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Krieg

Der Superkämpfer
Frank Zechner

Ende November 2008 wurde Martin Seligman, Psychologieprofessor


und Begründer der positiven Psychologie, zu einem Essen ins Pentagon
eingeladen. Gastgeber war der 4-Sterne-General George Casey, der
Generalstabschef der US Armee und früherer Kommandant der
multinationalen Streitkräfte im Irak. Anlass dieser ungewöhnlichen
Einladung war eine starke Zunahme von Suiziden innerhalb der US
Army: im Zeitraum von 2005 bis 2007 stieg die Suizidrate um 45 % von
11,54 % auf 16,68 %. Auch die Rate der Posttraumatischen Störungen
schnellte während des Irak-Krieges nach oben. Zwischen 2003 und
2014 lag die Rate innerhalb der US Army bei 11–20 %, wobei sie bei der
amerikanischen Bevölkerung bei 7–8 % lag.

„Ich möchte eine Armee schaffen, die psy- 8-Wochen-Kurs Mindfulness Based Stress
chisch ebenso fit ist wie sie physisch fit ist“, Reduction (MBSR) nach Jon Kabat-Zinn ori-
begann der 4-Sterne-General die Unterhal- entiert.
tung. „Der Schlüssel zu psychischer Fitness Dass Achtsamkeit zum Training von Solda-
ist Resilienz (psychische Abwehrkräfte)“, fuhr ten eingesetzt wird, ist nicht wirklich neu. Als
er fort, „können Sie, Dr. Seligman, ein Resi- mächtige Feudalherren begannen buddhis-
lienzprogramm für die US Army erstellen?“. tische Klöster schon ab dem 8. Jahrhundert,
Seligman konnte. Innerhalb der nächsten ihren Besitz gegen böse Banditen und hun-
Monate erstellte er mit einem Team ein umfas- gernde Bauern zu verteidigen. Leibeigene der
sendes Resilienzprogramm für die US Army, Klöster wurden in Kampftechniken trainiert.
das Comprehensive Soldier Fitness Program. Doch erst nach der Machtübernahme der
Dieses Programm umfasst einen Test für psy- Samurai in Japan im 12. Jahrhundert begann
chische Fitness (GAT), Online-Kurse zu den eine strukturelle Verbindung zwischen Zen-
Themen Emotionale Fitness, Soziale Fitness, Buddhismus und Militär.
Geistig-spirituelle Fitness und Familienfitness Chinesische Chan-Mönche brachten die
und einen Train-the-Trainer-Kurs für Drill Ser- Idee eines wertfreien Zen, das sich für mi-
geants. Bis 2014 wurden 145 Millionen Dollar litärische Zwecke nutzen ließ, nach Japan.
in das Programm investiert, 40.000 Drill Ser- Besonders Eisai (1141–1215), der Begründer
geants trainiert. Es ist nun fester Bestandteil des japanischen Rinzai-Zen, pflegte eine enge
der Grundausbildung der US Army. Verbindung zur Militärregierung und trug
Außerdem laufen seit 2008 innerhalb der maßgeblich zur Entstehung des Samurai-
US Army Pilotstudien zur Umsetzung eines Zen bei. Nicht nur Zen als Mentaltraining
8-Wochen-Kurses Mindfulness Based Mind für Schwertkämpfer war für die Militärs
Fitness Training (MMFT), der sich stark am interessant, auch die starke Betonung der >>

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Krieg

>> gesellschaftlichen Hierarchie und der strikten war einer der glühendsten Unterstützer der
Loyalität zum Herrn durch die Zen-Mönche japanischen Kriegspolitik. Harada prägte in
in Form des Konfuzianismus begeisterte die seinem 1915 veröffentlichten Buch den Begriff
Militärherrscher. „Als Staatsdoktrin diente des „Kriegs-Zen“. In einem weiteren Buch
der Neokonfuzianismus der Militärregierung (1934) schreibt er folgende Sätze: „Der Geist
als ideales Zuchtmittel zur Aufrechterhaltung Japans ist der Große Weg der Shinto-Götter. Er
der gesellschaftlichen Ordnung“, schreibt ist der Stoff des Universums, die Essenz der
Klaus Vollmer. Die Militärs bauten den Zen- Wahrheit. Das japanische Volk ist ein auser-
Mönchen tolle Klöster und die Zen-Mönche wähltes Volk, dessen Mission es ist, die Welt
trainierten sie in Achtsamkeit bzw. in innerer zu beherrschen.“
Ruhe, Todesverachtung, Konzentration und Sein Dharma-Erbe Yasutani hatte wohl
Wachheit. Eine typische Win-win-Situation. ähnliche Ansichten. Er sah die große Aufga-
Natürlich gab es auch Zen-Mönche, die sich be des japanischen Buddhismus darin, den
an dieser Militarisierung des Buddhismus japanischen Kaiser zu verehren und gegen die
nicht beteiligt haben. Die haben dann aber jüdische Propaganda der Freiheit und Gleich-
auch keine tollen Tempel bekommen, und heit zu kämpfen.
leider sind ihre Lebensgeschichten auch nicht Ende der 1930er-Jahre waren die buddhisti-
überliefert worden. schen Institutionen Japans zu einer zuverläs-
Diese erfolgreiche Zusammenarbeit sigen Stütze der Kriegsaktivitäten des Landes
zwischen Zen-Buddhismus und den Mili- geworden.
tärs florierte gut 600 Jahre. 1886 brach das Auch das kaiserliche Militär entdeckte die
Tokugawa-Regime zusammen und der Kaiser Vorteile des Zen als Training in Konzentra-
Meiji übernahm die Führung im Staat. Es gab tion, Todesverachtung und des „absoluten
einen kurze Buddhistenverfolgung, in deren Gehorsams gegenüber dem Vorgesetzten,
Verlauf 63% der buddhistischen Tempel zer- bei dem jegliches eigenständiges Denken
stört wurden. Buddhismus war out und wurde ausgeschaltet ist“, so kann man es im Feld-
als unjapanisch betrachtet. Nach dem Verlust handbuch für die Infanterie der japanischen
der staatlichen Unterstützung musste sich Armee nachlesen.
der japanische Buddhismus neu ausrichten. Die Auswirkungen dieser inneren Einstel-
Er versuchte zu beweisen, dass er sehr wohl lung zeigten sich in den Kriegsverbrechen der
japanisch war und dem japanischen Volk von japanischen Armee im Zweiten Weltkrieg:
Nutzen sein konnte. das Massaker in Nanjing (1937), wo mehr als
Er machte das, indem er sich mit der neuen 100.000 Chinesen starben; der Todesmarsch
imperialistischen, militaristischen, rassisti- von Bataan, bei dem von 70.000 amerikani-
schen Politik des japanischen Kaiserreiches schen Kriegsgefangenen 15.000 starben; bei
identifizierte und es lautstark unterstützte. der Erbauung der Burma-Eisenbahn kamen
Schon der Lehrer von D. T. Suzuki, Shaku 102.000 Zwangsarbeiter zu Tode und während
Soen, sprach von der Einzigartigkeit der der japanischen Besatzung wurden 100.000
Japaner und rechtfertigte die kolonialistischen bis 200.000 Frauen zur Prostitution in japani-
Bestrebungen in der Mandschurei. schen Militärbordellen gezwungen.
Auch Harada Roshi (1871–1961), der Leh- Jahre nach dem Ende des Zweiten Welt-
rer von Yasutani Roshi und Phillip Kapleau, krieges reflektierten einige buddhistische

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Krieg

Schulen ihre unheilvolle Rolle in dieser


dunklen Zeit und begannen sich öffentlich
zu entschuldigen: 1987 der Higanshi-Hon-
ganji-Zweig der Shin (Shin-Buddhismus)
und 1992 die Soto-Schule. Erst nach der
zweiten Auflage des Buches „Zen at War“
(2001) von dem amerikanische Zen-Priester
Brian Victoria entschuldigte sich auch die
größte japanische Rinzai-Zen-Schule, das
Myoshinji.
Erstaunlicherweise idealisierte der Philoso-
phieprofessor D. T. Suzuki bis in die 1960er-
Jahre die Verbindung des Zen-Buddhis-
mus mit der Schwertkunst und ging
sogar so weit, zu behaupten, dass
manche killende Schwertmeister
und Militärherrscher Erleuch-
tung erlangten.
Immerhin ist die US
Army so ehrlich, dass
sie nicht behauptet,
durch Achtsamkeits-
training und Töten
erleuchtete Meister
zu schaffen. 

Frank Zechner
Frank Zechner ist
Psychologe, Lehrsupervi-
sior, Autor und Comiczeichner.
Er wurde 1995/98 von Genro
Koudela (Zen, Myoshinji-Linie) und
Ursula Lyon (Vipassana) als Acht-
samkeitslehrer autorisiert und gibt seit
2011 Achtsamkeitskurse im MBSR-Format.

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„Lass es einfach los!“


Interview Eva Zellenberg-Maroscheck S. 8

Tiere in der Landwirtschaft


Inge Brenner S. 12

Was bringt junge Leute zum Buddhismus?


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