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S A / S O, 2 2 . / 2 3 . O KT O B E R 2 0 1 1 KULTUR NR.

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Tim und Struppi Am Mittwoch startet mit viel Rummel die „Tim und Struppi“-Verfilmung von Steven Spielberg. Grund genug,
einmal auf die Welt des klassischen belgischen „Tintin“-Comics von Zeichner Hergé zu blicken – und auf die bisherigen Verfilmungen.

Ursache: eine Drehtür. Wirkung: eine von Kapitän Haddocks legendären Fluchkanonaden. Eine Szene aus „Der Fall Bienlein“ von 1956, einem der spannendsten „Tim und Struppi“-Abenteuer. FOTOS: MOULINSART/CARLSEN

Tims Vater
und die „Auf einmal war alles so einfach“ Rund um die Welt
mit „Tim und Struppi“:
Am Samstag
„klare Linie“ Eine Liebeserklärung an „Tim und Struppi“ des Saarbrücker Comic-Zeichners Erik auf arte
Der Brüsseler Georges Remi Von ERIK Dabei hatte ich zuvor noch nie nur durch seine Handlungen de- griff Hergé ein zweites Mal Besitz Saarbrücken. Eine reizvolle Idee:
(1907-1983) war ein Pionier des gehört von „Tintin“ oder seiner finiert. Hat er Eltern, Geschwis- von mir. Wenige Wochen später Im vergangenen Jahr begab sich

G
Comics – seine Zeichenphiloso- leich zwei Begegnun- deutschen Version „Tim und ter, eine Heimat? Kennt er Liebe wurde mein Detektiv Dédé gebo- ein Fernsehteam auf die geogra-
phie der „klaren Linie“ und seine gen mit „Tim und Struppi“. Meine Welt bestand oder Geldprobleme? Nein, eine ren – die Alliteration im Titel fischen Spuren von Tim und
ausgefeilten Szenarios prägten Struppi“ gab es, die bislang aus Donald Duck, Asterix, der berühmtesten Comic-Figu- geht natürlich auf Tintin zurück. Struppi und reiste die Hand-
die Kunst der Bildergeschichten. mein Leben verändert Lucky Luke, Spirou, dem frühen ren der Welt bleibt stets frei von Heute ist Dédé deutlich erwach- lungsorte ihrer Abenteuer ab.
Seine Frühwerke aber und seine haben. Die erste fand 1976 in Pa- „Zack“-Magazin und sogar den allen Alltagsproblemen der Er- sener als Tim es je war, aber seine Entstanden sind zwischen Ägyp-
Arbeit während der deutschen Be- ris statt, die zweite folgte viele ersten amerikanischen Superhel- wachsenen. Tim ist das ewige Wurzel kann er nicht verleugnen. ten und China, Südamerika und
satzung sind bis heute umstritten. Jahre später in Saarlouis. In Paris den. Ich war bereits mit zwölf Kind in uns allen. „Tintin et les Picaros“, „Tim Tibet fünf Reisereportagen à 43
war ich gerade zwölf Jahre alt komplett dem Comic Dafür kämpfen die weite- und die Picaros“, meine erste Be- Minuten. Arte zeigt sie an diesem
Brüssel. Am 10. Januar 1929 er- und wurde mitsamt meiner älte- verfallen, und dafür ren Figuren umso mehr mit gegnung mit Hergé, sollte übri- Samstag ab 14 Uhr am Stück. red
schien die erste „Tim und Strup- ren Geschwister durch alle er- musste man sich damals ihren Schwächen. Der gens die letzte vollendete Arbeit
pi“-Geschichte, 1983 arbeitete denklichen Museen der Stadt ge- noch schämen. Dass eine schwerhörige Professor des Belgiers sein. Das Album von
Zeichner/Autor Hergé bis zu sei-
nem Tod am letzten Band „Tim
führt, habe den Eiffelturm bestie-
gen und anschließend erkannt,
Weltstadt wie Paris ei-
nen Comic zelebriert,
Bienlein, das eigentümliche
Polizistenpärchen Schulze
1976 habe ich noch immer. Es
liegt nicht in einer Kiste und ver-
Hergés Museum
und die Alpha-Kunst“ – das Ge- dass so ein Aufstieg Dieben eine bestätigte meine Vorlie- und Schultze und natürlich steckt sich auch in keiner Schub-
samtwerk von 24 vollendeten gute Gelegenheit bietet, um das be für Bücher mit mög- der Choleriker Kapitän lade, sondern steht aufrecht in ei-
Bänden („Alpha-Kunst“ liegt als Auto meines Vaters aufzubre- lichst vielen Bildern. Haddock, der noch dazu nem Schrank mit Glastüren. Es
Fragment vor) gewährt einerseits chen. Die Stimmung war entspre- Wenige Jahre später Erik dem Suff verfallen ist. Mit ist wie ein kleines Heiligtum, zu-
einen Blick auf die stetige Perfek- chend schlecht, unter anderem, war ich im Besitz aller 24 dieser Entourage reist Tim mindest für einen, der von Co-
tionierung der Zeichnungen und weil er gerade und endgültig auf- Alben von „Tim und Struppi“. Ob- um die Welt, spürt den Yeti in Ti- mics nicht genug kriegen kann.
Geschichten, andererseits auf die gehört hatte zu rauchen. wohl es Jugendliche schnell zu bet auf und fliegt sogar zum
persönliche, auch politische Ent- Aber schon im nächsten Mo- erwachseneren Stoffen drängt, Mond. Mehr als 200 Millionen Erik, 47, bürgerlich Frank Erik
wicklung Hergés. Die Frühwerke ment änderte sich alles für mich. blieb die Faszination für die kla- Exemplare seiner Abenteuer Weißmüller, zeichnet und textet
„Tim im Lande der Sowjets“ Denn abseits des Tourismus’ fei- ren, stark reduzierten Zeichnun- wurden bislang verkauft. seit 2008 Comics. Sein erster ge-
(1929) und „Tim im Kongo“ erte ganz Paris die Veröffentli- gen von Hergés berühmter „Lig- Die zweite Begegnung mit „Tin- druckter Band, „Sind Sie tot, Ma-
(1930) atmeten den Geist von An- chung eines Comics. Mit lebens- ne claire“. Wo andere Zeichner tin“ kam im Jahr 2001 im Mu- dame?“, hat ihm gerade den re-
tikommunismus und Kolonialis- großen Pappaufstellern der Hel- sich in Lichteffekten und Struk- seum Haus Ludwig in Saarlouis – nommierten Branchenpreis Icom
mus. Hergé, in streng konservati- den auf den Bürgersteigen, mit turen verlieren, bleibt „Tim und in Form einer außergewöhnli- eingebracht. Zwei Abenteuer mit Am 2. Juni 2009 wurde in Lou-
vem Milieu aufgewachsen, hat Plakaten und Fahnen an allen Or- Struppi“ stets eindeutig und chen Hergé-Retrospektive. Mit dem Privatdedektiv Dédé, „Sind vain-la Neuve in der Wallonie
sich später von diesen Werken ten sowie mit endlosen Schau- durchgängig. Ob Landschaften, vielen frühen Arbeiten, die nie als Sie tot, Madame?“ und „Verlieren (nahe Brüssel) das Hergé Mu-
distanziert – heute sind sie inte- fenster-Dekorationen, die nur Technik oder die berühmten Fi- Album veröffentlicht wurden Sie nicht den Kopf“, sind bei Epsi- seum eröffnet. Das futuristisch
ressante Dokumente eines Zeit- ein Thema kannten: „Tintin et les guren – auf einmal war alles so und einem faszinierenden Ein- lon erschienen, ebenso Band 1 der anmutende Gebäude wechselt
geists. Während des Zweiten Picaros“, das erste Album von einfach. Diese Klarheit setzt sich blick in die Entstehung des Ban- Göttersaga „Deae ex machina“, dreimal jährlich seine Ausstel-
Weltkriegs erschienen Hergés Hergé seit acht Jahren. Meiner auch in Tims Abenteuern fort. des „Tim in Tibet“. Da ich mich „Jagd auf den Blauen Jaguar“. lungen mit Stücken aus dem Le-
Geschichten in der Brüsseler Ta- Mutter wurde schnell klar, dass Wenn moderne Helden ihre inne- als Zeichner gerade in einer Pha- ben des Zeichners und aus sei-
geszeitung „Le soir“, die unter ich Paris ohne diesen Comic ren Konflikte zur Schau tragen, se der stilistischen und erzähleri- I m I nterne t: nem umfangreichen Werk. Info:
Kontrolle der deutschen Besatzer nicht verlassen würde. bleibt Tim ein Charakter, der sich schen Unsicherheit befand, er- w ww.er iks -com ic s .d e www.museeherge.com FOTO: SZ
stand. Das brachte Hergé den
Vorwurf ein, sich mit dem Re-
gime arrangiert zu haben – auch
wenn sein Band „König Ottokars Werktreue hilft nicht immer Rasant, aber steril:
Zepter“, Ende der 30er erstmals
gedruckt, den Faschismus wenig Die bisherigen „Tim und Struppi“-Verfilmungen So ist Spielbergs neue Verfilmung
verschlüsselt kritisierte.
Hergé hat die Kunst des Comic Die kommende Steven-Spielberg- bunten Kostüme und falschen stündige Episoden als Zeichen- Saarbrücken. Als der Reporter vage Grundlage aus und konstru-
maßgeblich geprägt, mit ausge- Produktion (siehe Kurzkritik Bärte. Zwischen 1959 und 1964 trickfilme fürs Fernsehen produ- Tim auf dem Flohmarkt einen ierte daraus einen Abenteuerfilm
feilten Szenarios und penibler rechts) ist nicht die erste „Tim und ließ das französische Fernsehen ziert. Sie bewegen sich bei Hand- kleinen Nachbau des sagenum- im Design der 40er Jahre, insze-
Recherche, die sich in einem gi- Struppi“-Verfilmung: Einige Bän- sieben Bände als Trickfilmserie lung und Optik recht nah an den wobenen Schiffes „Einhorn“ niert im Stil eines „Indiana Jo-
gantischen Archiv und vielen Re- de wurden schon für Kino und umsetzen, mit heute recht haus- Vorlagen, wirken aber ziemlich kauft, treten dubiose Gestalten nes“-Spektakels – nur eben ohne
cherchereisen niederschlug. Le- Fernsehen adaptiert, künstlerisch backen wirkender Animation. steril, manchmal gar lieblos. Pa- an ihn heran, die es auch auf die Indiana Jones. Alle Schauspieler
gendär wurde seine Reduktion mit unterschiedlichem Erfolg. Je (Zumindest die Episode „Der Fall radoxerweise sind die bisher „Einhorn“ abgesehen haben. Er sind digital verfremdet, damit sie
der Mittel, die „ligne claire“: kein mehr sich einzelne Filme mühten, Bienlein“ ist bei uns auf DVD er- (vergleichsweise) werkgetreues- wird verfolgt, Schüsse fallen. möglichst genau den gezeichne-
Strich zu viel, keiner zu wenig, ei- den Stil der Comics in bewegte Bil- schienen.) ten Verfilmungen die langwei- So beginnt „Die Abenteuer von ten Originalen entsprechen. Der
ne Form der Perfektion, die der zu übertragen, desto blasser 1969 kamen die Comicfiguren ligsten, ohne Flair oder die Atmo- Tim und Struppi“, das ambitio- Einsatz dieses Verfahren, „Per-
schlichter aussieht als sie ist. tok wirkte das Ergebnis. wieder ins Kino: Der überwie- sphäre der Vorlagen. tok nierte Gemeinschaftsprojekt von formance Capturing“, sieht bes-
gend werkgetreue Zichentrick- Steven Spielberg und Peter Jack- ser und lebensechter aus als etwa
Saarbrücken. Die erste Verfil- film „Tim und Struppi im Son- 쐌 Der Puppentrickfilm „Le Cra- son. Ihr Ziel: die kongeniale in „Die Legende von Beowulf“
mung entstand 1947 in Belgien: nentempel“ wurde ein Erfolg, be. . .“ ist zumindest in Frank- Übertragung von Comic-Ästhetik von Robert Zemeckis, der ästhe-
Der Band „Le Crabe aux pinces dem 1972 „Tim und der Haifisch- reich als DVD zu haben; die an- ins Bewegtbild des Kinos. Für tisch Ähnliches versuchte. Den-
d’or/Die Krabbe mit den golde- see“ folgte – nicht nach einer Idee deren erwähnten Filme und die den ersten Film suchte man sich noch wirkt die Optik auch hier
nen Scheren“ wurde als Puppen- von Hergé, sondern des Autoren- jüngste TV-Reihe gibt es bei uns die Comic-Bände „Das Geheim- steril und synthetisch; sie findet
Trickfilm in Schwarzweiß adap- kollegen Greg, Texter der Reihen auf DVD, den „Haifischsee“ sogar nis der Einhorn“ und „Die Krab- keine Balance zwischen Hyper-
tiert, der einstündige Film lief bei „Luc Orient“ und „Andy Mor- als hochauflösende BluRay. be mit den goldenen Scheren“ als realismus und Cartoonüber-
uns allerdings nie. 1961 und 1964 gan“. Er dachte sich eine James- zeichnung. Der Einsatz der 3D-
entstanden in Frankreich die Re- Bond-artige Geschichte aus mit Technik bedeutet selbst bei der
alfilme „Das Geheimnis um das Mini-U-Booten und einer Unter- rasanten Action keinen Mehr-
goldene Vlies“ und „Tim und wasserfestung. Aus Szenenbil- wert und rechtfertigt den Auf-
Struppi und die blauen Orangen“. dern des Films produzierte das preis der Kinokarte nicht. umi
Nur vage angelegt an Hergés Mo- Studio Hergé danach ein gleich-
tive (es gibt keine Bände dieser namiges Comic-Album, das op- 쐌 Der Film startet am Mittwoch
Titel als Vorlage), sind die Filme tisch aus der Reihe fällt; es im Kino (in Frankreich schon am
durch ihre komplett künstlich kommt nicht an die Perfektion Dienstag). Ausführliche Kritik
wirkende Machart – ein wenig der anderen Bände heran, bleibt dann im treffregion.
wie Warren Beattys „Dick Tracy“ aber ein interessantes Kuriosum.
30 Jahre später – dennoch durch- Zwischen 1991 und 1993 wur- PRODUKTION DIESER SEITE:
Hergé alias Georges Remi, 1959 aus reizvoll: ein manchmal gar den als kanadisch-französische Tim und Kapitän Haddock im Re- . . . und 2011 als 3D-Figuren aus TO B I A S K E S S L E R
am Schreibtisch. FOTO: AFP surreal anmutendes Fest der Koproduktion 39 knapp halb- alfilm von 1961. . . dem Computer. FOTO: SUNFILM, SONY ESTHER BRENNER