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Ausgießung des Heiligen Geistes

Serie: Neutestamentliche Heilsgeschichte (3)

Die Eröffnung
des Gottesreiches
durch die Ausgießung
des Heiligen Geistes

Erich Sauer (1898-1959) war als Leiter des Missionshauses Bibelschule Wiedenest
weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt als scharfdenkender, aber im-
mer bibelbezogener Theologe. Wenn manche Gedanken auch philosophisch klingen
mögen, so werden sie gleich im nächsten biblisch belegt und geerdet. Sauers Gedan-
ken sind nicht abgehoben. Eine stille Ecke, eine aufgeschlagene Bibel und ein wenig
Zeit sind nötig, die Pinselstriche Sauers nachzuvollziehen. Die Beiträge in dieser
Serie erscheinen mit der freundlichen Genehmigung des Brockhaus Verlags (Erich
Sauer: Der Triumph des Gekreuzigten (c) 1998 R. Brockhaus Verlag Wuppertal).

„Werdet voll Geistes“ (Apostelgeschichte 2, 4; 17;


Römer 8, 9).
 Mit Pfingsten beginnt eine neue
2. Die Dauer. Im Alten Bunde
Zeit, das Zeitalter des Heiligen wirkte der Geist immer nur für
Geistes. Der Unterschied zur alttes- eine Zeitlang (4. Mose 11, 25),
tamentlichen Zeit ist ein dreifacher: im Neuen Bunde „wohnt“ er in
1. Der Umfang. Im Alten Bunde den Gläubigen (Johannes 14, 17.
kam der Geist nur auf einzelne 23; 1. Korinther 3, 16; 2. Korin-
(4. Mose 11, 29), im Neuen Bun- ther 6, 16; 2. Timotheus 1, 14;
de kommt er auf alle Gläubigen Jakobus 4, 5).

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3. Der Inhalt und Zweck. Im der Welt, Gerechtigkeit Christi und


Alten Bunde wirkte der Geist nur Gericht über Satan. Die Sünde der
erziehend und dienstbefähigend; Welt deckt er auf durch den Hin-
im Neuen wirkt er in der mannig- weis auf ihren Unglauben, mit dem
faltigsten Weise, nämlich: sie den Herrn, den einzig wahren
zur Weckung des Glaubens Guten, verworfen haben (Johannes
- heilswerbend, als „Geist der 16, 8 - 9; Apostelgeschichte 2, 22 -
Wahrheit“ (Johannes 15, 26) 23; 3, 13 - 15; 7, 52). Die Gerech-
tigkeit Christi stellt er fest durch
zur Bewirkung der Wiedergeburt
den Hinweis auf die Himmelfahrt;
- lebenspendend, als „Geist der
denn gerade in der Erhöhung ist
Sohnschaft“ (Römer 8, 15)
der von den Sündern als unge-
zur Lenkung der Heiligung recht Verworfene von Gott als der
- erziehend, als „Geist der Heilig- Heilige und Gerechte anerkannt
keit“ (Psalm 51, 11) worden (Johannes 16, 10; Apostel-
zur Belebung des Dienstes geschichte 2, 25 vergleiche 34 - 35;
- ausrüstend, als „Geist der 1. Timotheus 3, 16). Das Gerich-
Kraft“ (2. Timotheus 1, 7) tetsein Satans macht er klar durch
zur Herbeiführung der Verherrlichung den Hinweis auf Jesu Kreuzessieg
- verklärend, als „Geist der Herr- (Johannes 19, 30); denn gerade
lichkeit“ (1. Petrus 4, 14) durch das Kreuz ist der Fürst dieser
Welt gerichtet worden (Johannes
12, 31; Kolosser 2, 15), und darum
kann nunmehr die Welt aufgefor-
Er wirbt für das Heil dert werden, einem anderen, dem
eigentlichen Fürsten, zu huldigen.
Die Aufgabe des Geistes ist es, So wird die in ihren eigenen Augen
Christum zu verklären (Johannes gerechte Welt durch das Zeugnis
16, 14). Als Zeuge des Herrn an des Geistes sündig gesprochen;
die Welt (Johannes 15, 26; Of- der von den Menschen als Sünder
fenbarung 19, 10) ist er der große Gekreuzigte wird durch den Geist
Evangelist des Sohnes (Offenba- als der Heilige und Gerechte er-
rung 22, 17). Er redet zur Welt von wiesen, und Satan, der Urheber des
Sünde, Gerechtigkeit und Gericht Mordes von Golgatha, wird als der
(Johannes 16, 8 - 11), von Sünde Besiegte und Gerichtete bloßge-

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stellt. Dies ist das dreifache Zeugnis Jesu Christi (Apostelgeschichte 16, 7;
des Geistes an die Welt. So hat es Römer 8, 9), und sind darum Men-
der Herr Jesus selber beschrieben schen „in Christo“ (2. Korinther
(Johannes 16, 8 - 11). In dem allen 12, 2), mit ihm gliedartig vereint.
aber verbindet sich der Geist mit Gerade dies aber ist die eigent-
dem Wort (1. Korinther 2, 2 - 4); er liche Hauptbedeutung des Pfingst-
legt seinen Werkzeugen die Worte ereignisses: Der von dem Himmel
in den Mund (Matthäus 10, 20; herniedergesandte Geist des Sohnes
Apostelgeschichte 1, 8) und macht (Galater 4, 6) verbindet die Erlösten
das gesprochene und geschriebene mit dem Erlöser, führt ihre Einglie-
Wort wirksam und lebendig (1. derung durch (1. Korinther 12, 13)
Thessalonicher 1, 5; Hebräer 4, 12). und eignet dem Glaubenden die
volle Frucht des Opfers Christi zu.
Das in der Menschwerdung und
Auferstehung Christi erst göttli-
Er spendet Leben
Die Gewonnenen wandelt er um.
Zum Seelengewinnen fügt er das
Seelenerneuern hinzu (Titus 3, 5)
„Der Geist ist‘s, der lebendig macht“
(Johannes 6, 63; 2. Korinther 3, 6;
Galaterater 5, 25), der die Gebun-
denen zu Freien (2. Korinther 3, 17;
Römer 8, 2), die Sklaven zu „Söh-
nen“ macht (Römer 8, 14; Galater
4, 6). Er ist der Geist der Sohn-
schaft (Römer 8, 15). Christen sind cherseits begründete, organische
Menschen, geboren aus dem Geist Verhältnis wird nun durch die Aus-
(Johannes 3, 5; 6; 8). Sie empfingen gießung des Geistes auch mensch-
nicht nur Neues, sondern wurden licherseits erfahrene Wirklichkeit.
ein Neues (2. Korinther 5, 17), Der Herr ist der Geist (2. Korinther
wurden umgeschaffen in dem Keim 3, 17; 1. Korinther 15, 45), und „wer
ihres Wesens. Sie sind Menschen dem Herrn anhängt, ist ein Geist
„im Geiste“ (Römer 8, 9), dem Geist mit ihm“ (1. Korinther 6, 17). Er

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ist „Glied“ an seinem „Leibe“ und Er erzieht


damit teilhaftig seines Werkes. So
aber wird Pfingsten der Beginn der Er verklärt den Gliedern das Haupt
vollen Heilszeit und der „Tag der und zeigt ihnen Jesu Herrlichkeit
Testamentseröffnung Jesu Christi (Johannes 16, 14).
als des letzen Adam“. Indem sie Er leitet die Erlösten in den
aber alle in ihn eingegliedert sind, Pfaden der Gerechtigkeit (Römer
sind sie auch untereinander ein Leib 8, 14; Galater 5, 25) und bewirkt
(Römer 12, 5). Durch einen Geist ihre Heiligung (1. Petrus 1, 2; 2.
sind sie alle zu einem Leibe getauft Thessalonicher 2, 13). Er tröstet
(1. Korinther 12, 13) und - durch sie als Zusprecher (Johannes 16,
die Geburt aus dem Geist - Söhne 14 - 18; Römer 5, 5) und gibt ihnen
des einen Gottesreichs (Johannes sein Zeugnis (Römer 8, 16). Er
3, 3. 5; Matthäus 13, 38). Das aber straft sie bei Untreue und führt sie
heißt: Pfingsten ist der Geburtstag zur Buße (1. Mose 6, 3) und er lehrt
der Gemeinde und der Tag der sie die Worte Jesu (Johannes 14, 16;
Eröffnung des Gottesreiches im 1. Timotheus 6, 3) und führt sie ein
neutestamentlichen Sinn (1. Korin- in alle Wahrheit (Johannes 16, 13;
ther 12, 3; Römer 14, 17). Fortan 1. Johannes 2, 20).
besteht neben der Körperschaft des
ersten Adam (1. Korinther 15, 22)
der Organismus des letzten Adam,
neben der verlorenen Menschheit Er rüstet für den
die gerettete, neben Israel und den Dienst aus
Weltvölkern die Gemeinde, das
Volk Gottes, der neue Mensch Und dann rüstet er sie aus und be-
(Epheser 2, 15), der Christus. In nutzt sie als seine Werkzeuge: Er ord-
der Gemeinde aber wirkt der Geist net ihre Gaben und verteilt sie, wie
Gottes als „Geist der Heiligkeit“ er will (1. Korinther 12, 4 - 11). Er
(vergleiche Psalm 51, 11). bestimmt ihren Dienst in Gemeinde
und Versammlung (Apostelgeschich-
te 13, 4; 16, 6 - 7; Apostelgeschichte
20, 28; 1. Korinther 12, 28 - 30). Er
belebt ihre Gebete (Judas 20; Ephe-
ser 6, 18) und verleiht ihnen Voll-

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macht (Römer 8, 26). Er leitet ihr 4. wie ein Wasser, das reinigt
Zeugnis (Matthäus 10, 20; 1. Petrus (Hesekiel 36, 25 - 26)
1, 12) und erfüllt es mit Gotteskraft 5. wie ein Frühregen, der erquickt
(1. Korinther 2, 4) und werden sie (Joel 2, 23; 3, 1)
geschmäht, so ruht er als Geist der 6. wie ein stilles, sanftes Säuseln
Herrlichkeit auf ihnen (1. Petrus. (Sacharja 4, 6; 1. Könige 19, 12 - 13)
4, 14). In dem allen aber ist er die 7. wie ein brausender Sturmwind,
Kraft aus der Höhe (Lukas 24, 49; ge- heimnisvoll und doch
Apostelgeschichte 1, 8): mächtig (Apostelgeschichte 2, 2;
Johannes 3, 8).
1. wie ein Baum, der seine Frucht
bringt (Galater 5, 22)
2. wie ein Öl, das da salbt und leuch-
tet (Apostelgeschichte 10, 38)
Er verklärt
3. wie ein Feuer, das entflammt Für die Zukunft aber ist er die
(Apostelgeschichte 2, 3 - 4; 2. Gewähr unserer Errettung: das Siegel
Timotheus 1, 6) unseres Heils (Epheser 1, 13; 4, 30;

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2. Korinther 1, 22), das Unterpfand Großmacht in Knechtsgestalt.“


unseres Erbes (Epheser 1, 14; 2. Durch die Welt schreitet die
Korinther 1, 22; 5, 5), das Angeld auf Botschaft vom Kreuz. Das ge-
den kommenden Herrlichkeitsbesitz, genwärtige Zeitalter ist von beson-
der Erstling der zukünftigen Ewig- derer Bedeutung. Sein Zweck ist
keitsernte (Römer 8, 23). Und weil die Berufung der Gemeinde. Da-
unser Leib ein Tempel seines Geistes raufhin ist alles in ihm angelegt.
ist (1. Korinther 6, 19), wird Gott
diesen seinen Tempel nicht wüste
lassen. „Wenn der Geist dessen, der Das Ziel der Berufung
Jesus von den Toten auferweckt hat,
in euch wohnt, so wird er, der Chris- Das Programm für die Jetztzeit ist
tus von den Toten auferweckt hat, nicht Umwandlung der Mensch-
auch eure sterblichen Leiber lebendig heit und Schaffung christlicher
machen um deswillen, dass sein Geist Völker, sondern: „aus ihnen ein
in euch wohnt“ (Römer 8, 11). So Volk zu nehmen für seinen Namen“
ragt die Bedeutung von Pfingsten (Apostelgeschichte 15, 14 vergleiche
in die Ewigkeit hinein. Durch den Titus 2, 14; 1. Petrus 2, 9 - 10),
Geist sind wir Söhne (Römer 8, 14; nicht Christianisierung der Völker,
Galater 4, 6 - 7). Als Söhne sind wir sondern Evangelisierung der Völker
Erben (Römer 8, 17; Galater 4, 7) zum Zweck der Berufung eines
und als Erben Teilhaber seiner kom- übernationalen Gottesvolkes (Matt-
menden Herrlichkeit (Römer 8, 17). häus 28, 19; Markus 16, 15). „Da ist
nicht Jude noch Grieche, nicht Sklave
noch Freier, ... sondern, ... allzumal
einer in Christo Jesu“ (Galater 3, 28;
Kolosser 3, 11). So aber entsteht, an
Die Gemeinde der
Stelle der bisherigen Zweiteilung,
Erstgeborenen eine Dreiteilung der Menschheit
(1. Korinther 10, 32), und zu Israel
Die Berufung und den Weltvölkern tritt die
der Gemeinde Gemeinde als das dritte Geschlecht
hinzu. Fortan ist jeder, der nicht
„Mission ist das Größte, was jetzt Christ ist im Sinne des Neuen
in der Welt vorgeht. Sie ist eine Testaments (Apostelgeschichte 11,

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26), entweder Jude oder Heide. des Himmelreichs sein wird (1.
Eine vierte Möglichkeit besteht Korinther 6, 2 - 3).
nicht. Dies neu zu gewinnende Ihr Ziel ist ihre Erhöhung und
Gottesvolk nennt die Schrift „Ek- Verherrlichung in Christo. Sie lebt
klesia“ (Matthäus 16, 18; Epheser vom Himmlischen, im Himmli-
1, 22; 3, 10; Kolosser l, 18). Es ist schen, zum Himmlischen hin; ihr
die durch die Heroldsbotschaft Weg ist ewig, ihr Wesen Ewigkeit.
des Evangeliums (1. Timotheus Sie ist aus der Ewigkeit, für die Ewig-
2, 7) aus Juden und Heiden (Eph- keit, herausgenommen aus der Zeit.
eser 2, 11 - 22) herausberufene „Ekklesia“ hatte im Alten Bunde
(Römer 11, 7) Schar der Erlösten, schon Israel geheißen. Ungefähr
die, im Genuss des himmlischen einhundertmal kommt das Wort in
Bürgerrechts (Philipper 3, 20) und der Septuaginta, der griechischen
im Besitz des göttlichen Adels Übersetzung des Alten Testaments,
(Johannes 1, 12 - 13), dereinst die vor, also fast genau so oft wie im
„gesetzausführende Versammlung“ Neuen Testament. Fast überall ist

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es die Wiedergabe des hebräischen ergeben. Sie wurde darum der heils-
Wortes „kahal“. Dieses bedeutet geschichtliche Kern des Volkes, der
zwar zunächst ganz allgemein jede Träger seiner Berufung, das eigent-
Art von „Versammlung“, hat aber liche Israel, das wahre Volk Gottes,
einen besonderen Sinn durch seine die tatsächliche und wesenhafte
Zuordnung zu Jahwe (Jehovah), Verkörperung des alttestament-
dem Gott Israels, erhalten. „Kahal lichen Ekklesia-Gedankens. An
Jahwe“, „Ekklesia Gottes“, ist Israel sie richteten sich darum auch alle
als berufenes, versammeltes Gottes- Verheißungen des Gottesreiches.
volk. Seine anschaulichste Darstel- Während die Gesamtheit des un-
lung in diesem seinem Charakter gläubigen Israel dem Gerichtsurteil
findet es in der Wüste. Um die verfällt, wird die Schar der Ge-
Stiftshütte herum liegen wohlgeord- treuen als Überrest aus den Gerich-
net die Zelte des zwölfstämmigen ten gerettet. Zugleich wird sie zur
Volkes. Auf den „Ruf“ der Herolde Grundlage der Durchführung und
hin „versammelt“ es sich auf dem Vollendung des Planes eines Gottes-
Platz vor der Hütte. Hier steht es als volkes. Überrest ist darum bei den
das Volk Gottes da, um die Be- Propheten geradezu die Sonderbe-
fehle und den Segen seines Gottes zeichnung geworden für das Got-
zu empfangen. Auch im Neuen tesvolk, die Ekklesia der Endzeit.
Testament wird Israel als „Ekkle- Als solches ist sie übrigbleibender
sia“ bezeichnet (Apostelgeschichte „Wurzelstock“, „heiliger Same“, aus
7, 38). Es ist das Wort für die ideale dem neues Leben ersprießt (Jesaja
Einheit Israels als des auserwählten 6, 13), kleine Herde, die einst das
Volkes, auch wenn es räumlich als große Reich empfängt (Micha
Kultgemeinschaft nicht versammelt 2, 12; Lukas 12, 32). Die Existenz
war (2. Mose 16, 3; 4. Mose 15, 15). und Geschichte dieses wesenhaften
Aber Israel als nationale Gesamt- Kerns der alttestamentlichen „Ek-
heit beschritt gar zu bald den klesia“ ist darum die Voraussetzung
Weg des Abfalls. Es verlor seinen und Vorbereitung eines endzeit-
praktischen Charakter als Volk lichen Gottesvolkes.
Gottes. Es wurde „Lo Ammi“, das Dieses endzeitliche Volk Gottes
heißt, „Nicht-mein-Volk“ (Hosea zu sein, behaupten die Christen. Sie
1, 9). Nur ein Bruchteil, die kleine sind das Ziel der alttestamentlichen
Schar der Treuen, blieb ihrem Gott Geschichte (1. Korinther 10, 11),

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Ausgießung des Heiligen Geistes

die messianische Gemeinde der Der Beginn


Endzeit, die Erretteten der letzten
Tage. Und dies ist der Grund, wa-
der Berufung
rum sie sich nicht mit irgendeiner In den Erdentagen des Herrn Jesu
andern zur Verfügung stehenden war die Gemeinde im neutesta-
religiösen Gemeinschaftsbezeich- mentlichen Vollsinn noch nicht da.
nung benannten, sondern gerade Darum spricht Christus von ihr als
mit dem Wort „Ekklesia“, also mit noch zukünftig und sagt: „Ich werde
dem Namen der alttestamentlichen meine Gemeinde bauen“ (Matthäus
Glaubensgemeinde, deren heils- 16, 18, wörtlich). Erst zu Pfingsten
geschichtlicher Keim, Träger und wurden die Gläubigen „durch einen
Verkörperung der „Überrest“ der Geist zu einem Leibe getauft“ (1. Ko-
Getreuen war. Was damit ausge- rinther 12, 13). Darum ist Pfingsten
drückt war, war nichts Geringeres der Geburtstag der Gemeinde.
als dies: Wir sind das Gottesvolk Dennoch geschah dieser Neuan-
der Endzeit, das im Alten Testa- fang zunächst auf durchaus jü-
ment erstrebte Volk des „Überrests“, dischem Volksboden. Nur Israeliten
die endzeitliche Rettungsgemeinde waren die Empfänger des Geistes
der Vollendung. und nur Juden und Judengenossen
Die Sammlung dieser Ge- (das heißt Proselyten) die Hörer
meinde, der „Gemeinde der ihrer Predigt (Apostelgeschichte 2,
Erstgeborenen“ (Hebräer 12, 23), 5 - 11). Auch in der Folgezeit waren
ist der eigentliche Hauptzweck es nur Angehörige der israelitischen
des gegenwärtigen Zeitalters. Sein Nation und ganz oder teilweise zum
Sinn ist kein geringerer als die Judentum übergetretene andere,
Schaffung einer Königsfamilie, die in die Gemeinde aufgenom-
der Herrschaftsaristokratie für die men wurden (Apostelgeschichte
kommenden Reichsäonen (1. Ko- 3, 12. 26; 6, 1; 8, 26 - 40; 11, 19).
rinther 6, 2 - 3). „Fürchte dich nicht, Eine eigentliche Heidenmission, wo
du kleine Herde; denn es ist eures die Heiden als Vollheiden getauft
Vaters Wohlgefallen, euch das Reich werden konnten, gab es noch nicht.
zu geben!“ (Lukas 12, 32) Alles geschah unter Angliederung
und Beiordnung an Israel. Darum
ist Pfingsten noch nicht allseitig der
Beginn des gegenwärtigen Zeital-

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ters. Ihm fehlt noch die weltumfas- den Mund seiner heiligen Propheten
sende Weite. Es liegt noch in der von jeher geredet hat“ (Apostelge-
Übergangszeit aus der alten in die schichte 3, 19 - 21). Hier also lässt
neue Haushaltung. Ja, noch nach Gott durch Petrus dem Volk Israel
Pfingsten vollzog Petrus sogar ein verkünden, dass, falls sie noch jetzt
ausdrückliches Heilsangebot auf Buße tun wollen, er ihnen den
dem Boden der israelitischen Nati- Messias vom Himmel herabsenden
on. „So tut nun Buße und bekehret würde und mit ihm die Zeiten der
euch, dass eure Sünden ausgetilgt Erquickung und die volle Verwirk-
werden, damit Zeiten der Erquickung lichung alles dessen, wovon er im
kommen vom Angesicht des Herrn Alten Bunde geredet hatte, das
und er den euch zuvor verordneten heißt das sichtbare Gottesreich der
Jesus Christus sende, welchen freilich Prophetie. Also noch nach Pfings-
der Himmel aufnehmen muss bis ten befindet sich die neutestament-
zu den Zeiten der Wiederherstellung liche Heilsbotschaft durchaus auf
aller Dinge, von welchen Gott durch israelitischem Volksboden, und

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Ausgießung des Heiligen Geistes

die dann folgende Beiseitesetzung Unterschied zwischen rein und un-


Israels kam nicht eigentlich schon rein aufgehoben (Apostelgeschichte
wegen der Verwerfung des Messias 10, 11 - 16) und die trennende
in den Tagen seines Erdenlebens Zwischenwand der Umzäunung
zustande (vergleiche Apostelge- zwischen Juden und Heiden auch
schichte 3, 17), sondern in endgül- geschichtlich hinweggetan. Erst von
tiger und entscheidender Weise erst da an waren die Heiden auch ohne
wegen der Verwerfung des Heiligen Angliederung an Israel - des glei-
Geistes, der ihnen den gen Himmel chen Heiles voll mitteilhaftig (Eph-
gefahrenen und erhöhten Messias eser 2, 16 - 22; 3, 6; Römer 15, 27;
verklärt hatte (vergleiche Matthäus Apostelgeschichte 28, 28). Da aber
12, 32). Schließlich hat Israel sogar nun gerade die Heidenberufung
den „mit Heiligem Geist erfüllten“ zum Grundwesen der Ekklesia ge-
Zeugen der Auferstehung (Apostel- hört (Epheser 2, 11 - 22; 3, 6; Römer
geschichte 7, 55; 6, 5. 8. 10), Stepha- 15, 9 - 12), muss gesagt werden, dass
nus, ermordet und damit selber das die Haushaltung der Gemeinde
Wort dieses Blutzeugen bestätigt: ihren allumfassenden Vollanfang
„Ihr Halsstarrigen und Unbeschnit- nicht in Jerusalem (Apostelgeschich-
tenen an Herzen und Ohren, ihr wi- te 2), sondern in Cäsarea (Apostel-
derstrebet allezeit dem Heiligen Geist, geschichte 10), noch genauer im
wie eure Väter also auch ihr“ (Apos- Hause Simons des Gerbers in Joppe,
telgeschichte 7, 51). Dann aber, genommen hat. Abgeschlossen wur-
seitdem Petrus dem unbeschnitte- de diese Übergangszeit zuletzt durch
nen Cornelius in Cäsarea die Tür die Offenbarungen an Paulus, dem
des Himmelreiches aufgeschlossen in besonderer Weise die lehrhafte
hatte (Apostelgeschichte 10; 11, 3 Entfaltung dieses Geheimnisses
vergleiche Matthäus 16, 19) und der (Epheser 3, 1 - 7) und die evangelis-
Geist Gottes als die „gleiche Gabe“ tische Verkündigung der Heilsbot-
(Apostelgeschichte 11, 17) und „in schaft in der Völkerwelt anvertraut
derselben Weise“ (Apostelgeschichte war (Epheser 3, 8 - 9). „Den Juden
15, 11), ohne Unterschied (Apos- zuerst und dann auch den Griechen“
telgeschichte 15, 9) auch auf die - das war, wie die Missionspraxis des
glaubenden Vollheiden gekommen Paulus im Einzelnen, so auch der
war (Apostelgeschichte 10, 44), allgemeine Gang der Heilsgeschich-
hatte Gott den heilsgeschichtlichen te in der Gesamtheit (Römer 1, 16;

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Das Fundament 3/2007

Apostelgeschichte 13, 46). Zugleich Das Geheimnis


aber bedeutet die Gleichstellung der
Heiden mit dem alttestamentlichen
der Berufung
Bundesvolk die Ausschaltung der Kein alttestamentlicher Prophet
jüdischen Vorrechtstellung und die hatte je diesen Wunderbau klar
Beiseitesetzung Israels als Nation geschaut (1. Petrus 1, 10 - 12; Matt-
(Römer 11, 25). Nun können die häus 13, 17). Obwohl ewig in Gott
Heiden aus dem offenen Heils- beschlossen (Epheser 3, 9), war sein
brunnen trinken, ohne vorher die Aufbau „von den Äonen her“ als
jüdische Schöpfberechtigung erlangt Geheimnis verschwiegen (Römer
zu haben (Römer 10, 12 - 13). Israel 16, 25; Epheser 3, 5; 1. Korinther
ist zum Teil „Verstockung“ wider- 2, 7). Nirgends ist darum auch im
fahren (Römer 11, 25). Doch sein Alten Testament die Gemeinde in
„Fall“ ist der „Reichtum der Welt“ ihrem neutestamentlichen Charak-
(Römer 11, 11 - 12). Die „Fernen“ ter unmittelbar zu finden. Erst seit
sind „nahe“ geworden (Epheser 2, Pfingsten (Apostelgeschichte 2), seit
11 - 13). Die gläubigen Heiden sind der Sendung des Petrus nach Cäsarea
gleichberechtigt mit den gläubigen (Apostelgeschichte 10) und vor allem
Juden. Sie sind „Miterben, Mitleib seit den unabhängig davon gege-
und Mitteilhaber der Verheißung“ benen Offenbarungen an Paulus (Ga-
(Epheser 3, 6). Sie sind „Mitbürger later 1, 11; 12; Epheser 3, 3) war das
der Heiligen“ (Epheser 2, 19), ihrer Geheimnis der neutestamentlichen
„geistlichen Güter mitteilhaftig“ Zusammensetzung der Gemein-
(Römer 15, 27) und mit ihnen de, ihrer Berufung, Stellung und
zusammen der „eine neue Mensch“ Hoffnung „den Menschenkindern
(Epheser 2, 15), der „Leib“ Christi kundgetan“ (Epheser 3, 5). Von nun
(Epheser 2, 16). In der Gemeinde an wird es durch prophetische Schrif-
aber herrscht nun kein Unterschied ten bekanntgemacht (Römer 16, 26),
mehr. Es ist „wie wenn jemand zwei und die Verkündiger des Evangeliums
Bildsäulen hätte, die eine von Silber, sind „Verwalter der Geheimnisse
die andere von Blei, und er schmöl- Gottes“ (1. Korinther 4, 1).
ze sie zusammen, und sie kämen Ihre Grundlage ist das Werk Christi:
durch ein Wunder als eine goldene „Das Geheimnis der Gottselig-
Bildsäule wieder hervor“ (Chrysos- keit“ (1. Timotheus 3, 16), ihr Bau
tomos). die Gemeinde: „Das Geheimnis

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Ausgießung des Heiligen Geistes

des Christus“ (Epheser 3, 3. 4. 9; Der Glaube aber ist der Schlüssel


2, 11 - 22), ihr Genuss seine Ge- zu all diesen Geheimnissen Gottes.
meinschaft: Das große Geheimnis Für ihn sind die „Geheimnisse“ kei-
der Liebe (Epheser 5, 31 - 32), ihre ne bloßen Verborgenheiten mehr,
Kraft seine Innewohnung: Das denn „der Geist erforscht alles, auch
Geheimnis „Christus in euch“ (Ko- die Tiefen der Gottheit“ (1. Korin-
losser 1, 26 - 27), ihre Erwartung ther 2, 10).
die Verwandlung: Das „Geheimnis“
der Entrückung (1. Korinther 5, 51).
Und wenn auch in der Gegen-
wart die Völkerwelt tobt, wenn Der Eintritt in
in Israel das Geheimnis der Ver- die Berufung
stockung (Römer 11, 25) und in
den Nationen das Geheimnis der Wunderbar ist die Erlösung. Wun-
Gesetzlosigkeit wirkt (2. Thessa- derbar ist auch der Eintritt in das
lonicher 2, 7; Offenbarung 17, 5): Heil. Der Sünder erlebt alle drei
Das Ziel ist gewiss: Gott wird einst Ämter des Erlösers in ihrer eigenen,
alles unter ein Haupt zusammen- geschichtlichen Reihenfolge:
bringen (Epheser 1, 9; 1. Korinther das prophetische
15, 28). Dies ist das Geheimnis sei- - in seiner Berufung
nes Willens (Epheser 1, 9 - 10), sein und Erleuchtung,
einst ewig triumphierendes Endziel
das priesterliche
(Philipper 2, 10 - 11). Bis dahin
- in seiner Bekehrung und
aber predigen wir den gekreuzigten
Rechtfertigung,
Christus und machen den „Geruch
seiner Erkenntnis“ überall offen- das priesterlich-königliche
bar (2. Korinther 2, 14). Unsere - in seiner Heiligung und
Botschaft ist ihrem Ursprung nach: Verherrlichung.
„Geheimnis Gottes“ (Kolosser 2, 2), Zuerst erlebt er das, prophe-
ihrer Vermittlung nach: „Geheim- tische. Die Hinführung zum Heil,
nis Christi“ (Kolosser 4, 3), ihrer die Berufung durch sein Wort
Verkündigung nach: „Geheimnis und die Erleuchtung durch seinen
des Evangeliums“ (Epheser 6, 19), Geist. „Der Glaube kommt aus der
ihrem Erlebnis nach: „Geheimnis Predigt“ (Römer 10, 17). Der unter
des Glaubens“ (1. Timotheus 3, 9). der Anklage des aufgerufenen

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Das Fundament 3/2007

Gewissens erschrockene, unter geburt ist die göttliche Antwort


dem Wort Gottes zusammenge- auf die Bekehrung. Die Bekehrung
brochene, sich selbst verurteilende ist gleichsam die letzte Tat des
Mensch darf im Evangelium von alten, die Wiedergeburt die erste
Christo das Heilsangebot erken- Erfahrung des neuen Menschen.
nen. Dann kommt das priesterli- Für die Bekehrung ist der Mensch
che, das Erlebnis von Golgatha, verantwortlich; die Wiedergeburt
der Eintritt in das Heil durch ist Gottes Werk. Die Bekehrung (1.
Bekehrung und Wiedergeburt. Der Thessalonicher 1, 9) ist in sich ein
Sünder empfängt die Vergebung Doppeltes: Abkehr und Hinkehr,
seiner Schuld auf der Grundlage Buße und Glaube (Markus 1, 15).
des priesterlichen Opfers, wird er- Die Buße ist das Verneinende, der
neuert (Titus 3, 5) und umgewan- Glaube das Bejahende; die Buße
delt (1. Korinther 6, 11), „lebendig blickt nach innen, der Glaube nach
gemacht“ (Epheser 2, 5) und „aus oben; die Buße sieht unser Elend,
Gott geboren“ (1. Johannes 3, 9; der Glaube unseren Retter. Bei dem
4, 7; 5, 1. 4; Johannes 3, 3. 5). allem aber ist die Bekehrung ein
Wiedergeburt ist darum der vornehmlich einmaliger Akt. Alle
eigentliche Eintritt in die Erlösung neutestamentlichen Bekehrungen
(Titus 3, 5). Sie ist das Gegenstück sind plötzliche und grundlegende.
zur Menschwerdung Christi, die Der Mensch ist aus dem Tode ins
Mitteilung seines Lebens an uns, Leben hinübergegangen (Johannes
die Toten (Kolosser 1, 27). Nur in 5, 24). Sein Leben kennt nun ein
ihr werden wir „neue“ Menschen „Einst“ und ein „Jetzt“ (Epheser
(Epheser 4, 24; Kolosser 3, 10) und 2, 2. 11; vergleiche 13). Sinnbildlich
Glieder des „letzten Adam“. Aber dargestellt wird dieser Umbruch
die Wiedergeburt ist unzertrenn- in der urchristlichen Taufe, dem Be-
bar mit „Bekehrung“ verbunden kenntnis des Mitgestorbenseins und
(Apostelgeschichte 3, 19; 15, 19; Mitauferstandenseins des Gläubigen
26, 18). Wiedergeburt ist die gött- mit Christo (Römer 6, 1 - 11).
liche, Bekehrung die menschliche Die Buße (Matthäus 3, 2; Apos-
Seite desselben Erlebens. Beides telgeschichte 17, 30) ist eine Drei-
erlebt der Mensch gleichzeitig. Aber einheit: im Verstand - Erkenntnis
die Bekehrung ist die Bedingung der Sünde, im Gefühl - Schmerz
der Wiedergeburt, und die Wieder- und Trauer, im Willen – Sinnesän-

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Ausgießung des Heiligen Geistes

derung und Umkehr. Als Ganzes recht. Die „Heiligen“ Gottes (Kolos-
ist sie ein Zur-Einsicht-Gelangen, ser 3, 12) müssen „geheiligt“ werden
eine Verzweiflung an sich selbst, (1. Thessalonicher 5, 23). Die Gna-
eine Aufgabe aller Selbsterlösung de will „königlich herrschen“ (Rö-
(Römer 7, 24). Auch der Glaube mer 5, 21). Der in der Wiedergeburt
ist eine Dreieinigkeit: im Verstand eingepflanzte „neue“ Mensch im
- das Überzeugtsein von der voll- Menschen soll als ein Ausgangs- und
brachten Erlösung, im Gefühl - das Keimpunkt den ganzen Menschen
Vertrauen auf die rettende Liebe, erobern. Nur so kann der Erlöser die
im Willen - die Hingabe an den Verklärung vollenden. Alle Seelen,
persönlichen Heiland. So ist der die diese Heilsordnung erfahren,
Glaube die Hand des Menschen, stehen im Lebensbuch des Lammes.
die die Hand Gottes ergreift, keine Sie sind zuvorerkannte Menschen
Gefühlssteigerung, keine Selbstzer- - denn das Lebensbuch besteht „seit
quälung, kein Abbüßen der Schuld, Grundlegung der Welt“ (Offenbarung
sondern ein persönliches Verhält- 13, 8; 17, 8; 2. Mose 32, 32; Psalm
nis zu Christus (Johannes 6, 29), 139, 16; vergleiche Epheser 1, 4);
ein bewusstes Annehmen seiner bluterkaufte Menschen - denn es ist
Gnade, ein beseligendes „Leben im das Buch des Lammes (Offenbarung
Haupt“. „Die Buße ist der Hunger, 21, 27); wiedergeborene Menschen
der Glaube der geöffnete Mund und - denn es ist das Buch des Lebens
Christus die lebenbringende Speise“ (Offenbarung 20, 15; Psalm 87, 6);
(Johannes 6, 54 - 55). Der Glaube glückselige Menschen - denn ihre
aber erlebt diesen gegenwärtigen Namen stehen im Himmel (Lukas
Christus im Jetzt und im Hier; er 10, 20); heilige Menschen - denn
ist ein Fußfassen schon heute in alle Eingeschriebenen werden „hei-
der Ewigkeit und wird darum ein lig“ heißen (Jesaja 4, 3); zeugenfrohe
„Selbstbeweis unsichtbarer Wirklich- Menschen - denn sie trotzen selbst
keiten“ (Hebräer 11, 1). dem Antichrist (Offenbarung 13, 8;
Erst dann, wenn dies alles vor- 17, 8; Philipper 4, 3); siegreiche
handen ist, kann das Erlebnis des Menschen - denn sie sind Über-
königlichen Amtes beginnen: Die winder (Offenbarung 3, 5; Daniel
Bewahrung und Weiterführung im 12, 1); verherrlichte Menschen
Heil, die „Heiligung“. Wer gerecht- - denn sie gehen ein in die himmli-
fertigt ist, ist noch nicht fertig ge- sche Stadt (Offenbarung 21, 27). 

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