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Augustinus über den Menschen 1

de libero arbitrio (über den freien willen) 2,6,13 confessiones (bekenntnisse) 10,6

Da also die Substanz (naturam), welche nur existiert, aber weder lebt Und ich wandte mich nun zu mir selbst und sprach zu mir: "Wer bist

noch versteht, so wie ein lebloser Leib, die Substanz übertrifft, welche denn du?" Und ich antwortete: "Ein Mensch". Denn sieh, aus Leib und

nicht nur existiert, sondern auch lebt, aber nicht versteht, so wie die 20 Seele bestehe ich, dem äußeren und inneren Bestandteile meines We­

5 Substanz der Tiere; und ferner diese übertrifft die, welche zugleich exis­ sens. Von welchem dieser beiden aus mußte ich nun meinen Gott su­

tiert und lebt und versteht, so wie im Menschen der rationale Geist; bist chen? Bereits hatte ich ihn mit meinem Körper gesucht von der Erde bis

du etwa der Ansicht, daß in uns, das heißt unter den Dingen, mit denen zum Himmel, soweit ich nur die Strahlen meiner Augen als Boten sen­

unsere Substanz gefüllt wird, so daß wir Menschen sind, irgendetwas den konnte. Doch wertvoller ist mein innerer Mensch. Denn ihm als ih­

Herausragenderes gefunden werden kann als das, was wir unter diesen 25 rem Vorsteher und Richter erstatteten alle körperlichen Boten Bericht

10 dreien an die dritte Stelle gesetzt haben? Denn daß wir auch einen Leib über   die  Antworten  des  Himmels  und  der  Erde  und  aller  Dinge,  die

haben,   ist   offenkundig,   und   ein   gewisses   Leben,   durch   das   der   Leib darin sind, und sprachen: "Wir sind nicht Gott" und: "Er selbst hat uns

selbst  behaucht  (animatur)  und erregt wird, welche zwei wir auch in ge­schaffen". Der innere Mensch erkannte dies durch die Vermittlung

Tie­ren   erkennen,   und   ein   gewisses   drittes,   gleichsam   unserer   Seele des äußeren; mein inneres Ich erkannte dies, ich, ich, der Geist erkannte

Haupt oder Auge, oder wenn irgendetwas passenderes über die Vernunft 30 dies durch die Sinne meines Körpers. Ich fragte die gesamte Welt über

15 und   die   Intelligenz   gesagt   werden   kann,   was   die   Substanz   der   Tiere mei­nen Gott, und sie antwortete mir: "Ich bin es nicht, sondern er hat

nicht hat. Aus dem Grunde schau bitte, ob du irgendetwas finden kannst, mich geschaffen". (Übersetzung Alfred Hofmann)

was in der Substanz des Menschen erhabeneres als die Vernunft ist. de vera religione (über die wahre religion) 39,72 ­ 389­391
(Übersetzung von Thomas Meyer)
Was also bleibt noch übrig, wodurch die Seele nicht ihre erste Schön­
Augustinus über den Menschen 2
35 heit, die sie zurückließ, erinnern kann, wenn sie es durch ihre eigenen Harmonie, deren es keine größere geben kann, und triff dich mit ihr.

Laster kann? So nämlich gelangt die Weisheit Gottes in einem fort mit 55 Vertrau darauf, daß du nicht bist, was sie ist: sofern ja sie selbst sich

Macht ans Ziel. So verwob durch sie jener höchster Architekt seine zu nicht   sucht;   tu   aber   bist   zu   ihr   durch   Suchen   gekommen,   nicht   im

einem einzigen Ziel des Schmuckes geordneten Werke. So neidete jene dimensionalen Raum, son­dern durch einen Zustand des Geistes, damit

Güte   vom   Höchsten   bis   zum   Niedrigsten   niemandem   die   Schönheit, der innere Mensch selbst mit seinem Bewohner nicht durch niedrigste

40 welche von ihm allein sein kann; damit niemand von der Wahrheit sel­ und   fleischliche,   sondern   durch   höchste   und   spirituale   Lust

ber verworfen werde, der nicht von einem Abbild der Wahrheit ergriffen 60 zusammenkomme. (Ü. Meyer)

wird. Suche in des Leibes Lust, woran sie sich hält, und du wirst nichts
de civitate dei (über die stadt gottes) 11,26
anderes finden als Harmonie: denn wenn das Unharmonische Schmerz
Und auch in uns selbst erkennen wir ein Abbild Gottes, d. h. jener höch­
verursacht, so verursacht das Harmonische Lust. Erkenne daher, was die
sten Dreifaltigkeit, freilich nicht ein ebenbürtiges, vielmehr eines, das
45 größte Harmonie ist. Gehe nicht nach draußen, geht in dich selbst hin­
sehr weit zurückbleibt, auch nicht ein gleichewiges und — womit in
ein; im Inneren des Menschen wohnt die Wahrheit; und wenn du deine
Kürze alles gesagt ist — nicht ein Abbild, das von gleicher Wesenheit
Natur wandelbar findest, gehe auch noch über dich selbst hinaus. Aber
65 wäre wie Gott, doch immerhin eines von der Art, daß unter den von Gott
sei inne, wenn du hinausgehst, daß du die rationale Seele verläßt. Dort­
geschaffenen Dingen ihm nichts der Natur nach näher steht, wie es denn
hin also wende dich, woher das eigentliche Licht des Verstandes ent­
durch Verbesserung noch vervollkommnet werden soll, damit es ihm an
50 zündet wird. Wohin nämlich gelangt jeder gute Verstandesgebraucher,
Ähnlichkeit ganz nahe komme. Nämlich wir existieren, wir wissen um
es sei denn zur Wahrheit? Da ja die Wahrheit durch Verstandesgebrauch
unser Sein, und wir lieben dieses Sein und Wissen. Und in diesen drei
schlechterdings   nicht   zu   sich   selbst   gelangt,   sondern   was   die
70 Stücken beunruhigt uns keine Möglichkeit einer Täuschung durch den
Verstandes­gebrauchenden erstreben, das ist sie selbst. Schau dort eine
Augustinus über den Menschen 3
bloßen Schein der Wahrheit. Denn wir erfassen sie nicht wie die Dinge 90 darin nicht, daß ich um dieses mein Bewußtsein weiß. Denn so gut ich

außer uns mit irgendeinem leiblichen Sinn, wie wir die Farben durch weiß, daß ich bin, weiß ich eben auch, daß ich weiß. Und indem ich die­

Schauen, die Töne durch Hören, die Düfte durch Riechen, die Gegen­ se beiden Tatsachen liebe, füge ich auch diese Liebe als ein drittes von

stände des Geschmackssinnes durch Schmecken, Hartes und Weiches gleicher Sicherheit den Dingen, die ich weiß, hinzu. Denn nicht darin,

75 durch Befählen sinnlich wahrnehmen, von welchen Sinnesobjekten wir daß ich liebe, irre ich mich, wenn ich nicht einem Irrtum unterliege in

auch Bilder, die ihnen ganz ähnlich, aber nicht mehr körperhaft sind, in 95 dem Gegenstand der Liebe; obwohl selbst, wenn dieser trügerisch wäre,

Gedanken herumtragen, in der Erinnerung festhalten und durch sie zum doch die Liebe zu einem Truggebilde Tatsache wäre. Denn wie könnte

Verlangen danach angereizt werden; sondern ohne daß sich irgendwie man mich mit Recht tadeln und zurückhalten von der Liebe zu Trugge­

eine trügerische Vorspiegelung der Phantasie und ihrer Gebilde geltend bilden, wenn die Liebe zu ihnen selbst wieder ein Truggebilde wäre? Da

80 machen könnte, steht mir durchaus fest, daß ich bin, daß ich das weiß jedoch in unserm Fall der Gegenstand der Liebe wahr und gewiß ist, so

und es liebe. In diesen Stücken fürchte ich durchaus nicht die Einwen­ 100 ist ohne Zweifel auch die Liebe zu ihm, wenn sie vorhanden ist, wahr

dungen der Akademiker, die da entgegenhalten: Wie aber, wenn du dich und gewiß. Und so wenig es jemand gibt, der nicht glücklich sein möch­

täuschest?   Wenn   ich   mich   nämlich   täusche,   dann  bin   ich.   Denn   wer te, gibt es jemand, der nicht sein möchte. Denn wie könnte einer glück­

nicht ist, kann sich natürlich auch nicht täuschen; und demnach bin ich, lich sein, wenn er ein Nichts ist? (Übersetzt von Alfred Schröder)

85 wenn ich mich täusche. Weil ich also bin, wenn ich mich täusche, wie
enarrationes in psalmos (predigten über die psalmen) 145,4­5
sollte ich mich über mein Sein irren, da es doch gewiß ist, gerade wenn
Nicht einmal das komme euch gleichsam merkwürdig vor, weil auch je­
ich mich irre. Also selbst wenn ich mich irrte, so müßte ich doch eben
105 de beliebige wertlose sündige Seele besser ist als jeder beliebige große
sein, um mich irren zu können, und demnach irre ich mich ohne Zweifel
und sehr vorzügliche Leib. Nicht ist sie besser wegen ihrer Verdienste,
nicht in dem Bewußtsein, daß ich bin. Folglich täusche ich mich auch
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sondern wegen ihrer Natur. Es ist jedenfalls die Seele eine Sünderin, sie Seele? Und wenn es an Lobreden über die Seele mangelt, welches Lob

ist mit gewissen Schmutzflecken von Begierden beschmiert; dennoch ist gibt es für den, der die Seele schuf? [...]

Gold besser, selbst beschmiert, als das allerreinste Blei. So lasse euer Wer ist es also, wie ich zu sagen anfing, der sagt: Lobe, meine Seele,

110 Geist alle Geschöpfe Revue passieren, und ihr werdet sehen, daß das, den Herrn? Das Fleisch sagt es nicht. Mag es auch ein engelhafter Leib

was wir sagen, nicht unglaublich ist; wie eine Seele, obwohl tadelns­ 130 sein, er ist niedriger als die Seele; einen Auftrag kann er dem Höheren

wert, dennoch lobenswerter ist als ein lobenswerter Leib. Es gibt ja zwei nicht geben. Unglücklich ist die Seele selber, wenn sie vom Leib einen

Dinge, Seele und Leib. Die Seele tadele ich, den Leib lobe ich: die Seele Auftrag erwartet. Das Fleisch ist richtig gehorsam, es ist die Dienerin

tadele ich, weil sie schief ist; den Leib lobe ich, weil er gesund ist. Den­ der Seele; diese lenkt, jenes  wird gelenkt; diese befiehlt, jenes  dient:

115 noch lobe ich die Seele in ihrer eigenen Art, oder ich beschuldige die wann kann das Fleisch diesen Auftrag der Seele geben? Wer ist es also,

Seele in ihrer eigenen Art; und in seiner eigenen Art lobe ich den Leib 135 der  sagt:  Lobe,  meine  Seele,  den  Herrn?  Nichts  finden  wir  mehr  im

oder beschuldige ihn. Wenn du mich fragtest, was besser sei, ob das, Menschen als Fleisch und Seele: das ist der ganze Mensch, Geist und

was ich getadelt habe, oder das, was ich gelobt habe, dann wirst du eine Fleisch. Spricht die Seele selber vielleicht zu sich selbst, und befiehlt

selt­same Antwort erhalten. [...] Die Natur der Seele ist edler als die sich selbst auf gewisse Weise, und fordert sie sich auf und treibt sich an?

120 Natur des Leibes, sie ragt sehr heraus; sie ist eine spirituelle Sache, sie Denn   durch   gewisse   Störungen   aus   einem   gewissen   Teil   ihrer   selbst

ist eine unkörperliche Sache, sie ist verwandt der Substanz Gottes. Sie 140 schwankte sie; aber aus einem gewissen Teil, den man rationalen Geist

ist etwas unsichtbares, sie lenkt den Leib, sie bewegt die Glieder, sie nennt und jene Weisheit, durch die sie denkt, indem sie bereits am Herrn

richtet   die   Sinne   aus,   sie   bereitet   Gedanken   vor,   sie   motiviert hängt und nach ihm seufzt, bemerkt sie, daß gewisse niedrigere Teile

Handlungen, sie faßt Bilder von unendlichen Dingen, und wen gibt es von ihr durch weltliche Emotionen durcheinandergebracht werden, und

125 schließlich, geliebteste Brüder, der ausreichte für die Lobreden über die daß sie durch eine gewisse Begierde irdischer Wünsche nach den äuße­


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145 ren Dingen geht, daß sie den inneren Gott verläßt: da ruft sie sich von Erinnerung wieder geschaut wird, wer sähe da nicht, daß die Bewahrung

den äußeren Dingen zu den inneren Dingen zurück, von den niedrigeren im Gedächtnis zeitlich früher ist als die Schau in der Erinnerung und die

zu den höheren, und sie sagt: Lobe, meine Seele, den Herrn. (Ü. Meyer) Verbindung dieser beiden durch den Willen als drittes? Im Geiste aber

165 ist es nicht so. Er ist sich nämlich kein Ankömmling, gleich als ob er zu
de trinitate (über die dreiheit) 14,10
seinem Selbst, sofern es schon war, von anderswoher käme eben in die­
Bei der Wissenschaft von all den zeitlichen Dingen, die wir erwähnen,
sem seinem Selbst, sofern es noch nicht da war, oder als ob er zwar
gehen manche Wissenschaftsgegenstände der Erkenntnis in zeitlichem
nicht von anderswoher käme, sondern in seinem Selbst, das schon war,
150 Abstand voran, so das Sinnfällige, das in der Wirklichkeit der Dinge
eben dies sein Selbst geboren worden wäre, das noch nicht war, wie im
schon Bestand hatte, bevor es erkannt wurde, oder auch all das, was im
170 Gei­ste, der schon war, der Glaube entsteht, der noch nicht war, oder als
Bereiche der geschichtlichen Erkenntnis liegt; manches beginnt zugleich
ob   er   sich,   wenn   er   sich   nach   seiner   einmal   vollzogenen
mit seiner Erkenntnis zu sein; so geht ein sichtbarer Gegenstand, der bis
Selbsterkenntnis seiner erinnert, in seinem Gedächtnis sähe, wie wenn er
dahin gar kein Sein hatte und plötzlich vor unseren Augen entsteht, si­
dort hinterlegt worden wäre und wie wenn er nicht dort gewesen wäre,
155 cherlich unserer Erkenntnis nicht voran, ebenso ist es wenn ein Klang
bevor er sich selbst erkannte, während er doch in der Tat, seit er zu sein
vor einem anwesenden Zuhörer entsteht: da beginnen in der Tat zugleich
175 begann,   nie­mals   aufhörte,   sich   seiner   zu   erinnern,   niemals   aufhörte,
und hören zugleich auf der Klang und seine Hörbarkeit. Mag indessen
sich einzuse­hen, niemals aufhörte, sich zu lieben, wie wir schon gezeigt
das Erkennbare der Erkenntnis zeitlich vorangehen, mag es zugleich mit
haben.   Wenn   er   sich   sonach   denkend   zu   sich   selbst   wendet,   dann
ihr   entstehen,   das   Erkennbare   erzeugt   die   Erkenntnis,   nicht   wird   es
entsteht eine Dreiheit, in der man auch schon ein Wort feststellen kann.
160 durch die Erkenntnis erzeugt. Wenn aber die Erkenntnis erzeugt ist und
Es wird ja eben durch das Denken gebildet, während der Wille beides
das, was wir erkannt haben, im Gedächtnis hinterlegt und dort in der
180 eint. Hier also läßt sich eher das Bild feststellen, das wir suchen.
Augustinus über den Menschen 6
(Übersetzung von Michael Schmaus) aber   die   Wissenschaft   existiert,   leugnet   niemand.   Und   jeder,   der   be­

hauptet, daß es nicht sein könne, daß eine durch die Mitte eines Kreises
de immortalitate animae (über die unsterblichkeit der seele) 1,1
gezogene Gerade nicht größer sei als alle Geraden, die nicht durch die
Wenn Wissenschaft irgendwo existiert, und wenn sie nur in dem, was
200 Mitte gezogen werden, und daß das in den Bereich einer Wissenschaft
lebt, existieren kann, und wenn sie immerwährend existiert, und wenn
gehöre, der leugnet nicht, daß die Wissenschaft unveränderlich ist.
nichts, in dem irgendetwas immerwährend existiert, nicht immerwäh­
Noch einmal, nichts, in dem irgendetwas immerwährend existiert, kann
rend existieren kann, dann lebt immerwährend das, in dem die Wissen­
nicht immerwährend existieren. Denn nichts, was immerwährend exis­
185 schaft existiert. Wenn wir, die wir rational denken, existieren, das heißt
tiert, erlaubt es, daß irgendwo das, in dem es existiert, von sich abge­
unser Verstand, und wenn man nicht ohne Wissenschaft rational denken
205 zogen werde.
kann, und wenn der Verstand nicht ohne Wissenschaft existieren kann
Ferner aber, wenn wir rational denken, dann tut das der Geist. Denn das
außer einer, in dem die Wissenschaft nicht existiert, dann ist die Wissen­
tut niemand außer der, der versteht: weder der Leib versteht noch der
schaft in des Menschen Verstand
Geist unter Hilfe des Leibes versteht, weil er, wenn er verstehen will,
190 Es existiert jedoch die Wissenschaft irgendwo: denn sie existiert, und
sich vom Leib abwendet. Denn was verstanden wird, existiert immer­
was auch immer existiert, das kann nicht nirgendwo existieren. Noch
210 während von dieser Art, und nichts vom Leib ist immerwährend von
einmal, die Wissenschaft kann nicht existieren außer in dem, was lebt.
dieser Art: folglich kann er dem Geist helfen sich um das Verstehen zu
Denn nichts, was  nicht lebt, lernt irgendetwas; und die  Wissenschaft
bemühen, den er noch nicht einmal zu behindern genügt.
kann auch nicht in dem, was nichts lernt, existieren. Noch einmal, die
Noch einmal, niemand denkt richtig rational ohne Wissenschaft. Denn
195 Wissenschaft existiert immerwährend. Denn was existiert und unverän­
das richtige rationale Denken ist ein Erkenntnisprozess, der sich bemüht
derlich existiert, muß notwendigerweise immerwährend existieren. Daß
215 von   dem   sicheren   Wissen   zur   Erforschung   des   unsicheren   voranzu­
Augustinus über den Menschen 7
schreiten: und nichts ist sicher im Verstand, was er nicht weiß. Alles in den Sünden verharrende aufgrund des gerechten Gesetzes Gottes ver­

aber, was der Verstand weiß, hat er in sich; und die Wissenschaft umfaßt dammt wird. Schließlich darf, wenn wir nicht mit Willen übel handeln,

keine Sache außer der, die zu irgendeiner Wissenschaft gehört. Denn 235 überhaupt niemand getadelt oder ermahnt werden: wenn man eben diese

Wissenschaft ist die Kenntnis aller Sachen. aufhebt, muß notwendigerweise christliches Gesetz und jede Zucht der

220 Daher lebt der menschliche Geist immerwährend. (Ü. Meyer) Religion aufgehoben werden. Folglich sündigt man mit Willen. Und da

ja nicht in Zweifel steht, daß gesündigt wird, sehe ich nicht einmal, daß
de vera religione (über die wahre religion) 14,27
man bezweifeln kann, daß Seelen eine freie Entscheidung des Willens
Aber dieser Defekt, den man Sünde nennt, wenn er wie ein Fieber je­
240 haben. Gott urteilte nämlich, daß seine Diener als solche besser seien,
manden gegen seinen Willen überfiele, dann erschiene die Strafe richti­
wenn   sie   ihm   freiwillig   dienten:   was   ja   auf   keine   Weise   geschehen
gerweise ungerecht, welche den Sündigenden ereilt, und welche Ver­
könn­te, wenn sie nicht mit Willen, sondern aus Notwendigkeit dienten.
dammung   genannt   wird.   Nun   aber   ist   die   Sünde   in   dem   Grade   ein
(Übersetzung von Thomas Meyer)
225 willentliches Übel, daß es auf gar keine Weise eine Sünde gibt, wenn sie

nicht willentlich ist; und das ist jedenfalls so offensichtlich, daß daher de civitate dei (über die stadt gottes) 13,14 etc.

keine Handvoll Gelehrter, keine Menge Ungelehrter eine abweichende Gott hat ja den Menschen gut erschaffen, er, der Urheber der Naturen,

Ansicht hat. Aus diesem Grunde muß man entweder abstreiten, daß eine keineswegs der Gebrechen; aber durch eigene Schuld verderbt und ge­

Sünde  begangen  wird  oder zugestehen,  daß  sie mit  Willen  begangen 245 rechter Weise verdammt, hat der Mensch Verderbte und Verdammte er­

230 wird. Ferner streitet derjenige nicht korrekt ab, daß die Seele gesündigt zeugt. Denn wir alle haben uns in jenem einen befunden, da wir alle nur

hat, der zugleich zugesteht, daß sie durch Bußetun verbessert werden in jenem einen bestanden haben, der in die Sünde fiel durch das Weib,

kann, und daß der Bußetuenden Vergebung gegeben wird, und daß die das aus ihm geschaffen worden ist vor der Sünde. Noch war uns im ein­
Augustinus über den Menschen 8
zelnen zwar die Form nicht erschaffen und zugeteilt, in der wir als Ein­ nicht wollen. Wenn wir bejahen durch Streben nach dem, was wir wol­

250 zelwesen   leben   sollten;   aber   das   Stammwesen   war   da,   aus   dem   wir len, so heißt man das Begierde; und wenn wir bejahen durch Genießen

durch   Fortpflanzung   hervorgehen   sollten.   Und   weil   jenes   wegen   der 270 dessen, was wir wollen, so nennt man das Lust. Und umgekehrt, wenn

Sünde dem Verderben anheimgefallen und mit Todesbanden umstrickt wir uns ablehnend verhalten gegen Dinge, deren Eintritt wir nicht wol­

und gerechter Weise verdammt war, so sollte auf dem Weg der Zeugung len, so ist eine solche Willensregung Furcht; und wenn wir uns ableh­

von Mensch zu Mensch das gleiche Los den Nachkommen zuteil wer­ nend verhalten gegen Dinge, die wider unsern Willen eingetreten sind,

255 den. Im Mißbrauch des freien Willens hat demnach ihren Ursprung die so ist eine solche Willensregung Traurigkeit. Und ganz allgemein wan­

ganze Folge des Elends, die das Menschengeschlecht in einer Kette von 275 delt und wendet sich der Wille zu Trieben so oder so, wie er angezogen

Unheil bis zum endgültigen Untergang im zweiten Tode geleitet, nach­ oder abgestoßen wird je von den verschiedenen Gegenständen, die man

dem einmal sein Anfang verderbt und damit gleichsam seine Wurzel anstrebt oder meidet. Deshalb braucht der Mensch, der nach Gott und

krank geworden war, und ausgenommen sind davon nur die, die durch nicht nach dem Menschen lebt, nur ein Freund des Guten zu sein; daraus

260 Gottes Gnade erlöst werden. ergibt sich dann von selbst, daß er dem Bösen seinen Haß zuwendet. [...]

(14,6) Es kommt indes auf die Beschaffenheit des Willens im Menschen 280 (14,11) Indes Gott hat alles vorhergewußt, und deshalb konnte ihm auch

an; ist der Wille verkehrt, so werden auch diese Triebe in ihm verkehrt nicht unbekannt sein, daß der Mensch sündigen würde; [...] Der Mensch

sein; ist er dagegen gerade gerichtet, so werden sie nicht nur untadelhaft, konnte ja durch seine Sünde nicht einen göttlichen Ratschluß umstoßen,

sondern selbst lobenswert sein. Denn in allen Trieben ist Wille vorhan­ als hätte er Gott genötigt, seinen Beschluß zu ändern; Gottes Vorher­

265 den, ja sie alle sind nichts anderes als Willensregungen. Begierde und wissen erstreckte sich vielmehr im voraus auf beides: wie schlecht der

Lust sind lediglich der Wille in der Bejahung dessen, was wir wollen; 285 Mensch sein werde, den er seinerseits gut erschaffen, und was er trotz­

Furcht und Traurigkeit der Wille in der Verneinung dessen, was  wir dem noch Gutes mit ihm anstellen werde. Wenn es nämlich auch von


Augustinus über den Menschen 9
Gott heißt, daß er Beschlossenes ändere (sogar von einer Reue Gottes er­schaffen hat, nicht an einer, die der Schöpfer aus sich selbst gezeugt

liest man in übertragenem Sinne in der Heiligen Schrift), so bezieht sich hat,  wie er das  Wort  gezeugt  hat,  durch das  alles  geworden  ist; und

diese Ausdrucksweise doch eben nicht auf das, was der Allmächtige auf wenn auch Gott den Menschen aus Erdenstaub gebildet hat, so ist doch

290 Grund seines Vorherwissens tut, sondern auf das, was menschliches Er­ diese Erde und jeglicher irdische Stoff völlig aus nichts, und eine aus

messen   erwartet   hätte   oder   der   natürliche   Gang   der   Dinge   mit   sich 310 nichts erschaffene Seele gab Gott dem Leibe bei der Erschaffung des

brächte. Gott hat also, wie geschrieben steht, den Menschen recht ge­ Men­schen.  Aber so sehr  überragt  das   Gute  an  siegreicher  Kraft  das

macht und sonach ihn mit gutem Willen ausgestattet; denn ohne solchen Böse, daß, obgleich dem Bösen verstattet ist zu existieren, um zu zeigen,

wäre er nicht „recht“. Der gute Wille ist also das Werk Gottes; mit ihm wie sich Gottes Vorsehung in ihrer Gerechtigkeit selbst des Bösen zum

295 ward der Mensch von Gott erschaffen. Dagegen der erste böse Wille, Gu­ten   zu   bedienen   weiß,   gleichwohl   Gutes   zwar   ohne   Beimischung

der ja im Menschen eintrat vor allen bösen Werken, war mehr eine Art 315 von Bösem bestehen kann, wie da ist der höchste und wahre Gott selbst,

Ab­fall vom Werke Gottes zu eigenen Werken als selbst ein Werk, und fer­ner  die   gesamte   unsichtbare   und  sichtbare   himmlische   Schöpfung

zwar ein Abfall zu schlechten Werken deshalb, weil diese Werke dem ober­halb  dieses  dunstigen  Luftkreises,  nicht  aber  Böses  ohne  Gutes,

Men­schen gemäß, nicht gottgemäß sind. Der Wille seinerseits also oder weil die Naturen, woran das Böse haftet, doch eben als Naturen gut sind.

300 der Mensch selbst, sofern er schlechten Willens ist, ist gleichsam der Dem­nach wird das Böse beseitigt nicht dadurch, daß eine Natur, die

schlechte Baum, der solche Werke als seine schlechten Früchte hervor­ 320 hinzuge­treten   wäre,   oder   ein   Teil   einer   Natur   aufgehoben   würde,

bringt. Demnach haftet der schlechte Wille, obgleich er nicht der Natur sondern   da­durch,   daß   eine   Natur,   die   verdorben   und   verschlechtert

gemäß, sondern ihr als ein Gebrechen widrig ist, doch an der Natur, worden ist, ge­heilt und gebessert wird. Also ist die Wahl des Willens

deren Gebrechen er bildet, da ein Gebrechen nicht für sich, sondern nur dann wahrhaft frei, wenn er nicht Gebrechen und Sünden unterworfen

305 an einer Natur bestehen kann, jedoch nur an einer, die Gott aus nichts ist. Ein solcher freier Wille war es, den Gott dem Menschen gab; durch


Augustinus über den Menschen 10
325 eigenen Fehl verloren gegangen, konnte er nur von dem zurückgegeben er   sich   gefügig   in   seiner   geistigen   Bosheit   durch   seine

werden,   der   allein   ihn   hatte   geben   können.   Deshalb   spricht   die 345 Engelserscheinung und seine überragende Natur und redete, sie als sein

Wahrheit: „Wenn euch der Sohn frei macht, dann werdet ihr wahrhaft Werkzeug mißbrau­chend, Lug und Trug zu dem Weibe, indem er bei

frei sein“. Es könnte gerade so gut heißen: „Wenn euch der Sohn heilt, dem   minderen   Teil   des   Menschenpaares   den   Anfang   machte,   um

dann   werdet   ihr   wahr­haft   gesund   sein“.   Denn   Heiland   ist   der   Sohn stufenweise zum Ganzen zu gelangen, in der Meinung, der Mann werde

330 durch das gleiche Mittel wie Befreier. nicht   so   leichtgläubig   sein   und   könne   eher   durch   Nachgiebigkeit

Es lebte also der Mensch gottgemäß in einem leiblichen und geistigen 350 gegenüber fremdem Irrtum als durch eigenen Irrtum betrogen werden.

Paradiese. [...] Nachdem jedoch jener hochmütige und deshalb neidische [..] so hat vermutlich auch der erste Mann seinem Weibe, der einzige der

Engel, eben durch seinen Hochmut von Gott ab­ und sich selbst zuge­ einzigen,   der   Mensch   einem   Menschen,   der   Gatte   der   Gattin,   in   der

kehrt und mit einer Art tyrannischer Wollust seine Freude lieber darin Übertretung   des   Gebotes   Gottes   aus   enger   geselliger   Verbindung

335 suchend, Sklaven zu seinen Füßen zu sehen als selbst zu Füßen zu lie­ nachgegeben, ohne ihre Worte für wahr zu halten und durch sie sich

gen,   aus   seinem   geistigen   Paradies   herabgefallen   war   [...],   ging   sein 355 verführen zu lassen.

Streben dahin, sich mit verführerischer Verschlagenheit in den Geist des (14,16) Es gibt also Lüste nach vielerlei Dingen; wenn jedoch von Lust

Menschen einzuschleichen, dem er neidisch war, da er aufrecht stand, schlechthin die Rede ist ohne Beifügung eines Gegenstandes, worauf sie

während   er   selbst   gefallen   war.   Und   er   erwählte   sich   im   wirklichen sich richtet, so denkt man gewöhnlich nur an die Lust, durch welche die

340 Para­diesesort, wo außer den beiden Menschen, Mann und Weib, auch Schamteile aufgeregt werden. Diese Lust aber nimmt nicht nur den gan­

die übrigen irdischen Lebewesen, alle zahm und unschädlich, weilten, 360 zen Leib, und zwar nicht äußerlich nur, sondern auch innerlich in An­

als   sein   Sprachrohr,   geeignet   für   sein   Vorhaben,   die   Schlange,   ein spruch und regt den ganzen Menschen zumal auf, indem sich mit dem

schlüpf­riges Tier, gewandt in krummen Schleichwegen. Diese machte Begehren des Fleisches zugleich eine Gemütsbewegung verbindet und
Augustinus über den Menschen 11
vermischt und so ein Genuß erfolgt, der unter den körperlichen Genüs­ Zeugungswillen, sondern selbst der geilen Lust die Lust den Dienst, und

sen obenan steht; in einer Weise, daß in dem Augenblick, wo er seinen während sie sich dem zügelnden Geist in ihrer Ganzheit meist wider­

365 Höhepunkt erreicht, fast alles scharfe und umsichtige Denken niederge­ setzt, teilt sie sich in der Richtung auf sich zuweilen selbst und bringt

halten wird. Aber jeder Freund der Weisheit und heiliger Freuden, der 385 zwar das Gemüt in Erregung, wird aber sich selber untreu, wenn es sich

im Ehestande lebt, jedoch nach der Mahnung des Apostels „sein Gefäß um die körperliche Erregung handelt.

in Heiligkeit und Ehren zu besitzen weiß, nicht im Fieber der Begier,
de natura et gratia (über natur und gnade) 3.3.
wie die Heiden auch, die Gott nicht kennen“, würde lieber, wenn es in
Die Natur des Menschen wurde freilich zuerst als schuldlose und ohne
370 seiner Macht stünde, ohne solche Lust Kinder erzeugen, so daß auch bei
irgendeinen   Schaden   geschaffen;   diese   Natur   aber   des   Menschen,   in
diesem Geschäft der Nachkommenschaftsgründung die hierfür erschaf­
welcher ein jeder aus Adam geboren wird, bedarf bereits des Arztes,
fenen Glieder in derselben Weise seinem Geiste dienstbar wären wie die
390 weil sie nicht gesund ist. Allerdings hat sie alle guten Dinge, welche sie
übrigen je ihren besonderen Aufgaben dienenden Glieder, also nicht auf
bei der Bildung mit Leben, Sinnen und Geist hat, vom höchsten Gott,
Anreizung durch hitzige Lust, sondern in Bewegung gesetzt durch den
dem Schöpfer und ihrem Hersteller. Den Schaden aber, der die natürli­
375 Wink des Willens. Aber selbst auch wer Freude hat an solchem Genuß,
chen Güter überschattet und schwächt, so daß sie Erleuchtung und Für­
fühlt sich dazu nicht gerade immer dann angeregt, wann er will, gleich­
sorge braucht, zog sie sich nicht vom schuldlosen Hersteller zu, sondern
viel ob es sich um eheliche Beiwohnung oder um unlautere Schandtaten
395 von der ursprünglichen Sünde, welche begangen wurde aus freiem Wil­
handelt; vielmehr stellt sich diese Regung mitunter ungestüm ein, ohne
len. Und daher gelangt die strafwürdige Natur zu einer äußerst gerechten
daß ihrer jemand begehrte, zuweilen läßt sie den danach Schmachtenden
Strafe. Wenn wir nämlich in Christo schon ein neues Geschöpf sind, wa­
380 im Stich und bleibt die Begierde im Körper kalt, während sie im Gemüte
ren wir dennoch von Natur aus Kinder des Zorns so wie auch die übri­
heiß   entbrannt   ist;   und   so   versagt   merkwürdigerweise   nicht   nur  dem
Augustinus über den Menschen 12
gen; Gott aber, der reich ist an Barmherzigkeit, machte uns wegen seiner Wenn ferner eine Seele entstand, aus welcher diejenigen aller Gebore­

400 großer Liebe, mit der er uns liebte, und weil wir tot waren wegen unse­ nen geholt werden, wer kann dann sagen, er habe nicht gesündigt, wenn

rer Verbrechen, lebendig zusammen mit Christo, durch dessen Gnade jener erste [Mensch] sündigte? Wenn aber die Seelen einzeln entstehen

wir heil gemacht wurden. in einem jeden der Geborenen, dann ist es nicht verkehrt, ja vielmehr er­

Diese Gnade Christi also, ohne welche weder Säuglinge noch Erwachse­ 420 scheint es äußerst passend und ordnungsgemäß, daß das von dem Vor­

ne heil werden können, wird nicht aufgrund von Verdiensten gegeben, fahren verdiente Übel die Natur des Nachkommen ist und daß das ver­

405 sondern sie wird gratis gegeben, weswegen man sie gratia nennt. Ge­ diente Gute des Nachkommen die Natur des Vorfahren ist. (3.20.56.189)

rechtfertigt, spricht er, gratis durch sein eigenes Blut. Von daher werden Denn was ist daran unangemessen, wenn der Schöpfer sogar so zeigen

die, die nicht durch jene befreit werden, sei es weil sie noch nicht hören wollte, daß die Würde der Seele in dem Grade die [nur] leiblichen Ge­

konnten, sei es weil nicht gehorchen wollten, sei es auch daß sie, da sie 425 schöpfe übertrifft, daß von dieser Stufe ein höherer Aufstieg sein kann

wegen ihres Alters nicht hören konnten, das Bad der Wiedergeburt, was [als] der Fall  tief war. Denn nachdem jene Sünderin zur Unwissenheit

410 sie hätten empfangen können, durch welches sie hätten heil werden kön­ und Schwierigkeit gelangte, nennt man es zurecht eine Strafe deshalb,

nen, nicht empfingen, zurecht schlechterdings verdammt, weil sie nicht weil sie vor dieser Strafe besser war.

ohne Sünde sind, entweder weil sie sich vom Ursprung her zuzogen oder
de fide, spe et caritate 8
weil sie sie durch schlechten Lebenswandel vermehrten. Denn alle sün­
430 23. Weil wir die Ursachen des Guten und Bösen kennen müssen, soweit
digten ­ sei es in Adam sei es in sich selbst ­ und ermangeln des Ruhmes
es der Weg erheischt, der uns zu dem Reiche führt, wo Leben ohne Tod,
415 bei Gott. (Übersetzung von Thomas Meyer)
Wahrheit ohne Irrtum, Glück ohne Trübung sein wird, so dürfen wir
de libero arbitrio (über den freien willen) 3.20.56.188f nicht im geringsten daran zweifeln, daß bei allem, was uns Menschen
Augustinus über den Menschen 13
betrifft, die Ursache des Guten allein die Güte Gottes ist, die Ursache Gerechtigkeit ihres Herrn verurteilt worden. Den Menschen trifft dabei

435 des Bösen aber der von dem unwandelbaren Gut [Gott] abfallende Wille noch eine eigene Bestrafung, nämlich der leibliche Tod. Denn gerade

des wandelbar Guten [des Geschöpfes], der Engel zunächst, sodann der 455 die   Todesstrafe   war   es,   die   Gott   ihm   für   den   Fall,   daß   er   sündigen

Menschen. 24. Das [nämlich dieser verderbte Wille] ist das erste Übel werde, angedroht hatte1. Gott stattete den Menschen mit einem freien

des   vernünftigen   Geschöpfes,   d.   h.   die   erste   Minderung   des   Guten. Willen   aus,   jedoch   so,   daß   sein   Befehl   ihn   lenken   und   seine

Sodann schlich sich mit dem Nichtwollen auch Unwissenheit in dem Strafandrohung   schrecken   sollte;   und   er   versetzte   ihn   in   die

440 ein, was es tun soll, und Begierlichkeit nach schädlichen Gütern, zwei Glückseligkeit   des   Paradieses,   dieses   Schattenbildes   des   [ewigen]

Übel, zu denen sich von selbst noch Irrtum und Schmerz gesellen; jene 460 Lebens;  ―  von hier aus sollte er zu einem besseren Leben aufsteigen

Gemütsbewegung   aber,   die   diesen   Übeln   bei   ihrem   Herannahen   zu können, falls er seine Gerechtigkeit zu bewahren wußte.

entgehen sucht, heißt Furcht. Erreicht sodann das Herz die Befriedigung 26.2 Durch den Sündenfall wurde der Mensch jedoch vertrieben: damit

seiner   Begierden,   mögen   diese   noch   so   verderblich   und   wertlos   sein verwickelte er auch seine Nachkommenschaft, die er in seiner eigenen

445 (doch davon weiß ja das Herz in seinem Wahne nichts), so fühlt es sich Person durch seine Sünde gleichsam in der Wurzel verderbt hatte, mit in

entweder   von   krankhafter   Lust   gefesselt   oder   in   nichtiger   Freude 465 die Strafe des Todes und der Verdammnis. Denn nun sollten alle Kinder,

gewiegt.   Aus   diesen  Quellen   nicht   des   Überflusses,   sondern   der   Not die von ihm und seiner zugleich mit ihm der Verdammnis verfallenen

entströmt dann wie aus [ebenso vielen] Krankheitsquellen alles Elend Gattin, seiner Verführerin zur Sünde, durch die Begierlichkeit des Flei­

der vernünftigen Geschöpfe.  ―  25. Doch bei all ihren Übeln konnten sches (die nur eine ihrer Ungehorsamkeitssünde ähnliche Strafe ist) das

450 diese Geschöpfe ihren Trieb nach Glückseligkeit nicht verlieren. Leben erhalten würden, mit der Erbsünde behaftet werden; um dieser

Die   genannten   Übel   nun   haben   Menschen   und   Engel   miteinander 470 Sünde willen sollten sie unter mannigfachen Verirrungen und Schmer­

gemeinsam; denn beide sind lediglich um ihrer Bosheit willen von der zen   mit   samt   den   abtrünnigen   Engeln,   ihren   Verführern,   Herren   und
Augustinus über den Menschen 14
Sündengenossen, der endlosen Strafe [der Verdammung] verfallen. Also Zeit und Raum und gewährt ihnen Unter­halt. Denn Gott hielt es für

„ist durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen und durch besser, selbst aus dem Bösen Gutes zu schaf­fen, als überhaupt nichts

die Sünde der Tod; und so ist der Tod auf alle Menschen übergegangen, Böses zuzulassen. Aber selbst wenn er gar nicht gewollt hätte, daß sich

475 weil alle in ihm gesündigt haben“3. Unter „Welt“ versteht der Apostel der Mensch zum Bessern umwandle, so wie es ja auch keine Besserung

[Paulus] an dieser Stelle das gesamte Menschengeschlecht. 495 der gottlosen Engel mehr gibt, würde dann nicht trotzdem das ganze

27. So stand es also [nach dem Sündenfall] mit den Menschen. Die dem Menschengeschlecht   mit   vollem   Recht   auf   ewig   von   ihm   verstoßen?

Verdammungsurteil unterworfene Gesamtheit des Menschengeschlech­ Und   würde   es   nicht   wirklich   eine   ewige   Strafe   verdienen?   Dieses

tes4 lag, ja wälzte sich förmlich im Bösen und stürzte von Bösem in Bö­ Menschengeschlecht verließ ja Gott, trat in Miß­brauch seiner Macht

480 ses;   so   büßte   sie   für   ihren   gottlosen   Abfall   samt   jenen   Engeln,   die [des freien Willens] das Gebot seines Schöpfers, das es doch ganz leicht

gesün­digt   hatten.   Und   diese   Strafe   war   ganz   gerecht;   denn   den 500 hätte halten können, achtlos mit Füßen, entstellte in sich das Bild seines

gerechten   Zorn   Gottes   fordert   alles   heraus,   was   die   Bösen   in   ihrer Schöpfers, von dessen Licht es sich hartnäckig abwandte, und riß sich

blinden und ungezü­gelten Begierlichkeit freiwillig tun, und auf ihn ist unter Mißbrauch seines  freien Willens  von Got­tes Gesetzen und der

alles   zurückzuführen,   was   sie,   wenn   auch   wider   ihren   Willen,   an heilsamen Unterordnung unter dieselben los. Und Gott hätte sicher so

485 offenbaren   und   verborgenen   Strafen   erdulden   müssen.   Dabei   spendet (gerecht)   gehandelt,   wenn   er   nur   gerecht   und   nicht   auch   barmherzig

aber die Güte des Schöpfers doch auch den bösen Engeln unaufhörlich 505 wäre und wenn er nicht lieber seine frei gespendete Barmherzigkeit in

Leben   und   Lebenskraft,   ohne   deren   aufrecht   erhaltende   Macht   sie der Rettung Unwürdiger um so augenscheinlicher strahlen lassen wollte.

zugrunde   gehen   würden5,   und   gibt   den   Menschen,   die   doch   aus 1: Vgl. Gen. 2, 17; 3, 19.

2: Die Erörterung richtet sich gegen die Pelagianer.
krankhaftem und verworfenem Stamm ent­sprießen, Samen und belebt
3:   Röm.   5,   12.  Διὰ   τοῦτο   ὥσπερ   δι’   ἑνὸς   ἀνθρώπου   ἡ   ἁμαρτία   εἰς   τὸν
490 sie, ordnet ihren Gliederbau, gibt ihren Sin­nen Kraft zur Betätigung in
Augustinus über den Menschen 15
κόσμον   εἰσῆλθεν   καὶ  διὰ  τῆς   ἁμαρτίας  ὁ  θάνατος, καὶ  οὕτως  εἰς  πάντας
4: massa damnata.
ἀνθρώπους ὁ θάνατος διῆλθεν, ἐφ’ ᾧ πάντες ἥμαρτον∙
5:   Augustinus   faßt   also   auch   den   Zustand   eines   verdammten   Lebens   als   etwas
Deshalb, wie durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen Wünschenswerteres auf als wie völliges Nichtsein.

ist  und der Tod durch die Sünde, so ist der Tod  zu allen Menschen

durchgedrungen, weil sie alle gesündigt haben.

propterea sicut per unum hominem in hunc mundum peccatum intravit

et per peccatum mors et ita in omnes homines mors pertransiit in quo

omnes peccaverunt