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Meinhart Horst

Unter dem Kreuz des


Südens
Reisebilder

Alle Rechte beim Autor

2009

Inhalt

Die
Mülbenpresse Vorwort
Gewidmet meinem väterlichen Freund Romilde Campos und Traurige Tropen Gott ist Brasilianer
meinem ehrlichen Nachbarn Francisco
Blutsauger und Giftmischer

Der Feiertag

Die drei grüngelben Hühner

Märchen
Der Schatzgräber den Ort erst später erkundet oder warte noch auf die
Gelegenheit ihn kennenzulernen. So können meine Geschichten
… und Gomorrha auch eine Aufforderung an den Leser sein, hinauszugehen in
die Ferne, die auch die seiner Phantasie sein kann, und die Welt
Stadtpläne Copacabana und sich mit ihnen zu entdecken.
Das Frauenzimmer Die folgende Sammlung enthält eine Auswahl, deren Thema
Der Schmetterling Brasilien ist. Die Meisten wissen wenig über dieses Land, hören
viel von Karneval und Fußball, manchmal etwas von Kinder
Die Rose von Barbacena mordenden Polizeibanden, selten etwas von der unerbittlichen
Wirklichkeit des Lebens, das der Ethnologe Claude Lévi-Strauss
Tellergericht oder: Die in seinen ”Traurigen Tropen” so treffend beschrieben hat, aber
brasilianische Heirat welcher Vilém Flusser dann eine hoffnungsvolle, geradezu
Wegweiser (Tarot Brasiliense) Tarot-Trumpf Nr. 4 Der Kaiser utopische Perspektive gegeben hat.

Tarot-Trumpf Nr. 7 Der Wagen

Tarot-Trumpf Nr. 15 Der Teufel

Anhang

Traurige Tropen
Meine Geschichten handeln von Reisenden und Wanderern, von
Entdeckern und Suchenden, auf Reisen durch die Außenwelt Gott ist Brasilianer
und ihre eigene Innenwelt. Oft finden sie am Ende ihrer Wege
und Irrwege schließlich doch zu ihrem Ziel, das ihnen Erfüllung ein in Brasilien gerne benutztes Schlagwort, um auf die Größe des
bringt. Landes und die Bevorzugung seiner Bewohner im göttlichen Heilsplan
hinzuweisen.
Stationen der Wanderung eines Menschen auf der Suche nach
seiner Identität zeigen auch die Karten des Tarot, von denen Es war einmal ein jangadeiro, der lebte mit seiner
einige in dieser Sammlung dargestellt sind. Frau in einer elenden Hütte am Strand, in der es wie
in einem alten Pisstopf roch. Jeden Tag fuhr er aufs
Wir lesen aber auch von Reisenden, die die Welt nicht
verstehen, der sie begegnen. Andere verharren auf der Stelle
Meer hinaus, um zu fischen.
trotz der großen Strecken, die sie zurücklegen.
Eines schönen Tages fing er einen großen Fisch und
An vielen Orten bin ich selbst gewesen, und die Geschichten war schon glücklich über diesen ungewöhnlichen
sind aus Eindrücken entstanden, die ich dort gewonnen habe. Fang, als dieser zu reden anfing: ”Hör’ mich an,
Bei anderen Orten war zuerst die Geschichte da, und ich habe
compadre! Lass mich leben. Ich bin kein richtiger Sie will ‘ne granja und ‘ne Menge Personal,
Fisch. Ich bin ein verzauberter Prinz.” sie kann mich mal.
Aber was sie will, das gib ihr nun,
”Na gut”, antwortete der Fischer, ”wenn’s denn so ich will dir nie mehr Böses tun.”
ist, in Gottes Namen, spring’ zurück ins Meer!” und
segelte nach Hause. Unversehens kam der Fisch an die Oberfläche und
sagte: ”Fahr’ nur zurück, sie hat schon, was sie will.”
”Hasse ganix gfange?” ging ihn seine Frau an, als er
mit dem leeren Boot zurückkehrte. Und siehe da: Seine Frau erwartete ihn auf einer
großen granja. Hühner und Enten liefen zwischen
”Ja schon,” sagte der Fischer, ” ’n Fisch, groß Kühen und Pferden herum. Papageien lärmten in den
genug, war kein richtiger, war’n verzauberter Prinz, Eukalyptusbäumen und Kolibris schwirrten in der
und ich sollt ihn ins Meer zurückwerfen.” Hibiskushecke von Blüte zu Blüte. Ein Verwalter trieb
die Arbeiter an, und sie konnten es sich gut gehen
”Hasse dir’n jenfalls wat gwünscht?” murrte die Frau.
lassen.
”Nee, was denn?” fragte der Mann.
Aber das Wohlleben verdarb sie: Die Frau begann zu
”Bisse denn bei Troos?” barmte die Frau. ”Isses trinken und beschimpfte den Verwalter als
etwa gut, wie wia lem? In diesa Hornstsche. Mich Nichtsnutz. Schließlich lief er weg, die Arbeiter
ekelt’s jen Tach. Unnen ganzen Tach nur Bammbs, stahlen, was nicht niet- und nagelfest war, die Tiere
morchens Bammbs, middags Bammbs, aams taten sich an den Pflanzungen gütlich, und die
Bammbs. Häd gän ma wieda aenne beiden mussten wieder selber für sich sorgen.
Schpeggfeddbämme un ä Schälchn Heeßn. Un’n
Da sagte die Frau zu ihrem Mann: ”War schlacht, das
Hader sieht bessa aus als meene Fäddzn. Fahr’
Land. Fahr’aus, ruf’n Fusch. Will Bäsidenn wer’n,
zrück, ruf’n Fusch un wünsch’ uns 'nen ontliches
dann binnich Schef vonne Amee un dann soll’n se
Schtück Lann mit Viehzeuch un Leide zum Abeeten.”
ma seen.“
Der jangadeiro wollte protestieren, doch er gehorchte
Der jangadeiro bruddelte hilflos vor sich hin, ihm war
und fuhr hinaus auf die bewegte See. Gelbe Wolken
es peinlich erneut um Hilfe zu bitten, aber er
kündigten einen Sturm an. Ängstlich sagte er seinen
gehorchte. Wie eine grüne Mauer stand die Brandung
Vers auf:
vor ihm. Immer wieder wurde er mit seiner jangada
”Fisch, Meeresfisch, Prinzenfisch, auf den Strand zurückgeworfen. Schließlich schaffte
meine Frau, die ärgert mich. er es. Mit vorgehaltenen Händen, damit seine Stimme

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nicht weggeweht wurde, rief er nach dem Fisch: Da sagte die Frau zu ihrem Mann: ”War schlacht,
unsa Lem. Fahr’aus, ruf’n Fusch. Will Babs wern.
”Fisch, Meeresfisch, Prinzenfisch, Dann gönnse mich am Aasch leck’n und griech’n
meine Frau, die ärgert mich. noch’n Heilichenschein dabei.“
Präsident werden will sie von dem Land,
mit nichts im Kopf und in der Hand. Der jangadeiro zitterte am ganzen Körper, weil er sich
Aber was sie will, das gib ihr nun, vor dem Fisch fürchtete, doch er gehorchte. Kaum
ich will dir nie mehr Böses tun.” bekam er seine jangada ins Wasser, doch seine Frau
trieb ihn hinaus. Der Sturm wütete mehr denn je, die
Die See kochte, und in einem Strudel, der das Boot Wolken hingen so tief, dass sie eins waren mit der
fast hinuntergezogen hätte, tauchte der Fisch mit See, und er brüllte sich heiser:
einem Umhang von triefenden Algen wie ein
Ungeheuer aus der Tiefe auf, Wellen schlugen in das ”Fisch, Meeresfisch, Prinzenfisch,
Boot, und der jangadeiro musste um sein Leben meine Frau, die ärgert mich.
Wasser schöpfen. Papst will sie werden im Vatikan,
kräht herum wie ein Hahn.
”Fahr’ zurück, sie hat schon, was sie will.” hörte er Aber was sie will, das gib ihr nun,
den Fisch noch, als dieser ihm mit einer jähen ich will dir nie mehr Böses tun.”
Wendung verächtlich sein Hinterteil zuwandte und
die jangada mit einem stinkenden Furz einhüllte. Unheilvoll nahte ein Schatten: Es war der Fisch, der
wütend mit der Nase gegen das Boot stieß, so dass
Stinkend oder nicht - der Zauber zeigte wieder es kenterte und der Schiffer in arge Bedrängnis
Wirkung: Wie der Mann zurückkam, wurde er sofort geriet. Mit Donnergetöse blaffte er ihn an: ”Fahr’
von einer Polizeieskorte in die Hauptstadt gebracht. zurück, sie hat schon, was sie will.”
Sie wohnten nun auf dem planalto und bekamen
Besuch von vielen wichtigen Leuten. Irgendwie schaffte es der Schiffbrüchige an Land zu
kommen, wo ein Flieger bereit stand, um ihn zur
Aber weil die Präsidentin nicht merkte, dass es nicht Päpstin zu bringen. In Rom wurde er gleich zum
genügte, sich auf Staatsempfängen den Hof machen Vatikan geleitet. Die Schweizer Garde salutierte, und
zu lassen, ging es mit dem Land bergab und die seine Frau empfing ihn mit einer weißen Soutane
Armee putschte. Nur mit Mühe konnten sie den bekleidet, den seidenen Pileolus auf dem Kopf und
Kugeln entkommen und fanden sich zum Glück nur den Fischerring an ihrer Hand. Aber da er nicht mehr
leicht blessiert am Strand wieder. das Bett mit ihr teilen durfte, ließ er sich auszahlen,
kehrte an den Strand zu seiner jangada zurück und über der See, auf der die Sonne ein Sternenmeer
suchte sich eine der Dorfschönen als Gespielin. erglitzern ließ, dass es den jangadeiro blendete.
Lange dauerte es, bis der Fisch in einem Kleid von
Die Frau hatte nun keine Macht mehr über ihn und strahlenden Brillianten auftauchte. Schweigend
kochte vor Eifersucht auf das junge Mädchen an strich er eine Weile mit leichten Flossenschlägen
seiner Seite. So ließ sie den Fischer noch einmal zu durch das Wasser und seufzte: ”Fahr’ zurück, sie ist
sich kommen und sagte scheinheilig: ”Ganzen Tach es schon und wieder unter ihresgleichen.”
beet’n is nich meene Sach. Binne eenfache Frau un
nich’n Maskottchen von all die Gaadinäle un So kam es, dass Gott Brasilianer wurde.
Bischöffen. Hab’ die Schnauze voll. Will Gott wer’n.
„Der bekannte brasilianische Satz, wonach, was immer man anpflanzt,
Dann gann mia geena mä was.” Und dachte bei sich: gedeiht, ist beinahe wörtlich zu nehmen. Es genügt, ein Feld zu roden,
‚Wenn ich Gott bin, kann ich die andere leicht oberflächlich zu bearbeiten und zwei Jahresernten zu warten. Aber die
austricksen.’ Tücke der Natur besteht darin, dass die zwei ersten Ernten auch die
letzten sein werden. Und dieser entsetzliche Satz … besagt, dass der
Boden auf die Dauer verweigert, den Menschen zu ernähren. … Da die
Dem jangadeiro wurde schlecht angesichts ihrer Natur hier ein tückischer Feind ist und ein würdiges und sinnvolles
gotteslästerlichen Rede. Aber er gehorchte und Leben es erforderlich macht, ihr gegenüber die Kräfte anzuspannen
machte an den Strand zurück, um seinen Auftrag (nicht nur die Kräfte der Vernunft, sondern auch und vor allem die des
Gefühls und der Intuition), bleiben dem Brasilianer keine Kräfte übrig,
auszuführen. Die Luft heulte, die Palmwipfel bogen um sich gegen den Mitmenschen zu mobilisieren.“ (V. Flusser)
sich bis zum Boden, Sandkörner stachen ihm in die
Augen. Aber der Wind stürmte seewärts, und so Blutsauger und Giftmischer
durchschnitt seine jangada wie ein fliegender Fisch
die Wogen, einmal über dem Wasser, einmal Die beiden hageren Männer schwangen ihre Hacken,
darunter, bis er erst weit draußen in ruhigerer See trieben sie mit einem kräftigen Hieb unter die zähen
seinen Spruch aufsagen konnte: Wurzeln des hohen capim. Am Ende des Schwunges
stützten sie sich einen Moment auf, um ein wenig
”Fisch, Meeresfisch, Prinzenfisch, auszuruhen, und rissen dann mit einem Ruck die
meine Frau, die ärgert mich. schilfähnliche Pflanze aus dem Boden. Die scharfen
Gott will sie sein, Herrin der Welten, Blätter schnitten schmerzhaft in ihre Hände und
außer ihr soll nichts mehr gelten. Arme, Schwärme von Mücken, denen sie die
Aber was sie will, das gib ihr nun, Heimstatt nahmen, fielen über sie her. Wenn einmal
ich will dir nie mehr Böses tun.” einer im Busch verschwinden musste, bohrten sich
Der Sturm legte sich. Ein blauer Himmel wölbte sich Hunderte von winzigen Zecken in seine Haut, und
juckende Quaddeln nahmen ihm die Nachtruhe.

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Nicht nur die Aussicht auf die tägliche Plackerei ließ gegenseitiger Anziehung und Abstoßung
sie schon jetzt am frühen Morgen eine bleierne überwanden - ein Spiel, das sich in jeder Biegung
Müdigkeit spüren. Den brachliegenden Boden urbar des enger werdenden Tales wiederholte.
zu machen, war anstrengend genug, aber der Weg
hierher hatte sie schon erschöpft, bevor sie die Als die Berge dann auseinander traten, hatte der
Hacke in die Hand genommen hatten. Fluss kaum Zeit sich auszuruhen, da sich schon die
garimpeiros auf ihn stürzten. Mit reichlichen Gaben
Zwei Stunden waren sie mit zügigem Schritt von Quecksilber versetzten sie ihm den Todesstoß,
unterwegs gewesen. Es war noch dämmrig, als sie so dass nicht einmal mehr die Aasgeier die silbrigen
ihre Hütten mit einem Schluck heißen Kaffees und Leiber der vergifteten Fische annehmen wollten.
einem Löffel Polenta im Magen verlassen hatten. Um
zu dem Flusstal zu gelangen, in dem das Grundstück Mochte er zur Regenzeit auch noch so mächtig
ihres patrão lag, mussten sie zweimal einen Hügel werden, dass er den Menschen Angst und Schrecken
hinauf und hinunter, dann die lange, leicht abfallende einjagte, war er in sein enges Bett zwischen den
Estrada da Pira entlang, von der aus sie immer Bergen doch eingezwängt wie in ein Gefängnis.
wieder auf die Windungen des Tamina blicken Mochte er sich mit noch so viel Wut gegen die Felsen
konnten, bis sich ihr Weg und der des Flusses bei werfen, immer wieder fiel er in der Trockenzeit in sich
der granja trafen. zusammen und wurde zu einer stinkenden Kloake.

Träge war der Fluss unter ihnen dahingeflossen, Die Arbeiter auf der granja kümmerte das alles nicht.
braun vom Schlamm aus den Bergen und dem Kot, Sie fuhren fort, ihre Hacken in den schweren
den die Stadt in ihn entleerte. Aasgeier hockten auf Lehmboden zu schlagen. Wenn sie am Freitag ihre
den Bäumen an seinem Ufer und warteten auf Löhnung erhielten, im Wert von zwei bis drei Dollar
Kadaver, die auf ihm dahintrieben. pro Tag, würde wieder etwas Kräftiges zu essen auf
dem Tisch stehen, und es würden noch einige
Der Tamina war krank. Noch lebte er, brach sich bei Cruzeiros übrigbleiben für pinga und Zigaretten.
der granja in einer kleinen Bucht, so dass die
zurückfließenden Wasser sich mit den Es war gut, dass der patrão nicht hier war. Öfter als
hinunterströmenden trafen, sich wirbelnd zu ihm lieb gewesen wäre, mussten sie eine Pause
umarmen schienen, um dann wie angeekelt einlegen. Nicht nur die Hitze schwächte ihre
voneinander zu lassen. Gezwungenermaßen ausgemergelten Körper. Reis und Bohnen, einmal in
strömten sie gemeinsam auf die Felsen weiter der Woche etwas Fleisch. Das reichte für den Weg,
unterhalb zu, die sie in einem schäumenden Tanz aber für die Arbeit nicht mehr.
Nun hatten sie wieder einen Job, für einige Wochen, selbst zugrunde gingen, dass sie nur immer wieder
einige Monate vielleicht. Wenn sie zu langsam ein Opfer derer sein würden, die ihnen auch den
vorwärtskamen, würde der patrão die Geduld letzten Rest ihrer Arbeitskraft abhandelten. Sie
verlieren und andere einstellen. Wenn sie zu schnell würden ihren Leidensweg gehen, stolz, erhobenen
waren, würden sie um so eher auf Arbeitssuche Hauptes, in der Meinung frei zu sein, bis eines Tages
gehen müssen. Dann würde es sonntags kein Huhn niemand mehr ihre Arbeit haben wollte und ihnen der
mehr geben, und immer häufiger würden sie Tod die einzige Freiheit blieb.
hungrige Blicke auf das Schwein in dem Verschlag
hinter der Hütte werfen.
Der brasilianische Fasching (der Carnaval) ist oft besprochen worden
Einmal war der gringo zu ihnen nach Hause … Vier Tage des Jahres bedeuten für einen großen Teil des
gekommen, um ihnen Anweisungen für die Arbeit am brasilianischen Proletariats eine ‚Epoché’, in welcher unter
Zuhilfenahme von Maske und Geste das übrige Jahr ausgeklammert
nächsten Tag zu geben. Er hatte auf dem Bett mit den wird, dass es existentiell verschwindet. … Das übrige Jahr ist nichts
Lumpen Platz genommen und mit ihnen einen als Vorbereitung des Carnavals.“ (Vilém Flusser)
cafezinho getrunken. Als er dann aufstand, um sich
zu verabschieden, traf er unter dem niedrigen Dach
auf die schwere, stickige Luft, die mit den
Feiertag
Ausdünstungen aus dem Schweinestall gesättigt Wie angenehm war doch die Fahrt mit dem Zug! In
war. Angewidert war er aus der Hütte gestürzt, voller diesem Zug im Stil der amerikanischen Western,
Ekel vor dem Gestank, der doch für sie einige satte braun gestrichen, mit kleinen Fenstern und hohen
Wochen am Jahresende im Kreise ihrer Familie Einstiegen, die ohne die Fußbank bewältigt werden
bedeutete. mussten, wie sie früher in Texas oder Arizona ein
schwarzer Zugschaffner in bunter Uniform dem
Würden sie es bis zum Ende der Arbeit bei dem
Fahrgast hilfreich untergeschoben hatte. Vor dem
Deutschen aushalten? Immer wieder wurden sie von
Zug eine Dampflok, die mit verhaltenem Zischen und
seinen Nachbarn gefragt, ob sie nicht für etwas mehr
Prusten auf das Signal zur Abfahrt wartete. Sie wirkte
Lohn bei ihnen arbeiten wollten. Mochte der patrão
ein wenig schwach für die vielen Wagen, denen fast
auch noch so gut bezahlen, eines Tages würden sie
an jeder Station einer hinzugefügt wurde. Doch ihre
Maniok für ihr Schwein stehlen, tagelang wegbleiben
Energie war trotz der vielen Hindernisse auf der
oder ihn sonstwie verärgern. Dann konnten sie guten
Strecke ungebrochen. Zwar schnaufte sie
Gewissens eines der Angebote annehmen.
asthmatisch die Steigungen hinauf, rollte dann aber
Ihnen war nicht bewusst, dass sie an ihrer Rebellion umso flotter die Berge hinunter.

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Ständig musste der Heizer Holz nachlegen, und wenn Landes miteinander diskutierten.
es ausging, weil Bäume nicht beliebig nachwachsen,
schüttete er Kaffeebohnen in das Feuerloch, von Wohin ging die Reise? Wer wusste es schon?
denen es überreichlich gab, und der würzige Geruch
Manchmal zog ein Neugieriger ein Fenster hinunter,
von gebranntem Kaffee durchzog die Abteile. Die
um nach dem nächsten Bahnhof Ausschau zu halten.
Landschaft flog vorbei. Die Leute im Zug schwatzten,
Das Land schien leer, nur bewohnt von Aasgeiern
machten ein Nickerchen, aßen ihre Sandwichs,
und Kühen. Dazwischen einige Landarbeiter, die mit
tranken ein Bier oder eine Guaraná dazu.
der Hacke den Boden bearbeiteten.
Wie in einem Theater hätten sie auf das Panorama
War es nicht ein herrliches Land!
blicken können, auf eukalyptusbewachsene Hügel,
endlose Kaffeeplantagen, Zuckerrohrfelder und von Der Himmel leuchtete in einem hellen Blau, die
Bambusbüschen und Bananenhainen gesäumte Weiden und Wälder erstreckten sich im frischen Grün
Flusstäler, wenn die Scheiben nicht von jahrelang und der Sand der Strände glitzerte golden im
abgelagertem Schmutz blind geworden wären. Auch Sonnenschein. Ab und zu klagte jemand über den
waren sie viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um schmutzigen Boden und die blinden Scheiben. Aber
den Blick nach außen zu missen. Die hübschen im Großen und Ganzen waren doch alle angesichts
Mädchen in ihren kurzen Röcken und engen des nicht endenden Feiertags zufrieden und davon
Oberteilen, die ihre schwellenden Brüste kaum überzeugt, dass die da draußen sie beneiden
bändigten, und die stolzen, kräftigen jungen Männer, müssten. Auch wurde immer wieder durch den Nebel
aus deren T-Shirts wolliges, schwarzes Brusthaar des Fensterglases der Fortschritt schemenhaft
üppig herausquoll, befanden sich in einer gehobenen sichtbar: Viadukte, Wolkenkratzer, manchmal eine
Stimmung. Sie scherzten und tändelten miteinander, Schule, ein Krankenhaus.
sangen fröhliche Lieder.
Und sogar die Sonne strahlte vor Glück über das
Wie leicht war doch alles, so schön und heiter! Dorado, das unter ihr lag.
Unbesorgt, entspannt auch die anderen ”Wohin fahren Sie?” fragte ich einen Mann, der von
Mitreisenden: Kaufleute, die Berechnungen ernsthafter, Vertrauen erweckender Ausstrahlung
anstellten, Pfarrer im stillen Gebet versunken, war und wie ein Parlamentsmitglied aussah.
Spaßmacher, die an der Gitarre zupfend melodisch
Wörter reimten, in der ersten Klasse einige würdige ”Ich kümmere mich nicht um das Ziel der Reise. Der
Herren, die unablässig über das Wohl und Wehe des Weg ist mein Ziel. Wo auch immer wir halten werden,
ich werde aussteigen und meinen Geschäften trotz ihres reichlich bemessenen Lebensraumes
nachgehen, so Gott will.” nicht gut miteinander verstanden.
Eine wahrhaft philosophische Antwort, die mich trotz Ihr Hausherr, der die Sprache des Landes mit einem
ihrer tiefen Weisheit befremdete, und ich fremden Akzent sprach, hatte sie sich angeschafft,
verabschiedete mich von ihm, nicht ohne ihm alles um morgens - wie aus seiner Heimat gewohnt -
Gute zu wünschen. frische Eier auf dem Tisch zu haben. Sein Federvieh
gehörte einer farbenprächtigen Rasse an: ihr Rücken
Doch allmählich überkam mich die gleiche war grün, die Flügel gelb, und sie legten blaue Eier,
Stimmung. Ich machte mir über das Woher und auf deren Schale sternenförmige, weiße Flecken wie
Wohin unserer Reise keine Sorgen mehr, ließ mich das Kreuz des Südens angeordnet waren.
von dem Duft der blühenden Büsche betäuben, die
den Bahndamm hinaufwuchsen, und versank in Ihnen gefiel es überhaupt nicht, dass der Patron
süßen Träumen. ihnen die Eier wegnahm, kaum dass sie sie mit
stolzem Gegacker gelegt hatten, hätten sie sich doch
Der Zug würde unablässig weiterfahren, auch ohne lieber dem Brutgeschäft gewidmet, um sich an einer
unser Eingreifen. Unser Fortkommen war gesichert munteren Kückenschar zu erfreuen. So packte sie
durch die Techniker in dem fernen Stellwerk auf der jeden Tag die Wut, wenn der Fremde mit schweren
Hochebene. Sie würden schon dafür sorgen, dass Schritten nahte, die Stalltür aufriss und ihre
unser Feiertag nicht gestört würde. Tagesproduktion zusammensuchte. Da er aber auf
ihr aufgeregtes Geflatter und Gekreische nichts gab,
beschuldigten sie sich gegenseitig, tatenlos dem
„Brasilien? – Ein Hühnerstall“ (Zé Carioca) Raub zuzusehen, und fielen übereinander her. Sie
pickten sich die Federn aus, hackten aufeinander
Brasilidade herum und stürzten sich dann gemeinsam auf einen
alten, halbwilden Hahn, der im Unterholz hauste und
Neben dem Bananenhain auf der Granja de ihnen ab und zu einige Maiskörner stahl.
Locupleto stand auf dicken Eukalyptusstümpfen ein
Hühnerstall, aus den dunkelgrünen Stangen des Er war der eigentliche Herr der granja und schon
Riesenbambus gezimmert und mit einem längst dagewesen, bevor der Gringo hier seinen
kanariengelb gestrichenen Eternitdach bedeckt. Er Landsitz angelegt hatte. Aber seine einstmals stolze
war geräumig genug, um 20 oder 30 Hühnern Platz zu Erscheinung war durch die ständigen Attacken
bieten, doch in ihm lebten nur ganze drei, die sich heruntergekommen: Schwanzfedern waren

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herausgerissen und sein Kopf bedeckt mit blutigem entsetzliche Lage, in der er sich befindet, versucht der Bürger vor sich
selbst zu verschleiern. Eine der Verschleierungsmethoden ist ...
Schorf. Während er sich jedoch bei Einbruch der Patriotismus (diese, wie einmal gesagt wurde, letzte Zuflucht des
Dunkelheit auf einen Busch zurückzog, setzten sich Schurken).“ (V. Flusser)
die Kämpfe im Hühnerstall auch nachts fort. Das
stärkste Huhn, das mit dem weißen Brustfleck, Märchen
machte sich auf der Sitzstange immer breiter,
verdrängte schließlich die beiden anderen, und so Es war einmal ein Königreich, das ganz und gar
kam es, dass das schwächste, dunkler gefärbte, auf rückständig war. Weil die Lehrer sich ständig im
einem Stein unter der Stange die Nacht verbringen Streik befanden, war die Ausbildung der Jugend
musste. Das andere, mit einem Brustgefieder von schlecht. So trieben sich die Schüler auf der Straße
einem samtenen Braun in der Farbe von Zimt und herum und lernten Verbrechen zu begehen. Der
Nelken, sicher das schönste der drei, war genötigt, Handel war tot, weil die Kaufleute ihre Waren
sich auf ein Stück Bambus zurückzuziehen, das zurückhielten, in der Erwartung, dass angesichts der
zwischen Sitzstange und Stein aus der Stallwand galoppierenden Inflation die Preise steigen würden
herausragte, wobei das eine immer in Gefahr war, und sie so noch höhere Gewinne als ohnehin schon
von dem Kot des jeweils über ihm hockenden machen könnten. Lieber warteten sie in ihren
beschmutzt zu werden. Strandhäusern ab, was die Zukunft bringen würde.
Auch die Beamten und Angestellten in den Behörden
Dem Deutschen blieb das alles nicht verborgen, aber erfreuten sich eines schönen Lebens: Sie hielten die
er war es zufrieden, solange die Eier pünktlich im Bittsteller von sich fern und füllten ihre Mußestunden
Nest lagen. Und als nach einiger Zeit das dunkelste mit Fernsehen und Diskussionen über Fußball.
Huhn, geschwächt von den Kämpfen, nur noch jeden
zweiten Tag eins legte, ließ er es kaltblütig in den Das Volk litt unter diesen Verhältnissen, der Inflation,
Kochtopf wandern und kaufte auf dem Wochenmarkt den hohen Steuern und Abgaben und träumte von
ein jüngeres. Anfangs beanspruchte es noch seinen einem besseren Leben als garimpeiros im Norden
Platz auf der Sitzstange. Aber binnen kurzem hatte des Landes, wo reiche Gold- und
sich das große, helle Huhn wieder durchgesetzt und Edelsteinvorkommen darauf warteten, geschürft zu
alles war wie vorher. werden.
Der König José war schon alt und hatte es satt, sich
mit seinen Ratgebern herumzustreiten, die ihre
„..denn an nichts ist der Bürger wirklich gebunden, und alles ist ihm
käuflich und verkäuflich. Alles muss vor Toresschluss, vor der
Taschen lieber mit den Steuergeldern füllten als
drohenden Katastrophe, zu Geld gemacht werden können. ... Die Sorge für das Gemeinwohl zu tragen. So beschloss
er, in andere Länder, zu seinen königlichen Kollegen, er die Regierungsmaschine selbst. Leider sah er sich
zu reisen. Jahrelang ließ er es sich im Ausland gut genötigt, den Steuerknüppel abzugeben, als seine
sein. Aber eines Tages waren die Schatzkammern besorgte Mutter an das Volk einen offenen Brief
leer, und es war kein Geld mehr für seine schrieb, man möge ihren Sohn doch bitten, von
aufwändigen Reisen da. seinem gefährlichen Tun abzulassen. Um sie zu
beruhigen, fuhr er daraufhin zum Schrecken seiner
Da er keinem zur Last fallen und nicht gerne als Leibwächter, aber unter dem Beifall und Gejohle
vagabundierender Parasit in die Geschichte eingehen seiner Untertanen, die ihn als einen der Ihren
wollte, setzte er sich zur Ruhe und übergab das feierten, am Muttertag mit dem Fahrrad zum Dienst.
Schicksal seines Reiches dem Volk, das aus seiner
Mitte einen Nachfolger wählen sollte. So hätte es weitergehen können bis an das Ende
seiner Tage, wenn da nicht der neidische König des
Dieses sprach sich für einen jungen Prinzen aus, der großen Reiches im Norden des Kontinents gewesen
bar jeder Noblesse früher einmal als Dressman wäre, der sich für die waldreiche Niederung seines
gearbeitet hatte und sich nun auf der fazenda seines südlichen Nachbarn mit so viel Gold und Diamanten
reichen Vaters herumlümmelte. unter der Erde interessierte. Unter dem Vorwand, die
Rechte der Eingeborenen zu verteidigen, ließ er seine
Kaum dass er die Macht übernommen hatte, zog
Streitkräfte das Goldland besetzen. Zwar funkte ein
auch er es vor, in die Ferne zu reisen, als daheim
Missionarsposten an der Grenze die Botschaft von
nach dem Rechten zu sehen. Es war einfach zu
der feindlichen Invasion in die Hauptstadt, doch bis
unruhig: die ständigen Streiks, Kämpfe
der Kriegsminister in einem Motel gefunden war, kam
rivalisierender Banden, die unablässig steigenden
jede Gegenwehr zu spät. Der siegreiche König des
Preise ...
Nordreiches machte den Häuptling der Indianer, dem
Er überließ es seinen Ratgebern, sich den Kopf über er die Unabhängigkeit versprach, zu seinem Vasallen.
ein Regierungsprogramm zu zerbrechen und machte
Als der Prinz zurückkehrte, reichlich verschreckt
sich davon. Und so wurde er bei allen beliebt: bei
über die schlechten Nachrichten aus seinem Lande,
seinen eigenen Leuten, weil er sich nicht in ihre
empfing ihn das revoltierende Volk. Es hatte nun alle
Geschäfte mischte, von denen er ohnehin nicht allzu
Hoffnungen auf ein besseres Leben verloren und
viel verstand, und im Ausland, weil er - im Gegensatz
zwang ihm das Versprechen ab, innerhalb von drei
zu seinem Vorgänger - seine Rechnungen bar
Tagen das verlorene Land wieder zurückzugewinnen,
bezahlte und seine Gastgeber zu sich einlud. Zudem
koste es, was es wolle. Andernfalls würde er wegen
waren seine Reisekosten gering, denn anfangs flog
Hochverrates angeklagt werden und sein Leben wie

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weiland der selige Ludwig aus Frankreich unter der Untertanen würden dieselben Rechte wie ihre neuen
Guillotine beenden. Landsleute auf die Goldsuche haben.
Der Prinz war einigermaßen verstört, keiner seiner So geschah es und alle Welt war zufrieden:
Ratgeber wusste eine Lösung. Die Armee war zu
schwach. Sie war nur mit den abgelegten Waffen des Das Volk, weil es nicht von seinen Illusionen lassen
Nordreiches ausgerüstet. Seine vermeintlichen musste; der Nordkönig, weil es ihm gelungen war,
Verbündeten gaben vor, ihre eigenen Probleme zu sein Reich ohne Blutvergießen um ein gutes Stück
haben, und keiner seiner Höflinge hatte Lust, sein besten Bodens zu erweitern; der Prinz, weil er sich
Leben im Kampf zu verlieren. mit dem Kauferlös ein ganzes Archipel vor der Küste
kaufen konnte, auf das er sich zurückzog und sich
Nach der dritten Nachtsitzung ging der Prinz in den um nichts mehr zu kümmern brauchte.
Park des Planalto und setzte sich mit hängendem
Kopf auf eine Bank. Morgen schon würde sein Haupt Und weil die alte Landesfahne, wegen ihrer
in den Weidenkorb plumpsen und sich sein Blut mit missratenen Zeichnung ohnehin immer schon ein
Sägemehl vermischen. wenig minderwertig, nun nicht mehr war als ein
Stück Stoff, nähte seine Frau Roseane daraus
Er streckte die Beine aus, um seinen letzten Stunden Gardinen, Bettzeug und Tischwäsche, so dass der
noch etwas Gutes abzugewinnen und blickte zum Prinz ohne Land fortan in einem grüngelb gesäumten
Zenit, wo Tausende von Sternen glitzerten. Wie das Sternenmeer lebte und davon träumen konnte,
Banner seines Reiches, das einen Teil des weiterhin Herrscher eines Königreiches zu sein.
Sternenhimmels auf sich trug - jeder Stern eine
Provinz - erschien ihm der Himmel. Und als er sich
vorstellte, dass sein Sarg nicht einmal mit dem edlen
Tuch bedeckt sein würde - fehlerhafter Entwurf eines
trunkenen Künstlers zwar, doch für alle Patrioten die
schönste aller Flaggen - kam ihm eine Idee. Waren
nicht auch auf der Flagge seines Feindes lauter „Auch wenn er nach europäischen Maßstäben beinahe ein Bettler ist,
fühlt sich der brasilianische Proletarier als kleiner Kapitalist… Die
Sterne? Warum nicht sein Reich an ihn zu einem Inflation trägt dazu bei dem Proletarier seine Lage zu verschleiern, weil
guten Preis verkaufen! Für seine Privatschatulle sie ihm die Geldskala als Maßstab entzieht… In Brasilien ist es nicht
würde vielleicht noch etwas übrigbleiben, seine nötig, sich auf die Religion zu beziehen, um das Opium des Volkes zu
beschreiben; es reicht, von der Inflation zu sprechen.“ (V. Flusser)
Domäne würde so Teil des Nordreiches werden, an
den Schätzen aus dem Goldland teilhaben, und seine Der Schatzgräber
Francisco, ein kraushaariger, braunhäutiger, Umzäunung seines ranchinho durchlöchert, auf den
kleingewachsener Abkömmling von Negersklaven, seine Frau Dona Esmeralda es nach ihren
die sich über viele Generationen hinweg immer unermüdlichen Bemühungen, das Weiß wieder
wieder mit Indianern und Portugiesen vermischt hineinzuzwingen, zu hängen pflegte.
hatten, hackte mechanisch die Erde auf seiner
Pflanzung am Rio Piranga. Er wollte wie jedes Jahr Er hatte noch ein ganzes Stück Land vor sich. Hinter
Süßkartoffeln setzen. Wenn sie gut gediehen, konnte ihm pickten die Hühner in dem aufgeworfenen
er auf Gewinn hoffen. Selbst wenn sein Schwager Boden, gefolgt von dichten Schwärmen kleiner
Geraldinho beim Verkauf auf dem Markt den Tauben. Auf den hohen Eukalyptusbäumen hockten
Löwenanteil einstreichen würde, bliebe für ihn schon Geier, die phlegmatisch ein totes Pferd im Schilf am
noch etwas übrig. Ufer beäugten. Ab und zu flatterte einer von ihnen zu
dem Kadaver, um zu prüfen, ob es schon genügend
Immer wieder stieß er auf Glasscherben oder verwest war. Der Aasgeruch hielt Besucher mehr als
zerbrochenes Geschirr. Früher hatten die Müllwagen sonst fern und so war Francisco mit seinen
ihre Last hier an der Straße einfach den Hang Gedanken allein.
hinunter auf das Land der Fazenda Ipueira gekippt.
Mit der Zeit hatte sich eine große Halde gebildet, die Das Zirpen der Zikaden bildete eine gleichbleibende
durch die Regengüsse allmählich von Erde Geräuschkulisse, in die ein-, zweimal am Tag die
überschwemmt wurde. Die Küchenabfälle waren wummernden Sprengungen des nahen Steinbruches
vermodert, aber der Preis für den guten Boden war wie Detonationen von Granaten einbrachen. Die
lauter unverrottbares Zeug: neben den Scherben Tauben schwirrten erschrocken in die Höhe, die
verknotete, zerfetzte Nylonstrümpfe, zersplittertes Hühner stoben gackernd auseinander und die
Spielzeug aus Plastik, zerrissene Gummibänder, Aasgeier erhoben sich von ihren Ruheplätzen und
zusammengedrückte Cola-Dosen - für Archäologen kreisten als dunkle, unheilvolle Wolke über dem
vielleicht einmal wertvolle Dokumente einer Flusstal. Für einige Minuten war der Frieden gestört,
untergegangenen Kultur, doch für Francisco nur und erst zögernd stellte sich die Ruhe wieder her.
Unrat, der sich neben dem Acker auftürmte, um der
Unter der Last der zunehmenden Hitze wurden die
Müllabfuhr erneut übergeben zu werden oder einfach
Geräusche, die Franciscos Arbeit begleiteten, fast
im Fluss zu landen.
unerträglich. Manchmal kratzte ein schrappendes
Der caboclo schwitzte. Die Sonne war höher Schaben an sein Trommelfell, wenn die Hacke mit
gestiegen. Sein Hemd klebte am Körper. Rotbraun einem schlappen Zischen ins Erdreich drang. Dann
wie die Erde war es, vom Stacheldraht der war er wieder auf eine der vielen Münzen gestoßen,

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die in der Regenzeit in der feuchten Erde versunken lagen die Strunken der alten Maniokpflanzen, die
waren. Es waren Cruzeiros, große 50er, 20er, 10er darauf warteten, wieder eingesetzt zu werden.
und 5er, kleine 500er, 200er und 100er. Sie stammten
aus der Zeit vor der letzten Währungsreform vor Als er die letzte Ernte an seinen Schwager verkauft
einem Jahr und waren nichts mehr wert. Niemand hatte, hatte dieser ihm mit den Scheinen einige der
hatte sich die Mühe gemacht, sie an der Kasse neuen 10er und 5er gegeben. Nachdenklich hatte er
umzutauschen. Überall lagen sie herum, in den sie zwischen den Fingern hin- und hergedreht. Wenn
Hinterhöfen der sobrados, in den Rinnsteinen, einem das Geld immer schneller zwischen den
zwischen dem spitzen Gneis des Straßenpflasters in Fingern zu zerrinnen begann, würden sie wieder wie
den Sand gedrückt oder fest in den Asphalt verrückt Münzen prägen, zuerst große für die kleinen
eingebacken. Manchmal, wenn eine Münze in der Scheine, dann kleine Münzen für die großen, bis die
Sonne allzu verlockend blinkte, bückte sich ein Zahlen nicht mehr draufpassten und sie eine neue
Passant, um enttäuscht und verlegen um sich Währung einführen mussten.
blickend schnell weiterzugehen.
Er trat an die rostige Pumpe, unter Ächzen und
Aber hier, wo der Boden noch schwarz war von Stöhnen strömte das Wasser platschend in den
zusammengepresstem Kompost, hatte er schon Blechbecher, der hier immer bereitstand. Gierig trank
Münzen aus der Zeit der Mil-réis gefunden, als das er das frische Nass und setzte sich aufatmend auf
Geld noch seinen Wert hatte. Gerade erst hatte er den Boden. Wie er aber den Kopf hob und in die
einen Tostão an die Oberfläche geholt, ganz dunkel Sonne sah, deren Strahlen sich im Geäst des caqui
vom langen Liegen in der Erde. Den rieb er an seiner brachen, war es ihm, als hinge der Baum voll
Hose, bis er einen matten Glanz bekam. glitzernder Münzen. Er legte sich auf den Rücken,
verschränkte die Arme unter dem Kopf und war der
Zu Hause hatte er eine ganze Sammlung. Einen Herr eines unermesslichen Silberschatzes.
Cruzado oder mehr wollten die camelôs dafür haben,
und mit der Zeit würden sie mehr wert werden -
jedenfalls versicherten sie das mit dem Brustton der „Der Bürger ist katholisch, nicht etwa, weil er ernstliche religiöse
Überzeugung. Probleme hätte und sich mit Fragen der Theologie auseinandersetzen
wollte oder weil er in der Religion Trost in seiner gefährlichen Lage
suchte. Er ist katholisch, weil die Kirche in die sogenannte Tradition
Francisco wischte sich den Schweiß ab. Müde legte des Landes gehört, also Teil des Establishments ist, und der Bürger
er die Hacke ab. Mit langsamen Schritten ging er zu hält sich für die Stütze der überkommenen Werte.“ (V. Flusser)
dem Brunnen unter dem Caquibaum, um einen
Schluck Wasser zu nehmen. Neben dem Brunnen … und Gomorrha
GOtt, der HErr, fand es an der Zeit, der Erde wieder Fußgängerzone umher, warfen neugierige Blicke in
einen Besuch abzustatten. Er wählte das Land mit die gut gefüllten Schaufenster, bemerkten verstört
den meisten Rechtgläubigen aus, in das auch sein die nackten Leiber auf den Zeitschriften und die
Stellvertreter auf Erden schon mehrfach gefahren verführerische Kleidung der jungen Mädchen. Aber
war, in der Erwartung dort die getreuesten seiner den Bettlern, die ihnen die Hände bittend
Getreuen anzutreffen. Mit Petrus und dem Erzengel entgegenstreckten, konnten sie kein Almosen geben,
Michael machte er sich auf die Reise. Die Wolke, die da sie vergessen hatten, sich über die gerade
sie vom Himmel nach unten bringen sollte, flog über aktuelle Währung zu informieren und nur wertloses
viele Länder und Gewässer, bis sie an einem Geld bei sich hatten.
Regenbogen anlegte, der sie geradewegs zu einem
Flusstal führte, wo sie vor der Hütte eines armen Die Hitze und die vielen Eindrücke ermüdeten sie und
Häuslers ankamen. sie ließen sich in einer der zahlreichen Eckkneipen
nieder, die hier ”Bar” hießen, in der Hoffnung eine
Dieser war gerade mit dem Aussäen von Mais mitleidige Seele zu finden, die sie zu einem cafezinho
beschäftigt, und so ließen sich die Reisenden von einladen würde.
seiner Frau mit einem Glas kühlen Wassers aus der
hauseigenen Quelle bewirten, ohne zu ahnen, dass Als Fremdlinge zogen sie die Augen aller auf sich
sie – gewöhnt an die himmlische Diät von Ambrosia und kamen schnell ins Gespräch mit anderen
und Nektar – von dem Naturbrunnen erhebliche Pro- Gästen: einer auffallend bunt gekleideten Frau mit
bleme bekommen würde. Die Frau meinte es nur gut, wallendem Haarschopf, aber groben Gesichtszügen
zumal sie ihre Gäste nicht erkannte, denn GOtt, der und schlechten Zähnen, die ein Mann war, jedoch
HErr, hatte sich als Großgrundbesitzer verkleidet, Gefallen daran fand, in Frauenkleidern
Petrus als Geistlicher und der Erzengel Michael als herumzulaufen, und die spürte, dass auch sie
Hauptmann. Masken trugen. Dann mit einem Deputierten der
Stadtversammlung, der wie ein aufgeblasener
Nachdem sie sich erfrischt hatten, machten sie sich Luftballon um sie herumtanzte und mit
auf den Weg in die Stadt und fanden bald einen beschwörender Stimme die Schönheit und den
Autofahrer, der sie in seinem alten Willys mitnahm. Wohlstand der Stadt pries und ihnen jede Hilfe
Er kam von einem Motel und schwärmte von den versprach, wenn sie ihn wiederwählen würden. Am
Erlebnissen der letzten Nacht, wobei er den Pater mit aufdringlichsten aber war der Händler Heleno, der mit
einem Augenzwinkern bat, ein wenig wegzuhören. den vielen Ringen, seiner übergroßen Armbanduhr
voller Diamanten und seinen blitzenden Goldzähnen
In der Stadt gingen sie eine Weile in der wie die Auslage eines Juweliergeschäftes wirkte und

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ihnen zu hohen Preisen Dinge verkaufen wollte, die nicht. Sie sprachen von einem Wettersturz, begruben
er nicht hatte. die Toten, beseitigten die Trümmer und lebten weiter,
als ob nichts geschehen wäre.
Nur Tatú, einer der ärgsten Trunkenbolde der Stadt,
der mit seinem rüsselartigen Mund an einer Flasche Nur der arme Häusler hatte geahnt, dass das Ende
pinga nuckelte, bemerkte in der Klarheit seines nahte, als der Regen nicht enden wollte und der
Deliriums den hellen Schein um die Köpfe der Drei Fluss seine Pflanzungen überschwemmte. Er hatte
und lallte: seine Familie zusammengerufen, mit ihnen aus der
Bibel gelesen und seinen Frieden gefunden, als die
”Die Heiligen Drei Könige! Die Heiligen Drei Könige!” Strömung seine Hütte mit sich riss und alle in den
Fluten ertranken, ohne zu ahnen, dass ihr Brunnen
Doch niemand achtete auf seine Worte.
die Hauptursache des göttlichen Zorns war, denn
Da sahen sie, dass hier nicht wohl sein war. In ihren nicht alle Transvestiten, Voyeure, Schächer und
Bäuchen rumorte es unheilvoll, und die Toilette der Politiker kommen in Hölle. Auch hier trifft es immer
Bar stellte sich als ein stinkendes, dunkles Loch nur die Kleinen, denn – wie gesagt – Gott ist
heraus. Stöhnend machten sie sich auf den Brasilianer.
Rückweg. Petrus rief nach einem Gewitter, und bald
spannte sich wieder ein Regenbogen von ihren
Füßen hoch zum Himmel hinauf.
Als sie zurück waren und sich erst einmal unter
himmlischen Bedingungen erleichtert hatten, Stadtpläne
beschloss GOtt, der HErr, den Bewohnern der Stadt
Rio de Janeiro
eine Lektion zu erteilen. Sieben Tage und Nächte ließ
er es regnen. Gewaltige Wassermassen stürzten „Die grandiose Stadt zwischen Bergen und Meer, zwischen Wäldern
hinunter, verwandelten Straßen in reißende Bäche und Wasser. Aber wie liegt sie dazwischen? Wie ein Sieger. Wenn ihr
ein berg nicht passt, fällt er ins Meer. Die scheinbar naiven,
und Plätze in grundlose Seen. Die Erde löste sich linienreinen und ‚tropischen’ Küstenstreifen sind in Wirklichkeit die
vom Fels und Schlammlawinen begruben Häuser und Leichen abgetragener Berge. Die besungenen Strände von Flamengo,
Hütten unter sich. Riesige Felsbrocken rollten von Botafogo und Copacabana sind geplante und aufgetragene
Konstruktionen.“ (V. Flusser)
den Bergen und durchschlugen selbst härteste
Dächer und Wände.
Copacabana
Die Menschen aber verstanden das Zeichen GOttes
Als ich während eines Ferienaufenthaltes in Brasilien Bucht liefen, ergoss sich eine stinkende Brühe ins
an der Copacabana spazieren ging, in Erwartung, Wasser.
vollbusige Mulattinnen in knappen Tangas beim
Sonnenbaden anzutreffen, fand ich den Strand zu Und da erblickte ich den Jungen, der einen Haufen
meiner Überraschung verlassen vor. Von der Bucht Knochen neben sich liegen hatte und aus ihnen
wehte ein fauliger Geruch herüber, und der Sand war Flöten schnitzte. Hatte er eine fertig, so begann er,
an der Flutlinie mit schwarzen Ölbrocken bedeckt. eine Melodie darauf zu spielen. Und mit einem
größeren Knochen, den er mit den Fußzehen
Einsam saß ein Kind im Schmutz, nur mit einer festhielt, schlug er einen dumpfen Rhythmus auf
zerrissenen Hose und einem durchlöcherten Hemd einen Schädel. Dazu sang er mit monotoner Stimme:
bekleidet. Unermüdlich türmte es Knochen zu
Klinge, Schädel, klinge,
Luftschlössern auf, die es dann lustvoll Singe, Flöte, singe,
zusammenstieß. von diesem Land,
das gelenkt von keiner Hand
Ich dachte: ”Fremde Länder, fremde Sitten” und nur die Trauer kennt
setzte meinen Stadtrundgang fort. und ins Verderben rennt.
Arme Menschen, reiche,
Diese urtümliche Art des Spielens befremdete mich. kommt an meine Leiche,
Zwar wusste ich, dass unsere Vorfahren ihren singt von dieser Not,
die keiner bringt ins Lot.
Kindern dereinst Knochen zum Spielen gegeben
hatten, aber in der Stadt hatte ich reichlich Klinge, Schädel, klinge,
Spielzeuggeschäfte gesehen, deren Auslagen ein singe Flöte, singe,
überquellendes Angebot zeigten. von Soldaten und ihren Taten.
Schüsse, Schüsse, Schüsse,
Einige Zeit verging und ich kam wieder in diese Stadt nicht nur auf die Füße.
Siehe da, ein Kind ist tot,
zurück, die man allgemein die schönste der Welt
das in seiner Not
nennt. Ich wollte einen Geschäftsfreund besuchen, gestohlen hat ein Brot.
und mein Weg führte mich an der Copacabana Arme Menschen, reiche,
vorbei. Kommt an meine Leiche.
Singt von dieser Not,
Alles war wie früher: Öde lag der Strand vor meinen die keiner bringt ins Lot.
Augen, hart rollte die Brandung, in der Bucht
Klinge, Schädel, klinge,
dümpelten Schiffe an ihren Ankern und aus großen singe, Flöte, singe
Rohren, die von der Stadt über den Strand in die von dem Fabrikant,

1863 1864
der verkauft nur Tand kommt an meine Leiche.
für so viel Gold, Singt von dieser Not,
dass mein Sold die keiner bringt ins Lot.
nicht reicht aus
fürs Essen zu Haus. ‚Hier ist gut sein’, überlegte ich. ‚Wo man singt, da
Arme Menschen, reiche, lass dich ruhig nieder, denn böse Menschen haben
kommt an meine Leiche, keine Lieder! Wie doch das Elend die Menschen
singt von dieser Not,
die keiner bringt ins Lot. schöpferisch werden lässt!’ Ob es wohl derselbe
Junge war? Ich warf ihm eine Münze zu. Aber er
Klinge, Schädel, klinge, beachtete weder mich noch das Geld und spielte
singe, Flöte, singe, seine traurigen Melodien weiter.
von der Hütte am Hang,
in der mir wird so bang. Meine Geschäfte gingen über die Jahre gut. Rio lag
Kein Wasser, kein Licht,
fürchte dich nicht! erneut an meiner Reiseroute. Viel Zeit hatte ich nicht,
Arme Menschen, reiche, aber mein erster Gang führte mich an die
kommt an meine Leiche, Copacabana. Ich wollte sehen, ob der Junge noch da
singt von dieser Not, war.
die keiner bringt ins Lot.
Ich fand ihn nirgends, und man sagte mir, er sei vor
Fluche, Schädel, fluche,
fluche, Flöte, fluche einigen Jahren gestorben. Fast mumifiziert habe er in
übers Evangelium, den letzten Wochen seines Lebens gewirkt: völlig
das uns macht so dumm. abgemagert, die Haut, unter der die Knochen sich
Wandere ich aus, abgezeichnet hätten, sonnenverbrannt, wie aus
lebe ich in Saus und Braus. Leder.
Arme Menschen, reiche,
kommt an meine Leiche.
Singt von dieser Not,
Sein Leichnam habe wochenlang am Strand gelegen.
die keiner bringt ins Lot. Nicht einmal die Aasgeier hätten an dem
ausgemergelten Körper etwas zu fressen gefunden.
Klinge, Schädel, klinge,
singe, Flöte, singe, Ob eines Tages wieder ein Kind kommen würde, um
von Gott und seinem Sohn mit seinen Knochen zu spielen?
und ihrem Hohn:
Selig ist der Arme, ‚Denn die Jugend bildet sich an der Jugend’, ging es
weil sich seiner Gott erbarme.
Arme Menschen, reiche, mir durch den Kopf.
ihm freiwillig zugestehen mochte.
São Paulo Jeden Abend, wenn sie zu Bett ging, sah sie zu ihm
„São Paulo ist eine außerordentliche liebenswürdige, aber nahezu auf. Bevor sie das Licht ausmachte, formte sie ihre
unerträgliche ‘Stadt’. Die Bewohner ertragen sich dennoch, weil sie die Lippen zu einem zärtlichen Kuss, den sie ihm
Unerträglichkeit verdrängen.“ (V. Flusser)
zuhauchte, und es war ihr, als ob ihr der Mann auf
Das Frauenzimmer der Fotografie schalkhaft zuzwinkerte.

Lourinha war auf den ersten Blick eine hübsche, Allmorgendlich, ganz vom Schlaf umfangen,
junge Dame, schlank, blond, nicht sehr groß, mit den begrüßte sie ihn mit dem seligen Lächeln eines
ebenmäßig gerundeten Zügen der Menschen aus der Kindes, das sich auch nach dem Aufwachen noch
baltischen Heimat ihrer Mutter, aber in der von den Engeln seiner Träume umgeben sieht. Leicht
Leidenschaft einer großen Liebe noch nicht zur vorgebeugt im Bett sitzend, ihr Hemd in der Schwüle
vollen Schönheit erblüht. Mit den Jahren war sie über der Nacht abgestreift, so dass die unberührte
den Charme unschuldiger Kindlichkeit Reinheit ihres glühenden Körpers verführerisch zu
hinweggealtert und hatte einen etwas altjüngferlichen einer erregenden Umarmung verlockte, ihre
Ausdruck bekommen. Wer ihr ins Gesicht blickte, geröteten Lippen einen Spalt geöffnet, die
konnte die Fältchen in den Augenwinkeln nicht glänzenden Augen auf den Junker an der Wand
übersehen, ebensowenig die leicht erschlaffte Haut gerichtet.
ihrer Wangen und die allzu starke Behaarung auf Wäre der ein Mann aus Fleisch und Blut gewesen, er
ihrer Oberlippe und an ihrem Kinn. Zu lange hatte sie hätte dem Burgfräulein, das sich ihm in solch
sich für einen Prinzen aufbewahrt, der ihr nicht lasziver Pose anbot, nicht widerstehen können.
begegnen wollte.
Verließ sie das Haus, um zu ihrer Arbeitsstätte zu
Der jedoch, dem sie schon in heißer Liebe verfallen gelangen, einem Spielzeuggeschäft im Zentrum, ging
war, war ein Filmstar, dessen Fotografie sie aus einer ihr sein Bild nicht mehr aus dem Sinn. Häufig
Zeitschrift ausgeschnitten und sich übers Bett geschah es, dass sie ihn unter den zahllosen
gehängt hatte. Mehr als ein Jahr hatte er in einer Kunden, die den Laden betraten, wahrzunehmen
novela die Rolle eines galanten Kavaliers gespielt glaubte. Wenn sie aber ihre kurzsichtigen Augen ein
und die Herzen aller Frauen betört. Er hatte das Flair wenig anstrengte, war es nur irgendein Mann, der
eines Abenteurers, zugleich die Vornehmheit eines aus der Ferne flüchtig an ihn erinnerte.
Edelmannes aus königlich-portugiesischem Geblüt,
der einer Dame nie mehr abverlangen würde, als sie Die Jahre verstrichen. Die Fotografie vergilbte in der

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Tropensonne und setzte Staub an. Lourinha nahm Gelegenheit, ihn, wenn auch nur von Ferne, zu
diese Veränderungen nicht wahr, auch nicht, dass treffen. Die Fotografie war vergessen. Sie litt
eine ihrer Schwestern nach der anderen heiratete unsagbar unter der Gleichgültigkeit des Angebeteten
und sie, die Älteste, als einzige übrigblieb. und verzehrte sich vor Liebeskummer.
Eines Tages, als sie von der Arbeit nach Hause kam, Schließlich, an einem Sonntag, nahm sie ihren
geschah das Unglaubliche. Auf der Veranda eines ganzen Mut zusammen, zog ihren kürzesten Rock an,
sobrado in der Nachbarschaft, nur wenige Meter von das knappste Oberteil und unter dem Vorwand, einen
ihr entfernt, saß ihr Held in einem Korbstuhl mit Spaziergang mit ihrer kleinen Nichte zu machen,
übergeschlagenen Beinen. näherte sie sich auf der Straße dem Vorgarten ihres
Nachbarn. Und tatsächlich, da saß er, ihr Gott.
Es war ein Ausländer, der erst kürzlich hierher
gezogen war. Schweizer sollte er sein, Deutscher Scherzend beugte sie sich über das Mädchen an
oder Holländer, Arzt, vielleicht Rechtsanwalt oder, ihrer Seite. Ein Halter ihres Oberteils fiel herunter.
wie João, der Flickschuster, meinte, ”einer, der aus Ihre kleinen Brüste waren dadurch nahezu entblößt
der Hölle kommt”, beeindruckt von dem vielen und mussten unwiderstehlich aufreizend wirken.
Gepäck, das er an der Hafenmafia von Santos vorbei Vorsichtig lugte sie unter ihren Haaren hervor. Und
ins Land gebracht haben musste. das Wunder geschah. Er lächelte zu ihr herüber.
Als sie sich zur Nachtruhe niederlegte, war sie Sie aber erbleichte, und ihr Gesicht verhärtete sich:
verwirrt. War es nun oder nicht? Oder sah der Der Himmlische hatte sich in einen Sterblichen
Filmstar sie etwa gekränkt an, weil sie ihm untreu verwandelt.
geworden war? Voller Schuldgefühle löschte sie das
Licht und am Morgen traute sie sich nicht, zu ihm Als sie zu ihrem Haus zurückging, sah sie sich über
aufzublicken. die Schulter zurückgewandt vorsichtig nach ihm um.
Und er antwortete ihrem Blick, freundlich,
Als sie am Nachmittag wie zufällig an der Veranda verständnisvoll, leicht belustigt angesichts ihrer
vorbeikam, saß er wieder dort - groß, kräftig, Verführungskünste.
breitschultrig, mit einem feschen Schnurrbart und
einem üppigen, leicht gewellten, blonden Vielmals wiederholte sich dieses Spiel an den
Haarschopf, in allem das Ebenbild ihres Abgottes. Er Wochenenden.
las in einem Buch und bemerkte sie nicht.
Kaum dass sie seinen Wagen nahen hörte, stürzte sie
Tagelang, wochenlang bemühte sie sich bei jeder aus dem Haus, als ob es etwas Dringliches zu
erledigen gäbe. Setzte er sich dann auf die Veranda, stachen die Härchen auf ihren entblößten Armen
um seinen cafezinho zu sich nehmen, blieb sie hervor.
geschäftig auf dem Fußweg, fegte ihn, bis kein
Sandkorn mehr zu sehen war, oder schwatzte mit der Zu Hause wagte sie nicht mehr, auf das Porträt über
Nachbarin, wobei sie über deren Schulter unablässig ihrem Bett zu sehen. Aber auch die Zuneigung zu
zu dem Mann ihrer Träume hinüberschielte. dem Gringo kühlte mehr und mehr ab. Sie hielt sich
von ihm fern, vermied jede Begegnung und drohte
Aber was nun mit dem Geschenk anfangen, das ihr nun, beide Liebhaber zu verlieren.
so unerwartet in den Schoß gefallen war?
Eines Tages saß Lourinha wie immer träumend an
Immer wenn sie sich ihm näherte, fühlte sie eine ihrer Kasse, als eine Kollegin auf sie zukam und ihr
unsichtbare Barriere vor sich aufwachsen, die einen Brief gab.
unüberwindlich blieb. Die Leidenschaft, die sie so
lange mit dem Mann auf der Fotografie gepflogen ”Von einem Freund!” sagte sie neckend. Lourinha
hatte, schwand angesichts des wirklichen Mannes errötete, schüttelte verlegen den Kopf und sagte
dahin, der ihr jeden Tag unheimlicher wurde. Die nichts. Den Brief versteckte sie unter ihrem Rock.
Gefühle, die sie bisher für ihren papierenen Liebling
Sollte er es tatsächlich gewagt haben, ihr zu
gehegt hatte, waren auf ihn nicht übertragbar. Im
schreiben? Erst auf der Heimfahrt öffnete sie mit
Gegenteil, die anfängliche Verzauberung wandelte
zittrigen Händen den Umschlag und las mit
sich zunehmend in Angst.
zunehmendem Entsetzen:
Sie verfluchte die Ankunft des Fremden, der ihre
”Meine unvergessliche Lourinha,
glücklichen Nächte zerstört hatte. Wenn sie auf ihrer
namoradeira vor sich hin träumte, spürte sie seit unsere Blicke sich zum ersten Mal kreuzten,
manchmal eine Spannung in sich aufsteigen, ein wurdest Du, mein Herz, Teil meines Lebens. Nicht
Brennen, das sich über ihren ganzen Körper hinzog. einen Augenblick schwand Deine bezaubernde
Sie umarmte und streichelte sich, mit dem Bild des Gestalt aus meinem Sinn. Werden diese, meine
muskulösen Athleten vor Augen, bis ein erlösendes Gefühle, einen Widerhall in Deiner Seele finden?
Zittern sie durchströmte.
Ich war mir schon sicher, dass ich Deine Liebe
Anschließend jedoch war sie verwirrter als zuvor. gewonnen hätte. Heute jedoch sehe ich Dich fern von
mir, zu fern! Was ist geschehen?
Als sie einmal wie zufällig im selben Bus fuhren,
berührte sich ihre Kleidung, und wie zur Verteidigung Dein Erscheinen bereicherte mein Leben so sehr,

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dass ich Dich vermisse, seitdem Du nicht mehr an mehr in den Tag hinüberretten.
meinem Haus vorbeikommst. Sollte es sein, dass
Dich ein anderer mir geraubt hat? Dass ich Dich für Und noch schlimmer: Der Fremde, fasziniert von der
immer verloren habe? furchtsamen Verführerin, verfolgte sie. Hartnäckig
suchte er jede Gelegenheit, sie zu treffen. War die
Mein größter Wunsch ist, Dich glücklich zu machen, Menschenmenge in der U-Bahnstation unter dem
weil ich sicher bin, dass Gott uns füreinander Praça da Sé auch noch so dicht, in der sie sich zu
geschaffen hat, damit wir unser Leben zusammen verbergen suchte, stöberte er sie doch mit der
verbringen. Sicherheit eines Fährtenläufers auf, um ihr endlich
den erlösenden Kuss geben zu können. War der Bus
Darf ich so kühn sein zu hoffen, dass Du auf meinen von Ana Rosa nach Barafunda, ihrem Wohnviertel,
Brief antworten wirst, damit mein Leiden an der auch noch so voll, er kämpfte sich stets zu ihr durch,
Ungewissheit aus meinem Leben schwindet? um von der Masse der Fahrgäste an sie gedrückt
ihren Körper spüren zu können, wenn sie es einmal
Immer der Deine, ...!”
nicht schaffen sollte, auf einen Sitzplatz
Sie erstarrte. Der Edle hatte sich in einen Libertin auszuweichen.
verwandelt, in ein wildes, brünstiges Tier, das sie
Aber wie Daphne vom stumpfen Pfeil des Eros
besitzen wollte.
getroffen war sie verdammt, für jeden Verehrer
In den nächsten Wochen zog sie sich völlig zurück. unzugänglich zu bleiben, während er, Nachfolger
Sie stürzte in ihr Haus, wenn er auf der Straße nahte Apollons, von der goldenen Pfeilspitze des Gottes
und warf sich wieder in die Arme ihres Liebhabers der Liebe durchbohrt, wahnsinnig vor Liebe zu der
auf der Fotografie, nahm verzweifelt seine jungfräulichen Nymphe geworden war.
Zärtlichkeiten entgegen, die sie nach der Hitze der
Doch diese, einerseits beeindruckt von diesen
Erregung wie der kühlende Abendwind zu berühren
Nachstellungen, gleichzeitig verschreckt vor so viel
schienen.
Liebeswut, sah sich auf sich selbst zurückgeworfen,
Er würde nie wie der Wilde da draußen sein. Er war hilflos und verängstigt wegen der Folgen ihrer Tat.
ein Edelmann und würde immer Respekt vor einer Der Herkules indessen, gelangweilt von dem
Dame haben! widersprüchlichen Verhalten der Jungfer, die floh,
wenn er sich näherte, aber aus der Ferne weiterhin
Aber das Leben von Lourinha hatte seine Ordnung verführte, verlor die Geduld.
verloren. Die Träume der Nacht ließen sich nicht
Da sein Chalet am Stadtrand fertig gebaut war, zog er São Paulo
dorthin und würdigte bei seinem Umzug Lourinha „In São Paulo kann man erleben, dass es an der Zeit ist, neben der
keines Blickes, obwohl ihr Gesicht kurz hinter der Natur- und Kulturwissenschaft auch eine Wissenschaft des Gestanks,
des Lärms und der Hässlichkeit ins Leben zu rufen, eben eine
Gardine zu sehen war. Müllwissenschaft.“ (V. Flusser)

Und ihre Stoßgebete zur Rettung wurden endlich Der Schmetterling


erhört. Es war ihr zwar nicht vergönnt, Wurzeln zu
schlagen und sich in einen Lorbeerbaum zu Es regnet seit Tagen. Wie ein nasser Staubvorhang
verwandeln wie die Tochter des Peneios, doch durfte fällt das Wasser von den tief hängenden Wolken
sie in die Unberührtheit ihres Alkovens herunter, durchdringt die Kleidung bis auf die Haut.
zurückkehren. Allen Ausschweifungen abhold war Das Wasser ist überall, Regenschirme geben keinen
sie wieder die gehorsame Tochter ihrer Mutter, die Schutz, denn vom Boden her steigt es wieder nach
fürsorgliche Tante ihrer Nichten und die freundliche, oben, in einem unablässigen Kreislauf sich mischend
tugendsame Nachbarin. mit den fallenden Tropfen, deren Bewegung in ein
Schweben übergegangen zu sein scheint. In diesem
Das Foto, inzwischen gewellt, voller Spinnweben, Meer von Nebeldunst hat man den Eindruck, in den
stand erneut im Mittelpunkt ihres Lebens. Und je feuchten Staub eines riesigen Wasserfalls geraten zu
weniger der Ritter auf dem Konterfei wegen ihrer sein, aus dem es kein Entrinnen gibt.
zunehmenden Sehschwäche in ihr Blickfeld fiel, um
so verträumter erschienen ihre Augen, die in eine Die warmschwüle Luft treibt den Schweiß aus allen
unbestimmte Ferne gerichtet waren. Poren, so dass auch von innen her die Kleidung
durchfeuchtet wird. Selbst im Haus ist die Nässe
Wie der Filmstar schien auch sie Staub anzusetzen, allgegenwärtig. Die Kleidung aus dem Schrank muss
die Fältchen um ihre Augen traten schärfer hervor, das Dienstmädchen mit einem Föhn trocknen, den
und die runzlige Rinde eines Lorbeerbaumes breitete Film von grünlichem Schimmel auf dem Leder der
sich allmählich über ihre Haut aus. Schuhe und des Gürtels mit einem kerosingetränkten
Tuch abreiben, bevor ich mich anziehen kann.
Gleich mit den ersten Schritten aus dem Haus legt
sich eine rotbraune Schmiere über die frisch
gereinigten Schuhe, die sich von der lehmigen,
feuchtigkeitsgesättigten Erde des Vorgartens über
den gefliesten Boden der Einfahrt ausbreitet, auf die

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Hosenbeine spritzt und alles überdeckt, was in gestülpt ist. Die weißen Augäpfel leuchten wie zwei
Bodennähe ist. Sterne aus dem Dunkel einer Welt, die nur den
Auswurf der Stadt zu beherbergen scheint, aber aus
In der Rua Augusta, an der Ecke mit der Alameida ihrem Bodensatz unerwartet einen Keim hervortreibt.
Lorena, liegt ein Haufen von Müllsäcken, durch den Mit kräftigen Bewegungen wälzt sich der Oberkörper
Regenschleier ein formloses Konglomerat, prall einer dicklichen Frau aus der Last der beengenden
gefüllt mit Abfällen aus den umliegenden Geschäften, Müllbeutel heraus und streckt einen Arm zielstrebig
verklumpten Haaren aus einem Friseursalon, zu einem halbgeöffneten Sack aus. Mit der Hand
Essensresten aus dem Schnellimbiss an der Ecke. gräbt sie sich in seine gärige Füllung hinein und
Weißlich gelber Reis schimmert mit schwarzen kommt mit einem Brötchen wieder heraus, das sie
Bohnen und roten Pimentstücken durch die dünne mit einer kurzen, raschen Bewegung zum Mund führt,
Plastikhaut, eine unverdaute Masse in einem wobei sie mit ihren Augen misstrauisch ihre
wulstigen Darm, zusammen mit ausgepressten, Umgebung abtastet, voller Sorge, irgend jemand
zerfaserten Zuckerrohrstangen und bröckeligem könnte ihr das karge Mahl entwenden. Mit ihren
Kaffeesatz. Einige der Säcke sind schon aufgetrieben zahnlosen Kiefern kaut sie genüsslich auf der zähen
von Fäulnisgasen, aufgeplatzt oder von streunenden Semmel herum, ein wässriger, teigiger Klumpen, der
Katzen aufgerissen. Eine dünne, bräunliche Brühe nichts mehr von der knusprigen Frische des
fließt unter ihnen hervor, ergießt sich über den Backofens an sich hat, bedeckt von der gleichen
Bürgersteig, tropft in den Rinnstein hinab und mischt rotbraunen Schmiere wie alles an diesen Tagen. Die
sich mit dem Schmutzwasser der Straße zu einer leichte Sättigung, die sie zu verspüren beginnt, gibt
stinkenden Soße, die zerknüllte ihrem Gesicht eine Spur von Zufriedenheit. Mit einem
Zigarettenpackungen, schmuddelige Papierfetzen, Anflug von Frohsinn blickt sie auf die mürrischen
ausgelaugte Kippen, schlaffe Kondome stockend mit Passanten, die diesem verregneten Tag nichts Gutes
sich zieht und in den nächsten Gully spült. abgewinnen mögen. Nachdem sie ein weiteres Stück
Brot verzehrt hat, gräbt sich ihre Hand erneut durch
In den plastikverkleideten Müllhaufen kommt
die schrumpeligen Plastikhäute und kommt mit einer
plötzlich Bewegung, als hätte die wabernde Fäulnis
kleinen Flasche, noch halb gefüllt mit einer
der toten Materie Leben verliehen. Ein Sack in der
gelblichen Flüssigkeit hervor. Hastig schluckt sie das
Mitte bekommt mehr und mehr Konturen und wie aus
saftähnliche Getränk hinunter, voller Angst, die süße
einem Kokon birst an seiner obersten Stelle ein
Erfrischung könnte ihr in letzter Minute doch noch
dunkelbraunes Gesicht heraus, mit großen, dunklen
verloren gehen.
Augen, halb verdeckt von einer Ecke des Sackes, die
wie eine Kapuze über den kraushaarigen Kopf Inzwischen hat der Regen zugenommen. Dicke
Tropfen bleiben wie Tränen auf den pausbäckigen Glut eines erlöschenden Feuers ausströmend.
Wangen der Frau liegen. Schnell schlägt sie die
Plastikkapuze wie eine Tarnkappe wieder über sich Wer in diesem Augenblick zugegen war, wurde
und wickelt sich in ihren Kokon zurück. Noch einige hingerissen von dem betäubenden Parfüm, das sie
Minuten kann sie sich ausruhen, dann ist die umso stärker ausströmte, je mehr das Dunkel der
Mittagspause vorüber. Es ist nicht mehr viel Zeit, bis Nacht sie umfing.
der Müllwagen kommt, um die Säcke abzuholen.
So erging es auch dem Schmetterling, der voller
Leidenschaft nur auf diese eine Rose zuflog, obwohl
sie doch in einem Meer von Tausenden anderer
Barbacena / Minas Gerais stand, um sich an ihrem Nektar zu laben. Angezogen
„Die Fauna ist von Insekten beherrscht, vor allem von Fliegen, Mücken, von ihrem verführerischen Duft sank er auf ihr nieder
Ameisen und Termiten. Eine ziemlich trostlose Landschaft, selbst dort, und küsste hingebungsvoll ihre weit geöffnete Blüte.
wo sie kultiviert ist und also den Namen ‘Natur’ nur mit Vorbehalt
verdient. Natürlich gib es Inseln, die dieser Beschreibung
widersprechen, und dorthin flüchten sich die eingewanderten Bürger, Wochen, Monate, Jahre war er geflogen, die Kälte
wenn sie ihren quälenden Durst nach Natur nicht in Europareisen des Nordens fliehend, hatte Gebirge, Wüsten und den
stillen können. Aber solche Inseln ... spielen hier keine Rolle, denn sie Ozean überwunden, bis die Wärme der Tropen ihn
sind das Unbrasilianischste, das in Brasilien vorkommt.“ (V. Flusser)
wohlig umfing. Ermattet fand er seine Ruhe auf ihr.
Die Rose von Barbacena Vergessen waren all die Blumen, die er zuvor
besessen hatte. Es gab nur noch die eine.
Es geschah in Barbacena, der "Stadt der Rosen",
Jedes Mal, wenn er sie aufsuchte, steigerten sich
dass ein Schmetterling in heftige Liebe zu einer
seine Gefühle für sie. Immer länger dauerte der Kuss,
dieser Blumen verfiel, die den Namen "Rose von
bis er eines Tages kein Ende mehr fand. Über und
Santa Luzia" trug. Diese schönste aller Schöpfungen
über bestäubt vom Goldpuder seiner Geliebten,
des Rosengartens hatte dunkelrote Blütenblätter in
umarmte er sie mit seinen schwarzen Samtflügeln.
den Farben des Abendhimmels, wenn die Sonne
Tief versenkte er seinen feinen Rüssel zwischen den
nach einem regnerischen Tag, schon unterhalb des
schmallippigen Blütenblättern und sog ihre Süße in
Horizonts, mit ihren Strahlen die Wolken über und
sich hinein. Die Spitzen seiner Flügel zitterten, sein
über erröten lässt.
Hinterleib bäumte sich auf, als seine Erregung den
Fiel zu einer solchen Stunde ihr Widerschein auf die Höhepunkt erreichte.
Rose, so nahm diese eine tiefdunkle, fast schwarze
Die Nacht ging vorüber und der Morgen brach an.
Tönung an, aus der Tiefe ihres Blütenkelches die
Immer noch waren die beiden eng umschlungen,

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bedeckt vom Tau, dessen silberne Perlen die umgestellt ”Geld herbei” bedeuten, sondern irgendwie dann doch von
Brasilien…
Strahlen der aufgehenden Sonne in ein blitzendes
Feuerwerk zerlegten - ein Hochzeitskleid übersät mit Tellergericht oder:
Diamanten, das die Natur diesem einzigartigen Die brasilianische Heirat
Liebespaar umgelegt hatte.
Untrennbar blieben ihre Körper miteinander
verbunden, und mancher Betrachter äußerte sich voll
Bewunderung über die neue schmetterlingsblättrige
Kreation in dem Rosarium.

Heidelberg
liegt nicht unter dem Kreuz des Südens, ist dort auch nur wenig
bekannt. Die Touristen kommen eher aus kapitalkräftigeren Ländern
als gerade aus Brasilien, um das Klischee deutscher Romantik und
deutschen Geistes zu besuchen. Ganze Busladungen von ihnen
werden täglich durch die Stadt gekarrt und in die Restaurants zum
Essen entlassen. Sie bleiben jedoch nur ein, zwei, höchstens drei
Tage. Entsprechend ist die Qualität der Küche: Der Gast kommt ja
doch nicht wieder. Aber die folgende Geschichte handelt nicht nur von
der schlechten Gastronomie dieser Stadt, deren Buchstaben
Auf der Suche nach einem guten Restaurant an den anderen Tischen Gäste saßen, die zufrieden
entdeckte ich in der Nähe der Alten Brücke eine ihr Mahl einnahmen.
Churascarria do Brasil. Ich entschloss mich, von dem Ich traf den Beschluss, Abhilfe zu schaffen.
reichen Angebot brasilianischer Gerichte zu Schließlich hatte ich mein Abonnement bereits
probieren und wurde aufs Beste bedient. bezahlt. So brachte ich eine Garnitur schöner
Da es einen preiswerten Mittagstisch gab, entschied Damasttischwäsche aus der Aussteuer meiner
ich mich, ein Abonnement auf Lebenszeit zu nehmen. Großmutter mit und ein echtes Zwiebelmuster-
Von nun an ging ich täglich dorthin und kehrte von Service, das ich in einem Antiquitätengeschäft
der Mittagspause jedes Mal zufrieden an meinen erstanden hatte.
Arbeitsplatz zurück. Die Belegschaft zeigte sich hocherfreut, der Erfolg
Nach einigen Wochen konnte ich wegen einer blieb jedoch aus: Die Kellnerin wedelte unfreundlich
Unpässlichkeit für einige Tage meinen gewohnten wie immer mit ihrer Serviette Brotkrumen und Fliegen
Platz nicht einnehmen. Als ich zurückkam, war das vom Tisch, legte ein fettiges Aluminiumbesteck vor
Verhalten der Küchenchefin, einer attraktiven mich hin und trug das schon wieder abgekühlte
Brasilianerin, die mich immer persönlich begrüßt Essen in dem üblichen angeschlagenen, irdenen
hatte, auf das Merkwürdigste verändert. Geschirr auf.

Sie ließ sich nur aus der Ferne blicken, schickte eine Als sie mir etwas zu trinken brachte, setzte sie das
Vertreterin, um sich nach meinen Wünschen zu Glas zu hart auf und verschüttete seinen Inhalt auf
erkundigen, und als ich endlich den gefüllten Teller meine Hose. Meine Beine hätten ihr im Weg
vor mir hatte, waren der Reis pappig, die Bohnen gestanden! Ich murmelte eine Entschuldigung und
kalt, das Fleisch zäh und das Gemüse mit zu viel stocherte lustlos im Essen herum, bis ihr strafender
Essig angemacht. Empört wollte ich mich in der Blick mich veranlasste, klaglos die grünbräunliche,
Küche beschweren, aber außer der Putzhilfe, die den völlig versalzene Pampe aus zerkochten Bohnen und
Boden wischte, war niemand anzutreffen. Wirsingkohl in mich hineinzustopfen.

Am nächsten Tag war es nicht anders. Dazu kam, So ging es tagaus tagein. Ich hielt dem Restaurant
dass das fleckige Tischtuch vom Vortag nicht unverdrossen die Treue, ließ mich durch nichts
gewechselt worden war, an Geschirr und Besteck verprellen, und wenn das Essen kaum noch
noch Essensreste klebten und dicke Brummer mich hinunterzuwürgen war, führte ich mir vor Augen, wie
umsummten. Besonders befremdete es mich, dass günstig das Abonnement doch war.
Mal brachte ich einen Blumenstrauß mit, da ich die Bie t ich mich de ne n, d ie d a g af f e n.
welken Freesien in der Tischvase nicht mehr ertrug, Zur Erd e se nd ich me ine n H imme ls ge ie r.
De r b ring t mir b rüns tg e Me ns che naf f e n.
dann ein Filetstück, um den kargen Speisenplan Ich hö re scho n ihr he is re s Bruns t g es chre i
etwas zu bereichern. Man dankte mir freundlich, und Und we rd e me ine Vo t ze hö he r raf f e n.
die Blumen wie vermutlich auch das Rinderfilet Zu g rüß e n s ie : willk o mmne Fre ie r.
tauchten auf einem Nachbartisch wieder auf. Die Schwänze zuck e n und d ie Z unge n lalle n,
Fick e nd d ünk e n s ie sich so rg e nf re i.
Ab und zu, wenn mein Unwillen nicht mehr zu We nn sie in me ine M ös e f alle n,
übersehen war, stand plötzlich das beste Menü vor will ich s ie Ko me t e n g le ich mit k urze m,
mir, aber ich, ungewohnt dieser üppigen Genüsse, he lle n Knalle n in de n We lt raum furze n .
wurde von einer Magenverstimmung heimgesucht,
Nacib setzte sich auf das Bett, streifte die Schuhe ab
die mich zu Hause hielt.
und schlüpfte in sein Nachthemd. Der Tag war
Kehrte ich dann gutgelaunt zurück, um mich weiter anstrengend gewesen. Viel war seit seiner Ankunft
verwöhnen zu lassen, fing alles von vorne an. So geschehen. Und Martina? Er sah sie aus dem
verlor ich die Lust am Essen und nahm nur einen dunklen Schlafzimmer in der hell erleuchteten Küche
Kaffee ein, während um mich herum die Gäste an stehen, nach hinten an den Tisch gelehnt. Lustvoll
Tischen mit feinsten Tuchen und erlesenen Speisen - rieb sie sich durch das dünne Sommerkleid zwischen
beides von mir regelmäßig angeliefert - auf ihre den Beinen. Von einem milden Braun war ihre Haut,
Kosten kamen und den hohen gastronomischen und ein paar Augen hatte sie! Genau die Farbe, die er
Rang des Restaurants rühmten. gern mochte. Ob sie sich unbeobachtet wähnte?
Sicher wäre es ihr auch egal gewesen, wenn sie
Ihéus / Bahia gewusst hätte, dass er ihr zusah. Ihr Stöhnen erregte
ihn. Aber er war zu müde. Er legte sich nieder und fiel
In Brasilien „gibt es einen süßlich geilen Verwesungsgeruch, der von
Schmutz und der klimatisch bedingten raschen Fäulnis herrührt und in einen unruhigen Schlaf. Er träumte von Martina,
der einen Eindruck von Sensualität, ja geradezu prostituierter von ihrem nackten, nur mit schwarzen Strümpfen
Sexualität hervorruft.“ (V. Flusser) bekleideten Körper. Sie lag wie tot auf dem Deck
eines ausländischen Schiffes, das in den Hafen
Martinas Nachtlied eingelaufen war. Osmundo flüchtete, nachdem er es
mit ihr getrieben hatte. Jesuíno schoss auf Tonico,
Ich ward vo n Go t t zum H ö lle nwe ib
ge s chaf fe n, de s
der eifersüchtig war, weil Martina sich ihm für eine
g e ile n Wand re rs hö chs t e Fe ie r. Nacht geschenkt hatte. Mundinho Falcão erschien
Im St e rne nlicht ve rhüllt vo m Same ns chle ie r mit ihr, die ihn anlächelte und die Arme um ihn

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schlang. war? Er sah mich so blöd an.“
Er wachte auf, rief nach dem Kaffee. Martina, ihr Lied „Niemand hat sich beklagt, dass du aufs Schiff
noch auf den Lippen, brachte ihn und wollte sich zu kommst. Ich bin es, der es nicht wünscht. Und es
ihm legen. macht mich rasend, wenn alle dir alberne
Komplimente machen und den Hintern tätscheln. Es
„Ich muss wieder aufs Schiff…“ sagte er fehlte nicht viel und sie würden über dich herfallen.“
entschuldigend.
Sie kiecherte verlegen: „Das ist doch unwichtig. Ich
„Jetzt schon?“ beachte es gar nicht.“ Martina drückte seinen Mund
fester an sich, um ihn zum Schweigen zu bringen. Sie
„Ja, es muss sein.“
schlief mit ihm und ebenso mit den anderen. Das
Martina umschlang seine Knie. Er wollte fortgehen, hatte nichts zu bedeuten, war es doch immer nur für
aber sie hielt ihn fest. Er schleifte sie ein Stück mit. eine Nacht. Nacib war eifersüchtig und das amüsierte
Und dann warf er sie zum ersten Mal bei Tage auf sie. Was ging ihm schon ab, wenn Josué ihre Hand
sein Bett, als wäre sie seine Frau, nicht seine auf sein steifes Glied drückte, das sich ihr unter der
Hausangestellte. Er zog ihr das Kleid aus. Ihr nackter Hose entgegenstreckte; was hatte es ihn zu stören,
Körper vibrierte. Mit einem Anflug von Ekel fühlt er wenn der schöne Tonio, der in Nacibs Anwesenheit
die weiche Masse ihrer Schenkel, ihre Brüste, die wie immer so seriös tat, sie heimlich heftig saugend auf
Hefeteig unter seinem Griff zusammenfielen. Nur, es den Nacken küsste, so dass Flecken zurückblieben,
war so bequem für ihn. Sie war immer für ihn da. oder wenn Herr Ari ihr Pralinen schenkte und sie
Auch wenn er wochenlang auf See war, wusste er, unter dem Rock anfasste? Mit ihnen schlief sie jede
sie würde bei seiner Rückkehr am Kai stehen. Nacht in Nacibs Armen, wenn er nicht da war, und
mit Nacib in ihren Armen und mit denen, die sie vor
Als sie seinen Kopf zwischen ihre Schenkel drückte, ihm gekannt hatte. Meistens mit Bebinho und Herrn
fragte er sie, wie um für seine Gefühle um Verzeihung Tonico. So bekam jeder etwas und keiner hätte sich
zu bitten, und es war das erste Mal, dass er es tat: aufregen müssen.
„Sag, liebst du mich?“
Nacib murmelte leise: „Bié. Von nun an bist du Bié.“
Sie lachte, und in diesem Augenblick sang der Vogel Und er glaubte seinen eigenen Worten kaum. Es war,
Sofré, es war ein einziges Jubilieren. „Mein als ob er einen Sprung von sich weg in die Traumwelt
Supermann. Ich liebe dich über alles. Aber sag, hatte eines Märchens gemacht hatte. „Dies ist dein Bett,
der Kapitän was dagegen, dass ich auf dem Schiff hier wirst du schlafen. Du bist nicht länger meine
Dienerin, auch wenn du mir dienst. Du bist die Frau Angst haben, sich zu nähern! Schon konnte er seine
dieses Hauses, der Sonnenstrahl, das Licht des Zunge nicht mehr still halten; dieser Ort der Wonne
Mondes, der Gesang der Vögel. Bié…“ und des Scheiterns, dieser Vorhof der Glut, in seinem
perlmuttfarbenen Schein ein Bild sehnsüchtiger
Ein Windhauch strich in das Zimmer, und der Leidenschaft. Sanft tauchte er ein in betäubende
Wohlgeruch blühender Quittenbäume breitete sich Düfte. In die Spur von zahlreichen Besuchern setzte
wie eine Moschuswolke aus. Während er über ihre er, auf den Weltmeeren herumirrendes Phantom,
Knie strich, sah Nacib die goldene Farbe der Früchte nach Erlösung suchend trotzig das weiße Segel der
vor sich und ihre Gestalt von den Rundungen einer Hoffnung.
weiblichen Hüfte. Er spürte ihren Weingeschmack auf
der Zunge und wurde benommen von all den Wie fest war das Fleisch unter ihrem krausen,
Sinneseindrücken. Er blickte auf das von den Brauen schwarzen Haarpelz! Vibrierend vor Geilheit ertastete
ihres schwarzen Haares umkränzte wulstige er sich die nach Zimt und Nelken duftende Haut ihres
Lippenpaar vor sich und seufzte: Venusberges, der sich begehrend vorwölbte, bereit
ihn in zu empfangen. Die zuerst vereinten Lippen
„Sie brennen mich mit Feuer, um mich zum Reden zu standen nun weit offen, forderten einen Kuss. Ihre
bringen. Doch finden sie, dass ich im Leiden anbetungswürdigen Lippen, die ihren Küssen einen
geduldig bin. Deshalb werde ich von ihnen auf neuen Sinn zu geben wussten! Wie liebte er es, sie
Händen getragen und nehme den Kuss von den zucken zu sehen, berstende Ränder eines
Lippen meiner Schönen hin.“ schäumenden Vulkans voll flammender Glut,
überreife Frucht ihres Körpers, wie zerplatzt.
„Meine rahím“, fuhr er in seiner Sprache fort, „meine
azim, meine mukit, meine vazi, meine batin!“ Zwischen ihren erschlafften Schenkeln drängten sie
sich ihm entgegen, griffen begierig nach ihm. Zart
Hier fühlte er sich wohl, hier erfüllten sich seine
berührte er ihr wollüstiges Lächeln und zeichnete die
Wünsche. Seine Hand umschloss sie, übte vorsichtig
Gabelung unter ihrem von Geburten gemarterten
Druck aus. Federnd gab ihre pfirsichweiche Decke
Bauch nach. Kosend glitten seine Finger zu einer
nach, trunken von dem Zauber seiner Phantasien
Wölbung, die Widerstand bot in diesem schlüpfrigen
sprach er, als wäre der Mamluk einer reichen Dame
Cañon. Sie rieben sich an dem Vorsprung, der unter
im Bagdad des Königs Schehrijâr: „Am Tor steht
seinem Blick erschauerte und sich vor so viel Gier
einer deiner Sklaven und preist deine Schönheit. Darf
am liebsten hätte zurückziehen mögen! Aber unter
er, o Herrin, eintreten?“
dem zunehmenden Druck verwandelte sich alles in
Hatte sie nicht gnädig genickt? Und warum sollte er namenlose Erschütterungen, in das bebende

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Pulsieren nicht endender Erregung. Der Sturm, der Dschungel, sog den Duft in sich hinein und schlürfte
sie durchtoste, hinterließ rippige Spuren auf dem die Säfte, die von dem Dickicht niedertropften, vor
Sand des Ufers, an dem er gestrandet war, dürstend unerfüllter Sehnsucht verdursteter Wanderer aus
nach ihrer Liebe. Sie geleiteten ihn zu dem rosigen dem Sertão. Er hatte nicht genug Zungen für jedes
Palast, dem Ziel seines Weges, zu dem so oft Fältchen, jede Vertiefung. Der Kegel ihrer Lust
zerwühlten Alkoven ihrer Leidenschaft. zerplatzte unter dem Druck seiner Lippen wie eine
reife Frucht in Hunderte kleiner Samen. Zärtlich
Ihre Nässe ließ ihn hinabgleiten, getragen von zwei zerkaute er das Fruchtfleisch zwischen seinen
anmutigen Wellen. Zart und leicht, gezackte Flügel Zähnen, formte mit der Zungenspitze alles neu und
eines Kolibris, betörende Najaden, die lockten, ihnen gab ihr zurück, was sie ihm gegeben, zu neuem
zu folgen, zwei Herzen, sich spiegelnd im Genuss.
sprudelnden Wasser, das sie säumten. Im Sturm
ihrer Leidenschaft flatterten sie, schwirrende Und Martina genoss, was sie da wie die Brandung
Ausläufer ihres zuckenden Körpers, Nidularien, überschwemmte, wenn sie sich an heißen Tagen mit
zwischen deren geschwungenen Blättern sich eine weit gespreizten Beinen auf den Sand legte und sich
schmale Lücke auftat. von kühlen Wellen umzüngeln ließ. Sie verstand zwar
nicht, was die Männer an ihrer bundinha fanden. Aber
Er wagte es, den Vorhang zu öffnen. Staunend da hatte sie etwas, was ihr Macht gab. Und die
betrachtete er ihre nun im ganzen Umfang sichtbare öffnete sie für die Lust. Es war ihr größter Reichtum,
Schönheit, fleischfarbene Blätter einer Aurora denn ihre xoxota hielt ihre Liebhaber in der
Borealis, die ihn wie der vom Sonnenwind zerzauste Abhängigkeit, die ihr die Befriedigung ihres
Satin der Morgenröte mit einem rosigen Schimmer grenzenlosen Verlangens nach einem pauzinho – und
überstrahlten. Üppige Gewächse umschlangen ihn, auch nach einigen Geldspenden verschaffte.
herzförmige Caladien umtanzten ihn mit ihren
samtigen Stängeln, kosend umhüllten ihn rosa Sie berührte seinen kahlen Kopf mit den Lippen und
Echinopsien-blüten. „Tränk mich, ich will für euren sagte lächelnd: „Trink den Wein aus meiner
Kuss mein Hab und Gut, mich selbst als Pfand Schönen. Er ist wie der Wind: wenn er über Düfte
geben“ entfuhr es ihm. weht, so duftet er; doch er stinkt, wenn er über
Leichen weht. Noch ist sie die Schönste für dich.
Martina hatte er vergessen, ihre Liebhaber. „Trink Locken hat sie, die fallen herab wie die schwarze
doch!“ klang es aus der Ferne. „Das sind meine Nacht, sie, deren Schönheit das Licht des Morgens
Tränen, mein Herzblut, davon ist es rot geworden.“ erbleichen macht, rosig ist die zarte Haut ihres
Besinnungslos stürzte er sich hinein in den Mundes, und er erzählt von den Namen, die du ihr
gabst. Trink, Nacib, trink!“ Sie fühlte seine Finger in ihrem Innern, zärtliche
Berührung am Eingang des Lebens, und erinnerte
Obwohl auswendig gelernt aus dem Buch, das Nacib sich an den Wirbelsturm auf Kythera, der Insel der
ihr zum Zeitvertreib während seiner langen Reisen Venus, als sie eine Seereise mit ihm zusammen
geschenkt hatte, waren es ihre Worte. Nur hätte sie machen durfte. Was für ein Wahnsinn, in dem sie ihre
es allein nie so schön sagen können. Und ihre Körper aneinander gerieben hatten! Wie damals
erlernte Rede war stark genug, sie selbst keuchte sie bis zur Erschöpfung. Das Glied ihres
mitzureißen. Sie floss in ihn ein, mit diesem Kusse Herrn, fast schon verloren in der Gier ihres Mundes,
schienen sie eins zu werden! In der Sanftheit ihrer entzog sich ihr, steil aufgerichtet, um sie auf seinen
Umarmungen zerteilte sich der reißende Fluss ihrer Fontänen zum zweiten Gipfel zu heben. Ihre Seufzer
beider Leben für einen Moment in zahllose Arme, die bildeten, immer zärtlicher, dringender, glühender die
sie gemeinsam trugen und streichelnd umgaben. Tonleiter ihrer Empfindungen: „Komm Herr!
Durchpflüge mich, Mann meines Herzens!“
Die Wärme ihrer Körper ließ sie eintauchen in ein
Meer von Empfindungen, wie noch nie genossen. Sie Die Strahlen des untergehenden Mondes hatten den
war nur noch seine Geliebte und er ihr Geliebter. letzten Anflug von Fremdheit davongetragen. Willig
Palmwipfel neigten sich ihnen fächelnd zu, hoben sie hingegeben erschien sie ihm im silbrigen Schimmer
zur der Kühle von Zephyrs Schwingen empor und des Zimmers noch erregender als bisher. Myriaden
ließen sie wie in einem neckenden Spiel haltlos in die von Staubteilchen tanzten glitzernd in der
Tiefe fallen. Taumelnd gerieten sie in einen Strudel aufgewühlten Luft. Sie senkten sich nieder und
angstvoller Lust und wurden von seinem Sog verhüllten die Ahnung des Alters in dem plötzlich
unaufhaltsam hinabgezogen. Halt fanden sie erst auf von zahllosen Fältchen zerfurchten Gesicht hinter
dem Grund, mit zartem Kitzel umspielten sie einem hauchdünnen Flor.
Tentakeln einer Seelilie, drangen in ihre Poren ein
und zogen sie zu sich heran. Jede ihrer Bewegungen schenkte ihm neue Reize.
Vor so viel Lust suchte er zu fliehen und sank doch
Vergessen war die Verachtung, die sie den Männern umso nachgiebiger in sie zurück. Mit jeder
entgegenbrachte. Begierig, ihn rascher zu Berührung in der Tiefe ihres Leibes fühlte er sich wie
empfangen, bäumte sie sich auf und schloss ihre neu geboren. Allmählich weniger heftig ließ der
Beine um seine Hüfte. Behutsam umfasste er die Rausch ihrer Sinne Liebkosung auf Liebkosung
dünnhäutige Wölbung ihres inneren Mundes, den sie folgen, und das immer zärtlicher. Aber die Wollust
ihm zum Kusse entgegenstreckte. Gleitend versank hinterließ ihre Spuren. Ermattet wurde jeder zum
er in seidiger Feuchtigkeit. Opfer des anderen.

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Als er erwachte, fand er seine Hand eingegraben in
die Nässe ihres Geschlechts. Er drückte sich fester
an sie, drang mit den Fingern in sie ein und fühlte
ihren ruhigen, gleichmäßigen Puls. Seine Lippen
streiften über ihr Gesicht, angewidert spürte er den
dumpfen Geruch der Nacht, ihre stickige Wärme.
Sie blinzelte in das Sonnenlicht, das durch die
Jalousien drang, Ihre Hand lag warm auf seinem
Glied und sie sah ihn mit halbgeöffneten, feuchten
Lippen an, kniff mit einem Zwinkern seine Eichel so Wegweiser
kräftig, dass er aufschrie. Dabei lachte sie spöttisch,
verletzend. Auch er lachte, laut, lauter als nötig. (Tarot Brasiliense)
Losgelöst von ihnen war die Tätigkeit ihrer Hände die
Landkarte Nr. 4
komischste Sache der Welt. So schien das Lachen
sagen zu wollen. Denn innerlich waren sie ernst und ”Hier ist der Kaiser ... Er kann als das aktive, männliche Prinzip
gespannt, nervös. Ihre Seelen waren davongeflogen, gesehen werden, welches gekommen ist, Ordnung in den Garten der
Kaiserin zu bringen, der - wenn er ganz für sich selber wächst - zu
sie waren nur noch Fleisch, ein Stück in der Hand einem Dschungel werden kann. Er wird Platz schaffen für den
des anderen. Wie es enden sollte, wussten sie nicht. Menschen, damit er aufrecht stehen kann. Er wird Pfade der
wechselseitigen Verständigung schaffen, er wird den Bau von
Und Martina setzte sich auf, klemmte sich die Häusern, Dörfern und Städten überwachen. Er wird sein Reich vor den
Angriffen sowohl der feindlichen Natur wie auch der Barbaren
bahianas zwischen die Zehen und schlurfte zurück in beschützen. Kurz, er wird die Zivilisation schaffen, beleben und
die Küche, ihr Lied summend. verteidigen ... Die Zahl Vier ist Symbol der Ganzheit. Sie bezeichnet
unsere Ausrichtung auf die menschliche Dimension. Ihre geometrische
Entsprechung, das Quadrat, vertritt Recht und Ordnung, die der
chaotischen Unordnung von Mutter Natur überlagert werden.” (Sallie
Nichols, Die Psychologie des Tarot)

Stadtleben
He, Ruhe, wir werden es sehen.
Den Vertrag müssen wir lesen,
alles muss seine Ordnung haben.
(Lorenzo da Ponte, Le Nozze di Figaro 1786)

Im fahlen Halbdunkel eines der kleinen Geschäfte in


der Rua São Mateus Nr. 4 konnte ihn der zufällig zählen. In der rechten Ecke des quadratischen Büros
vorbeikommende Passant auf der Suche nach einem saß er hinter einem schräg gestellten Schreibtisch,
Reisebüro, vielleicht angelockt von den zahlreichen der die Basis eines rechten Winkels bildete. Vor ihm
bunten Aufklebern der Fluggesellschaften und ein Bronzeadler, dessen Schwingen Schutz und
Kreditkartenbanken, aufrecht an seinem Schreibtisch Macht verhießen. An der Wand gegenüber hing das
sitzen sehen: elegant gekleidet - ein weißer Anzug Bild von Dona Luzia, einer würdigen Matrone, die mit
mit Weste, im besten Atelier der Stadt geschneidert, einem melancholischen Blick auf das Tun ihres
die Krawatte in dezent abgestuften Blautönen, das Mannes herabschaute. Gleich am Eingang, links, war
Hemd aus naturfarbener Tonkin-Seide, auf den die kreisförmige Kundenzone, wo seine beiden
goldenen Manschettenknöpfen die Insignien der Söhne tätig waren.
Freimaurerei.
Bei der Wahl seines Büros hatte er großen Wert
70 Jahre war er alt, hager, von aufrechter Statur, darauf gelegt, dass es exakt in den vier
sorgfältig gescheitelte, ein wenig schüttere Haare, Himmelsrichtungen gelegen war: Der Besucher sollte
von ungebrochener Manneskraft: das Urbild eines den zwischen zwei Einkaufspassagen gelegenen
erfolgreichen Geschäftsmannes - unbeirrbar in der Raum von Süd nach Nord durchschreiten. Er selbst
Verfolgung seiner Ziele, beharrlich beim Überwinden wollte auf einer Linie Nordost-Südwest sitzen, das
von Hindernissen, unerbittlich beim Niederschlagen Kapital Nordamerikas und den Geist de Comtes im
von Widerständen, stolz über seine Erfolge. Rücken. So gestärkt konnte er die Verpflichtung
übernehmen, Ordnung in das Chaos zu bringen.
Über der gläsernen, schwarz getönten Eingangstür
stand in roten Lettern Doch auch der Klient sollte von dieser Anordnung
einen Nutzen haben. Denn er betrat den Raum, ein
JHVH
João Hermes Viagens Hansa - João Hermes Hansa Reisen
unreifes Durcheinander zur Rechten, Strenge und
Erfolg im Hintergrund vor sich, wobei das eine für die
Wobei HANSA seine Neigung für Deutschland Gegenwart des Landes stehen mochte, das andere
ausdrücken sollte, Repräsentant von Ordnung und für seine Zukunft.
Zivilisation und Vorbild für das von der Herrschaft
der Mütter und ihrer verweichlichten Söhne Während seine Söhne zwischen Bergen von
zerfledderte Brasilien. Prospekten und Fernschreiben Kunden bedienten,
ging der Prinzipal seinem größten Vergnügen nach.
Wer eintrat, um eine Reise zu buchen oder einige Lustvoll ließ er Geldschein um Geldschein zwischen
Dollars zu kaufen, sah ihn für gewöhnlich Geld seinen Fingern hindurchgleiten. Ohne die Hilfe einer

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Rechenmaschine addierte er im Kopf die Summe der schaffen.
täglichen Einnahmen. Um das Tagesergebnis zu
erhalten, zog er davon die Ausgaben ab, Ehe er das Geld zur Transferierung auf sein Konto
multiplizierte das Resultat mit den Tagen der Woche, freigab, ließ er sich noch einmal die Banknoten unter
des Monats, des Jahres, vermindert um die Betriebs- dem Vorwand einer abschließenden Revision
und Personalkosten und die geringfügigen herüberreichen. Mit den Fingern strich er leicht über
Abschreibungen, um eine Kalkulation in die Zukunft die feinen Härchen des Papiers, das, je älter der
zu ermöglichen. Dividierte er dies alles durch die Schein war, um so mehr zerfaserte. Wie Samt fühlte
verstrichenen Tage, hatte er seinen jeweiligen es sich an, gerade so wie die zimtfarbene Haut der
Deckungsbeitrag, der gewöhnlich zu seiner zierlichen Mulattin, die ihm das Büro säuberte und
Zufriedenheit ausfiel. auch sonst zu Diensten war.

Sorgen machte ihm nur die galoppierende Inflation, Neue, druckfrische Banknoten, wie sie der Staat bei
diesem unersättlichen Moloch, dessen Gefräßigkeit seinen Reformen alle Jahre auf den Markt warf,
einen erheblichen Preisaufschlag bei jedem Handel waren ihm ein Gräuel. Angewidert legte er sie zur
erforderte. Aber nicht eigentlich die Tatsache der Seite, um sie so schnell wie möglich wieder los zu
Geldentwertung belastete ihn, sondern mehr die werden, oder schob sie den kleinen Prostituierten in
ständigen, letztlich doch vergeblichen Interventionen den Ausschnitt, die er gerne nach Büroschluss in der
der Regierung, sie zu bekämpfen, und die nur ein Bar ”Zu den vier Jahreszeiten” an der Ecke zur
Alibi gegenüber der Bevölkerung und der Weltbank Daniel Leão traf und in seine heimliche
waren. Stadtwohnung in der Ezequiel Pischon mitzunehmen
pflegte.
Durch die nun schon fast jährlichen
Währungsreformen wurde seine Lust immer wieder Lag er dann neben einer von ihnen im Bett, setzte er
geschmälert, die galoppierend anwachsende sein Tagwerk fort. Mit seinen Fingern strich er über
Geldmenge zu bewältigen. Je mehr die Cruzeiros, ihre Körper, wobei er gedankenverloren an die
Cruzados oder wie sie gerade hießen, an Wert Zimmerdecke starrte. Die unter der Lampe tanzenden
verloren, um so dicker wurden die Pakete, die der Falter machten ihn trunken. Wenn er die Lider
Kunde für seine Tickets über den Tisch schieben schloss, tauchten verwirrende Konturen von Zahlen
musste, und um so schneller wuchsen die Stapel auf, die sich um so mehr in psychedelische Bilder
gebündelter Scheine in seinem Geldschrank an, so verwandelten, je kräftiger er die Augen zukniff.
dass er den Laufjungen Rafael mindestens zweimal
Ehe er in die Tiefe seiner Träume absinken konnte,
am Tage zur Bank schicken musste, um Platz zu
holte ihn meist ein fordernder Ruf in die Enge des alt genug, rief der feine Staub des zerbröselnden
stickigen Schlafzimmers zurück: Papiers ein angenehmes Prickeln in seiner Nase
hervor und bewirkte wie eine Prise Schnupftabak ein
”Oi, amor, nicht einschlafen!” erleichterndes Niesen.
So ging er dann seinen Verpflichtungen mit einer Wie groß war sein Ekel erst, wenn an schwülen
Mischung von unterdrücktem Widerwillen und Sommerabenden seine Hand über die kühle Nässe
gequälter Zuneigung nach. Alles an den Mädchen, der Haut eines Mädchens wie über einen schmierigen
was seine Empfindung von der Zartheit eines Film glitt - eine zutiefst unangenehme Empfindung,
Geldscheines störte, vermied er mit den Fingern zu die seinen Magen erfasste und ein brennendes
ertasten: die Mitte der Brust mit der spitz Würgen hervorrief. Welch Genuss dagegen der
vorstoßenden nackten Brustwarze und dem kahlen trockene, kurz geschorene Pelz der Geldscheine!
Hof voll der kleinen höckerigen Erhebungen, aus Wenn er sich bei großer Hitze auf seine granja
denen lange, schwarze, grobe Haare herausstachen; zurückzog und sich dort unbehelligt von Familie und
ebenso die Schamgegend, oft rau wie eine borstige Personal nach dem anstrengenden Tag in der
Kokosnuss oder - wenn die Mädchen sich nicht stickigen Stadt aufatmend nackt auf dem Bett
regelmäßig rasierten - von der Stacheligkeit eines ausstreckte, dabei die abgestandene Luft des
Kaktus. tagelang ungenutzten Landhauses tief einsog, legte
er sich Blatt für Blatt Scheine auf seine
Am liebsten strich er mit der Innenfläche seiner Hand
schweißnasse Haut, um sie zu trocknen, bis sie von
ihren Rücken hinauf, spürte sich die weichen
Feuchtigkeit gesättigt schwer auf ihm lagen und sich
Härchen gegen seine Bewegung sträuben, ertastete
liebkosend an ihn drückten, als wären sie ihm
mit den Lippen den Flaum auf ihrer Oberlippe mit
zugeneigte Wesen.
dem zarten Hauch eines Kusses, zupfte verspielt an
den Nackenhärchen und sog genießerisch den Hier war er sich selbst genug, bedeckt von dem
muffigen Geruch ihres Kopfhaares ein. Die Schönsten in dieser Welt, das nichts von ihm
Andeutung eines Hauches von Parfüm nur ließ ihn forderte, nur gab und wie selbstverständlich immer
das Weite suchen. Dann hastete er zurück in sein da war. Der Geschlechtsakt mit den Mädchen vom
Büro, riss die Tür des Geldschranks auf und vergrub Babystrich oder die überfallartigen Heimsuchungen
seine Nase in dem Papiergeld, das so angenehm seiner empregada dagegen waren peinliche
nach den verstaubten Akten und schimmelnden Verrichtungen, die seinen Gefühlen beim
Papierstößen in dem Archiv der Dorfgemeinde roch, Geldausgeben glichen. Mühselig ließ er sich aus
wo sein Vater Dienst getan hatte. Waren die Scheine Gründen der Konvention einen Orgasmus abringen.

1163 1164
Er tat es, um die Dämchen nicht vor den Kopf zu gerade keine Kunden da waren, rekelten sie sich in
stoßen, und nicht zuletzt zur eigenen Reputation - den Sesseln und studierten die Preise von
schließlich sollten sie nicht den Eindruck bekommen, Gebrauchtwagen, um gelegentlich einen satten
er sei ein impotenter Greis oder gar schwul. Gewinn bei dem Kauf und Wiederverkauf von
ausländischen Luxuslimousinen herauszustreichen
Der nicht haltbare Abgang der Körpersäfte erschien oder sie notierten sich die Nummern von Callgirls,
ihm so bedrohlich wie der Verlust seiner Banknoten, die sie zu ihrer nächsten Party einladen wollten.
die in andere Hände übergingen. Geradezu süchtig
griff er - kaum dass er wieder alleine war - nach Ohne Anteilnahme verfolgten sie die
Guaranápulver, um der drohenden Schwächung Finanzoperationen ihres Vaters, gestürzte
entgegenzuwirken, ebenso nach hohen Ausgaben, Prätendenten, die das Fehlen von Aufgaben mit
wie sinnvoll sie auch immer sein mochten. einem ausschweifenden Leben auszugleichen
versuchten: Frauen, Alkohol, Drogen, ab und zu ein
Nur die Angst vor Einbrechern und Räubern ließ ihn Sprung nach Miami.
die Tageseinnahmen auf der Kasse deponieren und
gleichermaßen hatte er einige Ampullen von seinem Allerdings ließ sich ihr Erzeuger durch ihr lässiges
Samen in einer Kryobank einfrieren lassen, einen Leben nicht in seinen Prinzipien beirren und gerecht
Schatz, der die Zeiten überdauern und die teilte er die Provisionen aus dem Flugscheinverkauf
Erschaffung eines neuen Adams aus den Händen mit ihnen.
eines Revival-Technikers ermöglichen sollte.
‚Männer brauchen das’, ging es ihm durch den Kopf,
Die Furcht vor dem Verlust seiner Potenz und wenn sie von einer ihrer Orgien auf der granja des
Fruchtbarkeit verfolgte ihn wie ein drohender Älteren am Montag noch ganz benebelt
Schatten, ebenso wie die Angst vor der Armut, die er zurückkehrten.
in seinem Elternhaus bitter erfahren hatte. Seine
Freundinnen wurden immer jünger: Nur die ‚Nur dürfen sie über die Frauen nicht den Verstand
kleinbrüstigen Lolitas, fast noch Kinder, konnten ihm verlieren’, grämte es ihn manchmal doch ein wenig
die Illusion ewiger Jugend gewähren. besorgt, und er erinnerte sich an seine eigenen
Eskapaden in den 40er Jahren als ein von allen
Auch seine Söhne, den leicht aufbrausenden Frauen begehrter Bonvivant.
Marquinho und den eher phlegmatischen Lucas, ließ
er nicht erwachsen werden. Sie begleiteten ihn Wenn er sich trotz seines fortgeschrittenen Alters
täglich, blieben jedoch ohne Verantwortung. Wenn nicht von den Geschäften zurückzog, so lag es nicht
an dem fehlenden Vertrauen in seine Nachfolger oder
an Machtbesessenheit, sondern daran, dass er im ”Ich bin der Mann, der Elend sehen muss durch die
Büro Ruhe vor seiner Frau hatte, die er in die Rute des Grimmes Gottes. Er hat seine Hand
Abgeschiedenheit des sitios seiner Schwiegereltern gewendet gegen mich und mein Gebein zerschlagen.
einige Kilometer von der Stadt entfernt ins Exil Er hat mich in Finsternis versetzt wie die, die längst
geschickt hatte. So wurde er durch die alternde Dona tot sind. Er hat mich ummauert, dass ich nicht heraus
Luzia nicht ständig daran gemahnt, dass er dem kann. Und wenn ich auch schreie und rufe, so stopft
Lebensende stetig näher kam, und blieb zudem er sich die Ohren zu vor meinem Gebet.
durch seine Geschäfte am Puls der Zeit.
Meine Hoffnung auf den Herrn ist dahin. Gedenke
Trotzdem verfiel er nicht in Selbsttäuschung. Wenn doch, wie ich so elend und verlassen bin!
der Allmächtige Baumeister ihn zu höherer Arbeit in
den Ewigen Osten abrufen würde, dann würde er die Trotzdem hoffe ich noch: Die Güte des Herrn ist’s,
große Reise antreten. Doch bis dahin wollte er leben, dass ich nicht gar aus bin. Seine Barmherzigkeit ist
wie es ihm gefiel. alle Morgen neu, und seine Treue ist groß. Denn der
Herr ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem,
der nach ihm fragt.
Landkarte Nr. 7 Es ist ein köstlich Ding, geduldig zu sein und auf die
Der Tarot-Trumpf Nummer Sieben: Der Wagen. Denken Sie an Ben Hur
Hilfe des Herrn zu hoffen. Denn der Herr verstößt
und an den Sieg? Oder an Alexander und die Weltherrschaft? Oder an nicht ewig; sondern er betrübt wohl und erbarmt sich
Apollon, den Sonnengott, dessen Wagen immer noch den Himmel wieder nach seiner großen Güte.
beherrscht? Vielleicht auch an seinen glücklosen Sohn, Phaeton, der
die Zügel der Macht voreilig ergriff und von Zeus’ Donnerkeil gefällt
wurde. Der Wagen ist ein Gefährt der Macht und der Eroberung, in dem
Was murren denn die Leute im Leben? Ein jeder
der Held ins Leben hinausfahren kann, um seine Möglichkeiten zu murre wider seine Sünde!
erforschen und seine Begrenzungen zu erproben. Die äußere Reise ist
ein Symbol der inneren, sie ist auch ein Mittel für unsere Ich, ich habe gesündigt und bin ungehorsam
Selbstentdeckung. Jede Reise bietet zahllose Gelegenheiten zu neuer
Bewusstwerdung und setzt uns auch der Gefahr des
gewesen, darum hast du nicht vergeben. Ich werde
Richtungsverlustes aus. (nach Sally Nichols, Die Psychologie des Tarot) geplagt mit Schrecken und Angst. Wasserbäche
rinnen aus meinen Augen über den Jammer meiner
Der Wagen Mutter, und es ist kein Aufhören da, bis der Herr vom
Himmel herabschaut und darein sieht.
Komm herunter lieber Wagen,
komm mich heimzutragen ... Verbirg deine Ohren nicht vor meinen Seufzern und
(Spiritual)
meinem Schreien! Du nahtest dich zu mir, als ich

1363 1364
dich anrief, und sprachst: Fürchte dich nicht!” Endlich hatte er es geschafft, die Elektroleitung bis
hierher verlegen zu lassen, die Licht in das Dunkel
Laut hallte die Kirche wieder von der Klage des der langen Abende brachte und den Kauf von
Benjamino. Als das letzte Wort verklungen war, Fernseher und Kühlschrank sinnvoll werden ließ.
erhob er sich scheinbar gestärkt und schritt auf den Sogar ein Motor für die Häckselmaschine, mit der das
Ausgang zu. Längst hatten die anderen Gläubigen grobe Schilfgras für die Kühe geschnitten wurde,
nach der Messe das Gotteshaus verlassen. Nur der konnte betrieben werden. Laut tuckernd gab er allen
Stifter der Kirche war noch geblieben, um mit seinem in der Nachbarschaft Kunde vom Fortschritt auf
Gott alleine zu sein. Erleichtert drückte er die Klinke seinem sitio. Grell leuchtete die Lampe, die den Platz
nach unten und öffnete die Tür. Wehmütig blickte er vor der kleinen Veranda die ganze Nacht durch
auf den Teich, in dem das Quellwasser des Berges erhellte und verspätet heimkehrenden Zechern auf
zusammenfloss. Seerosen wucherten an seinem der holprigen Estrada do Karmel trotz der
Rand und Enten tauchten den Grund nach übermannshohen Bambushecke zu einem Leitstern
Fressbarem ab. Seine Augen streiften den in der Finsternis wurde.
Gemüsegarten jenseits des Gewässers voll von
üppig gedeihendem Salat und Kohl, gingen die Allee Stöhnend streckte er Beine und Arme und bog den
aus blühenden Zierbananen und Bougainvilleen Rücken durch. Aber kaum dass er die ersten Schritte
hinauf bis zu dem kleinen Holzhaus, in dem er mit auf sein Haus zu machte, fiel er in sich zusammen.
seiner Familie lebte. Dahinter stieg der Berg steiler Von bleierner Schwermut befallen schlurfte er den
an und gab zwischen verstreut liegenden Weg hinauf, gab einem Huhn, das ihm vor die Füße
Felsbrocken zahllosen Musa-Stauden Halt. Ruhig gelaufen war, einen Tritt, so dass es mit
grasten am flacher abfallenden Westhang hellbraune, hysterischem Gegacker davonflatterte. Der Gang aus
hornlose Kühe mit schlappiger Wampe. Zufrieden der Kapelle wurde zu einer entsetzlichen Nötigung,
grunzten die Schweine im Bambusgehege im die der Vertreibung aus einem nie gekannten
Schatten einer Jabuticaba, deren schwarze Kirschen Paradies glich.
zum Zugreifen einluden. Gackernd spazierten Hühner
über die Wege und stritten sich mit glucksenden An der kleinen Bar hinter dem Haus, die seine Frau
Putern um die Samen aus den aufgeplatzten Schoten betrieb, standen einige Männer, die nach dem
eines Ingábaumes, die sich in den ausgefahrenen Gottesdienst ihren Frühschoppen einnahmen. Mit
Wagenspuren angesammelt hatten. schlaffem Händedruck begrüßte er jeden, erkundigte
sich mit müder Stimme nach dem Befinden und
War dies nicht sein Werk? zwängte sich an der Seite des Tresens hindurch ins
Haus, um dort auf das Mittagessen zu warten.
Nachdem die Gäste ihr Bier und ihren pinga ihn aufgenommen wie ein junges Ferkel, das nach
getrunken hatten, gingen sie wieder ihrer Wege. einer gewissen Zeit der Fürsorge seinem Pfleger von
Ruhig wurde es auf dem sitio, die Einsamkeit drückte Nutzen zu sein hat. Und da er sich nicht so einfach
auf sein Gemüt, da ihm das Gemurmel der Stimmen zähmen ließ wie ein Tier, stieg in seinem Vater bei
durch das geöffnete Fenster nicht mehr die Illusion jedem seiner bescheidenen Ausbruchsversuche eine
von Gesellschaft gab. unhaltbare Wut auf, die wie ein Faustschlag auf den
heranwachsenden Benjamino herabdonnerte.
Sein Blick glitt auf das Bild seiner Mutter, eine tiefe
Trauer drückte ihn nieder. Ihre herben, so wenig Einem Ungewitter gleich fiel der Erzeuger des
vertrauten Gesichtszüge riefen schmerzliche unglücklichen Kindes unberechenbar über sein Opfer
Erinnerungen wach. Bettelarm waren sie und ihre her. Zuerst - als es noch kleiner war - mit den harten
Eltern aus Syrien in die Kargheit eines Blättern der Sansevierie, später dann mit dem rauen
Kolonistenlebens in Brasilien gekommen. Früh hatte Ast eines Kokosbaumes prügelte er auf ihm herum.
sie dort einen querköpfigen Portugiesen geheiratet Kein Anlass konnte unbedeutend genug sein, um
und war eine Woche nach der Geburt ihres Sohnes eine Tracht zu rechtfertigen.
an unstillbaren Blutungen gestorben.
Anfangs hatte das gepeinigte Menschenwesen noch
Andere hatten 30, 40 oder 50 Jahre Zeit, um sich laut geschrien, vergebens um Hilfe gerufen,
damit vertraut zu machen, dass ihr Leben immer mit fassungslos über den Jähzorn des Vaters. Dann aber
dem Tod der Mutter verbunden war. Ihm jedoch war hatte es sich daran gewöhnt, still die Schläge über
sie entzogen worden, als er noch schlummernd in sich ergehen zu lassen, den Schmerz zuerst nicht
ihren Armen lag und mit den Schwingungen ihres mehr zu zeigen, dann aber auch nicht mehr zu fühlen.
Herzens vibrierte. Als ob ein Teil von ihm plötzlich
abgebrochen war, lebte er fortan wie ein Krüppel. Sobald er seinen Vater nahen hörte, fiel er in
Erwartung neuer Torturen in sich zusammen, um
Später, als er sich seiner bewusst zu werden begann, eine möglichst geringe Angriffsfläche zu bieten. Und
spürte er eine untilgbare Schuld in sich aufsteigen so nahm er auch heute noch unbewusst diese
und zugleich den unausgesprochenen Vorwurf Haltung an, kaum dass er sich hingesetzt hatte.
seines Vaters, dass er ihm seine Rahel genommen
hatte. Dicht über den Tisch gebeugt nahm er sein Essen
ein, geduckt kauerte er jetzt vor dem Bild seiner
Als er mit 5 Jahren aus den Armen seiner schwarzen Mutter auf dem wackeligen Holzstuhl, und wenn er in
Amme in dessen Hände übergeben wurde, hatte der der Kirche vor dem Marienaltar niederkniete, war dies

1563 1564
so, als ob er Prügel und nicht Beistand erwartete. Seine Anfälle und der anschließende Schlaf der
Erschöpfung wurden dann für alle zu einer Befreiung,
Immer mehr hatte er die Schmerzen und Schreie in so sehr sie seine Umgebung auch trotz der
sich hineingestopft, bis er eines Tages nach einer jahrelangen Gewöhnung immer wieder erschreckten.
erneuten Kasteiung, die in ihrer Brutalität alles
übertraf, beim Essen auf den Boden fiel, wie vom Ihn aber überkam eine Ahnung, ob er mit seiner
Schlag getroffen, und sich in stummer Revolte Totenstarre nicht den heimlichen Wunsch äußerte,
aufbäumte gegen das erlittene Unrecht: schäumende sein gefürchteter Vater möge ebenso tot daliegen wie
Wut des Ohnmächtigen, ziellose Schläge gegen er, und es trieb ihn in die Kirche, wo die heilende
einen unsichtbaren Feind, die in verkrampfter Kraft der Absolution an ihm vorüberging.
Erstarrung endeten, weil sie nicht den treffen
konnten, den sie hätten treffen sollen. So kam es, dass seine Schuld immer drückender
wurde und ihn niederhielt wie eine gigantische Faust.
Ebenso wie er hier aus dem Leben unversehens in Seine Anfälle - ein verzweifeltes Aufbegehren gegen
die Starre eines Scheintodes verfiel, bestand sein unbekannte Kräfte, die ihn in Fesseln schlugen. Auch
Dasein nun aus unvereinbaren Gegensätzen. Suchte der erste Liebesakt des Erwachsenen mit einer
er eben noch die Nähe der Menschen, zog er sich Prostituierten, die vor Schreck über den
plötzlich zurück; sprach er gerade noch in scheinbar unerwarteten Ausbruch des Höllenfeuers in ihrem
vertraulicher Offenheit einen Fremden an, sperrte er Besucher von ihrem Gewerbe abließ und sich einer
sich abrupt gegen jeden Zugang; nahm er in der Kongregation frommer Schwestern anschloss, wurde
einen Minute einen Besucher mit überströmender zu einem alles erschütternden Spasmus von Wut und
Herzlichkeit auf, jagte er ihn in der nächsten vom Verzweiflung, ein verzweifelter Akt der
Hof; atmete er nach dem Aufstehen gierig die frische Verschmelzung mit der toten Mutter.
Morgenluft ein und begrüßte die Sonne mit offenen
Armen, umwölkten ihn im nächsten Augenblick ”Du bist ‘Benoni - Sohn meines Kummers’”, hatte
dunkle Wünsche und er schlug seinen Kopf an der diese mit matter Stimme gehaucht, schon vom
Hauswand blutig, bis er benommen in den Verschlag Dämmer des Todes umfangen, ohne mit ihren
hinter dem Schweinestall torkelte und auf verlöschenden Augen noch das schlummernde
Bananenstauden seinen Todesrausch ausschlief. Im Bündel in der Wiege neben ihrem Bett wahrnehmen
Gespräch mit Gott ertappte er sich plötzlich in zu können.
sündhaften Gedanken an die Fleischlichkeit der
Eine verhängnisvolle Mitgift! Denn aus der
Heiligen Jungfrau und kosend glitten seine Finger
siebentägigen Totentrauer, der der Säugling sich
über die Falten der hölzernen Figur.
noch nicht einmal anschließen konnte, war eine herunterfielen.
immerwährende Trübsal von nun schon sieben mal
sieben Jahren geworden, wie die Strafe eines In seinen blassgrauen Augen konnte sich, wenn er
unbarmherzigen Gottes an dem, der unschuldig teilnehmend angesprochen wurde, ein schwaches,
Ursache des Todes seiner Mutter geworden war. fernes Licht entzünden, silbriges Leuchten eines
Unendlich viel Kummer hatte er in dieser Zeit gehabt, fernen Sterns am pechschwarzen Himmel, das Kunde
aber keinen Schmerz mehr fühlen können. Und eben gibt von einem Ereignis vor langer, langer Zeit in der
deshalb war er so traurig, traurig wie ein Hund an der Tiefe des Weltraums und das dem Beobachter trotz
Kette, ein Vogel im Käfig oder ein Zugpferd mit seiner unleugbaren Existenz keine Klarheit darüber
Scheuklappen. geben kann, ob hinter dem Glanz noch ein
strahlender Himmelskörper steht oder ob er nur
Niemals sprach er mit lauter Stimme. Seine Worte Zeugnis von einem längst verbrannten Stern abgibt.
hatten etwas Erfrorenes. In der bunten Üppigkeit und
lauen Wärme des tropischen Berglandes fielen sie Sein Gesicht lag hinter einer Wand von rötlichem
wie Eisschloßen herunter und ließen in seinem Staub, der sich in zahlreichen Falten seiner Haut
Gegenüber alle Lebensfreude und jeden Frohsinn abgelagert hatte, die so wie die erodierte Erde
erstarren. ausgedörrter Weiden aussah. Niemals waren Tränen
durch diese Kanäle geflossen, niemals hatte ein
Steif wie seine Sprache war auch seine Erscheinung, Aufschrei, ein Protest gegen sein inneres Elend die
nicht vor Stolz über das Geleistete, das er allen verkrustete Schale aufgebrochen.
Widerwärtigkeiten zum Trotz durchgesetzt hatte,
sondern vor Ergebenheit in sein betrübliches Mechanisch wie an jedem Sonntag griff er zur Bibel,
Schicksal, vor Ohnmacht angesichts der Schläge, die die neben dem von seiner Mutter hinterlassenen
ihn getroffen hatten, vor Unglück über sein geraubtes Ginza seine einzige Lektüre war, und las leise:
Dasein und vor Trauer über sein ungelebtes Leben.
”Ausgelöscht sei der Tag, an dem ich geboren bin,
Sein Lächeln, ein seltenes Verziehen der und da man sprach: Ein Knabe kam zur Welt! Jener
Mundwinkel, voll Wehmut und Bitterkeit, war wie eine Tag soll finster sein, und Gott droben frage nicht
verbotene Bewegung, wie das Blinken eines verirrten nach ihm! Finsternis und Dunkel sollen ihn
Glühwürmchens in der Finsternis der ungerodeten überwältigen und düstere Wolken über ihm bleiben!
Wälder auf den Hügeln jenseits des sitios oder wie
Warum bin ich nicht umgekommen, als ich aus dem
die Hagelkörner der Sommergewitter, die auf dem
Mutterleib kam? Warum hat man mich auf den Schoß
erhitzten Boden so schnell dahinschmolzen, wie sie
genommen? Warum an den Brüsten gesäugt?

1763 1764
Dann läge ich da und hätte Ruhe wie eine Fehlgeburt, Sie schwieg, aber spürte Empörung in sich
die man verscharrt hat. Warum gibt Gott das Leben aufsteigen, wenn sie daran dachte, dass ihr Mann
den Mühseligen und den betrübten Herzen, die auf dem Pater das beste Stück Land an der Straße
den Tod warten, und er kommt nicht zu denen, die geschenkt hatte, um dort eine Kirche zu bauen. Wie
nach ihm suchen, mehr als nach Schätzen, die gut hätte es sich verkaufen lassen!
fröhlich wären, wenn sie ein Grab bekämen.”
***
Das Jucken seiner grindigen Haut nahm wieder
überhand, und er kratzte sich in zerstörerischer Als Benjamino einundzwanzigjährig von seinem
Liebkosung, bis der Schorf blutig wurde. Vater das Erbe nahe der Stadt Heliopolis am Hang
des Gadara übernahm, fühlte er die Strafe Kains auf
Seine Frau zählte frohgemut die Scheine, die der sich gelegt. Er musste die unwegsame Wildnis
sonntägliche Frühschoppen eingebracht hatte. Der bewohnen, sollte die harte, steinige Erde urbar
eine oder andere hatte auch noch Kleinigkeiten für machen und bebauen. Allein bei ihrem Anblick gab
den Haushalt erstanden: Streichhölzer, Mehl, Zucker, es nichts als Seufzen und Wehklagen.
die sie hier mangels Konkurrenz mit erheblichem
Aufschlag verkaufen konnte. Gottes Strafe an ihm für den Tod der Mutter war nicht
geringer als für Kains Brudermord! Müsste er sich
In der Küche dampfte schon der Topf mit dem nicht fortan dem Anblick seiner Mitmenschen
Maniok, und der Geruch bratender Hühnerteile zog entziehen, damit sie das auf seine Stirn gebrannte
durch das Fenster hinaus auf den Hof, wo der Mal nicht sähen?
struppige Hofhund in Erwartung schmackhafter
Bissen leise winselnd genüsslich in die Luft Kaum hatte er die hohen Eukalyptusbäume gerodet,
schnupperte. den roten Erdboden gehackt, mit Rinderdung
aufgelockert und die ersten Kulturen von Maniok,
Wie sie ihren Mann sich ständig kratzend vor dem Süßkartoffeln, Mais und schwarzen Bohnen angelegt,
Alter seiner Leiden sitzen sah, murmelte sie laut kamen sieben Jahre der Teuerung über das Land.
genug, dass er es hören konnte: ”Hältst du noch fest Und als das Geld wieder an Wert gewann, schütteten
an deiner Frömmigkeit? Sage Gott ab und stirb!” in der Regenzeit nicht endende Sturzbäche über
seine Pflanzungen.
Ohne einen Blick auf sie zu verschwenden, murrte er:
”Du redest, wie die törichten Weiber reden. Haben wir Der Rio Plaga, wie von Blut gerötet, war von einer
Gutes empfangen von Gott und sollten das Schlechte Pest wuchernder Einzeller befallen, die alles Leben
nicht auch annehmen?” erstickten. Hunderte toter Lambaris hingen im
Bambusgestrüpp an seinen Ufern. Ihre faulenden aber es war, als ob unter dem großen, grauen Felsen
Kadaver führten zu einer Milzbrandepidemie, gegenüber von dem Tor des sitio das unsterbliche
sterbende Frösche versuchten sich aufs Land zu Haupt der Lernäischen Hydra vergraben war und das
retten und infizierten dort das Vieh. Und über das Glück hier nicht heimisch werden konnte. Die
stinkende Aas auf den Weiden, dessen die Geier doppelte Summe seiner achtundzwanzig Ehejahre
nicht Herr wurden, machten sich riesige ergab eben nie mehr als eine eins. Wie wenn zu
Fliegenschwärme her, welche die Luft verdunkelten. nichts etwas dazugekommen wäre, fühlte er sich
Ebenso, wie in den zahllosen Tümpeln die Moskitos, inmitten des bunten Lebens auf dem Bauernhof
gediehen auf den verrotteten Pflanzen die alleine, alleine mit seinem unheilbaren Schmerz.
Wadenstecher, die sich auf die Menschen stürzten
und sie mit einem Bazillus vergifteten. Wie er so dasaß und auf die rissigen Dielen starrte,
wurde er zunehmend unruhig. Es war ihm, als ob
Einen Monat lag auch Benjamino im Fieber, bis er sein Vater nahte. Aber es war nur das Wummern der
sich langsam von der Seuche erholte. Seit dieser Zeit Sprengungen im Steinbruch auf der abgewandten
waren seine Beine geschwürig, und immer wieder Seite des Berges, das die Erde beben und die
drohte sein Fleisch brandig zu werden. Als endlich Scheiben klirren ließ. Für seine schwache Seele
ein Ende der Plagen gekommen schien, tobten sich wurde die Welle, die das Gestein durchlief, zu einer
heftige Hagelgewitter aus und die frisch gepflanzten schweren Erschütterung. Unter den dröhnenden
Kulturen blieben verwüstet zurück. Aber auch die Schritten des Polyphem seiner Erinnerung spürte er
Trockenzeit brachte keine Ruhe. Sie war den Boden unter sich aufspalten, sich selbst ins
ungewöhnlich feucht und nährte die Ameisen, die Grundlose fallen. Die Wunde, die sich einmal in ihm
sich auf alles Grün stürzten und es bis auf den und seiner Existenz aufgetan hatte, war wieder
Stängel abfraßen. Nach diesen schweren Prüfungen aufgebrochen.
starb zu allem Unglück sein Erstgeborener Gerson
mit zwei Jahren an dem Biss einer giftigen Jararaca. Das Beben pflanzte sich in ihm fort, er wand sich in
Krämpfen. Vom Stuhl gerissen fiel er aus dem
”Sitio de Bochim, ‘Stätte der Klagen’”, nannte er da Zimmer nach draußen, stürzte sich besinnungslos
sein Anwesen und schleppte sich ins nächste Jahr. auf ein heftig flatterndes und angstvoll schreiendes
Huhn und schlug ihm mit einem kurzen, kräftigen
Seine Ehe mit der streitbaren und vitalen Lea hatte Hieb seiner Hand den Kopf ab. Den im Todeskampf
ihm zwar den siebenjährigen Adriël und die zehn zappelnden Körper drückte er nach unten, pulsierend
Jahre alte Mara gebracht, hübsche und fröhliche schoss das Blut heraus und tränkte die Erde.
Kinder, die jeden Vater glücklich gemacht hätten,

1963 1964
Als er die Röte des Lebenssaftes in der Erde sitzen.
versickern sah, die es wie ein Schwamm aufsog und
mit diesem Opfer wieder zur Ruhe zu kommen Im Haus deines Lebens gibt es keinen Körper, denn
schien, atmete er tief durch, sein Blick wurde klarer. zum Haus des Lebens steigt kein Körper auf. Auf
Mit schnellen Schritten umrundete er das Haus, trat Gold und Silber ist im Haus des Lebens kein
in die Küche und legte seiner Frau das Huhn auf den Vertrauen. Im Gegenteil: ein jeder wird nur nach
Tisch. seinen Werken, die er getan, gefragt.

”Hier, für morgen, zum Essen!” sagte er, ein Lob Der Weg, den wir zu gehen haben, ist angefüllt mit
erwartend. Disteln und Dornen. Sieben Mauern umgeben ihn und
Berge, in die kein Spalt gespalten ist. Die Waage sitzt
Stattdessen fuhr sie ihn an: ”Hast du schon wieder aufgerichtet da, und aus tausend wählt sie eine Seele
ein Huhn gemeuchelt? Du verrückter Hund, gestern aus, die gut und erleuchtet ist.
Hahn, heute Henne, morgen Huhn - der ewig gleiche
Fraß hängt mir zum Halse ‘raus. Wo soll ich denn mit Sei ruhig und still, Benjamino, und die Ruhe des
dem ganzen Hühnerfleisch hin? Werd’ ich selbst Guten umgebe dich. Du gehst dahin und steigst zu
noch Eier legen!” deinem Ort auf, und Lea, deine Gattin, wird nach dir
aufsteigen. Danach enden alle Generationen, alle
Stumm wandte er sich ab und ging zum Teich Kreaturen verschwinden. Brunnen und Meere werden
hinunter, um ein erfrischendes Bad zu nehmen und austrocknen, Kanäle und Flüsse ihren Grund zeigen.
sich von seinen Sünden reinzuwaschen. Berge und Höhlen werden zerbersten, einfallen und
versinken.”
***
Als er erwachte, sah er neben sich die schnarchende
Der Erlöser kam. Er stellte sich an sein Lager, weckte Lea liegen, mit weit aufgerissenem Mund laut
ihn aus dem Schlaf und sprach zu ihm: röchelnd, fast begraben von ihrer Fülle. Wie er ihre
entblößte Brust sich heben und senken sah, überkam
”Steh auf, Benjamino, wirf ab deinen stinkenden
ihn ein unwiderstehliches Verlangen. Gierig riss er
Körper, den Lehmsack, in dem du warst, wirf ab das
ihr die Decke vom Leib, fegte ihr Hemd zur Seite und
körperliche Gewand und schlage es den Sieben und
versenkte seinen Kopf zwischen ihren Schenkeln.
den Zwölfen, den Männern, die es geschaffen, an den
Hungrig nach Leben biss er sich in ihrer Haut fest
Kopf. Das Leben hat mich zu dir gesandt, es hat
und schmeckte die warme Süße ihres Blutes.
Verlangen nach dir. Dein Gang sei zu dem Ort, an
dem du vorher warst, dem Wohnort, wo deine Eltern Lea, aus tiefstem Schlaf aufgeschreckt, quiekte vor
Schmerz und krallte ihre Hände in seinen Stromrechnung fällig, einige Einkäufe zu tätigen. Der
Haarschopf, aber nicht, um ihn wegzuzerren, sondern widerspenstige Braune ließ sich nur schwer
nur noch fester an sich zu drücken. Gehorsam kniete zwischen die Doppeldeichsel zwängen. Als sein Herr
sie sich hin, als er sie mit einer gewaltsamen ihn am Halfter griff und nach hinten zerrte, rollte er
Bewegung auf den Bauch warf. Brüllend stieß er in wild mit den Augen und sperrte sich gegen die
sie. Wie seine brünstigen Stiere auf der Weide reckte Gewalt, bis er notgedrungen folgen musste.
er den Kopf weit vor und schnaubte vor Erregung. Benjamino schwang sich auf die Bank des kleinen
Plötzlich jedoch stierte er mit glasigem Blick ins zweirädrigen Karrens. Mit einem scharfen Knall der
Leere, während sie den verkrampften Körper von Peitsche setzte sich das Gefährt in Bewegung und
sich abzuwälzen versuchte. Trotz ihrer verzweifelten holperte schaukelnd den ausgewaschenen Weg zur
Bemühungen sich zu befreien blieb er mit ihr fest Straße hinunter. Scheppernd schlugen leere
verkeilt, schlug mit seinen Beinen in konvulsivischen Gasflaschen und Bierkästen aneinander.
Zuckungen gegen das Bett, bohrte ihr seine spitzen
Ellenbogen in die Seite, dass sie laut aufschrie. Der Bauer hasste das Pferd. Es genoss wie jedes Tier
Schaum stand vor seinem Mund, aus der Nase lief das Vorrecht einfach sein zu dürfen, unverrückbar
zäher Schleim, und als die Spasmen ihren Höhepunkt einen bestimmten, ihm einmal zugewiesenen Platz
erreichten, verbiss er sich in ihrer Schulter und blieb einzunehmen. Wie selbstverständlich war es da, ein
in ihrem Fleisch noch verhakt, als er erschöpft auf ihr fertiges, in sich vollendetes Wesen, während er ein
zusammenbrach und in einen totenähnlichen Schlaf ewig Heimatloser war, ein immer wieder zur Freiheit
verfiel. Verurteilter, der sich hinübergetrauen musste in eine
fremde Welt, die feindselig seiner harrte.
Während sie unbefriedigt unter ihm dalag und sich
überlegte, ob sie am Sonntag zur Beichte gehen Schon an der ersten Steigung bei dem sitio seines
müsse, weil ihr die Krankheit ihres Mannes Lust Nachbarn begann er unbarmherzig auf das Tier
verschafft hatte und ihr Verlangen nach mehr wie einzuschlagen, beschimpfte und verfluchte es, bis
durch eine Strafe Gottes ungestillt geblieben war, dessen Flanken schweißgebadet waren und es vor
dämmerte er einem Erwachen entgegen, nach dem er Anstrengung keuchte. Erst oben auf der Anhöhe
sich an nichts mehr erinnern, teilnahmslos aufstehen beruhigte er sich und überließ, selbst völlig
und seinem Tagewerk wie immer nachgehen würde. erschöpft, die gequälte Kreatur sich selbst.

Mit Sonnenaufgang schirrte er sein Pferd an den In Sichtweite der Stadt fuhr er langsam an die Kirche
Wagen. Die Einnahmen vom Wochenende waren aufs der Maria Immaculata heran und stellte seinen Karren
Sparbuch zu bringen, die Wasser- und die im Schatten einer großen Jacca ab, als ob er kurz

2163 2164
hinter der Malvenhecke verschwinden müsste. raffte er die geweihten Oblaten zusammen, stopfte
sie sich in den Mund, kaute den pappigen Brei
Heimlich schlich er an der Kirchenmauer entlang bis hinunter und spülte mit einem Schluck Messwein
zum Eingang der Sakristei. Deren Fenster fand er nach. Den Rest der Flasche goss er wie zur Taufe
geöffnet, und mit einem leichten Sprung gelang es über sich und - ohne das verwüstete Heiligtum noch
ihm, sich mit den Händen am Sims anzuklammern. eines Blickes zu würdigen - eilte er zum Fenster und
Langsam zog er sich hoch und schlüpfte durch die zwängte sich nach draußen. Als ihn das blendende
kleine Öffnung ins Innere der Kirche. Aufatmend Licht der Sonne traf, glaubte er eine Stimme zu
drückte er die Tür des kleinen Gelasses auf und warf hören, die ihm beschwörend zurief:
sich vor dem Kreuz auf den Boden:
”O Seele! Du steigst zum Lichtort auf! Gib deinen
”Im Namen des Großen Lebens, sei verherrlicht, das Namen und dein Zeichen her, die du aus den
hehre Licht. Komm in Güte, Kuš. Du bist die Wasserwogen, aus dem großen Jordan der Heilkräfte
Auserwählte, die Siegreiche. Du bist ein und aus dem gewaltigen Sprudeln des Lichts
vollkommenes Gimra, an der kein Makel ist. Du bist genommen hast.”
der Pfad des Vollkommenen, der zum Lichtort
aufsteigt. Du bist ewiges Leben, die du hingingst und Entrückt in seliger Erwartung auf baldige Erlösung
dich in einem wahrhaftigen Herzen niederließest. setzte er seine Fahrt fort. Aber nachdem am nächsten
Wehe dem, der nicht auf dich lauscht und dessen Sonntag der Priester die Kirche für die Messe
Weg in die Behausungen großer Unzucht führt. Zu dir geöffnet haben würde, würde wieder die Kunde von
schauen meine Augen auf, Auserwählte des Lebens. einem weiteren Verbrechen des unbekannten
Wohlan sprich zu meinem Herzen, damit es zur Ruhe Kirchenschänders die Stadt durcheilen, und jeder
komme, und sprich zu meinem Innersten, damit es würde sich beim bloßen Gedanken daran furchterregt
gesund werde. Die Vollkommenen steigen zum Licht bekreuzigen. Niemand würde sich daran erinnern,
auf, und die Bösen werden hier zurückgehalten. Kuš, dass Benjamino am Montag bei der Kirche eine kurze
dich bezeuge ich, wie ein Mann, der nach Einsicht Rast gemacht hatte, und selbst wenn - niemals würde
strebt.” gerade er, der wegen seiner Frömmigkeit überall
gerühmt wurde - in Verdacht geraten. Nur die roten
Als er mit einem lauten ”Amen” geendet hatte und Flecken auf seinem Hemd und den starken
sich bereits zurück zur Sakristei wandte, hielt er Weingeruch, der von ihm ausging, hatten die
einen Augenblick inne, ging zum Altar, brach das wenigen, die ihm begegnet waren, nicht so recht
Tabernakel auf und schüttete den Inhalt des einordnen können.
Behälters mit den Hostien auf das Altartuch. Gierig
*** Missgeschick und verfluchte ihren Mann, der
verschwunden war, voller Angst, er könnte entführt
Eines Nachts, ein Gewitter ging mit Blitz und Donner worden sein. Als er dann endlich aus seinem
nieder, schreckte er aus dem Schlaf. Als er vorsichtig Versteck hervorkam, fiel sie ihn an:
aus dem Fenster lugte, erblickte er im strömenden
Regen eine dunkle Gestalt, die sich an der Tür zu ”Du verdammter Feigling, alles haben sie
schaffen machte und mit einem Schuss das Schloss mitgenommen, und du hast nicht einmal daran
sprengte. Von der aufgehenden Tür verdeckt war er gedacht, uns zu verteidigen. Gegen Pferde und
zunächst in Sicherheit, doch in ständiger Gefahr, Hühner bist du stark, aber wenn’s ernst wird, verpisst
entdeckt zu werden und die Wut des Einbrechers auf du dich!”
sich zu ziehen.
Vor Wut riss sie die Bibel vom Nachttisch entzwei,
Lea hatte sich die Decke über den Kopf gezogen und warf Benjamino die Fetzen an den Kopf und den
wurde von dem Eindringling grob aufgefordert, alles Nachttopf hinterher, der scheppernd an der Wand
von Wert herauszugeben. Offenbar war noch ein zerbrach.
zweiter Mann dabei, der in der Küche herumlärmte.
Die Kinder waren Gott sei Dank in dieser Nacht bei Dieser jammerte herum und bedrückt durchwachte er
seinem Schwiegervater in Santa Luzia. den Rest der Nacht, bis er bei Tagesanbruch den
Wagen herausholte, um von seiner Frau hartnäckig
Es folgten Schritte, Rumoren, Schubladen und bedrängt zur Polizei zu fahren.
Schränke wurden aufgerissen. Dazwischen die
Gebete von Lea, die alle vierzehn Nothelfer um ***
Beistand anflehte. Dann rissen die Räuber
Als er aus der Wache kam, ging er noch auf einen
Fernsehkabel und Antenne aus der Wand und
Schluck in die Bar nebenan, um seinen Ärger zu
machten sich mit dem Apparat unter dem Arm laut
ertränken. Da hörte er eine Stimme, die wie die des
polternd davon, nicht ohne weitere Schüsse
einen Einbrechers klang. Vorsichtig drehte er sich
abzugeben.
um und sah einen betrunkenen Schwarzen auf einen
Der Hausherr hatte die ganze Zeit schlotternd hinter anderen einreden, mit dem er offenbar ein Geschäft
der Tür gestanden. Aber auch als die Männer machen wollte.
verschwunden waren, traute er sich nicht hervor, aus
Ihm lief es kalt den Rücken herunter, entsetzt wandte
Furcht, sie könnten noch irgendwo lauern.
er langsam sein Gesicht zur Wand, um nicht bemerkt
Lea lag weinend auf dem Bett, beklagte ihr zu werden. Der Schock der Nacht kehrte zurück. Das

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Zittern seiner Hand wurde so stark, dass er das Glas Kurz vor dem Haus des Klempners Ervino, wo der
auf die Theke stellen musste. Er legte einen Schein Weg wieder etwas anstieg, um dann um so steiler
daneben, wankte mit weichen Knien zu seinem abzufallen, raste sein Gefährt wie auf einer
Karren und zog das Pferd am Halfter fort, um außer Sprungschanze nach oben, löste sich auf der Kuppe
Sichtweite der unheimlichen Barbesucher zu vom Boden, und Benjamino hatte für einen Moment
kommen. das Gefühl als ein neuer Ikarus der Sonne
entgegenzufliegen.
Hinter der ersten Biegung hielt er an, klammerte sich
schwindelnd an den Wagen und zog sich Er flog und ging dahin, bis er den Ersten der
schwerfällig auf den Bock, wo er mit eingehängten Planeten erreichte, den Zweiten, den Dritten und den
Zügeln zusammengekauert den Gaul laufen ließ, Vierten der Planeten, und so weiter, bis dass er den
wohin er wollte. Langsam trottend setzte sich dieser Siebenten der Planeten erreichte, bis dass er das
in Bewegung und machte sich auf den Heimweg. Haus des Lebens erreichte.
Als die Straße allmählich abschüssiger wurde und Da kam ihm das Leben heraus entgegen, es
sich die Fahrt durch den schnelleren Trab des bekleidete ihn mit Glanz und brachte Licht und
Pferdes beschleunigte, erwachte Benjamino aus verhüllte ihn damit.
seinem Dämmerzustand, stellte sich balancierend
breitbeinig auf die Bretter und trieb den Braunen mit Sein Leben fand das Seinige. Das Seinige fand das
lauten Rufen und Peitschenhieben zum Galopp an. Leben, und seine Seele fand, was sie ersehnte.
Dröhnend rollte das Gefährt über das
Sein verlassener Leib stürzte mitten hinein in einen
ungleichmäßige Pflaster, das Hämmern der Hufe
blendenden Abgrund von weißglühender Lava, als
hallte wider von der Stützmauer am Berg.
der Wagen krachend auf den Steinen aufschlug und
Wie ein römischer Wagenlenker auf seinem zerschellte.
Streitwagen donnerte Benjamino zu seiner letzten
Menschen hasteten herbei und fanden ihn mit
Fahrt die Straße hinunter. Einem Giganten gleich
ausgebreiteten Armen gen Norden gewandt, das
ragte er über die Hecken zur Linken hinaus und
Rückgrat gebrochen, den Schädel zerschmettert, in
blickte kühn über das Tal. In die Scharen seiner
einer Blutlache unter den Trümmern seines
Feinde schnitt er mit den langen, scharfen Messern
Fahrzeugs.
an den Rädern breite Schneisen, eine grausige Spur
von Blut und Leichen hinterlassend. Das Pferd jedoch tobte, die abgebrochene Deichsel
hinter sich herschleifend, wild schnaubend die
Straße entlang, bis es wiehernd auf dem sitio legten sie dem aus ihrer Mitte Auserwählten auf, ein
anlangte und die Kunde von dem Unglück dorthin Wesen ohne Fehl und Tadel abzugeben, um so ein
brachte. erstrebenswertes Vorbild für jeden armen Sünder zu
sein.
Nur wo sollte dieser Homunkulus mit seinen
Landkarte Nr. 15
schlechten Seiten bleiben? Dem Hochmut, dem Geiz,
Der Teufel ist verwirrend, weil er selbst verwirrt ist. Er ist gewalttätig, der Wollust, dem Neid, der Völlerei, dem Zorn und
weil er selbst vergewaltigt worden ist und er ist verführerisch, weil er der Trägheit des Herzens? Willfähriges und nicht
selbst verführt worden ist.
ganz unschuldiges Opfer wurde sein Lieblingsengel
Luzifer. Vielleicht zu sehr besonnt vom göttlichen
Candida tropicalis Glanz war er zu einem der Mächtigsten unter den
Es gibt weder Ärzte noch Doktoren, die den Grund hätten angeben himmlischen Heerscharen aufgestiegen und erlebte
können, weder woher es kam noch was es war (und sie hatten auch missgünstig, wie der Herr bei dem Versuch, die
kein Heilmittel), außer dass es die Krankheit war, die man Epidemie
nannte. (Guillaume de Machaut, Le Jugement du Roi de Navarre)
Schöpfung neu zu gestalten, verliebt in sein eigenes
Ebenbild, seine Zuneigung mehr auf Adam richtete
Als Gott, dem Herrn, selbst noch ganz Mensch, die und ihn, den Erstgeborenen, zu vernachlässigen
Aufgabe zugedacht wurde, die Götter vom Olymp zu begann.
stürzen, sah er sich einem fast unlösbaren Problem
gegenüber: Die Überirdischen hatten sich ungestraft Rachsüchtig brachte er Gott dazu, eitel das
nach Kräften ausleben können. Alles, was dem gelungene Werk zu wiederholen, machte sich die
Erdenbürger verboten war, durften sie: sie mordeten, eben geborene Eva untertan und verführte sie zur
hurten, betrogen, schamlos, ohne Reue. Revolte gegen ihrer beider Vater. Der ließ sich darauf
ein, mit der Provokation des Sündenfalls die
Niemand hatte je daran Anstoß genommen. Wurden unendliche Kette der Verführung zur Bosheit und zur
die Menschen doch angesichts dieses wüsten Abkehr von ihm selbst einzuleiten. Der Mensch geriet
Treibens ständig daran erinnert, sich im Umgang in den Widerspruch, ins Himmelreich streben zu
miteinander zu mäßigen, um nicht so zu werden wie müssen, um edel zu werden, hilfreich und gut, jedoch
die Olympier. verdammt zu sein, wenn er wieder zu seinem
Ebenbild - als das er einst geschaffen worden war -
Nur ein Grüppchen revoltierender Untertanen Roms werden möchte.
störte sich daran. In der kleinbürgerlichen Moral
befangen, ein Gott müsse edel, hilfreich und gut sein, Satan musste als sein Gegenspieler herhalten und

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blieb seitdem unter uns. Zwar schien er zeitweise Alten eingegebenen Rede, kaum dass sie zu
verschwunden dank Exorzismen und sprechen begonnen hatte. In völliger Unkenntnis
Hexenverbrennungen, aber immer wieder tobt sich über die Verkehrtheit dieser Äußerung fürchteten
das Böse in uns aus. sich alle Schwachen und Verführbaren vor ihr, sogar
Gebildete verfielen fasziniert der engelhaften Anmut
Wir Zeitgenossen, aufgeklärt, jede Vorstellung vom dieses Mädchens, das von einem blendenden Schein
Leibhaftigen weit von uns weisend, treffen ihn in dem überstrahlt war. Eher konnte man in die Sonne sehen
von Korruption und Misswirtschaft verrotteten als auf sie. Ihr Gesicht war makellos und ebenmäßig,
Brasilien an, als er sich wieder einmal einer Seele als ob man sie nach ihrer Geburt mit dem Tau der
bemächtigt hatte. Candida hieß die Auserwählte, Venuswasserdistel benetzt und nicht ins eigene
Tochter einer Indianerin vom Stamm der Kaingang schleimig-blutige Badewasser getaucht hätte.
vom Rio Ivahy und eines italienischen Zigeuners aus
dem Volk der Piemontesi. Von ihrer Mutter erhielt sie Verehrt wurde sie, angebetet, vergöttert, doch nie
die diesen Urbrasilianern eigene Grausamkeit und geliebt um ihrer selbst willen. Schnell lernte sie, sich
Feigheit, von ihrem Vater Verschlagenheit und Zuneigung zu erschleichen. Schmeichelnd wusste
Missgunst und bot so dem Mistgott das geeignete sie sich Gehör zu verschaffen, um dann Hilfe
Gefäß. heischend über die vorgebliche Unmenschlichkeit
ihrer Eltern zu klagen. Je mehr sie ihren Zuhörer in
Ihr Vater hatte von seinen maurischen Vorfahren auf Bann schlug, umso maßloser wurden die
Sizilien den Glauben mitgebracht, dass der Böse mit Darstellungen der Pein, die sie zu erleiden vorgab,
dem Geburtsschrei in das Neugeborene fahre, und und unbezähmbarer Protest bäumte sich in ihm auf.
ließ das erste Badewasser über das Baby Wären die Verursacher der Unbill gegenwärtig
ausschütten, das zuvor über eine scharfe Klinge gewesen, er hätte nicht gezögert, sie zur Rede zu
geflossen sein musste, um alle Übel fernzuhalten. stellen.
Und die junge Mutter machte sich gequält von
Schuldgefühlen wegen ihrer heidnischen Herkunft zu Wie ein Pilz infizierte sie jeden, der in ihre Nähe kam.
einer Wallfahrt auf. Tage-, nächtelang auf den Knien Das Myzel ihrer verleumderischen Äußerungen trieb
schrie sie ihre Gebete heraus, brachte dann fädige Versprossungen in seine Nervenbahnen und
triumphierend die Lüge von der Offenbarung des lenkte die Gedankenströme in ihrem Sinne um. Der
Heiligen Geistes zurück, dass ihre Tochter die so Vereinnahmte hatte Mühe, nicht auf Dauer zu
Reinkarnation Gottes auf Erden sei. ihrem Werkzeug zu werden, nicht ahnend, dass sie
dieses Spiel zu Hause fortsetzte, wo sie sich über ihn
”Ich habe Gott in mir!” wurde ihre ständige, von der als einen lüsternen Unhold beklagen würde, der ihr
zu nahe getreten sei. zu wechseln. Nachdem sie wegen Indiskretionen
hinausgeworfen worden war, räumte sie Frauen aus
Auch wenn sie verschlagen war wie ein Jaguar, listig dem interior, die sich als Dienstmädchen verdingten,
wie ein Affe, schlau wie ein Ameisenbär und in einer eigenen Pension die Lumpen hinterher. Als
schmeichelnd wie ein Ozelot, beharrte sie doch wie Gönner war ihr Sohn aufgetreten, ihr ebenso
eine Pflanze und parasitär wie die Mistel aus der schuldhaft verbunden wie seine Schwester. Schon
Heimat ihres späteren Mannes, von Friggas angeekelt von ihrer bisherigen Arbeit empfand sie es
Beschwörungen unberührt als einziges Gewächs der als gleichermaßen erniedrigend, nun für die
Bosheit fähig. Deren Zweige konnten zu ebenso Bediensteten der Herrenhäuser die Magd zu sein.
tödlichen Wurfgeschossen werden wie die Heimtücke Zudem war die Herberge viel zu groß für die wenigen
dieses Mädchens, das sich an dem Ausmaß seiner Gäste. Sie musste an Reis und Bohnen sparen, weil
Zerstörungen delektierte, nachdem es aus den die Einnahmen nicht reichten, und nutzte jede
Menschen Figuren eines Spiels gemacht hatte, in Gelegenheit, ihre Klientel in den Schmutz zu ziehen.
dem auch die Harmlosesten sich aufeinandergehetzt Immer neue Beweise für deren Verderbtheit führte sie
gegenseitig zerfleischen sollten. der Polizei zu und sonnte sich in der Vorstellung, der
Staatsmacht ebenso nahe zu sein wie Gott.
Wehe dem, der sich ihr verweigerte! Ihn krönte sie
mit der Ketzermütze, schichtete einen Scheiterhaufen Aus der uneingestandenen Furcht, selbst zum
aus den übelsten Verleumdungen auf und schürte Spielball ihrer Intrigen zu werden, waren ihr die
das Feuer, bis er von den Flammen der allgemeinen Polizisten gefällig, aber auch die Mächtigen der Stadt
Empörung verzehrt zu werden drohte, nicht ohne bis behandelten diese einfache, gebenedeite Frau aus
zuletzt um seine Zuneigung gebuhlt zu haben. Hier dem Volk, die so furchterregend war in der
war sie erfolgreich, hier fand sie Bestätigung, in der Unbedingtheit ihres Machtanspruches, mit tiefer
Bewältigung ihres Lebens nicht. Ehrerbietung.
Sie lernte das Schneiden, Färben, Ondulieren und ”Dona Candida, zu Diensten!” Lässig salutierend
Glätten von Haaren, war geschickt darin. Aber erst nahmen sie ihre Wünsche entgegen. Doch hatten sie
die Tochter ermöglichte es ihr, einen bescheidenen die Macht, es bei leeren Versprechungen zu
Salon in einem Vorort der Metropole zu eröffnen. Als belassen, wohl wissend, dass selbst sie sich im
ihre Mäzenin heiratete, gab sie ihn auf – inzwischen Gestrüpp der Zuständigkeiten verheddern würde,
auch verlassen von ihrem Mann – und fristete ihr sollte sie deren Umsetzung persönlich verfolgen. In
Dasein damit, in einem Motel die von den Spuren der Selbsttäuschung über die Größten des Landes
nächtlicher Ausschweifungen befleckte Bettwäsche verfügen zu können, wuchs ihr Wahn, allmächtig zu

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sein. Ihre Wut konnte grenzenlos werden und ihre Je mehr ihr Stachel ins Leere fuhr, umso
Zunge ballte sich zu einem in Orgasmen zuckenden blindwütiger wurde sie. Als ihre Tochter einige Zeit
Phallus. Hasserfüllte Laute verklumpten zu Wörtern, nichts mehr von sich hören ließ, gelang es ihr, dem
die sie auf ihre Opfer schleuderte. Außenminister schluchzend vorzugaukeln, ihr
Äffchen sei von einem Gringo entführt worden. Der,
Ihren Schwiegersohn, der das Unglück hatte, von beeindruckt von dem Tränenmeer, beauftragte seinen
einem in Kriegsverbrechen verstrickten Nazi gezeugt Vertreter vor Ort, sich diskret der Sache
worden zu sein, drohte sie: „Verflucht! Verflucht! Ihr anzunehmen. Peinlich berührt musste ein
alle werdet verflucht sein bis ins dreizehnte Glied!“ brasilianischer Konsul ausgerechnet am Muttertag
und verbreitete, dass er der Antichrist sei. Denn jeder feststellen, dass die Gesuchte in geordneten
Mensch ohne Teufel konnte in ihren Augen nur der Verhältnissen lebte, schon längst nicht mehr
Teufel selbst sein. minderjährig war und von einer Entführung keine
Rede sein konnte.
”Satanas! Hebe Dich hinweg! Du bist ein Ärgernis!”
warf sie ihm beschwörend entgegen, um damit Die Lächerlichkeit dieser Aktion wurde trotz aller
zugleich den Vater ihrer Kinder zu treffen, der von Bemühungen zur Vertuschung im diplomatischen
einem Faschisten aus der Ära des Getulio Vargas Korps genüsslich breitgetreten, und die Urheberin
abstammte und sich ihr frühzeitig entzogen hatte. des Skandals verlor auf einen Schlag das Wohlwollen
der Staatsdiener.
Wie eine Spinne ihre Opfer sich im Netz verfangen
lässt, um sie dann langsam auszusaugen, versuchte Als sie Jahre später ihre Tochter wieder gewonnen
sie Mann und Tochtergemahl über viele leidvolle hatte und deren früherer Mann weniger denn je in
Jahre im Gespinst ihrer Lügen und Verleumdungen ihrer Reichweite war, nährte sie trotzdem ihren Wahn,
einzuwickeln, in der Erwartung, dass diese sich den Antichristen verfolgen zu müssen und
freizukaufen versuchen würden. interessierte einen Journalisten für ihre Story. Der
witterte Material für eine reißerische Reportage,
Obgleich es für die beiden, gutmütig wie ein jabotí,
schreckte jedoch in letzter Minute zurück. Mutigeren
schwer auszuhalten war, wenn ihnen die Menschen
Kollegen gab er den Rat, das schizophrene
scheu auswichen und sich ängstlich in die Büsche
Wortgestammel der Alten nicht ernst zu nehmen.
schlugen, als sei ihnen das Tier pondé erschienen,
hielten sie ihre Angriffe stoisch wie Moskitostiche So wurde sie mit Niederlagen konfrontiert, und das
aus. Nur wenn sie allzu lästig wurde, verscheuchten verbreitete Grauen fiel in Form trister Einsamkeit und
sie die Alte. heimlichen Spotts auf sie zurück. Drohgebärden
schrumpften zu leeren Gesten, Schmeicheleien Im Gebet Trost zu suchen war ihr versagt. Aber Satan
gerannen zu ätzendem Zynismus, ihre Anklagen schickte seine Vasallin dorthin, wo im Verborgenen
stumpften ab zu närrischem Geplapper. die Mächte der Finsternis verehrt werden. Sie lernte,
aus der Ferne zu schädigen, verbrannte Haare, Nägel,
Nur im Rausch fand sie zur Illusion von Attraktivität etwas Kot in einem Stück Bambus, das sie mit
und Unwiderstehlichkeit zurück. Doch ihr Gesicht Bienenwachs verschloss; formte Puppen aus
schwoll an, wulstig vorgestülpte Lippen schienen Baumwolle und alten Strümpfen und stach sie mit
sich um einen Flaschenhals zu schließen. So als glühenden Nadeln, wobei sie auf die Hilfe der cohani
wollte sie alle Übel dieser Welt ständig in sich hoffte, denen sie Opfer zuführte. Und die Gaben an
einsaugen, um mit ihrem hässlichen Gerede den die Götter des Candomblé - ein Teller mit Reis und
vereinnahmten Unrat als klebriges Gespinst über den Bohnen, einige Münzen, eine Flasche pinga oder
zu werfen, der zum Ziel ihrer torkelnden Wut Rotwein, die vor einem Gartentor standen: sichtbare
geworden war. Spuren ihres Wirkens.
Bei einem Besuche ihrer Tochter hatte sie versucht, Als sich ihr Schwiegersohn bei einem Sturz einen
ihren Schwiegersohn mit Süßigkeiten für sich Arm brach, rühmte sie sich stolz ihres Erfolges.
einzunehmen, so wie ein kleines Kind ein Geschenk Seinen Tritt ins Leere auf einer baufälligen Treppe
anbietet, wenn es selbst beschenkt sein möchte. Die verkündete sie zufrieden als weitere Etappe auf dem
Offerte wurde abgelehnt, tief gekränkt soff sie sich Weg zu dessen baldigem Ende.
voll mit Zuckerrohrschnaps und fiel schnarchend
aufs Bett. Um Mitternacht wachte sie auf und Auch mit ihren nächtlichen Aktivitäten gewann sie
schwebte als trunkener Geist durch ihre Pension. trotz aller Heimlichkeit an Reputation zurück. Gerade
Strähnige Haare umwehten ihr fahles Gesicht, noch belächelt wegen ihrer fixen Idee, Gottes
somnambule Tänzerin, aus einer anderen Welt, vom Sendbotin auf Erden zu sein, war die Verbindung mit
Körper gelöste, verirrte Seele einer Verdammten, den Macumbeiros Grund, sie erneut zu fürchten. Und
verloren in Raum und Zeit. Mit rauer Stimme drohte sie nutzte es. Allzu sehr schrie ihr Herz nach Rache
sie die ewige Verdammnis dem an, der ihr die wegen der Kränkung, die ihr die Männerwelt angetan
Tochter genommen hatte. Wie der Vogel Maukauán hatte.
stieß sie auf ihn herab und hielt dem aus dem Schlaf
Aufgeschreckten einen Spiegel vors Gesicht: ”Du ”Fragt nicht! Ich werde euch führen. Ihr sollt alle frei
bist das Monstrum aller Monstra, aus dem Blut deiner werden!” rief sie den Frauen zu und zog sie wie einst
Mutter geboren, das Gift der Gifte. Vergifte dich an die Amazone To-eyza in Scharen an.
deinem eigenen Blick!”

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„Freut euch!” rief ihre Anführerin aus: ”Nun seid ihr Von der Macht der Sprache und des Sexus aber wie
frei! Nimmermehr beherrscht euch ein Gatte; besessen versuchte sie sich beider zu bedienen, um
niemand schlägt euch, unterdrückt euch und narrt zu verschleiern, dass sie kaum ihren Namen
euch mehr.” Kreischend tanzten sie zu schreiben konnte, eine verblühte Frau, die, je länger
mitternächtlicher Stunde durch die Straßen und sie einen Mann entbehrte, um so mehr nach
trieben die Männer zu wüsten Orgien zusammen, um Fleischlichkeit gierte und ihre Geilheit nicht nur
sie anschließend davonzujagen. Söhne, die von durch ihre Haarfarbe offenbarte. Statt mit einem
ihnen geboren wurden, warfen sie ihnen nach. Nur Liebhaber stand sie mit den Geistern der Erde und
Töchter zogen sie auf als ihre Nachfolgerinnen. des Wassers in intimer Vereinigung. Einmal hatten
ihr Träume vorgegaukelt, von ihnen vergewaltigt
Gegenüber einem Fremden war sie wie immer: worden zu sein, und sie fand sich bestätigt in ihrem
einschmeichelnd wie ein Kätzchen, die Machtfülle Zölibat, wäre sie doch sonst ihrer magischen Kräfte
eines Adlers und die Weisheit einer Eule verlustig gegangen.
vortäuschend. Der Neuankömmling sah sich alsbald
von Bougainvilleen mit Blüten aller Farben umrankt. Die Gemeinplätze, die sie von sich gab, verklebte
Der Duft von Citrus und Jasmin gab Zuversicht und Satzfetzen einer bunten Wand aus Plakatabrissen,
weckte erregende Gedanken. Ihre weiche, wie in boten nur scheinbar einen Reichtum an Weisheit und
Olivenöl getränkte Stimme schwemmte in sein Herz, Beredsamkeit, waren es doch nie mehr als
bereitete einen schlüpfrigen Boden, von dem sie ihn Plattitüden, hier und da aufgeschnappt und in ihre
mit vorgetäuschter analytischer Klarheit und Sprüche eingemischt.
visionärer Weite wieder fortzog:
Sie sah die Menschen nie an. Mit jedem Schritt trat
”DU bist der Mann! Stark und wissend - DU wirst der ein beängstigendes Doppel auf sie zu. Ohne
Retter Brasiliens sein!” suggerierte sie jedem Orientierung war sie gezwungen stehen zu bleiben
Ausländer, der nun glaubte, die Brasilianer hätten und die anderen auf sich zukommen zu lassen. Auch
nur auf ihn gewartet, um ihrer Misere Herr zu werden. wenn einer angelockt vom süßen Duft des klebrigen
Seims in ihrem Honigtopf festsaß und zappelnd um
Auf den ersten Blick eine einfache, aber gepflegte Freiheit rang, auch wenn die Wucht ihres stürzenden
Frau mit einer nicht zu üppigen Figur, geschmackvoll Fleisches den, der von ihren frivolen
frisiert, die Haare mit uruku dezent rot getönt, Zweideutigkeiten angezogen wurde, zu erschlagen
schlichte Eleganz in der Kleidung gab sie sich als drohte, so gewann sie doch immer wieder eine
keusche Ordensschwester, allen Versuchungen des bescheidene Schar von Anhängern, stets wechselnd,
Lebens abhold. aber genug, um ihr das Gefühl von Macht zu geben.
Jedweden ernannte sie zu ihrem Freund, um ihn die sie zu verkrampften Orgasmen trieben, bis sie
umso tiefer stürzen zu lassen. Wer ihre Nähe länger sich schweißgebadet in ihren Laken vergrub. Doch
ertrug und wen sie länger erduldete, musste so sein am Morgen konnte sie sich vor den Nachbarinnen
wie sie. Es waren ausgestoßene Doppelexistenzen, ihrer nächtlichen Siege rühmen und genoss deren
einfache Gemüter, landlose Parias, vertriebene Bewunderung.
Indianer, korrupte Polizisten, Dealer und deren
verwahrloste Opfer, abgetakelte Nutten, tuntige Da sie nie leben konnte, was sie war - die fromme
Transvestiten, Diebe, Hehler, Zuhälter, bigotte Heilige nicht wie die lasterhafte Sünderin - so wusste
Bourgeois, die sich um sie sammelten. sie auch mit ihrem Körper nicht wohin. Unter weiten
Gewändern verbarg sich ein kurioses Gemenge von
Nichts fürchtete sie mehr, als dass einer sich von Körperteilen. Ihr Bauch hing schlaff an ihr herunter,
dem Nebel frei machen könnte, den sie um sich mit ihre Brüste verrunzelte Kalebassen, wie von
einem Wirbel von numinosen Sentenzen und Makunaima im Streit um die Geliebte des
schneidenden Anschuldigungen verbreitete. Dann Samaumabaum-Jünglings aus verwelkten
wurden ihre eigenen Worte zu Verrätern, die Bananenblüten an sie geheftet, um ihr die Schönheit
unbarmherzig ans Licht brachten, was sie zu zu nehmen. Zellulitis zerfurchte ihre teigigen
verbergen versuchte. Schenkel in zerklüftete Landschaften. Ihr welker
Hintern war ängstlich zusammengekniffen, wie wenn
”In meinem Kopf rührt ihr nicht herum!” warnte sie er einen Blick auf ihren berstenden Anus nicht
ihren Schwiegersohn, da er neuerdings mit einer gestatten mochte. Es war, als ob sie bei der Zuteilung
Geologin zusammen war, die es doch mit des puyito sich bereits geöffnet hatte, um wie alle
Psychologie zu tun haben müsse. Pervers waren die anderen Lebewesen einen After zu bekommen, und
anderen. Jeder konnte in ihren Augen zum miesen dann nichts mehr für sie übriggeblieben war. Auch
Schwulen, zur billigen Hure oder zur geilen Lesbierin ihre weit klaffende Scham öffnete sich, das Innerste
werden. nach außen stülpend. Wollte sie sich erneut gebären
oder war sie mit dem höhnischen Grinsen ihres
Allabendlich rieb sie sich erwartungsvoll nach der
unteren Mundes über das vergebliche Bemühen einer
einmal erlebten Ekstase mit der piri-piri-Wurzel ein.
vernarbten Welt, das Gute doch noch durchzusetzen,
Und wenn sie sich in Vollmondnächten in brünstigem
ständig bereit, neue Totgeburten ins Leben zu
Verlangen schlaflos von einer Seite auf die andere
entlassen?
wälzte, machten sich statt der nivashi- und psivushi-
Geister die Inkubi Balban und Patonio über sie her, Sie mied das Wasser, aus Angst, es entreiße ihrem
Dämonen mit dem riesenhaft Männlichen von Stieren, Körper die Schutzhülle gegen die aus der Erde

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aufsteigenden Miasmen, und ein strenger Seine Schwester mit ihren Kindern wie er nach
Bocksgeruch nach Schweiß und Urin ging von ihr vergeblichen Befreiungsversuchen zurückgeholt in
aus, wenn der Duft der umirium-Blüte verweht war, in ein Haus, in dem Rachsucht, Gewalt und Verwirrung
den sie sich einzuhüllen bemühte. herrschten, wurde sein ebenbürtiger Zwilling. War ihr
Bruder der tragende und ausführende Arm, der sich
Ihr Sohn hatte sich im Bemühen ein Eigenleben zu versklavt von der Alten umherschleppte, so war sie
führen von ihr zurückgezogen, nachdem er noch Nährende und Ernährte, Doppelgängerin und
achtzehnjährig mit ihr zärtliche Küsse ausgetauscht Spiegelung zugleich, welche die Mutter brauchte, um
hatte. Fernab hatte er ihr ein Haus gebaut und hauste ihre eigene Boshaftigkeit nicht ausleben zu müssen.
lieber in der Metropole in der schmutzigen Pension Nach außen untadelig, eine tugendhafte Madonna,
eines ausbeuterischen Japaners. So galt er als der hatte sie in ihr ein zweites Ich, das sie zu neuen
untadelige Abkömmling seines Vaters, der dessen Aktionen anstachelte, auch als sie alternd zu
Redlichkeit weiterlebte und seine Mutter selbstlos ermüden drohte.
unterstützte.
Ausgebrannt wurde sie zum Werkzeug der Tochter,
Sie dankte es ihm nicht. Eifersüchtig schlug sie die ihr Erbe anzutreten bereit war. Das Schwert, das
zwischen jede Verbindung mit einer Frau den Keil sie in tumber Wildheit an der Schneide anzufassen
ihrer Niedertracht und klagte diese als faule pflegte, hatte ihr über die Jahre die Faust
Schlampe und berechnende Dienerin der Lust an. zerschnitten und kraftlos entglitt es ihr immer wieder.
Die getreue Kronprinzessin war es, die es aufhob und
Hörig war er jedoch ihr allein und unstet trieb es ihn
ihr mit neuen Aufträgen zurückgab.
umher auf der Suche nach dem Antichristen, über
den er in ihrem Auftrag die Schalen des Zorns Hatten die beiden je eine Chance gehabt? Da sie nur
ausgießen sollte. in Wirrnis verstrickten Wesen begegneten, mussten
sie ihnen folgen, ob sie wollten oder nicht und
Immer aufs Neue sich entfesselnd und
wurden groteske Karikaturen ihrer Vorbilder. Ihre
erbarmungslos wieder in Bande gelegt wurde er zu
Mutter wurde in ihrem Leben ein unüberwindbares
einer lächerlichen Gestalt, töricht in die Welt
Hindernis, das abstößt, um anzuziehen, und anzieht,
hineingrinsend, anbiedernd in die Zukunft, angstvoll
um abzustoßen, in ihrer Unbezwingbarkeit umso
in die Vergangenheit, Sohn der lasterhaften Tochter
faszinierender.
Satans, Enkel der hinterhältigen Ausgießung
himmlischen und höllischen Geistes in eine So vegetieren sie in gegenseitiger Abhängigkeit
verschlagene Indianerin. dahin, eine perverse Trinität, in der Satan seine
irdische Wiedergeburt erleben durfte, ohne selbst
anwesend zu sein. Einer benötigt immer den
anderen, aber jeder hasst jeden wegen der Fesseln, Anhang
die sie sich selbdritt anlegen.
Gott ist Brasilianer – Die Wünsche der Frau: Bist du denn bei Trost,
Die Mutter als Leib und Kloake, die Kinder als murrte die Frau, ist es etwa gut, wie wir leben? In dieser Hütte? Mich ekelt’s
stützende und handelnde Glieder: Zusammen jeden Tag. Und den ganzen Tag nur Brei, morgens Brei, mittags Brei,
abends Brei. Ich hätte gern mal wieder ein Schmalzbrot und eine Tasse
bereiten sie sich und anderen die Hölle. Das Kaffee. Und ein Putztuch sieht besser als meine Lumpen. Fahr zurück, ruf
Verderben wird so zum gerechten, weil gegenseitigen den Fisch und wünsch uns ein ordentliches Stück Land mit Tieren und
Austausch von Verwünschungen und Arbeitern. / War schlecht, das Land. Fahr hinaus, ruf den Fisch. Ich will
Präsident werden, dann bin ich Chef der Armee und dann sollen sie mal
Feindseligkeiten. sehen. / War schlecht, unser Leben, fahr hinaus, ruf den Fisch. Ich will Papst
werden. Dann können Sie mich alle am Arsch lecken und kriegen noch
Eine Erbfolge des Bösen bereits im dritten Glied. einen Heiligenschein dabei. / Den ganzen Tag beten ist nicht meine Sache.
Aber die Kinder der Kinder? Sie sind die einzigen Ich bin eine einfache Frau und nicht das Maskottchen von all den Kardinälen
und Bischöfen. Ich habe die Schnauze voll. Ich will Gott werden. Dann kann
unschuldigen Opfer, weil das Ärgernis und die mir keiner mehr was.
Verwirrung an sie herangetragen werden, ohne dass
sie daran teilgehabt hätten. Wird ihre Adriël (hebr.) Gott ist meine Hilfe Aphrodite griech. Göttin der Liebe. Als
Uranos seinem Vater, um die von ihm in den Tartarus verbannten Titanen
Zwangsmitgliedschaft auch ihnen zum Verderben zu rächen, den Penis abgeschnitten und ins Meer geworfen hatte, entstand
gereichen? Soll das Übel immer weiter vererbt um ihn herum weißer Schaum durch den herausfließenden Samen, aus dem
werden? Aphrodite hervorstieg.
Aurora Borealis Hosta Aurora Borealis, Liliengewächs,
Irgendwann werden sie die Ahnen verfluchen. Das Funkie
Verrückte wird eben erst als solches begreifbar,
wenn es bis zur Absurdität getrieben wird. So geht Bahianas Badesandalen, in Brasilien
der Exorzismus von Satan selbst aus. Gott hat das verbreitete, oft einzige Fußbekleidung Barafunda (bras.)
Durcheinander, Unruhe. Der Stadtteil von São
Spiel einmal in Gang gebracht, aber er beherrscht es Paulo heißt eigentlich "Barra Funda" Ben-oni Infolge der schweren Geburt
nicht mehr. Es sind die durch die Nachahmung der nennt Rahel sterbend den Neugeborenen Ben-oni "Unglückskind" (Gen
mörderischen Rivalität Gottes mit seinem 35/18). Der Name wird von Vater Jakob in Benjamin geändert.
Konkurrenten uneins gewordenen und von Satan
besessenen Menschen, die ihn sich gegenseitig
austreiben.
Denn zum Glück sind alle Menschen zuerst Kinder.

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Bougainvillea, Drillingsblume, Familie der Wunderblumen- Blüte (ca. 20cm) innerhalb weniger Tage aus einer kleinen pelzigen Knospe
gewächse (Nyctaginaceae). Wegen ihrer farbenprächtigen wächst, die manchmal schon über Monate am Kaktuskörper schlummert.
Hochblätter und der Fähigkeit Mauern und Zäune zu Sie ist nur eine einzige Nacht geöffnet, begleitet von einem intensiven, süß-
überwachsen wird sie häufig als Zierpflanze genutzt. aromatischen Duft. empregada (bras.) Dienstmädchen Er flog und ging
bundinha (bras.) Möschen dahin, bis er den Ersten der Planeten erreichte…. aus: Mandäische
Liturgien, übers. u. erklärt von Mark Lidzbarski, Göttingen 1919 Eros griech.
Caboclo (bras.) Mischling cafezinho (bras.) Mokka, ein
Gott der Liebe. Er führte Pfeil und Bogen mit sich, Symbole der
Tässchen Kaffee caipirinha bras. Cocktail aus pinga, zerdrückten Limonen,
Durchdringlichkeit der Liebe. Die goldenen, scharfen Pfeile erweckten
Zucker und Eis
Leidenschaft und Liebe, die bleiernen, stumpfen Abneigung und Widerwillen.
Caladien Aus der großen Familie der Araceen sind die am Estrada do Karmel Karmel (hebr.): "Weinberg Gottes", ein Höhenzug über
schönsten gefärbten Blattpflanzen die Caladien, die an Haifa, wegen seines Waldbestandes und seiner üppigen Vegetation
Farbenpracht von keiner anderen Familie übertroffen gerühmt. Auf ihm befanden sich seit alters her Opferstätten. Ezequiel
werden. camelôs illegale Straßenhändler in den bras. Pischon Ezequiel (Hesekiel) - einer der vier Schriftpropheten / Pischon -
Großstädten, die - wenn die Polizei auftaucht - ihre Waren einer der 4 im Garten Eden entspringenden Flüsse (Symbol der Fülle)
in einem Tuch bündeln und davonlaufen (bepackt oder mit
einem Höcker wie ein Kamel) Candida tropicalis in den Tropen
vorkommende Variante des Candida-Pilzes, der Mykosen hervorruft
cangaceiros (bras.) "Cowboys" im Nordosten Brasiliens
capim (bras.) hohes Schilfgras capoeira (bras.)
ursprüngl. Kampftechnik der bras. Unterwelt, heute ein
akrobatischer Tanz, der in speziellen Schulen gelehrt wird.

caqui (bras.) Baumfrucht japan.


Ursprungs vom Aussehen einer gelben Tomate, von
süßherbem Geschmack cohani in der Magie der
Zigeuner Dämonen, die den Menschen plagen. Sie
fürchten das Eisen, deshalb werden die Neugeborenen
mit ihrem eigenen Badewasser übergossen, das man über eine scharfe
Eisenklinge rinnen läßt. compadre (bras.) Kumpel Copacabana
berühmtester Strand Rio de Janeiros Cruzados Währungseinheit in
Brasilien von 1986 bis 1994, wurde wieder vom Real abgelöst Cruzeiros
Währungseinheit in Brasilien 1912-1986, ersetzte den Real (wegen seines
geringen Wertes sprach man damals von Mil-reis = 1000 Real), 1967 vom
Cruzeiro Novo abgelöst, der dann einfach als Cruzeiro bezeichnet wurde.
Daniel Leão Daniel: mit Jesaja, Jeremia, Hesekiel (Ezequiel) einer der 4
Propheten Leão: (bras.) Löwe, eines der 4 Tiere der Apokalypse de Comte
Auguste (1798-1857), französischer Philosoph, Positivist, der durch das
Studium vieler bras. Intellektueller an der Pariser École Polytechnique das
brasilianische Denken sehr beeinflusste.

Echinopsien Es ist unglaublich, wie beim Kaktus Echinopsis eine so große


Fazenda (bras.) großer Bauernhof Fahne Brasiliens s. den Link Militärregierung gegen den Siegeszug des Coca-Cola eingesetzt wurde.
www.topicos.net/fileadmin/pdf/2000/3/Bandeira_brasileira.pdf Heliopolis (griech.) "Sonnenstadt"
Ich bin der Mann, der Elend sehen muss durch die Rute des Grimmes
Flusser, Vilém "Brasilien ist ein elendes Land, man hungert und dürstet
Gottes… aus: Klagelieder 3,1-23 Ikarus Als I. mit seinem Vater Daidalos
hier, Krankheiten grassieren, eine heimtückische Natur verlangt die
aus einem kretischen Gefängnis mit Flügeln entkam, die letzterer aus
Anstrengung von durch das Klima überforderten Kräften, und ein großer Teil
Wachs und Federn hergestellt hatte, missachtete er die Warnung seines
der Bevölkerung lebt in sekundärer Primitivität, als Spielball nicht nur der
Vaters, der Sonne nicht zu nahe zu kommen. Das Wachs schmolz und I. fiel
natürlichen, sondern vor allem der kulturellen Bedingungen, die größtenteils
südl. von Samos ins Meer. Im Namen des Großen Lebens, sei verherrlicht,
vom Ausland diktiert werden. Aber in diese elende Lage haben die
das hehre Licht… aus: Mandäische Liturgien, übers. u. erklärt von Mark
Menschen Anlagen mitgebracht, die durch Mischung und Synthese dabei
Lidzbarski, Göttingen 1919
sind, sich in ein Projekt zu verwandeln. An allen Ecken und Enden
schimmert hier durch das ganze Elend eine neue Lebensweise hindurch, die
auf für Europäer und Nordamerikaner unvorstellbare Art und Weise ein
ingá Baum, Leguminose, mit langen Schoten, die
menschliches, würdiges, schöpferisches und spielerisches Leben
schwarze Kerne enthalten / die Frucht dieses Baumes
ermöglicht. Sollte diese Lebensweise völlig an die Oberfläche dringen, so
interior (port.) das Landesinnere Ipueira (Tupi) Lagune
wäre eine Lage geschaffen, in der es nicht nur endlich wieder Sinn hätte zu
mit stehendem Wasser, durch Überschwemmungen eines
leben, sondern die auch der übrigen Welt als Modell dienen könnte. Sich für
Flusses gebildet
ein solches Land und solche Menschen zu engagieren, ist für den
Jaboti (bras.) Landschildkröte (Testudo tabulata Spix)
Immigranten ein Lebensentwurf, der in der Stunde des Todes zu dem Gefühl
führt, nicht sinnlos gelebt zu haben."
Jabuticaba Baum mit schwarzen Kirschen jangada
(bras.) kleines Segelboot der Fischer im Nordosten
Brasiliens, mit dem sie bis auf die hohe See hinausfahren
Gadara hellenistische Stadt im Ostjordanland, 10 km südöstlich des Sees
jangadeiro (bras.) Fischer, der mit einem solchen Boot
Genezareth, wo sich nach Mt 8,28 die Heilung des von Dämonen
fischen fährt Jararáca bras. Giftschlange Jüngling des
besessenen Mannes abgespielt hat. garimpeiros (bras.) Schatzsucher, die
Samaumabaumes Legende der Taulipang und Araukana
nach Gold oder Diamanten schürfen: Goldhaltige Sande und Schlämme
werden nach dem Waschen mit Quecksilber vermischt. Es entsteht eine Kuš (kopt.) Wahrheit, Geradheit; die personifizierte Heilswahrheit; im Kult
flüssige Legierung von silberner Farbe, das Amalgam. Das sammelt sich durch Handschlag mit der Rechten dargestellt; Name eines Ritus, bei dem
wegen seiner hohen Dichte am Gefäßgrund, durch Erhitzen wird das der Priester dem Gläubigen die rechte Hand reicht. Kythera griechische
Quecksilber verdampft, zurück bleibt Rohgold. Das Quecksilber, bei der Insel vor der Südostspitze der Peloponnes; gehört zu den Ionischen Inseln.
Goldgewinnung mit ausgeschwemmt oder beim Verdampfen freigesetzt, In der griechischen Mythologie ist Kythera neben Zypern die Insel der
vergiftet nicht nur die Umwelt dauerhaft, sondern auch die Goldsucher Aphrodite. Die Liebesgöttin soll hier aus dem Meeresschaum geboren und
selbst. an Land gestiegen sein.

Gerson (hebr.) Fremder dort / (arab.) Klingel, Schelle (die aus Freude über Lea (hebr.) Wildpferd Lernäische Hydra Ungeheuer der griech. Heldensage
die Geburt geläutet wird) Gimra (kopt.) Edelstein Ginza heilige Schrift der mit 9 Köpfen, von denen der mittlere unsterblich war. Es verwüstete das
Mandäer granja (bras.) Wochenendhaus, „Datsche“, Landhaus, auch mit Land, weil es Menschen und Vieh raubte. Herkules gelang es, sie zu
landwirtschaftl. Nebenerwerbsbetrieb Gringo von gringo: (bras./span.) besiegen und zu töten. Den mittleren Kopf vergrub er und legte einen
Fremder – bes. Deutsche, Italiener, Amerikaner, Juden und Russen gewaltigen Stein darüber. Locupleto (bras.) ich werde reich Lourinha
Diminutiv abgeleitet von (bras.) louro/loiro - blond, (bras.) louro - Lorbeer
guaraná (Tupi) stärkendes coffein- und tanninhaltiges Pulver
kann assoziiert werden Lucas mit Matthäus, Markus und Johannes einer
aus Pflanzensamen indianischer Herkunft und das
der vier Evangelisten
Coca-Cola-ähnliche Getränk daraus, das in Brasilien viel
getrunken wird und z. Zt. der nationalistischen
Makauán ein Raubvogel, der sich vor allem von Schlangen ernährt. Er tritt in
indianischen Erzählungen häufig als Seelenbote oder prophetischer Vogel
auf. Makunaima der oberste Stammesheros der Taulipang und Arekuna
und der Schöpfer aller Jagdtiere und Fische; er hat nach dem großen
Sintbrand neue Menschen geschaffen. Die Taulipang und Arekuna leben
dort, wo Britisch-Guayana, Venezuela und Brasilien aneinanderstoßen.
Mara (hebr.) die Bittere Maria Immaculata (bras.) die unbefleckte Maria
Marquinho Diminutiv von (bras.) Marco: Marcus - mit Matthäus, Lukas und
Johannes einer der vier Evangelisten Mil-réis histor. bras. Münze, 1000
Real (pl. Réis) bis 1942. Die größeren Münzen hatten 1000er Werte. Motel
in Brasilien weniger ein Hotel für Autoreisende, als vielmehr eine Absteige
für Paare Mandäer Die Religionsgemeinschaft der Mandäer lebt an den
Flüssen des südl. Irak und im iranischen Huzistan. Sie selbst bezeichnen
sich auch als Mandaje (Gnostiker). Das griech. Wort "Gnosis" bedeutet
"Erkenntnis". Die Fragen, auf die diese Erlösungsreligion eine Antwort zu
geben versucht, sind: "Wer und wo waren wir?", "Wer sind wir geworden?",
"Wohinein sind wir geworfen?", "Wohin eilen wir?", "Wovon sind wir
befreit?". Die Gnosis wurde von den Kirchenvätern als Ketzerei bekämpft.
Das wichtigste Werk der mandäischen Literatur ist der Ginza ("Schatz"). Das
Herz der mandäischen Gemeinden schlägt im Kult und ihr Zentrum sind die
von einem übermannshohen Zaun umgebenen Kultstätten: eine kleine
Kulthütte, davor ein künstlich angelegter Teich mit fließendem Wasser. Die
bedeutendste Zeremonie ist die sonntägliche Taufe. Gewässer, die zur
Taufe geeignet sind, tragen den Namen "Jordan". Sie sollen aus den
himmlischen Lichtwelten gespeist sein. Zweck der Taufe ist, mit der
Lichtwelt in enge Verbindung zu treten. Ein weiterer Ritus ist das einfache
Untertauchen, das ein Mandäer jederzeit vornehmen kann, wenn er eine
Sünde begangen hat. Die mandäische Religion löst das Problem des Todes
mit dem Glauben an das Fortleben der Seele. Alles konzentriert sich auf das
Schicksal der Seele, während der Körper der Missachtung anheimfällt. Der
Tod ist der Tag der Befreiung. Die mandäische Weltanschauung ist von
einem gnostischen Dualismus geprägt: Die Welt der Finsternis und die des
Lichtes, die man im Norden lokalisiert, stehen sich feindlich gegenüber.
Musa paradisiaca (bot.) Banane

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Najaden der griechischen Mythologie nach Nymphen, die über Quellen,
Bäche, Flüsse, Sümpfe, Teiche und Seen wachen. namoradeira (bras.)
Liegesofa, Récamière, Ottomane
Nidularien Nestrosetten. Bromelienart, gehört zu den
Ananasgewächsen. Sie kommen in vielen Arten vor: flach
wachsende Rosetten, teils mit niedrigem Blütenstand und
innen rot bis violett, teils mit höherem Blütenstand. Die
schönste aller dürfte Nidularium innocentii sein. Nivashi-
und psuvushi-Geister in der Magie der Zigeuner Geister
der Erde und des Wassers, die Frauen während des
Schlafes vergewaltigen. Die Folge sind dämonische Kräfte, die in den so
"auserwählten" Frauen zu wachsen beginnen. Sie werden dann in den Kreis
der "Wissenden" aufgenommen (Frauen, denen Gleiches widerfahren ist).
novela (bras.) auch " telenovela", Typ der soap opera
Oi, amor (bras.) he, Liebling O Seele! Du steigst zum Lichtort auf!......
aus: Das Johannesbuch der Mandäer. Übersetzt, kommentiert von Mark
Lidzbarski, Gießen 1915
Patrão (bras.) Herr, Chef pauzinho (bras.) Schwänzchen (Penis) pinga
(bras.) Zuckerrohrschnaps pira (Tupi) Hautkrankheit der Tiere piranga
(Tupi) Geldmangel
piripiri (bras.) eine auf dem Trockenen wachsende Rahim The All Azim The Mukit The Batin The Hidden
Binsenart, Cyperus piperioca, deren stark und compassionate, Magnificent, the Nourisher One, concealed.
eigentümlich riechende und als Aphrodisiacum acting with Most Splendid. (gives every
bekannte Wurzel mit Vorliebe von Mulattinnen und extreme kindness creature it's
Mestizinnen des Amazonasgebietes benutzt wird. sustenance).
Planalto (bras.) Hochebene, spez. der Sitz des
Präsidenten in Brasilia policia militar (bras.): Rafael mit Michael, Gabriel, Uriel einer der 4 Erzengel. Rahel die jüngere
Schutzpolizei der Bundesstaaten. Sie hat nichts mit der ‘Militärpolizei’ (der Tochter Labans, gebar Josef Benjamin und starb nach der schweren
policia do exercito, p. da marinha, p. da aeronautica) zu tun. Polyphem Entbindung ranchinho (bras.) kleines ländliches Anwesen Rio Plaga das dt.
einäugiger Zyklop, Sohn des Meeresgottes Poseidon Ponde Das Tier "Plage" ist vom griech.-lat. "plege/plaga"(=Schlag) abgeleitet. Es dient bei
Ponde (Legende erzählt in Juiz de Fora / Minas Gerais). Mit "Ponde" ist kein den Bibelübersetzungen zur Wiedergabe mehrerer Begriffe, die eine von
bestimmtesTier gemeint. Es gibt verschiedene Deutungsversuche, von Gott über den Menschen verhängte Not bezeichnen Rio Tamina tamina
denen die Herleitung von "pongo" (riesiger Menschenaffe in Afrika) am (bras.) Gefäß, mit dem man die tägliche Mehlration für die Sklaven maß;
meisten für sich hat. Prostitution s. Infos auf dem Link www.ila- diese Ration selbst; periodische Zuteilung von Kleidung für die Sklaven;
web.de/brasilientexte/missbrauch.htm Auch jenseits der professionellen Arbeitsanforderung bei der Kaffee- oder Getreideernte; Wassermenge, die
Prostitution ist ein derartiges Verhalten allgegenwärtig. Verheiratete Frauen jedermann in Zeiten der Trockenheit aus öffentlichen Quellen entnehmen
bessern gerne ihr Taschengeld auf, indem sie sich von einem Liebhaber konnte Rua São Mateus Mateus (bras.): Matthäus - mit Markus, Lukas und
aushalten lassen, auch wenn es nur ein ONS ist. Es heißt unter Männern: Johannes einer der vier Evangelisten
„Du musst mindestens dreimal zahlen, wenn du dir für eine Nacht eine Frau
suchst: Für die Einladung zum Essen, für die Taxifahrt zum Motel und Sambaschule Sambagruppe, die sich das ganze Jahr über auf den
zurück und für die Übernachtung. Wenn sie verheiratet ist, wirst du sie über Karneval vorbereiten, um an dem Wettbewerb teilzunehmen, wer die beste
ihre Schuldgefühle wegen ihres moralischen Verfalls mit einer großzügigen Gruppe ist Santos Hafen von São Paulo sertão Trockengebiet im NO
Spende hinwegtrösten müssen. Andere werden Geld brauchen für ihre Brasiliens sitio (bras.) Landsitz, in der Regel größer als eine granja und
kranke Mutter oder ihre hungrigen Geschwister. Und sie werden immer zumeist mit Landwirtschaft sobrado (bras.) ein- oder mehrstöckiges
wieder kommen, wenn sie vermuten, dass du gerade flüssig bist, z.B. am Wohnhaus
Zahltag der Rente oder freitags, wenn es Löhnung gibt. Dafür öffnen Sie Sofré Singvogel (Icterus jamaicai) Steh auf, Benjamino
dann auch bereitwillig ihre Schenkel. Oder du findest eine Konkubine, der du … (Linker Ginza III 12) aus: Mark Lidzbarski: Ginza. Der
eine kleine, möblierte Wohnung besorgst, wo du sie dann besuchen kannst.“ Schatz oder Das große Buch der Mandäer. Berlin 1925.
Die Verfassung von 1988 erkennt die Legitimität unverheirateter Paare und Nachdruck: Göttingen 1978
nichtehelicher Kinder an. Männer und Frauen, die sich im beiderseitigen
Einverständnis für eine Beziehung entschieden, haben jetzt die gleichen Tatú (bras.) Gürteltier, mit einem rüsselartigen Maul
Rechte und Pflichte wie diejenigen, die legal verheiratet sind, was natürlich Tostão bras./port. histor. Münze, etwa 100 Réis
Konsequenzen für Rentenansprüche und Erbansprüche beim Tode bes. des Tochter des Peneios Daphne - die Tochter des
männl. Partners hat. Puyito Legende der Taulipang und Araukana über die Peneios. In sie verliebte sich Leneippos und verkleidete
Entstehung des Afters Purgierung Reinigung sich als Frau, um sich ihr nähern zu können. Der
Rahím, azim, mukit, vazi, batin Bezeichnungen des Allerhöchsten eifersüchtige Apollon jedoch gab Daphne ein, sich mit ihren Freundinnen
und dem verkleideten Leneippos in einem Brunnen zu baden. Dort wurde
sein eigentliches Geschlecht offenbar und er wurde von den Frauen mit
Pfeilen erschossen. Als sich jedoch Apollon Daphne näherte, floh sie, und
da sie nicht entkommen konnte, bat sie Jupiter um Hilfe. Er verwandelte sie
in einen Lorbeerbaum. To-eyza Häuptlingsfrau der Worisiana-Indianer, die
gegen die Unterdrückung der Frau durch die Männer kämpfte und eine
kriegerische Schar von Amazonen anführte.
Umiriumbaum (Humirium floribundum) The Indian races
of South America have a great love for perfumes, and
Wallace mentiones a native scent they prepare which has
a beautiful odour and is highly esteemed on the Rio Negro.
It is known as Umari, and is extracted from a native tree,
the Humiricium floribundum, by raising portions of the bark
and inserting under it pieces of wool, so as to absorb the
perfume, which is expressed from them at the end of a
month. aus: Mystery and Art of The Apothecary (Mystery and Lure of
Perfume) von C. J. S. Thompson (Kessinger 2003) This plant, in Brazil,
yields from its trunk, when wounded, a fragrant, limpid, pale-yellow balsam,
called Umiri, possessing the same medicinal qualities as Balsam of Copaiva.
It is used by the natives for gonorrhoea, chronic cystitis, bronchitis, and all
diseases attended with excessive secretion. A decoction of the bark is used
as a remedy for coughs and derangement of the stomach aus: AMERICAN
JOURNAL OF PHARMACY - Volume 67, #5, May, 1895 - Page 8 uruku
(bras.) Die Mädchen der Manao vom unteren Rio Negro wie auch die
Tschamakoko-Indianerinnen des Chaco bemalen sich, bevor sie auf die
Suche nach piripiri gehen, mit uruku, einer roten Farbe, die aus den
Früchten des Bixa-orellana-Strauches (Lipstick-tree)
gewonnen wird. Weltbekannt als eine Färberpflanze ist die
Bixa-Pflanze auch ein Heilkraut. Aus den Blätter, der Rinde
und den Samen können Heilmittel gegen verschiedene
Erkrankungen aufbereitet werden. Die Anwendung reicht
vom Beruhigungsmittel bis zur Wundbehandlung,
Herzstärkung und ist als Cholesterin senkendes Mittel sowie
bei Leberkrankheiten im Einsatz.

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Abb. Venusdistel, Mariendistel Silybum marianum – vielleicht identisch mit
der Venuswasserdistel Der Tau aus den Kelchen der Venuswasserdistel
macht nach dem Glauben der Zigeuner schön und hat heilende Wirkungen.
Verflucht! Verflucht! Ihr alle werdet verflucht sein bis ins dreizehnte Glied!
irrtüml. Jacques de Molay (1243-1314) zugeschrieben, dem letzten
Großmeister des Templerordens („Pape Clément! Chevalier Guillaume de
Nogaret! Roi Philippe! Avant un an, je vous cite à paraître au tribunal de
Dieu pour y recevoir votre juste châtiment! Maudits! Maudits! Vous serez
tous maudits jusqu'à la treizième génération de vos races!")

Die Zitate von Vilém Flusser sind entnommen dem Band 5 (1994) - Brasilien oder
die Suche nach dem neuen Menschen. Phänomenologie der Unterentwicklung in:
1993 ff.: Schriften in 9 Bänden. Herausgegeben von Edith Flusser und Stefan
Bollmann. Bensheim und Düsseldorf: Bollmann Verlag
Stuttgart, Marie-Luise Köstlin / Heidelberg, Günter Ammon / Berlin, Manfred
Wer sich weiter über Brasilien informieren möchte, dem möchte ich diesen Link
Pohlen / Marburg, Romilde Campos / Juiz de Fora – Brasilien, die
empfehlen: ttp://www.dija.de/wai1/showcontent.asp?ThemaID=2058
brasilianischen Freimaurer; posthum Hans Jonas, Emmanuel Levinas, Paul
Feyerabend und Menzius (孟子). Tätigkeiten in der Industrie, im Krankenhaus,
bei der Post und beim Fernsehen, Praktikum als Barfußarzt in Brasilien;
daselbst verheiratet und geschieden, drei Kinder; ebenda, in Russland, Litauen
sowie im alten Deutschland und im neuen Großdeutschland tätig als Manager
im Bildungswesen und Pädagoge. Zwischendurch Fernstudium der Pädagogik
und Psychologie. Lebt in Nordbaden.

Der Autor: 1943 in Hamburg geboren, in


Ritterhude / Bremen aufgewachsen,
Schulbesuch in Bremen, externes Abitur Die Mülbenpresse
in Hildesheim, Studium der Medizin,
Biochemie, Literaturwissenschaft in 76669 Bad Schönborn Ewald-Renz-Str. 3 mhplus@yoption.de
Heidelberg, Stuttgart, Tübingen, Prag, São
Paulo. Experimentelle Texte,
Kinderbücher u.a.m. Wichtig wurden
Joachim Kranzfelder / Bremen, das
Collegium Academicum (CA) / Heidelberg,
Ernst Scheurlen / Heidelberg, Siegfried J.
Schmidt / Bielefeld, Fritz Martini /
Der Verlag der unbedeutenden Autoren
(Auch ein kleiner Verlag findet manchmal einen guten Autor)

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