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Zentralblatt (ir Okkultismus. Monatsschrift zurErforschung der gesamtenGeheimwissenschatten. Herausgeber u. verantwortlicher Schriftleiter: Max Altmann, Leipzig. XXI. Jahrgang | Oktober 1927. | 4. Heft Belttige und Zuscheihcn fir das Zehurlblan lar | Preti eines elnzeineh Hleftes auBer Abonnement Mk,130 Okkoltismas sind zu tichteh an desson Hforaus- | __ Pottotre Max Altisann, Leipzig, Fromunana Stake §. | Palle em'Endo:cines Jabreones niche aueditid’ich Ab- ne Stinks 5 heselng exois, tt dor Beagle fe den nich irene Ietteone, rar boenrt n ist Antwortporto hel- Anzeigenpreise: 25 Pig. die einspaltige, 50Pfg. die zwei Millimetarzeile bew. deren Raum. Die Vertasser haben dic in thren Arbeiten nieder- spaltig en Aunsichiton solbet ou vertroten, Zabluigsort und Gerichtsstandl ist Leipzig, -Bezugspreis MK. 6. nebst 30 Pie. Porto, | Alle Geldsendungen sind an die Verlagsbuchhandlung ‘Ausland 60 Pig, Porto. gen Blipren, i Lalpals ee cichieay Rest Zur Psychologie des Mediumismus. Von Studienrat H. Hanig. Uber die Psychologie des Mediumismus sind noch verhiltnis- mahig wenig Arbeiten erschienen, obwohl gerade dieses Gebiet wie kein anderes fiir die Kenntnis des menschlichen Seelenlebens auf- schlu&reich ist. Ich erinnere an die Arbeit von Dr. R. Tischner in einem der letzten Jahrginge der Psych. Studien, die sich aber mehr mit dem geistigen Zustande der Versuchspersonen in Trance be- schiitigt, wobei eigene Beobachtungen zu Grunde gelegt sind. Die vorliegende Arbeit soll eine andere Ausdrucksform der medianimen Seele behandeln, wobei gleich gesagt werden mag, dak der Begriff Mediumismus hier im weitesten Sinne des Wortes gefakt ist, sodah darunter auch hellseherisch begabte und religiés-intuitiv veranlagte Personen verstanden werden. Es ist die Naivitat, die uns auf diesem Gebiete immer wieder entgegestritt, Es ist bezeichnend, daf& der Deutsche fiir den Begriff, der hier in Frage kommt, noch keine Eindeutschung gefunden hat. Immerhin kénnen wir ihn wenigstens einigermaken durch Worte unserer eigenen Sprache ersetzen: das Wort bezeichnet das Kindliche im Menschen mit dem leisen Nebenbegriff des Einfaltigen. Es braucht wohl kaum erwahnt zu werden, da in jedem Menschen, der sein héheres Selbst noch nicht verloren hat, ein Stiick Kind steckt und da z. B. im Schlafe die ganze Menschheit sozusagen als solche in das Kinderland zuriickkehrt: der geringste Arbeiter und der gréfte Geistesheros und Entdecker werden in diesem Sinne einander gleich, wenn sie ,in Zentralblat fiir Okkulismus XXI. Jahrgang, 1 etter rch ie http://dl.ub.uni-freibura.de /diglit/zb_okkultismus 1927/0149 © Universitatsbibliothek Freiburg DFG Morpheus Armen‘ ruhen, dessen Name in dieser Hinsicht bezeichnen- derweise das Gestaltende bedeutet. Auch in religidser Hinsicht (wie verwandt beide Zustande sind, beweist der religisse Somnambulismus, wie er schon in der Antike eine groKe Rolle gespielt hat) machen wir ahnliche Wahrnehmungen, aber er hie&e das bereits den folgen- den Ausfiihrungen vorgreifen. Wir werden in ihrem Verlauf gerade auf diesem Gebiete Persénlichkeiten begegnen, welche unsere Wahr- nehmungen bestitigen werden. Mir persdnlich sind diese Gedanken im Verlaufe meiner sich iiber anderthalb Jahrzehnte erstreckenden Beschiiftigung mit dem Okkultis- mus gekommen, wobei ich eine grébere Anzshl von Trancemedien, Hellsehern und Hellseherinnen usw. kennen lernte. Als Leipziger Student besuchte ich die Sitzungen eines weiblichen Mediums, von der ich allerdings nur Trancereden gehdrt habe, die aber tiber ein vortrefflich ausgebildetes Talent als mediumistische Malerin vertigte ; ich bedauere, da ihre Zeichnungen keine gréfere Beachtung gefunden haben. Das erste, was mir auffiel, war der Umstand, da8 in ihren Trancereden (wie das wohl auch bei anderen der Fall sein mag) tatsichlich ein gutes Stiick jener Naivetét zum Ausdruck kam, von der sie auch sonst wenigstens hin und wieder etwas erkennen lie&, und die ganze Sphire dieser Sitzungen, bei denen sie stundenlang mit erhobenen Armen dastand, nalim schlieflich derart den Ausdruck des Kindlichen an (mit dem eben erwahnten Nebenbegriff), da ich es vorzog, sie nicht weiter zu besuchen, soda ich auch s2itdem spater nichts mehr von ihr gehért habe. Es mag bei dieser Gelegenheit noch anvein anderes Phinomem erinnert werden, das in diese Spliire gehért und auf das von hier aus einige Aufklirung fallen diirfte: die betriigerischen Manipulationen der Medien, die das Urteil itber ihren Wert oder Unwert betrachtlich erschweren und fiber die daher bereits eine ganze Anzahl von Daten vorliegen. Bekanntlich sind nicht nur solche Medien bei Betrug er- tappt worden, deren Leistungen bisher problematisch waren, sondern auch solche, an deren sonstiger Ehrlichkeit kein Zweifel sein kann, wie das z. B. bei Frau d’Espérance der Fall ist. Hier hilft nur die Vermutung weiter, da& es sich in letzteren Fallen um ziemlich un- geschickte Versuche handelt, den Phinomenen etwas nachzuhelfen, was sich sehr wohl aus dem naiven Untergrund des medianimen Bewubt- seins erklaren lat, mitunter z. B. bei Frau d’Esperance und E. Palla- dino war der Mangel an Geschicklichkeit so deutlich sichtbar, dak die betr. sofort des Betruges iiberliihrt werden konnte, ohne dah cine solche Handlungsweise wirklich als bewufter Tauschungsversuch auf- zutassen ware. sgetordert durch die http:/ /dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0150 © Universitatsbibliothek Freiburg Auf dem Gebiete des Hellsehens experimentierte ich seit langerer Zeit mit dem Zwickauer Hellseher C, M, dessen Leistungen auf dem Gebiet des kriminalistischen Hellsehens ich wiederholt gewiirdigt habe. Bezeichnend fiir M. ist indessen ebenfalls eine gewisse Naivetit, die ich mit einem gewissen Draufgingertum vergleichen méchte und die ihn oft in unangenehme Situationen gebracht hat. Er stieg in Ch., als ein angeblicher Telepath und Hellseher dort einen Vortrag tber disses Glahiat Niele, amaulgelordert aut dae Padivin wna Hath ben Hellseher’, cbgleich er bei der Zusammensetzung des dortigen Publi- kums zweilellos den Beweis dafir hatte schwerlich erbringen kénnen; bei der Ausiibung seines Berufes sagte er gewissen Personen auf den Kopf zu, da& sie cin Verbrechen begangen hitten, obgleich sich spaiter das Gegenteil herausstellte. Es handelt sich hier also wohl (bei der Gefahrlichkeit solcher Aussagen) um cine Art mangelndes Verant- wortungsgefahl fiir die eigenen Handlungen, wie wir das auch bei beriihmten Medien kennen, ein Umstand, der aber auch in dem kind- lichen Gefithlsleben vorhanden ist. Ein kindlich-naiver Untergrund war auch in den Aussagen einer Zwickauer Hellseherin vorhanden, deren Leistungen ich ebenfalls im Zentr. £ Okk. beschrieben habe. So staunenswert auch mitunter ihre Fahigkeit war, in mein Leben und dessen Zusammenhange einzudringen, ohne da& ich ihr die geringsten Angaben gemacht hatte, so zeigten doch ihre gelegentlichen Trance- reden in rythmischer Sprache die obengenannten Merkmale, bei denen mitunter auch ein gewisses feministisches Element zum Aus- druck kam. Ich erinnere schlieBlich noch an das merkwirdige Buch von de Rochas: Die aufeinanderfolgenden Leben, bei dem es sich allerdings nicht um spiritistische Trancemedien handelt, sondern um ticlere Zustinde der Hypnose, um Auskunlt tiber die angeblichen Vorleben der betr. zu erlangen: Die Medien nahmen eine embryonale Haltung und entsprechende Gebiirden an, d. h. es trat eine Ruckbil- dung su den ersten Stadien der Kindheit ein. was natiirlich im Simne von de Rochas als tatsachliche Ritckbildung aulgefabt werden kann, es kann sich aver auch um ein Hervortreten jenes Naiv-Kind- lichen im Sinne unserer Betrachtungen gehandelt haben. Einen weiteren Beweis fiir unsere Behauptungen bildet die Psycho- logie esoterisch Entwickelter, die auf denselben Hintergrund wie der Mediumismus hinweist, nur da& es sich im ersteren Falle nicht um je von Besessenheit handelt, sondern um Ausbildung héherer seelischer Krafte im Menschen. wenn eine solche nicht schon von vornherein durch gegebene Anlage vorhanden ist. Als Beispiele aus den Klassischen Altertum mégen hierfiir Sokrates und Plato angefiihrt werden. Ersterer, auf dessen intuitive Begabung das bekannte Dimo- “ bis | Attp://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0151 i © Universitatsbibliothek Freiburg — dm: nium hinweist, legt in dem Schlu&antrag seiner bei Plato erhaltenen Verteidigungsrede ein Zeugnis fir diese Seite seines Wesens ab, wahrend. bei Plato vor allem an seinen mifgliickten Versuch zu erinnern wire, in Syrakus bei dem Tyrannen Dionys seinen Idealstaat zu errichten. Im Mittelalter konnte in dieser Hinsichtaufden italienischen Arzt Hieronymus Cardanus hingewiesen werden, der uns in seinen Schriften (de vita sua, de varietate) anschauliche Schilderungen seiner okkulten Begabung (Ahbnungen, Heraustreten aus sich selbst usw.) hinterlassen hat. Auch bei ihm ist indessen jene Naivitaét auffallig. mit der er ther sich und andere zu berichten weil. und er berichtet z. B. mit einer gewissen ‘Treuherigkeit aber site guten und schlechten Eigenschaten, seine Schriften, seine Feinde usw., so da es verstindlich ist, da er schon zu seiner Zeit in den Ruf eines Sonderlings geriet, was auch in seiner exotischen Kleidung zum Ausdruck kam. In religidser Hinsicht wird man sich am ehesten an Franz von Assisi erinnert fiihlen, bei dem zweifellos eine hohe intuitive Begabung vorhanden war. Seine Naivi- tat teitt in manchen seinen Auferungen, aber atich in den Uber- lieferungen von ihm zu Tage z. B. in seiner Predigt an die Fische, die, selbst wenn sie nicht der historischen Wahrheit entspricht, doch beweist, daf& man im Volke das Charakterbild des Heiligen in dieser Weise aufgefagt hat. Als weitere Beispiele seien aus der jiingsten Zeit zwei der hervorragendsten Vertreter der theosophischen Be- wegung ongefiihrt: Dr. Fr. Hartmann und Dr. R. Steiner, der bekannt- lich die anthroposophische Schule begriindet hat. Wer-volle Einblicke in das Seelenleben Hartmanns laBt besonders das 11. Heft des IV. Jahrganges der Theos. Kultur tun, das kurz nach seinem Tode er- schienen ist. Neben seiner Herzensreinheit wird besonders Hs. Liebe und Anziehungskraft fiir die Kinder gerithmt. Wenn er auf der elek- trischen Bahn saf, lenkte er sofort alle Blicke der Kinder auf sich, und selbst die Kleinsten strebten (wer erinnert sich dabei nicht an das bekannte Christuswort?) auf ungelenkigen Beinen darnach, an ihn heranzukommen. ,Er war ein Meister und cin Kind* hat eine seiner vertrautesten Freundinnen von ihm gesagt. Von R. Steiner wird ganz Ahnliches berichtet, und es ist kein Zufall, daf ihn seine Tatigkeit als Anthroposoph zur Griindung der Waldorischule gefiihrt hat, die in ungleich héherem Make als unsere anderen héheren Schulen auf die kindliche Empfindungswelt eingestellt ist. Die un- giinstige Beurteilung, welche die Persénlichkeit und das Lebenswerk des verstorbenen Anthreposophen auch von seiten sonst ernst zu nehmender und urteilsfihiger okkultistischer Kreise gefunden hat, erklart sich vielleicht gerade durch jene naive Ari, mit der Steiner die Fahigkeiten, iiber die er selbst vertigte, auch bei anderen voraus- http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit /zb_okkultismus1927/0152 — = © Universitatsbibliothek Freiburg le setzte. Seine anthroposophische Schulung hat, wie das 1917 in den Psych. Stud. veréffentlichte Material zeigt, mitunter eine geradezu verheerende Wirkung gezeitigt, indem sich bei den betr. nicht nur schwere seelische und geistige Stérungen, sondern auch Zersetzung des Blutes zeigten, da sie eben in Wirklichkeit garnicht fiir jene Art von Ausbildung geeignet waren. So ist es erwiesen, da St. durch seinen unheimlichen suggestiven Einflu& besonders auf weibliche Personen sogar stérend in Familienverhaltnisse eingegriffen hat. Es ist sehr wohl méglich, da& auch hier jene Naivitit im Spiele gewesen ist die ihn das Gleiche auch bei anderen voraussetzen lie& und ihn, allerdings ohne da er sich seiner Handlungsweise voll bewuBt gewesen ist, in die Nahe der schwarzen Magie gebracht hat. Im ibrigen scheint mir die ganze theosophische Bewegung, in der sich natiirlich viele esoterisch Begabte befinden kénnen, ein Beweis fiir die Richtigkeit unserer Behauptung zu sein: es kann nicht anders denn als Naivitat bezeichnet werden, wenn viele Anhanger Steiners in ihm in allem Ermst ein Orakel sahen, an dessen Unfehlbarkeit sie nicht zweifelten, oder wenn man in solchen Vortrigen Auskunft iiber die letzten Fragen der Welt und alles Seins erhalt und zwar mit einer Sicherheit, um die man die betreffenden nur beneiden kann. Unsere Ausfithrungen waren unvollstindig, wenn wir in diesem Zusammenhang nicht auch das Christusproblem erwahnten, das ja infolge seiner Verwandtschaft mit dem Okkultismus auch in den Kreisen moderner Theologen eine zunehmende Wandlung erlebt hat. Man fangt heute auch hier die Werwandtschaft der religidsen und okkul- tistischen Sphare an zu begreifen, und es sind eine ganze Reihe von Arbeiten erschienen, die die Miglichkeit offenlassen, dai Christus tatsaichlich magisch-intuitive Krifte im héchsten Grade besessen hat. Th. Spengler weist in einer Abhandlung (Nietzsche und der Uber- mensch in Zum Licht*) daraufhin, da auch bei Christus Ziige jenes Ubermenscl.en vorhanden seien, der auch N. vorschwebte, und wir werden hinzufiigen kénnen, da& darin eben der Ausdruck jener tiber- ragenden magischen Krilte vorhanden ist, durch die sich Christus ,eins mit dem Vater* d.h. im innersten Zusammenhang mit dem Weltgeiste fihlte. Daneben liegen aber auch Worte von ihm vor, die beweisen, daf& auch in ihm der Meister neben dem Kind lebte, um mit jenem Worte iiber F. Hartmann zu reden: er la&t die Kinder za sich kommen und preist sie selig (Mare. 9, 36), ja er macht geradezu die kindliche Gesinnung abhingig von der Aufnahme in das Himmel- reich, mit der zweifellos nichts anderes als das EinheitsbewuStsein mit dem Unendlichen gemeint ist. Es ist daraut hingewiesen worden, da& manche Worte Christi wie das tber die Sorge um das tagliche | http: //dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0153 i © Universitatsbibliothek Freiburg = if Brot (Matth. 5) sich ohne weiteres nicht auf unser heutiges Leben ubertragen lassen, aber wir werden sie verstehen, wenn wir sie vom Standpunkte jener Naivetét deuten, die auch hier vorhanden ist: Christus lebte eben in so enger Gemeinschaft mit dem Ewigen, da er der Sorge um das tigliche Brot enthoben war. Wir kénnen z. B. annehmen, daf ein blo&er Wunsch von ihm um gastliche Aufnahme geniigte, um bei anderen die betr. Handlung auszulésen. Auch dic Worte tiber Gebetserhérung und Siindenvergebung lassen sich ahnlich deuten, indem sie die engste Gemeinschaft mit dem Weltgrund vor- aussetzen: Christus setzt das ohne weiteres (ebenso wie die Wirkung des Glaubens, der Berge versetzen kénne) auch bei anderen voraus, denen an sich diese Kraft nicht eigen war; erst durch das Plingst- wunder wird nach urchristlicher Auffassung sei Geist auch anderen zuteil, die nun gleich ihrem Meister Kranke heilen. Tote erwecken usw. So zeigt die ganze spatere Entwicklung des Christentums jenes Aus- einanderstreben von Ideal und Wirklichkeit von dem beriihmten Wort des Apostels Paulus tiber die Unzulanglichkeit des menschlichen Willens (das Gute, das ich will....) bis zu den schweren Seelen- kampfen mittelalterlicher Heiliger, wie der heiligen Therese, bei der an Stelle des Glaubens eine bis ins einzelne geschilderte Uberwin- dung der verschiedenen Stufen auf dem Wege zur Gottheit vorhanden ist. Auch die heilige Therese besaf eben an sich noch nicht dasjenige, was Christus eigen war und was er ohne weiteres auch bei anderen voraussetzt. In unserer Zeit des religiésen Suchens und der religiésen Er- neuerung hat sich auch die Literatur mit diesen Problemen beschaf tigt und in ihren auf das Expressionistische ausgehenden Tendenzen wiederholt okkulte Motive herangezogen. Ich erinnere nur an zwei Werke dieser Art: den Roman von Kellermann: ,Der Tor‘ und die Tragikomédie von Rehfisch: ,,Wer weint um Juckenack?* bei der man wohl cher alles andere als okkulte Motive vermuten miéchte. Aber der Autor weist selbst in diese Richtung, wenn er von einer ,mysti- schen Wohltatigkeit* des Helden spricht: Der Obersekretir Juckenack war infolge einer ,,Herzattacke" beinahe an die Pforte des Jenseits ge- langt und kehrt nun mit dem Bewuftsein ins Diesseits zurtick, daé er driiben nicht eher Aufnahme finden kénne, bis er wenigstens cinen Menschen hinterlasse, der ihm im Tode nachtraure. Er gibt sich in- folgedessen in einer wahllosen Wohltitigkeit aus, bei der jene Naivetat nur zu deutlich hervortritt, bis er schlieSlich im Konflikt mit den Staatsgesetzen und denen, die er sich zunichststehend glaubto, zu Grunde geht. In dem Buche von Kellermann ist es der Vikar Grou, dessen Mitgefiihl mit allen Kreaturen sich fast ins Sensible auswichst, sgefordert darch die http:/ /dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0154 © Universitatsbibliothek Freiburg — Pe der aber dabei fast die gleichen Erlfahrungen wie der Held in der Reh- fischeschen TragikomGdie macht, da er in seiner Naivetat alle Berech- nung aufer ache la&t ~ auch er hat schlieBlich das gleiche Schicksal, da er mit den Gesetzen dieser Welt in Konflikt kommt. Damit ist schon einiges itber die Erklirung dieser eigenartigen Erscheinung gesagt, wobei wir allerdings mehr als bisher zwischen cigentlichem Mediumismus und der Intuition magisch Entwickelter werden unterscheiden miissen. Bei dem Mediumismus als solchem kann es sich sehr wohl um eine Riickbildung ins Kindliche handeln, wie ja auch bei solchen Gelegenheiten Erinnerungen aus der Kindheit au Tage tréten. Bei magisch Begabten liegt eine andere Erklarung niher: ihre geistige Entwicklungsstufe erklart sich eben daraus, da& sie in sich nach Uberwindung aller Vorurteile und Leidenschaften das Kindliche im Menschen wiedergefunden haben. Beides ist zu- einander kein Widerspruch, da ja auch der Mediumismus, wenn auch mitunter in sehr niedrigem und unvollkommenen Sinne, auf hdhere Schichten des menschlichen Seelenlebens hinweist, und es mag nur noch erwahnt werden, daf{ ja umgekehrt auch bei Kindern Mediu- mismus festgestellt worden ist. Auch die Forschungen iiber die Kind- heit der Menschheit scheinen darauf hinzuweisen, da& sie damals iibersinnlichen Einfliissen noch weit mehr als heute zuginglich ge- wesen ist, Berichte aus dem Leserkreise. Von Studienrat O. Heyner. Den Beweis, da& auch im Vulgarspiritismus sich in der Regel die Geister abgeschiedener Menschen betiatigen, hoffe ich in noch stirkerem Ma&, als es in meinen Berichten iiber das Schreibmedium H. Sch. des Herrn A. geschah, noch in Folgendem zu erbringen: In der okkulten Literatur finden sich geniigend gut verbiirgte Falle, die spiritistische Bekundungen Verstorbener zu sein scheinen oder zum wenigsten sich nur als solche deuten lassen, Ich konnte sogar aus dem Leserkreise einen solchen anfiihren, namlich den von Frau Studienrat Schiippel-Priem, Dortmund, Johannisstrake 2. In- zwischen ist mir aus dem Leserkreise noch cin zweiter zugegangen, von dem mir persénlich bekannten Herrn Dr. jur. C. B. in K. Da die Erzihlung einen andern Herrn schwer belastet, darf ich leider keinen vollen Namen angeben, Herr Dr. B. schrieb mir Juni 1926: »Vor einigen Jahren (in der Inflationszeit) starb ein alterer Freund von mir. Kurz vor seinem Tode trug er seiner Frau die letzten Griihe | http: //dl-ub.uni-freiburg.de/diglit/zb-okkultismus1927/0155 “0 © Universitatsbibliothek Freiburg — 3 — fiir mich auf und verband damit die Bitte, ich méchte seiner Frau bei der Regulierung der Erbschalitssache zur Seite stehen. Das Testa- ment war fiir den dltesten Sohn, der zugleich mit seiner Mutter allei- niger Inhaber eines sehr guten, gréferen Handelsunternehmens wurde, sehr giinstig, wahrend die tibrigen Kinder kaum so gut gestellt wurden. Der Verstorbene hatte aber in erster Linie das Geschait auf seiner sicheren Grundlage belassen wollen. Denn ein gleichmaBiges Be- denken der samtlichen Erben hatte den Ruin des Geschaltes bedeutet. Ich trat nach einiger Zeit mit der Frau, dem ltesten Sohne und einem Schwiegersohn des Verstorhenen zusammen, um dem Wunsche des Verblichenen nachzukommen und um zu sehen, was zu tun sei. Sehr erbaut war ich nicht von dem Auftrage, da man bei solchen Sachen stets auf Schwierigkeiten sté&t. Wohl oder iibel mu&te ich ihn annehmen, Ich sah auch bei der ersten Zusammenkunft sofort, da& der Sohn, der nun das Geschaft leitete, nicht mit der Sprache herauswollte. Die iibrigen Erben wollten aber Klarheit haben. Leider war die Frau von ihrem Manne iiber den Stand des Geschiiftes und Vermégens nicht geniigend unterrichtet worden. Es folgten noch einige Sitzungen, aber cin Status wurde uns trotz aller Versprechungen von dem Sohne nicht vorgelegt. Nun erklarte er plétzlich, dak noch eine sehr groke Schuld vorhanden sei, die durch Auslandsgeschalte entstanden und deren Summe, wahrend der Inflationszeit nach deut- schem Gelde berechnet, ungeheuer hoch sei, Es war Tatsache, dak mit dem Auslande Geschiite getatigt waren. Ob und wieweit aber eine Abdeckung der Schuld stattgefunden hatte, konnte man nur durch die Biicher feststellen, Nach Aussage des Sohnes war nur eine ganz kleine Summe abgedeckt, wihrend ungefahr 95% der ur- spriinglichen Schuld noch zu begleichen waren. Es wurde auch in dieser Sitaung zum Ausdruck gebracht, da& dann ja die ganze Firma bankrott sei. Ich hatte gerade damals Besuch von einem der be- deutendsten Medien aus Deutsch-Osterreich. Eines Abends meldete sich bei einer Sitzung der Verstorbene durch Klopflaute, und wir be- kamen durch Vermitthing des Kontrollgeistes ein Diktat. Denn der Verstorbene war wohl damals noch nicht soweit, da er flieend diktieren konnte. Auch das muf gelernt werden, und zwar syste- matisch. Hieriiber besitze ich verschiedene Beispiele. Das Diktat des Kontrollgeistes im Auitrage des Verstorbenen lautete: ,Er bittet dich und deine Frau, ihn anzuhéren und Hille zu bringen. Er bittet, Frau und Kinder die Erbschaft nicht durch Eigennutz schmalern zu lassen, sondern seine Hinter- lassenschaft mit Liebe zu teilen. Er ist ungliicklich itber seinen Sohn.“ sgetordert durch die | http:/ /dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0156 “a © Universitatsbibliothek Freiburg Darauf erklarte ich, da& da gar nichts mehr zu teilen ware, denn durch die hohe Auslandsschuld ware das Geschift, sobald auf Zah- lung gedrangt wiirde, erledigt und miifte Konkurs anmelden. Darauf kam das Diktat: »Das stimmt nicht. Sein Buch weise aus im Kassen- schrank.* Durch Fragen und Antworten bekam ich dann noch heraus, daf die Schuld bestanden hat, da8 sie aber fast vollstiindig bis auf einen kKleinen Bruchteil abgetragen sei, da& man aber wegen bestimmter Sachen diese Abdeckung durch ein Geheimbuch hat gehen lassen, wie es ja in vielen kauimannischen Betrieben gefiihrt wird. Aus diesem Grunde war die Abdeckung der Auslandsschuld auch nicht aus den Biichern zu ersehen. Einige Bemerkungen, die diktiert wurden und die das Verhalten des Sohnes kennzeichneten, will ich iibergehen. Als mir der Schn dann bei nichster Gelegenheit das Bestehen der Auslandsschuld wiederum bestitigte, sagte ich ihm, da’ ich doch mal sein Geheim- buch im Kassenschrank cinsehen méchte. Ich kénnte ihm nur sagen, daf& die Schuld bis auf eine ganz kleine Summe abgetragen sei. Bei meinen bestimmten Worten erbleichte der Sohn und gestand seine Schuld cin. Zweifellos nahm hierdurch die Regelung eine andere Wendung, und zwar zum Besten der andern Erben. Mir wurde nach einiger Zeit gesagt, die Sache sei jetzt vollstindig in Ordnung, die Erben hatten sich geeinigt. Dadurch war auch meine Titigkeit als ein Werkzeug héheren Willens erledigt. Mein alter verstorbener Freund meldet sich aber in den Sitzungen cod WE GA A Se ER Re QE) WAR ee ohne fremde Beihilfe Diktate gibt“ Ebenso itiberzeugend fir wirkliche Bekundungen Verstorbener auf spiritistischem Wege wie dieser Fall und der von Frau Studienrat Schiippel-Priem ist der folgende, den mir Herr Freiherr v. Schlichting auf Gurschen bei Schlichtingsheim bei Glogau und sein Freund Herr v. W. mitteilten. Auf dem Spukschlo& Gurschen nahm ich mit Frau Karlik und Herrn Welkisch Marz 1924 Untersuchungen vor, iiber die ich in einem friiheren Jahrgang des Z. f. O. berichtete. In friiheren Heften fiihrte ich auch einen Brief des Herrn v. W. an, in dem ich die besten Spukberichte tber Gurschen brachte. Freiherr von Schlichting und Herr von W. waren vor dem Zu- sammenbruch Deutschlands Offiziere in dem Ziillichauer Ulanen- regiment gewesen. Wa&hrend des Krieges saen einmal beide Herren an einem Tisch und lieKen ihn klopfen. Bei dieser Gelegenheit meldete sich durch das Klopfalphabet ein gefallener Offizier der Ziil- | http: //dl-ub.uni-freiburg.de/diglit/zb.okkultismus1927/0157 “0 © Universitatsbibliothek Freiburg me Dw lichauer Ulanen und teilte seinen beiden Kameraden mit, sie mdchten doch einer gewissen Dame seinen Dank abstatten, da& sie am so und sovielten auf seinem Grab cinen Kranz mit weien Rosen nieder- gelegt hawe. Aus Anlaf dieser auBergewhnlichen Mitteilung be- gaben sich beide Offiziere zu dieser Dame, um festzustellen, ob etwas Wahres an den Angaben des Tisches sei. Zu ihrem Erstaunen er- fuhren sie von der Dame, da sie tatsiichlich an dem genannten Tage einen Kranz mit wei&en Rosen aul das Grab des gefallenen Offiziers gelegt hatte. Eine andere Erklarung als die spiritistische diirlte schwerlich das Ritsel dieser Tischbekundung lésen, und zwar aus folgenden Griinden. Weder Herr von Schlichting noch Herr v. W. hatten bisher zi dieser Dame niahere gesellschaftliche Beziehungen irgendwelcher Art. Auch mit dem gefallenen Offizier hatten sie nur fliichtige Berihrung gehabt. Denn kurz bevor er fiel, war er erst in das Ulanenregiment versetzt worden, soda er noch keinem der alten Regimentsoffiziere hatte naher treten kénnen. Also Hellsehen oder Gedankeniiber- tragung kénnen. hier nicht im Spiele gewesen sein, zumal sowohl Herr von Schlichting als auch Herr v, W. keinerlei Veranlagung fiir diese Gaben besitzen. Weitere gute Belege dafiir, da& der Spiritismus nicht auf Selbst- tausching, sondern auf wirklichen Mitteilungen abgeschiedener Geister beruht, bringt cin Dresdener Leser unserer Zeitschrift, ein Herr O., den ich persénlich kenne. Seine ganze Familie besitzt mediale Krilte, vor allem sein Sohn. Herr O, ist kein Leichtglaiubiger, sondern ein Mann, der sich nur von Tatsachen itberzeugen und in seinem Handeln bestimmen Ja&t, wozu er schon durch seinen Beruf als Gro&kaufmann erzogen ist. Er schreibt: »Schon in meiner Jugend hatte ich fiir das sogenannte ,{Jber- natiirliche* das gréfte Interesse, war aber trotzdem ein starker Zweifler. Was ich nicht selbst sah und begrilf, war einfach nicht da. So konnte ich mir bis zu meinem 38. Jahr keinen rechten Glauben aneignen. Ich suchte aber, wo ich konnte. So nutzte ich spater die Gelegenheit, an spiritistischen Sitzungen teilzunehmen. Aber auch sie befreiten mich nicht von meinem Bedenken. Am Schluf der Sitzungen war ich stets der Meinung: es kann sein, kann aber auch nicht sein. Da kam mir ein kleines Buch in die Hinde: ,,Wie leite ich einen spiri- tistischen Zirkel.“ Ich beschlo&, an der Hand dieses Buches spiri- tistische Sitzungen mit meiner Familie abzuhalten, weil ich in deren Kreise gegen Tiuschungsversuche geschiitzt war." Die erste Sitzung erGffneten wir an einem Herbstabend 8.30 h. http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0158 © Universitatsbibliothek Freiburg sofort durch die FG 4 Pees Teilnehmer waren mein damals 15 jéhriger Sohn, meine 18 jahrige Tochter, meine Frau und ich. Das Zimmer war verdunkelt. Nach einer Kettenhildung v m 15 Minuten Dauer vernahmen wir an ver- schiedenen Orten des Zimmers knackende Gerdusche, nach weiteren 15 Minuten hob sich der Tisch. Fast an jedem der folgenden Abende veranstalteten wir erneute Sitzungen. Wir arbeiteten mit Buchstaben- Klopfen und hatten stets Erfolg, teilweise schon nach 2 Minuten. Spater kaufte ich mir einen ,.Additor,“ mit dem sich schneller arbeiten lie& als mit dem Tisch. Vor allem hatten wir stets Erfolg, wenn mein Sohn die Hande auflegte; in der Regel kam der Erfolg augenblicklich. Ein leises Zittern ging durch seine Hinde, und der Apparat setzte sich in Bewegung. Auf alle Fragen bekamen wir Antworten, und zwar gute und schlechte. Den Antworten, die ich priifen konnte und die mich interes- sierten, ging ich nach. Meistens waren es Unwahrheiten. Im Groen und Ganzen enthielten die Mitteilungen, die wir durch Schreiben be- kamen, nichts Besonderes, schwer leserliche Namen und meist unge- reimtes Zeug. Bei einer Sitzung sayte mir einmal mein Sohn: ,,Vater, wenn du fragst, hére ich bereits die Antwort auf deine Frage.‘ Sehr sonderbar war allerdings eine Sitzung, bei der wir die Nachricht er- hielten, daf& meine Schwiegermutter anwesend Mein Sohn hatte an ihr, seiner Grof&mutter, sehr gehangen, als sie noch lebte. Ich sagte: Ich glaube nicht, da& die GrofKmutter da ist.“ Darauf kam dic Antwort: ,Hans wird die Mutter sehen, wenn ihr das Licht ausdreht.* Ich ermahnte meinen Sehn noch besonders, dah er sich ja nicht iuschen lasse und uns dauernd iiber das, was er sehe, berichte. Das Licht wurde nun ausgedreht und nach einer Weile begann mein Sohn: ,,Die Grokmutter sitzt auf dem Ledersola. Damit ich ihr Ge- sicht besser sehen kann, streicht sie sich die Haare aus dem Gesicht. Jetzt kommt sie durch den Eftisch gelaufen, jetzt geht sie zuriick, setzt sica-wieder. Jetzt verschwindet sie wie ein Nebel.“ An einer der ersten Sitzungen erhielt ich einmal Folgendes: Es meldete sich ein Mann, der behauptete, in meinem Nachbargrund- stiick gewohnt zu haben. Er nannte seinen Namen, das Stockwerk, in dem er gewohnt haben wollte, und behauptete, sich vor 20 Jahren erschossen zu haben. Da das Grundstiick erst 25 Jahre alt ist und noch Mieter darin wohnen, die gleich nach seiner Erbauung einzogen, stellte ich forschungen an. Weder von dem genannten Namen noch von einem Selbstmord war etwas bekannt. Auch andere Mitteilungen, die ich gut nachzupriifen in der Lage war, haben nichts Positives ergeben. Trotzdem fiihre ich die Mit- teilungen, die uns durch den Tisch und durch Schreiben gemacht http: //dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0159 © Universitatsbibliothek Freiburg DFG = (F— wurden, aul Geister zuriick, was sich aus dem Folgenden ergibt. Nur halte ich die Wesen, die sich meldeten, fiir keine guten. Bei Sitzungen mit meiner Familie hob sich der Tisch im hell- erleuchteten Zimmer 20 cm vom Fubboden und legte sich viele male auf den gegeniibersitzenden Teilnehmer. Bei Antworten schnellte er sofort wieder in die Héhe und klopfte zwei-, drei--zehnmal hinter- sinander. Dabei brannte die Speisezimmerkrone mit 6 Birnen. Als in einer Sitzung wieder einmal Mitteilungen kamen, die ich nicht glaubte, und ich entsprechende Bemerkungen fallen lic&, sprang der Tisch im hellerleuchteten Zimmer wiitend hin und her, sodaf wir alle Mithe hatten, ihn vor dem Umlallen zu schitzen. Eine zeitlang schwebte er sogar, um dann mit grokem Krach zu Boden zu fallen, Wir hatten auch einen Schreibapparat angeschaift, dessen Blei- stift sich unter der Hand meines Sohnes, durch die vorher jedesmal ein kurzes, starkes Zittern ging, stets regelmé in 2--3 Minuten in Bewegung setzte. Als wir durch diesen Apparat eines Abends wie des Sfteren wieder einmal unwahre Angaben erhielter, mag ich heltig geworden sein, Da fing der Apparat geradezu an zu tanzen und wurde heliig hin und her geworfen. An diesem Abend sagte ich, da& wir nun keine Sitzungen wieder halten wiirden. Wir haben Wort gehalten und nie wieder eine Sitzung veranstaltet. Unseren beabsichtigten Zweck hatten wir ohnedies erreicht. Allerdings wurden wir in der ersten Zeit lortwahrend gereizt, die Sitzungen wieder aufzunchmen. Schon beim Morgenkeliee stellten sich knackende Gerdusche ein, die den ganzen Tag anhielten und sich nicht nur im Wohnzimmer, sondern auch in den anderen Zimmern und in der Kiiche kundgaben. Wir blieben aber standhaft; nach und nach lie&en die Gerausche nach und verschwanden spiter ganz. Ich wurde jedoch nach einiger Zeit schwer nervenkrank. Der Nerven- zasammenbruch wahrte 3 Monate. Diese Krankheit schiebe ich, zum gréBten Teil wenigstens, auf die spiritistischen Sitzungen. Meine Ertahrungen auf dem Gel us fasse ich wie folgt zusammen: Ich bin nach jahrelangem Suchen nur durch den Spiritismus tiberzeugt worden, da& es unsichtbare, vernunitbegabte Kriifte gibt, die meines Erachtens persdnlich sein miissen. Ich méchte aber jedem abraten, sich mehr als nétig ist mit Spiritismus zu befassen. Vor allen Dingen rate ich, mit den unsichtbaren Kraften héflich zu sein, was ich nicht immer war. Die Héflichkeit darf man selbst dann nicht unterlassen, wenn man sehr gefoppt wird. Stets mu man bitten und danken und bei Aufhebung der Sitzung die Unsichtbaren auf fordern, in ihr Reich zuriickzukehren. Keineslalls darf man Schick- salsfragen stellen. Zum wenigsten darf man den Antworten, die man http:/ /dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0160 =» mE EG © Universitatsbibliothek Freiburg afd = auf solche Fragen erhalt, nicht ohne weiteres glauben. Es ist sehr viel Lug bei diesen Kriften, was auf niedere Wesen schlieKen labt, soge- nannte Foppgeister. Wer seinen Glauben ohne Spiritismus findet, soll seine Hinde von diesem unheimlichen Gebiet lassen, In der Regel wird man die Geister, die man rief, schwer wieder los. Vor allen Dingen konzentriere man sich nicht auf die Beeinflussung jener Kriafte, mache sich nicht willenlos, da sonst Besessenheit maglich ist. Ich behaupte sogar, daf$ diese Wesen die Menschen beeinflussen. Als ich den Spiritismus avigab, wurde ich bei meinen Abendgebeten durch Zufliistern von Fliichen und sonstigen garstigen Worten gestért. kurz, ich konnte nicht mehr so rein beten wie friiher. Ich bin aber trotzdem froh, den Spiritismus kennen gelernt zu haben. Die Uber- zeugung, da cs eine jenscitige Welt, cine Welt unsichtbarer Geister gibt, habe ich durch ihn gewonnen; und dadurch ist mir mein Leben erst lebenswert geworden, hat erst wirklichen Inhalt erhalten.“ (Fortsetzung folgt). Das UnterbewuBtsein. Von Max Zeif Wir unterscheiden ein zweifaches Bewuftsein: das Tagesbewukt- sein, also das Bewuktsein, das der Mensch im wachen Zustande be- sitzt, und das sogenannte Schlal- oder Unterbewuftsein, welches, wie schon der Name sagt, im Schlaf oder vielmehr im schlafahnlichen Zu- nd das erstere ablést. Denn nicht nur im Schlaf, sondern auch im schlafahnlichen Zustand, Hypnose, Katalepsie, Nark: usw., tritt das UnterbewuStsein in die Erscheinung. Viele Forscher wollen die Phanomene der Hypnose iiberhaupt einzig und allein auf das Unter- bewuStsein zuriickfihren, Wie hier die wissenschaftliche Forschung sich auch entscheiden wird: feststehend kann heute schon gesagt werden, dak dasselbe fir die Manifestationen der Hypnose, des Okkultismus, der Materialisation und Immaterialisation, wenn iiberhaupt, nicht ausschlag- gebend, jedoch zum mindesten stark beeinflussend ist. Schon aus diesen Worten geht hervor, da& das Unterbewuktsein. noch ein weites unerforschtes Gebiet ist. Da es zurzeit noch kein konkretes, also sinnlich wahrnehmbares, sondern ein abstraktes, als die Resultante logisch-theoretischer Beweisschliisse sich widerspiegeln- des Gebiet darstellt, so sind wir zunachst nur auf reine Vermutungen iber dasselbe und seine wunderbaren, das Ma menschlicher Erkennt- nisse dfter iiberschreitenden Wirkungen angewiesen. http: //dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0161 © Universitatsbibliothek Freiburg DFG — m4 Um dieses alles besser zu verstehen und zu wiirdigen, miissen wir uns zuerst ber das Bewuktsein selbst klar werden. In objektiver Hinsicht verstehen wir unter Bewuktsein die Zu- sammenfassung aller jener Vorstellungen, welche dem Individuum be- wut, bebier alb vavhandsh gewibt, atad. ‘In sulijektiner: das Wined’ von Vorasllungen Ubethanpi, diecsogenainis Bowukthalg, ta aetérer Auffassung steht es dem NichtbewuStsein, der Erinnerung, nahe, d. h. jenen Eindriicken und Vorstellungen, dic einmal im Bewubtsein Fu gefaBt, im gegenwartigem Augenblicke jedoch vergessen, unter gewissen Umstinden jedoch wieder dahin zuriickkehren kdnnen, (scharfes Nach- denken, Wiederauftauchen gewisser Personen, Tiere, Gegenstiinde usw.) also unter der Schwelle des BewuBtseins (dunkel) gegenwartig liegen. In zweiter Auffassung liegt es dagegen der UnbewuStheit, d. h. dem Nichtwissen um seine Vorstellungen gegeniiber. Um dieses naher zu erklaren: die Menge der bewuften Vor- stellungen ist in Gegeniiberstellung zu der der unbewuften win? klein. Locke hat dies schon erkannt und spricht mit Recht von der yEnge des BewuStseins“. BewuStsein und Konzentration sind die beiden Faktoren, die in letzterer Hinsicht ibre fiihrende Rolle spielen, ja sie bedingen sich in dieser Auffassung direkt gegenseitig. Nicht mit Unrecht spricht man von einer Weltabgeléstheit. Der Schrift- steller, der Gelehrte, der tiber eine Arbeit gebeugt sitzt, haz fiir dic ihn umgebenden Reize und Geriiusche kaum ein Ohr, die dem im gleichem Raume sich befindlichen direkt Unbehagen einiléfen, trotz dem die Schwingungen ihn wie jeden anderen treffen. Der Schlafer kann nur durch grébere Reize erweckt werden u.s.f. Diese soge- nannte Konzentration der Vorstellungen braucht sich aber durchaus nicht auf sinnlich wahmehmbare, sie kann sich sogar auf rein geistige Begebenheiten erstrecken. Nur zu oft kann sich der Erwachte nur auf einen einzigen Traum besinnen, trotzdem ihm durch das Gehirn viele Bruchteile anderer Traume gehen, dic er bestimmt in derselben Nacht getriumt. Der Narkotisierte, der Wahnsinnige gibt jene Ein- driicke wieder, die er im Zustande der Betaubung, seines Deliriums, klar gesprochen und fortwihrend wiederholt hat. Wir sprechen hier von einem Verlust des BewuStseins, weil zwar nicht diese sondern das Wissen um dasselbe verloren geht. Wir spre bei im weiteren von einer Ich- und Nichtichvorstellung und bezeichnen jene indifferente Zone, wo die innere und dufere Welt schari von- einander getrennt sind, schlechthin mit Bewufisein. Dieses vorausgeschickt, nahern wir uns unserem eigentlichen Thema, dem Unterbewuftsein. Uber dasselbe sind eine Menge mehr oder weniger sich in den agetordert durch die http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0162 © Universitatsbibliothek Freiburg = {i= Nebel kiihner Phantasie verirrender Abhandlungen veréffentlicht wor- den, und noch immer la&r dieses interessante, weil mit allem Beiwerk des Geheimnisvollen ausgestattete Thema die doch schon reichlich miiden und abgenutzten Federn nicht schlafen. Was ist nun in Wirklichk eit das Unterbewuftsein, so kénnen und miissen wir uns nun ernstlich fragen? Wie ich schon eingangs erwihnte, kénnen wir diese Frage nur rein relativ, also verhaltnismakig, beantworten, da wir es hierbei vor- weg mit einem der materiellen Untersuchung nicht zuginglichen Organ zu tun haben. Die Alten, insonderheit die klassische philosophische Schule, ver- legten bekanntlich den Sitz der ,Seele“ in die Zirbeldriise (glandula pinealis oder epiphysis cerebri), ein embryonaler Rest eines Kanal- stitckes, durch welchen das Gehirn in jener Zeit mit der Aufenflache de Kapiee a VeRRRg am Be at hehe Beweekenaus Rivéch. gréKe und als Ink den sogenannten ,Gehirnsand‘, das sind Kalk- kérnchen. Der fortschreitenden Erkenntnis und Forschung konnte natiizlich diese sonderbare Lokalisation der Seele nicht lange stand- halten, zumal den exakien Untersuchungsmethoden und den hier- mit Hand in Hand gehenden Erfahrungen der neueren, geschweige denn der neuesten Zeit. Wir haben es bei dem sogenannten Unterbewn8wein in Wirk- lichkeit mit einer jener feinsten Modifikabilitét der innersten Gehirn- zellenkonstruktir zu tun, die sich infolge der derzeitig unzulanglichen materiellen Hilfsmittel gegenwéartig der direkien Forschung noch ent- zieht, die aber nach Ausschaltung der groben Tagesreize ein iiberaus foines Residium zuriicklaft, das, hochsensitiv, nicht nur die Zusam- menfassung aller jener Abwehrmafregeln des persénlichen Schutzes des Individuums in sich schlie&t, sondern auch die Heramungen der Gegenreize mehr oder weniger aufhebt, auf Schwingen einer ganz besonders gesteigerten Konzentration Zeit und Raum iiberbriickt und so in die Ferne des Wunders hiniiberspielt, bezw. an dieses heran- zureichen sich bestrebt. Denn es ist durchaus nicht gesagt, dak das Unterbewuktsein sich zu direkten Verbrechen gebrauchen lat. Alle ernsten Forscher stimmen darin tiberein. Es scheint, als wenn die Natur auch noch auf dieser erdenfernen Stufe dem Individuum ge- se Erkenntnisméglichkeiten offen ge! und Untergang bewahren. Der exakten Forschung bietet sich gerade auf diesem tiefpsycho. logischen Gebiet noch ein weites und dankbares Arbeitsleld. Dah 8 ssen hat, die es vor Gefahr es fiberwiltigen und bis za seinen dunkelsten und geheis vollsten Tiefen ergriinden wird, unterliegt gar keinem Zweifel. | http: //dl-ub.uni-freiburg.de/diglit/zb.okkultismus1927/0163 “0 © Universitatsbibliothek Freiburg DFG — 16 — wire auch interessanter und dankbarer gerade hier den Seherblick hineinzulenken als auf cin Cebiet, mit dem sich seit Jahrhunderten und langer die Besten und Weisesten resultatlos beschiitigt, und das nicht nur fiir Fortschritt und Bildung, sondern fiir die Verwirklichung jener unfa&baren Sehnsucht seinen Teil beitriige, nach der die Mensch- heit solange schmachtet? — Denn Gehirn ist alles. Haben wir die tielsten Geheimnisse desselben erforscht, so haben wir die Bahnen frei far eine ganz andere Lebensauffassung, fiir wahres Gliick, Zu- friedenheit und jenes tiefste, bis jetzt dunkelste Geheimnis nach Ur- sprung, Zweck und Sinn des Lebens! Interessant ist es, da auch nach jeglicher Ausschaltung der sinn- lichen Haupterkennmisquellen, des Gehirns und des Sehvermigens, sich geheimnisvolle Leitungsbahnen zu dem Gehirn dffnen und dem Individuum somit nicht jeden Trost nehmen. Den Hauptteil hierbei scheinen die Riickenmarknerven mit ihrem zahllosen Gezweige, in- sonderheit den Ganglienknoten, zu haben. So héren Taubstumme auf diesem Umwege Musik und geben heasisterte Schilderangen: von diesen. ihren Pindriicken; Blindb-wiseen den Reiz malerischer Landschatten, prachtigen Gemilden usw. bis ins kleinste entziickt wiederzugeben. Haben wir dort es mit direkten Reizen, die die Nerven nach dem cerebrum leiteten, zu tun, so spielt hier offenbar die verschicdene Schwingungszah] der Farben eine be- deutende, vielleicht sogar die ausschlaggebende Rolle, die das von anderen Reizen nicht oder nur schwach beeinflugte Nervenzentrum je nach Individualitit, Neigung und Temperament zum Gehirn weiter- leitete und es hier mit den reichen Gaben einer schwingenden Phantasie ausschmiickte. Natiirlich ist in beiden Fallen cine absolute Konzentration und Neigung und Begabung eine unerli8liche Voraussetzung. Daher kommt es auch, da& nur Wenige und Auserwihlte diese Eindriicke haben. Daf sie aber vorhanden sind, ist Tatsache, und das geniigt. So Sffnet sich der ringenden, nach Erkenntnis strebenden Mensch- heit Siegel um Siegel der geheimnisvollen Natur. Dali wir sie ganz ergriinden, ist zu weit gegriffen. Wenn wir aber nur das erforschen, was sie als giitige Gabe in uns selbst hineingelegt, ist uns dadurch schon ein Geschenk gegeben, das uns zum unendlichea Segen ge- reichen kann! http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0164 © Universitatsbibliothek Freiburg agetordert darch die FG — 161 — Geistiges Atmen. Von H. M. Peltzer In den letzten Jahren sind unzahlige Schriften iiber die Heil- kraft einer richtigen Atemfiihrung in den Handel gebracht worden. ‘Man hilt Vortrage itber verschiedene Atmungssysteme und gibt Kurse mit praktischer Anleitung, die bei gewissenhafter Durchfiihrung nicht nur Befreiung von allen erworbenen und ererbten Krankheiten bringen sollen, sondern noch viel weitergehend eine allgemeine Regeneration des Kérpers und des Geistes in Aussicht stellen, die zur Entwicklung und Veredlung der kommenden Rasse von allergréfter Bedeutung ist. Wie steht es aber nun in Wirklichkeit mit den Erfolgen auf diesem Gebiete? Es ist merkwiirdig und es fallt mir immer wieder auf, da& die meisten Menschen, die sich mit Begeisterung praktisch diesen Atemiibungen hingeben, nicht die Resultate erzielen, die ihnen verhei{en wurden. Bla& und nervés sche ich die Menschen, die mir von ihrer Atemkunst erzéhlen. Seit langen Jahren ein Suchender aut geistigem Gebiet, wollte es mir keine Ruhe geben, bis ich die Ursache des Miferfolges gefunden hatte Man sagt mit Recht: Wer tief denkt, der atmet auch tief. Eine mangelhafte Atmung setzt immer ein mangelhaftes Wollen und Vollbringen voraus. So naheliegend nun der Gedanke ist, durch eine Schulung der Atmung zum Erfolge gelangen zu wollen, so glaube ich doch, gerade hier den Schliissel zu allen MiGerfolgen gefunden zu haben, da die meisten Bringer dieses Allheilmittels von der Wirkung ausgehend zum tielen Denken gelangen wollen, anstatt die Ursache, das tiele Denken, zu schulen, aus dem sich dann eine ciele, unge- hemmte Aumung ganz von selbst ergibt. Ich habe persénlich die Er- fahrung gemacht, daf bei fast allen, namentlich bei sensiblen Menschen, die ihre Konzentration auf eine tiefere Atmung lenkten, der ganze Kérper wie in eine steife Spannung geriet, die fiir den Gesundhe zustand eine viel schlechtere Wirkung haben muf, als wenn wir bei unserer altgewohnten Atmung verbleiben. Ging ich aber mit ihnen ins Freie und sagte ihnen, sie méchten versuchen, den feinen Duft, der Wiesen und Waldern entstrémt, gefiihlsma&ig wie mit allen Poren des Kérpers in sich auizunehmen, dann atmeten sie zum ersten Mal tief und frei. Eine mehr materiell veranlagte Dame lernte z. B. ohne Schwierig- keiten eine tiele regelmaBige Atmung, nachdem ich ihr erklart hatte, da® sie garnicht an den Atem, sondern nur an das langsame Aus- dehnen und Zusammenziehen der Muskeln denken sollte. Das An- halten des Atems ist einfach Muskelkraft. Unser BewuStsein, oder Zenwalblatt fr Okkulismus, XX1 Jabegang. u | http: //dl-ub.uni-freiburg.de/diglit/zb.okkultismus1927/0165 “0 © Universitatsbibliothek Freiburg — 162 = die Atemstiitze fiir die seitlichen Muskeldehnungen des Kumpfes, mu& dabei in der Zwerchfellgegend basiert sein, damit die Einatmung wie nebensichlich, ohne Spannung der Halsmuskeln, mitgehen kann. Wir miissen zugeben, da& diejenigen dem Ding an sich ent- schieden naher kamen, die die feinen Duftausstrahlungen gefiihlsmahig auinahmen, da hier bereits die ersten Anfinge einer stillen Versenkung begonnen hatten, wihrend im anderen Falle erst eine rein materielle hemmungslose tiefere Atmung erreicht wurde, die in der Gesangs- kunst in hohem Make erforderlich ist. Der lebendige Odem ist aber ein anderes als der: materielle Atem, sonst miiften alle Sanger durch die Schulung der Atmung auch tiele Denker sein. Was ist denn in Wirklichkeit das tiefe Denken? Nichts anderes als stille Versenkung in das grof{e Ganze, aus dem uns alle groken individuellen Gedanken als Inspiration zuflieben. Um in dieses Denken eingehen zu kénnen, brauchen wir vor allen Dingen eine tiefe, heilige Ruhe, die unsere geistige Antenne aulnahmefihig fiir neue Ein- gebungen macht. Bewegung ist Kraftentfalung in der Aufenwelt, Ruhe in der Innenwelt. Zuviel Tatigkeit geht auf Kosten der Innenwelt, der Welt der Ideen und Inspiration, in der die Frauenpsyche in der Regel starker ist; zuviel Ruhe auf Kosten der Verwirklichung und Produk- tion, in der der Mann meist erfolgreicher ist. Daher auch das Uber- wiegen beriihmter erfolgreicher Manner in der sichtbaren Welt. Kraftentfaltung in der AuSenwelt ist jedem Menscher bekannt, aber die Ruhe als Kraftentfaltung in der Innenwelt, die zur Inspiration fihrt, kennen die wenigsten Menschen. Die schépferische Ruhe ist vélliges Losgeléstsein des Kérpers und des Geistes. Diese Ruhe in mir herzustellen, war dic schwicrigste Aulgabe meines Lebens. Je mehr wir nimlich unsere Willenskraft anstrengen, nichts zu denken, umso toller spukt es in unserem Gehirn. Ablenkung ist hier das einzige Mittel, das zum Ziele fihrt. In bequemer Lage oder Haltung, den Kopf etwas nach riickwarts geneigt, die Augen geschlossen oder verloren auf einen Punkt ge- richtet, lauschen wir versunken auf das Fin- und Ausstrémen unseres Atems. Wir verlegen dabei unser BewuStsein in die unterhalb der Magengrube gelegene Nervenzentrale unseres Kérpers, um dann den Atem mit der Vorstellung der Ruhe von aufen durch alle Poren und Zellen, wie durch einen Schwamm, langsam in unser BewuStseins- zentrum hereinzuziehen und ebenso wieder auszustrémen, bis zuerst die eigentliche Ubung und dann selbst die positive Vorstellung von Ruhe in uns verblaft. Wir lockern sozusagen die Vorstellung von Ruhe, um nun in der Ruhe selbst zu verharren. sgetordert darch die http:/ /dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0166 © Universitatsbibliothek Freiburg — 163 — Wenn wir durch diese Ubung erst einmal die gewiinschte Ab- lenkung erreicht haben, werden wir diesen scheinbar komplizierten Weg ganz von selbst vereinfachen kénnen und unseren eigenen Weg finden. Es werden zwar bei taglicher Ubung ein paar Monate ver- gehen kénnen, bis der geforderte Zustand erreicht wird, doch fiahrt auch hier Ausdauer und Hingabe bestimmt zum Erfolg. Wir miissen vom Kinde lernen, das ohne Ungeduld und Spannung die ersten Geh- versuche macht und iiber jeden kleinen Fortschritt begliickt ist, bis es eines Tages jede Stiitze losla&t und das Wunder vollbringt. Wie aber die Beherrschung der Gliedmafen fir das ganze Leben des Kindes von gré%ter Bedeutung ist, so wichtig ist fiir den Geistes- menschen die Kunst der inneren Ruhe durch die Beherrschung der Gedanken. Mit der inneren Ruhe wird uns dann wie selbstverstandlich der fe Atem des Denkers, und wiederum mit diesem die Inspiration, die uns in allen Lebenslagen vermittelt, was uns frommt. Der Intellekt als Diener des Geistes hat nur die Aufgabe, die Inspiration zu bleiben- dem Besitz zu ordnen, Ich lasse hier zum besseren Verstindnis eine Anrufung folgen, die sich infolge der Ruhetibung in mir formte als Zeichen der Er- fallung, Anrufung! Einsamkeit, stille begliickende Einsamkeit! Wie springen die Tore meines Herzens aul, wenn ich still und andachtsvoll dem Rhythmus deines groKen Atems lausche. Du geheimnisvolle Seele des Alls, aus der mir alles zustrémt, was ich in tiefster Seele erbitte. Lal mich auch heute jene Stille finden, die meinen Atem tiefer und meinen Herzschlag ruhig macht. Laf mich auch heute jene Stille finden, die jede Zello meines Kérpers im Schauer Gliicks erbeben Ja8t, wenn Du, Unsicht- barer, mir sanft und zart wie em Frithlingshauch iiber den Scheitel wehst. Du grofer Unsichtbarer, mein Lebenselexier! Eintriit in das geistige Reich wahrend des Einschiafens und Schlatherbeifiihrung. Von C. W. Morlian. Diejenigen Menschen, die auf okkultem Gebiet vorangekommen sind, erfassen immer mehr das Wesen des Geistigen. Dieses ausschlaggebende Wesen wirkt ja so eminent auf alle Gebiete des menschlichen und Welten-Seins, da8& es volle Befriedigung in jeder Beziehung auslést. Und auf eine kurze Formel gebracht kann man sagen: Der Witz und die Pointe des Lebens ist: wohlbefriedigt zu werden. Womit der Mensch sich gliicklich fiihlt Das mannigfache a | http: //dl-ub.uni-freiburg.de/diglit/zbokkultismus1927/0167 “0 © Universitatsbibliothek Freiburg — 164 — Wesen des Geistigen ist zunichst unerschpflich. Immer mehr Faden zu allem Irdischen und zu weiterem Geistigen werden offenbar. Fihlt man erst einmal die geistige Schicht, die sich ausbreitet und wirkt, dann kommt man zur Lésung der Seelen- und Welten-Ratsel, zur restlosen Befriedigung. Der Mensch steigt weiter voran. Es soll nun nachstehend einiges dariiber gesagt werden, wie geistiges Wirken wihrend des Einschlafens bewuft werden kann. Die Erlebnisse richten sich zunichst nach der Individualitat, oder besser der seelischen Verfassung des Menschen. Sie vermégen also von Diesen oder Jenen in verandeter Form und Nuance wahrgenommen za werden. Aber in der Kraftewirkung aus dem Geistigen liegt fir alle doch das Gemeinsame, Wer sich zur Ruhe begibt, kann vielleicht anfangs nicht ein- schlafen. Ihn behelligen vielleicht noch Gedanken, die er gelesen oder gehért hat. Er sucht auch vielleicht noch weitere Gedanken- verbindungen. Selbstverstindlich versperrt er, weil er seinen tage- wachen Geist anstrengt, seinem nachtwachen Geiste, der der Be herrscher des Schlafes ist, zuniischt den Zutritt. Darum muf der Mensch die Tagesgedanken auszuléschen suchen. Dieses kann ge- schehen durch den entsprechenden Willensentschlu$ oder durch die sogenannte Einbildungskraft, wie sie Coué lehrte, indem man andauernd fiir sich wiederholt zum Beispiel: [ch werde einschlafen, ich werde einschlafen usw... .“ ‘Wendet man Gelassenheit und Gleichmut an, wird man ein- schlafen. Wenn dieses ftir Menschen mit umiassender geistiger Tatigkeit und kosmischer Einstellung noch ‘nicht sobald geschieht, dann kann der Gedanke an die geistig-kosmische Aufnahme helfen. Dieses bewuRte Vorgehen von der irdischen Ebene aus eriibrigt sich nun, wenn die direkte Wirkung von der geistigen Ebene aus bewaRt wird. Das vermag’ ich folgendetwaise darzuma: Vor dei Auge im dunklen Raum treten Bildumrisse auf. Man hat, weil man sich zur Ruhe begeben hat, die Augen geschlossen. Hinter den leiblichen Augen wachen die geistigen. Die geistigen Augen nehmen zunachst’ umri®weise Bilder wahr. Zunachst tritt ein Bild auf, ein Punkt, ein Strich, eine Linie, ein Kreis, ein Ring, Wellenlinie, Winkel, geballte Form usw. Der Mensch hat noch sein Tagesbewuktsein. Er schlaft ja noch nicht. Da diese Bilder gegeniiber den Sinnendingen neuartig sind, so fesseln sie den Menschen. Mer Mensch richtet seine Erkenntmisfahigkeit auf die Bilder. Er will sie naher und klarer schauen und ergriinden, was sie sind. Aber von selbst tite dieses der Mensch garnicht, wenn die Bilder nicht schon eingewirkt hiatten, agetordert darch die http:/ /dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0168 © Universitatsbibliothek Freiburg — 165 — bevor er sie sieht. Sie haben ihn schon innerlich beeindruckt, Dann erst treten sie sichtbar auf. Und indem der Mensch nun seinen geistigen Blick, sein Bewuktsein strker auf diese geistigen Erscheinungen richtet, um ihr Wesen besser zu erfassen und ihren Ursprung, ihre Bedeutung zu ergrinden, fahlt und merkt er, da& diese Bilder ihn intensieren. Sie wirken auf Organe iam fan, spennen an, kriltigen, Der Menech Milli einen: wolltuanden Zustand. Und in diesem Wohlgefiihl, das gleichzeitig Erhebung be- deutet, wird der Mensch noch mehr intensiv. Er méchte die Bilder festhalten, Nun sind inzwischen weitere Bilder hinzugekommen, Sie wechseln fortdauernd ab. Der Mensch sieht eine bewegliche geistige Bilderwelt. Und diese Bewegung rhythmisiert ihn. Er sieht auch Symmetric in der Bilderfolge und ahnt den gesetzmabigen Ablauf. Das Treiben wirkt so sympathisch, da& der Mensch bald sein Tages- bewuStsein vergiSt. Er gelangt in den Schlaizustand und ist bald fest eingeschlafen. Am andern Tage erinnert er sich der Bilder. Er vergi@t sie tiberhaupt nicht mehr, d. h. er kann sich ihrer zu jeder gegebenen Zeit erinnern. Mit freudigem Gefiithl sieht er auf diese scharf wirkenden Bilder zuriick. Am ni&chsten Abend treten vielleicht diese Bilder nicht wieder ins WachbewuStsein, obwohl sie der Mensch herbeisehnt. Das lehrt den Menschen, dais er sich gezwungen gab, daf er nicht Gelassenheit und Gleichmut anwandte. Aber an anderen Abenden treten diese Bilder wieder auf. Vielleicht liegt der Mensch ¥/,, */,, 1 Stunde oder noch linger wachend im Bet. Warum? Weil ihn innere Gedanken und Eindriicke vom Tage beschiftigen, Plétzlich erkennt er, da& diese Gedanken und Eindriicke ihn hinderten, einzuschlafen, Er ver- sucht bewuSt, das Tagesbewutsein zu verdringen und lauscht dem Nachtbewuhtsein entgegen. Er wartet auf die Bilder. Hat er sich richtig geistig-kosmisch eingestellt, dann kommen sie. Kommen die Bilder nicht, dann gelingt es dem Menschen meist auch dadurch, dab er das Tagbewuftsein verdrangt hat, einzuschlafen, Er hat also den Schlaf durch seinen Willen gefunden. Nervése Personen méchten sich im Willen schulen. Sie werden dann auch die Nervositit, die Erregtheit itberwinden. Die positive, umfassende Willensschulung erreicht man, wenn man geistig-kosmisch eingestellt ist, sich in den grofen geistigen Kosmos zur Ruhe begibt. Ein Satz, sakramental empfunden und betont: ,In dir gehe ich auf* oder Du nimmst mich auf* vermag da Wunder zu wirken. Das wiederholte Eintreten der Bilder macht den Menschen nun immer mehr gliicklich, optimistisch, positiv und erkenntnisreicher. Der Mensch will von den Bildern noch mehr wissen. Er weil, die | http: //dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb.okkultismus1927/0169 “0 © Universitatsbibliothek Freiburg — 166 — Bilder fiihren positiv zum Schlafzustande, und er fihlt, da& er wohl wahrend des Schlafzustandes ganz in einer solchen Bilderwelt des Geistigen verweilt und da’ diese anregenden und wechselvollen Bilder so auf seinen Geist, seine Seele und seinen Kérper wirken, daB& sie alles regenerieren, soda& er gestarkt und belebt sein neues Tagewerk beginnen und vollfiihren kann. Und er hat den Wunsch, nun noch mehr zu wissen von diesen Bildern, was sie sind, wie sie entstehen und was fernerhin noch an Lebendigem dahinter steht. Denn diese Bilderwelt allein kann das Geistige noch nicht sein, es mu da noch Realeres dahinter verborgen liegen. Der sich strebend bemithende Mensch aber hat zundchst als Anhalt nur diese Bilder. Auf diese muf& er fir sein weiteres Forschen sehen. Er ver- sucht, die Bilder zu fixieren. Sie stehen. Er richtet seine Konzen- trationskraft auf ein Bild. Da, es bewegt sich nicht mehr. Es steht und verharrt und wirkt schweigsam auf den betrachtenden Menschen. Damit aber werden Seclenfihigkeiten im Menschen ergriffen. Die Seele wird regsam. Es ist ein Band zwischen Seelenfahigkeiten und Bild. Der Mensch weil: mit diesen Bildern hange ich ursachlich zusammen. Dann wandelt sich wiederum das Bild. Jetzt sind es nicht mehr Punkte, Striche, Linien, Winkel, Kreise, Ringe, Flachen usw., sondern Gebilde und Formen, die dem Dreidimensionalen der Kérper- welt entsprechen. Jetzt sind da Gestaltungen von Blittern, Pflanzen, Baumen, Steinen, Felsen, Hausern, Tiirmen, Mecreswellen und -Wogen, Kugeln, Globen usw. und weitere Gebilde, die phantastisch geformt sind, auf Tierlebewesen deuten und manchmal zur Menschenform hin- weisen und Weiteres zeigen, das dem Menschen vollauf neu ist. Aber diese Gestaltungen fangen an zu schillern, in Farben zu wechseln, feurig zu erscheinen, zu leuchten, zu glinzen, im Lichte aufzugehen, sich fortwahrend andernd und Neues gebiarend, ein wirbelnder Reigen- tanz, jedoch nach Gesetz und Ordnung, Ma& und Ziel. Das wird dem Betrachter immer interessanter, er vergi&t seine Kérperlichkeit und schlaft ein. Ey hat am nachsten Tage und fiir die Zukunft das volle Wissen von dem Geschauten. Bei dem nachsten Male ist der Mensch wiederum erkenntnisreicher geworden. Er achtet noch mehr auf die eintretenden Bilder, und in dem Wohlgefiihl, aus dem heraus er geistig betrachtet, vermag er nun nicht allein nur die Sichtbarkeit, sondern auch die Ténbarkeit der geistigen Bildvorginge zu vernehmen. Damit sind weitere Seelenkrafte in ihm geweckt und gestimmt, die ihn bereichernd zum Schlafe fithren. Die Unfehlbarkeit, mit der diese geistigen Erscheinungen zum Schlafe fithren, ist fiir den Menschen késtlich. Nun taucht der Ge- sgetordert darch die | http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit /zb_okkultismus1927/0170 “a © Universitatsbibliothek Freiburg — 167 — danke und der Wunsch auf: man méchte wihrend des Schlafes ganz bewuS&tvoll bleiben, um in dem geistigen Reich oder Zustand Weiteres zu erkennen und zu erleben. Denn ein Mensch, der diese Bilder hat, wei schon aus dem, wie diese Bilder sind und wie sie wirken, daf& er wihrend des Schlafes in diesem Reich verweilt, und erlebt, daB er auch von dort seine Direktiven holt, die ihn zu neuer Arbeit befihigen, Neues erreichen lassen und voranfiihren. Er weif, da in diesem NachtbewuStseinszustand, diesem geistigen Reich, alles das geistig vorhanden ist, was irdisch ist und noch irdisch werden will, und daf noch viel anderes dort vorliegt. Die Zukunft hieraus zu ent- nehmen, ergibt sich in einer solchen logischen Form, die nicht gut von anderswoher iitbertrumpft werden kann. Es ist eben dort das Urwirken, das Urgesetz und demgema& die Urwahrheit vorhanden. Aber fiir diesen Dauerbewuftseinszustand sind eben egoistische Wiinsche nicht brauchbar. Die geistigen Gesetze und Wirkenskrifte zeigen sich bei ehrlichem Streben, verstehender, mitliihlender Fiirsorge, bei Gelassenheit und Gleichmut. Moralische Eigenschaften und menschenwiirdige Ein- stellung sind ja nétig. Die Verbindungen aus dem Geistigen riicken zu weiterer Erkenntnis heran. An positiver, wohlmeinender und helfender Einstellung mége es nicht fehlen. Einige Anregungen fiir Hellseher. Von Theodor Siebert. Die Durchsicht des kiirzlich erschienenen sehr interessanten Buches von Dr. Rouhier, ,Die Hellsehen hervorrufenden Pflanzen“ erinnert mich an persdnliche Erfahrungen, die ich vor vierzig Jahren machte- Schon seit meinem 14. Lebensjahre hatte ich eine groke Vor- liebe fiir all: geheimen Wissenschaften (Aszendent Krebs - Sonnen- zeichen Skorpion), und besonders interessierte mich das Hellsehen. Die ersten Versuche fallen in mein 18-19, Lebensjahr. Ich sah da- mals in einer neuen, weiSen, mit Wasser gefiillten Flasche das Bild meiner Mutter, die zu dieser Zeit etwa 50 km entfernt weilte. Nach der Riickkehr meiner Muiter konnte ich ihr genau beschreiben, wo sie zur bestimmten Zeit gewesen und mit wem sie gesprochen hatte. Ein anderes Mal konnte ich in einem Spiegel eine Quelle in Strak- burg sehen, die ich damals noch nicht kannte, aber spiter wieder- erkannte, auch sah ich meine spitere Frau sowie einen alten Herrn im gleichen gewéhnlichen Spiegel. Beide Personen lernte ich erst 6-7 Jahre spiter kennen. Ich hatte bei diesem Spiegelversuche ein | http: //dl-ub.uni-freiburg.de/diglit/zbokkultismus1927/0171 “0 © Universitatsbibliothek Freiburg — 168 — Raucherpulver, bestehend aus Mehl, Milch, Honig, Safran und Weih- rauch, angewendet. Nach meiner Militarzeit unterblicben diese Ver- suche zum Teil, da ich gelesen hatte, da das Kristallschauen die Augen anstrenge, was ich ebenfalls schon bemerkt hatte, zum Teil auch durch den Kampf ums Dasein verhindert. Wahrend meiner Militérdienstzeit hatte ich ein Erlebnis, das mich sozusagen mit der Nase darauf driickte, da& eine Voraussicht in die Zukunft méglich ist. Ich sagte mit dem Hilfsmittel ,,Teleskop des Zoroaster einem meiner Rekruten am 1. Weihnachtstage 1889: ,.Der 4. Mai ist ein kritischer Tag fiir Sie“ - An dem Tage wurde ich kommandiert, diesen Mann auf 6 Wochen in Arrest zu bringen. Bei dieser Gelegenheit erinnerte er mich selbst an meine auf den Tag eingetroffene Prophezeiung. Im gleichen Jahre kaufte ich in Strakburg eir: sehr seltenes, aber wirklich wertvolles Buch, das mir leider vor 8 Jahren verloren ging. Der Titel ist: Dr. Leo Pard (Pseudonym), ,Der Zukunftsspiegel oder die Kunst, vernunitgemal zu prophezeien,* erschienen 1870 in Leipzig. Der Verfasser dieses Buches, ein sehr gelehrter und weitgereister Herr, hat darin sehr wertvolles Material zusammengetragen. Sowcit mein Gedichtnis reicht, sei folgendes erwihnt. Schon die Altesten Volker hatten Wahrsager, mannlichen und weiblichen Geschlechts, und im Alten Testament ist von Prophetenschulen die Rede. Die Priester der alten Vélker suchten jedenfalls nach bestimmten Kenn- zeichen (!) gewisse, zum Hellsehen in Raum und Zeit gecignete Per- sonen aus. Zu Ende des 17. Jahrhunderts lebte in Frankreich ein Avrzt namens Serre, der sich viel mit Wahrsagerkiinsten beschiiftigte. Er reiste im Lande umher und forschte nach Kindern, die er fiir ge- eignet hielt, zu Propheten ausgebildet zu werden. Diese Kinder, meist armerer Eltern, kaufte er einfach unter allerhand Versprechungen. In seinem Hause machte er dann allerlei Experimente und Versuche. In der Hauptsache lie’ Serre diese Kinder erbarmungslos hungern! Er hatte gefunden, da& das Fasten eines der besten Mittel sei, um Ge- sichte zu erlangen. Zu gleicher Zeit, etwa 1700-1706, entflammten in Freakreich die sogenanncen. Camivarden-Aulaande. Die evange: lischen Camisarden wurden von der Regierung wegen ihrer Religions- form schwer bedrangt, sie schaarten sich zusammen und wehrten sich gegen ein grokes Heer Regierungstruppen verschiedene Jahre sehr energisch. Das kam daher, weil Serre mit seinen Prophetenkindern bei den Aufstandischen war und diese Kinder alle Bewegungen der Regierungstruppen hellschend voraussahen und durch ihre Prophe- zeiungen die Ihrigen anfeuerten. Der Fiihrer der Camisarden war ein einfacher, aber l6wenmutiger Mann namens Jean Cavalier, dessen Ge- schwister zu den begabtesten Schiilern Serres gehérten und die ihn http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0172 © Universitatsbibliothek Freiburg agetordert darch die — 169 — uber alle Stellumgen und Absichten der Regierungstruppen auf dem Laufenden hielten. Da, nach mehreren Jahren erfolgreichen Wider- standes, kam die Prophezeiung eines der Kinder: Der Aufstand wiirde durch einen Verrater unter den Camisarden niedergeschlagen werden. Serre, der unbedingtes Vertrauen in seine Propheten setzte, floh darauf- hin nach Deutschland, wo er gegen 1710 noch cin Buch (wo?) tiber seine Erfahrungen drucken lie&, aber dann verschollen ist. Wenn die Aufstandischen meinten, der Arzt Serre wire der prophezeite Ver- rater, so beruhte dies wahrscheinlich auf einem Irrtum, denn ihr eigener Fiihrer, Jean Cavalier, lie8 sich in Unterhandlungen mit der Regierung ein, bekam einen Posten und starb nach vielen Jahren als franzé- sischer General, (!) Tieck hat davon einiges in seiner Novelle ,Der Aufstand in den Cevennen* verwertet. ,Leo Pard‘t kam dann auch zu den Drusen, einem tapferen Bergvolke im Libanon, deren Reli- gion ein eigenartiges Gemisch aller bekannten Religionen ist und die vor einigen Jahren den Franzosen arg zu schaffen machten. Unter den Drusen verkeh:te Pard mit mehreren Eingeweihten und erfuhr vieles tiber thre Gebrauche. Einige steigerten durch den Genuf von Haschisch ihre Hellsichtigkcit. Pard machte dann eigene Versuche und zieht zum Schlusse das Resultat seiner Erfahrungen, die ich nach- her mit verwerten will. Da die Ausfuhr von Haschisch verboten ist so gelang es mir etwa 1900 nur durch einen Bekannten in Damaskus, eine kleine Probe zu erhaiten, mit welcher ich aber fast nichts er- zielte. Entweder ist mein Haschisch nicht mehr wirksam gewesen, oder, was auch méglich, sogar sehr wahrscheinlich ist, mein Magen reagierte nicht auf diese Arznei. Biergenu& ist nach Dr. Pard schadigend fiir das Hellsehen! Ich méchte deshalb, auf das Buch des Herrn Dr. Rouhier zuriickkommend, anraten, folgende Leitsitze mit zu beriicksichtigen bei dem Gebrauche der hauptsachlich empfohlenen zwei amerikanischen Drogen. 1. Die Zukunft ist uns Menschen durch géttliche Weisheit ver- borgen, es kann aber durch Zulassung Gottes (Hauptsache!) sowohl Raum als auch Zeit durch geeignete Personen iibersehen werden, wo- fir uns hier unzweifelhafte unanfechtbare Beweise vorhanden sind. 2. Von weiteren Mitteln sind zu nennen: a) Besondere Befahigung, Begabung, durch Astrologie oder sonstige Methoden zu ermitteln. b) Geeignete Lebensweise: Reine natiirliche Pilanzenkost, ein- gezogene, abgesonderte Lebensfiihrung, frei von Schuld, auferdem Keuschheit. Diese Keuschheit darf aber nicht erzwungen sein, wie denn jeder Zwang nur Mittel- gut hervorbringt. Gelegentliches Fasten! | Attp://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0173 i © Universitatsbibliothek Freiburg — 170 — c) Ubung, méglichst unter persénlicher Fihrung eines Lehrers. d) Nur gelegentlicher Gebrauch einer Stimulanz, sei es Haschisch, Raucherungen, Yaye, Peyotl oder auch nur ein reiner, (nicht saurer) Wein. Pard halt echten Cham- pagner fiir sehr geeignet. Jedes Land hat jedenfalls die fir seine Bewohner passenden Pflanzen. e) Wenn der Hellseher auherdem von scharfen, ausgebildeten Verstand ist, also iiber eine gute allgemeine Bildung und umfassendes Wissen verfiigt, so kann er sehr wahrschein- lich seine Gesichte besser verdeutlichen als bei nur geringer Bildung. Fin scharfsinniger Mann wird mehr und deutlicher von einem fremden Lande erzdhlen kénnen als ein Kindergemiit, f) Ob sich der angehende Hellseher auferdem noch bisher nicht erwahnter Hilfsmittel, wie Kristalle, Glaser, Spiegel, auch Karten, Zahlen, Runen oder sonst dergl. bedient, ob er zur Erzeugung der Hellsichtigkeit die Handflache, die Augen, das Haar (Schafer Ast) besieht, ist neben- sachlich. Jedenfalls ist ohne, wenn auch noch so geringe Befahigung zum Hellsehen in keiner der nach hunderten von Arten zéhlenden Wahrsagekiinste etwas besonderes zu erreichen. Wenn die Gelehrten sich dazu verstiinden, bei den oft sehr gering geschatzten Praktikern, mag es nun eine befahigte ,,Karten- hexe* oder ein Medizinmann eines Urvolkes sein, sich umzusehen, so wiirden sich noch sehr erstaunliche Dinge auch wissenschaftlich feststellen lassen, die zwar schon von altersher bekannt sind, aber bis jetzt ins Reich der Fabel verwiesen werden. Meiner Anschauung nach diirite zuerst das Problem des Hell- sehens in den Raum in unserer Zeit des Radios und des elektrischen Fernsehens durch viel vollkommenere ,menschliche Antennen“ gelést werden. Telepathische Wechselbeziehungen. Von Dr, Warcollier. Ins Deutsche iibertragen von E. Stéber. In den beiden Fallen telepathischer Vorkommnisse, von welchen hier die Rede sein soll, sind der Agent und der Perzipient dieselben. Es besteht nur eine Vertauschung der Rollen. Im ersten Falle ist der Agent A und der Perzipient B, im andern Falle ist B der Agent agetordert darch die http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0174 © Universitatsbibliothek Freiburg — im — und A der Perzipient. Die beiden Beobachter sind Briider, welche durch cine auherordentlich groke Zuneigung verbunden sind. Diese telepathischen Wechselbezichungen sollen nicht verwechselt, werden mit gegenseitigen telepathischen Halluzinationen, wie sie Gurney, Myers und Podmore im 16. Kapitel des ,Phantasms of the living* studiert haben und in welchen die Richtung des Stromes nicht sicher besimmt ist. Die Beobachter A und B sind gleichzeitig Agent und Perzipient, indem A die Botschaft von B empfangr und B im selben Augenblicke diejenige von A. Ob es sich aber um telepathische Wechselseitigkeit oder um wechselseitige telepathische Halluzinationen handelt, diese Frage wird gestellt, und man kann sagen gelést. Man konnte sich hier die Frage vorlegen, ob ein spezielles tele- pathisches Temperament dem Agenten und ein anderes dem Perzi- pienten eigen ist. Die Beobachtungen bestatigen die Ergebnisse unserer Versuche, d. h. da& die guten Perzipienten sehr oft auch ausgezeichnete Agenten sind. Gewi, es ist nicht nétig, ein Perzi- pient zu sein, um ein Agent sein zu kénnen, aber der Prozentsatz der Erfolge in der experimentellen Telepathie wachst, wenn man die Ver- suche mit guten Peizipienten macht. Ein guter Agent steht in bewukter Beziehung mit seinem Unter- bewuftsein, wie es auch bei einem guten Perzipienten der Fall ist. Es ist auch eine Abstimmung erforderlich: Zwei aufeinander abge- stimmte Persénlichkeiten sind zueinander Agent und Perzipient. Wir teilen nicht die haulig anzutreflende Ansicht, da& der Agent einen starken Willen haben miisse, welchen er dem Perzipienten auf zwingt, und da& der Magrietiseur seine Versuchsperson beherrschen muh, Es kommt, wenigstens nach unseren Versuchen, weniger auf den Willen als auf die Abstimmung an. Man kann seine Gedanken nicht durch die Kraft, sondern durch die Zuneigung aufzwingen. Man steht nicht in psychischer Wechselseitigkeit mit einer Person, weil man es will, sondern weil man sie liebt. Gleichgiiltigkeit ist ein absolutes Hindernis, sich telepathisch beeinflussen zu kénnen. Es ist allein die Zuneigung, welche die telepathische Ubereinstimmung herbeifiihrt. Kurz, zwei Wesen sind aufeinander abgestimmt oder sie sind es nicht. Diese Ubereinstimmung kann unter Briidern nicht allein seelisch, sondern auch psysisch, physiologisch sein. Ich kenne die beiden Versuchspersonen persénlich und erhielt von Ihnen die nachstehenden Briefe. 1. Fall. Sehr geehrter Herr! Sie lieRen mich durch meinen Bruder Ludovic um einen Bericht bitten tiber die telepathische Begebenheit, die sich vor einiger Zeit | http: //dl-ub.uni-freiburg.de/diglit/zb.okkultismus1927/0175 “0 © Universitatsbibliothek Freiburg — 172 — zwischen meinem Bruder und mir ereignete und von welcher mein Bruder Ihnen schon persénlich Mitteilung gemacht hat. Ich war am 28, Oktober zwischen '/,12 und 12 Uhr im Begriff, mein Mittagsmahl einzunehmen. Meine Haushilterin trat damit ein. Als sie mich erblickte, blieb sie erschreckt an der Tiire stehen, und ganz bestiirzt sagte sie: ,Was fehlt Ihnen, Herr Pfarrer? ,,Nichts, Marie‘, antwortete ich. ,Es fehlt Ihnen ganz sicher etwas, Sie sehen krank aus, das sieht man Ihnen an“ Mein Gesicht war offenbar so verzerrt, da& ich sehr leidend aussah. - ,,Nein, Marie, es fehlt mir nichts, ich bin nicht krank.“ Die Augen der Frau fiillten sich mit Thranen. ,Sagen Sie mir doch, warum Sie plétzlich so schlecht aussehen. Entweder sind Sie krank oder Sie haben einen groken Kummer.“ »Beruhigen Sie sich,“ antwortete ich, ,,ich bin keineswegs krank. Aber ein grokes Ungliick mu$ meinen Bruder betroffen haben. Ich emplinde seit einigen Minuten, indem ich an ihn denke, einen Kummer, welchen ich nicht naher angeben kann, der mich aber schwer bedriickt.” Teh muff ‘ninculligen, mein Hern, G28 amein Berder-audh mein teuerster Freund ist, mein zweites Ich, und dak die Liebe und Zu- neigung, die uns verbindet, selten ihresgleichen findet. Meine Haus- hilterin tat ihr Méglichstes, um meine triiben Gedanken abzulenken. Es war aber vergebens. Ich blich den ganzen Tag sehr verstimmt Am folgenden Morgen erhielt ich einen Brief von meiner Schwagerin, in dem sié mir mitteilte, da& meinem Bruder vormittags zwischen 11'/, und 12 Uhr ein Autounfall zugestoBen. sei und da& ihm die linke Kniescheibe gebrochen sei. Wenige Tage darauf befand ich mich bei meinem Bruder. Als ich ihm erzahlte, was ich im Augenblick seines Ungliicksfalls erlebt hatte, antwortete er mir: ,,Das iiberrascht mich nicht. Als ich von dem Auto umgeworfen wurde und ich mir des ganzen Ernstes meiner Lage und ihrer Folgen bewufst wurde, dachte ich sofort an Dich, an meine Frau und an den groKen Schmerz, den Ihr empfinden werdet, ivenn The Mich mai Leben lang ale Krippel sehen maBien Da hase dieses Geliihl also empfunden. Dies ist der Fall von Telepathie, der damals zwischen meinem Bruder und mir vorkam, Ich hoffe, er wird Sie interessieren, Sollten Sie noch irgendwelche Erlauterungen wiinschen, so werde ich Ihnen gern damit gefillig sein. Hochachtungsvoll Pfarrer Renault. agetordert darch die http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0176 © Universitatsbibliothek Freiburg — 173 — 2. Fall. Schr geehrter Herr! Meinem Versprechen nachkommend sende ich Ihnen den er- betenen genauen Bericht iiber den Fall unvorbereiteter Telepathie- Ich habe die Ansichtspostkarte meines Bruders wiedergefunden. Diese erméglicht es mir, das vollkommene Gelingen jenes Versuches festzuhalten. Ich lege diese Karte als Beweisstiick bei, bitte jedoch, mir die Karte wieder zuriicksenden zu wollen. Am Sonntag, den 6. August 1917, stand ich des morgens sehr spat auf, Meine Frau befand sich im Nebenzimmer, dessen Verbin- dungstiir offen stand. Plétzlich denke ich an meinen Bruder. Ich sehe ihn in den Pyrenien, auf dem Pic du mi Er lachelt meiner Frau und mir zu, driickt uns beiden die Hand und spricht: ,Meine Lieben, wir miissen recht bald einen Ausflug in die Pyrenaéen zu- sammen unternechmen. Wir werden dann den Pic du Midi besteigen. Von dem Observatorium hat man eine herrliche Aussicht. Méchte es doch bald méglich sein!* Indem er so sprach, sah ich das Obser- vatorium des Pic du midi, oder genauer ausgedriickt, eine Ansichts- karte, ahnlich wie die beigefiigte. Ich kannte iibrigens schon diese Karte, aber keineswegs den Pic du Midi, In Wirklichkeit war meine Vision eine Vergrdésserung dieser Ansichtskarte. Da ich das Gefiih! hatte, daf& irgend etwas vor sich ging, fragte ich meine Frau: ,,Woran denkst Du?* Sie antwortete, daf& sie an meinen Broder und an die Pyrenaen denke. Ich teilte ihr meine Ge- danken mit und wir haben die Stunde autgezeichnet, Dienstag vor- mittags erhielten wir die lifer beiliegende Karte von dem Obserwa- torium des Pic du Der unvorbereitete Versuch war also gelungen. Mein Bruder befand sich zu diesem Zeitpunkte im Hospiz de Bagnéres in den Pyrenien, aber ich konnte nicht vermuten, daw er an diesem Tage den Pic du Midi besteigen wiirde. Es besteht zwischen m.inem Bruder und mir eine wunderbare Harmonie. Ich glaube, dai wir mit etwas Flei& auferordentlich gute Resultate er- zielen wiirden, Ich stehe Ihnen fiir etwaige weitere Auskunft vollstandig zur Verfiigung. Hochachranewall Ludovic Renault 14, rue Milton, Paris. Abschrift der Ansichtskarte: Meine Lieben! Da ein Gewitter die telegraphische Verbindung, welche den Pic du Midi mit Bagnéres verbindet, unterbrochen hat, kann ich leider kein Telegramm senden, das Euch mein liebevolles | hitp://dl-ub.uni-freiburg.de/diglit/zb.okkultismus1927/0177 “0 © Universitatsbibliothek Freiburg — 174 — Gedenken von der Héhe des Pic du Midi bringen sollte, wo ich einen herrlichen Sonnenaulgang auf der ganzen Kette der Pyreniien beobachten konnte. Thr kénnt Euch nicht vorstellen, wie schén und ergreifend dies war. Ich hoffe nur, dah ich eines Tages das Ver- gniigen haben werde, den Aufstieg mit Euch nochmals machen zu kémnen. Wir sind in Baréges um */,1 Uhr des Nachts aufgebrochen; um 1/,5 Uhr waren wir hier. Von Mamelon aus habe ich Euch telepathisch mein Gedenken und liebevolle GriiRe gesandt, es war auf den Schlag 10 Uhr. Sagt mir doch, ob Ihr zu jener Zeit an mich gedacht habt. Ich erwarte mit Ungeduld Eure Nachrichten. 9. November 1925, Sehr geehrter Herr! Ich habe den Bericht nicht gelesen, welchen Ihnen mein Bruder liber den Fall des Pic du Midi gegeben hat. Darum wei ich nicht, ob er Ihnen die Einzelheiten mitgeteilt hat, welche mich selbst als Ubermittler betreffen. Wenn ich mich recht erinnere, war es am ersten Sonntag des Monats August 1917, als ich in Gesellschaft ciniger Freunde von Baréges aus den Aufstieg auf den Pic du Midi unter- nahm. Wir befanden uns seit Sonnenaufgang auf der Spitze. Gegen 9 Uhr’) kamen wir in der Nahe des Observatoriums. Ich sagte zu meinen Kameraden: ,Entschuldigen Sie mich, ich méchte oben ein drahtloses Telegramm an meinen Bruder, welcher in Paris wohnt,senden“. Ich stieg die wenigen Meter, welche uns noch vom Gipfel ge- trennt hatten, hinauf, und indem ich mich nach Norden wandte und mich in Gedanken in die Wohnung meines Bruders versetzte, sprach ich zu ihm, als wenn er vor mir sténde: ,Mein Bruder! Ich bin auf dem Pic du Midi; ich sende dir und Blanche mein liebevolles Gedenken. Bevor ich den Riickweg nach Baréges antrat, sandte ich eine Karte mit der Ansicht des Pic du Midi und des Obser- vatoriums. Hochachtungsvoll R. Die Brennessel in der Volksmedizin und im Aberglauben. Von Ernst Hentges. Es ist eine bekannte Tatsache, daf in der volkstiimlichen Medizin jenen Pflanzen eine besondere Beachtung zu teil ward, die durch ihre ~~) Die Zeitangabe 9 Uhr ist ein Irrtum des Brielschreibers. Wie aus der Post karte ersichtlich, fand die Gedankentibertragung um 10 Ubhr statt. Warcollier. agetordert darch die | http:/ /dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0178 “a © Universitatsbibliothek Freiburg — 175 — Farbe, ihre Form oder sonstige sinnfiillige Eigentiimlichkeiten die Auf merksamkeit in besonderer Weise auf sich zogen. Somit ist es auch nicht verwunderlich, da& die in unseren Gegenden weitverbreitete Brennessel, welche bei zufilliger Berithrung einen heftig brennenden Schmerz erzeugt, in der volkstiimlichen Medizin in mannigfacher Weise verwendet und zu mancherlei Quacksalbereien und aber- glaubischen Prozeduren gebraucht wurde. Die Nesteli, woven Gt den geHABIEteN. Zonen “bald Bed. halften etwa dreif%ig Arten gibt, sind Unkriuter aus der Familie der Urticaceen mit gesagten oder gezihnten Blattern, die mit Brennhaaren besetat sind, Diese Brennhaare besitzen eine glasartige Spitze, dic bei Beriihrung mit der Haut leicht abbricht und die letztere ritzt, wo- bei ein heftig brennender Saft aus der Haarzelle in die Wunde flie&t. Fair die volkstiimliche Medizin sind besonders die groke und die kleine Brennessel von Bedeuiung. Die groKe Brennessel (Urtica dioica L.) wird bis itber 1 Meter hoch, ist weit verbreitet und bedeckt oft groke Strecken; sie hat langlich herzférmige, grobgesigte Blatter und hangende Blitenrispen, Die kleine Brennessel (Urtica ureus L.) wird 20-30 cm hoch und ist ebenfalls weit verbreitet; sie besitzt elliptisch eirunde,eingeschnitten gesigte Blatter und aufrechteBliitenrispen Die Brennessel wurde seit Alters her zu mannigfachen medizi- nischen Zwecken verwendet. Bereits Galen und Dioskurides haben ihrer Erwahnung getan. Galen berichtet, dafK der Samen und beson- ders die Blatter der Brennessel aufweichend wirken und daher Pusteln und Ausschlige heilen. Diogkurides*) unterscheidet die kleine Brenn- nessel und die Pillonnessel (Urtica pilulifera L.) und empfiehlt die Blatter beider, zusammen mit Salz, als Umschlag bei Hundebif, Gan- grain, bdésartigen Geschwiiren, Skrofeln, Driiseneiterung an den Ohren und am Hals, sowie bei Schanker. Fiir Milzleiden werden die Brenn- nesseln mit Wachs zu einer Salbe verarbeitet. Die Brennessel enthalt ein Glucosid, und namentlich in den Brennhaaren Ameisensdure und ein Ferment. Aus diesem Glucosid wird nach dem franzésischen Arzneibuch ein Haemostaticum herge- stellt). Die beiden letzten Substanzen wirken hautreizend und daher blutstauend. Hieraus erklart sich die mannigfache Verwendung der Brennessel zur Blutstillung. In der Anwendungsweise der Volksheilmittel ist stets als das Primare eine erlahrungsmiSig ermittelte Wirksamkeit infolge chemisch nachweisbarer Agentien zu erkennen, die von irrigen Vorstellungen 1) Dioskurides: Arzneimittellehre, iibersetzt von Prof. Dr. J. Berendes, Stutt- gart 1902. *) Larousse Médical, S, 831. | http: //dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb.okkultismus1927/0179 “0 © Universitatsbibliothek Freiburg — 1% — zufolge eines naiven Analogieschlusses tiberwuchert wurde. So ist es auch inbetreff der manniglachen Verwendung der Brennessel in der Volksmedizin der Fall. Bei Nasenbluten und hartnackigem Schnupfen empfiehlt Dios- kurides, die Blatter der Brennessel zu zerquetschen und den Salt in die Nase einzufiihren, Bei den Slowaken ist es iiblich - berichtet Plarrer Josef Holuby') - zerstokene Brennesseln auf Schnittwunden zu legen, nachdem die Waunde mit dem Absud von Agrimoniakraut gewaschen wurde. Wegen dieser blutstauenden Wirkung werden die Brennesseln mancherorts auch gegen Himorrhoiden verwendet. Olfizinell ist eine Infusion von 10 gr. Brennesseln auf ein Liter Wasser als adstringierendes und leicht haemostatisches Mittel noch heute in Frankreich gebrauchlich, wie auch der Saft oder Extrakt dieses Krautes als ableitendes Hautreizmittel verwendet wird. Wegen ihrer hautreizenden Wirkung wurden die Brennesseln seit Alters her zur Linderung von neuralgischen und rheumatischen Schmerzen verwendet. Celsus*) emplichlt bei Nervenschmerzen cine Salbe, die aus Fett, Bilsenkraursamen und Brennesselsamen besteht. Bei theumatischen oder gichtigen Leiden, sowie bei Gelenkent- ziindungen und Lahmungen ist vielfach ein Nesselumschlag oder das Bepeitschen mit Brennesseln iiblich. Diese Prozedur erinnert an den sogenannten ,Lebenswecker* des Mechanikers Karl Baunscheidt (aus Endenich bei Bonn), welcher aus dreibig feinen Nadelspitzen besteht, wodurch schmerzlos eine gro&e Anzahl winziger Stiche in die Ober- haut ausgefithrt wird, wonach dieselbe mit Cratondl (oder Oleum Baunscheidtii) eingerieben wird, um durch einen heftigen Hautreiz die Krankhei Fine bei den Slowaken sehr beliebte Salbe gegen Gichtschmerzen stofle abzuleiten und auszustohen. soll, gema& den Angaben des Pfarrers Holuby, hergestellt werden, indem man Brennesseln mit griinen Wachholderbeeren zersté$t und mit Schafbutter schmort. Auch ist e iach tiblich, mit getrockneten dune Mela alLeNe Re peeane ni Been Es ist fir die Volksheilmittel fast immer und tberall bezeichnend, da& wirksame und anfangs rein auBerlich angewendete Mittel im Laufe der Zeit innerlich gegeben werden. Dieser Vorgang leicht verstindlich und ist auch inbetreff der hier besprochenen Pllanze nachweisbar. psychologisch 3) Pfarrer Josef Holuby. eitrage zur slawalischen Volksmedizin. *) Celsus. De medicina libri octo. Leipzig 1859. ~ Uber die Arzneiwissen- schalt. Verdeutscht von Scheller-Frisboi Braunschweig 1906. agetordert darch die http:/ /dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0180 © Universitatsbibliothek Freiburg — 17 — Bereits Plinius’) in seiner ,,Naturgeschichte“, empfiehlt die jungen Schiisse der Brennessel als Gemiise. Der Gebrauch der jungen Blatter als Salat ist auch noch heute in einzelnen Strichen Deutsch- lands, besonders aber in RuSland und in der Walachei weit ver- breitet. Es war daher naheliegend, die Brennessel auch als innerliches Mittel gegen mannigfache Leiden zu benutzen. Celus rechnet die Brennessel zu den abfiihrenden Stoffen und zu denen mit gutem Sait. Mit Muscheln zusammengekocht sollen Brennesséln - gema8 Dioskurides ~ den Bauch erweichen, Blihungen vertreiben und harntreibend wirken. Gegen Darmkrankheiten und Diarrhoe ist es gebrauchlich, einen Ef\6ffel voll Samen der gemeinen Brennessel in gebrannter Mehlsuppe zu nehmen. Von jcher, und auch noch vielfach heute, waren die Brennesseln ein sehr beliebtes Mittel gegen Erkrankungen der Atmungsorgane. Dioskurides sagt, da& der Saft der Brennessel als Gurgelmittel die Entziindung des Zapichens beseitigt, und empfiehlt ein Gemisch von Honig und Brennesselsaft als schleimlésendes Mittel bei Atemnot, Lungen- und Brustfellentziindung. Auch noch heute steht eine Brenn- nesselouppe mit eingerithrtem Eiwei8 in der Volksmedizin im Rule, bei Lungentuberkulose den Auswurf zu erleichtern und die Brust zu reinigen. Desgleichen gilt auch Tee aus trockenen Brennesselwurzeln als Mittel gegen Schwindsucht. Gegen Bronchialkatarrh und auch gegen Schwindsucht werden im Frihling vielfach abgebrithte und zu Spinat gekochte Brennesseln gegessen. Alte, vertrocknete Brennessel- wurzeln, welche zerrieben, gekocht und eingenommen werden, gelten vielerorts als Mittel gegen Bhutsturz, Bei Blutsturz, aus Lunge oder Magen, verwenden die Tschechen, wie Prof. Dr. Matregka berichtet, auch Brennesselsaft*). Gegen Magenleiden werden Brennesselblatter verwendet, und zwar ist ein Absud von Brennesselblittern mit gedérrten Zwetschen ein beliebtes Volksmittel gegen Magenschmerzen. Den Brennesseln wurden auch verschiedenartige Wirkungen auf die Sexualorgane zugeschrieben. Nach Dioskurides beférdern Brenn- nesseln, mit Myrrhe zusammen verwendet, die Menstruation. Daher rihrt auch wohl der bei den Slowaken weit verbreitete Glaube — wie Plarrer Holuby berichtet — da eine Frau, die den Urin auf Brennesseln laft, nicht schwanger wird. Hingegen wird aber ein Absud der kleinen Brennesseln als Tee 1) Plinius. Natural. historiae libri 37. - Naturgeschichte, deutsch von Wittgen- stein, Leipzig 1881-82. 4) Prof, Dr. J. Matregka. Originalbeitrige zur Volksmedizin in Béhmen, Mahren und Schlesien. Zentralblatt fiir Okkultismus XX1. Jahrgang 12 | http: //dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb.okkultismus1927/0181 “0 © Universitatsbibliothek Freiburg — 178 — getrunken gegen Uterusblutungen. Nach Dioskurides sollen frische Blatter der Brennessel in die Scheide eingelithrt oder auch nur auf den Unterleib aulgelegt, Gebarmuttervorfall wieder in Ordnung bringen. Tee von Brennesselbliiten gilt als probates Mittel gegen weiken Fluf. An manchen Orten Frankreichs gilt eine Applikation von frischen Blattern der Brennessel auf das mannliche Glied als Mittel gegen Tripper (chaude-pisse). Die Brennessel gilt auch.als Aphrodisiacum, denn Dioskurides sagt, da& der Same der Brennessel mit Rosinenwein getrunken zum Beischlaf reizt und die Gebarmutter Sffnet. Auch noch heute werden manche exotische Brennesseln als Aphrodisiaca benitzt, wie die Urtica membranacea Pair. in Agypten. Brennesselbliiten, mit Butter geschmort und mit frischem Ei durchrithrt, gibt man in der Walachci Gebérenden, um die Geburt zu erleichtern. Da die Blatter der Brennessel mit Haaren besetzt sind, nahm man eine geheimnisvolle Sympathie zwischen dieser Pilanze und den Kopfhaaren an. Daher steht dieses Kraut als Haarwuchs- und Haar- stirkungsmittel mancherorts in hohern Ansehen. Mit einem Absud dieses Krautes waschen sich ,die Frauen die Haare, damit diese gut wachsen. Auch die Wurzeln sollen, auRerlich angewendet, eine haar- stirkende Kraft haben. Als Nesselsucht oder Nesselausschlag (Urticaria) bezeichnet man eine Hautkrankheit, bei welcher sich flache, unregelmiRige, mehr breite als hehe, sich etwas derb anfiihlende Anschwellungen der Haut ohne Ablésung der Epidermis bilden, die jedoch stets mit einem lastigen Jucken und Brennen verbunden sind. Da dieser stark juckende Quaddelausschlag der Nesselsucht eine groSe Ahnlichkeit aufweist mit der Hlautreizung infolge der Beriihrung mit Brennesseln, wurde gemif& dem Grundsatz ,,Similia similibus curantur* die Brennessel in der Homdopathie als Mittel gegen Urticaria benutzt. Dr. Stauffer) emplichlt dieses Mittel (Urtica urens) besonders fiir Nesselausschlag nach Schellfischgenu&, wenn hohe, rote, innen blasse Quaddeln be- stehen bei sehr starkem Jucken und Brennen, Das homéopathische Urtic. ur. wird in der iiblichen Weise wie alle Pflanzenessenzen aus dem frischen Saft der Blatter und Bliten der kleinen Brennesse] hergestellt*). 3) Dr. med. Karl Stauffer. Homéotherapic. S. 579. Regensburg 1924. 2) Dr, Jahr. Nouvelle Pharmacopée homoeopathique. 5. 305. Paris 1862. agetordert darch die http:/ /dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0182 © Universitatsbibliothek Freiburg — 17 — Dr. Vergnes!) empfiehlt auch 10 Tropfen Tinktur der Urtica urens vor dem Essen in einem Glas Wasser genommen als vortreff- liches Mittel zur Ausscheidung der Harnsaure bei arthritischen, rheu- matischen und gichtigen Leiden. Vermutlich wegen des Brennens wurde in der Astrologie die Nessel in Beziehung zu dem feurigen Planeten Mars gesetzt*). Aus dem gleichen Grunde war bei den alten Germanen die Brennessel dem rothaarigen Donar geweiht, der als Gewittergott verehrt wurde. Der Donnerstag war des wilden Donars Tag und galt in Siidbayern als Hexentag, bezw. gilt noch heute vielfach als ein Ungliickstag. Bekanntlich leben die meisten heidnischen Vorstellungen in christlicher Form weiter. So erfahrt denn auch in den mannigfachen Gepflogenheiten des christlichen Griindonnerstags die urspriingliche Bedeutung des Donars Tag eine Steigerung. Daher rihrt z. B. der Glaube, da& am Griindonnerstag geplliickte Nesseln vor Gewitter schiitzen; diese heiSen daher an manchen Orten Norddeutschlands auch kurzweg ,,Donnernesseln.“*) In Tirol ist es Brauch, wahrend des Gewitters Nesseln zu ver- brennen. In Schwaben, Bayern und Osterreich ist es vielfach iiblich, Nesseln neben junges Bier zu legen, um es bei Gewittern vor dem Umschlagen zu schiitzen. In Mahren strout man Rosenblatter und Nesseln auf glithende Kohlen, um junge Giinse und Hither vor dem Fuchs und der Krankheit zu schiitzen, JDamit die Milch zur Kase- bereitung nicht behext werde, ist es in Béhmen iiblich, am Christ- abend die Wurzel ciner Bregnesse! in die Milch zu legen und gieKt diese an Epiphanias auf den Mist. Wie stelle ich fest, ob ich astrologische, magiscne oder heliseherische Fahig- keiten besitze? Von Graf Pra de Fonte. Nachdruck verboten. gi. Fr. Feerhow. Die medizinische Astrologi tique sur la Médecine astrologique et spagyrique. S, 102, 3 | http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb.okkultismus1927/0183 “0 © Universitatsbibliothek Freiburg — 180 — praktische Fahigkeiten zu entwickeln. Es ist dies auch ein ganz natiir- licher Zug, denn es wird das Streben jedes Menschen sein, die er- worbenen Kenntnisse praktisch zu verwenden oder doch durch prak- tische Beweisfiihrung seine UWberzeugung zu verstiirken. Man braucht hierbei ja durchaus nicht an schwarzmagische, egoistische Zwecke und dergl. zu denken. Es gibt zwar natiirlich verschiedene Methoden, die Medialitat und die Eignung fiir Magie usw. festzustellen, z.B. die der indischen Yogi usw. Diese Methoden haben aber alle nicht die nétige Eignung far den Europaer, sind nicht fiir das Abendland und seine Denkungs- weise geschaffen. Fiir den Abendlander bleibt als einzige und beste In- formierungsquelle tiber die eigene oder fremde Sensitivitit die Astrologie. Ich will tber die Méglichkeit, aus der Astrologie die geistigen Fahig- keiten festzustellen, hier einige Worte sagen. Da ich oftmals in dieser Richtung um Rat gefragt worden bin, glaube ich hiermit einem gewissen. Bediirfnis abzuhelfen. Diejenigen Interessenten, die nicht iiber geniigend grof&e oder gar keine Kenntnisse der Astrologie verfiigen, kénnen sich nach den gegebenen Richtlinien das Horoskop auf die Sensitivitit hin usw. von einer geeigneten Persénlichkeit auslegen lassen. Man wird selbstverstindlich gut tun, wenn man sich nur an eine wirklich gebildete und befihigte Person mit geniigend langer Praxis halt, denn es gibt bekanntlich fast auf keinem Gebiet so viele Pfuscher als gerade in der Astrologie. Vorerst miissen wir uns die Frage vorlegen, ob iiberhaupt eine Neigung zu Okkultismus, Astrologie usw. vorhanden ist. Man beachte hier zuerst den Ascendenten, er wird stets eine gewisse grundlegende Beeinflussung mit sich bringen. Der Léwe, der Skorpion, der Wassermann und die Fische als Ascendent bringen stets eine ziemlich starke Neigung fiir Okkultismus, es treten naémlich unter diesen Zeichen im Laufe des Lebens stets Vorkommnisse aul, die mit den Nachtseiten der Natur bekannt machen. Der Widder als Ascendent macht meist etwas zu unruhig usw. um sich dauernd ernst mit den Geheimwissenschaften zu befassen; der Stier ist zu materiell. Die Zwillinge als Ascendent sind zwar fiir eine geistige Ansthayoue leehvenhaben, werden dike. Anschanung aber aie denn’ beibehalten, wenn sie in einer okkulten Umgebung sind, sonst ist der Leichtsinn zu grok. Der Krebs als Ascendent wieder bringt wohl starke Neigung zu Mystik, starkem Traumleben, doch ist die Natur des Krebsmenschen in vielen Fallen zu einer aktiven Beschaftigung mit Magie usw. zu negativ. Der Jungfrauascendent endlich bringt erst in den reiferen Jahren das Hervortreten der geistigen Interessen, es ist dann nicht mehr die volle nétige Kraft vorhanden, auch sind sgetordert durch die http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0184 © Universitatsbibliothek Freiburg olde diese Menschen von ihrer Umgebung abhangig. Als gutes Zeichen far Okkultismus ist der Schiitze als Ascendent zu bezeichnen, er be- sitzt auch die nétige Aktivitat fiir Magie usw. Ich habe nun also festgestellt, welche Ascendenten grundsiatzlich am geeignetesten sind. Wenn sich die Sonne in einem der genannten Spezialzeichen fir Okkultismus belindet - Léwe, Skorpion, Schiitze, ‘Wassermann, Fische — so hat dies, wenn auch in schwicherem Make, die gleiche Bedeutung. Die Zeichen Krebs und Jungfrau eignen sich besonders fiir die sogenannten Medien; Personen; die unter fremder Autsicht, unter fremden Willen hellseherisch usw. wirken sollen. Auer diesen grundsatzlichen Anlagen durch den Ascendenten und durch das Sonnenzeichen ist noch mit einigen anderen indivi- duellen Faktoren zu rechnen. Es handelt sich erstens um die Be- setzung des 3. und 9. Hauses sowohl nach Haus als auch nach Zeichen, Der Merkur im Schtitzen steht also z. B. nach dem Zeichen im 9. Haus. Dies ist wichtig und besonders zu beachten, Diese Aus- deutungsart macht z B. das starke Anwachsen des Interesses fiir okkulte Dinge nach dem Kriege erklarlich. Die jtingere Generation hat namlich in cinigen Jahrgangen den Uranus im Schiitzen oder im Steinbock, also dem Zeichen nach im 9. und 10. Haus. Uranus, Neptun, evtl. Jupiter kénnen im 3. oder 9. Haus als Anzeichen erstens von Interesse fiir Okkultismus, zweitens aber auch fiir mediale Fahigkeiten angesehen werden. Solche Gaben sind dann auch noch durch den Merkur resp. durch den Mond in den genann- ten Stellungen méglich; hierbei mu& aber Mond oder Merkur in einem stirkeren Aspekt mit Uranus oder Neptun stehen. Neptun gibt die Fahigkeiten von selbst, ohne Ubung nennenswerter Art im »Schlaf*; der Uranus hingegen gibt sie erst nach Ubungen, man muf sie ihm abkampfen! Dafiir werden die durch den Uranus erlangten Fihigkeiten dem Geborenen mehr Nutzen verschaffen kénnen, er kann die Faligkeiten eher kontrollieren, als dies durch den Neptun der Fall ist. Der Neptun oder: besonders der Uranus im 8. und 10. Haus nach Hiusereinteilung und nach Zeichen gibt ebenfalls eine mediale und magische Anlage. Diese Stellung hat zwar sonstig im Leben einige Unannehmlichkeiten im Gefolge, die aber nicht hierher gehdren. Diese genannten Unannehmiichkeiten, man kann schon sagen Schick- salsschliige, verfolgen ja auch den Zweck, den Geborenen ,wach- zuriitteln* Der dritte Messer der Sensitivitit ist dann die gegenseitige Aspektierung der Planeten. Es mu hier gesagt werden, da es sich dabei nicht nur um die sogenannten guten Aspekte (z B. Sextil, | http: //dl-ub.uni-freiburg.de/diglit/zb.okkultismus1927/0185 “0 © Universitatsbibliothek Freiburg — 182 — Trigon, evtl. Konjunktion) handelt, sondern daf die schlechten Aspekte, wie z. B. Quadrat, Opposition, evtl Konjunktion, genau so stark wirken, Ich habe vielfach gefunden, dab sogar die Quadratur am stirksten gewirkt hat. Bei den sogenannten ungiinstigen Aspekten wird es allerdings erst zu allerhand Enttéuschungen und Hindernissen in der magischen und hellseherischen Fahigkeit kommen. Es ist dann durch das Horoskop den Geistern (gemeint sind hier die Elementale usw., also nicht Verstorbene) méglich, den Neophiten lingere Zeit zu tauschen, durch allerhand Hemmungen mehr materieller Art die Ubungen zu verhindern. Ist die Zeit der Priifungen aber iiberwunden, so verfiigt man tiber bedeutende Fahigkeiten! Von groker Wichtigkeit ist es, in was fiir einem Zeichen sich die genannten Planeten befinden. Es ist nicht méglich, hier auf alle Feinheiten einzugehen, da dies den einer kleinen Abhandlung gesteckten Umflang weit iiberschreiten wiirde, Es muf hier schon mit der Intuition des Astrologen gerechnet werden. Passive mediale Fahigkeiten sind besonders durch Aspekte folgender Arten angezeigt: Neptun-Mond. Neptun zu Jupiter. Neptun-Sonne (recht schwache Wirkung,) Aktive Fahigkeiten sind durch folgende Aspekte angezeigt: Sonne-Uranus Sonne-Saturn (einer mu& im Scorpio sein) Uranus-Neptun (Starke je nach den Zeichen, in weichen sich die Planeten belinden) Aspekte wie z. B. Uranus-Merkur wirken weniger auf die hell- seherischen Fihigkeiten als auf die Denkweise. Wir kommen nun zu einem Spezialgebiete. Es stellt die Magie dar. Ich will kurz formulieren, was ich unter Magie hier verstehe: wMagie nenne ich die verschiedenen Fahigkeiten, mittels geistiger Kralte oder Wesenheiten eine beabsichtigte Wirkung hervorzurulen.* Die franzdsische Schule teilt die Magie in zwei Gruppen ein. 1) Die sogeannte zeremonielle Magie. Diese arbeitet mit Zex- monien, alle sogenannten Beschwérungen fallen unter dieses Kapitel. 2.) Die sogenannte ,persénliche Magie“. Diese arbeitet nur mit den Gedankenkraften. In diese Gruppe fallt z. B. die Neugedanken- lehre, der Cuéismus, teilweise auch die Gesundheitsanbeter usw. Die Symphatien und teilweise auch das Gebet nehmen eine Zwischenstéllung ein. Bei der zeremoniellen Magie ist das 7. und dann auch noch das 6. Haus und Zeichen zu beriicksichtigen, denn ersteres stellt den Partner, sgefordert darch die http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0186 © Universitatsbibliothek Freiburg — 183 — Gegner, dar (also speziell die Damonen), mit denen man operiert; das 6. Haus hingegen sind die Diener, die einem dienen, also die schon dienstbar gemachten Kriifte. Bei Beschwérungen mit Engeln, héheren Planetengeistern usw. ist das 9. und das 11, Haus und Zeichen besonders zu beriicksichtigen. Das 9. Haus stellt die Erhebung, Anbetung, das 11. hingegen die Protek- toren, Freunde, dar. Um letzteres handelt es sich ja auch bei den héheren reineren Geistern, nachdem man diese nicht zwingen kann. Es ist recht intexessant, da& man auf Grund des Horoskopes ziemlich genau die Erfahrungen, die Widerstinde in der magischen Praxis erkennen kann. Es ist mir mehrfach méglich gewesen, auf diese Art zu bestimmen, mit welcher Art Geister man vorwiegend bei Be- schwGrungen usw. zu schaffen hat, welchen Elementen diese Geister angehéren, ob und welche Schidigungen durch die Zitationen usw. zu erwarten sind. Auch kann man auf diese Art am besten be- stimmen, welche Zeiten fiir magische Operationen am geeignetsten sind“und dergl. Nur auf diese Weise lassen sich die stets zeitweise auftretenden MiSerfolge in magischen Operationen, besonders in Geistermaterialisationen und dergl. erkléren. Lauft z. B. der Jupiter wransitir durch das 7. Haus und befindet er sich dabei im Wassermann, so wird es vorteilhaft sein, mit guten Geistern luitiger Art Vertrige zu schlieBen, besonders wenn es sich um Angelegenheiten mit Spekulationen, Lotterie und dergl. handeln sollte. (Der Schiitze beherrscht unter diesen Umstinden namlich meist das 5. Haus.) Selbstverstindlich mu aber der Jupiter im Geburtshoroskop einigermafen gut aspektiert sein, nicht in der Jungfrau oder im Stein- bock stehen. Es liefKe sich tiber dieses héchst interessante Spezial- gebiet natiirlich noch viel Genaueres und Ausfiihrlicheres segen, doch muf ich dies einer anderen Abhandlung vorbehalten. Ich will nun angeben, welche Stellungen nach der franzésischen Schule (Eliphas Levi, Pierre Piob usw.) besonders giinstig sind fiir magische Fanigkeiten: Mars Konjunktion Merkur = vollkommene Fahigkeit ohne An- strengung. Mars Merkur = natiirliche Fahigkeiten, etwas Anstrengung. Mars * Merkur = Ausgezeichnete Fahigkeiten zur vollkommenen Arbeit. Mars 0 Merkur = beruhigende Fahigkeiten. Geben sich kund durch excessive Nervositat. (Anmerk. Ofters Kampfe usw. mit Geistern aber gut :fiir Materialisation.) Mars A Merkur = besondere Fahigkeiten, ruhige Manifektion. | http://dl-ub.uni-freiburg.de/diglit/zb.okkultismus1927/0187 “0 © Universitatsbibliothek Freiburg — 184 — Mars W\ Merkur = schwache Fahigkeiten, intermittierend, zeitweise aussetzend. Mars '4! Merkur = gute Fahigkeiten, aber schlecht ausgeglichen. Mars < = sehr schwache Fahigkeiten, mit steter Unterbrechung von Kralt. Ich habe gefunden, da& diese Regeln stets stimmten. Es kommt nun darauf an, in welchem Zeichen sich die genannten Planeten be- finden. Mars in den Zeichen Scorpion, Widder, Steinbock, Fische ist = +e _ nach Pierre Piob in dieser Hinsicht machtig. Der Merkur hingegen in den Zeichon: Zwillinge, Jungfrau, + = Wage, Wassermann. Auch diese Regel habe ich als vielfach richtig befunden. Die mit (+) bezeichneten Zeichen geben besonders Eignung zur zere- moniellen, die mit — bezeichneten besonders zur persdnlichen Magie. Endlich soll angeblich noch der Abstand von Mond zu Merkur wichtig sein, denn er soll den Grad der Evolution anzeigen Ob dies richtig ist, habe ich nicht geniigend ausfithrlich beobachtet, um ein Urteil abgeben zu kénnen; die anderen Regeln stimmten aber stets, Hat jemand iiberhaupt keine Verbindung von Mars zu Merkur, so wird es wohl mit den magischen Aussichten nicht weit her sein. Wenn man sich vergegenwartigt, welche Bedeutung in der all gemeinen Astrologie der Merkur und der Mars besitzen, so wird man diese Regel ohne weiteres verstiindlich finden. Man kénnte sie noch dahin erweitern, da man die gleichen Aspekte vom Herr des 1. und 3. Hauses verlangt. Es soll dann noch verraten werden, daf der sogenannte Vulkan (ein nicht gefundener Planet, er vertritt meinen Erfahrungen nach den Widder, iibrigens ein sehr wichtiger Planet, Symbol davon ist Lucifer, jedoch im guten Sinn) ebenfalls fiir Magie von Bedeutung ist. Hieritber kann hier jedoch weiter nichts gesagt werden, jedoch in der nachsten Zeit hieriiber mehr. Man priife also stets zuerst den Ascendenten und das Sonnen- und Mondzeichen auf ihre grundsatzliche Eignung, dann die Stellungen der Hauser und die Aspekte. Endlich, um den Grad der Fahigkeiten festzustellen, die Verbindungen das Merkur mit dem Mars; selbstver- stindlich sind zunehmende Aspekte stirker als abnehmende. Vielleicht wird es mir in nachster Zeit vergSnnt sein, iiber die wichtigen Zeiten zu speziellen magischen Experimenten einige Zeilen zu verdffentlichen. Dann will ich auch einige interessante http:/ /dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0188 © Universitatsbibliothek Freiburg agefordert darch die — 185 — Beispiele aus der Praxis bringen. Zum Schlu& bemerke ich noch, da& ich auf besonderen Wunsch auch die Berechnung des Horoskopes und dessen Auslegung in magischer Hinsicht iibernehme, wenn sich keine wirklich gecignete Persénlichkeit hierzu finden sollte. Reklame fiir mich will ich aber nicht machen, das sei ausdriicklich festgestellr. Meine Adresse lautet auch bei sonstigen Anfragen: Berlin W 57, Pallasstr. 6 (von persénlichen Besuchen bitte ich vorerst. Abstand nehmen zu wollen). Unheilverkiindende Zeichen. Von Marie Schwickert. Gar oft habe ich in fritheren Jahren mitleidig gelichelt, wenn ich sah, da& Bekannte in Sorge und Unruhe gerieten, weil sie am friihen Morgen eine Spinne gesehen hatten oder weil ihnen beim Spazier- gang ein Hase iiber den Weg gelaufen war. Wie kann uur ein verniinftiger Mensch so abergliubig sein! habe ich mir stets gedocht. Nun ist mir aber selbst allerhand Seltsames begegnet, und gerade in den letzten Jahren habe ich auf diese ecinst so sehr belachelten Zeichen achten gelernt. TJnd neulich ist mir der Gedanke gekommen: Ist das wirklich nur Abergiaube oder schickt uns ein gtitiges Geschick diese Zeichen in den Weg, um uns vor bevorstehenden Unheil zu warnen, beziehungsweise wenn es unabwendbar ist. uns darauf vorzubereiten? Vielleicht ist es ¢o, und statt dariiber zu licheln, sollten wir darauf achten lernen, um gegen kommende Dinge gewappnet zu sein. Ich habe nicht die Absicht, hier eine Reihe allgemein bekanater béser Vorzeichen aufzuzihlen. Nur ganz nebenbei will ich erwahnen, da& auch ich schon verspottet wurde, weil es mir sehr unangenehm ist, wenn ich ausgehe, um cinen Besuch zu machen oder einen Einkaul zu besorgen und mir ein mit Stroh beladener Wagen begegnet. »Aberglaube = nichts als Aberglaube!* wurde mir gesagt. Ja, natiirlich, das weif ich ja, aber - - — es hindert doch nichts an der olt beobachteten Tatsache, da& ich jedesmal besser daran getan hatte wieder umzukehren, weil mir doch nur Verdru& und Arger durch meinen Ausgang zu teil wurde. Es gibt aber auch unheilverkiindende Zeichen, die nur dem Okkultisten wahrnehmbar sind. Mir ist in dieser Beziehung schon so manches Merkwiirdige begegnet. Wenn mir Unheil droht, so fiihle ich es vorher. Da ist um mich herum ein geheimnisvolles Walten unsichtbarer Machte — das Gefiihl: ich bin nicht allein; die Unsicht- | http://dl-ub.uni-freiburg.de/diglit/zb-okkultismus1927/0189 “0 © Universitatsbibliothek Freiburg — 186 — baren sind dicht neben mir und sie wollen mir kiinftiges Geschehen kundtun. Hier huscht eine dunkle Gestalt durch das Zimmer. Ich sehe sie genau, aber wenn ich mich ihr zuwenden will, ist sie ver- schwunden; da sitzt eine ungeheure schwarze Katze auf dem Stuhl, dicht neben mir. Wenn ich genau hinsche, so liegt dort ein Papier- sack. Ich wende mich nur ganz wenig seitlich - wieder ist die Katze da! Hier blitzt ein Licht im dunklen Zimmer auf, um sofort wieder zu verschwinden, dort knackt ein Mébelstiick oder pocht es geheim- nisvoll in der Wand. ~ Sie sind da, die Unsichtbaren, und sagen mir: Sei bereit und stahle deine Krafi, du wirst sie brauchen. - Eine ganze Reihe unheilverkiindender Zeichen habe ich vor 6 Jahren - Wochen und Monate vor dem Tode meines Jiingsten - beobachtet. Er war lungenkrank seit mehr als zwei Jahren, von den Arzten aufgegeben, ohne es zu wissen. Seine Sehnsucht war: hinaus auls Land - in den Wald. Kir Guar’ dive. Wolunig gebdted. die gain Giwpiadhy ait Welnes Zimmer nur in einem schlichten Hauschen, dicht am Wald, in absolut staubfreier Gegend, Milch und Eier reichlich zur Hand, aber - ich wollte nicht! Warum nur? - Ich hiatte es selbst nicht sagen kénnen. Es war mit nur, als diirften wir dort nicht hin. Wochenlang suchte ich nach einer anderen Sommerwohnung, konnte aber nichts finden, und endlich gab ich nach. Uber die Zeichen vor unserer Abreise habe ich unter dem Titel ,,Drei seltsame Erlebnisse“ vor mehreren Jahren im ,Z.£ O.* berichtet. Da aber diese Erzihlung nicht allen Lesern bekannt sein diirfte, erwahne ich kurz folgendes: Zuerst hatte ich einen sehr merkwiirdigen Traum; dann sprangen nachts plétzlich zwei Tiiren auf, und endlich hérte ich das Rauschen von schleppenden Gewandern. Die Reise verlief gliicklich und mein Sohn war voll froher Erwartung. Als wir vor dem kleinen Hauschen stan den, das uns beherbergen sollte, lief meinem Sohn eine dunkle Katze entgegen. Er biickte sich, um sie zu streicheln, da sprang sie mit einem Satz auf seine Schulter und schmiegte sich an ihn. Mein Sohn war ein grofer Tierfreund und freute sich dariiber, aber ich empfand leises Unbehagen und wubte doch nicht weshalb. Ungefahr zwei Wochen vergingen und mein Sohn erholte sich zusehends. Ich war voll froher Hoffnung, da& er wieder genesen wiirde. Da machten wir einen Spaziergang zu cinem benachbarten Bauernhaus. Ein Hase lief tiber den Weg, ,das bedeutet Ungliick wee eh, cdots Absalauke” sademuadh mn Sabu Kaum safen wir eine Viertelstunde in der Bauernstube, kam ein sgefordert darch die http:/ /dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0190 © Universitatsbibliothek Freiburg — 187 — Gewitterregen, der nicht aufhéren wollte. Wir muften im Regen heim, und wenn mein Sohn auch nicht naf& wurde, weil ich rasch einen Regenmantel mit Kapuze aus unserer Wohnung geholt hatte, so atmete er doch die feuchte Luft ein, Vielleicht war auch die An- strengung zu grok gewesen. Ungelihr eine Woche schien es, als wiirde der Vorfall keine tiblen Folgen haben, dann fing mein Sohn zu ficbern an, wurde bett- erig und verfiel sichtlich, Vor unserem Fenster schrie der Toten- vogel Nacht fiir Nacht. Zwei Wochen spater war mein Sohn tot. Hiatte ich auf die warnenden Zeichen vor unserer Abreise ge- achtet, ganz besonders auf meine Abneigung dorthin zu reisen, so wire er zwar nicht dem Leben erhalten geblieben, aber er ware mir wenigstens nicht so rasch entrissen worden und hatte noch einen ganz ertriglichen Soramer haben k6nnen. Gegen Ende des vergangenen Jahres sah ich am FuRboden meines Zimmers zwei winzige Holzspine in Form eines Kreuzes liegen. Nun war mir sofort bewu&t, da dies ein béses Vorzeichen sei. Am ‘Tag darauf = wieder dasselbe. Am. dritten Tag ging ich aus: da lag das winzige Kreuzchen vor mir auf der Strake! Ehe noch acht Tage vergangen waren, kamich durch eine schwere Herzschwiiche in ernste Gefahr und war nahe am Verscheiden. Ganz gesund bin ich seither nicht mehr geworden. Vor ein paar Tagen lagen die Kreuze wieder auf meinen Weg. Morgen muf ich zu einem Begribnis gehen. Ein junges Menschenleben wurde dahingerafft, so rasch, daf& es niemand begreifen kann. Die trostlese Mutter ist mir nicht blos verwandt, sondern auch wirklich lieb und wert, sodaB ich selbst aufs tieiste erschiittert bin und mit ihr leide. Und was noch kommen wird - wer weis es? - Ich lache nicht mehr tiber unheilverkiindende Zeichen! S fo} x xi e = | a ae w ° = i o Cc 3 a 2 > » = & Therese Neumann, das Phaénomen von Konnersreuth, und die arztliche Wissenschaft. Der Fall Therese Neumann in Konnersreuth, insbesondere ihre Stigmatisierung, erscheint vom 4rztlichen Standpunkte aus zwar selten, aber nicht wunderbar. Gerade in den letzten Iahrzehnten sind manche Untersuchungen be- sonders iiber Organneurose geftihrt worden, denen sich der Fall der Therese Neumann einfiigen aft. Prof or I. H. Schultz, der in der neuesten Nummer der ,,Deutschen Medizinischen Wochenschrift* den Fall bespricht, weist auf die vielen Berichte iiber Blutstigmatisierung hin, die Professor W. Jakobi in einem vor vier Jahren erschienenen Werke iiber die Stigmatisierten als Beitrage zur Psychologie | http: //dl-ub.uni-freiburg.de/diglit/zb-okkultismus1927/0191 “0 © Universitatsbibliothek Freiburg DFG — 188 — der Mystik behandelt hat. Sie betrafen auBerbalb der Sekte der Jansenisten fast ausnahmslos katholische Menschen, iberwiegend weiblichen Geschtechtes - doch betrifit ja der erste historisch wesentiiche Fall dieser Art den heiligen Franz von Assisi selbst. Das Lebensalter ist ohne entscheidenden Einfluf, so da z. BL nach historischer Uberlicferung die heilige Angela della Poze schon im neunten Lebens- jahre nach dem Anblick des heiligen Franz Stigmatisierungen produzierte. Fast alle Stigmatisierten zeigen in der Vorgeschichte zablreiche schwere Erkrankungen, die sich z. T. auch bei nachtriglicher kritischer Sichtung im Sinne eigentlicher organischer Erkrankungen iiberwiegend im Sinne schwerer hysterischer Reaktionen deuten lassen. Vollig Gesunde haben nic Stigmen emplangen. Hinsichtlich der rtlichen Eigenheiten der Stigmen werden Blutschwei8, Dornenkronen-Wundenbluten, Seitenwunden und Nagelstigmen-Produktion berichtet, gelegentlich auch das Auitreten von Schulter- wunden, wie im Falle der Franzésin Louise Lateau Auch die Nahrungslosigkeit der Stigmatisierten gehért zu den hiuligen Er- scheinungen. So soll die blutig stigmatisierte Maria Lazzari von 1834 bis 1845 aufer der heiligen Kommunion ohne Nahrung geblicben sein, Louise Lateau vom 21. bis zum 33. Lebensjahre. Beide bluteten iibrigens, wie Therese Neumann, jeden Freitag. Prof. Schultz nimmt nahe Beziehungen der Stigmatisierung und der Frage der ,Organ- neurose“ an. Als sicherster experimenteller Priifstein erscheint auf diesem Gebiete das kritisch geleitete Suggestiv-Experiment, das iiberhaupt berufen sein diirfte, die Frage der Reichweite psychischer Faktoren im KSrpergeschehen einer K/drung naher- zufiihren. Eine Anzahl von Forschern haben in Versuchen nachgewiesen, daf bei geeigneten Versuchszersonen brandblasenihnliche, oft mit oberilachlichen Narben ab- heilende Effloreszenzen dargestellt werden kénnen. Im selben Sinne sprechen zahl- reiche klinische Beobachtungen iiber die suggestive Beeinflussung geeigneter Falle von vasomotorisch-trophischen Hauterscheinungen und Hauterkrankungen klinisch verschiedener Form. So ist an und fiir sich das Problem der Stigmatisierung dem jetzigen aretlichen Weltbilde als ,Organneurose extrem psychogener Determinierung* sehr wohl einzufiigen. Ein moderner Arzt wird auf solche Weise die primitive Fragestellung des alten zellenphysiologisch-atomistischen Denkens fiir alle Gebiete der Organneurose und damit auch fiir die gewi& nicht haufigen echten Falle von Stigmatisierung, ,Ob Wunder, ob Betrug?* als Ausdruck einer Verengung biologischen Denkens ablehnen und viel weitere und allgemeinere Fragen offen finden. In geeigneten Fallen kann eben ekstatisch gesteigertes Innenleben zu den seltsamsten organneurotischen Er- scheinungen fiihren. Die in der heutigen Neurosenforschung besonders interessicrende alfektive Motivierung der Stigmatisierung diirfte sehr vielfach dhnlich aufzufassen sein wie die der jedem Arzte bekannten psychopathischen Operationssucht, fiir die Schultz ausgesprochen masochistische Antricbe und weitgchende Gleichsetzung mit der Christusgestalt nachgewiesen hat. So ordnet sich diesem Forscher die auch fiir den arztlichen Beschauer er- schiitternde Erscheinung der Stigmatisierung dem jetzigen medizinischen Wissen durchaus organisch ein. Die allgemein-menschlichen Werte solcher Erscheinungen bleiben natiirlich dadurch unangetastet. Zu Hans Driesch 60, Geburtstag, Am 28. Oktober 1867 ist Deutschlands wohl gréBter heutiger Philosoph, Hans Driesch, in Kreuznach als Soha eines Ham- burger GroBkaufmanns geboren. Nach Absolvierung des Johanneums in Hamburg studierte er Zoologie, zuletzt bei Heckel in Jena und seine experimentellen Vex- suche mit Seeigelembryonen fihrten ihn bald zu der Erkenntnis, da8 der Organis- ‘gefontert durch die http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0192 © Universitatsbibliothek Freiburg DFG — 189 — mus nicht als Maschine irgendwelcher Art aufgefabt werden kann, eine vitalistieche Anschauung, die Driesch 1909 in seiner Philosophie des Organischen® 2um Aus- druck brachte. In Heidelberg trat Driesch, nachdem er sich dort 1909 in der natur- wissenschaftlich mathematischen Fakultit habilitiert hatte, 1912 zur philosophischen Fakultit Gber. Im selben Jahr verdffentlichte er seine ,,Oxdnungslehre, der 1907 seine ,,Wirklichkeitslchre" folgte, die beide zusammen cin grofes, aul Vitalismus und einer geistigen Aulfassung der Welt beruhendes philosophisches System enthalten. Schon hier und noch mehr in spiiteren Werken und den Neuauflagen seiner Haupt- werke spricht sich Driesch unumwunden fiir die Echtheit der okkulten Tatsachen aus. Ja neuerdings hat er sich mit voller Bestimmtheit fiir die Wahrscheinlichkeit der spiritistischen Hypothese ausgesprochen, wie dies kiir/lich auch August Messer, der GieSener Philosoph, in seinem kleinen Werk ,,Wissenschaftlicher Okkultismus" gotan hat. 1926 wurde Driesch als erster deutscher Gelehrter zum Prisidenten der ,,Ge- sellschaft fir psychische Forschung* in London gewihlt, eine Warde, die ihm auch fiir das Jahr 1927 tibertragen wurde. Mégen dem Philosophen noch lange Jahre ungestérten Schaffens zum weiteren Ausbau seines tiefsinnigen philosophischen Systems vergénnt sein. Ds. G. Zeller. Zu Hellenbachs 100. Geburtstag. Am 3. September 1827 ist Lazar Baron Hellenbach auf Schlo& Paczolay in Nordungarn geboren, und am 24. Oktober 1887 ist er in Nizza einem Schlaganfall erlegen. Er kann als der grofe Fortsetzer der Schopenhauerschen Philosophie im individualistischem Sinne bezeichnet werden. Die okkulten Tatsachen, denen er die letzten 10 Jahre seines Lebens unter Auf bieumg aller Krafte widmete, waren es, die ihm den Glauben an ein individuelles Fortleben, ja auch an eine Praexistenz der menschlichen Seele vermittelten. Hun- derte von Sitzungen mit Medicn, wie Eglinton, Slade und Bastian verschafften ihm griindliche eigene Kenntnis des ckkulten Gebietes und zugleich die Uberzeugung von der Echtheit der Identititsbewcise (siche ,,Vorurteile der Monschheit,* Bd. , Seite 164-174). Bekannt ist Hellenbachs Eintroten fir die genannten drei Medien, dic von Gegnern des Spiritismus, z.. sehr hochstehenden, als Schwindler bezeichnet und vermeintlich entlarvt worden waren. Die Lehren von Pri und Postexistenz, von Metaorganismus oder Atherkézper und transzendentalem Subjekt kénnen in Kiirze als die Grundgedanken von Hellenbachs okkultistischer Philosophie bezeichnet werden. In seinem letzten groBen Werke, ,Geburt und Tod als Wechsel der An- schauungsform“ (1885) hat er den gesamten Ertrag seines reichen okkultistischen Forschens kurz zusammengefaBt. Heutige, besonders franzésische Forscher suchen seine Anschat ungen von Préexistenz und Atherkérper auf experimentalem Weg als wahr zu erweisen (de Rochas, Lancelin und Delanne). Mége es unserer Zeit noch vergénnt sein, den Sieg von Hellenbachs okkul- tistischen Anschautmgen auf dem Wege experimenteller Beobachtung und philo- sophischer Untersuchung, wie ihn Hellenbach selbst gegangen ist, zu erleben. Dr. G. Zeller. Namensverkettung. Der Mérder des Gesandten Woikow heiSt Kowerda. Schreibt man die Namen untereinander Woi/kow kow/erda; so kann man sie von links nach rechts und von oben nach unten gleichermafen lesen. Es scheint, als sei das Schicksal der beiden im voraus verkettet gewesen. (Aus dem B. B.C) http://dl.ub.uni-freiburg.de/ diglit /zb_okkultismus1927/0193 © Universitatsbibliothek Freiburg ‘gefordert durch dle DFG — 190 — GedankenUbertragung! Der ,,Dziennik Bydtoszki* weif eine seltsame Be- gebenheit zu erzihlen, die jeder natiirlichen Aufklirung spotter. Vor kurzem zog ein galizischer Gutsbesitzer Zygmunt Foltawski nach Bromberg, um sich in der Nahe ein Gut zukaufen. Wihrend er selbst die mblierte Wohnung eines Ver- wandten bezog, schickte er Frau und Kinder in eine Sommerfrische bei Tuchel. Eine Stunde und 50 Minuten nach Mitternacht, als er im tiefsten Schlummer lag, weckte ihn stiirmisches Lduten des Fernsprechers. Er begab-sich an den Apparat, meldete sich und hérte die wohlbekannte Stimme seiner Frau sagen: ,,Zygmunt, komme sofort und hole die Kinder, damit sie nicht bei meiner Leiche weinen*. Ein Knacken im Apparat unterbrach das Gespriich. Sofort Tautete der Gatte das Amt an, nannte die Nummer seines Anschlusses und fragte, von wo er soeben angerufen worden sei. Die Beamtin erwiderte, das sci iiberhaupt nicht der Fall gewesen. Sie habe in den letzten Minuten so wenig Gespriiche ver- mittelt, daB diese Tatsache unzweifelhaft feststehe. Der Gatte rief sich den Vorgang nochmals ins Gedichtnis zuriick und sagte sich, dab eine Halluzination véllig aus- geschlossen sei, hatte er doch nach dem Lauten des Fernsprechweckers erst noch seine Pantoffeln gesucht, um sich an dem in einem anderen Zimmer befindlichen Apparat 2u begeben. Da er nun bestimmt wufte, daS in dem kleinen Ort bei Tuchel tiberhaupt keine Fernsprechanlagen bestehen, ging er, zwar voller Unruhe, wieder zu Bett. Als er am anderen Morgen von dem auBerhalb des Hauses eirigenommenen Fribstiick zuriickkehrte, sah er vor dem Hause cin Automobil stchon. Der Chauffeur ibergab ihm einen Brief, in dem er ersucht wurde, sofort zu Frau und Kindern zu kommen, da ein Ungliick geschehen sei. Naheres wufte ihm der nur gemietete Chaulleur nicht zu sagen. Foltawski fuhy also sofort nach der Semmer- frische und erfuhr dort, dag seine Frau kurz nach Mitternacht von Herzbesch werden heimgesucht worden und nach einer halben Stunde verstorben ist. Als sie ihr Ende nahen fihlte, hatte sie gerufen: ,,Wenn ich doch nur 2u me! em Mann flehen kénnte." Um 1.30 Uhr nach Mitternacht verstarb sie und kurze Zeit danach liutete der Fernsprecher bei dem Gatien, Der nichste Fernsprechapparat beiand sich aber eine Wegstunde von der Wohnung der Sterbenden entfernt. (Mitags-Blatt, Hamburg). ANS AegeNEGEs ee anMzUeoRdAARARARENoERas! uname nage manne sone moon emo Buichertisch (Die angegehenen Bicherpreise sind unverbindlich.) Fort mit der Brille! Von E. Preibisch Neukéln, ThiiringerstraSe 31, Selbstver- lag. 50 Pig. Ein erfahroner Augenheilkundiger triet mit diesem Schriftchen fir cine Hei- lung und Vorbeugung der Kurzsichtigkeit, Weitsichtiekeit, Alterssichtigkeit und anderer Sehstérungen und Augenleiden ohne Benvutzung der Brille, nur du ch na- © Erziehung und Ubung ein. Da die Erfahrung auch anderer diesen Rat- schlagen teilweise recht gegeben hat, sollten weitere Versuche gemacht werden Experimenta!-Damenolegie, Vollstandige Anleitung zum Zitiren vor Diimonen, Mit erlauternden Abbildungen. Von Josef Diirr. Leipzig, Max Altmann. 1— Mk. Die Literatur der praktischen Magie ist klein, und auch in neuerer Zeit wagt man ‘gefontert durch die http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0194 © Universitatsbibliothek Freiburg DFG — 191 — sich héchstens an historische Darstellungen. Man brauche sich auch garnicht darliber zu wundern. Einmal meint der Aufgeklarte unserer Zeit, es handle sich hier nicht um Realitéten, hdchstens um psychologische Probleme, Spaltungserscheinungen, Halluzination u. dgl., und es sei tdricht, kindisch, heute noch ernsthafte magische Experimente zu machen. Die aber von der Objektivitat der magischen Phinomene iberzeugt sind, schouen die grofen Gefahren, die mit solchen Experimenten ver- bunden sind. Da ist es schr zu begriifen, wenn doch einmal jemand aus eigener Erlahrung seine Einblicke in das dunkle Gebict gibt und mit der Vorsicht des Kun- digen und verantwortungsbewuften Fibres Anleitungen zu eigenen Nachpriiiungen gibt. Die Erlebnisse des Verl. sind so eigenartig und fesselnd, daS viele Leser starke Eindriicke davon haben und die Uberzeugung gewinnen werden, da hier Entdeckungsfahrten unternommen wurden, die Reisen in unbekannte Erdteile gleichsteh:n, sowohl was die Ermittdung von Tatsachen betrifft, die fir den Aul- und Ausbau unserer Weltanschauung bedeutsam sind, als auch die Abenteuerlich- keit und den Heldenmut eines Bahnbrechers auf solchen Wegen. Wer cine gewisse Reife, geistige Klarheit und innere Festigkeit erlangt hat, darf wohl mit solchem Buche bekannt gemacht werden. Custos Wie deute ich mein Schicksal aus den Sternen? Eine gemeinverstindliche Er- klirung der Planetenwirkungen auf das menschliche Leben nebst angewandten Bei- spielen zum Selbstgebrauch. Von S. Andresen. Leipzig und Berlin, W. Vobach u. Co., 3,60 Mk. Man schrecke nicht gleich zuriick, es ist kein Allerweltkatechismus nach Art der Traum- und sonstige Orakelfiihrer. Jeder Kenner der Astrologie wird mit Be- friedigung feststellen, da& hier zwar kein richtiges Lehrbuch — es gibt deren genug! wohl aber eine sachlich gecliegene und vom Geiste einer klaren und starken Persén- lichkeit gestaltete Anleitung zum Verstindnis der astrologischen Gruncltatsachen ge- boten wird. Die Horoskope bekannter ZeitgréBen veranschaulichen die Theorie und einige kurze Abhandlungen erdfinen wichtige Aushlicke auf naheliegende Anwen- dungsgebiete der Astrologie (Erziehung, Medizin). So findet der Neuling gewissen- haite Einfiihrung und der Fortgeschrittene wertvolle Anregung zu_ selbststindigor Durchdringung des wiederentdeckten Wissenschaftsgcbictes. Da das Buch in einem Verlage mit weitreichenden und vielseitigen Bezichungen erscheint, kann es viel zur Ausbreitung der Astrologie beitragen. RGR. Ein Bruder des Herren und seine Geschichte. Von Karl Friedrich. Verlag Peter Hofmann, Freiburg i, Br, Leipzig. 50 Pig. Es gescheaen auch heute noch Zeichen und Wunder fiir den, der goistig wach und nicht scelisch verstockt ist. K. Fr. berichtet hier schlicht von einem, der durch die Siinde und den Jammer unserer Zeit ging und in seiner tiefsten Exniedrigung zum Erleben Gottes kam, wodusch er geistig und kérperlich gesundete. Danach blicben seine inneren héheren Sinne aufgetan, und nun erhebt er cinen Mahn- ruf an die Menschheit nach Gesichten iber die Linder Europas wie auch tber Amerika, einen Mahnruf, der nicht unbeachtet verhallen sollte, RE Perpetua. Der Roman der Schwostern Breitenschnitt. Von Wilhelm v. Scholz, Horen-Verlag, Berlin-Grunewald, 450 Seiten. Ganzl. 8 Mk. Nun komine noch einmal e:ner und sage, der Okkultismus sei ine Verirrung des Geistes, ein unfruchtbares Gebiet, auf dem nur wires,” undurchdringliches Ge- striipp gedeihen kénne! Wer so spricht, sci auf dicse Meisterdichtung verwiesen, und wenn er Uberhaupt fihig ist, ein Kunstwerk in seinem Innersten zu erfassen und es als naturnotwendiges Gewachs aus den Urtiefen einer ringenden Secle zu ver- http:/ /dl.ub.uni-freiburg.de/diglit /zb_okkultismus1927/0195 © Universitatsbibliothek Freiburg gefordert durch dle DFG — 192 — stehen, so wird er mit ehrlurchtsvollem Staunen und mit aulrichtiger Dankbarkeit bekennen miissen, da hier cin Dichter fir die grofe Masse Neuland erschlossen hat, das nicht nur die Neugier lockt, sondern worin des Menschen Urheimat, des Lebens geheime Seele, Sinn und Schicksal zu suchen ist. W.v. Scholz soll sich ja schon Sfter mit okkulten Problemen beschiiftigt haben, als Erzahler wie als Drama- tiker, ich kenne diese Sticke nicht, Aber hier ist ihm zweifellos ein gewaltiger Wurl gelungen, so groh und wuchtig, daf den Dichter selbst noch die Last driickt, womit ihn der Reichtum und die Tiefe der Gesichte, seiner Schauung und des ahnenden Verstehens letzten Ratseln gegeniiber erfiillt. Darum ist sein Stil mitunter schwer, gedankenvoll, beinahe beklemmend, wenn der Inhalt wachsend wie ein quellendes Samenkorn die Form zu sprengen droht. — Vom Inhalt des Romans sei nur verraten, da8 cr uns die Schicksale zweier Zwillingsschwestern vorfihrt. Die eine wird als Hexe verbrannt, die andere lebt als Nonne, als Heilige, und doch sind beider Leben innerlich so nah verwandt, wie sich als Schwes:ern auSerlich gleichen Es wire eine tiberaus verlockende und gewi& lohnende Arbeit, solchem Leben und Schicksal astrologisch nachzuspiiren, wenn es sich um geschichtliche Grundlagen handelt und genaue Zeitangaben zu erlangen wiiren! Ist doch der tiefste Sinn und der hichste Wert der Astrologie auf dem Gebiete der Psychoanalyse zu finden. — Es muf sich aber nun auch lohnen, dem Schaffen dieses Dichters nach der Seite des Okkultismus hin nachaugehen, mit dem er wesenhaft verbunden sein muf. E, Borg. Die grofien Eingeweihten. Skizze einer Gcheimlchre der Religionen. Von Eduard Schuré. Autoris. Ubersetzung von Maric Steiner. 8.11. Aufl. Leipzig, Max Altmann, Brosch. Mk. 8.-, geb. M. 10. Wenn dieses Buch gegeniiber den Schriften Carl du Prels bei uns eine ganz unvergleichbar schnelle Verbreitung gefunden hat (in ciner Mandel Jahre 7 Aullagen), so ist das viclleicht aus einem stirker werdenden romantisch-mystischen Zuge in unserm Volke zu erkliren. Trotz der herrschenden materialistischen Strémung bis in die Zeit nach dem Weltkriege haben doch weite Kreise die Unzuliinglichkeit und Gelthrlichkeit solcher Weltanschauung und Lebensweise empfunden. In dem Schnen und Suchen nach einem festeren Grunde und nach einem zuverlissigeren Fuhrer sind aber gar viele noch allzuschr gefithlsmaBig, ja fast méchte ich sagen sentimental eingestellt. Sie scheuen noch eine die ganze Persénlichkeit mit allen ihren Erkennt- nis- und Willenskraften aufwiihlende und anspannende Auseinandersetzung; ihnen geniigt noch eine mehr asthetische Anregung, die Denken und Fiiblen, also vor. wiegend die Phantasie, reizvoll beschiftigt und auf diese Weise subjektive Lebens- werte schalit, die vielen ber die augenblickliche Not des Leibes und der Secle hinweghilft. Solcher Geisteshaltung kommt Schurés Religionsgeschichte in hohem Mafe entgegen. 8 plastisch herausgearbeitcte und dramatisch belebte Einzelbilder (Rama, Krishna, Hermes, Moses, Orpheus, Pythagoras, Plato, Jesus) erdfinen in die Weite und in dic Tiefe eine unendlich scheinende Wunderwelt und geben gegeniiber dem ongen Begriff der Kirchen und Sekten von Gott und dem Géttlichen eine fast berauschende Ahnung von der wahren Fiille der Gottheit und von der Géttlich- keit des wahrhaft religissen Menschen. Ist auch hier Dichtung und Wahrheit, ‘Wabnen und Wissen, Sinnen und schauen in nicht Klar zu scheidender Mischung geboten, so ist diese seltsame Schépfung doch offenkundig das Gnadengeschenk eines Eingeweihten und verdient eine seiner stattlichen Verbreitung entsprechende Wertschitzung und weiteres Studium auch in uuseren Tagen. ‘A. Grobe-Watischky. ‘gefontert darch die http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0196 © Universitatsbibliothek Freiburg DFG