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"Alternativ ist eben anders ...

"
Rückblick auf 10 Jahre praktische Sozialarbeit im Sozialzentrum Hameln e.V.11

Sehr geehrte Damen und Herren,


Liebe Freunde und Förderer des Vereins!
Ich habe die - zugegeben etwas diffizile - Aufgabe übertragen bekommen und
übernommen, einen Rückblick auf 10 Jahre Vereinsgeschichte und -aktivitäten
zu geben. Ich will zumindest einen Versuch hierzu machen.

Das Sozialzentrum Hameln e.V. ist am 5. Januar 1978 von 9 Gründungsmit-


gliedern in der Kaiserstraße in Hameln gegründet worden; die Gründungs-
mitglieder waren damals Herr Hugo Bertram, Frau Käthe Ahrend, Frau Brun-
hilde Reimke, Frau Edith Bulenda, Herr Werner Krauss, Frau Katrin
Bockhacker, Frau Ingrid Krauss, Frau Ingrid Pleinert und Herr Heinz
Pleinert. Alle waren keineswegs ausschließlich Angehörige psychosozialer
Berufe, sondern ebenso Kaufmann, Verwaltungsangestellte, Krankenschwester,
Hauswirtschafterin und Dipl.-Ingenieur wie Erzieherin, Sozialarbeiterin
und Dipl.-Psychologin.
Der Verein trat damals und tritt auch heute noch unter dem Leitmotiv
"Alternativ ist eben anders ..." an und setzte damit zugleich klare
alternative sozialpolitische Akzente. Im ersten Blatt des Vereins wird
seine Aufgabe als Ziel beschrieben, "praxisnahe Sozialarbeit auf nahezu
allen Gebieten für den Einzelnen individuell zu leisten. Es versteht
sich als echtes Alternativangebot zu den bereits bestehenden Institutionen
auf diesem Sektor. D.h., die Hilfe für den Einzelnen überschaubarer und
im Gegensatz zu anderen Einrichtungen individueller und praktischer zu
gestalten. D.h., jederzeit für den Einzelnen da zu sein, ohne auf andere
Zuständigkeiten auszuweichen. Alternativ heißt auch, menschliche Hilfe
statt verwaltete Sozialarbeit und Bürokratismus. Wo sich Resignation
des Einzelnen im Räderwerk der Verwaltung allzu oft in tragischen Bei-
spielen dokumentiert. Effektive Sozialarbeit also, die dem Rat- und
Hilfesuchenden mit geeigneten Mitteln sofort zur Verfügung steht."
Im Vereinsregister wird am 2. Februar 1978 die Dipl.-Psychologin
Katrin Bockhacker als 1. Vorsitzende, die Sozialarbeiterin Ingrid
Pleinert als 2. Vorsitzende eingetragen. Damals firmiert das Sozial-
zentrum zunächst unter der Wohnadresse von Frau Bockhacker in der
Gaußstraße in Hameln, versucht zugleich, ein kleines Doppelhaus in der
Neuen Markstraße 12 für sich zu gewinnen, muß den Kaufvertrag jedoch
*Vortrag auf einer Veranstaltung zum 10-jährigen Bestehen des Sozial-
zentrums Hameln e.V. am 14.05.88 in 3538 Aerzen 13, Haus Flakenholz 15.
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wegen fehlender Finanzierung bald lösen, weil das Geschäftsgebaren


des eingeschalteten Maklers keine andere Möglichkeiten mehr offen läßt
(s. hierzu den Artikel 'Keine Chance für Hamelner Sozialzentrum?1 in:
Wochenspiegel 1. Jg. Nr. 10 vom 13.12.78, S. 1-2). Statt dessen lautet
die neue Anschrift ab Juni 1978 Neue Marktstraße 18, wo der Verein eine
Begegnungsstätte für junge und alte Mitbürger einrichtet. Am 12. Juni 1978
beschreibt das Sozialzentrum seine Ziele wie folgt: "Wir meinen, Kontakte
und Gespräche zwischen Jung und Alt sind notwendiger denn je. Wir meinen,
an Wochenenden und Feiertagen dürfen soziale Einrichtungen nicht geschlos-
sen sein. Daher halten wir unsere Begegnungsstätte offen. Unser Projekt
bietet daher ein Alternativprogramm zur herkömmlichen 'verwalteten' Sozial-
arbeit und wendet sich grundsätzlich an jeden."
Ergänzend heißt es in der Darstellung der Vereinsarbeit anläßlich einer
Straßenfete in der Neuen Marktstraße am 1. Juli 1978: "Wir haben uns bei
der Gründung unseres Vereines gründlich über die Zweckmäßigkeit eines
'neuen' Vereines in der hiesigen Sozialarbeit Gedanken gemacht. Letztlich
sind wir zu dem Schluß gekommen, daß auch in der Sozialarbeit ein viel-
fältiges Angebot dem Klienten zur Verfügung stehen sollte. Wir wagen es,
sogar von einem Wettbewerb zu sprechen. Betrachtet man die politische
Ebene oder das Arbeitsleben, so gibt es dort auch diverse Angebote an
den Bürger. So soll unser Angebot die 'Wahlmöglichkeit' des Bürgers
erweitern. Es gibt tatsächlich in unserem demokratischen Verständnis
kein Argument zu einer Einheitssozialarbeit."
Daß ein derartig nonkonformistisches Engagement nicht ohne Angriffe mög-
lich ist, belegt bereits direkt nach der Gründung und dem Eintrag ins
Vereinsregister die Klage des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes
(DPWV), Landesverband Niedersachsen, gegen die Bezeichnung 'Sozialzentrum'
beim Landgericht Hannover mit dem die finanziellen Möglichkeiten des Ver-
eins übersteigenden Streitwert von DM 50.000,--. Durch die gewährte
Prozeßkostenhilfe kommt es dennoch zur gerichtlichen Auseinandersetzung
und zum Vergleich, nachdem sich der Verein (weiter) als 'Sozialzentrum
Hameln e.V. 1 bezeichnen darf, die Einrichtungen des DPWV sich 'Sozial-
zentrum des DPWV nennen müssen. -
Zurück noch zu den Idealen von vor 10 Jahren: Alternativ, engagiert,
anspruchsvoll und idealistisch formuliert der Verein damals mehrere
Projektbeschreibungen für eine multifunktionale Begegnungsstätte, für
eine heilpädagogische stationäre Einrichtung, für einen Fahrdienst für
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Behinderte und Senioren, für ein Resozialisierungsprojekt, für eine


Finanzneuregelung und für eine psychosoziale Beratung. In der Tat kann
das Sozialzentrum Hameln e.V. am 20. Dezember 1978 bilanzierende fest-
stellen: "Wir sind die erste freie unabhängige Sozialberatungsstelle,
die mit Fachkräften der Sozialarbeit ehrenamtlich (immer noch!) besetzt
ist. Wir haben den Kontaktkreis Behinderte-Nichtbehinderte in Hameln
gründet, auf Behindertenprobleme aufmerksam gemacht und erfolgreich die
Initiative für den Behinderten-Fahrdienst eingeleitet. Der Sozialausschuß
des Kreistages hat die Einrichtung beschlossen. Entsprechende Anträge
laufen. Wir haben bis jetzt in weit über 100 'Fällen' Beratungen in
sozialen Konfliktsituationen durchgeführt." Hierzu bleibt anzumerken,
daß das Projekt des Behinderten-Fahrdienstes den Verein immer wieder
neu beschäftigen wird, daß diese Initiative mehrfach zu kontroversen
Diskussionen sowohl im Bereich des Kostenträgers wie auch des Deutschen
Roten Kreuzes wie auch des Sozialausschusses des Landkreises Hameln-
Pyrmont führen wird.
Der nächste wesentliche Schritt war die Diskussion um das Haus Neue Markt-
straße 18 in der Hamelner Presse und die anschließende Vereinsdiskussion
um das Angebot des Hauses Flakenholz Nr. 15 durch Herrn Heinrich Humke,
auf das die Mitglieder und Förderer ja zunächst schon vom Standort her
gedanklich nicht eingerichtet waren. Am 2. Juni 1979 wurde dieses Haus
dann als Begegnungsstätte eröffnet, und zwar für 365 Tage im Jahr (!),
da "wir meinen, an Wochenenden und Feiertagen dürfen soziale Einrich-
tungen nicht geschlossen sein" (Schreiben vom 10.05.79). Trotz - viel-
leicht auch wegen? - der abgelegenen Lage in Flakenholz mit der damit
verbundenen Ruhe und Nähe zur Natur werden die Beratungsangebote ange-
nommen, auch die erste Schuldnerberatung durchgeführt. (Konsequenter-
weise war das Sozialzentrum Hameln e.V. dann auch Jahre später im Mai
1986 in Kassel Gründungsmitglied der bundesweiten 'Arbeitsgemeinschaft
Schuldnerberatung'.)
1979 erfolgten die ersten Aufnahmen von behinderten Bewohnern in der
eingerichteten heilpädagogisch-therapeutischen Wohngemeinschaft, von
denen Helge Rolff heute noch hier im Hause ist und im Januar 1980
Gisela Schüler einzog, die ebenfalls seitdem hier wohnt.
In dem Zeitraum 1979 fallen auch die ersten Begegnungen mit der Selbst-
hilf egruppe 'Frauen nach Krebs' in Hameln, in der Ingrid Pleinert ebenso
Gründungsmitglied war wie auch z.Z. 1. Vorsitzende ist - eine Initiative
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die in die Gründung des Vereins 'Hilfe bei Krebs' mündete, in der das
Sozialzentrum Hameln e.V. übrigens gegenwärtig mit der Aktualisierung
und Aufarbeitung der vernachlässigten Buchführung der Jahre 1982 bis
heute engagiert ist. Ebenfalls 1979 wurden die Kontakte zur örtlichen
Bewährungshilfe und zur Justizvollzugsanstalt Hameln-Tündern intensi-
viert und in der Folgezeit etliche ehemalige jugendliche Strafgefangene
nach ihrer Entlassung im Sinne des vorgenannten Resozialisierungsprojekts
in Flakenholz aufgenommen. Erfahrungsgemäß ist der Betreuungsaufwand
für diese problematische Personengruppe sehr hoch (z.T. 1:1), so daß
die Wohngemeinschaft mit ihren ehrenamtlichen Mitarbeitern hiermit über-
fordert war und sich vom Trend her zunehmend zu einer Behindertenwohnge-
meinschaft entwickelte - dies nicht zuletzt aufgrund der Beziehungen zur
Behindertenwerkstatt der Paritätischen Gesellschaft Behindertenhilfe (PGB)
in Hameln. Wichtig scheint mir in diesem Zusammenhang auch die Erwähnung,
daß 1979 und 1980 Studenten der Sozialarbeit im Sozialzentrum Hameln e.V.
Blockpraktika und einen Teil des Anerkennungspraktikums machten, so daß
die Arbeit in der Wohngemeinschaft personell wie auch fachlich in dieser
Zeit verstärkt werden konnte, ergänzende Impulse erhielt.
Parallel zu diesen Aktivitäten brachte auch das Jugendamt Hameln Jugend-
liche in der Wohngemeinschaft im Haus Flakenholz unter, so daß die Zu-
sammensetzung der Bewohner aufgrund ihrer äußerst unterschiedlichen
psychosozialen Probleme und psychischen, geistigen und körperlichen
Behinderungen äußerst heterogen war. Die Erarbeitung der Konzeption
einer heilpädagogisch-therapeutischen Wohngemeinschaft trug den hieraus
resultierenden Erfahrungen im Sinne einer enger definierten Zielgruppe
Rechnung. Das Zusammenleben jüngerer und älterer Menschen in der Wohnge-
meinschaft war im übrigen nicht nur konzeptionell geplant, sie ergab
sich ebenfalls durch die Kontakte zum Frauenhaus Hameln e.V. und die
Aufnahmen in Flakenholz aus diesem Bereich der Sozialarbeit. So kamen
dann im März 1980 auch Sascha und Bianca als Pflegekinder des Ehepaars
Pleinert in die Wohngemeinschaft.
Im April 1980 beschrieb das Sozialzentrum seine Arbeit so: "Zur Zeit
leben 9 junge, erheblich gestörte bzw. behinderte Menschen mit uns zu-
sammen. Wir haben mit sehr viel Zielstrebigkeit, Freude, persönlichem
Einsatz und erheblichen eigenen Mitteln diese Wohngemeinschaft zu
einer wirklichen alternativen Hilfe aufgebaut. Wir sind der Überzeugung(
- und unsere nachweisbaren pädagogischen Erfolge unterstreichen dies -
daß wir mit verhältnismäßig geringen Kosten jungen Menschen, die durch
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nicht selbst verschuldete Verhältnisse in Ausweglosigkeit gestürzt


sind, Hilfestellung geben können, damit sie ihr eigenes Leben zu
gegebener Zeit selbst oder nur mit geringer staatlicher Hilfe führen
können. Unser Ziel, Hilfe zur Selbsthilfe zu bieten, erreichen wir da-
durch, daß die vorhandenen Fähigkeiten der jungen Menschen aktiviert
bzw. reaktiviert werden. Ein wichtiges Element unserer therapeutischen
Bemühungen ist die Vermittlung von Geborgenheit, die Angenommenheit,
wie auch emotionale Sicherheit, die jeder einzelne erfährt."
Hiermit begannen aber auch die Auseinandersetzungen mit dem Landes-
sozialamt Niedersachsen (LaSo) in Hildesheim, bei dem im Januar 1980
ein Antrag auf Anerkennung als sog. 'Gleichartige Einrichtung' im Sinne
des § 100 BSHG gestellt worden war. Als Reaktion erging zunächst ein
Bußgeldbescheid des Landessozialamtes, dem durch die vom Sozialzentrum
eingeschalteten Rechtsanwälte, aber auch durch Zurückziehen des Antrages
begegnet werden konnte. Notgedrungen finanzierte sich die Wohngemeinschaft
keineswegs kostendeckend durch die den Bewohnern gezahlte Sozialhilfe,
Wohngelder und Mehrbedarfszuschläge, durch Seminargebühren und durch die
Spenden der Mitglieder und Förderer.
Zu den Seminaren sind hier zwischen 1979 und 1985 die Seminare der Uni-
versität Hannover und Universität Göttingen, die Wochenendseminare der
Postgewerkschaft, der Jungsozialisten, der SPD Hameln und SPD Minden zu
nennen wie auch ein 2-wöchiger Nachbereitungskurs der 'Aktion Sühnezeichen'
im Haus Flakenholz 15.
Als Akzent in den Spenden überbrachte 1982 Frau Margarete Wellhausen einen
ihr vom Sozialminister überreichten Geldpreis für ihre beispielhafte Hilfe
im stillen für Behinderte (s. Deister- und Weserzeitung vom 01.07.82),
den sie dem Verein spendete. -
Ebenfalls 1982 gab es Veränderungen im Vereinsvorstand: Katrin Bockhacker
gab am 20.10.82 wegen Heirat und Umzug ihren Vorsitz an die Sozialpädagogin
Edda Knüppel ab; eine weitere Umbesetzung erfolgte dann am 23.01.84, indem
Ingrid Pleinert als 1. Vorsitzende und der Heilerziehungspfleger Friedrich
Schaper als 2. Vorsitzender im Vereinsregister eingetragen wurden. Andere
Neuerungen und Initiativen des Vereins waren das Sommerfest 1982 gemeinsam
mit dem Eltern- und Behindertenbeirat der Behindertenwerkstatt der PGB in
Flakenholz sowie das Sommerfest in Hilligsfeld, deren Initiatoren Gudrun
und Jürgen Nolte, Hannelore und Karl Pläpp, Karl-Heinz Schaper, Reinhard
Korn und Johann Hasenfuß waren. - Darüber hinaus beschloß die Mitglieder-
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Versammlung des Vereins am 28. Oktober 1983 die Gründung eines Vereins-
beirats, in dem Frau Edda Knüppel, Herr Karl Pläpp, Herr Walter Bertram
und Herr Ulrich Kobbe gewählt wurden. In diesem Zusammenhang erscheint
mir ebenso wichtig, daß die Mitglieder der Wohngemeinschaft Flakenholz
zwischenzeitlich einen sog. WG-Beirat gründeten, der die Interessen der
Wohngemeinschaft dem Verein gegenüber vertritt; in der Folgezeit vertrat
Frau Gisela Schüler die Wohngemeinschaft als Beisitzerin im Sozialzentrum
Hameln e.V.. -
Bei alledem reißt die Finanzierungsproblematik der WG-Bewohner nicht ab,
so daß der Verein u.a. beschloß, sich langfristig durch die Einrichtung
eines Cafes ein - wenn auch bescheidenes - weiteres finanzielles Stand-
bein zu schaffen. Am 27. Februar 1986 wurde im Haus Flakenholz 15 die
"Cafe- und Weinstube" eröffnet, die seitdem von Frau Schüler betrieben
wird, ihr Lebensinhalt und Bestätigung gibt, aber auch zur Freude des
Vereins floriert. - Ebenfalls 1986 stellte das Sozialzentrum Hameln e.V.
dem Landkreis Hameln aber auch das Ultimatum, entweder alle Mietverträge
mit den Bewohnern der Wohngemeinschaft kündigen zu müssen oder zu der ge-
währten Sozialhilfe, zum Wohngeld und zu den Mehrbedarfszuschlägen ein
monatliches Betreuungsgeld von DM 400,— zu erhalten, eine Forderung,
auf die der Landkreis letzten Endes eingeht. Immerhin bleibt festzustellen,
daß bis Ende 1985 insgesamt 85 Menschen im Haus Flakenholz Aufnahme ge-
funden haben und dort z.T. noch wohnen, daß der heilpädagogisch-therapeu-
tische Charakter eine echte Alternative zu überversorgenden, entmündigen-
den Heimaufenthalten bietet und manchen auch die Möglichkeit gegeben hat,
aus dem Psychiatrischen Landeskrankenhaus entlassen zu werden. So hat der
Verein einerseits dem Einzelnen eine seinen Fähigkeiten wie Problemen an-
gemessene Heimat gegeben, hierdurch andererseits zugleich dem Staat, der
Sozialhilfe viel Geld erspart. Und dies sozusagen gegen den Willen des
örtlichen Sozialamtes in Hameln wie des überörtlichen Sozialhilfeträgers,
des Landessozialamtes in Niedersachsen! Zwar sagte 1982 der Sozialminister
Hermann Schnipkoweit im Rahmen einer Feierstunde zum Abschluß der Aktion
'Bürger helfen behinderten Mitbürgern1, "wer versuche, sich in die Lage
eines behinderten Menschen hineinzuversetzen, der erkenne, daß der Be-
hinderte dasselbe Bedürfnis nach Freiheit und nach Entwicklungsmöglich-
keiten habe wie jeder von uns und nicht bemitleidet werden wolle. Er
möchte lediglich die besondere Förderung erfahren, die er brauche, um
die jeweilige Beeinträchtigung seiner Funktionen auszugleichen. Die
stützende, die eigene Initiative und eigenen Kräfte belebende Förderung
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helfe dem Behinderten am ehesten, seinen angemessenen Platz in der Gemein-


schaft der Mitbürger zu finden. So viel Eigenhilfe wie möglich und so viel
fremde Hilfe wie nötig, an diesem Grundsatz orientiere sich auch die unter-
schiedlich gestaltete fördernde und stützende Hilfe der Landesregierung"
(Deister- und Weserzeitung vom 01.07.82). - Nichtsdestotrotz gingen die
Querelen, die z.T. persönlichen Angriffe und Unterstellungen durch das
Sozialamt Harneln 1982 insbesondere in der Presse weiter (s. Deister- und
Weserzeitung vom 26.08.82, 02.09.82, 16.09.82, 17.09.82, 18.09.82, 19.09.82,
23.09.82, 02.10.82, 17.12.82), lehnte das Sozialamt Kostenübernahme ebenso ab
wie der Kreistag des Landkreises Hameln-Pyrmont in seiner Sitzung vom
21. Dezember 1982. Zwar gab es - sozusagen politischen - Rückenwind durch
die Bundestagsabgeordnete Brigitte Traupe, doch bedurfte es letztlich des
o.g. Ultimatums der Kündigung der Mietverträge mit den WG-Bewohnern, um
die Betreuungskosten zu erhalten.
Blieb immer noch die Erteilung einer 'Erlaubnis zum Betrieb einer gleich-
artigen Einrichtung zur Betreuung volljähriger Behinderter im Sinne des
§ l HeimG.': ein erster Schritt hierzu war das Urteil des Verwaltungs-
gerichts Hannover vom 02.09.86, in dem festgestellt wurde, daß im Haus
Flakenholz Betreuung im Sinne von Eingliederungshilfe geleistet werde und
der Anstalts- und Heimbegriff im Sinne des § 100 Abs. l des BSHG erfüllt
sei; diese letzte Feststellung wurde ebenfalls - wenn auch nicht so defi-
nitiv - vom Oberverwaltungsgericht Lüneburg in seinem Urteil vom 22.05.87
bestätigt, so daß schließlich der Antrag auf Anerkennung als "gleichartige
Einrichtung" juristisch durchgesetzt werden konnte und dieses Jahr die Er-
laubnis für 12 Dauerbewohner und 2 Notplätze durch das Landessozialamt
Niedersachsen erfolgte!
Soweit die Fakten, statistischen Zahlen und Ereignisse.
Wesentlich erscheint mir aber, noch auf die konkreten Personen einzugehen,
die - z.T. unbemerkt - an der Betreuung mitarbeiten: Herr Dr. Vinke aus
Grupenhagen und Herr Dr. Patscheke aus Groß-Berkel sind als Hausärzte
tätig, Herr Dr. Gletneky und Herr Dr. Möller aus Hameln als Fachärzte
und weiterhin Herr Dr. Fischer als Arzt im Sozialpsychiatrischen Dienst
des Gesundheitsamtes Hameln. Bleibt noch die Erwähnung der Kranken-
gymnastik durch Frau Morell und Herrn Vinke aus Hameln, der Chorea-
Huntington-Beratung durch Herrn Dr. Lange von der Universitätsklinik
Düsseldorf im Verbund mit dem Verein Familienhilfe sowie die regelmäßige
externe Institutionsberatung bzw. Supervision seit 1984 durch mich als
Dipl.-Psychologen.
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Zuletzt möchte ich auf das Ehepaar Ingrid und Heinz Pleinert eingehen,
das ein wesentlicher Motor des Sozialzentrums Hameln e.V. ist: beide
leben mit den Bewohnern der Wohngemeinschaft zusammen, bringen fachliche
wie persönliche Kompetenz in dieses Zusammenleben ein, sind - übertragen
gesprochen - 'Vater' und 'Mutter1 der WG und bieten sich auch als Pro-
jektionsflächen an. In diesem Setting gelingt es ihnen, den ja unter-
schiedlich behinderten (Mit-) Bewohnern erfahrbar zu machen, daß Ingrid
nicht immer nur die 'gute Mutter' im Sinne einer gütigen, gewährenden,
warmherzigen, annehmenden und nährenden Mutter ist und daß als Gegenpol
bzw. Gegenpart Heinz nicht nur der 'böse Vater1 im Sinne eines versagen-
den, regelsetzenden, strengen und harten Vaters ist. Ich denke, gerade
diese Paarkonstellation ermöglicht den Bewohnern im Rahmen ihrer Möglich-
keiten eine emotionale Nachreifung, wie sie m.E. in den schlechteren
'Alternativen' eines Dauerwohnheims oder eines Landeskrankenhauses in
dieser Form nicht möglich ist.
Da Praxis ohne Theorie ja ebenso blind ist wie Theorie ohne Praxis,
habe ich nach Vorbildern oder Modellen gesucht, die theoretisch nicht
allzu sehr abgehoben sind: gefunden habe ich die unkonventionelle und
beispielhafte Arbeit des Analytikers Bruno Bettelheim, der eine milieu-
therapeutisch zu nennende Förderung von behinderten und/oder schwerge-
störten Kindern und Jugendlichen konzipierte, sie in 2 Büchern mit den
Titeln 'Leben lernen als Therapie' und 'Liebe als Therapie' beschrieben
hat. Bei Bettelheim findet sich das Leiden und die Solidarität mit dem
Leiden, das Akzeptieren des - störenden - Symptoms als notwendiger Aus-
druck der inneren Verfassung eines Menschen, den man absolut ernst
nehmen muß, wenn man ihm helfen will, die Geduld im Umgang mit seinen
störenden Verhaltensweisen, bis der andere sein Symptom von sich aus
aufgeben kann, weil er sich verstanden und angenommen fühlt. Genau dies
bezeichnet den Unterschied zwischen der bloßen Abwesenheit von Herr-
schaft und therapeutischer Solidarität. Bei Bettelheim findet sich die
Feststellung, diagnostische Etikettierungen seien ebenso hinderlich wie
jede Art von vorgefaßter Meinung: denn wer schon alles weiß, verschließt
sich der Offenheit der Erfahrung. Hilfreicher ist Einfühlung aus ge-
schärfter Selbstwahrnehmung und die Bereitschaft zu lernen. Sie macht
eine echte menschliche Beziehung möglich, die dem anderen Würde und
Selbstachtung zurückgibt. Von therapeutischem Wert ist dabei nicht zu-
letzt die Erfahrung des anderen, daß er in der Beziehung zu seinem
Betreuer nicht nur der Empfangende ist, daß der Betreuer im Umgang
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mit ihm auch sich selbst besser verstehen lernt, reifer wird. Bei Bettel-
heim findet sich das Prinzip der offenen Tür, das so selbstverständlich
ist wie der absolute Verzicht auf Zwang und Manipulation, der Abbau des
hierarchischen Machtgefalles, die Einbeziehung des Küchenpersonals und
des Hausmeisters in das therapeutische Konzept. Aber all dies ist erst
die Voraussetzung für das Eigentliche: das Engagement der menschlichen
Beziehung und die Aufmerksamkeit für Gefühle (auch des Betreuuers übrigens,
der von der Solidarität der Gemeinschaft getragen werden muß). - Im Bericht
der Enquete-Kommission zur Lage der Psychiatrie aus dem Jahre 1975 heißt
es, allen Reformen vorauszugehen habe die Befriedigung der humanen Grund-
bedürfnisse des Patienten. Dazu gehört freilich mehr als ausreichende
sanitäre Einrichtungen und das Recht auf einen kleinen persönlichen
Bereich. Nehmen wir die 'humanen Grundbedürfnisse1 wirklich ernst, so
ernst wie Bruno Bettelheim, aber auch wie hier das Ehepaar Pleinert in
der Wohngemeinschaft in Flakenholz, so sind wir schon mitten drin in
einer Reform, die über die zaghaften, mehr in Kategorien von Organisa-
tion und Versorgung denkenden Empfehlungen der Enquete-Kommission weit
hinausführt.* Insofern ist "alternativ eben anders ...".
Noch eine weitere kritische Anmerkung möchte ich aber machen: Ingrid
und Heinz Pleinert haben sich in der Vergangenheit finanziell wie
emotional in einem Maße für das Sozialzentrum, für seine Bewohner,
deren Anliegen und Bedürfnisse engagiert, daß man dies zeitweise m.E.
auch als eine Form von 'Selbstausbeutung1 beschreiben kann! Für die
Zukunft wünsche ich beiden, daß nach der Anerkennung als "gleichwertige
Einrichtung" und der Erteilung der Erlaubnis durch das Landessozialamt
Niedersachsen in diesem Jahr sowie der nunmehr ganztägigen Tätigkeit
von Ingrid Pleinert im Haus Flakenholz das Nervenaufreibende, das Über-
anstrengende und Krankmachende, das Mutlosmachende in der tagtäglichen
Arbeit oder besser im tagtäglichen Leben in der Wohngemeinschaft hier
im Haus Flakenholz weniger wird und beide damit mehr Möglichkeiten haben,
das Lebendige und Bereichernde dieses beispielhaften Zusammenlebens in
größerem Maße zu erleben und auch zu genießen.

*z.T. zitiert bei Hans Krieger: Macht und Einfühlung in der Psychiatrie.
Der Patient hat immer Recht. Bücher von Szasz und Bettelheim lehren
radikales Umdenken. In: Die Zeit Nr. 18 vom 23.04.76.
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Am Schluß dieses Rückblicks möchte ich den zahlreichen Freunden und


Förderern des Sozialzentrums Hameln e.V. Dank sagen für ihre Hilfe
und Unterstützung und dem Ehepaar Pleinert für sein persönliches
Engagement als persönlichen Gruß und als Ermutigung zur Weiterarbeit
ein Buch von Bettelheim überreichen.
Ich Danke für Ihre Aufmerksamkeit, möchte die um Nachsicht bitten, die
ich hier in diesem Rückblick nicht genannt habe, und wünsche Ihnen noch
einen schönen Abend.