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Veit Harlan

-

lm Schaffen meiner Filme

Selbstbiographie, herausgegeben

und mit einem Nachwort versehen von H. C. Opfermann

Sigbert Mohn Verlag

••

Veit Harlan - lm Schaffen meiner Filme Selbstbiographie, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von H.
Veit Harlan - lm Schaffen meiner Filme Selbstbiographie, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von H.
  • C 1966 Sigbert Mohn Verlog. GUtersloh

Ubrary of Congress Catalogue Card Number : 66-25801

EiDband H. P. WilIberg CeoamtberoteU"", Mohn "

Co GmbH, GÜle

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BadI Nr. J056 . Prlnted ln Gennany

50 unwichtig ein »Filmregisseur« fur das Bild der grolkn Weltgeschichte ist, 50 wichtig wurde das, was ich als Regisseur getan habe, in der Offentlichkeit genommen und fast grund_ satzlich falsch beurteilt. Das entsprach der OberHachlichkeit,mit der man der tragischen Vergangenheit nach dem Kriege begeg- nete. Mein Fall wurde zum Musterfall - zum Schlagwort. Midt abzulehnen war sehr bequem, denn man Iehnte damit "en bloc. etwas ab, was man nicht mehr genau ru bezeichnen und smon gar nicht zu bekennen brauchte. Wer das tat, machte sim nam dem Kriege der Offentlichkeit sympathism. Es gab viele, die sich diesen billigen Sympathiegewinn nimt entgehen lieBen. Wenn es der Sinn dies es Bumes sein sollte, fur mim und meine Karriere etwas Vorteilhaftes zu untemehmen, dann hiitte ich es nicht erst heute mit 63 Jahren", sondem smon gleim nach dem Kriege oder nam meinem endgültigen Freisprum var dem Schwurgericht in Hamburg verfaBt. Es wird heute für die- jenigen geschrieben, die ein echtes Interesse daran haben, die wahren Begebenheiten des deutsmen Filmlebens um Goebbels herum zu erfahren-und zwar genauso, wie im sie selbst erlebt habe. Ich werde die Wahrheit mitteilen - soweit ein Mensdt objektiv berichten kann. Diejenigen allerdings, die an der Ver- deckung der Wahrheit ein Interesse haben, werden an diesem Buch Argernis nehmen. Eigentlich woIIte im nur für meine Kinder aufsdueiben" WU"- Urn das Leben ihres Vaters, ihrer Mutter und aum ihr ef&e''''

  • 50 verdunkelt wurde. Sie

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soIleneineklareAntwortdalraulf......

ko nnen , wenn sie gefragt werden: War dein Vater eIn NI~i' oder nicht?! War er ein Antisemit oder ein Oppuatuadlt7

er, wie behauptet

wird, einBusenfreund

• Barlan schrieb diese Zeilen lm Jaru.196z.

vonGoebbelsl W ..

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H'tler-Zeit eine 50 groge Stellung aIs R egiss eur

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bekleidet? Was davon ist wahr?

.

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Mein altester Sohn Thomas" klagte berelts un Jahr e 1947

darüber, wie sehr er unter dem Namen Harlan auE der Univer-

sitat in Tübingen zu leiden habe. Er ging deshalb an d i e Sor-

bonne in Paris, um unangeEochten Philosophie studie ren zu

konnen. Ais er spater in Palastina einen Film machte, m~te er

sich einen fremden P~ und einen fremden Namen zulegen, um

überhaupt nach Palastina hineingelassen zu werden.

Zu etwa der gleichen Zeit m~te ich meinen damals sieben-

jahrigen Sohn Kristian *"' aus der Hamburger Sch ule nehmen

und in ein weitentferntes Internat, nach Salem, schick en . Die

Klassenkameraden in Hamburg quii.!ten ihn mit de r Behaup-

tung, d~ sein Vater ins Zuchthaus kommen würde.

Auch meine Tochter aus zweiter Ehe mit Hil d e Ko rber, die

Maria und Susanne Harlan hieBen, m~ten ihre

Namen in

»Korber« iindem, weil die Theater es ablehnte n , si e unter dem

Namen ihres Vaters zu engagieren.

D er Dichter Hans Homberg ha t d a s Verhiingnis, das mich

und meinen Namen traf, einmal 50 au s gedrückt: Loser und

W olf gehoren zueinander wie Schneew eiBchen und Rosenrot,

Tünn es und Schii.!, Scylla und Charybdis , Veit Harlan und

Ju d s ü B.

D ie Haup t r olle in dem D r ama, da s ich hier schildere, spiele

nich t ich, sondem Dr. Josef Goebb el s.

~s i st von Bedeutung , in die sem Zusarnmenhang einen von

semem Stenografen niedergeschriebenen Ausspruch von Goeb-

bels zu zitieren. Goebbels sprach von den Wissenschaftiem und

von

den Künstlem, und er bedauer t e, d~ die Wissenschaftler

50 schlecht behandelt und bezahlt wurden. Er sagte:

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G' el stes h eroen verdienten zumindest

die gle!che , Betre!lung

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Aus Aus =: . z~eiten Ehe ~t H,ilde Korber.

dritten Ehe nut Knstina Soderbaum.

6

keit, U nd a nk und auch mit v er s teckter Obstruktion beantwor-

ten . Sie so llten alle diese Damen und Herren einmaI erleben,

wenn wir ei ne s Tage s nicht mehr da sein sollten. S ie haben alle

unser Bro t geg es sen - ja sich an unseren Tisch gedrangt. Sie

haben ihre Mill ionengagen und ihre Professoren- und Staats-

scha u s p i el ertitel geme von uns angenommen. Darm aber, das

weiB ich g anz gen a u, würden sie die ersten sein, die sich wieder

a n d ie ne uen Herren herandrangen und behaupten, sie w3ren

sch on immer gut antifaschistisch gewesen urid zur Anrlahme

d er Gelder und Ehrungen >gezwungen < worden. [ch kenne dieses

e l e nde Pack ". «

Dieser Ausspruch kennzeichnet sowohl Goebbels selbst ais

a uch seine unendliche Verachtung, die er rur die Filmschaffen-

den hegte; aber auch die Situa ti on, in der sich die 5<hau-

spieler befanden, denen n amlich gar nichts anderes übrigblieb,

aIs entweder jede antifaschistische Bemerkung zu unterlassen

oder sie Goebbels nur fühlen zu Iassen.

Wer bei solch einer Bemerkung erwischt wurde - und es

waren einige -, dem wurde der Kopf abgeschlagen. Goebbels

wuBte, d~ der grêH~te Teil der Filmschaffenden nicht national-

sozialistisch war. Er beutete als echter »Propaganda« - Minister

die Beliebtheit der Schauspieler und anderer Filmschaffender

aus und verwandte sie voller Verachtung für seine Zwedœ.

DaB sie ihm Nationalsozialismus vorlogen, ~te er.

Es würde ein besonderes Buch erfordem, wenn ich soime Bei-

s pieIe nennen würde. Ich als Filmregisseur habe ein anderes

Interesse und will nur darstellen, was im selbst erlebt habe. Es

wird kein schoner Blick auf die Jahre zurück sein - aber audt

vorwarts sehe im nur auf eine Mauer.

Das Buch der tHfentlidtkeit vorzulegen, wurde mir wahrend

de.s Sdtreibens eine immer deutlimere Gewissensfordenmg.

Mir er~chienen meine privaten Erlebnisse viel weniger widttig

aIs meme Konfrontation mit Goebbels und einigen midttigen

Herr~n der nationaIsozialistismen Zeit. Es sdtien mir sogar

geschlmtlim wimtig zu sein, das private Wesen der Menschea

z~ besmreiben, die mir in ihrer hohen Mamtposition in der

HltIer-Zeit auf dem kIeinen Filmsektor begegnet sind. Nebaa

Die Quelle des Stenogramms war nicht aufzufinden.

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Goring und auch Mussolini. Goeb_

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Ich habe in sein Privatleben gesehen und

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habe auch seine Schwache erlebt. In seme ver~angrusvolle Niihe

stellte man sich nidlt

(wie

er

es

selbst semem Stenografen

gegenüber behauptet hatte); in diese Niihe wurde man gestellt.

Ihr aus eigenem Willen ohne groBe Gefahr zu entkommen, war

nahezu unmëglich.

Ob manNationalsozialist war oder nicht, ja sog ar ein Gegner,

das war Goebbels bis zu einem gewissen Grade ziemlich gleich-

gültig, wenn er glaubte, jemanden für seine Ziele brauchen zu

kënnen. Er achtete mein Wissen von den Dingen des Films und

der Dramaturgie , von denen er selbst nicht viel w~te, aber

viel wissen wollte. Von Dramaturgie verstand er irnmerhin

mehr ais die meisten Nichtfachleute, und in der Literaturge-

schichte war er auBergewëhnlich bewandert.

Da.J5 er gebildeter war als aUe anderen führenden National-

sozialisten, die ich kennenlemte, kam hinzu. Aber es kam noch

etwas anderes hinzu: Goebbels glaubte an sich selbst und an

seine »vaterlandische Sendung «. lhn trübte kein privates Ge-

wissen. Das, was man schlechthin »ei n Gewissen « nennt, besaB

Goebbels nüht. Die Worte »Ko pf ab«, »die Rübe 'runter« be-

gleiteten seine Gesprache immer wieder.

Um das nmer zu erlautern, will ich

das

stenografierte

Gespriim wiedergeben, das Goebbels am 16. April 1945 (also

nam dem Attentat auf Hitler) mit einem seiner Freunde führte.

. »Meine Ansimten über Treue, Ehre, Eid und Gefolgschaft

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. "Id! h~be var mir ei n reines Gewissen « -

fahrt er darm mit

lelser Shmme f~rt. -. »lch bin einen geraden Weg aufrecht

gegange n, 5 0 , wle mem Gewissen es mir vorgeschrieben hat.

Qualvoll wurde mein Weg erst fur mim, als im mich vor die

Frage gestellt sa h, zwischen dem Führer und Deutschland zu

wahlen.

Da trat der Versucher an m ich heran mit tausend verlocken-

den ~rgumenten. Ich will ehrlich sein, ich habe nach dern 20. Juli,

aIs eme Rettun~ De~tschlands noch mëglich war, eine Rettung,

wohlge merkt, die die Aufopferung des Führers bedingt hatte,

oft ges chwankt. Vor aUern, als ich in einem 50 rnakellosen und

charakterlich vorbildIichen Marm wie dern Reid!sführer einen

Gleichgesinnten entdeckt hatte . HimmIer und ich waren wohl

in der Lage gewesen, ein Deutschland ohne Hitler in eine ge-

sicherte, wenn auch vielleicht nicht in die von ihm ertraumte

Zukunft zu führen. Ich habe aU diesen Versuchungen wider-

standen. Meine Wahl zwischen Deutschland und dem Führer

konnte nicht anders ausfallen, als sie ausgefaUen ist, obwohl

ich mir klar darüber bin, daB dabei beide zugrunde gehen.

Dem Tode sehe ich mit klarem Blick entgegen. Er hat keinen

Schrecken für mich. Ich werde auf den Trürnmern mein Leben

beenden, wenn der letzte Funken einer Hoffnung erlosmen ist.

Meine Frau und rneine Kinder werden bis zuletzt bei mir blei-

ben und mein Schicksal teilen. lch bin dazu nimt irgendeines

Hitler Goring und auch Mussolini. Goeb_ '. )l'bbels waren es, . f das deutsche Filmwesen lst

Effektes wegen entschlossen, den eine solche HandIungsweise

vielleicht haben würde, sondern weil es fur mim gar keine

andere Mêiglichkeit des Handelns gibt.

Ich bin der Oberzeugung, dap der Mensch in seinen Tatm weiterlebt - sa wie er sid! zu seinen Lebzeiten bewlihrt wul ge halten hat. Id! bin weiter der Oberzeugung, daP eine grope und gute Tat irgendwie und irgendwann ihre Frilchte tnlgen Wird.

An ein materielles Fortleben nach dem Tod g1aube kh DidaL

Aber Wenn es ein solches geben sollte, dann werde kh NUIJt}.~~

dies em Tode in ein Walhall einziehen, in dem mkh meJne

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bekampfen, die er annahm. Wer eine falsche Waff e ge

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wurde rücksichtslos erschlagen.

Mit Stalins Charakter hatte derCharakter von Goebbels sehr

viel gemeinsam. Das war auch der Grund, daB er von Anfang

des Krieges an immer wieder von der »grol5artigen Kons€-

quenz « Stalins sprach.

Stalin war

-

50 unglaubwürdig das

kIingen mag - sein Ideal . Alles, was Goebbels in Deutschlan~

falseh fand, was er am preufSischen Militar und in der Partel-

ordnung zu kritisieren hatte, fand er bei Stalin, in Stalins Heer

und in seiner Partei ideal organisiert. Die grausarne Unbeirrbar-

keit dieses Mannes der Abermillionen rur seine Ziele hinrich-

,

.

ten liefS, war für Goebbels der Ausdruck des politischen Gernes.

AIs z. B. im November 1943 Feldmarschall Manstem sem

.

.

e

Truppen in RufSland zurücknehmen mul5te, behauptete Goeb-

bels , Manstein tate dies, um dem »la cherlichen Gefreiten« ZU

zeigen, daR seine Anfangserfolge nur Überraschungserf~l~e

gewesen waren. Er behauptete, dafS die deutsche Generahtat

" es darauf anlege «, Hitler zu beweisen, dal5 sein

»Feldherm~

genie« ein grausamer Irrtum war. In diesem Sinne sagte er am

November 1943 zu seinem Stenografen:

»Sehen Sie, Stalin ist auch in dieser Beziehung wieder weit

er

bess

dran aIs wir. Die alte Zarenoffizierskaste war _ bis auf

ganz vereinzelte Reste - ausgerottet. Beim Aufbau der Roten

Ann~ muRte man also aus der Not eine Tugend machen. Ihre

ere

OffiZl

wurden aus den Reihen der revolutionierenden Arbei~

ter und Bauern genommen, die noch die Gewehre in der HaIUI

1.0

hielten, mit denen sie die verhafSte Bourgeoisie umgelegt hatten.

Das breite Volk erwies sich auch in militarischer Beziehung ais

reicher Quell von T alenten und Begabungen.

Diese neuen Offiziere hatten zunachst von Strategie und

T aktik ebensowenig Ahnung, wie von den gesellschaftlichen

au15erliche n Formen, wie sie von den Offizieren in aller Welt

beachtet werden. Aber in ihnen glühte das Feuer einer revolu-

tionaren Idee. Und mit heiligem Eifer machten sie sim an ihre

neue Aufgabe. Heute ist der russische Offizier nimt nur so weit,

dafS er mit Messer und Gabel essen und sim in seiner neuen

go ldstrotzenden Uniform in jeder internationalen Offiziers-

gese llschaft sehen lassen kann, sondern er beherrsmt audt das

Kriegshandwerk bis zur Vollendung .

Damit hat der russisme Offizier jedem anderen Offiziers-

korps und vor allem leider aum dem deutsmen folgendes vor-

aus: seinen fanatischen, durch nimts ins Wanken zu bringen-

den Glauben an seine revolutionare Idee und an den Führer

Stalin.

...

Bei den Russen gibt es keine nennenswerte Opposition,

denn sie haben nicht nur die Opposition selbst, sondern den

gesa mten Volksboden, aus dern sie vielleimt eines Tages wieder

hervorkeimen k6nnte, vollkommen vernimtet OberJahrzehnte

ging die Sauberung weiter, ja, Stalin scheute sim nimt, Men-

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schen aus seiner engsten Umgebung, Politiker, Generale tmd

hohe Parteifunktionare, mitleidlos zu liquidieren, nimt, weil sie

effektiv revoltiert hatten, sondern nur, weil sie aufgrund ihres

Charakters oder ihrer Herkunft anfiillig für die Bazillen thr

Auflehnung erschienen und daher eine potentielle Gefahr für

das Regime darstellten

..

Stalin hat viele Millionen semer Landsleute, einsdtIieIIi

pers6nlicher Verwandter, Freunde und Parteigenossen. blt-

blütig umbringen lassen. Dafür hat er heute Ruhe. DaEar ~

das boIsmewistische Regime unersmütterlidt tmd uw" "1

dem Siege entgegen.

.

.

An Clémenceau z. B. hat mir nimts 50 lDIpomert,

in Frankreichs schwerster Stunde die KaltbIfHiaIœ't

Verwegenheit besaB, die meuternden Divisionen •• dIIP"tI

herauszuziehen und jeden zehnten Mann ~.

Das war die groBte Tat seines Lebensl Die

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fur' einen Defaitisten unterschrelben und wenn

er ein zweiter Beethoven wiire, ihrn wÜIde

der Kopf abge-

schlagen. «

Das war die Sprache und der Geist von Josef Goebbels. Nur

in dieser Sprame hatte er ein » reines Gewissen«.

Darurn w~dte

er diese Sprache in Permanenz an, wenn es mm darum gmg,

seine Entschlossenheit zu demonstrieren. In dieser Sprache gip-

felten auch oft seine Reden, und die Millionen jubelten mm zu.

Unter dem Gesetz dieser Konsequenz gab er auch den Fûm-

leuten seine Befehle, wenn er es rur notwendig ruelt. Ich habe

diese Sprache selbst mehrfach h6ren müssen.

Die Hoffnungen sind inzwischen zerschellt, und die Fragen

haben zu einem groBen Teil eine gralSliche Antwort gefunden.

DamaIs wuBten wohl noch nicht einmal die zu jeder Konsequenz

entschlossenen Diktatoren, an welchem Ufer sie eigentlich lan-

den würden, nachdem sie sich auf das ungewisse wütende Meer

gewagt hatten, und damaIs konnte man auch nicht ahnen, daB

Unsere Gegner, die »für die Freiheit« gegen Hitler-Deutschland

zu kiimpfen aufgerufen hatten, im Jahre 1945 diese »Freiheit«

weniger liebten, ais sie Hitler und die N ationalsozialisten gehaBt

ha?en. Der ganze Westen hat es teuer bezahlen müssen, daIS er

~elnen eigenen Grund für den Krieg schlieBlich vergaB und daB

ihm der HaB

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ge m memem ProzeS gerufen wurde: »Har~

12

lan - sagen Sie laut und deutlich es tut mir leid - dann ist der

ganze Fall für Sie ausgestanden. lch habe es aum 50 gemadtt,

und es ist mir nicht schwergefallen ...

lch antwortete: " DalS es mir leid tut, mit diesem Film )Jud

SülS < in Verbindung gestanden zu haben, ist do<h selbstver-

standlich. Es tat ja Ihnen genau wie mir schon damais leid. Aber

ein solcher Ausdruck steht doch in keinem GrëBenverhaltnis zu

dem Vorwurf, der gegen mich erhoben wird - und namentlim

in keinem Verhaltnis zu den Verbrechen, mit dem wir beide in

Verbindung gebracht werden sollen.« KrauB antwortete: ,.Na-

türlich nicht. Und trotzdem genügt es. Sie sehen es an mir. Ic:h

bin jetzt mehr oder weniger frei.«

Heute sage ich: Mir genügt es nicht! lm will gar nimt mit

einem " Es tut mir leid « davonkommen, denn wenn ich wirldidt

schul dig bin, wird mir das gar nichts nutzen.

lch habe vor Gericht gesagt, wie es waT, und über hundert

Zeugen traten an, um es zu bestatigen. Jetzt werde im aum in

diesem Buch 50 genau, wie das m6glich ist, sagen, wie es 1DIU',

vielleicht noch genauer ais vor Gericht, weil dort viele der hier

aufge zeichneten Erlebnisse gar nicht zur Sprache kamen.

• hel. Ulte .1. 'h 1 re bmen G raus . B muBte er sich zu

Eltern und Geschwister

Mein Vater war der Sohn eines sehr reichen Bankiers, seine

Mutter eine geborene Bienert. Die Famille Bienert besaB die

millionenschwere Mühle in Plauen bei Dresden. Mein Vater

selbst war »primus omnium« auf der Fürstenschule zu MeiBen

gewesen. Er war also irn Gegensatz zu seinem Sohn Veit ein

wahrer Musterschüler. Sein hoher Geist brachte in unser Haus

im Grunewald die bedeutendsten Wissenschaftler und Künstler.

50 geschah es oft, daE ich ais Knabe auf5paziergangen mitging,

bei welchen mein Vater mit Adolf von Harnad<, Walter Rathe-

nau oder auch mit Josef Kainz und zahlreichen groBen Wissen-

schaftlem und Künstlem wichtige, für mich unvergeBUche Unter-

haltungen führte. Wer konnte damais ahnen,daBeinverlorener

Weltkrieg das gesamte Verrnéigen meines Vaters verschwinden

las sen und daE überhaupt alles in Unordnung kommen würde.

Ich habe am 22. September 1899 abends 21 Uhr 15 am Savi-

gny-Platz in Berlin-Charlottenburg das Ucht der WeIt erbIidd.

Mein Vater, der zuniichst die Staatsanwaltskarriere einge-

schlagen hatte, war dann zum Schred<en seines Vaters ,.Dichterc

geworden. Er wurde ein bekannter Bühnensduiftsteller, dESS.

Theaterstüd<e »Der Jahrrnarkt in Pulsnitz« und ,.Das Niirnbe-

gisch Ei" über siirntliche deutsche Bühnen gingen. Aus seillIIIi!lIL':.

Theaterstüd< "Das Nümbergisch Ei«, welches die ErJirullDIIca_~.

Taschenuhr durch Peter Henlein dramatisdt darstellte, W.

spiiter unter dem Titel »Das unsterbUche Herze e1a • .

gemacht. Mein Vater war gleichzeitig Dramaturs am

Thea ter. In Leipzig brachte er in der Uterarisdlen

aIs ers ter Gerhart-Hauptmann-Stücke heraus. Er __

lich Vorsitzender des Verbandes Deutscher BUbrfI."

und Bühnenkomponisten und hat dort bis ..

segensreich rur seine Kollegen gewirkt.

Mit Rudolf Steiner, dessen Nadtfolaer

.L. UlsmU th-Harlan d er tie ' h wurde, lag F er '1' in religiosem d

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Er war ein begeisterter Naumann-

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~nger un ~tan. zum

Entsetzen seiner Brüder niemals so weit r~~ts, Wle

sie das

wünschten. Sein bester Freund war de r Knttker und

Schrift-

steller Julius Bab, der

an seinem Gr a be irn Jahre

193 1

eine

erschütternde Totenrede melt.

Al s me in e Mutter im Jahre 1934 starb, durfte der Jude Julius

Bab nicht mehr an ihrem Grabe spr e m en . Aber er sandte uns

Kindern cine e r schüt t ern de Rede,

gedurft h atte.

die

er

gehalten, wenn er

Von meiner Mutter kann ich nur mit jener Zartlich.keit spre-

chen, in der jeder v on ihr spram, der s i e kannte. Sie war bis in

ihr 64. Jahr eine ausgesprochen smone Frau. Ais junges Miid-

chen sah sie aus - wi e ein Engel. lhre Güte - 50 schien es mir -

war 50

groB -

50

groB -,

daIS ich Hemmungen habe, sie zu

beschreiben. Eigentlich wollte meine Mutter Schauspielerin

werden. Aber sie hatte damals kein Geld, um Unterricht zu

nehmen. Sie war ein uneheliches Kind und hatte mit diesem

Mangel viel mehr Schwierigkeiten, als man 50 etwas heute nodt

kennt . lch glaube, daIS sie eine sehr unglüddiche Jugend gehabt

hatte - aber sie sprach nicht geme davon. Jedenfalls wurde

von jener frau Kaiser aus dem bekannten "Kaisers Kaffee-

geschïHt« aufgenommen. Sie war von zu Hause fOlrtg,ehluten ·,

und wurde Verkauferin bei Kaisers, und schlieBlich in einer

Kaisers Kaffeeprobierstuben

gewissermalSen eine

Dort lemte sie meinen Vater kennen. Er hat sie von dem ert;tell\

Tag an, an dem er sie gesehen hat, jeden Tag besucht und

sie festgehalten. Sie ist ihm eine sehr gute Frau geworden

unsere liebe Mutter.

. Mein Bruder Peter, der heute auf der Burg Sternberg in

......

'1"1

  • - groien Stil alte Hausmusik lehrt und selbst InsitrulllelLdl

Daut, die vor der Zeit Johann Sebastian Bachs in der Ml18i1~WI

ge braucht wurden, war schon in seiner Jugend ein begeisterter

Gi t ar r en s pieler ...

Me in Bruder Fritz Moritz ist jetzt Professor an der Musik-

hochsch ul e in Freiburg.

Mei n e drei Schwestern brauche ich nicht vorzustellen. Sie

wer d en a uch kaum Anspruch darauf erheben. Ihr Leben verlief

im b ürge rlichen Gleichklang.

Theater in Berlin

N a chdem ich meine Famille

vorgestellt habe,kehre ich zurüœ

in die Jahre 1908, 1909, 1910. lm hatte das unschiitzbare Glüœ,

aI s Kn a be im Berliner Nollendorfplatz-Theater Josef Kainz ais

»Hamlet « zu sehen und werm im auch von diesem Stück noch

n icht s verstand, 50 ist mir der groBe Zauber diesesAbends doch

tief im Herzen haften geblieben.

D a mein Vater als Dramaturg des Lessing-Theaters zu den

Prernieren der Berliner Theater meist eingeladen wurde, habe

ich nicht nur den gewaltigen Aufstieg Max Reinhardts miterlebt,

sondern darüber hinaus an der groBen Berliner Theaterzeit

lebendigen Anteil genommen. Ich kannte nahezu alle Vorstel-

lungen, und den meisten groBen Schauspielern bin ich persôn-

lich begegnet. Sie verkehrten bei uns ru Hause. Da waren

Alexander Moissi, Albert Bassermann, Max Pallenberg, Hans

Wassrnann, Rudolf Rittner, Maria Fein, Hermine Komer, Else

Eckersberg, Lucie Hoflich, Friedrich KayBler

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u wig Hartau, Maria Orska; da waren Werner KrauB, Emil

Jannings und jene vielen anderen, die heute nicht mehr av dei"

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deren Geist in mir mxh

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egegnung vergessen, die ich, mit Janninp ...

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misch-rnelancholismen Komik darsteilte.

Als

Statist und ~ls

Zuschauer erlebte ich vom »Sommernamtstr aum«

Max Re~­

hardts über den »Hamlet« und den »Lebenden Leimnam« x:ru t

Moissi über die " Maria Stuart « mit Maria Fein und Herm~e

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Kërner, über den "Egmont«

mit Bassermarm un

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die

"Lulu« mit Maria Orska und Albert Steinrück aile Klasslk~

und aile modernen Stücke - die von Gerhart Hauptmann, die

von Ibsen, die von Strindberg, um nur die wimtigsten Namen

zu nermen.

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Es gehëren auch die unvergelSlime Fntzl Massary dazu un

der groBe russische RegisseurStanislawsky, denen i~ ebe~alis

begegnet bin. Die Massary erlebte ich nicht nur in vlelen ih~er

RoUen

sondem auch bei der Uraufführung der " Czardasfür-

stin« ~on Emmerich Kâlmân. lm erlebte ihr geradezu explosives

Temperament, wie sie ihren kIeinen Pantoffel nach einem Tanz

in das Publikurn hineinschleuderte und wie sim die Mens men

urn dieserI Pantoffel balgterI.

Stanislawsky war neben Dr. Otto Brahm das Vorbûd MaX

Reinhardts. Mit seinern berühmten »Moskauer Künstlertheater«

gastierte er in

..

Die drei Schwestern« von Anton Tsmechow.

Dort sah i<h den bedeutenden Schauspieler Moskwin, die Ger~

manowa und die Knipper-Tschechowa - Tschechows Frau, und

neben der zauberhaften kleinerI Krischanowskaja den mamtig en

Kats<halow.

ln jeder dieser vielen Vorstellungen lernte ich etwas, urId ich

schrieb mir immer auf, was ich behalten wollte. Das bedeutend-

ste Erlebnis aller dings war: der groge Zauberer Max Reinhardt.

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Vater war sehr dagegen, daR ich zur Bühn

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lch RegIsseur werden woUte, lachelte der "Professor« auf mich

herab. Er empfahI mir dringendst, zunachst einmal Schauspieler

zu werde n . Nur so

sei

ich

imstande, mich in die Gemüts-

verfassung der Smauspieler runeinzuversetzen. Es ist smwer

  • - meinte er - auf der Bühne zu stehen, unter Hemmungen zu

leiden oder nach einem Ausdruck zu sumen, ohne ihn finden zu

kënnen. Ein Regisseur müsse das alles aus eigener Anschauung

kennen . Er meinte damais: " Ein Smuster muR seinem Lehrling

beibringe n kënnen, wie eine Sohle angenagelt wird. Wenn er

das nimt karm, soU er Schuhhandler werden.« Ich erlaubte mir

zaghaft einzuwenden, daR Dr. Brahm auch kein Schauspieler

gewese n sei. Da lamte Reinhardt: "Verlassen Sie sich gefalligst

nicht darauf, ein Genie zu werden. Das kann schiefgehen.«

lch habe dann auf vielen Proben, bei denen ich zusmauen

durfte, erlebt, auf welche Weise Max Reinhardt seine Schau~

spieler liebte und wie er sie zu sim selber "rief«. Natürlich

spie lte er ihnen auch vieles vor - aber darin lag nicht seine

eigentliche groge Bedeutung, sondem vielmehr daTin, daB er

die Persëinlichkeit der Schauspieler entfaltete und zurn Blühen

brachte. Hemmungen - namentlim bei Frauen - nahm er nicht

einfach weg. Er kuItivierte vielmehr diese Hemmungen, weil

sie ein Ausdruck des SchamgefuhIs seien, das den Charme und

das Geheirnnis einer Frau ausmache.

Aus Max Pallenberg mamte er gam und gar: Max Pallen-

berg. Und aus Hans Wassmann einen hundertprozentigenHllls

Wa ss mann. Dem ersteren lieG er nicht nur das biilunisch VrII!-

zwackte und das ewige Wortverdrehen (»Traurïng genugc lüd

e.s bei Pallenberg oder »Hinterlassen Sie die trauten Verplump-

hgkeiten« oder "Was kümmert mim der Vogt an - ....,'fi

Uhr ist hinabgelaufen«)

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und Hans Wassmann naIun •

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mal mitten im Wort. Reinhardt kultivierte die VII_III

SmWiichen, bis sie zu einer suggestiven Stirke der SdI.

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nn ' klamotte« und er verband dann diese Eig e narten mit dem

Geist der Gestalten der groBen Dichter.

Am auWi11igsten war es, wie er de n ltaliener Alexander

Moissi, der zunachst von der Presse ganz

das merkwürdig Fremdklingende seiner

abg elehn t wurde, über

i t a li e nisch-melodio sen

Sprache auf eine solche Weise zu si ch se lbst führte, daB er

schlie!Slich zu den gefeiertesten Künstle rn der

Reinhardt-Zeit

wu rd e. Der Kritiker Alfred Kerr hat t e e i n Jahr lang striktes

Hausverbo t - er durfte aIso nicht über die Vorstellungen schrei-

ben, we il sich R einhardt wohl jede K r i t ik , aber keinesw egs jede

St orung in d er Entw ickl u ng s ei n er S cha u s p i eler

gefalle n lieR

Das er ste T he a ter , an dem ich

a uftreten durfte, war das

»Luis en-Th eat er « in Berlin i n der R e ichenberger

StraBe. In einer

Nadunitta gsv or s te ll un g durf t e i ch den »Moritz « in »Max und

Moritz « sp iel en . lch gefj el dem Theaterdirektor Ritterfeid. Und

darum bekam ich fur

d i e Abendvorstellung die Rolle eines

jungen Grafen . Ich gl aube , er hieB »Knut von Hassestrom«

und war einem Roman der Hedwig Courths - Mahl er entnom-

men . Ich spielte die Rolle in den Lackreitstiefeln meines Bruders,

der damaIs Vlan war, und war in dieser Rolle »zumindest an

den Beinen glanzend «, wie Direktor Ritterfel d meinte.

In der »Berliner Morgenpost « erschienen damaIs die Romane

der Courths-Mahler in Fortsetzungen. Direktor Ernst Ritter-

feld - er trug einen Bart wie Kaiser Wilhelm II. - dramatisierte

diese Romane und lieB sie in seinem Luisen-Theater spielen,

wenn die Fortsetzungen in der »Morgenpost« bis zur Halfte

gediehen waren. Der Zuschauerraum war dann mit lauter

»Morgenpost-Lesern « besetzt, die wissen wollten, »ob « und

»wie« sie sich kriegen.

lch war auch kurz am »Rose-Theater« in Berlin und schlieB-

lich am »Trianon-Theater«, das unter dem Stadtb~hnbogen am

Bahnhof FriedrichstralSe seine Vorstellungen gab. Sowohl die

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usple er wle das Publikum gewohnten sich schnell daran,

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Ende 1?~6 meldete ich mich kriegsfreiwillig und machte an

d e r franzosischen Front den Weltkrieg in so abscheulichen Sta-

tionen mit, daB ich wenig Lust verspüre, mich im einzelnen

darüber auszulassen.

Ais ich vom MÛitar entlassen wurde, brachte mich der Freund

meines Vaters und me in zukünftiger Trauzeuge Julius Bab, der

einen leitende n Posten an der Volks bühne hatte, zu dem Direk-

tor der Volksbühne am Bülow-Platz, Friedrich KayBler. Dort

lernte ich erst richtig, was es heiBt, Schauspieler ru sein. Der

aIte Guido Herzfeld unterrichtete mich - manchmaI auch Fried-

rich KayBler -, und bei Julius Bab horten wir »Schauspieler-

volontare « die einführenden Vortrage. Auch die aIte Adele

Sandrock, je ne berühmte Tra godin des Wiener Burgtheaters,

deren Neuentdeckung aIs groBe Komikerin ich in Wedekinds

»Liebest rank « miterlebt habe , hat mich vieIes gelehrt.

Sie wuBte gar nicht, daB sie komisch war. Jürgen Fehling

war auf die Idee gekommen, die Wedekindsche GestaIt, eine

ehe maIige Zirkusprinzess in und jetzt aIt gewordene Fürstin,

mit ihr zu besetzen - Erwin Kisch führte Regie. Der Premieren-

ab end wird mir stets unvergeBlich sein: lm ersten Akt war die

groBe Adele entsetzlich schockiert, daB man 50 schallend über

ihre »Hochdr a matik «, mit der sie einst die »Medea« verkor-

perte, lachte. Sie war irritiert. Sie konnte sich den Grund der

viel en Lacher nicht erklaren und hatte zunachst geglaubt, ihr

Kleid sei aufgepIatzt. Aber Fehling beruhigte sie in der Pause

zum zweiten Akt. lm zweiten Akt fing sie bereits an, die Lacher

beim Publikum hervorzulocken. Sie war zwar noch skeptisch,

aber der Schock war gewichen. Und im dritten Akt war sie

b~reits - vollig bewuBt - die grandiose vollendete Komikerin,

die sie dann bis zu ihre m Lebensende geblieben ist.

Meine Mitschüler und Mitvolontare waren damals Heinz

Hilpert, an den ich mich freundschaftlich anschloB, Friedrich

Do

mIn und noch ein paar andere.

.

Bühnenschauspieler und Theaterregi sseur

An der Volksbühne blieb ich drei Jahre *. Ich verheiratete

mich mit der Schauspielerin Dora Gerson. Die Ehe war von kur-

zer Dauer. lch ging an das Landestheater in Meininge n und

spielte dort alles, »was gut und teuer war«. Dann ging ich für

eine kurze Zeit zur Holtorf-Truppe und gastierte mit Mathias

Wieman, Ernst Ginsberg und mit meiner damalige n Frau über-

all in Deutschland und landete sch!ieBlich am Staatsthea ter in

Berlin **. lch sprach dort den Hamlet vor und muete ihn spater

unzahlige Male in Gegenwart Leopold J essners immer wieder

vor anderen Schauspielern vorsprechen, weil ich nur den» Denk-

prozeB« sprach und das »Suchen im Denken«. lm Staatstheater

spielte ich eH Jahre lang die schonsten RoUen. Meine groBten

Lehrmeister waren dort Jürgen Fehling, aber auch Erich Engel,

Leopold Jessner und Erwin Piscator. Unter Fehlings Regie

spielte ich mit Lucie Mannheim das Hanschen in der »Ju-

gend« zurn 60. Geburtstag von Max Halbe. Es war ein groBer

Erfolg . (Spater machte ich mit meiner Kristina einen Film dar-

aus.) lch spielte den Leon in »We h dem, der lügt« von Grill-

parzer unter der Regie von Erich Engel, und mit Werner KrauB

zusammen in »Walle nstein " den Max Piccolomini. DaB ich

bei Albert Steinrü<ks letztem Auftreten des sen Sohn irn

»Londoner verlorenen Sohn « - ein Stü<k, das von Shakespeare

sein soU- spieien durfte, und daB ich mit Werner Kraue in der

Hauptrolle des Stü<kes »Charleys Tante « alternierte, will im

hier verzeichnen. Und wenn aum der Roller keinesfalls zu

den

grèiBten RoUen in »Die Rauber « gezahlt werden kann, 50

wa: doch diese Rolle, die ich unter der Regie von ErwinPiscator

spleIte, eines meiner schèinsten Erlebnisse

am Theater.

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lm Jahre 19 2 4.

»Die Meistersinger von Nürnberg« spieIte, den David spieien

dürfen. Und dann rü<kte in der Tonfilmzeit der Film immer

naher an mich heran. lch war schon damals gartz fest entsdùos-

sen, Filmregi ss eur zu

werden.

AIs ich in dem Stü<k »Meier Helmbrecht.< von Ortner neben

Friedrich KayBler und Kathe Gold die Hauptrolle spielte _

qualte ich mim 50 sehr mit einem für meine künstlerischen Vor-

s tellungen »falschen Theaterspielen« ab, daB ich fest entsdùos-

sen war, von nun an selbst Regie zu führen.

Der Glaube an meine starke Lebensbejahung war zurn ersten-

mal gefahrdet worden, aIs meine ers te Frau - Dora Gerson -

mich verlieB. Es mutet wie ein bèisartiger Witz an, daB es aus-

gerechnet mir beschieden war, von einer Frau verlassen ru

werden, nur weil sie behauptete - mit einem Nichtjuden nicht

leben zu kèinnen. Vor der Ehe hatten sowohl sie wie auch ihre

Eltern eine ganz gegenteilige Auffassung gezeigt. Die Famille

Gerson, soweit ich sie kennengelernt hatte, war liberal, und für

mich gab es die Frage überhaupt nicht, ob ich eine Frau heiraten

dürfe, die Jüdin sei. Ebenso gab es damals für Dora Gerson die

urngekehrte Frage nicht. Aber die orthodoxen Juden in der

groBen Farnilie Gerson brachten meine Frau doch 50 weit, daB

sie sich zu der orthodoxen Auffassung bekehrte. Wir trennten

uns, und sie heiratete einen Juden.

Etwa fünf J ahre spa ter heiratete im Hilde Kèirber. Aus dieser

Ehe habe ich meine Kinder Thomas Christoph, Maria Christi-

ane und Christa Susanne.

Es gab zu dieser Zeit zwei Manner, die meinem Herzen sehr

nahe standen und die im wahrsten Sinne des Wortes meine

Freunde waren. Der eine war Francesko von Mendelssohn,

dess en Vater der Mitbegriinder des bekannten Bankhauses

Mendelssohn in Berlin war. Er war CeUist, spielte im Klingler-

Quartett und wurde spa ter Regisseur. In seinem Hause begeg

nete ich der groBen Berliner Welt, aber auch der intemationalen

Welt, wie z. B. dem Cellisten Pablo Casals, dem italienischen

Musiker Ottorino Respighi, dem Smauspieler Ramon Novarro

(dem ersten »Ben Hur«), dem Filmregisseur Friedrich WIlhelm

Murnau und allen groBendeutschenSchauspielem. AuchA1fn4

Kerr war dort, jener Kritiker, der sim »DavidsbUndler c nannte.

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SCHAUSPIELHAUS AM

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Donnersfag, den 28. Miin 19 2 9 , ab ends 23 (11) Uhl'

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Gedachtni sfei e r

Gedenkworte gcsprochen von H E I N RI CH MANN

Einmalige AuHührung

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Schauspiel in 5 Akten von FRANK WEDEKIND Unter Leitung von LEOPOLD JESSNER

 

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