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Autorin: Eggert, Susanne.


Titel: Heimaterleben mit Medien. Mediale Unterstützung eines Heimatgefühls
von Menschen mit Migrationshintergrund.
Quelle: merz. medien + erziehung. 58. Jahrgang, Heft 05/14: Digitale Heimat.
München 2014, S. 33-39.
Verlag: kopaed.
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.
Die Zahlen in eckigen Klammern kennzeichnen das Seitenende der Originalausgabe.

Susanne Eggert
Heimaterleben mit Medien
Mediale Unterstützung eines Heimatgefühls von Menschen mit
Migrationshintergrund

Wenn Menschen ihren Herkunftsort verlassen und sich an einem anderen Ort nieder-
lassen, müssen sie vieles von dem zurücklassen, was für sie Heimat bedeutet. Medien
können dazu beitragen, einen Teil dieser Heimat zu bewahren oder eine neue Heimat
zu finden.
In einem Artikel der Süddeutschen Zeitung vom 26.08.2014 über die Situation heuti-
ger Matrosen findet sich folgende Passage: „Sobald die Matrosen hier [im Duckdal-
ben, dem ‚Internationalen Seemannsclub’ im Hamburger Hafen; S. E.] ankommen,
eilen sie an die Computer und skypen mit ihren Familien. Dann dauert es nicht lang,
und Babygeschrei tönt aus den Lautsprechern. Danach sind sie anders, sagt Maike Pu-
chert, die Seemannsdiakonin, ‚gelöst, als wäre eine Last von ihnen abgefallen’” (Wid-
mann 2014, S. 3). Seeleute sind Reisende, Migranten auf Zeit. Die meisten von ihnen
verlassen ihre Familien und ihre Heimat für einen kürzeren oder längeren Zeitraum,
um Geld zu verdienen und wieder zurückzukehren, wenn sie ihren Arbeitsauftrag
erfüllt haben. Insbesondere wenn sie länger unterwegs sind, beschleicht nicht wenige
das Gefühl von Heimweh und sie sind froh, wenn sie einen Hafen anlaufen, in dem sie
die Möglichkeit haben, mit ihren Familien Kontakt aufzunehmen und für eine kurze
Zeit diejenigen zu sehen und zu hören, die für sie Heimat bedeuten.
Was Heimat eigentlich ist, soll an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt werden. Nur so
viel: Heimat ist heute ein Konstrukt, mit dem Unterschiedliches verbunden wird. Es
ist etwas, womit wir uns verbunden fühlen und das unsere Identität prägt. Meistens
hat Heimat auch mit Orten und Menschen zu tun, mit denen Erfahrungen verknüpft
werden. Heimat kann außerdem sehr sinnlich sein: ein besonderer Geruch, ein be-

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stimmtes Lied, Bilder et cetera können Heimatgefühle wecken. In verschiedenen


Untersuchungen finden sich Hinweise darauf, welche Bedeutung insbesondere digi-
tale Medien für die Erfahrung von Heimat für Menschen mit Migrationshintergrund
haben.

Medien als Brücke zur Heimat


Wenn Menschen an einen anderen Ort migrieren, können sie meist nicht viel mehr
mitnehmen als ein paar Habseligkeiten. Das meiste von dem, was davor ihr Leben
ausmachte, müssen [34] sie zurücklassen. Dazu gehören insbesondere Menschen, die
ihnen wichtig sind, aber auch Orte, eine gelebte Kultur et cetera. Medien können hier
eine Brücke in die frühere Heimat bauen. Das hatten auch die deutschen Rundfunk-
anstalten schon früh erkannt. Sie strahlten schon ab den frühen 60er-Jahren Radio-
und später auch Fernsehsendungen für die damals großen Gastarbeitergruppen aus
Italien, der Türkei, Spanien, Griechenland und Ex-Jugoslawien aus. Diese sollten „als
Integrationshilfe in den deutschen Alltag und gleichzeitig als Orientierungshilfe für
eine mögliche Rückkehr” (Zambonini 2009, S. 88) dienen. Für Herrn Güneş, der als
Kind nach Deutschland gekommen war, waren die täglichen Radiosendungen in tür-
kischer Sprache ein fester Termin: „[...] was für uns BEGEISTERND war damals in den
achtziger jahrn. da gabs ein radio das türkisch ausge- ausstrahlte und zwar aus köln.
und des kam dann jeden tag zwischen neunzehn un zwanzig uhr. dann war da warn
wir alle unsere geschwister da [...] und dann hörten wir da zu, was in der türkei pas-
sierte. des war für uns (--) ne brücke zwischen türkei und deutschland” (Schlör 2012,
S. 61). Was Herr Güneş beschreibt, gilt für viele Familien mit Migrationshintergrund
auch heute noch. Die Familie und manchmal auch Freundinnen und Freunde aus der
gleichen ethnischen Community treffen sich, um gemeinsam herkunftssprachliche
Medienangebote zu nutzen. Dabei hat das Erleben in der ethnischen Gemeinschaft
einen wichtigen Stellenwert, insbesondere für Heranwachsende, für die es manch-
mal der einzige Grund ist, sich Medienangeboten aus dem Herkunftsland bzw. in der
Herkunftssprache zuzuwenden. Eine 14-jährige russische Aussiedlerin nutzt nur selten
rassische oder russischsprachige Medien, in erster Linie dann, „wenn die Freundin von
meiner Mama kommt und was Neues mitbringt” (Eggert 2010, S. 201). Den Eltern, die
oft eine stärkere emotionale Bindung an das Herkunftsland und die dort gelebte Kul-
tur haben und diese mit dem Gefühl von Heimat verbinden, ermöglicht die gemeinsa-
me Mediennutzung, etwas von diesem Gefühl auch an ihre Kinder weiterzugeben.
Hepp et al. haben festgestellt, dass manche Menschen mit Migrationshintergrund, die
sie als „die Herkunftsorientierten”1 bezeichnen, die „in ihrer Medienaneignung eine
herkunftsorientierte Identität artikulieren” (Hepp / Bozdag / Suna 2011, S. 151), große

1 Hepp, Bozdag und Suna haben drei Medienaneignungstypen bei Menschen mit Migrationshinter-
grund festgestellt. Die „Herkunftsorientierten”, die „Ethnoorientierten” und die „Weltorientierten”
(vgl. Hepp / Bozdag / Suna 2011)

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Anstrengungen auch finanzieller Art unternehmen, um möglichst aktuelle Informatio-


nen über das Herkunftsland zu bekommen. Über die Nutzung dieser Angebote blei-
ben sie nicht nur darüber auf dem Laufenden, was im Herkunftsland passiert, sondern
es ermöglicht ihnen „ein Beteiligt-Sein an einem fortlaufenden Kommunikationsfluss”
(ebd., S. 170; Hervorheb. im Orig.). Dieses „Beteiligt-Sein” vermittelt ihnen ein Gefühl
von Zugehörigkeit. Da mittlerweile auch sehr kleine lokale Anbieter im Internet prä-
sent sind, kann das persönliche Medienrepertoire dabei sehr genau an die jeweiligen
eigenen Bedürfnisse angepasst werden.
Eine ‚Brücke zur Heimat’ ermögli-
chen aber auch die kommunikati-
ven medialen Möglichkeiten. Für
viele Menschen, die Familienange-
hörige, Freundinnen oder Freunde
im Herkunftsland haben, ist ein
regelmäßiger Kontakt sehr wichtig.
Die medialen Kommunikationsan-
gebote ermöglichen ihnen, diesen
Kontakt auf vielfältige und unkom-
plizierte Art und Weise zu halten:
Mediale Kommunikationsangebote ermöglichen eine per-
kurze schriftliche Nachrichten und
sönliche, unkomplizierte ‚Brücke zur Heimat’ Bilder auch von unterwegs per SMS
CC BY 2.0_Joe Shlabotnik @flickr und MMS oder über Messenger
wie WhatsApp, Internettelefonie beispielsweise per Skype, mit der Möglichkeit, nicht
nur miteinander zu sprechen, sondern sich via Webcam dabei auch zu sehen, Soziale
Netzwerkdienste wie insbesondere Facebook, aber auch länderspezifische Portale, die
die Möglichkeit bieten, das eigene Profil mit Bildern, Musik, Filmen et cetera zu bestü-
cken und sich so mit den Dingen zu präsentieren, die einem selbst wichtig sind sowie
den eigenen Status regelmäßig zu aktualisieren. Diese Dienste ermöglichen es mitzu-
verfolgen, [35] was Verwandte oder Freundinnen und Freunde beschäftigt, zum Teil
(z. B. Facebook) ohne viel eigenes Dazutun. Durch die vielen vor allem visuellen Infor-
mationen wird die Distanz zu den entfernt lebenden Personen, zu denen ein starkes
Gefühl der Verbundenheit existiert, verringert. Veränderungen wie eine neue Frisur
der Tante oder das Größerwerden des Neffen werden nicht nur berichtet, sondern
können beobachtet werden. Es entsteht der Eindruck, dabei zu sein und die Verände-
rungen mitzuerleben. Der regelmäßige Kontakt ins Herkunftsland spielt insbesondere
für die „Herkunftsorientierten” eine herausragende Rolle. So berichtet ein 59-jähri-
ger Mann mit russischem Migrationshintergrund, „dass er fast täglich mit drei engen
Familienmitgliedern im Herkunftsland via Skype und Webcam kommuniziert” (Hepp
et al. 2011, S. 166). Aber auch für multilokal lebende Familien hat die unkomplizierte
Kommunikation über Grenzen hinweg einen hohen Stellenwert. Schlör beschreibt
eine Familie, die seit vielen Jahren in Deutschland lebt. Die Großeltern sowie einige
weitere Familienmitglieder haben das Herkunftsland jedoch nie verlassen. Die Familie

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schätzt es sehr, dass sie mittlerweile die Möglichkeit hat, über Skype zu kommunizie-
ren, „sich visuell nahe zu sein und ein Gefühl von Gemeinschaft aufrecht[zu]erhalten”
(Schlör 2012, S. 63). Obwohl sie räumlich weit entfernt sind, haben sie trotzdem Teil
an den Entwicklungen in der Heimat ihrer Eltern und Großeltern, mit der auch sie Hei-
matgefühle verbinden. Um am Familienleben teilzuhaben, nutzt auch ein Vater diesen
Dienst, „der für mehrere Monate beruflich bedingt von der Familie getrennt leben
muss, [ihm] bietet Skype die einzige Möglichkeit, Erziehungsaufgaben wahrzunehmen
und seiner Rolle als Vater gerecht zu werden” (ebd., S. 61). Damit macht er sich ei-
nerseits selbst deutlich, wo er hingehört und sich zugehörig fühlt. Aber auch aus der
Perspektive seiner Familie ist er dabei und nimmt am Alltagsleben teil.

Identitätsbewusstsein in einer neuen Heimat


Bisher wurde die Bedeutung von Medien für Menschen beschrieben, die ihr Her-
kunftsland oder ihre Familie entweder für eine vorübergehende Zeit verlassen haben
oder aber zwar endgültig emigriert sind, sich aber mit dem Herkunftsland und dort
lebenden Personen, denen sie nahestehen, sehr stark verbunden fühlen und diese
als ihre Heimat oder einen Teil ihrer Heimat begreifen. Viele Menschen mit Migrati-
onshintergrund haben aber ihre Herkunftsorte verlassen und sind auf der Suche nach
einer neuen Heimat. Dazu zählen beispielsweise Heranwachsende. Die vielen Erwar-
tungen und Anforderungen, denen sie in einer neuen Umgebung ausgesetzt sind und
die sie zu erfüllen suchen, tragen dazu bei, dass die Erinnerungen [36] an die frühere
Heimat zunehmend verblassen. Das Bedürfnis, in der Schule gut zu bestehen, Freun-
dinnen und Freunde zu finden und sich die Umwelt, in der sie leben, anzueignen,
steht im Vordergrund. In der ersten Zeit nach dem Verlassen des Herkunftslandes fällt
ihnen das oft noch schwer und sie versuchen, einen Teil ihres früheren Lebens zu-
rückzuholen – auch mithilfe der Medien. Sie lesen mitgebrachte Bücher, schauen sich
Filme in der Herkunftssprache an, hören Musik, die sie schon immer gehört haben
(vgl. Eggert 2010, S. 201 f.). Je länger sie aber weg sind und je besser sie die Sprache
des Aufnahmelandes sprechen und es ihnen somit leichter fällt, eigenständig zu kom-
munizieren und Kontakte zu einheimischen Gleichaltrigen zu knüpfen, desto wichtiger
wird es, den eigenen Platz im Aufnahmeland zu finden und desto stärker wird auch
das Zugehörigkeitsgefühl und die Verbundenheit mit diesem. Das heißt aber nicht,
dass alles früher Erlebte nun unwichtig wird. Die Kinder und Jugendlichen versuchen,
dies mit ihrer aktuellen Lebenssituation zu verknüpfen. So berichten ältere Kinder
und Jugendliche, die aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion nach Deutsch-
land gekommen sind, „dass sie russischsprachige Plattformen ansteuern”, um sich mit
Migrantinnen und Migranten aus der eigenen Ethnie auszutauschen – beispielsweise
über die eigene Situation. Ihre Kommunikationspartnerinnen und -partner haben sie
über das Internet kennen gelernt. Das sind dann „alles Russen von der ganzen Welt”
(Eggert 2013, S. 193). Der Austausch mit anderen Personen, die ähnliche Erfahrungen

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gemacht haben wie sie selber und sich in einer ähnlichen Situation befinden, helfen
ihnen bei der Entwicklung ihrer eigenen Identität in einer neuen Heimat.
Dieses Verhalten ist aber nicht nur
bei Jugendlichen zu beobachten.
„Tsaliki beschreibt beispielswei-
se einen internationalen Internet
Relay Chat (IRC), in dem weltweit
verstreute Griechen sich auf Eng-
lisch über ihren Alltag austauschen.
In dieser virtuellen Gemeinschaft
entsteht ein Gefühl von ,Brüder-
lichkeit’, das sich auf eine Heimat
bezieht, der alle entstammen. Ein
Gefühl von Heimat wird also medial
vermittelt und die Erfahrung der
Mithilfe der Medien holen Migrantinnen und Migranten Diaspora nicht nur durch das Mit-
einen Teil ihres früheren Lebens in ihren Alltag zurück hören oder Mitansehen der Kultur,
CC BY-SA 2.0_Arne Krueger @flickr sondern durch aktiven Austausch
gemildert” (Reutter et al. 2009, S. 16). Was Tsaliki als „Brüderlichkeit” bezeichnet, ist
bei Hugger und Özcelik die „national-ethnisch-kulturelle Zugehörigkeit”. Sie stellen
fest, dass vor allem Jugendliche und junge Erwachsene mit Migrationshintergrund
ethnische Internetportale nutzen, um sich hier ihrer national-ethnisch-kulturellen
Zugehörigkeit – die nach Paul Mecheril als „prekär” bezeichnet werden kann (zit. nach
Hugger / Özcelik 2010, S. 139 ff.) – zu versichern (vgl. ebd.). Im [37] Rahmen einer
Untersuchung von 20 jungen Erwachsenen mit türkischem Migrationshintergrund in
der zweiten Generation konnten fünf verschiedene Wege identifiziert werden, diese
werden beschrieben als „Der Versuch, ...
––erst mithilfe des Agierens in der Online-Community biografische wie gemeinschaft-
liche türkische Wurzeln zu entdecken. [...]
––[...] Zugehörigkeit mithilfe der Vergewisserung biografischer wie gemeinschaftlicher
Wurzeln [...] zu vereindeutigen. [...]
––mithilfe des Agierens in der Online-Community biografische wie gemeinschaftliche
türkische Wurzeln zu bewahren. [...]
––mithilfe der Vergewisserung biografischer und gemeinschaftlicher Wurzeln in der
Online-Community [...] Zugehörigkeit zu festigen und anderen zu vermitteln. [...]
––mithilfe der Vergewisserung biografischer wie gemeinschaftlicher türkischer Wur-
zeln [...] biografische Kontinuität herzustellen” (ebd., 139 f.; Hervorheb. im Orig.).
Hugger und Özcelik weisen darauf hin, dass es den jungen Frauen und Männern nicht
immer gelingt, durch ihre Aktivitäten auf der Plattform tatsächlich ein stärkeres Zu-
gehörigkeitsgefühl zur ethnischen Gruppe zu entwickeln. Sie sehen hier aber nicht in
erster Linie einen Zusammenhang mit dem Medium, sondern führen dies auf die ge-

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nerelle Schwierigkeit junger Menschen mit Migrationshintergrund zurück, „souverän


mit ihrem mehrwertigen Selbstverständnis umzugehen” (ebd., S. 141).

Heimat braucht keinen Ort


Auf der Suche nach einer ‚neuen Heimat’ sind aber nicht nur Kinder und Jugendliche.
Hepp et al. konnten in ihrer Untersuchung eine Gruppe von Menschen mit Migrati-
onshintergrund identifizieren, die sie als die „Weltorientierten” bezeichnen. Diese
„zeichnen sich dadurch aus, dass sie ihre kulturelle Zugehörigkeit in erheblichen
Teilen jenseits des Nationalen definieren – sowohl bezogen auf den Herkunfts- als
auch Migrationskontext” (Hepp 2011, S. 213). Sie haben ein „vielschichtiges Konzept
von Heimat, das sich von einfachen Verständnissen der Heimat des Nationalen löst.
In den Worten Hassans [Hassan ist 43 Jahre alt und stammt aus Marokko; S. E.]: ‚Die
Herkunft ist meine Herkunft, stehe ich dazu gerne und hier ist auch genauso, genau-
so meine wertvolle Heimat, wie die marokkanische Heimat. Ich hab eine deutsch-
marokkanische Heimat, gar nicht zwei Heimaten ((lacht)). Nur eine und das ist überall,
überall, soweit Sauerstoff sauber ist, überall ist angenehm”’ (ebd., S. 216; Hervorheb.
im Orig.). Die Weltorientierten stehen dem Herkunftsland oft kritisch gegenüber.
In vielen Fällen war ihre Emigration politisch oder ideologisch begründet. Wenn sie
Kontakte zum Herkunftsland aufrechterhalten, dann nur, weil sie enge personelle
Bindungen dorthin haben. Das Erleben von Heimat der Weltorientierten ist stark
mit den Medien verknüpft. Sie sind den Medien gegenüber sehr aufgeschlossen und
haben eine ausgeprägte Medienkompetenz. Digitale Medien, insbesondere das Soci-
al Web, sind stark in ihren Alltag integriert. Auch „Massenmedien werden von ihnen
oft in digitaler Form genutzt” (ebd., S. 222). Hier finden sie eine große Auswahl von
Fernseh- und Radiosendern oder Zeitungen. Zudem sind gedruckte Zeitungen oder
auch bestimmte Fernsehprogramme zum Teil schwer zu bekommen. Für die meisten
Weltorientierten hat Information einen hohen Stellenwert. Dabei genügen ihnen die
nationalen Informationsangebote aber nicht. Sie legen Wert auf transnationale An-
gebote, auf die sie online zugreifen und richten ihre Medienausstattung nach ihren
Bedürfnissen aus, indem sie sich beispielsweise eine Satellitenanlage anschaffen, um
Nachrichtensender wie Al Jazeera oder BBC empfangen zu können (vgl. ebd., S. 224
f.). Neben Information hat besonders Kommunikation für die Weltorientierten einen
hohen [38] Stellenwert. Der Ausgangspunkt sind dabei die Familie und Bekannte,
die aber nicht an einem Ort und auch nicht im selben Land leben. Im Vergleich der
drei Typen – Herkunftsorientierte, Ethnoorientierte und Weltorientierte – sind die
Weltorientierten diejenigen, die die wenigsten Kontakte ins Herkunftsland pflegen.
Sie tun dies dann, wenn es einen konkreten Anlass gibt wie Geburtstage oder ande-
re wichtige, zum Beispiel religiöse Feste. Oder aber wenn sie zu einer Person, zum
Beispiel einem guten Freund, eine enge Beziehung haben. Verlässt dieser aber das
Herkunftsland, gibt es keinen Grund mehr, den Kontakt dorthin aufrechtzuerhalten.
Vielmehr wird die Veränderung dazu genutzt, das eigene Netzwerk mithilfe des mig-

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rierten Freundes zu erweitern. Das heißt, „Herkunfts- und Diasporakontakte werden


als transkulturelle Kontakte genutzt, indem über Angehörige der eigenen Diaspora,
die mittlerweile weiter migriert sind, zusätzliche Kontaktpersonen und Erfahrungsräu-
me erschlossen werden.” (ebd., S. 238). Dank ihrer „translokalen Vernetzung” (ebd.)
fühlen sie sich nicht an einen Ort gebunden und können sich auch vorstellen, ihren
aktuellen Aufenthaltsort wieder zu verlassen, wenn sich dies so ergibt.

Medien machen Heimat (er-)Iebbar


Für Menschen mit Migrationshintergrund ist die Frage der Heimat und der Zuge-
hörigkeit oft nicht einfach zu beantworten. Für die einen bleibt Heimat immer der
Herkunftsort, damit in Verbindung stehende Menschen, dort gelebte Kultur und
eigene Erlebnisse. Diese Heimat ergänzen sie durch neue Erfahrungen am Aufnahme-
ort. Andere lassen sich in erster Linie auf die neue Situation ein und versuchen, hier
möglichst schnell heimisch zu werden. Was mit der ,alten’ Heimat zu tun hat, dient
als Hintergrunderfahrung, die sich genau wie die ‚neue’ Heimat in der Identität des
Subjekts widerspiegelt. Eine dritte Gruppe schließlich hat das Bedürfnis, so schnell
wie möglich mit der ‚alten’ Heimat abzuschließen und eine ‚neue’ Heimat für sich
unabhängig von einem bestimmten Ort zu schaffen. Für alle drei Gruppen haben die
Medien eine wichtige Bedeutung, wenn es darum geht, Heimat zu erleben. Je nach
persönlicher Bedürfnislage werden sie dazu genutzt,
––eine Brücke zur ehemaligen Heimat zu bauen, die Verbindung aufrechtzuerhalten
und ihre Heimatgefühle zu bewahren
––Heimat zu erweitern oder wiederzufinden und zu festigen oder
––unabhängig von einem bestimmten Ort eine neue Heimat zu finden und den Ent-
stehungsprozess aktiv zu beeinflussen.

Literatur
Eggert, Susanne (2010). Medien im Integrationsprozess: Motor oder Bremse? Die Rol-
le der Medien bei der Integration von Heranwachsenden aus der ehemaligen Sowjet-
union. München: kopaed.
Eggert, Susanne (2013). Gut hin – und nicht ganz weg. Wie Medien im Integrations-
prozess unterstützen können. In: Hartung, Anja / Lauber, Achim / Reißmann, Wolf-
gang (Hrsg.), Das handelnde Subjekt und die Medienpädagogik. Festschrift für Bernd
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Hepp, Andreas / Bozdag, Cigdem / Suna, Laura (2011). Mediale Migranten. Mediati-
sierung und die kommunikative Vernetzung der Diaspora. Wiesbaden: VS Verlag.

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Hugger, Kai-Uwe / Özcelik, Ferdal (2010). Interethnische Jugendgesellungen in Inter-


net als Ressource. In: Hugger, Kai-Uwe (Hrsg.), Digitale Jugendkulturen. Wiesbaden:
VS. S. 119-147.
Reutter, Jörg / Schindler, Daniel Artur / Schulz, Charlotte / Unterberger, Markus
(2009). Heimatmedien und Medienheimat. Empirische Herleitung eines Modells zur
Klassifizierung der Heimatmediennutzung durch Migranten. In: Zöllner, Oliver (Hrsg.),
Medien, Migration, Identität.
Migranten und ihre Mediennutzung. Drei Projektberichte aus der Urbanregion Stutt-
gart. Hochschule der Medien Stuttgart, S. 7-41; http://opus.bsz-bw.de/hdms/volltex-
te/2012/718/pdf/medien_migration_identitaet.pdf [Zugriff: 01.09.2014]
Schlör, Katrin (2012). „Wo is’n dein papa? – Im skype, ne?” Doing family und interge-
nerative Medienbildung im Kontext von Multilokalität. In: merzWissenschaft, 56(6),
S. 57-66.
Widmann, Marc (2014). Seemann, lass das Träumen. Mädchen Rum und Reeper-
bahn: Hamburgs Hafen lebt vom Mythos der Matrosen. In Wahrheit aber ist der Beruf
knallhart. Diejenigen, die über die Weltmeere fahren, fühlen sich nicht selten wie auf
einem Sklavenschiff. In: Süddeutsche Zeitung vom 26.08.2014, S. 3.
Zambonini, Gualtiero (2009). Medien und Integration. Der ARD-Weg: Vom
»Gastarbeiter«-Programm zur Querschnittsaufgabe. In: ARD-Jahrbuch 2009, S. 87-94
http://www.ard.de/download/463500/ard_jahrbuch_09__medien_und_integration.
pdf [Zugriff: 01.09.2014]