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Karl Polanyi

Chronik der großen Transformation. Artikel und Aufsätze (1920-1945)


Herausgegeben und eingeleitet von Michele Cangiani und Claus Thomasberger

Band 1: Wirtschaftliche Transformation, Gegenbewegung und der Kampf um die Demokratie


Band 2: Die internationale Politik zwischen den beiden Weltkriegen
Band 3: Menschliche Freiheit, politische Demokratie und die Auseinandersetzung zwischen Sozialismus
und Faschismus
(Herausgegeben von Michele Cangiani, Kari Polanyi-Levitt und Claus Thomasberger)

Beschreibung

In den letzten Jahren wächst das Interesse an den Arbeiten, die Karl Polanyi zwischen 1920 und 1945
verfasste und die - mit wenigen Ausnahmen - bisher nur schwer oder gar nicht zugänglich sind. Die in
Wien und in England geschriebenen Artikel, Aufsätze und Manuskripte sind nicht nur das Ergebnis
intensiver Studien während der zentralen Jahre des Lebens des Autors, sie machen auch den Hauptteil
seines Werkes aus. Polanyi analysiert in diesen Arbeiten eine für die Entwicklung des zwanzigsten
Jahrhunderts entscheidende Periode. Die Schriften behandeln nicht nur die zentralen Problem- und
Fragestellungen, deren Resultate, ohne erneut explizit aufgegriffen zu werden, in seinem 1944
publizierten Hauptwerk, The Great Transformation, einfließen, und geben damit Einblick in die
Gedankengänge, Ideen und Überlegungen, aus denen jene hervorgegangen sind. Sie sind auch (und vor
allen Dingen) wichtige Zeitdokumente, bedeutsam als direkte und unmittelbare Reflexionen über die
politischen und wirtschaftlichen Ereignisse der Zwischenkriegsphase. Polanyi analysiert mit großer
Sorgfalt sowohl die wirtschaftlichen wie auch die politischen Ereignisse, die Weltwirtschaftskrise wie die
internationale politische Lage, die Versuche, die Bedingungen für Frieden und Aufschwung herzustellen,
wie die Konflikte, die in Richtung eines neuen Weltkriegs weisen. Zu den Themen der hauptsächlich für
den Österreichischen Volkswirt verfassten Artikel gehören die industrielle Restrukturierung, die
korporativen Tendenzen, der Aufstieg des Faschismus sowie die Transformation der ökonomischen und
politischen Institutionen in Großbritannien und in den USA während der Periode des New Deal. Diese
werden ergänzt durch Arbeiten über grundsätzliche Themen wie Preisbildung, ökonomische Theorie,
Soziologie und Theorie des Sozialismus. Allen Untersuchungen unterliegt eine einheitliche, theoretisch
und politisch grundlegende Fragestellung: Wie können - nach dem Zusammenbruch des liberalen
Systems des 19. Jahrhunderts wie der sozialistischen Hoffnungen der zwanziger Jahre - Demokratie und
Freiheit verteidigt und ausgebaut werden?

Die wichtigsten Artikel, Aufsätze und Manuskripte, die in der Periode zwischen 1920 und 1945 entstanden
sind, werden nach inhaltlichen Schwerpunkten in drei Bände gruppiert. Band I, der die Überschrift
‚Wirtschaftliche Transformation, Gegenbewegungen und der Kampf um die Demokratie‘ trägt, enthält die
Analysen zu den Themenbereichen Wirtschaft, Weltwirtschaftskrise und Wirtschaftspolitik. Gegenstand
von Band II ist ‚Die internationale Politik zwischen den beiden Weltkriegen‘. Band III, in dem wir die
theoretischen Arbeiten zur den Fragen Preisbildung, sozialistische Wirtschaftsrechnung, Marxismus,
soziologische Theorie, Sozialismus und Demokratie u.a. zusammengefasst haben, steht unter der
Überschrift ‚Freiheit, Demokratie und Sozialismus‘.

Inhalt

Michele Cangiani und Claus Thomasberger

Vorbemerkung 9

Marktgesellschaft und Demokratie: die Perspektive der


menschlichen Freiheit. Karl Polanyis Arbeiten von 1920 bis 1945 11

I. Politische Kämpfe in den zwanziger Jahren


1. England und die Wahlen 46

2. Zur Krise der englischen Arbeiterbewegung 51

3. Die neue Internationale 56

4. Das Bergbauproblem in England 63

5. Der englische Generalstreik 72

6. Probleme des englischen Generalstreiks 80

II. Liberale Reformprojekte

7. Liberale Wirtschaftsreformen in England 90

8. Liberale Sozialreformer in England 95

9. Schmalenbach und Liberalismus 104

III. Die Weltwirtschaftskrise

10. Zur wirtschaftlichen Neuordnung Europas 110

11. Demokratie und Währung in England 120

12. MacDonald und die Wirtschaftspolitik 129

13. England auf der Waage 134

14. Kritik an Lausanne 142

15. Wirtschaft und Demokratie 149

16. Weltinflationismus 155

17. Von Lausanne bis Washington 163

18. Brain-Trust siegt 170

19. Roosevelt zerschlägt die Konferenz 178

IV. Der Zusammenbruch der Demokratie


in Deutschland und in Europa

20. Gegenrevolution 186

21. Staatsgründung 193

22. Hitler und die Wirtschaft 199

23. Korporatives Österreich - eine funktionale Gesellschaft? 204

V. Restrukturierung und Demokratie in England


24. Wirtschaftsprogramm der Samuel-Liberalen 214

25. Ende der Slums 216

26. Englisches Stahlstatut 218

27. Technologische Arbeitslosigkeit 220

28. Elliot oder Empire ? 223

29. Probleme der Demokratie in England 226

30. Lohntarif-Bill in Lancashire 228

31. Lancashire im Fegefeuer 230

32. Lancashire als Menschheitsfrage 236

33. England überlegt 249

34. Labour und die Eisenindustrie 251

35. Gewerkschaftstagung in Weymouth 253

36. Labour in Southport 256

37. Tory-Planwirtschafter 259

38. Die Liberalen für Empirehandel 261

VI. New Deal

39. Roosevelt im Verfassungskampf 264

40. Amerika im Schmelztiegel 271

41. Roosevelt im Kampf 279

42. T.V.A. - Ein amerikanisches Wirtschaftsexperiment 281

43. Arbeitsrecht in U.S.A. 290

44. Amerikanisches Gewerkschaftsgesetz verfassungsmäßig 291

45. Roosevelts strategischer Rückzug 293

46. Gewerkschaften in den U.S.A. 295

VII. Die Entwicklung in der Sowjetunion

47. Zweiter Fünfjahresplan abgebremst 298

48. Wo hält Sowjetrußland? 308

49. Russischer Verfassungswandel 316


+

Den Schwerpunkt des zweiten Bandes unserer dreibändigen Polanyi-Ausgabe bilden die Analysen der
internationalen Beziehungen. Polanyi untersucht das System von Versailles, die Wechselfälle des
Völkerbundes, den Frieden von Locarno, die Auseinandersetzung zwischen "Revisionismus" und
"Antirevisionismus", den Aufstieg des Faschismus in Italien, das Scheitern der Beschwichtigungspolitik,
die Machtergreifung des Nationalsozialismus in Deutschland, den spanischen Bürgerkrieg und schließlich
die Konflikte, die in den Zweiten Weltkrieg münden. Polanyis zentrale These ist, dass der Beginn der
dreißiger Jahre einen irreversiblen historischen Bruch darstellt, durch den der Charakter der
internationalen Beziehungen grundlegend verändert wird. Die Allianzen wie die Kontroversen hängen
nach 1933 nicht mehr von den Widersprüchen des "Systems von Versailles" ab, sondern vom Gegensatz
zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Projekten: Demokratie versus Faschismus bzw.
Sozialismus versus Kapitalismus. Gleichzeitig macht er deutlich, dass die Ursprünge der faschistischen
Bewegungen in der Krise des liberalen Kapitalismus und nicht in der Machtergreifung der Sowjets zu
suchen sind. Er widerspricht damit vehement allen Interpretationen, die den Faschismus als eine
Reaktion gegen die sozialistische Bedrohung darzustellen versuchen. Im letzten Artikel schließlich
skizziert er die Alternativen einer Nachkriegsordnung, die bis heute aktuell sind: Universeller Kapitalismus
oder pluralistische Weltordnung?

Der letzte Band unserer dreibändigen Ausgabe der Arbeiten von Karl Polanyi enthält jene Schriften, in
denen er sich mit grundlegenden gesellschaftstheoretischen Fragen auseinandersetzt. Im ersten Teil des
Bandes veröffentlichen wir eine Reihe von in Wien verfassten Manuskripten aus den zwanziger Jahren, in
denen Polanyi sein Verhältnis zu Marx und zum Marxismus seiner Epoche, zur Soziologie (Max Weber)
und zum Liberalismus (Österreichische Schule der Nationalökonomie) herausarbeitet. Die Kritik der
Entfremdung der Menschen (in der "wissenschaftlichen Weltanschauung" wie in der kapitalistischen
Realität) bildet den Springpunkt. Weil mit der Idee der menschlichen Freiheit unvereinbar, wendet er sich
vehement gegen jede Form des ökonomischen Determinismus. Im zweiten Teil wird sichtbar, warum -
und in welcher Form - Polanyi für eine sozialistische Umgestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft
eintritt. Er entwickelt konzeptionelle Vorstellungen, wie das Verhältnis von Produzenten und Konsumenten
übersichtlich gestaltet (Sozialistische Rechnungslegung) und der Markt bewusst einer demokratischen
Gesellschaft untergeordnet werden könnte. Es folgen mehrere in England verfasste Aufsätzen und
Manuskripte aus den dreißiger Jahren, in denen er sich mit den Grundlagen des Faschismus (Spann),
dem Verhältnis von Marxismus und Faschismus, und schließlich der Beziehung von Marxismus und
Christentum auseinandersetzt. Dabei wird nicht nur deutlich, welche Spuren die Niederlage des
Sozialismus in Polanyis Denken hinterlässt, sondern auch, auf welche konzeptionellen Pfeiler sich sein
bekanntestes Werk, The Great Transformation, stützt. Mehrere Aufsätze über Rousseau, die
Möglichkeiten einer freien Gesellschaft und die Bedeutung der parlamentarischen Demokratie - während
bzw. kurz nach dem Zweiten Weltkrieg verfasst - schließen den Band. Ein großer Teil der Schriften wird
hier zum ersten Mal veröffentlicht.