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Buchbesprechungen

· ob Habermas’ Politikverständnis der in den staatlichen Bereich transfe- rierte methodische Atheismus der Neuzeit ist, der von Gott nicht mehr viel erwartet,

· ob der religiös unmusikalische Philosoph überhaupt das Sprachspiel des religiösen (eventuell eine Konversion erlebt habenden) Menschen ver- stehen kann, und

· ob Habermas dem Glauben zu viel oder zu wenig zugesteht.

In der Beantwortung dieser Fragen differieren die Beiträge des Bandes. Sie geben einen informativen und spannenden Überblick über das Problem, das mit dem Böckenförde-Diktum aus dem Jahr 1976 („Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist das große

Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist. Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Ho- mogenität der Gesellschaft, reguliert. Anderseits kann er diese inneren Regulie- rungskräfte nicht von sich aus, das heißt, mit den Mitteln des Rechtszwanges und autoritativen Gebots zu garantieren versuchen, ohne seine Freiheitlichkeit aufzu- geben und – auf säkularisierter Ebene – in jenen Totalitätsanspruch zurückzufal- len, aus dem er in den konfessionellen Bürgerkriegen herausgeführt hat.“) der breiten Öffentlichkeit bekannt wurde. Zu bedauern ist es allerdings, dass nicht religionskritische (oder wenigstens agnostische) Philosophen zu der Wiener Ta- gung eingeladen waren. Denn wie die US-Amerikanerin Maeve Cooke im vorlie- genden Band Habermas metaphysische Enthaltsamkeit in politicis vorwirft, so kann die Philosophie fragen, ob sie von einer Öffnung gegenüber der Religion profitieren kann. Habermas muss selbst schon anmerken, dass (durch ihn?) Tore geöffnet werden, die zu einer Rekonfessionalisierung und Refundamentalisierung führen könnten (S. 413), wie es im denominationell porösen religiösen Pluralis- mus der USA und in islamischen Theokratievorstellungen sichtbar wird. Ist also die Religion Lösung oder Bestandteil des Problems?

Gymnasium Paulinum Münster

Martin Arndt

Edwin A. Judge: The First Christians in the Roman World. Augustan and New Tes- tament Essays, ed. by James R. Harrison (= Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament, Bd. 229), Tübingen: Mohr-Siebeck 2008, XIX + 786 S.

Edwin A. Judge, geboren 1928, mittlerweile emeritierter Professor für Alte Ge- schichte an der Macquarie University in Sydney, hat seit seiner Studie ‚The Social Patterns of Christian Groups in the First Century’ aus dem Jahr 1958 beständig zu Fragen der Gestalt des frühen Christentums unter den Bedingun- gen der römischen Kaiserzeit geforscht und publiziert. In diesem Aufsatzband, herausgegeben von James R. Harrison, sind insgesamt 44 Studien aus den zu- rückliegenden fünf Jahrzehnten zu vier Themenbereichen veröffentlicht. Hierbei handelt es sich teilweise um größere Publikationen, etwa die Studie ‚Christli- che Gruppen in nichtchristlicher Gesellschaft’, die bereits 1964 in deutscher Übersetzung im Brockhaus-Verlag erschien und Judge denjenigen bekannt mach- te, die an sozialgeschichtlich orientierter Exegese Interesse hatten (in diesem Band mit neuem Vorwort abgedruckt, S. 464-525). Daneben sind viele Aufsät- ze und etliche kleine Beiträge in den Band aufgenommen worden, darunter auch ausgearbeitete und mit wissenschaftlichem Apparat versehene Kongressbeiträge.

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ZRGG 61, 3 (2009)

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Manche dieser Veröffentlichungen haben einen Umfang von nur wenigen Sei- ten. Nur wenige dieser Beiträge waren einer größeren Öffentlichkeit bekannt, was möglicherweise auf zum Teil abgelegene Publikationsorte zurückzuführen ist. Die Zusammenstellung der Studien aus einem mehrere Jahrzehnte währen- den Forschungszeitraum und einem bewegten Forscherleben in diesem hier zu besprechenden Band, versehen mit einem umfangreichen und (teilweise) hilf- reichen Register, ist fraglos ein Gewinn, zumal der ehedem auch in Deutsch- land gepflegte Austausch zwischen den Disziplinen Altertumswissenschaft und Theologie (Bibelwissenschaft, Alte Kirche) etwas in den Hintergrund getreten ist. Dass ein solcher Austausch für die Bibelwissenschaft viele neue Perspekti- ven hervorbringt, belegen die Studien von Judge, der auch Gründungsmitglied des Forschungsprojekts „New Documents Illustrating Early Christianity“ war, aus dem seit 1976 eine neunbändige gleichnamige Reihe hervorgegangen ist. Im Anschluss an das Vorwort folgt eine umfangreiche Einführung (1-32) in den Band, in der die Ergebnisse der 44 Studien knapp und pointiert zusammen- gefasst sind. Der Autor des Vorwortes und der Einführung wird nicht genannt, vermutlich gehen beide Teile auf den Herausgeber James R. Harrison zurück. In insgesamt vier große Themenbereiche sind die Studien aufgeteilt: I. Augustus in his Times (Nr. 1-18; S. 33-345); II. The Roman Empire and the First Christi- ans (Nr. 19-32; S. 347-462); III. Social Innovation in the Early Churches (Nr. 33-39; S. 463-668; dieser Teil enthält eine umfangreiche „General bibliography“ zum Thema, S. 663-668); IV. The First Christians and the Transformation of Culture (Nr. 40-44; S. 670-732). Knapp die Hälfte des Bandes kreist also um Augustus, blickt aber auch auf die Kritik des Paulus an dessen Freudenbot- schaft. Wenige Forschungsergebnisse aus den Teilen II-IV sollen kurz ange- sprochen werden, um wenigstens einige Aspekte aus Judge’s Beitrag zur Ge- schichte des frühen Christentums zu verdeutlichen. Hinsichtlich seines Erschei- nungsbildes wird das Urchristentum eher mit philosophischen Schulen als mit Mysteriengemeinschaften verglichen (526-552). Auch Paulus habe gleichsam eine Wandlung von einem wandernden Rabbi zu einem Sophisten durchgemacht, der in die Häuser begüterter Mäzene einkehrte. Die Sozialgestalt des frühen Christentums entspricht nicht dem klassischen Bild einer unteren Schicht, viel- mehr ist ein großer Einfluss angesehener und wohlhabender Personen sowohl auf die Hausgemeinden als auch in ihnen festzustellen. Die Trennung der ent- stehenden Kirche von der Synagoge wird sehr früh angesetzt und mit der An- nahme verbunden, dass Juden und Römern die Besonderheit des Christentums von Anfang an bekannt gewesen sei. In der Stadt Rom allerdings sei erst durch den zweijährigen Gefängnisaufenthalt des Paulus und die in dieser Zeit stattfin- dende Predigttätigkeit die Gründung einer Kirche und die Separation von der Synagoge erfolgt (442-455). Bis zu diesem Zeitpunkt seien die aus dem östli- chen Imperium zugewanderten Christen noch Teil der Synagoge gewesen. Dies wiederum hat natürlich Folgen für die Deutung des Claudius-Ediktes aus dem Jahr 49 n. Chr. Etliche Studien bereichern unsere Kenntnis der sprachlichen Äußerungen des frühen Christentums. Hierzu zähle ich den Vergleich der ethi- schen Terminologie in den paulinischen Briefen mit den Inschriften, die in Ephesus gefunden wurden. Die seit Paulus gebräuchliche Formel in Christus bzw. die Rede von dem Leib Christi wird nicht metaphorisch gedeutet und ein spezifi- sches einheitliches Verständnis der Wendungen lehnt Judge ab. Er verweist hin- gegen auf eine vielfältige Körpersprache in zeitgenössischer römischer Literatur, um soziale Relationen innerhalb des Imperiums zum Ausdruck zu bringen.

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Unbefriedigend und nicht nachahmenswert ist die Anordnung des Registers II, in dem alle Autoren und Werke der jüdischen, christlichen, griechischen und römischen Literatur in alphabetischer Reihenfolge hintereinander aufgeführt

werden. Die Apostelgeschichte des Lukas findet man unter dem englischen Acts of the Apostles, hier wird aber sogleich verwiesen auf Luke, der zwischen Lucian und Maccabees, First Book of the erscheint, um hier wiederum auf Second logos for Theophilus (sc. ‚Acts’) geführt zu werden. Ebenso ist die Notierung des Buches Deuteronomium unter Moses, Pentateuch nicht nur unüblich, sondern auch wenig hilfreich.

Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Friedrich W. Horn

Ay !e Ba !ol-Gürdal: „Allah ist das Licht von Himmel und Erde“. Der Lichtvers Sura 24 an-Nur 35. Seine Bedeutung im Kontext der Offenbarung und Grundzüge seiner Auslegung in der islamischen Gelehrsamkeit, Berlin: Klaus Schwarz Ver- lag 2008, 155 S.

Wenn mit Begeisterung über die Ästhetik des Korans, seine kunstvolle Sprache, seine poetischen Qualitäten gesprochen wird, ist dies für einen Leser, der nur eine deutsche Übersetzung kennt – womöglich eine solche mit einem hohen Anspruch an Korrektheit, an die Genauigkeit der Übersetzung (wie z. B. diejenige von Paret) -, nur schwer nachvollziehbar. Doch auch in einer solchen Übersetzung finden sich Stellen, die dem Leser einen Eindruck davon vermitteln, wie der Koran auf denjenigen wirken mag, der ihn in Arabisch liest und dem womöglich das Arabi- sche, da er es schon immer spricht oder seit seiner Kindheit hört, sehr vertraut ist. Zu diesen auch in der Übersetzung aufgrund ihrer poetischen Qualität anspre- chenden, auf den Leser ästhetisch wirkenden, ihn in seinen Bann ziehenden Ver- sen gehört in besonderer Weise der „Lichtvers“ aus der Sure 24: „Allah ist das Licht von Himmel und Erde. Das Gleichnis seines Lichtes ähnelt einer Nische, in der sich eine Lampe befindet. Die Lampe ist in einem Glas, das einem funkelnden Stern gleicht. Sie brennt von einem gesegneten Baum, einem Ölbaum, der weder östlich noch westlich ist. Sein Öl leuchtet schon fast, ohne dass Feuer überhaupt daran gekommen ist. Pures Licht. Allah führt zu seinem Licht, wen er will und er prägt den Menschen die Gleichnisse. Allah weiß über alles Bescheid.“ Über diesen Vers hat Ay ! e Ba !ol-Gürdal eine Arbeit geschrieben, die hier vorgestellt werden soll. Wie ist Ba !ol-Gürdal vorgegangen und zu welchen Er- gebnissen ist sie gelangt? Es ist überraschend und es stellt sich die Frage, warum dies so ist, aber das Buch von Ba ! ol-Gürdal enthält nicht dasjenige, was zu erwarten gewesen wäre:

eine ausführliche Interpretation des Lichtverses. Die Autorin geht vielmehr nur indirekt auf ihn ein, und zwar folgendermaßen: Sie geht davon aus, dass es für jeden Leser des Verses doch auf der Hand liege (und folglich als Minimalkonsens angesehen werden könne), dass der Lichtvers „irgendwie“ zum einen von „Gott“ bzw. von „Allah“ und zum anderen vom „Licht“ handelt. Dies lässt sich tatsächlich kaum bestreiten. Fraglich ist aber, ob der Schluss, den die Autorin daraus zieht, plausibel ist: Sie „kontextualisiert“ diese beiden Begriffe, indem sie danach fragt, wie der Begriff „Allah“ und wie der Begriff „Licht“ im Koran verwendet wird. Ist das ein geeigneter hermeneutischer Schlüssel zum Verständnis des Verses? In einer verwandten philologischen Disziplin, der Germanistik, ist dieses me- thodische Vorgehen schon vor langer Zeit als „Parallelstellenmethode“ proble- matisiert worden (z. B. von Peter Szondi). „Parallelstellen“ können bei der Inter-

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