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Dem Denker neues Leben einhauchen

Rüdiger Safranski: „Goethe – Kunstwerk des Lebens“, Hanser Verlag


Für Rüdiger Safranski ist Goethes Leben ein Kunstwerk und so beschreibt er es auch.
Ihm gelingt dabei eine kluge und bewundernde Begegnung mit dem Denker. Und er ist
mutig – seine Biografie will nichts weniger, als Goethe zu einer neuen Lebendigkeit
verhelfen.

Von Harro Zimmermann

Goethe – hier mit seinem Zeitgenossen Schiller – war zeitlebens eine umstrittene
Figur. (AP)
Über den Dichter, Wissenschaftler und Politiker Johann Wolfgang Goethe sind in den
letzten zwei Jahrhunderten ganze Bibliotheken an wissenschaftlicher und huldigender
Literatur verfasst worden. Und längst hat die Beschäftigung mit dem Weimarer
Geistesheroen eine eigene, vielfach ideologisch aufgeladene Historie hinter sich. Jede
Generation muss ‚ihren’ Goethe neu entdecken, das ist ein Gemeinplatz. 

Und dennoch gelingen immer wieder Bücher, die auch dem größeren Publikum eine
neue Sicht auf den alten Dichter und Denker ermöglichen. Nun hat der Schriftsteller
Rüdiger Safranski ein bemerkenswertes Goethe-Buch vorgelegt. Harro Zimmermann
stellt es vor. 

„Goethe ist ein Ereignis in der Geschichte des deutschen Geistes, Nietzsche meinte –
ein folgenloses. Doch Goethe war nicht folgenlos. Zwar hat die deutsche Geschichte
seinetwegen keinen günstigeren Verlauf genommen, aber in anderer Hinsicht ist er
überaus folgenreich. Und zwar als Beispiel für ein gelungenes Leben, das geistigen
Reichtum, schöpferische Kraft und Lebensklugheit in sich vereint. Ein
spannungsreiches Leben, dem einiges in die Wiege gelegt ward, das aber auch um
sich kämpfen musste. Was immer wieder fasziniert, ist die individuelle Gestalt dieses
Lebens.“

Johann Wolfgang von Goethe, Staatsminister und Poet, Forscher und


Geistespatriarch, bildete zu Beginn des 19. Jahrhunderts das Glanzlicht nicht nur der
Weimarer Kultur, sondern der deutschen schlechthin. Aber weder damals, noch zu
einer späteren Zeit war er unumstritten. 

Selbst den greisen Poeten hat man kaum weniger beargwöhnt und verunglimpft als
den jungen, so ungestümen Freund des Herzogs Karl August. Während ihrer
gemeinsamen Sturm-und-Drang-Periode, noch im Geiste ‚Werthers’ und des ‚Götz von
Berlichingen’, war man in Wald und Flur herumgetollt, hatte Schabernack mit den
Mädchen getrieben, Zoten und aufsässige Sprüche gemacht. Für nicht wenige
Zeitgenossen war das geradezu skandalös. 

Und dann, fast fünf Jahrzehnte später, verschrie man Goethe als den großen Egoisten
und aus der Zeit gefallenen Fürstenknecht, er sei zum Standbild seiner selbst erkaltet.
War der Autor des ‚Wilhelm Meister’, der ‚Wahlverwandtschaften’ und des ‚Faust’ ein
herzloser und selbstsüchtiger Geistesaristokrat, der Repräsentant einer
abgestandenen Kunstperiode, wie schon mancher Vormärzler zu wissen glaubte? 

Von solchen Vorstellungen ist trotz aller Euphorien im deutschen Goethe-


Verehrungsbetrieb das eine oder andere Verdikt hängen geblieben. Noch einige Jahre
nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Vorwürfe der Weltflucht und
Verantwortungslosigkeit erhoben, so etwa von Karl Jaspers, der Goethe und den Kult
um ihn der lang währenden Tradition deutschen Kulturversagens zuschlagen wollte.
Goethe – ein in Gesellschaft und Politik gescheiterter Künstler? 

Legendär ist bis heute seine historische Erscheinung schon zu Beginn des 19.
Jahrhunderts, unvergleichlich waren sein Dichter-Denker-Renommé, seine Noblesse
als Mann der Gesellschaft, auch die immensen Einkünfte aus seinem vor Nachdruck
geschützten Werk. Doch wie beschwerlich und enttäuschend war seine persönliche
Lebenssituation im Alter. Schon das Erscheinen des Briefwechsels mit Schiller in den
Jahren 1828/1829 provoziert damals Polemiken, Distanzierung und viel
Unverständnis. Die Selbststilisierung zweier Klassiker wird wahrgenommen, aber
Repräsentativität? Wofür stand dieser Goethe? Nichts als Kunst! klagten viele
Zeitgenossen: „Den Frommen war er zu heidnisch, den Moralischen zu erotisch, den
Demokraten zu aristokratisch“, sagt Rüdiger Safranski. 

Kein Wunder also, dass es damals einsam wird um Goethe, öffentlich und auch privat.
Karl August stirbt 1828, der eigene Sohn August zwei Jahre später, Goethe selbst wird
ein weiteres Mal sterbenskrank. Immer deutlicher sieht er, dass sein Werk jenseits der
Zeit, ja auch gegen sie gewachsen ist, die lieben Deutschen hält er sich daher
beflissen vom Leib, traut er ihnen doch nicht über den Weg, und mit dem Nachruhm
scheint es auch nicht gut bestellt zu sein. Werden der Autor und sein Vermächtnis bei
so viel „verwirrender Lehre“ in der Welt nicht bald vom „Dünenschutt der Stunden“
zugedeckt?

„Goethe hat doch schon ziemlich viel überstanden und beweist eine starke dauernde
Kraft. Es ist etwas Anziehendes an dieser Figur, über das Marmorne hinaus, diese
Klassikerverehrung kennen wir ja. Aber bei Goethe, auch bei Schiller übrigens, gibt es
etwas, das immer noch abstrahlt. Ich habe da auch eine These. Goethe wirkt durch
seine Werke, natürlich, die ‚Leiden des jungen Werther’ ist ein Buch, das absolut
gegenwärtig ist. Goethe in seinen Gedichten ist da. Er ist da in seinem ‚Faust’. Das
sind die ganz populären Aspekte als Autor. 

Aber, es ist da noch etwas anderes. Goethe fasziniert wohl auch unterschwellig, weil
man den Verdacht hat, dass sein ganzes Leben irgendwie etwas Gelungenes hat.
Ziemlich frei übrigens von tragischen Aspekten, etwas Gestaltetes. Goethe selbst hat
irgendwann bemerkt, dass das Werke schaffen eines ist, aber dass es wunderbar ist,
wenn das Leben selbst als Werk gestaltet werden kann. Das ist – für mich jedenfalls –
das unterschwellige Faszinosum an Goethe.“
Safranski zeigt anschaulich und in staunenswerter Kenntnis der einschlägigen
Literatur, wie sich dieses Leben und Lebenswerk durch alle Umbrüche der Zeit
hindurch ausgewachsen hat. Die epochale Historie erhält nur knappe Umrisse,
deutlich wird vielmehr die Denk- und Gestaltungsleistung eines Intellektuellen und
Künstlers, der zur Aufgipfelung und Vollendung seines Daseins strebt, ohne den Wert
und die Bedeutung jedes einzelnen Lebensmoments zu verkennen. 

Aufgeschlossenheit, Aufmerksamkeit dem Wirklichen gegenüber ist die eine


Grundforderung Goethes, die andere aber besagt, dass wir nur am „farbigen Abglanz“
das Leben besitzen können. Wo wäre das schöner unter Beweis gestellt worden als in
den „sehr ernsten Scherzen“ des über Jahrzehnte hin erarbeiteten ‚Faust’, der 1831,
ein Jahr vor dem Tod des Autors, abgeschlossen wird. In einer glänzenden Analyse
zeigt Safranski, dass in diesem allegorischen Zauberspiel, das die Deutschen
unterhalten und rühren, erheben und nachdenklich machen soll, ein moderner Dichter
auf der Höhe seiner Zeit den Ton angibt. 

In Faust und Mephisto, dieser Funken sprühenden Doppelpersönlichkeit, oszillieren


verschiedenste Gegensätze, die alles Lebendige zu Produktivität und Steigerung
anreizen, so dass nichts im Dualismus erstarren kann. Das Tierische und das
Menschliche sind darin verwoben, das Triebhafte und das Vernünftige, Sein und
Schein. Faust ist es, der ins Unendliche strebt, Mephisto hingegen will ihn
zurückbinden an das natürlich Gegebene, an das Begehren in der Wirklichkeit. Das
Ergebnis zeigt sich als ein „immanentes Transzendieren“, schreibt Safranski prägnant,
im ‚Faust’ ereignet sich die „folgenreiche Umwandlung des metaphysischen Furors in
eine Antriebskraft für die zivilisatorische Weltbemächtigung“. 

Das rastlose Tätigsein des Johann Faust wirft einen Schatten, und Mephisto ist dieser
Schatten, der vita activa, dem Leistungsvermögen des Tüchtigen ist die Drohung
eingeschrieben, schuldig zu werden im Chaos des sich immer mehr beschleunigenden
Weltgeschehens. Dergleichen Gespenster der Moderne werden im ‚Faust’ an vielerlei
Motiviken wachgerufen, wie Safranski eindrucksvoll zeigt. Doch die Heiterkeit des
Kunstgenusses hat Goethe darüber niemals außer Acht gelassen. Auch wenn sich
sein Altersstil gegenüber der Unberechenbarkeit der Welt immer wieder Freiheiten
herausnahm, dem Zustand der Realität sollte die ästhetische Heterogenität des
Werkes entsprechen. 

Deutlich hat der Dichter die condition humaine der Modernisierung wahrgenommen,
das Wegschaffen mancher Beschwerlichkeit durch technische Errungenschaften, aber
auch das Wuchern neuer Existenzprobleme der künftigen Menschheit. 

Wenn Goethe des Öfteren davon sprach, er beabsichtige seine Existenz möglichst
hoch in die „Luft zu spitzen“, so hat dies nach Safranski mit Selbstverklärung nichts zu
tun, sondern damit, dass sich dieser Dichter-Denker durchaus dem gestellt hat, was
ihm Kritiker als basales Versäumnis vorgehalten haben – der Verantwortung
gegenüber dem Entwicklungsfuror der Moderne. Dem hat Goethe nie ein abstraktes
Programm entgegengesetzt, Freiheit etwa habe er nicht als hehre Idee eingefordert,
sondern immer nur praktisch gelebt, von Tag zu Tag, schreibt Safranski. Wer aus sich
und seinem Dasein etwas machen will, der kann es nur so schaffen, lernen wir als
Leser dieses Buches. Aber wie hat es der Weimarer Dichterpatriarch zu diesem
Meisterstück des Lebens gebracht?

Nicht immer war sich Goethe des Anspruchs bewusst, aus seiner Existenz so etwas
wie ein Kunstwerk machen zu sollen oder zu können. Safranski zeigt uns zunächst
einen begnadeten jungen Mann aus gutem Frankfurter Bürgerhaus, der seine
poetischen Fähigkeiten geradezu traumwandlerisch ausleben kann, der allenthalben
bewundert und geliebt wird, der es dann mit dem ‚Werther’ und dem ‚Götz’ zum
Kultautor, statt zum wohlbestallten Juristen bringt, der aber auch von Lebensekel und
„hypochondrischen Fratzen“ geplagt wird, und 1775 endlich, mit sechsundzwanzig
Jahren, die Berufung seines Lebens erfährt. 

In Weimar ist Goethe, Arm in Arm mit dem jungen Herzog, zunächst noch ganz der
Stürmer und Dränger, doch schon bald wird ein ernstes Leben daraus. Die Pflichten
und die Ämter häufen sich, es zeigen sich Gegner und Neider, alte Freunde werden
eher lästig und treten in den Hintergrund, hier und da kommt es zu Liaisons, auch zu
solchen fürstlicher Provenienz. Allenthalben nehmen die Schwergewichte des
Handelns zu, und Goethes Persönlichkeit verändert sich zunehmend, der
phantasiesprühende Dichter muss im Bannkreis des Hofes eine „Weltrolle“ spielen. In
den folgenden Jahrzehnten wird er vollends in die hohe Politik hineingezogen, und so
entwickelt sich das Verhältnis zwischen der Macht und der „Reinheit“ des Poetischen
nach einem Jahrzehnt in Weimar zum Lebensproblem. Die theatralischen Welten
‚Tassos’ und ‚Egmonts’ verweisen also auf sehr reale, oft leidvolle Verhältnisse. 

„Manchmal wird er auch so dargestellt, dass alles glatt aufgeht, dass es


gewissermaßen ein konfliktfreies Leben gewesen wäre. Das war es eben nicht,
sondern es war ein Leben, bei dem sich einige Abgründe aufgetan haben und große
Zerrissenheiten da waren, Schmerz und Depressionen. Es gibt einen Aspekt, wo man
sagen muss, dass der Goethe geradezu Schübe von Depressionen gehabt hat, fast im
klinischen Sinne. Er hat eine Formulierung dafür gefunden: ‚Wenn ich mir selbst
ausbleibe’. 

Diese Art von Leere, von Lähmung, von stockendem Zeit- und Lebensfluss, wo man
sich wieder losreißen muss, wo man wieder neu zur Welt kommen muss, so etwas
gab es bei Goethe. Jedoch, der seelische Grundtypus Goethes ist die Bejahung. Mir
müssen uns ihn wohl doch als einen Menschen vorstellen, der das Glück hatte, auch
schon frühkindlich bejaht zu sein. Er durfte sich als erwünschtes Menschenkind
empfinden. Die Liebe zum Leben bleibt ihm erhalten, das ist eine seelische
Fundamentaltatsache.“

Dennoch, Goethe ist in Weimar zu einer Doppelexistenz gezwungen, und die kann
nicht nur dichterisch reflektiert, sondern muss realiter erprobt werden. Dazu kommt die
Frage seiner metaphysischen und religiösen Standortbestimmung, die
Auseinandersetzung mit dem Pietismus und mit der Glaubensinnigkeit des
Meisterpredigers Lavater. Goethe bewegt sich nun endgültig fort von jeder Art
Spiritismus und sakraler Wundervorstellung – am Ende wird er sich sogar zum
„dezidierten Nichtchristen“ erklären. Mit einem Glauben an das All-Natürliche will der
Spinoza-Verehrer schließlich einverstanden sein, mit einer Religion der „Fülle, des
Überflusses, des Ja-Sagens“, schreibt Safranski. 

Hiervon sollten auch die naturwissenschaftlichen Erkundungen und Schriften Goethes


zeugen, die den Urphänomen des Naturkosmos auf dem Wege der originären
Anschauung nachgehen, und der Technifizierung allen Forschens den Sinn und die
Legitimität absprechen: „Theorien sind gewöhnlichen Übereilungen eines
ungeduldigen Verstandes, der die Phänomene gern los sein möchte“, schreibt Goethe.

Die Italienreise behandelt Safranski knapp, ihre Wirkungen auf den Dichter-Politiker
sind freilich außerordentlich – die poetische Potenz hat sich enorm auffrischen lassen,
der Anspruch auf Kunstautonomie gewinnt an Prägnanz, und die Sinnenglut des
zurückgekehrten Reisenden ist stark entfesselt, im Christiane-Erlebnis wird sie sich
wenig später erfüllen dürfen. Davon nicht zuletzt legen die ‚Römischen Elegien’
Zeugnis ab.

Ab dem Sommer 1794 beginnt ein neues Zeitalter in Weimar – es kommt zur
Freundschaft und zu der gut zehnjährigen Zusammenarbeit mit Schiller. Noch einmal,
zumal unter dem Eindruck der sich radikalisierenden Französischen Revolution,
verstärkt sich nun Goethes Anspruch auf die Autonomie jeder Kulturtätigkeit, es
sprühen die polemischen Funken im Literaturbetrieb, und immer schärfer wendet sich
seine „Lebenskunst“ gegen alle „Aufgeregten“, die mit abstrakten Freiheitsforderungen
die sozialen und staatlichen Verhältnisse umstürzen wollen. Erst im Zusammenwirken
mit Schiller, so Safranski, habe sich Goethe vom Liebhaber des Literarischen zum
professionellen Autor mit erklärtem Interesse an der Selbstvermarktung entwickelt. 

Selbstveränderung statt Weltveränderung steht für ihn auf der historischen Agenda.
Goethe sei zu dieser Zeit nicht nur in seinem Urteil realistischer, sondern als
Persönlichkeit auch „wirklicher“ geworden, glaubt Rüdiger Safranski. ‚Natur’ ist nun
das allumfassend Objektive, nicht mehr der Inbegriff subjektiver Gefühlsmacht.
Deshalb steht Weltbewährung im Vordergrund des Goetheschen Denkens und
Handelns, nicht länger will er sich die Flucht erlauben zu den poetischen Phantasmen
des Innenlebens, und schon gar nicht gedenkt er als Künstler und Wissenschaftler zu
kapitulieren vor der „millionenfachen Hydra der Empirie“. Der Erforschbare erkennen
und das Unerforschliche ruhig verehren, wird zur Maxime des Wissenschaftlers
Goethe, Naturerkenntnis durch den Menschen geht über in eine Art Selbsterkenntnis
der Natur. 

Goethe wendet sich daher entschieden gegen jede metaphysische Entgrenzung oder
mathematische Verflüchtigung des objektiv Beobachtbaren, und vor allem will er das
innere Band zwischen Poesie und Naturwissenschaft nicht zerreißen lassen. Der
Dichtung soll ein Heimatrecht gesichert bleiben im Kosmos des Wahrheitsfähigen. So
möchte Goethe am Ende zusammenhalten und erneut verbinden, was die großen
Bewegungskräfte seines Zeitalters auseinanderreißen: „analytischen Verstand und
schöpferische Phantasie, abstrakte Begriffe und sinnliche Anschauung, künstliches
Experiment und gelebte Erfahrung, mathematisches Kalkül und Intuition“. 

„Er wollte Geist und Natur zusammenbringen. Das sagt sich jetzt so schnell, aber
indem man darauf hinweist, merkt man, wo er jetzt aktuell sein kann. Wir haben das
Problem, dass in der Wissenschaft heute der Naturalismus die übermächtige Gestalt
ist. Man merkt das zum Beispiel an der Gehirnforschung. Da heißt es, die Synapsen
seien es nur, die das eigentliche Geschehen ausmachen. Wie es sich anfühlt im Kopf,
das sei ja nur ein Epiphänomen des Körperlichen. Wir haben von dieser Seite eine
vollkommene Austreibung des Geistes aus der Natur. Auch die Gesellschaft stellen wir
uns als einen ziemlich geistfernen Mechanismus vor. Oder denken Sie daran, wie sich
die Ökonomie den ökonomischen Prozess vorstellt. Das ist auch geistlos, sonst wäre
das alles in der Finanzkrise nicht vor die Wand gefahren worden. 

Also, wir haben so etwas in der Wissenschaft wie die Vertreibung des Geistes, und
nun sehen wir Goethe, wie er sich mit den Steinen, mit der Natur als Forscher, als
Naturkundler beschäftigt hat. Auch da wollte er nicht einfach eine Spiritualität
hineinprojizieren, es ging ihm vielmehr darum, auch in der Natur ein lebendiges,
schöpferisches Prinzip zu entdecken. Und das ist etwas, was auch in uns arbeitet. Das
war seine Grundüberzeugung. Mit Schelling zusammen formuliert er dann diesen
schönen Satz: Die Natur schlägt im Menschen die Augen auf und bemerkt, dass sie da
ist. Die Selbsterfahrung der eigenen schöpferischen Potenz ist ein Stück Natur in uns,
aber sie zeigt, dass die Natur diese Art von Beseeltheit auch hat.“

Safranski ist mutig, er will Goethe zu einer neuen Lebendigkeit verhelfen, so als trete
er nun „wie zum ersten Mal“ wieder hervor. Das bezieht sich zunächst auf den Autor
des Buches selber, und es heißt keineswegs, dass es um die Alltäglichkeiten, um das
allzumenschliche Drumherum in der Goetheschen Vita ginge. 

Safranski gelingt vielmehr eine kluge und bewundernde Begegnung mit einem Denker
und Dichter, der aus sich selbst das zu machen verstand, was er war. Seinem von
Krisen und Schwächezuständen durchschüttelten Leben vermochte er eine „Gestalt“
zu verleihen. In dem neuen Buch von Rüdiger Safranski kann man – weitab von jeder
betriebsüblichen bleischweren Philologie – die Sprachmusik eines klugen Verehrers
genießen, der Goethes mutige Lebenskunst, seine wissenschaftlichen und
künstlerischen Leistungen auch heute noch für inspirativ und vorbildlich halten möchte.
Die Einbildungskraft des Biographen kann das Vergangene also nicht nur zum Leben
erwecken, sondern sie kann auch zeigen, was daran immer noch „Wahrheit“ ist. Geist
und Poesie sind Funktionen der Lebenserhaltung und der Lebenssteigerung, das
wusste Goethe, und Safranski folgt ihm darin gern. 

„Goethe ist neben vielem, was er sonst noch war, ein ganz großer Immunologe. An
ihm lernen wir, dass der Stoffwechsel mit der Natur, den unser Körper genial reguliert,
der lässt bestimmte Sachen rein und andere hält er draußen, auch für die Kultur gilt.
Eigentlich brauchen wir auch eine Art kulturelles Immunsystem, wir müssen wissen,
was unserer geistigen Identität, unserer Gesundheit zuträglich ist, und wann wir nur
zum Hysteriker, zum bloßen Durchlauferhitzer werden. 

So eine souveräne Art umzugehen mit dem kulturellen Stoffwechsel, das ist eine
wunderbare Schule, die Goethe uns anbietet. Goethe hatte einen so weiten Horizont
und trotzdem sagt er, achtet auf den Horizont, lasst nicht alles rein, überlegt, wo es
produktiv ist. Er selbst nannte es: was mich fördert. Das Leben ist zu kurz, um sich
auch noch absichtlich das anzutun, was einen nicht fördert. So sagte er über die
Kritiker, das Leben ist zu kurz, um auf Kritiker zu hören. Und: Widersacher kommen
nicht in Betracht.“

Vielleicht geht auch von Rüdiger Safranskis neuem Buch so etwas wie eine
„lebenserleichternde Kraft“ aus. Denn hatte nicht schon Goethe das Lesen von
Biographien empfohlen? Wir dürften in der geschichtlichen Betrachtung niemals das
Individuelle aus den Augen verlieren, schrieb er einst – „denn man lebt mit
Lebendigen“.