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Erhard Denninger

Freiheit durch Sicherheit?


Anmerkungen zum Terrorismusbekåmpfungsgesetz

es die Polizei nicht mehr (nur) mit einer sichtba-


I. Rechtsstaat und Pråventionsstaat ren, situativ und personell individuierten, zeitlich
abschåtzbaren, eben konkreten Gefahr zu tun, son-
dern mit einer unabsehbar groûen Zahl einzelner,
Vor sieben Jahren habe ich Vielfalt, Sicherheit und unsichtbarer und unbekannter Risikoquellen, die
Solidaritåt in ihrer doppelten Gestalt als Verfas- nach jahre- oder jahrzehntelanger Latenz ± also
sungsideale einerseits und existenzielle Grundbe- vollkommener polizeilicher ¹Unauffålligkeitª ±
findlichkeiten andererseits beschrieben.1 Nunmehr plætzlich an unvermutetem Ort und in unvorher-
hat die ¹neue Dimension des Terrorismusª dem sehbarer Art und Weise, aber mit hæchster, vor
Gesetzgeber ein ¹neues Sicherheitskonzeptª ab- Selbstzerstærung nicht zurçckschreckender Tat-
gefordert, das einen ersten paragraphenreichen energie aktiv werden. Der betrunkene Randalie-
Ausdruck in dem ¹Gesetz zur Bekåmpfung des rer, der gewalttåtige Demonstrant ist sichtbar und
internationalen Terrorismus (Terrorismusbe- sein Verhalten einschåtzbar, auch der geiselneh-
kåmpfungsgesetz)ª gefunden hat. Dieses ist am mende Bankråuber, der seine Beute in Sicherheit
1. Januar 2002 in Kraft getreten und in wesentli- bringen will, ist kalkulierbar; ganze Krimi-Serien
chen Teilen auf fçnf Jahre befristet.2 So neu ist das ¹lebenª von dem Duell strategischer Zçge zwi-
Sicherheitskonzept freilich nicht, vielmehr ist es schen Tåter und Detektiv, deren Rationalitåt der
die konsequente Frucht eines Sicherheitsdenkens Zuschauer nachvollziehen soll. Ganz anders der
im Pråventionsstaat, wie dies spåtestens seit dem ¹Schlåferª, der jahrelang friedlich-freundlich,
¹Gesetz zur Bekåmpfung des illegalen Rauschgift- seine Gefåhrlichkeit verbergend unter uns lebt,
handels und anderer Erscheinungsformen der seinen Studien nachgeht, eine preiswçrdige
Organisierten Kriminalitåtª vom 15. Juli 1992 mit Diplomarbeit schreibt und dann eines Tages, syn-
zahlreichen Normierungen zum Ausdruck gekom- chron mit seinesgleichen, mit unerhærter Wucht
men ist, vom Lauschangriff bis zur Raster- oder und Brutalitåt zuschlågt.
Schleierfahndung und zur Ûberwachung des nicht
leitungsgebundenen internationalen Fernmelde- Der Grundsatz der Verhåltnismåûigkeit, des
verkehrs.3 ¹schonendsten Mittelsª, greift nicht gegençber
dem, der weder sich noch andere schonen will,
Die bei der Aufklårung des Massenmordes vom gegençber dem Selbstmord-Attentåter. Die Aus-
11. September 2001 sichtbar gewordenen kriminel- wahl des ¹geeigneten Mittelsª wird unmæglich,
len Bedrohungsstrukturen stellen die Grundmu- wo die Mittel-Zweck-Relation in jeder Hinsicht
ster des rechtsstaatlich scharf konturierten Polizei- unbestimmt ist, weil die Gefahr zwar existent,
und Sicherheitsrechts auf eine harte Probe. Da hat hinsichtlich ihrer Modalitåten aber vællig unbe-
kannt ist.
1 Vgl. Erhard Denninger, Menschenrechte und Grund-
gesetz, Weinheim 1994, S. 23 ff., 61 f. Nicht anders verhålt es sich hinsichtlich des zwei-
2 Die nachfolgende Betrachtung stçtzt sich auf den Ge- ten groûen Aufgabenfeldes der Polizei, der Straf-
setzesentwurf der Fraktionen SPD und BÛNDNIS 90/DIE
GRÛNEN, Drucksache 14/7386 vom 8. 11. 2001, sowie auf
verfolgung. Ihre ¹repressivenª Befugnisse eræff-
den nach der Anhærung im Innenausschuss vom 30. No- nen sich erst, wenn ein konkreter Tatverdacht,
vember 2001 von den Koalitionsfraktionen formulierten Øn- wenigstens als ¹Anfangsverdachtª einer konkreten
derungsantrag Drs. 14/7830. Diese Fassung wurde am 14. 12. Straftat, vorliegt. Das ¹Vorfeldª strafrechtlich rele-
2001 als Gesetz beschlossen. Die Zitate: S. 82 der Drs. 14/
7386.
vanten Verhaltens, etwa unterhalb der Schwelle
3 Vgl. Erhard Denninger, Der Pråventions-Staat, in: ders. des Tatbestandes der ¹Volksverhetzungª (§ 130
Der gebåndigte Leviathan, Baden-Baden 1990, S. 33 ff.; fer- StGB), ist weit. Es ist nicht Aufgabe der Polizei,
ner ders., in: Hans Lisken/Erhard Denninger (Hrsg.), Hand- extremen Ûberzeugungen oder Gesinnungen nach-
buch des Polizeirechts, Mçnchen 20013, Kap. E, Rdn. 192 ±
200. Zur Entwicklung der Fernmeldeçberwachung vgl.
zuforschen, solange sie nicht in konkreten Taten
BVerfGE 100, 313 ff. (1999) und die daraufhin erfolgte No- ihren (strafbaren) Niederschlag finden. ¹Gesin-
vellierung des Artikel 10 ± Gesetzes vom 26. 6. 2001. nung aber kann nur von der Gesinnung erkannt

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und beurteilt werden. Es herrscht somit der Ver- wachsensª immer noch gewaltenteilend und
dacht; die Tugend aber, sobald sie verdåchtig wird, -begrenzend.
ist schon verurteilt.ª4 Hegel meinte gerade nicht
den auf bestimmte Tatsachen gestçtzten Tatver- Um den Unterschied zwischen dem damaligen ein-
dacht im Sinne der Strafprozessordnung, sondern heitlichen und zentralisierten NS-Sicherheitsrecht
den bloûen Gesinnungsverdacht, welcher dem und dem heutigen gegliederten Polizei- und Ver-
jakobinischen Tugendterror als Anknçpfung fassungsschutzrecht klar zu erfassen, lese man ein-
gençgte, um die (proklamierte) Herrschaft der mal das Regelwerk der 22 Artikel des Terroris-
Gesetze durch die (praktizierte) Herrschaft der musbekåmpfungsgesetzes, und dann ziehe man
Guillotine zu ersetzen. Man darf an diesen Erfah- den Vergleich zu der bekannten Definition des
rungshintergrund ebenso erinnern wie an seine spe- nationalsozialistischen Polizeirechts. Nach dieser
zifisch deutsche Reprise im nationalsozialistischen ¹hat die Polizei als ,Hçterin der Gemeinschaft` . . .
Tugendterror der ¹Geheimen Staatspolizeiª çberall dort einzuschreiten, wo deren Belange es
(Gestapo), wenn man sich heute die rechtsstaatli- erfordern. Weder ist dafçr ein gesetzlicher Auftrag
che Funktion einer funktionalen und organisatori- notwendig, noch gibt es eine sie hindernde gesetz-
schen Trennung von Verfassungsschutz und Polizei liche Schranke; ihr Ziel ist die innere Sicherheit
klar vor Augen fçhren will. In Victor Klemperers der deutschen Volksordnung gegen jede Stærung
Tagebçchern 1933 ± 19455 kann man nachlesen, und Zerstærung. Ihre Tåtigkeit darf durch Normen
welch lebensrettende ¹Rechts-Wohltatª es fçr den weder gebunden noch beschrånkt werden, das
Betroffenen bedeutet, durch ein (vielleicht hartes, nationalsozialistische Polizeirecht muss vielmehr
aber immerhin) Urteil der ordentlichen Justiz zu mit den bisherigen Spezial- und Generallegitima-
einer ¹gewæhnlichenª Gefångnisstrafe verurteilt zu tionen brechenª7.
werden, anstatt ohne jegliches Verfahren (denn Die historische Erinnerung ist dennoch nçtzlich, ja
Folter-Verhære sind keine ¹Verfahrenª in diesem unerlåsslich; sie hilft, die feine, beinahe unsicht-
Sinne) sogleich der Gestapo-Einweisung in ein bare Grenze zu erkennen, an welcher der Rechts-
¹Schutzhaftlagerª, d. h. KZ, oder dem Abtransport staat in den Pråventionsstaat çbergeht. Beide
in ein Vernichtungslager anheimzufallen. gehorchen den Regeln jeweils spezifischer Funk-
tionslogiken, jener denen der Freiheit und der
Hier ist mæglicherweise absichtsvollen Missver- Autonomie, dieser denen der Sicherheitsmaximie-
ståndnissen vorzubeugen: Die historische Erinne- rung und der instrumentellen Effizienz. Es geht
rung impliziert nicht die Behauptung, mit dem allerdings nicht um ein schroffes Entweder-oder,
Terrorismusbekåmpfungsgesetz befånden wir uns sondern angesichts der terroristischen Bedrohung
bereits wieder auf dem Weg zu einem mit dem NS- besteht die Aufgabe darin, die ideale Kombination
System vergleichbaren Sicherheits-Verbund. Eine der beiden Zielsetzungen in der Weise zu finden,
solche Behauptung wåre aus mehreren Grçnden dass das maximale Maû an Freiheit durch eine
falsch. Zum einen bleiben wesentliche Grundlagen optimale Gewåhrleistung von Sicherheit erhalten
des bisherigen Verfassungsschutzrechts unangetas- wird. Dass hier die Balance nicht einfach zu finden
tet: das Gesetzmåûigkeitsprinzip, das Gebot der und zu halten ist, zeigt sich in den gegensåtzlichen
organisatorischen Trennung von Polizei und Nach- Einschåtzungen desselben Gesetzestextes durch
richtendienst sowie der Ausschluss polizeilicher die maûgeblichen Politiker: Wåhrend die rot-
Zwangsbefugnisse.6 Bei Auskunftsersuchen des grçne Koalition ihren Entwurf in der aus der inter-
Verfassungsschutzamtes darf dieses selbst nur die nen Kritik und der æffentlichen Anhærung (am
fçr die Ermæglichung der Auskunft unerlåsslichen 30. November 2001) hervorgegangenen ¹gerei-
personenbezogenen Daten an die ersuchte Stelle nigtenª Fassung als die gelungene Verbindung der
çbermitteln, eine Konsequenz des selbstverstånd- ¹strenge(n) Beachtung rechtsstaatlicher Prinzipien
lich zu beachtenden Ûbermaûverbots (§ 8 Abs. 1 mit der notwendigen Effektivitåt bei der Krimina-
[neu] BVerfSchG). Zum anderen wirkt die litåtsbekåmpfung und Terrorpråventionª lobt,8
fæderale Struktur des Aufbaus der Sicherheitsbe- sehen die Oppositionsparteien teils die Rechts-
hærden trotz des informationellen ¹Zusammen- staatlichkeit gefåhrdet (FDP und PDS), teils im

4 Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Vorlesungen çber die 7 Werner Best, in: Zeitschrift der Akademie fçr Deutsches
Philosophie der Geschichte, Theorie Werkausgabe, Band 12, Recht, (1937), S. 132, zit. in: Rudolf Kluge/Heinrich Krçger,
Frankfurt/M. 1970, S. 532. Verfassung und Verwaltung im Groûdeutschen Reich, Berlin
5 Victor Klemperer, Ich will Zeugnis ablegen bis zum letz- 19413, S. 368.
ten, 2 Bånde, Berlin 19966. 8 Volker Beck, Bçndnis 90/Die Grçnen, in: Blickpunkt
6 Die Begrçndung des Fraktionsentwurfs, Drs. 14/7386, Bundestag, 11/2001, S. 15; åhnlich Dieter Wiefelspçtz, SPD,
S. 93, betont dies ausdrçcklich. ebd., S. 14.

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Gegenteil das Sicherheitsbedçrfnis verfehlt ± Sicherung besonders sicherheitsempfindlicher
(CDU/CSU).9 Wer hat Recht? lebens- oder verteidigungswichtiger Einrich-
tungen durch ¹vorbeugenden personellen
Sicher ist nur eines: Die Probleme lassen sich nicht Sabotageschutzª, z. B. durch die Ergånzung des
durch Pauschalforderungen oder -angebote læsen. Sicherheitsçberprçfungs- und des Luftver-
Weder das verfassungsrechtlich nicht begrçndbare kehrsgesetzes;
Postulat einer Informationseinheit såmtlicher
± Sicherung der Identitåtsfeststellungen (Passge-
Sicherheitsbehærden, das seinerzeit (1983/84)
setz, Personalausweisgesetz);
gegen die ¹Erfindungª des Rechts auf informatio-
nelle Selbstbestimmung durch das Bundesverfas- ± Ûberwachung des Vereinslebens auslåndischer
sungsgericht und die damit erforderliche ¹infor- Mitbçrger;
mationelle Gewaltenteilungª ins Feld gefçhrt
± Ausweitung der Kompetenzen des Bundeskri-
wurde,10 noch andererseits das Menetekel vom
minalamtes;
¹Ûberwachungsstaatª11 sind in ihrer Undifferen-
ziertheit geeignet, die (scheinbare) Quadratur des ± Ûberwachung des Ein- und Ausreiseverkehrs,
Zirkels von Freiheit und Sicherheit zu læsen. Verschårfung des Visumverfahrens und der
Selbstverståndlich erfordert die Terrorismusbe- Ausweisungsmæglichkeiten (Auslåndergesetz,
kåmpfung ein Stçck ¹Ûberwachungsstaatª ± die Asylverfahrensgesetz, Nebengesetze);
Frage ist nur, wieviel, unter welchen Vorausset-
± Sicherung der Energieversorgung gegen Stæ-
zungen, mit welchen Mitteln, in welchen Verfah-
rungen (Energiesicherungsgesetz);
ren und mit welchen Kontrollen?
± Evaluation der wichtigsten Maûnahmen und
Befristung der Regelungen.

II. Hauptelemente der Sicherheits- 1. Verfassungsschutz


strategie Die zentrale Rolle, die dem Bundesamt fçr Ver-
fassungsschutz und ± unter bestimmten Vorausset-
zungen ± auch den Landesåmtern kçnftig bei der
Hålt man sich die Geschehnisse vom 11. Sep- Bekåmpfung des internationalen Terrorismus
tember, ihre Entstehungsgeschichte, die Biogra- zugedacht ist, wird nur sichtbar, wenn man die
phien der Akteure, deren soziales und religiæses Befugniserweiterungen (§ 8 Abs. 5 bis 11, § 9
Umfeld sowie die realen Bedingungen åhnlich Abs. 4 BVerfSchG) zusammen mit der Aufgaben-
motivierter, organisierter und gesteuerter Terror- erweiterung in den Blick nimmt. Nach § 3 Abs. 1
aktionen vor Augen, so liegen die legislativen The- Nr. 4 (neu) BVerfSchG gehært zu den Aufgaben
menfelder einer mæglichen Pråventionsstrategie des Amtes kçnftig auch das Sammeln und Auswer-
auf der Hand. Das Terrorismusbekåmpfungsgesetz ten von Informationen çber ¹Bestrebungen im
greift sie auf: Geltungsbereich dieses Gesetzes, die gegen den
Gedanken der Vælkerverståndigung (Art. 9 Abs. 2
± Erkennung und Beobachtung gewaltbereiter des Grundgesetzes), insbesondere gegen das fried-
und mæglicherweise gewaltvorbereitender liche Zusammenleben der Vælker (Art. 26 Abs. 1
¹Bestrebungenª mit grenzçberschreitenden des Grundgesetzes) gerichtet sindª. Der Gedanke
Bezçgen. Hier sind, im weiten Vorfeld eigentli- der Vælkerverståndigung und das friedliche
cher Polizeiarbeit, auch die Nachrichtendienste Zusammenleben der Vælker sind ebenso schutz-
mit allerdings verånderter Aufgabenstellung und færderungswçrdig wie der ¹Tatbestandª einer
gefordert (Verfassungsschutzåmter, MAD, ¹dagegen gerichteten Bestrebungª hæchst unbe-
BND); stimmt und nahezu uferlos weit ist. Ein ¹Pfingst-
treffenª der Sudetendeutschen, bei dem das
9 Vgl. Max Stadler, FDP; Petra Pau, PDS; Wolfgang Bos- Unrecht ihrer Vertreibung geltend gemacht wird,
bach, CDU/CSU; alle in: ebd., 11/2001, S. 15 f.
10 Vgl. Rupert Scholz/Rainer Pitschas, Informationelle
kann ebenso darunter fallen wie die Forderung auf
Selbstbestimmung und staatliche Informationsverant- Anerkennung der ¹Rçckkehrª der Palåstinenser
wortung, Berlin 1984, S. 196 ff.; dagegen Erhard Denninger, oder die Unterstçtzung einer der zahllosen Auto-
Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung und Innere nomiebestrebungen auf der Welt. Gewaltanwen-
Sicherheit, in: Kritische Justiz, 18 (1985) 3, S. 215 ff.
11 So z. B. in der Presseerklårung der Humanistischen
dung oder Gewaltvorbereitung sind ± im Unter-
Union und anderer Bçrgerrechtsorganisationen vom 6. 11. schied zu dem mit der bisherigen Klausel des § 3
2001, in: HU-Mitteilungen, Nr. 176, Dezember 2001, S. 108. Abs. 1 Nr. 3 erfassten ¹Auslånderextremismusª ±

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nicht Voraussetzung fçr die Beobachtung durch sche Grundordnung der Bundesrepublik noch als
den Verfassungsschutz. Gefåhrdungen des Bestandes oder (!) der Sicher-
heit des Bundes oder eines Landes qualifiziert
Im Hinblick auf die weitreichenden neuen Befug- werden. Gegenstand des in Nr. 10 b) legal definier-
nisse zur Ûberwachung der Geld-, Transport- und ten Verfassungsschutzes sind nur diejenigen
Reisebewegungen sowie des Postverkehrs und der Schutzgçter der inlåndischen Verfassungsrechts-
Telekommunikationsverbindungs- und Teledienste- ordnung, wie sie in Anlehnung an die Entschei-
nutzungsdaten erwartet man in der Gesetzesbe- dung des Bundesverfassunggerichts von 1952 in § 4
grçndung eine klare Auskunft zur grundgesetzli- BVerfSchG aufgezåhlt wurden.15 So umfasst die
chen Ermåchtigungsgrundlage fçr diese neue ¹freiheitliche demokratische Grundordnungª in
Gesetzgebung. Der Allgemeine Teil der Begrçn- der Interpretation durch das SRP-Urteil, die dem
dung des Gesetzentwurfs12 verweist lediglich auf Gesetzgeber sowohl des BVerfSchG als auch des
Art. 73 Nr. 10 b) GG. Dies çberrascht um so mehr, StGB (§ 92 Abs. 2, ¹Verfassungsgrundsåtzeª16) als
als man schon 1972 anlåsslich der Einfçgung der Richtschnur gedient hat, die wesentlichen Prinzi-
Auslånderextremismus-Klausel in das BVerfSchG pien und Institutionen des freiheitlichen demokra-
klar die Notwendigkeit erkannt hatte, hierfçr tischen Willensbildungs- und -verwirklichungspro-
eine neue verfassungsrechtliche Deckungsnorm zesses einschlieûlich der justiziellen Kontrolle.
zu schaffen, weil weder Art. 73 Nr. 10 a) noch Jedoch gehæren die Gedanken der ¹Vælkerver-
Nr. 10 b) GG hierfçr ausreichten. Daher wurde ståndigungª und des ¹friedlichen Zusammenlebens
damals der Kompetenzkatalog durch Nr. 10 c) der Vælkerª dazu nicht. Diese haben in der Pråam-
ergånzt, deren Wortlaut dem der Ergånzung des bel des Grundgesetzes, ferner in den Artikeln 9
BVerfSchG entspricht.13 Jetzt wird die Notwendig- Abs. 2, 24 Abs. 2, 25 und 26 GG unmittelbar und
keit der Einfçhrung des § 3 Abs. 1 Nr. 4 BVerf- mittelbar Ausdruck gefunden. Sie sind wichtige
SchG mit dem Ungençgen der 1972 normierten Verfassungsprinzipien zumindest im Sinne eines
Ergånzung begrçndet:14 Diese erfasse nicht Be- permanent zu verfolgenden Verfassungsauftrags;
strebungen, ¹die sich gegen politische Gegner im doch Bestandteile der ¹freiheitlichen demokrati-
Ausland richten und denen Gewaltanwendung schen Grundordnungª als des spezifischen Schutz-
oder entsprechende Vorbereitungshandlungen in gutes des demokratischen politischen Prozesses
Deutschland, die zugleich Auswirkungen auf die sind sie ebenso wenig wie das Prinzip der Bundes-
innere Sicherheit der Bundesrepublik haben, nicht staatlichkeit oder das Sozialstaatsprinzip.17
oder nur sehr schwer nachzuweisen sindª. Wenn
aber § 3 Abs. 1 Nr. 3 BVerfSchG die jetzt anvisier- Ergibt sich somit, dass keine der beiden in
ten ¹Bestrebungenª der ¹Schlåferª und anderer Betracht kommenden Kompetenzgrundlagen ±
Terroristen, die Deutschland als ¹Ruheraumª weder Nr. 10 b) noch 10 c) des Art. 73 GG ± die in
benutzen und dann irgendwo im Ausland Gewalt- § 4 Abs. 1 Nr. 4 BVerfSchG neu normierte Aufga-
akte begehen, nicht erfasst, dann kann auch die benerweiterung des Verfassungsschutzes zu recht-
wortlautgleiche Kompetenznorm des Art. 73 fertigen vermag, dann steht jedenfalls das Bundes-
Nr. 10 c) GG die aktuelle Erweiterung der Verfas- amt verfassungsrechtlich insoweit auf schwachen
sungsschutzaufgaben (Nr. 4) nicht tragen. Ebenso Fçûen. (Ob die Landesgesetzgebung in diesem
muss aber auch der Rekurs auf Art. 73 Nr. 10 b) Bereich, die ja nach Art. 70 GG keiner enumerier-
GG als kompetenzrechtliche Deckungsnorm schei- ten Kompetenzgrundlage bedarf, entsprechenden
tern. Bedenken unterliegt, soll hier nicht untersucht
werden.)
Bestrebungen, die sich gegen den Gedanken der
Vælkerverståndigung und insbesondere gegen das Im Fraktionsentwurf (Drs. 14/7386, S. 91) macht
friedliche Zusammenleben der Vælker richten, man sich erst gar nicht die Mçhe einer (wohl auch
sich aber durch Gewaltaktionen nur im Ausland
(nicht notwendig im Heimatstaat der Tåter), 15 Vgl. SRP-Urteil, BVerfGE 2, 1, 12 f. fçr die ¹freiheitliche
jedoch nicht im Inland manifestieren, kænnen demokratische Grundordnungª.
16 Man beachte, dass die ¹im Grundgesetz konkretisierten
weder als Angriffe auf die freiheitliche demokrati- Menschenrechteª zwar im BVerfSchG, nicht aber im StGB zu
den geschçtzten Verfassungsgrundsåtzen zåhlen.
12 Vgl. Drs. 14/7386, S. 88. 17 Vgl. dazu mit weiteren Hinweisen Erhard Denninger, in:
13 Vgl. 31. Ønderungsgesetz zum GG vom 28. 7. 1972. Zum Handbuch des Verfassungsrechts (Anm. 13), Rdn. 35 ± 37.
Problem vgl. Erhard Denninger, ¹Streitbare Demokratieª Zur Ausrichtung des Verfassungsschutzes auf den Schutz der
und Schutz der Verfassung, in: Ernst Benda/Werner Mai- demokratischen Politischen Grundordnung s. ders., Verfas-
hofer/Hans-Jochen Vogel (Hrsg.), Handbuch des Verfas- sungsschutz, Polizei und die Bekåmpfung der Organisierten
sungsrechts, Berlin 19942, § 16 Rdn. 34. Kriminalitåt, in: Kritische Vierteljahresschrift fçr Gesetz-
14 Vgl. Drs. 14/7386, S. 91. gebung und Rechtswissenschaft (KritV), (1994) 3, S. 232 ff.

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nicht mæglichen) einwandfreien Kompetenzbe- Spåtestens hier muss der ± frçher auch von mir
grçndung. Hier wird nicht vom rechtsstaatlich aus- vertretene18 ± Versuch scheitern, polizeiliche und
gefeilten Verfassungsnormtext her argumentiert, Verfassungsschutz-Aufgaben nach ihrer primåren
sondern vom sicherheitspolitisch gewçnschten Individual- bzw. Organisationsbezogenheit zu
Ziel: ¹Es muss zulåssig seinª, heiût es da, dass der unterscheiden. Der Kreis der Personen, die Gegen-
Verfassungsschutz solche (vælkerverståndigungs- stand der intensiven Ûberwachung werden kænnen,
feindlichen, E. D.) Bestrebungen beobachtet, weil ist nicht nåher umschrieben, nicht einmal in den
sie einen Nåhrboden fçr die Entstehung extremi- Fållen der Postverkehrs- und der Telekommunika-
stischer Auffassungen bildeten und Hass schçrten, tionsçberwachung, in denen es nahe gelegen håtte,
der auch vor terroristischer Gewaltanwendung eine Begrenzung (wie in § 3 Abs. 2 Satz 2 des
nicht zurçckschrecke. Hier muss die Frage erlaubt Artikel 10-Gesetzes) vorzusehen. Entsprechende
sein, ob man sich angesichts solcher ¹Bestrebun- Anregungen aus der Sachverståndigen-Anhærung
genª, die ja auch nicht auf das ¹geheime Kåmmer- wurden nicht aufgegriffen; die schlieûliche
leinª beschrånkt bleiben, nicht långst in der ¹Beschrånkungª der Auskunftseinholung jeweils
¹håsslichenª, Hass predigenden Wirklichkeit der auf den ¹Einzelfallª ist juristische Augenwischerei,
einschlågigen Straftatbestånde der §§ 129, 129 a da das Amt ohnehin immer nur in Einzelfållen
und b, 130 StGB bewegt, welche in erster Linie die (und ohne Zwangsbefugnisse) und nicht durch den
Kriminalpolizei auf den Plan rufen mçssten. Wenn Erlass abstrakt-genereller Regeln tåtig werden
man die Tåtigkeit des Verfassungsschutzes so weit darf. Hingegen ist die ¹in letzter Minuteª einge-
in das (inlåndische) ¹Vorfeldª krimineller, im Aus- fçgte Kontrolle durch die mit Entscheidungsbefug-
land auszufçhrender Aktionen ausdehnen will, nis (§ 15 Abs. 5 G 10) ausgerçstete G 10-Kommis-
dass weder die Straftatbestånde des StGB, noch sion in allen vier Auskunftsfeldern und nicht nur in
die ¹Vorbereitungshandlungenª der (konkreten) den das Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnis
Gewaltanwendung im Sinne des Art. 73 Nr. 10 c) (Art. 10 GG) berçhrenden der Post- und der Tele-
GG greifen, dann macht man ihn zu einem fast kommunikationsçberwachung als ein Pluspunkt
çberall einsetzbaren pråventiven Ûberwachungs- fçr die Rechtsstaatlichkeit zu verbuchen. Entspre-
instrument. chendes gilt fçr die Pflicht des Parlamentarischen
Kontrollgremiums, dem Deutschen Bundestag
Die Gewichtsverschiebung zwischen Rechtsstaat jåhrlich und nach drei Jahren nach dem Inkrafttre-
und Pråventivstaat wird deutlich, wenn man die in ten des (auf fçnf Jahre befristeten) Gesetzes
§ 8 Abs. 5 bis 13 BVerfSchG (neu) geschaffenen zusammenfassend zum Zweck der Evaluierung
Ûberwachungsbefugnisse auf die in § 3 Abs. 1 Nr. 4 detailliert Bericht zu erstatten.
erfassten ¹Bestrebungenª anwendet. Es ist nicht
çbertrieben, nunmehr von einem funktionalen prå- 2. Sicherheitsçberprçfungen: ¹Vorbeugender per-
ventiven Fahndungsverbund zwischen den Nach- soneller Sabotageschutzª
richtendiensten und der Polizei auf dem Feld der
Terrorismusbekåmpfung zu sprechen, denn die bis- Seit langem gehært die Mitwirkung an Sicherheits-
her schon in den §§ 18 bis 20 BVerfSchG eræff- çberprçfungen von Personen (personeller Sabo-
neten Ûbermittlungsmæglichkeiten zwischen den tageschutz) zu den Aufgaben der Verfassungs-
Sicherheitsbehærden gewåhrleisten einen vællig schutzbehærden. Jetzt soll der Kreis der zu
ausreichenden Informationsfluss, der kçnftig auch çberprçfenden Personen erheblich ausgeweitet
noch durch Informationsverpflichtungen des Bun- werden und alle diejenigen umfassen, die an einer
desamtes fçr die Anerkennung auslåndischer ¹sicherheitsempfindlichen Stelleª in einer ¹lebens-
Flçchtlinge und der Auslånderbehærden der Lån- oder verteidigungswichtigen Einrichtungª beschåf-
der gegençber den Verfassungsschutzåmtern des tigt sind oder werden sollen. Dabei geht aus dem
Bundes und der Lånder ergånzt wird (§ 18 Abs. 1 a Gesetz hervor, dass sowohl ¹æffentlicheª wie
[neu] BVerfSchG). Die Auskunftseinholungen ¹nichtæffentlicheª, das heiût private Einrichtungen
çber Konten und Geldbewegungen bei Kreditinsti- und Stellen in Betracht kommen. Eine nåhere
tuten, çber Postbewegungen bei allen Postdienst- Bestimmung dessen, was als ¹lebens- oder vertei-
leistern, çber Transport- und Reisebewegungen digungswichtige Einrichtungª anzusehen sei, traf
bei Lufttransporteuren und çber Telekommunika- der Fraktionsentwurf (Drs. 14/7386) nicht. Ledig-
tionsdienstleistungen bei den entsprechenden lich in der Begrçndung (S. 104 f.) wurden die Defi-
Anbietern (§ 8 Abs. 5 bis 8) ermæglichen dem
18 Vgl. Anm. 17, S. 232, 236 f. Anders immer schon Her-
Bundesamt fçr Verfassungsschutz die Bildung mann Borgs-Maciejewski/Frank Ebert, Das Recht der Ge-
umfassender Persænlichkeitsprofile der betroffe- heimdienste, Stuttgart u. a. 1986, Komm. zu § 3 BVerfSchG,
nen Personen. Rdn. 53, mit weiteren Nachweisen.

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nitionen wiedergegeben, auf die sich der Arbeits- Um solche Missbrauchsmæglichkeiten mindestens
kreis IV ¹Verfassungsschutzª der Ståndigen Kon- zu erschweren, sieht das Terrorismusbekåmp-
ferenz der Innenminister und -senatoren der Lån- fungsgesetz fçr Inlånder Ergånzungen des Pass-
der 1994 verståndigt hatte. Auûerdem zåhlten die und des Personalausweisgesetzes, fçr Auslånder
Entwurfsfassungen vom 12. Oktober und vom entsprechende Ønderungen der Vorschriften çber
8. November 2001 unterschiedliche Beispiele auf, Aufenthaltsgenehmigungen und Ausweisersatz
was die Beliebigkeit der Ausfçllbarkeit der Defini- (§§ 5 und 39 AuslG) vor.
tion verdeutlicht. Auf das in der Sachverstån-
Wåhrend der Pass bisher auûer den Angaben zur
digenanhærung geåuûerte Bedenken hin, der
Person nur das Lichtbild und die Unterschrift des
Gesetzgeber mçsse ± schon um dem ¹Wesentlich-
Inhabers enthalten durfte, låsst das Gesetz (§ 4
keitsgrundsatzª zu gençgen ± wenigstens die wich-
Abs. 3 und 4 PassG [neu] jetzt auch die Aufnahme
tigsten Einrichtungen als ¹Regelbeispieleª kata-
¹weiterer biometrischer Merkmaleª zu, und zwar
logartig fixieren, erhebt der Gesetzgeber nunmehr
auch ¹in mit Sicherheitsverfahren verschlçsselter
die in der Begrçndung vorfindlichen, konturlosen
Formª. Die Merkmale mçssen sich auf Finger,
Definitionen in den Rang von Legaldefinition (§ 1
Hånde oder Gesicht des Inhabers beziehen. § 4
Abs. 4 und 5 SÛG [neu]). In der Begrçndung wird
Abs. 4 kçndigt (ungewæhnlicherweise) ein weite-
die normative ¹Rangerhæhungª mit dem ¹Blick
res Bundesgesetz an, das die Arten und die Einzel-
auf den Bestimmtheitsgrundsatzª begrçndet. Dies
heiten der biometrischen Merkmale sowie der
ist schon deshalb falsch, weil die ¹Umpflanzungª
Verschlçsselung, Speicherung und sonstigen Ver-
einer unbestimmten Definition dieser kein Quånt-
arbeitung von Merkmalen und Angaben regeln
chen mehr an Bestimmtheit zuwachsen låsst; im
soll. Die Kabinettsvorlage des Innenministeriums
Ûbrigen bleibt der Wesentlichkeitsgrundsatz nach
(Stand 12. 10./5. 11. 2001) sah fçr all dies ur-
wie vor unberçcksichtigt. Die Prårogative der Exe-
sprçnglich nur eine ¹bundesratspflichtigeª Rechts-
kutive fçr die Bestimmung des konkreten perso-
verordnung des Innenministers vor; erst der
nellen Umfangs der Sicherheitsçberprçfungen
spåtere Fraktionsentwurf versuchte dann, dem
besteht fort, nur ist die Kompetenz-Verteilung die-
Wesentlichkeitsgrundsatz Rechnung zu tragen. Bei
ses an sich klaren Auftrags wiederum ein Lehr-
den Ausweisdokumenten fçr Auslånder (der
stçck an rechtsverwirrender Verweisungstechnik.
Aufenthaltsgenehmigung nach § 5 und dem Aus-
Wer dies nicht glaubt, der lese die auf einander
weisersatz nach § 39 AuslG) çberlåsst man die
verweisenden §§ 1 Abs. 4, 25 Abs. 2 und 34 SÛG
Regelung aller Einzelheiten allerdings einer
(neu) und beantworte dann ganz schnell die Frage,
Rechtsverordnung. Und wåhrend der deutsche
welche Stelle oder Behærde wofçr zuståndig ist.
Pass- oder Ausweisinhaber von der Behærde Aus-
kunft çber die in seinem Dokument enthaltenen
3. Sicherung der Identitåtsfeststellung verschlçsselten Merkmale verlangen kann, ist dem
Auslånder dies versagt. Redaktionsversehen?
Ausweisdokumente haben die Funktion, eine
zuverlåssige Feststellung der Identitåt des Doku-
mentinhabers zu ermæglichen. Diese Funktion 4. Die Behandlung der Nicht-EU-Auslånder
kann auf verschiedene Weisen konterkariert wer-
den, etwa durch Herstellung eines falschen Passes Die bisherige Betrachtung musste unvermeidlich
oder Personalausweises mit Phantasiedaten oder auf Einzelheiten der Novellierungsarbeit einge-
mit den Daten einer anderen lebenden oder toten hen, um deutlich zu machen, wie mçhselig und oft
oder vermissten Person. Eine andere Mæglichkeit zum Scheitern verurteilt das Geschåft rechtsstaatli-
ist die Benutzung eines echten, dem rechtmåûigen cher Normsetzung in Zeiten dominanten Pråven-
Inhaber aber entwendeten oder abhanden gekom- tionsdenkens ist. Das Verhåltnismåûigkeitsprinzip
menen Dokumentes, dessen sich ein Unberechtig- låuft weitgehend leer, dem Grundsatz der Norm-
ter wegen seiner Øhnlichkeit mit der abgebildeten bestimmtheit traut man wenig normative Kraft
Person oder auch nach entsprechenden Verånde- zu19, und das Wesentlichkeitsprinzip tut man mit
rungen der Abbildung bedienen kann. Eine wei- leichter ministerialer Hand ab. Bei einem
tere Variante der Identitåtsverunsicherung kænnte ¹Sicherheitspaketª, das ja nicht eine einheitliche
man als ¹Identitåtsvervielfachungª bezeichnen, Regelung ¹aus einem Gussª darstellt, sondern
wenn beispielsweise ein Terrorist zur Irrefçhrung ohnehin in zahllose ¹Artikelª zerfållt, låsst sich
çber seine håufigen Reisen (in bestimmte Lånder)
19 Vgl. dagegen Erhard Denninger/Thomas B. Petri, Nor-
eine Mehrzahl verschiedener Påsse benutzt, die er menklarheit und Normbestimmtheit im Polizeirecht ± sieben
sich vielleicht sogar legal oder halb legal in ver- Thesen, in: Helmut Båumler (Hrsg.), Polizei und Daten-
schiedenen Låndern hat ausstellen lassen. schutz, Neuwied 1999, S. 13 ff.

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auch schwer ausmachen, ob es mit dem Band der Hintergrund, so sieht man, dass sie çber die Ein-
Freiheit oder dem der bçrokratischen Notwendig- fallslosigkeit von Versagung und Verbot nicht hin-
keit geschnçrt wurde. Erst recht gilt deshalb hier aus kommen. Einige Beispiele mægen dies bele-
der Satz: ¹Nicht allein der Teufel, auch die Rechts- gen. Der Verein des selbsternannten ¹Kalifen von
staatlichkeit steckt im Detail.ª20 Kælnª kænnte nach der långst fålligen Aufhebung
des so genannten ¹Religionsprivilegsª des § 2
Nun ist es jedoch an der Zeit, die ¹neue Bedro- Abs. 2 Nr. 3 VereinsG ohne weiteres aufgrund des
hungslageª durch den ¹internationalen Terroris- bisher geltenden Vereinsrechts verboten werden,
musª in ihrer konkreten historischen Situation das als Verbotsgrçnde fçr inlåndische Vereine
anzusprechen. Denn der Gegner ist nicht eine fik- ebenso wie fçr ¹Auslåndervereineª u. a. Verstæûe
tive, nach Weltherrschaft strebende Instanz ¹des gegen den Gedanken der Vælkerverståndigung
Bæsenª wie im Thriller-Schema der James-Bond- oder gegen die verfassungsmåûige Ordnung kennt.
Filme, sondern die aktionistische Auskristallisie- Daran soll sich auch nichts åndern. Ein Verein, in
rung der Gedankenwelt eines militanten, funda- dem Hass ± etwa zwischen Arabern und Israelis ±
mentalistischen Islamismus. Dass sie, etwa als Al- gepredigt wird, ein Verein, dessen Funktionåre
Qaida-Organisation, ihr logistisches und ideologi- Parlamentarismus, Demokratie und Menschen-
sches ¹Hinterlandª unter dem Taliban-Regime rechte nur so lange anerkennen wollen, wie sie
gefunden hat, ist weder Zufall noch einzigartig. Sie und ihre Anhånger sich noch in einer Minderhei-
kann sich also, unter anderen Fçhrern und Namen, tenposition befinden, ein Verein, der eine men-
auch anderswo jederzeit wieder neu manifestieren. schenrechtswidrige Strafrechtsordnung mit Aus-
Gçnstige Voraussetzungen hierfçr bietet ein reli- peitschung, Handamputation und Steinigung sowie
giæs-kulturelles Umfeld, das durch niedrigen Bil- die Unterordnung der staatlichen Willensbildung
dungsstand, vællig Ignoranz der ¹westlichenª Welt, unter eine theokratisch-hierarchische Offenba-
archaische familiale Strukturen mit einer entspre- rungsreligion propagiert, konnte und kann also
chend rechtlosen, untergeordneten Stellung der bereits nach dem bisher geltenden Recht ohne
Frau und durch eine ¹frçhmittelalterlicheª (in weiteres verboten werden.22 Darçber hinaus
okzidentaler Zeitrechnung) Verbindung von Reli- nannte der bisherige § 14 VereinsG ¹die innere
gion und Staat, kurz: durch die Absenz von Auf- oder åuûere Sicherheit, die æffentliche Ordnung
klårung und Emanzipation gekennzeichnet ist. oder sonstige erhebliche Belange der Bundesrepu-
Eine krassere Gleichzeitigkeit des ¹Ungleichzei- blik Deutschland oder eines ihrer Lånderª als
tigenª wie die des amerikanisch-globalisierten Schutzgçter.
Kapitalismus und des talibanisch-rigorosen Isla- Zwei Ûberlegungen, folgt man der Entwurfsbe-
mismus ist kaum vorstellbar. Die schweren persæn- grçndung, haben jetzt zu einer Neufassung der
lichen Identitåtskrisen, die hieraus resultieren kæn- Verbotsmæglichkeiten gefçhrt. Die erste, durchaus
nen, mægen Psychologen grçndlich erforschen. nachvollziehbare, zielt auf eine Angleichung der
Aufgabe der Politiker ist es, diese kulturell-religiæ- Beschrånkungs- und Verbotsmæglichkeiten fçr
sen Bedingungen in ihrem Zusammenhang mit der kollektive Auslåndertåtigkeiten an die fçr indivi-
globalen wirtschaftlichen Entwicklung und mit duelle Aktivitåten von Auslåndern (im Inland) ab.
den dadurch mitbedingten Migrationsbewegungen Deshalb nimmt der Katalog der Verbotsgrçnde fçr
zu begreifen und daraus vertretbare Konsequen- Auslåndervereine im neuen § 14 Abs. 2 VereinsG
zen zu ziehen. Eine allein auf Abwehr, Abschot- im Wesentlichen Elemente und Formulierungen
tung und Abschiebung setzende Auslånderpolitik des § 37 AuslG auf. Die zweite Erwågung ist von
mag punktuelle Erfolge erzielen, wirkt langfristig dem Bestreben geleitet, von hierzulande existie-
jedoch kontraproduktiv.21 renden ¹Auslåndervereinenª ausgehende Unter-
stçtzungs-Tåtigkeiten fçr im Ausland operierende,
Prçft man die auslånderrechtlichen Vorschriften gewaltsam oder auch nur menschenrechtswidrig
des Terrorismusbekåmpfungsgesetzes vor diesem handelnde ¹Bestrebungenª zu unterbinden. Man
muss allerdings die Erwartung des Gesetzgebers
20 Erhard Denninger, Strafverfahren und Polizeibefugnisse, bezweifeln,23 die neu aufgenommenen Verbots-
in: E. Denninger/Klaus Lçderssen, Polizei und Strafprozess grçnde des § 14 Abs. 2 Nr. 3, 4 und 5 VereinsG
im demokratischen Rechtsstaat, Frankfurt/M. 1978, S. 309.
21 Die Bedeutung einer verånderten Auûenwirtschafts- wçrden fçr die innere Sicherheit der Bundesrepu-
und Entwicklungspolitik als Sicherheits- und Antiterroris-
muspolitik wird eindrçcklich herausgearbeitet von Ernst- 22 Vgl. den informativen Artikel ¹Der verlogene Dialogª
Otto Czempiel, Die Globalisierung schlågt zurçck. Referat in: Der Spiegel, Nr. 51/2001, S. 44 ff.
auf den Ræmerberg-Gespråchen im November 2001, in: 23 Vgl. die Begrçndung des Fraktionsentwurfs, Drs. 14/
Frankfurter Rundschau vom 5. 11. 2001. 7386, S. 123.

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blik von besonderer Bedeutung sein. Denn erstens
war die innere Sicherheit auch bisher schon gegen III. Also: Freiheit durch Sicherheit?
jede Gefåhrdung oder Verletzung rechtlich
geschçtzt, und zweitens håtte man die ¹neuenª Hat der Gesetzgeber das Fragezeichen unserer
Tatbestånde des § 14 Abs. 2 (neu), die græûtenteils Themenstellung erkannt? Hat er çberhaupt unsere
aus § 37 Abs. 1 Nr. 4 bzw. Abs. 2 Nr. 2 und 3 Problematik ± nåmlich die Frage nach den Mæg-
AuslG wærtlich çbernommen wurden, auch bisher lichkeiten einer schutzwirksamen Kompatibilitåt
schon auf entsprechende individuelle Aktivitåten der Funktionslogiken von Rechtsstaat und Pråven-
beziehen kænnen. tionsstaat, von Freiheitssicherung und Sicherheits-
gewåhrleistung ± erkannt und anerkannt? Oder
folgt er blind der Hobbes'schen Dialektik von
Widerspruch muss auch die Behauptung der Schutz und Angst,24 welche das Bundesverfas-
Begrçndung (S. 122) erregen, die Neufassung der sungsgericht in der ¹bleiernen Zeitª der ersten
Verbotsgrçnde strebe einen ¹konkreten und Terrorismuswelle in Deutschland zu einem Kern-
weniger wertungsbedçftigen Katalogª an, um den satz seiner ¹Staatstheorieª verdichtet hat: ¹Die
unter Zeit- und Entscheidungsdruck handlungs- Sicherheit des Staates als verfasster Friedens- und
pflichtigen Sicherheitsbehærden nicht durch Ordnungsmacht und die von ihm zu gewåhrlei-
¹vage, hochgradig auslegungsbedçrftigª formu- stende Sicherheit seiner Bevælkerung sind Verfas-
lierte Eingriffsvoraussetzungen ¹Steine statt sungswerte, die mit anderen im gleichen Rang ste-
Brotª in die Hand zu geben. Eine vagere Formu- hen und unverzichtbar sind, weil die Institution
lierung als ¹die æffentliche Sicherheit oder Ord- Staat von ihnen die eigentliche und letzte Rechtferti-
nung oder sonstige erhebliche Interessen der gung herleitet.ª25
Bundesrepublik Deutschlandª ± so § 14 Abs. 2
Nr. 1 VereinsG (neu) ± und eine wertungsbedçrf- Der Umstand, dass der nach dem 11. September
tigere Formulierung als ¹Bestrebungen . . ., deren sehr eilige Gesetzgeber wichtige Teile seiner
Ziele oder Mittel mit den Grundwerten einer die Novellierungen (s. o. zu II. 1, 2.) auf fçnf Jahre
Wçrde des Menschen achtenden staatlichen Ord- befristete und dann (in ¹letzter Minuteª) auch
nung unvereinbar sindª ± so der alte/neue Wort- noch ausdrçcklich deren Evaluierung anordnete
laut in § 37 Abs. 1 Nr. 4 AuslG und § 14 Abs. 2 (Art. 22 Abs. 3), lieû Hoffnung aufkeimen, er
Nr. 3 VereinsG (neu) ±, sind schwer vorstellbar. kænne das Fragezeichen dieses Themas ernst neh-
Die deutsche Rechtsordnung sollte sich damit men. Allerdings kommt es auf die Kriterien an,
begnçgen, die hierzulande anzutreffenden Vor- nach denen evaluiert wird; sie kænnen sich auf die
stellungen von Menschenwçrde zu schçtzen. Den Effizienz und Kosten unter dem Aspekt der
Auslåndervereinen ist Friedfertigkeit, Achtung Sicherheit beschrånken, sie kænnten aber auch bis
der inlåndischen Gesetze und Toleranz gegen- zu der notwendigen Gesamtabwågung von Sicher-
çber Andersdenkenden abzuverlangen; das låsst heit und Freiheit vordringen. Meine diesbezçgliche
sich in wenigen, klaren Worten ausdrçcken. Die Hoffnung schwand dahin, als ich feststellen
jetzige Fassung des § 14 VereinsG ist ein hoch- musste, dass der Entwurf des Terrorismusbekåmp-
gradig redundanter, nebulæs begrenzter juristi- fungsgesetzes auf dem Vorblatt und im Text der
scher Overkill, der ¹gutwilligeª Auslånder verun- ausfçhrlichen Allgemeinen Begrçndung das Wort
sichert und das zarte Pflånzchen ¹Integrationª ¹Sicherheitª 37-mal,26 das Wort ¹Freiheitª jedoch
erstickt. nicht ein einziges Mal verwendet.

Vielleicht ist dies dem Ernst der Lage angemessen;


Das ¹individuelleª Auslånderrecht des Auslånder- voreilige negative (Kurz-)Schlçsse sind nicht am
gesetzes in der Funktion der Terrorismusbekåmp- Platze. ¹Wenn organisierter Terrorismus und tech-
fung zeigt åhnliche Zçge. Die Ausweisung wird nisches Risiko einander kumulativ begegnenª,
erleichtert, der Abschiebungsschutz fçr aner- dann kann die ¹Risikogesellschaftª rasch zur
kannte politische Flçchtlinge abgeschwåcht. Ûber-
24 Die schon seine vorzeitige Geburt infolge der Nachricht
all herrscht ¹Auslånder-Managementª unter dem vom Heranrçcken des Feindes, der spanischen Armada in
Aspekt der Pråvention: detaillierte Tatbestånde, britische Gewåsser im April 1588, prågte: Seine Mutter ¹did
aber relativiert und ¹gesichertª durch eine vage, bring forth Twins at once, both Me, and Fearª, schreibt Hob-
umfassende Generalklausel; und an die Stelle der bes spåter; zit. nach Iring Fetscher (Hrsg.), Thomas Hobbes,
Leviathan, Neuwied 1966, S. XI.
klaren Feststellung durch eine rechtskråftige Ver- 25 BVerfGE 49, 24, 56 f., 1. 8. 1978 (Kontaktsperregesetz).
urteilung tritt der ± wenngleich durch qualifizierte Hervorh. nicht im Original.
Grçnde gestçtzte ± Verdacht. 26 Allerdings auch in Composita wie ¹Sicherheitsbehærdeª.

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¹Katastrophengesellschaftª absinken, war meine fçr ein Volk von Teufelnª auflæsbar, ¹wenn sie nur
Sorge vor zwælf Jahren.27 Die Benutzung vollge- Verstand habenª, was hier so viel heiût wie fåhig
tankter und -besetzter Groûflugzeuge als Raketen sein zu ¹zweckmåûigem Handeln im Interesse der
gegen Wolkenkratzer zeigt die fçrchterliche Selbsthaltungª.28 Eben dieses Interesse fehlt aber
Potenzierung der Zerstærungskraft, wenn organi- bei den Selbstmord-Terroristen oder gleitet ins
sierter, religiæs und/oder politisch motivierter Ter- Irrationale ab. Eine Sicherheitsgesetzgebung wird
ror die kriminelle mit der technisch-physikalischen also auf deren ¹verståndige Kooperationª nicht
Energie verbindet. Wenn dann, wie geschehen, der einmal im negativen Sinne der Reaktion auf
auf andere gerichtete Vernichtungswille sich noch Abschreckung setzen kænnen. Doch sollte der
mit dem Willen zur Selbstzerstærung multipliziert, Gesetzgeber jene Ausnahmeerscheinungen nicht
dann scheitert sogar das ethisch bescheidene, aber exemplarisch nehmen. Die meisten ¹Teufelª im
realistische Modell Kants der Rechtsstaatsgrçn- Sinne Kants, denen wir begegnen, haben wenigs-
dung oder des friedlichen Zusammenlebens der tens ¹Verstandª.
Menschen. Nach Kant ist dieses Problem ¹selbst
28 Immanuel Kant, Zum ewigen Frieden, 2. Abschnitt, De-
27 Erhard Denninger, Der gebåndigte Leviathan, Baden- finitivartikel, 1. Zusatz. Werke in sechs Bånden, hrsg. von
Baden 1990, S. 25. Wilhelm Weischedel, Band VI, Darmstadt 1964, S. 224.

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