines Seglers außer Gefecht setzen, statt sich auf den Gleichgewichtssinn zu beschränken. Noch einmal dient die eingangs erwähnte Crew vor Kap Hoorn als Beispiel: Neun Segler auf einer 28 Tonnen schweren Skorpion IV (16,2 Meter), über welche mein Logbuch sagt: „Alle – bis auf Henk – sind schläfrig und bald mehr oder weniger seekrank … nach wenigen Stunden waren zwei von ihnen adaptiert [ohne Therapie], sodass wir uns wenigstens zu dritt bei den Wachen abwechseln konnten.“ Von den anderen waren zwei schwer, einer mittelschwer seekrank und zwei aufgrund der prophylaktischen Scopolaminpflaster „außer Gefecht“. Bei der Ankunft in der Antarktis nach etwas über 4 Tagen war die komplette Mannschaft wieder in gutem Zustand. Wir folgern aus diesem Törn: Bei identischen,

auch harten Bedingungen reagieren Segler höchst unterschiedlich. Immerhin drei Crewmitglieder kamen völlig ohne Medikamente gut davon. Die wichtigste Unterscheidung bei jeder Behandlung, vor allem bei den Medikamenten, ist diejenige zwischen Prophylaxe und Therapie, also auf gut Deutsch zwischen Vorbeugung und Behandlung. Manche der folgenden Darlegungen mögen umstritten sein, diese aber ist heute allgemein akzeptiert: − Die „Medikamente gegen Seekrankheit“ sind nur zur Vorbeugung gedacht. − Ihr Einsatz nach Ausbruch der „Krankheit“ ist meist sinnlos und manchmal gefährlich. − Die Behandlung der manifesten Seekrankheit ist etwas völlig anderes. Es gibt keine Tablette für alle - aber daraus folgt kein „therapeutischer Nihilismus“, der sich in der Vorbereitung damit begnügen müsste, eine Pütz bereitzustellen. Der Psychiater Eugen Bleuler hat vorgeschlagen, in Situationen des Nicht- oder Wenig-Wissens besser im Sinne eines weisen Nichtstuns zu handeln: Man unterlasse alle vorgeblich allgemeingültigen Therapien als unnötigen Humbug - und führe lieber die individuell richtigen Maßnahmen mit aller Konsequenz durch. Warum individuelle Behandlung? Nun, einige erwischt das Übel ausschließlich bei extrem hartem Wetter; in einer großen Mittelgruppe finden sich viele, die nur in einer ungünstigen persönlichen Situation „übel“ reagieren. Nur die dritte große Gruppe hat das Problem unter fast allen Umständen - eine anscheinend unveränderliche Eigenschaft, bei der rein aufs Körperliche („somatisch“) eingestellte Fachleute eher von „angeboren“ sprechen, während Psychotherapeuten von einer erworbenen Fehlhaltung ausgehen, die korrigierbar ist. Der Autor – obgleich im Hauptberuf Kardiologe – neigt zur Auffassung der letzteren, weil er Therapieerfolge gesehen hat, während „angeboren“ zu einem tatenlosen Fatalismus führen kann. Jedenfalls wird sich unsere Einteilung der Behandlungsformen nicht primär nach den Möglichkeiten der Pharma- oder Apparatemedizin richten, sondern von den Erfahrungen des Segelalltags ausgehen. Bevor die Maßnahmen im Einzelnen dargestellt werden, sollen in Tabelle 2 die unterschiedlichen Reaktionsmuster der Segler und die resultierenden Konsequenzen bei der Vorbeugung vorgestellt werden:

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Tabelle 2. Situationsgerechte Vorbeugung a) Auftreten von Seekrankheit nur unter harten Bedingungen Beispiele: Starkwind, Sturm, hohe Dünung. Vorbeugung: Für Verantwortungsträger (Rudergänger) Verhaltensanpassung mit Kimmkontrolle und Vermeidung zusätzlicher Kopfbewegungen sowie leichte Mittel (siehe unter „sanfte Methoden“). Nachts und bei Arbeiten unter Deck kann man die „Horizontbrille“ versuchen. Die anderen Mitsegler können Scopolamin erhalten und sich hinlegen. b) Auftreten von Seekrankheit nur bei besonderer persönlicher Situation Beispiele: Menschen, die normalerweise wenig unter Seekrankheit leiden, jetzt aber unter ungewöhnlichen seelischen Belastungen oder nach akuten Erkrankungen (Grippe etc.) segeln. Vorbeugung: Aktiv segeln (Rudergehen), Kimmkontrolle und Einschränkung schneller Kopfbewegungen. Leichte Mittel (siehe unter „sanfte Methoden“). Stärkere Medikamente entfallen, da die besondere Reaktion ja meist unvorhergesehen ist. Scopolamin wird hier nicht empfohlen. c) Ausgeprägte Veranlagung zur Seekrankheit (erworben oder angeboren) Beispiele: Seekrank auch ohne Seegang; Schwankschwindel schon beim ersten Schritt an Bord; Wiederholungserfahrung („immer wieder seekrank“). Vorbeugung: Training des Stellungssinnes (siehe Tabelle 4). Psychologische Maßnahmen wie Stressund Angstabbau, Stopp der negativen Gedankenlawine etc., zum Beispiel im KA-Lehrgang „Seekrankheit aktiv bewältigen“. Bei nicht so ausgeprägten Reaktionen „sanfte Methoden“ (siehe unten) versuchen. Bei größeren Problemen, die sich auch zu Hause auswirken, längerfristige psychotherapeutische Betreuung zu Hause.

2. Harmlose aber in ihrer Wirkung unsichere Maßnahmen (sog. „sanfte Methoden“) 2.1 Spezialbrillen mit einem flüssigkeitsgelagerten Balken als künstlichem Horizont (auch als ClipAufsatz für Brillenträger): Bei ungünstiger Position soll durch diesen Horizont den Augen immer klar werden, wo man sich befindet. Als Allheilmittel angepriesen beansprucht die Methode, ursächlich gegen einen intersensorischen Datenkonflikt zwischen vestibulärem (Gleichgewicht), optischem (Auge) und propriozeptivem (Stellungssinn) Sensorium wirksam zu sein. Dabei wird verkannt, dass – wie oben gezeigt - der wesentliche Konflikt innerhalb des vestibulären Systems selbst auftritt, nämlich zwischen den Drehsinnesorganen (Bogengänge) einerseits und den Schweresteinorganen für Linearbeschleunigungen (Sacculus, Utrikulus) andererseits. Das dürfte der Grund für die nach sechs Jahren immer noch nicht allgemein überzeugende Anwendung sein. Dennoch hilft bekanntlich der Blick zur Kimm wenigstens etwas, eben weil er

den Kopf fixiert und dadurch die Bogengänge ruhig stellt. Einen günstigen Effekt der Brille kann man sich bei Arbeiten unter Deck (Navigation) vorstellen, eben als künstliche Kimm; vielleicht ist der Kartentisch tatsächlich der geeignete Einsatzort. Ein weiterer günstiger Effekt könnte die Unterstützung des „Umprogrammierens“ in den ersten drei Tagen sein; vor allem nachts, damit Augenund Stellungssinnkontrolle rascher ihre „Vorherrschaft“ antreten können. 2.2 Stimulation eines Akupressurpunktes am Unterarm mittels Druckpunkt-Armband oder Armband mit elektrischer Reizung (ReliefBand®): Die Methode ist weit verbreitet und beruft sich auf Erkenntnisse der alten chinesischen Medizin. Der so genannte "nei-kuan"-Punkt liegt innen in der Mitte des Unterarms, drei Fingerbreit von der Handgelenksfalte entfernt (man kann ihn auch ohne Gerät selbst zu massieren versuchen). In der chinesischen Medizin gilt er als für Magen und Galle "zuständig" und soll deshalb Übelkeit und

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Magenschmerzen bessern. Allerdings wurden nach unserer Kenntnis auf den alten chinesischen Dschunken keine Akupunkturnadeln gegen Seekrankheit eingesetzt. Obgleich auch hier die wissenschaftlichen Studien noch unsicher sind, versuchen es viele Segler mit großer Überzeugung – was ja schließlich psychologisch sehr wichtig ist. Auch in der Crew vor Kap Hoorn wurde das Armband gesehen… 2.3 Ingwer-Wurzelstock: Anstelle der Originalwurzel wird meist das Präparat Zintona eingenommen (im Ausland „Ginger“-Kapseln oder -Bonbons). Es soll zuerst eine halbe Stunde vor Reisebeginn eingenommen werden. Mehrere Studien, die allerdings noch keinen endgültigen Schluss zulassen, sprechen für die Wirkung. Es scheint etwa doppelt so stark zu wirken wie Placebo. Auch die beiden anderen sanften Methoden sind wissenschaftlich untersucht, aber keine hat sich bisher widerspruchsfrei bewährt. Dagegen sind Außenseitermethoden wie homöopathische Arzneien, Magneten hinter dem Ohr, Fußreflexzonenmassage etc. reine Glaubenssache, das heißt, wir können sie nicht beweisen oder widerlegen. Ihre Effekte sind bisher nicht als einem Placebo überlegen nachgewiesen. Placebo bewirkt übrigens generell in 45 Prozent der Seekranken eine Linderung der Symptome. Darüber lohnt es sich schon einmal nachzudenken … 3. Medikamente mit möglichen Nebenwirkungen (so genannte „chemische Keule“) Das Wichtigste vorweg: Diese stärkeren Arzneimittel haben ausnahmslos Nebenwirkungen und viele Gegenanzeigen, dazu Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten und mit Alkohol. Vor allem die Nebeneffekte halten viele Skipper (auch den Autor) von der Empfehlung dieser Mittel ab – außer Scopolamin (3.1) bei Sturm. Es sind drei Gruppen: 3.1. Scopolamin: pflaster Scopoderm TTS® Membran-

tiertheit und Konfusion. Auch die weiteren Nebenwirkungen sind so schwerwiegend, dass eine solche Anwendung bei kranken und älteren Menschen unbedingt vorher mit dem Arzt besprochen werden muss. Nicht selten kommt es zur Erweiterung der Pupillen, eventuell zu einem Anfall von grünem Star; nicht nur bei dem Fehler, sich nach der Anwendung nicht die Hände zu waschen und anschließend die Augen zu reiben; ferner zu Herzrhythmusstörungen, aber auch zu Unruhe, zu Hautausschlag und sogar zu psychiatrisch bedeutsamen Symptomen wie Halluzinationen. Die Wirkung hält etwa drei Tage an, bei Nebenwirkungen ist das Pflaster sofort zu entfernen. 3.2. Sogenannte Antihistaminika Da ihre Wirkung bei Seekrankheit unsicher ist, beginnen wir mit den Nebeneffekten: Antihistaminika machen müde und setzen das Reaktionsvermögen herab - verstärken also mit diesen Nebenwirkungen einen Effekt der Seekrankheit selbst - nicht so ideal, finde ich. Einmal eingenommen, verbieten sie also vollends die Übernahme von Verantwortung. Das gilt für alle Anwendungsformen, auch für Phenothiazine (3.3) und hier nicht genannte Kombinationspräparate. − Wirkstoff Dimenhydrinat: Bekannte Mittel sind Reisetabletten STADA und ratiopharm , Vomacur , Vomex A . Zäpfchen sind eher zu empfehlen, denn sie belasten den Magen nicht und sind bei schon bestehender Übelkeit anwendbar. Viele schätzen aus diesen Gründen die Kaugummiform: Das Präparat Superpep® (auch „forte“). Aber die Anwendungsform ändert nichts an den Nebenwirkungen (zum Beispiel auch Augendruckerhöhung, Blasenentleerungsstörungen). − Wirkstoff Betahistidin: Aequamen® (forte), Betahistin® ratiopharm oder Stada, Melopat , Ribrain, Vasomotal. Zäpfchen gibt es zurzeit nicht, für die Nebenwirkungen gilt das oben gesagte, genau wie bei dem folgenden − Wirkstoff Meclozin: Peremesin N (auch Zäpfchen), Postadoxin, Postafen®; in USA beziehungsweise Canada als Bonine® oder Bonamine® bekannt. − Wirkstoff Cinnarizin: Es ist ebenfalls ein Antihistamin, mit etwas geringeren Nebenwirkungen (Müdigkeit, herabgesetztes Reaktionsvermögen, manchmal Schwitzen und Kopfschmerzen). Als Cinacet®, Cinnarizin forte®,
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Man klebt es vier bis sechs Stunden vor Reiseantritt hinter das Ohr (von dort kommt der Wirkstoff ins Blut). In Amerika wird durch den Hersteller selbst dringend von verantwortlichen Tätigkeiten nach Anbringen des Pflasters abgeraten. Sehr viele Anwender klagen über einen trockenen Mund, schwere Schläfrigkeit, viele über DesorienNNKA 4/2002

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ebenso wie als Stutgeron® (forte) - unter Seglern populär – kann es vorbeugend eingenommen werden. Früher gehörte die Substanz zu meinem Repertoire für Mitsegler, inzwischen aber schon lange nicht mehr. Als Kreislaufmittel ist es überholt. 3.3. Weitere Medikamente Im Gespräch sind sehr stark wirksame Mittel: − Neuroleptika: Das sind psychotrope Substanzen mit antipsychotischer, sedierender und psychomotorischer Wirkung, die aufgrund vielfältig möglicher Nebenwirkungen speziellen ärztlichen Indikationen vorbehalten sind. Das gilt auch für die Untergruppen. Dennoch werden Mittel wie Psyquil®, Haldol®, VertigoMeresa® sowie die Phenothiazine Decentan® und Atosil® (das Promethazin der Astronauten) immer wieder diskutiert. Laien sollten sie nicht ohne ärztliche Verordnung gebrauchen. − Serotonin-Antagonisten, die bei Chemo- und Strahlentherapie gegen Erbrechen eingesetzt werden. Auch das in der Seglerpresse kürzlich erwähnte Zofran® gehört hierzu und ist wegen schwerer Nebenwirkungen abzulehnen. 4. Die Seekrankheit ist ausgebrochenen: Was tun, wenn es keine M edikamente dagegen gibt? Der deutsche Astronaut Ulf Merbold sagte 1997: Das Tolle ist, dass auch empfindliche Astronauten in höchstens zwei Tagen über diese am Fluganfang auftretende Malaise hinwegkommen. Offensichtlich lernt das Gehirn in dieser kurzen Zeit - das ist für mich etwas ganz Faszinierendes -, dass die Daten, die das Vestibularorgan liefert, falsch sind, während die visuellen Daten aus dem Auge richtig sind. Und dann wird die Informationsverarbeitung, man könnte technisch auch von Software reden, im Gehirn verändert in der Weise, dass die Vestibulardaten vom Gehirn schlicht und einfach ignoriert werden. Sie werden nicht mehr ernst genommen. Ist man schließlich völlig visuell programmiert, kann man im Weltraum problemlos arbeiten. In der Tat geschieht etwas Fantastisches: Unsere zehn Vestibularorgane werden in der Umstellungsphase schlicht aus der Wahrnehmung „wegprogrammiert“. Dass dies auch bei jenen so ist, die nicht unter der Seekrankheit leiden, zeigt ihre Unsicherheit bei der „Rückprogrammierung“ nach einem langen Törn: Bei allen besteht an Land

erhöhte Sturz- und Knochenbruchgefahr, vor allem wenn man zu wenig oder nichts sieht, also nachts. Nach einigen Stunden bis Tagen stimmt wieder alles. Das einzig Richtige wäre es demnach, den Umprogrammierungsprozess schon vor der Ausfahrt hinter sich zu haben - keine Therapie, sondern eben Vorbeugung. Leider bleibt eine solche „Präkonditionierung“ nach den derzeitigen wissenschaftlichen Daten eine Illusion – vermutlich weil unser Gehirn eben kein so einfacher Computer ist wie mancher hofft. Immerhin können wir wenigstens versuchen, den Vorgang zu beschleunigen, um einen Teil der elenden zwei bis drei Tage abzukürzen. Praktisch ist das gar nicht so unbekannt. Es ist jedoch sinnvoll, sich den Sinn der Maßnahmen klar zu machen, um sie flexibel anwenden zu können. Vor allem kommt es darauf an, jenen katastrophalen Konflikt, der auf See zwischen den Schwereorganen und den Bogengängen im Innenohr tobt, nicht noch zu verschärfen. Die Belastung der „Schwereorgane“ Utrikulus und Sacculus können wir kaum verringern: Ihre maximale Belastung beim Stampfen (die Wissenschaftler halten es für den schlimmsten Faktor), Rollen und Gieren des Schiffes kann man nur mit seemännischen Mitteln verringern (Wellen gut aussteuern, eventuell den Kurs ändern), was natürlich möglichst geschehen sollte. Der Kranke selbst kann versuchen, den Konflikt über die Drehsinnesorgane der Bogengänge zu beeinflussen, indem er die Bewegungen seines Kopfes (siehe oben) einschränkt oder extrem langsam ausführt; die Wissenschaft sagt es genauer: mit weniger als 60° pro Sekunde. Die Bogengänge reagieren nämlich nur auf mehr oder weniger abrupte Lageänderungen, beispielsweise das ständige Beugen des Kopfes auf den Kompass und zurück zur Kimm. Da ist es besser, nicht so oft zur Kompassrose und anderen Instrumenten zu sehen beziehungsweise wenn das unumgänglich wird, es mit langsamer Kopfbewegung - oder besser mit einem „Schielen“ ohne Kopfbewegung zu versuchen. Die andere Möglichkeit ist eine Fixierung des Kopfes: Der macht dann zwar noch all das Auf und Ab und Rollen des Schiffes mit, verändert aber nicht (oder kaum) die Lage der Bogengänge und „entschärft“ so den Konflikt zwischen den Vestibularorganen. Instinktiv richtig klemmen sich viele Seekranke in eine Ecke neben dem Niedergang, was sicher der beste Platz ist, wenn das Übel sie noch nicht zu stark geschwächt hat. Im letz-

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teren Fall ist eine mittschiffsnahe Koje geeignet; am besten dort, wo man sich ebenfalls einkeilen und vielleicht zur Erholung des Gehirns etwas schlafen kann. In einer engen Koje entfallen die großen Körper- und Kopfbewegungen, was nebenbei gesagt auch die geringere Raumkrankheit in den ersten engen Raumfahrtkapseln erklärte. Auch im Liegen geht es neben der Kreislaufschonung und der Ruhigstellung der Schweresinnesorgane darum, zusätzliche Kopfbewegungen zu vermeiden (bei den Astronauten ist das die wichtigste „Anweisung“ in den ersten Tagen). Wir verstehen jetzt die Funktion des erwähnten mittelalterlichen „Kopfhalters“. Na ja, wir müssen uns da wohl anders helfen …. Es gibt wissenschaftliche Hinweise darauf, dass der aus positiver Erfahrung geforderte Blick zur Kimm mehr mit dieser Fixierung des Kopfes als mit dem Sehen selbst zu tun hat: Während der Körper halsabwärts die Schiffsbewegungen mitmacht beziehungsweise ausgleicht, bleibt der Kopf mit Hilfe der Augen sozusagen in Kimmhaltung fixiert, und die Bogengänge melden relative Ruhe. Gleichzeitig dient das der Umprogrammierung: Da der Vestibularapparat mehr und mehr „wegprogrammiert“ wird, lernt das Gehirn, die „richtigen“ Signale der Augen und des Stellungssinnes („fest auf beiden Seebeinen“) als die Hauptsache zu akzeptieren. Weil das alles ziemlich kompliziert klingt, sei es noch einmal kurz zusammengefasst und durch zwei wichtige Punkte ergänzt (Tabelle 3):

5. Die Königsmethode: Vermeidung der Seekrankheit durch konsequente Vorbeugung ohne M edikamente Unser Gleichgewichtssystem muss sich in jedem Fall erst auf die Bewegungen von Schiff und See umstellen. Diese „Umprogrammierung“ kann man behindern oder fördern, wobei dem Stellungssinn (siehe oben die „Nummer drei“) eine besondere Aufgabe zukommt. Dafür gibt es eine Reihe längst bewährter Vorschläge, deren Beachtung viel Ärger ersparen kann (Tabelle 4). Das Auge als „übergeordnetes Eichorgan“ spielt bei der Vermeidung von Kopfbewegungen und beim „richtigen“ Training des Stellungssinnes (Propriozeption) eine entscheidende Rolle. Theoretisch müsste man eine Möglichkeit finden, den „Computer“ unseres Gehirns vor Törnbeginn „richtig“ zu programmieren: Die Blockierung einiger Verbindungen der Gleichgewichtsorgane (im Bereich von Labyrinth, Kleinhirn und Vestibulariskernen) würde schon vor Ausbruch der Seekrankheit erfolgen und müsste nicht jedes Mal in einem von Leiden begleiteten Prozess über mehrere Tage neu gelernt werden. 6. Die M öglichkeiten der Psychologie Selbst unter Berufsseeleuten sind nur wenige ganz frei von der Seekrankheit, und auch deren Gleichgewichtssinn streikt bei sehr extremen Situationen: Im Orkan, in einer Rettungsinsel. Viele Segler müssen sich bei jeder Ausfahrt neu adaptieren.

Tabelle 3. Behandlung der ausgebrochenen Seekrankheit 1. Früherkennung ist fast noch Vorbeugung: Bei Schläfrigkeit, Gähnen, leichtem Schwitzen siehe Tabelle 4, Punkt 2. 2. Vermeiden der Bogengangsimpulse (gilt auch zur Vorbeugung): − Das Wichtigste: unnötige und schnelle Kopfbewegungen vermeiden (kein oder fast kein „Kompassblick“). − Um den Kopf ruhiger zu halten, auf Kimm, Sterne, Wolken, Schiffe sehen, nicht„starren“. − Bei zunehmender Übelkeit den Kopf in einer Ecke oder in der Koje „einklemmen“. 3. Schon bei geringer Übelkeit kurz (!) anleinen. 4. Bei stärkerem Übel mit Erbrechen bald mit Flüssigkeitszufuhr beginnen; in kleinsten Schlucken, zwecks Aufnahme schon im Mund und in der Speiseröhre (damit sie nicht wieder erbrochen wird).

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Tabelle 4. Allgemeine Vorbeugung: Vermeiden von Fehlern, Förderung der „Umprogrammierung“ 1. Richtige Vorbereitung an Land - Stellen Sie sich auf die Seereise mental richtig ein (eventuell siehe das folgende Kapitel). - Üben Sie einmal täglich den einbeinigen Stand auf festem Schaumstoff (zirka 9 Zentimeter dick). - Trinken Sie 24 Stunden vorher keinen Alkohol (solange hält der sich im Labyrinth). - Essen Sie vorher keine „schwere“, also fettreiche Mahlzeit (die Abfahrtsfeier…). - Vermeiden Sie starke Gerüche (auch Diesel). - Treten Sie nicht mit „Grippe“ oder Ähnlichem die Fahrt an. - Leicht gesagt, schwer getan: Sorgen Sie für gute Stimmung. 2. Kontrolle der Körperposition durch Auge und Stellungssinn - Halten Sie sich im Cockpit oder auf der Brücke auf, am besten stehend, den Blick auf den Horizont oder auf Fixpunkte (zum Beispiel Sterne) gerichtet. Die Blickfeldstabilisierung stabilisiert auch die Kopfhaltung. Zugleich wird dadurch der Stellungssinn richtig stimuliert, Stichwort „fest auf beiden Beinen“. - Seien Sie aktiv (am besten als Rudergänger). Aber Vorsicht: Nicht zu oft auf den Kompass starren. - „Aktiv sitzen“: Mit der Nacken- und Rückenmuskulatur Kopf und Körper oberhalb der Hüften aufrecht halten (Chuck Oman nennt das „ride the waves“). - Verrichten Sie keine Arbeiten unter Deck, vor allem nicht am Kartentisch oder in der Pantry oder im Motorraum. - Der Anpassungsvorgang sollte nicht unterbrochen werden (z. B. durch Landgang: In den ersten Tagen des Törns eher ankern). - Wie lange das alles? Einfach bis man sich richtig wohlfühlt – meist sind es drei Tage.
Nach „Gesund an Bord“, Pietsch Verlag

Aber sie verfügen über eine beneidenswerte Technik des Vergessens jener Anfangszustände, durch die sie immer wieder hindurch mussten, um wieder das große Glück des Segelns genießen zu können. Für die vielen, für die sich das zu schön anhört, um wahr zu sein, gibt es die sehr gute Möglichkeit, sich mit den psychologischen Techniken der Vorbeugung vertraut zu machen. Falls sie nicht schon auf andere Weise die erwähnten seelischen „Gleichgewichtsstörungen“ ihres Landlebens reparieren können. Für sie alle bietet die KreuzerAbteilung regelmäßige Kurse an, in denen unter fachlicher Leitung „Verfahren zur Bewältigung von Bewegungsstress“ gelernt und geübt werden können (Gerti Claußen: „Seekrankheit aktiv bewältigen“). Es sind ja nicht einfach seelisch Kranke, die davon betroffen sind, der Übergangsbereich („graue Zone“) ist vielmehr sehr breit. Bis auf die erwähnten wenigen Glücklichen kann es jedem von uns nützen, etwas von Stressbewältigung, Desensibilisierung, Gedankenstopp und
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kognitiver Neuorientierung, sowie viele psychologische Entspannungsverfahren, Autosuggestion und Autogenes Training kennen zu lernen. Wer das Segeln liebt und doch immer wieder von dem Übel (das die Franzosen zu Recht „Übel des Meeres“ nennen) zurückgeschlagen wird, sollte einen solchen Versuch machen. Zum Schluß seien noch ganz aktuelle Forschungsergebnisse des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie erwähnt, die für die Zukunft eine Synthese aus psychologischen und pharmakologischen Aspekten der Seekrankheit erhoffen lassen: Durch Beeinflussung eines Cannabinoid-Rezeptors in dem erwähnten Mandelkern (Amygdala) des Schläfenhirns wurde im Experiment eine bessere Anpassung an Angst auslösende Situationen erreicht. Das könnte ein erster Therapieransatz am „richtigen Ort“ für einen Teil der Seekranken werden. Wir wollen jedoch nicht vergessen, dass es in dieser Übersicht auf aktuelle Klarheit als Grundlage realistischen Handelns ankam - und deshalb die Zukunfsmusik nicht überschätzen.
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Quellenverzeichnis:

- Clarke, A.H. 1995: Neuere Aspekte des vestibulookulären Reflexes. Europ Arch ORL (Suppl.1995/I) 117-153 - Marsicano, G., Wotjak C.T., et al.: The endogenous cannaboid system controls extinction of aversive memories. Nature 2002; 418: 530-534

- Oman C.M., 2000: In search of a cure for seasickness. Cruising World SAFETY AT SEA. Seite 26-28 - Oman C.M., 1998: Sensory Conflict Theory and Space Sickness: Our Changing Perspective. J Vestib Res 8/1, 51-56 - Ritter K., Bräuer H.: Exempla otologica. München 1988. - Schmäl F., Stoll W. (2000): Kinetosen. HNO 5/2000; 346-356

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