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Beatrijs von Nazareth 1200-1267

Stufe I:
Die erste Art ist ein Verlangen, das wirkend aus der Minne kommt

Stufe II:
Auch eine zweite Art von Minne hat sie, ohne ein Warum

Stufe III:
Die dritte Art von Minne ist für die selige Seele eine Zeit mit mannigfachem
Leid

Stufe IV:
In der vierten Art von Minne pflegt unser Herr das eine Mal hohe
Seelenfreude, und das andere Mal tiefes Herzensweh zu geben

Stufe V:
In der fünften Art von Minne geschieht es zuweilen, daß Minne in der Seele
gewaltig erweckt wird

Stufe VI:
In der sechsten Art, fühlt sie noch ein anderes Wesen der Minne in näherem
und höherem Sinne

Stufe VII:
In diesem Zustande ist die Seele in so zärtlicher Weise versunken in Minne
I.
Die erste Art ist ein Verlangen, das wirkend aus der Minne kommt und lange
im Herzen herrschen muß, ehe es alle Widerstände überwinden und mit
Kraft und Klugheit ans Werk gehen und unerschrocken in diesem Wesen
wachsen kann.
Diese Art ist ein Verlangen, das mit Gewißheit aus der Minne kommt: das
ist, daß die zum Guten geneigte Seele, die unserm Herrn getreulich will
dienen, unerschrocken folgen und ihn wahrhaftig lieben will, sich ganz dem
Verlangen hingibt, zu erobern und in der Reinheit, der Edelkeit und der
Freiheit zu wohnen, in der sie von ihrem Schöpfer geschaffen ist nach
seinem Bilde und seinem Gleichnis, das mit Inbrunst geliebt und gehütet
werden muß. Hierin begehrt sie ihr ganzes Leben zu führen, hiermit will sie
wirken und wachsen und in eine höhere Erhabenheit der Minne und eine
innigere Erkenntnis Gottes aufsteigen bis zu der Vollkommenheit, zu der sie
von ihrem Schöpfer geschaffen und berufen ist. Nach diesem Ziele strebt sie
früh und spät und ergibt sich ihm ganz und gar. Dahin geht ihr Fragen und
ihr Lernen, ihr Fordern an Gott und ihr Grübeln: wie sie hierzu gelangen
und wie sie der Minne nahe und gleich sein mag in aller Schönheit der
Tugenden und in aller Reinheit des beständigen Adels der Minne.
Diese Seele sucht oft zu ergründen, was sie ist, und was sie sein müßte, was
sie besitzt und was ihr gebricht, und mit all ihrem Eifer und mit großem
Verlangen und mit aller Klugheit, deren sie fähig ist, müht sie sich, sich zu
bewahren und alles fernzuhalten, was sie bei solchem Tun hindern und
stören kann; und nimmer schweigt ihr Herz und ruht ihr Wille, alles zu
fordern, zu lernen, an sich zu ziehen und zu besitzen, was ihr zur Minne
helfen und förderlich sein kann.
Das ist das größte Anliegen der Seele, die auf dieser Stufe steht und damit
wirken und sich abmühen muß, bis sie mit Eifer und Treue von Gott erlangt
hat, daß sie, unbehindert durch frühere Irrungen, der Minne mit freiem
Gewissen, mit reinem Geiste und klarem Verständnisse dienen möge.
Ein solches Begehren von so großer Reinheit und Hoheit kommt mit
Gewißheit aus der Minne, und nicht aus der Furcht. Denn Furcht läßt
wirken und leiden, tun und lassen aus Angst vor dem Zorn des Herrn, dem
Urteil des gerechten Richters, vor der ewigen Vergeltung oder zeitlichen
Plagen. Aber die Minne ist in allem Wirken und Tun allein gerichtet auf die
Reinheit, die Hoheit und den höchsten Adel, die sie in sich selber ist, besitzt
und genießt, und solches Wirken lehrt sie auch die, die ihrer pflegen.
II.
Auch eine zweite Art von Minne hat sie, daß sie nämlich zu Zeiten unserem
Herrn um nichts zu dienen verlangt, ohne ein Warum und ohne irgendeinen
Lohn an Gnade oder an Hochgefühl: nur einer Jungfrau gleich, die ihrem
Geliebten allein aus großer Liebe ohne Entgelt dient; es ist ihr genug, daß sie
ihm dienen mag, und daß er es duldet, daß sie ihm dient. Also begehrt sie
mit Minne der Minne zu dienen ohne Maß und über alles Maß und über
allen menschlichen Sinn und Begriff mit dem ganzen Dienste der Treue.
Wenn sie hierin lebt, so ist sie so brennend von Begehren, so zum Dienen
bereit, so hochgemut im Leiden, so sanft im Ungemach, so freudig im
Verdruß: und mit allem, was sie ist, verlangt sie ihm Liebes zu tun und ist
befriedigt, wenn sie etwas zu tun und zu leiden findet im Dienste und zu
Ehren der Minne.

III.
Die dritte Art von Minne ist für die selige Seele eine Zeit mit mannigfachem
Leid. Das macht, daß sie der Minne Genüge zu tun und ihr gerecht zu
werden verlangt mit aller Ehrerzeigung, mit allem Dienste, mit allem
Gehorsam und aller Ergebenheit in der Minne.
Dies Verlangen wird zuweilen in der Seele zum Sturme entfacht, und dann
ergreift sie ein mächtiges Begehren, alles zu wirken und alle Kräfte
anzuspannen, alles zu erdulden und zu ertragen, und all ihr Wirken ohne
Rückhalt und ohne Maß in der Minne zu vollenden. Dann ist sie ganz erfüllt
vom Willen zum Dienen und entschlossen und unerschrocken in Mühsal
und in Leid – und doch bleibt sie noch ohne Genügen und ungestillt in all
ihren Werken.
Über allem Leide aber ist es ihr das größte Leid, daß sie der Minne nicht
genug tun kann nach ihrem großen Verlangen, und daß ihr so vieles
unerfüllt bleibt in der Minne. Wohl weiß sie: dies geht über menschliche
Macht und alle Möglichkeiten; denn was sie verlangt, das ist unerfüllbar und
über das Wesen aller Kreatur. Denn sie verlangt, allein das Gleiche zu
vermögen wie die Vielen, wie alle Menschen auf Erden und alle Geister im
Himmel und alles, was an Geschaffenem lebt dort droben und hienieden – ja
noch unendlich viel mehr zum Dienste, zur Liebe und zur Ehre nach der
Minne Erhabenheit. Und all das, was ihr ermangelt, das will sie ausfüllen
mit dem Willen zum Ganzen und mit der Kraft des Verlangens. Und doch ist
es ihr nie genug. Wohl weiß sie, daß es weit über ihrer Kraft und über allem
menschlichen Begreifen und über aller Wahrnehmung liegt, dies Verlangen
zu erfüllen, und doch kann sie sich kein Maß und Zwang antun und sich
zufrieden geben.
Sie tut alles, was sie kann; sie gibt der Minne Dank und Lob, sie arbeitet
und leidet um Minne, sie ergibt sich selbst der Minne ganz, und was sie tut,
wird in der Minne vollendet.
All dies nimmt ihr die Ruhe, und es quält sie sehr, daß sie begehren muß,
was sie nicht erlangen kann. Darum muß sie verharren im Herzeleid und in
unbefriedigter Sehnsucht wohnen, und es ist ihr, als ob sie lebend den Tod
und sterbend Höllenpein fühlte; und all ihr Leben ist Höllenpein und
Ungnade und Ungenügen aus der Bedrängnis des qualvollen Verlangens, da
sie es weder erfüllen noch stillen noch sich ersättigen mag. In diesem Leide
muß sie verbleiben bis an den Augenblick, da unser Herr sie tröstet und sie
in eine andere Art von Minne und von Verlangen und in eine noch innigere
Kenntnis seiner selbst erhebt; und dann mag sie so wirken, wie es ihr von
unserem Herrn aufgegeben wird.

IV.
In der vierten Art von Minne pflegt unser Herr das eine Mal hohe
Seelenfreude, und das andere Mal tiefes Herzensweh zu geben; wovon wir
jetzt sprechen wollen.
Das eine Mal geschieht es, daß die Minne süß und sacht in der Seele
erweckt wird, sich frohgemut erhebt und das Herz erfüllt ohne alles Zutun
von menschlicher Seite. Dann wird das Herz so verlangend in Minne
gezogen, so sanft von Minne bezwungen, so lieblich von Minne umarmt und
so stark von Minne umfangen, daß es ganz von der Minne in Besitz
genommen wird. Hierin empfindet sie eine große Nähe zu Gott, eine Klarheit
des Geistes, eine wunderbare Entzückung, eine hochgemute Freiheit, eine
verklärte Süße, ein großes Umfangensein von der Macht der Minne und eine
überfließende Fülle großartiger Befriedigung. Dann fühlt sie, daß all ihre
Sinne in der Minne geheiligt, daß all ihr Wille Minne geworden ist, daß sie so
tief versunken und verschlungen ist im Abgrund der Minne, und daß sie
selbst Minne geworden ist. Die Schönheit der Minne hat sie mit Schönheit
übergossen, die Macht der Minne hat sie verzehrt, die Süße der Minne hat
sie ganz versenkt, die Größe der Minne hat sie verschlungen, der Adel der
Minne hat sie liebend umfangen, die Reinheit der Minne hat sie verklärt, die
Hoheit der Minne hat sie empor gezogen und in sich beschlossen, so daß sie
ganz und gar der Minne sein und nichts anderes mehr zu tun vermag.
Wenn sie also sich selbst empfindet im Überflusse der Seligkeit und die weite
Fülle des Herzens spürt, dann beginnt ihr Geist ganz in der Minne zu
versinken, ihr Leib entgleitet ihr, es schmilzt ihr Herz und all ihre Kraft
vergeht; und so sehr wird sie von Minne überwältigt, daß sie sich kaum zu
halten vermag, und oft sinken ihre Glieder und all ihre Sinne in Ohnmacht.
Und gleichwie ein gefülltes Gefäß, wenn man es anrührt, unversehens
überfließt und ausläuft, also wird sie unversehens angerührt und ganz
überwältigt von der Überfülle ihres Herzens, so daß es zu Zeiten ausläuft
und überfließt.
V.
In der fünften Art von Minne geschieht es zuweilen, daß Minne in der Seele
gewaltig erweckt wird und sich stürmisch mit hohem Geräusche und großer
Entzückung erhebt, als wollte sie mit Gewalt das Herz zerreißen und außer
sich selbst bringen in Minnetätigkeit und Minnegenießen. Und dann wird sie
wiederum hingerissen in das Minneverlangen, die gewaltigen und die
lauteren Werke der Minne zu erfüllen oder in das mannigfaltige Begehren
der Minne zu willigen. Oder sie wünscht in der seligen Umarmung der Minne
und der verlockenden Wonne und der Erfülltheit des Besitzens zu ruhen, so
daß das Herz und alle Sinne von Verlangen und eifrigem Suchen und vom
herzinnigen Meinen erfüllt sind. Wenn sie in diesen Zustand gekommen ist,
so ist sie so gewaltig an Geist, so allumfassend im Herzen und so viel
tatbereiter von Leibe und eifriger zu Werk und Tat, nach außen und nach
innen, daß es ihr selber scheint, alles an ihr sei in rastloser Tätigkeit, und
wäre sie auch leiblich in völliger Ruhe. Dabei aber fühlt sie ein Ziehen von
innen, eine starke Befangenheit in der Minne, viel ungeduldiges Verlangen
und mancherlei Weh in ihrer Unerfülltheit. Oder sie empfindet Schmerz im
starlen Gefühle der Minne selbst, ohne zu wissen warum; sei es, daß sie in
der Minne von heftigem Verlangen geschüttelt oder ungestillt sei aus Mangel
an Minnegenuß.
Zu Zeiten aber wächst die Minne so maßlos stark und bricht so gewaltig in
der Seele aus, wenn sie so mächtig und ungestüm das Herz berührt, daß es
ihr scheint, ihr Herz sei mit Wunden bedeckt und die Wunden würden
täglich in schmerzlichem Weh erneuert und aufgerissen. Dann ist ihr, als ob
die Adern bersten und das Blut verströmen wollte, als wenn ihr Mark
verdorrt und ihr Gebein vergeht, ihre Brust verbrennt und ihre Kehle
vertrocknet; so daß ihr Antlitz und ihre Glieder erglühen von der Hitze von
innen und von der Inbrunst der Minne. Dabei fühlt sie, daß eine
Erschütterung durch ihr Herz bis in die Kehle geht, als ob ihr die Sinne
schwinden müßten.
Gleichwie ein verzehrendes Feuer, das alles in sich zieht und verschlingt,
was es bewältigen kann: so fühlt sie, daß die Minne ohne Schonung und
ohne Maß in ihr wütet und wirkt und alles ergreift und verzehrt. Dadurch
wird sie heftig gequält und gefoltert, und ihr Herz versiegt und ihr Mark
vergeht; ihre Seele aber gedeiht, ihre Minne blüht auf und ihr Geist schwebt
oben.
Denn Minne ist so hoch über allem Begreifen ihrer Gewalt und ihres
Schmerzes, daß sie zuweilen die Fesseln zu brechen begehrt, ohne die
Einheit der Minne zu zerstören; aber vom Bande der Minne ist sie so
bezwungen und vom Übermaß der Minne ist sie so überwältigt, daß sie Maß
und Vernunft nicht bewahren, noch nach Vernunft und Sinn handeln, noch
Maß und Streben nach Weisheit zu behaupten vermag.
Je mehr ihr von oben gegeben wird, umso mehr fordert sie; und je mehr ihr
offenbart wird, um so mehr wächst ihr Begehren, dem Lichte der Wahrheit,
der Reinheit, dem Adel und dem Genießen der Minne näher zu kommen. Je
länger je mehr wird sie gereizt und gespannt, und nichts kann sie
befriedigen und beruhigen. Aber das, was sie am meisten quält und verzehrt,
das ist es auch, was am meisten lindert und sänftigt; wovon sie war am
meisten wund, das macht sie auch am meisten gesund.
VI.
In der sechsten Art, wenn die Braut unseres Herrn vorangekommen und zu
Höherem emporgeklommen, fühlt sie noch ein anderes Wesen der Minne in
näherem und höherem Sinne. Sie fühlt, daß die Minne die Schwächen
überwunden und die Sinne gemeistert, daß sie die Natur mit Schönheit
durchdrungen und das Wesen gesteigert und erhöht hat; daß sie volle
Gewalt ohne Widerspruch gewonnen hat über sich selbst; also daß sie das
Herz mit Gewißheit in Besitz genommen und in Freiheit tätig sein und in
Ruhe genießen kann. Wenn sie in dieses Sein gekommen ist, dann
erscheinen ihr alle Dinge klein und leicht zu tun oder zu lassen, zu erdulden
und zu ertragen, was zum hohen Wesen der Minne gehört; und so fällt es ihr
leicht, sich selbst in der Minne auszuleben.
Dann empfindet sie eine göttliche Innigkeit, eine strahlende Reinheit und
eine geistige Süße, eine Freiheit des Verlangens und eine Weisheit des
Erkennens, eine sanfte Ausgeglichenheit in unserm Herrn und ein Wissen
um Gottes Nähe.
Sehet, dann ist sie einer Hausfrau gleich, die ihre Häuslichkeit wohl bestellt,
verständig geregelt und schön geordnet, vorsorglich beschützt und klug
behütet; die besonnen schafft und einläßt und ausschließt und tut und läßt
ganz nach ihrem Willen. So ist es auch mit der Seele: sie ist Minne, und
Minne herrscht in ihr gewaltig und mächtig, im Wirken und im Ruhen, im
Tun und im Lassen, nach außen und nach innen, so wie sie will.
Und gleich wie der Fisch, der in der Weite der Flut schwimmt und in der
unermeßlichen Tiefe rastet; gleich wie der Vogel, der kühnen Mutes in der
Höhe des Luftraumes fliegt: so fühlt sie ihren Geist in Freiheit wandeln
durch die Weite und die Tiefe und im Hochgefühl der Minne.
Der Minne Gewaltigkeit hat die Seele gezogen und geleitet, behütet und
beschirmt und hat ihr die Klugheit, die Weisheit, die hohe Wonne und Kraft
der Minne gegeben. Aber noch hält sie ihre Urgewalt vor der Seele verborgen
bis zu der Zeit, da sie noch höhere Höhen erklommen und ihrer selbst
mächtig geworden, und Minne mit ganzer Macht in ihr herrscht. Dann erfüllt
sie die Seele mit solcher Kühnheit und Freiheit, daß sie weder Mensch noch
Feind, weder Engel noch Heilige, noch Gott selbst in all ihrem Tun und
Lassen, in Arbeit und Ruhe fürchtet. Und sie lebt in dem Hochgefühl, daß
Minne in ihr wacht und wirkt, in der Ruhe des Leibes wie auch in jeder
Tätigkeit.
Wohl erkennt und fühlt sie, daß dort, worin die Minne herrscht, sie nicht in
Mühsal und Leid besteht; aber alle, die zur Minne gelangen wollen, die
müssen sie suchen mit Furcht und ihr mit beständiger Treue folgen; sie
müssen sich üben im heißen Verlangen und dürfen sich nicht verschonen
mit großer Mühsal, mit mancherlei Leid, im Ertragen von Ungemach und im
Erdulden von Schmach. Und groß achten müssen sie alles Kleine, bis sie
dahin gekommen sind, daß Minne in ihnen zur Herrschaft gelangt, gewaltige
Minnewerke wirkt, jegliches Ding wieder klein macht und alle Mühsal
sänftigt, alles Leid versüßt und alle Schuldigkeit tilgt.
Das ist die Freiheit des Gewissens, die Wonne des Herzens, der Friede der
Sinne, der Adel der Seele, die Hoheit des Geistes und ein Beginn des ewigen
Lebens. Das ist hier ein engelhaftes Leben, und auf dies folgt das ewige
Leben, das Gott uns allen geben möge. Amen.
VII.
Noch hat die selige Seele die siebente Art der hohen Minne, die sie im
Inneren nicht wenig aufrührt. Das ist, daß sie hinangezogen wird in der
Minne über menschliches Wesen und menschlichen Sinn und Vernunft und
über alle Tätigkeit des Herzens; allein von der ewigen Minne wird sie in die
Ewigkeit und Unbegreiflichkeit, in die unendliche Weite und in die
unnahbare Höhe und in die tiefen Abgründe der Gottheit gezogen, die in
allen Dingen ist und unbegreiflich bleibt in allen Dingen, und die
unwandelbar allseiend, allvermögend, allumfassend ist und gewaltig alles
wirkt.
In diesem Zustande ist die Seele in so zärtlicher Weise versunken in Minne,
so mächtig von Verlangen verschlungen, daß ihr Herz im Innersten
aufgewühlt und ohne Ruhe ist; ihre Seele aber flutend und schmelzend in
Minne, ihr Geist im Rausche schwebend von mächtigem Verlangen. Und
dahin ziehen sie alle Sinne, daß ihr Wesen aufgeht im Genießen der Minne.
Das fordert sie leidenschaftlich von Gott, und immer muß sie begehren,
denn Minne läßt sie nicht ruhen noch rasten noch in Frieden leben.
Minne zieht sie hinauf und drückt sie nieder; sie gibt den Tod und bringt das
Leben, sie läßt genesen und schlägt Wunden, sie nimmt den Verstand und
gibt wieder Klugheit: so zieht sie sie hinauf in ein höheres Sein.
Also ist sie emporgeklommen mit dem Geiste über die Zeit hinaus in die
Ewigkeit; sie ist erhöht über die Gaben der Minne in das ewige Wesen der
Minne, das zeitlos ist, und in der Minne ist sie über die menschliche Art
erhöht und über die eigene Natur in das reine Verlangen, dort oben zu sein.
Dort ist all ihr Wesen und Wollen, ihr Begehren und ihr Lieben in der
Gewißheit der Wahrheit und in der lauteren Klarheit, in der adligen Hoheit
und in der selig-lichten Schönheit, in der wonnigen Gemeinschaft der
höchsten Geister; und sie fluten von überströmender Minne, sie leben im
klaren Erkennen und im Besitzen und im Genießen ihrer Minne. Ihr Wille
weilt dort oben unter den Geistern; ihr Verlangen wandelt zumeist unter den
feurigen Seraphinen, und in der erhabenen Gottheit und in der hehren
Dreieinigkeit ist ihre lieblichste Rast und ihre Wohnstatt.
Sie sucht IHN in seiner Majestät, sie folgt ihm nach und schaut ihn an mit
dem Herzen und mit dem Geiste. Sie erkennt ihn, sie liebt ihn, sie verlangt
ihn, so daß sie weder Heilige noch Engel, weder Menschen noch Lebewesen
anders wahrnehmen kann als in der allumfassenden Minne zu ihm, mit der
sie alles liebt. Ihn allein hat sie erkoren in der Minne über allem, unter allem
und in allem, so daß sie mit aller Leidenschaft ihres Herzens und mit aller
Kraft ihres Geistes ihn zu schauen, zu besitzen und zu genießen begehrt.
Bei alledem ist ihr die Erde ein Ort der Verbannung, ein festes Gefängnis
und eine schwere Qual. Die Welt verachtet sie, vor der Erde ekelt es ihr, und
was zur Erde gehört, das gibt ihr weder Wonne noch Befriedigung, und es
quält sie, daß sie so ferne irren und so fremd erscheinen muß. Sie kann
nicht vergessen, daß sie in Verbannung lebt, ihr Begehren kann nicht gestillt
werden und jammervoll quält sie ihr Verlangen; und damit wird sie
gemartert und gefoltert ohne Maß und über alles Maß.
*
So ist es denn ihr leidenschaftliches Verlangen und ihr starkes Begehren,
aus diesem Banne gelöst und von diesem Leibe befreit zu sein, und oft
spricht sie mit wundem Herzen, wie der Apostel sprach: 'Cupio dissolvi et
esse cum Christo', das heißt: 'Ich begehre aufgelöst und mit Christus zu
sein'. Daher lebt die Seele in starkem Begehren und in schmerzlicher
Ungeduld, ganz ledig zu werden und mit Christus zu leben: nicht aus
Verdruß über das Gegenwärtige, noch aus Furcht vor künftigem Übel,
sondern allein aus heiliger und ewiger Minne begehrt sie inniglich,
schmelzend und mit schmerzlichem Verlangen, in das Land der Ewigkeit
und in die Herrlichkeit des Genießens zu gelangen.
Die Sehnsucht in ihr ist gewaltig und stark, und ihr Zustand ist schwer und
hart; unsäglich ist das Leid, das die Sehnsucht in ihr weckt. Und doch muß
sie in der Hoffnung leben, und Hoffnung läßt sie sich mühen und quälen. O
heilige Minnesehnsucht, wie stark ist deine Gewalt in der liebenden Seele!
Es ist ein seliges Leiden und eine scharfe Folter, eine lange Qual und ein
mörderischer Tod und ein sterbendes Leben. Nach droben kann sie nicht
kommen, und hienieden vermag sie nicht zu rasten und zu ruhen. An ihn zu
denken und ihn zu entbehren weckt wiederum ihre Sehnsuchtsqual. Und so
ist sie verurteilt, in großer Qual zu leben.
Aber darum auch kann und will sie nicht getröstet werden; so wie der
Prophet sagt: 'Renuit consolari anima mea', das heißt: 'Meine Seele will nicht
getröstet werden'. So entsagt sie allem Troste, oft auch dem von Gott selbst
und von seinen Geschöpfen. Denn aller Trost, der ihr zuteil werden kann,
stärkt ihre Minne und den Drang nach dem höheren Sein; und das erneuert
ihre leidenschaftliche Sehnsucht, in der Minne aufzugehen und im Genießen
der Minne zu sein; und doch muß sie mit ungestillter Sehnsucht in der
Verbannung leben. So bleibt sie ungesättigt und ungetröstet von allen
Gaben, weil sie entbehren muß das Einssein mit der Minne.
Das ist ein hartes und mühevolles Leben, denn sie will hier nicht getröstet
werden, sie habe denn erlangt, was sie ohne Rast und Ruhe sucht. Die
Minne hat sie gelockt und geleitet und gelehrt, ihre Wege zu gehen; und ihr
ist sie getreulich gefolgt, nicht selten in großer Mühsal und in harter Arbeit,
in großem Verlangen und übermächtiger Sehnsucht, in mannigfacher
Entbehrung und in großer Friedlosigkeit, in Weh und in Freude und in
mancherlei Leide, im Suchen und Fordern, im Darben und Besitzen, im
Klimmen und im Hangen, im Folgen und im Langen, in Not und in Kummer,
in Angst und in Sorgen, im Überschwang und im Untergang, in großer Treue
und mancherlei Treulosigkeit. In Lieb und in Leid ist sie zum Dulden bereit;
im Tod und im Leben der Minne ergeben, und im fühlenden Herzen erträgt
sie viel Schmerzen, auf daß sie um der Minne willen die Heimat gewinne. Hat
sie sie hier überall gesucht, so ist in der Herrlichkeit ihre Zuflucht. Denn das
ist recht der Minne Brauch, daß sie sich nach dem nächsten Wesen sehnt
und so am meisten dem höchsten Wesen folgt, in dem sie sich am nächsten
der Minne ergeben kann.
Darum will sie allzeit der Minne folgen, mit Minne vertraut sein und Minne
genießen; aber das kann hier im Lande der Verbannung nicht geschehen.
Darum will sie heimwärts ziehn, wo sie ihre Wohnstätte gebaut, wohin ihre
Sehnsucht schaut, und wo sie in der Minne ruht. Denn sie weiß wohl: dort
endet alles Bangen, und liebreich wird sie vom Geliebten empfangen.
Denn dort wird sie eifrig anschauen, was sie so zärtlich geliebt, und IHN
wird sie besitzen zu ewiger Glückseligkeit, dem sie so treulich gedienet, und
sein Wesen genießen in ganzem Genügen, den sie so oft in ihrer Seele mit
Minne umfing.
Dort wird sie eingehen in die Wonne ihres Herrn, wie St. Augustin spricht:
'Qui in te intrat, intrat in gaudium domini sui'; das heißt: 'O Herr, wer
eingeht in Dich, der geht ein in die Freuden seines Herrn, und er wird sich
nicht fürchten, sondern sich vollkommen glücklich in dem vollkommen
Glücklichen fühlen.'

Dort wird die Seele mit ihrem Bräutigam vereinigt, und sie wird ein Geist mit
ihm in untrennbarer Minne und in ewiger Treue. Und die sich um ihn
gemüht hat in der Zeit der Gnade, die wird seiner genießen in ewiger
Herrlichkeit, wo wir nichts anderes tun werden als loben und lieben.
Gott möge uns alle dahin bringen! Amen.