Sie sind auf Seite 1von 1

24.

Mai 2009

Hintergrund
NZZ am Sonntag

Meinungen
17 Teure Senioren Ist die Gletschersee Das Schweizer Tamilen Der
Solidarität unter den Lütschinental ist in Krieg ist zu Ende, doch
Generationen am Ende? Alarmbereitschaft. das Leiden geht weiter.
Seite 22 Seite 24 Seite 25

Nachrichten vom Tod der


Zeitungensindstarkübertrieben
L
esen boomt. Die Mär folgen. Die abonnierte Tageszeitung Besinnung, der Einordnung und des
Das Internet wird von der jungen Gene- steht vor der Herausforderung, sich Überblicks. In dieser Funktion ist die
ration, die sich aus- an das geänderte Nutzungsverhalten gedruckte, bezahlte Wochenpresse
die gedruckte schliesslich übers Inter- der Leser anzupassen. Das Motto unersetzlich. Nur sie bietet eine
net informiere, hält der lautet: weniger, präziser, originaler. Totalität der Leseerfahrung, die das
Presse nie völlig Alltagsbeobachtung je- Niemand bezahlt ein Abonnement Dies ist die Chance der Internet nie wird leisten können.
des Nutzers öffentlicher etwa der «Aargauer Zeitung», um dort Es handelt sich hier nicht um Phan-
verdrängen, meint Verkehrsmittel nicht stand. Es wurde Meldungen über Vanuatu zu lesen. Wochenpresse, zu der primär tasmen eines besorgten Chefredak-
wohl noch nie so viel Zeitung gelesen Diese inhaltliche Neuorientierung die Sonntagstitel gehören. tors, sondern um Überzeugungen, die
Felix E. Müller wie heute. der abonnierten Tageszeitung haben Sie sind die Anlegestellen im etwa durch die steigenden Leserzah-
Was nicht boomt, ist das Bezahlen die Redaktionen zu leisten. Die Ver- len der «NZZ am Sonntag» bestätigt
für Information. Sowohl die Gratis- leger ihrerseits stehen vor grösseren reissenden News-Fluss. Hier werden. Für uns ist die jetzige Krise
zeitungen wie das Internet nähren Aufgaben als derjenigen, Kosten zu gibt es die Möglichkeit der nicht eine Krise des Leserinteresses,
fälschlicherweise den Eindruck, Nach- senken. Für sie liegt die Herausforde- Besinnung, der Einordnung sondern eine des konjunkturellen
richten seien gratis zu haben. Gratis rung darin, neue Geschäftsmodelle zu Anzeigenschwunds. Dass sich die
ist nur die Propaganda. An diesem entwickeln. Gesucht wäre ein raffi- und des Überblicks. Hoffnung, mit dem Anziehen der Kon-
Zustand sind die Verleger zu einem niertes Zusammenspiel von Print, junktur würden die Inserate wieder
grossen Teil selber schuld. Sie haben Gratis-Internet und Bezahl-Internet, zurückkehren, vielleicht nur zum Teil
für Millionen ihre Internetportale um der gedruckten täglichen Infor- erfüllen wird, mag sein. Leserinnen
ausgebaut und deren Inhalt frei zu- mationsvermittlung eine Zukunft und Leser müssen wohl bereit sein, in
gänglich gemacht – dies in der Annah- zu bieten, die über den Abdruck von Zukunft für seriöse Information etwas
me, dass die Werbung automatisch Agenturmeldungen hinausreicht. mehr zu bezahlen als bis anhin. Denn
den Lesern folgen werde. Die Rech- Vor kurzem hat Rupert Murdoch, Inhalte sind nie gratis, selbst wenn sie
nung geht, wie man heute weiss, nicht der globale Medienzar, gesagt: «Wir sich so präsentieren.
auf. Nur wenigen Nachrichtenportalen stecken mitten in einer epochalen Das Verschwinden der gedruckten
weltweit gelingt es, sich überhaupt Debatte über den Wert von Inhalten, und bezahlten Presse hätte gravieren-
in den schwarzen Zahlen zu halten. und es ist vielen Zeitungen klar de Auswirkungen. Es wäre dies das
Und die Gewinnmargen sind so klein, geworden, dass das bisherige Modell Ende einer Zivilgesellschaft, die sich
dass sich darauf langfristig kein Un- nicht funktioniert.» Deshalb beab- in ihrem politischen und intellektuel-
ternehmen abstützen lässt. sichtigt er – wie auch die «New York len Haushalt auf die Filterfunktion
Die Leser haben sich in der Zwi- Times» –, künftig das Online-Portal von Medien stützen kann, die ein-
schenzeit jedoch daran gewöhnt, dass von Blättern wie etwa der «Times» schätzbar sind. Diese stellen ein Ein-
sie auf dem Netz kostenlos finden, gebührenpflichtig zu machen. Mit verständnis her über die Dinge, die
wofür sie als Abonnent zahlen sollten. Spannung verfolgt die Branche, ob der wichtig sind, und sie bestimmen so
Zudem ermöglicht ihnen das Internet, Versuch von Erfolg gekrönt sein wird. den allgemeinen Diskurs. Vermögen
mehr Autonomie über die Informa- Wegen des Internets gleicht das sie diese Rolle nicht mehr zu spielen,
tionsbeschaffung zu erhalten. Der Rauschen der News unter der Woche droht etwa eine vom Internet ge-
smarte Nutzer im Alltagsstress kann mittlerweile einem Sturzbach, der die steuerte Politik um sich zu greifen,
heute weitgehend selbst bestimmen, meisten zu ertränken droht. Es gibt die anfällig ist für Stimmungen, für
was er wann und wo zu lesen wünscht. zu viele Nachrichten, es gibt vor allem populistische Aufwallungen und für
Also nimmt die Zahl derjenigen, die auch zu viel Belangloses, weshalb es versteckte Zugriffe auf die Macht.
für Inhalte Geld ausgeben, ständig ab. schwieriger geworden ist, sich in Die Kampagne um die Verjährungs-
Dieser Trend, gekoppelt mit der ge- dieser Flut noch einen Überblick zu initiative ist ein Vorbote der Dinge,
genwärtigen schweren Rezession, verschaffen. Dies ist die Chance der die da auf uns zukommen könnten.
setzt den abonnierten Tageszeitungen Wochenpresse, zu der primär die Und wann hätte man denn besser
stark zu. Über 500 Journalisten Sonntagstitel gehören. Sie sind die Zeit, über solche Entwicklungen zu
wurden in der Schweiz in den letzten Anlegestellen in diesem reissenden lesen und nachzudenken als an einem
Monaten entlassen; weitere werden Fluss. Hier gibt es die Möglichkeit der ruhigen Sonntag? Eben.

E
s ist, als ob ein Ange- mann. Also könne er Mängel frei be- dermann ist die regionale Träger- Warum ist im Tessin die SRG der
Stachel stellter des Vatikans den
Papst öffentlich kritisie-
ren würde. Da hat es
nennen. In der SRG entdeckt der
SRG-Funktionär den Missstand, dass
die Führung nach immer mehr Macht
schaft des Vereins SRG ein Garant
dafür, dass eine öffentliche, aber keine
staatliche Kontrolle des öffentlichen
grösste Arbeitgeber? Warum werden
dort Sender am Leben erhalten, die
kaum jemanden interessieren? Warum
im Fleisch Generaldirektor Armin
Walpen über die Jahre
geschafft, die vier Re-
strebe und die «Leute über den
Tisch» zu ziehen versuche. Für Nie-
Rundfunks stattfinde. Oberstes Ziel
müsse es sein, die Unabhängigkeit des
Programms zu gewährleisten. Der
müssen die Deutschschweizer Gebüh-
renzahler Geld für Luxus in den Süd-
kanton überweisen? Warum werden
der SRG gionalgesellschaften der SRG mit Per-
sonen zu bestücken, die ihm treu er-
geben sind. Wer sich als Politiker nie
Trend in der SRG gehe aber in die
umgekehrte Richtung: Die unlängst
beschlossene Zentralisierung bringe
SRG-Dienststellen nicht gestrichen,
deren Tätigkeit keinen spürbaren Ein-
fluss auf die Sendungen hat? Warum
Dieter Niedermann, kritisch über die SRG äusserte und
auch sonst dem Hinterbänklertum
eine Konzentrierung der Macht an der
SRG-Spitze – und diese sei empfäng-
dürfen die Mitarbeiter der SRG jede
Minute Überzeit kompensieren? War-
der Präsident der zugeneigt war, konnte damit rechnen,
von Walpen mit einem Posten in ei-
lich für politische Einflussnahme.
«Dem Herrn Generaldirektor ist
um will die SRG Radio und Fernsehen
unter eine gemeinsame Leitung stel-
SRG Ostschweiz, nem Gremium der Radio- und Fern-
sehgesellschaft belohnt zu werden.
die Trägerschaft der SRG völlig egal.
Er hält sich verantwortlich für jede
len, wo doch die beiden Medien ganz
unterschiedlich funktionieren? Solche
sieht Ähnlichkeiten Plötzlich ist einer da, der nichts hält
von der Tradition des Abnickens und
einzelne Sendung, die von Radio
und Fernsehen ausgestrahlt wird.
Fragen wirft Niedermann auf. Er er-
zählt mit einem Anflug von Heiterkeit,
zwischen SRG-Chef Sätze sagt wie: «Walpen mit Berlus-
coni gleichzusetzen, wäre falsch. Aber
Das ist unschweizerisch, denn wir
haben in diesem Land eine tiefe Ab-
es gebe jeweils «Tätsch» aus der
SRG-Zentrale, Zurechtweisungen, aber
Walpen und Silvio Ähnlichkeiten gibt es durchaus.»
Dieter Niedermann ist Präsident
neigung gegen die Machtballung bei
einer einzigen Person.» In Nieder-
die seien ihm egal. Solange er keine
plausiblen Antworten erhalte, stelle er
SANDRA NIEMANN

Berlusconi. Von der SRG Ostschweiz. 20 Jahre lang


war er Staatsschreiber des Kantons
manns Stimme ist keine Wut; er
spricht vielmehr wie jemand, dem
die Fragen weiter.
Am Montag will der Verwaltungs-
Francesco Benini St. Gallen, er war das juristische Ge-
wissen der Regierung, bereitete deren
es Freude bereitet, an
einem Monu-
rat der SRG Deutschschweiz einen
neuen Radiodirektor einsetzen. Nie-
Sitzungen vor, er war loyal und ver- ment zu dermann kämpft dagegen an, weil er
schwiegen. Niedermann sei zurück- kratzen. das Vorgehen als «klar statutenwid-
haltend gewesen als Staatsschreiber, rig» einstuft. Für die Wahl sei der
sagt der ehemalige St. Galler Bil- Regionalrat zuständig, alles andere sei
dungsdirektor Hans Ulrich Stöckling. unzulässig. Wieder wollte die SRG ein
Er habe andere nie scharf kritisiert, er wichtiges Geschäft heimlich abwi-
habe sich Zeit gelassen mit seinen Ur- ckeln, wieder wurde der Plan durch
teilen. Wenn Niedermann die SRG- Indiskretionen publik, wieder über-
Führung nun hart angehe, dann müsse zeugt die Kommunikation der SRG
er zutiefst empört sein. nicht, wieder wirkt ihre Führung kopf-
Warum ist der vormals brave los. Niedermann lächelt. «Walpen
Staatsdiener so aufmüpfig? «Anders probiert's mit allen Mitteln. Gut, dass
als früher bin ich heute völlig unab- der Machiavelli nicht vorrätig zu sein
hängig», sagt der 66-jährige Nieder- scheint in seiner Bibliothek.»