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Kant im Kontext III (Komplettausgabe 2017) - Abschnitt: Reflexionen zur Logik

[Nachlaß] [Begriff und Eintheilung der Philosophie]

(A u s d e m Na c h la ß – Ph a se b 1 - q: ca . 1 7 5 2- 178 9)
L §. 5.
IX 21-33.
[ Begriff und Eintheilung der Philosophie.]
__________
XVI51 1630. h-f. L 2.
In L §. 5 nach »der allgemeinern« einzuschieben:
in abstracto aus Begriffen.
__________
XVI52 1631. h-f. L 2.
Zu L §. 5 Satz 1: [Anm.: vgl. LWiener 19]
Mathematische können einigermaaßen auf Glauben angenommen werden.
__________
1632. b1. L 2'.
[Anm.: vgl. LBlomberg 41-42]
§. 5. Diese Erklärung setzet das specifische Merkmaal der Weltweisheit darin, daß sie ihre
Warheiten ohne Glauben erkennt; wir müßen aber viel Historisches Erkentniß, welches in der
Philosophie zum Grunde liegt, durch den Glauben erkennen. z.E. wir müßen glauben, daß es war
sey, was Roemer und nach ihm andere Philosophen von den Phaenomenis der Jupiters trabanten
sagen, um daraus etwas auf die Natur des Lichts zu schließen. Ein Philosoph macht observationes
und experimente, der andere glaubt sie und folgert vielerley folgen daraus.
Wir wollen also lieber die definition beybehalten, in welcher es heißt: Philosophia est scientia,
qvae circa rationes rerum versatur. Man muß jedoch das Philosophische Erkentniß von der
Kenntniß der Philosophie unterscheiden. Das erstere ist ein habitus rationes rerum cognoscendi |
XVI53 und wird meditando, examinando und perscrutando acqvirirt; es besteht mehr in der methode
seine Vernunft zu gebrauchen, als in der Anfüllung des Gedachtnißes mit vielen schon
ausgeführten Sätzen. Die cognitio Philosophiae aber ist die Kenntniß desjenigen, was in den
Schrifften der Weltweisen von den Gründen der Dinge vorgetragen worden. Diese Art der
Weltweisheit hat in dem Gedächtniße ihren Sitz. Man ließt definitionen, lernt sie durch die
beygefügte exempel und scholien verstehen, drükt sie dem Gedächtniße ein, macht sich eben so
den Zusammenhang der Sätze in der demonstration eines Lehrsatzes bekannt, um es wieder
treulich von sich zu geben. Wenn solche leute die Worte der definition vergeßen haben, so haben
sie auch die Fähigkeit nicht, selbige aufs neue zu machen. Sie sind getreue Nachbeter großer
Männer und sagen: wir grüblen, forschen nach etc etc etc.
__________
1633. b1. L 2.
Neben L §. 5:
D e n o m i n a t i o . Verschiedene definition. Der Autor ist ohne Noth von der gebräuchlichen
Erklärung abgegangen. Der Glaube ist der Weltweisheit nicht entgegen gesetzt. Sie stützet sich
eben so wohl wie dieser auf unwiedersprechliche Gründe, nemlich auf ein unwiedersprechliches
historisch erkenntniß und die innere Erfahrung.
Eintheilung der Weltweißheit siehe pag. Mscr: 1.
__________
1634. b1. L X.

Die Erste haupteintheilung der Philosophie ist 1. diejenige, da die Gründe durch eine von den

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[Nachlaß] [Begriff und Eintheilung der Philosophie]

Sinnen und den deutlichen Bildern der |


XVI54 imagination abgezogene Betrachtung, also durch den intellectum purum, erkannt werden; 2.
diejenige, welche die gründe vermittelst der Vergleichung sinnlicher Vorstellungen unmittelbar
abnimmt. Die erste ist die Philosophie im eigentlichen Verstande, die zweyte die Mathematik.
Diese Erklärungen bestimmen das specifische Merkmal beyder Wißenschaften Wir können aber in
verschiedener absicht sinnliche Vorstellungen mit einander vergleichen. Allein in absicht auf die
Gründe können wir keine andere Vergleichung anstellen, die unmittelbar [darauf führen solte] durch
die Sinne auf die Erkenntniß des Grundes führen solte, als in so fern sie die Größe betrift. Folglich
ist die Mathematik die einzige Wißenschaft, wo eine deutliche einsicht der Gründe unmittelbar
von den Sinnen oder der Vertreterin, der Einbildungskraft, abhängt. [e.g. Wenn ich fühle, das das
Feuer brennt.] Denn die Erkentniß der Größe ist nichts anderes als bricht ab.
(g Die Mathematick wird darum nicht als eine besondere Wißenschaft abgehandelt, weil
sie zu groß ist.)
Man könte vielleicht sagen: die Philosophie sey durch ihre definition nicht genugsam von der
Mathematic unterschieden, weil diese auch die Gründe der [Gründe] Dinge, nemlich in so ferne
man ihre Größe considerirt, betrachtet. Solte man also nicht sagen: der mathematicus habe eine
philosophische Erkentniß von den Verhältnissen der Größen. Er beweißt ja? Es ist hiebey zu
betrachten, daß in der Mathematik der Grund und [deßen] die Abhängigkeit der Verhaltniße von
diesem Grunde durch eine reihe sinnlicher Vergleichungen oder solcher Vorstellungen, die alle
können sinnlich gemacht werden, hergeleitet und erkant wird. z.E. Was vor eine verhältniß alle
drey Winkel in einem triangel zu [denen Winkeln] zwey rechten haben, die in einem halben zirkel
begriffen werden können. Dieses zusamt dem Grunde kan man einsehen, indem man alle darauf
führende Begriffe auf der Tafel zeichnet und sinnlich macht. Allein die Philosophie erfordert eine
solche einsicht der Gründe, deren Verbindung mit dem daraus abgeleiteten nicht durch eine
unmittelbare sinnliche Reihe Vorstellungen, folglich per intellectum purum begriffen wird. Wenn
ich z.E. frage: woher [nach dem] der Mond zu gewißen zeiten verfinstert wird, so kan ich dieses
nicht anders einsehen, als wenn ich voraus gesetzt habe: ein Korper, der sein eigen licht nicht hat,
aber einem andern lichte aus|gesetzt
XVI55 ist, kan nicht anders verdunkelt werden, als wenn etwas entweder ihn verdekt oder ein anderes das
licht verhindert darauf zu fallen. etc etc. Diese Ideen können nicht gantz sinnlich gemacht werden.
Wenn ich aber nach der Größe frage: Wie lange die Finsterniß dauert, so kan ich alles aus den
Gegebenen Verhaltnißen der große, die ich durch zahlen ausdrüke, auf der Tafel vorstellig
machen. Daher ist das mathematische Erkentniß von dem Philosophischen zu Unterscheiden. Eine
philosophische Erkenntniß von den Großen und ihren Verhältnißen ist gantz anders. [z.E. wenn ich
frage: woher woher die eine figur nicht [mehr] (g weniger) als 3 Seiten haben könne,] Ich weis z.E. Gewiß,
daß der Cirkel eine Figur sey, die mit ihrem Umfange den größten Raum einschließt, den sie mit
diesem Umfange einschließen kan. (g Den Beweiß giebt die Geometrie.) Aber wenn ich frage:
woher muß denn aber diejenige Figur, die den größten Raum etc etc. einschließet, so beschaffen
seyn, daß sie sich durch und durch ähnlich ist. Dieses wäre eine philosophische Frage; eben dieses
bey den Perpendikular linien. Ein philosophisch Erkentniß der geometrischen und Arithmetischen
Aufgaben würde vortreflich seyn. sie würde den Weg zur Erfindungskunst bahnen. aber sie ist
sehr schweer. z.E. Daß, wenn ich von einem punkte auf eine Linie eine andere so ziehe, daß sie
lauter gleiche Winckel macht, diese die kürtzeste unter allen Möglichen sey, beweist die
Geometrie; aber woher muß man eben diese Bestimmung treffen, um die kürzeste zu ziehen? Das
kan nur eine erhabene Philosophie zeigen.
Hieraus ist auch zu sehen, warum das Mathematische Erkentniß sicherer ist als das
Philosophische.
Die mathesis pura hat nur den Satz des Wiederspruchs nothig, die applicata bisweilen den
vom Zureichenden Grunde.
Divisio Philosophiae in Theoreticam et practicam.

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__________
XVI56 1635. b1. L 3'. 3.
L 3': [Anm.: vgl. LBlomberg 45-58; LPhilippi 17]
Geschichte der Weltweißheit überhaupt.
(s Die Wissenschaft fangt an im gesitteten Zustande entweder aus der Gesetzgebung oder
dem Priesterstande.)
(s Anfang vom gemeinen Verstande; schweere Grenzscheidung zwischen ihr und
wissenschaft.)
(s Die Bedürfnis giebt den Anlas zum anfang der [Wiss] Untersuchung. Im rohen Zustande
die allgemeine Bedürfnis des Geistes in Ansehung der oberen Machte.)
( Alte Eintheilung in Logic, Physic und Ethic.)
Wir haben keine Überbleibsel von der Philosophie der alten [Griechen] Völker bis auf die
Griechen. Von den J u d e n glaubt man, daß sie nach der Babylonischen Gefangenschaft
angefangen haben zu philosophiren, wiewohl man keine Überbleibsel von ihnen hat, ausgenomen
Maimonides, welcher bey den Saracenen gelernet seculo XIII. Ihre geheime Philosophie war die
Cabbala.
A e g y p t i e r : deren Philosophie ist unbekant.
C h a l d a e e r . Zoroaster. incertus. inde zu den
P e r s e r . Zerdust. Oromazes et Arimanius. Magi.
XVI57 (s Die astrologie hat die astronomie, die demonologie die theologie ( g theogonie)
hervorgebracht. superstition. Priester.)
In d i e r . Brachmanen, (g Gymnosophisten, hodie: Braminen,) Calanus. Metempsychosis.
Stoische Principia.
C h i ne s e r . Confucius. 550 Jahr vor Christus.
G r i e c h e n *. Die Zeit vor den Secten. Die Sieben Weisen. Der vornehmste: Solon, der
gelehrteste:
Thales: Sectae Jonicae autor. **
Pythagoras: secta Italica. Acusmatici. Acroamatici. Metempsychosis.
Democritus. Atomi.
Epicurus: Ea voluptas, qvae nullam habet annexam molestiam, amplectenda.
Pyrrho: Sophistas aggressus est.
[Thales] Socrates***: Philosophiam de coelo devocavit.
Plato: secta Academica.
Aristoteles, Peripatetica. Beste Bücher: Logic. Rhetorick. Naturgeschichte.
Antistenes: Cynica.
Zeno: St o i c a .
R ö me r .
XVI58 Lucretius.
Cicero. Plinius secundus. Epictet. Plotin. Boethius.
A r a b e r : Avicenna et Averroes.
Scholastic, Reformation.
Reformatores: Baco. Cartesius. Leibnitz. Die Gegenwärtige muß man in classen theilen.
H i s t o r i e d e r L o gi c k.
Aristoteles (s Dialectic, Canonic).
Academici, die neue secte: Arcesilaos, Xenocrates zweifelten, Sextus Empiricus. Huetius.
Vayer. Bayle.
(s Censores. Sceptici. Misologie. Pyrrho.)
(s philodoxi vel misologi.)

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[Nachlaß] [Begriff und Eintheilung der Philosophie]

Scholastici. Ramus seine 2 Capitel. Inventio. Judicium: secunda Petri. Malebranch. Lock.
Tschirnhausen. [Logica est vel Critica vel technica vel heuristica]
(s Das Bauwerk des gemeinen Gebrauchs der Vernunft: realgrammatik.)
(s der technische, der dialectische (g eristica), der heuristische (canonica).)

L 3:
*(s Unterschied des Gemeinen Vernunftgebrauchs und des speculativen, d.i. der
Wissenschaft.
Wo fängt Vernunfterkentnis an philosophie zu werden. Das allgemeine durch Begriffe in
abstracto. Die Mathematik war unter den Griechen älter.)

L 3': [Anm.: vgl. MPölitz 10f.; LDohna 7]


**(s Dem Inhalte nach: Physici und theologi.
1) Ionische Schule. Thales und Anaxagoras. Pythagoras.
XVI59 Anaximander. Anaximenes. Pherecydes.
2) Eleatici. Xenophanes. Parmenides. Zeno eleates.
Heraclitus. Empedocles, Archytas.
Zuerst in prosa; orpheus in Gedichten.
Mathematici: Alle Italische.
Physici: Democritus.
Theologi: Anaxagoras.
Ethici: Socrates.
Politicus: Pythagoras.)
***(s Anaxagoras. Socrates.
Academia. Plato.
Peripathetici. Lyceum. Aristoteles.
(s Stoa Poecile.) Porticus. Stoici (s Stoa.)
(s Cynici. Cynosarge.) Horti. epicurus. (g Leucippus. Democritus.) (s Alexandrinische
academie. Museum.)
Der form nach: Dogmatici, Sceptici: (g Sextus Empiricus,) Academia secunda.
1. Academici: Speusippus,
Arcesilas,
Carneades.
2. Aristotelici: Theophrast,
Demetrius Phalereus.
3. Stoici: Zeno,
Cleanthes,
Chrysipp.)
__________
XVI60 1636. g? h? k? l? n-x?? L 3'. 3.
L 3':
Eintheilung der [blos practischen] Philosophischen Schulen. (s Cruse, Wolf: dogmatisch.) ( s
Critisch: Locke.)
1. blos practische: Cyniker, Socrates, Stoicker.
2. theoretische:
a. dogmatisch (s entweder tractirten sie die materie oder dialectische Form),
b. sceptisch.

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[Nachlaß] [Begriff und Eintheilung der Philosophie]

Die dogmatici:
a. ex principiis sensitivis: Epicurus;
b. ex principiis rationalibus vel
Ù puris vel Ö ortus singularis vel
Û mixtis Ø e communi cum sensitivis principiis empiricis.
(s Aristoteles principia intellectualia discursiva, non intuitiva statuit.)
(s Man solte denken: aristoteles, der sich auf sinne beruft, gründe sich auf experimente.)
Ex principiis pure rationalibus post scholam Ionicam sub Anaxagora, Eleaticam sub Melisso
et parmenide, Italicam sub Pythagora. Magnus defensor: Plato. Intelligibile oppositum sensibili.
Illud: Numerus, Idea, Forma. Illud: omnium principium optimum, et eius intuitus: sapientia.
Qvi intellectualia cum sensitivis e communi principio duxit: Aristoteles.
Sceptici. Zetetici. Academici.
Römer. Scholastici lauter dogmatici.

L 3:
Mangel der Universitäten bey den Alten. (g Ein einziger Lehrer hielt eine Schule.) Die Religion
der Alten gab anlaß zu schönen Künsten (g dem Rechte und Beredsamkeit), weil sie sinnlich war.
Die religion der |
XVI61 neueren gab anlaß zu subtilen, abstracten speculationen, weil sie geistig war, und zur
Gelehrsamkeit in Historie und Sprachen.
Auf universitaeten allein regirten die theologen und subtilitaeten. Scholastici. Aristoteles. (g
Ende alles Geschmaks und Gesunder Vernunft. litteratur.) Die Weltweisen, welche frey vom Joch
der schulen philosophirten, haben die eclectische Art aufgebracht. Bis, wenn endlich ausser
Schulen und gelehrten Gesellschaften das publicum den ton giebt, eine allgemeine Seichtigkeit
überhand nimmt.
__________
1637. g? h? k? l? m? r? L 3'.

Die philosophie ist erst im Gesiteten Zustande [dem Bedürfnis entsprungen] bey denen, die Musse
haben, bey Priestern. war theologie, pnevmatologie und moral. cosmogonie, magie.
Bey den Aegyptern. Bey Juden war sie nicht nöthig. Bei Griechen und Chinesern abgesondert;
bey letzteren war es ein Dienst der Regierung, also Moral.
__________
1638. g? h? k? l? o? L 3'.

Sophisten. dialectiker.
Sceptici.
Dogmatici.
Practici. Socrates (g und die drey secten der Moralisten: Cynicker. epicureer. und Stoicker.)
Theoretici: Epicurus, Plato, Aristoteles.
__________
XVI62 1639. g? h? k? l? m? r? L 3'.

Die alten Griechen (g kleine Staaten) ( g chineser) philosophirten vor die Gesetzgebung und den
Staat. imgleichen Beredsamkeit, Künste, und vor den Gerichtshof in processen. Moral.
Mathematik. Die juden, Aegypter und Perser vor die Religion, entweder nach ihren heiligen
Büchern oder traditionen. Mythologie (theogonie). Bilderreich. figürlich.

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[Nachlaß] [Begriff und Eintheilung der Philosophie]

Griechen keine hohe Schulen. Die Griechen trugen die philosophie nicht als eine
Schulunterweisung vor, sondern als eine bloße Cultur der Vernunft; daher, da sie nicht hohe
Schulen hatten, so fehlete ihrer philosophie die disciplinale Genauigkeit, Methode. Zum vortheil
der Sachwalter und Redner dialectic. Keine Beobachtungen.
(g Keine sorgfalt der Alten im Beobachten.)
__________
1640. g? h? k? l? m? r? L 3'.

Mangel der Beobachtungen des äußern und innern Sinnes; philosophirten alle aus [hypot] ideen
der Vernunft oder Hypothesen derselben, indem sie Dinge der Natur zum Grunde legten.
__________
1641. g? h? k? l? r? L 3'.

Neuere Physic: Recht der Natur, Experimenten.


Wolf: Ordnung im Denken. Deutlichkeit. definitionen.
Lock: Ursprung der Menschlichen Begriffe.
Crusius: das Gesetz der menschlichen Vernunft unmittelbar, Instinct.
In der Logic, Methaphysik, Moral nicht sehr viel weiter wie die Alten. Physic.
__________
XVI63 1642. g? h? k? l? r? L 3.

Der alten beste Philosophie war das Recht.


Mathematisch. empirisch.* Mystisch. (g Scholastisch.)
Wolf Locke Crusius
*( Critisch. analytisch.)
g

__________
1643. h? k? l? r?? L 3.

Epikur behauptete den wesentlichen Unterschied des sensitiven und intelectualen, lehrte aber,
daß das sensitive allein Warheit, Deutlichkeit enthalten und eine Wissenschaft werden kan.
Plato behauptete den wesentlichen Unterschied des sensitiven und intelectualen, lehrte aber,
daß nur das intellectuale Wissenschaft gebe.
Aristoteles behauptete, es sey zwischen beyden kein wesentlicher Unterschied, beyde
entsprängen aus den sinnen, und die Vernunft wäre nur ein besonderer Gebrauch der ersten,
dadurch iene zur Wissenschaft werden könnten.
Sceptici. Römer.
Barbaren. neue Zeiten.
__________
1644. k? (l?) (x-o?) (h?) r?? L 3.

Alle philosophie ist entweder speculativ oder blos practisch; von der letzten war Antisthenes
und Socrates. Jener: der sinnlichen, dieser: der weisen Einfalt. Jener suchte den Menschen der
Natur, dieser den Ausgebildeten Menschen nach den wesentlichen Bestimungen desselben.
Diogenes irrete sich in der Ausführung, indem er die [Menschen zu] Natur in den obiecten suchte,
wozu sie ihn am wesentlichsten Verbunden hat, nur nichts mehr als dieses Maas zu erlauben; war
also negativ. Rousseau sucht das natürliche unter dem Gekünstelten auf und sucht die Größeste |

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[Nachlaß] [Begriff und Eintheilung der Philosophie]

XVI64 Vollkommenheit im Gesitteten Zustande, ohne der Natur zu wiedersprechen, auf und die Mittel
dazu zu gelangen, irret sich aber, daß er dieses vor moglich helt. Die speculative kan dogmatisch
oder sceptisch gesucht werden. Jene sensitiv oder intellectuell.
__________
1645. s? c? (r?) L 3.

Philodoxie von philosophie unterschieden.


__________
1646. y? (q?) L 3.

Die Griechen hatten keine Universitaeten, d.i. Gesellschaften von Gelehrten, die die
Wissenschaft unter sich vertheilten. Sie hatten keine besondere theologen, sondern Priester und
Philosophen. Sie floßen ins gemeine Wesen, Denkungsart des Volks und Regirung ein. Sie gaben
als Lehrer zugleich das Beyspiel.
__________
1647. q? (y-c?) L 3'.

Septem artes: Grammatic, Rhetoric, Dialectic (s Trivium); Arithmethic, Geometrie,


Astronomie, Music (s Qvadrivium). (s Rabanus Maurus. Carolus Magnus.)
__________
1648. w. L 3'.

Pyrrhonisten: die allerley annehmen, weil es ihnen scheint. Academici verwerfen mit
Gewisheit; die Zurükhaltungen sind dem Arcesilas |
XVI65 G ü t e r , die Behauptungen Ü b e l , die Gleichheit zweyer entgegengesetzten Beweise ist
Hauptargument. Der weise darf [den Beyf] nicht Meynen, atarraxie. – Carneades machte sie zur
neuen academie. Die academici stritten nicht wieder die realitaet unserer Erkentnis, sondern ihre
allgemeingültigkeit.
===========
1649. g? h? k-l? n-x?? L 2.

Das historische Erkentnis wird dem rationalen entgegen gesetzt. Das historische ist entweder
empirisch durch Erfahrung oder zwar obiective rational, subiective aber durch Nachahmung
angenommen.
__________
1650. g? h? k-l? n-x?? L 2.

Alle [Erkentnisse] disciplinen gehören entweder zur Kunst oder zur Wissenschaft. Die erstere
sind, [wo nur aus einzelnen Handlungen die Regeln der Fertigk] Wo die einzelnen Handlungen vor der
Belehrung vorhergehen. Die zweyte: wo die [allgemeinen Regeln] Belehrung den Grund einzelner
Handlungen [des Erkenntnisses ausmachen] enthält.
Alle Wissenschaften sind ( g der Form nach) entweder historisch oder rational. Diese entweder
( Mathematisch oder philosophisch) von der Große oder Qvalitaet.
g

Zu Künsten und Nachahmungswissenschaften gehört Gelehrigkeit, zur philosophie Genie.


__________

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1651. k? (l?) (x-o?) (g?) (h?) r?? L 2'.

»Eine p h i l o s o p h i e lernen« bedeutet: die subiective Philosophie, d.i. was wirklich gedacht
ist; aber alsdenn kan man sie nicht beurtheilen. |
XVI66 »p h i l o s o p h i r e n l e r n e n « ist obiectiv: wie man denken soll, d.i. die Regeln des richtigen
Gebrauchs der Vernunft; also ist der philosophische Geist vom Geiste einer Philosophie
unterschieden und besteht in der Methode der Vernunft. Der philosophische Geist ist also original
und mithin genie (denn original ist nicht: was blos ein einziges ist, sondern: was kein ectypon ist).
Mathematik kan Gelernet werden. Sie erfindet ihre Erkentnis aus deutlichen ideen. ( g erdenkt
sich selber data.) Die Philosophie durch zergliederung der Verworrenen. ( g Muß sie suchen.)
iener Methode ist synthetisch, dieser analytisch.
__________
1652. k? (l?) (x-o?) (g?) (h?) r?? L 2. 2'.
L 2: [Anm.: vgl. LWiener 21]
Man könte We l t w i s s e n s c h a f t und We l t w e i s h e i t unterscheiden; die erste ist
Gelehrsamkeit, die Zweyte Kentnis von der Bestimmung des Menschen* nach Verstand und
Wille. Metaphysik und Moral. so ist Hume der größte Weltweise. ( g Mit andern worten.
philosophische Wissenschaft ( g Gelehrsamkeit) und philosophische Weisheit.) Nach Weisheit
frägt niemand, weil sie die Wissenschaft, die ein Werkzeug der Eitelkeit ist, sehr ins Enge
bringt.**
*(g Weisheit ist die Beziehung [einer Erkentnis] zu den wesentlichen Zweken der
Menschheit. Daher Bestimmung des Menschen nach Verstand und Willen. Der
Naturkundige ist kein philosoph.)

L 2'. [Anm.: vgl. LBlomberg 105; LPölitz 28]


**(s Man kan keine philosophie lernen, wohl aber philosophiren lernen. Es ist nicht ein
philosoph, der irgend eine philosophie (des |
XVI67 anderen Versuch zu philosophiren) versteht. Er ist iederzeit original. Eben so wenig wie
schöne Wissenschaften.)
(s Der philosoph ist entweder Vernunftkünstler oder der Gesetzkundige der Menschlichen
Vernunft. Es ist ein Vortrag der philosophie, davon die Wirkung so fort in der Schule
gespührt wird; aber aller Einflus derselben hört im männlichen Gebrauch seiner Vernunft
auf. Die andre hat in der Schule keine eigenthümliche Wirkung, aber desto mehr im Leben.
Zum ersteren gehört mechanismus, zum zweyten Cultur des Genie.)
__________
1653. k? (l?) (x-o?) (h?) r?? L 2.

Gegenstand der philosophischen Erkentnis: Qvalitaet. Form ist rational, nicht historisch. Grad
ist scientifisch.
(s rationale F o r m (g nicht historisch) [vom gemeinen Verstande unterschieden] . Materie nicht.
materie: alle Gegenstände.
Grad: allgemeine Begriffe in abstracto, nicht gemeiner Verstand.)
Philosophie ist die Vernunftwissenschaft von den qvalitaeten der Dinge.
1. Wissenschaft; 2. Qvalitaeten; 3. Vernunft.
a) Unterschied von der gemeinen Erkentnis, deren Regeln im Gebrauch durch Erfahrung
bestätigt werden und nicht weiter gehen. b) bricht ab.
__________

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1654. k? l? x? r? h?? L 2.

Unter dem originalgeist verstehen wir [nicht allein die Fähigkeit] die Fertigkeit, die nicht durch
Nachahmung kan erworben werden. Nicht ieder |
XVI68 Originalgeist ist characteristisch. Geist gehört zur Erfindung dessen, wo ein ideal zum Grunde
liegt, auch bey Vernunft.
__________
1655. k? l? n? x? p? r? f? L 2.

Die philosophische Erkentnis wird unterschieden 1. von der historischen als Vernunfterkentnis.
2. Von der gemeinen Vernunfterkentnis als speculativ oder aus allgemeinen Begriffen und regeln.
3. Von der Mathematik: aus Begriffen, nicht construction. Die obiecte sind bey allen unbestimmt.
__________
1656. y? (m? r3?) L 1.
[Anm.: vgl. LWiener 21]
Die philosophie ist das organon zur Weisheit. Sie gehet also auf die qvalitaet und das Maas
oder das äußere Verheltnis der Erkentnis, so fern sie unseren wahren Zweken gemäß ist. Sie
bestimt den Gebrauch des Verstandes in abstracto in Ansehung der Natur etc:, aber darin sucht
sie nur die Mittel zu ihrem Zweke. Man ist nicht philosoph, weil man Naturforscher ist
(Vernunftkünstler), sondern weil man den rechten Gebrauch von seiner Vernunft in Ansehung
unserer ietzigen und künftigen zweke lernt.
__________
1657. f. L 2.

Philosophisch ist: eine allgemeine Erkentnis aus Begriffen.


mathematisch ist: eine allgemeine Erkentnis aus der construction der Begriffe.
Die philosophische Erkentnis ist empirisch oder rational, nachdem die Begriffe aus der
Erfahrung abgezogen sind und der Gebrauch derselben ein Erfahrungsgesetz ist oder nicht. Die
letztere geben keine warhaftig allgemeine, sondern inductionsregeln an die Hand.
__________
XVI69 1658. y? (r?) (x?) L 2.

Weltweisheit, die durch den Glauben erkant wird. Citation. Ansehen.


Fertigkeit. Philosophische Erkentnis.
Philosophie: qvid. Witz.
Mathematik: Qvoties. imagination.
__________
1659. y? (r?) (x?) L 2.

Theile der Weltweisheit: Verstand. Gefühl. Begierde.


__________
1660. y. L 2. 2'.
L 2:
Philosophie ist die Wissenschaft von den Maximen der Vernunft, so wohl speculativ als
practisch; |

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L 2': |
sie geht über alles. Erkentnisse sind philosophisch, in so ferne sie die Mittel zu den Maximen der
Vernunft enthalten.
__________
1661. y. L 2.

Die Mathematik ist eine Wissenschaft von der Bestimmung der Größen a priori; sie heißt mit
Recht doctrin oder mathesis.
__________
1662. y. L 2.

Von der philosophie gehort ein theil zur Gelehrsamkeit, der andre zur Weisheit. Zu jener die
physic. Ein philosophisch Gelehrter ist darum nicht Philosoph.
__________
1663. y. L 2'.

Die philosophie ist die Gesetzgebung der Vernunft; der philosoph wirft oft die subtilste
speculation weg. Gesetze und Regeln der Ausübung; das Genie steht unter Gesetzen, imgleichen
die Geschiklichkeit. Geschiklichkeit |
XVI70 und Weisheit. subiective Gesetze ( g Maxime ist ein subiectiv Gesetze), so fern sie mit den
obiectiven stimmen, sind Maximen. Gesetze gebieten categorisch, Regeln hypothetisch (unter
problematischer Bedingung).
__________
1664. y. L 2'.

Die Mathematic ist die oberste Vernunftkunst, Philosophie Vernunftwissenschaft.


__________
1665. y. L 2'.

Man kan in die nation einen Geist oder mechanismus bringen. Das letzte macht zuletzt eine
barbarische Art von Gelehrsamkeit.
__________
1666. y. L 2'.

Zur philosophie gehörige Erkenntnisse sind von den zur mathematik gehorigen unterschieden.
Jene sind Erkenntnisse aus Begriffen, diese aus ihrer Willkührlichen construction. Oder:
philosophisch sind Erkenntnisse aus Begriffen in abstracto, mathematisch aus construction in
concreto.
__________
1667. y-q? (r3?) h2?? L I.

Die philosophie der Weg zur Weisheit.


Von dem probabilismus der reinen Vernunft. e.g. in Wesen von gantz anderer Art als denen

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Kant im Kontext III (Komplettausgabe 2017) - Abschnitt: Reflexionen zur Logik
[Nachlaß] [Begriff und Eintheilung der Philosophie]

der [W] Sinenwelt.


XVI71 Erklarung einer solchen Scheinbarkeit.
Man kan nicht synthetisch unmoglichkeiten der obiecte der reinen Vernunft beweisen, also
Dinge probabiliter setzen. Diese falsche probabilitaet durch retorsion einzuschranken. So lange
man in der Welt noch denken wird, so wird iederzeit die Vernunft mit ihren Muthmaßungen die
Schranken der Erfahrungen überschreiten, [aber die Philosophie muß dagegen wohl gewafne] und es
wird keine Moglichkeit seyn, diese Anmaßung, die in der Natur selbst liegt, abzuschaffen. Aber
dagegen muß die Philosophie auf ihrer Hut seyn, zu verhindern, daß sie nicht zum Schaden der
gesunden Vernunft die hochsten Absichten Verwirre.
Die Vernunftkunst und die Gesetzgebung der Vernunft sind im Werthe sehr unterschieden. In
der ersten ist die mathematic das Vornemste; im Zweyten ist viel philosophisches, welches zur
Geschiklichkeit des Verstandes gehort.
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1668. c? (s?) L 1.

Philosophie ist die Wissenschaft von E n d z we c ke der Menschlichen Vernunft und hiemit
aller Zweke, so fern sie in unserm Erkentnisvermögen ein System ausmachen.
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