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:antifaschistische Nr.

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nachrichten g 3336 11.4.2002 18. jahrg./issn 0945-3946 1,30 ¤

Gute Resonanz
auf Ostermärsche!
Die Teilnehmer/innenzahl der
diesjährigen Ostermärsche
hat deutlich zugenommen. In eini-
gen Orten gab es erstmals wieder
Ostermarschaktionen (Hannover,
Landshut, Traunstein, Bad Tölz
u.a.).

Die Lage ist aber auch sehr ernst. Die


US-Regierung plant konkrete Angrif-
fe auf Somalia und vor allem den
Irak. Selbst der Einsatz von Mini-
atomwaffen wird ernsthaft diskutiert. Oster-
Die Situation in Israel / Palästina ist marsch
zum Krieg eskaliert. Das Kommando in
Spezialkräfte (KSK) der Bundeswehr Frankfurt
war in brutalen Kampfeinsätzen in
Afghanistan. Genau diese Themen
waren die Schwerpunkte der Oster- Nicht mal
marschreden der IMI-Vertreter/innen
(Informationsstelle Militarisierung) ein kurzer Marsch
in Mainz, Stuttgart, Münster und
Düsseldorf. Till Gocht wies in Mainz
auf die konkrete Kriegsgefahr. „Wir
in Leipzig ...
stehen an der Schwelle zu neuen Manchmal kommt die Wahrheit Immerhin blieb diesmal alles ruhig. Die
Kriegen, die heute vorbereitet wer- doch etwas überraschend. Sach- Bilder vom November, als mit chemisch
den. Am wahrscheinlichsten scheint sen stehe „für Offenheit, Toleranz angereicherten Wasserfontänen, Reizgas
zur Zeit eine Intervention entweder und auch Fremdenfeind-, Frem- und Knüppel die Blockierer vom Haupt-
im Irak oder in Somalia zu sein, bei- denfreundlichkeit“, sagte Justizminister bahnhof „behandelt“ worden waren (siehe
des unter dem Vorwand der Terroris- Manfred Kolbe zwei Tage vor Christian AN 24/2001), blieben diesmal aus. Mehr-
musbekämpfung. Eine direkte Ver- Worchs drittem Leipzig-Aufzug am ersten fachreihen von Polizeiautos trennten nicht
bindung zu den Anschlägen vom 11. Samstag im April. Daran schloss Kolbe nur das Aufeinandertreffen, sondern fast
September braucht vermutlich nicht auf der Veranstaltung der Christlich-de- jeglichen Sichtkontakt von Teilnehmern
mehr hergestellt zu werden.“ mokratischen Juristen an, um die eigentli- von Gegenveranstaltungen wie „Jugend
Till Gocht machte deutlich, dass che Gefahr zu verdeutlichen, einige ver- ist bunt“ und den Worch-Streitern „Gegen
„wir jedoch allen Grund (haben), un- meintliche Antifa-Zitate aus den jüngsten Repression und linke Gewalt, für Demon-
sere Aufmerksamkeit auch auf das zu Tagen zu zitieren. Die von Kolbe aus strationsfreiheit. Wir sind das Volk!“
richten, was in den letzten 12 Jahren schlechtem Grund nicht genannte Quelle Knapp 1000 Personen waren gekommen.
seit der Wiedervereinigung Deutsch- war die Indymedia-Internetside, wo die Neben Promis wie Friedhelm Busse wa-
lands zu einem wesentlichen Merk- „Zitate“ als Zuschriften schon seit länge- ren Gruppierungen wie der „Selbstschutz
mal geworden ist. Ich rede von der rem in dem für jeden nutzbaren Forum Sachsen-Anhalt“ (SS/SA), die Saalefront
Militarisierung deutscher Außenpoli- standen. Es gehe „gegen den Radikalis- aus Halle, N.O.D. Chemnitz, Mitglieder
tik, dem lange vorbereiteten Kampf- mus, auch den rechten“. Dem schloß sich der Revolutionären Plattform, das Akti-
einsatz deutscher Soldaten außerhalb der Leipziger OB Wolfgang Tiefensee an, onsbündnis Westthüringen sowie der Ari-
der eigenen Landesgrenzen.“ von dessen Stadt „aus eine Weltordnung sche und der Nationale Widerstand Ro-
Fortsetzung Seite 11 gestürzt worden“ sei, es gehe „gegen Ge- stock. Neben Sprüchen wie „Nationali-
walt, von welcher Seite auch immer.“ sten gegen eure kranke Subkultur“, „Sie
„Diesem nationalen Unglück entgegentre- sagen die Nazis und meinen uns Deut-
Aus dem Inhalt: ten“, verlangte der Nikolaikirchen-Pfarrer sche“ auf Pappen, lag der Schwerpunkt
Le Pen und Mégret als Christian Führer mit Blick auf die Nazis, wieder auf dem einen neuen alten Feind,
Kandidaten zugelassen . . . . . . 6 diese Menschen „die an ihren Defiziten der die Anwesenden alles andere als na-
Deutsch-tschechische verführt wurden.“ „Wir wollen in Leipzig tional und international isoliert. „Stoppt
Beziehungen stabilisieren – weder braune Brut noch Linksfaschisten“, den Kriegstreiber Israel. Solidarität mit
Münchener Abkommen von konkretisierte der Rechtsanwalt und den palästinensischen Freiheitskämp-
1938 komplett annullieren . . . 8 CDU-Kreisvorsitzende Kurt-Ulrich Mey- fern“. Und „Solidarität mit Palästina“,
er das gemeinsame Anliegen. forderte die Fränkische Aktionsfront.
Fortsetzung S. 3
: meldungen, aktionen
München zum Thema „Christlicher
Glaube und Fundamentalismus“, Frank
Hauke („Ideologien in Politik, Wirt-
Rechte Schläger verstärkt Ostpreußen“ (JLO) in NRW und frühere schaft und Kultur“), FOCUS-Journalist
im Westen aktiv Landesvorsitzende der „Jungen Freiheit- aus Berlin und Mitautor des Buches „Wir
lichen“ im „Bund Freier Bürger“, ge- ´89er“, das 1995 von dem damaligen
Berlin. 742 rechte Straftaten zählt die wählt. Zu Stellvertretern wurden And- „Junge Freiheit“-Redakteur Roland Bu-
Bundesregierung für Januar und Februar reas Kurt Borm und Rüdiger Danowski bik herausgegeben wurde und die Orien-
2002, davon 517 Propagandadelikte und gewählt. Auch unter den gewählten Bei- talistin Prof. Dr. Annemarie Schimmel.
68 Gewaltdelikte, das geht aus der Ant- sitzern finden sich ehemalige JLO-Akti- Nach internen Auseinandersetzungen in-
wort der Bundesregierung auf eine Klei- visten, wie z.B. Rene Nehring, Intervie- nerhalb der „Evangelischen Notgemein-
ne Anfrage der Abgeordneten Ulla Jelp- wpartner der „Jungen Freiheit“ und Tho- schaft“ ist kürzlich der „Junge Freiheit“-
ke hervor. 66 Personen wurden von rech- mas Maiwald. und „Criticon“-Autor Prof. Dr. Klaus
ten Schlägern verletzt. 472 Tatverdächti- Neben einem Pfingstlager plant der Motschmann „auf eigenen Wunsch“ aus
ge, 48 Festgenommene und 5 Haftbefeh- BJO im Sommer eine Fahrt ins frühere dem neugewählten Vorstand der ENiD
le erfasste die Regierung für diesen Zeit- Memelland, eine Paddeltour und ein ausgeschieden. hma ■
raum. Dies zeigt, wie gefährlich die Kriegsgräberlager. Auf dem Deutsch-
rechte Szene nach wie vor ist. landtreffen der „Landsmannschaft Ost- Regierung brüskiert
Auffallend ist, dass die Mehrheit der preußen“ will die BJO mit einem Stand
Tatverdächtigen und Festgenommenen vertreten sein. hma ■ jüdische Gemeinden in der
aus den westdeutschen Bundesländern Slowakei
kamen. Die meisten rechten Schläger Pro Stoiber und Schill Berlin. Die rot-grüne Bundesregierung
verzeichneten Nordrhein-Westfalen (38), ist nicht bereit, jüdische Gemeinden in
Rheinland-Pfalz (38) und Bayern (36), Hamburg. „Die Deutschen Konservati- der Slowakei für Verluste im Zusammen-
gefolgt von Niedersachsen (28), Baden- ven“ um den wegen Volksverhetzung hang mit dem Holocaust zu entschädi-
Württemberg (19) und Brandenburg verurteilten Joachim Siegerist und den gen. Zur abschlägigen Antwort der Bun-
(19). Gleichzeitig bestätigen Nachmel- Berliner CDU-Rechtsaußen Heinrich desregierung auf Entschädigungsforde-
dungen für 1999 und 2000 den hohen Lummer machen in einer ganzseitigen rungen jüdischer Gemeinden in der Slo-
Anteil von Erwachsenen an rechten Anzeige in der „FAZ“ am 28. März Wer- wakei erklärt die innenpolitische Spre-
Straf- und Gewalttaten. Die Bundesre- bung für Ronald Schill und Edmund cherin der PDS-Bundestagsfraktion, Ulla
gierung teilt in ihrer Antwort mit, dass Stoiber. „Gebt der Schill-Partei eine Jelpke: „70.000 slowakische Juden wur-
von den insgesamt 40.288 Beschuldigten Chance. In Berlin Stoiber als Kanzler – den 1942 gewaltsam verschleppt und in
in den Jahren 1999 und 2000 ca. 40 Pro- aber in den Ländern geht es nicht ohne den Vernichtungslagern der Nazis umge-
zent Erwachsene sind. Von insgesamt Schill“, heißt es in der Anzeige. Edmund bracht. „Zur Deckung der mit der Aus-
417 Haftbefehlen ergingen ebenfalls ca. Stoiber sei „ideal als Kanzler. Aber Hilfe siedlung der Juden aus der Slowakei ver-
40 Prozent gegen Erwachsene. Unbeach- braucht auch er. Früher oder später – zu- bundenen Kosten“, so die damalige zyni-
tet bleibt in solchen Statistiken darüber mindest im Bundesrat. Das geht nur mit sche Begründung, mussten die jüdischen
hinaus, dass das erwachsene Umfeld der Ronald Schill. Doch nicht mit der Gemeinden zusätzlich 200 Millionen
Jugendlichen diese oft zu Straftaten an- Wackel-Partei FDP“. Ein Aufruf zur Un- slowakische Kronen – umgerechnet 17
hält und ihre Taten legitimiert. Dieser terstützung Schills wird u.a. von dem Millionen Reichsmark – abliefern.
hohe Anteil von Erwachsenen an rechter ehemaligen Vorsitzenden der Berliner Dafür und auch für alle anderen Schä-
Gewalt – als Täter oder mittelbar als Un- Polizeigewerkschaft, Egon Franke, dem den des Holocaust haben die jüdischen
terstützer, Anstifter oder Bagatellisierer ehemaligen Hauptgeschäftsführer der Gemeinden in der Slowakei niemals
– wird in der öffentlichen Debatte häufig CDU/CSU-Mittelstandsvereinigung, Pe- auch nur einen Pfennig Entschädigung
ignoriert. Stattdessen wird Rechtsextre- ter Helmes, dem ehemaligen Anwalt von von deutscher Seite erhalten. Der Ost-
mismus oft als alleiniges Jugendproblem Franz Joseph Strauß, Dr. Günther Oss- West-Konflikt blockierte jede Lösung.
dargestellt. mann und der Bundesverdienstkreuzträ- Auch die Entschädigungsregelungen
1999 und 2000 kam es zusammen zu gerin Ursula Keßler-von Nathusius vom im Rahmen des seit 2000 geltenden
4.254 Verurteilungen wegen rechtsex- „Verband Deutscher Soldaten“ unter- Zwangsarbeitergesetzes sind so, dass die
trem motivierter Delikte, davon 1166 stützt. Angeboten wird zugleich eine jüdischen Gemeinden – trotz Verhand-
Verurteilungen zu Jugend- und Freiheits- Broschüre des „Junge Freiheit“-Kolum- lungen mit deutschen Stellen während
strafen. All diese Zahlen belegen: Wei- nisten Dr. Carl Gustav Ströhm unter dem dieser Zeit – keinen Anspruch haben.
terhin ist der Rechtsextremismus eine Titel „Ronald Schill. Alles über ihn und Nur private Personen können nach dem
Bedrohung für viele Menschen, insbe- seine Partei“. hma ■ Gesetz Ansprüche auf Entschädigung er-
sondere für Flüchtlinge und MigrantrIn- heben. Vermögensverluste werden nur
nen. Ulla Jelpke, MdB ■ „Evangelische Notgemein- erstattet, wenn dafür deutsche Firmen
mitverantwortlich sind. Beides trifft auf
schaft“ tagt die jüdischen Gemeinden der Slowakei
Neuer Wein aus alten
Neuendettelsau. Die am rechten Rand nicht zu. Sie sind Religionsgemeinschaf-
Schläuchen der evangelischen Kirche beheimatete ten, also juristische Personen, und die
Mardorf. Auf der Bundesversammlung „Evangelische Notgemeinschaft in Deportationsgebühren wurden von staat-
des „Bund Junges Ostpreußen“ (BJO), Deutschland“ (EniD) führt ihre diesjähri- lichen Stellen verhängt.
der Jugendorganisation der „Lands- ge Studientagung unter dem Motto Auch die anderen Entschädigungs-
mannschaft Ostpreußen“, im März in „Ideologie und Glaube: Die Welt zwi- grundsätze treffen für die jüdischen Ge-
Mardorf am Steinhuder Meer wurde schen Spaßgesellschaft, religiös begrün- meinden der Slowakei nicht zu. Rücker-
auch eine neuer Bundesvorstand ge- detem Terror und christlicher Freiheit“ stattung gibt es nur noch für einzelne
wählt. Zur Bundesvorsitzenden wurde vom 24. bis 26. Mai im Haus Lutherrose Vermögensteile wie Kunstwerke, die in
Nanette Kaiser, ehemals Landesvorsit- in Neuendettelsau durch. Als Referenten der Nazi-Zeit ins Gebiet der heutigen
zende der ins neofaschistische Spektrum sind u.a. vorgesehen: Ulrich Motte, „Jun- Bundesrepublik gelangt sind. Und das
abgewanderten „Junge Landsmannschaft ge Freiheit“ und „Criticon“-Autor aus Bundesentschädigungsgesetz gilt nur bei

2 : antifaschistische nachrichten 8-2002


Schäden, die in den Grenzen des Deut- l Fortsetzung von Seite 1 Das schlechte Wetter vervollständigte
schen Reiches von 1937 entstanden sind. Konnte die braune Front bei den ersten die Pleite für Worch und die Seinen. Im-
Trotzdem will Finanzminister Eichel beiden Aufzügen jeweils einige hundert merhin hatte Worch bereits am Donners-
den jüdischen Gemeinden keinen Pfen- Meter laufen, sorgten diesmal das späte tag, als die Stadt Leipzig wieder einmal
nig zahlen. Noch nicht einmal zur sym- Eintreffen der Teilnehmer und sowie die letztgültig mit den wichtigsten Auflagen
bolischen Zahlung, zum Beispiel als Hil- äußerst peniblen Kontrollen der Polizi- vor dem OVG scheiterte, fünf weitere
fe beim Wiederaufbau jüdischer Synago- sten für Verzögerungen des vorgesehe- Aufzüge angemeldet. So für Anfang
gen, ist die Regierung bereit. nen Beginns um 12 Uhr. Um 17 Uhr, zu September unter dem Motto „Wir sind
Ich appelliere dringend an die Regie- diesem Zeitpunkt sollte der Aufzug be- das Volk“, für den 3. Oktober „Weg mit
rung, diese Arroganz der Macht zu korri- reits das mehrere Kilometer entfernte den Mauern in den Köpfen“ und für den
gieren. Einen Schlussstrich unter die Völkerschlachtdenkmal wieder verlas- 8. Juni. Für diesen Tag mobilisiert seit
Verbrechen der Nazi-Zeit darf es nicht sen, waren die Personenkontrollen im- einiger Zeit auch die NPD unter dem
geben.“ Ulla Jelpke ■ mer noch nicht beendet. Die zwi- Motto „Ruhm und Ehre den deutschen
schenzeitlich beginnenden Absetzbewe- Wehrmachtsoldaten“, denn ab Juni
Gedenkstunde am 21.April gungen verstärkten sich noch, als „Oido- kommt die neue Wehrmachtsausstellung
xie“ zu spielen begann. nach Leipzig. Ned Flanders ■
Remscheid. Am Sonntag, den 21. April Ein Teil der rund 4000 aus allen Bun-
um 11 Uhr findet am Mahnmal Wenzeln- desländern kommenden Polizisten, die
berg bei Remscheid (Nähe Elberfelder journalistische Arbeit wurde an diesem
Str./Kapeller Weg) die jährliche Gedenk- Tag zum Teil massiv behindert, hatten
stunde für die 71 Menschen statt, die dort das Bahngebäude fast völlig abgeriegelt,
vor 57 Jahren von den Nazis ermordet dabei im Gebäudeinnern aber völlige
wurden. Neben Beiträgen von Künstle- Unklarheit bei den Beamten hinterlas-
rinnen und Künstlern, SchülerInnen und sen. So wurden massiv Nazis in den
Autoren gibt es auch einen Redebeitrag Bahnhof gelassen, wo sie auf Antifas
von Heinz Humbach (VVN-BdA), Teil- treffen mussten. Nachdem 17.54 Uhr
nehmer am antifaschistischen Wider- wiederholt „Ruhm und Ehre der Waffen-
stand und Gestapo-Häftling 1944/45. SS“ gerufen worden war, flog die erste
hma ■ Flasche und es kam kurzfristig zu leich-
teren Auseinandersetzungen. Eine von
Nazis ziehen um, Nazis der Vorort-Reporterin des Regionalsen-
ders „mdr info“ aufgestellte Behaup-
ziehen ein tung, wonach linke Gegenaktivisten die
Freiburg. Der Zittauer Naziverein „Na- Polizei mit Leuchtkörpern beschossen
tionaler Jugendblock“ (NJB) hat sich haben, ist eine Falschmeldung. Über die
nach der gescheiterten Erbpacht-Über- während dieser Aktion sowie im Laufe
nahme seines bisherigen Objektes einen des Tages Festgenommenen und eventu-
neuen Treffpunkt, in der Lessingstraße, elle Straftaten gehen die Zahlen weit Zehntausend protestierten gegen
gesucht. Das Haus wurde ihnen für meh- auseinander. den Naziaufmarsch in Leipzig
rere Jahre vermietet.
Ex-NPD-Chef Günther Deckert hat
für 5.000 DM eine ehemalige Gaststätte und Bildungsstätte entwickelt. Die Er- bleibt, die Personalstruktur nicht beein-
mit Saal in Gränitz bei Eppendorf (Land- gebnisse seiner Arbeit finden lokal, na- trächtigt wird und die Ende Mai 2002
kr. Freiberg) gekauft, um darin eine tional und auch international Beachtung frei werdende Stelle des Direktors umge-
„Straußwirtschaft“ und Disco einzurich- und Anerkennung. Durch die beabsich- hend besetzt wird.“
ten. Betreiber soll ein Typ werden, der tigte Zusammenlegung wird nicht nur Verein EL-DE-Haus e.V.
bereits Naziskin-Konzerte in der Region diese erfolgreiche Arbeit, sondern auch gez. Peter Liebermann, Vors. ■
organisiert hat. gamma news ■ die Existenz des NS-Dokumentations-
zentrums überhaupt gefährdet. Kein Platz für Neonazis und
NS-Dokumentationszentrum Die Aufgabenstellungen von NS-Do-
kumentationszentrum und Stadtmuseum Rassismus in Weimar und
muss selbständige sind völlig unterschiedlich. Eine Ge- anderswo – Naziaufmarsch
Einrichtung bleiben! denkstätte mit einem breiten politischen verhindern!
Köln. Am 16. März 2002 war der Kölni- Bildungsauftrag – vom Besuchspro-
schen Rundschau zu entnehmen, dass in gramm für ehemalige Zwangsarbeiter/in- Thüringen. Der ver.di-Fachbereichs-
der Kulturverwaltung der Stadt Köln nen über Auseinandersetzung mit vorstand Besondere Dienstleistungen
Überlegungen angestellt werden, das Rechtsradikalismus bis hin zu Opferbe- Thüringen hat beschlossen die Aktivitä-
NS-Dokumentationszentrum und das ratung – kann nicht auf eine museale ten zur Verhinderung des Neonaziauf-
Stadtmuseum „organisatorisch zusam- Funktion reduziert werden. Daher kann marsches am 20. April 2002 in Weimar
menzulegen“. Die Mitgliedersammlung eine Leitung in einer Hand den struktu- aktiv zu unterstützen.
des Vereins EL-DE-Haus e.V., dem För- rellen und inhaltlichen Erfordernissen „Wir begrüßen die Bemühungen der
derverein des NS-Dokumentationszen- beider Häuser nicht gerecht werden. Die Stadt Weimar den Naziaufmarsch zu ver-
trums, hat aufs Schärfste gegen diesen offenbar von der Kulturverwaltung ange- bieten. Dies reicht jedoch nicht. Nur
Plan protestiert In der Erklärung heißt es: strebte personelle Veränderung im Stadt- wenn am 20. April die Menschen aus
„Das NS-Dokumentationszentrum hat museum darf nicht auf dem Rücken einer ganz Thüringen, die für eine nichtrassi-
– insbesondere seit seiner Einrichtung sehr erfolgreichen Kultureinrichtung der stische Gesellschaft stehen, auf die
als selbständige Dienststelle im Rahmen Stadt Köln ausgetragen werden. Straße gehen, den Neonazis und anderen
der städtischen Kulturverwaltung im Deshalb fordern wir die Stadt Köln Rassisten und Antisemiten deutlich ge-
Jahr 1998 – ein eigenständiges Profil als auf, dass das NS-Dokumentationszen- macht wird, dass für sie in Weimar und
Gedenk-, Forschungs-, Dokumentations- trum eine selbständige Einrichtung anderswo kein Platz ist, werden sie ihre

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regelmäßigen Versuche in Weimar auf- Polizeichef Rainer Grube hätte gern gese-
zumarschieren aufgeben. hen, alle 20 zur Anmeldung benannten
Die Rechte Gewalt, der Rassismus Ordner wären erschienen: einer auf der
und der Antisemitismus wächst in dieser Liste wurde nämlich per Haftbefehl ge-
Gesellschaft weiter an, weil die Neonazis sucht. Grube nahm die der Demo erteilten
durch die Verflechtung des Verfassungs- Auflagen ganz genau: Bomberjacken und
schutzes in der Neonazi-Führung und die Springerstiefel hatte das Gericht unter-
dadurch bedingte Gefährdung des NPD- sagt, wer gegen diese Kleiderordnung
Verbotsverfahren, sich als Opfer der verstieß, konnte frierend mitlaufen oder
Staatsmacht „verkaufen“ können, rassi- musste der Demo fern bleiben. Sieben
stische Argumente der Politik gegen das wurden vorläufig festgenommen, darun- Mannheim am 1. Mai 2001
„Zuwanderungsgesetz“ oder bewusstes ter solche Teilnehmer mit „Blut und
Lügen wie „Deutschland hat schon den Ehre“-Aufnäher, Gaudreieck oder der der Nazis an. Entsprechende Kontakte
größten Ausländeranteil in der EU...“ – Reichskriegsflagge auf der Jacke. seien bereits aufgenommen. „Wir wer-
Luxemburg und Österreich haben einen Neonazi Worch konnte seine Rede den den 1. Mai in Mannheim so vorbe-
höheren, was Kanzlerkandidat Stoiber si- nicht mehr halten, da der verspätete Start reiten, als kämen die Nazis auf jeden
cher weiß – rassistische Orientierungen und eine spontane Umleitung der Fall“. Und: „Wir werden unsere Demon-
in der Gesellschaft fördern und die Basis Marsch-Route durch die Polizei die Re- stration und Kundgebung auf jeden Fall
der Neonazis gestärkt wird. dezeit von angemeldeten 60 auf knapp durchführen“. Notfalls werde man aber
Kein Platz für Neonazis in Weimar 30 Minuten verkürzte. Dafür sprach zu sehr flexibel agieren. An einer regionalen
und anderswo, heißt für uns auch kein „Landsleuten und Kameraden“ Otmar Info-Kette wird gearbeitet.
Platz für Rassismus und Antisemitismus. Wallner, Bundestagskandidat der DVU. In Ludwigshafen ist die Situation da-
Deshalb rufen wir die ver.di-Mitglie- Von der Pritsche des Transporters und durch erschwert, dass man die guten Er-
der auf, sich am 20. April, Weimarer unter Pfiffen der Gegendemonstranten fahrungen mit dem DGB dort nicht ge-
Bahnhofsvorplatz, an der Gegendemon- kündigte er einen „Zeitenwechsel“ und macht hat – deswegen sind die Regional-
stration zu beteiligen!“ einen „Übermenschen“ an, der das „aus- gespräche auf DGB-Ebene sicher positiv
Angelo Lucifero, erwählte deutsche Volk“ zu einem neuen zu bewerten. Erschwerend kommt in die-
ver.di-Fachbereichsleiter ■ Europa führen werde. sem Jahr hinzu, dass die Ludwigshafener
Quelle: TLZ 24.3.2002 ■ DGB-Kundgebung die rheinland-pfälzi-
Parteiübergreifend sche Zentralveranstaltung mit dem Mini-
Nazi-Aufmarsch am 1. Mai sterpräsidenten ist, was einer flexiblen
auf der Straße Vorgehensweise sicherlich nicht förder-
Erfurt. Mit einer „Sonderfahrt“ zum in der Region verhindern! lich ist.
Bahnhof endete wenig spektakulär die Mannheim. Die Vorbereitungen für ei- In Mannheim haben sich bereits über
Demonstration „Kein deutsches Blut für nen guten 1. Mai sind in Mannheim in- 50 Gruppen und Initiativen gemeldet, die
amerikanische Interessen“ am Samstag tensiv angelaufen. „Gut“ – das setzt in ihre Mitarbeit an der Verhinderung des
in Erfurt: 300 Polizisten aus ganz diesem wie im letzten Jahr unter ande- angekündigten Naziaufmarschs in
Thüringen hatten den Demonstrations- rem voraus, dass die Neonazis der NPD Mannheim erklärt haben. Der DGB hat
zug durch die Innenstadt begleitet und keinerlei Bewegungsspielraum in Mann- im übrigen eine Rechtsschutzzusage für
zur Abschlusskundgebung die Zugänge heim und auch nicht anderswo in der Re- eventuelle gerichtliche Auseinanderset-
zum Platz für bis zu 350 linke Gegende- gion bekommen. zungen gegeben. Der Stadtjugendring
monstranten gesperrt. Der Stadt Erfurt Auf Einladung des DGB-Regionsvor- plant, eine Kinder- und Jugendlichen-
war es im Vorfeld nicht gelungen, die sitzenden Max Nagel fand am 25. März Rallye am 1. Mai in der Stadt zu organi-
Demonstration gerichtsfest zu verbieten. im DGB-Haus eine erste große Aktions- sieren. Eine weitere Aktionsberatung fin-
Die Gegendemonstranten hatten an der besprechung statt. Es waren ca. 40 Leute det am 15. April um 18.00 Uhr im Otto-
Kreuzung Juri-Gagarin-Ring/Bahnhof- aus unterschiedlichen Zusammenschlüs- Brenner-Saal des DGB-Hauses Mann-
straße den Demonstrationszug stoppen sen und Initiativen anwesend. Gestärkt heim statt. tht ■
wollen: Nachdem acht Polizisten von der durch die guten Erfahrungen des letzten
Deeskalationseinheit verbal erfolglos Jahres sprach Max Nagel im Auftrag des NPD will in Ludwigshafen
blieben, wurde die Blockade durch Ab- DGB-Vorstandes Region Rhein-Neckar
drängen der zumeist jugendlichen die „Einladung an alle“ aus, an der 1.- aufmarschieren
Demo-Gegner aufgelöst. Mai-Demonstration und -kundgebung Ludwigshafen. Der NPD-Landesver-
Um den geregelten Rückzug hatte sich des DGB teilzunehmen. Auch nicht-ge- band hat für den 1. Mai eine Demonstra-
der Demonstrations-Anmelder Kurt werkschaftliche RednerInnen würden tion mit anschließender Kundgebung im
Hoppe aus Zella-Mehlis offenbar nicht Gelegenheit bekommen, auf Zwischen- Ebertpark unter dem Motto „Arbeit statt
gekümmert. Der Rentner und DVU- oder auch der Hauptkundgebung zu spre- Globalisierung“ in Ludwigshafen bean-
Landtagskandidat, Jahrgang 1936, war chen. Diese Einladung wurde von allen tragt. Am gleichen Tag findet hier ab 11
mit älteren Parteifreunden wie Otmar Anwesenden positiv aufgenommen; es Uhr die landesweit zentrale Mai-Veran-
Wallner, einst stellvertretender Bundes- herrschte großer Wille zur guten Zusam- staltung des DGB statt. Hauptredner sind
vorsitzender der Republikaner und nun menarbeit aller. dabei Ministerpräsident Kurt Beck und
für die DVU aktiv, längst verschwunden, Max Nagel hatte zunächst über die ak- DGB-Bezirkschef Dietmar Muscheid.
als der Bus eintraf. tuelle Entwicklung informiert: Zwar hät- Bürgermeister Wilhelm Zeiser bestätigte
An mangelnder Organisation hatte te sich die NPD in Mannheim noch nicht heute den Antrag der NPD auf RHEIN-
schon der Start der Demo zu scheitern ge- wieder gemeldet, was aber nichts zu be- PFALZ-Anfrage. Die Stadt prüfe diesen
droht: Erst mit einer Stunde Verspätung deuten habe. Dafür hat sich die NPD zu- Antrag und ein Verbot des Aufmarsches.
waren die 20 geforderten Ordner gefun- sätzlich in Ludwigshafen angemeldet Arnold Willibald von der Ludwigsha-
den, indem an fast jeden Teilnehmer über und aus ihrem Web-Auftritt sei zu ent- fener Bürgerinitiative gegen Rechts teilte
18 Jahren die weiße Ordnerbinde ausge- nehmen, dass auch Heidelberg im Visier mit, dass das Netzwerk gegen Rechts ak-
teilt wurde – vier musste die Polizei zuvor der Neonazis sei. Es komme also auf re- tiviert werden soll. Er setze darauf, dass
ausschließen, weil sie alkoholisiert waren. gionale Zusammenarbeit in der Abwehr zusammen mit den Mannheimer Kräften
: antifaschistische nachrichten 8-2002
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rund um den DGB eine „breite Gegen-
wehr“ durch Präsenz erreicht werden
könne, wenn die NPD tatsächlich in Lud-
VVN-BdA fragt nach
wigshafen marschiert. Im Vorjahr sei es
in Mannheim gelungen, den Marsch der „Schläfern“ aus der
Rechten zu stoppen, so Willibald. Die
Vorgespräche – auch mit dem DGB in
Ludwigshafen – laufen in den nächsten
rechten Terrorszene
Tagen, so Willibald. Er hoffe aber darü-
ber hinaus, dass die Stadt alles dafür tue, Die VVN-BdA hat auf die Gefah- neten Kräften einzunehmen? Warum gab
dass es dazu erst gar nicht kommen wer- ren aufmerksam gemacht, die von es keine Rasterfahndung nach neonazi-
de. Eine physische Auseinandersetzung sogenannten „Schläfern“ aus der stischen unauffälligen Schläfern? War-
wollen wir nicht, betonte Willibald. rechten Terrorszene ausgehen. Seit Jah- um dürfen die Führer der verbotenen
ell, aus KI Mannheim ■ ren kursiert in der Neonaziszene der Kühnen-Bande unter anderen Organisa-
Aufruf an „Junge Kameraden und Ka- tionsnamen ihre verbrecherische Tätig-
Aktionen gegen Nazi-Auf- meradinnen, die vor der Berufswahl ste- keit fortsetzen?“
hen, unbelastet, intelligent und sportlich Ulrich Sander,
marsch am 1. Mai sind,“ sich zu „einer Ausbildung bei Bundessprecher VVN-BdA ■
Frankfurt. Mittlerweile scheint festzu- Bundeswehr und Polizei“ zu melden,
stehen, dass die militanten Neonazis der „mit dem Ziel, sich in besonders qualifi-
Freien Kameradschaften um Thomas zierten Spezialeinheiten (!) das nötige Anhang:
Wulf, Christian Worch (beide aus Ham- Wissen und Können anzueignen.“ (Sie- „Geh zur Bundeswehr. Junge Kamera-
burg) und Steffen Hupka (Quedlinburg) he Anhang). Der Initiator des Aufrufs ist den und Kameradinnen, die vor der Be-
– unterstützt von der lokalen NPD – Steffen Hupka, ehemaliger Mitarbeiter rufswahl stehen, unbelastet, intelligent
tatsächlich erneut versuchen werden, am des verstorbenen Naziführers Michael und sportlich sind, sollten eine Ausbil-
1. Mai in Frankfurt einen Aufmarsch Kühnen, Leutnant a.D. Hupka gehörte dung bei Bundeswehr und Polizei in
durchzuführen, zu dem sie bundesweit zur rechtesten Ecke in der NPD und tritt Erwägung ziehen, mit dem Ziel, sich in
mobilisieren. Die Anmeldung für den jetzt verstärkt gemeinsam mit dem Anti- besonders qualifizierten Spezi-aleinhei-
Kaisersack/Hauptbahnhof liegt dem Antifa-Initiator Christian Worch in Er- ten das nötige Wissen und Können an-
Ordnungsamt seit Monaten vor. Der im scheinung. So am Samstag, den 2. März zueignen. ... Widerstand, der auf die
Internet verbreitete Aufruf der Neonazis 2002, da sich in Bielefeld neben Christi- Beseitigung eines volksfeindlichen Sy-
steht unter dem Motto „Vielfalt statt Glo- an Worch auch jener Steffen Hupka, der stems zielt, muß professionell geplant
balisierung!“, „gegen die Macher der 1995 den genannten Aufruf erlassen hat, sein.“ Dazu gehörten „weitestgehende
One-World und der Globalisierung, die an die Spitze der freien Kameradschaf- Tarnung, Unauffälligkeit und Unbere-
die Freiheit und Vielfalt der Völker be- ten und Nationalisten gesetzt hat. chenbarkeit für den Gegner.“ Wer als
droht“. Frankfurt werten Worch und Co In einem Brief an den nordrhein-west- bekannter Aktivist aufgefallen sei, dem
als Symbol und feindliche Bastion „mul- fälischen Innenminister Fritz Behrens wird abgeraten, sich „im hier angespro-
tikultureller Globalisierung“. (SPD) machte die VVN-BdA NRW auf chenen Sinne zu betätigen“. „Die ande-
Die Aktivitäten der in der Anti-Nazi- die Gefahr neonazistischer „Schläfer“ ren aber sollten sich von den bekannten
Koordination verbundenen Personen, In- aufmerksam, die jedoch von den Anti- rechten Gruppierungen fernhalten, der
itiativen und Organisationen konnten be- Terror-Paketen des Bundesinnenmini- geringste Kontakt kann schaden.“ Wei-
wirken, dass die Absichten der Freien sters unberücksichtigt bleiben. Ein ter: „Nichts darf diese Kameraden als
Kameradschaften, ihren Aufmarsch am Schrecher der VVN-BdA stellte die Fra- Nationalisten identifizieren.“ So heißt
1. Mai 2002 zu wiederholen, frühzeitig gen: „Auf welchen Kommandostellen es in dem Papier „Umbruch“ aus dem
bekannt gemacht und so eine breiter an- bei Polizei und Bundeswehr sowie unter Jahr 1995, herausgegeben von Steffen
gelegte politische Diskussion über Ge- den zu Auslandseinsätzen berufenen Re- Hupka (früher Funktionär der Kühnen-
genaktivitäten möglich wurde. Der Ko- servisten befinden sich bereits die neuen Formationen in Westdeutschland und
ordination ist es auch zu verdanken, dass Nazis, die diesem Aufruf folgten, um die später führend bei den Jungen Natio-
sich Parteien, Gewerkschaften, Orts- Posten der alten Wehrmachtsgeneration naldemokraten und der Revolutionären
beiräte und das Kommunalparlament in in der Bundeswehr und anderen bewaff- Plattform).
den letzten Wochen mit dem Thema be-
fasst haben bzw. befassen mussten. Das
hat unter anderem dazu geführt, dass An- fenausbaugegner und die REPs (!) hatten wird, ist damit zu rechnen, dass das Ord-
meldungen für Veranstaltungen am 1. zwar – nach längerem Hinauszögern – nungsamt den Nazis nicht die Innenstadt,
Mai für verschiedene Orte vorliegen, so eine gemeinsame Erklärung beschlossen, sondern einen anderen Versammlungsort
dass sich die Rechtsradikalen dort jetzt die „Ämter und Institutionen der Stadt“ im Stadtgebiet anbieten wird. Die Ge-
nicht mehr versammeln können (z. B. auffordert, „alles in ihrer Macht stehende gendemonstrantInnen müssen also ein
Bertramswiese, Ostbahnhof, P&R Park- zu tun, um Extremismus und Rassismus flexibles Vorgehen einplanen.
platz Kalbach). Die Koordination hatte durch aktives Handeln entgegenzuwir- Die Koordination führt am 20. April
sich mit zwei Anliegen an die Stadt ge- ken...“ In dieser vom Stadtparlament ver- von 11 bis 13 Uhr einen Aktionstag
wandt: Alle politischen und juristischen abschiedeten Resolution werden jedoch durch, und zwar in der Innenstadt
Mittel zur Verhinderung des Nazi-Auf- in bewusster Abkehr von der von der Ko- (Hauptwache/Katharinenkirche), in
marsches sollten ausgeschöpft werden. ordination angeregten Erklärung die fa- Bockenheim (vor Woolworth) und in
Antifaschistische Gegendemonstratio- schistischen DemonstrantInnen mit den Bornheim (U-Bahnstation Bornheim
nen sollten unterstützt, zumindest nicht GegendemonstrantInnen in einen Topf Mitte). Im Cafe Excess gibt es am 29. 4.
behindert werden. In der Stadtverordne- geworfen. Die „Rechtfertigung“ für re- eine letzte größere Informationsveran-
tenversammlung haben nur die PDS, pressive Polizeigewalt gegen Antifaschi- staltung der autonomen Antifa.
ÖkolinX und die Europaliste diese An- sten wird so gleich mitgeliefert. Siehe dazu auch:
liegen aufgegriffen. Das Viererbündnis Da ein Verbot des Aufmarsches von http://antifa.frankfurt.org.
(CDU, SPD, Grüne, FDP), die Flugha- den Gerichten vermutlich nicht bestätigt ola ■

: antifaschistische nachrichten 8-2002 5


Seit Donnerstag, den 4. April ist Frankreich:
es jetzt amtlich: Jean-Marie Le
Pen kann zur französischen Prä-
sidentschaftswahl am 21. April dieses
Le Pen als Kandidat
Jahres antreten. Knapp, aber den-
noch hat der Chef des Front National zugelassen –
(FN) es geschafft, die Unterschrift von
500 Mandatsträgern der Republik
vorzulegen, die seine Kandidatur un-
Mégret ebenfalls
terstützen. eine Regierungskoalition nach öster- Soir, Pandraud habe ihr eine Lösung des
reichischem, italienischem und jetzt auch Unterschriftenproblems in Aussicht ge-
Manche Beobachter – etwa seitens der dänischem Muster ein. Und er hat längst stellt. Die Version des Ex-Ministers
Sozialistischen Partei – verdächtigen den angekündigt, im zweiten Wahlgang zur klingt anders: Demnach hat die FN-Poli-
FN-Präsidenten derzeit gar, seine Unterstützung des Konservativen Chirac tikerin ihm das Problem zwar darge-
Schwierigkeiten bei der Unterschriftensu- gegen den sozialdemokratischen RChal- stellt, doch er habe „nichts angeboten“.
che nur fingiert zu haben, um von sich re- lenger RJospin aufzurufen. Genau dies ist Da im Jahr 1997 die Behauptungen Le
den zu machen und den Märtyrer zu spie- von Le Pen mit Bestimmtheit nicht zu er- Pens gegenüber der Presse über angebli-
len. Vom objektiven Resultat her ist ihm warten. Doch es würde sich um ein Spiel che Hilfsdienste Pandrauds für den FN
das auf jeden Fall gelungen: Nach zwei- mit dem Feuer seitens der Konservativen (und umgekehrt) sich als falsch und pure
jähriger weitgehender Abwesenheit aus handeln. Denn nach dem absehbaren (po- öffentliche Diskretierung herausstellten,
dem Blickfeld der Medien stand er plötz- litischen oder physischen) Ableben von darf man daher für den Moment anneh-
lich wieder im Mittelpunkt. Die Theorie, Jean-Marie Le Pen könnte die neofaschi- men, dass die Version des RPR-Politi-
wonach er absichtlich mit dem Risiko ge- stische Kraft Mégrets anwachsen. Und kers die zutreffendere ist.
spielt, oder gar bereits vorhandene Unter- vor allem verfügt diese über ein Kader- Daneben hat Le Pen in der konservati-
schriften zurückgehalten habe, ist jedoch und Aktivistenpotenzial, das sowohl die ven Tageszeitung Le Figaro noch frei-
nur bedingt glaubwürdig. karrierehungrigen und gut ausgebildeten mütig erzählt, er habe im konservativen
Tatsächlich hat Le Pen den gesamten Vierzigjährigen, die es an die Fleisch- Lager auch an den ehemaligen Staatsprä-
Kaderapparat des FN über mindestens töpfe der Macht drängt, als auch eine sidenten Valéry Giscard d¹Estaing – dieser
vier Wochen hinaus ausschließlich dazu gehörige Anzahl militanter Neonazis um- hatte 1998 die regionalen Bündnisse von
eingespannt, die Bürgermeister des Lan- fasst. Denn beide fühlten sich von Le Pen Parteifreunden mit dem FN nicht beson-
des dahingehend zu bedrängen, eine der zu sehr zur Passivität verdammt, beide ders klar verurteilt – sowie den Rechts-
ersehnten Unterschriften herauszurük- traten deswegen in Opposition zum FN- katholiken Philippe de Villiers appelliert,
ken. Auch sein Wahlprogramm ist erst in Chef. Die wahrscheinliche geringe Stim- um entsprechende Hilfe zu bekommen.
den ersten Aprilwoche, und damit ver- menzahl Mégrets bei der Präsident- Im Falle des Grafen de Villiers ist ein Re-
spätet, in Druck gegangen. Dennoch hat schaftswahl gibt im Moment noch Hoff- sultat dabei übrigens nicht ausgeschlos-
Le Pen auf jeden Fall den wichtigen Er- nung, dass die Träume dieser Aktivisten sen: Als dieser am 17. Februar 02 erklärte,
folg erzielt, nun wieder im Mittelpunkt sich nicht so schnell erfüllen dürften. nicht Kandidat zur Präsidentschaftswahl
der öffentlichen Beachtung gestanden, zu sein, hatte er seinen Anhängern die
und das „Opfer des Systems“ gespielt zu Umtriebe auf dem rechten Flügel Wahl offengelassen. Diese werden sich
haben. Prompt ist auch sein weiterer der Konservativen voraussichtlich zwischen Le Pen, dem
Aufstieg in den Vorwahlumfragen zu Freilich wurden anscheinend auch für Le Rechtspopulisten Charles Pasqua (im Fal-
verzeichnen, wo er bereits zwischen 11 Pen Kontakte auf dem rechten Flügel der le von dessen Kandidatur) und dem natio-
und 13 Prozent steht. Am Ende der er- Konservativen geknüpft, um dort die feh- nalistischen Ex-Sozialdemokraten und
sten Aprilwoche verzeichnete die Pariser lenden Unterstützer aufzutreiben. Die früheren Innenminister Jean-Pierre Che-
Tageszeitung Libération ihn in ihren Boulevardzeitung France-Soir berichtete vènement, der die EU-Skeptiker umwirbt,
Prognosen bei 13 Prozent. Damit ist über ein Treffen, das am 6. März 02 in ei- aufteilen. Doch als einzige Partei im kon-
nicht auszuschließen, dass die extreme nem Pariser Restaurant stattgefunden servativen Lager hat de Villiers „Mouve-
Rechte ihr hohes Wahlergebnis von habe zwischen FN-Vizepräsidentin Mar- ment pour la France“ (MPF, Bewegung
1995 – trotz ihrer Spaltung – wiederholt. tine Lehidieux und dem früheren Polizei- für Frankreich) seinen Mandatsträgern
Auch Bruno Mégret ist Kandidat. Er minister Robert Pandraud – der Titel exi- nicht untersagt für Le Pen zu unterschrei-
scheint weniger Schwierigkeiten beim stierte, neben jenem des Innenministers, ben. Zugleich umwarb Le Pen auch noch
Zusammentragen der 500 Unterstüt- unter der ersten Regierung Chirac zwi- öffentlich den nationalpopulistischen Ex-
zungs-Unterschriften gehabt zu haben, schen 1986 und 88. Der RPR-Rechts- Innenminister Charles Pasqua, der seine
jedenfalls hat er bei weitem nicht so viel außen hatte bereits nach der Parlaments- Kandidatur zur Präsidentschaftswahl be-
Lärm darum veranstaltet. Doch hat er wahl im Juni 1997 an einem ähnlichen reits Anfang 2000 verkündet, aber am
dies allem Anschein nach zum Teil einer Essen mit Jean-Marie Le Pen teilgenom- Ende nicht kandidieren konnte.
bewussten Strategie der Konservativen men, das durch eine gezielte Indiskretion Allem Anschein nach hat Pasqua sich
zu verdanken. Schenkt man der Satire- des letzteren publik geworden war. Da- auch nicht wirklich angestrengt, die 500
und Enthüllungszeitung Le Canard en- mals war es um einen Dialog zwischen Unterschriften zu bekommen: Seine Kar-
chaîné (vom 27. März 02) Glauben, der konservativen Rechten (die soeben riere ist gebrochen, seitdem im Jahr 2001
dann hat die Umgebung des Kandidaten ihre Wahlniederlage hinter sich hatte) und publik wurde, wie tief er in illegale Waf-
Chirac mindestens 150 Bürgermeister FN gegangen; Le Pen hat den Versuch ei- fenlieferungen in afrikanische Kriege und
aus ihrem Lager gezielt für Mégret un- nes Brückenschlags wohl damals durch damit zusammenhängende Korruptions-
terschreiben lassen. Ziel der Operation seine Indiskretion platzen lassen. skandale verstrickt ist. Die Wahl-
wäre natürlich – trifft die Information zu Anscheinend Kontaktmann zur extre- prognosen für ihn lagen bei nur 1,5 bis
-, eine gewissermaßen institutionalisier- men Rechten im Rahmen der innerkon- maximal 3 Prozent. Im Sommer 2001 be-
te Variante des Rechtsextremismus auf- servativen Arbeitsteilung, wurde Pand- gann Pasqua, ein wenig Vorwahlkampf zu
zubauen, die dem bündnisunfähigen Le raud einmal mehr nach vorne geschickt. machen, aber auf kleiner Flamme (rund
Pen ein wenig Konkurrenz macht. Bru- FN-Vizepräsidentin Lehidieux behaup- um das Hauptthema „Wiedereinführung
no Mégret tritt seit Jahren offensiv für tete im Nachhinein gegenüber France- der Todesstrafe“).

6 : antifaschistische nachrichten 8-2002


Anfang März 02 sprach Le Pen des-
halb immer öfter von den „gemeinsamen Naziopfer empört über Aktivitäten der
Programmpunkten“ und „gemeinsamen Neonazis in der Stadt der Karfreitagmorde
Ideen“, die er mit Pasqua teile. Le Monde
(8. März) mutmaßt, Le Pen arbeite auf ei-
nen Rückzug der Kandidatur Pasquas zu Dortmund. Das Internationale Rombergparkkomitee, dem Mitglieder aus allen
seinen Gunsten hin. Dieser erteilte jedoch Nationen angehören, aus denen Opfer bei den Dortmunder Karfreitagmorden
keinerlei Wahlempfehlung, für nieman- 1945 zu beklagen waren, tagte am Donnerstag vor Ostern in der Steinwache. Am
den. Unterdessen bereitet er sich darauf Karfreitag nahmen die in- und ausländischen Gäste an der Gedenkveranstaltung in
vor, zu den Parlamentswahlen im Juni der Bittermark teil.
auf dem rechten Flügel der Konservati- Sehr betroffen nahmen die Mitglieder des Komitees, darunter Überlebende des
ven präsent zu sein.
Holocaust, einen Bericht von Ulla Richter (VVN-BdA) und Michael Hermes (Die
Le Pen und die Konservativen Falken) vom Bündnis Dortmund gegen rechts über die Auseinandersetzungen um
Grundsätzlich kann von einer gesteiger- den Neonazismus in Dortmund entgegen. Vor allem die Vorgänge, wie sie in dem
ten Bündnisfähigkeit des FN-Chefs ge- Leserbrief (siehe unten) geschildert werden, empörten die Komiteemitglieder und
genüber der konservativen Rechten, ver- Gäste. Sie beschlossen nachfolgende Erklärung den Bundes- und Landespolitikern
gleicht man sein polterndes Auftreten in zu übergeben.
den vergangenen Jahren (im Vergleich „Die Nazis brauchen es nur „Geburtstagsfeier“ statt Versammlung zu nennen,
mit der explizit „ausgestreckten“ Hand schon geht die Sache für den Polizeipräsidenten und den Regierungspräsidenten
Mégrets), auch heute nicht die Rede in Ordnung.
sein. Am 27. Februar 02 durfte Le Pen Die Nazis treffen sich nicht als verbotene „ANS“ oder „FAP“, sondern als
einen Gastbeitrag in den Spalten der „freie Nationalisten“ und „Kameradschaften“ – oder einfach als Freunde der
konservativen Tageszeitung Le Figaro „Volx“-Musik – und schon werden sie von der Polizei beschützt, während anson-
verfassen, schon den zweiten in der sten protestierende Demokraten und Antifaschisten eingekesselt und eingesperrt
diesjährigen Vorwahlzeit. (Am 14. Janu-
werden. Viele von uns sind fassungslos, was das Treiben der Sicherheitsbehörden,
ar 02 hatte Jean-Marie Le Pen sich am
selben Ort über die Afrikapolitik ausge- der Polizei und Justiz in Dortmund anbelangt. Manche sind mutlos geworden, fas-
breitet, und sich als großer Freund der sen sich an den Kopf und resignieren: Zu diesem Polizeipräsidenten fällt ihnen
Afrikaner zu profilieren versucht, der nichts mehr ein.
auch „als erster französischer Politiker“ Doch Schweigen macht alles noch schlimmer. Und Schweigen erleben wir sei-
für die Schuldenstreichung der ärmsten tens der Vorgesetzten des Regierungs- und Polizeipräsidenten. Der Landesinnen-
Länder eintrete. Die Sache hat nur einen minister schweigt. Der Ministerpräsident auch. Die Bundespolitiker sowieso.
Haken: Die Ausführungen des FN-Poli- Was machen eigentlich die Dortmunder Landes- und Bundestagsabgeordneten?
tikers stehen im Kontext einer Vision, in Während sich Ulla Jelpke (PDS) und Annelie Buntenbach (Grüne) als NRW-Poli-
deren Zentrum die „Rückführung“ der tikerinnen mutig gegen die Nazis und den Polizeipräsidenten engagierten, gingen
Immigranten aus Frankreich steht, wel- die Dortmunder Landes- und Bundespolitiker auf Tauchstation.
che ja auch im Interesse ihrer Herkunfts- Wie lange noch? Wann tauchen sie wieder auf? Wir verlangen von ihnen: Set-
länder liege....) zen sie sich ein für die Aufklärung des Polizeiskandals vom 16. März in Dort-
Am 27. Februar nun darf Le Pen „Den
mund. Lassen Sie keine weiteren Neonaziaufmärsche, auch keine Feier oder Fest-
Burgfrieden der Patrioten“ – so lautet die
Überschrift – predigen. Konkret malt er umzug der „Borussenfront“, zu. Setzen Sie sich für den Schutz und die Sicherheit
die Vision eines „Wahlabkommens zur der Bürgerinnen und Bürger ein. Zwingen sie den Innenminister zu handeln – ge-
Rettung Frankreichs“ aus, und schlägt gen die Nazis und gegen einen Staatsschutz und seine Chefs, die Nazis schützen.“
als (allseits beliebte) Themen die Innere Ulrich Sander ■
Sicherheit sowie Steuersenkungen vor.
Allein, der bürgerliche Politiker, der sich Dortmund auf dem Weg zur „national befreiten Zone“?
auf dieses Angebot einließe, müsste sich
sehr weitgehend selbst verleugnen. So
Stoppt die Neonazis in Dortmund
heißt es in dem ansonsten sehr ideologi- Samstag, 16. März 2002
schen Text explizit: „Von der Konvertie- In Dortmund findet ein Nazi-Konzert mit mehreren militanten, antisemitischen
rung zum EU-Föderalismus bis zur Un- und rassistischen Bands statt. Der Staatsschutz kennt die Bands, die Polizeibehör-
terwerfung Frankreichs unter die NATO“ de ist informiert. Die Polizei schreitet nicht ein, denn sie befürchtet Krawalle.
– der bürgerliche Präsident Chirac hatte
das Land ab 1995 in die NATO reinte- Samstag, 16. Dezember 2000
griert –, „die Rechte und die Linke ste- In Dortmund fand in der Guten-
hen am Ursprung des Verlustes unserer bergstraße eine friedliche antifa-
Unabhängigkeit und unserer Unterwer- schistische Demonstration statt.
fung unter amerikanische Hoheit.“ Und Die Polizei setzte alle Anwesen-
am Ende wird der potenziell Angespro- den in einem Kessel fest und
chene aufgefordert: „Ohne uns (den FN) nahm sie anschließend in Unter-
wird von nun an nichts möglich sein. bindungsgewahrsam, denn sie
Ehrliche Patrioten, tut den Schritt!
befürchtete Krawalle.
Brecht die Bande Eurer Gefangenschaft,
um endlich wirksam an der Wiederge- Verkehrte Welt!
burt Frankreichs zu arbeiten.“ Nicht sehr
verlockend als Gesprächsangebot an an- T. J., Dortmund (Leserbrief
dere Parteien, als das es vielleicht ge- in Westf. Rundsch. 23.3.02)
dacht war. Website der Band „Intimidation one“,
Bernhard Schmid, Paris ■ die in Dortmund spielte

: antifaschistische nachrichten 8-2002 7


Deutsch-tschechische Beziehungen
stabilisieren –
das Münchner Diktat von 1938 komplett annullieren
Der folgende Text (aus Platz- das nicht auf tschechischer, sondern auf hierzulande an diesem Respekt gegen-
gründen etwas gekürzt) er- deutscher Seite liegt. Und dass dieses über unseren tschechischen Nachbarn
schien in einem Sonderdruck Problem, solange man es nicht ans Ta- fehlt und dass die Hauptakteure einer
der Deutsch-Tschechischen Nachrich- geslicht holt und ausräumt, immer wie- derartigen Politik in unserer Stadt sitzen.
ten. Ihm liegt ein Referat zugrunde, der zu Abstürzen in den deutsch-tsche- Denn damit vertieft sich der dunkle
das auf einer Veranstaltung der offe- chischen Beziehungen führen wird. Wor- Klang, den der Name unserer Stadt für
nen Liste der PDS für die Münchner in besteht dieses Problem? viele Menschen in unseren östlichen
Kommunalwahl am 22. Februar 2002 ● Es gibt über entscheidende Fragen der Nachbarländern hat, ganz besonders in
vorgetragen wurde. Vergangenheit unterschiedliche Tschechien. „München“ ist dort ein Sy-
Rechtsauffassungen in der Tschechi- nonym für das verhängnisvolle „Münch-
Am 20. Februar war Außenminister Fi- schen Republik und in Deutschland. ner Abkommen“ vom 29. September
scher in Prag. Neben Gesprächen über die ● Die deutsche Seite verlangt von der 1938.
EU-Osterweiterung hatte er die Aufgabe, tschechischen, unter Berufung auf die Dieses sogenannte Abkommen – die
„Irritationen“ im deutsch-tschechischen Deutsch-Tschechische Erklärung von Tschechen nennen es richtiger „Diktat“ –
Verhältnis auszuräumen und den für Ende 1997, über Fragen der Vergangenheit , mit dem unter dem Vorwand des
März geplanten Besuch von Bundeskanz- zu schweigen und ihre Rechtsauffas- Schutzes der deutschen Minderheit in der
ler Schröder „aufs Gleis zu setzen“ (Bot- sung nicht offensiv zu vertreten. Tschechoslowakei und unter offener Ge-
schafter Libal). Schröder werde nur nach ● Während die Bundesregierung auf die waltandrohung Teile der Tschechoslowa-
Prag fahren, hieß es, wenn Fischer mit be- Deutsch-Tschechische Erklärung pocht, kei von Hitler-Deutschland annektiert
friedigenden Ergebnissen heimkehren wür- in der es heißt, man solle die Fragen der wurden, ist ein schreckliches Beispiel
de. Der Anlass des Streits: Nach einer lan- Vergangenheit den Historikern überlas- dafür, wohin mangelnder Respekt vor
gen Serie heftiger politischer Angriffe ge- sen und nicht die aktuelle Politik damit den Rechten anderer Staaten in letzter
gen die Tschechische Republik, die belasten, verficht die bayerische Regie- Konsequenz führen kann: Mit ihm wurde
schließlich mit Haiders Temelín-Volksbe- rung mit der SL im Rücken die in die Schwelle zum zweiten Weltkrieg
gehren ihren Höhepunkt erreichte, hatte Deutschland vorherrschende Rechtsauf- überschritten.
der tschechische Premierminister Miloš fassung sehr offensiv, stellt sie als ein- Vorgänge wie das Münchner Diktat als
Zeman dem Wiener Magazin „profil“ ein zig mögliche und moralisch akzeptable Ouvertüre zur sechsjährigen Besatzung
Interview gegeben, das auf deutscher Seite hin und konfrontiert auf ihrer Grundla- durch die Nazis sind in der Geschichte ei-
als Ausdruck eines Kollektivschuldvor- ge Tschechien laufend mit unerfüllba- nes Landes herausragende Ereignisse, die
wurfs an die Sudetendeutschen interpretiert ren Forderungen. sich dem kollektiven Gedächtnis lange
wurde. Die Wellen der Empörung gingen Es besteht also eine Situation, in der und tief einprägen. In der Geschichte
vor allem von der Spitze der Sudetendeut- beide Seiten nicht gleichberechtigt agieren Böhmens und Mährens gibt es vielleicht
schen Landsmannschaft (SL) aus, die be- können: Wenn die tschechische Seite Auf- nur ein Ereignis von ähnlicher Bedeu-
kanntlich hier in München sitzt und von fassungen artikuliert, die der deutschen tung: die Schlacht am Weißen Berge, in
der CSU gestellt wird. Der SL-Vorsitzende Seite nicht genehm sind, wird moralischer der 1620, zu Beginn des Dreißigjährigen
Bernd Posselt, der gleichzeitig CSU-Euro- und politischer Druck ausgeübt, es wer- Krieges, die hussitischen Böhmen von
paabgeordneter und Vorsitzender der deut- den Entschuldigungen gefordert. Der Ge- den Heeren der Katholischen Liga besiegt
schen Sektion der Paneuropa-Union ist, danke, dass die tschechische Position eine wurden. Mit dieser Schlacht begann die
sprach von „plumper Geschichtsfälschung“ legitime Grundlage haben könnte, wird 300-jährige Unterwerfung des König-
und „blankem Rassismus“, SL-Sprecher gar nicht zugelassen. Verschärft wird die- reichs Böhmen unter die Herrschaft der
Johann Böhm, gleichzeitig bayerischer se Situation durch die Tatsache, dass die Habsburger.
Landtagspräsident, fand die Äußerungen Presse in Tschechien selbst sich zu weit Auch die Schlacht am Weißen Berge
Zemans „beleidigend“. Edmund Stoiber überwiegendem Teil in deutschem Besitz ist historisch mit München verbunden.
forderte von Schröder eine Intervention in befindet und ihr Ziel darin sieht, die De- Denn der militärische Anführer der Ka-
Prag, und schließlich erwirkte die batte im Land zugunsten der deutschen tholischen Liga war Kurfürst Maximilian
CDU/CSU-Bundestagsfraktion auch noch Position zu beeinflussen. In einer solchen I von Bayern. Der ließ den Jahrestag sei-
eine Fragestunde und eine Aktuelle Stunde Situation können sich gesunde nachbar- nes großen Sieges immer mit einer
zu diesem Thema im Bundestag und koch- schaftliche Beziehungen nicht entwickeln; großen Dankprozession feiern. Besonders
te das Thema dort weiter hoch. Nach Fi- es muss folglich immer wieder zu Irrita- prunkvoll fiel diese im Jahre 1638 aus,
schers Rückkehr wurde der Streit für been- tionen und Konfrontationen kommen. als im Mittelpunkt der Feierlichkeiten die
det erklärt, eine Woche später sagte Schrö- Voraussetzungen für stabile Beziehun- Einweihung der Mariensäule vor dem
der seinen Besuch trotzdem ab. gen können nur geschaffen werden, Münchner Rathaus stand. Die starke Be-
Nun könnte man die ganze Sache so wenn nicht jede eigenständige tschechi- tonung des Marienkults, dem auch die
betrachten, dass Zeman, der nicht gerade sche Äußerung mit einem Schwall von Frauenkirche geweiht wurde, diente näm-
als großer Außenpolitiker mit diplomati- Empörung beantwortet, sondern mit dem lich zur Demonstration des Triumphes
schem Fingerspitzengefühl bekannt ist, Respekt auf ihren inhaltlichen Kern ge- katholischer Rechtgläubigkeit über das
angesichts der ständigen Angriffe der prüft wird, der eigentlich selbstverständ- hussitische Ketzertum. Dieses ist darge-
Gaul durchgegangen ist und dass man die lich sein sollte. stellt als eine der vier „Plagen“ der dama-
Sache nicht so hoch hängen sollte. Damit München und die böhmische ligen Zeit (die anderen sind Hunger,
würde man aber unter den Tisch kehren, Geschichte Krieg und Pest), die von den bronzenen
dass den Unstimmigkeiten ein echtes Es muss uns in München besonders Putti auf dem Sockel der Mariensäule
Problem zugrunde liegt, allerdings eins, berühren, wenn wir feststellen, dass es bekämpft werden.

8 : antifaschistische nachrichten 8-2002


finde es doch merkwürdig, dass aus durfte ein Vertreter der Tschechoslowa-
derselben Ecke Vorwürfe wie „be- kei nicht teilnehmen, er musste draußen
leidigend“, „rassistisch“ oder Ähn- warten, bis das Schicksal seines Landes
liches erhoben werden, wenn je- besiegelt war. Dann wurde ihm die be-
mand feststellt, dass diejenigen, die vorstehende Amputation der wirtschaft-
die faschistische Politik des „Heim lich und strategisch unentbehrlichen Ge-
ins Reich!“ guthießen und förder- biete mitgeteilt.
ten, Landesverrat begingen. Man kann also feststellen:
Diese Merkwürdigkeit hat nun ● Das Münchner Abkommen wurde von
ihrerseits mit der in Deutschland den Unterzeichnermächten beschlos-
vorherrschenden Rechtsauffassung sen, ohne dass das betroffene Land be-
zu tun. Danach war nämlich das teiligt war.
Streben der (überwältigenden ● Das Münchner Abkommen wurde un-
Mehrheit der) Sudetendeutschen ter unmittelbarer Androhung von Ge-
„heim ins Reich“ völlig legitim. walt aufgezwungen.
Vertreter der SL erklären immer ● Das Münchner Abkommen wurde nie
wieder, dass schon die Gründung vom tschechoslowakischen Parlament
der CSR 1918 in den damaligen ratifiziert; ohne dessen Zustimmung aber
Nur die Ostmark fehlt ... Das Foto stammt aus der Grenzen ein Unrecht gewesen sei konnte es keine Gültigkeit erlangen.
Sudetendeutschen Zeitung vom 15. 2. 2002. Nur sehr
und dass die Deutschböhmen (die Es gibt also genügend juristische und
notdürftig kaschiert die Inschrift des „Gedenksteins“,
welche territorialen Vorstellungen seine Initiatoren sich später Sudetendeutsche nann- erst recht politische Gründe, um es für
damit verbinden. ten) in diesen neuen Staat mit Waf- nicht rechtmäßig zustande gekommen
fengewalt und unter Verletzung ih- und somit null und nichtig von Anfang an
res Selbstbestimmungsrechtes ge- zu erklären. Dies aber hat – im Gegensatz
zwungen worden seien. Das Mün- zu den anderen Beteiligten – noch keine
chner Abkommen sei daher nicht bundesdeutsche Regierung getan. Wie
Unrecht, sondern im Gegenteil Be- alle ihre Vorgängerinnen hält auch die jet-
hebung früheren Unrechts gewe- zige rot-grüne Regierung an der Auffas-
sen, und selbstverständlich sei es sung fest, dass das Abkommen zunächst
das gute Recht der Sudetendeut- in Kraft getreten sei und seine Gültigkeit
schen gewesen, sich dafür einzu- erst im März 1939 verloren habe, als Hit-
Zwei Rechtsauffassungen setzen. Dass die Ausübung ihres so ver- ler die sog. „Resttschechei“ besetzen ließ
Nach tschechischer Auffassung wurde standenen „Selbstbestimmungsrechtes“ und damit das Abkommen brach.
die Tschechoslowakische Republik 1918 die Unterjochung der tschechischen Nati- In allen Verhandlungen über Verträge
völlig zu Recht in den historischen Gren- on erleichterte und im Falle eines deut- und Vereinbarungen, die in den letzten
zen des Königreichs Böhmen (das bis schen Sieges sogar die Verwirklichung Jahren zwischen Deutschland und der
1918 in Personalunion vom Österreichi- von Hitlers Plänen zu deren Vernichtung Tschechoslowakischen bzw. (ab 1993)
schen Kaiser regiert wurde) plus der Slo- bedeutet hätte, kümmert sie dabei nicht. der Tschechischen Republik abgeschlos-
wakei (die vorher zu Ungarn gehört hat- Wenn aber das Münchner Abkommen sen wurden, hielt die Bundesregierung an
te) gegründet. Sudetendeutsche beklagen rechtens zustande gekommen ist, so die dieser Position fest. So versuchte z.B. die
häufig, dass schon die Namensgebung Logik, können die, die danach verlangt tschechoslowakische Regierung in den
des neuen Staates ihre Ausgrenzung und und seine Herbeiführung gefördert ha- Verhandlungen über den Nachbarschafts-
Diskriminierung beweisen würde. Sie ig- ben, nicht schuldig sein. Die Folgerung vertrag von 1992 vergeblich, eine For-
norieren dabei, dass das tschechische der SL: Kollektive Unschuld! mulierung durchzusetzen, die „die Konti-
Wort Cechy nicht eine ethnische, sondern Das Münchner Diktat nuität der gemeinsamen Grenze seit 1918
eine territoriale Bezeichnung ist: es heißt bestätigen sollte“. „Da eine solche For-
einfach „Böhmen“ und umfassst alle Ein- Dreh- und Angelpunkt dieser Argumenta- mulierung die Anerkennung der Nichtig-
wohner Böhmens, unabhängig davon, ob tion ist also der deutsche Anspruch auf keit des Münchner Abkommens von An-
sie slawischen, germanischen, jüdischen das tschechische Grenzgebiet, der sich fang an mit allen sich daraus ergebenden
oder sonstigen Ursprungs sind. im „Münchner Abkommen“ durchsetzte. Konsequenzen impliziert hätte“, heißt es
Selbstverständlich hatten nach tsche- Dieses wurde in der Nacht des 29. Sep- in einer Denkschrift des Auswärtigen
chischer Auffassung alle Staatsbürger der tember 1938 im Führerhauptquartier am Amtes dazu, „hat die Bundesregierung
Tschechoslowakei, unabhängig von ihrer Königsplatz (der heutigen Musikhoch- sie unter Hinweis auf die deutsche
Nationalität, in der Zeit der Bedrohung schule an der Arcisstraße) von Hitler und Rechtsposition zum Münchner Abkom-
durch Nazi-Deutschland die Pflicht zur Mussolini sowie den Regierungschefs men als nicht akzeptabel zurückgewie-
Loyalität. Wer in den letzten Jahren die von Großbritannien und Frankreich un- sen.“ (Bundestagsdrucksache 12/ 2468).
Bundestagsdebatten zum deutschen terzeichnet und bestimmte, dass die Gerechtfertigt wird dies mit juristischen
Staatsbürgerrecht verfolgt hat, konnte Tschechoslowakei innerhalb von zehn Problemen, die im Falle einer Annullie-
feststellen, dass Loyalität auch in Tagen ihre Grenzgebiete zu räumen und rung von Anfang an („ex tunc“) auftreten
Deutschland verlangt wird, nicht nur in an das Deutsche Reich abzutreten hatte. würden. „Einen Rattenschwanz von
der Vergangenheit, sondern auch heute. Die Tschechoslowakei verlor damit 20 rechtlichen Fragen“ sah z.B. in der Aktu-
Gerade Vertreter der CDU/CSU bestehen Prozent ihres Territoriums, 25 Prozent ih- ellen Stunde am 23. Januar dieses Jahres
am heftigsten darauf, dass die deutsche rer Bevölkerung, 70 Prozent ihrer der FDP-Abgeordnete Ulrich Irmer
Staatsbürgerschaft die Zugehörigkeit zu Schwerindustrie und ihre gesamten west- durch die förmliche Aufhebung des Mün-
einer „Schicksalsgemeinschaft“ bedeute, lichen Verteidigungsanlagen ganz abge- chner Abkommens ex tunc auf die Bun-
für die man im Konfliktfall mit Hab und sehen von den verhängnisvollen Folgen desregierung zukommen. „Mit guten
Gut, gelegentlich sogar mit Gesundheit für die tschechischen Bewohner der Gründen“, so Irmer, „haben sich alle
und Leben einzustehen habe. Ich teile Grenzgebiete und für die dort lebenden Bundesregierungen dagegen zur Wehr
diese Haltung der CDU/CSU zum deut- Juden und Antifaschisten. An den „Ver- gesetzt, weil nämlich die Folgen, auch
schen Staatsbürgerrecht nicht, aber ich handlungen“ über das sog. Abkommen die rechtlichen Folgen für einzelne Per-

: antifaschistische nachrichten 8-2002 9


sonen, unabsehbar wären.“ Nun kann Für die Tschechen ist die deutsche Po- hat, mit einem Wort, Auswirkungen dar-
doch wohl eine Regelung für rechtliche sition wirklich bedrohlich, enthält sie auf, ob und wie sehr dieser Staat andere
Probleme wie z.B. die Anerkennung von doch allen gegenteiligen Beteuerungen Staaten respektiert bzw. wie rasch er be-
Ehen, die damals vor deutschen Besat- zum Trotz die Auffassung, dass die reit ist, ihnen seinen Willen gewaltsam
zungsbehörden geschlossen wurden, bei Grenzgebiete „eigentlich“ zu Deutsch- aufzuzwingen. Wir alle wissen, dass die-
etwas gutem Willen nicht so schwer zu land gehören. Noch dazu erleben sie häu- se Fragen in den letzten Jahren wieder
finden sein. Eins aber würde man bei ei- fig, dass sich deutsche Besucher in sehr praktische Relevanz gewonnen ha-
ner Annullierung des Münchner Abkom- Tschechien so aufführen, als gehöre ih- ben. Ich möchte an dieser Stelle nur an
mens von Anfang an auf jeden Fall aner- nen das Land und die Tschechen hätten das sog. Abkommen von Rambouillet er-
kennen müssen: die Legitimität der histo- ihnen zu Diensten zu sein. Sie sehen sich innern, das nicht zu Unrecht häufig in ei-
rischen Grenzen der CSR, die Gültigkeit mit Ansprüchen unabsehbaren Umfangs nem Atemzug mit dem Münchner Ab-
tschechoslowakischen Rechtes im ge- konfrontiert, sie sollen anerkennen, dass kommen genannt wird.
samten Staatsgebiet der Tschechoslowa- sie selbst Unrecht getan, „die“ Sudeten- Linke Politik insgesamt kann sich da-
kei einschließlich der Grenzgebiete und deutschen aber unschuldig sind, und sie her mit dem jetzigen Stand der Dinge
das heißt auch die Strafbarkeit von Akten hören Sätze wie diesen: nicht zufrieden geben. Das Thema Re-
der Kollaboration als Landesverrat. „Man darf nicht vergessen, dass eines vanchismus war schon vor 1989/90 nur
Man könnte … der wesentlichsten Instrumente der Geo- scheinbar Schnee von gestern. Danach ist
politik die Landkarten sind; sie zeigen es ganz offensichtlich, dass dieser Schein
Man könnte die geschilderten histori- die Lage der Völker. Es ist zu befürchten, trügt. Die Propagierung angeblich „hu-
schen Tatsachen in aller Sachlichkeit dass viele führende Tschechen diese noch manitärer“ Kriege in Jugoslawien und
feststellen und die Ungültigkeit des Mün- immer nicht betrachtet haben ... Wenn anderswo hat den Landsmannschaften
chner Diktats von Anfang an akzeptieren. man einen dauernden Frieden haben will, Gelegenheit gegeben, sich von ihrem
Man könnte anerkennen, dass eine große muss man sich den geopolitischen Rea- Image als Sammelbecken aussterbender
Mehrheit der ehemaligen tschechoslowa- litäten anpassen. Es ist daher eine gefähr- Ewiggestriger zu befreien und als zu-
kischen Staatsbürger deutscher Nationa- liche historische Illusion, wenn tschechi- kunftsträchtige Menschenrechtsorganisa-
lität gegen tschechoslowakisches Recht sche Politiker auch heute noch glauben, tionen darzustellen. Kühn behaupten sie,
verstoßen und an der Zerschlagung der dass sie ewig Sieger gegen das mächtige wenn die „Vertreibung“ der Deutschen
Tschechoslowakei mitgewirkt hat. Man Deutschland sein werden.“ Diese Worte 1945/46 nicht hingenommen worden (ich
könnte sich vorzustellen versuchen, wel- stammen von Otto Habsburg (Sudeten- ergänze: sondern gleich mit Waffenge-
che Alternativen nach dem Krieg mög- deutsche Zeitung, 31.7.1998), der in der walt verhindert bzw. rückgängig gemacht
lich waren: die Situation, die eingetreten SL bis heute als Kaiserliche Hoheit ho- worden) wäre, dann gäbe es heute keine
wäre, wenn alle Kollaborateure nach fiert wird. Von ihm müssen sich die ethnischen Säuberungen. Sie sind damit
tschechoslowakischen Gesetzen abgeur- Tschechen auch immer wieder anhören, zu Propagandaorganisationen für angeb-
teilt (und z.B. inhaftiert) worden wären dass der Sturz der Habsburger und der lich humanitäre Kriege geworden und
und die Situation, wenn man die Kolla- Kampf gegen die Donaumonarchie ein konnten damit auch bei solchen Bevölke-
boration ungestraft hingenommen hätte. „Verbrechen“ an Europa gewesen sei. rungskreisen Gehör finden, die sich
Wie hätte in dem einen und in dem ande- Schließlich habe das Habsburgerreich, in früher strikt dagegen verwahrt hätten.
ren Fall das weitere Zusammenleben aus- dem bekantlich die Deutsch-Österreicher Verstärkt drängen sie nun mit ihren ge-
sehen können? Wäre nicht in beiden Fäl- eine dominierende Stellung innehatten, fährlichen politischen Positionen in
len ein heißer oder kalter Bürgerkrieg un- ein vorzügliches Modell für das künftige Schulen und Hochschulen.
vermeidlich gewesen? Europa dargestellt. Es hat in München in den letzten Jah-
Man könnte zugeben, dass die Beneš- Gleichzeitig müssen sie zusehen, wie ren immer wieder Aktivitäten gegen die
Dekrete einen legitimen Zweck verfolg- die Tschechische Republik ökonomisch revanchistischen Bestrebungen gegeben.
ten: zu verhindern, dass jemals wieder immer mehr in Abhängigkeit vom Besonders der AStA der Geschwister-
eine deutsche Minderheit zum Instrument großen westlichen Nachbarn gerät (allein Scholl-Universität hat sich in dieser Hin-
aggressiver großdeutscher Außenpolitik die VW-Tochter Škoda bestreitet 10% sicht in den letzten JahrenVerdienste er-
gegen die Tschechoslowakei gemacht des Exports). Und sie stellen mit Entset- worben, und jüngst hat dieses Thema
werden kann. Man könnte sich mit dieser zen fest, dass mit Edmund Stoiber ein auch im Programm der Offenen Liste der
verhängnisvollen außenpolitischen Tradi- Politiker Kanzler werden will, der sich PDS für die Münchner Stadtratswahl rela-
tion und den Gefahren auseinanderset- immer wieder lauthals als Schirmherr tiv breiten Platz gefunden. Dort heißt es :
zen, die sie für die Angehörigen der miss- der SL und als Vorkämpfer für deren An- „Wir wollen uns dafür einsetzen, dass
brauchten Minderheiten mit sich bringt. sprüche darstellt (der Landsmannschaft ● ... die revanchistischen Aktivitäten der
Man könnte schließlich einsehen, dass und nicht „der Sudetendeutschen“, denn SL nicht gefördert, sondern zurückge-
Tschechien auch heute keine Beschlüsse der Anspruch der SL, „die Sudetendeut- drängt werden. Die völkische Propa-
fassen kann, die die Kollaboration mit schen“ und sogar noch ihre Kinder und ganda der SL hat an Schulen und
den Nazis zum Recht und die Maßnah- Enkel zu vertreten, ist eine unhaltbare Hochschulen nichts zu suchen. Der an-
men zum Schutz des Landes zum Un- Anmaßung: nur ein Bruchteil von ihnen tifaschistische und antirevanchistische
recht erklären. rechnet sich der Landsmannschaft zu Widerstand der StudentInnen muss un-
Niemand müsste dabei leugnen, dass und noch weniger unterstützen deren terstützt werden.
all dies für die Betroffenen großes Leid Forderungen.) ● dass von unserer Stadt Initiativen mit
bedeutet hat. Aber die Empörung der SL- Aber auch für die Deutschen ist die dem Ziel ausgehen, die Hypothek, die
Funktionäre und ihres Anhangs sowie Sache bedrohlich. Denn die Frage, wie seit dem verhängnisvollen Diktat von
ihre Forderungen nach Entschuldigung das Verhältnis zur Tschechischen Repu- 1938 auf unserer Stadt lastet, endlich
und Entschädigung würden nach solchen blik hierzulande definiert wird, die Frage, zu tilgen, d.h. das ,Münchner Abkom-
Überlegungen wohl doch nicht mehr sehr welche Rechtsauffassung in bezug auf men‘ völkerrechtlich verbindlich für
überzeugend klingen. Die Feststellung das Münchner Diktat herrscht, hat Aus- null und nichtig von Anfang an zu er-
der historischen Fakten könnte dann wirkungen darauf, wie unser Staat sein klären und gleichberechtigte Beziehun-
tatsächlich, so wie es die Deutsch-Tsche- Verhältnis und damit sein Verhalten ge- gen zu unseren tschechischen Nach-
chische Erklärung von 1997 vorsieht, den genüber anderen Staaten definiert, was er barn zu entwickeln.“
Historikern überlassen werden. als rechtens betrachtet und was nicht. Es Renate Hennecke ■

10 : antifaschistische nachrichten 8-2002


Ostermarsch 2002
Fortsetzung von Seite 1
Gocht machte deutlich, was Krieg ist: „Krieg richtet sich
immer gegen die Zivilbevölkerung. Die Perversion moderner
Kriegsführung besteht darin, das Kriegsgeschehen mittels
Hochpräzisionswaffen auf eine vermeintliche Materialschlacht
zu reduzieren, in der zivile Opfer zu Kollateralschäden margi-
nalisiert werden. Ist aber schon die Präzision dieser Waffen ein My-
thos, so verblasst das Versprechen der „sauberen“ Kriegsführung an-
gesichts des Einsatzes von Streu- und Splitterbomben hinter den zer-
fetzten Opfern zur menschenverachtenden, beschwichtigenden Rheto-
Dortmund rik.“
Tobias Pflüger beschrieb in Münster, dass dortige Einheiten zu
den Einsatzkräften der Bundeswehr gehören. Er sagte: „Mit diesen
Einsatzkräften werden derzeit Kriege vorbereitet und geübt. Die
Forderung (nach Auflösung der Bundeswehr-Einsatzkräfte) ist seit
Beginn des umfassenden Terrorkriegs der USA, Großbritanniens
und der anderen Alliierten wie Deutschland dringender denn je:
Wer keine Truppen zur Kriegsführung hat, kann keine anbieten und
kann keinen Krieg mit führen. Deshalb von hier und heute noch
mal: Auflösung aller Einsatzkräfte der Bundeswehr!“
Claudia Haydt war schon vor der neuerlichen Eskalation als
Rednerin in Stuttgart angefragt gewesen, um zur Situation in Isra-
el/Palästina Stellung zu beziehen. Sie sagte: „Mir scheint es wich-
tig, dass all jene, die in Deutschland völlig kritiklos hinter der isra-
elischen Regierungspolitik stehen, darüber nachdenken, ob sie so
nicht deutsche Verantwortung auf dem Rücken der PalästinenserIn-
Köln nen „entsorgen“. Kein Vergeltungsschlag macht auch nur ein Opfer
von Selbstmordattentaten wieder lebendig – das Gegenteil ist der
Kassel
Fall – jeder Vergeltungsschlag provoziert wieder neue Attentate.
Kein Selbstmordattentat trägt dazu bei, das israelische Militär zu
stoppen – das Gegenteil ist der Fall! Es liefert neue Vorwände für
neue Militäreinsätze.“ Eine ihrer Forderungen war die Einstellung
der Waffenlieferungen an die israelische Regierung.
Und auf der Abschlusskundgebung beim sehr gut besuchten Os-
termarsch in der nordrhein-westfälischen Hauptstadt Düsseldorf
nahm Tobias Pflüger ebenfalls zum Krieg in Israel/Palästina Stel-
lung, er sagte: „Das Existenzrecht Israels, für das wir in aller Deut-
lichkeit eintreten, wird dann sicher, wenn endlich die israelische
Besatzungspolitik beendet wird!“
Pflüger, der auch in Düsseldorf sprach, zeigte auf, wo sich die
Bundeswehr überall befindet und befand: „Bundeswehrsoldaten sind
derzeit im Rahmen dieses Einsatzes in Kuwait, in Kenia, in Djibouti,
am Golf von Aden, im südlichen Roten Meer, im Seegebiet entlang
der Küste von Somalia, im Mittelmeer, in Usbekistan, im Oman, im
Iran, in den USA mit AWACS-Flugzeugen, in der Türkei und nicht
zu vergessen, mitten in Kämpfen in Afghanistan. Der Bundeswehr-
einsatz in Kuwait ... ist – trotz aller Leugnungen der Regierung – der
Vorbote eines fest geplanten Angriffs auf den Irak. Nach Angaben
Berlin von US-Experten wird ein Krieg gegen den Irak zwischen Mai und
Oktober kommen. Wir sagen ganz deutlich von hier aus: Gemeinsam
mit der übergroßen Mehrheit der bundesdeutschen Bevölkerung: Wir
lehnen einen Angriff auf den Irak ab! ... Es sind gemeinsame An-
strengungen notwendig von Friedensbewegung, „Globalisierungs-
gegner/innen“ und allen, die sich gegen die konkrete Kriegsgefahr
wenden. Die Ostermärsche können erst der Auftakt weiterer Protest-
Aktivitäten sein, die beim Besuch von US-Präsident George W.
Bush am 21./22. Mai in Berlin und im ganzen Land hoffentlich ei-
www.arbeiterfotografie.com

nen weiteren Höhepunkt erreichen werden.


Wir müssen der umfassenden Kriegspolitik der US-Regierung
und der deutschen Regierung eine umfassende außerparlamentari-
sche Opposition, Protest und Widerstand entgegensetzen, das wird
nicht einfach, aber es ist notwendig!“
Info:

Informationsstelle Militarisierung (IMI), 1.04.2002


Informationen zu allen Ostermärschen unter:
http://www.ostermarsch.info und
http://www.friedenskooperative.de/themen/om02.htm ■

: antifaschistische nachrichten 8-2002 11


: ausländer- und asylpolitik
Unwürdiges Gezerre
PRO ASYL warnt: Bundesratsent-
scheidung darf nicht der Startschuss
für einen fremdenfeindlichen Wahl-
Brothers Keepers-Projekt: einer Reihe mit ihrem bisherigen Enga-
kampf sein
Konzert im Flüchtlingslager gement. Adégoke Odukoya, Mitglied
von BANTU und Gründer von BK, er- Angesichts der Abstimmung des Bundes-
im Frankfurter Flughafen klärt: rates zum Zuwanderungsgesetz hat die
Frankfurt. Dieser Tage landet ein un- „Wir wollen den Menschen im Lager Arbeitsgemeinschaft PRO ASYL vor ei-
gewöhnlicher Antrag auf den Schreibti- zeigen, dass sie nicht alleine sind. Wir ner Stimmungsmache im Wahlkampf ge-
schen des hessischen Regierungspräsidi- wollen ihnen mit unserer Musik Kraft warnt. Fremdenfeindlichkeit und Rassis-
ums in Darmstadt. Denn für Samstag, geben. Sie haben ein Recht darauf, hier mus erhielten dadurch neue Nahrung.
den 8. Juni 02 planen Brothers Keepers wie Menschen aufgenommen zu werden, Wer polarisiert, ist mitverantwortlich für
ein Konzert von BANTU an einem be- denn niemand flieht freiwillig.“ die rassistischen Angriffe gegen Flücht-
sonderem Ort und vor speziellem Publi- Die Idee zu diesem Auftritt entstand in linge und Fremde in Deutschland. PRO
kum. „Konzertsaal“ soll der Aufenthalts- Zusammenarbeit mit dem Aktionsbünd- ASYL erinnert die verantwortlichen Poli-
raum des Flüchtlingslagers auf dem nis gegen Abschiebung / Rhein-Main, ei- tiker aller Parteien an die emotionalisierte
Frankfurter Flughafengelände sein. Spie- nem Zusammenschluss antirassistischer Auseinandersetzung Ende der 80er und
len wollen Brothers Keepers / BANTU Gruppen, der sich seit Jahren für die Anfang der 90er Jahre, die dazu geführt
für Menschen, die offiziell gar nicht mit- Schließung des „Internierungslagers“ am hat, dass Fremdenfeindlichkeit und Ras-
ten in Deutschland leben: die Flücht- Frankfurter Flughafen einsetzt. Zudem sismus in Deutschland drastisch anstie-
lingsunterkunft gilt juristisch als exterri- wendet sich das Aktionsbündnis gegen gen. Vor diesem Hintergrund hat Bundes-
toriales Gelände. Flüchtlinge, die mit die jährlich über 10.000 Abschiebungen, ratssitzung ein fatales Signal gesetzt.
dem Flugzeug in Frankfurt landen, wer- die per Flugzeug vom „Abschiebeflug- Das umstrittene Gesetz ist in großen
den hier für die Dauer eines Schnellver- hafen Rhein-Main“ abgewickelt werden. Teilen restriktiv gefasst. Auch weiterhin
fahrens, manchmal aber auch über Mo- Ebenfalls für Samstag, den 7. Juni, zeit- dominiert in zentralen Bereichen die
nate hinweg festgehalten. Sie gelten als gleich zum Auftritt von BANTU, kün- Doktrin eines Ausländerrechtes als Ge-
nicht eingereist, ihre weitere Zukunft ist digt das Aktionsbündnis eine Kundge- fahren- und Fremdenabwehrrecht. Von
ungewiss. bung am Flughafen an. Wie ein Sprecher einer zukunftsträchtigen Reformidee von
Die Gruppe BANTU ist Initiator des des Aktionsbündnis erklärte, soll mit der weitreichender gesellschaftlicher Bedeu-
BK-Projektes, einem Zusammenschluss Kundgebung auch des Todes von Aamir tung ist es zu einem halbherzigen Projekt
verschiedener afrodeutscher Reggae- Ageeb gedacht werden. hin degeneriert. Das politische Gezerre
und Rapkünstler. Das antirassistische Ageeb, dessen Todestag sich am 28. zeigt, dass Parteiinteressen und Wahltak-
Musikprojekt wurde gegründet, nach- Mai 2002 zum dritten Mal jährt, hatte tik Vorrang vor Sachfragen haben.
dem im Sommer 2000 der mosambikani- sich gegen seine Abschiebung über den „Viel Schatten – wenig Licht“ so kann
sche Familienvater Alberto Adriano in Frankfurter Flughafen zur Wehr gesetzt. das Zuwanderungsgesetz insgesamt be-
Dessau (Sachsen-Anhalt) von deutschen Er wurde von den eingesetzten BGS-Be- wertet werden:
Jugendlichen wegen seiner schwarzen amten zu Tode gebracht. Die staatsan- ◗ Auf der politischen Tagesordnung steht
Hautfarbe zu Tode geprügelt wurde. waltlichen Ermittlungen führten zur An- die Entwicklung eines einheitlichen eu-
Nach gemeinsamen Plattenveröffentli- klageerhebung gegen 3 BGS-Beamte. ropäischen Migrations- und Flücht-
chungen wie u.a. „Adriano (Letzte War- Der Prozess wegen Verdacht auf fahrläs- lingsrechtes für den Zuwanderungs-
nung)“, riefen sie einen gemeinnützigen sige Tötung beginnt im Sommer in raum EU. Das nationalstaatliche Vor-
Verein ins Leben, der Opfer rassistischer Frankfurt! preschen ist problematisch.
Gewalt direkt unterstützt. Das geplante ◗ Die Absichtserklärung, der Mehrzahl
Konzert im Flüchtlingslager sehen sie in Main.Brothers Keepers e.V. der bisher Geduldeten zu einem siche-
Postfach 300293 ren Aufenthaltsstatus zu verhelfen, löst
50772 Köln das Gesetz nicht ein. PRO ASYL be-
Fax: fürchtet, dass ein Großteil der bislang
0221/99122129 rund 250.000 Geduldeten die hohen
Projektleitung: Hürden zur Aufenthaltsverfestigung
Dirk Seifert nicht schaffen kann.
DirkSeifert@t-on- ◗ Die Schaffung so genannter Ausreise-
line.de zentren hat das System der in Deutsch-
Tel. 0175-5609762 land bereits exzessiv genutzten Ab-
In Kooperation schiebungshaft um ein weiteres Ele-
mit: ment erweitert.
Aktionsbündnis ◗ Die durch das Terrorismusbekämp-
gegen Abschie- fungsgesetz bereits eingeführte Ver-
bungen Rhein- schärfung der Ausweisungstatbestände
Main c/o Dritte führt dazu, dass Deutschland alles an-
Welt Haus, dere als ein weltoffenes, fremden-
Falkstr. 74 freundliches Land wird.
60487 Frankfurt ◗ Auch das Zuwanderungsgesetz been-
Fax: 069- det nicht die völkerrechtswidrige Be-
78960399. handlung von Flüchtlingskindern in
Für telefonische Deutschland: Die UN-Kinderrechts-
Nachfragen: konvention wird weiterhin verletzt.
Andreas Werther Ausländerrechtliche Bestimmungen
069-4 95 06 38 gehen nach wie vor dem Kindeswohl
■ vor.

12 : antifaschistische nachrichten 8-2002


Trotz einer Vielzahl gravierender Hamburger Schwarz-Schill-Senat:
Mängel enthält das Gesetz auch Verbes-
serungen, so zum Beispiel:
◗ Die Härtefallregelung: Sie ist ein „... alles zu viel
Bruch mit der Rigidität der bisherigen
Gesetzgebung, die die Lösung huma-
nitärer Härtefälle kaum zuließ.
Resozialisierung“
◗ Die Anerkennung nichtstaatlicher und „Haft darf kein Luxus-Urlaub Maßregelvollzugsge-
geschlechtsspezifischer Verfolgung sein“ – mit erbärmlichen Maß- setz geregelt, das
entsprechend der Genfer Flüchtlings- nahmen setzt der CDU-Justizse- ausdrücklich vor-
konvention: Damit wird Deutschlands nator Kusch seine demagogische schreibt, dass der
isolierte Auslegungspraxis beseitigt Stammtischparole um. Sinn des Vollzugs die
und ein wichtiger Schritt zu einer völ- Therapie, nicht die
kerrechtskonformen Auslegung der Jüngst strich er die Mittel für das Thea- Strafe und nicht die
Genfer Konvention gegangen. terprojekt im Gefängnis Fuhlsbüttel. Für Sühne ist und dass
PRO ASYL ■ die am Projekt beteiligten Gefangenen eine Pflicht zur The-
bedeutete das Projekt die Möglichkeit, rapie besteht. Für die Patienten der foren-
25. BUKO-Bundeskongress dem grauen, Leben abtötenden Gefängni- sischen Psychiatrie, ganz überwiegend
salltag wenigstens für eine kurze Zeit zu schizophrene und andere psychisch kran-
Frankfurt/Main, 9.-12. Mai 2002 entrinnen, Fähigkeiten zu erproben und ke sowie suchtkranke Menschen, werden
Eingeladen sind die über 150 Mitglieds- zu entwickeln, derer sie sich vorher viel- langfristige therapeutische Konzepte ent-
gruppen und besonders alle interessierten leicht nicht einmal bewusst waren. Im wickelt, die entsprechende Vollzugs-
Gruppen, Organisationen, Einzelperso- letzten Jahr hatten 15 Gefangene vor lockerungen, vom Gesetz ausdrücklich
nen, die sich gemeinsam über Themen in- 2500 Zuschauern mit ziemlich viel Erfolg beabsichtigt, einschließen – im Großen
ternationalistischer Solidarität auseinan- das Theaterstück „Die Kannibalen“ auf- und Ganzen mit viel Erfolg. Mit dem Ge-
dersetzen und über die eigene Praxis aus- geführt. Für den Justizsenator war das setz wird ein „Restrisiko“ der Folgen
tauschen wollen. nicht einmal eine genauere Prüfung wert. nicht zutreffender Prognosen in Kauf ge-
Der Titel des Kongresses weist auf po- „... es gab andere Dinge, die mir mehr nommen. Das ist der Sachstand.
litische Zäsuren hin, die insbesondere für unter den Nägeln brannten“, zitiert ihn LBK-Chef Lohmann sieht ein Haupt-
internationalistische Arbeit und entwick- das Abendblatt (26.3.). problem der forensischen Psychiatrie im
lungspolitisches Engagement neuen Dis- Die Schill-Partei geht derweil auf die Klinikum Nord darin, dass „immer mehr
kussionsbedarf eröffnen, aber auch Hand- forensische Psychiatrie im Klinikum schwer persönlichkeitsgestörte Menschen
lungsoptionen erschließen. Der Kongress Nord los. Der „Gesundheitsexperte“ der in den Maßregelvollzug (kommen). Die-
möchte ein Forum sein für Gruppen mit Partei, Wolfgang Barth-Völkel, fordert, se Gruppe ist nach derzeitigen Erkennt-
unterschiedlichen Ansätzen, Arbeitsfor- dass die Abteilung für forensische Psy- nissen der Psychiatrie immer öfter nicht
men und Erfahrungen, die sich alle in dem chiatrie „der Aufsicht des Landesbetriebs therapierbar.“ (Welt, 23.7.2001) Das sei
gemeinsamen Ziel wiederfinden, diese Krankenhäuser (LBK) entzogen und der an dieser Stelle dahingestellt. Ein Skan-
Welt radikal verändern zu wollen. Zusam- Justizbehörde unterstellt werden“ (Welt, dal jedoch ist, dass Haus 18, für 60 Pati-
men mit antirassistischen, linksradikalen, 17.3.) soll. Angeblich stellt das Haus 18 enten konzipiert, seit Jahren überbelegt
feministischen, antimilitaristischen und auf dem Gelände des Klinikums Nord ein ist – derzeit sind 84 psychisch kranke
Flüchtlingsgruppen, mit Jugend-, Bil- „Sicherheitsrisiko“ dar. Die in der Welt Straftäter per Gerichtsbeschluss einge-
dungs- und entwicklungspolitischen Or- bzw. Welt am Sonntag zitierten Äußerun- wiesen –, und dass beim Pflegepersonal
ganisationen wollen wir ins Gespräch gen des „Experten“ enthüllen allerdings ebenfalls seit langem eine z.T. extreme
kommen, diskutieren und streiten, essen weniger Fachkenntnisse als vielmehr dü- Unterdeckung besteht. Oft kann nicht
und trinken, tanzen und neugierig sein, sterste Vorurteile und Menschenverach- einmal die Mindestbesetzung auf den
lernen und Kontakte knüpfen. tung. So verstieg sich Barthel zu der Be- Stationen eingehalten werden. Ein Erwei-
In 5 Podiumsveranstaltungen wollen hauptung: „Zwölf Prozent der Patienten terungsbau wird zwar im April in Betrieb
wir uns von verschiedenen Seiten dem ge- gelten als nicht therapierbar und stecken genommen, und damit steigt die Zahl der
waltförmigen Wesen kapitalistischer Glo- die anderen immer wieder an (!)“. Als Behandlungsplätze von 125. Doch offen-
balisierung nähern. Die Titel der Podien: „tickende Zeitbombe“ sieht er Haus 18 sichtlich soll nicht entsprechend mehr
Globalisierung/Imperialismus/Krieg; vor allem wegen der „Luxuseinrichtun- Pflegepersonal eingestellt, die Unter-
Straßenprotest und Netzguerilla; Nahost- gen“: So sei vor einigen Wochen ein deckung an qualifiziertem Personal also
konflikt und Solidaritätsbewegung; Orga- „Liebeszimmer“ mit Doppelbett, Fernse- eher noch verschärft werden.
nisation und Organisierung; Internationa- her und Musikanlagen eingerichtet wor- So wird unter der Hand der Zweck des
lismus in der „Neuen Weltordnung“. den, das Gefangene für sich und ihre Maßregelvollzugs, die Therapie, aus-
Daneben gibt es zahlreiche Arbeitsforen, Freundin für einige Stunden mieten gehöhlt und Therapie durch bloße Ver-
die von vielen verschiedenen Gruppen an- könnten. Und: „Es gibt eine Theatergrup- wahrung ersetzt. Insofern ist die Forde-
geboten und vorbereitet werden. Informiert pe, die sich sogar einen eigenen Inten- rung des Herrn Barth-Völkel, das Haus
Euch auf der homepage der BUKO danten leistet. Das ist für mich alles zu durch einen Gefängnisleiter leiten zu las-
(www.buko.info), fordert den Kongress- viel Resozialisierung.“ (Welt, 17.3.) sen und die Pflegefachkräfte durch Ge-
Flyer oder die Kongress-Zeitung an. In seinem Eifer stellt Barth-Völkel Tat- fängniswärter mit „Sonderausbildung“ zu
sachen, die er als „Gesundheitsexperte“ ersetzen, irgendwie ganz folgerichtig.
Kongressbüro Frankfurt/Main: kennen muss, auf den Kopf. Die Aufsicht Tatsächlich jedoch zerstört der Vorstoß
Andreas van Baaijen, Obermainanlage 7, über den im Klinikum Nord vollstreckten der Schill-Partei den fragilen gesell-
60314 Frankfurt/M (medico) Maßregelvollzug obliegt nicht dem LBK, schaftlichen Konsens, dass Kranken,
Tel. 069-94438-24 sondern der Gesundheitsbehörde unter auch wenn sie straffällig wurden, zu hel-
BUKO - Bundeskoordination Internationa- Leitung von Gesundheitssenator Peter fen ist, eine Zerstörung, für die letztlich
lismus, Nernstweg 32-34 22765 Hamburg Rehaag (Schill-Partei). Der LBK führt die Gesellschaft einen hohen Preis zahlen
Tel.: 040-393156 FAX 280 55 120 den Maßregelvollzug im Auftrag der wird.
www.buko.info ■ Stadt durch. Der Vollzug wird durch das scc ■

: antifaschistische nachrichten 8-2002 13


: neuerscheinungen, rezensionen
schistischen Eroberungspoli- Kriegsgefangenschaft zum
tik zur Verfügung stellten, „Nationalkomitee Freies
wichtige Fragenkomplex Deutschland“ (NKFD) über-
Generäle können fuchs“ Erwin Rommel ge- kommt viel zu kurz. Dennoch trat. Später sprach Paulus sich
keine Antisemiten schildert. Der sei „unpoli- erfahren die LeserInnen eine gegen die Westintegration
tisch“ gewesen und habe dem Menge über sechs hohe Offi- Adenauer-Deutschlands aus.
sein! „Führer“ geglaubt, es ginge ziere aus dem Wehrmachtsap- Knopp und Mitautor Henry
Guido Knopp schreibt über ihm nur um das Beste für parat. Neben Rommel sind Köhler können sich das nicht
„Hitlers Krieger“ Deutschland. Aber wenn dem dies Keitel, Manstein, Paulus, anders erklären als mit „zehn-
Für Knopp und seine jeweili- so war, spräche das doch Udet und Canaris. jähriger einseitiger Informati-
gen Co-Autoren scheint es dafür, dass Rommel den deut- Bei Wilhelm Keitel lassen on und Abwesenheit aus
unvorstellbar, dass deutsche schen Eroberungs- und Ver- Knopp und Co-Autor Christi- Deutschland“.
Offiziere der nationalsoziali- nichtungskrieg, die Vernich- an Deick den „Befehlsnot- Ernst Udet, hoch dekorier-
stischen Ideologie anhingen tung der europäischen Juden stand“ nicht gelten. Zu ge- ter Kampfflieger des 1. Welt-
oder gar Antisemiten waren. als im deutschen Interesse lie- waltig ist der Anteil des kriegs, passt nicht so richtig
Ursachen des Mitwirkens der gend begrüßt haben muss. ranghöchsten Wehrmachtsof- in die Reihe der in diesem
Militärs werden auf deren Dass Rommel politische fiziers an den NS-Verbre- Buch vorgestellten Offiziere,
Persönlichkeit oder auf ihr In- Gründe für sein Einverständ- chen: Der Kommissarbefehl, starb er doch bereits 1941, als
teresse an einer Remilitarisie- nis mit Hitler gehabt haben die Anweisung für jeden der Großteil des Krieges noch
rung reduziert. Da ist die könnte, dass er die wesentli- getöteten deutschen Soldaten bevorstand, und war er auch
Rede von brennendem Ehr- chen Ziele des deutschen Fa- 50 bis 100 Geiseln zu er- kein klassischer Soldat. So ist
geiz und einem falsch ver- schismus teilte, ist Knopp schießen oder der Massen- in diesem Kapitel viel von
standenen Pflichtbewusstsein und Co-Autor Rudolf Gültner mord an Millionen Kriegsge- dem Leben eines Bonvivant
(Manstein, Keitel, Rommel). dermaßen abwegig, dass sie fangenen aus der UdSSR, die Rede, von Alkohol- und
Die Offiziere seien Hitlers darüber gar nicht erst disku- weil es um die „Vernichtung Medikamentenexzessen oder
quasi dämonischer Ausstrah- tieren. Was dachten die Offi- einer Weltanschauung“ gehe. von Intrigen im Reichsluft-
lung erlegen (Rommel, Kei- ziere denn über den Antisemi- Lakeitel – so wurde der Ober- fahrtministerium.
tel), wozu ihre politische Un- tismus, über das faschistische befehlshaber des OKW auf- Der Chef der militärischen
bedarftheit, ja Naivität beige- Herrschaftssystem, über die grund seiner devoten Haltung Abwehr, Admiral Wilhelm
tragen habe (Rommel, Keitel, Ausschaltung der Arbeiterbe- Hitler gegenüber genannt – Canaris, wurde noch am
Manstein, Paulus). wegung, um nur einige Bei- begrüßte ausdrücklich die 9.4.1945 hingerichtet. Er
Die methodische Proble- spiele anzuführen? Dieser für Machtübernahme der NSD- gehörte dem militärischen
matik sei hier kurz an dem die Ursachenforschung, war- AP, weil sie das Ende der par- Widerstand gegen Hitler an.
Kapitel über den „Wüsten- um die Militärs sich der fa- lamentarischen Demokratie Diese Entwicklung Canaris’
und die Sprengung der „Fes- muss verblüffen, war er doch
Zuwanderungsgesetz seln von Versailles“ bringen ein typisch reaktionärer Offi-
würde. Die besetzten Gebiete zier. Nach 1918 hielt er als
der Fisch stinkt vom Kopf befahl er von „Juden, Po- Adjutant Noskes Kontakte zu
lacken und Gesindel“ zu säu- den Freikorps, und dem Na-
bern. Feldmarschall Erich tionalsozialismus stand er
von Mansteins Kritik am Na- wohlwollend gegenüber:
tionalsozialismus ging nie „Der Offizier hat den Natio-
der neue über den Abstand eines nalsozialismus vorzuleben“,
infodienst preußisch-aristokratischen eine „unpolitische Haltung im
Militärs zum „Pöbel der nationalsozialistischen Staate
NSDAP“ hinaus. Auch der (ist) eine Sabotage und ein
drohende Untergang seines Verbrechen“. Ab 1937 begann
mit aktuellen Texten zum Zuwanderungsgesetz, geplanten „Vaterlands“ konnte Manstein er sich vom Regime zu lösen.
Ausreisezentren, Deutschland als Lagergesellschaft und nicht dazu bringen, gegen Dazu führten die Entlassung
Asylinitiativen aus ganz Bayern... Hitler vorzugehen, denn: des Oberbefehlshabers des
„Preußische Feldmarschälle Heeres, Fritsch, und des
meutern nicht!“ Manstein war Reichskriegsministers Blom-
einer der wichtigsten Kom- berg sowie seine kritische
mandeure, aber aufgrund häu- Haltung zum Kriegskurs der
figer militärisch-taktischer Regierung, den er für „selbst-
Differenzen löste Hitler ihn mörderisch“ hielt.
am 31.3.1944 ab. Nach dem Guido Knopp ist durch sei-
Krieg und seiner vorzeitigen ne Geschichtssendungen im
Haftentlassung 1953 (er war ZDF einer der bekanntesten
zu 18 Jahren verurteilt wor- Popularisierer historischer
den) diente Manstein dem Forschung. Seine Beiträge
Bundestag als Gutachter zum sind Indikatoren aktueller
Thema Einführung der Bun- Trends der öffentlichen Ver-
deswehr. gangenheitsbetrachtung —
Friedrich Paulus ist vor- auch das macht „Hitlers Krie-
wiegend deswegen so ger“ interessant. F■
„berühmt“, weil er der Feld-
herr in Stalingrad war, sich Guido Knopp: Hitlers Krie-
Bestellung unter: entgegen Befehl gefangen ger, München 2000, S. 445,
089-76-22-34 nehmen ließ und in der 9,50 EUR.

14 : antifaschistische nachrichten 8-2002


Dubiose „Patenschaft“
: ostritt
en, dies zu unterbinden, sind nicht be-
Frankfurt. Am 17.2. hatten rund 40 kannt. Die NPD hat in ihrem Parteiorgan
Leute auf Initiative des Arbeitskreises ge- „Deutsche Stimme“ für eine Teilnahme
gen Revanchismus und Kriegstreiberei an den Treffen der Schlesier geworben,

D
er hessische Landesverbandstag
gegen ein Benefiz-Konzert zu Gunsten die rechtsextremistische „Junge Lands- des Bundes der Vertriebenen for-
des von der CDU-Rechtsaußen Erika mannschaft Ostpreußen“ (JLO) hat zum dert die Aufhebung der Benesch-
Steinbach und dem „Bund der Vertriebe- letzten Treffen im Juli 2001 in Nürnberg Dekrete. Dazu verabschiedete die Lan-
nen“ geplanten „Zentrums gegen Vertrei- eine Gemeinschaftsfahrt unternommen. desversammlung eine Resolution, die die
bung“ vor der Paulskirche protestiert. „Der Schlesier“ rief regelmäßig zur Teil- Kriegsschuldfrage eindeutig revidiert:
Der PDS-Stadtverordnete Halberstadt nahme an den Treffen auf. Auch hier sei- „Das Münchener Abkommen von 1938
(PDS) warf daraufhin im Römer die Fra- en distanzierende Reaktionen der Lands- war die Folge der Verweigerung des
ge auf, „mit welcher Legitimität“ die mannschaft Schlesien nicht bekannt. Für Selbstbestimmungsrechts der Sudeten-
Stadt dem „Zentrum“ beigetreten sei und den Verfassungsschutz ebenfalls relevant deutschen sowie der tschechischen Na-
„weshalb dieser Vorgang nicht zuvor der ist laut Bundesregierung, dass Mitglieder tionalisierungspolitik nach Gründung der
Stadtverordnetenversammlung zugeführt des sächsischen Landesverbandes der Tschechoslowakei.“
wurde“. Für den Magistrat antwortete Landsmannschaft Schlesien für den 13. Damit rechtfertigt der BDV nicht nur
Franz Frey (SPD) wie folgt: „Frau Ober- Februar 2001 einen „Trauermarsch“ zum das Münchener Abkommen, sondern be-
bürgermeisterin Roth hat dem Zentrum Jahrestag der Luftangriffe auf Dresden treibt offen Geschichtsklitterung. Als
gegen Vertreibung im Juni 2001 zuge- anmeldeten. In den letzten Jahren war Hitler im Frühjahr 1938 Österreich über-
sagt, dass die Stadt Frankfurt am Main dieser Aufmarsch von der JLO angemel- fiel, wurde die Grundlage für eine Ex-
eine Patenschaft für das Zentrum der Ver- det worden, die auch 2001 wieder einen pansion gegen die Tschechoslowakei
treibung übernimmt. Der entsprechend Redebeitrag hielt. Unter den Rednern war vorbereitet und im September des glei-
der Einwohnerzahl einmalig zur Verfü- auch NPD-Anwalt Horst Mahler. Wie zu- chen Jahres durch das Münchener Ab-
gung zu stellende Betrag in Höhe von vor beteiligten sich neonazistische Ka- kommen manifestiert. Dieser Zusam-
33.230 Euro ist im Haushalt 2002 des So- meradschaften und NPD an dem Auf- menhang wird im Protokoll einer
zialdezernates eingestellt. Die Stadt marsch, der Kreisverband Dresden der „Tschechoslowakei-Besprechung“ der
Frankfurt am Main hat sich lediglich zu „Republikaner“ legte einen Kranz nieder. Berliner Zentrale der IG Farben sehr
einer Patenschaft bereit erklärt und ist 1992 bis 1999 wurden die Deutsch- deutlich: „Seebohm (Kurt, Vertrauens-
nicht der Stiftung Zentrum gegen Vertrei- landtreffen der Schlesier mit etwa mann der IG Farben, d. Red.) führt ein-
bung beigetreten.“ 209.000 Euro aus dem Bundeshaushalt leitend aus, dass nach der Eingliederung
www.stvv.frankfurt.de/parlis2000/ ■ gefördert. Warum seit 1999 nicht mehr, Österreichs in das Reich sich die Span-
sagt die Regierung nicht. Für sonstige nung in den sudetendeutschen Teilen des
Rechtsextremisten bei Veranstaltungen erhielten die Schlesier Landes vergrößert hat und dass in allen
von 1992 bis heute rund 1.040.000 Euro Teilen der Bevölkerung die politischen
Deutschlandtreffen der vom Bund. Die erneuten Informationen und wirtschaftlichen Organisationen
Landsmannschaft Schlesien über Verbindungen der Schlesier in die nach deutschem Muster und nach den
Berlin. In den letzten Jahren hat es auf rechtsextreme Szene zeigen: Die staatli- Grundsätzen des Nationalsozialismus
Deutschlandtreffen der Schlesier wieder- chen Zuschüsse für diesen Verband müs- aufgezogen werden.“ 1
holt Stände rechtsextremistischer Organi- sen sofort aufhören. Das Münchener Abkommen hat die
sationen oder Zeitungen gegeben. Das „Nach mir vorliegenden Informatio- Grundlage für den Überfall auf die ost-
geht aus der Antwort der Bundesregie- nen“, so die Abgeordnete Ulla Jelpke, europäischen Staaten gelegt. Das Ab-
rung auf die Kleine Anfrage der PDS- „soll das nächste Deutschlandtreffen der kommen ist bis heute nicht für Null und
Fraktion hervor. Neben der Wochenzei- Schlesier 2003 in Hannover stattfinden Nichtig erklärt worden. Dass der BdV
tung „Der Schlesier“ nahm der rechtsex- und aus dem niedersächsischen Landes- das Abkommen rechtfertigt und vertei-
tremistische „Zentralrat der vertriebenen haushalt gefördert werden. Ich fordere digt, ist eine üble Entgleisung, die man
Deutschen“ an den Deutschlandtreffen die Landesregierung auf, das Treffen in nicht hinnehmen darf.
der Schlesier wiederholt mit Ständen teil. keiner Weise zu unterstützen.“ DOD Nr. 13/02 – jöd ■
Versuche der Landsmannschaft Schlesi- PM Ulla Jelpke ■ 1 Reinhard Opitz, Europastrategien des
deutschen Kapitals, S. 636 ff

Der Herausgabekreis und die Redaktion sind zu erreichen über:


GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln Tel. 0221 / 21 16 58, Fax 0221 / 21 53 73. Tschechen gegen Aufhe-
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20359 Hamburg, Tel. 040 / 43 18 88 20. Für NRW, Hessen, Rheinland Pfalz, Saarland: U. Bach, chen ist gegen eine Aufhebung der Be-
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Tel. 0711 / 62 47 01. Für „Aus der faschistischen Presse“: J. Detjen c/o GNN Köln. nes-Dekrete. Das ist das Ergebnis einer
Erscheinungsweise: 14-täglich. Bezugspreis: Einzelheft 1,30 Euro. Umfrage des Meinungsforschungsinsti-
Bestellungen sind zu richten an: GNN-Verlag, Postfach 260 226, 50515 Köln. Sonderbestellungen sind tutes TNS Factum, das die tschechische
möglich, Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt. Presse veröffentlichte. Danach sehen
Die antifaschistischen Nachrichten beruhen vor allen Dingen auf Mitteilungen von Initiativen. Soweit ein- mehr als 57 Prozent der Befragten kei-
zelne Artikel ausdrücklich in ihrer Herkunft gekennzeichnet sind, geben sie nicht unbedingt die Meinung nen Grund überhaupt zur Frage der Be-
der Redaktion wieder, die nicht alle bei ihr eingehenden Meldungen überprüfen kann. nes-Dekrete zurückzukehren. Knapp 12
Herausgabekreis der Antifaschistischen Nachrichten: Anarchistische Gruppe/Rätekommunisten (AGR); Annelie Prozent der Befragten vertraten die An-
Buntenbach (MdB Bündnis 90/Die Grünen); Rolf Burgard (VVN-BdA); Jörg Detjen (Forum kommunistischer Arbeitsge-
meinschaften); Martin Dietzsch; Regina Girod (Bund der Antifaschisten, Dachverband); Dr. Christel Hartinger (Friedens-
sicht, dass der Staat die Dekrete zwar
zentrum e.V., Leipzig); Hartmut-Meyer-Archiv bei der VVN - Bund der Antifaschisten NRW; Ulla Jelpke, (MdB PDS); nicht aufheben, jedoch anerkennen soll-
Jochen Koeniger (Arbeitsgruppe gegen Militarismus und Repression); Marion Bentin, Edith Bergmann, Hannes Nuijen te, dass sie nicht demokratischen Maß-
(Mitglieder des Vorstandes der Arbeitsgemeinschaft gegen Reaktion, Faschismus und Krieg–Förderverein Antifaschisti-
sche Nachrichten); Kreisvereinigung Aachen VVN-BdA; AG Antifaschismus/ Antirassismus in der PDS NRW; Angelo
stäben entsprechen.
Lucifero (Landesleiter hbv in ver.di Thüringen); Kai Metzner (Info Pool Network); Bernhard Strasdeit (MdB-Büro Winfried eMail-Pressedienst der deutsch-
Wolf); Volkmar Wölk. tschechischen Presseagentur ■

: antifaschistische nachrichten 8-2002 15


: aus der faschistischen presse
Partei in Dresden und Leipzig gegründet.
Zu den Gründungsmitgliedern zählen der
Neue Freunde?! ehemalige CDU-Landtagsabgeordnete
Nationalzeitung Goliasch, der sein Mandat wegen Tätig-
Nr. 12, 13, 15. und 22. März 2002 keit für den KGB niederlegte, und Lud-
Der Rechten scheint es an Denkern zu wig Singewald, ehemals FDP-Mitglied.
fehlen, die für ihre kruden Theorien das Singewald kündigte Gründung weiterer
Rückgrat geben. Deshalb muss jetzt einer Orts- und Kreisverbände an.
herhalten, der das nun wirklich nicht ver-
dient hat. Über zwei Ausgaben (Nr. 12 Erkennungsdienstliche
und 13) wird der „US-Amerikanische
Wissenschaftler und Philosoph“ Noam Behandlung von
Chomsky als „ein jüdischer Insider“, der Einwanderern?
„die wahren Hintergründe“ der Anschläge Euro in Gold oder für 49 € in Silber zu Junge Freiheit Nr. 14/02 vom 29. März 2002
vom 11. September enthüllt, vorgestellt. erwerben ist. Auf ihr ist zu lesen, was als Rolf Stolz versucht mit wild zusammen-
Daran anschließend wird zwar in der Re- Attribute für Preußen wohl nicht jedem gewürfelten Zahlen nachzuweisen, dass
zension seiner letzten Schrift „The in den Sinn kommt: „Ordnung, Recht Migranten und vor allem Flüchtlinge we-
Attack“ schnell ziemlich deutlich, dass und Toleranz (!)“. Na dann... gen der hohen Sozialkosten, die sie ver-
das Buch mit der reißerischen Ankündi- ursachen, die Hauptschuldigen der
gung wenig gemein hat. Es wird wohl Scheuchs Lösungsvorschlä- Staatsverschuldung sind. Auf jeden Fall
darauf gesetzt, dass viele der NZ -Leser seien sie zu teuer und missbrauchten das
sowieso bei der Überschrift ihre Lektüre ge gegen die Korruption soziale Netz in einem fort. Nach der Auf-
beenden werden (Chomskys Bücher sind , Junge Freiheit Nr. 12/02 vom 15. März 2002 listung einiger, teilweise nicht einmal
dick beworben, über den NZ-Verlag zu er- Erwin K. Scheuch, Professor für Soziolo- verurteilter Missbrauchsfälle, kommt er
werben). Ebenfalls in der Nummer zwölf gie im Ruhestand und versierter rechter zu dem Schluss: „Angesichts solcher
ist von einer „Hasskampagne gegen Carl Parteienkritiker, gibt dem Blatt ein Inter- Tatsachen erhebt sich die Frage, ob nicht
Diem“ zu lesen. Anlässlich einer Straßen- view zu den Auswirkungen des Kölner generell alle Zuwanderer erkennungs-
umbenennung in Osnabrück (!) wird über Müll-Skandals. Als Gegenmaßnahmen dienstlich beahndelt werden sollten, was
ihn munter als den „Begründer des mo- schlägt Scheuch Folgendes vor: „Ein übrigens seit längerem in Japan prakti-
dernen Leistungs- und Breitensports“ fa- Ende der Praxis, Großspenden steuerlich ziert wird. Nur so sind Personen festzu-
buliert, der ja auch die „weltweit gelobten absetzen zu können, die Einführung ei- stellen, die bereits unter anderem Namen
Olympischen Spiele 1936“ maßgeblich nes Rückberufungsrechts gegenüber Ab- Asyl und Hilfeleistungen beantragt ha-
organisiert habe. Interessant. geordneten, die gefehlt haben, Aberken- ben oder als Straftäter gesucht werden.
Ein weiteres Steckenpferd wurde in nung des passiven Wahlrechts für Beam- Hier muss das öffentliche Interesse an
der Benennung des sich aus Berlin und te ... und die Einführung von Primärwah- der Verhinderung und Aufdeckung von
Brandenburg neu gründenden Bundes- len, also die Einflussnahme von Bürgern Missbrauch (auch das Interesse der
landes gefunden. Die DVU Fraktion im oder wenigstens der Parteibasis auf die rechtstreuen Ausländer, nicht für die
Brandenburger Landtag hatte beantragt, Kandidatenaufstellung.“ Alle Vorschläge ,schwarzen Schafe’ verantwortlich ge-
es „Preußen“ zu nennen, was zu Aufre- Scheuchs drehen sich um die Gestaltung macht zu werden) Vorrang haben ge-
gung und Belustigung im Plenum ge- der Parteien. Die Vergabeverfahren und genüber den individuellen Empfindlich-
sorgt hatte. So könne „ ein hasserfülltes Fragen der Transparenz staatlicher Auf- keiten.“ Die individuelle Empfindlich-
Diktat der deutschen Nachkriegsge- tragsvergabe lässt er außen vor. keit der Bundesbürger hingegen muss
schichte auf dem Müllhaufen der Ge- geschützt werden. Straftaten, Miss-
schichte“ entsorgt werden“, so der Parla- Schill-Partei dehnt sich brauch von Staatsleistungen etc. kom-
mentarische Geschäftsführer der Frakti- men schließlich auch unter diesen vor.
on. Ein schöner Einfall, dem die NZ auf weiter aus
die ihr eigene Weise auch etwas abzuge- Junge Freiheit Nr. 13/02 vom 22. März 2002 Deutsche Konservative
winnen hat: eine wunderbare Medaille Das Blatt berichtet, Mitte März hätten
die für den lächerlichen Preis von 199 sich die ersten Ortsverbände der Schill- unterstützen Schill
Junge Freiheit Nr. 15/02 vom 5. April 2002
Der ehemalige Springer-Journalist Joa-
chim Siegerist, Vorsitzender der „Deut-
BESTELLUNG: Hiermit bestelle ich … Stück pro Ausgabe (Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt)
schen Konservativen“ hat mit einer An-
O Halbjahres-Abo, 13 Hefte 22 Euro
Erscheinungsweise: zeigenkampagne für die Schill-Partei be-
O Förder-Abo, 13 Hefte 27 Euro
O Jahres-Abo, 26 Hefte 44 Euro
14-täglich gonnen. Einer ersten Anzeige in der FAZ
O Förder-Abo, 26 Hefte 54 Euro
sollen weitere in Sachsen-Anhalt folgen.
O Schüler-Abo, 26 Hefte 28 Euro
Siegerist ruft auf, bei der Bundestags-
O Ich möchte Mitglied im Förderverein Antifaschistische Nachrichten werden. Der Verein unterstützt finanziell
wahl Stoiber, in Sachsen-Anhalt aber die
und politisch die Herausgabe der Antifaschistischen Nachrichten (Mindestjahresbeitrag 60,- DM). Schill-Partei zu wählen. Er behauptet:
Einzugsermächtigung: Hiermit ermächtige ich den GNN-Verlag widerruflich, den Rechnungsbetrag zu Lasten „Die sachsen-anhaltinische CDU ist sich
meines Kontos abzubuchen. (ansonsten gegen Rechnung) völlig im klaren darüber, dass sie ohne
Schill nicht die geringste Chance hat, die
Name: Adresse: rot-rote Regierungskoalition abzulösen
... Die Schill-Partei wird deutlich über
Konto-Nr. / BLZ Genaue Bezeichnung des kontoführenden Kreditinstituts fünf Prozent kommen. Außerdem hat al-
lein die Ankündigung der Schill-Partei,
Unterschrift
bei den Landtagswahlen anzutreten, zu
GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln, Tel. 0221 - 21 16 58, Fax 21 53 73, email: gnn-koeln@netcologne.de
einem Verzicht der DVU geführt ...“
Bankverbindung: Postbank Köln, BLZ 370 100 50, Kontonummer 10419507
CHR, uld ■

16 : antifaschistische nachrichten 8-2002