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Die Bedeutung des Kreuzes

Serie: Neutestamentliche Heilsgeschichte (2)

Die Bedeutung
des Kreuzes

Erich Sauer, Der Triumph des Gekreuzigten, 1937

Der Hass der Pharisäer brachte


  mit dem Kuss versöhnender Liebe
Christus ans Kreuz. Die Hin­rich- geantwortet! Wir taten das Äu­ßerste
tung Jesu war der größte Justizmord an Bosheit gegen ihn; er aber tat das
der Weltgeschichte. Sie war „der Äußerste an Güte gegen uns, und
feigste Gesandtenmord, das schmut- zwar beides zur selben Stunde“,1)
zigste Atten­tat, das jemals Rebellen und so wurde die Schandtat am
gegen einen gütigen Vater ihres Kreuz noch im selben Augenblick
Va­terlandes begangen haben“. zum erlö­senden Wendepunkt der
Was aber tat Gott? „Er hat Menschheitsgeschichte und zum
diesen teuflisch gemeinen Aufruhr Um­bruch des gesamten Dramas der
gegen seine Per­son in das Sühnop- Weltall-Übergeschichte. 2)
fer zur Errettung dieser Rebellen Nach allen Seiten hin erweist
verwan­delt! Er hat auf den Faust- sich das Kreuz als die sieg­hafte
schlag in sein heiliges Angesicht Grundlage der Erlösung.

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Das Fundament 2/2007

Die Bedeutung des 2. Der größte Beweis


Kreuzes für Gott der Gerechtigkeit Gottes
Das Kreuz ist das größte Ereignis Dort hat der Richter der Welt „zur
der Heilsgeschichte, noch größer als Erweisung seiner Gerechtigkeit“
die Auferstehung. Denn das Kreuz (Römer 3,  25) nicht einmal seines
ist der Sieg. Die Auferstehung der eigenen Sohnes geschont (Römer
Triumph; aber der Sieg ist noch wich- 8, 32). In all den Jahrhunderten vor
tiger als der Triumph, obwohl sich Golgatha hatte Gott, trotz vieler Ge-
dieser mit Notwendigkeit aus ihm richte im Einzelnen (Römer 1,  18 
ergibt. Die Auferstehung ist das Of- ff.), die Sünde doch niemals hun-
fenbarwerden des Sie­ges, der Triumph dertprozentig bestraft (Apostelge-
des Gekreuzigten. Der Sieg selber schichte 17,  30), so dass schließlich
war voll­kommen. „Es ist vollbracht“ seine Heiligkeit durch seine Geduld
(Johannes 19,  30; Hebräer 2,  14). in Frage gestellt zu sein schien
„wegen des Dahingehenlassens der
vor­her geschehenen Sünden unter der
Nachsicht Gottes“ (Römer 3,  25). Da
1. Die höchste Erwei- hat erst der Sühnetod des Erlösers,
als göttliche Selbst­rechtfertigung der
sung der Liebe Gottes vergangenen Menschheitsgeschichte,
Dort gab der Allherr des Lebens die un­umstößliche Gerechtigkeit
sein Liebstes in den Tod, seinen des obersten Weltenrichters erwie­
ein­geborenen Sohn, den Mittler sen. Alle Geduld der Vergangenheit
und Erben der Schöpfung (Kolosser war nur möglich im Hin­blick auf
1, 16; Hebräer 1, 2.  3). Christus der das Kreuz (Römer 3, 25), und alle
Herr starb am Kreuz, er, für den im Vergebung der Zukunft ist nur
Äther die Sterne kreisen und für den „gerecht“ durch den Rückblick auf
jedes Mücklein im Sonnenschein das Kreuz (Römer 3, 26; 1. Johannes
tanzt (Hebräer 2, 10). Wahrlich: 1, 9). Das Kreuz selbst ist die Ein-
„Darin be­weist Gott seine Liebe gegen heit von Geduld der Vergangenheit
uns, dass Christus für uns ge­storben (Römer 3,  25), Gericht der Gegen-
ist, da wir noch Sünder waren“ (Rö- wart (Johannes 12, 31) und Gnade
mer 5, 8). der Zukunft (Römer 5, 8 - 9). Da-
r­um ist nun auch erstmalig und ein-

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Die Bedeutung des Kreuzes

zig im Evangelium die „Ge­rechtigkeit Aufgabe dieser Gemein­de nicht


Gottes“ geoffenbart (Römer 1, 17; erdhaft gebunden. Schon „jetzt“ soll
2. Korinther 3, 9), die Gerechtig- „den Fürsten­tümern und Gewalten in
keit Gottes sowohl als göttliche der Himmelswelt durch die Gemein-
Eigenschaft als auch als göttliche de die vielgestaltete Weisheit Gottes
Gabe, die „von Gott kommt und kundgetan“ werden (Epheser 3,
vor Gott gilt“ (2. Korinther 5, 21). 10 - 11). Bruder und Schwester, lass
darum deinen Geist sich emporhe-
ben aus dem Staube des Alltags! An
dir sollen die Fürstentümer und Ge-
3. Die wunderbarste walten in den himmlischen Welten
Vermehrung des etwas erfahren von der Weisheit
Reichtums Gottes deines Gottes. Empor! Den Sternen
entgegen! Ja, hinaus über die Sterne!
„Du bist geschlachtet worden und hast Lass dein Herz weilen beim Throne
für Gott erkauft durch dein Blut aus Gottes, des Allmächtigen, deines
jedem Stamm und Sprache und Volk und meines Vaters!
und Nation und hast sie unserem Gott
zu Königen und Priestern gemacht“
(Offenbarung 5, 9). Sie sind nun
erworben für Gott, das „Volk zum Die Bedeutung des
Besitztum“ (1. Petrus 2, 9), das Kreuzes für Christus
„Eigentumsvolk“ (Titus 2, 14).
Zwar nicht so, als ob der durch das 1. Die höchste Anerkennung der
Kreuz gewonnene Reich­tum eine Herrschaft Gottes. Denn der
Steigerung der göttlichen Herrlich- Sohn „ward gehorsam bis zum
keit an sich bedeute - denn Gott Tode, ja bis zum Tode am Kreuz“
ist von vornherein unendlich -, (Philipper 2, 8; Römer 5, 19).
wohl aber so, dass er in der 2. Die höchste Vollen-
Gemeinde ein Instrument dung des Glaubens an
und Kundgebungssorgan Gott; denn er hat „an
zur Offenbarung seiner dem, was er litt, den
Herrlichkeit gewon- Gehorsam gelernt“
nen hat. Schon jetzt, (Hebräer 5,8 - 9) und
in der Gegenwart, ist die ist also der „Anfüh­

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rer“ und „vollkommenste Ausge­ werden „unter vielen Brüdern“


stalter“ des Glaubens geworden (Römer 8, 29) und das „Haupt“
(Hebräer 12, 2; vergleiche 2, 13). seiner Glieder (Epheser 1, 22).
3. Die entscheidendste Erwer- Nur so konnte er seine „Fülle“
bung des Wohlgefallens Gottes; erwerben, seinen „Leib“, die Ge-
denn er gab sich als Opfer dahin, meinde, „die Fülle dessen, der alles
„Gott zu einem duften­den Wohlge­ in allem erfüllt“ (Epheser 1, 23).
ruch“ (Epheser 5, 2). Gewiss, als göttliche Person hat
Christus durch das Kreuz nichts
4. Die endgültige Verewigung der
ge­wonnen. Der verherrlichte
Liebe Gottes. „Darum liebt mich
Mensch im Himmel besitzt jetzt
der Vater, weil ich mein Leben
nicht mehr Göttlichkeit und
lasse, auf dass ich es wiedernehme“
persönliche Herrlichkeit als das
(Johannes 10,  17).
ewige Wort vor der Fleischwer-
5. Was Christus persönlich dung. Sagt er doch selbst: „Ver­
be­trifft, so ist das Kreuz für ihn herrliche du mich, Vater, bei dir
der Weg zur Verklärung seiner selbst mit der Herrlichkeit, die ich
Liebes- und Machtstellung zur bei dir schon besessen habe, ehe die
Siegerstellung, vom Sein „in dem Welt war“ (Johannes 17, 5). Aber
Schoße des Vaters“ (Johannes 1, 18) als Erlöser und „letzter Adam“
bis hin zum Sitzen „zur Rechten (Römer 5, 12 - 21; 1. Korinther
der Majestät in der Höhe“ (Philip- 15, 45) hat Christus sich den-
per 2, 9; Hebräer 2, 9; 8, 1). noch eine Erhöhung er­worben,
6. Der Weg zum Besitz einer eben den Namen, der über alle
erlösten Gemeinde, vom „Al­ Namen ist, in dem sich einst alle
leinsein“ des Weizenkorns, durch Knie im Himmel, auf Erden und
Sterben hindurch, zum sieg­haften unter der Erde beugen werden,
„Verherrlichtwerden“ und „Frucht­ den Vollinhalt des Jesusnamens,
bringen“ (Johannes 12, 24). Nur als „Erret­ter“ und „Seligmacher“
so konnte der „Anführer der (Philipper 2, 9 - 10).
Seligkeit“ vollkommen gemacht  7. Und schließlich, hinsichtlich
(Hebräer 2, 10) und die „vor ihm Christi Beziehung zu uns, ist das
liegende Freude ge­wonnen werden“ Kreuz der wunderbarste Ausdruck
(Hebräer 12, 2). Nur so konn- der Liebe des Sohnes Gottes.
te Christus der „Erstgeborene“

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Die Bedeutung des Kreuzes

Christus hat „die Gemeinde geliebt 9, 28) 3), damit sie, der Sünde ge-
und sich selbst für sie hin­gegeben“ storben, nunmehr der Gerechtigkeit
(Epheser 5, 25; Galater 2, 20). leben (1. Petrus 2, 24; 2. Korinther
Sein qualvolles Sterben am Kreuz 5, 21); und wie das Verderben der
hat er zur Quelle unsers Lebens Mensch­heit durch den Fall - also
gemacht und also unseren Wider- ein geschichtliches Einzelereignis
spruch und Hass mit erlösender - ­hervorgerufen worden war (1.
Liebe beantwor­tet. So aber wird Mose 3; Römer 5, 12 ff.), so muss
Satans augenscheinlichster „Sieg“ nun auch seine Aufhebung durch
zu seiner gewaltigsten, entschei- den Bürgen desgleichen durch ein
dendsten Niederlage und Jesu Einzelereignis - eben die einzigartige
augenscheinlichste „Niederlage“ „Rechtstat“ 4) von Golgatha - bewirkt
zu seinem größten, triumphie- werden (Römer 5,  18). Und da das
rendsten Sieg. Wesen der Sünde in der Trennung
des Geschöpfes vom Schöp­fer
besteht, also in der Trennung vom
Urquell des Lebens und folglich im
Die Heilsbedeutung Tode, so muss nun auch der Erlöser,
des Kreuzes für uns wegen der not­wendigen Entspre-
chung von Sünde und Sühne, das
Für den Einzelnen ist das Kreuz ein Urteil die­ses Todes erdulden und so
Doppeltes: die Grundlage seiner durch sein Sterben die Wiederher­
Rechtfertigung, juristisch seine stellung des Lebens bewirken. „Ohne
Vergangenheit ord­nend, und die Blutvergießen geschieht keine Verge­
Grundlage seiner Heiligung, sitt- bung“ (Hebräer 9,  22). Nur so kann
lich seine Gegenwart beherrschend. er, durch den Tod, dem die Macht
nehmen, der die Gewalt des Todes
hat, dem Teufel (Hebräer 2, 14; 1.
1. Die Grundlage der Korinther 15, 21 - 22). Die Erlösung
muss darin bestehen, dass der Tod,
Rechtfertigung
dieser große Feind des Men­schen
Auf den Bürgen muss all unsere (1. Korinther 15,  26), zum Mittel
Sünde gelegt werden (Jesaja 53, 5); der Errettung gemacht wird, und
er muss sie tragen an Stelle der das, was die notwendige Fortsetzung
andern (1. Petrus 2, 24; Hebräer und Strafe der Sünde ist, muss zum

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erlösenden Ausweg aus der Sünde 2. Die Grundlage


werden (Epheser 2, 16). 5)
Dies ist die Logik des Heils,
der Heiligung
festgewurzelt und unantastbar steht Christus der Herr starb am Kreuz,
sie im Erlösungsplan Gottes da. An damit wir nicht an das Kreuz
ihrer zwingenden Beweisführung brauchten. Das ist die uns aus-
zerschellen alle hochmütigen An- schließende, rechtliche Seite seines
griffe des Un­glaubens. Die verhasste Sterbens, das „Er­lösende“ von Gol-
„Bluttheologie“ der Bibel (Hebräer gatha. Und dennoch: Er starb dort
9, 22), mit dem gekreuzigten Chris- am Kreuz, damit wir, zusammen
tus als ihrem Zentrum (1. Korinther mit ihm, trotzdem an das Kreuz
2, 2; Galater 3, 1), bleibt dennoch kämen. Das ist die uns einschlie-
der Felsen des Heils, zwar vielen ein ßende, sittliche Seite seines Ster-
Stein des Anstoßes und ein Fels des bens, das „Bindende“ von Golgatha.
Ärgernisses (1. Petrus 2, 8; Jesaja Wir sind mit dem Gekreuzigten
8, 14; Römer. 9, 33), ein Zeichen, „zusammengepflanzt“ (Römer 6, 5)
dem allent­halben widersprochen und zur „Gleichheit seines Todes“
wird (Apostelgeschichte 28, 22; Lu- organisiert verbunden. Wir sind
kas 2, 34; Matthäus 21, 42. 44), den Nachfolger, Kreuzträ­ger (Matthäus
Erlösten aber der lebendige Eck- 10,  38), „Weizenkörner“ wie er,
stein, „aus­erwählt“, „kostbar“ und die nur durch Sterben zum Leben
aufs festeste gegründet (1. Petrus gelangen (Johannes 12, 24  -  25).
2, 4 - 6; Jesaja 28, 16; Psalm 118, 22), Wir sind beru­fen zum Teilhaben an
bestimmt zum Fallen und Auf­stehen dem Charakter der zwar dunklen,
vieler (Lukas 2, 34), den einen ein aber nichtsdestoweniger kostba-
Todesgeruch zum To­de, den ande- ren Grundlage unserer eigenen
ren ein Lebensgeruch zum Leben (2. Er­lösung. Wir sind „mit Christus
Korinther 2, 15 - 16), den Juden ein gekreuzigt“ (Galater 2, 19).
Anstoß, den Griechen eine Torheit
a) Die Welt um uns ist durch den
(1. Korinther 1, 22 - 23), in jedem
Gekreuzigten für uns tot. Sie ist
Fall aber die Wahrheit (Römer 15, 8;
durch das Kreuz uns „gekreuzigt“
Matthäus. 26, 54), die Kraft (1. Ko-
und wir der Welt (Galater 6,  14).
rinther 1, 18) und die Weisheit des
Höch­sten (1. Korinther 1, 24). b) Die Welt in uns ist gleichfalls
mit am Kreuz. „Indem wir dies

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Die Bedeutung des Kreuzes

wissen, dass unser alter Mensch Verurteilter durch die Hinrich­tung


mitgekreuzigt wor­den ist, ... dass aus dem Untertanenverhältnis
wir der Sünde nicht mehr dienen“ gegen die hinrichtende Obrig-
(Römer 6, 6. 11). keit ausscheidet. So ist nun auch
c) Die Welt unter uns ist durch Christus „dem“ Gesetz gestorben.
das Kreuz völlig besiegt. Denn Was aber Christus erfuhr, hat der
„nachdem Christus die Mächte Gläubige in ihm miterlebt (Römer
und Gewalten entwaffnet hatte, 6, 5 - 11). Also ist auch er dem
hat er sie öffentlich an den Pranger Gesetz gegen­über tot und lebt nun
gestellt und durch das Kreuz über in der Freiheit des Auferstandenen
sie triumphiert“ (Kolosser 2, 15; 1. (Römer 7, 4).
Mose 3, 15).
d) Die Welt über uns ist durch das
Kreuz für uns Gnade und Segen. Das Heil für alle
Denn der Fluch des Gesetzes ist
Auch für die Gesamtheit aller
abgetan (Galater 3,  13). Die in
Menschen ist durch das Kreuz eine
ihren Geboten wider uns zeugende
vollstän­dige Neuordnung eingetre-
Schuldhand­schrift ist ausgelöscht
ten, und zwar
und ans Kreuz geheftet (Kolosser
2, 14). Gottes Blick kann nun nach innen hin als Aufhebung
nicht mehr auf sie fallen, ohne des Gesetzes,
zugleich auf das Kreuz zu fallen; sie nach außen hin als Heilszulas-
ist gleichsam mitgetötet, mitge­ sung der Völkerwelt,
kreuzigt. „Ich bin durch das Gesetz nach allen Seiten hin als Weltall-
dem Gesetz gestorben, auf dass ich triumph des Gekreuzigten.
Gott lebe“ (Galater 2, 19). Das Ge-
setz Gottes hatte den Tod über den
Sünder verhängt (Galater 3, 10),
und diesen hat Christus an seiner
1. Die Aufhebung
Statt getragen. Also ist Christus des Gesetzes
„durch“ das Gesetz gestorben. Nach innen hin bedeutet das Kreuz
Damit aber hat das Gesetz seine die Erfüllung und Abschaffung aller
weiteren Geltungsansprüche an ihn mosaischen Opfer (Hebräer 10,
ver­loren, gleichwie ein zum Tode 10 - 14) und damit die „Aufhebung“

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des Ge­setzes überhaupt later 3, 24), der „Zaun“,


(Hebräer 7, 18). Denn die der das jüdische Volk
Opfer waren die Grundlage von den Weltvölkern
des Priestertums, und das trenn­te (Epheser 2, 14).
Priestertum war das Fun­ Die Nationen waren
dament des Gesetzes (Heb­ „ohne Gesetz“ (Römer
räer 7, 11). So aber ist Chris­ 2, 12) und „Fremdlinge
tus durch das Kreuz „des betreffs der Bündnisse
Gesetzes Ende“ (Römer 10, der Verheißung“ (Ephe-
4) und also der „Bürge eines ser 2, 12). Zwischen
besseren Bundes“ geworden (Hebrä­ beiden bestand eine Spannung, eine
er 7, 22), eben des „Neuen Testa­ Art heilsgeschichtlicher „Feind-
ments“ (Matthäus 26, 28), durch schaft“ (Epheser 2, 14 - 15), die die
das „die Be­rufenen die Verheißung „Fernen“ und die „Nahen“ nicht
des ewigen Erbes empfangen“ zusammenkommen ließ. Nun aber
(Hebräer 9, 15 - 17). Indem aber ist Christus „unser Friede“. Mit der
das levitische Priestertum aufgelöst Erfüllung des Gesetzes hat er die
ist, ist auch die „vordere Hütte“ „Zwischenwand der Umzäunung“
dahin (Hebräer 9, 8); der Vor­hang hinweg­getan und die beiden, die
im Tempel zerriss (Matthäus 27, Juden und die Heiden, in dem
51), der Weg ins Aller­heiligste ist einen Leibe seiner Gemeinde,
frei (Hebräer 9, 8; 10, 19 - 22), und durch das Kreuz, miteinander wie
das ganze Volk Gottes ist nun ein auch mit Gott versöhnt (Epheser 2,
Königtum von Priestern (1. Petrus 13 - 16). Die Erfüllung des Ge-
2, 9; Offenbarung 1, 6). setzes durch den Tod des Christus
bedeutet darum den „Durchbruch
der Abrahamsverheißung durch die
Schranke des mosaischen Gesetzes“
2. Die Heilszulassung (vergleiche 1. Mose 12, 3; Galater
3, 13 - 14), die Erweiterung des
der Völkerwelt Heils über Israel hinaus auf die
Ist aber das Gesetz abgeschafft, Völkerwelt, den Weg, durch die
so auch nach außen hin. Bis zum äußerste Enge hindurch, hinaus
Kreuz war das Gesetz, als Israels in die umfassend­ste Weite, den
„Zuchtmeister auf Christum“ (Ga­ Übergang vom Nationalismus der

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Die Bedeutung des Kreuzes

Vorbereitung zum Universalismus 12, 32; Philipper 2, 9). Denn die


der Erfüllung (Johannes 11, 52). „Erhöhung“ ans Kreuz und die
„Erhöhung“ auf den Him­melsthron
gehören zusammen. Der Gekreu-
zigte ist der Ge­krönte (Philipper 2,
3. Der Weltall-Triumph 8 - 11; Hebräer 2, 9), und darum
muss der alte Fürst dieser Welt
des Gekreuzigten „hinausgeworfen“ werden, weil der
„Jetzt ist das Gericht dieser Welt! Jetzt neue, der eigentliche Fürst, seinen
wird der Fürst dieser Welt hin- Einzug halten will. Darum auch
ausgeworfen werden“ (Johannes erschütterte sich der Erdboden beim
12, 31). Gerade durch das hat Tode des Herrn (Matthäus 27, 52)
der Sterbende triumphiert (Of- und die Sonne verlor ihren Schein
fenbarung 5,5 - 6). Ge- (Lukas 23, 44 - 45).
rade durch das Kreuz Denn das Kreuz Christi
hat er die Fürstentü- ist zugleich das große
mer ihrer Rüstung „Nein“ Gottes zu allem
beraubt (Kolosser 2, irdischen und himm-
14 - 15). Gerade „durch den lischen Schauplatz der
Tod“ hat er „dem die Macht Sünde (Johannes 12, 31).
ge­nommen, der die Gewalt des Am Tage des Weltuntergangs wird
Todes hat“, dem Teufel (Hebräer darum das Erdreich erschüttert
2, 14). Daher sein Siegesruf: „Es ist (Haggai 2, 6; Hebräer 12, 26 - 27)
vollbracht!“ (Johannes 19,  30). und die Sonne mit Scham bedeckt
werden (Jesaja 24, 23). Der Mond
Das Ausgestoßenwerden Satans ist wird nicht mehr leuchten und die
- seiner Kraft nach begründet auf Sterne ver­blassen, und Himmel
Golgatha (Johannes 12, 31), und Erde werden fliehen vor dem
- seiner Auswirkung nach geschieht Gro­ßen Weißen Thron (Offen-
es allmählich (Matthäus. 12, 29), barung 20, 11). Dann aber wird
- seiner Vollendung nach wird es einst gerade aus der Zerstörung der alten
völlig sein (Offenbarung 20, 10). Welt, durch Verklärung ihrer in
Daher auch die Doppelsinnig- Flammenglut aufgelösten Grundele-
keit des Ausdrucks „erhöhen“ in mente, eine neue und herr­liche Welt
der Schrift (Johannes 3, 14; 8, 28; hervorgehen; und wie das Weltall

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am Ende der Zeit sein Sterben und beginnt, das Weizenkorn, dessen
„Golgatha“ erfahren haben wird, so goldner Halm am Himmelfahrts­
wird es auch gleich hinterher, auf tage zum Himmel emporsteigt, das
der Grundlage des Kreuzes, durch Weizenkorn, dessen myriadenreiche
die Verklärungsmacht Gottes, seine Ähre sich am Pfingsttage zur Erde
Auferstehung und seinen Ostermor- herabneigt und die Samenkörner
gen erleben. Dies ist der prophe- aus­streut, aus denen die Gemeinde
tische Sinn der Sonnenverfinsterung geboren wird“ (Johannes 12, 24).
und des Erdbebens im Augenblick
des Todes von Golgatha.

4. Christus 5. Das Kreuz von


- das Weizenkorn Ewigkeit zu Ewigkeit
Durch dies alles wurde „Christus So sehen wir das Kreuz überall: das
das Weizenkorn, welches welterlö- Kreuz in der Ewigkeit - das Lamm,
sende Liebe am Karfreitag in die zuvorerkannt vor Grundlegung
Erde gesenkt hat, das Weizenkorn, der Welt (1. Petrus 1, 19 - 20), das
das Ostersonntag die Erde durch- Kreuz in der Vergangenheit der Zeit
bricht und himmelan zu wachsen - Gethsemane, Gabbatha, Golgatha;

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Die Bedeutung des Kreuzes

das Kreuz in der Gegenwart - der und das Kreuz in der Herrlichkeit
gekreuzigte Christus als das leben- - die Botschaft vom Lamm als das
dige Grundthema unserer eigenen Edelsteinfundament der himm-
Verkündi­gung (1. Korinther 2, 2); lischen Stadt (Offenbarung 21, 14)
das Kreuz in der Zukunft - der und, inmitten des Thrones, das
früher einst erniedrigte Heiland Lamm selbst als der Ge­genstand
dann als König des geoffenbarten der Anbetung der seligen Geister
Messiasreiches (Philipper 2, 8 - 11) (Offenbarung 5, 6 - 10). 

Anmerkungen:
1) v. Gerdtell, Ist das Dogma von dem stellvertretenden Sühnopfer Christi
noch haltbar? Eilenburg 1908, S. 72-73.
2) Die Kreuzigung Jesu fand, nach den neuesten Berechnungen, höchst­wahrscheinlich am 7.
April 30 statt.
3) So tief kommt der Gedanke der Stellvertretung schon im Alten Testament zum Ausdruck,
dass es für „Sünde“ und „Sündopfer“ zuweilen geradezu ein und dasselbe Wort (Hebräer
chata - ah) gebraucht. Dieses bedeutet in 2. Mose 34, 7; 1. Samuel 2, 17 „Sünde“, in 4. Mose
32, 23; Jesaja 5, 8 Sündenstrafe und in 3. Mose 6, 18, 23; Hesekiel 40, 39 „Sündopfer“. So
ist auch Christus, der Sünde nicht kannte, für uns zur Sünde, das heißt zum Sündopfer (2.
Korinther 5, 21) gemacht, und zwar hat er diese Wahrheit der Stellvertretung selber bezeugt,
nicht erst Paulus, den der Un­glaube als den „Verfälscher“ des Christentums verleumdet.
Denn in Matthäus 20, 28 sagt Christus persönlich, dass er sein Leben gebe „als Lösegeld
anstatt vieler“, wobei der Urtext für „anstatt“ das Wort „anti“ ge­braucht, ein Wort, welches
unwiderlegbar den Sinn von „an Stelle“ hat; denn wenn zum Beispiel das griechische Alte
Testament in 1. Mose 22, 13b sagt, Abraham habe den Widder „für“ (griech. anti!) seinen
Sohn geopfert, oder wenn es in den Verzeichnissen der Könige heißt, der Sohn sei „für“
(griech. anti!) seinen verstorbenen Vater König geworden (zum Beispiel 1. Mose 36, 33-35
usw.), so ist bei diesem „anti“ der Begriff des „anstatt“ offenbar. Paulus hat also von Christus
(!) her sein Recht, das Selbstopfer des Herrn als ein „Anstatt-Lösegeld“ (qr, anti-lytron) zu
bezeichnen (1. Timotheus 2,6; vgl. ferner Klagelieder 5, 7; Hiob 33, 23-24).
4) gr. dikaioma, („Rechtstat“) ist, im Unterschied von dikaiosyne („Ge­rechtigkeit“ als Ei-
genschaft), eine einzelne Rechtshandlung. Nicht durch die „Gerechtigkeit“ (dikaiosyne) des
heiligen Erdenlebens Jesu ist uns das Heil erworben worden, sondern durch die „Rechtstat“
seines gehor­samen Sterbens.
5) Das aber heißt: Jesu Tod tötet den Tod. Vgl. die eherne Schlange in der Wüste: 4. Mose
21, 6-8; Johannes 3, 14; auch David, der Goliath mit Go­liaths eigenem Schwert erschlug. 1.
Samuel. 17, 51.

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