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SPIEGEL - GESPRÄCH

„Das Gehirn ist eine


Baustelle“
Hirnforscher Gerald Hüther über die Abenteuer des Säuglings
im Mutterbauch, die Bedeutung von Gefühlen und
Erfahrung für die Hirnentwicklung und die Chancen des Menschen,
Haltungen und Verhalten ein Leben lang zu verändern

GERALD HÜTHER

Der an den Universitäten Göttingen


und Mannheim lehrende Professor für
Neurobiologie ist einer der renom-
miertesten Hirnforscher Deutsch-
lands. Hüther, 58, wuchs in der DDR
auf und flüchtete 1978 in die Bun-
desrepublik. Er ist Autor erfolgrei-
cher Bücher. Sein neuestes Sach-
bilderbuch (mit Inge Michels) „Ge-
hirnforschung für Kinder. Felix und
Feline entdecken das Gehirn“ (Kösel
Verlag, München; 64 Seiten; 12,95
Euro) erklärt Kindern und Eltern, was
ein Gehirn braucht, um sich optimal
zu entwickeln.

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DENKEN UND FÜHLEN

SPIEGEL: Wenn Babys zur Welt kom- Hüther: Das Gehirn des ungeborenen Hüther: Die genetischen Anlagen sorgen
men, haben sie gewöhnlich eine neun- Kindes strukturiert sich anhand von Sig- dafür, dass zunächst ein Überangebot an
monatige Entwicklungsreise hinter sich. nalmustern, die zunächst aus seinem Nervenzellen und an Verknüpfungsmög-
Was genau erleben sie im Bauch der eigenen Körper dort eintreffen. Gegen lichkeiten bereitgestellt wird. Wie und
Mutter? Ende der Schwangerschaft sind die Sin- wofür dieser Überschuss genutzt wird,
Hüther: Was sie dort erleben, weiß na- nesorgane so weit ausgebildet, dass nun um ein mehr oder weniger komplexes
türlich niemand. Aber eines ist klar: Die auch äußere Einflüsse zunehmend an Gehirn aufzubauen, hängt viel stärker,
genetisch angelegten Möglichkeiten zur Bedeutung für die weitere Reifung des als wir das bisher geglaubt haben, von
Ausbildung des Gehirns können sich Gehirns gewinnen. Das kann der Herz- den Erfahrungen ab, die das Kind auch
nur unter optimalen Entwicklungsbe- schlag der Mutter sein, die Musik, die bereits vor der Geburt macht. Das lässt
dingungen voll entfalten. Störend wir- sie hört, aber auch Angst oder Stress. sich schon bei Mäusen nachweisen.
ken etwa die durch Alkohol, Nikotin Kinder, deren Geborgenheit gestört ist, Durch embryonalen Transfer hat man
oder Medikamente beeinträchtigte Ver- kommen schon unsicherer und ängst- bei zwei Mäusestämmen – die einen sehr
sorgung der Plazenta sowie seelische licher zur Welt. nervös und unruhig, die anderen eher ru-
oder körperliche Belastungen. SPIEGEL: Welche Rolle spielen die gene- hig – die Embryonen den jeweils falschen
SPIEGEL: Wie entwickelt sich in dieser tischen Programme, die das Kind mit auf Müttern eingepflanzt. Zum großen Er-
Zeit das Gehirn? die Welt bringt? staunen der Fachleute setzte sich nicht

Großhirnrinde: linke
rechte Hemisphäre Hemisphäre
Scheitellappen

Stirnlappen

Hinter-
haupt-
Balken lappen

Schläfenlappen
Basalganglien
Thalamus

Amygdala Kleinhirn DAS HIRN erwächst beim mensch-


Hypophyse lichen Embryo aus den oberen
Abschnitten eines neuralen Ge-
webeschlauchs, dem späteren
Brücke Rückenmark. Die verdickte End-
region wird zum Großhirn, bildet
bald Wölbungen aus und teilt sich
in zwei Hälften (Hemisphären).
Schon beim neugeborenen Kind
verlängertes sind die vielfachen Faltungen und
Rückenmark Windungen der Großhirnrinde
ausgeprägt. Doch erst die spätere
Verknüpfung der unzähligen, hier
angelegten Nervenzellen entschei-
det über die geistige Entwicklung,
über Talent und Persönlichkeit
eines Kindes.

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ENDLOSES TRAUMA
Angsterfahrungen, die der Körper in
der Kindheit speichert, können
ein Leben lang wieder ausgelöst
werden: Mutter und Kind
nach einem Bombenangriff in Gaza.

das genetische Material durch, sondern was dazukommt wie etwa Musik, kann Hüther: Kognitiv kann sie wenig beein-
die Jungen übernahmen die psychischen es durchaus sein, dass das Kind später flussen. Besser wäre es, sie würden im-
Dispositionen ihrer „Leihmütter“. besonders offen ist für Musik und Spra- mer wieder positive Gefühle erleben
SPIEGEL: Was passiert, wenn eine Frau che. Oder es ist offen für Bewegung, weil und sich auf ihr Kind richtig und ohne
während ihrer Schwangerschaft sehr ge- die Mutter während der Schwanger- Sorgen und Zukunftsängste freuen kön-
stresst oder sehr unglücklich ist? schaft gern spazieren gegangen ist und nen. Das halte ich für viel wirkungsvol-
Hüther: Es lässt sich heute mit 3-D-Ul- dabei glücklich war. ler als irgendwelche gezielten Anstren-
traschallverfahren zeigen, was im Bauch SPIEGEL: Schwangerschaften können gungen, um die Entwicklung des unge-
passiert, wenn die Mutter auch nur an ähnlich verlaufen, Geschwister aber borenen Kindes positiv zu beeinflussen.
etwas denkt, was ihr Angst macht. Die ganz unterschiedlich sein in ihrer Art. SPIEGEL: Aber es gibt ja auch sehr
Bauchdecke spannt sich an, und der Fö- Hüther: Richtig. Das Gehirn ist eine Bau- bedeutende Erlebnisse während der
tus geht in eine Erstarrungshaltung. stelle. Es strukturiert sich erfahrungs- Schwangerschaft und der frühen Ent-
SPIEGEL: Was bedeutet das für Mutter abhängig. Dabei kommt es weniger auf wicklungsphase eines Kindes.
und Kind? die Beschaffenheit der Umwelt, sondern Hüther: Sicher gibt es Probleme, die
Hüther: Wenn das häufiger passiert, auf die subjektive Wahrnehmung und sehr belastend für die Mutter und das
kommt es zur Kopplung der aktivierten die Bewertung dieser Umwelt durch das Kind sind. Therapeuten berichten von
Nervenzellverschaltungen im Gehirn Kind an. Ein Erstgeborenes findet in sei- Kriegskindern, deren Traumata, etwa
SEITE 52: MARTIN ZITZLAFF; S. 54: OLIVIER LABAN-MATTEI / AFP

des Ungeborenen, das Erstarren ver- ner Familie viele Nischen, viele Mög- durch Sirenengeheul ausgelöst, nicht auf
knüpft sich mit anderen Sinnesein- lichkeiten und besetzt sie. Für das zwei- der kognitiven Ebene verarbeitet wer-
drücken, die zeitgleich im Gehirn ein- te Kind sind diese Plätze schon besetzt. den, sondern auf der körperlichen Ebe-
treffen. Solche Kopplungen können Es muss nach neuen Nischen suchen. ne steckenbleiben. Hören diese Men-
beim Kind später wieder aktiviert wer- Die Erstgeborenen wachsen daher häu- schen dann später wieder Sirenenge-
den. Wenn etwa eine Schwangere hört, fig gradliniger in die Familientradition, heul, aktivieren sich die entsprechen-
wie jemand herumschreit und deshalb zweite oder dritte Kinder sind oft rebel- den Körperreaktionen wieder. Sie sind
Angst bekommt, erstarrt das Kind auch lischer, suchen neue Wege, sind viel- nicht in Lebensgefahr, aber die Wahr-
noch nach der Geburt, sobald es jeman- leicht kreativer. Deshalb können sich nehmung setzt das gesamte Netzwerk
den hört, der ähnlich herumschreit. Geschwister mit ähnlichen genetischen in Bewegung: Die Angst ist wieder da
SPIEGEL: Was passiert, wenn es der Mut- Anlagen unterschiedlich entwickeln. und damit die entsprechenden Symp-
ter gutgeht? SPIEGEL: Was aber geschieht mit Frau- tome.
Hüther: Die Atmung wird locker, die en, die in Krisen- oder Kriegsgebieten SPIEGEL: Wie festgelegt ist unsere Per-
Bauchdecke weich. Wenn dann noch et- schwanger sind? sönlichkeit durch solche Erfahrungen?

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DENKEN UND FÜHLEN

SPIEGEL: Was ist, wenn ein neuer Lehrer auch der drängende Wunsch im Kind
ihn ermutigt und lobt? ist, innerhalb der Familie dazuzugehö-
Hüther: Verbale Lobesbekundungen sind ren, fügt es sich und sitzt still. Also fan-
zunächst nur leere Worte. Eltern, Er- gen Kinder an, ihre Impulse zu unter-
zieher und Lehrer müssten das Kind drücken, folgsam zu sein. Das machen
einladen, neue Erfahrungen zu machen. sie erfolgreich, weil sie geliebt werden
Die Steigerung von Einladung ist Mut möchten. Manche dieser Erfahrungen
machen, die Steigerung davon ist Inspi- passen zum authentischen Selbst, man-
rieren. Wenn Kinder so erleben, dass sie che nicht. Da das Kind sich aber die, die
doch etwas können, dass es schön ist, nicht passen, quasi selbst ins Hirn ge-
Neues zu entdecken, entwickeln sie baut hat, betrachtet jedes Kind und spä-
auch eine andere, offenere Haltung. Wir ter jeder Erwachsene auch diese Antei-
haben beispielsweise die Aktion „Neue le als zugehörig zum eigenen Ich.
Lernkulturen“ angestoßen, in der Kin- SPIEGEL: Diesen Eingriff der Eltern nen-
der und Jugendliche in Kommunen und nen wir Erziehung.
Gemeinden Projekte aktiv mitgestalten Hüther: Ja, bestimmte Dinge sagt und
(www.nelecom.de). tut man nicht. Wenn man sich dabei zu
SPIEGEL: Wie sieht das aus?
Hüther: In den Gemeinden werden
Teams gebildet. Im thüringischen Saal-
feld beispielsweise wollten die Jugend-
lichen den Ort durch Sprayen verschö- „Niemand baut sich
nern. Es gab eine alte Schule, die ir-
gendwann abgerissen werden sollte, die freiwillig eng
durfte von oben bis unten besprüht machende Haltun-
werden. Die Gemeinde besorgte einen
Spraykünstler, der sie anleitete. Das Er- gen ins Gehirn ein.“
gebnis ist eine kunstvoll besprühte Schu-
le, die von den Bürgern bestaunt und
Hüther: Das Gehirn lernt immer. Auch von Touristen besucht wird. sehr von seinem ursprünglichen Funda-
eine negative Erfahrung oder Erinnerung SPIEGEL: Und die jugendlichen Sprayer ment, dem authentischen Selbst, ent-
kann später neu bewertet und damit qua- sind mächtig stolz. fernt, wird das Haus schief. Der Bau-
si überschrieben werden. Dazu ist aber Hüther: Klar. Eine solche Erfahrung ist meister im eigenen Haus kriegt das oft
eine emotionale Erfahrung nötig, die wie- etwas völlig anderes als ein verordnetes nicht mit, bis das Haus irgendwann an-
der über den Körper laufen muss, wenn Praktikum. fängt zu wackeln.
die Erinnerung dort eingefroren ist. Was SPIEGEL: Wie können Eltern optimale SPIEGEL: Sie meinen Lebenskrisen?
uns als Menschen ausmacht, sind unse- Entwicklungsbedingungen für das Ge- Hüther: Klar, und dann versucht man,
re Erfahrungen. Sie strukturieren unse- hirn ihres Kindes schaffen? durch Stützen und Reparaturen zu hel-
re Netzwerke im Gehirn. Erfahrungen Hüther: In der ersten Lebensphase bis fen, damit das Haus nicht umkippt.
zeichnen sich dadurch aus, dass wir et- zur Sprachentwicklung bezieht das Kind Richtiger wäre es, den Patienten einzu-
was erleben, was uns unter die Haut geht. den größten Anteil seiner Identität laden und zu ermutigen, bildhaft ge-
SPIEGEL: Wir sind also mehr Gefühls- durch die eigene Körpererfahrung, es sprochen, in seinem Haus in die unteren
als Verstandeswesen? krabbelt, greift, lernt laufen. Wir nen- Stockwerke zu gehen und nach den Ur-
Hüther: Beides. Jede Erfahrung hat einen nen das „das authentische Selbst“ oder sachen für die Risse im Fundament zu
kognitiven Anteil: Was habe ich erlebt? das Kernselbst. In diesem Selbst stecken suchen. Das könnte dem Patienten hel-
und einen emotionalen Anteil: Wie ist auch die ersten Erfahrungen der Welt- fen, sein verborgenes und verbogenes
es mir dabei gegangen? Die Summe der entdeckung, und die sind immer posi- Ich wiederzufinden …
Erfahrungen, die ein Mensch macht, tiv. „Ich habe es geschafft“, sagt sich das SPIEGEL: … und neue Haltungen zu ent-
formt sich im Laufe der Zeit in ihm zu Kind, „es ist mir gelungen.“ Dann lernt wickeln?
dem, was ich Haltung nenne. das Kind sprechen, und die Eltern grei- Hüther: Richtig. Gelingt es, unsere Hal-
SPIEGEL: Können Sie das mit einem Bei- fen immer mehr ein. Das Kind macht tungen zu ändern, verändert sich das
spiel erklären? dann unter Umständen immer mehr Er- Verhalten automatisch. Und, ganz ent-
Hüther: Ein Schüler wird in der Schule fahrungen, die im Widerspruch stehen scheidend: Die Haltungen bestimmen,
immer wieder abgewertet und entwi- zu seinem authentischen Selbst. wie wir unser Gehirn benutzen – was
ckelt die Haltung: Schule ist blöd. Durch SPIEGEL: Ein Beispiel? uns wichtig ist, warum wir uns küm-
Argumente und kluge Ratschläge wird Hüther: Es ist schwer für kleine Kinder, mern, wie achtsam wir sind, was wir se-
es nicht gelingen, ihn zu überzeugen, eine halbe Stunde oder länger stillzusit- hen, übersehen, ob wir rücksichtslos
dass Schule doch ganz in Ordnung ist. zen. Das authentische Kinderselbst wür- sind oder voller Anteilnahme.
Er muss eine völlig neue Erfahrung de normalerweise sagen: Ich will mich SPIEGEL: Das Gehirn wird so, wie man
machen. spüren, mich bewegen. Aber weil da es benutzt?

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Hüther: Das Gehirn wird so, wie man es Hüther: Ein Trauma, das wir erlebt ha- nicht mit, was der andere meint, was in
benutzt. Und das hängt eben sehr von ben, ist fest im Gehirn verankert. Diese dem anderen vorgeht. Weil sie Mimik
der Haltung, von den inneren Einstel- alten Verschaltungsmuster lassen sich und Gestik nicht ruhig lesen können.
lungen und Überzeugungen ab, die man kaum auflösen. Aber wir können die Be- SPIEGEL: Heutzutage reicht es vielen Ju-
sich im Laufe des Lebens aufgrund be- wertung immer ändern. Deshalb haben gendlichen, weltweit im Netz zu chatten.
stimmter Erfahrungen angeeignet hat. wir dieses wunderbare, flexible Fron- Hüther: Es reicht ja eben gerade nicht.
Manche dieser Haltungen sind eben talhirn. Wir können mit therapeutischer Weil die Beziehungen in der mobilen
sehr eng. Aber am Anfang, also während Begleitung das alte Trauma noch mal Welt so wenig tragfähig sind, knüpfen
der Kindheit, strukturiert sich das Ge- neu erleben und lernen, das alte Gefühl junge Leute so viele, aber flache Netz-
hirn nicht aus der Enge, sondern aus mit allen Körperwahrnehmungen neu werke, um das zu ersetzen, was an fes-
Fülle, Überfluss, Reichhaltigkeit. Das ist zu bewerten. Deshalb muss man nicht –ten, vertrauensvollen Strukturen fehlt.
eine völlig neue Perspektive, mit der die glücklich sein, dass man traumatisiert SPIEGEL: Sie hingegen sind in der ge-
Neurobiologie inzwischen auf die frühe worden ist. Aber man kann sagen, okay, schlossenen DDR großgeworden, in der
Kindheit schaut. Es geht darum, das rei- das ist Teil meiner Biografie. Ich bin Wassermühle Ihrer Familie.
che Potential, das das Leben uns mit auf auch deshalb etwas Besonderes gewor- Hüther: Ich hatte als Kind die wunder-
den Weg gibt, zu erhalten, diese Offen- den, weil ich diese furchtbare Erfahrung bare Gelegenheit, ohne Aufsicht von
heit, diese Begeisterung, diese Neugier, machen musste. Erwachsenen, die versuchten, mir etwas
die Kinder mitbringen. SPIEGEL: Und wenn zu meiner Beson- beizubringen, die Welt zu entdecken.
SPIEGEL: Welche Folgen hat es, wenn derheit gehört, dass ich ungeduldig, un- Nicht, dass wir ohne Führung gewe-
Haltungen oder innere Einstellungen diszipliniert und aggressiv bin? sen wären, innerhalb unserer Kinderge-
engstirnig geprägt wurden? Hüther: Das sind alles Haltungen, die meinschaft war immer klar, was wir durf-
Hüther: Engstirnige Haltungen veren- sich ändern lassen. Denken Sie an den ten und was nicht. Aber sonst herrschte
gen den Blick, und die Haltungen der schönen Film „Rhythm is it!“, in dem große Freiheit. Damit sind die univer-
Mitglieder einer Gemeinschaft bestim- der Choreograf Royston Maldoom mit salen Grundbedürfnisse, dazuzugehö-
men den Geist, der in der Gemeinschaft wenig disziplinierten Kindern ein Stück ren und die Welt zu entdecken, auf sehr
herrscht. Umgekehrt reglementiert der einstudiert. Früher hätte man einfach glückliche Weise gestillt worden.
Geist einer Gemeinschaft, was für Er- strenge Regeln und Strafen verhängt. SPIEGEL: Was passiert, wenn es weni-
fahrungen diejenigen machen, die zu Doch was sich dann im besten Fall ent- ger gut läuft?
dieser Gemeinschaft gehören. wickelt, ist Gehorsam. Maldoom gab den Hüther: Das zeigt ein Versuch in den USA.
SPIEGEL: Können Sie ein Beispiel geben? Kindern eine Aufgabe, die sie richtig Ein Forscher legte mehreren Fünfjäh-
Hüther: Eine Schule müsste von dem faszinierte. Aber diese Aufgabe war nur rigen je ein Marshmallow hin und sagte,
Geist bestimmt sein, dass jedes Kind ent- zu schaffen, wenn sie pünktlich kamen, wer eine Viertelstunde warten kann,
sprechend seiner Potentiale gefördert sich verabredeten, sprich: wenn sie sich kriegt noch eins. Nach 20 Jahren schau-
wird. Kümmert man sich zu wenig um selbst disziplinierten. te er, was aus den Kindern geworden war.
diesen Geist, besetzt ein anderer Geist SPIEGEL: Gibt es überhaupt Eigenschaf- Diejenigen, die warten konnten, hatten
die Schulgemeinschaft, oft ist es der Ver- ten oder Tugenden, die angeboren sind? einen höheren Intelligenzquotienten,
waltungsgeist. Er bestimmt die Erfah- Hüther: Das Kind kommt mit der Fähig- eine bessere Berufsausbildung, bessere
rungen der Menschen in dieser Institu- keit auf die Welt, Signale zu empfangen soziale Beziehungen, stabilere Partner-
tion. So entsteht ein sich selbst stabili- und auszusenden. Es kann im mütterli- schaften. Die spannende Frage lautet:
sierendes System. Wenn jemand ver- chen Gesicht lesen, was die Mutter will. Was bringt ein Kind dazu, den Marshmal-
sucht, wie Obama zurzeit in den USA, Eine funktionalisierte Pädagogik fordert low liegen lassen zu können?
diesen Geist zu ändern, wird er womög- heute, die Kinder so früh wie möglich SPIEGEL: Vielleicht der zweite Marsh-
lich daran scheitern, dass die Haltungen zum Sprechen zu bringen. Am besten mallow zur Belohnung.
vieler Mitarbeiter noch die alten sind gleich in mehreren Fremdsprachen, weil Hüther: Um darauf warten zu können,
und nicht zum neuen Geist passen. das Muttersprachenzentrum so schön braucht es aber innere Stärke. In man-
SPIEGEL: Wie gelangen wir zu neuen blüht. Dabei wird aber der Prozess, sich chen Kindern hingegen herrscht ein sol-
Haltungen? nonverbal zu verständigen, allzu leicht ches Mangelgefühl, dass die Ersatz-
Hüther: Allein ist das schwer. Eng ma- vorzeitig abgebrochen. Und die Kinder befriedigung nicht aufgeschoben wer-
chende Haltungen hat sich ja niemand plappern dann womöglich das ganze Le- den kann. Es mangelt an Zugehörigkeit,
freiwillig in sein Hirn gebaut. Es waren ben furchtbar eloquent, kriegen aber an Zuwendung, an Sicherheit und Ver-
Beziehungserfahrungen, die uns in die- lässlichkeit, man könnte auch sagen: Das
se inneren Einstellungen gezwungen Kind fühlt sich nicht geliebt genug. Wir
haben. Deswegen müssen es auch neue, wissen heute, dass Kinder an diesem
Mut machende Beziehungserfahrungen Mangel genauso leiden wie Kinder, de-
sein, die eine neue Haltung an die Stel- „Selbst Menschen, nen körperlicher Schmerz zugefügt
le der alten setzen. wird. Das tut richtig weh. Und damit der
SPIEGEL: Getreu dem Motto des be- die an eingefahrenen Schmerz nachlässt, sucht man nach Er-
rühmten Therapeuten Milton Erickson Mustern leiden, satzbefriedigungen. Im späteren Leben
„Es ist nie zu spät, eine glückliche Kind- heißen die dann Geld, Macht, Einfluss,
heit zu haben“? halten an ihnen fest.“ Reichtum.

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hat sich durch oft langjährige Erfahrung
an diesen Zustand und diese Verhältnis-
se angepasst. Und am Ende hängt man
in diesem unglücklichen System fest.
Natürlich könnte ein 70-jähriger Mann
noch Chinesisch lernen. Aber dazu
braucht es ein sehr starkes Motiv, zum
Beispiel wenn er sich in eine hübsche
Chinesin verliebt. Hirntechnisch gin-
ge das, aber grundsätzlich fällt es uns
schwer, aus unseren Mustern auszubre-
In einer Hamburger Kindertagesstätte chen.
lernen Dreijährige Englisch. SPIEGEL: Sie schreiben in einem Ihrer
Bücher, wie wichtig Selbstvertrauen,
Vertrauen in die Gemeinschaft und in
die Sinnhaftigkeit der Welt sei.
Hüther: Vor allem Letzteres ist uns ziem-
lich abhandengekommen. Das Gefühl,
in der Welt gehalten zu sein, haben
früher die Religionen gestiftet. Heute ist
alles sehr stark funktionalisiert und auf
eigene Leistung fokussiert. Kinder fin-
den bisweilen noch etwas von diesem
Vertrauen in den Märchen. Wer glauben
kann, am Ende wird alles gut, hat eine
wichtige Überlebens-Ressource.
SPIEGEL: Ist das wirklich so existentiell?
Hüther: Viktor Frankl, der große jüdi-
sche Psychiater, hat das als Erster so
deutlich gesehen. Er erlebte, wie all die
anderen Häftlinge im KZ gestorben sind,
die dem Schrecken dort nichts mehr ent-
gegensetzen konnten, die mit ihren in-
Das Projekt Information Age Town im irischen dividuellen Kompetenzen nicht mehr
Ennis bietet Computerkurse für Senioren an. weiterkamen, die auch in der Gruppe
nicht mehr weiter verbunden waren und
denen kein Glaube und keine Hoffnung
mehr geblieben war.
SPIEGEL: Irgendwann kollidierte der len, sondern um die Kühe zu melken. SPIEGEL: Gibt es eine Seele und wenn
glückliche Gerald Hüther schließlich Eines Tages zeigte mir ein Mann mit ja, wo sitzt die?
doch mit dem System in der DDR. Schmetterlingsnetz und Botanisiertrom- Hüther: Die Frage ist gemein. Meine
Hüther: Ja, aber er hat sich nicht klein- mel lauter Pflänzchen, die er beim Na- Kollegen Naturwissenschaftler sagen
kriegen lassen. men kannte, und machte mich auf den an dieser Stelle immer, sie hätten den
SPIEGEL: Wie kam der Müllerssohn zur Gesang des Zaunkönigs und auf so vieles Körper aufgeschnitten und keine See-
Neurobiologie? aufmerksam, was es dort draußen in der le gefunden, auch nicht im Hirn. Aber
Hüther: Was mich zur Biologie und zur Natur zu entdecken gab. Das will ich ich mache mal einen Versuch. Ich glau-
Hirnforschung gebracht hat, war ein auch, sagte ich mir. Ich will einen Beruf be, die Seele ist das, was wir mit auf
Initialerlebnis vor der Pubertät. Das ist, finden, der es mir möglich macht, das die Welt bringen, eine Sehnsucht da-
nebenbei gesagt, sehr spannend, denn Lebendige zu bestaunen und zu erfor- nach, wachsen zu wollen und dazuge-
offenbar können intensive Erfahrungen schen, um es bewahren zu können. hören zu dürfen. Die Seele ist das, was
in dieser Altersphase wegweisend sein. SPIEGEL: Sie schreiben, dass ein zeit- uns allen Widrigkeiten zum Trotz ge-
RETO KLAR (O.); THORSTEN FUTH / LAIF (U.)

Meine Familie hatte ein sehr pragmati- lebens lernfähiges Gehirn auch lebens- radehält und uns unseren Weg gehen
sches Verhältnis zur Natur. Man ging lang veränderbar ist. Das ist doch eigent- lässt. Eine innere Kraft, die uns führt.
nicht in den Garten, weil die Blumen so lich eine tolle Nachricht. Eine Vorstellung davon, wie farbig und
schön blühten, sondern weil man Gemü- Hüther: Ja, darüber freue ich mich auch. reichhaltig das Leben ist. Die Sehnsucht
se ernten wollte. Und man ging nicht in Aber vielen Menschen macht das auch nach diesem Reichtum, der nichts mit
den Stall, um mit den Kälbchen zu spie- Angst. Selbst wenn sie sich mit ihren Geld und Besitz zu tun hat, hält uns am
eingefahrenen Mustern nicht wohlfüh- Leben.
Das Gespräch führten die Redakteurinnen Angela len, wollen sie an diesen festhalten. Ob- SPIEGEL: Herr Hüther, wir danken Ih-
Gatterburg und Bettina Musall. wohl der Zustand furchtbar ist. Ihr Hirn nen für dieses Gespräch.

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