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1,50 EUR davon 90 CT für den_die Verkäufer_in Straßenzeitung für Berlin & Brandenburg No. 7,

1,50 EUR

davon 90 CT für den_die Verkäufer_in Straßenzeitung für Berlin & Brandenburg No. 7, April 2014
davon 90 CT für
den_die Verkäufer_in
Straßenzeitung für Berlin & Brandenburg
No. 7, April 2014
KRIEG
FRIEDENSFORSCHER
»Interview: Margret
Johannsen« (Seite 3)
JOAN BAEZ
»Songs gegen Krieg« (Seite 19)
11MM FILMFEST
»Union fürs Leben«
(Seite 26)

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INHALT

strassenfeger

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April 2014

KRIEG

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Interview: Krieg oder Frieden?

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100 Jahre Erster Weltkrieg

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Kriegsdienstverweigerung

8

Der Gezi-Park - Symbol des Widerstandes

10 Krieg – Bankrotterklärung an die Vernunft

11 Die ewige Suche

12 Rosenkrieg

13 Kriegsspiele

14 Pazifismus

15 Strukturelle Gewalt & Strukturen

TAUFRISCH & ANGESAGT

art strassenfeger

16 Eden im Erdgeschoss, Hölle im Himmel Die Ausstellung »Making Eden« von Yinka Shonibare in der Galerie Blain|Southern

INSP

18 Exklusivinterview: Joan Baez

Brennpunkt

20 Familien mit Kindern in der »Kältehilfe«

21 Bilanz der »Berliner Kältehilfe«

Kulturtipps

23 skurril, famos und preiswert!

strassenfeger radio

24 »Einmischen« von »Lari & die Pausenmusik«

Sport

25 Das elfte »11mm Fußballfilmfestival«

26 »Union fürs Leben« – Chris Lopatta erzählt

Aktuell

28 Quiz zur Europawahl 2014

AUS DER REDAKTION

Hartz IV-Ratgeber

29 Leistungen für Bildung & Teilhabe (4)

Kolumne

30 Aus meiner Schnupftabakdose

Vorletzte Seite

31 Leserbriefe, Vorschau, Impressum

Liebe Leser_innen,

leider haben die schlimmen Ereignisse in Syrien und in der Ukra- ine wieder ein Thema auf die Tagesordnung gehoben, dass viele Menschen auf diesem Planeten längst abgeschafft wünschten:

Krieg. 2014 ist es genau 100 Jahre her, dass von deutschem Bo- den der Erste Weltkrieg ausbrach. 75 Jahre ist es nun her, dass Hitler-Deutschland Polen überfiel und damit den Zweiten Welt- krieg auslöste. In Syrien bekriegt seit Jahren der Diktator Baschar al-Assad sein eigenes Volk. Mehr als 140 000 Menschen sind im syrischen Bürgerkrieg bereits getötet worden, davon rund die Hälfte Zivilisten. In der Ukraine herrscht zwar kein Krieg, aber durch die Annektion der Krim durch Russland befand sich Eu- ropa sehr nah an einer kriegerischen Auseinanderseztung. Ganz gebannt scheint die Gefahr noch immer nicht. Grund genug für unsere Autoren, sich in dieser Ausgabe ganz intensiv mit dem Krieg zu beschäftigen. Wir eröffnen mit einem Interview mit der Friedensforscherin Dr. Margret Johannsen. Sie bereitet gerade mit anderen Wisschenschaftlern das »Friedensgutachten 2014« vor, das am 3. Juni veröffentlicht wird (Seite 3). Wir berichten über die Ausstellung zum Ersten Weltkrieg im Deutschen His- torischen Museum S. 6), Kriegsdienstverweigerer (Seite 7), Kriegsspiele (Seite 13) und Pazifismus (Seite 14), informieren Sie aber auch darüber, was es denn mit dem »Rosenkrieg« so auf sich hat (Seite 12).

In unserer Rubrik art strassenfeger rezensiert unsere Kulturre- dakteurin Urszula Usakowska-Wolff die Ausstellung »Making Eden« von Yinka Shonibare in der Galerie »Blain|Southern«. Außerdem in der Ausgabe zwei Brennpunktartikel zur »Berliner Kältehilfe« (Seite 20/21). Das Internationale Netzwerk der Stra- ßenzeitungen (INSP) steuerte ein Interview mit der weltberühm- ten Folksängerin Joan Baez zu dieser Ausgabe bei (Seite 18).

Ganz besonders gefreut haben wir uns auch über das »11mm Fußballfilmfestival« (Seite 25). Wir erzählen, was es an tollen Filmen zum Fußball gab und haben einen ganz großen Fan des »1. FC Union« getroffen (Seite 26).

Ich wünsche Ihnen, liebe Leser_innen, wieder viel Spaß beim Lesen! Andreas Düllick

strassen|feger

Die soziale Straßenzeitung strassenfeger wird vom Verein mob – obdach- lose machen mobil e.V. herausgegeben. Das Grundprinzip des strassenfeger ist: Wir bieten Hilfe zur Selbsthilfe! Der strassenfeger wird produziert von einem Team ehrenamtlicher Autoren, die aus allen sozialen Schichten kommen. Der Verkauf des stras- senfeger bietet obdachlosen, wohnungslosen und armen Menschen die Möglichkeit zur selbstbestimmten Arbeit. Sie können selbst entschei- den, wo und wann sie den strassenfeger anbieten. Die Verkäufer erhalten einen Verkäuferausweis, der auf Verlangen vorzuzeigen ist. Der Verein mob e.V. finanziert durch den Verkauf des strassenfeger soziale Projekte wie die Notübernachtung und den sozialen Treffpunkt »Kaffee Bankrott« in der Storkower Str. 139d. Der Verein erhält keine staatliche Unterstützung.

sozialen Treffpunkt »Kaffee Bankrott« in der Storkower Str. 139d. Der Verein erhält keine staatliche Unterstützung.

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Krieg oder Frieden?

Das »Friedensgutachten 2014«

INTERVIEW:

Andreas

Düllick

Das »Friedensgutachten 2014« INTERVIEW: Andreas Düllick Russischer Armee-Helikopter MI-35 in der Nähe des Dorfes

Russischer Armee-Helikopter MI-35 in der Nähe des Dorfes Strelkovo, Ukraine (Foto: © Valentyn Ogirenko / Reuters)

V or genau einhundert Jahren brach in Europa der I. Weltkrieg aus. 17 Mil- lionen Menschen verloren in diesem Krieg ihr Leben. Einhundert Jahre spä-

ter stehen wir angesichts der Krise um die Ukra- ine und die Annektion der Halbinsel Krim durch Russland vor einer sehr schweren Krise. Auf der einen Seite die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union und der NATO sowie die Ukraine. Auf der anderen Seite Russland und die abtrünnige Krim. Dabei dachte man allerorten schon, dass der Kalte Krieg endlich vorbei sei. Mit der deutschen Ein- heit und dem damit verbundenen Ende des Ost- West-Konflikts bot sich die Chance, die Teilung Europas zu überwinden und einen dauerhaften Frieden in der Region zu schaffen. Diese Chance scheint nun vorläufig verspielt. Stattdessen wie- der Säbelrasseln in Europa. Aller Jahre wieder wird von Friedensfor- schern das »Friedensgutachten« herausgeben, gefördert von der Deutschen Stiftung Friedens- forschung (DSF). Neben der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung (HSFK) und dem Hamburger Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik (IFSH) sind daran auch das Bonn International Center for Conversion (BICC) und die Forschungsstätte der Evangelischen Stu- diengemeinschaft (FEST) sowie das Institut für Entwicklung und Frieden (INEF) in Duisburg beteiligt. Avisiert ist das Gutachten 2014 für den

3. Juni; momentan haben die Forscher angesichts des Ukraine-Konflikts noch alle Hände voll zu tun. Andreas Düllick sprach für den strassenfe- ger mit Dr. Margret Johannsen, Senior Research Fellow des IFSH über Krieg und Frieden.

Andreas Düllick: Genau 100 Jahre nach dem Ausbruch des I. Weltkriegs hält die Welt ange- sichts des Konflikts um die Ukraine gerade den Atem an. Droht uns ein III. Weltkrieg? Margret Johannsen: Nein, ich denke nicht. Ich würde hier von einer schweren Krise im Verhältnis zwischen Russland auf der einen und den USA sowie der Europäischen Union und der NATO auf der anderen Seite sprechen. Diese Krise kann allerdings die Zusammenarbeit bei vielen außereuropäischen bzw. globalen Politik- feldern für Jahre zurückwerfen.

Worin sehen Sie als Friedensforscherin die Ur- sachen? Ist es der Hegemonismus eines Dikta- tors, sind es die Expansionsbestrebungen der EU und der NATO? Ich würde rhetorisch abrüsten und einsei- tige Schuldzuweisungen vermeiden. Beide Sei- ten haben Verantwortung für die Konfrontation:

Die russische Führung hat aus der Erfahrung, an der Spitze einer absteigenden Großmacht zu stehen, die falsche und kurzsichtige Konsequenz gezogen, hegemoniale Interessen ohne Rück-

sicht auf das Völkerrecht durchzusetzen. Die Europäische Union hat ohne Rücksicht auf die russischen Empfindlichkeiten, die durchaus ei- nen Reflex auf die Ausdehnung der NATO nach Osten darstellen, der Ukraine auch aus knall- harten Marktinteressen heraus wirtschaftliche Avancen gemacht, die das Streben Russlands nach Dominanz in seiner Nachbarschaft durch- kreuzten. Auf beiden Seiten zählte der Wunsch der Menschen in der Ukraine nach Selbstbestim- mung und Entwicklung wohl nur am Rande. Ein wesentliches Problem ist in diesem Zu- sammenhang, dass nach dem Ende des Kalten Krieges die Staaten des postsowjetischen Raums keinerlei Aussöhnungspolitik betrieben und die fehlenden Nationsbildungsprozesse nicht auf friedliche Weise nachgeholt haben. Unter einer solchen auf friedlicher Streitbeilegung ausge- richteten Nachbarschaftspolitik wäre es z. B. möglich gewesen, sich auf ein Referendum ähn- lich wie nach 1945 im Saarland zu einigen. Das Ergebnis wäre vermutlich dasselbe gewesen wie heute – die Krim geht zurück nach Russland. Stattdessen regieren in diesem Raum wirtschaft- liche Rücksichtlosigkeit, Kleptokratie sogenann- ter Eliten und politische Verantwortungslosig- keit gegenüber der Bevölkerung.

Was können vernünftige Menschen und Politi- ker tun, damit aus diesem Konflikt kein neuer Weltenbrand entflammt? Grundlage jedes vernünftigen Handels ist die Einsicht, dass es keine kriegerische Lö- sung für diesen Konflikt gibt. Um die Krise zu entschärfen ist es erforderlich, Rücksicht auf berechtigte Sicherheitsinteressen aller

ist es erforderlich, Rücksicht auf berechtigte Sicherheitsinteressen aller Prof. Margret Johannsen (Foto: Schlaining)
ist es erforderlich, Rücksicht auf berechtigte Sicherheitsinteressen aller Prof. Margret Johannsen (Foto: Schlaining)

Prof. Margret

Johannsen

(Foto: Schlaining)

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Beteiligten zu nehmen. Wir leben in Europa nun mal sozusagen Seite an Seite. Wie im »alten« Ost-West-Konflikt gilt noch immer, dass Sicherheit nur gemeinsam möglich ist. Also muss man miteinander reden – auf jeder Ebene: auf Gip- feltreffen der Entscheidungseliten, wissenschaftlichen Kon- ferenzen, touristischen Reisen. Und das geschieht ja auch. Trotz aller berechtigter Sorge ist es beruhigend zu erfahren, dass die Einrichtungen nicht außer Kraft gesetzt sind, die man nach Ende des Kalten Krieges geschaffen hat, um auf Kri- sen deeskalierend einzuwirken. In Krisen wie in Kriegen und Revolutionen ist man schnell Partei und sehr selektiv in der Wahrnehmung. Die Einäugigkeit zu überwinden ist eine im- mer wiederkehrende Herausforderung, aber unbedingt nötig, um Krisen nicht eskalieren zu lassen, sondern konstruktiv zu lösen. Dazu gehört auch, alten Feindbildern, wie sie in dieser Krise wieder aufleben bzw. auch medial bedient und verstärkt werden, überall wo man kann entgegenzutreten. Das heißt allerdings nicht, dass man nun gar keinen Stand- punkt mehr haben sollte. Es wäre wünschenswert gewesen, wenn es nach dem Zerfall der Sowjetunion in diesem Raum eine Aussöhnungspolitik gegeben hätte, vergleichbar z. B. mit der zwischen Deutschland und Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg. Das Referendum über die Zugehörigkeit des Saar- landes 1955, dem ein durchaus leidenschaftlicher Meinungs- kampf vorausgegangen war, hat am Ende zu einer friedlichen Grenzveränderung in Westeuropas geführt. Nach einer auf friedliche Streitbeilegung ausgerichteten Nachbarschaftspo- litik im postsowjetischen Raum wäre eine Krise wie die um die Krim-Halbinsel wohl vermeidbar gewesen. Grenzverände- rungen sind ja nicht per se des Teufels. Eine vergleichbare, zwischen Russland und der Ukraine vereinbarte Abstimmung auf der Krim hätte vermutlich dazu geführt, dass die Bevöl- kerung sich für die Zugehörigkeit ihrer Region zu Russland entschieden hätte. Die Lehre daraus ist aber nicht, dass ein Staat wie Russ- land dazu prinzipiell nicht in der Lage ist. Vielmehr sollten wir die Hoffnung nicht aufgeben, dass die Menschen, die un- ter Kleptokratie und ökonomischem Stillstand leiden, auf die Dauer dagegen aufbegehren werden und ihr Land verändern. Wir, denen es besser geht, sollten es wiederum den Nutznie- ßern dieser Zustände nicht mit Drohgebärden zu leicht ma- chen, das Leiden der einfachen Menschen an ihrer Lage in Nationalismus und blinde Gefolgstreue zu verwandeln.

Lage in Nationalismus und blinde Gefolgstreue zu verwandeln. Viele Menschen haben geglaubt und gehofft, dass die

Viele Menschen haben geglaubt und gehofft, dass die Menschheit im 21. Jahrhundert klüger geworden ist, dass Kriege und kriegerische Auseinandersetzungen endlich der Vergangenheit angehören. Genau das Gegenteil ist der Fall. Woran liegt das? Das 21. Jahrhundert ist in der Tat bisher nicht ein Jahr- hundert des Weltfriedens. Im vergangenen Jahr gab es nach der Zählung der Hamburger Arbeitsgemeinschaft Kriegsursa- chenforschung (AKUF) 30 Kriege und bewaffnete Konflikte. Andererseits hat es seit 1945 keinen Gewaltkonflikt gegeben, in den so viele Staaten verwickelt waren und der so viele Opfer gefordert hat. Es scheint, als hätten die Staaten aus den beiden Katastrophen des 20. Jahrhunderts doch gelernt und Institutio- nen geschaffen, die Jahrhundertkatastrophen wie diese verhin- dern können. Trotzdem ist die große Zahl der innerstaatlichen Gewaltkonflikte alarmierend. Ich führe das aber nicht darauf zurück, dass »die menschliche Natur« zum Krieg drängt. Ich interpretiere dieses Konfliktgeschehen eher als Ausdruck des Zusammenpralls von Macht und Ohnmacht, Reichtum und Ar- mut, Hoffnung und Gier - ohne dass es gelungen ist, robuste Me- chanismen für einen zivilisierten Ausgleich zwischen konträren Vorstellungen von einem guten Leben zu entwickeln. Solange sie fehlen, sind Waffen immer wieder das Mittel der Wahl. Und es mangelt weltweit ja nicht gerade an Waffen. Dennoch sind es diejenigen, die über ihren Einsatz entscheiden, die man davon überzeugen muss, dass es realistische Alternativen zu Waffenge- walt zur Wahrnehmung und Durchsetzung von Interessen gibt.

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Was wird denn im Mittelpunkt des diesjährigen Friedensgut- achtens stehen? Unser Schwerpunkt heißt »Europa – Friedensprojekt am Ende?« Darin setzen wir uns mit dem Verlust an Zustimmung auseinander, den die europäische Einigung in vielen Mitglied- staaten erlebt, aber auch mit so hochproblematischen Politik- feldern wie europäischer Flüchtlings- und Grenzpolitik oder den europäischen Polizeimissionen jenseits der europäischen Grenzen. Und natürlich behandeln wir wie jedes Jahr aktuelle Brennpunkte wie den Bürgerkrieg in Syrien oder die Krim- Krise. Das Friedensgutachten ist ja ein Jahrbuch. Das bedeu- tet einerseits, kurzfristig auf das weltweite Konfliktgeschehen reagieren zu müssen. Andererseits haben wir aber auch einen langen Atem. Der syrische Bürgerkrieg zum Beispiel beschäf- tigt uns in unserem Buch jetzt schon im dritten Jahr.

Seit den 1990er Jahren hat die Europäische Union neue si- cherheitspolitische Institutionen geschaffen, ihre operativen Fähigkeiten ausgebaut und damit wichtige Weichen künfti- ger Politik gestellt. Wirken diese Instrumente? Ja, aber begrenzt. Das liegt vor allem daran, dass die Einzelstaaten bzw. deren Regierungen bei Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik nicht das Heft des Handelns aus der Hand geben wollen. Das Beharrungsvermögen von Souverä- nitätswünschen ist groß. Andererseits ist dies aber verständ- lich, solange die Demokratiedefizite in der EU bestehen. Die nationalen Parlamente haben ja sehr viel mehr Einfluss auf die Politik der einzelnen Mitgliedstaaten als das Europaparla- ment auf die Politik der Kommission bzw. des Europäischen Rats. Weil man vitale Entscheidungen über Krieg und Frieden nicht mangelhaft legitimierten Instanzen überantworten will, konzentriert man sich in der EU auf zivile und polizeiliche Missionen jenseits der europäischen Grenzen.

Kann die EU einen Beitrag zur Entmilitarisierung leisten? Oder geht von ihr ein »Euromilitarismus« aus? Ich denke, dass die EU das kann – oder könnte. Die sinkenden Rüstungsbudgets tragen sicher dazu bei – auch

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wenn sie ihre Ursache in Sparzwängen haben. Andererseits drängen darum die europäischen Rüstungsproduzenten auf den Weltmarkt und tragen so zur Militarisierung zwi- schenstaatlicher oder innerstaatlicher Konflikte bei. Von Euromilitarismus würde ich aber nicht sprechen. Gerade die Vielstimmigkeit der EU verhindert, dass aus ihr eine militärisch handlungsfähige Großmacht mit hegemonialem Ehrgeiz wird. Wir haben im diesjährigen Friedensgutachten auch einen Beitrag, der sich kritisch mit der Vision einer europäischen Armee auseinandersetzt. Das wesentliche Ar- gument des Autors ist, dass eine europäische Armee sich mit den Sicherheitsbedürfnissen von Staaten außerhalb der EU nicht ohne weiteres vereinbaren ließe und damit zu mehr Unsicherheit in der Staatenwelt beitragen könnte, dass sie zudem die Vermittlerrolle der EU schwächen und den hohen deutschen Standard demokratischer Kontrolle des Militärs untergraben würde.

Kriege werden heute anders geführt als noch vor ein paar Jah- ren: Heute gibt es den Cyberwar, unbemannte Drohnen etc. – der Krieg verändert sein Gesicht. Wie gehen Sie damit um? Wir kritisieren den Trend zum Schattenkrieg oder auch unsichtbaren Krieg – unsichtbar insofern, als er für den tech- nologisch weit überlegenen Staat so gut wie schmerzlos ist. Es gibt ja kaum mehr eigene Opfer. Damit aber hat es die innergesellschaftliche Opposition gegen die Kriegführung des eigenen Staates schwer, dagegen zu mobilisieren. Mit abnehmendem eigenem Risiko sinkt die Hemmschwelle für den Griff zu militärischen Mitteln. Zudem verschwimmt mit dieser Kriegführung die Grenze zwischen Krieg und Frieden. Das sogenannte »gezielte Töten« in Staaten, mit denen sich der Drohnen einsetzende Staat nicht im Krieg befindet, verstößt gegen das Völkerrecht. Wir haben im Friedensgutachten 2013, dessen Titelbild übrigens einen Drohnensteuerstand zeigt, die Forderung aufgestellt, Kampfdrohnen völkerrechtlich zu äch- ten. Diese Forderung haben wir nachdrücklich auf der Bun- despressekonferenz in Berlin und in unseren Gesprächen mit dem Auswärtigen Ausschuss und dem Verteidigungsausschuss sowie mit Parteiführungen vertreten.

Wie ist die Resonanz auf das alljährliche Gutachten, wird es von Spitzenpolitikern – z. B. den deutschen Verteidigungs- ministern – anerkannt und genutzt?

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Seit 1987, als das erste Friedensgutachten erschien, hat die Resonanz im politischen Berlin (früher Bonn) kontinuierlich zugenommen. Frü- her erschien das Buch auf dem Markt und die In- stitute versorgten die Ministerien sowie die Bun- destagsabgeordneten, aber auch Journalisten, Bibliotheken und mitunter auch Netzwerke der Friedensbewegung mit ihrem Jahrbuch über das Konfliktgeschehen und die Arbeit am Frieden. Man wartete eher auf Rückmeldung. Heute ge- hen wir viel offensiver mit unserem Produkt um. Wir können das aber auch, weil unsere Adressa- ten uns einladen, ihnen unsere Befunde – Kritik ebenso wie Empfehlungen – persönlich vorzu- stellen und darüber mit ihnen zu diskutieren. Ob unsere Stellungnahmen dann auch in die Politik einfließen ist noch mal eine andere Sache. Der Fortschritt ist eben doch eine Schnecke. Manch- mal dauert es Jahre, bis man sich im politischen Berlin plausiblen Einsichten öffnet. Zum Bei- spiel sollte man, wie im Konflikt zwischen den Palästinensern und Israel, gewählte Regierungen nicht boykottieren, wenn man einer vormaligen Widerstandsbewegung nicht den Weg zu histo- rischen Kompromissen versperren will. Oder es müsste eigentlich jedem klar sein, dass man für Krisenbewältigung in Europa keine Feindbilder gebrauchen kann. Ich bin gespannt, ob wir im Juni 2014, wenn wir mit dem Friedensgutachten in Berlin sind, hierbei noch Überzeugungsarbeit leisten müssen.

01 NATO und Irak entschärfen gemeinsam tödliche improvisierte

Bomben (Quelle: www.nato.int)

02 NATO und ukrainische Marine im gemeinsamen Kampf gegen

Piraterie. (Quelle: NATO International Military Staff)

03 US-amerikanische Drohne ›Global Hawk‹ beim Erkundungsflug

(Quelle: Wikipedia/U.S. Air Force/Bobbi Zapka)

INFOS

INFOS
INFOS
INFOS

Das Friedensgutachten 2014 erscheint am 03.06.2014 und kann demnächst beim LIT Verlag Münster vorbe- stellt werden.

www.friedens-

gutachten.de

www.bundesstiftung-

friedensforschung.de

www.fest-heidelberg.de

www.inef.de

www.ifsh.de

www.hsfk.de

www.bicc.de

friedensforschung.de › www.fest-heidelberg.de › www.inef.de › www.ifsh.de › www.hsfk.de › www.bicc.de

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100 Jahre Erster Weltkrieg

Sonderausstellung im Deutschen Historischen Museum

B E R I C H T:

M a n u e l a

P.

A m 1. August diesen Jahres jährt sich

der Beginn des Ersten Weltkrieges

zum 100. Mal. An ihm waren zahlrei-

che Länder auf mehreren Kontinenten

zugleich beteiligt. Nicht nur das war neu, son- dern auch die Kriegstechnik und die Kriegsfüh- rung. Der technische Fortschritt der vorletzten Jahrhundertwende hat etliche neue Waffen, wie Maschinengewehre, Handgranaten und Flam- menwerfer, sowie Kampfflugzeuge u. a. hervor- gebracht. Der Krieg erlebte eine neue Dimen- sion. Es starben Millionen Menschen.

Seit dem Ende des Ersten Weltkrieges haben sich

die politischen Verhältnisse in Deutschland, Eu- ropa und der Welt einschneidend verändert. So wurde in Deutschland nach dem Ende der Mo- narchie und der Novemberrevolution 1918 die Weimarer Republik ausgerufen. Im Jahr 1933 kamen die Nationalsozialisten an die Macht, die mit dem Überfall auf Polen am 1. September

1939 die Welt erneut in einen Krieg stürzten, den

Zweiten Weltkrieg. Dem folgte die Zeit der Be- setzung Deutschlands durch die Alliierten und

später die Gründung zweier deutscher Staaten, die sich nach dem Mauerfall am 09. November

1989 am 03. Oktober 1993 wieder vereinten.

In diesem Jahr begehen wir also nicht nur den 100. Jahrestag des Ersten Weltkrieges, sondern auch den 75. Jahrestag des Zweiten Weltkrieges und den 25. des Mauerfalls. Wer diesen Ereig- nissen geschichtlich nachgehen möchte, dem ist ein Besuch des Deutschen Historischen Muse- ums im Zeughaus Unter den Linden zu empfeh- len. Sie können durch den Haupteingang an der Straße Unter den Linden starten oder durch den Eingang in der Straße Hinter dem Gießhaus, der von dem amerikanischen Star-Architekten I. M. Pei gestaltet wurde.

Die Dauerausstellung befindet sich im Zeug- haus auf zwei Etagen. Das Erdgeschoss widmet sich der neueren Geschichte und startet mit dem Jahr 1918, in der Zeit unmittelbar nach dem Ende des Ersten Weltkrieges. Dort werden sie von Fotos und Dokumenten zur Novem- berrevolution 1918 sowie von Plakaten zum Aufruf zu Spenden für rückkehrende Soldaten und zu den anstehenden Parlamentswahlen empfangen. Das Leben der Menschen war zu dieser Zeit bestimmt von den Nachwirkungen des Krieges. Es herrschte Not und Unruhe. Die politischen Verhältnisse waren alles andere als stabil. Die Frage nach dem Sinn der unmensch-

andere als stabil. Die Frage nach dem Sinn der unmensch- Alte Kriegswaffen im Innenhof des DHM

Alte Kriegswaffen im Innenhof des DHM (Foto: Manuela P.)

lichen Gewalt des Krieges wurde immer wieder gestellt. Wofür die die vielen Toten?

Wie auch im Rest der Ausstellung vermitteln die zahlreichen Fotos, Dokumente und Propaganda- materialien ein Gefühl für das Leben und Den- ken dieser Zeit. Auf manchen Fotos schauen die Augen der Menschen die Besucher unmittelbar an. Es ist schwer sich ihnen zu entziehen. Was für ein Schicksal sich wohl dahinter verbirgt? Die Vergangenheit bekommt hier ein Gesicht. Geschichte wird hier aber nicht nur über Papier vermittelt. Verschiedene Objekte, wie z. B. Klei- dung, Uniformen, technische Geräte und auch Waffen ergänzen die Vorstellung der jeweiligen Zeitepoche. In die Zeit vor dem Ende des Ersten Weltkrieges bis zurück in das 1. Jahrhundert vor Christus führt die Ausstellung im Obergeschoss.

Das Zeughaus beherbergt aber nicht nur Zeug- nisse der deutschen Geschichte mit ihren zahl- reichen Kriegen, es hat auch selbst eine militäri- sche Vergangenheit. Es ist das älteste Gebäude auf der Straße Unter den Linden. Mit dem Bau wurde 1695 begonnen. Ab 1730 diente es als Waffenarsenal und nach Gründung des Deut- schen Reiches erfolgte im Jahr 1871 der Umbau

zur Ruhmeshalle der brandenburgisch-preußi- schen Armee. Die Nazis nutzten es schließlich als Heeresmuseum.

Anlässlich des 100. Jahrestages des Ersten Weltkrieges öffnet am 5.06.2014 die Sonder- ausstellung »Der Erste Weltkrieg 1914-1918«. Hier wird der Krieg als »Urkatastrophe« des 20. Jahrhunderts in seinem Verlauf und mit seinen Folgen aus globaler Perspektive dargestellt. Be- gleitet wird die Ausstellung von Vorträgen, Podi- umsdiskussionen und Lesungen.

Krieg ist schrecklich. Warum also eine solche Ausstellung anschauen? »Nur wer die Vergan- genheit kennt, kann die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten.« (August Bebel)

INFO

INFO
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INFO

https://www.dhm.de/ausstellungen/

vorschau/der-erste-weltkrieg.html

und die Zukunft gestalten.« (August Bebel) INFO › https://www.dhm.de/ausstellungen/ vorschau/der-erste-weltkrieg.html

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»Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin…«

Kriegsdienstverweigerung in der Bundesrepublik Deutschland

BERICHT:

Manfred

Wolff

D ieses geflügelte Wort – fälschlich Ber- tolt Brecht zugeschrieben – durch- zog den Diskurs um Wehrpflicht und Kriegsdienstverweigerung der 1960er

und 70er Jahre in der Bundesrepublik. Nie zuvor

war die Frage, ob man Wehrdienst leistet oder den Anspruch des Staates darauf zurückwies, in- tensiver und breiter diskutiert worden.

Die rechtlichen Grundlagen

Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutsch- land bestimmte in Artikel 4 Absatz 3: »Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden. Das Nähere regelt ein Bundesgesetz.« Diese Entscheidung des Par- lamentarischen Rats bestimmte erstmalig in der Welt die Kriegsdienstverweigerung als ein Grund- recht im Zusammenhang mit der Freiheit des Glaubens und des Gewissens. Dies geschah 1949 zu einem Zeitpunkt, als niemand ernsthaft an eine Aufstellung einer deutschen Armee dachte, jedoch die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs und des Widerstands gegen das Unrechtsregime des Dritten Reichs noch lebendig waren. Wurden in den Zeiten des Deutschen Kai- serreichs und auch in nahezu allen anderen Ländern Kriegsdienstverweigerer mit Gefängnis bestraft, hatte die NS-Justiz zur Todesstrafe ge- griffen, wenigstens jedoch die Verweigerer ins KZ geschickt, wo sie oft an den Haftbedingungen verstarben. Allein die Zeugen Jehovas hatten den Tod von über 1 200 Verweigerern zu beklagen. Zahlreiche Kriegsdienstverweigerer kamen aus den evangelischen Freikirchen, die ebenfalls den Waffendienst ablehnten. Auch unter Katholiken und Protestanten gab es Kriegsdienstverweige- rer, die für ihr Gewissen ihr Leben opferten.

Der Beginn des Zivildienstes

In den Anfangsjahren der Bundesrepublik war Kriegsdienstverweigerung kein Thema. Erst mit dem Wehrpflichtgesetz von 1956 trat sie wieder in das Blickfeld. In diesem Gesetz wurde aus- drücklich auf Artikel 4 Absatz 3 Bezug genom- men und für Kriegsdienstverweigerer ein ziviler Ersatzdienst ins Auge gefasst. 1961 erfolgte die Gründung eines zivilen Ersatzdienstes, der in keinem Bezug zur Bundeswehr oder dem Vertei- digungsministerium stand, sondern vom Minis- terium für Arbeit und Sozialordnung organisiert wurde. Bis Mitte der 1960er Jahre machte nur eine Minderheit von zwei- bis dreitausend wehr- pflichtigen jungen Männern Gebrauch von ih-

rem Grundrecht auf Kriegsdienstverweigerung. Mit der breiten Diskussion um den Vietnamkrieg stieg die Zahl der Verweigerer sprunghaft an, und die Kriegsdienstverweigerung erhielt neben der individuellen Gewissensentscheidung auch einen politischen Aspekt.

A n e r ke n n u n g sve r fa h re n des Ersatzdienstes

In der öffentlichen Diskussion spielten vor al- lem die sogenannte Gewissensprüfung und die Dauer des Ersatzdienstes eine Rolle. Mit der zu begründenden Antragstellung auf Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer beim Kreiswehr- ersatzamt und die mündliche Überprüfung der Antragsgründe wurde das ursprünglich solitäre Grundrecht zu einem Ausnahmerecht der vor- rangigen Wehrpflicht herabgestuft. Die Versu- che, den Antragsteller mit Fangfragen in den Anhörungen beim Anerkennungsausschuss in Widersprüche zu verwickeln und damit seine Glaubwürdigkeit anzuzweifeln, führten oft zu absurden Situationen und machten das Verfah- ren zu einem intellektuellen Katz-und-Maus- Spiel zwischen Antragsteller und Ausschussvor- sitzenden. Die Dauer des Ersatzdienstes, der ab 1971 offiziell Zivildienst hieß, war ebenfalls ein

u n d

D a u e r

immerwährender Streitpunkt. Bis 1973 hielt sich der Gesetzgeber an die Vorschrift des Artikels 12a des Grundgesetzes, wonach die Dauer des Ersatzdienstes die des Wehrdienstes nicht über- schreiten darf. Als dann der Zivildienst um bis zu fünf Monate länger als der Wehrdienst dauerte, begründete man das mit der möglichen Verpflich- tung der Wehrdienstleistenden zu Wehrübungen nach Ende ihrer Wehrdienstzeit. Dieses Argu- ment war eher fadenscheinig. Mit der wahren Be- gründung der verlängerten Dienstzeit, nämlich einen Abschreckungseffekt zu erzielen, hielt man wohlweislich hinter dem Berge. Seit Ende der 1960er Jahre stieg die Zahl der Kriegsdienstverweigerer ständig an, bis sie zur Jahrtausendwende die Marke von 150 000 überschritt. Was anfänglich eine seltene Rechts- position weniger junger Männer war, war nun die normale Entscheidung eines großen Teils der Gesellschaft geworden. 2011 setzte die Bundes- regierung die Wehrpflicht aus. Nun gibt es keine Wehrpflichtigen mehr, die einen Antrag auf An- erkennung als Kriegsdienstverweigerer stellen. Das Grundrecht des Artikels 4 Absatz 3 besteht aber weiter. Nun wird es von Berufs- oder Zeit- soldaten der Bundeswehr in Anspruch genom- men. Seit 2011 haben 164 Soldaten und Solda- tinnen einen entsprechenden Antrag gestellt.

Auf einer Pressekonferenz in Berlin: stellten sich »Totalverweigerer des Wehrdienstes« aus Ost und West den Fragen der Medienvertreter. (v.l.n.r.: Christian Herz, Sprecher aus Berlin (West), Gerhard Scherer, Berlin (West), Michael Frenzel, Berlin, Renate Kühnast, Alternative Liste, Berlin (West).

(Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-1990-0117-025 / CC-BY-SA/Wikipedia/Klaus Oberst)

Alternative Liste, Berlin (West). (Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-1990-0117-025 / CC-BY-SA/Wikipedia/Klaus Oberst)

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Der Gezi-Park

Symbol des Widerstandes in der Türkei

01
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01 Friedliche Demonstranten

in Istanbul (Foto: Ender)

02 Demonstration auf dem Taksim- Platz im Gezi-Park am 3. Juni 2013

(Quelle: Wikipedia/VikiPicture)

03 Der 15-jährige Junge Berkin Elvan

(Quelle: Wikipedia/Akinranbu)

ERLEBNISBERICHT:

Ender

D ie gewaltsamen und brutalen Reaktionen der

Polizei bei den Bürgerprotesten im Gezi-Park

im Mai 2013 haben wir immer noch vor Au-

gen. Es ist noch nicht so lang her, dass tausende

Menschen dabei grundlos verhaftet und verletzt

wurden. Acht Menschen kamen dabei ums Leben. Erst vor kurzem wurde über den Tod des unbeteiligten 15-jährigen Jungen Berkin Elvan berichtet. Ich stehe auf dem berühmten Taksim-Platz. Alles sieht aus, wie es aussehen sollte. Nach ein paar Jahren bin ich zum ersten Mal wieder hier. Die Stadt ist zu laut – wie immer. Die Menschen laufen aneinander vorbei, und die Verkäufer schreien auf der Istiklal-Straße, um mehr als die anderen verkaufen zu können, so als wären sie die härtesten Kon- kurrenten. Die Kellner der Restaurants und Cafés warten vor der Tür und laden Menschen ein, hereinzukommen – auch wie immer. Manche folgen den Passanten sogar und erzählen, wie viele Etagen ihr Restaurant hat, und dass man

von dort aus das Meer sehen könne. Ich gehe lieber nicht auf die Istiklal-Straße, denke ich mir, und biege rechts ab. Denn auf dem Platz stehen immer noch die Wasserwerfer und daneben die Polizisten in unmittelbarer Nähe. Früher hatte ich noch nie einen Wasserwerfer auf dem Taksim-Platz gesehen. Das, was ich jetzt sehe, erinnert mich an die Sze- nen aus dem vergangenen Jahr. Ich frage mich, ob das der einzige Unterschied zu meiner letzten Reise nach Istanbul ist – Verkäufer schreien weiter, Menschen laufen schneller, Kellner bedienen ihre Gäste – es alles wie immer und doch

alles anders als früher. Ich gehe an den Polizisten vorbei und sehe schon die grünen Bäume vor mir. Die schauen mich an und ich sie. Wir

versuchen gleichzeitig einander zu erkennen. Danach merke ich, dass ich vor dem berühmten Gezi-Park bin. Der sieht eigentlich von Außen so aus, wie ich ihn beim letzten Mal

gesehen habe. Diesmal jedoch mit einem Unterschied: Er will zeigen, dass er jetzt einen Sieg und eine neue Geschichte

besitzt. Die Geschichte seiner Helden, des Grundes, warum er überhaupt noch existiert. Er fängt langsam an, mir diese Geschichte zu er- zählen und die Erinnerungen in mir zu wecken.

E i n e

des Gezi-Parks

Der 27. Mai 2013 war der erste Tag der Kämpfe um den Gezi-Park. Umweltschützer gingen in den Park, um ihn davor zu schützen, dass er ab- gerissen wird und einem Einkaufszentrum wei- chen muss. Sie machten die Nacht durch, koch- ten währenddessen leckeres Essen, protestierten friedlich und hielten Wache für ihren Gezi-Park. Bis zum vierten Tag verlief alles normal: Men- schen gingen weiter im Park spazieren, Kinder spielten und immer mehr Menschen nahmen an den friedlichen Protesten mit Picknicks teil. Am 30. Mai fühlte es sich sogar so an, als feierte eine große Menge ein Fest mit Getränken, Essen, Musik und Tanz. So überfüllt war der Gezi-Park noch nie, dachten alle. Diese Solidarität erfreute alle Gäste und ließ sie vermuten, dass der Sieg eigentlich schon erreicht wurde. Die Sonne ging langsam unter, aber die Wa- chen des Gezi-Parks blieben weiter aufmerksam vor Ort. In den frühen Morgenstunden sammel- ten sich die Polizisten langsam rund um den Park und verlangten von den Demonstranten, ihn zu verlassen. Aber es wollte keiner gehen. Da fingen die Polizisten an, die Menschen mit Tränengas zu attackieren. Plötzlich verwandelte sich der Frieden im Gezi-Park in eine Art Kriegszustand. Die Demonstranten widerstanden dem Angriff. Je länger sie im Park blieben, desto stärker wurde

ku r ze G e s c h i c h t e

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die Gewalt der Polizei. Je unangemessener die Polizeigewalt wurde, desto mehr Menschen gin- gen zu den Protesten in fast allen Großstädten der Türkei. Denn es ging nicht mehr um die Be- wahrung des Gezi-Parks, sondern vielmehr um die Bewahrung der Menschenrechte. Sie protes- tierten gegen die Haltung der Regierung, die die Menschenrechte ihrer Bürger gewaltsam zu bre- chen versuchte. Der Widerstand und die Kon- flikte zwischen den Demonstranten und den Po- lizisten hielten tagelang an. Tausende Menschen wurden von den gewalttätigen Polizisten brutal verletzt und grundlos verhaftet.

Die Mörder sind noch frei

Zurzeit gibt es wieder Aufregung, Trauer und Wut in der Türkei: Es geht um das tragische Schicksal des 15-jährigen Jungen Berkin Elvan. Er lag 269 Tage lang im Koma, am 11. März starb er. Er sei kein Demonstrant, sagte Berkin Elvan zu den Polizisten, als er sich auf den Weg zu sei- ner Bäckerei machte. Denn es gab immer noch den Widerstand, das Chaos und die Konflikte zwischen den Demonstranten und den Polizis- ten auf den Straßen. Die Polizisten glaubten ihm nicht und schossen ihm mit einer Tränengaspa- trone an den Kopf. Berkin Elvan wurde schwer verletzt und kam im Koma ins Krankenhaus. Seit diesem Tag warteten seine Eltern, immer mit der Hoffnung, dass er aus dem Koma erwachen und wieder gesund werden würde. 269 Tage später endete sein viel zu kurzes Leben. Wie soll das eigentlich nun weitergehen, fra- gen sich die demokratischen Bürger der Türkei. Obwohl die Antwort schon durch den Prozess

um die Gezi-Proteste klar geworden ist, fragt man sich trotzdem: Wird der am Tod von Berkin Elvan schuldige Polizist verhaftet? Wird die Re- gierung mit dieser schrecklichen Polizeigewalt aufhören? Was machen die Demonstranten? Die Antwort kam schneller als gedacht: Ge- nau an dem Tag, an dem Berkin starb, am 11. März 2014: Wieder gehen Demonstranten auf die Straßen, diesmal zum Gedenken an Berkin Elvan. Wieder reagiert die Polizei mit Gewalt gegen die Demonstranten. Die Haltung von Mi- nisterpräsidenten Erdoğan gegenüber den Pro- testen bleibt gleich. Zu sehen sind schon wieder viele Verhaftete und durch die gewalttätigen Polizisten verletzte Demonstranten. Der Verant- wortliche für Berkins Tod bleibt ungeschoren.

Aus Opfern macht man Täter

Der Tod von Berkin darf nicht als isoliertes Er- eignis verstanden werden. Er ist das Resultat der Haltung der Regierung und ihrer gnadenlosen Polizeigewalt sowohl gegen die Gezi-Protestlern, als auch gegen die vorherigen friedlichen Protes- ten. Die TBB (Die türkische Ärztegewerkschaft) berichtete, dass vom Anfang der Gezi-Proteste bis zum 12. Juni durch Wasserwerfer, Tränengas und plastische Gewehrkugeln ca. 7 478 Personen verletzt wurden, 91 Menschen Traumata erlitten und zehn ihr Augenlicht verloren hätten. Allein diese Zahlen beweisen ganz deutlich die unange- messene Polizeigewalt. Doch anstatt die Verhaf- tung der Verdächtigen voranzutreiben, forderte Erdoğan seine Polizisten über die Massenmedien zum Weitermachen auf. Es wurde nicht einmal versucht, die Mörder von Berkin Elvan, Abdul-

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lah Cömert und Ahmet Atakan zu finden. Selbst wenn die Verdächtigen bekanntgemacht werden und ein Verfahren gegen sie eingeleitet wird wie in den Fällen der getöteten Ethem Sarısülük und Mehmet Ayvalıtaş, werden sie freigelassen. Die Polizeigewalt wird immer schlimmer. Noch schlimmer aber ist die Haltung von Erdoğan:

Während die Menschen in der Türkei hofften, dass der Verdächtigte an Berkin‘s Tod verhaf- tet wird, nahm Erdoğan die Polizei in Schutz und sagte, Berkin sei ein Terrorist gewesen. Er begründete das mit einem Foto von Berkin, auf dem dieser auf der Straße sein Gesicht mit einem Schal bedeckte. So wurde aus dem Opfer Berkin ein »Täter« für Herrn Erdoğan. Diese Haltung von Herrn Erdoğan ist uns nicht unbekannt. Wir mussten schon erfahren, dass die Verletzten bei den Protesten in be- stimmte Krankenhäuser nicht gehen durften, weil die Ärzte dort behaupteten, sie seien Ver- räter. Darüber hinaus wurde vielen Journalis- ten gekündigt, weil sie keine Handlanger der Regierung sein, sondern objektiv berichten wollten. Viele Menschen wurden verhaftet, weil sie das Recht zu protestieren für sich in Anspruch nahmen und in einem demokrati- schen Land leben wollten. Seit der schlimmen Ereignisse im Gezi- Park ist die Türkei immer noch nicht zur Ruhe gekommen. Der Park steht ganz symolisch für den Anfang des Widerstandes, für den Kampf für Demokratie und Menschenrechte. An jedem Tag wird dieser Widerstand größer. Das türki- sche Volk hält sich nicht mehr zurück, und die Menschen werden bewusster gegen die Regie- rung kämpfen. Ausgang offen!

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Krieg

Eine Bankrotterklärung an die menschliche Vernunft

BETRACHTUNG:

Bernhardt

K rieg bedeutet, dass Menschen sich ge- genseitig zu töten versuchen, die sich gar nicht kennen, geschweige denn ei- nen Streit miteinander haben, die aber

verschiedenen Gruppen, zumeist Staaten, ange- hören. Deren Führer konnten sich über irgend- ein Problem nicht einigen, oder der eine wollte den anderen mit einem Raubzug überfallen. An-

statt nun, wenn keine Schlichtung möglich ist, selber zu kämpfen und den Sieger zu ermitteln, beschließt man, den anderen Staat mit einem Krieg zu überziehen und die Soldaten der bei- den Völker gegeneinander zu hetzen.

Damit verstößt man gegen das fünfte Gebot »Du sollst nicht töten« sowie gegen das Naturrecht. Denn beim Beobachten der Natur lässt sich un- schwer erkennen, dass diese auf das Erhalten, Verteidigen, Fortpflanzen und Weiterentwickeln des Lebens angelegt ist; nicht auf dessen Vernich- tung. Ausnahmen sind bei Notwehr und bei Not- hilfe denkbar.

Staatsführer können Kaiser, Könige, Herzöge oder andere Adlige sein, aber auch Tyrannen, Despoten, Diktatoren und andere Gewaltherr- scher sowie demokratisch oder scheindemokra- tisch gewählte Volksvertreter. Jedenfalls handeln sie als Landesherren, die kraft ihres Amtes für

die innere und äußere Sicherheit ihrer Staaten zuständig sind und zur Erfüllung dieser Aufgabe zumeist bewaffnete Streit- kräfte beschäftigen.

Die zunächst unbeteiligten Bürger, die zu den Waffen gerufen werden, müssen, wenn sie mit einigem Engagement kämpfen sollen, zunächst in eine gewisse Kriegsbegeisterung versetzt werden. Das geschieht durch Appelle an nationale Gefühle und eine psychologisch geschickt entfachte, aber oftmals verlogene Propaganda. Zweckmäßig ist auch der kirchliche Beistand, wenn die Kämpfer und deren Waffen von Kirchen- vertretern gesegnet werden auf beiden Seiten. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges im August 1914 gab es patriotische Auf- rufe nicht nur von Kaiser Wilhelm II., sondern auch von dem damaligen Oberhofprediger Ernst Dryander. Der erklärte im Berliner Dom den Gläubigen, wofür gestorben werden soll, mit den Worten: »Wir ziehen in den Kampf für unsere Kultur – gegen die Unkultur. Für die deutsche Gesittung – gegen die Barbarei. Für die freie, an Gott gebundene Persönlichkeit – wider die Instinkte der ungeordneten Massen. Und Gott wird mit unseren gerechten Waffen sein« (zitiert nach Deutschlandfunk,

»Tag für Tag«, Beitrag vom Montag, 24.02.2014)

Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt, dass die Schicksale vieler Völker geprägt sind von großen Kriegen und Schlach- ten. Der Begriff »Schlacht« weist deutlich auf den Zweck des Unternehmens hin, nämlich das Abschlachten von möglichst vielen Feinden. Über das gewaltige menschliche Leid der un- mittelbar Betroffenen sowie der Witwen und Waisen spricht man ebenso wenig wie über die psychischen Traumen der Überlebenden beider Seiten.

Deutsche Soldaten als Kriegsgefangene in Belgien (Quelle: U.S. National Archives and Records Administration)

(Quelle: U.S. National Archives and Records Administration) Um dem Ganzen einen Schein von formeller Legalität zu

Um dem Ganzen einen Schein von formeller Legalität zu ver- leihen, haben sich einige Staaten 1899 auf die Haager Land- kriegsordnung »betreffend die Gesetze und Gebräuche des Landkriegs« geeinigt. Diese gilt inzwischen als humanitäres Völkergewohnheitsrecht für alle Staaten.

Im Ersten Weltkrieg gab es in dem Stellungskrieg an der West- front eine denkwürdige Episode, die die Verruchtheit des Krie- ges offen legt. Dort verabredeten über die Osterfeiertage der deutsche und der englische Frontkommandeur – beide waren Christen - eine Feuerpause sowie ein Fußballfreundschaftsspiel und führten es auch problemlos durch. Es bedarf keiner Hervor- hebung, dass das kaiserliche Armeeoberkommando, als es da- von erfuhr, dies aufs Schärfste missbilligte und künftig verbot.

Am Ende des Krieges bestimmt der Sieger über die Kriegs- schuld und darüber, wer welche Kriegsverbrechen began- gen hat. Von Kriegen profitiert immer die Geldindustrie, der Bankensektor. Sowohl zum Führen der Kriege als auch für den Wiederaufbau danach benötigen die Staaten Un- summen von Geld, das sie nicht haben. Geld, das sie der eigenen Bevölkerung abpressen, aber auch von internatio- nalen Banken erhalten, wenn es diesen opportun erscheint; gegen Zinsen und gegen Einfluss auf die Politik. Letztlich beherrschen Eitelkeit und Gier das Geschehen. Vernunft und Menschlichkeit bleiben auf der Strecke.

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Die ewige Suche

Die beste Zeit des Lebens, und ab und zu ist Krieg

B E R I C H T:

Ta n n a z

Z ugegeben, wenn man an Krieg denkt, würde nie- mand als erstes an die Universität denken. Doch was sich an deutschen Unis teilweise abspielt gleicht einem Krieg. Krieg zwischen Susi und Stefan und Stefan und Susi.

Stefan mag Susi nicht

Stefan mag Susi nicht. Warum weiß er nicht. Schon am ersten Tag als die Uni begann wusste er, er mag Susi einfach nicht. Susi studiert mit Stefan zusammen Psychologie. Beide sind im fünften Semester und langsam beginnen sich die Studenten Gedanken um einen Job zu machen. Ein Job, in dem man reich wird und ewig arbeiten kann, weil es nie langweilig wird. Viele im Studiengang suchen sich so langsam bedeutende Stellen. Praktika werden gemacht und immer wieder die Frage: was werde ich und was werden die anderen? Susi fiel Stefan schon früh auf. Zu oft hatte sich Susi bereits im ersten Semester in den Seminaren gemeldet und wie die Dozenten zu sagen pflegten »tolle Beiträge« einge- bracht und dabei auch noch so wahnsinnig gut ausgesehen. »Die bekommt bestimmt später ohne Probleme einen Job«, denkt sich Stefan. Manchmal kann er sich nicht auf das Semi- nar konzentrieren. Zu hasserfüllt ist er, wenn Susi jedes Mal aufzeigt und zu allem und jedem eine Meinung hat. Stefan hätte auch gerne eine Meinung, nicht nur auf Susi bezogen, sondern auf seine Zukunft, sich und sein Leben.

Die beste Zeit des Lebens…

Wie viele Studenten weiß Stefan einfach nicht was er machen soll. »Das wird die beste Zeit deines Lebens« sagten seine El- tern immer. Susi feiert bestimmt jeden Tag und ist dennoch gut in der Uni. Im Bus stand Stefan mal mit Susi und einem Kommi- litonen zusammen. Susi berichtete, dass sie zurzeit eine Hausarbeit über Depressionen bei Studenten schreibe. Wo- rum es genau ging, bekam Stefan nicht mit. Er hatte bereits aufgehört zuzuhören und sich Susi vorgestellt, wie sie in ih- rer eigenen Praxis sitzt, die Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden hat und mit ihm, als ihren Klienten, einen Tee trinkt. Ab und zu lacht sie. Sie lacht und verdient somit ihr Geld. Mit Stefan und seiner Depression. Stefan wird nicht so gut verdienen. Zumindest weiß er nicht womit. »Meine Hausarbeit handelt von der Verarbeitung von Albträumen«, erzählte er ebenfalls im Bus. Doch er kommt nicht zum Schreiben. Auch am nächsten Tag nicht, als er sich fest vornimmt zu Uni zu fahren und den ganzen Tag in der Bibliothek zu verbringen. Er kommt nicht dazu, denn Stefan ist den ganzen Tag damit beschäftigt, et- liche Bücher über Depressionen zwischen de Büchern über Kunstgeschichte zu verstecken. Soll Susi doch ewig suchen.

und

ab und zu ist Krieg

Manchmal wundert er sich selbst über sein Verhalten. Dafür ist es jedoch schon zu spät. Der Krieg hat schon angefangen zwischen ihm und Susi. Sie will ihn herausfordern, er darf

zwischen ihm und Susi. Sie will ihn herausfordern, er darf »Kriegsschauplatz« Bibliothek (Foto: Tannaz) jetzt nicht

»Kriegsschauplatz« Bibliothek (Foto: Tannaz)

jetzt nicht weich werden und muss es ihr zeigen. Als er an ihrem Platz in der Bibliothek vorbeigeht und Susi dort sitzen sieht, grinst er sie an. Diesen Ausdruck hat er gestern lange vor dem Spiegel geübt. Er geht an ihr vorbei. Er weiß nicht einmal wohin, er geht einfach.

Susi mag Stefan nicht

Susi schaut ihm hinterher. Susi mag Stefan nicht. Schon am ersten Tag fand sie ihn unsympathisch. Sie hasste es, dass er nicht aufzeigen musste, um sich und den anderen etwas zu beweisen. Sie hasste ihn für seine ruhige Art und seine Gelas- senheit mit der er an sein Psychologiestudium ging. Er genießt sein Unileben und wird später dennoch einen besseren Job haben, als sie. Und sie wird sich ihr Leben lang ärgern, dass sie nicht das Leben genossen hat, sondern unzählige Stunden am Lernen war. Neulich hat Stefan sie so aufgeregt, dass sie Ste- fan und einem Kommilitonen im Bus von ihrer Hausarbeit zu berichten anfing. »So gut wie fertig« sei die Hausarbeit über die Depression bei Studenten. Doch bis auf die Depression, die Susi hat, steht kein einziger Satz. Stefan wird schon wahnsinnig weit sein mit seiner Haus- arbeit. Später wird er ohne Probleme einen Job bekommen, eine eigene Praxis aufmachen und an unglaublich interessan- ten Fortbildungen teilnehmen. Irgendwann wird Susi auch in seiner Praxis sitzen und ihm von ihren alltäglichen Albträu- men berichten. Stefan geht gerade bestimmt weitere Bücher für seine Hausarbeit suchen. »Da kann er ewig suchen«, denkt sich Susi und hofft, dass Stefan nicht kunstinteressiert ist.

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Rosenkrieg

Wozu lieben, wenn es auch anders geht?

BETRACHTUNG:

Andreas

Peters

A m Anfang war es Liebe, dann war es

nichts anderes als eine Form des Krie-

ges. Wenn eine Ehe getrennt wird, ist

meist von der Liebe nichts mehr üb-

rig. Was bleibt, ist Wut, Hass, Rache, Geldgier, Vergeltung. Manches davon ist gerechtfertigt, manches ungerechtfertigt, manches nachvoll- ziehbar, anderes nicht. Vielfach wird dann von einem ›Rosenkrieg‹ gesprochen. In dem gleich- namigen Film aus dem Jahr 1989 veranschauli- chen Michael Douglas und Kathleen Turner als tragische Helden, was es heißt, wenn sich die ge- genseitige Abneigung soweit steigert, dass eine gütige Einigung nicht mehr möglich ist. Noch im Moment des Todes stößt sie seine ausgestreckte Hand weg.

Der Ursprung des Rosenkriegs

Der Begriff ›Rosenkrieg‹ taucht erstmals im Zu- sammenhang mit dem Kampf zweier englischer Adelshäuser im 15. Jahrhundert auf. Damals bekriegten sich die rivalisierenden Adelshäuser

»Der Rosenkrieg« (Quelle: Filmplakat)

York und Lancaster um die Krone. Es ist nicht gesichert, dass die Wappen der beiden Adels- häuser eine Rose (eine rote und eine weiße) als Symbol beinhalteten. Dennoch wurden die Auseinandersetzungen der Adelshäuser damals als Rosenkriege bezeichnet. Der Begriff ›Rosen- krieg‹ ist durchaus aktuell und in der Regenbo- genpresse omnipräsent. Man möchte meinen, es ist ein dankbares Thema, wenn andere an ihrer Liebe scheitern und sich bis aufs Messer bekämpfen. Dann fallen alle Schranken, werden vernunftbegabte Menschen schamlos und setzen ihren eigenen guten Ruf aufs Spiel. Das ist bei den Großen und Berühmten nicht soviel anders, als bei dem »gemeinen« Bürger. In vielen Fällen gilt dann: Je größer die Liebe war, umso größer ist der Hass am Ende.

Das Bobbele und die Babsi

Man denke nur an die Geschichte unseres rot- haarigen Tennisidols Boris »Bobbele« Becker und seiner Anvermählten Babara. Erst sah alles

Becker und seiner Anvermählten Babara. Erst sah alles aus wie ein Traum, doch dann kam der

aus wie ein Traum, doch dann kam der gar nicht so sportliche Seitensprung des Wimbledon- Siegers, und alles begann zu kippen. Erst ein Rechtsstreit, bei dem er letzten Endes viel zahlen musste. Dann legte Babsi noch eins drauf und setzte sich mit den beiden gemeinsamen Kindern ins sonnige Miami ab. Für den in Deutschland weilenden Boris der ultimative Kick für das nächste Match und der Beginn eines lange wäh- renden Rosenkrieges. Dass sich beide heute wie- der freundschaftlich begegnen und die Kinder davon profitieren können, macht gerade jenen Mut, die mit Verzweiflung darum ringen mit dem ehemals geliebten Menschen wieder eine Basis für Begegnung zu finden und sei es nur um der Kinder willen. Manche kommen vielleicht gar an diesem Punkt, wo deutlich wird, dass eine Schei- dung vielleicht hätte vermieden werden können. Man muss ja nicht gleich ein zweites Mal heira- ten, wie es uns damals das Traumpaar Burton/ Taylor vorgemacht hat. Aber mal im Ernst, mit Selbsteinsicht und Reflexion hatte das bei den Beiden eh wenig zu tun, dazu haben sie einfach zu tief ins Glas geschaut.

Einer beginnt den Rosenkrieg

Wer sich aber jemals durch das Fremdgehen des anderen tief verletzt fühlte, der kennt sicher den Drang zur Rache und zum Fertigmachen. Ge- fühle wirken nun einmal sehr tief und fundamen- tal. Es ist nicht leicht, sie einfach rational aus- zuschalten. Hinzu kommt das ebenso unbändige Bedürfnis, dem anderen die eigenen, unschönen Gefühle anzulasten und Schuld für alles zu ge- ben. Klar, man könnte sich sagen, je bewusster und sachlicher ich mit meiner eigenen Situation umgehen kann, desto weniger werde ich einem drohenden Rosenkrieg Öl ins Feuer gießen. Und, wenn der andere trotzdem weiterhin schimpft, intrigiert, lügt, schreit und manipuliert, so ist er halt noch nicht so weit. Ich frage mich gerade, ob es wirklich so ist, dass es zum Frieden unbedingt zweier Men- schen bedarf, während es zum Krieg nur eines bedarf. Es reicht schließlich, wenn einer der bei- den Rosenkrieger anfängt, den anderen auszu- spionieren, sein Vermögen zu verprassen, seine Lebensversicherung aufzulösen, den Ehever- trag anzufechten, den Neuen oder die Neue in Verruf zu bringen, seine Einkünfte zu frisieren. Alles Öl im Feuer des Rosenkrieges. Aber Hand aufs Herz: Ist Rosenkrieg nicht auch ein wenig eine blumige Umschreibung des ganz normalen Alltags-Wahnsinns? Sich davon hin und wieder ganz bewusst eine Auszeit zu nehmen, ist dem einfachen Menschen ohne weiteres möglich. Von solch einem Luxus können die Schönen und Rei- chen leider nur träumen.

strassenfeger

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KRIEG | 13

Kriegsspiele

Die Gefährlichkeit von Spielen und ihre Ursachen

BERICHT:

CaDa

(verkauft

den

strassenfeger)

U nter Kriegsspielen versteht jeder Leser

im ersten Moment sicher etwas ande-

res. Der eine Teil denkt dabei sofort an

Politiker und deren aktuelles Handeln

im Tagesgeschehen, zum Beispiel die Ereignisse in der Ukraine und auf der Halbinsel Krim. Der andere Teil denkt vielleicht an Berichte in den Medien, wonach Kinder und Jugendliche nach dem Spielen von Computerspiele mit Kriegsin- halten, den sogenannten Shootergames, Amok gelaufen sind.

Wa s

wirklich?

Ursprünglich haben Feldherren und Generäle damit ihren untergebenen Offizieren ihre Tak- tik im Kampf für die bevorstehende Schlacht erklärt. Meist taten sie es dadurch, dass sie ih- nen mittels Schwertspitze die Bewegungen der einzelnen Einheiten in den Sand malten. Daraus entstand irgendwann mal der Begriff Sandkas- tenspiele im militärischen Sinne. Darüber hi- naus haben in den vergangenen Generationen Jungen im Spiel ihre Kräfte erprobt. Zur Kai- serzeit war dabei die Ausrichtung ihres Spieles auf den militärischen Bereich ausgerichtet, denn Kinder ahmen nun mal gerne die Großen nach, und die Kaiserzeit war nun mal sehr militärisch orientiert. Heutige Kriegsspiele am PC sind im Grunde eine Kombination von beidem.

s i n d

K r i e g s s p i e l e

e i g e n t l i c h

Wa s b i l d e t d e n Re i z a n heutigen Kriegsspielen im Internet?

Für einige der Spieler liegt sicherlich der Reiz im Team zu spielen, sich dabei mit Spielern in ihrer Reaktionsgeschwindigkeit und Auffassungsgabe zu messen. Es ist vielleicht auch spannend, dass man mit fremden Menschen im Internet zusam- menkommt, sie bekämpfen kann, ohne dabei real einen Menschen zu verletzen. Ihnen macht es ver- mutlich Spaß, ihren vermeintlichen Gegner eher zu entdecken und ihn zu vernichten, als von ihm entdeckt zu werden. Für andere Spieler mag es eine Möglichkeit sein, ihre angestauten Aggressi- onen abzubauen. Bei einigen dieser Spiele muss man auch nicht sonderlich viel überlegen, was man wie tun muss, um zu gewinnen. Andere Kriegsspiele wiederum bedingen, dass man sich als Spieler schon im Vorfeld ei- nige taktische Gedanken macht. Womit jetzt nicht die Gedanken zu den Grundeinstellungen im Spiel gemeint sind, die zu Beginn der Spiele vorgenommen werden müssen. Wie bei allen In- ternetspielen ist dabei aber der Zeitfaktor oder besser gesagt die Zeit die man am Rechner dabei verbraucht, der entscheidende Faktor. Früher hat man Gesellschaftsspiele wie »Mensch ärgere

Früher hat man Gesellschaftsspiele wie »Mensch ärgere Fans beim »Warhammer« spielen (Quelle: wikimedia) Dich

Fans beim »Warhammer« spielen (Quelle: wikimedia)

Dich nicht« oder »Skat« gespielt und sich mitei- nander beschäftigt. In heutiger Zeit beschäftigt man sich nun auf diese Weise.

We l c h e

zu Kriegsspielen?

Wenn man nicht Krieg spielen möchte, so kann man auf viele andere Spiele im Internet zurück- greifen, denn es gibt bereits sehr viele Spielplatt- formen, auch Spielseiten genannt. Dabei kann man nach Kategorien wählen, es gibt kurzwei- lige Spiele wie z. B.: Slotspiele, auch als einar- mige Banditenspiele bekannt, oder Spiele, bei denen man irgendwelche Dinge einsammeln muss. Dann gibt es Aufbauspiele, wo irgendwel- che Farmen oder andere Dinge errichtet werden müssen. Die nächst höhere Kategorie an Spie- len wäre Strategie-Aufbauspiele dort muss man meist irgendwelche Königreiche oder Städte aufbauen und zur Blüte führen. Und als weitere Kategorie gibt es noch die Managerspiele und Handelssimulationen. Im Internet wie im realen Leben ist es natür- lich immer besser, sich mit seinen Mitmenschen direkt zu beschäftigen. Das Internet ist doch, selbst wenn man in einem Team spielt, sehr un- persönlich, auch wenn man mittels Webcam und Teamspeak-Programm etwas persönlichere Kon- takte aufbauen kann. Kriegsspiele als schlecht zu verdammen, bringt aus meiner persönlichen Sicht nichts, denn es wird immer Menschen geben, die sich mit diesen Spielen im realen - wie im Cyberleben beschäftigen werden.

A l t e r n a t i ve n

g i b t

e s

Karikatur: OL
Karikatur: OL

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strassenfeger

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Pazifismus

Krieg prinzipiell ablehnen – bewaffnete Konflikte vermeiden – dauerhaften Frieden schaffen

BERICHT:

Detlef

G erade in Zusammenhang mit Krieg hat sich die Menschheit seit Grün- dung der Zivilisation darüber Ge- danken gemacht, wie man Frieden stiften und länger halten kann. Das

vielfache Sterben, das Elend und die dadurch oft verursachten Hungersnöte haben dann häufig zu Gründungen von Pazifismusbewegungen ge- führt. Was aber ist eigentlich Pazifismus, und wie wird er definiert? Im Online-Lexikon Wiki- pedia wird Folgendes gesagt: »Unter Pazifismus versteht man im weitesten Sinne eine ethische Grundhaltung, die den Krieg prinzipiell ablehnt und danach strebt bewaffnete Konflikte zu ver- meiden, zu verhindern und die Bedingungen für dauerhaften Frieden zu schaffen. Eine strenge Position lehnt jede Form der Gewaltanwendung kategorisch ab und tritt für Gewaltlosigkeit ein.

Die Anfänge in Deutschland

Als Schöpfer des Wortes gilt der Franzose J. B. Richard de Radonville, der den Begriff erstmals definierte. Er sprach von einem »System der Befriedigung des Friedens; alles was den Frie- den zu stiften und zu bewahren bestrebt ist«. Es

den Frie- den zu stiften und zu bewahren bestrebt ist«. Es Alfred Hermann Fried (1864-1921) (Quelle:

Alfred Hermann Fried (1864-1921) (Quelle: Wikipedia/ George

Grantham Bain Collection/United States Library of Congress)

gelang Radonville aber nicht, seine Definition zu etablieren. Erst 1901 war das schließlich der Fall. In einem Artikel vom 15. August 1901 in der belgischen Zeitung »L‘Indépendance Belge« forderte der französische Notar und Präsident der »Ligue internationale de la Paix et de la Li- berté » Emile Arnaud, die Verwendung des Be- griffes. Er sollte »die Gesamtheit individueller und kollektiver Bestrebungen bezeichnen, die eine Politik friedlicher, gewaltfreier zwischen- staatlicher Konfliktaustragung propagieren und den Endzustand einer friedlich organisierten, auf Recht gegründeten Staaten- und Völkerge- meinschaft zum Ziel haben«. In Deutschland etablierte sich der Begriff genau wie die Friedensbewegung nur mühsam, während sie international schon weitgehend eta- bliert war, existierte sie de facto eigentlich vor dem Ersten Weltkrieg überhaupt nicht, obwohl sich der damalige Vorsitzende der deutschen Friedensgesellschaft, Alfred Hermann Fried, intensiv öffentlich darum bemühte. Der Phi- losoph Röttgers schrieb dazu 1989 im Artikel »Pazifismus in »Historischen Wörterbuch der Philosophie, Band 7« – (Darmstadt 1989), dass »der Pazifismus zur privaten Einstellung, der Frieden sei dem Krieg allgemein vorzuziehen, trivialisiert wurde. So aber könnte sich jeder- mann einen Pazifisten nennen«. Den Pazifisten und der Friedensbewegung wurde nach dem Ersten Weltkrieg vorgeworfen, dass sie während des Krieges zu passiv gewe- sen wären. Helmut Gerlach, Angehöriger der Bewegung, äußert sich dazu folgendermaßen:

»Uns Pazifisten ist manchmal von befreundeter Seite vorgeworfen worden, wir hätten während des Krieges zu wenig getan. Mir scheint, wir haben unter Übernahme nicht ganz unerheb- licher persönlicher Risiken getan, was wir tun konnten, ohne illegal zu werden«. Im politi- schen Handwörterbuch verteidigt Paul Herre, der Herausgeber des Buches »Pazifismus – Po- litisches Handwörterbuch« (Leipzig 1923) die Pazifisten: »Der Pazifismus hat sich im Welt- kriege als Macht ersten Ranges erwiesen. (…) Die Geschichtsauffassung des Pazifismus ist im Kriege zur öffentlichen Meinung der Welt ge- worden und in der deutschen Revolution auch zum offenen Bekenntnis breiter Schichten des deutschen Volkes«. Heute wird den Pazifisten häufig vorgewor- fen mit ihrer gesinnungsethischen Grundhaltung, die in früheren Zeiten berechtigt war, gäbe es kei- nen Umgang mit neuen Formen der Gewalt. In

gäbe es kei- nen Umgang mit neuen Formen der Gewalt. In Friedenssymbol einem Artikel in der

Friedenssymbol

einem Artikel in der Frankfurter Rundschau am 7. Januar 2002 sagte dazu Ludger Vollmer: »Ein solcher Pazifismus setzt sich als universale Ethik, an deren Ansprüchen der Pragmatismus jeder Regierung scheitert. Aber: Kann die pazifistische Gesinnung diesen Absolutheitsanspruch mit Recht erheben? Oder drücken sich nicht viele, die sich Pazifisten nennen, vor der Verpflichtung, die politische Bedingtheit ihrer Grundeinstellung zu bedenken und zur Debatte zu stellen?«

Eigener Bezug zum Pazifismus

Ich erinnere mich noch an eine Protestveranstal- tung gegen den Irakkrieg, der vom damaligen amerikanischen Präsidenten George W. Bush begonnen wurde und mich tief beeindruckt hatte. Über hunderttausend Menschen waren bei dieser Veranstaltung in Berlin und bekann- ten sich zu ihrer Meinung gegen den Irakkrieg. Die Liedermacher Hannes Wader, Reinhard Mey und Konstantin Wecker sangen gemeinsam mit den Protestlern Waders Lied: »Es ist an der Zeit«. Ich war tief beeindruckt von dieser Ver- anstaltung und diesem öffentlichen Bekenntnis. Ich war schon immer ein Anhänger der pa- zifistischen Bewegung und werde es bleiben. In meinem Leben dominiert der Gedanke der Gewaltfreiheit. Das Ausüben von psychischer Gewalt ist auf jeden Fall abzulehnen, weil es die Menschen krank machen kann. Ich behaupte aber nicht, dass ich nun ein Engel bin, glaube aber, dass es mir weitgehend gelingt gewaltfrei zu leben. Wenn man sieht, wie viel Leid Krieg über die Menschheit gebracht hat, muss man ganz klar sagen: Es wird und kann im Krieg keine Sieger geben.

strassenfeger

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April 2014

KRIEG | 15

Hättet ihr auf das Messer nicht gesetzt

Strukturelle Gewalt und Strukturen zur Förderung von Gewalt

BETRACHTUNG:

Jan

Markowsky

E inige Gedichte haben bei mir einen be-

sonderen Eindruck hinterlassen. Dazu

gehört »An meine Landsleute«. Ich zi-

tiere die zweite Strophe: »Ihr Männer,

greift zur Kelle, nicht zum Messer!/ Ihr säßet un- ter Dächern schließlich jetzt/ Hättet ihr auf das Messer nicht gesetzt/ Und unter Dächern sitzt es sich doch besser./ Ich bitt euch, greift zur Kelle, nicht zum Messer!«

S a a l s c h l a c h t e n großen Sterbens

In der Danziger Straße ist Ecke Lychener Straße die Kneipe »Zum Schusterjungen«. Der Schuster- junge war der Treffpunkt der Nazis. Auf der an- deren Straßenseite war die Kneipe der Sozis und in der Lychener Straße ist wenige Schritte von der Ecke entfernt das Fengler, bis 1933 Treff der Kom- munisten. In den 30er Jahren kam es immer wieder zu Saalschlachten, an der Ecke dort zu Massen- schlägereien. Legendär sind die tätlichen Ausei- nandersetzungen zwischen den Kommunisten und den Nazis. Beide Seiten hatten sich parami- litärisch organisiert: Die Kommunisten mit ihrem Rot Front Kämpferbund und die Nazis mit der SA. Und die Sozialdemokraten wurden weder von den Nazis noch von den Kommunisten gelitten. Trotz aller Prügeleien waren sich Nazis und Kommunisten bis Januar 1933 näher, als es die Propaganda der DDR glaubhaft machen wollte. In Zittau wurde mir erzählt, dass sich nach der Saalschlacht Nazis und Kommunisten bei Bier und Schnaps getroffen und gegenseitig ihre Schlagkraft bewundert haben. Ich habe ein Bild aus den 30er Jahren gesehen, bei dem ein SA- Mann und ein Mann vom Rot Front-Kämpfer- bund einträchtig mit dem Schild »Wir streiken« nebeneinander stehen. Das war zum BVG-Streik im Sommer 1932. Nichtsdestotrotz haben sie sich gekloppt wie die Kesselflicker. Ja, wer sich im Besitz der absoluten Wahrheit wähnt, hat keinen Anlass zu reden, der haut lieber zu. Der Held der SA-Schläger war ein Diktator, der sich Adolf Hitler nannte und der Held der Rot Front Kämpfer war ein Diktator, der sich Stalin nannte. Sowohl Hitler als auch Stalin haben Mil- lionen Menschenleben auf dem Gewissen.

a l s Vo r b o t e n

d e s

U n t e r t a n e n g e i s t

Helfer für Diktatoren

In einer Dokumentation wurde ein SA-Mann zitiert: »Ich mache Dienst!« Das Gefühl des

u n d wo r k fa re a l s

Gebrauchtwerdens schweißt eine Gemein- schaft zusammen. Das Leben unter Seines- gleichen macht blind für die Welt außerhalb der Peer-Group. Das begünstigt Ausgrenzung und Diskriminierung der Menschen, die nicht zur Peer-Group gehören. Dazu kommt Angst gepaart mit dem Gefühl der Ohnmacht. In Deutschland vor der Geheimen Staatspolizei, in Russland vor der GPU. Im Hartz-IV-Deutschland gibt es keine Konzentrationslager wie bei den Nazis, keine Arbeitslager wie in Russland, keine industrielle Tötung von Menschen wie in den Vernichtungs- lagern der SS, keine willkürlichen Verhaftun- gen, wie es zu Lebzeiten Stalins in Russland üblich war. Solche extreme Formen des Terrors haben wir nicht. Dennoch sind die Auswirkun- gen von workfare spürbar. Eine Million Sanktio- nen im Jahr 2013 gegen Empfänger von ALG II sind eindeutig zu viel. In diesem Jahr wurde im Internet über die Wirkung von Sanktionen eine Studie aus Nordrhein-Westfahlen besprochen. Die Sanktionierten sahen ihre Strafe ein, aber als Ergebnis der Sanktion zogen sie sich aus dem gesellschaftlichen Leben zurück. Ausgrenzung statt Aktivierung! Allein der Umgang in den Jobcentern mit ihren »Kunden« spricht Bände. Natürlich sit- zen dort Mitarbeiter, die das Sozialgesetzbuch korrekt anwenden und kundenorientiert ent- scheiden. Die »Kunden«, besonders Menschen mit hohem Förderbedarf, sind aber den ande- ren Mitarbeitern in der Regel hilflos ausgelie- fert. Das Verhalten ist systemimmanent. Die Bundesregierung schränkt die Möglichkeiten der juristischen Wehr gegen Bescheide syste- matisch ein. Der Umgang in Jobcentern hat Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft. Druck auf die Arbeitslosen erzeugt immer Druck auf die Arbeitnehmer.

die Arbeitslosen erzeugt immer Druck auf die Arbeitnehmer. Bertolt Brecht ( Foto: Bundesarchiv, Bild 183-W0409-300 /

Bertolt Brecht

(Foto: Bundesarchiv, Bild 183-W0409-300 / Kolbe, Jörg / CC-BY-SA)

Fazit

Die Bundesrepublik ist auf dem Weg zum Ob- rigkeitsstaat mit seinen zu Allem bereiten Un- tertanen. Ich kann die Übernahme der Macht durch einen neuen Diktator in Deutschland nicht ausschließen. Die Bundesregierungen haben angefangen, vom Amt Blank unter Ade- nauer systematisch die Voraussetzungen für Beteiligung deutscher Untertanen an Kriegen geschaffen. Es ist Zeit, sich von der Politik un- abhängig zu machen. Ich bitt euch, greift zur Kelle, nicht zum Messser!

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Eden im Erdgeschoss, Hölle im Himmel

Die Ausstellung »Making Eden« von Yinka Shonibare in der Galerie Blain|Southern

R E Z E N S I O N

&

F O T O S :

U r s z u l a

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01

INFO

INFO
INFO
INFO

Yinka Shonibare MBE:

»Making Eden« Noch bis zum 19. April in der Galerie Blain|Southern

Potsdamer Straße 77-87, 10785 Berlin

Montag bis Freitag: 10 – 18 Uhr, Samstag: 10 – 17 Uhr

Eintritt frei

www.blainsouthern.com/

gallery-info/berlin

www.yinkashonibarembe.com

gallery-info/berlin › www.yinkashonibarembe.com U s a k o w s k a - W o l

U s a k o w s k a - W o l f f

M iss Utopia verweilt auf einem weißen run-

den Sockel so schön. Aus ihrem Hals ragt ein

glänzender Globus, in dem sich Licht bricht.

Sie trägt eine hochgeschlossene, puffärm-

lige Robe im viktorianischen Stil, die jedoch

aus unterschiedlich gemusterten Stoffbahnen genäht wurde. Purpurrote Pumps mit schwarzen Absätzen auf grünlichem Hintergrund sind darauf zu erkennen und schwarz-weiße Serpentinen, die sich auf einem blau-schwarzen, stellenweise orangenen Netz schlängeln. Nicht zu übersehen ist auch die eng anliegende, bis zu den Oberschenkeln reichende Weste, mit Glasperlen in den Farben des Kleides bestickt. Aus der bodenlangen Kluft lugt etwas verschämt der rechte Fuß her- vor, mit einem plumpen Sneaker in Lila und Gelb beschuht. Täuschend echt und prächtig ist der Blumenstrauß, den Miss Utopia in ihrer rechten Hand hält: eine köstliche Komposition

aus kornblumenblauen und dunkelgelben Stoffanemonen. Mit ihrer Linken macht die Lady winke winke.

U nve r ke n n b a r b i z a r r

Miss Utopia ist das weibliche Pendant zu Petrus, dem Wächter der Himmelspforte. Sie lädt ein ins Paradies, das der Künstler Yinka Shonibare MBE auf seine unverkennbare ornamentale und bizarre Art in der Berliner Dependance von Blain|Southern kreiert hat. »Making Eden« heißt seine erste, scheinbar recht kleine Einzelausstellung in den riesigen Galerieräumen, in de- nen bis vor kurzem Der Tagesspiegel gedruckt wurde. Der 52-jährige Nigerianer, ein »postkolonialer Hybrid« aus Lon- don und seit 2005 Träger des »The Most Excellent Order of the British Empire«, mit dessen Kürzel MBE er seinen Namen schmückt, ist ein subversiver Artist, der Geschichte, Gepflo- genheiten und tradierte Vorstellungen kritisch mustert und sie gern auf den Kopf stellt. Deshalb hat er seinen »Eden« im Erdgeschoss erschaffen: ebenerdig, aber ansonsten mit all dem bestückt, was zu unserem Wunsch- und Trugbild vom Paradies gehört. Adam und Eva stehen dort unter einem Ap- felbäumchen, beide ohne Kopf und ohne Feigenblatt, denn von Hals bis Fuß mit schmucken Gewändern garniert. Mit sei- nem wildgemusterten Gehrock und einer krassen Hose wirkt

der Urvater der Menschheit wie ein Hipster, während die Urmutter in einem recht konventionellen, tiefdekolletierten

und ärmellosen Rüschchenkleid steckt. Die Schlange guckt gebannt auf den verhängnisvollen Apfel in deren Hand. Die

02
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Skulptur ist dem Gemälde »Adam und Eva« von Lucas Cranach d. Ä. nachempfunden. Wo sind aber die anderen Tiere?

G e n ü s s l i c h

s ü ß l i c h

Keine Bange: Die niedlichen kleinen Plastiktier- chen säumen 75 runde, mit buntem Stoff überzo- gene Panels. Sie hängen auf einem himmelblauen Fries an der Wand: Katzen und Spatzen, Giraf- fen und Affen, Käfer und Kläffer, Eidechsen und Füchse, Elefanten und andere Giganten wie Ka- mele und Gazellen, geschweige denn Schweine, Pferde, Mäuse, Insekten mit und ohne Gehäuse. Es macht Spaß, dass dazwischen Strass fun- kelt. Das Relief mit dem Titel »Eden Painting« erinnert an einen Tisch, auf dem viele lustige Geburtstagstörtchen stehen. Oder an ein Firma- ment, an dem viele Sterne aus dem Playmobile- Sortiment strahlen. Es ist niedlich und friedlich, genüsslich und süßlich, eine heile und harmo- nische Welt, wie mit Zuckerguss überzogen. Kitsch ist der Stoff, aus dem die Träume vom Garten Eden sind. »Ich habe mich für Adam und Eva und das ganze Drum und Dran entschieden, weil ich Metaphern brauche, die im Westen all- gemein verständlich sind. Dazu gehört die christ- liche Ikonographie. Ich persönlich glaube nicht daran, dass Gott Eva aus Adams Rippe schuf. Es geht mir nicht um Religion, ich möchte zeigen, wie Mythen konstruiert werden und wie sie funk- tionieren«, sagt Yinka Shonibare MBE. Warum sind alle drei Figuren bekleidet? »Weil ich tolle Kostüme machen lassen wollte.« Und dass »Miss Utopia« statt eines Kopfes einen Himmelsglobus trägt, ist ein Symbol der endlosen Möglichkeiten des Denkens und Träumens in Zeiten der Glo- balisierung.

G e wa l t

o h n e

H a l t

Kitsch und Utopie liegen eng beieinander: Die meisten Menschen wünschen sich eine ideale und heile Welt, deren Aufgabe es ist, ihre Rechte,

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Bedürfnisse und Würde unabhängig von der Hauptfarbe, Herkunft, religiöser oder staatlicher Zugehörigkeit zu respektieren. Das Bild einer ge- rechten, friedfertigen und demokratischen Welt, in der alle glücklich, satt und zufrieden sind, wird herbeigesehnt und häufig verklärt: Utopien, die verwirklicht werden, beginnen und enden häufig gewaltsam. Aus Utopien entstehen nämlich Revo- lutionen, die oft in Blut und Flammen zu ersticken drohen. »Ich bin kein Pazifist, aber als zeitgenös- sischer Künstler mache ich mir Gedanken über den Zeitgeist, über Conditio humana und Kondi- tionierung«, sagt Shonibare. »Ich merke, dass es noch nie so viele News und Berichte über Gewalt und Tote gab. Es ist eine Gewalt ohne Halt, denn die blutigen Bilder werden rund um die Uhr in die Wohnzimmer getragen. Was wollen die Leute da- mit erreichen? Revolution kann einen Neuanfang bedeuten, doch wenn die Revolutionäre an die Macht kommen, werden sie noch schlimmere Des- poten als jene, die sie entmachtet haben. Robert Mugabe war Freiheitskämpfer, der sich als Dikta- tor entpuppte: gestern verehrt, heute ein Bastard.«

I d e a l i s t e n

u n d Te r ro r i s t e n

Während Yinka Shonibare das Paradies in der Parterre platziert hat, liegt seine Unterwelt hoch hinaus, in der obersten Etage der einstigen Rota- tion, wo er die »Revolution« schalten und walten lässt. Dort geht der nachdenkliche Künstler der Frage nach, warum aus Idealisten Terroristen werden. Sind alle Freiheitskämpfer Terroristen oder umgekehrt, je nachdem, wer über ihre Hal- tung urteilt? Die Revolutionen sind grundsätzlich in Ordnung, doch sie können sich ins Gegenteil verkehren, denn die Menschen sind dummdreist, hasserfühlt und verblendet. Sie folgen nicht dem Verstand, sondern den niedrigsten Instinkten, sodass sie leicht verführt und manipuliert wer- den können. Wenn man die Treppe zur Hölle der Revolutionäre erklommen hat, begegnet man schaurig-schönen Figuren und Bildern, die Glanz und Elend unserer Spezies symbolisieren.

Zuerst scheint dort ein kalbsköpfiger Knabe na- mens »Revolution Kid (Calf)« über dem Boden zu schweben. Tatsächlich balanciert er auf einem Seil und hält eine goldene Pistole in der rechten sowie ein BlackBerry in der linken Hand. Die hochkarätige Knarre ist nicht zufällig Browning ähnlich, die Oberst Gaddafi bis zu seinem gewalt- samen Tod bei sich trug. Auch das Smartphone ist heute eine Waffe, mit der sich Jugendliche blitzschnell zu Flaschmobs zusammenfinden, wo sie ihren Frust brachial entladen können.

D é c a d e n ce p a r e xe l l e n ce

Wenn die Kalbsköpfe erwachsene Revolutionäre werden, steht ihnen nicht immer Gutes bevor. Schön, dass sie wenigstens Aufsehen erregend und theatralisch streben, wie zum Beispiel der sterbende Adelige: mit erhobener Hand, von ei- nem Schwert aufgespießt, kopflos. Kopflos ist ebenso die »Revolution Ballerina«, die sozusagen das lebende Gegenstück zum »Impaled Aristo- crat« bildet. Sie steht auf Zehenspitzen und be- rührt mit zwei gekreuzten altmodischen Pistolen fast die Decke. »Es ist keine unschuldige Balle- rina, doch sie hat einen aristokratischen Touch«, sagt Yinka Shonibare. »Ich liebe die Aristokra- tie und möchte sie zugleich töten. Rokoko – das ist für mich décadence par exellence.« Deshalb verpasst er seinen Mannequins und Puppen aus Fiberglas rokokoartige Kostüme, die sich häu- fig auf die spätere viktorianische Zeit beziehen. Doch der Stoff, aus dem sie genäht werden, ist weder Seidenbrokat noch Seidendamast, son- dern Duch Wax, die niederländische bedruckte Wachsbaumwolle. Ursprünglich in Holland her- gestellt, gelangte sie im 19. Jahrhundert nach Af- rika und gilt seitdem als »typisch afrikanisch«. Eine typisch menschliche Version der »Revolu- tion« sind 14 kleinformatige Arbeiten auf Papier, ein Mix aus Collagen, Zeichnungen und 22-karä- tigem Blattgold. Darauf sind Revolver, Blumen, Zeitungsausschnitte sowie berühmt-berüchtigte Köpfe zu sehen, darunter Lenin, Stalin, Trotzki,

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01 Yinka Shonibare

02 Yinka Shonibare MBE, Eden Painting (Detail), 2013

03 Yinka Shonibare MBE, Adam and Eve, 2013

04 Yinka Shonibare MBE, Impaled Aristocrat, 2013

Franco, Zapata, Mugabe, Ted Bundy, Susan Smith oder Jonas Savimbi.

M i t

C h a r m e ,

I ro n i e

u n d

E s p r i t

Yinka Shonibare hat sich in letzter Zeit auch als Fotograf, Filmer und Zeichner einen Namen ge- macht, ohne seine kopflosen Aristokratinnen und Aristokraten, die er seit über 15 Jahren bauen und kostümieren lässt, zu vernachlässigen. Die Kunstwelt reißt sich um ihn: Allein im vorigen Jahr reiste der an Transverser Myelitis erkrankte, einseitig gelähmte Mann nach Kopenhagen, San Diego, Danzig und Breslau sowie an viele Orte in Großbritannien, um an den Eröffnungen seiner Einzelausstellungen teilzunehmen. Yinka Shoni- bare ist ein gefragter und gefeierter Künstler, was nicht wundert. Mit Charme, Ironie, einer Prise schwarzen Humors und sehr viel Esprit setzt er sich mit Klischees, Konstruktion und Dekonst- ruktion von Geschichte, Kolonialismus, Post- kolonialismus und Identität auseinander. Diese schwierigen Themen stellt er mit einer unüber- troffenen Leichtigkeit und bewundernswerter Konsequenz dar. Er spielt mit Stereotypen und Vorurteilen, indem er zeigt, dass vieles, was als selbstverständig empfunden wird, paradox, widersprüchlich und schädlich ist. Nicht jede Tradition verdient es, gepflegt zu werden. Sonst werden stets solche Menschen ihren Kopf durch- setzen, die offensichtlich keinen Kopf haben.

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Sozialbewusstsein, Mut und Songwriting

Exklusivinterview mit Joan Baez

INTERVIEW:

ÜBERSETZUNG:

Jane

Graham

Linda

(www.street-papers.org/The

Herrmann

Big

Issue

UK)

01 Joan Baez und Bob Dylan 1963

(Quelle: U.S. National Archives and Records Administration)

02 Joan Baez beim 42. Jazzfestival in Montreux am 6. Juli 2008.

(Foto: REUTERS/Valentin Flauraud)

INFO

INFO
INFO
INFO

D ie amerikanische Folksängerin Joan

Baez gelangte in den 1960ern mit

Songs, die auf soziale Ungerechtig-

keiten aufmerksam machten, zu Be-

rühmtheit. Sie spielte live in Woodstock und arbeitete mit einigen der größten Namen der Musikgeschichte zusammen. Mittlerweile ist die verehrte Musikerin und Aktivistin 73. Jane Gra- ham von »Big Issue UK« berichtete Joan Baez über ihre von Ängsten geprägte Teenagerzeit, ihre Beziehung zu Bob Dylan, und warum sie sich auf die Seite der Benachteiligten stellt.

Wie alles begann

Vieles hat mich beeinflusst und meine Wurzeln sind vielfältig. Meine Mutter ist ursprünglich aus Edinburgh, und als ich die Stadt besuchte, habe ich mich voll und ganz in sie verliebt. Besonders die St John’s Kirche auf der Princes Street hat es mir angetan, nachdem ich herausfand, dass mein Großvater dort Prediger war. Ich war ge- rade mal 16, als ich Gitarre spielen lernte, und doch wurde dies schnell zu einer Leidenschaft.

Als ich klein war, sind wir viel umhergereist, was es natürlich schwer machte, immer wieder neue Freunde in neuen Schulen kennenzulernen. Ich

bemerkte schnell, dass das einzige, was mich mit den Menschen oder dem Schulleben verband, mein Gesang war. Ich sang immer in der Mittags- pause und alle hörten mir zu. Als ich Pete Seeger das erste Mal spielen sah, war ich 13. Ich versuche immer noch mit dem Gedanken klarzukommen, dass er tot ist. Bis dato hatte ich immer nur R&B und afroafrikanische Musik mit vier Akkorden gesungen, denn die Musik der weißen Szene schien eher provisorisch und einfältig. Dann nahm mich meine Tante mit auf ein Konzert von Pete Seeger und es war genau diese Mischung aus Sozialbewusstsein, Mut und Songwriting, das mich komplett veränderte.

Zw i s c h e n

u n d

a m b i t i o n i e r t

s c h ü c h t e r n

www.joanbaez.com/

Ich war eine ziemlich ängstliche Jugendliche, und extrem schüchtern noch dazu. Viele Jahre lang hatte ich großes Lampenfieber, doch wenn ich die

tourschedule.html

 

Bühne betrat, war ich eine komplett andere Person. Als 16-jäh- riges Mädchen verbrachte ich also viel Zeit damit, zwischen diesen zwei Persönlichkeiten hin- und hergerissen zu sein, der ambitiösen Künstlerin und dem schüchternen und ängstlichen anderen Ich. Und obwohl beides nicht zusammen passte, waren es beide Persönlichkeiten, die mich letztendlich ausmachten. Wenn ich jedoch über das sang, an das ich glaubte, nämlich so- ziale Gerechtigkeit, dann machte mich das stärker. Schüchtern war ich natürlich immer noch, aber ich wuchs über mich hin- aus, und das gab mir Stabilität. Es gab mir das Gefühl, dass es einen Grund für mein Dasein gab. Und genau das erfüllte mich. Wenn ich zurückblicke, war ich wohl ein wenig unaus- stehlich. Ich hatte nie das Gefühl, ein Träumer zu sein, ich glaubte immer, ich sei ein Realist. Ich war besessen davon, immer das sagen zu müssen, was ich sagen musste. Und genau das brachte mich in Schwierigkeiten. Einige schreckten davor zurück, andere stimmten mir zu. Und mit vielen Dingen lag ich natürlich richtig, aber manchmal wollten andere einfach nicht hören, was ich zu sagen hatte. Ich denke, dass mich die Lehren über Gewaltlosigkeit unter der Obhut von Ira Sand- perl stärker machten. Er war sehr offen und ausgesprochen. Er lehrte mich so viele Dinge und vielleicht, wenn mein Klas- senlehrer weniger offen und ausgesprochen gewesen wäre, dann hätte ich die Dinge getan, die ich letztlich anders ange- gangen bin. Aber ich hätte diese Dinge letztlich doch getan.

Warum ich mich für Außenseiter einsetze

Als Teenager hatte ich ein sehr schlechtes Selbstbildnis, und das verfolgte mich bis in meine Zwanziger. Der Grund dafür war wahrscheinlich, dass ich viele meiner frühen Jahre in einer Stadt in Kalifornien lebte, die nahe der Grenze zu Mexiko lag. Mexikaner wurden nicht respektiert und auf Grund meines Namens wurde immer angenommen, dass ich Mexikanerin sei - was ich auch bin, oder zumindest ein Teil von mir. Also wurde ich nicht gut behandelt und die Leute ignorierten mich. Mexikanische Kinder… naja, niemand scherte sich einen Teu- fel um uns. Dieses Leben in einer Gesellschaft, die dieses Vor- urteil gegen mich hatte, erdrückte mich. Heute denke ich, dass ich genau deshalb begann, mich für Außenseiter einzusetzen, denn ich selbst fühlte mich wie einer. Im Laufe der Zeit hat sich meine Einstellung zu einigen Tücken des Ruhms verändert. Ich hatte von Anfang an eine Abneigung gegen alles, was kommerziell war. Man sagte im- mer von mir, dass es nicht möglich sei, aus mir eine Diva zu machen, denn ich bestand darauf, eine dunkle Bühne mit nur einem Licht und einem Mikrofon zu haben. Ich glaube eher, dass das mit meiner Angst zu tun hatte, mit allem, was damit

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einhergeht, wenn man der Öffentlichkeit ausgesetzt ist. Das ganze Rampenlicht-Dasein - das war einfach nicht ich. Wenn man mich in ein überteuertes Hotel verfrachtete, dann fühlte ich mich immer unbehaglich. Es dauerte einige Jahre, bis ich letztlich in der Lage war, mich mit dem Gedanken abzufinden, dass der rote Teppich Teil meines Lebens ist und ich es so hinnehmen muss, wie es nun mal ist. Also warum sollte ich mir nicht ein angemessenes Hotel nehmen und versuchen, das Luxusleben ein wenig zu genießen, solange es mir gegeben ist. Wenn ich heutzutage auf Tour bin, dann ist es eher eine po- sitive spirituelle Erfahrung, für kurze Zeit in einem schönen Hotel zu leben. Und ich genieße es wirklich. Ich glaube, ich würde heute lachen, wenn ich einige mei- ner ersten Interviews lesen würde. Ich begann meine Mission, als ich 17 war! Ich stritt mich mit allen und jedem. Ich ging zu rechten Radiostationen, denn ich wusste, dass man mich raus- schmeißen würde. Ich erinnere mich noch an einen Modera- tor, der mich auf meinen Glauben an Gewaltlosigkeit testete und mich fragte, was ich tun würde, wenn mich jemand in der U-Bahn angehen würde. Ich sagte, dass ich mich übergeben würde. Und die gesamte Backstage-Crew jubelte wohl: ›Ja, weiter so!‹ Ich konnte so gut klugscheißern, aber ich hoffe, dass ich mit dem Alter nachsichtiger und weniger aggressiv geworden bin. Ich denke jedoch immer noch, dass ich schon einige gute Antworten parat hatte, als ich jünger war.

Bob Dylan – Was bleibt, sind die Songs

Als ich mit Bob Dylan zusammen war, waren wir sehr jung. Wir verbrachten sehr viel Zeit damit, Musik zu machen und Musik zu hören, aber wir bemerkten auch, dass uns dieses Phänomen permanent umgab. Am Anfang machte das alles noch Spaß, aber als ich in den 60ern mit Bob nach England ging, endete alles im Chaos. Ein Grund dafür war, dass ich keine Drogen nahm. Also fühlte ich mich komplett ausge- schlossen von diesem Kreis durchgeknallter Leute. Und un- sere Beziehung bewegte sich natürlich auf ein eher unglück- liches Kapitel zu… Blablabla… Ich reite nicht gern darauf herum. Es wurde alles besser und alles, was mir von dieser Zeit bleibt, sind meine Songs.

Martin Luther King & Barack Obama

Ich hielt mich von der Politik fern, bis ich begann, Obama zu unterstützen. Mein scharfsinniges 16-jähriges Ich würde sagen: ›Haha, ich dir doch gesagt, dass du niemandem im Wei- ßen Haus trauen kannst.‹ Obamas Reden berührten mich und ich hatte das Gefühl, dass er wie Martin Luther King sei. Und

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ich bin froh, dieses wundervolle Gemeinschaftsgefühl erfah- ren zu haben, das wir seit 40 Jahren nicht gespürt hatten. Ich denke jedoch, dass wenn er nicht ins Weiße Haus eingezogen wäre und stattdessen eine politische Bewegung geführt hätte, dann hätten wir mehr Veränderungen herbeiführen können. Aber das kam leider anders. Es überrascht mich, dass er so weit von dem großen Traum abgekommen ist. Er hatte ein Foto von Gandhi in seinem Büro. Ich verstehe diesen Mann einfach nicht. Ich denke, das jüngere Ich wäre überwältigt von dem Anklang, den ich gefunden habe. Jedes Kind wäre von dem Gedanken überwältigt, über Nacht zum Superstar zu werden. Ich hätte keine Ahnung, was das überhaupt bedeuten würde. Alles begann damit, dass ich einen Song auf der Bühne in Ne- wport sang und – Bumm! – das war‘s. 13 000 Menschen wa- ren da, die größte Menschenmenge, die ich je gesehen habe. Ich lief von der Bühne, direkt in die Arme der Mitarbeiter des ›Time Magazine‹ und der Rest ist, wie sie sagen, Geschichte. Aber wenn man mir, als ich 16 war, gesagt hätte, was passieren würde, dann hätte ich gesagt: Prima!

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D er Umgang mit Familien mit Kindern

stand am 12. März 2014 beim Plenum

der Arbeitsgemeinschaft »Leben mit

Obdachlosen«im Fokus. Das Thema

wurde schon einmal in der Kältehilfesaison 2011/12 besprochen, es schien damals nicht zu einem Dauerthema zu werden.

Aktuelle Situation

Beim Plenum hatte es dann aber den Anschein, als ob mehr Kinder als vor zwei Jahren in die »Kält- ehilfe« kommen. Der Sprecherrat der AG hat deshalb nachgefragt. Von den 70 Einrichtungen und Initiativen der »Berliner Kältehilfe« haben sich neun Einrichtungen gemeldet. Drei hatten alleinerziehende Mütter mit Kindern gemeldet. Ein Nachtcafé hat für eine Nacht zwei junge Frauen aus Bulgarien und zwei Mädchen aufge- nommen. Die beiden Kleinstfamilien sind dann in einer Notübernachtung untergekommen. In einer anderen Notübernachtung sind vier allein erziehende Frauen mit insgesamt fünf Kindern betreut worden. Für eine Familie mit drei Kin- dern, die dort nicht übernachten konnte, wurde eine andere Einrichtung der Kältehilfe gefunden. Für drei alleinerziehende Frauen und drei Jungen konnten die Mitarbeiter dieser Einrichtung keine Lösung finden. Drei Frauen kamen mit ihren Kindern aus Deutschland, drei Anfragen kamen aus Bulgarien, eine aus Rumänien und eine aus Frankreich. Die Kinder, die mit ihren Müttern kamen, waren ein Säugling, Kinder im Vorschul- alter, schulpflichtige Kinder und Jugendliche. Fazit: Minderjährige in Einrichtungen der »Kältehilfe« sind für die Einrichtungen der Kält- ehilfe derzeit noch kein großes Problem. Aber:

Der Anstieg macht sich deutlich bemerkbar. Es ist zu befürchten, dass noch mehr Familien mit Kindern die Angebote der »Berliner Kältehilfe« nutzen müssen.

E n tw i c k l u n g

Wo h n u n g s m a r k t s o rg t f ü r Wo h n u n g sve r l u s t a u c h f ü r mit Kindern

Als die Zahl der Wohnungslosen sank, nutzten neben einigen Frauen hauptsächlich alleinste- hende Männer die »Kältehilfe«. Das hat sich dras- tisch geändert. Der Wohnungsmarkt in Berlin hat sich seit 2007/08 vom Mietermarkt zum Vermie- termarkt gewandelt. Der soziale Wohnungsbau ist seit etwa 2000 das Sparschwein des Berliner Senats. Der Wohnungsneubau kam fast zum Er- liegen, zurzeit zieht er endlich etwas an. Die Situation hat sich von Jahr zu Jahr ver- schärft. Inzwischen haben selbst Menschen in normal bezahlten Jobs Schwierigkeiten, eine Wohnung zu finden. Außerdem ist seit 2004 in den Amts- und Landesgerichten ein Sinneswan- del vom Mieterschutz zur Wahrung der Eigen- tümerinteressen zu erkennen. Soziale Kriterien zählen in Räumungsverfahren immer weniger.

a u f

d e m

B e r l i n e r

Fa m i l i e n

Kinder haben da nichts zu suchen

Familien mit Kindern in der Kältehilfe

BERICHT:

Jan

Markowsky

mit Kindern in der Kältehilfe BERICHT: Jan Markowsky Sinti und Roma demonstrieren (Quelle:

Sinti und Roma demonstrieren (Quelle: http://3.bp.blogspot.com)

Prominente Opfer waren 2012 die schwer behin- derte und betagte Nuriye Cengiz und 2013 die schwer kranke 67jährige Rosemarie F. Wer auf schwer kranke und schwer behinderte Menschen keine Rücksicht nimmt, wird sich auch um die Zukunft der Kinder keinen Deut scheren.

S oz i a l e

A u s g re n z u n g

i n

Eu ro p a

a l s we i t e re

U r s a c h e

f ü r

K i n d e r

in der Kältehilfe

Die Grenzen nach Ost- und Südosteuropa sind offen. Die Menschen, die in ihrer Heimat keine Chance haben, kommen hier her. Natürlich sind auch Familien mit Kindern dabei. Sie ha- ben alle das Recht dazu, auch das Recht, hier zu bleiben. Der Gesetzgeber hat sie aber von Hatz IV-Leistungen ausgeschlossen und den Bezug von Sozialhilfe eingeschränkt. Sie müs- sen sich Nischen suchen. Die verlassenen Gar- tenlauben, die der A100 weichen mussten, und die ehemalige Eisfabrik waren solche Nischen. Aus diesen Quartieren sind sie mit Hilfe von Zivil- und Ordnungsrecht vertrieben worden. In diesem Jahr berichteten Zeitungen über Menschen in der ehemaligen »Engelhardt«- Brauerei in Schöneweide. Auch hier werden sie über kurz oder lang vertrieben werden. Da bleibt nur die »Kältehilfe«, und Kinder bleiben da auf der Strecke.

Zum Baby in der »Kältehilfe« ist zu sa- gen: Ein einmal erkämpfter Fortschritt für die Menschen ist nicht nachhaltig gesichert. Der ehemalige Integrationsbeauftragte des Senats, Günter Pienning, hat unter Rot-Rot durchsetzen können, dass für hochschwangere Frauen und Mütter mit Säuglingen ein eigenes Bleiberecht in Berlin mit Zugang zu Jobcenterleistungen ge- schaffen wurde. Er hat wegen des neuen Koali- tionspartners der SPD das Handtuch geworfen. Jetzt bleibt für Mütter mit Säuglingen wohl nur die »Kältehilfe«.

M a c h t p o l i t i k

als Hauptgrund

Die Politik hat sich in Deutschland selbst Fesseln angelegt: die Schuldenbremse. Hilfe für Men- schen ist wegen der aktuell herrschenden Austeri- tätspolitik kaum zu finanzieren. Auffallend, dass trotz Schuldenbremse bestimmte Prestigepro- jekte durchgezogen werden. Das Stadtschloss- Imitat in Berlins Mitte und die Elbphilharmonie in Hamburg sind die krassesten Beispiele. Der Um- gang der Regierenden mit den höchstverschulde- ten Staaten tut sein Übriges. Die Menschen aus Südosteuropa haben weder in Italien, noch in Spanien, noch in Portugal eine echte Chance. Von Griechenland ganz zu schweigen. Die Bundesre- gierung hat daran erheblichen Anteil.

m i t

G e l d

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Brennpunkt

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Ein beeindruckendes Hilfenetz

Bilanz der Kältehilfesaison 2013/2104

BERICHT

&

FOTO:

Andreas

Düllick

©

VG

Bild-Kunst

Menschen haben vom 1. No- vember 2013 bis 31. März

2014 in den Einrichtungen der »Berliner Kält- ehilfe« einen sicheren Schlafplatz gefunden. Barbara Eschen, Direktorin des Diakonischen Werkes Berlin-Brandenburg-schlesische Ober- lausitz e.V. (DWBO) konnte auf der Bilanzpres- sekonferenz der Kältehilfe konstatieren, dass die Platzkapazitäten der »Kältehilfe« trotz des mil- den Winters zu 101,6 Prozent ausgelastet waren. Insgesamt hatten 16 Notübernachtungen und 13 Nachtcafés geöffnet. Die Zahl der der Übernach- tungen stieg im vergleich zum Vorjahr um 2 020. Das sind rund 13 Übernachtungen pro Nacht mehr als in der Vorjahressaison, obwohl diese wesentlich kälter war. Eschen dankte in diesem Zusammenhang allen Helfer_innen: »Ich bin sehr beeindruckt davon, was die hauptamtlichen und ehrenamtli- chen Mitarbeiter_innen der Berliner Kältehilfe in den Wintermonaten geleistet haben.«

72 938

A u c h

für Nacht unterwegs

Auch in dieser Saison betreute u.a. das »Rote Kreuz« Menschen, die auf der Straße leben, mit dem DRK-»Wärmebus«. 22 ehrenamtliche Hel- fer_innen sowie sozialpädagogische Honorar- kräfte waren in 135 Nächten mit dem Bus in der Nacht in den Straßen von Berlin unterwegs, um Menschen ohne Dach über dem Kopf zu helfen. Dabei hatten sie Kontakt zu 2 463 Menschen ohne Unterkunft. 672 obdachlose Menschen, davon 111 Frauen, wurden in Notunterkünfte der Kältehilfe gebracht. Außerdem erhielten sie Schlafsäcke, Rucksäcke, wärmende Winterklei- dung und festes Schuhwerk.

d i e

K ä l t e b u s s e

wa re n

N a c h t

R i e s i g e s

sind obdachlose Osteuropäer

Stark gestiegen ist die Anzahl der obdachlosen Menschen aus den osteuropäischen EU-Mit- gliedsstaaten. 60 bis 70 Prozent (!) der Besu- cher_innen der Einrichtungen der Kältehilfe ka- men aus Polen, Bulgarien und Rumänien. Hier gibt es akuten Hilfebedarf. Insbesondere, weil diese Menschen in der Regel von jeder weiter- gehenden Versorgung abgeschnitten sind. Dazu kommen auch noch die Sprach- und Kommu- nikationsbarrieren. Dieser Herausforderung haben sich die »Frostschutzengel«, ein Projekt der GEBEWO – Soziale Dienste, angenommen. Drei Mitarbeiter_innen waren regelmäßig in den Einrichtungen der niedrigschwelligen Woh-

P ro b l e m

den Einrichtungen der niedrigschwelligen Woh- P ro b l e m Tag der offenen Tür in

Tag der offenen Tür in der Wärmelufthalle am Innsbrucker Platz

nungslosenhilfe unterwegs – auch beim mob e.V./strassenfeger (!) – um Erstberatungen und Weitervermittlungen in den Muttersprachen dieser Menschen anzubieten. Bislang wurde das Projekt über Spenden finanziert. Um die Arbeit der »Frostschutzengel« langfristig zu sichern, müsste der Berliner Senat das Projekt fördern. Hier ist der Sozialsenator Mario Czaja gefragt.

Experiment »Wärmelufthalle«

Anfang Februar hatte die Berliner Stadtmission das Angebot des Hamburger Unternehmers Mar- tin Kristek (»Care Energy«) angenommen, auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs Wilmersdorf am Innsbrucker Platz eine soge- nannte »Wärmelufthalle« (1 100 Quadratmeter) zu errichten. Dazu musste allerdings von der Deutschen Bahn ein Grundstück gemietet wer- den. (Man fragt sich übrigens, warum die Bahn das Grundstück nicht kostenlos zur Verfügung gestellt hat!). Rund 300 000 Euro der Kosten für die Halle übernahm der Sponsor. Die Berliner Stadtmission stellte zehn Mitarbeiter und Ver- sorgung, 700 Euro kostete das am Tag. In der Nacht zum 19. Februar übernachteten die ersten Obdachlosen im Inneren des Wärmezeltes. Da- für können dort jede Nacht bis zu 60 Obdach-

lose übernachten. Aber nicht nur das: Es wurden auch moderne Sanitärcontainer mit Duschen installiert, und auch eine Waschmaschine gab es. Außerdem bietet die Küche warmes Essen an und die Gäste können medizinisch versorgt wer- den. Das Feedback der Gäste war übrigens sehr positiv. Stadtmission und Sponsor werden Ende April prüfen, ob das Experiment gelungen ist und wie es eventuell in der nächsten Kältehilfesaison weiter geht. Übrigens: Die Notübernachtung von mob e.V. mit 17 Schlafplätzen war Bestandteil der »Berliner Kältehilfe«. Leider mussten wir unsere Einrichtung am 26. Januar vorläufig schließen, weil uns unsere Räume gekündigt worden waren. Stand heute gibt es keinen Ersatz. Hier hat die Berliner Politik komplett versagt! Wir kämpfen weiter um neue Räume, fordern einen Runden Tisch mit allen Verantwortlichen.

INFO & QUELLEN

INFO & QUELLEN
INFO & QUELLEN
INFO & QUELLEN

http://www.diakonie-portal.de

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TAUFRISCH & ANGESAGT

Kulturtipps

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skurril, famos und preiswert!

Kulturtipps aus unserer Redaktion

ZUSAMMENSTELLUNG :

01 FILM

Laura

»Menschen am Sonntag«

Stummfilme um Mitternacht ist eine Filmreihe des »Kino Babylon«, dass derzeit regelmäßig samstagnachts stattfindet. Menschen am Sonntag ist ein Stummfilm von Robert Siodmak, Edgar G. Ulmer und Billy Wilder. Er wurde von Moriz Seelers Produktionsfirma »Filmstudio 1929« produ- ziert und entstand in den Jahren 1929 und 1930 in Berlin und Umgebung. Die Uraufführung war im Februar 1930. Das Besondere des Films sind die historischen Bilder von Berlin, die die Hauptstadt am Ende der 1920er Jahre zeigt: Der Film spielt am Bahnhof Zoo, am Bahnhof Nikolassee, an der Havel und am Wannsee.

Am 12.4., um 23.59 Uhr, Eintritt frei!

Ticketreservierung: Per Internetformular unter www.babylonberlin.de/stummfilme.htm

Kino Babylon, Rosa-Luxemburg-Str. 30, 10178 Berlin

Info: www.babylonberlin.de Bild: UFA

02 AUSSTELLUNG

»Villencolonie Alsen am Großen Wannsee«

Die Ausstellung zeigt die Geschichte der Wannseevillen und ihrer ehemaligen Besitzer: Nur noch wenige Häuser und Gartenanlagen sind um den Berliner Wannsee übriggeblie- ben. Dabei zählten diese Villen und Anlagen mal zu den schönsten in der Kulturlandschaft Deutschlands. Bereits in den 1870er Jahren entstand die Anlage um den Wannsee herum, die von dem Bankier Wilhelm Conrad als »Colonie- Alsen« gegründet worden war. Conrad verkaufte die einzel- nen Grundstücke schließlich an bekannte Berliner Persön- lichkeiten wie Künstler, Wissenschaftler und Verleger, darunter unter anderem Hermine Feist, Eduard von der Heydt, Johann Hamspohn und die Familie Langenscheidt.

Ab Mitte April bis 2016, Eintritt frei!

Montag bis Sonntag von 10 Uhr bis 18 Uhr

Haus der Wannseekonferenz, Am Großen Wannsee 56, 14109 Berlin

Info: www.ghwk.de

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FESTIVAL

»Spoken Wor:l:ds Nairobi – Berlin«

»Spoken Wor:l:ds« ist ein Aus- tausch von Autoren aus Deutsch- land und Nairobi. Nachdem es letztes Jahr einen Besuch deutscher Auoren in Nairobi gab, sind jetzt Poeten aus Nairobi zu Besuch in Berlin. Dazu gibt es Gespräche, Lesungen, Installationen und Konzerte an verschiedenen Orten in Berlin. Eine vorherige Anmel- dung zu den einzelnen Terminen ist auf der Internetseite www. literaturwerkstatt.org möglich.

Noch bis zum 12.4., Eintritt ist meistens frei!

Genaue Orte und Zeiten auf der Inter- netseite www.literaturwerkstatt.org

Info & Bild: www.literaturwerkstatt.org

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KONZERT

»Zargenbruch«

Seit 2009 gibt es die Band »Zargen- bruch«. Die Musiker spielen Geige, Bassukulele und zwei Gitarren oder auch mal eine Bassdrum oder andere Instrumente. »Zargenbruch steht für handgemachte Liederma- cher-Worldmusic, verbreitet gute Laune mit treffsicheren Texten, tanzbaren Rhythmen und eingängi- gen Melodien. 2012 veröffentlich- ten sie ihr erstes Album »Debut« mit einer Liedermischung aus deutschen Liedermachertexten, französischen Chansons, engli- schem Pop und portugiesischen Klängen. 2013 gewann »Zargen- bruch« das »Osnabrücker- straßenmusikfestival«.

Am 12.4., um 18.34 Uhr, Eintritt frei!

Dodo Beach, Vorbergstr 8,10823 Berlin

Info & Bild: www.zargenbruch.com

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Kulturtipps

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VORSCHLAGEN Sie haben da einen Tipp? Dann senden Sie ihn uns an: redaktion@strassenfeger.org Je skurriler,
VORSCHLAGEN
Sie haben da einen Tipp? Dann
senden Sie ihn uns an:
redaktion@strassenfeger.org
Je skurriler, famoser und
preiswerter, desto besser!
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05 FÜHRUNG

»Krokusse im Botanischen Garten«

Die ersten grünen Spitzen, die erste weiße und blaue Blume, genauer gesagt Krokusse: Sie alle kommen aus dem graubraunen alten Laub und bedecken die Wiesen des Botanischen Gartens. Über die ersten Boten des Frühlings frohlockten bereits die Schriftsteller vor 200 Jahren. Mit ihren Gedichten und Liedern verleihen sie auch heute noch unseren Gefühlen Ausdruck. Die Führung im »Botanischen Garten« nimmt Bezug auf Blumen und Pflanzen in der Lyrik und Poesie.

Am 13.4., um 12 Uhr, Eintritt: zehn Euro

Kontakt: Per Telefon unter 030 - 39908624

Treffpunkt: Eingang Königin-Luise-Platz, Botanischer Garten, Königin-Luise-Straße, 6-8,14195 Berlin

Info: www.bgbm.org Bild: © I. Haas, Botanischer Garten und Botanisches Museum Berlin-Dahlem

06 LITERATUR

»Hollywoods Kriege«

Welche Verbindungen gibt es zwischen Krieg auf der Leinwand und Krieg in der Realität? Die Kultur- und Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen untersucht die Verbindung von Hollywood mit Kriegen in der Geschichte, indem sie bekannte amerikanische Kriegsfilme analysiert. Ist das Kino der Ort, an dem die USA seine militärische Vergangenheit aufarbeitet?

Am 9.4., um 20 Uhr, Eintritt: fünf Euro/ ermä- ßigt: drei Euro

Literaturforum im Brecht-Haus, Chausseestraße 125, 10115 Berlin

Info & Bild: www.lfbrecht.de

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VORTRAG

»Der deutsche Widerstand gegen die Nationalsozialisten«

Nationalsozialismus, ein Führer namens Hitler der Zweite Weltkrieg und der Holocaust sind kein Ruhmesblatt für uns Deutsche. Viel zu viele haben mitgemacht. Aber es gab auch den Widerstand und mutige Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten, die bei der Errichtung des Dritten Reichs nicht mitmachten oder aktiv dagegen ankämpften. Wo Verweige- rung endete und Widerstand begann, darüber diskutiert Professor Benz mit den Besuchern seines Vortrags.

Am 14.4., um 19.30 Uhr Eintritt: sieben Euro/ ermäßigt: sechs Euro

Ticketreservierung: www.shop.tixoo.com Reservierung per Telefon unter 030 - 2189091

Urania, An der Urania 17, 10787 Berlin

Info: www.urania.de

Bild: Wikipedia

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KINDER

»Spagettihochzeit«

Anna und ihr bester Freund Thimm sind beide in einer besonderen Familiensituation: Bei Annas Eltern steht die Scheidung kurz bevor, bei Thimm haben sich die Eltern schon scheiden lassen. Aber während Anna versucht ihre Eltern wieder zusammenzubringen, hat sich Thimm schon mit der Scheidung abgefunden. Zusammen suchen Anna und Thimm nach einer Lösung, um auf die Eltern einzu- wirken und sie doch noch von ihrem Vorhaben abzubringen. Bei dem Theaterstück geht es um die Chancen von Entwicklung, Selbstbewusstsein und Freund- schaft. Begleitet wird das Stück durch Klavier, Cello, Schlagzeug, Bass und Gitarre.

Am 10.4. & 11.4., jeweils um 10.30 Uhr, am 12.4. um 16 Uhr

Eintritt: neun Euro/ Familienpreis ab drei Personen: acht Euro

Kontakt und Ticketbestellung: Per Telefon unter 030 - 81799188 und per E-Mail unter tickets@atzeberlin.de

Atze Musiktheater GmbH, Luxembur- ger Straße 20, 13353 Berlin

Info & Bild: www.atzeberlin.de

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TAUFRISCH & ANGESAGT

strassenfeger radio

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V or etwa zwei Jahren verabschiedete sich im Rahmen von strassenfeger un- plugged, das Duo »Das LariFari«, live in einem letzten großartigen Konzert

vor 100 Gästen im Studio, in den Pausen-Modus. Das ist durchaus wörtlich zu nehmen. Während »Fari« die noch andauernde Pause nutzt, sich verstärkt dem erfolgreichen Abschluss seines Studiums zu widmen, interpretierte »Lari« das Wort Pause auf seine ganz eigene freie Art und gründete sein neues musikalisches Projekt, »Lari & die Pausenmusik«.

»Lari & die Pausenmusik«

Dabei hat er in dem virtuosen Instrumentalisten »Platze« einen neuen/alten kongenialen Partner gefunden. Zusammen bildeten sie schon vor ein paar Jahren das regional erfolgreiche Liederma- cher-Duo »PlanLos«. Komplettiert werden die beidendurchdenPercussion-undCajonistenM.J. Diese Musiker sind keine verkopften Theoreti- ker, sie brauchen die Bühne, das Scheinwerfer- licht. Ganz ihrem Naturell entsprechend wählten »Lari & die Pausenmusik« bewusst den ihnen nur zu gut bekannten Weg, in mehr als 100 Kon- zerte durch die Kneipen, Bars und Cafés Berlin und Brandenburgs. Das Herz aber schlägt auch weiterhin im Wedding, getreu nach dem Motto:

»Kreuzberger Nächte sind lang. Weddinger Nächte sind länger!«

Weghören ist kaum möglich

In seinen Texten beschreibt »Lari« die Macht sozialer Netzwerke, Gentrifizierungsprozesse und deren Opfer. Er thematisiert Ausgrenzung und gibt den Schicksalen unserer Straßenkultur ein Gesicht.

Neulich sitz ick in der U-Bahn / und ick fahr von B nach A Ziemlich viele Leute / Plötzlich warst du einfach da Du sagst du seist gestrandet / Nur die Klampfe wär noch da Du würdest jetzt was spielen/ bisschen Kleingeld - Wunderbar!

Meine mitfahrenden Bürger / oh, die schütteln nur den Kopf Für so einen mit Hund / Nee, da geb ich keinen Knopf lange, bunte Haare/ und die Sachen kunterbunt sowas gehört verboten/ für Nächsten- liebe keinen Grund

(Songtext: Straßenmusikant)

Musik als Statement

Record-Release-Party – »Einmischen« von »Lari & die Pausenmusik«

TEXT:

Guido

Fahrendholz

INFO

strassenfeger Radio Mittwochs 17 – 18 Uhr auf »88vier - kreatives Radio für Berlin«

UKW-Frequenzen 88,4 MHz (Berlin), 90,7 MHz (Potsdam & Teile Brandenburgs)

MHz (Berlin), 90,7 MHz (Potsdam & Teile Brandenburgs) INFO www.lariunddiepausenmusik.de › Wer dabei jetzt an die

INFO

INFO
INFO
INFO

www.lariunddiepausenmusik.de

Wer dabei jetzt an die geschrammelten zwei Ak- korde seiner eigenen Protestjugend denkt, hat die Rechnung ohne »Platze« gemacht. Virtuos spannt dieser auf seiner Gitarre einen musika- lischen Bogen vom Akustik- und Psychodelic- Rock über den Blues bis hin zu dem in den 1990er Jahren entstandenen Genre, »Liederma- ching«. Gemeinsam legen Musik und Texte Ver- gleiche mit Götz Widmann und Martin Simon, zusammen »Joint Venture«, nah. Eine schöne noch junge Tradition.

H u t

a b !

To u r

Dagegen ist eine ganz alte Tradition inzwischen das Markenzeichen eines jeden Konzerts der Band geworden. Am Ende macht ein alter Hut die Runde durchs Publikum. Eine Deutschland- Tour, die von Lübeck bis in den Süden des Lan- des führt, heißt demnach nicht von ungefähr »Hut ab!«-Tour. Nachdem das »Hut«-Geld zu- sammengekratzt war, wurde von dem Erlös der erste gemeinsame Long-Player produziert. Die CD »Lari & und die Pausenmusik – Ein- mischen« erscheint am 26. April 2014. Die dazu- gehörende Record-Release-Party findet am glei- chen Tag bei »Mastul e.V.« in der Liebenwalder Straße 33, natürlich in 13347 Berlin-Wedding, statt. Der Einlass ist um 20 Uhr, der voraussicht- liche Beginn des Konzerts ist für 21 Uhr geplant. Den Support an diesem Abend übernimmt die Berliner Band »Zargenbruch«. Lari & die Pausenmusik (Quelle: LudP/Manuela Matz-Kubik)

diesem Abend übernimmt die Berliner Band »Zargenbruch«. Lari & die Pausenmusik (Quelle: LudP/Manuela Matz-Kubik)

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Sport

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Fußballleidenschaft auf großer Leinwand

Filmfestival »11mm« widmet sich im Jahr der Fußball-WM dem Gastgeber Brasilien

BERICHT:

Christoph

Mews

F ußball ist mehr als ein Spiel« oder »Die schönste Nebensache« sind nur zwei von vielen Slogans, um die Faszination des Fußballs zu erklären. Kein Sport weckt

solche Emotionen wie König Fußball. Er entfacht Leidenschaft, wo immer er auch gespielt wird. Das Spiel mit dem runden Leder ist voller Ge- schichten und herausragender Spieler. Die größte Bühne für den Fußball ist die Fußball-WM und so wundert es nicht, dass das diesjährige »11mm« Filmfestival auch im Zeichen des im Juni begin- nenden Mega-Events stand. Vom 27. März bis 1. April drehte sich im Kino Babylon wieder alles rund um den Ball. An sechs Festivaltagen gab es fast 60 Kurz-, Dokumentar- und Spielfilme, inte- ressante Gäste wie Weltmeister Pierre Littbarski und eine tolle Ausstellung des niederländischen Fotografen Peter Bijl im Angebot.

St a r ke

deutsche Fußballvereine

Eröffnet wurde die elfte Ausgabe von »11mm« mit einem echten Schmankerl, einem Film über den Berliner Kultverein Union Berlin. Die in einer Weltpremiere gezeigte Dokumentation »Union fürs Leben« folgt in rund 100 unterhaltsamen Minuten vier sehr unterschiedlichen Protagonis- ten, die eines gemeinsam haben: ihre Liebe zum 1. FC Union Berlin. Neben »Union fürs Leben« flimmerten bei der mittlerweile elften Ausgabe des »11mm« Filmfestivals weitere sehenswerte Produktionen über einzelne Fußballvereine über die Leinwand. Dokumentationen wie »Die Raute im Herzen«, »Dortmund-Süd, die schwarz-gelbe Wand«, »Fortunas Legenden«, »Nullfünfer – mit Kopf, Herz und Seele« oder »Kick off! Spezial - The German Final« lieferten spannende und inte- ressante Einblicke in die Fan- und Vereinskultur der jeweiligen Clubs. Insbesondere letzterer Film konnte überzeugen. Die Macher von »The Ger- man Final«, eine Dokumentation der »Deutschen Welle«, haben für den Film am Tag des Cham- pions-League-Finales 2013 zwischen »Borussia Dortmund« und »Bayern München« Fans an den unterschiedlichsten Orten in Barcelona, New York, Moskau, Nairobi, Ramallah und weiteren Städten beim Public Viewing begleitetet. Ein fast unkommentierter, ganz auf die Fans der jeweili- gen Stationen zugeschnittener Film.

F i l m e

ü b e r

Schwerpunkt Brasilien

Natürlich darf im Jahr der Fußball-WM bei einem Fußballfilmfestival ein Blick auf den brasiliani-

bei einem Fußballfilmfestival ein Blick auf den brasiliani- schen Fußball nicht fehlen. Aus einer Vielzahl von

schen Fußball nicht fehlen. Aus einer Vielzahl von Beiträgen aus dem Land des fünfmaligen Weltmeisters ragen vor allem die am zweiten Festivaltag gezeigten Reportagen (»Futebol Total«) des legendären »Canal 100« von Carlos Niemeyer heraus. Ästhetisch und künstlerische wertvolle Bilder vom brasilianischen Fußball, unter anderem von der Seleção bei Fußball WM 1974 in Deutschland. Die Kamera zumeist auf Beinhöhe, direkt beim Schuss, und beim Schwenk sieht man dann in die begeisterten Fans im Stadion. Einfach grandios! Und nicht zuletzt fällt auf, dass bei den auf dem Festival gezeigten Filmen zunehmend Beiträge mit politischen und ge- sellschaftlichen Aspekten an Bedeutung gewinnen. »Die Ge- schichten, die rund um den Fußball erzählt werden, werden immer besser, und das Festival soll natürlich auch dazu da sein, sich dem politischem Wesen des Fußballs zu nähern«, sagt Birger Schmidt, Festivalleiter von »11mm«. Beispielhaft dafür steht die beeindruckende israelische Produktion »Liga Terezin«, eine Dokumentation von Mike Schwartz und Oded Breda über Fußball im Konzentrationsla- ger Theresienstadt. Von 1942 bis 1944 wurde in dem Ghetto, in das die Nazischergen Juden aus ganz Europa sperrten, regelmä- ßig gekickt. Für die Häftlinge war der Sport ein Versuch, sich für kurze Zeit dem traurigen Alltag, der von Hunger, Krank- heit und Tod geprägt war, zu entziehen. Für die Nazis war der Fußball Mittel zum Zweck: Zu Propagandazwecken machten sie 1944 hiervon Filmaufnahmen. Siebzig Jahre später bilden diese historischen Bilder den Rahmen für den Film, der auch einen Bogen zu aktuellen antisemitischen Tendenzen in tsche- chischen und holländischen Fußballstadien schlägt.

» 1 1 m m

s h o r t k i c k s « - G a l a

schlägt. » 1 1 m m s h o r t k i c k s

Links: Ronny gut gelaunt beim Interview Rechts: Naldo war ein gefragter Auto- grammgeber

(Fotos: Andreas Düllick ©VG Bild-Kunst)

Bester Fußball-Kurzfilm in der Kategorie »shortkicks« wurde »I love Hooligans«. Der niederländische Regisseurs Jan-Dirk Bouw erzählt darin die wahre Geschichte eines homosexuel- len Hooligans. Um dessen Identität geheim zu halten, wählte Bouw das Comicformat. Brillant! Zu den Juroren zählten üb- rigens die brasilianischen Fußballstars Ronny von »Hertha BSC« und Naldo vom »VfL Wolfsburg«.

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TAUFRISCH & ANGESAGT

Sport

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»Union fürs Leben«

Ein Dokumentarfilm erzählt Geschichten rund um den Fußballverein »1. FC Union« – und Chris Lopatta ist wie immer mittendrin

INTERVIEW:

Andreas

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Düllick

D er Dokumentarfilm »Union fürs Le- ben« von Frank Marten Pfeiffer und Rouven Rech war der Eröffnungs- film zum elften »11mm Fußball Film-

festival«. Die Nachfrage war so groß, dass der Film am 27. März gleich zwei Mal gezeigt wer- den musste. Bei der doppelten Weltpremiere mit dabei waren einige »Union«-Spieler wie das Eigengewächs Christopher Quiering, der Sozi- alarbeiter Stefan Schützler und dessen 21-jäh- riger Schützling Alexander Grambow, der Schauspieler Chris »Lopez« Lopatta und dessen Mutter (alle Protagonisten im Film). Seit 3. Ap- ril läuft er auch ganz regulär in den deutschen Kinos. Lopatta ist seit 1977 »eiserner Unioner« und so oft es geht bei den Spielen des Vereins »An der Alten Försterei« in Köpenick dabei. Er hat auch selbst mit angepackt, als die Fans ihr Stadion selbst ausgebaut haben, und auch bei der Spendenaktion »Bluten für Union«. Seit acht Jahren steht er als Schauspieler im Stück »Eisern Union« auf der Theaterbühne. Andreas Düllick sprach für den strassenfeger mit vChris Lopatta, über den Film und natürlich sein Le- ben als »eiserner Unioner«.

Andreas Düllick: Na Chris, Heimniederlage ge- gen »Energie Cottbus« schon verdaut? Chris Lopatta: Hä, wir ham doch jewonnen.

INFO

INFO
INFO
INFO

www.textilvergehen.de/tag/

frank-marten-pfeiffer

Der »Weltkino Filmverleih« startete den Film am 3. April bundesweit in den Kinos. In Berlin läuft er neben dem Babylon Mitte u. a. in den Kinos Co- losseum, Astra und in der Kulturbrau- erei. Auch in Potsdam, Brandenburg, Eberswalde, Erkner und Oranienburg kommt »Union fürs Leben« auf die große Leinwand.

kommt »Union fürs Leben« auf die große Leinwand. Ähm, ja, war ein Aprilscherz, Ihr habt ja

Ähm, ja, war ein Aprilscherz, Ihr habt ja 2:0 ge- wonnen, zwei Buden von Sören Brandy. Warum steigt »Union« dieses Jahr wieder nicht in die erste Bundesliga auf? Wieder nich? Wir hatten das noch nie uff un- sere Fahnen geschrieben. Als es dieses Jahr mal ganz gut lief, fingen manche an zu träumen. Aber wir brauchen die erste Bundesliga nicht. Wenn‘s mal passiert, nehmen wir das gern mit und ma- chen »Urlaub«, auf den man lange gespart hat, wie unser Präsident das mal so treffend genannt hat.

Wie kam es denn zu Deinem prominenten Mit- wirken beim Film »Union fürs Leben«? Durch 37 Jahre »Unioner«-Dasein und durch das Stück zum Spiel bin ich schon eini- gen bei »Union« bekannt. Und als Frank Marten

Pfeiffer und Rouven Rech auf der Suche nach ihren Protagonisten waren, wurde ich sicher von jemanden weiterempfohlen.

Wie lief das bei den Dreharbeiten? War es leicht für Dich, weil Du ja selbst Schauspieler bist oder gerade deshalb eher schwer? Also Scheu vor der Kamera habe ich nicht – mein Kumpel Boone (der »Union«-Chefgra- fiker) lästert immer über mich: kamerageiles Arschloch. Dabei ist er auch nicht besser ;-) Meine einzige Sorge war am Anfang, dass ich mich eventuell zu sehr selbst kontrolliere. Aber das passierte dann nicht.

Im Film sieht man Dich nur in Union-Klamot- ten. Warum? Ich hab mich nicht für den Film verkleidet.

»Andere Vereine haben Fans, wir aber haben einen Verein.«

So renn‘ ick meistens rum. Bin ja »Unioner«. Einmal hatte ich mich mit einem Kumpel in der Leipziger Oper verabredet. Als er mich in meinen kurzen Hosen mit rot-weiß-geringelten knielangen Socken erblickt hat, ist er an mir un- auffällig vorbeigegangen und hat mir zugezischt:

»Ich kenn dich nicht!«

Was findest Du an dem Film gut gelungen, was vielleicht nicht so gut? Da ist alles dabei. Schöne Bilder, interessante Erzählungen, gute Dialoge, komische Situatio- nen. Der Film löst Gänsehaut, Lachen, feuchte Augen, Betroffenheit aus. Die Längen, die stel- lenweise entstehen sind sicher Geschmacksache, haben aber ihre Berechtigung.

Der Sozialsenator Mario Czaja (CDU) taucht im Film auch als Unioner auf. Viele Leute fin- den, der passt da gar nicht rein? Aber er ist auch »Unioner«. Und wir »Uni- oner« sind eben auch sehr unterschiedlich – uns verbindet die Liebe zu diesem Verein.

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Der Filmhändler Michael Kölmel, hat den Film produziert. Ohne ihn gäbe es den Verein nicht mehr, auch wenn er nicht unbedingt nur der groß- zügige Gönner ist. Im Film kommt er nicht vor!? Aber im Abspann, oder?

Kritiker meinen, die Regisseure haben leider die schwierigen Momente ausgeblendet oder nur kurz gestreift. Stichworte »Fast-Insol- venz«, »Umgang mit Publikumslieblingen und Sponsoren« etc. Vor allem zeigt er nichts, was einem als »Unioner« heute wehtut, schrieb eine Zeitung. Auch wie der Verein mit rechten Tendenzen umgeht hat gefehlt (was er übrigens recht gut macht). Da wären wirklich noch viele Themen möglich gewesen. Aber es sollte ja keine Vereins- historie werden oder ein Mehrteiler. Die Regis- seure hatten sich ein anderes Ziel gesetzt, und das haben sie gut umgesetzt.

Was bedeutet der 1. FC Union für Dich persön- lich? Blöde Frage! Film ankieken!

Stimmt es, dass Euer Klub für viele Fans (Über-) Lebenshilfe ist? Das glaube ich schon. Gerade in den Zeiten des Stadionbaus hat man das gesehen. Dadurch haben einige wieder ins Arbeitsle- ben zurückgefunden.

»Union ist anders«, hört man oft? Inwiefern anders? Ich gehe nicht zu anderen Vereinen und ste- cke nicht drin. Aber einige Fakten scheinen schon dafür zu sprechen: unsere Geschichte als ständi- ger Underdog, »Bluten für Union«, Stadionbau, Stehplatzstadion. Und die Atmosphäre »An der Alten Försterei« muss schon irgendwie besonders sein. Wenn »Unioner« die Stimmung bei einem Heimspiel Scheiße fanden, sind neue Besucher aus nah und fern immer noch schwer begeistert.

Was waren denn Deine schönsten Momente als »Unioner«? Wenn die Schals zur Hymne hochgehen…

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»Ich weiß nicht, ob wir wirklich so besonders sind.«

Wenn nach einer langen Durststrecke mal wieder ein Tor in einem wichtigen Heimspiel ge- lingt und das Stadion explodiert – Torpogo vom Feinsten! Das erleben Fans von ständig erfolgrei- chen Vereinen nicht – da sind Tore laaangweilig! Wenn bei einem Zitterspiel endlich der Ab- pfiff ertönt… …und ich mal wieder auf‘n Zaun kann!

Was wünschst Du Dir von Deinem Verein? Aufstieg, Derbysieger, Meistertitel, Champions League oder eher einfach nur, dass man sich »An der Alten Försterei« selbst treu bleibt? Titel und Meisterschaften sind nicht so wichtig. Vor einigen Jahren hab ich mir in einem Leipziger Magazin (ich habe 17 Jahre in Leipzig am Theater gearbeitet) für »Union« gewünscht:

15 000 Zuschauer im Schnitt – egal welche Liga. Das haben wir geschafft, und wir sind uns treu ge- blieben. Das ist das Wichtigste – Eisern bleiben!

01 Eingang zum Stadion »An der Alten

Försterei« (Quelle: Weltkino Vertrieb GmbH)

02 Der Sozialarbeiter Stefan Schützler ist auch »Unioner fürs Leben«

(Quelle: Weltkino Vertrieb GmbH)

03 »Fankultur An der Alten Försterei«

(Foto: Andreas Düllick ©VG Bild-Kunst)

04 Köstlich: Chris Lopatta fachsimpelt mit seiner Mutter über Fußball und »Uni-

on« (Quelle: Weltkino Vertrieb GmbH)

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TAUFRISCH & ANGESAGT

Aktuell

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28 | TAUFRISCH & ANGESAGT Aktuell strassenfeger | Nr. 7 | April 2014

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Ratgeber

AUS DER REDAKTION

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| Nr. 7 | April 2014 Ratgeber AUS DER REDAKTION | 29 BILDUNG UND TEILHABE TEIL

BILDUNG UND TEILHABE TEIL 4

Soziale und kulturelle Teilhabe in der Gemeinschaft

INFO

INFO
INFO
INFO

Mehr zu ALG II und Sozialhilfe Der neue Leitfaden ALG II/Sozialhilfe von A–Z (Stand Juli 2013)

erhältlich für 11 EUR im Büro des mob e.V., Storkower Str. 139d,, oder zu bestellen bei: DVS, Schumanstr. 51, 60325 Frankfurt am Main,

Fax 069 - 740 169

www.tacheles-sozialhilfe.de

www.erwerbslosenforum.de

www.tacheles-sozialhilfe.de › www.erwerbslosenforum.de RATGEBER: Jette Stockfisch D ie Ausführungsvorschriften

RATGEBER:

Jette

Stockfisch

D ie Ausführungsvorschriften des Berliner Se- nats sehen vor, dass, unabhängig von den im letzten Teil aufgeführten Freizeitmöglichkei- ten für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre, ALLE folgenden Angebote von Sportvereinen

im Landesverbund, der Berliner Jugendverbände, der Volks- hochschulen, der Jugendkunstschulen, der öffentlichen Mu- sikschulen sowie anerkannter Träger der freien Jugendhilfe GRUNDSÄTZLICH berücksichtigt werden können. Folgende Angebote werden nicht von den Jobcentern akzeptiert: Angebote, bei denen die Anbieter nur eine Nut-

zungsgebühr erheben (z. B. Fitnessklub) und die vorrangig

und ohne konzeptionellen Gruppenbezug entgeltorientiert

sind. Teilnahmegebühren für reine Wettbewerbe, die kein spezifisches gemeinschaftsbezogenes Angebot für etwa gleichaltrige Kinder und Jugendliche darstellen. Angebote von Leistungsanbietern, die kindes- oder jugendwohlgefähr- dend sind oder bei denen die begründete Annahme zur Be- sorgnis besteht, dass die Angebote die Entwicklung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Person negativ beeinträchtigen. Es ist befremdlich, wie Eltern, denen vom Hartz IV- Antrag an eingebläut wird, sie müssten eigenverantwortlich handeln, Vorschriften für zehn Euro monatlich gemacht wer- den. Wenn sich ein paar Freunde entschließen, zusammen einen Fitnessclub zu besuchen, egal, wie man persönlich zu diesen Clubs steht, werden diese Jugendlichen ausgegrenzt, weil die Gesetzgeber der Ansicht sind, dass dort generell gruppenbezogene Gemeinschaft nicht statt findet. Und das ist nur ein Beispiel!

Anschaffung von Ausrüstungsgegenständen/ Leihgebühren

Hier können erforderliche Ausrüstungsgegenstände ange- schafft oder geliehen werden. Bedingung: Sie müssen in kau- salem Zusammenhang mit förderfähigen gemeinschaftlichen Aktivitäten stehen. Derartige Anträge werden in der Regel für einen Zeitraum von zwöf Monaten in Höhe von bis zu 120 Euro bearbeitet. Hier greift man den Betroffenen jedoch gleich wieder in die Tasche. Es wird bei diesen Leistungen ein ein-

maliger Betrag in Höhe von 30 Euro (in zwölf Monaten) von den Betroffenen als Eigenanteil verlangt. Somit zahlt das Jobcenter nur 90 Euro und nicht 120 Euro, wie behauptet. Das sind wei- tere 2,50 Euro monatlich aus dem Regelsatz für Kinder und Jugendliche. Um es noch einmal deut- lich zu machen, Anschaffungen bis 30 Euro im Bewilligungszeitraum zahlen IMMER ZUERST die Eltern. Erst bei Anschaffungen über 30 Euro beginnt die Zahlungspflicht des Jobcenters. Ausnahmsweise dürfen die Eltern hier in Vorleistung gehen und erhalten den entspre- chenden Betrag nach Vorlage der Quittung. Vor- sicht, es ist überhaupt nicht absehbar, welche der Ausrüstungsgegenstände/Leihgebühren hier in Frage kommen. Der Senat, der sich bei der Freizeit seitenlang Vorschriften hat einfallen las- sen, sah es nicht für nötig an, zumindest ein paar Beispiele zu nennen, bei denen die Eltern auf der sicheren Seite sind. Somit laufen die Eltern Gefahr, dass Geld, das von ihnen ausgegeben wurde, vom Jobcenter als nicht bewilligungs- fähig abgelehnt wird. Hier müssen sich Eltern schlimmstenfalls wieder vor Gericht mit dem Amt herumschlagen. Um nur ein Beispiel zu nennen; ein Kind ist in einem vorgeschriebenen Sportverein und benötigt dazu Turnschuhe. Werden die bewilligt oder abgelehnt, weil Kinder und Jugendliche in der Regel ja schon Sportschuhe im Alltag tra- gen? »Eine Vorlage von Bescheinigungen der Leistungsanbieter über die Notwendigkeit der Anschaffung der beantragten Ausrüstungsge- genstände ist nicht erforderlich.« so steht es in den Ausführungsvorschriften des Senats. Es wäre schön, wenn die Jobcenter danach handeln würden. Nach meinen Erfahrungen in der Bera- tung, fehlt mir der Glaube daran.

Im nächsten Teil geht es mit Bildung und Teil- habe weiter.

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AUS DER REDAKTION

Kolumne

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Aus meiner Schnupftabakdose

KOLUMNE:

Kptn

Graubär

Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört« hatte Willy Brandt zum Fall der Mauer gesagt. Ein schöner Gedanke. Aber nicht alles, was irgendwie zusammen ist, möchte auch zusammen bleiben. Zuerst wird ge-

mäkelt, dann gezankt und schließlich trennt man sich von Tisch und Bett. Das ist ein alltäglicher Vorgang. Dann werden die Puppenflicken geteilt, beide sind für einen Mo- ment überglücklich, aber bald merken sie, dass etwas fehlt, und schon geraten sie in eine neue Abhängigkeit. Was so im Kleinen täglich passiert, das wiederholt sich nach dem glei- chen Muster im Großen.

»

Während Europa über fünf Jahrzehnte in einer Art Einigungs- rausch lebte, geht nun wie eine Epidemie das Zerbröseln der Staaten durch Europa. Überall hat man das Zusammenle- ben satt und will endlich frei sein oder sich einem anderen Partner an den Hals werfen. Mit der Krim haben wir ein Exempel statuiert bekommen, wie schnell das gehen kann. Ruckzuck war die Halbinsel mit allen ihren Sektvorräten im Schoß von Mütterchen Russland und auch schon wieder an Putins Leine. Wenn das so einfach geht, will man es natürlich schnell nachahmen.

In Italien haben es die Venezianer satt, ihre Steuern nach Si- zilien fließen zu sehen, wo sie sowieso nichts bewirken und nur die Mafia mästen. Also haben sie erstmal probeweise eine Volksabstimmung gemacht und sich mit über achtzig Prozent für eine freie Republik Venedig entschieden: Raus aus Italien, her mit einem Dogen, gut gebrüllt Löwe von San Marco! Auf den britischen Inseln wollen die Schotten wieder ein selbststän- diges Land ihr eigen nennen. Im September wird abgestimmt. Die Sache mit Maria Stuart ist noch nicht vergessen… Die Ka- talanen wollen es ihnen gleich tun. Eine Volksabstimmung für ein unabhängiges Katalonien macht endlich Schluss mit der all- jährlich wiederkehrenden Ungewissheit, ob Real Madrid oder der FC Barcelona Meister wird. In Oberschlesien verlangen die Kaczmareks wenn nicht Unabhängigkeit dann wenigstens Au- tonomie. Belgien droht wieder zu zerfallen, weil die Flamen die

Wallonen überhaupt nicht ausstehen können und die Wallonen lieber Franzosen wären. Die Korsen wollen weg von Frankreich, denn das Beispiel ihres größten Sohnes Napoleon hat gezeigt, dass eine allzu starke Bindung an Frankreich böse endet.

Nur Deutschland freut sich über seine Einigkeit? Täuschen wir uns nicht: sechs Bundesländer tragen in ihrem Namen einen Bin- destrich. Das bedeutet nichts Gutes. Was damit scheinbar ver- bunden wird, ist nichts anderes als die Narbe einer grundsätzli- chen Abneigung. Die kann jederzeit wieder aufbrechen. Dass die Bayern sich nicht bedingungslos als Deutsche fühlen, ist bekannt. Aber steht es um die Sachsen oder die Friesen besser? Und selbst in Bayern trauern die Franken um ihre verlorene Unabhängigkeit. Wo immer sich eine Gelegenheit bietet, berufen sich alle nur zu gern auf die Grenzen und Selbstständigkeiten von Anno Tobak. Und damit sind wir mitten in Berlin angekommen.

Was geht den Berliner schon Berlin an? Der Berliner lebt in sei- nem Kiez, da fühlt er sich geborgen und aufgehoben. Als Berliner präsentiert er sich nur gegenüber den Provinzlern, die über einen Schmargendorfer oder Müggelheimer nur lächeln würden, wenn sie aus Hamburg oder Köln kommen. Doch um die Kieze steht es schlecht. Alle wissen, dass Spandau im Stillen immer noch mit Berlin im Streit liegt. Aber erste Erfolge sind zu verbuchen:

In Spandau hält der ICE, in Charlottenburg nicht! Kreuzberg ist der Mega-Touristenmagnet an der Spree. Die kommen aus aller Herren Länder, denn »Kreuzberger Nächte sind lang«, »Museen in Mitte sind schön« singt keiner. Die Kreuzberger sind eben an- ders als der Rest der Stadt. Aber sie sind auch durch so einen Bindestrich (oder sagt man besser Fesselungsstrich?) an Fried- richshain gebunden. Noch ist die Gemüseschlacht an der Ober- baumbrücke ein symbolischer Akt. Doch aus so einem Symbol kann schnell bitterer Ernst werden.

Was auf der Krim passierte, ist nur scheinbar weit weg. Wir müs- sen aufpassen, damit wir den Moment nicht versäumen, wenn es ähnlich auch bei uns losgeht. Es wäre peinlich, das zu verschla- fen. Wir wollen dann doch auf der richtigen Seite stehen.

Karikatur: Andreas Prüstel

Es wäre peinlich, das zu verschla- fen. Wir wollen dann doch auf der richtigen Seite stehen.

Andreas Düllick © VG Bild-Kunst Foto: Andreas Düllick © VG Bild-KunstFoto:

strassenfeger

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April 2014

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TITELBILD Amerikanische Drohne RQ-4 Global Hawk
(Foto: U.S. Air Force/Bobbi Zapka)
strassenfeger Nr. 08
KARIKATUREN Andreas Prüstel, OL
»Schön«
DESIGNVORLAGE Thekla Priebst
SATZ UND LAYOUT Ins Kromminga
erscheint am 21. April 2014
SCHRIFTEN Karmina Sans (mit freundlicher
Genehmigung von typetogether), Life
BELICHTUNG & DRUCK Union Druckerei Berlin
»NICHT SCHÖN, ABER SELTEN«
»SCHÖN EINRICHTEN & ESSEN«
»DIE HALLUZINIERTE WELT«
REDAKTIONSSCHLUSS 2. April 2014
REDAKTION Storkower Str. 139d, 10407 Berlin
Telefon: 030 - 419 345 91 | redaktion@strassenfeger.org
Hilfe für die Bahnhofsmission am Zoo
Hilfe für die Bahnhofsmission am Zoo

U nser Freund Dieter Puhl, Chef der

Bahnhosmission am Zoo, bittet um

Hilfe: »Bald machen die Notüber-

nachtungen zu, der Andrang bei uns

wird dann sicher noch größer. Die Berliner Tafel hilft toll und in guter Qualität, einige Lebensmit- tel fehlen aber sehr oft. Margarine, H Milch, Zucker und vornehmlich Käse. Helfen tun uns aber z. B. auch 10-Euro-Spenden, die den Lebensmittelzukauf für 180 Gäste ermöglichen, auch Lebensmittelgutscheine aus Supermärkten geben uns etwas Planungssicherheit, werden dann bei Bedarf eingelöst.«

Kontakt: Dieter Puhl, Jebensstr. 5, 10623 Berlin Charlottenburg - Wilmersdorf

Tel.: 030/ 3 13 80 88 | Fax: 030/ 31997007 Email: berlin-zoo@bahnhofsmission.de

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