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Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose (genannt „Der Rattenmann“)

Sigmund Freud; veröffentlicht 1909 (nach der Sigmund Freud – Studienausgabe, S. Fischer
Verlag, 1973 Band 7)

Freud hat den jungen Mann (29 Jahre alt) am 1.10.1907 in Analyse genommen. Diese dauerte
ein knappes Jahr; der Pat. beendete seine Behandlung bei Freud, da er seine Symptome
verloren hatte.
Freud gliedert seinen Aufsatz nach der Einleitung in zwei große Kapitel: „Aus der
Krankengeschichte“ und „Zur Theorie“. In der Einleitung schreibt er unter anderem , dass er
die vollständige Behandlungsgeschichte nicht mitteilen könne, da er den Pat. schützen wolle.
Zusätzlich teilt Freud 1924 in einer Anmerkung zur Krankengeschichte der „Dora“ mit, dass
die Veröffentlichung des „Rattenmannes“ mit Zustimmung des Pat. erfolgte.

Freuds Pat. hat eine akademische Bildung und macht auf Freud den Eindruck eines klugen
Mannes. Er berichtet, dass er an Zwangsvorstellungen leide, schon seit seiner Kindheit,
besonders stark aber seit 4 Jahren. Der Kern seiner Vorstellungen seien Befürchtungen, dass
zwei Personen, die er sehr liebe, etwas geschehen würde, seinem Vater und einer Frau, die er
sehr verehre („die Dame“). Außerdem habe er Zwangsimpulse, sich mit einem Rasiermesser
den Hals abzuschneiden und er entwickle Verbote, die sich auf weniger wichtige Dinge
beziehen. Der Pat. berichtet spontan von seinem Sexualleben (wann Onanie, 1. Koitus etc.)
Freud fragt ihn, warum er seine Sexualität so in den Vordergrund rücke. Der Pat. erzählt
daraufhin, dass er nicht vieles von ihm gelesen habe, aber vor kurzem in einem Buch von ihm
geblättert habe („Zur Psychopathologie des Alltagslebens“, 1901) und in diesem die
Aufklärung bestimmter Wortverknüpfungen gefunden habe, die ihn an seine eigenen
„Denkarbeiten“ erinnert hätten. Daher käme er zu ihm und vertraue sich ihm an.

Freud gibt dem Pat .zur Einleitung der Behandlung folgende Bedingungen: alles zu sagen,
was ihm durch den Kopf gehe, auch wenn es ihm unangenehm sei, oder er es für unwichtig
halte, als nicht dazugehörig oder sogar als unsinnig erscheine.
Es folgt nun der erste Teil der Behandlung, das heißt, sehr detailreich die ersten 7 Stunden.

1. Stunde:
Der Pat. berichtet von seinem Sexualleben, welches er als früh einsetzend schildert, ca. mit
4./5. Jahren. Er betastete seine schöne, junge Gouvernante, auch an den Genitalien, was sie

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zuließ. Seitdem hatte er eine starke Neugier, den weiblichen Körper zu sehen. Auch Lina, ein
anderes Kindermädchen, ließ es zu, dass er zu ihr ins Bett kam und sie berührte. Er habe
schon mit 6 Jahren an Erektionen gelitten und beklagte sich bei seiner Mutter darüber. Er
hatte damals die peinigende Idee, „die Eltern wüssten meine Gedanken, was ich mir so
erklärte, dass ich sie ausgesprochen, ohne es aber selbst zu hören. Ich sehe hierin den Beginn
meiner Krankheit.“ (S. 40) Es gab damals Mädchen, die ihm sehr gefielen und die er dringend
nackt zu sehen wünschte. Und nun äußert Freuds Pat. die erste Zwangsvorstellung: Er habe
aber bei diesen Wünschen das unheimliche Gefühl gehabt, als würde etwas geschehen, wenn
er das denken würde, und er müsse alles tun, um es zu verhindern. Freud fragt ihn, was denn
Schlimmes geschehen könne, und der Pat. antwortet, sein Vater würde sterben. An dieser
Stelle hört Freud erstaunt, dass der Vater des Pat. schon vor mehreren Jahren gestorben ist.

Freud kommentiert, dass der Pat. in der ersten Stunde seine Zwangskrankheit selbst schildert,
und nicht nur den Beginn derselben. Ein Konflikt sei im damaligen Kind entstanden: neben
dem Zwangswunsch steht eine Zwangsbefürchtung, eng an den Wunsch gebunden. Und sooft
er so etwas denkt, muss er befürchten, dass etwas Schreckliches geschehen wird. Die
Zwangsvorstellung heißt also: „Wenn ich den Wunsch habe, eine Frau nackt zu sehen, muss
mein Vater sterben“ (S. 42). Freud nennt diesen Wunsch, der ein Unheil provoziert, einen
„peinlichen Affekt“, der deutlich etwas Unheimliches und Abergläubisches an sich habe und
jetzt Impulse gefördert werden, das Unheil abzuwenden. Die späteren „Schutzmaßregeln“
sind die Folge davon. „Also: ein erotischer Trieb und eine Auflehnung gegen ihn, ein (noch
nicht zwanghafter) Wunsch und eine (bereits zwanghafte) ihr widerstrebende Befürchtung,
ein peinlicher Affekt und ein Drang zur Abwehrhandlungen; das Inventar der Neurose ist
vollzählig“ (S. 42) Freud schreibt, dass er diese Form eines erotischen Wunsches, an den
unheimliche Erwartungen und die Neigung zu Abwehrhandlungen geknüpft sei, auch von
anderen Fällen kenne.
2. Stunde:
In dieser Stunde erzählt der Pat. das Erlebnis, welches der Anlass war, Freud aufzusuchen. Es
geht um die sog. „große Zwangsbefürchtung“. Im August 1907 hat der Pat. an einer
Waffenübung teilgenommen Und nun geschehen zwei Dinge, die sich in einer großen
Zwangsbefürchtung verbinden: der Pat. verliert bei einer Rast seinen Zwicker und bestellt
telegraphisch in Wien bei seinem Optiker einen neuen, um den Aufbruch nicht zu verzögern.
Während dieser Rast sitzt er zwischen zwei Offizieren, von denen einer, ein Hauptmann, von
einer schrecklichen Strafe im Orient berichtet. Der Verurteilte wird angebunden und über sein

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Gesäß ein Topf gestülpt, in welches Ratten eingelassen werden, die sich dann in den After
des Verurteilten einbohren. Während dieser Erzählung durchzuckte den Pat. die Vorstellung,
dass diese Strafe an einer ihm „teuren Person“ vollzogen werde, gemeint ist die Dame, die er
verehrt, und, wie er später auf Nachfragen von Freud berichtet, dass diese Strafe auch an
seinem Vater vollzogen wird (der schon lange tot ist). Zunächst gelingt es dem Pat. sich mit
seinen gewohnten Abwehrmaßregeln dieser Vorstellungen zu erwehren. Am nächsten Tag
überreicht ihm der Hauptmann, der von der Rattenstrafe erzählt hatte, ein mit der Post
angekommenes Paket mit dem bestellten Zwicker und sagt, dass der Oberstleutnant A. die
Nachnahme ausgelegt habe und er ihm das Geld zurückgeben möchte. In diesem Moment
entsteht im Pat. die „Sanktion“ „Nicht das Geld zurückgeben, sonst geschieht das (d.h. die
Rattenstrafe an der Dame und dem Vater)“ (S. 45) Sofort entsteht zu Bekämpfung dieser
Sanktion ein Gebot wie ein Eid: „Du musst dem Oberstleutnant A. die Kronen ….
zurückgeben“ (S. 45) Es stellt sich heraus, dass trotz aller Bemühungen der Pat. dem A. das
Geld nicht zurückgeben konnte und sich -zunächst -herausstellte, dass es Oberstleutnant B.
gewesen war, der das Geld auslegte. Freud beschreibt, dass sich der Pat. am Ende dieser 2.
Stunde verwirrt und wie betäubt benahm und Freud mehrfach mit „Herr Hauptmann“
ansprach. Er klärt Freud in dieser Stunde aber auf, dass auch bei früheren Befürchtungen er
diese Strafen nicht allein jetzt, sondern auch ins Jenseits verlegt habe.

3. Stunde:
In der 3. Stunde berichtet der Pat., wie ihn sein Eid, dem A. das Geld zurückzugeben, geplagt
habe. Er machte sehr komplizierte Pläne, dem Oberstleutnant A. das Geld zustellen zu
lassen, bis hin zur einer nächtlichen Fahrt nach Wien, wo er einen Freund aufsuchte und
diesem von seinem Eid erzählte. Dieser beruhigte ihn und ging mit ihm am nächsten Tag zur
Post und der Pat. überwies das Geld an die Adresse des Postamtes, wo der Zwicker
angekommen war. Es wird Freud und auch dem Leser deutlich, dass der Pat. schon vor seiner
Abreise wusste, dass es niemand anderem als dem Postbeamten das Geld überweisen musste.
Also schon vor der Aufforderung des Hauptmanns und vor seinem Eid wusste er durch einen
anderen Offizier, dass das Postfräulein das Geld ausgelegt hatte und der Hauptmann, der die
Rattenstrafe erzählt hatte, sich geirrt hatte. Trotzdem leistete er auf diesen Irrtum den Eid, der
ihn dann quälte, um ihn ausführen zu können.

4. Stunde:

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In der 4. Stunde schlägt der Pat. ein wichtiges anderes Thema an: sein Vater. Er berichtet,
dass der Vater vor neun Jahren verstarb und er sich vorwarf, bei seinem Tod nicht an seinen
Krankenlager gewesen zu sein, obwohl der Arzt ihn vorgewarnt hatte. Zunächst quälte ihn das
aber nicht mit Schuldgefühlen, sondern er realisierte- wir würden heute sagen, in
verleugnender Weise – seinen Tod nicht, sondern es passierte immer wieder, dass er zu sich
sagte, „Das muss ich dem Vater erzählen“, wenn er etwas für diesen Wichtiges hörte. Obwohl
er die Tatsache seines Todes nicht vergaß, hoffte er z. B., wenn er in ein Zimmer trat, dort den
Vater vorzufinden. Erst 1 ½ Jahre später erinnerte er sich gequält an sein Versäumnis und
erlebte sich als einen Verbrecher. Von da an fügte er seinen Zwangsgedanken die Fortsetzung
im Jenseits hinzu. Freud resümiert, dass das Schuldbewusstsein berechtigt ist, aber zu einem
anderen Inhalt gehört, der nicht bekannt, also unbewusst ist.

In der 5. Stunde erläutert Freud anlässlich der Schuldgefühle dem Vater gegenüber dem Pat.
den Unterschied zwischen dem Bewussten und dem Unbewussten und die Verbindung des
Unbewussten zum Infantilen, welches verdrängt worden sei.

In der 6. Stunde entwickelt sich zunehmend die Komplexität seiner Vaterbeziehung. Mit dem
7. Lebensjahr entwickelte der Pat. konstant durch seine Kindheit die Angst, dass seine Eltern
seine Gedanken erraten. Mit 12 Jahre verliebte er sich in ein kleines Mädchen, welches zu
ihm nicht so zugewandt war, wie er es sich wünschte. Da kam ihm die Idee, dass dieses
Mädchen liebevoller zu ihm sei, wenn ihn ein Unglück träfe, und in diesem Zusammenhang
entstand die Phantasie, das sei der Tod des Vaters. Ein ähnlicher Gedanke kam dem Pat. ein
halbes Jahr vor dem Tod des Vaters. Er war (Freud in der Fußnote: „vor zehn Jahren!) schon
in die verehrte Dame verliebt, konnte aber wegen fehlender materieller Mittel nicht um sie
werben. Da hatte er die Idee, wenn der Vater stürbe, würde er so reich werden, dass er sie
heiraten könne. Natürlich muss er diese Phantasie abwehren und wünschte sich, der Vater
möge gar nichts hinterlassen. Freud bearbeitet in Folgendem mit ihm ausführlich, dass er
tatsächlich den Wunsch gehabt habe, der Vater möge sterben, und dies nicht nur eine
Befürchtung gewesen sei. Der Pat. ist zunächst ungläubig und fragt, wie dies möglich sei,
wenn der Vater der liebste aller Menschen war. Freud antwortet, „gerade diese intensive
Liebe sei die Bedingung des verdrängten Hasses“ (S. 53). Freud deutet: „die Quelle, aus
welcher die Feindseligkeit gegen den Vater ihre Unzerstörbarkeit beziehe, sei offenbar von
der Natur sinnlicher Begierden, dabei habe er den Vater irgendwie als störend empfunden“ (S.
54/55) „Der Wunsch (den Vater als Störer zu beseitigen) müsste in Zeiten entstanden sein, in

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denen die Verhältnisse ganz anders lagen, etwa dass er den Vater damals nicht stärker liebte
als die sinnlich begehrte Person oder dass er einer klaren Entscheidung nicht fähig war, also
in sehr früher Kindheit, vor 6 Jahren“….. (Freud meint vor dem 6. Lebensjahr und meint
natürlich den Ödipuskomplex, auf den er später sehr deutlich zurückkommt). Er erinnert den
Pat. an den „beständigen Widerstand“ (S. 56), unter dem diese Behandlung vorangehe.
Daraufhin erzählt der Pat., dass er mit seinem Kindergewehr , da war er unter 8 Jahren, auf
die Stirn des jüngeren Bruders gezielt habe. Auf diesen sei er immer eifersüchtig gewesen,
denn er sei der beliebtere gewesen. Er berichtet auch von rachsüchtigen Phantasien gegenüber
der verehrten Dame, in die er verliebt war, aber auf keine Gegenliebe stieß.
Am Ende dieser Stunde berichtet der Pat., dass sich seine Krankheit nach dem Tode des
Vaters sehr gesteigert habe. Freud stimmt ihm zu, indem er „die Trauer um den Vater als
Hauptquelle der Krankheitsintensität anerkenne. Die Trauer hat in der Krankheit gleichsam
einen pathologischen Ausdruck gefunden.“ (S. 57)

Nach der 7. Stunde endet die ausführliche Stundenbeschreibung und Freud fasst die
Krankengeschichte bis hin zur Auflösung der Rattenphantasie zusammen.

Freud „übersetzt“. einige Zwangsvorstellungen des Pat., indem er wie bei der Traumdeutung
deren unbewussten Sinn entschlüsselt.
Der „Rattenmann hatte von Selbstmordimpulsen berichtet, die sich wie folgt entwickelten: er
hatte einige Zeit in seinem Studium verloren, da er unmotiviert lernte, denn die von ihm
verehrte Dame war abgereist, um ihre erkrankte Großmutter zu pflegen. Es entstand in ihm
das Gebot, sich mit dem Rasiermesser den Hals abzuschneiden. Er wollte sich schon das
Rasiermesser holen, da er spürte, dass das Gebot erfolgt war, aber da fiel ihm ein, dass dies
nicht so einfach sei und es entstand ein zweites Gebot:“ Du musst vorher hinfahren und die
alte Frau umbringen“. (S. 58) Danach sei er entsetzt zu Boden gestürzt. Freud deutet dem
Leser, dass der Pat. unter der Abwesenheit seiner geliebten Dame litt und eine große Wut
gegen die Großmutter, aber eben unbewusst, hatte. Am liebsten würde er hinreisen und die
alte Frau umbringen, die der Grund ist, dass er seiner verehrten Dame beraubt ist. Daher
erfolgt das Gebot, sich selbst umzubringen als Selbstbestrafung für eine solche große Wut und
Mordwünsche. Aber der ganze Vorgang tritt in umgekehrter Reihenfolge auf: zuerst kommt
das Strafgebot , dann erst die Erwähnung des strafbaren Wunsches. Andere ähnliche
selbstgefährdende Impulse entstehen als Reaktion auf eine „ungeheure, vom Bewusstsein
nicht zu erfassende Wut gegen eine Person, die als Störerin der Liebe auftritt“. (S. 59).

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Freund interpretiert auch weitere Zwänge des Pat., so seine „Schutzzwänge“, seinen
„Verstehzwang“, seinen „Zählzwang“. Der Schutzzwang der Dame gegenüber sei eine
Reaktion, und zwar Reue und Buße, gegen einen gegensätzlichen, also feindseligen Impuls
der Dame gegenüber. Der Zählzwang (bei Gewitter zwischen Blitz und Donner bis 40 oder 50
zu zählen) sei eine Abwehr gegen Ängste, die Lebensgefahr bedeuten. Freud misst den
feindseligen Impulsen des Pat. der Dame gegenüber einen wichtigen Wert bei. Im
Verstehzwang ist der fortwirkende Zweifel an ihrer Liebe dargestellt. „Es tobt in unserem
Verliebten ein Kampf zwischen Liebe und Hass, die der gleichen Person gelten, und dieser
Kampf wird plastisch dargestellt in der zwanghaften, auch symbolisch bedeutsamen
Handlung, den Stein vom Weg, den sie befahren soll, wegzuräumen und dann diese Liebestat
wieder rückgängig zu machen, den Stein wieder hinzulegen, wo er lag, damit ihr Wangen an
ihm scheitere und sie zu Schaden komme“. (S. 61) Freud gibt dem Konflikt zwischen Liebe
und Hass seines zwangsneurotischen Pat. eine große Bedeutung. Denn die verehrte Dame
hatte seine erste Werbung vor 10 Jahren abgelehnt und seitdem befand er sich in einem
erheblichen Widerstreit seiner Gefühle dieser Frau gegenüber.

Zum Abschluss der Krankengeschichte beschreibt Freud die Krankheitsveranlassung, die mit
dem Vaterkomplex zu tun hat und beschreibt die Lösung der Rattenstrafe, d.h. interpretiert
sie, nachdem der Pat. viel neues Material gebracht hat.
Er führt zwar nicht den Begriff Isolierung als Abwehrmechanismus ein, beschreibt diesen
Vorgang aber ausführlich. Im Unterschied zur Hysterie, bei der die Anlässe der Erkrankung
und die kindlichen Erlebnisse der Amnesie durch Verdrängung fallen, seien bei der
Zwangsneurose „die rezenten Anlässe der Erkrankung“ (S. 64) im Gedächtnis erhalten. „Die
Verdrängung (Freud meint hier damit die Abwehr) hat sich hier eines anderen, eigentlich
einfacheren Mechanismus bedient; anstatt das Trauma zu vergessen, hat sie ihm die
Affektbesetzung entzogen, so dass im Bewusstsein ein indifferenter, für unwesentlich
erachteter Vorstellungsinhalt erübrigt“, (S. 64) d.h. übrig bleibt. In einer Fußnote beschreibt
Freud, dass der Zwangskranke seine Traumen zwar kennt, da er sie nicht vergessen hat, aber
er kennt sie auch nicht, weil er nicht ihre Bedeutung erkennt. Freud führt auch den Begriff der
„Verschiebung des Vorwurfsaffekt“ (S. 66) ein, der bei Zwangskranken häufig vorkomme.
Damit ist der Vorgang gemeint, dass ein Zwangskranker, den er behandelte, seine
Beschmutzungsangst oder seinen Beschmutzungsvorwurf auf das Papiergeld verschob,

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welches er gebügelt und damit sauber Freud überreichte, um von seinen „schmutzigen“
Sexualpraktiken mit jungen Mädchen den Vorwurfsaffekt zu entziehen.
Die Krankheitsveranlassung beim „Rattenmann“ war wie folgt:
Der Vater des Pat. hatte infolge seiner Heirat mit der Mutter des Pat. es zu einem ziemlichen
Wohlstand gebracht, da er in ein großes industrielles Unternehmen eintrat. Vorher war er mit
einem Mädchen aus eher bescheidenen Verhältnissen bekannt. Nach dem Tod des Vaters
teilte die Mutter ihrem Sohn mit, dass einer ihrer reichen Vettern bereit sei, dem Pat. nach
seinem Studium eine seiner Töchter zur Frau zu geben und damit sei auch sein geschäftlicher
Erfolg gesichert. Diese Idee brachte den Pat. in den Konflikt, ob er, wie der Vater, das schöne,
reiche Mädchen heiraten oder seiner armen Geliebten treu bleiben solle. Diesen Konflikt
zwischen seiner Liebe und Willen des Vaters löste der Pat. mit seiner Erkrankung. Diese
bestand auch in einer starken und hartnäckigen Arbeitsunfähigkeit, so dass er sein Studium
nicht beenden und eine dann folgende Heirat nicht verwirklichen musste.
Der Pat. weigert sich, diesen Zusammenhang anzuerkennen, aber durch seine
„Übertragungsphantasien“, wie Freud dies nennt, kommt es zu einer neuen Erkenntnis. Er
überträgt auf Freud seine Vaterbeziehung, wähnt ihn reich und träumt, Freuds Tochter zu
heiraten, die er aber nicht wegen ihrer schönen Augen, sondern wegen des in Freuds Familie
vermuteten Geldes heiratet.
Freud vermutet, dass der Konflikt des Pat. zwischen dem fortwirkenden Willen des Vaters
und seinen eigenen erotischen Wünschen, gemeint ist die Dame, schon ein uralter Widerstreit
in der frühen Kindheit war. Es gibt schon aus der Kindheit den Bericht, dass der Vater sterben
möge, damit ein kleines Mädchen liebevoller ihm gegenüber sein möge. Auch nach dem Tod
des Vaters, als er zum ersten Male Geschlechtsverkehr erlebte, drängte sich ihm die Idee auf,
„Das ist doch großartig; dafür könnte man seinen Vater ermorden!“ Kurz vor seinem Tode
hatte der Vater auch direkt Stellung gegen die von Pat. verehrte Dame genommen und von
dieser Verbindung abgeraten.
Freud diskutiert die Onaniepraktiken des Pat. und misst diesen eine Bedeutung bei, aber
wichtiger sind ihm die Gebote und Verbote des Pat. sowie seine widerstreitenden, wir sagen
heute ambivalenten Gefühle, dem Vater gegenüber. Ein Beispiel dafür: während seines
Studiums, nach dem Tod des Vaters, spielte der Pat. mit der Idee, der Vater lebe noch und
könne jederzeit wiederkommen. Zur späten Nacht, zwischen 12 und 1 Uhr, unterbrach er
seine Arbeit, öffnete die Tür zum Flur, als ob der Vater zur Geisterstunde davor stünde, und
ging dann zurück zum Spiegel des Flurs, um darin seinen entblößten Penis zu betrachten. Hier

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ist deutlich zu sehen: am Studium hätte der Vater seine Freude gehabt, aber wohl nicht an
dem entblößten Penis des Sohnes.
Freud schreibt, nach diesen Berichten wagt er die „Konstruktion“ (S. 71), dass der Pat. als
kleines Kind irgendeine sexuelle Missetat vollbracht habe und dafür vom Vater bestraft
worden sei. Es ergibt sich, durch Nachfragen des Pat. bei seiner Mutter, folgende Geschichte:
als der Pat. zwischen 3 und 4 Jahren alt ist, habe er jemanden gebissen. Er sei daraufhin vom
Vater verprügelt worden. Während dieser Prügel habe der Pat. seinen Vater wütend
beschimpft, was den Vater zutiefst erschütterte. In einer Fußnote erwähnt Freud, dass in den
Träumen des Pat. erotische Wünsche des Pat. der Mutter und einer früh verstorbenen
Schwester gegenüber deutlich wurden und diese Wünsche sowie die Züchtigung des Vaters
in die gleiche Zeit fielen. In einer anderen Fußnote spricht er von dem „Kernkomplex der
Neurosen“ (S. 73), noch nicht Ödipuskomplex, diesen Begriff nimmt er zum ersten Mal 1910
in einem anderen Beitrag auf. Dieser Kernkomplex enthält im kindlichen Sexualleben die
sog. zärtlichen wie feindseligen Gefühle gegenüber den Eltern und den Geschwistern. In
diesem Kernkomplex habe der Vater die „Rolle des sexuellen Gegners und des Störers und
der autoerotischen Selbstbetätigung“ (Fußnote S. 74) Freud schreibt, dass der Pat. erst „auf
dem schmerzhaften Wege der Übertragung“ (S. 73) seine feindseligen Gefühle dem Vater
gegenüber glaubte. Denn es gab eine Phase, wo er Freud und dessen Familie in Träumen,
Phantasien und Einfällen stark beschimpfte; diese negative Übertragung ließ den Pat.
beschämt verzweifeln und er hatte Angst, dass Freud ihn, wie der Vater, auch verprügeln
würde. In dieser Phase wurde auch die Lösung des Rattenrätsels möglich.

Die Lösung, warum die beiden Reden des Hauptmanns, die Rattenerzählung sowie die
Aufforderung, dem Oberstleutnant A. das Geld zurückzugeben, miteinander verknüpft
wurden, war die Identifikation mit dem Vater. Da auch der Vater beim Militär gedient hatte
und viel davon erzählt hatte, war diese unbewusste Identifikation möglich. Besonders auch,
weil der Vater beim Kartenspiel Geld verloren hatte, (Spielratte), das ihm ein Freund damals
auslegte. Der Vater hat diese Spielschuld nie zurückzahlen können, weil er nach dem
Verlassen des Militärs diesen Freund nicht mehr auffinden konnte. Die Worte des
Hauptmannes, Du musst dem Oberstleutnant die Kronen 3,80 zurückgeben, waren dem Pat.
wie eine Anspielung an jene nie eingelöste Schuld. Hinzu kommt, dass der Pat., ähnlich wie
der Vater, der zwischen zwei Frauen geschwankt hatte, zwischen dem Postfräulein, welches
ihm das Geld ausgelegt hatte und der Wirtshaustochter schwankte, die ihm beide schöne
Augen gemacht hatten. Das Schwanken zwischen den beiden Mädchen, so Freud, waren die

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unbewussten Impulse, die den Pat. in ständige Schwankungen brachte, wo er nach dem
Manöver hinfahren solle, um das Geld zurückzuzahlen. Außerdem hatten die Ratten in dem
kurzen Zwischenraum zwischen der Erzählung des Hauptmanns und seiner Mahnung, dem A.
das Geld zurückzugeben, eine ganze Anzahl von symbolischen Bedeutungen erworben.

Die Rattenstrafe berührt die Analerotik, so Freud, und Ratten bekamen auch die Bedeutung
von Geld. Der Pat. nannte das Honorar, das er Freud zahlte, „soviel Gulden, soviel Ratten“ (S.
77). Ebenso war eine Verknüpfung mit der sog. Spielratte vorhanden, die an den Vater und
dessen Schuld erinnerte. Die Ratte war dem Pat. auch als Träger gefährlicher Infektionen
bekannt und so wird die Ratte auch als Symbol eines Penis erlebt, der in der damaligen Zeit
Träger einer z. B. syphilitischen Infektion leicht werden konnte. Ebenso war die Ratte in der
Erzählung des Hauptmanns ein Symbol für den Penis, der einen Verkehr per anum
symbolisiert, welcher in der Beziehung zum Vater und zur verehrten Dame der Pat. als
besonders tabuisiert erleben musste. Im späteren Verlauf der Behandlung wird auch klar, dass
für den Pat. Ratten auch die Bedeutung von Kindern haben. Der Pat. hatte selbst sich als Kind
wahrscheinlich wie eine schmutzige kleine Ratte gefühlt, als er verprügelt wurde, da er
jemanden, wie eine Ratte, gebissen hatte. Eine wichtige Information gibt der Pat. ganz zum
Schluss, als er Freud berichtet, dass die von ihm verehrte und begehrte Dame durch eine
gynäkologische Operation keine Kinder mehr bekommen konnte. Diese Tatsache war der
Hauptgrund seines Schwankens ihr gegenüber, da er Kinder sehr liebte.
Als der Hauptmann auf der Rast, wo der Pat. seinen Zwicker verlor, von der grausamen
Rattenstrafe erzählte, hat sich die Verbindung zu jener Szene in der Kindheit gebildet, wo der
Pat. selbst gebissen hatte und der Hauptmann rückte an die Stelle des Vaters, der den damals
kleinen Pat. heftig verprügelt hatte. Die Phantasie, die Rattenstrafe könne einer ihm lieben
Person geschehen, übersetzt Freud mit dem Wunsch, dass dies dem Erzähler, aber dahinter
auch dem Vater, geschehen solle. Als der „grausame Hauptmann“ dann 1 ½ Tage später den
Pat. auffordert, dem Oberstleutnant A. die ausgelegten Kronen für den Zwicker wieder zu
geben, weiß der Pat. schon, dass der Hauptmann sich irrte und das Postfräulein dies Geld
ausgelegt hatte. Durch den so Freud, „angerührten Vaterkomplex und der Erinnerung an jene
Infantilszene“ (S. 80) entsteht im Pat. daraufhin die Antwort: „Ja, ich werde dem A. das Geld
zurückgeben, wenn mein Vater und meine Geliebte Kinder bekommen“. Das ist Hohn und
eine nicht erfüllbare Bedingung. Aber nun war das „Verbrechen“, so Freud, begangen, denn
die von ihm am meisten geliebten Personen waren verhöhnt worden und das fordert Strafe.

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Diese bestand in der Erfüllung eines unmöglichen Eides, der unbewusst den Gehorsam
gegenüber dem Vater bedeutete (denn der Hauptmann war an die Stelle des Vaters gerückt).
Freud erklärt nochmals: Zuerst war im Bewusstsein des Pat., dass er nicht das Geld
zurückgeben dürfe, sonst geschieht die Rattenstrafe an der Dame und dem Vater. Danach
geschieht eine Verwandlung in den gegenteiligen Eid als Strafe für die Verhöhnung des
Vaters und der Dame. Nach der Auflösung der großen Zwangsidee, die Rattenstrafe und der
unerfüllbare Eid, ist anscheinend die Behandlung beendet worden. Freud schreibt in einer
Fußnote am Ende des gesamten Aufsatzes in einer Veröffentlichung 1923, dass der Pat. „im
großen Krieg umgekommen“ sei.

Zur Theorie, zweiter Teil des Aufsatzes

Hier bringt Freud auf dem Boden der vorher geschilderten Krankenbehandlung seine
theoretischen Überlegungen zur Zwangsneurose und weitere Details auch aus der
Krankenbehandlung zur Unterstützung seiner theoretischen Überlegungen.
In den Zwangsvorstellungen, die er besser „Zwangsdenken“ nennen möchte, entdeckt er
Wünsche, Versuchungen, Triebimpulse, Reflektionen, Zweifel, Gebote und Verbote, denen
der Affekt entzogen, sprich, abgewehrt wurde. Er machte die Erfahrung, dass die Träume der
Patienten den wahren Text des Zwangsgebotes und anderer Symptome bringen, die im
wachen Zustand verstümmelt sind. Er definiert den primären Abwehrkampf, der die offizielle
Zwangsvorstellung so verstümmelt, dass sie ins bewusste Denken kommen kann. Die
Produkte des sekundären Abwehrkampfes seien an den Schutzformeln nachzuweisen.
Der Pat. hatte unter anderem ein sog. Hauptzauberwort als Schutzformel, welches sich aus
dem verstümmelten Vornamen seiner Dame und einem „Amen“ zusammensetzte. Eine seiner
ältesten Zwangsideen war, im Sinne einer Mahnung oder Warnung, folgende: „Wenn ich die
Dame heirate, geschieht dem Vater ein Unglück (im Jenseits)“. Freud übersetzt dies in
folgender Weise: Wenn der Vater noch leben würde, würde er über meinen Wunsch, die
Dame zu heiraten, so wütend werden wie damals, als er mich verprügelte und ich bekäme
ebenso eine große Wut auf ihn und würde ihm alles Böse wünschen, was sich kraft der
Allmacht meiner Gedanken erfüllen würde. Freud nennt dies die „elliptische
Entstellungstechnik“ der Zwangsneurose (S. 87). Er nennt dies „höhnische, persiflierende
Gleichstellungen“ (S. 88), ähnlich wie der „Rattenmann“, aber mit den entsprechenden

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Auslassungen, dachte: „Ja, so gewiss die beiden (Vater und Dame) Kinder bekommen
werden, so gewiß werde ich dem A. das Geld zurückgeben“.

Freud berichtet über einige Besonderheiten der Zwangskranken, die er nicht nur bei dem
vorgestellten Pat. beobachtet hatte.
Er erlebte ihn abergläubisch und der Pat. glaubte auch an prophetische Träume. Freud
erwähnt nochmals, dass bei dieser Störung, anders als bei der Hysterie, keine Verdrängung
(gemeint ist wieder die Abwehr, die er hier noch mit Verdrängung gleichsetzt) durch eine
völlige Amnesie stattfindet, sondern „durch Zerreißen von kausalen Zusammenhängen infolge
von Affektentziehung“ (S. 90). Ein anderes Phänomen der Zwangskranken nennt Freud das
seelische Bedürfnis nach Unsicherheit und die starke Stellung des Zweifels. Die
Zwangskranken würden der Sicherheit ausweichen, um in einem Zweifel verbleiben zu
können. Den Zweifel in allem kann ich bei meinen zwangsneurotischen Patienten bestätigen,
aber nicht der Wunsch nach Unsicherheit, sondern vielmehr das Bedürfnis nach Sicherheit.
Aber dazu noch etwas später. Die Allmacht seiner Gedanken und Wünsche betont Freud
nochmals und gibt Beispiele dafür. Die enge Beziehung der Zwangskranken zum Tod ist auch
beim „Rattenmann“ deutlich. Ihn hatte sehr früh der Tod des Vaters beschäftigt und Freud
sieht die Erkrankung seines Pat. als Reaktion auf dieses 15 Jahre vor dessen realen Tod
gewünschte Ereignis. Als Kompensation für seine Todeswünsche verlängerte der Pat. seine
Zwangsbefürchtungen auf das Jenseits und diese sollten den Tod wieder aufheben. Wir
würden heute vom Abwehrmechanismus des „Ungeschehenmachens“ sprechen. Freud
beobachtete auch bei anderen Zwangskranken die Todesmöglichkeit als wichtige Lösung
sonst ungelöst gelassener Konflikte.

Im letzten Abschnitt des Aufsatzes beschäftigt sich Freud mit dem Triebleben beim
Zwangskranken und damit verbunden der Zusammenhang zwischen Zwang und Zweifel.

Der Pat. erkrankt, so resümiert Freud, in den zwanziger Jahren, als er vor die Wahl gestellt
wird, ein anderes Mädchen als die von ihm verehrte Dame zu heiraten. Es entsteht ein
Konflikt zwischen dem Vater und dessen Wünschen und seinem Sexualobjekt. Im übrigen sei
er sein ganzes Leben in Widerstreit gewesen zwischen Liebe und Hass, und das inbezug auf
seinen Vater wie auf die geliebte Dame. Da die geliebte Dame ihn bei seiner ersten Werbung
abwies, sei seine Ambivalenz dieser gegenüber verständlich gewesen. Der aber abgewehrte
Hass dem Vater gegenüber sei nur gegen den heftigen Widerstand des Pat. in dessen

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Bewusstsein erneut gelangt und Freud sieht in der Abwehr dieses kindlichen Hasses gegen
den Vater den Ursprung der Neurose des „Rattenmannes“. Bedeutsamkeit gibt Freud nicht so
sehr dem Schwanken zwischen den Wünschen des Vaters und der Sehnsucht nach der
geliebten Dame, sondern bedeutsam sei das chronische Nebeneinander von Liebe und Hass
gegen ein und dieselbe Person. Die Liebe habe den Hass nicht auslöschen können, er sei ins
Unbewusste verdrängt worden, habe sich dort erhalten und sei auch gewachsen. In einer
Fußnote 1923 schreibt Freud, dass für diesen geschilderten Zustand Bleuler 1910 den Begriff
Ambivalenz geschaffen habe. Diese Ambivalenz zwischen Liebe und Hass gehöre zum
Bedeutsamsten der Zwangserkrankung. Diese Ambivalenz führe zu einer Lähmung von
Entscheidungen, die sich auf fast alles Tun dieses Menschen verschieben. Dadurch entsteht
die Herrschaft von Zwang und Zweifel. „Der Zweifel entspricht der inneren Wahrnehmung
der Unentschlossenheit, welche, infolge der Hemmung der Liebe durch den Hass, bei jeder
beabsichtigten Handlung sich des Kranken bemächtigt. Es ist eigentlich ein Zweifel an der
Liebe, die ja das subjektiv Sicherste sein sollte, der auf alles übrige diffundiert und sich
vorzugsweise auf das indifferenteste Kleinste verschoben hat.“ (S. 97/98). Es sei der gleiche
Zweifel, der bei den Schutzmaßregeln zur Unsicherheit und damit zur fortgesetzten
Wiederholung führt. Und dieser Zweifel würde die Schutzmaßregeln, also die Zwangsrituale,
irgendwann unvollziehbar machen wie die ursprünglich gehemmte Liebe. Aber alle
Schutzmaßregeln würden auf Dauer nichts fruchten. Denn wenn ein liebevoller Triebimpuls
in seiner Verschiebung auf eine geringfügige Handlung sich habe durchsetzen können, wird
ein aggressiver bald folgen und das erste wieder aufheben.
Der Zwang, so Freud, ist ein Versuch zur Kompensation des Zweifels und zur Korrektur der
unerträglichen Hemmungszustände, die durch den Zweifel entstehen. Die Spannung, die
entsteht, wenn der Zwang nicht ausgeführt wird, wird als große Angst wahrgenommen. Freud
nennt es eine Regression, wenn das Denken das Handeln ersetzt Je nach Stärke dieser
Regression vom Handeln auf das Denken bekommt die Zwangsneurose den Charakter des
Zwangsdenkens; wir würden es heute Zwangsgrübeln nennen. Zwanghaft werden solche
Denkvorgänge, da sie den sonst nur für das Handeln notwendigen Energieaufwand
bekommen und regressiv das Handeln ersetzen müssen. Zwangsgedanken werden durch
Entstellungen geschützt, aber das sei nicht die einzige Abwehrmöglichkeit, um das Phänomen
unbewusst zu halten, welches abgewehrt werden soll. Sondern es wird ein Intervall zwischen
die pathogene Situation und die folgende Zwangsvorstellung eingeschoben, um das kausale
Denken irre zu führen. Außerdem wird die Zwangsvorstellung durch Verallgemeinerung aus
speziellen Beziehungen herausgelöst.

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Abschließend bemerkt Freud, dass der Unterschied zwischen der Hysterie und der
Zwangsneurose nicht im Triebleben liegt, sondern in den, wie er es nennt „psychologischen
Verhältnissen“ (S. 102). Sein dargestellter Pat. sei in drei Persönlichkeiten zerfallen: eine
unbewusste und zwei vorbewusste, zwischen den letzteren das Bewusstsein des Pat.
oszillieren konnte. Sein Unbewusstes umschloss die abgewehrten, als libidinös und aggressiv
zu bezeichnenden Triebimpulse. In seinem „Normalzustand“, wie Freud es nennt, war er gut,
lebensfroh, klug und aufgeklärt. Aber in seiner dritten psychischen Organisation war er
abergläubisch und asketisch, so dass er zwei verschiedene Anschauungen der Welt vertreten
konnte. Diese dritte vorbewusste Person enthielt auch die Reaktionsbildungen auf seine
abgewehrten Wünsche und hätte, nach der Ansicht von Freud, bei einem weiteren Bestehen
der Zwangserkrankung die sog. normale Person aufgezehrt.

Dies ist das Wesentliche aus dem vorgestellten Aufsatz von Freud. Ich möchte dazu noch ein
paar Bemerkungen machen:
Wir bezeichnen heute die von Freud zu dieser Zeit gebotene Erklärung der
Zwangserkrankung als die sog. „klassische“, d.h. es handelt sich um die Triebtheorie der
Psychoanalyse. Dabei geht es im Wesentlichen um verpönte oder auch widerstreitende
Wünsche, verpönte aggressive Impulse im Rahmen des Ödipuskomplexes und auch um Wut
für nicht erfüllte oder erfüllbare Wünsche. Diese Erklärungsweisen sind immer noch hilfreich.
Aber Freud ging zu seiner Zeit von einem Konflikt zwischen Über-Ich und Es aus und von
einem strukturell intakten Ich. Wir sehen heute überwiegend zwangskranke Patienten, die
von einem Konflikt zwischen dem Ich-Selbstgefüges gekennzeichnet sind, also sog.
strukturell geschädigte Patienten. Bei diesen Patienten haben die Zwangshandlungen und das
Zwangsdenken häufig und manchmal überwiegend die Funktion des Selbsterhaltes und der
Selbstreparation (ich verweise hier besonders auf einen Artikel von Hans Quint, 1984 in der
„Psyche“ erschienen: „Der Zwang im Dienste der Selbsterhaltung“, Band 8, 38. Jahrgang, S.
717-737.). Zwänge können also in progressiver Weise als autoprotektive Schutzmechanismen
verstanden werden, die eine Desintegration des Ichs verhindern.

In meiner Arbeit zur ordentlichen Mitgliedschaft in der DPV (2005) habe ich mich mit der
Hypothese beschäftigt, dass Zwänge auch eine objektale Bedeutung bekommen können. Der
Zwang kann die inneren wie äußeren Objekte bedeutungslos machen, daher schwere
Abhängigkeitsängste abwehren und die Zwangsrituale können dann die Funktionen des

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Objektes ersetzen. Daher spreche ich von den Zwängen als einem Objektersatz Die Zwänge
sollen eine gefürchtete Depression abwehren.
Zwangssymptome können auch ein objektaler Schutz vor invasiven Objekterfahrungen sein
und ebenso auch ein Ersatz für nur strafend-sadistisch vorstellbare Objekte.

Anhand von Skizzen aus einer Behandlung mit einer zwangskranken Patientin habe ich in
meiner Arbeit dargestellt, dass Zwänge folgende drei Funktionen erfüllen können, und das
auch innerhalb eines Krankheitsbildes:
Sie haben die Funktion, aggressive Triebimpulse abzuwehren (wie hier im „Rattenmann“
vorgestellt), aber auch die Funktion, das Selbst/Ich vor Desintegration zu schützen, also
Ordnung und Struktur zu geben, sowie die Funktion, depressive Gefühle schwerer Art
abzuwehren.

Hamburg, im Juni 2006


Heidede Schneider

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