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Muhammad W.G.A.

Schmidt

Der Klassiker
des Gelben Kaisers zur
Inneren Medizin

Neijing Suwen Das Grundbuch


der Traditionellen Chinesischen Medizin

Neijing Lingshu Vollständig aus dem Chinesischen


übersetzt, herausgegeben, eingeleitet und
mit Anmerkungen versehen

Nanjing
viademica . verlag berlin
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Muhammad Wolfgang G. A. Schmidt

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Bezug: Nur über den Verlag oder den Autor

Preis: 136,00 a
V O R B E M E R K U N G E N zur Printausgabe in drei Bänden

»Der Klassiker
des Gelben Kaisers zur Inneren Medizin«

Vielen Dank für Ihr Interesse an der Gesamtprintausgabe »Der Klassiker des Gelben
Kaisers zur Inneren Medizin« in drei Bänden aus unserem Verlag. Wir wünschen
Ihnen viel Spaß und Gewinn beim Lesen dieser doch recht anspruchsvollen Texte.

Nachstehend haben wir Ihnen noch einige Werkinformationen zusammengestellt, die


Sie vor dem eigentlichen Lektüreeinstieg bitte beachten sollten und die Ihnen den
Umgang mit den vielen Stoffen in diesem umfangreichen Werk doch wesentlich
erleichtern dürften.

Das Besondere an dieser Werkausgabe

Im Gegensatz zu den wenigen anderen Werkausgaben in westlichen Sprachen finden


Sie hier nicht nur das komplette Gesamtwerk in allen drei Teilen, das darüber hinaus
(im Gegensatz zu manchen anderen westlichen Ausgaben) direkt aus dem klassi-
schen Urtext übersetzt, eingeleitet und ausführlich kommentiert und noch mit einem
ausführlichen Registerteil, der u.a. auch drei chinesisch-deutsche Glossare enthält,
versehen wurde.

Eine zusätzliche, in anderen westlichen Werkausgaben sicher nicht vorhandene Be-


sonderheit ist in dem vorliegenden Werk auch eine Berücksichtigung von bedeut-
samen Textvarianten in den verschiedenen Urtextausgaben, die im Laufe der Jahr-
hunderte entstanden sind. Wenn zum Beispiel an ein und derselben Textstelle in den
verschiedenen Urtextausgaben einmal von Punktstelle x des Milzmeridians in Urtext-
ausgabe A die Rede ist, in Urtextausgabe B aber zum Beispiel von Punktstelle y des
Magenmeridians – so ist dies doch ein bedeutendender Unterschied! Welcher westli-
che Bearbeiter hat diese zusätzlichen und zeitraubenden textkritischen Recherchen
sonst noch angestellt und akribisch in seinen durchgehenden Textkommentar noch
mit eingearbeitet?

Zum Inhalt und Inhaltsskizze zu den inhaltlichen Stoffen


der drei Werkbände

Nachstehend finden Sie eine Übersicht zu den jeweiligen Schwerpunktthemen der


drei Bände. Zentrale Themen der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) werden
dabei wiederholt aufgegriffen. Unterschiede in den jeweiligen Themenschwerpunk-
ten der drei Bände ergeben sich daraus, dass das Suwen (»Einfache Fragen«) eigent-
lich einen Einführungsband in die grundlegenden Konzepte der TCM und somit eine
Art Grundkurs seit alters dargestellt hat. Das Lingshu (»Wundersame Türangel«) geht
vor allem auf die Klinik verschiedener Krankheitsbilder und die therapeutischen
Anwendungsgebiete wie Akupunktur, Moxibustion usw. in Theorie und Praxis ein.
Von alters her stellte es somit den »Oberkurs« für angehende TCM-Therapeuten dar.
Das Nanjing (»Schwierige Fragen«) schließlich ist redaktionell ein kurzer Nachtrags-
band zu den in den beiden vorherigen Bänden angesprochenen Stoffen. Hier werden
verschiedene Stoffe ergänzt und noch einmal abschließend erklärt.

Das gesamte Werk ist ja nicht aus einem einzigen Guss zu einer bestimmten Zeit
von einem einzigen Autor verfasst und damit im Aufbau klar und folgerichtig konzi-
piert. Vielmehr stellt es ja eine Kompilation verschiedener Texte unterschiedlicher
Autoren aus möglicherweise verschiedenen Zeiträumen und Orten dar. Gewisse Un-
ebenheiten wie inhaltliche Sprünge, Wiederholungen usw. sind deshalb unvermeid-
bar. Im Laufe der Jahrhunderte haben sich in den verschiedenen Werkausgaben des
Originals zudem eine ganze Reihe von Textvarianten eingeschlichen (siehe oben),
die in der Kommentierung textkritisch zu berücksichtigen waren. Und schließlich ist
zu beachten, dass das Werk zeitgebundene Aussagen zum Beispiel zur Systematik
der Meridiane, Akupunkturpunkte und vor allem der Klassifikation und Systematik
der Pulse macht. Vieles, was sich inhaltlich hierzu in den Texten des Gesamtwerkes
findet, stammt sehr wahrscheinlich aus der Han-Zeit und trägt somit späteren Ent-
wicklungen auf den Gebieten der Meridianlehre, Punkstellensystematik und der
Pulslehre keineswegs Rechnung.

Und nun die versprochene Kurzübersicht über den Inhalt:

Suwen, Band 1 mit 81 Kapiteln


(Schwerpunkt: Behandlung des theoretischen Überbaus der TCM):
– Organe der TCM
– Entsprechungssystematik (Organe – Elemente, Yin und Yang usw.)
– Diagnostik (Pulse u.a. m.)
– Krankheiten und Ursachen
– Einzelne Krankheitsbilder und Meridiane
– Lehre vom Qi
– Überschuss / Mangel an Qi als therapeutische Prinzipien
u.v.a.m.

Lingshu, Band 2 mit 81 Kapiteln


(Schwerpunkt: Klinik und Akupunkturtechniken)
– Klinik verschiedener Krankheitsbilder
– ausführliche Behandlung der Meridiane und Sonderleitbahnen
– Nadelungstechniken und Akupunktur
– Moxibsution
– Weitere Ausführungen zum Qi
u.v.a.m.

Nanjing, Band 3 mit 81 (sehr kurzen) Kapiteln


(Systematisierende und ergänzende Nachträge zu den im Suwen und Lingshu be-
reits behandelten Stoffen)
- Qi, Mangel und Überschuss
– Organlehre der TCM
– Moxibsution
– Entsprechungssystematik
– Yin und Yang
– Meridian- und Akupunkturlehre
u.v.a.m.

Lektürehinweise

Wie schon oben angedeutet, bringt es die Entstehungsgeschichte des Gesamtwerkes


mit sich, dass die darin enthaltenen Texte kein einheitliches in sich stimmiges Gan-
zes darstellen und untereinander in ihrer Gliederung so aufeinander abgestimmt wä-
ren, dass man den gesamten Text von vorne bis hinten einfach durchlesen könnte
und man am Ende viel »schlauer« wäre. Wie in den jeweiligen Einleitungen darge-
legt, handelt es sich um eine Kompilation verschiedener Texte aus verschiedensten
Quellen (unbekannter Autoren), die in sich nicht immer widerspruchsfrei sind und wo
zudem manches, was anderswo schon gesagt wurde, wiederholt oder sogar anders
dargestellt wird.

Der »Gelbe Kaiser« als ausgesprochenes Frühwerk der TCM beinhaltet damit auch
gewisse inhaltliche Einschränkungen für die Systematik der Akupunkturpunkte und
der Pulslehre:

■ Die Angaben zu den Akupunkturpunkten sind nicht immer zuverlässig und ent-
sprechen auch nicht immer dem späteren und heutigen Kenntnisstand. »Der
Gelbe Kaiser« als ein bedeutendes Frühwerk der TCM kennt noch nicht die aus-
gefeilte Systematik und Standardisierung der Akupunkturpunkte, wie sie aus spä-
teren Zeiten der TCM-Geschichte bekannt und üblich ist. Im Zweifelsfall sollte
man sich hinsichtlich der Akupunkturpunkte an späteren Werken wie dem »Zhen-
jiu Dacheng« (16. Jh.) orientieren.

■ Das Gleiche gilt auch für die Angaben zur Einteilung und Systematik der Pulse;
auch hier orientiere man sich eher an klassischen Standardwerken aus späterer
Zeit wie zum Beispiel dem späteren Pulsklassiker »Mai Jing«.

■ In den im Verlauf der Zeit entstandenen und späteren klassischen Textausgaben


des Originals finden sich an manchen Stellen inhaltliche Textabweichungen, die
durchaus auch klinisch von Bedeutung sind (z. B. wenn es um Anweisungen zur
Nadelung der Punkstelle x des Meridians y geht). Solche Aussagen sind durchaus
kritisch und auch eher zurückhaltend zu bewerten; im Zweifelsfall orientiere man
sich an den diesbezüglichen Angaben in den modernen anerkannten einschlägi-
gen Lehrwerken und Darstellungen.

Wie sollte man nun diese Texte am besten lesen – von Anfang bis Ende oder mehr
auswahlorientiert? Hier finden Sie nachstehend einige Empfehlungen, wie man die
Texte am besten lesen sollte:
■ Bei der Lektüre der Texte empfiehlt es sich insbesondere ein selektiv-themen-
orientiertes Studium der Texte;

■ die Texte unter bestimmten Fragestellungen auszuwählen und dann zu studieren;

■ diese »quer zu lesen«, das heißt, nachzulesen, was jeweils im Suwen, Lingshu
und im Nanjing zu einem bestimmten Thema gesagt wird.

■ Um die jeweils in Frage kommenden Textstellen in den drei Bänden aufzufinden,


benutzen Sie neben den Inhaltsverzeichnissen auch die beigegebenen umfang-
reichen Registerteile.

■ Studieren Sie auch die chinesisch-deutschen Glossare; hier finden sich oft neben
den deutschen Angaben zu einem chinesischen Terminus auch noch hilfreiche
Zusatzinforationen.

Quellenangaben zur deutschen Textausgabe


des »Gelben Kaisers« in drei Bänden

Das vorliegende dreibändige Werk ist das Ergebnis einer nunmehr mehr als 10jähri-
gen Übersetzungs- und Forschungsarbeit an diesem umfangreichen Text. Die Ihnen
vorliegende Printausgabe ist die erste Gesamtausgabe im Print; Einzelfassungen die-
ser Texte sind aber bereits früher entweder ganz oder auszugsweise schon veröf-
fentlicht worden. Die Textfassung dieser Printausgabe in drei Bänden basiert auf fol-
genden bereits früher edierten Einzeltextausgaben vom gleichen Autor:

■ Suwen: »Texte der daoistischen und medizinischen Klassiker Chinas« Teil II.
Deutsche Hochschulschriften Bd. 2431. Verlag Hänsel-Hohenhausen | Egelsbach
1997 (Mikrofiche-Edition)

■ Lingshu: »Lingshu oder die Wundersame Türangel im Klassiker des Gelben Kai-
sers zur Inneren Medizin«. Deutsche Hochschulschriften Bd. 2543. Verlag Hänsel-
Hohenhausen | Egelsbach 1998 (Mikrofiche-Edition)

■ Nanjing: »Nanjing oder die Einundachtzig Schwierigen Fragen im Klassiker des


Gelben Kaisers zur Inneren Medizin«. Edition Medizin Band 2. Viademica-Verlag
Frankfurt (Oder) 1999 (Printausgabe vergriffen)
Angaben zum Autor
Muhammad Wolfgang G. A. Schmidt (früher auch: Wolfgang G. A. Schmidt), chine-
sischer Name Sima Wo. | Jahrgang 1950, Studium der Sprachwissenschaften, Si-
nologie, Afrikanistik, Theologie und Traditionellen Chinesischen Medizin an Univer-
sitäten in Deutschland und China. Übertritt zum Islam 1998. Hochschullehrer, lang-
jährige Lehr- und Forschungserfahrung an verschiedenen Universitäten und Hoch-
schulen in Fernost, Afrika und Europa. Sein Forschungs- und Lehrgebiet ist die Ge-
schichte und Wissenschaftssystematik der Traditionellen Chinesischen Medizin, das
er auch als Gastprofessor an verschiedenen Universitäten in Lehre und Forschung
vertrat.

Spezialist für das klassische Schrifttum der Traditionellen Chinesischen Medizin


(TCM). Zahlreiche Publikationen vor allem zur TCM: »Der Klassiker des Gelben Kai-
sers zur Inneren Medizin«. Einfache Fragen (Suwen). In »Texte der daoistischen und
medizinischen Klassiker Chinas« Teil II. Deutsche Hochschulschriften Bd. 2431. Ver-
lag der Deutschen Hochschulschriften Hänsel-Hohenhausen | Egelsbach 1997 ·
»Lingshu oder die Wundersame Türangel im Klassiker des Gelben Kaisers zur Inne-
ren Medizin«. Deutsche Hochschulschriften Bd. 2543. Verlag der Deutschen Hoch-
schulschriften Hänsel-Hohenhausen | Egelsbach 1998 · »Nanjing oder die Einund-
achtzig Schwierigen Fragen im Klassiker des Gelben Kaisers zur Inneren Medizin«.
Edition Medizin Bd. 1. Viademica-Verlag Frankfurt (Oder) 1999 (a). Ebenfalls 1999
erschien auch sein Werk zur Vergleichenden Psychotherapie in westlichen, islami-
schen und fernöstlichen Kulturen unter dem Titel »SEELE ist nur ein Wort«. Eine ver-
gleichende Studie zu Seelenverständnis, Menschenbild und Soziokultur im west-
lichen, islamischen und chinesischen Kulturkreis. Edition Medizin Band 1. Viademica-
Verlag Frankfurt (Oder) 1999 (b)
Muhammad W.G.A. Schmidt

Der Klassiker
des Gelben Kaisers zur
Inneren Medizin

Band I

Einfache Fragen (Suwen)

Neijing Suwen Das Grundbuch


der Traditionellen Chinesischen Medizin

Vollständig aus dem Chinesischen


übersetzt, herausgegeben, eingeleitet und
mit Anmerkungen versehen

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Traditionelle Chinesische Medizin

Band 01

Muhammad Wolfgang G. A. Schmidt


Der Klassiker des Gelben Kaisers
zur Inneren Medizin
Einfache Fragen (Suwen)

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Muhammad Wolfgang G. A. Schmidt

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Preis: 136,00 a
Titel der chinesischen Originalausgabe:
Huangdi Neijing Suwen Jiaoshi

Nach einer neuzeitlichen textkritischen Ausgabe in Kurzzeichen


Verlag für Volksgesundheit | Peking 1991

Lunge

Lunge

Herz Zwerchfell

Zwerchfell
Leber
Milz

Magen
Gallenblase
Dünndarm

Nieren
Dickdarm

Harnblase

Zur Lage der Inneren Organe im Körperinneren, Seitenansicht. Aus: ZHENJIU DACHENG, Nachdruck Peking
1983 (17. Jh.), Seite 188. – Die Fünf Zang- oder festen Organe (Lunge, Leber, Milz, Herz und Nieren)
speichern und sammeln; die Sechs Fu- oder Hohlorgane (Dickdarm, Gallenblase, Magen, Dünndarm und
Harnblase) wandeln um und scheiden aus.
I N H A LT S V E R Z E I C H N I S
Seite

Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1

Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3

Zur Übersetzung des Neijing Suwen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18

ERSTES BUCH . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23

Vorbemerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23

Kapitel 1 Abhandlung über die grundlegenden Wahrheiten


aus alter Zeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24
Kapitel 2 Große Abhandlung über die Harmonie der Vier Jahreszeiten
mit dem menschlichen Geist . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28
Kapitel 3 Abhandlung über die Verbindung der zwischen der Energie des Lebens
und dem Himmel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31
Kapitel 4 Abhandlung über die Wahrheiten aus dem metallenen Bücherkoffer 35

ZWEITES BUCH . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38

Kapitel 5 Große Abhandlung über das wechselseitige Wirken von Yin und Yang . . . . . . . . 38
Kapitel 6 Abhandlung über das Scheiden und Aufeinandertreffen von Yin und Yang . . . . . 46
Kapitel 7 Abhandlung über den Unterschied zwischen Yin und Yang . . . . . . . . . . . . . . . . 49

DRITTES BUCH . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52

Vorbemerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52

Kapitel 8 Abhandlung über die Offenheit und Feinheit


der Geheimen Berichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52

Kapitel 9 Abhandlung über die Sechs Grundregeln von der Erscheinungsweise


der Fünf Zang-Organe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54
Anhang 1: Übersicht über die Zehn Himmlischen Stämme . . . . . . . . . . . . . . . 60
Anhang 2: Übersicht über die Zwölf Erdzweige . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61

Kapitel 10 Abhandlung über den Beitrag der Fünf Zang-Organe zur Vervollkommnung
des Lebens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62

Kapitel 11 Weitere Abhandlung über die Fünf Zang-Organe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66


VIERTES BUCH . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68

Vorbemerkungen 68
Kapitel 12 Von den verschiedenen Therapieformen und den richtigen Verschreibungen
(Rezepturen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69
Kapitel 13 Abhandlung über die Weitergabe des Lebens und die Umwandlung
des Lebensschenkenden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71
Kapitel 14 Abhandlung über die Behandlung mit heißem Wasser, Heilwässern
und Wein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74
Kapitel 15 Abhandlung über die Wertvollen Pläne . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76
Kapitel 16 Abhandlung über die richtige Prüfung der unwiderruflichen Regeln
für den Eintritt des Todes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78

FÜNFTES BUCH . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81

Kapitel 17 Abhandlung über die Pulse und die Feinheiten ihrer Feststellung . . . . . . . . . . . . . 81
Kapitel 18 Abhandlung über die Anzeichen von Gesundheit im Menschen . . . . . . . . . . . . . . . 87

SECHSTES BUCH . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 92

Kapitel 19 Abhandlung über die lebenswichtige Funktion der Inneren Organe 92


Kapitel 20 Von den Drei Körperzonen und den Neun Unterbezirken 100

SIEBTES BUCH . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105

Kapitel 21 Abhandlung über Ähnlichkeiten und Unterschiede im Pulssystem . . . . . . . . . . . 105


Kapitel 22 Abhandlung über die Fünf Zang-Organe und ihre Beziehung
zu den Vier Jahreszeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 108
Kapitel 23 Abhandlung über die Fünf Klimazustände . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114
Kapitel 24 Blut, Qi und körperliches Befinden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 116

ACHTES BUCH . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118

Kapitel 25 Abhandlung über die Kostbarkeit des Lebens und die vollkommene Gesundheit
des Körpers . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118
Kapitel 26 Abhandlung über die Acht Grundlegenden Himmlischen Erscheinungen . . . . . . . 121
Kapitel 27 Abhandlung über das Vorteilhafte und das Schädliche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 126
Kapitel 28 Über das Hohler und Feste, die Fülle und den Mangel des Körpers . . . . . . . . . . 130
Kapitel 29 Abhandlung über den Bereich des Taiyin und des Yangming . . . . . . . . . . . . . . . 137
Kapitel 30 Abhandlung über den Pulsverlauf des Yangming . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 140
NEUNTES BUCH . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 142

Kapitel 31 Abhandlung über Wärme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 142


Kapitel 32 Abhandlung über die Nadelung bei Wärmekrankheiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145
Kapitel 33 Weitere Ausführungen zu den Hitzekrankheiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149
Kapitel 34 Abhandlung über Erscheinungen des Ungleichgewichts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153

ZEHNTES BUCH . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156

Kapitel 35 Abhandlung über Malaria . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156


Kapitel 36 Über die Nadelung bei Wechselfieber . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163
Kapitel 37 Abhandlung über das entgegengerichtete Qi . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169
Kapitel 38 Abhandlung über Husten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171

ELFTES BUCH . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 173

Kapitel 39 Abhandlung über alle Erscheinungen von Schmerzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 173


Kapitel 40 Abhandlungen über Krankheiten des Unterleibs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 178
Kapitel 41 Abhandlung über die Nadelung bei Schmerzen der Hüfte . . . . . . . . . . . . . . . . . . 181

ZWÖLFTES BUCH . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 186

Kapitel 42 Abhandlung über Krankheiten des Windes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 186


Kapitel 43 Abhandlung über Erkrankungen des Bi . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 189
Kapitel 44 Abhandlung über Erkrankungen der Schlaffheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 194
Kapitel 45 Abhandlung über Erkrankungen des gegenläufig gerichteten Qi . . . . . . . . . . . . . 196

DREIZEHNTES BUCH . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 200

Kapitel 46 Abhandlung über die Anzeichen von Krankheiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 200


Kapitel 47 Abhandlung über Außerreguläre Krankheiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 203
Kapitel 48 Abhandlung über größere Außerreguläre Krankheiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 207
Kapitel 49 Darstellung zu den Meridianen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 211

VIERZEHNTES BUCH . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 216

Kapitel 50 Abhandlung über die notwendige Einführung der Nadel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 216


Kapitel 51 Abhandlung über die angemessene Einführung der Nadel . . . . . . . . . . . . . . . . . 218
Kapitel 52 Abhandlung über verbotenes Nadeln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 219
Kapitel 53 Abhandlung über die Führung der Nadel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 221
Kapitel 54 Darlegung zu den Nadelungstechniken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 222
Kapitel 55 Erweiterte Abhandlung zu verschiedenen Arten der Nadelung . . . . . . . . . . . . . . 225

FÜNFZEHNTES BUCH . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 227

Kapitel 56 Abhandlung über die Zonen der Haut . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 227


Kapitel 57 Abhandlung über die Farben der Meridiane . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 229
Kapitel 58 Abhandlung über die Punkte des Qi . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 230
Kapitel 59 Abhandlung über das Aufeinandertreffen der Qi-Punkte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 234

SECHZEHNTES BUCH . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 237

Kapitel 60 Abhandlung über Zwischenräume der Knochen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 237


Kapitel 61 Abhandlung über die Punktstellen bei Wasser- und Hitzekrankheiten . . . . . . . . . 241

SIEBZEHNTES BUCH . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 245

Kapitel 62 Abhandlung über die Harmonisierung der Meridiane . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 245

ACHTZEHNTES BUCH . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 253

Kapitel 63 Abhandlung über umgekehrtes Nadeln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 253


Kapitel 64 Abhandlung über die Nadelung in Übereinstimmung und in Abweichung
von den Vier Jahreszeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 260
Kapitel 65 Abhandlung über die verschiedenen Ursachen von Krankheiten . . . . . . . . . . . . . 263

NEUNZEHNTES BUCH . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 266

Kapitel 66 Große Abhandlung über den Kreislauf des Himmlischen Qi . . . . . . . . . . . . . . . . . 266


Kapitel 67 Große Abhandlung über den Kreislauf der Fünf Elemente . . . . . . . . . . . . . . . . . 270
Kapitel 68 Große Abhandlung über den Kreislauf der Sechs Großen Qi . . . . . . . . . . . . . . . . 277

ZWANZIGSTES BUCH . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 285

Kapitel 69 Große Abhandlung über den Wandel beim Aufeinandertreffen der Qi . . . . . . . . . 285
Kapitel 70 Große Abhandlung über die immerwährende Reihenfolge der Fünf Elemente . . . 296
EINUNDZWANZIGSTES BUCH . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 314

Kapitel 71 Große Abhandlung über den rechten Kreislauf der Sechs Originären Qi . . . . . . . 314
Zu den Kapiteln 72 und 73 des Neijing Suwen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 352

ZWEIUNDZWANZIGSTES BUCH . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 353

Kapitel 74 Große Abhandlung über das Notwendigste von der Allerhöchsten Wahrheit . . . . 353

DREIUNDZWANZIGSTES BUCH . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 381

Kapitel 75 Abhandlung über die Höchsten Lehren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 381


Kapitel 76 Abhandlung über die auf natürliche Weise erlangte Wahrheit . . . . . . . . . . . . . . . 385
Kapitel 77 Abhandlung über fünf verschiedene Arten von unsorgfältiger
Falschdiagnose . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 388
Kapitel 78 Abhandlung über die vier Arten schuldhafter Fehler . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 392

VIERUNDZWANZIGSTES BUCH . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 394

Kapitel 79 Abhandlung über die Einteilung von Yin und Yang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 394
Kapitel 80 Blühen und Vergehen des Qi . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 398
Kapitel 81 Abhandlung über das Feine und Tiefgründige . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 401

Stichwortverzeichnis zu grundlegenden Konzepten des Neijing . . . . . . . . . . . . . 403

Glossar zu den wichtigsten Fachtermini in den Texten des Neijing . . . . . . . . . . . 406

In diesem Werk verwendete Meridianbezeichnungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 411

Schriftzeichenindex I zu den chinesischen Termini


(Einleitungsteile und Kapitel 1 bis 38) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 412

Schriftzeichenindex II zu den chinesischen Termini


(Kapitel 39 bis 81) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 425

Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 439

Chinesische Dynastien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 444


1

VORWORT
Das vorliegende Werk ist die erste deutsche Übersetzung des Neijing Suwen oder
»Klassiker des Gelben Kaisers zur Inneren Medizin – Einfache Fragen (Suwen)«, dem
wohl ältesten und ersten Werk zur Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) mit
einer sicher mehr als 2000jährigen Tradition.

Erstmals sind die ersten 30 Kapitel dieses Werkes mit Kommentar, Einleitung und
weiteren Zugangsshilfen wie Glossar u. ä. in der Taschenbuchausgabe von Herder
Spektrum (Freiburg 1993) erschienen, von der 1996 in einer leicht überarbeiteten
Fassung eine Zweitauflage veranstaltet wurde. Während die Taschenbuchausgabe
sich an der Originalfassung nach der 1670 erschienenen Ausgabe von Zhang Zhi-
cong, eines Arztes aus der Zeit der Qing-Dynastie (1644 –1911), orientiert, die 1959
vom Shanghaier Verlag für Wissenschaft und Technik neu herausgegeben wurde,
basiert der deutsche Text dieser in den bisherigen Teilen völlig neu überarbeiteten
und vollständig erweiterten Ausgabe auf der textkritischen Fassung nach der 1991 in
Peking in zwei Bänden erschienenen Ausgabe Huangdi Neijing Suwen Jiaoshi (Text-
kritische Ausgabe des Huangdi Neijing Suwen). Da diese Ausgabe die verschiedenen
Textfassungen aller wesentlichen Ausgaben der früheren Kaiserzeit berücksichtigt
und bei vieldeutigen oder dunklen Stellen die verschiedenen Kommentarhinweise
der verschiedenen Textfassungen in sich vereinigt, konnte sich die inhaltliche Qua-
lität der deutschen Fassung nur erhöhen, manche dunkle Stellen in der Übersetzung
erhellen und damit den Inhalt transparenter machen. Gegenüber der alten deutschen
Teilausgabe mit ihren ersten 30 Kapiteln konnte durch die Vorlage dieser völlig
neuen Ausgabe ein wesentlicher Fortschritt in der Präsentation des Textes auch für
eine deutsche Leserschaft erreicht werden.

In den Texten der vorliegenden Ausgabe findet vor allem die Akupunktur als eine der
prominentesten Therapieformen Berücksichtigung, und Moxibustion und Kräuter-
medizin werden weniger Platz eingeräumt. Das hat historische Gründe, die mit der
soziokulturellen Wertung und Rezeption der chinesischen Medizin in einer rund
2000jährigen Entwicklung zusammenhängen. Andererseits ist das Neijing Suwen
das Werk, in dem zum ersten Male neben den Ausführungen zur Akupunktur auch
alle grundlegenden Konzepte zu Anatomie, Physiologie, Ätiologie und Pathologie und
zur Diagnostik der TCM enthalten sind, die als solche auch für die anderen Therapie-
formen der chinesischen Medizin wie Moxibustion und Pharmakologie (Kräuter-
medizin) vorauszusetzen sind.

Empfohlen sei dem Leser, parallel zur Lektüre der vorliegenden Texte, das »Hand-
buch der chinesischen Heilkunst. Von Akupunktur bis Zungendiagnostik« (Verlag Ge-
sundheit, 1. Auflage Berlin 1995) vom gleichen Verfasser heranzuziehen. Dort finden
sich auch die entscheidenden medizingeschichtlichen Hinweise, warum es in der
langen Entwicklungsgeschichte der TCM im Laufe der Zeit zu einer fachlichen Tren-
nung von Akupunktur / Moxibustion einerseits und Pharmakologie (Kräutermedizin)
andererseits kam. Nach allem, was heute bekannt ist, ist der wesentliche soziokul-
turelle und auch medizingeschichtliche Grund wohl der: Die Anfangsgründe der chi-
nesischen Medizin finden sich in der schamanistischen, mit Magie und Geomantik
2

und heute als Aberglauben verstandenen Tradition der Shang- und Zhou-Zeit (zwi-
schen dem 16. und 1. Jh. v. Chr.), wobei sich im Laufe der Zeit immer mehr ein ratio-
naler und empirischer Ansatz einer vornaturwissenschaftlichen Medizin, stimuliert
durch die rationale Orientierung der konfuzianischen Staatsphilosophie, herauskri-
stallisierte. Die mit diesem Ansatz vorhandene Richtung war die Akupunktur- und
Moxibustionslehre, die sich auf Erkenntnisse zur Anatomie und Physiologie der Inne-
ren Organe, die Pulslehre als ein wichtiges physiologisch-ätiologisches Kriterium
stützte, während sich die Kräutermedizin dieser neuen Entwicklung zumindest bis
zur Tang-Zeit des 7. Jh. n. Chr. weitgehend entzog und ihr der zweifelhafte Ruf magi-
scher Wunderheilung – zu Recht oder zu Unrecht – anhaftete.

Die beschriebene Entwicklung zu einem rational-empirischen Ansatz einer vornatur-


wissenschaftlichen Medizin Chinas vollzog sich nun in Schüben und nicht etwa
abrupt, so daß es zeitweise zu Richtungskämpfen zwischen der »natürlichen« und
der »übernatürlichen« Richtung kam. Stellenweise zeugen davon auch die Texte des
Neijing, wo zum Beispiel hervorgehoben wird, daß die Medizin der Geister und Götter
nicht mehr bedarf und ein wahrer Arzt nur derjenige ist, der die Prinzipien der Puls-
lehre kennt und ihnen folgt usw.

In sich sind die verschiedenen Einflüsse und Traditionen, die auf den Inhalt der Texte
des Neijing eingewirkt haben, sehr heterogen, was auch mit der Entwicklungs-
geschichte dieses Werkes zusammenhängt (vgl. dazu auch die Einleitung und »Hin-
weise zur Übersetzung des Neijing«). Auch ist die inhaltliche und redaktionelle Anord-
nung der Texte nicht immer unbedingt konsequent, in sich sinnvoll und wider-
spruchsfrei: Das Neijing hat im Verlaufe seiner rund 2000jährigen Rezeptions-
geschichte immer wieder redaktionelle Änderungen und Überarbeitungen erfahren,
stellenweise war die Lesart des Textes korrupt, Teile des authentischen Original-
textes sind verloren gegangen usw. Und schließlich war ein solches Werk, das im
alten China Generationen von Ärzten als Lehrwerk zur Ausbildung diente, einer kultu-
rell ganz anders geprägten didaktisch-methodischen Lernauffassung unterworfen:
Man lernte die Texte unter Anleitung eines Meisters zumeist auswendig, die einge-
fügten Kommentare stellten Verständnis- und Interpretationshilfen zur Bewahrung
einer altehrwürdigen Tradition dar, und der theoretische Lernstoff wurde in die prak-
tische Unterweisung integriert. Nur so ließe sich erklären, warum ein solches Werk
die Ansprüche an eine fundierte und verantwortbare Ausbildung der Ärzte im alten
China erfüllen konnte, ohne den aus heutiger Sicht an ein Lehrwerk zu stellenden
Ansprüche einer konsequenten inhaltlichen und redaktionellen Systematik immer zu
genügen.

Möge nun auch dieses Werk dem interessierten Leser und mündigen Patienten eine
erste Orientierungshilfe zu Möglichkeiten und Grenzen der TCM sein! Der Übersetzer,
Herausgeber und Kommentator dankt dem viademica.verlag berlin, daß das Werk in
der vorliegenden Form erscheinen und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich
gemacht werden konnte.

Berlin / Frankfurt (Oder), Sommer 2003 Muhammad Wolfgang G. A. Schmidt


3

EINLEITUNG

Das HUANGDI NEIJING oder "Der Klassiker des Gelben Kaisers zur Inneren Medizin" ist
der erste und älteste Klassiker zur Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), der für alle
weiteren und späteren Folgeveröffentlichungen in der mehr als 2000jährigen Geschichte der
TCM einen Vorbildcharakter und damit einen autoritativen Status ersten Ranges innehat.

Und selbst heute, in einem Zeitalter, wo das heilkundliche Systeme der TCM und das der
westlichen Medizin aufeinandertreffen, sich gegenseitig befruchten und ergänzen, ist der
wegweisende Charakter dieses Werkes für die heutigen praktizierenden Ärzte der TCM weder
in Frage gestellt noch in der Abnahme begriffen. Sicherlich hängt dies u.a. damit zusammen,
daß der Respekt, den man innerhalb der chinesischen Kultur der überkommenen Tradition
allgemein zollt, auch in diesem Fall zum Tragen kommt. Allein scheint dies jedoch kein
hinreichender Grund zu sein: Das Gedankengut und die Erkenntnisse, die die Texte dieses
Werkes den nachfolgenden Generationen chinesischer Ärzte immer wieder übermittelt haben,
sind von einem derart grundsätzlichen Charakter und von einer derart richtungsweisenden
Universalität, daß ihr Wahrheitscharakter und damit ihr Anspruch auf allgemeine Gültigkeit
die verschiedenen Höhen und Tiefen der chinesischen Geschichte, und der Geschichte der
chinesischen Medizin insbesondere, überdauert haben und so im besten positiven Sinne doch
von zeitlosem Charakter sind. Dies zeigt sich auch in der modernen Zeit in der
Auseinandersetzung mit der westlichen Medizin, wobei es weniger um die Frage einer
Abgrenzung beider Systeme hinsichtlich ihrer jeweiligen Gültigkeit denn um ihre
gegenseitige Befruchtung und Ergänzung geht. Dies trifft für die Grundaussagen des Neijing
zu einer notwendigen gesunden Lebensweise, zu Aufbau und Funktion des menschlichen
Körpers und seiner Organe, den Ursachen für die verschiedensten Krankheiten, ihrer
Diagnostik und den damit zusammenhängenden Therapieformen wie Akupunktur,
Moxibustion und Pharmakologie zu. Und diese Grunderkenntnisse werden in ihrer Substanz
auch nicht durch Modifizierungen einzelner Details, weitere Systematisierungsversuche und
z.T. auch neue Erkenntnisse im Rahmen späterer Entwicklungen in der Geschichte der TCM
in Frage gestellt. Vielmehr reiht sich das, was aufbauend auf den Grundaussasgen und -
erkenntnissen des Neijing später hinzukam, nahtlos in die Tradition des Neijing selbst ein.

1. Zu Entstehung und Autorenschaft des Neijing

Die traditionelle chinesische Historiographie schreibt die Abfassung des Neijing mit seinen
zwei Teilen Suwen ("Reine Fragen") und Ling Shu ("Wundersame Türangel") direkt dem
legendären Gelben Kaiser zu, der um 2698-2589 v. Chr. gelebt haben soll. In den Texten des
Neijing wird auch verschiedentlich auf die angebliche Autorenschaft des Gelben Kaisers
hingewiesen (vgl. Kap. 12-20). Viel wahrscheinlicher aber ist- und diese Ansicht wird auch in
der modernen textkritischen Forschung chinesischerseits vertreten (vgl. z.B. BO/WU,
1988:16ff.), daß es sich um ein Werk aus viel späterer Zeit handelt.

Dafür kommen hypothetisch zunächst einmal verschiedene Zeiträume in Betracht: Die frühe
Phase der Streitenden Reiche (ab ca. 473 v. Chr.) im zerfallenden Feudalstaat der Zhou-Zeit
(1030-221 v. Chr.), ein Zeitabschnitt zwischen der Zeit der Streitenden Reiche und der Han-
Dynastie (473 v. Chr.-206 v. Chr.) und schließlich die Zeit der Westlichen Han-Dynastie (206
v. Chr.-24 n.Chr.) selbst.2 Andere Autoren wollen für die Entstehungszeit lediglich die
Periode der Streitenden Reiche (475-221 v. Chr.) gelten lassen3und schreiben die Abfassung
verschiedenen unbekannten Autoren zu.4 Die schriftlichen Texte des Neijing spiegeln einen
Sprachzustand wider, der jedenfalls in einer Zeit vor 100 n. Chr. anzusetzen wäre, denn um

2Vgl. BO/WU, 1988:17-19.


3Vgl. Beijing Medical College, 1984:369.
4Vgl. ebd.
4

100 n. Chr. verfaßte Xu Shen sein etymologisches Schriftzeichenlexikon SHUOWEN JIEZI,


das zur philologischen Analyse einzelner Textstellen des Neijing herangezogen werden
mußte.5 Weitere philologische Indizien lassen sich für eine zeitliche Eingrenzung der
Entstehungszeit des Neijing mangels weiterer sprachlicher Befunde zunächst nicht anführen.

Eine weitere, allerdings nur sehr grobe und in sich auch nicht viel besser detailiertere zeitliche
Eingrenzung der Entstehungszeit des Neijing läßt sich jedoch mit folgender Überlegung
vornehmen:

Wie wir schon ausgeführt haben, steht das Neijing sehr deutlich in der Tradition des ZHOU
YI, dem Buch der Wandlungen, dem wohl ältesten Werk und Klassiker zur chinesischen
Philosophie. Hier finden sich u.a. die ersten Aussagen über Yin und Yang sowie die Lehre
von den Fünf Elementen, die im theoretischen Überbau der TCM eine so wichtige Rolle
spielen, aber auch Angaben über die Fünf Farben, die Jahreszeiten, die Himmelsrichtungen,
usw.

Das ZHOU YI ist in seiner überlieferten Fassung aus den letzten Jahren der Shang-Dynastie
(1520-1030 v. Chr.) und den Anfängen der Zhou-Dynastie zur Zeit des Königs Wen (um 1150
v. Chr.) überliefert. Dessen Sohn, König Wu, stürzte den letzten, sehr tyrannisch regierenden
Herrscher der Shang-Dynastie und regierte von 1249-1133 v. Chr. und errichtete auch die
Zhou-Dynastie (1030-221 v. Chr.). König Wen und dessen Sohn König Wu sollen mit der uns
heute vorliegenden Fassung des Zhou Yi vertraut gewesen sein, frühere Fassungen hingegen
sind anscheinend verloren gegangen.6 Das Neijing, das sich in den erwähnten Punkten eng an
die Tradition des Zhou Yi der beginnenden Zhou-Zeit anschließt, kann in seiner
ursprünglichen Fassung danach kaum in der Zeit vor 1150 v. Chr. entstanden sein;
wahrscheinlicher ist aber noch ein späterer Zeitpunkt ab 1030 v. Chr. Wahrscheinlich ist auch,
daß das Neijing in seiner überkommenen Fassung in der Zeit zwischen 1030 v. Chr. und der
frühen Han-Zeit (206 v. Chr.-24 n. Chr.) entweder aus verschiedenen einzelnen Quellen
zusammengefügt (kompiliert) wurde und/oder in späterer Zeit bis in die Jahre der Westlichen
Han-Dynastie hinein immer wieder neu kompiliert und möglicherweise sogar um einige
Textstellen erweitert und ergänzt wurde.7 Es sind einige Textstellen selbst, die darauf
schließen lassen: So etwa die Angaben zu jenen geographischen Regionen des alten China,
aus denen die verschiedensten Therapieformen stammen sollen (vgl. Neijing Suwen, Kap.
12). Verschiedene Argumente sprechen doch dafür, daß zumindest solche Textstellen die
geographischen Grenzen eines China widerspiegeln, die bereits eine erste Reichseinheit, die
unter der der Han-Dynastie zeitlich vorgelagerten Qin-Dynastie (221 v..Chr.-207 v. Chr.)
erreicht wurde, voraussetzt. Das Gleiche gilt auch für bestimmte Merkmale des
zivilisatorischen Selbstverständnisses (Kap. 13ff.). Und schließlich sind es die Hinweise auf
eine Abgrenzung zwischen jenen Heilkundigen, die noch eine magische Medizin betrieben
haben sollen, und solchen, die bereits eine rational begründete Erfahrungsmedizin
praktizierten, ihr Handwerk gründlich erlernt hatten und in der Pulslehre bewandert sind, die
sich im Neijing finden, wobei diese Abgrenzung historisch in der frühen Han-Zeit anzusetzen
ist.8 Wenn es also schon nicht zutrifft, daß das Neijing in der uns überlieferten Fassung erst in
der frühen Han-Zeit, also um 206 v. Chr.-24 n. Chr., entstanden ist, muß es zumindest
während dieser Zeit um die entsprechenden Textstellen bereichert worden sein.

5So z.B. bei VEITH 1949 und auch in der dieser deutschen Ausgabe.
6Vgl. u.a. Song (dt.),1991, I, S. 239.
7Dies ist auch in späterer Zeit über die Jahrhunderte hinweg bis in die Qing-Zeit (1644-1911) der Fall

gewesen.
8Vgl. Needham, dt., 1979:296.
5

Alles, was wir hier zu Entstehungszeit und Autorenschaft des Neijing anführen können ist
recht dürftig und verhüllt sich uns in der grauen Vorzeit des Altertums, von dem wir relativ
wenig Objektivierbares diesbezüglich wissen. Keinesfalls kann jedoch das Neijing vor 1030
v. Chr. entstanden sein; vielmehr wurde es wohl irgendwann zwischen 1030 v. Chr. und 24 n.
Chr. entweder als ein einheitliches Werk oder - was viel wahrscheinlicher ist - als ein Werk
verschiedener unbekannter Autoren abgefaßt und möglicherweise als solches später
kompiliert (zusammengestellt). Wenn dieser Zeitpunkt vor der Zeit der Westlichen Han-
Dynastie, also wesentlich vor 206 v. Chr. lag, so sind spätestens ab 206 v. Chr. einige
textliche Erweiterungen hinzugekommen, die den Zustand der ersten Reichseinheit und die
sonstigen soziokulturellen Bedingungen der frühen Han-Zeit (207 v. Chr.-24 n. Chr.)
widerspiegeln. Diese dann vorliegende Fassung war aber die textliche Grundlage für eine
weitere Überarbeitung, Kompilation und Textkommentierung in späteren Jahrhunderten.

Wenn es von einem Text in der Ausgangssprache (also der Sprache, aus der man übersetzt)
mehrere Fassungen oder auch innerhalb des Textes verschiedene Lesarten für einzelne
Begriffe gibt, so stellt sich nicht nur für diesen Text der Ausgangssprache die Frage, welches
denn nun die früheste Originalfassung ist und was der Autor ursprünglich sagen wollte. Auch
für den Übersetzungsvorgang von der Ausgangssprache in eine beliebige Zielsprache (also
die Sprache, in die übersetzt wird) kann eine Beantwortung dieser Frage unter Umständen von
zentraler Bedeutung sein. Ein bekanntes Beispiel ist ja die Frage der Übersetzung biblischer
Texte des Alten und des Neuen Testamentes. Denn wenn es darum geht, die zentrale religiöse
Botschaft aus dem hebräischen bzw. altgriechischen Urtext in die zeitgenössische Sprache z.
B. des Deutschen zu übersetzen, so tun sich hier kulturelle (der Kulturraum des Vorderen
Orient in der alttestamentlichen Zeit bzw. das Palästina des Neuen Testaments und der
römisch-hellenistische Hintergrund der damaligen Zeit) als auch historische Hürden (der
zeitliche Abstand zwischen Zeitpunkt der Textentstehung und dem Zeitpunkt der Übersetzung
eines derart alten Textes z. B. zum gegenwärtigen Zeitpunkt) auf. Um einerseits hier
originalgetreu, andererseits auch für heutige Verhältnisse verständlich übersetzen zu können,
ist eine Kenntnis dessen, was der Autor an einer bestimmten Stelle tatsächlich sagen wollte
bzw. gemeint hat, auch für den Übersetzer wichtig. Es ist aber völlig einsichtig, daß man diese
Frage am sichersten immer dann richtig beantworten kann, wenn der vorliegende Ausgangs-
und Originaltext in einer Fassung vorliegt, die dem vor Jahrhunderten abgefaßten Original
völlig oder nahezu entspricht.

Leider ist das bei so alten und auch für bestimmte Gebiete zentral wichtigen Texten selten der
Fall . Unter Umständen wird man daher verschiedene Textfassungen aus unterschiedlichen
Zeiten, soweit vorhanden, miteinander vergleichen und daraus etwas "künstlich" und, soweit
überhaupt möglich, eine Art "Urfassung" oder das, was eine Urfassung auf Grund der
Befunde einer textkritischen Analyse gewesen sein könnte, mühsam rekonstruieren. Das dann
vorliegende Ergebnis hat dann allerdings zunächst nur einen arbeitshypothetischen Wert. Und
aus einer solchen "künstlich" rekonstruierten Urfassung wird man unter Umständen für
einzelne problematische Textstellen die mögliche, vom Textautor tatsächlich gemeinte
Aussage erschließen müssen. Die exegetische Arbeit mit den Texten der Bibel bietet eine
Fülle von Beispielen dazu. Als Martin Luther auf der Wartburg das Neue Testament aus dem
Griechischen ins Deutsche übersetzte, hatte er eine für seine Zeit recht fortschrittliche
Textfassung des griechischen Urtextes für das Neue Testament vorliegen, nämlich die
griechische Textfassung des Neuen Testaments des Erasmus von Rotterdam.

Natürlich trifft dies im Prinzip auch für die Überlieferungsgeschichte des Neijing zu.

Die Überlieferungsgeschichte der Neijing-Texte stellt sich uns allerdings etwas anders dar, als
dies z.B. für die biblischen Schriften der Fall war. Viele der neutestamentlichen Texte
beruhen zunächst auf mündlicher Überlieferung in den ersten Jahrzehnten der christlichen
Urkirche, ein Phänomen, das so für die Überlieferungsgeschichte des Neijing, das in seinen
Anfängen wohl von Anfang an nur schriftlich überliefert wurde, nicht zutrifft. Zweitens
stellen sich auch die äußeren Umstände für die Überlieferung wie Material und
Schreibtechniken etwas anders dar, indem man in China schon früher als in der westlichen
6

Hemisphäre die über Schreibmaterial und Drucktechniken verfügte, die für die zeitliche
Haltbarkeit überlieferter Texte ausschlaggebend war. Und man hat schon im China der Han-
Zeit, also seit der Zeitenwende von der vorchristlichen zur nachchristlichen Ära, die Tradition
der Textforschung in Zusammenhang mit den überlieferten Texten z.B. der konfuzianischen
Klassiker gepflegt. Und schließlich sollte nicht unerwähnt bleiben, daß auch das schriftliche
Medium der Überlieferung, nämlich die chinesische Schrift, auf Grund ihres ideographischen
Schriftprinzips9 hier eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt: Aus der linguistischen
Forschung ist z. B. bekannt, daß sich Sprachsysteme im Laufe ihrer über Jahrhunderte und
Jahrtausende verlaufenden Entwicklung in ihrem Lautbestand, also auf phonologischer Ebene,
weitaus schneller und auch radikaler ändern als etwa im grammatischen Bereich oder auf
Bedeutungsebene.10 Mit der zeitlichen Distanz verändern sich Sprachsysteme laufend, und je
größer diese Distanz ist, umso mehr verändert sich nicht nur der phonologische, sondern auch
der grammatische Charakter einer Sprache. Aber gerade die Veränderungen im Lautbereich
einer Sprache verändern nicht nur die Worte in ganzen Sätzen und Texten, so daß daraus
quasi eine neue Sprache entsteht (vgl. z.B. das Verhältnis Althochdeutsch und
Neuhochdeutsch, wobei das Althochdeutsche aus heutiger Sicht eine "andere" Sprache
darstellt, die eigens erlernt werden muß), sondern auch das Schriftbild, wenn es sich im Falle
der Schrift um eine solche handelt, deren Zeichen Laute und nicht wie die chinesische Schrift
Begriffsbedeutungen bzw. Wortbedeutungen abbilden. So hat sich die chinesische Sprache der
Han-Zeit seit rd. 2000 Jahren in mehrfachen Stadien in ihrem Lautbestand und auch in ihrer
grammatischen Struktur im Vergleich zu heute erheblich geändert; jedoch spiegelt sich dieser
Prozeß im Schriftbild des Chinesischen wegen des ideographischen Schriftprinzips nicht
wesentlich wieder. Und das ist nun für die Überlieferungsgeschichte antiker Texte ein
wesentlicher Vorteil: Im Prinzip könnte nämlich ein Chinese des 20. Jh. diese alten Texte
verstehen, soweit die Bedeutung der Schriftzeichen über die Jahrhunderte hinweg konstant
geblieben ist. Man kann also sagen, daß für die Überlieferungsgeschichte nicht nur der
Neijing-Texte, sondern auch anderer Klassiker, die nachfolgenden Gelehrtengenerationen
Chinas immer wieder von diesem Vorteil profitieren konnten, den die chinesische Schrift - im
Vergleich zur lautorientierten Schriften - bietet. Und dies ist sicher auch mit ein Grund,
warum sich die textkritische Forschung der alten philosophischen, konfuzianischen und
daoistischen Klassiker schon in der Han-Zeit, also viel früher als im Westen, etablieren
konnte.11 Da jedes Wort in eigentlich jeder Sprache - unabhängig von Zeit und
Sprachumgebung - neben einer Grundbedeutung auch verschiedene Nebenbedeutungen hat12,

9Sehr allgemein gesagt, besagt ein solches Schriftprinzip, daß durch ein beliebiges graphisches
Zeichen Bedeutungen übermittelt werden und nicht etwa Laute wie z.B. im Falle der griechischen,
hebräischen oder lateinischen Schrift.
9Vgl. dazu z.B. die linguistischen Befunde zum Chinesischen und Koreanischen in SCHMIDT, W. G.

A.: Grundzüge einer kontrastiven Valenzgrammatik für den Fremdsprachenunterricht. Deskriptive,


sprachtypologische und curriculare Aspekte am Beispiel des Deutschen, Koreanischen und Chinesischen
(ursprünglich als Habilitationsschrift vorgelegt), Bochum 1990, Kapitel 2, S. 42 ff., wo es um die
sprachgeschichtlichen Lehnbeziehungen zwischen dem Chinesischen und Koreanischen geht. Da aber
zu unterstellen ist, daß es sich hier im Grunde um ein universalsprachliches Phänomen handelt, lassen
sich entsprechende Beispiele und Befunde auch für beliebige andere Sprachsysteme in diesem
Zusammenhang anführen, die geeignet sind, in ihrem Grundtenor diese Hypothese zu untermauern.
11Von den sprachlichen Barrieren einmal abgesehen, hat ja auch der Absolutheitsanspruch der

mittelalterlichen Scholastik eine Auseinandersetzung z.B. mit den hebräischen, aramäischen und
griechischen Urtextteilen der Bibel verhindert - bestimmte soziokulturelle und sozialgeschichtliche
Aspekte kommen also noch hinzu.
11Es ist auch ein empirischer Grundsatz universallinguistischer Forschung, daß die Menge aller

möglichen Bedeutungen in einer Sprache immer größer ist als der Lautbestand, durch den diese
Bedeutungen ausgedrückt werden können (dies gilt auch für entsprechend Kombinationen in Form
von Lautsequenzen). Mit anderen Worten: eine zumindest theoretisch unendliche Menge von
7

gelten auch für diesen erwähnten Vorteil der chinesischen Schrift gewisse Einschränkungen,
auf die wir noch gesondert zurückkommen werden.

Das Neijing in seiner wesentlichen Fassung, wie es uns heute vorliegt, ist das Ergebnis einer
redaktionell und kommentierenden editorischen Tätigkeit von WANG BING im Jahre 762.
Wang lebte in einer der glanzvollsten kulturellen Zeiten Chinas unter der Dynastie der Tang
(618-906). Er muß als Arzt in kaiserlichen Diensten gestanden haben und war schon
Lebzeiten berühmt für seine Heilkunst, vor allem auch im Bereich der Gesunderhaltung (z.B.
Atemübungen und Gymnastik). Wangs Zeit war eine Epoche, in der der Konfuzianismus in
China für Staat und Gesellschaft nicht die hervorragende Bedeutung wie in der sonstigen
Dynastiengeschichte Chinas (z.B. der Han-Zeit). Daoismus und Buddhismus nahmen die
Stelle ein, die sonst der Konfuzianismus inne hatte, und auch Wang selbst war wohl Daoist.13
Wang nun stellte auch die Texte des Neijing Suwen neu zusammen und überarbeitete sie;
frühere Fassungen sind verloren gegangen und liegen heute nicht mehr vor.14 Mehr als ein
Jahrzehnt, nämlich an die 12 Jahre, war Wang mit der Neufassung des Neijing Suwen befaßt,
und das Ergebnis war eine 24-bändige Ausgabe, deren Texte er nicht nur redaktionell neu
arrangierte, sondern auch erweiterte und kommentierte. Was veranlaßte Wang nun dazu?

Dazu schreibt er im Vorwort der von ihm besorgten Ausgabe u.a. folgendes: " ... die
vorhandenen Abschriften waren ungeordnet, im Inhaltsverzeichnis fanden sich Textduplikate,
und einzelne Teile des Werkes widersprachen und standen (inhaltlich) im Gegensatz
zueinander, die Worte und ihre Bedeutung entsprachen einander nicht, und so war es
schwierig, ihre Lehren zur Anwendung zu bringen und die Texte zu lesen und zu verstehen.
Diese Irrtümer sind über die Jahre und Monate hinweg in diesen Texten erhalten geblieben,
und sie finden sich nicht nur einmal, sondern wiederholen sich ständig, so daß sich der Text
(zunehmend in Bezug auf das Original, d.Üb.) verfälscht hat. Einige Textstellen finden sich
doppelt unter verschiedenen Überschriften, andere Stellen wurden zusammengefügt und
finden sich in einem einzigen Kapitel"...15 Hinzu kam die teilweise optisch bedingte
Unleserlichkeit von bestimmter Textstellen, einfach deswegen, weil sich das Material nicht
mehr in einwandfreiem Zustand befand. Aber auch Probleme terminologischer Art stellten
sich auf diesem Hintergrund. Wang stützte sich dabei auf eine Neijing-Textfassung, die durch
Zhang Zhongjing ( um 195 n. Chr.), einem berühmten Arzt aus der Zeit der Späteren
(Östlichen) Han-Dynastie (25-22o n. Chr.)16, zurückgehen soll und zu Zeiten Wangs noch

Bedeutungs-bzw. Begriffsinhalten (darunter fallen Haupt- und Nebenbedeutungen von Worten einer
Sprache) stehen einer endlichen und damit kleineren Menge von Lauten und Lautsequenzen
gegenüber. Wenn dies so ist, ist es aus arithmetischer Sicht eigentlich trivial, aber folgerichtig, wenn
man feststellt, daß in einem solchen Fall sich mehr als eine Wortbedeutungsvariante auf eine
Lautsequenz verteilt; d.h., daß es kein proportionales Zuordnungsverhältnis "Bedeutung-
Lautstruktur" von genau 1:1 gibt, sondern immer von n:1, wobei "n" immer größer als der Wert "1" ist.
Sicher ist dies auch ein ausschlaggebender Grund, warum eigentlich jedem Wort in jeder beliebigen
Sprache mehrere Bedeutungen (z..B. Haupt-und Nebenbedeutung) zugeordnet werden können. Und
dies ist auch bei den Zeichen der chinesischen Schrift der Fall, die ja Begriffe repräsentieren.
13Vgl. UNSCHULD, 1980:121.
14A.a.O. - Unabhängig davon werden frühere Fassungen des Neijing in den Annalen verschiedener

Dynastien erwähnt, z.B. in der Zeit der Frühen (Westlichen) Han-Dynastie (206 v. Chr.-25 n. Chr.)
oder der Sui-Dynastie (589-618).
15Vgl. das Vorwort zur tangzeitlichen Ausgabe des Neijing Suwen von Wang Bing, u.a. bei VEITH

1972:81 ff.
16Zhang Zhongjing veröffentlichte eine Abhandlung über Fieberkrankheiten, und vor allem wird ihm

in der Geschichte der chinesischen Medizin die Unterscheidung von Kranheitssymptomen an Hand
der Sechs Leitbahnen und die Diagnose nach den Acht Grundlegenden Syndromen zugute gehalten.
8

vorhanden war. Der Text dieser Ausgabe war für Wang inhaltlich so kohärent auch so
verständlich, und so stützte er sich auf diese Ausgabe des Neijing bei der Klärung
problematischer Textstellen.-Im wesentlichen gründen sich nun alle späteren Ausgaben des
Neijing auf diese von Wang besorgte Ausgabe und deren (überarbeitete) Fassung.

Wie gesagt, war zu Wangs Zeiten der Konfuzianismus in den Hintergrund geraten, und mit
dem zeitweiligen Aufstieg des Daoismus zur Staatsreligion war auch eine neue
Wertschätzung der chinesischen Pharmakologie verbunden.17 Das Neijing war zu Wangs auch
auf diesem Hintergrund weitgehend in Vergessenheit geraten, und er war es, der dieses Werk
um wesentliche daoistische Teile anreicherte.18

Die Tang-Dynastie fand ihr Ende im Jahre 906, und als rd. 54 Jahre später nach einem
relativen kurzen Intermezzo des Zerfalls des chinesischen Reiches und die Aufteilung seines
Territoriums unter den sogenannten Fünf Dynastien (907-960) die Reichseinheit Chinas unter
der darauf folgenden Song-Dynastie (960-1279) wieder hergestellt wurde, erlangte der vorher
so geschmähte und auch verfehmte Konfuzianismus seine vorherige Stellung in Staat und
Gesellschaft wieder. Daoistische Kirche und buddhistische Klöster waren in den vergangenen
Jahrhunderten nicht nur zu gesellschaftlichem Ansehen gelangt, sondern hatten auch immense
wirtschaftliche Reichtümer angehäuft; dies und die Mißwirtschaft ihrer führenden
institutionellen Vertreter und der mit ihnen paktierenden Kaiserhöfe wurde ihnen nun zum
Vorwurf gemacht. Und so wollte man auch die unter Wang Bing bearbeitete und stärker
daoistisch geprägte Fassung des Neijing nicht in ihrem überlieferten Zustand belassen.

Gao Baoheng (um 1056) war kaiserlicher Hofarzt und besorgte eine Neufassung des Neijing.
In dem Vorwort zu der unter seiner Leitung besorgten Ausgabe erwähnt er die von Wang
Bing besorgte Edition und bemerkt dazu, daß zu dessen (Wang Bings) Zeiten "leider" die von
Wang besorgte Ausgabe den Status eines Klassikers erhielt und dessen Inhalt "handwerklich
tätigen Arbeitern19" zugänglich gemacht wurde. Gao betont den kaiserlichen Auftrag zu dieser
Neubearbeitung und erwähnt, daß er nach 10jährigem Textstudium mit seinen Mitarbeitern
"den Text auf seinen Inhalt und die Bedeutung (einzelner Stellen)" hin gesichtet habe und
dabei auch textvergleichend verschiedene vorhandene Editionen zu Rate gezogen habe. Etwa
ein Viertel der aus seiner Sicht problematischen Textstellen habe jedoch nicht geklärt werden
können. Redaktionell sind einige Veränderungen in der Textanordnung erfolgt, und ebenso
sind bestimmte Streichungen im Text vorgenommen worden.20 Es hat dabei aber den
Anschein, daß diejenigen Stellen, die aus der Sicht Gaos das Neijing zu stark daoistisch
verbrämten, in (neo)konfuzianischem Sinne "umgearbeitet" wurden. Es ist wohl einmalig in
der Geschichte der Textüberlieferung schlechthin, daß Texte mehr aus weltanschaulichen
Motiven denn aus solchen der Textkritik selbst in einer neuen Edition besorgt wurden.

17An einer Stelle des erwähnten Vorworts kritisiert Wang die "Vorherrschaft" der Akupunkturlehre,
wie sie für die konfuzianisch
orientierten Dynastieepochen wohl weitgehend typisch war.
18Dort finden sich konfuzianisch und daoistisch anmutende Anteile. Letztere gehen wohl auch auf den

Einfluß Wangs und dessen Neubearbeitung zurück. Ursprünglich waren in den Vorläuferfassungen
zwar die Konzepte von Yin und Yang und den Wandlungsphasen der Fünf Elemente vorhanden, die
ja aus der Tradition des ZHOU YI auch in das konfuzianische Weltbild mit übernommen wurden,
deren Verbindung aber mit den Vier Jahreszeiten und anderen Aussagen über Kosmos und Natur, die
ja daoistisch tradiert sind, sollen auf die Wang und dessen editorische Tätigkeit zurückgehen. Vgl.
UNSCHULD, 1980:121.
19Einer gewissen sozialen Schicht von Ärzten wurde kein Gelehrtenstatus, sondern der sozial

untergeordnete und aus konfuzianischer Sicht nicht in hohem Ansehen gehaltene soziale Status von
Arbeitern bzw. Handwerkern zugemessen. Zu Einzelheiten vgl. SCHMIDT,W.G.A.: Die alte
Heilkunst der Chinesen, Freiburg 1992, Kap. 3.
20Vgl. das Vorwort zur songzeitlichen Ausgabe, u.a. auch in VEITH (1972:87 ff., (englisch)).
9

Insgesamt liegen für das Neijing zehn wichtige, aber unterschiedliche Ausgaben vor21, die für
ein vergleichendes philologisches, textkritisches und inhaltliches Textstudium Bedeutung
erlangt haben; seine tatsächlichen Fassungen und Ausgaben liegen aber viel höher.

Dem deutschen Text der vorliegenden Ausgabe liegt der Text der neuzeitlichen textkritischen
Ausgabe Huangdi Neijing Suwen Jiaoshi zugrunde, die 1991 in zwei Bänden in Peking
erschien und den Originaltext in Kurzzeichenfassung enthält.

Die Entscheidung, speziell diese Fassung - unter Berücksichtigung anderer vorhandener


Textfassungen - unserer Übersetzung zugrunde zu legen, war in erster Linie von der
speziellen Art der Kommentierung, die besonders viel zur Klärung philologischer und
konzeptioneller Spezialprobleme beitrug, bedingt.22

2. Die Bedeutung des Huangdi Neijing für den westlichen Leser


heute

Stellt man sich nun die Frage, was denn ein so alter und - oberflächlich betrachtet - auch
antiquierter Text etwa dem westlichen Menschen des 20. Jh. auf dem Hintergrund einer
postindustriellen, hochtechnologisierten Gesellschaft zu sagen habe, so lassen sich dafür eine
ganze Reihe in sich wesentlicher Gründe anführen.

Die Texte des Neijing sind richtungsweisend für eine ganzheitliche Medizin, die die TCM
ihrem Charakter und auch ihrem Anspruch nach ist, und sie erinnert den westlichen Menschen
des 20. Jh. in einem Zeitalter der Technik und der Automatisation immer wieder daran, daß
Technik und die Beherrschung der Natur durch Mensch und Technik nicht das Maß aller
Dinge ist, sondern daß auch der heutige Mensch des 20. Jh. in einer ihm vorgegebenen
Ordnung zwischen Himmel und Erde lebt, in die er sich nahtlos einfügen lassen muß, wenn er
in Harmonie und damit auch gesund und (möglichst) beschwerdenfrei leben will. Das ist denn
auch das Prinzip einer Lebensweise nach dem Dao, von dem später noch zu handeln sein
wird. Der ganzheitliche Charakter der TCM beinhaltet konkret Körper und Geist/Seele, die
Einflüsse von Jahreszeiten und Natureignissen wie Wind, Hitze und Kälte auf Krankheit und
Gesundheit, die nicht getrennt und für sich, sondern innerhalb eines konzeptionellen Ganzen
betrachtet werden und schon von daher immerwährende Gültigkeit und Wahrheit
beanspruchen können. Und dies wohl vor allem deswegen, weil es sich hier um so
grundsätzliche Aussagen zu Leben und Tod des Menschen in seiner naturorientierten
Eingebundenheit handelt, die auch durch den Wandel der Zeiten und damit auch die
jeweiligen äußeren Lebensumstände überdauert haben und nach heute nach wie vor höchste
Aktualität besitzen.

21U.a. angeführt in BO/WU, 1988:238ff.


22BO/WU kennzeichnen die Vorzüge dieser Neijing-Edition besonders gut, wenn sie dazu vermerken
(in BO/WU, 1988:243):" In der Zeit der Qing-Dynastie verfaßte der Arzt Zhang Zhicong u.a. mit
seinem Schüler Gao Shishi und seinem Sohn Zhang Zhaohuang das Suwen Jizhu ("Gesammelte
Annotationen zum Suwen") in 9 Rollen. Daran wurde fünf Jahre lang gearbeitet. Später legte er mit
seinen Schülern noch das "Ling Shu Jizhu" ("Gesammelte Annotationen zum Ling Shu") in ebenfalls 9
Rollen vor. Da es sich um eine Textsammlung handelt, erhielt das Werk den Titel "Jizhu"
("Gesammelte Annotationen").Und diese "Gesammelten Annotationen" sind dann wegweisend für
spätere Editionen dieser Art zum "Neijing" geworden. Dieses Werk berücksichtigt die Lehrmeinungen
verschiedener Autoren und macht sie sich auch zunutze. Andererseits folgt es nicht einfach der
althergebrachten Tradition, einfach das zu wiederholen, was andere bereits vorher gesagt hatten.
Stilistisch, inhaltlich und methodisch können sich die Ausgaben anderer Editoren nicht mit ihm
messen. Hervozuheben ist das tiefe Verständnis des Originaltextes, und eine weitere hervorstechende
Besonderheit ist in den Annotationen zu den erkennbaren Manifestationen von Yin und Yang, den
Zang- und Fu-Organen, zu Qi und Blut und deren Umwandlung, zu Theorie und Anwendung der
Akupunktur zu sehen. Die "Gesammelten Annotationen" (Jizhu) von Meister Zhang gehen ausführlich
auf alle theoretischen Einzelheiten ein, und seine Hinweise übertreffen alles bisher Dagewesene. Und
deshalb wird sein Werk auch von späteren Gelehrtengenerationen hoch geschätzt".
10

Zweitens ist aber auch anzuführen, daß das, was an so grundlegenden Erkenntnissen über
Aufbau und Funktion der Organe, über die Ursachen und das Entstehen von Krankheiten
sowie deren Behandlung in den Texten des Neijing enthalten und richtungsweisend für die
theoretischen und praktischen Grundlagen der TCM ist und als grundlegende Erkenntnis den
Wandel der Zeiten überdauert hat, auch mit den Erkenntnissen der modernen
Naturwissenschaft, die erst ab der 2. Hälfte des 19. Jh. auch in der westlichen Medizin Platz
griffen, kompatibel ist und auf diesem naturwissenschaftlichen Hintergrund im Grundtenor
keineswegs widerlegt wird. Insofern können die konzeptionellen Grundinhalte des Neijing
durchaus Anspruch auf Rationalität und empirische Belegbarkeit erheben, und dies in dem
Sinne, daß es sich bei der TCM schon in ihrem konzeptionellem Frühstadium, wie es sich
denn in den Texten des Neijing dokumentiert, um eine Erfahrungswissenschaft handelt. Deren
Grundlage ist ja die Beobachtung von Phänomenen (Vorgängen und inneren/äußeren
Anzeichen), die Vornahme von darauf aufbauenden Schlußfolgerungen und schließlich die
Zusammenfügung einzelner Teile in ein sich geschlossenes und kohärentes Theoriesystem. Im
Ansatz sind damit grundlegende methodologische Ansprüche an die Wissenschaftlichkeit und
Rationalität auch der TCM als einer Wissenschaft erfüllt aus einer zeitgenössischen
Perspektive erfüllt. Freilich darf hierbei nicht übersehen werden, daß zu Zeiten des Neijing
und schon lange vorher moderne naturwissenschaftliche Erkenntnisse, die einen bestimmten
axiomatischen Rahmen auch auf dem Hintergrund von Verifizier- und Falsifizierbarkeit
bestimmter Annahmen vorgegeben hätten, nicht vorhanden waren.23 So sind denn auch
Terminologie und theoretischer Überbau der TCM von einem eindeutig
vornaturwissenschaftlichen Charakter und mit bestimmten Annahmen über Aufbau und
Wirken der Natur verbunden, die z.T. geomantischen und/oder spekulativen Charakter haben
und aus heutiger Sicht eher metaphysisch anmuten müssen. Dieser geomantische Charakter ist
sicher typisch für eine frühen soziokulturellen Stadien in der Entwicklung einer
Agrargesellschaft, die die chinesische Gesellschaft eigentlich immer war und durch die auch
ihre kulturelle Umgebung geprägt wurde. Dies ändert jedoch nichts daran, daß die getroffenen
Schlußfolgerungen dieser vornaturwissenschaftlichen Erfahrungsmedizin vom Grundtenor her
in eine Richtung weisen, die auch auf dem Hintergrund moderner naturwissenschaftlich
fundierter Erkenntnisse z.B. über Aufbau und Funktion des Körpers Bestand haben und somit
in ihrer konzeptionellen Grundsubstanz eher bestätigt werden.

So weist z.B. die Konzeption des Qi als Lebensenergie, die alle Teile des Körpers versorgt,
auf ein grundlegendes Verständnis der mit dem Stoffwechsel des Körpers
zusammenhängenden Vorgänge aus biochemischer Perspektive hin. Oder etwa das Konzept
von Yin und Yang, das - in einem sehr allgemeinen Sinne ausgedrückt - für eine angemessene
Körperfunktion und der Einbindung einzelner Körperteile und -organe in ein funktionelles
Ganzes als grundlegend angesehen wird: Dies erinnert doch sehr stark an das aus der
westlichen Medizin bekannte Konzept von Sympathikus und Parasympathikus als essentiellen
Bestandteilen des vegetativen Nervensystems. Letzteres ist - als Gegenstand - aus der
Perspektive der westlichen Medizin natürlich nicht nur ein funktionales Konzept, sondern ein
objektives Faktum anatomischer Realität. Die TCM erwähnt ein solches Faktum nicht - und
dies aus Gründen, die auch eine eingehendere eigenständige anatomische Forschung eher
verhindert haben 24. Nun ist aber tatsächliche Gegebenheit des vegetativen Nervensystems
eine essentielle Prämisse für dessen physiologisch-funktionale Wirksamkeit in
Zusammenhang mit der Steuerung bestimmter Organfunktionen innerhalb eines funktionalen
Ganzen. Und diese Erkenntnis ist auch ausschlaggebend für ein allgemeines Verständnis der

23Für die Gründe, warum sich im chinesischen Kulturkreis keine eigenständige Wissenschaft im
westlichen Sinne entwickeln konnte, vgl. SCHMIDT, W. G. A., 1992, Kapitel 1.
24Vgl. dazu a.a.O., Kapitel 1-4.
11

Körperfunktion in dem Verständnis für die Ursachen von Krankheiten und deren Behandlung.
Und daß das einzelne Funktionieren bestimmter Organe von deren gleichzeitiger Einbindung
in ein funktionales Ganzes von einer solchen übergeordneten Funktionssteuerung abhängt, ist
auch in der TCM als wesentlich erkannt worden, ohne hierfür eine tatsächlich vorhandene
anatomische Realität erkennen zu können. M.a.W.: Wenn in dieser Hinsicht die "Verpackung"
(Terminologie, theoretischer Überbau inkl. von Aussagen über die Vorhandenheit dieser oder
jener Organe) zwischen westlicher und chinesischer Heilkunde auch noch so unterschiedlich
sein mag, so ist der Grundtenor des "Verpackungsinhalts" (die funktionale Realität) doch im
wesentlichen der gleiche und trifft somit den Kern des realen Sachverhalts (hier z.B. die
Wirksamkeit des vegetativen Nervensystems u.a. in der Steuerung verschiedener
Körperfunktionen im rahmen einer funktionalen Gesamteinheit). Daran ändert auch die
Tatsache nichts, daß in dem einen oder anderen Fall Verpackung und Verpackungsinhalt in
dem einen heilkundlichen System einander vergleichsweise näher sind (so in der westlichen
Medizin, wo organische Gegebenheit und Funktion objektiv erkannt sind) als in dem anderen
(so in der TCM, wo zwar die Wirksamkeit im Prinzip, aber nicht die organische Gegebenheit
erkannt ist und auf die universellen, in der Natur einander entgegengesetzt wirkenden Kräfte
Yin und Yang zurückgeführt wird).

Als drittes Beispiel für die grundsätzliche konzeptionelle Übereinstimmung zwischen den
erfahrungsorientierten Konzepten der TCM und moderner naturwissenschaftlich orientierter
westlicher Medizin läßt sich auch die Pulslehre der TCM anführen25, die in ihren Grundzügen
bereits in den Texten des Neijing entwickelt wird und in der Diagnostik der TCM eine so
wichtige Rolle spielt: Der funktionale Zusammenhang zwischen Herztätigkeit, Blutkreislauf
und Blutdruck mit Blick auf die unterschiedliche Quantität und Qualität26 ist erkannt und
spielt konzeptionell eine wichtige Rolle (vgl. dazu Kapitel 18ff. des Neijing Suwen).

Grundsätzlich könnte man also schon sagen, daß es der TCM - im Gegensatz zur westlichen
Medizingeschichte - möglich war, grundlegende Wahrheiten über Aufbau und Funktion des
menschlichen Körpers zeitlich nicht nur sehr viel früher als in der westlichen Medizin zu
erkennen und für die medizinische Auseinandersetzung mit Krankheit und Gesundheit, Tod
und Leben nutzbar zu machen, sondern auch ohne den vergleichsweise höheren theoretischen
und auch materiellen Aufwand, der in der Geschichte der westlichen Medizin erforderlich
war, um zu solchen grundlegenden wichtigen Erkenntissen zu kommen.27 Dies ist eine
Tatsache, die sich bei einer vergleichenden wissenschaftssystematischen Betrachtung beider
heilkundlicher Systeme - des westlichen und des chinesischen - aus medizinhistorischer
Perspektive zwangsläufig ergibt.28 Auf dem Hintergrund eines westlich geprägtem modernen
Wissenschaftsverständnisses ist dies nicht nur erstaunlich, sondern auch eine beachtenswerte
Leistung chinesischer Wissenschaft und Kultur zu einer Zeit in einem kulturellen Umfeld,
dessen Weltverständnis und Weltbild von eher spekulativen Annahmen und Aussagen geprägt
war, die in dem Buch der Wandlungen (Zhou Yi) enthalten sind und wo zum ersten Mal die
grundlegenden Konzepte von Yin und Yang , den Fünf Elementen (Holz, Feuer Erde, Metall

25Vgl.dazu a.a.O., Kapitel 5.


26Letzteres ist ein Aspekt, der in der Pulslehre der TCM weitaus eingehender berücksichtigt wird als
in der westlichen Medizin.
27Denn in der westlichen Medizin war dazu ein naturwissenschaftlich fundiertes Detailwissen

erforderlich, für das eine Beobachtung allein nicht ausreichte und das zum größten Teil nur mit
labortechnischen Mitteln erworben wurde.
28Dieser Aussage wird ein arbeitshypothetischer Charakter in diesem Zusammenhang beigemessen.

Eine detaillierte Studie zu allen Aspekten, bei denen vom Verpackungsinhalt her konzeptionelle
Übereinstimmungen zwischen westlicher und chinesischer Heilkunde zumindest im Grundtenor
gegeben wären, liegt noch nicht vor.
12

und Wasser) und ihren Wandlungsphasen der Erzeugung (wonach ein Element das andere
hervorbringt, z.B. Holz erzeugt Feuer) und der gegenseitigen Beherrschung (z.B. wird das
Metall durch das Feuer beherrscht, weil Feuer das Metall zum Schmelzen bringt) entwickelt
wird.29 Yin und Yang sind hingegen in der Natur vorhandene und einander entgegen gesetzte
und in wechselseitiger Beziehung stehende Kräfte: Yang steht für Licht, männlich, positiv,
Yin für Dunkelheit, weiblich, negativ.30 Die Konzeption von Yin und Yang sowie die Lehre
von den Fünf Elementen und ihren Wandlungsphasen stehen für eine grundlegende
Auffassung in der alten chinesischen Philosophie auch vorkonfuzianischer und -daoistischer
Prägung, wonach:

a) es keine einzelne Entität gibt, die für sich allein und isoliert von einer anderen steht,
sondern sich immer in einer Wechselbeziehung zu einer anderen Entität befindet;

und

b) alles, was in gegenseitiger Beziehung zueinander steht, im Rahmen einer solchen


Beziehung nicht etwa statischen Charakter hat, sondern in einem ständigen Wandel, also in
einem ständigen dynamischen Prozeß der Veränderung begriffen ist.

An diese Grundgedanken schließen sich die späteren philosophischen Denksysteme des


Konfuzianismus und des Daoismus an.31 Diese Konzepte der alten chinesischen Philosophie32
waren mit Blick auf die späteren philosophischen Denksysteme des Konfuzianismus und des
Daoismus von derart grundlegender Bedeutung, daß sich diese Doktrin von der Beziehung
zwischen einzelnen Entitäten und deren ständigem Wandel als ein Denkschema und
theoretisches Überbausystem sowohl in der traditionellen Gesellschaftslehre
(Konfuzianismus)33 als auch in der Betrachtung der Natur und ihrer Phänomene (Daoismus)34

29Im Chinesischen steht sheng für die Wandlungsphase der gegenseitigen Elementerzeugung und ke
für die Wandlungsphase der gegenseitigen Elementbeherrschung.
30Dies sind nur die wichtigsten Bedeutungsäquivalente, die an dieser Stelle nicht alle vollzählig für

diese bedeutungsmäßig vielschichtig belegten begriffe aufgeführt werden können. Daß Yang u.a. mit
positiv und männlich, Yin mit negativ und weiblich assoziiert wird, geht philosophiegeschichtlich
bereits auf die Tradition des ZHOU YI zurück, das auch Konfuzius bekannt war und dessen Ansatz
u.a. auch die soziale Unterordnung der Frau unter den Mann im gesellschaftlichen Rahmen war.
Verschiedene Stellen des ZHOU YI wurden von Konfuzius und seinen Anhängern überarbeitet und
auch kommentiert, während frühere Versionen dieses Werkes schon zu Lebzeiten des Konfuzius als
verloren gegangen galten. Es ist also durchaus möglich, daß gerade diese Assoziationen in der
ursprünglichen vorkonfuzianischen Fassung gar nicht enthalten waren und historisch späteren
Datums sind und somit erst später eingefügt wurden, als die Doktrin von der sozialen Unterordnung
der Frau unter den Mann im gesellschaftlichen Rahmen durch den Konfuzianismus
sozialgeschichtlich bereits sanktioniert war.
31Der Buddhismus ist zwar das dritte wichtige Denksystem in der chinesischen Kultur, ist aber im

Gegensatz zu Konfuzianismus und Daoismus die ja genuine Schöpfungen innerhalb des chinesischen
Kulturkreises sind, ein außerkultureller Import (der Buddhimus wurde schon in der Han-Zeit, um 67
n. Chr., von Indien nach China "importiert").
32Darunter verstehen wir hier alle Traditionen originären chinesischen Denkens, die
philosphiegeschichtlich den Denkrichtungen des Konfuzianismus und des Daoismus vorgelagert
sind.
33Im Konfuzianismus zeigt sich dies z.B. in der Lehre von den Fünf Beziehungen; der gemeine Mann

ist dem Kaiser untertan, innerhalb der gesellschaftlichen Schicht der Gemeinen ist aber der Mann der
Frau sozial übergeordnet, usw.
34Im Daoismus wurde in der Beobachtung der Natur u.a. die Lehre von den Elementen und ihren

Wandlungsphasen konsequent mit eingebaut, wie sich dies auch in den Texten des Neijing für den
Bereich der TCM widerspiegelt.
13

niederschlug. An anderer Stelle werden wir noch sehen, daß die Doktrin von Yin und Yang
und die Lehre von den Fünf Elementen auch den konzeptionellen Grundrahmen dessen
darstellen, was man in der theoretischen Konzeption der TCM das System der
Korrespondenzen (z.B. VEITH 1949) oder die Entsprechungssystematik (z.B. UNSCHULD
1981) genannt hat: So sind einige Organe Yin , andere Yang, usw.

Insofern stellen also die Yin-Yang-Doktrin und die Lehre von den Fünf Elementen eine Art
theoretisches Axiomsystem auch in der TCM mit folgenden Prämissen dar: 1) Alles einzelne
steht nicht isoliert für sich da, sondern steht immer in einer Beziehung wechselseitiger Art zu
einem anderen. 2) Das, was zueinander in einer wechselseitigen Beziehung steht, ist einem
ständigen Prozeß des Wandels und der Veränderung (im Rahmen einer Beziehung von
mindestens zwei Entitäten) unterworfen.

Zu diesen grundlegenden Erkenntnissen sind die alten Chinesen - wie bereits angedeutet - auf
eine relativ einfache Weise gekommen in einer Zeit, als die schamanistisch-magischen Züge
in der alten chinesischen Gesellschaft soziokulturell noch nicht vollständig überwunden
waren.35 So sind im so relativ einfache Naturbeobachtungen wie z.B. die, wonach Feuer das
Metall beherrscht, indem Feuer das Metall zum Schmelzen bringt, auch in einem noch
schamanistisch geprägtem soziokulturellem Umfeld und dessenungeachtet "empirisch
richtig".36 Betrachtet man nun ein solches Naturphänomen nicht nur isoliert für sich, sondern
fügt es in ein vornaturwissenschaftliches, aber dennoch rational begründetes und auf "exakter
Naturbeobachtung" beruhendes Anschauungssystem ein, so lassen sich daraus durchaus die
oben erwähnten axiomatischen Schlußfolgerungen ziehen.37 Ein weiterer konzeptioneller
Gedankenschritt besteht nun darin, dieses System auf andere Bereiche - z.B. die
gesellschaftlichen Grundlagen des Zusammenlebens (Konfuzianismus), das funktionale
Zusammenwirken einzelner Teile im menschlichen Körper (TCM) sowie in der Natur
überhaupt (Daoismus) - zu übertragen und so diesen Prämissen einen weltanschaulich
axiomatisch-universalen Anspruch zu verleihen. Und das ist philosophie- und
wissenschaftsgeschichtlich schon in der alten chinesischen Kultur der Vor-Han-Zeit
geschehen und ist auch eine Erklärung dafür, warum a) sich die universale Lehre von Yin
und Yang sowie den Fünf Elementen nicht nur in der chinesischen Philosophie, sondern z.B.
auch in der TCM und damit im Neijing als ihrem ersten Klassiker wiederfindet und b) und
damit die ganzheitliche Sicht der TCM konzeptionell quasi vorgegeben ist und c) eine auch
durch die moderne Naturwissenschaft nicht widerlegbare allgemein gültige Aussagekraft auch
in einer vornaturwissenschaftlichen Phase der soziokulturellen Entwicklung der chinesischen
Gesellschaft erreicht.

Ähnliches läßt sich auch für die grundlegenden Konzepte der TCM, die sich an die erwähnten
Axiome konzeptionell anschließen, sagen.

Kurzum: Es ist die Zeitlosigkeit der grundlegenden Aussagen des Neijing über Leben und
Tod, Krankheit und Gesundheit, die die Lektüre des Neijing auch für den westlichen
Menschen des späten 20. Jh. wichtig und auch faszinierend macht.

35So diente das ZHOU YI über die Zhou-Zeit hinweg u.a. als Orakelbuch und damit der Wahrsagerei.
Das ZHOU YI geht in seiner heute vorliegenden Fassung auf die Zhou-Zeit um 1030-221 v. Chr.
zurück; frühere Fassungen aus der Zeit der legendären Xia-Dynastie (2000-1520 v. Chr.) und aus der
Zeit der Shang-Dynastie (1520-1030 v. Chr.) sollen verloren gegangen sein.
36In Wahrheit ist es sicher so, daß die Übergänge zwischen einer Art relativ primitiver

Naturbeobachtung und den Anfängen sich einer herausbildenden Wissenschaft historisch und auch
soziokulturell ineinander greifen und sicher auch sozial- und kulturgeschichtlich nicht immer strikt
voneinander zu trennen sind.
37Zu den soziokulturellen Aspekten vgl. u.a. UNSCHULD 1981, EBERHARD 1980.
14

Freilich stellt sich hier auch ein Einwand:

Bestimmte Passagen des Neijing, in denen es um die richtige Lebensweise in


Übereinstimmung mit dem Dao geht, (vgl. vor allem die ersten Kapitel), waren vor allem für
eine relativ kleine soziale Elite, die nicht wie der "gemeine Mann" ihren Lebensunterhalt mit
ihrer Hände Arbeit verdienen mußte, bestimmt. Auf sozialgeschichtlichem Hintergrund ist
dieser Einwand sicher berechtigt, denn: In der tat waren jene Weisen und Heiligen, von denen
in den ersten und auch späteren Kapiteln des Neijing die Rede ist, Angehörige einer
bevorzugten Schicht vor allem des Mandarinats, die sich um ihren Lebensunterhalt nicht
sorgen mußte und die es sich auch leisten konnte, sich im Einzelfall in die Einsamkeit der
Berge zurückzuziehen und allen irdischen Einflüssen des Wohllebens und der Begierden zu
entsagen und ein Dasein zu führen, das dem Höchsten Naturprinzip, dem Dao, vom ideellen
Anspruch her am nächsten kam. Auf diese Weise wollte man Unsterblichkeit erreichen.38
Diese Haltung ist in ihrer Absolutheit natürlich kaum praktikabel für die antike
Agrargesellschaft Chinas, in der die Mehrheit der Bevölkerung durch harte manuelle Arbeit
ihren kärglichen Lebensunterhalt verdienen und dazu noch Steuern und andere Abgaben
leisten und so eigentlich immer einen ständigen Kampf ums materielle Dasein führen mußte.
Und so war nur einer sehr kleinen sozial privilegierten Schicht die bereits erwähnte, als dem
Dao gemäß betrachtete Lebensweise möglich. Der Volksdaoismus39 hat denn auch diese
Haltung weitgehend aufgegeben und die Auffassung, daß die konkrete irdische Existenz
bedrohende und die Harmonie der Natur störende Einflüsse schon in dieser Welt zu beseitigen
seien, dagegen gesetzt.40 Dies geschah z. B. in Form der sozialrevolutionären Komponente
des Daoismus, abgewirtschaftete Dynastien und deren Herrscher durch Rebellion zu
beseitigen und so wieder - aus dieser Perspektive heraus - die politische, soziale und
wirtschaftliche der Gesellschaft herzustellen.41 Auch dies wäre dann eine Wiederherstellung
der Wirksamkeit des Dao, des Harmonieprinzips in Kosmos, Universum und damit der Natur
schlechthin. Und da sich nach alter chinesischer Auffassung Himmel und Erde, Kosmos und
Universum, also die Natur und damit das Wirkungsprinzip des Dao im menschlichen Körper
und dessen Funktionalität widerspiegele, ist die Wiederherstellung der Gesundheit bei einem
Erkrankten analog eine Wiederherstellung der Wirksamkeit des Dao im Mikrokosmos, dem
menschlichen Körper des einzelnen.

Durch die alltägliche und allgemeine Lebenserfahrung hat sich heute die Einsicht
durchgesetzt, daß der einzelne auch dann, wenn er sich den Zwängen des alltäglichen Daseins
in Form von Arbeit und Konsum (z.B. schon zur Erhaltung der Arbeitskraft) und damit
zusammenhängenden Phänomenen wie Genuß, Begierde, Lust u.a. nicht gänzlich "entziehen"
kann sich doch auf Grund seines ihm dennoch überlassenen Freiraumes so weit beschränken
kann, daß er solchen Zwängen im Extrem nicht völlig verfällt und dadurch Schaden an Leib
und Seele nimmt (z.B. durch übermäßige Nahrungsaufnahme, Alkoholkonsum,usw.). Es ist
also die Warnung vor einer übermäßig und einseitig am Konsum orientierten Lebensweise,

38Das chinesische Zeichen für Unsterblichkeit wird xian gelesen und stellt graphisch einen Menschen
auf einem Berg dar.
39Der Volksdaoismus ist weniger die philosophische Lehre des Daoismus in ihrer reinen und

originären Form, sondern ein Konglomerat verschiedener daoistischer Anschauungen, die sich z.T.
noch mit alten schamanistisch-magischen Tradierungen verbindet und ein großes daoistisches
Pantheon kennt. Die Weisen und Heiligen werden hier zu gottähnlichen Gestalten erhoben. Insofern
reflektiert dieser Volksdaoismus nicht die "reine" philosophische Lehre, wie sie für Angehörige der
Oberschicht eher typisch war.
40Im klassischen Daoismus galt hingegen die Devise vom Wu Wei, dem Stillehalten und dem

Nichteingreifen in die Natur - eine Haltung, die für aus der privilegierten Oberschicht stammenden
Eremiten typisch war.
41Dies zieht sich als historisches Strickmuster durch die gesamte Dynastiengeschichte des alten China

hindurch.
15

die das Prinzip einer ausgeglichenen und damit naturorientierten, harmonischen Lebensweise
- und somit nach alter chinesischer Auffassung das Gleichgewicht von Yin und Yang und
damit auch das naturgebundene Harmonieprinzip des Dao - verletzt. Auf diesem Hintergrund
behalten die Ausführungen des Neijing zur Lebensweise der alten legendären Weisen und
Heiligen ihre allgemeine Gültigkeit und auch auf die heutige Zeit bezogenen aktuellen Wert:
So ist das Maß aller Dinge nicht der Mensch selbst, der ohne Selbstbeschränkung in die Natur
eingreift und sich diese (ihre Ressourcen) nutzbar und untertan macht. Vielmehr ist es die
schon immer vorhandene und damit essentielle Einbindung des Menschen in einen
allgemeinen, vorgegebenen höheren Ordnungsrahmen von Natur und Umwelt, die ihm somit
auch ein notwendiges Maß an Selbstbeschränkung auferlegt, was z.B. die Nutzbarmachung
von Natur und Umwelt angeht - angesichts der heute bekannten Umweltprobleme, die nicht
nur die Gesundheit des Menschen und der anderen Lebewesen, sondern das Überleben auf
unserem Planeten überhaupt in Frage stellen, eine sicher sehr ernstzunehmende Mahnung von
aktuellem zeitbezogener Aussagekraft!

Nun ist es sicher richtig festzustellen, daß die "Botschaft" des Neijing zeigt, daß Krankheit
nicht einfach ein unabwendbares Schicksal ist für die Gesundheit viel davon abhängt,
inwieweit sich der Mensch in das ihm vorgegebene Ordnungsgefüge einpaßt und sich nicht
selbst als das Maß aller Dinge sieht. Dabei läuft man Gefahr, die westliche Kultur als den
Prototyp des alles Mach- und Manipulierbaren anzusehen - was in gewisser Weise auch
zutreffen mag und soziokulturell bedingt ist - und auf der anderen Seite den chinesischen
Kulturkreis allzu sehr pauschalisierend als eine Art alternatives Vorbild der menschlichen
Selbstbeschränkung diesen Desiderata der westlichen Lebensweise gegenüberzustellen. Einer
solchen Sichtweise unterliegen gerade jene des westlichen Kulturkreises, die sich mit ihrem
eigenen Umfeld angesichts der konstatierbaren Risiken und Gefahren für unseren Planeten
kritisch auseinandersetzen, dabei aber sehr wenig oder gar nichts von der Realität des Lebens
im chinesischen Kulturkreis wissen. Es ist aber keineswegs so, daß der chinesische
Kulturkreis als Umfeld mit seinen Menschen schlechthin pauschal und absolut als Alternative
zu der konstatierten Lebensweise des westlichen Kulturkreises aufgefaßt werden könnte.
Auch hier haben einerseits Modernisierungsprozesse Platz gegriffen, die in den westlichen
Industriegesellschaften bereits Leben und Umwelt gefährden. Andererseits richten sich die
Mahnungen des Neijing an eine Gesellschaft im antiken China und insbesondere deren obere
Funktionsträger, die mehrheitlich sicher weit von der als ideal geschilderten Lebensweise
entfernt waren. Also: Auch in einer vorindustriellen Gesellschaft gab es sicher Lebensformen,
die - sicher unter anderen äußeren Vorzeichen - der notwendigen Ein- und Unterordnung des
Menschen in das Ordnungsgefüge der Natur nicht konform waren. Somit wäre die
beschriebene Sichtweise jener westlichen Kritiker den tatsächlichen sozialgeschichtlichen
Verhältnissen in der Gesellschaft des antiken wie des modernen China nicht unbedingt
angemessen.

Fassen wir an dieser Stelle einmal zusammen, was die Texte des Neijing dem westlichen
Leser neben einer Fülle technischer Einzelheiten zu Aufbau und Funktion des Körpers, der
Ursache von Krankheiten, ihrer Diagnostik und Behandlung zeigen können:

Erstens wird uns das Theorieverständnis eines heilkundlichen Systems gezeigt, das sich
eigenständig im chinesischen Kulturkreis entwickelt hat und dort seinen originären Ursprung
findet und darauf hinweist, daß man sich schon von alters her in den unterschiedlichsten
Kulturen mit den oben beschriebenen Grundfragen befaßt hat und durchaus zu -
kulturübergreifend und vergleichend gesehen - in der Substanz sehr ähnlichen
Schlußfolgerungen kommen konnte.

Zweitens wird deutlich, daß es nicht in jedem Fall und notwendigerweise


wissenschaftsgeschichtlich eines modernen naturwissenschaftlich begründeten
Erkenntnisstandes bedarf, um zu einem Umweltverständnis elementarer Prozesse und
Phänomene zu gelangen, die der faktischen Wirklichkeit nicht nur adäquat sind, sondern im
Grundtenor auch den Ansprüchen eines modern naturwissenschaftlich begründeten
Erkenntnisstandes im Prinzip standhalten.
16

Drittens zeigt sich, daß der Weg, um zu einem derartigen Verständnis der Welt, ihrer
Vorgänge und Phänomene, zu gelangen, bereits in einer soziokulturellen Phase beschritten
werden kann, in der sich eine rein rational-empirisch begründete Weltsicht (und damit ein
Wissenschaftsverständnis im modernen westlichen Sinne) noch nicht vollends durchgesetzt
hat, sondern sich mit schamanistischen, magie- und geomantisch geprägten Anschauungen
vermischt und diese im Rahmen eines theoretischen Überbaus der Weltsicht erst in einer
späteren soziokulturellen Entwicklungsphase überwunden werden.42 Für die chinesische
Medizin zu Zeiten des Neijing scheint diese Überwindungsphase gerade erreicht worden zu
sein, wenn man in den Texten des Neijing von jenen "Heilkundigen" liest, die die Pulskunde
nicht kennen und sich stattdessen in als Aberglauben und damals schon als "Hokuspokus"
betrachtete Anschauungen flüchten. Und in der Tat hatte sich schon in der Han-Zeit, als sich
die Grundlagen der alten chinesischen Zivilisation endgültig herauszubilden und zu "festigen"
begannen und wo wohl auch wesentliche Teile des Neijing-Textes entstanden sein sollen43,
ein Gegensatz zwischen den umherwandernden Wunderheilern und jenen, u.a. auch in der
Pulskunde geschulten Ärzten herausgebildet. Und es ist diese letztere Gruppe von Ärzten, die
die rein rationale Seite der damaligen chinesischen Medizin auch nach Auffassung des
Neijing für sich beanspruchen können und folglich auch in den Texten des Neijing als Vorbild
dargestellt werden (vgl. Kap 12. ff.).

Viertens erkennen wir, daß sich mit Blick auf jene Textpassagen, die sich auf eine dem Dao
angemessene Lebensweise beziehen, auch in der Zeit des Neijing, also vor mehr als 2000
Jahren, der allgemeine Zustand einer vorindustriellen Gesellschaft in einer antiken Hochkultur
abzeichnet, der in Ansatz und Definition zumindest genauso kritikwürdig war wie die heutige
Lebensweise in den westlichen Industriegesellschaften und den sich modernisierenden
Gesellschaften Ostasiens. Folglich kann gelten, daß die dem Dao angemessene Lebensweise,
wie sie uns in den Texten des Neijing vorgestellt wird, eigentlich zu allen Zeiten und wohl
auch in den verschiedensten Kulturen nur von einer sehr kleinen gesellschaftlichen
Minderheit, wenn überhaupt, konsequent gelebt und praktiziert wurde und so hinsichtlich
ihres ideellen Anspruchs immer ein erstrebenswertes Desideratum war, ist und als Utopie
bleibt. Dafür spricht auch, daß jene Weisen und Heiligen, für die die Texte des Neijing eine
solche Lebensweise unterstellen, schon zu Zeiten des Neijing legendär-mythologische und so
keineswegs historisch-authentisch belegte Personen waren.

Aber fünftens und schließlich stellen wir auch fest, daß jenes Streben nach Unsterblichkeit,
dem die Weisen und Heiligen des daoistischen Pantheons durch eine dem Dao gemäße
Lebensweise gefolgt sein sollen, nicht nur einfach eine zeitlich verlängerte der zeitlich
begrenzten irdischen Daseinsform beinhaltete. In der Essenz war dieser Gedanke zunächst
sicher vorhanden und stand auch im Vordergrund eines existenziellen Strebens nach
Verlängerung des irdischen Lebens in der diesseitigen Welt mit all ihren Stimuli für Wünsche
und Begierden. Der spätere tiefere Gedanke auch im frühen Daoismus der Vor-Han-Zeit war
aber der, sich diesen Stimuli zu entziehen und eine existenzielle Gelassenheit in Bezug auf
Leben und Tod zu entwickeln. Und dies beinhaltet natürlich auch, von dem Vorhaben, die
Daseinsform des irdischen Lebens um jeden Preis zu verlängern, Abstand zu nehmen und sich
selber gerade dadurch im eigenen Streben auch zurückzunehmen. Auf diesem Hintergrund
entstand sicher auch der Gedanke des Wu Wei, jener daoistischen Grundsatzes, nicht in den
42Dies gilt zunächst einmal für den Erkenntnisstand der gebildeten und sozial privilegierten Schichten
und bedeutet nicht, daß schamanistische oder magische Traditionen in den unteren sozialen Strata der
Gesellschaft etwa endgültig beseitigt wären. In der chinesischen Gesellschaft hat sich vielmehr dieses
Nebeneinander von Rationalität und "empirischer Naturbeobachtung" einerseits und das, was man
sicher etwas pauschalisierend als "Aberglauben" bezeichnen würde, seit der Antike bis in die heutige
Zeit im Prinzip erhalten. Dennoch ist der oben beschriebene Sachverhalt eine typische
Ausgangssituation für die ersten Ansätze in der Entwicklung einer rational begründeten Wissenschaft
wohl in jedem Kulturkreis (unabhängig davon, mit welcher Konsequenz sich eine solche Entwicklung
in den einzelnen Kulturkreisen später tatsächlich durchgesetzt hat).
43Dazu siehe in Abschnitt 2 der Einleitung.
17

Lauf der Natur einzugreifen und alles ihr selbst zu überlassen. Wie schon ausgeführt, hat der
Volksdaoismus diesen Anspruch einer kleinen Minderheit aber relativiert und daoistisches
Gedankengut überhaupt in die Fragen des alltäglichen Lebens eingebracht.

So sind Krankheit und Gesundheit, Leben und Tod essentielle Bestandteile des irdischen
Daseins, die vom Lauf der Dinge, ihrer Beziehung zueinander und ihrer Veränderung sowie
dem wechselseitigen Wirken von Yin und Yang real bedingt und abhängig sind. Niemand
kann sich dem entziehen, jeder ist betroffen und muß sich ihnen stellen. Und es geht nun nach
dem tiefsten Selbstverständnis der TCM nicht darum, Krankheit und Tod zu vernichten und
dafür Gesundheit und eine Verlängerung der irdischen Lebensspanne an ihre Stelle zu setzen.
Vielmehr ist es das ureigenste Anliegen der TCM, jene Spanne, die zwischen Yin und Yang,
Krankheit und Gesundheit, Leben und Tod liegt zu befördern; denn es ist diese Spanne der
Balance, des Gleichgewichts und der Harmonie zwischen diesen Antipolen, die es zu
befördern gilt. Und diese Spanne des Gleichgewichts bedeutet Gesundheit und Leben.

Sowie die Einheit von Bergen und Seen in China seit urendlichen Zeiten besteht, so ist auch
der Mensch seit unendlicher Zeit zwischen Himmel und Erde angesiedelt. Diese Stellung aber
zwischen Himmel und Erde als Teil der Natur beinhaltet auch gleichzeitig die Endlichkeit des
irdischen Daseins für alles, was lebt. Denn man empfängt den Lebensatem von seinen
Vorfahren, überträgt auf die nachfolgende Generation, um ihn schließlich selbst wieder
abzugeben. Der Himmel hat alles Lebende erschaffen, das die Erde empfängt, und es ist das
Leben an sich, das die Erde empfangen hat und in seiner Weitergabe an die Nachfahren
unendlich ist, während das einzelne, in dem das Leben steckt, sich durch die Weitergabe des
Lebens an die nachkommenden Generationen seiner Endlichkeit stellen muß.
18

ZUR ÜBERSETZUNG DES NEIJING SUWEN

Die Übersetzung des Neijing in seinen beiden Hauptteilen Suwen und Ling Shu kann zu einer
lebenslangen Aufgabe werden, der man sich, will man hier die höchsten Ansprüche an eine
genaue, aber auch lesbare Übersetzung stellen, letztendlich auf diese Weise stellen muß. Das
hat nicht nur damit zu tun, daß der Urtext des Neijing in einer Sprache wie dem Chinesischen
geschrieben wurde und somit auch schon nach Ansicht des Laien von der allgemein
bekannten Schwierigkeit der Schrift und der so anders strukturierten Sprache eine scheinbar
unüberwindbare Aufgabe darstellen muß. Es sind aber nicht diese linguistischen Gründe, die
man allgemein der chinesischen Sprache nachsagt, obwohl sie eine gewisse Rolle spielen.
Viel mehr fällt ins Gewicht, daß wir es erstens beim Urtext des Neijing mit einer besonderen
Art von Chinesisch zu tun haben, das man als das "Klassische Chinesisch" bezeichnet und im
Gegensatz zum modernen Chinesisch nicht nur für den westlichen Übersetzer, sondern auch
für den heutigen chinesischen Muttersprachler eine Reihe von nicht nur linguistischen
Problemen bietet, auf die wir unten noch weiter eingehen werden. Zweitens ist es der
inhaltliche und redaktionelle Zustand dieses Urtextes selbst, der im Laufe von 2000 Jahren
immer wieder neu ediert, überarbeitet und kommentiert wurde. So finden sich an einzelnen
Stellen eine Reihe textlicher und inhaltlicher Varianten, und man ist sich so nicht immer
sicher, ob man das, was man im Originaltext vorliegen hat, auch wirklich ein Originaltext im
primären Sinne ist oder ob sich hier nicht etwa Veränderungen, die von späteren Redaktoren
vorgenommen wurden, mit eingeschlichen haben. Drittens haben wir es hier schon mit einem
Fachtext zu tun, dessen Konzepte nicht ohne weiteres für den westlichen Kulturkreis und
dessen Leser übersetzbar und transparent gemacht werden können. Viertens sind die im Text
verwendeten besonderen Termini für die viele zentrale inhaltliche Konzepte zum Teil
dermaßen antiquiert in ihrer ursprünglichen Bedeutung, daß sich die Frage, was ein
bestimmter Terminus denn damals eigentlich bedeutete, mehr als öfters stellt und so nicht
immer in jedem Fall, ob die Übersetzung eines solchen Terminus immer "korrekt"
vorgenommen wurde. Und fünftens ist bei einer Übersetzung in westliche Sprachen zu
berücksichtigen, daß im westlichen Kulturkreis bislang noch keine allgemein anerkannte und
gültige Nomenklatur für die Konzepte der Traditionellen Chinesischen Medizin, deren Inhalte
immerhin einen Transfer aus einem fremden Kulturkreis, nämlich dem chinesischen,
darstellen, nicht vorhanden ist.

1. Zur Übersetzung des Neijing ins Deutsche und andere westliche


Sprachen

Wie gesagt, ist das Neijing - mit unterschiedlichem Erfolg - bislang relativ wenig und auch
nicht immer vollständig in westliche Sprachen übersetzt worden. Für das Deutsche liegt eine
vollständige Übersetzug dieses Klassikers bislang noch nicht vor, soweit es sich um eine
Übertragung aus dem Originaltext handelt; für das Englische können wir hier die nicht
vollständige Übersetzung von VEITH (1972, 1966, 1949) anführen, wobei in der dem
Verfasser vorliegenden Ausgabe auch "nur" noch nicht einmal die Hälfte des Textumfangs
des Neijing Suwen berücksichtigt ist.44 Auf Grund neueren Forschungsstandes ist heute die
von VEITH seinerzeit vorgelegte Übersetzung als teilweise überholt anzusehen, und im
Englischen kann man - im Gegensatz zu VEITH - auf eine komplette Übersetzung des
Neijing ins Englische bei LU (Vancouver 1978) zurückgreifen. Allerdings zeigt der Vergleich
einer Textstellen zwischen vorgelegter Übersetzung und dem Originaltext, daß LU in seiner
Übersetzung allzu stark paraphrasierend vorgegangen ist, so daß sich der Text zwar flüssig
und verständlich liest, dem Original aber doch etwas zu stark Gewalt angetan wurde. Somit
ist für den westlichen Leser die konzeptionelle Eigenart des Neijing, wie sie sich in einer
bestimmten Phase der medizingeschichtlichen und zivilisatorischen Entwicklung Chinas über

44VEITH (1972) hat eine komplette Übersetzung des Neijing, also des gesamten Suwen- und Ling-Shu-
Teils nicht vorgelegt und die ersten 34 Kapitel des Suwen in ihrer englischen Übersetzung
berücksichtigt (der Originaltext des Suwen allein umfaßt 81 Kapitel).
19

die Jahrhunderte hinweg präsentiert, aus einem bestimmten Zeitpunkt der tatsächlichen
Entstehungszeit des Neijing selbst heraus in ihrer Eigenheit nicht mehr nachvollziehbar.45
Des weiteren ist noch eine von SCHNORRENBERGER et al. (1974) für das Deutsche
erschienene Übersetzung des Ling-Shu-Teils zu erwähnen, von der es mittlerweile auch eine
niederländische Fassung gibt.46

Auf Grund der bereits angedeuteten komplexen Problematik, die eine Übersetzung dieses
Textes ins Deutsche grundsätzlich bietet, sind wir in der vorliegenden Ausgabe einen
Mittelweg zwischen originalgetreuer Übersetzung und paraphrasierender Interpretation
(letzteres im Interesse der Verständlichkeit und der flüssigen Lesbarkeit) gegangen.

2. Sprachliche Aspekte der Übersetzung des Neijing

Lexikalische Vieldeutigkeit bei chinesischen Fachtermini zur TCM haben auch


Auswirkungen auf die Übersetzung und Wiedergabe solcher Termini in westlichen Sprachen
und führt auf Grund der vielfachen Bedeutung und der damit gegebenen
Übersetzungsmöglichkeiten zu einem uneinheitlichen Terminologiegebrauch in westlichen
Sprachen. Als Beispiel sei hier die unterschiedliche Wiedergabemöglichkeit für die
Bezeichnung des Akupunkturpunktes Nr. 4 des Dickdarmmeridians angeführt, die im
Chinesischen HE GU lautet und47in der bisher vorhandenen einschlägigen Fachliteratur auch
unterschiedlich übersetzt wurde:
48
(1) HE GU 1. "Vereinigungstal" (WISEMANN/BOSS)
49
2. "vereinte Täler" (PORKERT)
3. "Tal der Harmonie" (LORENZEN)50
4. "geschlossenes Tal" (LORENZEN)
5. "vereinigen und nähern" (LORENZEN)

Die alte Literatursprache Chinas war ein künstliches Konstrukt der alten Literaten schon seit
Jahrtausenden, sie war auch in sich weit entfernt von dem, was schon vor Jahrhunderten die
zeitgenössische Umgangssprache gewesen sein mag- und das in struktureller als auch in
lexikalisch-semantischer Hinsicht. Eleganz des Ausdrucks und Ästhetik des Stils bestanden
für die alten Literaten Chinas nun gerade darin, das, was sie schriftlich mitteilen wollten, so
kurz wie möglich zu formulieren, so daß hier eine extreme Art von "Telegrammstil" entstand,
der in den alten Klassikern, den Regierungsdekreten der Kaiserhöfe wie auch in der
literarischen Dichtung bis in die ersten Jahrzehnte dieses Jahrhunderts hinein ununterbrochen
gepflegt wurde und somit über Jahrhunderte hinweg seine grundsätzliche Kontinuität erhalten
hat.

45Dies kann man an bestimmten Textstellen genau und exemplarisch belegen, wenn man einerseits die
Übersetzung von VEITH (1972) mit dem Original und andererseits die Übersetzung von LU (1978)
mit den entsprechenden Stellen des Originaltextes und dann auch die verschiedenen Übersetzungen
miteinander vergleicht. Dabei zeigt sich, daß die Übersetzung von VEITH (1972) relativ originalgetreu
ist, während LU (1978) wohl eine westliche Leserschaft im Auge hatte, die die Lektüre des Neijing aus
mehr praktischen Gründen betreibt und für die die historische Eigenart des Neijing in einer
bestimmten medizingeschichtlichen Entwicklungsphase weniger relevant ist.
3SCHNORRENBERGER C.C. et al.(Hrsg./Üb.): Klassische Akupunktur Chinas. Ling Shu Ching, dt.

Stuttgart 1974. Die Übersetzung beruht auf einer taiwanesischen Originaltextauflage, die nicht in der
Originalfassung des Klassischen Chinesisch, sondern in einer bearbeiteten Ausgabe in der modernen
Schriftsprache erschienen ist und so nur eingeschränkt authentisch ist. Auf die niederländische
Fassung dieser deutschen Ausgabe wurde in BIOMED REVIEW, o.O., o. J., S. 17, ohne Angabe
weiterer Einzelheiten hingewiesen.
47Zitiert in LORENZEN,U.: Punkte der Dickdarmleitbahn Hand Yangming, VHK 5/1992, Bochum, S. 24 ff.
48WISEMAN/BOSS,1990:109. Von LORENZEN, a.a.O., entsprechend von "valley union" ausgehend ins

Deutsche übertragen.
49PORKERT/HEMPEN, München 1985.
50LORENZEN, U., a.a.O.
20

"Es waren außerlinguistische Gründe, die zu einer Verschiedenheit in der innerlinguistischen


Entwicklung von (klassischer) Literatursprache und Volkssprache (Umgangssprache) geführt
haben...... Auf Grund der Tatsache, daß im alten China die Fähigkeiten des Lesens und
schreibens ('literacy') kein bildungsmäßiges Allgemeingut waren, kristallisierte sich eine
elitäre Betrachtung von Sprache und Literatur heraus, die auf das Verständnis allgemeinen
Bildungs- und Kulturgutes übertragen wurde.Ausschlaggebend dafür waren sprachästhetische
Gründe und die soziokulturelle Bindung eines bestimmten, für die breiten Volksmassen
unverständlichen Soziolekts der chinesischen Sprache an eine bestimmte
Gesellschaftsschicht."51 So haben sich denn klassische Literatursprache und moderne
Schriftsprache derart auseinander entwickelt, daß selbst für heutige chinesische
Muttersprachler die klassischen Texte nicht mehr ohne weiteres verständlich und daher
annotierte Texteditionen klassischer Texte, z. T. mit Übersetzungen in die moderne
Schriftsprache, erforderlich sind. Dies trifft natürlich auch in gleicher Weise für den
Originaltext des Neijing Suwen zu. BO/WU (1988:245) haben z.B. eine Textauswahl von
Neijing Suwen- und Ling-Shu-Texten annotiert und diesen eine Übersetzung in der modernen
Schriftsprache beigefügt.

3. Aspekte des Kulturtransfers


In den kulturellen Kontakten unter den Völkern hat es immer schon Erscheinungen des
interkulturellen Transfers z. B. in den Bereichen von Wissenschaft, Technik, Philosophie,
Religion u.a. gegeben. Es liegt in der Natur eines solchen Transferprozesses, daß es dabei
einen Transferträger T1, der jenen Kulturkreis darstellt, in dem die zu vermittelnden
Transferinhalte entstanden sind und aus dem sie in einen anderen Kulturkreis übertragen
werden. Ebenso gibt es einen Transferempfänger T2, 52 der die Empfängerkultur repräsentiert, in
die die zu transferierenden Inhalte vermittelt werden.

Diese sprachlichen Folgeerscheinungen zeigen sich dann, wenn sich das inhaltliche
Transfergut in der Umgebung der Empfängerkultur "allgemein", d.h., weitgehend
gesamtgesellschaftlich etabliert und durchgesetzt hat.

Die Übersetzung eines Textinhaltes aus einem fremden Kulturkreis - so z.B. die
buddhistischen Klassiker aus dem Prakrit bzw. Sanskrit ins Chinesische - erfolgen sehr oft zu
einem Zeitpunkt, zu dem sich noch nicht notwendigerweise das inhaltliche Transfergut
allgemein in der Empfängerkultur etabliert hat und nur einer kleinen elitären Oberschicht
(Gelehrte z.B.) vorbehalten ist. Vielleicht ist dies aber der mögliche Anfang einer solchen
Transferphase, wo sich solches Transfergut in der Empfängerkultur zunehmend allgemein
durchsetzt und damit auch die entsprechenden sprachlichen Neuschöpfungen.53

Auf diesem Hintergrund befindet sich der Übersetzer nun in einer Situation, wo er in seiner
Rolle als Sprachmittler auch gleichzeitig ein Kulturmittler ist und er auf Grund seiner

51SCHMIDT, W.G.A.: Zu einigen Grundfragen der chinesischen Sprachwissenschaft, in:


KUBIN/STERMANN (Hrsg)., Bonn 1986:129-154.
52Eine systematische Theorie des Kultur-und Wissenschaftstransfers mit entsprechenden
linguistischen Auswirkungen hat der Herausgeber und Übersetzer des vorliegenden Werkes bereits
1981 in seiner Magisterarbeit "Zur Entwicklung einer fachspezifischen Terminologie in den Sprachen der
Dritten Welt in der nachkolonialen Periode. Dargestellt am Beispiel des Chinesischen und des Kiswahili"
entwickelt. Diese Arbeit enthält neben dem Versuch, einen entsprechenden theoretischen Überbau zu
entwickeln, auch eine breite empirische Datenbasis u.a. zum Chinesischen, Arabischen, Swahili und
anderen afrikanischen Sprachen. Vgl. SCHMIDT, W.G.A., FU Berlin, 1981.
53Dabei dürfte es sich um allgemeine Gesetzmäßigkeiten des Kultur- und Wissenschaftstransfers

handeln, die auf jedweden Einzelfall unabhängig von Transferzeitpunkt und Kulturraum im
Grundsatz anwendbar sind.
21

gleichzeitigen Kulturmittlerrolle auch die außerkulturellen Begriffsinhalte der Spenderkultur


in die Sprache der Empfängerkultur vermittelt.

Das, was wir bisher grundsätzlich und allgemein festgestellt hatten, trifft natürlich in
gleichem Maße für die TCM und die damit zusammenhängenden Begriffe zu. Dazu einige
Beispiele:

(4) Der Begriff des Dao: Schon im Chinesischen ist dieser Begriff mit verschiedenen
Tradierungen behaftet, und bei der Übersetzung in westliche Sprachen eigentlich nur
inhaltlich zu definierbar, eigentlich aber durch Benutzung eines entsprechenden Wortes aus
der Zielsprache einer westlichen Empfängerkultur nicht wiederzugeben und damit
"übersetzbar". Daher wird der Dao-Begriff auch als chinesisches Fremdwort in den
Übersetzungstexten westlicher Sprachen als solcher verwendet.

(5) Luo: dieser chinesische Terminus für die im Gegensatz zu den übrigen Meridianen quer
verlaufenden und letztere kreuzenden Leitbahnen kann nur etwas unvollständig und
umständlich mit dem Begriff "Kolaterale" übersetzt werden. Wir behalten daher diesen
Terminus in unserer deutschen Übersetzung bei.

(6) Pi : Die Übersetzung mit "Milz" im Sinne der westlichen Medizin kann hier zu
konzeptionellen Mißverständnissen führen (es handelt sich hier um den bereits oben
diskutierten Fall einer inhaltlichen Begriffsvorbelastung, hier im Sinne der westlichen
Medizin), da Pi im Chinesischen sich wohl auf den gesamten Pankreas-Bereich einschließlich
der Milz bezieht.

(7) Yin/Yang : Der Begriffsinhalt ist nur definierbar, dafür gibt es kein passendes Wort z.B. im
Deutschen; daher müssen diese Begriffe aus dem Chinesischen als Fremdworte entlehnt
werden.

(8) Namen für Akupunkturpunkte : eine direkte Übersetzung derselben ins Deutsche oder
andere westliche Sprachen ist eigentlich nicht zweckmäßig, da hierfür zahlreiche
Übersetzungsmöglichkeiten bei oft unsicherem Kontext im Originaltext vorhanden sind.
Daher muß entweder eine Übernahme der originären chinesischen Termini in der westlichen
Literatur erfolgen bzw. eine Hilfsnomenklatur von "Name des Meridians + Punktnummer"
zur Bezeichnung eines bestimmten Akupunkturpunktes verwendet werden.

(9) Pulsbezeichnung : Die verschiedenen Pulse der chinesischen Sphygmologie (Pulslehre)


sagen bei originalgetreuer Übersetzung z. B. ins Deutsche ("schlüpfriger Puls", usw.) nur
sehr wenig oder gar nichts über deren jeweilige Besonderheiten aus. Daher wäre bei einer
Wiedergabe z. B. im Deutschen die Verwendung der chinesischen Termini mit
entsprechenden erklärenden Zusatzinformationen erforderlich.

(10) Bezeichnung der Pulsfühlungsstellen am Handgelenk (chi, cun, guan) : Aus den gleichen
Gründen wie im Falle von (9) wäreh ier die Verwendung der chinesischen Begriffe mit den
ent- sprechenden Zusatzinformationen erforderlich.

In der vorliegenden deutschen Übersetzung ist in solchen Fällen einerseits, wo immer sinnvoll
und möglich, die originalgetreue Übersetzung erfolgt, andererseits sind dort, wo dies nicht
sinnvoll und möglich erschien, die chinesischen Originalbegriffe verwendet worden.
Erklärende Zusätze finden sich da, wo erforderlich; ansonsten wird auf die bereits in
"Heilkunst"54 erfolgten Begriffsdefinitionen verwiesen.

Es kann vorkommen, daß an einer problematischen Textstelle im Original gleich mehrere


dieser erwähnten Teilaspekte gleichzeitig ineinandergreifen, womit denn auch erhöhte
54Vgl. SCHMIDT, W. G. A.: Die alte Heilkunst der Chinesen. Ihre Kultur und ihre Anwendung, Freiburg
1992.
22

Anforderungen an den Übersetzer in der Herstellung einer möglichst originalgetreuen,


andererseits gleichzeitig aber auch flüssigen und lesbaren Übersetzung ins Deutsche gestellt
werden.
23

ERSTES BUCH

VORBEMERKUNGEN

Das Erste Buch das HUANGDI NEIJING stellte in seiner ursprünglchen äußeren Form eine
Schriftrolle dar und umfaßt die Kapitel 1 bis 4 im SUWEN-Teil des Buches. Thematischer
Gegenstand der vier ersten Kapitel ist : Die Abhängigkeit von Gesundheit und Langlebigkeit
von der Befolgung des DAO als Naturprinzip (Kapitel 1), die Gesetzmäßigkeiten der Vier
Jahreszeiten in ihrem Verhältnis zu Yin und Yang (Kapitel 2), das Verhältnis von Lebenskraft
und Himmel (Kapitel 3) und schließlich die Pathologie der Winde. Diese Textanteile sind
eindeutig daoistischen, weil hauptsächlich naturspekulativen, Ursprungs; sie beziehen die
vordaoistische Metaphysik (d.i., die Yin-Yang-Lehre sowie später die Lehre von den Fünf
Elementen und ihren Wandlungsphasen) genauso mit ein wiee in grundlegendes Wissen um
die Pathologie der Jahreszeiten als auch der Winde - Aussagen übrigens, die durchaus auf
Beobachtung und realen Erfahrungen beruhen und somit sicher ihre unantastbare Gültigkeit
haben; dies auch dann, wenn sie in die vorwissenschaftliche und naturspekulative
Ausdrucksweise dieses Textes eingebettet sind. In Kapitel 1 werden u.a. eine Reihe
daoistischer Weiser und Erleuchteter erwähnt, die in einer bestimmten zeitlichen Abfolge in
Erscheinung getreten sein sollen. Die Attribute, mit denen sie z.T. belegt werden, deuten
darauf hin, daß es sich um zumindest legendäre Gestalten frühdaoistischer Prägung handeln
muß; denn gerade der frühe Daoismus, der bis in die Zeit der Han-Dynastie, also etwa bis ins
2./3. nachchristliche Jahrhundert hinein, andauerte, war von dem Rückzug des Weisen in die
Einsamkeit der Berge geprägt, wo man ein enthaltsames und dem Dao gemäßes Leben führen
und so langes Leben oder gar Unsterblichkeit erlangen konnte. Die Übereinstimmung der
menschlichen Lebensweise und des menschlichen Handelns schlecht - hin mit dem
Naturprinzip des DAO ist denn auch das eigentliche Hauptthema der Kapitel 1 - 4.
24

Kapitel 1 Abhandlung über die grundlegenden Wahrheiten in alter Zeit

Als in alten Zeiten der Gelbe Kaiser geboren wurde, war er mit göttlichen Talenten
ausgestattet; schon als Kleinkind lernte er sehr früh sprechen, und bereits als junger Mann
besaß er eine schnelle Auffassungsgabe und war überaus scharfsinnig; als sich seine Zeit
erfüllt hatte, stieg er zum Himmel auf.1

Einst wandte sich der Gelbe Kaiser an den Himmlischen Meister2 und fragte:" Mir ist zu
Ohren gekommen, daß in alten Zeiten die Menschen um die hundert Jahre alt geworden sind,
wobei sie immer noch am Leben teilnahmen und in ihren Unternehmungen nicht
nachließen.Aber heute werden die Menschen nur halb so alt und werden dabei immer
hinfälliger. Hängt dies damit zusammen, daß sich die Welt von Generation zu Generation
ändert oder hat es damit zu tun, daß die Menschheit die Gesetze der Natur nicht mehr
beachtet?"

Qi Bo antwortete:" In alten Zeiten orientierten sich die Leute, die das Dao3 verstanden an Yin
und Yang4, den beiden Prinzipien, die Natur ausmachen und lebten in Übereinstimmung mit
den Gesetzen des Kosmos und der Gestirne.

Sie waren zurückhaltend in Essen und Trinken, sie standen zu den gleichen Zeiten auf und
gingen zu den gleichen Zeiten zu Bett. Auf diese Weise hielten die Alten Körper und Geist
zusammen, um so die ihnen zugemessene Zeit voll auszuschöpfen, die bis zu hundert Jahren
betragen konnte, bevor sie dahin schieden.

Heute aber sind die Menschen ganz anders: sie trinken Wein und sind in ihrem Verhalten
überaus leichtsinnig, was ihre Lebensweise angeht. Sie übertreiben es in der körperlichen
Liebe und ihre Leidenschaften übertreffen ihre Lebenskraft bei weitem, und in ihrem
Verlangen vergeuden sie ihre wahren Kräfte. Sie wissen nicht, wie sie Befriedigung in sich
selbst finden können und sie sind in der Kontrolle ihres Geistes ungeübt.Sie geben sich völlig
dem Genuß hin und halten sich somit von den Freuden eines langen Lebens fern. Sie stehen
zu unregelmäßigen Zeiten auf und gehen zu unregelmäßigen Zeiten zu Bett. Aus diesen
Gründen erreichen sie nur die erste Hälfte von hundert Jahren und lassen dann körperlich
nach.

1Der Gelbe Kaiser ist eine mythische Figur, die zwischen 2697 und 2597 v. Chr. gelebt haben soll. Ihm
wird neben der Einführung der Akupunktur u.a. auch die Erfindung und Einführung der
chinesischen
Schriftzeichen zugeschrieben. Die ihm hier zugeschriebenen Attribute sollen auf seine
Außergewöhnlichkeit und damit auch auf seine Autorität in Fragen der Traditionellen Chinesischen
Medizin
hinweisen.

2Hiermit ist Qi Bo, der legendäre Minister des Gelben Kaisers gemeint, der die Fragen des Gelben
Kaisers jeweils weit ausholend
beantwortet.
3Das DAO ist hier das Naturgesetz, an dem sich das Leben der

Menschen nach daoistischer Auffassung orientiert.


4YIN steht für "weiblich",YANG für "männlich". Hier handelt es sich um duale, einander

entgegengesetzte Kräfte, deren Balance


Ausgeglichenheit, Harmonie und auch Gesundheit bedeutet und so die
Kriterien des DAO erfüllt.
25

In alten Zeiten wurden die Lehren der Weisen befolgt; diese lehrten, daß Anfälligkeit,
schädliche Einflüsse sowie krankmachende Winde zu bestimmten Zeiten vermieden werden
sollten.
Die Weisen fanden Zufriedenheit in der Stille des Nichts, und die wahre Lebenskraft war
immer mit ihnen; ihr Lebensgeist wurde auf diese Weise erhalten; wie hätte also Krankheit
über sie kommen können ?

Sie bezähmten ihren Willen und machten an ihren Wünschen Abstriche; in ihren Herzen war
es Friede, und sie kannten keine Angst; ihre Körper mühten sich ab, aber nichtdestotrotz
wurden sie dabei nicht abgenutzt. Ihr Geist war von Harmonie und der Befolgung der Regeln
des Dao erfüllt; alles war ihnen recht, und sie konnten alles erreichen, das sie sich vornahmen.
Jede Art von Nahrung und Kleidung war ihnen genehm, und ganz gleich, wie die Umstände
auch immer sein mochten: sie waren glücklich und zufrieden. Für sie war es nicht wichtig, ob
jemand hoch oder niedrig gestellt war. Solche Leute können als solche reinen Herzens
bezeichnet werden. Kein noch so starkes Verlangen konnte ihre Augen in Versuchung führen
und ihr Wesen war weder durch Überfluß noch durch Böses zu beeinträchtigen. In solch einer
Gesellschaft befindet man sich in Übereinstimmung mit dem Dao, gleich, ob man weise oder
einfältig, tugendhaft oder böse ist; nichts braucht man zu fürchten. So könnten die Menschen
weit über hundert Jahre alt werden und immer noch am Leben aktiv teilnehmen ohne hinfällig
zu werden. Dies war nur möglich, weil ihre Tugend vollkommen war und nie nachließ."

Der Gelbe Kaiser fragte:" Wenn man alt wird, kann man keine Kinder zeugen. Hängt dies
damit zusammen, daß sich die Menschen in ihrer Verderbtheit in ihrer körperlichen Kraft
verausgabt haben oder handelt es sich hier um ein Schicksal der Natur? "

Qi Bo antwortete:" Wenn ein Mädchen sieben Jahre alt wird, nimmt die Energie seiner Nieren
zu, ihre Zähne ändern sich und ihr Haar wird länger. Wenn sie vierzehn Jahre alt ist, setzt die
Menstruation ein, und das Mädchen kann schwanger werden, und die Pulsschläge im Großen
Durchfahrtspuls5 sind stark. Das Mädchen menstruiert regelmäßig, und so kann es Kinder
gebären. Wenn das Mädchen einundzwanzig Jahre ist, ist die Energie6 seiner Nieren normal,
die letzten Zähne sind hervorgekommen, und der Körper ist voll ausgewachsen. Im Alter von
28 Jahren sind Muskeln und Knochen der Frau fest und stark, ihr Haarwuchs hat die volle
Länge erreicht und ihr Körper blüht und ist fruchtbar. Wird die Frau fünfunddreißig, läßt der
Puls im Bereich des Yangming7 nach, ihr Gesicht bekommt Falten und ihr Haar beginnt
auszufallen.Im Alter von zweiundvierzig, läßt die Intensität des Pulses im Bereich der Drei-
Yang-Regionen8 in der oberen Körperhälfte nach; ihr ganzes Gesicht ist von Falten bedeckt
und ihr Haar beginnt weiß zu werden. Im Alter von neunundvierzig kann sie nicht mehr
schwanger werden und der Kreislauf des Großen Durchfahrtspulses läßt nach. Sie kann nicht
länger menstruieren, und die Pforten der Menstruation sind nun verschlossen. Ihre Körper
verfällt und sie kann nun keine Kinder mehr gebären.

Wenn ein Junge acht Jahre alt ist, ist die Energie seiner Hoden voll entfaltet; sein Haar wird
länger, und seine Zähne ändern sich.Im Alter von 16 Jahren nimmt die Energie seiner Hoden
zu, und so beginnt er Samen auszuscheiden. Er verfügt über ein Übermaß an Samen, dessen er
sich zu entledigen trachtet, und wenn sich zu diesem Zeitpunkt das männliche und weibliche
Element in Harmonie vereinen, kann ein Kind gezeugt werden. Im Alter von vierundzwanzig
Jahren sind beim Mann die Energien der Hoden normal; seine Muskeln und Knochen sind fest
und stark, der letzte Zahn ist hervorgekommen und der Körper hat seine volle Größe
erreicht.Im Alter von zweiunddreißig Jahren entfalten Muskeln und Knochen ihre ganze

5Eine ältere Sammelbezeichnung für den Ren- und Chong- Sonderme-


ridian. Gemeint sind folglich die Pulse dieser beiden Meridiane.
6Jedes Organ hat in der TCM Energie (QI).
7Die Pulse des Magen-, Dickdarm- und Dünndarmmeridians, in denen

sich Yang in der Endphase seiner Entwicklung befindet.


8Die Meridianbereiche des Taiyang, Yangming und Shaoyang umfassen den Meridian des

Dünndarms, der Harnblase, des Magens, des Dick-


darms sowie des Dreifachen Erwärmers und den der Gallenblase.
26

Pracht, das Fleisch des Mannes ist gesund, er ist körperlich belastbar und fruchtbar. Im Alter
von vierzig Jahren werden die Hoden des Mannes kleiner, sein Haar beginnt auszufallen, und
seine Zähne beginnen auszufallen. Ist der Mann achtundvierzig Jahre alt, ist seine männliche
Kraft erschöpft oder läßt nach, Falten zeichnen sein Gesicht, und das Haar an seinen Schläfen
wird weiß. Im Alter von 56 läßt die Energie der Leber nach, seine Muskeln bewegen sich nun
nicht mehr einwandfrei, die Ausscheidung seines Samens ist erschöpft, seine Lebenskraft
nimmt9 ab, seine Nieren verfallen und die körperliche Kraft kommt an ihrem Ende an. Im
Alter von 64 Jahren verliert er Zähne und Haar. Die Nieren regulieren den Wasserzufluß und
speichern die Energie, die von den Fünf Zang- und den Sechs Fu-Organen10 zugeleitet wird.
Erst wenn die Fünf Zang-Organe mit Energie gefüllt sind, kann Samen ausgeschieden
werden, wenn aber zu diesem Zeitpunkt die Fünf Zang-Organe trocken und leer sind,
degenerieren Muskeln und Knochen, der Samen der Zeugung ist erschöpft, und deswegen
wird das Haar an den Schläfen des Mannes weiß, sein Körper wird füllig und schwer, sein
Gang ist nicht mehr aufrecht und die Zeugung von Nachkommen ist ihm versagt."

Der Gelbe Kaiser entgegnete:" Aber es gab doch Leute, die, obwohl alt an Jahren,immer noch
Nachkommen zeugen konnten. Wie ist das möglich ?"

Qi Bo antwortete:" Hierbei handelt es sich um Leute, deren natürliches Ende höher


anzusetzen ist. Der Schlag ihres Pulses bleibt aktiv und es ist ein Samenüberschuß in ihren
Hoden vorhanden. Obwohl sie Kinder haben, werden ihre Söhne das vierundsechzigste
Lebensjahr nicht überleben, und ihre Töchter werden nicht älter als neunundvierzig, weil zu
diesem Zeitpunkt die Kraft von Himmel und Erde erschöpft sein werden".

Der Kaiser fragte:" Können also jene, die dem Dao folgen, hundert Jahre alt werden und noch
Kinder zeugen?"

Qi Bo antwortete:" Diejenigen, die dem Dao folgen, können das Alter vermeiden und in ihren
Körper und vollständiger Kraft erhalten. Obwohl sie alt an Jahren sind, können sie immer
noch Nachkommen zeugen".

Der Gelbe Kaiser sagte:" Ich habe gehört, daß es in alten Zeiten die Vergeistigten Menschen
gegeben haben soll. Ihnen war der Umgang mit dem Universum möglich und hatten die
Kräfte Yin und Yang unter Kontrolle. Sie machten Atemübungen und bewahrten ihren Geist
mit großer Sorgfalt, ihre Muskeln und ihr Fleisch hielten sie in unverändertem Zustand.
Darum konnten sie sich eines langen Lebens erfreuen so, wie auch Himmel und Erde endlos
sind. Aber das alles war ein Ergebnis der Tatsache, daß sie in Übereinstimmung mit dem
Prinzip des Dao lebten. Später, in mittelalterlicher Zeit, gab es die Weisen; sie erhielten sich
ihre Tugend und folgten dem Prinzip des Dao ohne Unterlaß. Sie lebten in Übereinstimmung
mit Yin und Yang in Harmonie mit den Vier Jahreszeiten.Sie zogen sich aus der Welt zurück
und enthielten sich aller weltlichen Geschäfte; sie erhielten sich ihre Energie und ihren Geist
in vollkommener Weise. Sie durchwanderten das gesamte Universum und konnten hörend
und sehend Dinge wahrnehmen, die jenseits der acht entfernt liegenden Orte angesiedelt sind.
In dieser Weise vergrößerten sie ihre Lebensspanne und stärkten sie. Zuguterletzt erreichten
sie die Stellung von Weisen.

9Gemeint ist damit das biolgische Älterwerden .


10Zu den Fünf-Zang-Organen rechnen in der TCM Herz, Lunge, Leber, Nieren und Magen. Zu den
Sechs Fu-Organen gehören Gallenblase, Magen, Dünn- und Dickdarm, Harnblase und Dreifacher
Erwärmer. Der Dreifache Erwärmer seinerseits ist ein imaginäres Organ der TCM, wobei der Bereich
des Oberen Erwärmers Herz und Lunge, der des Mittleren Erwärmers Milz/Pankreas und Magen
und der des Unteren Erwärmers Nieren, Harnblase, Dünn- und Dickdarm sowie die Leber (auf Grund
ihres pathophysiologischen Zusammenwirkens mit den Nieren) umfaßt.
27

Diesen Weisen folgten wiederum andere Weise. Diese erlangten die Harmonie mit Himmel
und Erde und befolgten strikt das Gesetz der Acht Winde. Sie konnten ihre Begierden den
weltlichen Umständen anpassen, und ihre Herzen kannten weder Haß noch Ärger. Sie zogen
es vor, sich den Verhältnissen dieser Welt nicht zu entziehen, und ihnen war es gegeben, sich
den jeweiligen Zwängen der Sitten und Gebräuche nicht zu unterwerfen. Sie überanstrengten
ihre Körper nicht mit körperlicher Arbeit genauso wenig wie sie ihren Geist nicht durch
anstrengende Versenkung und Meditation sich erschöpfen ließen. Sie ließen sich durch nichts
aus der Ruhe bringen, und für sie war inneres Glück und innerer Friede ein grundsätzliches
Bedürfnis, das sie als das zu erstrebende Ziel betrachteten.

Ihren Körpern konnte kein Leid zugefügt werden und auch ihre seelischen Kräfte wurden
niemals beeinträchtigt. Und so konnten sie hundert Jahre alt oder noch älter werden.

Nach ihnen kamen die Männer der Ausgezeichneten Tugend, die den Regeln des Universums
folgten und es Sonne und Mond gleich zu tun dachten; sie entdeckten die Stellung der
Gestirne; sie erkannten die Gesetze von Yin und Yang im voraus und befolgten sie; außerdem
konnten sie zwischen den Vier Jahreszeiten unterscheiden. Sie befolgten die Traditionen des
Altertums und waren bestrebt, in Harmonie mit dem Dao zu leben. Und dadurch erhöhten sie
ihr Alter durch ein langes Leben."11

11Hier handelt es sich um legendär-mythische Gestalten des daoistischen Pantheons, die durch
Befolgung des Naturprinzips des Dao ein langes Leben bzw. Unsterblichkeit erlangt haben sollen.
Dazu war es nach frühdaoistischer Auffassung erforderlich, sich in die Einsamkeit zurückzuziehen
und allem Weltlichen zu entsagen. Diese für den Frühdaoismus typische Auffassung spiegelt sich
auch an dieser Textstelle wieder. Nicht umsonst stellt das chinesische Schriftzeichen für Unsterblichkeit
einen Menschen auf einem Berg dar; waren doch die frühen Daoisten der Auffassung, sich gerade in
der Einsamkeit der Berge dem Naturprinzip des Dao in besonderer Weise widmen zu können und so
ein langes Leben bzw. Unsterblichkeit erlangen zu können.
28

Kapitel 2 Große Abhandlung über die Harmonie der Vier Jahreszeiten mit dem
menschlichen Geist

Die drei Monate des Frühlings nennt man den Zeitabschnitt des Lebensbeginns und der
Lebensentwicklung. Die Energie von Himmel und Erde ist bereit, so daß alles blüht und
gedeiht.

Nach dem Schlaf in der Nacht sollte man früh aufstehen, im Hof herumwandeln, das Haar
lockern und sich körperlich nur gemächlich bewegen. So kann dem Wunsch noch einem
gesunden Leben Rechnung getragen werden. Zu dieser Zeit sollte dem Streben des Körpers
nach Leben Rechnung getragen werden; man sollte ihm geben anstatt von ihm zu nehmen,
man sollte ihn belohnen anstatt ihn zu bestrafen.Alles das ist in Übereinstimmung mit der
Energie des Frühlings, und das ist die Methode zum Schutz des eigenen Lebens.Diejenigen,
die diesen Gesetzmäßigkeiten des Frühlings keine Rechnung tragen, werden durch eine
Beeinträchtigung der Leber bestraft, und im darauf folgenden Sommer wird man von einer
Kältekrankheit heimgesucht.

Die drei Monate des Sommers nennt man die Zeitspanne des übersatten Wachstums. Energie
von Himmel und Erde vereinigen sich, so daß alles blüht und Frucht bringt. Nach dem schlaf
in der Nacht sollte man früh aufstehen.Den Tag über sollte man ruhig und gelassen sein, und
man sollte der Entwicklung und dem Gedeihen freien Lauf lassen; die Energie sollte man
auch mit der Umwelt in Kontakt treten lassen, und man sollte sich so verhalten, als wenn man
alles um sich herum liebt. All das ist in Übereinstimmung mit der Athmosphäre des Sommers
und all das ist der Weg, um die eigene Entwicklung zu schützen. Diejenigen aber, die den
Gesetzen des Sommers nicht Rechnung tragen, werden mit einer Beeinträchtigung des
Herzens bestraft. Im Herbst werden sie von Malariaanfällen heimgesucht, und so bleibt ihnen
wenig Energie, um mit dem Herbst gesundheitlich fertig zu werden, so daß sie im Winter von
schlimmen Krankheiten befallen werden können.

Die drei Monate des Herbstes nennt man die Zeitspanne der Ruhe des eigenen Verhaltens.Die
Energie des Himmels ist stark und schnell und die Energie der Erde bewirkt eine Veränderung
der Farben. Zu dieser Zeit sollte man früh zu Bett gehen und früh bei ersten Hahnenschrei
aufstehen.Man sollte mit sich selbst im Reinen sein, um so die Beeinträchtigungen durch den
Herbst abzumildern. Seele und Geist sollten zusammen gehalten werden, um die Energie des
Herbstes zu beruhigen, und um die Lungen rein zu halten, sollte man seinen Begierden nicht
nachgeben. All das ist in Übereinstimmung mit den Umständen des Herbsts und dient dem
Schutz der eigenen Ernte. Diejenigen aber, die den Gesetzen des Herbsts nicht Rechnung
tragen, werden mit einer Beeinträchtigung der Lungen bestraft. Ihnen wird der Winter
Magenverstimmungen und Durchfall bringen, und so wird es ihnen an Speicherenergie für
den Winter mangeln.

Die drei Monate des Winters nennt man die Zeitspanne des Zuschließens und des Speicherns.
Das Wasser gefriert und der Erdboden spaltet sich auf. Man sollte das eigene Yang, das im
Winter ruht, weder stören noch beeinträchtigen. Man sollte in dieser Jahreszeit früh zu Bett
gehen uns spät am nächsten Tag aufstehen. Man sollte eigene Wünsche und Begierden im
Zaume halten, so, als gäbe es keinen Anlaß und als wären sie bereits erfüllt worden. Man
sollte sich der Kälte fern halten, dafür aber die Wärme suchen. Hautschwitzen sollte
unterbleiben, und man sollte sich der Kälteenergie grundsätzlich entziehen. All das ist in
Übereinstimmung mit den Gesetzmäßigkeiten des Winters, und all das trägt zum Erhalt der
eigenen Speicherung bei. Diejenigen aber, die den Regeln des Winters nicht folgen, werden
an den Nieren beeinträchtigt; ihnen wird der Frühling Impotenz bescheren, und sie werden
wenig hervorbringen.

Die Energie des Himmels ist rein und klar. Der Himmel erhält sich ständig seine eigene
Tugend, und so kann diese niemals untergehen.Würde sich der Himmel vollständig öffnen,
29

könnten Sonne und Mond nicht leuchten12, Übles würde in dieser Zeit der Leere hervortreten
und die Kraft des Yang wäre blockiert, und auf der Erde würde das Licht verschwinden,
Wolken und Nebel könnten sich nicht ändern, und folglich würde es keinen weißen Taufall
geben, und der Kreislauf der Elemente wäre nicht in Übereinstimmung mit dem Leben all
dessen,das erschaffen ist. Dies wäre eine Situation, in der keine Weitergabe mehr stattfinden
würde, so daß alles pflanzliche Leben von der erde verschwände.Wind und Regen wären nicht
aufeinander abgestimmt, der weiße Tau würde nicht hernieder kommen, so daß kein
pflanzliches Leben mehr entstehen würde. Es gäbe dann nur noch stürmische Winde13,
Regenmassen würden sich ergießen, und Himmel und Erde sowie die Vier Jahreszeiten wären
nicht in der Lage, sich gegenseitig zu stützen und aufeinander einzustellen. Sie würden das
Dao verlieren uns sehr bald von der Erde verschwinden.

Die Weisen folgten den Gesetzen der Natur, und dadurch waren ihre Körper frei von
merkwürdigen Krankheiten; alles , was ihnen die Natur gegeben hatte, erhielten sie für sich
und ihr Lebensgeist war niemals erschöpft. Jene, die nicht den Gesetzmäßigkeiten des
Frühlings Rechnung tragen, werden kein Leben im Bereich des Unteren Yang bewirken. Sie
werden eine Veränderung im Zustand ihrer Leberenergie herbeiführen.

Diejenigen, die den Gesetzen des Sommers nicht Rechnung tragen, werden das Wachstum des
Großen Yang behindern.Ihre Herzenergie wird verloren gehen.

Jene, die den natürlichen Gesetzmäßigkeiten des Herbstes nicht Rechnung tragen, werden ihre
Energie im Bereich des Größeren Yin nicht in Anspruch nehmen können. Die Energie ihrer
Lungen wird vom Dreifachen Erwärmer blockiert.

Diejenigen, die sich den Gesetzmäßigkeiten des Winters nicht anpassen, werden die Energie
des Kleineren Yin nicht speichern können.Die Energie ihrer Nieren wird nachlassen.

So ist die Wechselbeziehung zwischen den Vier Jahreszeiten und die Wechselbeziehung
zwischen Yin und Yang die Grundlage all dessen, das erschaffen ist. Auf diese Weise
empfingen die Weisen ihr Yang im Frühling und Sommer, während sie im Herbst und Winter
ihr Yin in Empfang nahmen und pflegten, und auf diese Weise den Grundregeln folgten. Und
nur so war es möglich, warum die Weisen in Übereinstimmung mit allem, das erschaffen ist,
leben konnten und sich so an der Pforte des Lebens und des Werdenden halten konnten.

Jene aber, die den grundlegenden Regeln des Universums nicht Folge leisten, handeln gegen
ihre eigenen Wurzeln und zerstören ihr eigens Selbst. Yin und Yang als die zwei Prinzipien
der Natur sowie die Vier Jahreszeiten sind Anfang und Ende von Allem, und sie sind auch die
Ursache von Leben und Tod. Diejenigen, die den Naturgesetzen des Universums nicht
gehorchen, zerstören dadurch ihr Leben, und diejenigen, die den Naturgesetzen des
Universums Folge leisten, bleiben von gefährlichen Krankheiten frei; dies deswegen, weil sie
es sind, die sich an das Dao halten.

Das Dao wurde von den Weisen befolgt, von den Unwissenden aber befürwortet, jedoch nicht
praktiziert. Wenn man die Gesetze von Yin und Yang befolgt, bedeutet dies Leben;
Nichtbefolgung bedeutet den Tod. Die Befolgung der Gesetzmäßigkeiten von Yin und Yang
wird Frieden bringen; die Nichtbefolgung beinhaltet Chaos und Untergang. Alles, was der
Harmonie mit der Natur entgegensteht, bedeutet Nichtbefolgung und beinhaltet einen
Aufstand gegen die Natur. Deshalb haben die Weisen auch nicht die behandelt, die bereits
erkrankt waren, sondern sich auf die Unterweisung derjenigen beschränkt, die noch gesund
waren. Sie wollten nämlich nur jene unterweisen, die der Natur keinen Widerstand entgegen
setzten. Dies ist die wahre Bedeutung des vorher Gesagten. Medikamente zu verabreichen für
Krankheiten, die bereits aufgetreten sind, und Aufstände zu unterdrücken, die bereits

12Gemeint ist, daß das Wirken des Himmels über Mensch und Erde steht und alles Seiende in seinem
Vorgang und Ablauf bestimmt. Damit sind unabänderliche Vorgaben für das Ordnungsgefüge in
Natur und Kosmos gegeben.
13Zur Pathologie der Winde vgl. Kapitel 4.
30

ausgebrochen sind, kann man mit dem Verhalten solcher Leute vergleichen, die erst dann ein
Brunnenloch graben, nachdem sie bereits durstig geworden sind; ein solches Verhalten ist
vergleichbar mit dem, wenn man erst dann Waffen herstellt, nachdem die Schlacht bereits
ausgebrochen ist. Ist es nicht so, daß solche Reaktionen dann zu spät kommen ? 14

14Hierwird betont, daß das Primat ärztlichen Handelns die Verhütung bzw. Vermeidung von
Krankheitsausbruch sei; ist eine Krankheit erst ausgebrochen, ist ihre Behandlung nicht mehr sinnvoll.
31

Kapitel 3 Abhandlung über die Verbindung zwischen der Energie des Lebens und dem
Himmel

Vorbemerkung

In Kapitel 3 geht es um die Zusammenhänge zwischen den zwei verschiedenen Arten der
Energie, die die TCM für den menschlichen Körper kennt: Die Yang- Energie und der Yin-
Energie, die hier symbolisch für Wärme und Kälte stehen . Der menschliche Körper als
Mikrokosmos wird als ein Abbild der Vorgänge zwischen Himmel und Erde, des Kosmos und
des Universums, aufgefaßt. Und so werden in diesem Kapitel auch entsprechende
Verbindungen von Yin und Yang zu den Kräften der Natur in ihrer Bedeutung für den
menschlichen Körper und Gesundheit und Krankheit hergestellt.

Der Gelbe Kaiser sagte: " Schon seit Anbeginn war die Verbindung mit dem Himmel die
Grundlage allen Lebens; diese Grundlage manifestiert sich in der Spannung zwischen Yin und
Yang und zwischen Himmel und Erde und innerhalb der vier Kompaßpunkte und von Zenith
und Nadi15r. Die Energie des Himmels ist in den Neun Regionen Chinas wirksam, in den neun
Körperöffnungen - den Augen und Ohren, den Nasenlöchern und dem Mund, die dem
männlichen Yang-Prinzip zuzuordnen sind, sowie After und Ureter, die dem weiblichen Yin-
Prinzip entsprechen, in den Fünf Zang-Organen und in den 12 Kanälen, an den Stellen, wo sie
zusammenkommen; sie alle sind von der Energie des Himmels durchdrungen.

Das Leben hat die Zahl fünf, die Energie hat die Zahl drei.16 Wenn man gegen diese
grundlegenden Faktoren handelt, können schlimme Einflüsse den Menschen beeinträchtigen
und ihn krank machen. Darum ist tugendhaftes Verhalten die Grundlage für ein langes Leben.
So wie die Energie des blauen Himmels in Ruhe ist, so werden es Geist und Herzen
derjenigen sein, die rein sind und Frieden erlangt haben, und die Yang-Energie ist bei jenen
gefestigt, die sich in Harmonie mit der Natur befinden. Selbst dann, wenn es üble Einflüsse
gibt, können diese nicht auf die beeinträchtigend wirken, die den Gesetzen der Vier
Jahreszeiten Folge leisten. Darum haben sich die Weisen ihren wahren Geist bewahrt und
deswegen waren sie in Harmonie mit der Energie des Himmels und standen so in direkter
Verbindung mit dem Himmel.

Diejenigen aber, die diese Verbindung mit dem Himmel nicht aufrecht erhalten, werden die
Schließung ihrer neun Körperöffnungen erfahren, und sie werden der schützenden Energie
verlustig gehen. Dies bezeichnet man dann als 'Verletzung des eigenen Körpers und der
Zerstörung der eigenen Lebenskraft'.

Die Yang-Energie gleicht der des Himmels und der Sonne. Diejenigen, die ihrer verlustig
gehen, verkürzen ihr Leben und verlängern es nicht. Die Bewegungen des Himmels werden
von der Sonne erleuchtet. Und so steigt Yang auf, um die äußere Hülle des menschlichen
Körpers zu schützen.

Zur kalten Winterszeit sollte man sich so verhalten, als wenn man sich um einen Angelpunkt
dreht, und wenn man sich so verhält und so bewegt, als wäre man verängstigt oder erschreckt,
dann wird der eigene Geist und die eigene Lebensenergie ins Wanken geraten.

In der heißen Sommerszeit, wenn man unregelmäßig schwitzt,hechelt man laut während des
Atmens, kommt man dann aber zur Ruhe, ist man verwirrt. Der Körper gleicht dann
brennender Kohle, und Krankheit kann nur durch Schwitzen vertrieben werden.

15Nadir steht für die unterste und für den von der Erde aus Betrachtenden die sichtbare
Himmelsschicht (Wolken) dar, während Zenith für die darüber liegende, nicht mehr sichtbare Schicht
steht.
16Die eigentliche Bedeutung der Zahlensymbolik ist hier an dieser Stelle leider nicht genau zu

eruieren.
32

In der Feuchtigkeit des Herbstes fühlt man sich als wenn der Kopf fest verbunden worden
wäre, die Hitze des Körpers entwicht, was eine Zerrung der großen Muskeln zur Folge hat,
während die kleineren Muskeln schlaff und gestreckt werden. Zerrung verursacht Krämpfe,
Schlaffheit und Streckung bewirken Lähmung.

Zu heißen und feuchten Zeiten treten Schwellungen auf und die vier verbindenden Elemente
des Körpers - Muskeln, Knochen, Blut und Fleisch - erkranken nacheinander und erschöpfen
sich in ihrer Yang-Energie. Ist die Yang-Energie erschöpft durch Überarbeitung und
Mattigkeit, dann ist die Körperkraft reduziert, die Körperöffnungen sind blockiert und die
Ausscheidungen stauen sich an. Dieses führt zu Erkrankungen im Sommer und zu Elend. Die
Augen der Leute erblinden, und sie können nicht mehr sehen. Ihre Ohren sind verstopft, und
die Leute können nicht mehr hören. Sie fühlen sich so durcheinander, als wenn sie sich in
einem Zustand des völligen Zusammenbruchs befänden; ihre Willenskraft läßt immer mehr
nach; dieser Zustand läßt sich nicht aufhalten.

Wenn die Yang-Energie großem Ärger ausgesetzt ist, wird die Lebenskraft des Körpers
blockiert, das Blutdruck schwillt nach oben an und verursacht Schwindelgefühle.

Sind die Muskeln beeinträchtigt, werden die Muskeln so schlaff, als gäbe es sie gar nicht.

Wenn man nur teilweise schwitzt, sieht man sich einer teilweisen Lähmung ausgesetzt.

Wenn der Schweiß sichtbar wird und sich mit Feuchtigkeit verbindet, gibt es Hautausschläge
und eine Situation der Anfälligkeit für Krankheiten. Wenn man schwitzt und gleichzeitig
müde ist, ist man den üblen Winden ausgesetzt, was zu Hautausschlägen führt, die sich
ihrerseits bei entsprechender Stimulation entzünden können.

Die Kraft des Yang schützt den Geist, dessen Sanftheit bietet den Muskeln Schutz. Wenn die
Yang-Kraft sich nach Belieben weder öffnen noch schließen kann, wird auf diese kalte Luft
folgen und das Ergebnis wird ein großer Buckel sein. Der tiefe Puls bringt Geschwüre hervor,
die in alle Partien des Körperfleisches gelangen, wobei die Energie in den Meridianen
nachläßt, was zu einer erhöhten Bereitschaft an Verängstigung und Erschrecken führt. Wenn
aber die Umgebung der Hauptmeridiane sich nicht in harmonischer Übereinstimmung mit
dem Fleisch des Körpers befindet, können Geschwüre und Entzündungen auftreten. Dann
können die üblen Einflüsse nicht ausgeschwitzt werden, der eigene Körper wird geschwächt,
die eigene Lebenskraft verflüchtigt sich, die Akupunkturpunkte verschließen sich, und es
entstehen Winde und Wechselfieber.

So ist der Wind die Ursache für zahlreiche Krankheiten.17 Wenn man sich in ruhigem und
klaren Zustand befindet, sind Haut und Fleisch geschlossen und geschützt. Selbst ein heftiger
Sturm, Beschwerden oder sogar Gift können diejenigen nicht beeinträchtigen, die in
Übereinstimmung mit den Gesetzen der Natur gelebt haben.18 Dauert eine Krankheit für
längere Zeit an, besteht das Risiko, daß sie sich weiter ausbreitet, so daß die obere und untere
Körperhälfte in ihren Verbindungswegen von einander getrennt werden; selbst dann ist es
auch besonders erfahrenen Heilkundigen unmöglich, Wege der Abhilfe zu finden.

Gibt es einen Überschuß an Yang, kann man an den dadurch bedingten Krankheiten zu Tode
kommen. Ist die Yang-Kraft hingegen blockiert,sollte die Blockadeursache beseitigt werden.
Wenn hier nicht sorgfältig Abflußmöglichkeit geschaffen wird, führt dies zum Verfall. Die
Yang-Kraft sollte täglich nach außen fließen können. Beim Morgengrauen erwacht die
Energie des Menschen zum Leben, um Mittag herum ist die Yang-Energie am größten, und

17Vgl. dazu Kapitel 4.


18Möglicherweise wird hier auf die Immunkraft des Körpers angespielt, die man bei einem
entsprechend richtigen Lebenswandel
sich erhalten kann.
33

wenn die Sonne sich in Richtung Westen bewegt, nimmt Yang ab, die Yang-Energie verliert
dann an Substanz und die Pforten der Energie werden verschlossen. Darum sollte die Yang-
Energie gegen schädliche Einflüsse geschützt werden, so daß Muskeln und Fleisch nicht
beeinträchtigt werden, und man sollte sie dem Tau und Nebel des Abends aussetzen. Verhält
man sich nicht nach diesen drei Zeiteinteilungen, wird der eigene Körper erschöpft und
geschwächt.

Qi Bo sagte:" Yin speichert die Energie und bereitet ihre Benutzung vor; Yang tritt als Schutz
gegen äußere Gefahren auf und muß daher stark sein. Wenn Yin mit Yang nicht
übereinstimmt, dann wird der Pulsschlag schwach und krankhaft und führt zu Verrücktheit.
Wenn Yang nicht mit Yin übereinstimmt, dann sind die in den Fünf Zang-Organen
enthaltenen Energien miteinander in Konflikt und der Kreislauf in den Neun Körperöffnungen
läßt nach. Darum achteten die Alten immer darauf, daß Yin und Yang immer zueinander in
Harmonie standen. Sie sorgten dafür, daß Muskeln und Puls sich in Übereinstimmung
befanden, sie stärkten ihre Knochen und ihr Knochenmark und sie paßten ihren Atem und ihr
Blut den Gesetzen der Natur an, so daß innere wie äußere Organe sich zueinander in
Übereinstimmung befanden und üble Einflüsse keinen Schaden anrichten konnten; dies alles
führt dazu, daß Ohren und Augen genau hören und klar sehen können und sich die
Lebensenergie des Menschen in ihrem ursprünglichen Zustand erhält. Wenn der Wind in den
Körper eintritt, dann wird diese Energie verloren gehen, und die schädlichen Einflüsse führen
zu einer Beeinträchtigung der Leber. Wenn man zuviel ißt, brechen Muskeln und Puls
zusammen und es wird zu einer Beeinträchtigung der Eingeweide19 kommen.Dies kann zur
Blutung von Hämorrhoiden führen. Wenn man zuviel trinkt, führt dies dazu, daß die
Lebensenergie aufsässig wird. Und diejenigen, die sich dem Geschlechtsverkehr im Übermaß
hingeben, werden eine Beeinträchtigung ihrer Nierenenergie erfahren und ihren Lenden Übles
antun. Die grundlegende Aufgabe von Yin und Yang ist die Erhaltung von Yang und dessen
Stärkung. Wenn die Elemente miteinander nicht übereinstimmen und kein Zusammenschluß
zwischen ihnen besteht, dann verhält es sich so, als ob es einen Frühling ohne Herbst und
einen Winter ohne Sommer gäbe. Wenn sie aber übereinstimmen und ein Zusammenschluß
zwischen ihnen besteht, dann wird diese Übereinstimmung 'das System der Weisen' genannt.

Selbst wenn das eigene Yang stark ist, kann die Yin-Energie erschöpft werden, wenn man
Yang nicht in vollkommener Weise erhält und pflegt. Wenn sich Yin in völliger Ruhe
befindet und Yang in vollkommener Weise erhalten wird, dann ist der eigene Geist in einem
vollkommenen Zustand. Sind Yin und Yang voneinander getrennt, wird die eigene
Lebensenergie nachlassen und verloren gehen. Wenn man dann vom Abendtau und vom
Wind berührt wird, wird dies zu Frösteln und Fieber führen. Auf diese Weise wird man vom
Wind beeinträchtigt, wobei die üblen Einflüsse dann im Körper verbleiben und ihn
durchlöchern.

Ist man im Sommer von der Hitze beeinträchtigt, wird es im Herbst zu Wechselfieber
kommen. Ist man im Herbst durch Feuchtigkeit beeinträchtigt, wird diese in den oberen Teil
des Körpers aufsteigen und Keuchhusten verursachen, was zu einer Lähmung der
Zeugungskraft führt. Ist man im Winter von extremer Kälte befallen, wird man im Frühling an
Wärmekrankheiten erkranken. Die Energie der Vier Jahreszeiten beeinträchtigt die Fünf
Zang-Organe auf vielerlei Weise.

Das, was durch Yin bedingt ist, findet seinen Ursprung in den Fünf Geschmäckern; jene fünf
Organe, die Funktionen des Körpers steuern, werden durch die fünf Geschmäcker
beeinträchtigt. Wenn daher Saures die Oberhand gewinnt, wird die Leber zur Überproduktion
von Speichel angehalten und es wird zu einer Abnahme der Milzenergie kommen. Wenn
Salziges die Oberhand gewinnt, werden die großen Knochen weich, Muskeln und Fleisch
funktionieren nicht mehr richtig und man wird mutlos. Wenn Süßes die Oberhand gewinnt,
wird es zu einer Beeinträchtigung der Herzenergie dergestalt kommen, daß man an Asthma
leidet, dunkel anläuft und sich die Energie der Nieren im Ungleichgewicht befindet. Gewinnt
Bitteres die Oberhand, dann trocknet die Milz aus, und auch die Magenenergie wird

19Gemeint sind hier die Fu-Organe.


34

eingeschränkt. Gewinnt aber Scharfes die Oberhand, werden Muskeln und Pulsschlag schlaff,
und es wird zu einer Beeinträchtigung des Geistes kommen.20

Wenn man daher die Wirkungen der Fünf Geschmäcker genau beachtet und dafür sorgt, daß
sie in einem angemessenen Verhältnis zueinander stehen, werden die Knochen fest, die
Muskeln geschmeidig und jung bleiben, Energie und Blut werden alle Teile des Körpers
durchfließen, die Poren werden wohlgestalt sein, und auf diese Weise werden Knochen und
Atem von der Kraft des Lebens erfüllt.

Wenn man darüber hinaus genau und sorgfältig dem Dao folgt, als wäre es ein Gesetz, wird
einem langes Leben zuteil werden.21

20Die hier erwähnten Geschmäcker beziehen sich auf unterschiedliche Regionen in China und sind
Grundlage einer speziellen chinesischen Diätetik.
21Im Grunde bedeutet dies, daß alle die erwähnten Verhaltensweisen, die der Gesunderhaltung bzw.

Lebensverlängerung dienen, dem Naturprinzip des Dao Rechnung tragen.


35

Kapitel 4 Abhandlung über die Wahrheiten aus dem metallenen Bücherkoffer22

Vorbemerkungen

In Kapitel 4 geht es um die Zusammenhänge zwischen einzelnen Zang-Organen, deren


Eingebundenheit in bestimmte Jahreszeiten, und im Verhältnis zu den Vier Jahreszeiten ist
auch von den fünf musikalischen Grundtönen, die die chinesische Harmonielehre kennt, die
Rede. Dabei handelt es sich um eine Zahlensymbolik im Rahmen der
Entsprechungssystematik von Zang-Organen, Jahreszeiten, Elementen, Himmelsrichtungen
u.a. Die Zahl Fünf hat hier eine quasi symbolisch-magische Bedeutung und wurde aus der
traditionellen Naturlehre des Yijing übernommen. In diesem Rahmen wird auch der Bezug zu
den fünf Grundtönen der chinesischen Harmonielehre hergestellt. Heute spielt dieser Bezug
in der TCM allerdings keine wesentliche Rolle mehr. Die Grundlagen der Pulslehre in der
TCM werden schon in den Texten des Neijing dargestellt; allerdings handelt es sich hier um
in den Text an verschiedenen Stellen eingestreute Hinweise und Ausführungen, die in sich nur
schwer und unvollständig den Zugang zu den Inhalten der Pulslehre für einen westlichen
Leser ermöglichen. Bezüglich einer zusammenfassenden Darstellung im Überblick sei dazu
auf SCHMIDT, W.G.A.: Die alte Heilkunst der Chinesen, Freiburg 1992, S. 88 ff.,
verwiesen23. An dieser Stelle kann zunächst der Hinweis ausreichen, daß für die Zang-
Organe, die Yang zugeordnet sind, Yang-Pulse und für die Fu-Organe, die Yin zugeordnet
sind, Yin-Pulse unterschieden werden.

Der Gelbe Kaiser fragte: " Im Himmel gibt es acht Winde, und in den Leitbahnen24 sind fünf
Arten von Winden25 vorhanden. Wie läßt sich dies erklären ? "

Qi Bo antwortete:" Wenn es Übles auf Grund der Acht Winde gibt, wird das Üble zu den
Winden der Leitbahnen und wirkt sich auf die Fünf Zang-Organe aus; dieses Üble führt zu
Krankheit. Die bekannte Regel über die Kontrolle der Vier Jahreszeiten beinhaltet, daß der
Frühling den Langen Summer, der Lange Sommer den Winter, der Winter den Sommer und
der Sommer den Herbst sowie der Herbst den Frühling kontrolliert. Dies ist die sogenannte
Regel über die Kontrolle der Vier Jahreszeiten.

Der Ostwind kommt im Frühling auf; dessen Krankheit ist in der Leber angesiedelt und es
stellen sich Beeinträchtigungen des Rachens und des Halses ein. Der Südwind kommt im
Sommer auf; dessen Krankheit ist im Herzen angelegt und es treten Störungen an Brustkorb
und Rippen auf. Der Westwind kommt im Herbst auf; seine Krankheit ist in der Lunge
angesiedelt, und es treten Störungen im Bereich von Schultern und Rücken auf. Im Winter
kommt der Nordwind auf; seine Krankheit ist in den Nieren angelegt, und Störungen treten im
Lenden- und Schenkelbereich auf. In der Mitte ist die Erde; deren Krankheit ist in der Milz
angesiedelt, und es treten Störungen im Bereich des Rückgrats auf. Daher ist jede Krankheit,
die von der Athmosphäre des Frühlings verursacht wird, im Kopf angesiedelt. Krankheiten,
die durch die Athmosphäre des Sommers bedingt sind, finden sich im Bereich der Fünf Zang-
Organe. Krankheiten, die sich auf Grund der Athmosphäre der Herbstzeit ergeben, finden sich
in Schultern und Rücken. Und schließlich jene Krankheiten, die sich auf die Athmosphäre des
Winters zurückführen lassen, sind in den Vier Gliedern26 angesiedelt.

22Die Überschrift vom Metallenen Bücherkoffer soll wohl den nachfolgenden Inhalt als besonders
bedeutsam hervorheben. Der metallene Bücherkoffer wird dem Besitz des legendären Geöben Kaisers
Huangdi zugeschrieben.
23Vgl. auch Schmidt, W.G. A.: Handbuch der chinesischen Heilkunst. Von Akupunktur bis

Zungendiagnostik. Berlin 1996.


24Gemeint sind hier die Meridiane .
25Die Acht Winde von außen tangieren die Fünf Zang-Organe. Deshalb werden sie auch die "Fünf

Winde" genannt.
26Gemeint sind wohl beide Hände und Füße.
36

Eine besonders für den Frühling typische Krankheit ist Nasenbluten. Eine für den
Hochsommer typische Krankheit ist in Brustkorb und Rippen angelegt. Eine für den Langen
Sommer typische Krankheit sind Durchfall und innere Erkältung. Wechselfieber ist eine für
den Herbst typische Krankheit. Für den Winter ist Rheuma27 eine typische Krankheit. Im
Winter sollte man sich daher (bestimmter) Körperbewegungen enthalten, die im Frühling zu
Nasenbluten führen können. Man erkrankt dann nicht an Rachen und Hals, gleichfalls wird
man auch in der Mitte des Sommers an Brustkorb und Rippen erkranken, und während des
Langen Sommers wird man keinen Durchfall und keine innere Erkältung haben;
Wechselfieber wird es im Herbst ebenso wenig geben wie Rheuma im Winter. Energie ist die
Grundsubstanz für den Körper; wenn daher die Energie in den Fünf Zang-Organen wohl
erhalten bleibt, wird es keine Warme Krankheit im Frühling geben. Schwitzt man in der Hitze
des Sommers nicht, kann es im herbst zu Wechselfieber28 kommen. Dafür gibt es Regeln der
Pulsdiagnose, die auf jeden Anwendung finden können.

Es wird gelehrt, daß Yin innerhalb von Yin ist und Yang innerhalb von Yang. So ist das Yang
des Himmels vom frühen Morgen bis mittags vorhanden, das Yang innerhalb von Yang
darstellt. Ab Mittag bis zum Sonnenuntergang ist es die Zeit, wo es das Yang des Himmels
sich in Form von Yin innerhalb von Yang manifestiert. Ab Einbruch der Dunkelheit bis zum
ersten Hahnenschrei in der Frühe gibt es das Yin des Himmels in Form von Yin innerhalb von
Yin. Vom ersten Hahnenschrei bis zum frühen Morgen manifestiert sich das Yin des Himmels
in Form Yang innerhalb von Yin.

Darum sollte sich jedermann an folgendes halten: Yin und Yang sind so angelegt, daß sich
draußen Yang und drinnen Yin befindet. Yin und Yang im menschlichen Körper sind so
angelegt, daß sich Yang im hinteren Teil des Körpers und Yin im vorderen Teil des Körpers
befindet. Yin und Yang der Fünf Zang- und Sechs Fu-Organe sind so beschaffen, daß die
Zang-Organe Yin, die Fu-Organe Yang sind. Alle Fünf Zang-Organe - Leber, Herz, Milz,
Lunge und Nieren- sind Yin;und alle Fu-Organe - Gallenblase,Magen, Dünn- und Dickdarm
und der Dreifache Erwärmer- sind Yang.29

Der Grund, warum man das Prinzip von Yin innerhalb von Yin sowie das Prinzip von Yang
innerhalb von Yang beachten muß,ist, daß die Krankheiten des Winters im Yang-Bereich
auftreten, während die Krankheiten des Sommers in der Yin-Region zum Tragen kommen;
die Krankheiten des Frühlings befinden sich (ebenfalls) in der Yin-Region, und die
Krankheiten des Herbstes im Yang-Bereich (des menschlichen Körpers,d.Üb.). Für
Akupunkturzwecke muß uns der Bereich all dieser Krankheiten bekannt sein.

So ist der hintere Körperteil der Yang-Bereich; das Yang innerhalb von Yang ist das Herz.
Der hintere Körperteil ist der Yang-Bereich, in dem sich das Yin innerhalb von Yang, also der
Bereich der Lungen befindet. Der vordere Körperteil ist der Yin-Bereich mit Yin innerhalb
von Yin für den Bereich der Nieren. Ebenso ist der vordere Körperteil ein Yin-Bereich mit
Yang innerhalb von Yin für den Bereich der Leber. Der vordere Körperteil als Yin-Bereich
des Taiyin ist der Bereich der Milz. Alles ist so beschaffen, daß sich Yin und Yang im
vorderen wie im hinteren Teil des Körpers ergänzen sowie innen und außen, gleich dem
weiblichen und dem männlichen Element. Sie sind für einander da und so aufeinander
abgestimmt, daß sie dem Yin und Yang des Himmels entsprechen".

Der Gelbe Kaiser fragte:" Die Fünf Zang-Organe stehen in einem Verhältnis zu den Vier
Jahreszeiten; ist denn nun jedes dieser Organe bestimmten Einflüssen ausgesetzt ?"

Qi Bo antwortete: " Ja, so ist es. Grün ist die Farbe des Ostens, sie durchdringt die Leber,
und so befindet sich die Energie des Ostens in Verbindung mit der Leber; die Augen sind der

27Im Urtext steht eigentlich bi4 jue2, was sich auch mit Lähmung übersetzen läßt; aus verschiedenen
Gründen entscheiden wir uns aber hier für die Wiedergabe durch Rheuma.
28Eigentlich im Urtext nüe4, das im modernen Sprachgebrauch besser mit Malaria zu übersetzen ist.
29Hier ist der Herzbeutel als eigenständiges Organ nicht mitgezählt.
37

Aushang der Leber, so daß die reine Energie in der Leber gespeichert wird. Die Krankheit der
Leber ist eine nervliche Erkrankung, ihr Geschmack ist sauer, ihre Elemente sind Gras und
Holz, ihr Tier ist der Hahn, ihr Getreide ist der Weizen; sie stimmt mit den Vier Jahreszeiten
überein und entspricht dem Planeten Jupiter. So ist der Atem des Frühlings im Kopf enthalten.
Ihr Ton ist jiao, ihre Zahl ist acht, und so wird ersichtlich, daß ihre Krankheiten in den
Muskeln angesiedelt sind, und ihr Geruch ist abstoßend und stinkend.

Rot ist die Farbe des Südens, sie durchdringt das Herz, und die Energie des Südens steht mit
dem Herzen in Verbindung, und die Ohren sind der Aushang des Herzens30, und das Herz ist
der Speicher der reinen Energie. Bei einer Erkrankung des Herzens werden die Fünf Zang-
Organe beeinträchtigt; der Geschmack ist bitter, sein Element ist das Feuer, sein Tier ist das
Schaf, das zugehörige Getreide ist Hirse. Es entspricht den Vier Jahreszeiten, indem es mit
dem Planeten Mars in Verbindung steht. Und so erkannt man, daß die Krankheiten im
Pulsbereich angesiedelt sind; sein Ton ist zhi, die zugehörige Zahl ist sieben, und sein Geruch
ist brennend.

Gelb ist die Farbe des Zentrums31; sie durchdringt die Milz, und der Mund ist der Aushang
der Milz, die der Speicher der reinen Energie ist. Ihre Krankheiten sind in der Wurzel der
Zunge angesiedelt, ihr Geschmack ist süß, ihr Element ist die Erde, ihr Tier ist der Ochse, ihr
Getreide ist die gelbsüßliche Hirse. Sie steht mit den Vier Jahreszeiten dadurch überein,
indem sie mit dem Stern des Planeten Saturn in Verbindung steht. Und so weiß man, daß ihre
Krankheiten im Fleisch zu finden sind; ihr Ton ist gong, ihre Zahl ist fünf, und ihr
Geschmack ist duftend und süß.

Weiß ist die Farbe des Westens, sie durchdringt die Lungen, ihr Aushang ist die Nase, die der
Speicher der reinen Energie in den Lungen ist. Ihre Krankheiten sind im Rücken angesiedelt,
ihr Geschmack ist scharf; ihr Element ist das Metall; ihr Getreide ist Reis; sie steht dadurch
mit den Vier Jahreszeiten in Verbindung, daß sie mit der Venus in Verbindung steht, dem
Nachtstern. Und so weiß man, daß ihre Krankheiten in der haut und im Haar zu finden sind;
ihr Ton ist shang, ihre Zahl ist neun, und ihr Geschmack ist übelriechend und faulig.

Schwarz ist die Farbe des Nordens; sie durchdringt die Nieren, ihr Aushang sind die unteren
Körperöffnungen32und speichert die reine Energie in den Nieren. Ihre Krankheiten sind im
Bereich der Knochenhöhlungen angesiedelt; ihr Geschmack ist salzig; ihr Element ist das
Wasser; ihr Tier ist das Schwein; ihr Getreide ist die Bohne33; sie stimmt dadurch mit den
Vier Jahreszeiten überein, indem sie mit dem Morgenstern, Merkur, in Verbindung steht. Und
so weiß man, daß ihre Krankheiten in den Knochen gelagert sind; ihr Ton ist yu, ihre Zahl ist
sechs, und ihr Geschmack ist verfault und übel.

Darum sollte bei der Untersuchung der Pulsschläge sehr genau die Anordnung der Fünf Zang-
Organe und der Sechs Fu-Organe in Verbindung zu Übereinstimmung und Abweichung, in
Bezug auf Yin und Yang, in Hinblick auf innen und außen und hinsichtlich des weiblichen
und des männlichen Elements sorgfältig beachten. Daran sollte man immer denken und
diesbezüglich Irrtümer vermeiden. Diese Prinzipien sollten den falschen Leuten gelehrt
werden, und man sollte sich als Therapeut niemals der Lüge hingeben. Und nur dann, wenn
ein Arzt dies beachtet, kann man dies 'das Erreichen des Dao' nennen.34

30Gemeint sind die entsprechenden Akupunkturpunkte auf der entsprechenden Leitbahn, die mit am
Ohr angesiedelt sind und mit dem Herzen korrespondieren.
31Mit Osten, Süden, Mitte,usw., sind hier die verschiedenen geographischen Regionen Chinas

gemeint, die z.T. nicht nur sehr unterschiedliche klimatische Bedingungen, sondern auch
verschiedene Geschmäcker hinsichtlich ihrer Nahrungsmittel wie
süß, sauer, usw., haben.
32Anus und Uterus.
33Gemeint ist wohl die Frucht der Sojabohne, die in China zu den Getreidearten zählt.
34Hier geht es um tugendhaftes Verhalten im Sinne des Dao. Derjenige, der sich als Arzt an diese

Tugenden hält, ist ein Tugendhafter oder Weise im Sinne eben dieses Dao.
38

Zweites Buch
In den Kapiteln 5 - 7 geht es schwerpunktmäßig um den Status der Kräfte Yin und Yang und
ihrem Status innerhalb des konzeptionellen Gebäudes der Traditionellen Chinesischen
Medizin. Die hie gemachten Aussagen stellen grundsätzliche Konzepte von Yin und Yang vor,
während in den vorhergehenden Kapiteln Yin und Yang in ihrer Beziehung zu den Vier
Jahreszeiten und zur Körperenergie betrachtet wurden.

Kapitel 5 Große Abhandlung über das wechselseitige Zusammenwirken von YIN und
YANG

Der Gelbe Kaiser sagte: " Das Prinzip von Yin und Yang ist das Grundprinzip des gesamten
Universums. Es ist das Prinzip all dessen, das erschaffen worden ist. Es beinhaltet die
Umwandlung bis zur Elternschaft, es ist die Grundlage von Leben und Tod; und es ist auch in
den Tempeln der Götter vorhanden. Um Krankheiten zu behandeln und zu heilen, muß man
nach ihren Ursprüngen suchen. Der Himmel ist durch die Ansammlung von Yang erschaffen
worden, Yang, das das Element des Lichtes ist; die Erstand entstand durch die Anhäufung
von, Yin, das das Element der Dunkelheit ist. Yang repräsentiert Frieden und Gelassenheit,
während Yin für Leichtsinn und Aufruhr steht. Yang bedeutet Vernichtung und Yin,
Vorhandenes zu erhalten. Yang bedeutet das Sichauflösen von Dingen, während Yin ihnen
Form verleiht. Extreme Kälte führt zu starker Hitze1, und starke Hitze führt ihrerseits zu
starker Kälte2.Kälte bedingt Schmutz und Verderbtheit; Wärme führt zu Klarheit und
Ehrlichkeit3.

Wenn die Luft über der Erde klar ist, wird Nahrung produziert und gegessen4. Ist die Luft
aber faulig, so kommt es zur Verstopfung und Schwellungen. Durch diese gegenseitigen
Wechselwirkungen von Yin und Yang, dem jeweils negativen und positiven Prinzip in der
Natur, kommt es ursächlich zu Krankheiten, von denen jene befallen werden, die den
Gesetzen der Natur nicht Rechnung tragen als auch jene, die sich an die Gesetze der Natur
halten.5 Das reine und klare Element des Lichts stellt den Himmel dar, das trübe Element der
Dunkelheit aber repräsentiert die Erde. Wenn die Dünste der Erde aufsteigen, entstehen
Wolken; und wenn die Dünste des Himmels herabsteigen, entsteht Regen. So erscheint der
Regen als eine klimatische Äußerung der Erde, während die Wolken den klimatischen
Bedingungen des Himmels entsprechen. Das reine und klare Element des Lichts ist in den
oberen Körperöffnungen Mund, Ohren, Augen und Nasenlöchern gegeben; das trübe Element
der Dunkelheit hingegen manifestiert sich in den unteren Körperöffnungen Anus und Ureter.
Yang, das Element des Lichts, hat seinen Ursprung in den Poren. Yin, das Element der
Dunkelheit, ist in den Fünf Zang-Organen aktiv. Yang, das klare Element des Lebens, wird
konkret und präzise durch die Vier Extremitäten dargestellt, während Yin, das trübe Element
der Dunkelheit, die Kraft der Sechs Schätze6 der Natur wiederherstellt. Wasser ist Yin, und
Feuer ist Yang. Durch Yang entsteht die Luft, während durch Yin die Geschmäcker entstehen.
Die Geschmäcker sind Teil der physisch-organischen Körperlichkeit des Menschen. Wenn der
Körper sein Leben aushaucht, kehrt der Geist in die Lüfte zurück, der auf diese Weise auch
1Gemeint ist hier Fieber.
2Gemeint ist wohl Schüttelfrost.
3Wärme ist eine Bedingung für das Auftreten bestimmter Krankheiten, die übergroße Freude/Wut

hervorbringen und hier eher bildhaft als wahre Gefühlsäußerungen bezeichnet werden: Wahre
Empfindungen werden nach der traditionellen chinesischen Sozialetikette nicht nach außen gezeigt.
Hier ist der Betroffene aber nicht mehr Herr seiner Sinne.
4Faulige, d.h., unreine, Luft führt zu Verdauungsschwierigkeiten. Aus dem vorhergehenden Satz im

Haupttext ergibt sich, daß die Beschaffenheit der Luft (je nach Klimazone und Wetterlage variabel) für
die gesundheitliche Qualität der Nahrung als ursächlich angesehen wird.
5D.h., alle unterliegen dem Wirken von Yin und Yang, und bei ungünstiger Kräftekonstellation von

Yin und Yang können sogar jene erkranken, die sich mit dem Dao in Einklang befinden.
6Umschreibung für die Sechs Fu-Organe (vgl. "Heilkunst", S. 54 ff.).
39

eine vollkommene Umwandlung erfahren hat. Der Geist, der dem Körper des Menschen
innewohnt, wird durch die Luft ernährt; der Körper wird seinerseits durch die Geschmäcker
ernährt. Der dem Körper innewohnende Geist entsteht durch Umwandlung; die körperliche
Form erhält ihr Leben durch den Atem. Durch Umwandlung wird der dem Körper
innewohnende Geist Luft, und Luft beeinträchtigt die Wahrnehmung der Geschmäcker. Die
von Yin beherrschten Geschmäcker stammen aus den unteren Körperöffnungen. Der Atem,
der von Yang beherrscht wird, stammt aus den oberen Körperöffnungen. Starke Geschmäcker
bedeuten, daß Yin, das weibliche Element, schwach ist; dies ermöglicht es Yang, dem
männlichen Element, zu Yang innerhalb von Yin zu werden. Ist der Atem stark und schwer,
dann nimmt Yang, das männliche Element, ab und ermöglicht es Yin, zu Yin innerhalb von
Yang zu werden. Der starke Geschmack des Yin entweicht dann, vermehrt sich und tritt in
Verbindung mit der Luft des männlichen Elements Yang. Ist diese Luft dünn, entweicht sie;
ist die dick, wird sie heiß und entflammt. Starke Leidenschaft führt zu einer Verringerung der
Ausströmungen; demgegenüber stärkt die sich in Grenzen haltende Leidenschaft die
Ausströmungen und macht sie fruchtbar. Starke Leidenschaft verbraucht ihre
Ausströmungen; demgegenüber führen die Ausströmungen zu einer beschränkten Entstehung
von Lust.7 Starke Leidenschaft erschüttert die Ausströmungen, während eingeschränkte
Leidenschaft zu einer Zeugung von Leben durch ihre Ausströmungen führt. Süßsaure
Geschmäcker haben eine die Dinge verlangsamende Wirkung. Saure und salzige
Geschmäcker strömen und fließen herum wie Yin als weibliches Element. Ist Yin gesund,
kann Yang anfällig für Krankheiten sein, und wenn umgekehrt Yang gesund ist, kann Yin
erkranken. Falls das männliche Element überhand nimmt, entsteht Hitze; nimmt das weibliche
Element Yin überhand, entsteht Kälte. Setzt man sich starker Kälte wiederholt aus, kommt es
zu hohen Fieber. Setzt man sich wiederholt starker Hitze aus, kommt es zu Schüttelfrost.
Kälte beeinträchtigt den Körper, und Hitze beeinträchtigt den Geist. Ist der Geist
beeinträchtigt, entstehen starke schmerzen; bei einer Beeinträchtigung des Körpers sind
Schwellungen die Folge. Daher kann man sagen, daß in solchen Fällen, wo sich zunächst
starke Schmerzen und erst später Schwellungen einstellen, von einer Beeinträchtigung des
Körpers durch den Geist auszugehen ist.8 In solchen Fällen, wo zunächst Schwellungen
auftreten und erst später starke Schmerzen, ist von einer Beeinträchtigung des Geistes durch
den Körper auszugehen. Wenn Wind überhand nimmt, gerät alles in Bewegung und dreht sich
im Kreise. Wenn Hitze die Welt überkommt, wird es letztendlich zu Schwellungen kommen.
Wenn Trockenheit die Welt überkommt, wird alles versengt. Wenn Kälte die Welt
überkommt, wird es leicht und wirbelnd. Überkommt Feuchtigkeit die Welt, wird Nässe
verbreitet.9

Die Natur kennt die Vier Jahreszeiten und die Fünf Elemente. Zugunsten eines langen Lebens
speichern die Vier Jahreszeiten und die Fünf Elemente die Kräfte, die Geburt, Wachstum und
Ernte bedingen, ebenso wie sie über Kälte, Hitze, starke Trockenheit Feuchtigkeit und Wind
herrschen. Der Mensch nun hat die Fünf Zang-Organe, in denen diese fünf klimatischen
Bedingungen in Freude, Ärger, Niedergeschlagenheit, große Trauer und Angst verwandelt
werden. Freude und Ärger beeinträchtigen den Geist. Kälte und Hitze beeinträchtigen den
Körper. Starker Ärger schädigt Yin, starke Freude greift Yang an. Kommen starke Emotionen
auf, hören die Pulsschläge auf und verlassen den Körper.10 Sobald Freude und ärger ohne

7Gemeint ist wohl die sexuelle Lust als Teil des Fortpflanzungs-
triebs.
8Geschmäcker spielen eine zentrale Rolle in der Traditionellen Chinesischen Medizin - im

diagnostischen Bereich als auch in der Pharmakologie (vgl. "Heilkunst", S. 78 ff., 151 ff.). Hier werden
die Geschmäcker als Indikatoren für Krankheiten nach der Yin- und Yang-Kategorie (vgl. "Heilkunst",
S. 73 ff.) betrachtet und im einzelnen benannt.
9Ganz offensichtlich handelt es sich um Symptombeschreibungen verschiedener Krankheitsbilder, die

in Abhängigkeit von bestimmten jeweils herrschenden klimatischen Bedingungen auftreten können:


Bei Wind handelt es sich um Symptome der Bewegung; bei Hitze handelt es sich um Symptome der
Anschwellung bzw. von schwellungen; bei Trockenheit treten Symptome der trockenen Haut in
Erscheinung; bei Kälte entstehen Ödeme als Symptome, und bei Feuchtigkeit kommt es zu Durchfall
als Symptom; d.h., zu nassfeuchten Kotausscheidungen.
10D.h., es tritt der Tod ein.
40

Selbstbeherrschung zunehmen, werden Kälte und Hitze im Übermaß auftreten, und die
Lebensfähigkeit11 ist nicht länger gewährleistet. Darum müssen sich Yin und Yang in einem
ausgeglichenen Gleichgewichtsverhältnis zueinander befinden. Es wird ja gesagt: Wenn man
von der straken Kälte des Winters gesundheitlich beeinträchtigt ist, wird die Krankheit12 im
Frühling wieder auftreten. Wird man durch den Wind im Frühling beeinträchtigt, wird man an
Durchfall nicht verdauter Nahrung13 erkranken, und wird man durch starke Hitze im Sommer
gesundheitlich beeinträchtigt, wird man im Herbst an Wechselfieber14 erkranken. Ist man
durch die feuchte Luft des Herbstes beeinträchtigt, wird man im Winter an Husten
erkranken."

Der Gelbe Kaiser sagte: "Es wird erzählt, daß die alten Weisen in früheren Zeiten schon die
Beschaffenheit des menschlichen Körpers diskutierten und dabei genau zwischen den
einzelnen Zang- und Fu-Organen unterschieden. Sie reflektierten über das System der
Blutgefäße und sonstigen Gefäße, und stellten fest, daß dort, wo Blutgefäße und Aterien
zusammentreffen, es sechs Kreuzungspunkte gibt15. Der Richtung jeder dieser Aterien
folgend stellten wichtige Akupunkturpunkte fest. Jeder dieser Punkte befindet sich an einer
bestimmten Stelle und trägt einen bestimmten Namen. Alle haben Bereiche, die sie
voneinander trennen. Ganz unabhängig davon, ob man sich naturkonform verhält oder nicht,
die Erscheinungen und Wirkungen der Vier Jahreszeiten und von Yin und Yang betreffen
alle. Alles ist von unabänderlichen Regeln bedingt, die für die Beziehungen zwischen inneren
und äußeren Einflüssen maßgebend sind. Kann also folglich gelten, daß es auch innere und
äußere Symptome von Krankheiten gibt ?"

Qi Bo antwortete: "Im Osten entsteht der Wind, durch Wind entsteht Holz; durch Holz
entsteht der Geschmack des Sauren; dieser stärkt die Leber; die Leber ernährt die Muskeln;
die Muskeln stärken das Herz, und von der Leber sind die Augen abhängig. Die Augen sehen
die Dunkelheit und das Geheimnis des Himmels; sie entdecken aber auch das Dao, den
richtigen Weg, den die Menschheit gehen sollte. Auf der Erde vollziehen sich Umwandlung
und Veränderung, die die Fünf Geschmäcker hervorbringen. Den Stand des Dao zu erreichen
führt zu Weisheit, wohingegen das Übernatürliche seinen Ursprung in Dunkelheit und dem
Unergründlichen hat. Das Übernatürliche läßt Wind am Himmel entstehen, und diese lassen
auf der Erde das Element Holz entstehen. Im Körper lassen sie Muskeln und unter den Fünf
Zang-Organen lassen sie die Leber entstehen. Unter den Farben erschaffen sie das Grün, und
unter den musikalischen Tönen erschaffen sie den Ton jue; der menschlichen Stimme
verleihen sie die Fähigkeit, einen schreienden Laut von sich zu geben. In Zeiten der
Anspannung und Veränderung sorgen sie für Selbstbeherrschung. Unter den Körperöffnungen
veranlassen sie die Entstehung der Augen, und unter den Geschmäckern erschaffen sie den
Geschmack des Saure, und unter den Emotionen erschufen sie den Ärger. Ärger beeinträchtigt
die Leber, während Mitgefühl16 den Ärger überwindet. Wind beeinträchtigt die Muskeln, aber
Hitze und Dürre überwinden den Wind. Der saure Geschmack beeinträchtigt die Muskeln,
aber der Geschmack des Scharfen überwindet den Geschmack des Sauren. Im Süden gibt es
starke Hitze; die Hitze läßt Feuer entstehen, und Feuer führt zur Entstehung von bitterem
Geschmack. Der Geschmack des Bitteren stärkt das Herz, das Herz ernährt das Blut, und das
Blut belebt den Magen. Das Herz kontrolliert die Zunge.

Das Übernatürliche (shen) läßt die Hitze des Südens im Himmel und Feuer auf der Erde
entstehen. Sie erschaffen den Puls im Körper des Menschen und die Hitze in den Fünf Zang-
Organen. Unter den Farben erschufen sie rot, unter den musikalischen Noten erschaffen sie
den Ton ji; der menschlichen Stimme verleihen sie die Fähigkeit zum Ausdruck von Freude.

11Gemeint ist die körperliche Lebensfähigkeit.


12Dann tritt eine sogenannte Wärmekrankheit auf.
13Im Urtext wird dies etwas umständlich formuliert: " Der Körper ist nicht in der Lage, die

aufgenommene Nahrung zu behalten".

14Gemeint ist hier Malaria, deren fieberhafte Anfälle in Schüben auftreten.


15Hier
handelt es sich um die Meridiane der Akupunkturlehre.
16Wohl für das Leiden anderer.
41

In Zeiten der Anspannung und Veränderung verleihen sie Trübsal und Traurigkeit. Unter den
Körperöffnungen haben sie den Mund mit seinem Gaumen geschaffen; unter den
Geschmäckern ließen sie das Bittere entstehen, und unter den Emotionen sind sie
verantwortlich für Glück und Freude.17 Übergroße Freude wirkt sich auf das Herz
beeinträchtigend aus, aber Angst kann Freude überwinden. Die Hitze beeinträchtigt den Geist,
aber die Kälte des Winters kann die Hitze des Sommers überwinden. Bitterer Geschmack
kann den Geist beeinträchtigen; aber der Geschmack des Salzigen überwindet den Geschmack
des Bitteren..

Das Zentrum18 läßt Feuchtigkeit entstehen, die die Erde mit Nahrung versorgt, und wobei die
Erde den Geschmack des Süßen hervorbringt. Dieser ernährt den Magen; der Magen stärkt
das Fleisch, und das Fleisch schützt die Lungen. Die Milz19 kontrolliert den Mund. Die
Übernatürlichen erschufen Feuchtigkeit im Himmel und fruchtbaren Boden auf der Erde. Sie
ließen das Fleisch im menschlichen Körper20, und unter den Fünf Zang-Organen erschufen sie
die Milz; sie ließen unter den Farben das Gelbe entstehen und unter den musikalischen Noten
erschufen sie den Ton gong; der menschlichen Stimme verliehen sie die Fähigkeit zum
Singen. In Zeiten der Anspannung und des Wandels ließen sie die Ursachen für den
Schluckauf entstehen. Unter den Körperöffnungen erschufen sie den Mund, unter den
Geschmäckern das und unter den Emotionen schufen sie Nachdenklichkeit und Anteilnahme.
Feuchtigkeit beeinträchtigt das Fleisch, aber Wind überwindet die Feuchtigkeit. Der
Geschmack des Süßen beeinträchtigt das Fleisch, aber der Geschmack des sauren überwindet
das Süße.

Im Westen entsteht Trockenheit. Die Trockenheit führt zur Entstehung von Metall, und Metall
läßt den Geschmack des Scharfen entstehen. Dieser ernährt die Lungen, und Lungen stärken
Haut und Haar. Haut und Haare schützen die Nieren. Die Lungen kontrollieren die Nase. Die
Übernatürlichen erschufen die Trockenheit im Himmel und das Metall auf der Erde. Für den
menschlichen Körper ließen sie Haut und haar entstehen, und unter den Fünf Zang-Organen
die Lungen. Unter den Farben erschufen sie das Weiße und unter den musikalischen Noten
den Ton shang. Der menschlichen Stimme verliehen sie die Fähigkeit zum Weinen. In Zeiten
der Anspannung und des Wandels ließen sie den Husten entstehen und unter den
Körperöffnungen die Nase mit ihren Nasenlöchern. Unter den Geschmäckern erschufen sie
den Geschmack des Scharfen und unter den Emotionen den Kummer. Schwerer Kummer
beeinträchtigt die Lungen, aber Freude überwindet den Kummer. Hitze beeinträchtigt haut
und Haare, aber Kälte überwindet die Hitze. Der Geschmack des scharfen beeinträchtigt Haut
und Haar, aber der Geschmack des Bitteren überwindet den Geschmack des Scharfen.

Im Norden entsteht die Kälte, und Kälte läßt das Wasser entstehen. Durch Wasser entsteht
Salz. Salz ernährt die Nieren, und die Nieren stärken Knochen und Knochenmark, und das
Knochenmark stärkt die Leber. Die Nieren kontrollieren die Ohren. Die Übernatürlichen
erschufen die Kälte des Winters im Himmel, und auf der erde ließen sie das Wasser entstehen.
Im Körper erschufen sie die Knochen und die Nieren. Unter den Farben ließen sie das
Schwarze entstehen und unter den musikalischen Noten den Ton yu.

In Zeiten der Entspannung ließen sie das Stöhnen und unter den Emotionen die Angst
entstehen. Starke Angst beeinträchtigt die Nieren, aber die Angst kann durch Besinnlichkeit
überwunden werden. Kälte beeinträchtigt das Blut, aber trockene Hitze überwindet die Kälte.
Das Salzige beeinträchtigt das Blut, aber das Salzige kann durch den Geschmack des Süßen
überwunden werden.

17Hier geht es um die Aufzählung von Entsprechungen wie "Hitze=Feuer= Geschmack des
Bitteren",usw. Die Erwähnung der Übernatürlichen ( shen) ist eine Ausschmückung in daoistischer
Tradition, an der das Rationale in der Aussage selbst keinen An-stoß in Bezug auf die Unterstellung
des Aberglaubens, der Magie, usw., nimmt.

18Gemeint ist die geographische Mitte Chinas mit entsprechenden klimatischen Bedingungen.
19VEITH (1972:119) übersetzt hier fälschlich mit "Magen". Im Urtext steht aber PI für "Milz".
20Damit sind die Weichteile des menschlichen Körpers gemeint.
42

Darum heißt es, daß Himmel und Erde Anfang und Ende all dessen sind, was erschaffen
wurde.Yin und Yang lassen Energie für den männlichen und Blut für den weiblichen Teil
entstehen. Yang befindet sich auf der linken, Yin auf der rechten Seite. Wasser und Feuer sind
die Symbole von Yin und Yang21; Yin und Yang stellen die Quelle der Energie und den
Beginn alles Erschaffenen dar. Und darum wird gesagt: Yin ist innerhalb von Yang aktiv und
fungiert als Kontrolleur von Yang; Yang ist außen aktiv und agiert als Assistent von Yin.

Der Gelbe Kaiser fragte: " Wie kann man nun dem Gesetz von Yin und Yang gerecht
werden?"

Qi Bo antwortete:" Wenn Yang vorherrscht, dann ist der Körper erhitzt; die Poren sind
geschlossen und man fängt an zu keuchen; man wird laut und grob, und Atem ist nicht mehr
festzustellen. Man hat Fieber und die eigenen Zähne fühlen die Trockenheit; der Magentrakt
ist beeinträchtigt und man stirbt an Verstopfung. In diesem Fall kann der Patient zwar den
Sommer, aber nicht den Winter, vertragen. Wenn aber Yin vorherrscht, ist der Körper
erkältet, und auch der Atem ist regelmäßig durch den ganzen Körper wahrnehmbar. Man kann
sein Schicksal klar erkennen und zittert vor Angst. Der Geist lehnt sich auf. Der gefüllte
Magen gibt seine Verdauungstätigkeit auf, und man stirbt. Herrscht Yin vor, kann man den
Sommer, aber nicht den Winter, vertragen. So wechseln sich Yin und Yang immer ab, ihre
jeweilige Überhandnahme wechselt von Zeit zu Zeit. Dies ist auch der Fall mit den
entsprechenden Krankheitseigenschaften."

Der Gelbe Kaiser fragte:" Wie kann nun das Gleichgewicht zwischen diesen Kräften Yin und
Yang hergestellt werden?"

Qi Bo antwortete:" Dazu muß man die Sieben Beeinträchtigungen und die Acht Vorteile22
kennen, wenn man beide Kräfte in Harmonie zueinander setzen will. Weiß man nichts davon,
kann man vorschnell alt werden. Im Alter von vierzig Jahren nimmt das Yin-Element im
Körper des Mannes um die Hälfte ab, was zu einer Verlangsamung in der Bewegungsmotorik
führt. Im Alter von fünfzig Jahren wird der männliche Körper schwerfälliger und die Hör- als
auch die Sehfähigkeit lassen deutlich nach. Im Alter von sechzig Jahren läßt die Fähigkeit
Leben zu zeugen nach und Impotenz setzt ein. Die neun Körperöffnungen unterstützen
einander nicht mehr23; die unteren Körperöffnungen werden gegenstandslos und leer, während
die oberen an Energie zu und sogar überhandnehmen. Dies hat zur Folge, daß sich Symptome
einer triefenden Nase und der Tränen einstellen. Darum wird gesagt: Man wird an Kraft nicht
nachlassen, wenn man weiß, wie man das Leben zu unterstützen hat. Darum sollte man sich
untereinander über diese Einsichten aufklären, so daß der eigene Name überall bekannt wird.
Wer weise ist, wird mit anderen zusammen forschen und suchen; wer aber einfältig ist, der
sucht und forscht für sich alleine. Derjenige, der nicht weise ist, befindet sich nicht wirklich
auf der Suche nach dem Dao, während derjenige, der weise ist, auch außerhalb der ihm
vorgegebenen Grenzen sucht und forscht. Und solche, die auch außerhalb der vorgegebenen
Grenzen forschen und suchen, werden in ihrer Hör- und Sehfähigkeit nicht nachlassen; ihre
Körper werden leicht und stark bleiben, und obwohl sie an Jahren und Alter zunehmen,
werden sie ihre Körper fit und blühend halten, und solche, die körperlich fit sind, werden für
ihre Umwelt von Vorteil sein. Und allein aus diesem Grunde haben sich die Weisen dem
Weltlichen entzogen; in ihren Begierden waren sie von würdevoller Zurückhaltung und
setzten sich keiner inneren Unruhe aus.24 Sie führten hingegen ihr eigenes Leben und stellten

21Hier wird auf ihre Gegensätzlichkeit angespielt: Feuer kann durch Wasser gelöscht werden, usw.
22Offensichtlich ist hier die Menstruation bei Frauen und der Sexualtrieb beim Manne gemeint.
23Gemeint ist wohl, daß ihr organisches Zusammenwirken bzw. die gegenseitige Wechselbeziehung in

ihrem organischen Funktionieren untereinander nachläßt.


24Dies ist eine Anspielung auf den frühen Daoismus, wo sich der wahre Weise z.B. in die Einsamkeit

der Berge zurückzog, um ein dem Dao entsprechendes Leben zu führen.


43

niemals darauf ab, sich um eine Sache zu bemühen, die leer und bedeutungslos ist.25 So
kannte die ihnen zugemessene Lebensdauer keine Grenzen, so wie das bei Himmel und Erde
der Fall ist. Dies ist der Weg, wie sich die Weisen beherrschten und in ihrem Benehmen
verhielten.

Mit Westen und Norden ist der Himmel unvollständig, denn Westen und Norden sind die
Regionen von Yin. Hör- und Sehfähigkeit des Menschen sind auf der rechten Seite weniger
stark ausgeprägt als auf der linken Seite. Und wenn die erde nur aus Osten und Süden
bestünde, wäre sie ebenfalls unvollständig, denn Osten und Süden sind die Regionen von
Yang. Die linke Hand und der linke Fuß des Menschen sind weniger stark als seine rechte und
sein linker Fuß."

Der Gelbe Kaiser fragte: "Wie ist das möglich?"

Qi Bo antwortete:" Der Osten ist die Region von Yang, dem Element des Lichts. Die Energie
des Yang sammelt sich dort an und steigt zum Himmel hinauf; darum gibt es oben Klarheit
und Licht, während unten Dunkelheit herrscht. Dies führt zu ausgezeichneter Hör- und
Sehfähigkeit, auf der anderen Seite aber können Hände und Füße nicht nach bedarf bewegt
werden. Der Westen ist die Region von Yang, dem Element der Dunkelheit. Die Energie von
Yin sammelt sich dort an und steigt zur Erde herab; so gibt es Klarheit und ein großes Maß
davon unten, während es oben leer ist. Dies führt dazu, daß Hör- und Sehfähigkeit
beeinträchtigt sind, Hände und Füße aber nach Bedarf eingesetzt werden können.26 Alles ist
durch üble Einflüsse27 durchdringbar. Steigen solche üblen Einflüsse auf, ist die rechte
Körperhälfte stärker betroffen; steigen sie hinab, ist die linke Körperhälfte stärker in
Mitleidenschaft gezogen. Zurückzuführen ist dies darauf, daß Himmel und Erde jeweils für
sich genommen kein Ganzes darstellen. Das Gleiche gilt für Yin und Yang. Nichts kann auf
Grund dieser üblen Einflüsse jeweils für sich etwas Vollständiges darstellen. Darum ist die
reine Energie im Himmel zu finden, während es auf der Erde Körper und Form gibt. Im
Himmel gibt es die Acht Regulatoren und auf der Erde die Fünf Naturgesetze, und so stellen
Himmel und Erde den Ursprung für alles Lebende dar.28 Das leuchtende Yang steigt zum
Himmel hinauf, während Yin, das dunkle Element, zur Erde zurückkehrt. So manifestieren
sich in Himmel und Erde Bewegung und Ruhe, was durch die Weisheit der Natur so angelegt
ist. Die Natur verleiht die Fähigkeit zu Zeugung und Wachstum und zur Ernte, zur
Speicherung, von Ende und Anfang.29 Nur der Tugendhafte kann in Übereinstimmung mit
dem Himmel seinen Geist kultivieren; die alten tugendhaften Weisen glichen der Erde, als sie
genügend Nahrung zur Verfügung stellten, und sie standen den Menschen zur Seite in der
Versorgung ihrer Fünf Zang-Organe.30 Die Energie des Himmels tritt mit den Lungen in

25Damit sind z.B. Genuß und Konsum gemeint, die nun einmal im irdischen Leben unter den
Menschen eine entscheidende Rolle spielen.
26In dieser Passage geht es verklausuliert um die Energieströme, die es in einzelnen Bereichen gibt.

Westen und Osten indizieren hier auch die rechte bzw. linke Körperhälfte des Menschen, wobei
"Westen" für die rechte Körperhälfte und "Osten" für die linke Körperhälfte steht. In dieser Passage
finden wir Beobachtungen der alten Chinesen, die heute von unserem Wissen um die Funktion von
der linken bzw. rechten Hirnhemisphäre nur bestätigt werden. Dies ist ein Beispiel dafür, wie sie zwei
medizinische Schulen - einmal die westliche Schulmedizin und die Traditionelle Chinesische Medizin
andererseits - im Grunde zu den gleichen inhaltlichen Aus-
sagen kommen können, wo es um grundlegende Wahrheiten im Bereich der Medizin geht, obwohl die
Ausdrucksweise hierfür jeweils eine andere ist.
27Eigentlich sind hier üble Energieeinflüsse gemeint.
28Bei den Acht Regulatoren handelt es sich offensichtlich um acht jahreszeitliche Zeitabschnitte. Eine

andere Interpretation des Kommentators Wang Bing ist, daß es sich hierbei um die Acht Winde
handelt. Bei den Fünf Naturgesetzen handelt es sich ganz offen-
sichtlich um die Fünf Elemente.
29Hier wird auf den Lebenszyklus von Geburt, Wachstum, Ernte und Speicherung (Lagerung) Bezug

genommen. Dies sind grundlegende Vorgänge in der Natur, die sich auch in der menschlichen
Körperfunktion widerspiegeln.
30Gemeint kann hier auch die Versorgung der Füße mit genügend Lebensenergie sein ebenso wie die

Versorgung der Fünf Zang-Organe durch ausreichend Zuführung von Lebensenergie, was ja, wie wir
44

Verbindung; die Energie des Windes fließt innerhalb der Leber, und die Energie des Donners
durchdringt das Herz; die Energie der Bergschluchten steht mit der Milz in Verbindung,
während der Regen die Nieren durchdringt.31 Der Schweiß wird von Yang erzeugt und
genauso wichtig wie der Regen, der durch Himmel und Erde entsteht.Auch die Luft, die von
Yang erzeugt wird, ist von der gleichen Wichtigkeit wie der starke Wind, der von Himmel
und Erde geschaffen wurde. Gewalt und glühendheiße Luft kommen dem Donner gleich; und
aufrührerisches Verhalten kommt Yang gleich. Eine Behandlung ohne Methode und ohne das
Befolgen der zugrunde liegenden Gesetzmäßigkeiten weist darauf hin, daß den
Gesetzmäßigkeiten des Himmels nicht Rechnung getragen wird, und so werden Katastrophen
und Heimsuchungen auf der Erde ihr höchstes Ausmaß erreichen. Üble Angewohnheiten
ziehen den Körper genauso in Mitleidenschaft wie Wind und Regen. Diejenigen, die ihren
Körper gut behandeln, achten zunächst auf ihre Haut und ihr Haar, danach widmen sie sich
ihren Muskeln und dem Fleisch; daran schließt sich die Beachtung der Sechs Fu-Organe und
schließlich die der Fünf Zang-Organe an. Die Fünf Zang-Organe sind nur dann in Betracht
zu ziehen, wenn man sich auf halbem Wege zwischen Leben und Tod befindet.32 Wenn also
üble Einflüsse des Himmels den Körper des Menschen beeinträchtigen, sind in erster Linie
die Fünf Zang-Organe betroffen. Wenn Wasser und Getreide von kalter oder heißer Energie
betroffen sind, sind die Sechs Fu-Organe in Mitleidenschaft gezogen. Wird die Erde von
Feuchtigkeit heimgesucht, dann sind Haut, Fleisch, Muskeln und Puls des Menschen in
Mitleidenschaft gezogen. Darum wird der erfahrene Akupunkteur üble Einflüsse in der Yang-
Region über die Yin-Region beseitigen und üble Einflüsse in der Yin-Region über die Yang-
Region. Eine Krankheit der linken Seite wird er auf der rechten und eine Krankheit der
rechten Seite auf der linken Seite behalten. An sich selbst wird der Akupunkteur Erfahrungen
und Beobachtungen machen, die auch für andere gelten; so wird man nicht nur die
Krankheitssymptome feststellen; durch Beobachtung äußerer Symptome wird man auf
Störungen im Inneren des Körpers schließen können. Man sollte auf Überschuß und
Insuffizienz an Energie achten; wenn man diesen Prinzipien folgt, kann es nicht zu Gefahren
kommen. Diejenigen, die erfahrene Diagnostiker sind, werden das allgemeine
Erscheinungsbild, die allgemeine Konstitution des Erkrankten, beachten; durch Pulsfühlung
stellen sie fest, ob es Yin oder Yang ist, das die Krankheit hervorruft. Das äußere
Erscheinungsbild sagt dem Diagnostiker, ob es sich um ein helles oder dunkles Aussehen
handelt; von daher kann er auf das jeweils erkrankte innere Organ schließen. Husten und
Kurzatmigkeit sollten sorgfältig beobachtet und beachtet werden33; daraus lassen sich dann
Rückschlüsse über den Sitz und die Lage der jeweiligen Krankheit ableiten. Den Puls sollte
man an der Chi-Stelle und an der Cun-Stelle fühlen und man sollte darauf achten, ob es sich
um einen Puls an der Oberfläche oder in der Tiefe handelt und ob der Puls regelmäßig oder
unregelmäßig ist. Auf diese Weise wird klar, wo der Sitz der Krankheit und wo sie dann
entsprechend zu behandeln und zu heilen ist.34Nichts geht über die Diagnose durch die
Pulsfühlung; dadurch können Irrtümer nämlich ausgeschlossen werden. Darum sagt man: Die
Krankheit kann zurückgedrängt werden. Denn selbst wenn es sich um eine leichte und
harmlose Krankheit handeln, kann sie sich doch weiter verbreiten und an Schlimme
zunehmen; und selbst, wenn es sich um eine schlimme Krankheit handelt, kann sie doch

oben gehört haben, in der Hauptsache von einer tugendhaften, dem Dao gemäßen, Lebensweise
abhängt.
31In dieser Passage sind ganz offensichtlich bestimmte Sinnbilder für die physiologische Funktion

einzelner Organe des Zang-Bereichs gegeben; so ist z.B. die Energie des Himmels, die mit den Lungen
in Verbindung tritt ganz offensichtlich der Vorgang der Sauerstoffaufnahme durch die Lungen. Die
Bedeutung solcher Sinnbilder im Hinblick auf die einzelnen physiologischen Funktionen der
erwähnten Zang-Organe sollte einmal im Hinblick auf die entsprechenden Aussagen, wie sie die
westliche Schulmedizin macht, hinterfragt werden; auch wird man dann sehr leicht feststellen, daß es
sich um ähnliche Aussagen im Endergebnis handelt, wobei die Ausdrucksweise in der westlichen
Schulmedizin als auch in der Traditionellen Chinesischen Medizin jeweils eine andere ist. "Energie der
Bergschluchten" kann auch Energie des Getreides bedeuten.
32Hier ist wohl die Behandlungsreihenfolge gemeint.
33Eher Atemrhythmus und die damit verbundenen Töne durch den Patienten.
34Dies sind bestimmte Stellen an der Hand. Die chinesischen Maß-

angaben müssen jedem Akupunkteur geläufig sein.


45

gemildert oder geheilt werden. Wenn nichts mehr einen Patienten beleben kann, muß den
Atem einsetzen, und wenn geistige Energie für den Kranken keine Besserung erreichen kann,
muß man auf die Fünf Geschmäcker zurückgreifen. Die schlimmsten Krankheiten könne so
überwunden werden und auch die leichtesten Krankheiten könne auf diese Weise einer
Heilung zugeführt werden.35 Diejenigen, die vollständig erkrankt sind, können diese in ihrem
Inneren zur Heilung bringen, und diejenigen, die von üblen Einflüssen betroffen sind, reinigen
ihren Körper durch Schwitzen. Ist die Krankheit im Hautbereich gelegen, wird dies durch
Schwitzen schnell offenbar.36 Der Puls derjenigen, die ängstlich sind oder vor Angst zittern,
und von solchen, die grausam und gewalttätig sind, schwindet, wenn man den Puls fühlt. Ist
der Pulsschlag jedoch leicht, lang und angespannt, wird der Patient von seiner Krankheit
genesen.37 Um festzustellen, ob eine Yin- oder Yang-Erkrankung vorliegt, muß man zwischen
einem freundlichen Puls und einem von niedriger Intensität von einem solchen mit hartem,
festen Pulsschlag und springenden unterscheiden. Im Falle einer Yang-Krankheit, herrscht
Yin vor; im Falle einer Yin-Krankheit herrscht Yang vor. Sind Energie und Konstitution
festgestellt, befindet sich alles an seinem rechten Platz.38 Nimmt das Blut an Härte zu, sollte
es gereinigt und dazu gebracht werden, daß es herausströmt. Leidet der Erkrankte an einem
Mangel an Energie, sollte der Teil, der die Energie unterdrückt, gestreckt werden."39

35In anderen Textversionen heißt es an dieser Stelle:" Ist die Krankheit in ihrem Anfangsstadium,
reicht das Nadeln zur Beseiti-
gung der üblen Einflüsse allein aus. Hat die Krankheit ihren Höhepunkt erreicht, muß man zunächst
auf die Nadelung bis zum Verschwinden der üblen Einflüsse verzichten. Daher sagt man, daß leichte
Krankheit durch die Beseitigung übler Einflüsse geheilt werden kann; bei schwerer Krankheit aber
zunächst eine Abnahme der üblen Einflüsse erreicht werden muß, und erst dann, wenn die üblen
Energieeinflüsse abgenommen haben, kann der Patient durch Tonifikation behandelt werden. Ist der
Patient in einem äußerlich schlechten Zustand, sollten seine Fünf Zang-Organe erst durch Wär-
mezufuhr mit Hilfe von Heilkräutern gestärkt und angeregt werden. Mangelt es dem Patienten an
reiner Energie, sollten seine Fünf Zang-Organe durch Einsatz der Fünf Geschmäcker gestärkt werden.
Tritt die Krankheit in der oberen Region auf, sollte der Erkrankte zum Erbrechen gebracht werden;
tritt die Krankheit hingegen in der unteren Region auf, sollte die Tätigkeit der Sechs Fu-Organe
angeregt werden. Tritt die Krankheit in der mitteleren Region auf, sollte die Verdauung angeregt
werden; ist der Erkrankte bösen Winden ausgesetzt, sollte er ein heißes Bad nehmen, das ihn zum
Schwitzen bringt."
36In einer anderen Textversion heißt es:"Wenn die Krankheit die Hautoberfläche betrifft, sollte der

Erkrankte zum Schwitzen angehalten werden". Diese Version ist viel eher nachvollziehbar als die im
Haupttext angeführte, die sich an dieser Stelle doch etwas zu sehr auf verklausulierte Formulierungen
(aus unserer Perspektive) stützt.
37In einer anderen Textversion heißt es an dieser Stelle:"Eine schnelle und scharfe Krankheit sollte

therapeutisch durch Beschränkung angegangen werden; eine Übermaßkrankheit sollte man dadurch
zum Abklingen bringen, indem man im Falle eines Übermaßes an Yang auf eine Zerstreuung hinwirkt
und im Falle eines Übermaßes an Yin auf eine Beruhigung."
38In einer anderen Textversion heißt es an dieser Stelle:" Durch genaue Untersuchung muß festgestellt

werden, ob es sich um eine Yin- oder Yang-Erkrankung handelt, so daß die Krankheit als leichte oder
schwere klassifiziert werden kann (eine leichte ist
Yin und eine schwere ist Yang). Yang sollte im Falle einer Yin-Erkrankung und Yin im Falle einer
Yang-Erkrankung behandelt werden".
39In einer anderen Textversion heißt es an dieser Stelle:" Blut und Energie sollten zur Ruhe gebracht

werden, so daß jedes an seiner Stelle verbleibt und kein heilloses Durcheinander entsteht. Ein
Blutüberschuß sollte durch Aderlaß behandelt werden und ein Mangel an Energie sollte durch
Energiezufuhr aus anderen Körperbereichen ausgeglichen werden".
46

Kapitel 6 Abhandlung über das Scheiden und Aufeinandertreffen von Yin und Yang

Vorbemerkung

Wie schon in der Einleitung erwähnt, wurzelt der theoretische Überbau des Neijing in der
Natur- und Weisheitslehre des YIJING, und so kommt es nicht von ungefähr, daß in diesem
Kapitel des Neijing noch einmal die aus dem YIJING übernommene Lehre von Yin und Yang
eine zentrale Rolle spielt, wobei diesen Aussagen in der modernen Traditionellen
Chinesischen Medizin weniger Bedeutung zugemessen wird, diese z.T. sogar ganz aufgegeben
wurden.

Yin und Yang sind ja zwei duale, einander entgegengesetzt wirkende Kräfte, die nach
Auffassung des YIJING aus dem Uranfang, dem TAI JI, hervorgegangen sind. Das Yang
entstand im Yin und das Yin im Yang. Yin und Yang sind keine unwandelbaren Zustände,
sondern in stetiger Veränderung begriffen. So gibt es das junge oder kleine Yang (xiao yang)
und das kleine oder junge Yin (xiao yin). Ebenso gibt es das alte oder große Yang und Yin
(taiyang/yin) entsprechend. Nur im Stadium des alten Yang oder Yin kann eine Veränderung
("Wandel") nach Yin bzw. Yang vollzogen werden. In einem tieferen Sinne entsprechen altes
und neues Yin und Yang den vier Jahreszeiten, die sich in ihrem phasenhaften Verlauf
ebenfalls durch ständigen Wandel auszeichnen.

Diese in der Lehre des YIJING bereits sehr abstrakt vorgegebene Lehre von Yin und Yang
wird auf den Spannungszustand zwischen Gesundheit und Krankheit und den wandelbaren
Zustand des menschlichen Körpers überhaupt übertragen - hier im Sinne von Lebensphasen
wie Geburt und Heranwachsen (Frühling), Reifezeit des besten Lebensalters (Sommer),
langsames Älterwerden (Herbst) und gradueller Prozeß des Absterbens (Winter). Diese
Zustände der Wandelbarkeit werden mit den verschiedenen Leitbahnen der Akupunkturlehre
in Verbindung gebracht, durch die Lebenskraft, die dem Schicksal der Wandlung unterliegt,
fließt.

Diese Passagen des Neijing wird man nicht ohne weiteres verstehen, wenn man sich mit dem
Weisheitsbuch der Wandlungen, dem YIJING, noch nicht befaßt und darüber meditiert hat.
Dem Leser kann an einer solchen Stelle nur geraten werden, den Text so zur Kenntnis zu
nehmen, wie er da steht und die Tiefe seines Verständnisses erst ergründen zu wollen, wenn
er sich mit dem BUCH DER WANDLUNGEN nicht nur rational, sondern meditierend, befaßt
hat.
47

Der Gelbe Kaiser sagte:" Es heißt, daß der Himmel durch Yang und die Erde durch Yin
erschaffen wurde. Weiter heißt es, die Sonne sei Yang und der Mond Yin.40 Zählt man die
Großen und Kleinen Monate41zusammen, kommt man auf dreihundertsechzig Tage, was ein
ganzes Jahr ausmacht. Der Mensch hat immer schon in diesem Zeitsystem sein Leben
verbracht. Trifft es nun zu, daß heute die drei Elemente von Yang nicht mehr mit dem
früheren System von Yin und Yang übereinstimmen?"

Qi Bo antwortete:"Yin und Yang können zusammen die Zahl 10 ergeben, diese kann dann auf
die Zahl hundert erweitert werden; auch wäre es möglich, sie bis auf die Zahl tausend
auszudehnen und sie bis auf zehntausend ansteigen zu lassen. Damit soll gesagt werden: Alles
ist darin enthalten. Dabei ist zehntausend eine so große Zahl, daß diese durch andere Zahlen
nicht erfaßt werden kann42. Und das Gleiche gilt natürlich auch für die große Bedeutung
dieser Zahl. Alles, was Teil der Schöpfung ist, wird vom Himmel bedeckt und von der Erde
unterhalten; wenn es nichts gibt, das gewachsen ist, wird die Erde in Anspruch genommen:
sie ist der Ort, an dem das Yin wohnt; es ist auch als das Yin innerhalb von Yin bekannt.
Yang stellt das Aufrechte zur Verfügung, während Yin, die Erde, als Kontrolleur von Yang
auftritt. Pflanzen und Zeugung stimmen mit dem Frühling überein; Wachstum und Anbau
entsprechen dem Sommer; das Einbringen der Ernte ist dem herbst gemäß und das Speichern
und verwahren des Getreides ist typisch für den Winter. Wenn die Menschen nun aus
Gewohnheit diesen Grundregeln keine Folge leisten, dann wird das Wirken von Himmel und
Erde sowie der Vier Jahreszeiten zunichte gemacht. Und wenn sich Yin und Yang verändern,
so tun dies auch die Menschen, und die Schicksalsfrage der Menschheit kann neu gestellt
werden."

Der Gelbe Kaiser sagte:" Ich würde gern mehr über das Scheiden und Zusammentreffen von
Yin und Yang erfahren".

Qi Bo antwortete:"Die Weisen des Altertums wandten sich dem Süden zu. Das, was vor ihnen
lag, nannte man Huang Ming43, und das, was hinter ihnen lag, wurde Tai Chong44 genannt.
Das Taiyang befindet sich im Erdboden und innerhalb des Shaoyin. Wenn das Shaoyin über
der Erde aufsteigt, begibt es sich in den Einflußbereich des Taiyang. Taiyang ist der Ursprung
alles Existierenden von Anfang bis Ende. Das Taiyin hingegen ist der Verbindungspunkt
zwischen dem Leben und dem Ming Men45,und so wird deutlich, daß es auch Yang innerhalb
von Yin gibt. Es findet sich innerhalb des Körpers und oberhalb desselben und wird Huang
Ming genannt; wenn aber dessen Strahlung nach unten reicht, wird es Tai Yin genannt. Die
Vorderseite von Tai Yin wird auch Yang Ming genannt46. Das Yangming ist die Grundlage
für alles Existierende; alles wird von ihm durchdrungen, und daher ist es auch als das Yang
innerhalb von Yin bekannt. Wenn Yin draußen auftritt, wird es Shao Yang47 genannt. Das
Shaoyang ist die Grundlage für die Körperöffnungen des Yin und bringt diese zum Leben.
Und so wird es auch Yin Zhong Zhi Shao Yang genannt.48 Das ist nun das Scheiden und das

40Yang als männliches Prinzip von Licht und Leben und Yin als das weibliche Prinzip von Dunkelheit
und Tod.
41Im Mondkalender sind dies Zeiträume mit 30 bzw. 29 Tagen.
42Im Chinesischen ist der Begriff für Zehntausend ein einfaches Zahlwort:WAN. Im Deutschen wird

dieser Begriff durch ein zusam-


mengesetztes Zahlwort wiedergegeben: 10 mal 1000=10 000.
43Wörtlich etwa:" weit strahlendes Licht".
44Wörtlich etwa:"Große Durchfahrt". Später wurde daraus die Bezeichnung Großer Yang, die aber so

im Originaltext an dieser Stelle nicht vorkommt.


45Wörtlich: "Lebenspforte". In der chinesischen Medizin handelt es sich hierbei um ein anscheinend

imaginäres Organ, das im Nierenbereich angesiedelt sein soll und dessen Funktion darin bestehen
soll, daß hier das Blut in Sperma umgewandelt wird.
46Wörtlich etwa: "Sonnenlicht".
47Wörtlich etwa: "Unteres Yang".
48Wörtlich etwa:"Unteres Yang innerhalb von von Yin".
48

Aufeinandertreffen der drei Yang. Das Taiyang wirkt als Auslöser, das Yangming fungiert als
Unterstützer, und das Shaoyang ist der Zentrale Punkt.49 Die drei Hauptleitbahnen50 dürfen
einander nicht verfehlen, wenn ihr funktionales Zusammenspiel gewährleistet sein soll; und
wenn sich ihr Pulsschlag nicht oberflächlich anhört, dann wird dieser Puls Yi Yang51
genannt."

Der Gelbe Kaiser sagte:"Ich möchte gern mehr über die drei Yin erfahren".

Qi Bo antwortete:" Außen ist Yang, aber innen wirkt Yin. Yin wirkt innen und wirkt sich
unten aus; an dieser Stelle wird es Tai Yin52 genannt. Das Taiyin ist die Grundlage all dessen,
was verborgen ist, geheimnisvoll und leer. Und daher wird es auch als das Yin innerhalb von
Yin53 genannt. Die Hinterseite des Taiyin nennt man Shao Yin.54 Die Vorderseite des
Shaoyin wird Jue Yin55 genannt. Dieses Yin ist die Grundlage von für Größe und Ehrlichkeit.
Wenn Yin aufhört, beginnt Yang, und hier wird dann von Yin innerhalb des Jueyin
gesprochen. Das ist nun das Scheiden und Zusammentreffen der drei Yin. Das Taiyin wirkt
als Auslöser, das Jueyin als Unterstützer und das Shaoyin als der zentrale Punkt.56Die drei
Hauptmeridiane dürfen einander nicht verfehlen, und wenn sich ihr Pulsschlag nicht tief
anhört, dann spricht man von Yi Yin. Yin und Yang fließen unaufhörlich, und die ihnen
jeweils zugeordneten Wirkungen treten als Einheit auf. Die innere Energie und die äußere
Form stehen in einem gegenseitig ergänzenden Verhältnis zueinander".

49Diese Beschreibung ist auf den menschlichen Körper zu übertra-


gen, wenn man die Aussage genau verstehen will: Es geht hier um das Zusammentreffen der
einzelnen Meridiane.
50Gemeint sind die drei Hauptmeridiane, von denen oben im Text die Rede war.
51Wörtlich:" ein Yang".
52Wörtlich:" Großes Yin".
53Im Chinesischen: "Yin zhong zhi Yin".
54Wörtlich etwa:"Unteres Yin".
55Wörtlich etwa:"Absolutes Yin".
56Vgl. Anmerkung 44.
49

Kapitel 7 Abhandlung über den Unterschied zwischen Yin und Yang

Vorbemerkung

Während in Kapitel 6 auf einer eher sehr abstrakten Ebene über das Entstehen und Wirken
von Yin und Yang in ihrem gegenseitigen Verhältnis zueinander nur sehr allgemein im
Anschluß an die Lehre des ZHOU YI referiert wird, macht Kapitel 7 den Versuch, die
Konzepte von Yin und Yang konkret auf die Belange des menschlichen Körpers, den Verlauf
und die Anordnung der Akupunkturleitbahnen und die Inneren Organe zu übertragen. Das
wechselseitige Wirkungsverhältnis von Yin und Yang manifestiert sich in den in diesem
Kapitel erwähnten Yin- und Yang Pulsen (vgl. Glossar). Verbunden werden diese
Ausführungen mit der Lehre von den Fünf Elementen, die in der Lehre des ZHOU YI ebenfalls
eine zentrale Rolle spielen.

Der Gelbe Kaiser sagte:" Der Mensch verfügt über vier Hauptleitbahnen und zwölf
Hilfsleitbahnen. Was hat das zu bedeuten? "

Qi Bo antwortete:" Die vier Hauptleitbahnen entsprechen den Vier Jahreszeiten, und die
zwölf Hilfsleitbahnen entsprechen den zwölf Monaten, und die zwölf Monate ihrerseits
entsprechen den zwölf Pulsen. Die Pulse bestehen aus Yin und Yang, den zwei Prinzipien der
Natur. Wenn man den Anteil von Yang im Puls erkennt, wird Yin offenbar; und wenn der
Anteil von Yin erkennbar ist, wird Yang offenbar. Die Fünf Zang-Organe werden von Yang
durchdrungen, wobei jedem der Fünf Zang-Organe fünf Yang-Elemente entsprechen. So gibt
es fünfundzwanzig Arten von Yang-Elementen. Die Yin-Pulse werden den Pulsen der fünf
Zang-Organe zugeordnet, und wenn diese in Erscheinung treten, nimmt die Energie der Fünf
Zang-Organe ab, was den Tod zur Folge hat. Yang-Pulse beziehen sich auf den Magen. Wenn
Yang für sich getrennt behandelt wird, wird der Sitz der Krankheit offenbar, und wenn Yin
getrennt für sich behandelt wird, kann auf die Spanne der Lebenserwartung geschlossen
werden oder darauf, wann voraussichtlich er Tod eintritt. Die drei Yang-Pulse befinden sich
im Kopf und die drei Yin-Pulse in der Hand, und beide zusammen stellen sie eine Einheit dar.
Bei alleiniger Beachtung der Yang-Pulse kann man feststellen, welche Krankheit
voraussichtlich in welcher Jahreszeit auftreten wird; beachtet man die Yin-Pulse für sich,
lassen sich Lebenserwartung und Todeszeitpunkt voraussagen. Es wird gesagt, daß
diejenigen, die töten, durch Yin beeinflußt werden; und diejenigen, die das Gute erreichen,
von Yang beeinflußt sind; daß diejenigen, die langsam und erfolglos sind, dem Einfluß von
Yin unterliegen, während die, die schnell und erfolgreich sind, von Yang beeinflußt werden.
Im allgemeinen läßt sich sagen, daß das Leben von den jeweils richtigen Pulsen der Fünf
Zang-Organe ausgeht. Ist der Puls der Leber höchst ungleichmäßig und hat einen hastigen
Rhythmus, wird der Tod nach achtzehn Tagen eintreten; ist der Herzpuls unregelmäßig, tritt
der Tod nach neun Tagen ein; ist der Puls der Lungen unregelmäßig, so ist nach zwölf Tagen
der Tod die Folge; ist der Puls der Nieren unregelmäßig, tritt der Tod nach sieben Tagen ein;
und wenn der Puls der Milz unregelmäßig ist, wird man nach vier Tagen sterben. Die
Erkrankung der zwei Yang-Meridiane57wirkt sich auf Herz und Milz aus; dies darf dem
Diagnostiker nicht verborgen bleiben, da sonst die Menstruation bei der Frau ausbleibt wie
die monatliche Samenausscheidung beim Manne. Tritt man dieser Krankheit nicht entgegen,
dann wird sie einen zerstörenden Einfluß zur Folge haben, die bei weiterer Ausbreitung alle
Energie hemmt, ist der Tod nicht mehr abzuwenden.Wenn die drei Yang von Krankheit

57Der 'Sonnenlicht'- und der 'Große Yang'- Meridian.


50

befallen werden, treten Frieren und Fieber auf, die zur Bildung von Schwellungen
(Karbunkeln) innerhalb des Körpers führen, zu Schluckauf, schwerem Atem und
Quetschungen. Breitet sich diese Krankheiten weiter aus, sind Erschöpfung und Feuchtigkeit
die Folge, und bei Übertragung sind Zerfall und Auseinanderbrechen der Eingeweide die
Folge. Es wird auch gesagt, daß ein Yang-Element als Ursache für kurzen Atem steht und den
Erkrankten Husten und Durchfall haben läßt. Bei weiterer Verbreitung dieser Krankheiten
kommt es zu Herzklopfen, das, falls es weiter andauert, zu einer Beeinträchtigung der
regulären Körperfunktionen führt. Zwei Yang-Elemente mit einem Yin-Element führen zu
Krankheiten, die sich durch Alarm und Terror ankündigen: Der Kopf schmerzt, eine Neigung
zum Aufstoßen (Rülpsen) stellt sich ein, und man fühlt sich schwach und matt. Der Name
dieser Krankheit ist: Feng Jue58. Zwei Yin-Elemente und ein Yang-Element führen zu einer
Krankheit, die Schwellungen verursacht und das Herz mit übler Energie anfüllt. Drei Yang -
und drei Yin-Elemente führen zu Lähmung auf einer Seite und bestimmten Verformungen, so
daß sich die vier Gliedmaßen weder nach oben oder sonstwie bewegen lassen. Wenn ein Yang
aktiviert ist, nennt man es GOU59, ist ein Yin-Element aktiviert, wird es mao60 genannt. Das
zu aktivierende Yang ist gespannt wie eine Musiksaite. Yang bis zu seinem Höhepunkt zu
aktivieren und dann abzubrechen nennt man shi61. Fließen Yin und Yang zusammen, spricht
man von liu.62 Yin ist auf das Innere hin ausgerichtet und Yang auf das Äußere.63 Dabei
nimmt Yang die Form eines für jedermann sichtbaren schwitzens an. Die Nichtbeachtung der
Gesetze der Vier Jahreszeiten wird sich auf diese Weise mit Sicherheit offenbaren, und dieses
Offenbarwerden äußert sich in einer schlimmen Erkrankung der Lunge, was bei dem
Erkrankten zu Hecheln und Atermschwierigkeiten führt. Yin schafft Harmonie und Frieden,
und die Grundlage aller Dinge sind Frieden und Harmonie. Ist dieser Zustand ständig
gegeben, führt dies zu Beständigkeit. Ausstrahlungen von Yang wirken sich hier zerstörend
aus. Der Friede besteht aus harten und weichen Teilen; er hat keine einheitliche Gestalt und
ist auch nicht dauerhaft, und seine lebensspendende Kraft kann zum Stillstand kommen. Tritt
der Tod durch eine Yin-Erkrankung ein, wird der Tod nach drei Tagen eintreten, und Leben,
das von Yang herkommt, währt vier Tage, wonach der Tod eintritt.Das ist das Leben, das mit
Yang verbunden ist und der Tod, der mit Yin verbunden ist. Wenn die Leber das Herz stärkt,
spricht man von einer lebensunterstützenden Funktion durch Yang. Ernährt das Herz die
Leber, so nennt man dies einen mit Yin verbundenen Tod. Stärken die Lungen die Nieren, so
ist dies die große Bedeutung, die Yin hat. Stärken die Nieren die Milz, so ist dies die Strafe,
die Yin widerfährt, und der Tod ist unausweichlich. Gerinnt Yang64, so schwellen die vier
Gliedmaßen65an. Gerinnt Yin, so ist die Entnahme von einem sheng Blut vorteilhaft66; ist es
zweimal geronnen, sollten zwei sheng Blut entnommen werden, und gerinnt es dreimal,
sollten drei sheng Blut entnommen werden.Sind Yin und Yang erstarrt, ist die lage nicht
eindeutig. Sind zu viele Anteile von Yin und zu wenig Anteile von Yang enthalten, dann
spricht man von shi shui67. Ist zu wenig Wasser vorhanden, schwillt der Magen an. Verbinden
sich zwei Yang-Elemente, ist das Ergebnis Verdauung. Verbinden sich drei Yang-Elemente,

58Wörtlich: " Anfall und Ohnmacht".


59Wörtlich "Haken".
60Wörtlich "Haar".
61Wörtlich:"Stein".
62Wörtlich:"Fluß,Strom".
63In der vorhergehenden Textpassage wird von verschiedenen Pulsarten gesprochen, für die die im

Text erwähnten chinesischen Bezeichnungen zutreffen.


64Hier geht es um den Einfluß einer üblen Yang-Energie. Die Energie wird als etwas Flüssiges

aufgefaßt, die auch den Zustand des Gerinnens geraten kann.


65Die beiden Beine und Arme.
66Entspricht 1 Kubikmeterdeziliter (nach dem chinesischen Maßsystem), entspricht ca. 1 Liter.
67Wörtlich:"Stein und Wasser",d.h.,"Unfruchtbarkeit".
51

entsteht ein Filtrierungssystem. Die Wirkung einer Verbindung von drei Yin-Elementen wird
shui68 genannt. Wenn sich ein Element von Yin und ein Element von Yang miteinander
verbinden, tritt Unempfindlichkeit des Rachens auf. Wenn Yin angreift und Yang abfällt,
dann ist man in Erwartung eines Kindes. Wenn Yin und Yang hohl und leer sind, sind die
Eingeweide jeder Energie beraubt, und es tritt der Tod ein. Sind Yang und Yin einander
gleich, wird dies durch Schwitzen sichtbar. Ist Yang hohl und leer, aber Yang voll und
reichlich vorhanden, kommt es zu einer verlängerten Regelblutung.69 Wenn die drei Yin
angreifen und aufeinander prallen, wird der Tod um Mitternacht nach zwanzig Tagen
eintreten. Greifen zwei Yin-Elemente an, wird der Tod nach dreizehn Tagen bei Einbruch der
Dunkelheit eintreten. Greifen drei Yang-Elemente an, schwillt alles an, und der Tod tritt nach
drei Tagen ein. Greifen drei Yang- und drei Yin-Elemente an und prallen aufeinander, dann
sind Herz und Magen angefüllt, und der Tod tritt nach fünf Tagen ein. Greifen zwei Yang-
Elemente an, wird die Krankheit wiederkehren, der Tod ist unausweichlich und der Erkrankte
wird nach zehn Tagen sterben."70

68Wörtlich:"Wasser".
69Im Chinesischen durch beng wiedergegeben. Das entsprechende Schriftzeichen hat den Radikal Berg
und als zusätzliche Komponente peng, was eigentlich Einsturz eines Berges oder auch Tode eines Kaisers
bedeuten kann. Bei diesem Terminus handelt es sich in diesem Kontext eindeutig um eine sehr
spezielle Bedeutung von beng, die übersetzungsmäßig nur unter Verwendung spezieller
einsprachiger Fachlexika zur Traditionellen Chinesischen Medizin zu erschließen ist.
70In der gesamten Textpassage geht es um die Interpretation der einzelnen Pulse und der jeweiligen

Pulsschläge. Zwei Yang-Elemente


sind dabei dem Magen und den unteren Därmen zuzuordnen, die drei Yang-Elemente dem Dünndarm,
der Blase und den Leisten; die drei Yin-Elemente beinhalten Gerinnen und Kälteerstarrung der Lungen-
und Milzpulse; Angriff der drei Yin bedeutet, daß die Pulse der Milz und der Lunge mehr als die
notwendigen Schläge aufweisen; Angriff der zwei Yin-Elemente bedeutet, daß die Pulse von Herz und
Nieren mehr als die erforderlichen Pulsschläge aufweisen.
52

Drittes Buch

VORBEMERKUNGEN

Im Dritten Teil des HUANGDI NEIJING SUWEN, das die Kapitel 8 - 11 umfaßt, geht es
um die Funktion der Fünf Zang-Organe Leber, Herz, Milz, Lunge und Nieren. Zwischen
Anatomie und Physiologie dieser Organe wird hier nicht genau unterschieden, vielmehr wird
eine ganzheitliche Sicht angestrebt. Langsam kommen wir jetzt von der inhaltlichen
Abstraktion des Textes, wie er sich vor allem in den vorherigen Kapiteln manifestierte und
was eine Art der Übersetzung, die auch dem Praktiker ohne spezielle sinologische
Vorkenntnisse zugänglich ist, doch erheblich erschwerte. In den folgenden Kapiteln wird
diese Abstraktion um eine Grade gemildert, was sicher auch den leichteren inhaltlichen
Zugang zu der Materie erhöhen dürfte und auch den Übersetzer weniger angespannt und
daher "leichteren Herzens" arbeiten läßt. Da, wo erforderlich, sind wieder Anmerkungen
eingearbeitet, die zum Verständnis einiger besonders schwieriger Textpassagen beitragen
oder die vorhandenen Informationen ggf. ergänzen sollen.

Kapitel 8 Abhandlung über die Offenheit und Feinheit der Geheimen Berichte

Der Gelbe Kaiser sagte:" Ich würde gerne erfahren, wie es möglich ist, daß die zwölf inneren
Organe einander das zuleiten, was wertvoll und das, was wertlos ist".

Qi Bo antwortete:" Wie kann man diese Frage am besten beantworten? Darf ich Eure
wohlgeschätzte Aufmerksamkeit auf folgende Bemerkungen lenken: Das Herz ist wie ein
Minister des Monarchen, von dem Einsicht und Verständnis ausgehen; die Lungen gleichen
der
Auslegung und Anwendung der staatlichen Gesetze und Erlasse; die Leber gleicht einem
militärischen Führer, der sich durch strategische Planung hervortut; die Galle ist der Stellung
eines hochgestellten und korrekten Beamten vergleichbar, der sich durch Entscheidung und
Beurteilung hervortut; der mittlere Thorax1 gleicht einem Beamten der Zentralregierung, der
seine Untertanen zu Freude und Vergnügen anleitet; der Magen fungiert als Beamter der
öffentlichen Kornkammern, der die Fünf Geschmäcker zur Verfügung stellt; die unteren
Därme 2fungieren als Beamte,die den Rechten Weg des Lebens propagieren3 und von denen
Entwicklung und Veränderung ausgehen; die kleinen Därme4 sind die für den Überschuß
zuständigen Beamten, die für die Verwandlung der physischen Substanzen zuständig sind; die
Nieren gleichen den Beamten, die für Energie zuständig sind und sich durch Fähigkeit und
Klugheit auszeichnen; der Dreifache Erwärmer gleicht den Beamten, die für den Bau von
Entwässerungsgräben und Schleusen zuständig sind; die Leisten und die Blase5 gleichem dem
Magistrat eines Bezirks oder einer Provinz, der für die Speicherung der Körperflüssigkeiten
und flüssigen Ausscheidungen, die der Regulierung der Verdunstung dienen, zuständig ist.

1In anderen Textversionen heißt es an dieser Stelle:"Herzbeutel" (Pericardium), der zwischen den
beiden Bruststellen sitzt und als 'See der Energie' als 'Botschafter' des Herzens fungiert, um die
Emotionsart der Freude in Umlauf zu setzen.
2In anderen Textversionen heißt es:"Dickdarm".
3D.h., ein dem Dao gemäßes Leben.
4In anderen Textversionen heißt es:"Dünndarm".
5In anderen Textversionen heißt es:"die Blase".
53

Diese zwölf Beamte müssen unter allen Umständen zusammenarbeiten. Wenn der Herrscher
klug und erleuchtet ist, sind Friede und Zufriedenheit für die Untertanen vorhanden, die daher
Nachkommen zeugen und großziehen können, ihren Lebensunterhalt verdienen und ein langes
und glückliches Leben führen können. Und weil es keine Gefahren und Bedrohungen mehr
gibt, wird die Erde als herrlich und wohlhabend verstanden. Ist der Herrscher aber unklug und
nicht erleuchtet, sind die zwölf Beamten gefährdet und bedroht; die Anwendung des Dao wird
behindert und blockiert, und das Dao sendet keine weiteren Warnzeichen mehr für den Fall,
daß das Körper überbeansprucht ist. Wenn man sich aber an das Dao, selbst in den kleinsten
und unscheinbarsten Dingen, hält, wird eine eintretende Veränderung6 den Betroffenen weder
erschöpfen noch zu einer prinzipiellen Verschlechterung seines Befindens führen, da dem
betroffenen bekannt ist, wonach er für sich selber suchen muß7. Von Leiden werden
diejenigen betroffen sein, die sich der Verschwendung hingeben8; sie werden an Nervosität
und Verschrecktheit leiden. Diejenigen aber, die ihrer Bedürfnisse und Wünsche bewußt
sind9, werden ermutigt, und als ein Zeichen dessen sind sie friedliebend und tugendhaft. Die
Anzahl derer, die verunsichert und blind sind und so das wesentliche zu erkennen nicht in der
Lage sind, gleicht der Anzahl kleinster Teilchen und der Haare. Ihre Anzahl kann auf
hundertmal zehntausend geschätzt werden, und selbst dann wäre immer noch eine größere
Zahl anzunehmen. Und selbst dann ließe sich diese Anzahl noch genauer fassen."

Der Gelbe Kaiser sagte:" In der Tat, wirklich ausgezeichnet! Mir ist bekannt geworden, daß
das Dao10 die große Berufung des Kaisers war und daß dieser die Gesetze des Dao nicht nur
verkündete, sondern auch selbst vorlebte; er ermahnte diejenigen, die nicht rein und maßvoll
waren. Und nun hat der Gelbe Kaiser einen günstigen Zeitpunkt bestimmt, zu dem er die
wahren und tiefen Geheimnisse aufzeichnet, um sie für die nachkommenden Generationen
aufzubewahren und sicherzustellen."11
6Hier im Falle des Yang/Yin-Energie-Wechsels, der nach dem Verständnis der TCM eine
Unausgeglichenheit zwischen Yin/Yang
darstellt und daher zu Krankheit führen kann.
7Nämlich nach dem Dao, d.h., der rechten Lebensweise in Übereinstimmung mit dem Dao.
8D.h., diejenigen, die ein nicht dem Dao gemäßes Leben der eigenen Selbstbeschränkung führen.

9D.h., diejenigen, die ihre weltlichen Gelüste und Wünsche für ein dem Dao gemäßes Leben
hintanstellen und so ein dem Dao gemäßes Leben Vorrang einräumen.
10D.h., der richtige Weg des dem Dao gemäßen Lebens.
11In diesem Kapitel ist auffällig, daß die Funktion der erwähnten Organe mit der Funktion bestimmter

Würdenträger am kaiserlichen Hof verglichen wird. Außerdem deuten auch die Gattungsnamen
zang4-Organe sowie fu3-Organe in eine ähnliche Richtung. Die Tatsache, daß die jeweiligen
Gattungsnamen Speicher resp. Palast heißen können, hat zweierlei Bedeutung: (1) sinnbildlich bezogen
auf die jeweilige Funktion der zum jeweiligen Gattungsbegriff gehörenden inneren Organe: Im ersten
Fall handelt es sich um eine Organgruppe, die nach Auffassung der TCM Speicherfunktionen in
Bezug auf die Lebensenergie Qi haben, und im zweiten Fall handelt es sich um eine Organgruppe,
Verbrauchs-bzw. Ausscheidungsfunktion nach Auffassung der TCM haben. (2) Diese sinnbildlich zu
verstehenden Termini als Gattungsbegriffe haben ihre reale Entsprechung im institutionellen
Herrschaftsüberbau im alten China: In der Übergangszeit von der Qin- zur Han-Dynastie (etwa 221 -
206 v. Chr.) weitete sich auch der Handel mit Getreide überregional aus, und da längst nicht mehr die
gesamte Bevölkerung auf dem Land wohnte und im Agrarsektor tätig war, war die Einrichtung von
Getreidespeichern erforderlich, um eine Versorgung auch der städtischen Bevölkerung zu sichern. In
Zeiten des Preisanstiegs für Getreide wurden so Vorräte zu Zwecken der Preisdämpfung und
Sicherstellung der Versorgung mit Nahrungsmitteln auf den Markt gebracht. Nach UNSCHULD
(1980: 63-64) spiegeln sich diese sozio-ökonomischen Neuerungen zumindest in der Terminologie der
TCM gerade in diesem Punkte wider. Zu verkennen ist aber nicht, daß es sich hier um einen
hypothetischen, wenn auch sicher begründeten, Erklärungsversuch für die Verwendung gerade dieser
Termini als Gattungsnamen für die einzelnen Organgruppen. Unterschwellig spielen sicher auch eine
Reihe von konfuzianischen Ordnungsvorstellungen hier eine Rolle wie im Fall der erwähnten
Textpasssage, wo die Funktion der einzelnen Organe mit der Funktion einzelner Beamter am
kaiserlichen Hof verglichen wird. Da das Huangdi Neijing Suwen zu verschiedenen Zeiten immer
wieder neu ediert und kompiliert wurde und somit auch immer wieder neue Fassungen entstanden,
ist es durchaus möglich, daß gerade solche Textpassagen wie die von Kapitel 8 späteren Datums als
54

Kapitel 9 Abhandlung über die Sechs Grundregeln von der Erschei- nungsweise der
Fünf Zang-Organe

Vorbemerkung

Im ZHOU YI hat die Zahl Sechs eine symbolische Bedeutung für die Wandelbarkeit des alten
Yin. Da im ZHOU YI das Yang für Himmel steht und Yin für die Erde, der Himmel, also Yang,
das Schöpferische und die Erde, also Yin, das Empfangende, ist, gilt Entsprechendes auch für
die Inneren Organe: Die Zang-Organe sind ihrer Funktion in der TCM allesamt
Speicherorgane, die das, was erschaffen wurde (Nahrung) empfangen und speichern. Mit den
Sechs Fu-Organen, die der Kategorie Yang zugerechnet werden und die Umwandlungs- und
Ausscheidungsorgane sind, stehen sie in enger Verbindung. Auch hier wird in konkretem
Bezug zur Funktion der Inneren Organe gezeigt, wie Yin in Yang (die Zang-Organe in ihrem
Zusammenwirken mit den Fu-Organen) wirkt und umgekehrt. Kapitel 9 behandelt wieder die
geomantischen Zusammenhänge zwischen dem Lauf der Sonne, der Stellung der Gestirne,
bestimmten Jahreszeiten und den einzelnen Monaten eines Jahres (nach dem chinesischen
Mondkalender) in ihrer Bedeutung für die Funktion der Organe des menschlichen Körpers.
Die hier erwähnten Zehn Himmlischen Stämme stehen (hier anstelle von Monatsnamen) für
bestimmte Zeiteinheiten des Jahres .

Der Gelbe Kaiser sagte:" Mir ist einsichtig, daß der Himmel sechsmal sechs Zeiteinheiten
zugrunde legt, die ein Jahr ergeben, und daß es neunmal neun Regionen gibt, aus denen China
besteht.12 Und da sind dreihundertfünfundsechzig Einheiten im menschlichen Körper, die man
mit den Teilen des Universums13 vergleichen kann. Ich verstehe aber diesen Zusammenhang
nicht."

Qi Bo antwortete:" Wie kann ich das am besten deutlich machen? Bitte folgt meinen
folgenden Ausführungen: Sechsmal sechs Zeiteinheiten und neunmal neun Regionen werden
miteinander kombiniert, um die Gesetze der Natur und die entsprechenden vorherbestimmten
Ereignisse aufeinander abzustimmen. Nachdem nun so die Gesetzmäßigkeiten des Himmels
aufeinander abgestimmt sind, können Sonne und Mond in Aktion treten; die
vorherbestimmten Ereignisse unterliegen somit einem kontrollierenden Einfluß, und
Umwandlung und Geburt können wirksam werden. Der Himmel ist Yang und die Erde ist
Yin. Die Bewegung von Sonne und Mond sind an der Kontrolle beteiligt; eine vollzogene
Bewegung der Sonne dient dem Grundprinzip des Dao. Die Sonne bewegt sich nur einmal,
während sich der Mond zur gleichen Zeit dreizehnmal und mehr bewegt. Kleine und große
Monde dreihundertfünfundsechzig Tage und somit ein ganzes Jahr.14 Da es einen Überschuß
an angesammelter Energie gibt, behilft man sich mit zusätzlichen Tagen und Monaten des
Schaltjahres.15 Am Anfang wird ein Lehrsatz aufgestellt; wichtiges findet seinen Platz in der

die ursprünglich rein frühdaoistisch geprägten Teiles dieses Werkes (wie etwa im Falle der Kapitel 1-7
sowie ab Kapitel 9 ff)sind. Dies könnte etwa bedeuten, daß die frühdaoistischen Teile bereits lange vor
der Han-Zeit abgefaßt wurden und solche Teile wie etwa Kapitel 8 spätere Einschübe zumindest unter
partiellem konfuzianischen Einfluß darstellen, die durchaus zu Beginn der Han-Zeit erfolgt sein
können, als gerade der Konfuzianismus in dieser Zeit als "staatstragende Ideologie" wohl erstmals in
der mehrtausendjährigen Geschichte Chinas offiziell an Bedeutung gewann.

12Die Zeiteinheiten bestehen aus einer Kombination von Zeichen für die Zehn Himmlischen Stämme
als erster Zeicheneinheit sowie einem Zeichen für die Zwölf Erdzweige als zweiter Zeicheneinheit. Die
neunmal neun Regionen Chinas stehen symbolisch für die 9 verschiedenen abgelegenen Regionen
Chinas, die den neun Organen (Herz, Leber, Milz, Lungen, Nieren, Dickdarm, Magen, Dünndarm,
Blase) und den 9 Körperöffnungen (Nase,Mund,Ohren,usw.) entsprechen.
13D.h., den Tagen des Jahres.
14Nach dem in China seit alters gültigen Mondkalender gerechnet.
15Diese werden siebenmal innerhalb von 19 Jahren als Ausgleich zwischengeschaltet.
55

Mitte; das, was zusätzlich vorhanden ist, wird an das Ende gestellt, und so wird das Maß des
Himmels erfüllt."

Der Gelbe Kaiser sagte:" Über die Gesetzmäßigkeiten des Himmels bin ich bereits informiert;
nun würde ich gerne wissen, welchen Bezug dies zu den Dingen hat, die dem Menschen
vorherbestimmt sind."

Qi Bo antwortete:" Der Himmel legt sechsmal sechs Zeiteinheiten zugrunde und die Erde
neunmal neun Regionen, um daraus ein Ganzes zu bilden. Der Himmel hat zehn Himmlische
Stämme16, ein Tag hat sechs Doppelstundeneinheiten, die sich hin und her drehen17. Wenn
jia318 dann sechsmal innerhalb des vorgegebenen Zeitzyklus wiedergekehrt ist, ist ein
Kreislauf von sechzig Jahren oder die Einheit einer Lebensspanne vollendet, und dies
gerechnet auf der Basis von dreihundertsechzig Tagen, die als Einheit einem ganzen Jahr
entsprechen. Seit alten Zeiten war der Kontakt mit dem Himmel der Ursprung allen Lebens;
und seit Anfang aller Zeiten waren die neun Provinzen19 und die Neun Körperöffnungen von
der Energie von Yin und Yang durchdrungen. Das Leben ist abhängig von den Fünf
Elementen, der Geist von den drei Faktoren. Drei Faktoren dienen der Vervollständigung des
Himmels, der Erde und des Menschen. Dreimal drei ergibt neun; wobei die neun als die
Bereiche der Neun fungiert, und die Bereiche der Neun20 den Neun Eingeweiden
entsprechen. Das Äußere des Körpers kennt vier Teile21 und das Körperinnere fünf
Eingeweide22. Diese werden zusammengeführt, so daß neun Organe23 gegeben sind, die damit
dem allgemein abgesteckten Rahmen entsprechen."

Der Gelbe Kaiser sagte:" Mir ist nun aber auch bekannt, daß sich sechsmal sechs und neunmal
neun vereinigen und daß dadurch der Überschuß an angehäufter Energie über den Einschub
von Schaltjahr-Kalendertagen und -monaten kontrolliert wird. Ich würde gern
Grundsätzliches über Funktion und Bedeutung dieser angehäuften Energie erfahren. Ich bitte
dich also, den Schleier des Geheimnis darüber zu liften und meine Zweifel zu zerstreuen. "

Qi Bo antwortete:" Das, was von den früheren Kaisern als Geheimnis betrachtet und
behandelt wurde, ist schon früh von den Lehrern des Altertums verkündet und verbreitet
worden".24

Der Gelbe Kaiser sagte: " Bitte fahre fort".

Qi Bo sagte:" Fünf Tage werden eine 'Zeitspanne von fünf Tagen25 genannt, und diese Fünf-
Tage-Zeitspanne dreimal genommen ergeben jeweils eine der vierundzwanzig Zeitspannen

16Vgl. Anhang 1 zu diesem Kapitel.


17D.h.,ständig wiederholen. Vgl. Anhang 2 zu diesem Kapitel.
18Der erste der Zehn Himmlischen Stämme.
19Die im Altertum bekannten neun Regionen Chinas.
20Die Neun Körperzonen mit ihren Leitbahnen. Dazu mehr unter dem Stichwort "Leitbahnen und

Körperzonen" im Glossar (Anhang).


21Diese sind: Kopf, Ohren und Augen, Mund und Zähne, und das Bewußtsein (im mittleren
Thoraxbereich) .
22Dies sind die Fünf Zang-Organe Leber, Herz, Milz, Lungen und Nieren.
23Hier hilfsweise mit "Organe" übersetzt, da der Begriff 'Eingeweide' für die in Anm. 10 genannten

Organe nun doch etwas unpassend ist.


24Offensichtlich soll darauf hingewiesen werden, daß die im Folgenden gemachten Aussagen durch Qi

Bo keine neuen Lehren darstellen, sondern an alte Traditionen anknüpfen. Es kann sich aber auch um
eine Höflichkeitsfloskel gegenüber dem Kaiser handeln, durch die der Sprecher kundtut, daß es sich
nicht um seine eigenen Erkenntnisse handelt, womit Bescheidenheit gegenüber der Würdestellung
des Kaisers ausgedrückt werden soll, der schließlich Qi Bo um Erläuterung bittet.
25Der Terminus für diese Zeitspanne ist im Chinesischen hou2, was dafür der alte chinesische

Terminus ist und im modernen Chinesisch in der Zusammensetzung von shi2 hou2 ("Zeit")
vorkommt. Es handelt sich hierbei um einen Terminus speziell für diese Fünf-Tage-Periode.
56

eines Sonnenjahres26, wobei sechs dieser Zeitspannen eine bestimmte Jahreszeit27 und vier
dieser Jahreszeitspannen jeweils die Zeitspanne von einem Jahr28 ergeben. Jede dieser
Perioden gestaltet sich unterschiedlich. Das Zusammenwirken der Fünf Elemente bedeutet
Harmonie und daß alles seine Ordnung hat. Am Ende eines Jahres hat die Sonne ihren
Kreislauf abgeschlossen, und alles fängt wieder mit der ersten Jahreszeit von vorne an. Dies
ist dann der Frühlingsbeginn.29 Dieser Kreislauf gleicht einem Ring, der weder Anfang noch
Ende kennt. Auch die jeweiligen 5-Tage-Zyklen entsprechen diesem Muster. Darum ist
festzustellen: Diejenigen, denen dies unbekannt ist und das, was durch Gedeihen, Vergehen,
Abnahme und Wiedergedeihen der Vier Jahreszeiten entsteht, können keine gute Arbeit
leisten".

Der Gelbe Kaiser fragte:" Das Zusammenwirken der Fünf Elemente gleicht also einem Ring -
es kennt keinen Anfang. Ist dies nun eine übertriebene Definition oder kommt sie dem
Tatbestand nicht ausreichend nahe ?"

Qi Bo antwortete:" Die Fünf Klimaeinflüsse30 wechseln sich in ihrer jeweiligen Wirkung ab;
sie wirken gegeneinander, und da ist Beständigkeit in ihrem Wechsel von Reichhaltigkeit zum
Nichts, zur Leere".

Der Gelbe Kaiser fragte:" Wie läßt sich nun eine Stabilisierung erreichen?"

Qi Bo erwiderte:" Indem man vermeidet, gegen die Gesetzmäßigkeiten der Natur zu


verstoßen".

Der Gelbe Kaiser fragte:" Wenn man dies nun nicht immer fertig bringt - was ist dann?"

Darauf erwiderte Qi Bo: " Dies ist in den unabänderlichen Regeln des Verhaltens des
einzelnen Menschen angelegt".31

Der Gelbe Kaiser fragte:" Was bedeutet nun 'Gegenwirkung'?

Darauf erklärte Qi Bo:" Der Frühling hat eine Gegenwirkung auf den langen Sommer, der
lange Sommer auf den Winter, der Winter auf den Herbst und der Herbst auf den Frühling.
Und dies nennt man das Ergebnis der Gegenwirkung durch die Fünf Elemente und die
entsprechenden Jahreszeiten. Und jedes Element übt einen Einfluß aus auf das
lebensspendende Energie und beeinflußt die weitere Entwicklung des entsprechenden inneren
Organs."

Der Gelbe Kaiser fragte:" Wie können wir nun von diesem Wissen Gebrauch machen?"

Qi Bo antwortete:" Indem wir nach dem Besten streben. Alles wird zu Frühlingsbeginn32.
Wenn man zu diesem Zeitpunkt noch nicht die Energie des Frühlings in sich hat,
nichtsdestotrotz immer noch danach strebt, wird dies Verhalten 'übertrieben'genannt. Denn

26Dies entspricht etwa einem halben Monat ( 3 x 5 Tage).

27Dies entspricht etwa einem Vierteljahr ( 6 x 15 Tage).

28Dies entspricht etwa einem Jahr ( 4 x (6 x 15) Tage).


29Nach dem chinesischen Mondkalender um den 5.-18. Februar herum, was auch den Beginn des
chinesischen Neujahrs darstellt.
30Die Fünf Klimaeinfllüsse nach traditioneller Auffassung sind: Regen unter dem Einfluß von Holz,

schönes Wetter unter dem Einfluß von Metall, Hitze unter dem Einfluß von Feuer, Kälte unter dem
Einfluß von Wasser und Wind unter dem Einfluß der Erde.
31D.h., dem wünschenswerten Verhalten des Menschen gegenüber dem Dao.
32Zum Datum des Frühlingsbeginns nach dem chinesischen Kalender vgl. Anm. 27.
57

überall ist dann Leichtfertigkeit im Spiel, der man nicht entgegen wirken kann, und das, was
dann überwunden werden müßte33, nimmt immer mehr zu. Das allgemeine Verhalten ist dann
nicht mehr tugendhaft. Diejenigen, die zwar nach dem höchsten Gut streben, es aber dennoch
nicht erreichen, nennt man 'in ihrer Aufgabe überfordert'. Und das, was bisher erreicht wurde,
wird durch unsinniges Verhalten wieder verschleudert. Dadurch kommt es zu Leiden, die
allein auf dieser Leichtfertigkeit beruhen, der man nicht begegnen kann. Diejenigen aber, die
nach dem höchsten Gut streben, halten sich an die höchsten Gesetzmäßigkeiten des
Lebensspendenden der jeweiligen Jahreszeit. Selbst dann, wenn man den jeweiligen Fünf-
Tage-Zeitspannen, den Jahreszeiten und den Fünf Klimaeinflüssen aufs Genaueste Rechnung
trägt, kann es immer noch zu Fehlverhaltensweisen in Bezug auf das gesamte Jahr und damit
auch Fehlverhaltensweisen gegenüber den Fünf-Tage-Zeitspannen und den Fünf Elementen
kommen. Und dann unterscheidet man sich nicht mehr von denen, die diesen Prinzipien nicht
Rechnung tragen."

Der Gelbe Kaiser fragte:" Gibt es denn keine erblichen Einflüsse?"

Qi Bo antwortete:" Die Klimaeinflüsse des blauen Himmels unterliegen keinen


Schwankungen, und solche klimatischen Einflüsse sind auch nicht vererbbar. So nennt man
solche Einflüsse 'außergewöhnlich und nicht normal'. Aber gerade, weil es sich um
Außergewöhnliches handelt, unterliegen sie auch der Veränderung".

Der Gelbe Kaiser entgegnete:" Wie kann dann aber etwas der Veränderung unterliegen, wenn
es außergewöhnlich ist ?"34

Qi Bo antwortete:" Veränderungen wirken sich auch auf den Körper aus, und so wird er auch
von Krankheiten betroffen. Kann die Krankheit überwunden werden, ist sie nicht mehr
sichtbar und verliert an Bedeutung; kann sie aber nicht besiegt werden, wird der Fakt, daß sie
vorhanden ist, wichtiger als ihre Ursache, und kommen noch weitere üble Einflüsse zusätzlich
hinzu, wird der Tod eintreten. Wenn man daher sich nicht in Übereinstimmung mit den
jeweiligen Gegebenheiten mit einer der jeweiligen Jahreszeiten verhält, mag dies für andere
nicht wahrnehmbar sein; befolgt man aber die Gesetzmäßigkeiten der Vier Jahreszeiten, wird
man angesehen sein."

Der Gelbe Kaiser sagte:" Das ist wirklich gut! Ich habe auch gehört, daß sich die
Klimaeinflüsse vereinigen und Gestalt annehmen sollen, und wegen dieser Veränderungen
sind sie auch genau benennbar. Himmel und Erde und die Umformungen, die sie durch Yin
und Yang erfahren, wirken auf alles ein, was geschaffen ist. Können wir das Ausmaß solcher
Einflüsse irgendwie erkennen?"

Qi Bo antwortete:" Ah, welche bezeichnende Frage! Der Himmel ist grenzenlos und in seiner
Dimension nicht mit Maßen faßbar. Die Erde ist groß und weit und ohne Begrenzung. Will
man ihre Maße fassen, so muß man Ling Shen35fragen und um Auskunft über die Reichweite
von Himmel und Erde bitten. Aus Gras und Kräutern entstehen die Fünf Farben36, und nichts,
das sichtbar ist, zeichnet sich durch ein Abweichen von diesen Farbmustern aus. Gras und
Kräuter bringen auch die Fünf Geschmäcker37 hervor, und nichts übertrifft den feinen

33Also z.B. für diese Jahreszeit übliche Krankheiten bzw. krankmachende Faktoren beispielsweise.
34Die dialektische Komponente dieser Fragestellung liegt wohl in Folgendem: Etwas, das an sich
schon außergewöhnlich ist, kann gar nicht irgendeiner Veränderung unterliegen, weil es sonst nicht
mehr mit dem Attribut des Außergewöhnlichen behaftet wäre. Gewöhnliches unterliegt demnach
deswegen der Veränderung, weil der Prozeß der Veränderung in dem angegebenen Kontext als ein
sich immer wiederholender zyklischer Prozeß von wiederholtem Vergehen und Werden angesehen
wird, und Außergewöhnliches in diesem zyklischen Rahmen demnach nicht erfaßt wird.
35Ling Shen ist ein Gott, der denjenigen, die zu ihm beten, antwortet.
36Das sind die Farben rot, grün, gelb, weiß und schwarz.
37Wie bereits an anderer Stelle schon erwähnt, sind dies: bitter, sauer, süß, scharf und salzig.
58

Geschmack dieser Fünf Geschmäcker38. Menschliche Vorlieben unterscheiden sich, darum


hat jeder Mensch Zugang zu allen diesen Geschmacksrichtungen. Die Fünf Klimaeinflüsse
stellt der Himmel den Menschen zur Verfügung, während die Erde die Fünf Geschmäcker
hergibt. Durch die Nasenlöcher finden die Fünf Klimaeinflüsse Eingang in den menschlichen
Körper und werden im Herzen und in den Lungen gespeichert, von wo aus sie dann
aufsteigen. Die Fünf Farben stellen Helligkeit und Licht wieder her. Die musikalischen Töne
stehen für Fähigkeit und Begabung. Die fünf Geschmäcker kommen durch den Mund in den
Körper und werden im Magen gespeichert. Die gespeicherten fünf Geschmäcker ernähren die
Fünf Klimaeinflüsse, und wenn diese Klimaeinflüsse in einem wohl abgestimmten Verhältnis
zueinander stehen, fördern sie den Speichel. Zusammen unterstützen und nähren diese
Einflüsse das Bewußtsein39, das dann auf ganz abrupte Weise in Aktion tritt."

Der Gelbe Kaiser fragte: " Wie würdest du die äußere Form der inneren Organe erklären ?"

Qi Bo antwortete:" Das Herz ist die Wurzel für alles Leben und reguliert die Mannigfaltligkeit
der geistig-mentalen Fähigkeiten. Das Herz beeinflußt das Gesicht40und füllt die Gefäße mit
Blut. Innerhalb von Yang befindet es sich und als Grundlegendes für Licht und Leben, ist das
Herz das Taiyang, das das Klima des Sommers durchdringt.41 Die Lungen stellen den
Ursprungsort allen Atems dar sowie der natürlichen Triebe und Instinkte dar. Die Lungen
regulieren die Körperbehaarung und wirken sich auf die Haut aus. Innerhalb von Yang tritt
die Lunge als Taiyin auf, das das Klima des Herbstes durchdringt. Die Nieren erwecken das
zum Leben, was schläft und im Schlummern begriffen und von der übrigen Welt
abgeschlossen ist. Bei ihnen handelt es sich um das natürliche Organ zur Speicherung und sie
stellen jenen Ort dar, an dem die Ausscheidungen einquartiert sind. Die Nieren beeinflussen
die Kopfbehaarung und wirken sich auch auf die Knochen aus. Innerhalb von Yin fungieren
sie als das Shaoyin, das das Klima des Winters durchdringt. Die Leber bedingt äußerste
Müdigkeit und ist der Wohnort der Seele und des menschlichen Geistes, der zum Himmel
aufsteigt. Die Leber beeinflußt die Fingernägel und wirkt sich auch auf die Muskeln aus; sie
läßt im Menschen angelegte Triebe und Instinkte entstehen. Innerhalb von Yang fungiert die
Leber als das Shaoyang, die das Klima des Frühlings durchdringt. Im Magen, dem Dick-
und Dünndarm, dem Dreifachen Erwärmer sowie in der Leistengegend und der Blase
findet man das, was der Natur der öffentlichen Getreidespeicher42 und der Umzingelung eines
Regiments entspricht. Diese Organe werden qi443 genannt. Sie nehmen die Nahrung auf und
verändern ihre Substanz und ihre Form und regen die Geschmäcker an, so daß diese in die
Behälter eintreten und diese wieder verlassen. Diese Organe beeinflussen das Fleisch um sie
herum und färben sie hell, sie wirken sich auf Fleisch und Muskeln aus. Der mit diesen
Organen verbundene Geschmack ist süß und ihre Farbe ist gelb. Sie gehören zur Gruppe der
Yin-Organe, weil Yin das Klima der Erde durchdringt. Allgemein läßt sich sagen, daß ihnen
von der Gallenblase etwas zugeführt wird oder ihr etwas zuführen. Ist ein Puls stark und
kräftig, handelt es sich um eine Erkrankung im Bereich des Shaoyang. Sind zwei Pulse stark
und kräftig, sitzt die Erkrankung im Bereich des Taiyang; sind drei Pulse stark und kräftig, ist
die Krankheit im Bereich des Yangming anzusiedeln. Sind vier Pulse stark und kräftig, ist die
Erkrankung abgeklungen, und die oberen Kräfte regulieren das Yang. Wenn der cun4-Puls
des Handgelenks einmal stark und kräftig schlägt, ist die Erkrankung im Bereich des Jueyin
zu finden. Schlägt dieser Puls zweimal stark und kräftig, findet sich die Erkrankung im
Bereich des Jueyin. Schlägt dieser Puls dreimal stark und kräftig, dann befindet sich die
Krankheit im Bereich des Taiyin. Schlägt dieser Puls viermal stark und kräftig, ist die

38Hier geht es um das das Besondere, das jedem dieser Geschmäcker eigen ist und sich als
Geschmacksgefühl äußert.
39Hier wohl eher konkret als "Gehirn" aufzufassen, da sich sonst hinsichtlich der Gesamtaussage

schwerlich ein konkreter und klarer Sinn ergibt.


40Wohl eher die Gesichtsfarbe.
41D.h., steht in Kontakt mit der Energie des Sommers.
42Vgl. dazu Näheres in Anm. 11 zu Kapitel 8.
43Wörtlich etwa "Behälter", was allerdings hier eine sehr spezielle Bedeutungskomponente wäre.
59

Krankheit überwunden, und die oberen Kräfte haben Yin eingeschlossen.44 Wenn alle Pulse
des Handgelenks übereinstimmen und zunehmen, verbinden sich alle vier Pulse miteinander
und hören auf zu schlagen, so daß die oberen Kräfte wechselweise eingeschlossen sind und
den Puls regulieren. Indem auf diese Weise der Puls geöffnet oder eingeschlossen wird, kann
niemals ein Überschuß entstehen. Ist nämlich die Himmelsenergie nicht mehr da, wird Tod
die Folge sein". 45

44Gemeint sind unterschiedliche Rhythmen von Pulsschlägen, denen einzelne erkrankte


Körperregionen zugeordnet werden. D.h., daß man über die genannten Pulsrhythmuskriterien die
jeweilig erkrankte Körperregion erkennen und lokalisieren kann.
45Das Jueyin steht für den Bereich der Leber, das Shaoyin für den der Nieren und das Taiyin für den

des Magens.
60

ANHANG 1:
Übersicht über die Zehn Himmlischen Stämme
Name in Pinyin Bemerkung

Jia Planet Jupiter


Yi Planet Jupiter
bing Planet Mars
ding Planet Mars
wu Planet Saturn
ji Planet Saturn
geng Planet Venus
xin Planet Venus
ren Planet Merker
gui Planet Merkur


Tabelle
1
61

ANHANG 2:
Übersicht über die Zwölf Erdzweige
Pinyin Tier Tierkreiszeichen Stunde

Zi Ratte Widder 11 bis 01 Uhr


chou Ochse Stier 01 bis 03 Uhr
yin Tiger Zwillinge 03 bis 05 Uhr
mao Hase Krebs 05 bis 07 Uhr
chen Drache Löwe 07 bis 09 Uhr
si Schlange Jungfrau 09 bis 11 Uhr
wu Pferd Waage 11 bis 13 Uhr
wei Schaf Skorpion 13 bis 15 Uhr
shen Affe Schütze 15 bis 17 Uhr
you Hahn Steinbock 17 bis 19 Uhr
xu Hund Wassermann 19 bis 21 Uhr
hai Eber Fische 21 bis 23 Uhr


Tabelle
2
62

Kapitel 10 Abhandlung über den Beitrag der Fünf Zang-Organe zur Vervollkommnung
des Lebens

Vorbemerkung

In Kapitel 10 stehen die Fünf Pulse für die Pulse der Fünf Zang-Organe.

Das Herz steht mit dem Puls in Übereinstimmung. Die Gesichtsfarbe eines Menschen zeigt
an, wenn sich das Herz in einem guten gesundheitlichen Zustand befindet. Das Herz
kontrolliert die Nieren. Die Lungen sind mit der haut verbunden. Die Körperbehaarung zeigt
an, wenn sich die Lungen in einem guten und blühenden gesundheitlichen Zustand befinden.
Die Lungen kontrollieren das Herz. Die Leber ist mit den Muskeln verbunden. Finger- und
Zehennägel zeigen an, wenn sich die Lieber in einem guten und blühenden gesundheitlichen
Zustand befinden. Die Leber kontrolliert die Lungen. Die Milz ist mit dem Fleisch verbunden.
Farbe und Erscheinung der Lippen zeigen an, wenn sie sich in einem einwandfreien
gesundheitlichen Zustand befindet, sie wird von der Leber kontrolliert. Die Nieren sind mit
den Knochen verbunden. Die Kopfbehaarung zeigt, wenn sich die Lungen in einem guten
gesundheitlichen Zustand befinden. Die Nieren kontrollieren die Milz.

Wird daher zuviel Salz in der Nahrung verwendet, verhärtet sich der Puls, das Auge tränt und
die Gesichtsfarbe ändert sich. Enthält die Nahrung zuviel bitteren Geschmack, verschrumpelt
die Haut und die Körperbehaarung fällt aus. Ist in der Nahrung zuviel scharfer Geschmack
enthalten, verkümmern die Muskeln und Finger- und Zehennägel verschrumpeln und
zersetzen sich. Enthält die Nahrung zuviel sauren Geschmack, verhärtet sich das Fleisch und
wird faltig, und die Lippen werden schlaff. Ist zuviel süßer Geschmack in der Nahrung
vorhanden, schmerzen die Knochen und das Kopfhaar fällt aus. Dies sind die
Körperbeeinträchtigungen, die die Fünf Geschmäcker verursachen können.

Es ist bekannt, daß das Herz den bitteren Geschmack benötigt, die Lungen den scharfen,, die
Leber den sauren, die Milz den süßen und die Nieren den salzigen. Dies sind die richtigen
Verbindungen der Fünf Geschmäcker, und auf den Zustand der einzelnen inneren Organe
kann durch Aussehen und Farbe der ihnen jeweils zugehörigen äußeren Organe geschlossen
werden.

Ist ihre Farbe grün wie Gras, sind sie ohne Leben, ebenso wenn ihre Farbe orangegelb ist oder
schwarz wie Kohle, rot wie Blut, weiß wie trockene und verschrumpelte Haut. Auf diese
Weise zeigen die Fünf Farben den Tod an.

Sind sie aber grün wie die Schwingen des Eisvogels, sind sie mit Leben erfüllt; sind sie rot
wie der Kamm eines Hahns, gelb wie der Leib einer Krabbe, weiß wie das Fett eines
Schweins, schwarz wie die Schwingen einer Krähe, sind sie ebenfalls mit Leben erfüllt. Auf
diese Weise zeigen die Fünf Farben das Leben an.

Die Lebensfarbe, die das Herz anzeigt, ist wie das zinnoberrote Leinen einer weißen
Seidenrobe, die Lebensfarbe der Lungen wie das herrliche Rot einer weißen Seidenrobe, die
Lebensfarbe der Leber wie das Violett einer weißen Seidenrobe, die Lebensfarbe des Magens
wie das wacholderbeerfarbene Leinen einer Seidenrobe und die der Nieren wie das
purpurfarbene Leinen einer Seidenrobe. Dies sind die äußeren farbigen Anzeichen für das
Leben in den Fünf Zang-Organen.

Nun wird jede Farbe und jeder Geschmack je einem der Fünf Zang-Organe zugeordnet: Weiß
bezieht sich auf die Lungen wie der scharfe Geschmack, Rot auf das Herz wie der bittere
Geschmack, Grün auf die Leber wie der saure Geschmack, Gelb auf den Magen wie der süße
Geschmack, Schwarz auf die Nieren wie der salzige Geschmack.
63

Weiß bezieht sich auf die Muskeln, Rot auf den Puls, Grün auf die Muskeln, Gelb auf das
Fleisch, und Schwarz auf die Knochen.

Der Puls ist mit den Augen verbunden, das Knochenmark mit dem Gehirn, die Muskeln mit
den Gelenken, das Blut mit dem Herzen, und der Atem mit den Lungen.

Die vier Gliedmaßen und ihre acht Gelenke46 werden von morgens früh bis spät in die Nacht
hinein gebraucht und bewegt. Legt man sich nieder, um sich auszuruhen, fließt das Blut in
die Leber zurück. Durch das Eindringen von Blut in die Leber wird das Sehvermögen
gestärkt.47 Werden die Füße mit Blut versorgt, kann man besser ausschreiten. Wird die
Handfläche mit Blut versorgt, kann man besser zugreifen. Die Durchblutung der Finger
befördert das Tragen von Gegenständen.

Ist man nun im Gehen oder liegend dem Wind ausgesetzt, wirkt sich dies auf das Blut aus.
Innerhalb des Fleisches wird das Blut dann dick und zähflüssig48, und wegen der
Nichtdurchblutung fühlen sich Hände und Füße starr und gefühllos an. Verdickt das Blut
innerhalb des Pulses, wird der Körper nicht mehr ausreichend durch die Blutzirkulation
versorgt; verdickt sich das Blut innerhalb der Füße, fühlt sich das schmerzhaft und kalt an.
Fließt das Blut in Fleisch, Gefäße und Füße und staut sich dort an, so daß es nicht mehr
herausfließen kann, wird die Blutbahn entleert, und Starre und Unwohlbefinden sind die
Folge.

Der Mensch verfügt über zwölf große Leitbahnen und über dreihundertundvierundfünfzig
kleine Leitbahnen . Sie alle dienen dem lebensspendenden Element und verhindern das
Eindringen der üblen Einflüssse . Durch den Einsatz von Akupunktur lassen sich diese üblen
Einflüsse vertreiben. 49

Zu Beginn einer medizinischen Untersuchung muß man feststellen, ob der Puls der Fünf
Zang-Organe unterbrochen ist, und man muß sie kontrollieren. Um den richtigen Zeitpunkt
für eine solche Untersuchung zu kennen, muß man feststellen, welcher der zehn Himmlischen
Stämme den ersten Monat eines Jahres darstellt.

Anzeichen dafür, daß die Funktion der Fünf Zang-Organe beeinträchtigt ist, sind die Fünf
Pulse. Kopfschmerzen und Irrsinn werden durch den unteren Puls angezeigt, der leer und
langsam ist, und den oberen Puls, der voll und schnell ist. Werden Krankheiten über den
Fußpuls diagnostiziert, kann man den Puls im Bereich des Shaoyin und dem Bereich des
Taiyang50 vorfinden, was auch anzeigt, daß diese Krankheiten bereits bis zu den Nieren
vorgedrungen ist. Schwindelgefühl, beeinträchtigte Sehfähigkeit sowie Taubheit werden
angezeigt durch den unteren Puls, der voll ist, und den oberen Puls, der leer ist. Stellt man
diese Pulsmerkmale im Fußpulsbereich fest, wird man sie im Bereich des Shaoyang und des
Jueyin51 feststellen können, was darauf hinweist, daß die Erkrankung bereits bis zur Leber
vorgedrungen ist. Ist der Magen zu stark angefüllt, treten wasserbedingte Schwellungen an

46Dabei handelt es sich um die beiden Arme und Beine als die vier Gliedmaßen und Ellenbogen, Knie,
Handgelenke und Fußknöchel als die acht Gelenke.
47Nach Auffassung der TCM ist ja die Leber mit den Augen verbunden.
48Gemeint ist eindeutig, daß das Blut als Flüssigkeit in einen festen, nicht mehr flüssigen,
Aggregatzustand übergeht.
49Der chinesische Terminus für große Leitbahn ist GU3 und bedeutet soviel wie Wasserwege zwischen den

Bergen, Schlucht. Hierbei handelt es sich wohl um die 12 Hauptmerridiane und um Stellen, an denen
die Muskelstränge zusammentreffen. Der chinesische Terminus für kleine Leitbahnen ist XI1, was Tal,
Strom, Bach bedeutet. Hier treffen nach Auffassung der TCM die kleineren Muskelstränge zusammen.
Spätere Fachtermini hierfür sind JING1 bzw. LUO4. Von den eigentlichen Akupunturpunkten ist hier
noch nicht explizit die Rede.
50Entspricht dem Nierenmeridian bzw. Blasenmeridian.
51Entspricht Gallenblasenmeridian bzw. Lebermeridian.
64

den Gliedmaßen, dem Zwerchfell sowie den Rippen auf. Der Puls ist dann unten aufrührerisch
und oben zunehmend. Dieser Puls durchfließt den Fußbereich des Taiyin und des
Yangming52. Bei Herz- und Kopfschmerzen ist der Sitz der Krankheit im Brustkorbbereich.
Der Puls durchfließt die den Handbereich des Yangming und des Shaoyin.53

Auf diese Weise lassen sich die Pulse nach groß (da), klein (xiao), schlüpfrig (hua),
hemmend (se), leicht (fu) oder schwer (hang) unterscheiden. 54

Auf den Zustand der Fünf Zang-Organe kann von ihren äußeren Merkmalen geschlossen
werden.

Die Fünf Zang-Organe entsprechen den Fünf Musikalischen Noten, die man unterscheidet.
Und die Fünf Farben werden für die Krankheitsdiagnose durch Inaugenscheinnahme
eingesetzt. Ist man in der Lage, die Inaugenscheinnahme der Fünf Farben mit den Aussagen
der jeweiligen Pulse über das Vorliegen einer bestimmten Krankheit miteinander zu
verbinden, kann eine vollständige Diagnose erstellt werden. Wird der rote Puls55 als hart und
fest erkannt, und ist dieser von einem hartnäckigen Husten begleitet, wird vom "Lähmung56
des Herzens" gesprochen. Dieses Leiden entsteht durch üble Einflüsse von außen und hängt
mit Angstgefühlen zusammen. Der weiße Puls57 geht mit einem leichten Husten einher und ist
oben leer und unten voll.In einem solchen Fall läßt sich daraus schließen, daß sich im
Brustkorbbereich zuviel Energie angesammelt hat, was zu Kurzatmigkeit und einem dumpfen
Ton führt. Diese Erkrankung nennt man "Lähmung der Lungen"und äußere Anzeichen sind
Schüttelfrost und Fieber. Der grüne Puls58 an der linken und an der rechten Hand ist dann lang
und elastisch, wenn sich im Herz- Bereich zuviel Energie angesammelt hat, die dann in die
Gliedmaßen hinabsteigt. Diese Krankheit nennt man "Lähmung der Leber". Äußere
Anzeichen sind Schüttelfrost und Feuchtigkeit, einhergehend mit dem Bruch59 der Lenden
führt. Äußere Anzeichen sind Fuß- und Kopfschmerzen. Der gelbe Puls60 ist breit und
langsam, wenn sich zuviel Energie in der Milz angesammelt hat. Die Krankheit wird
"Absoluter Bruch"61 genannt. Frauen und Männer sind in gleicher Weise davon betroffen, und
bei beiden Geschlechtern handelt es sich um die gleiche Ursache. Äußeres Kennzeichen ist
Schweiß an den Gliedern, wenn man sie dem Wind aussetzt. Der schwarze Puls62 ist
oberflächlich, fest und groß und weist auf zuviel Energie in den Verdauungstrakt, dem Yin-
Bereich, hin. Der Name dieser Krankheit ist "Lähmung der Nieren". Die Ursache der
Krankheit ist, daß man sich nach einem kalten Bad zum Ausruhen hinlegt.

Andere Pulsarten, die nicht den Fünf Farben entsprechen, sind: Der Tod wird dann nicht
eintreten, wenn das Äußere des Menschen gelb ist und die Augen ein grünes Aussehen haben,
das Äußere gelb ist und die Augen rot sind, das Äußere gelb ist und die Augen weiß sind, das
Äußere gelb ist und die Augen schwarz sind. Ist aber das Äußere grün und das Aussehen der
Augen schwarz, wird der Tod eintreten. Dies wird auch der Fall sein, wenn das Äußere

52Entspricht dem Milzmeridian bzw. Magenmeridian.


53Entspricht Dünndarmmeridian bzw. Herzmeridian.
54Die Termini ab schlüpfrig lassen sich noch besser mit gleitend, zurückgeblieben (schwach), oberflächlich

und tief wiedergeben.


55Herzpuls.
56Der chinesische Terminus hierfür ist bi4, der auch manchmal mit Rheumatismus übersetzt werden

kann.
57Lungenpuls.
58Leberpuls.
59Im Chinesischen shan4, wörtlich Hernia.
60Milzpuls.
61Im Chinesischen an dieser Stelle wird der Terminus jue2 shan4

verwandt.
62Nierenpuls.
65

schwarz und das Aussehen der Augen weiß, das Äußere rot und das Aussehen der Augen grün
ist.63

63In der TCM wird die Auffassung vertreten, daß die gelbliche Farbe ein Anzeichen für das
Vorhandensein von ausreichend Lebens-
energie im Magen ist; also ist danach Gesundheit vorhanden; ist die Farbe des Äußeren nicht gelb, ist
dies ein Anzeichen für einen Mangel an ausreichend Lebensenergie im Magen. Daher betrachtet die
TCM den Magen als das wichtigste Organ unter den Fünf Zang-Organen.
66

Kapitel 11 Weitere Abhandlung über die Fünf Zang-Organe

Vorbemerkungen

In Kapitel 11 wird der Cun-Puls erwähnt. Ohne hier ausführlicher auf die Pulslehre
vollständig eingehen zu können, sei hier vermerkt, daß es sich bei dem Cun-Puls um eine der
drei Stellen am rechten und linken Handgelenk handelt, an der ein bestimmter Puls gefühlt
wird. Der dort wahrnehmbare Puls wird "Cun-Puls" genannt.

Der Gelbe Kaiser sagte:" Manche Gelehrte, die sich in medizinischen Rezepturen gut
auskennen, sind sich unsicher darüber, ob das Gehirn und das Knochenmark die Fünf Zang-
Organe kontrollieren oder ob es sich bei dem kontrollierenden Organ um den Magen handelt
oder ob die Fünf Zang-Organe die Sechs Fu-Organe kontrollieren. Ich hätte gerne gewußt, ob
diese Organe eher in einem wechselseitigen Funktionsverhältnis zueinander stehen oder ob sie
sich einander ausschließen. Bitte tragt mir mehr darüber vor, denn ich selber habe keine klare
Vorstellung darüber".

Qi Bo antwortete:" Das Gehirn, das Knochenmark, die Knochen, die Blutgefäße, die Galle
und die Gebärmutter bei der Frau - diese sechs Organe - sind durch die Energie der Erde
entstanden. Sie gehören Yin an und stellen natürliche Symbole der Erde dar. Sie speichern
und scheiden nicht aus; darum nennt man sie "merkwürdige und beständige Organe".64
Magen, Dick- und Dünndarm sowie der Dreifache Erwärmer und die Blase - diese Organe -
wurden durch die Energie des Himmels erschaffen, und ihre Energie gleicht der des Himmels.
Sie haben einen üblen Duft und werden " ausführende und Veränderung bewirkende
Organe"65 genannt. Nichts kann lange innerhalb dieser Organe verbleiben, da sie die Dinge
weiter transportieren und ausscheiden. Auch der Mastdarm gehört zu den Fünf Zang-
Organen; er verhindert, daß Wasser und Getreide zu lange in den Fünf Zang-Organen
verbleiben.66 Die sogenannten Fünf Zang-Organe speichern die Lebensenergie und scheiden
sie nicht aus. Weil sie angefüllt werden müssen, können sie keine festen Organe sein. Die
sechs Fu-Organe leiten die Substanzen weiter und verändern sie; sie speichern nicht; darum
sind es feste Organe, die nicht angefüllt werden können. So kommen Wasser und Getreide
durch den Mund und gelangen dann in den Magen, der voll wird, während die Sechs Fu-
Organe noch hohl und leer sind. Wenn die Nahrung hinabsteigt, werden die Sechs Fu-Organe
gefüllt, und der Magen wird wieder entleert. Daher kann man sagen: Wenn die Sechs Fu-
Organe und die Fünf Zang-Organe fest sind, kann man sie nicht anfülle, und wenn sie
angefüllt werden müssen, können sie nicht fest sein".

Der Gelbe Kaiser fragte:" Ist nun der Cun-Puls67 am Handgelenk alleine ein Anzeichen für
den jeweiligen Zustand der Fünf Zang-Organe?"

Qi Bo antwortete:" Der Magen ist die Stelle, an dem sich Wasser und Getreide ansammeln,
und er ist der Ausgangspunkt, von dem aus die Sechs Fu-Organe versorgt werden. Die Fünf
Geschmäcker dringen durch den Mund in den Körper ein und werden im Magen gespeichert,
um die Fünf Zang-Organe zu versorgen und die Lebensenergie zu nähren. Die Fünf Zang-

64Der chinesische Terminus hierfür ist qi heng zhi fu, also wörtlich etwa Fu-Organe, die merkwürdige
(sonderbare) und erhaltend sind. Der Begriff Organ kommt hier gar nicht vor; stattdessen steht gleich fu
im Originaltext
65Im chinesischen Original heißt es an dieser Stelle chuan hua zhi fu, wörtlich also Fu-Organe, die

transportieren und verändern. Merkwürdigerweise taucht an dieser Stelle im Originaltext der Terminus
Zang-Organe gar nicht auf. Möglicherweise ist die terminologische Unterscheidung zwischen Zang-
und Fu-Organen eine solche späteren Datums.
66Wasser steht hier wohl für generell flüssige Nahrung und Getreide wohl für generell feste, also nicht-

flüssige Nahrungsbestandteile.
671 Cun ist ein chinesisches Längenmaß, das 1/3 Dezimeter entspricht.
67

Organe sind mit dem Cun4-Puls im Bereich des Taiyin verbunden.68 So geht die ganze
Lebenskraft ebenso wie die Geschmäcker in den Bereich des Magens. Dort werden sie
verdaut und sind dann im Cun-Puls am Handgelenk fühlbar. Die Fünf Klimaeinflüsse dringen
durch die Nasenlöcher ein und werden in Herz und Lunge gespeichert. Sind Herz und Lunge
erkrankt, kann die Nase nicht richtig wirksam werden. Um diese Krankheiten zu heilen ist es
erforderlich zu untersuchen, ob sie weiter nach unten vorgedrungen sind69; auch der Puls muß
beobachtet werden und seine Reichweite als auch seine voraussichtliche Entwicklung müssen
in Betracht gezogen werden. Diejenigen, die sich an Dämonen und Göttern70 orientieren,
erreichen die Tugend nicht, indem sie darüber sprechen; und diejenigen, die gegen
Akupunktur eingestellt sind, erreichen keine wahren Ergebnisse, indem sie lediglich darüber
sprechen.71 "

68Gemeint ist hier der Fußbereich des Großen Yin; also der Milzmeridian.
69D.h., Untersuchung des Urins und die Bewegungen der 6 Fu-Organe.
70D.h., Gut und Böse.
71D.h., bei Ablehnung durch den betroffenen Patienten sollte man von dieser Behandlungsmethode

absehen.
68

VIERTES BUCH

Vorbemerkungen
In den folgenden Kapiteln 12 - 16 geht es Ursprung und Herkunft der einzelnen
Behandlungsmethoden in der TCM, die das Neijing bereits kennt1 und die, mit bestimmten
geographischen Angaben2 verbunden, aus der Sicht der Han-Zeit zu verstehen sind. Vieles
deutet schon darauf hin, daß hier auch implizit Bevölkerungsgruppen erwähnt werden, die
eigentlich ethnisch nicht chinesischen Ursprungs, in der Zeit sich des ausdehnenden Han-
Reiches im Laufe der Zeit "sinisiert" wurden. In Kapitel 13 werden konzeptionelle Grenzen
zwischen der Han-Zeit sicher noch rudimentär vorhandenen Vorstellung der Erkrankung und
auch Krankenheilung durch übernatürliche Mächte (was sehr an die immer noch
vorhandenen schamanistischen Traditionen bei einigen Bevölkerungsschichten erinnert) und
einer eher rational angelegten heilkundlichen Auffassung im Sinne der
entsprechungssystematischen Medizin gezogen. Weiter geht es in diesem Kapitel um die
Umwandlung und Weitergabe des Lebenspendenden. In Kapitel 14 werden verschiedene
Therapieformen, die neben der Akupunktur als der vorherrschenden Therapieform in Neijing
erwähnt werden, aufgegriffen. Eine erste Einteilung der Krankheiten nach bestimmten
diagnostischen Merkmalen wird in Kapitel 15 behandelt. Kapitel 16 versucht eine erste
Systematisierung von Merkmalen, beideren Vorliegen die Krankheit einen zwangsläufig
tödlichen Verlauf nimmt.

1D.h.,die zur Zeit oder vor der Entstehung des Neijing bereits bekannt waren und hinsichtlich ihrer
konzeptionellen Ausgestaltung auch in der Literatur zum damaligen Zeitpunkt als solche bekannt
waren. Auf ihren vermeintlichen, weil historisch im Text nicht immer authentisch zutreffenden,
Ursprung wird in Kapitel 12 eingegangen.
2In Kapitel 12 werden die Fünf geographischen Regionen, die im System der Entsprechungssystematik

der Fünf Elemente und deren Wandlungsphasen, der Fünf Musikalischen Grundtöne, usw., eine Rolle
spielen, eingegangen: Diese Fünf geopraphischen Regionen sind: Osten, Westen, Norden, Süden und
schließlich das Zentrum.
69

Kapitel 12 Von den verschiedenen Therapieformen und den richtigen Verschreibungen


(Rezepten)

Der Gelbe Kaiser fragte:" Wie ist es, wenn die Ärzte Krankheiten behandeln? Behandeln sie
jede Krankheit anders und auf ihre jeweils eigene Weise ? Und können denn alle diese
Krankheiten auch tatsächlich geheilt werden ?"

Qi Bo antwortete: "Ja, alle diese Krankheiten können geheilt werden, wenn man die
geophysikalischen Gegebenheiten der jeweiligen Gegend berücksichtigt, in der sie auftreten.
Alles, was im Anfang war und erschaffen wurde, kommt aus dem Osten.3 Fisch und Salz sind
von den Wassern und Ozeanen und den Ufern derGewässer gemacht worden. Die Leute des
Ostens leben von Fisch und und Salz, ihr Leben verläuft in ruhigen Bahnen und ihre Essen
sehr schmackhaft. Der Verzehr von Fisch bringt brennenden Durst mit sich und der Verzehr
von (zuviel) Salz beeinträchtigt das Blut. Darum haben die Leute dieser Gegend auch alle eine
dunkle Gesichtsfarbe und leben leichtsinnig und bedenkenlos vor sich hin. Ihre (typischen)
Krankheiten, unter denen sie leiden, sind Geschwüre, die am besten mit einer
Akupunkturnadel aus Stein4 behandelt werden. So kommt es, daß die Akupunkturbehandlung
mit einer Nadel aus Stein aus der Region des Ostens stammt.

Wertvolles Metall und Jade stammen aus dem Westen. Die Behausungen der Leute sind aus
Kiesel und Sandstein errichtet. Die Natur bringt gute Ernten hervor. Die Leute dieser Gegend
leben im Gebirge, und wegen der starken Winde, des Wassers und des Bodens trotzen sie
Wind und Wetter und sind in ihrem Wesen energisch veranlagt. Die Kleidung dieser Leute
besteht derben Wollstoff oder derben Matten. Ihre Ernährung ist gut und so ausgewogen, daß
die Bevölkerung an Zahl zunimmt und blühendes Leben hervorbringt. So können auch
krankmachende Einflüsse auf das Körperäußere keinen Einfluß nehmen, und wenn sie denn
schon krank werden, so sind dies Krankheiten, die das Körperinnere betreffen. Solche
Krankheiten sind am besten mit Giftmedizin zu behandeln. So kommt es, daß die Behandlung
mit Giftmedizin aus der Region des Westens stammt.5

Im Norden wird gespart und gelagert. Das Land ist gebirgig, das von eiskalten Winden
durchstreift wird sowie von Frost und Eis heimgesucht wird. Die Leute dieser Region ziehen
ein Leben in der Wildnis vor und leben von den Milchprodukten und Tiere. Die äußerst starke
Kälte, die hier herrscht, führt zu vielen verschiedenen Krankheiten. Diese Krankheiten kann
man am besten mit der Methode mit dem Abbrennen von Substanzen der Beifußpflanze
behandelt werden (Moxibuistion, d. Üb.). So kommt es, daß die Behandlungsmethode der
Moxibustion aus der Gegend des Nordens stammt.6

3Der "Osten" der damaligen Zeit entspricht in etwa dem Bereich der heutigen Provinz Shandong.

Diese Gegend ist auch die Wiege der chinesischen Zivilisation etwa seit der Shang-Zeit im 16. -11. Jh..
v. Chr. Im Osten, so heißt es in den Kommentaren zu dieser Textstelle, fand die erste Gründung von
Dörfern und Städten eines seßhaft werdenden Volkes statt, und von hier ausnahm das Qi, durch das
Himmel und Erde entstand, seinen Ausgang.Der im Text verwendete Ausdruck für "Osten", nämlich
DONGFANG, ist auch ein mögliches Synonym für "China", wohl aber späteren Datums.
4Hierbei dürfte es sich auch medizingeschichtlich um eine sehr frühe Form der Akupunktur handeln,

die u.a. für die chinesische Steinzeit auf Grund archäologischer Funde belegt scheint.
5Der "Westen" ist hier sicher nicht deckungsgleich mit der heutigen geographischen Region des Nord-

bzw. Südwestens, sondern dürfte weitgehend einem Gebiet entsprechen, das vom heutigen
Zentralchina ausgehend leicht südwestlich verläuft und vielleicht bis in die Gegend des heutigen
Sichuan hineinreichte.
6Hier scheint es sich um eine Gegend zu handeln, die ursprünglich von einer nichtchinesischen Ethnie

bewohnt wurde. Im Gegensatz zu den seßhaft gewordenen und Ackerbau betreibenden Vorfahren der
heutigen Chinesen waren die den Chinesen benachbarten Ethnien in der Regel Nomaden und
Viehzüchter, die, wie die mongolischen Völker Zentralasiens noch heute, sich auch von der Milch
ihrer Tiere (z.B. Stutenmilch) ernährten - etwas, das für die eigentlichen Chinesen und deren
Ernährungsgewohnheiten auch heute noch unüblich ist. Die in der Milch vorhandenen Stoffe bezogen
70

Ernährung und Wachstum kommen aus dem Süden. Die Sonne ermöglicht in dieser Gegend
ein reichhaltiges und nahrungsreiches Leben. Der Boden ist zwar mit Grundwasser gefüllt,
doch gibt die Erde nicht viel her, die ihrerseits jedoch Tau und Dunst in sich aufnimmt,
wodurch das Austrocknen der Erde vermieden werden kann. Die Leutedes Südens ernähren
sich von Nahrung mit saurem Geschmack und von Sojabohnenquark. Ihrem Wesen nach sind
sie zurückhaltend und sanftmütig und lieben rote Farben. Die für die Leute dieser Gegend
typischen Krankheiten sind verkrümmte und kontrahierte Muskeln und Gefühlsstarre.
Derartige Erkrankungen sind am besten mit feinen Akupunkturnadeln7 zu behandeln. So
kommt es, daß die Behandlung mit den neun Akupunkturnadeln aus der Region des Südens
stammt.8

Die Gegend der Mitte, des Zentrums, ist eben und feucht. Alles, was innerhalb und durch das
Universum erschaffen ist, ist schließlich im Zentrum anzutreffen und wird von der Erde
aufgenommen. Die Leute dieser Gegend nehmen eine sehr variantenreiche Nahrung zu sich,
und daher müssen sie sich auch nicht so abplagen. Sie leiden an den verschiedensten
Krankheiten, die von voll vollständiger Lähmung bis hin zu Schüttelfrost und Fieber reichen.
Derartige Erkrankungen lassen sich am besten durch Atemübungen, Massage der Haut und
des ganzen Körpers und Übungen mit der Hand und den Beinen heilen. So kommt es, daß die
Behandlung durch Atemübungen, Massage sowie den Übungen mit den Gliedern aus der
Region der Mitte, die das Zentrum ist, stammt.9

Nun haben die alten Weisen10 diese verschiedenen Behandlungsmethoden zu einem Ganzen
zusammengeführt und vereint, um somit dem Erkrankten die ihm jeweils gemäße Therapie
zukommen lassen zu können. Die mit diesen Therapien erreichten Behandlungsergebnisse
waren so außergewöhnlich und so klar auf den jeweiligen Einzelfall abgestimmt, daß in allen
Fällen eine Heilung der Krankheit erreicht wurde. Auf diese Weise wurden die jeweiligen
Umstände und erforderlichen therapeutischen Vorgehensweisen festgestellt und so entstand
denn schließlich auch die Heilkunde."

und beziehen die Chinesen auch heute noch weitgehend aus Sojabohnenprodukten. Diese
benachbarten nichtchinesischen Ethniensind im Laufe der Geschichte kulturell assimiliert und
allgemein "sinisiert" worden.
7Zu den "feinen Akupunkturnadeln" vgl. Anm. 8.
8Die Akupunkturbehandlung mit "feinen" Nadeln, den neun standardgemäßen Nadeln, entspricht

dem auch heute noch üblichen Standard und ist historisch jüngeren Datums als die Verwendung von
Steinnadeln.
9Das Zentrum oder die Mitte des chinesischen Reiches zur Han-Zeit hat etwas östlich des heutigen

Zentralchinas gelegen. Mit Atemübungen und Bewegungsübungen sind weitgehend Praktiken des
Taijiquan, des Qigong, gemeint, die ihre Wurzeln wie auch das bekannte Gongfu in einer
traditionellen chinesischen Kampfsportart daoistischer Prägung haben. Die Massage erinnert sehr an
das Tuina der heutigen Zeit. Im Grunde handelt es sich hier aber um Techniken, die im Verlauf der
weiteren geschichtlichen Entwicklung der TCM in den Randbereich der sogenannten "Volksmedizin"
verwiesen wurde und Jahrhunderte später weder in den späteren Klassikern systematisch
abgehandelt wurden und auch nicht Gegenstand von akademischen Prüfungen in Traditioneller
Chinesischer Medizin, wie sie seit der Tang-Zeit(7.-10.Jh. n.Chr.) üblich wurden, waren.
10Die alten Weisen sind die Legendären Herrscher des daoistischen Pantheons, deren tatsächliche

Existenz historisch nicht einwandfrei gesichert ist. Dennoch ist die Kernaussage, wonach die
verschiedenen Behandlungs- und Heilmethoden, die hier in Kapitel 12 erwähnt werden, im Laufe der
Zeit in ein einheitliches heilkundliches Konzept integriert wurden, sozioklturell und auch
medizingeschichtlich im Ansatz sicher richtig.
71

Kapitel 13 Abhandlung über die Weitergabe der Lebens und die Umwandlung des
Lebenskraft11

Der Gelbe Kaiser sagte: "Mir ist bekannt, daß in alten Zeiten die Behandlung von
Krankheiten lediglich in der Weitergabe der Lebenskraft und der Umwandlung des
Lebenskraft bestand. Man rief die Götter an, und das war dann die Behandlung von
Krankheiten.12 Jetzt aber werden innere Krankheiten mit Giftmedizin und äußere
Erkrankungen mit Akupunktur behandelt, wobei die Erkrankten manchmal geheilt werden
oder auch nicht. Wie läßt sich das erklären ?"

Qi Bo antwortete:" In früher Zeit lebte der Mensch unter Vögeln, wilden Tieren und
Reptilien; er arbeitete, bewegte und regte sich, um der Kälte und Dunkelheit zu entgehen, und
er suchte sich eine Behausung, um der Hitze zu entfliehen. Er besaß keine Familie, mit der er
durch die Bande der Liebe verbunden gewesen wäre; über ihn herrschten keine Beamte, die
über ihn gewacht und auch sein Äußeres kontrolliert hätten.13 In solch einer ruhigen und
friedvollen Zeit konnten böse, krankmachende Einflüsse nicht so tief in das Körperinnere
vordringen. So war denn Giftmedizin zur Behandlung innerer Krankheiten kaum vonnöten,
und auch Akupunktur zur Behandlung äußerer Krankheiten wurde nicht gebraucht. So reichte
es denn völlig aus, die Lebenskraft weiterzugeben und die Götter anzurufen - darin bestand
die Behandlung14 Aber heute ist das alles ganz anders. Sorge, Schmerzen und Böses
verursachen Bitterkeit im Inneren des Körpers, während dem Körper von außen Wunden
zugefügt werden. Darüber hinaus werden die Grundsätze der Vier Jahreszeiten mißachtet, es
gibt Ungehorsam und Auflehnung und da sind jene, die die Gesetzmäßigkeiten dessen, was
angemessen in der Kälte des Winters und angemessen in der Hitze des Sommers ist, ständig
mißachten und dagegen handeln. Auch Tadel hilft hier nicht viel weiter. Böse Einflüsse
wirken vom frühen Morgen bis spät in die Nacht auf den Menschen ein; sie beeinträchtigen
die Fünf Zang-Organe, die Knochen und das Knochenmark im Körper; außen beeinträchtigen
sie Funktion des Verstandes und wirken sich nachteilig auf Muskeln und die Weichteile des
Körpers aus. So werden kleinere unbedeutende Krankheiten zwangsläufig schlimmer und
können sogar bis zum Tode führen. Daher kommt es, daß die Anrufung der Götter schon
lange nicht mehr die angemessene Umgangsweise in der Heilung und Behandlung von
Krankheiten darstellt."15

11Der chinesische Terminus für "Essenz" ist JING. Im Deutschen ließe sich dieser begriff am besten mit
"Lebenskraft" wiedergeben. Konzeptionell beinhaltet der Begriff des JING in der TCM die
grundlegende Materie des Lebens, aus der der Körper (z.B. seine Organe) besteht und die
notwendigen Vorgänge zur ständigen Aufrechterhaltung eben dieses Lebens. Darunter fallen so
lebenswichtige Körperflüssigkeiten wie das Blut und das von den Vorfahren (Eltern) an die
nackommenden Generationen weitergegebene Urqi. JING könnte also von seiner Konzeption in der
TCM her als ein Oberbegriff für QI,Blut,usw. aufgefaßt werden, der all das mit einschließt, was nach
dem Verständnis der TCM mit grundlegenden Lebensvorgängen und deren Aufrechterhaltung zu tun
hat.
12Diese Stelle ist schwer verständlich. Die Weitergabe und Umwandlung der Lebenskraft durch

Anrufung der Götter zielt auf eine sehr frühe Entwicklungsphase der TCM, die nach UNSCHULD
(1981:18ff.) sicher etwas mit der Orakel-und Dämonenmedizin der Shang/Zhou-Zeit zu tun hatte.
13Hier werden die Prinzipien der konfuzianischen Gesellschaft im alten China als eine höhere Stufe

der Zivilisation des Menschen gegenüber den früheren zivilisatorischen Evolutionsstufen der Steinzeit
und vor allem des späteren Nomadentums betrachtet.

14Diesdeswegen, weil wohl nach Auffassung des (nicht genau bekannten) Textautors, der sicherlich
den zivilisatorischen Entwicklungsstand im China der Han-Zeit zugrunde legt, die Lebensumstände
in der archaisch-nomadisierenden Gesellschaft wohl noch recht "einfach" und vor allem sozial
unklompiziert waren.
15Die TCM mit Akupunktur, Moxibustion und Kräutertherapie wird hier als eine rationale

Angelegenheit betrachtet, die nichts mehr mit der Beschwörung von Göttern oder Geistern zu tun hat.
72

Der Gelbe Kaiser sagte:" Sehr gut, wirklich! Gerne wäre ich in der Nähe einer erkrankten
Person, um den Vorgang des Sterbens zu beobachten. So ein plötzliches Ende des Lebens
erfüllt mich mit Neugier und Zweifeln. Ich möchte einfach gerne wissen, ob der Zeitpunkt des
Todes genauso klar abzusehen ist wie das Licht der Sonne und des Mondes."

Qi Bo antwortete:" Den alten Kaisern waren das Äußere der Gesichtsfarbe und die Arten der
Pulse sehr wichtig, und sie hielten viel von ihnen. Und die ersten Gelehrten der Medizin
(Chinas, d.Üb.) verkündeten diese als Grundsätze. In alter Zeit hielten sich die Gelehrten an
das System der Vier Jahreszeiten, die Gesichtsfarbe und die Pulse (als diagnostische
Kriterien, d.Üb.) und verstanden deren Bedeutung wohl. Die Weisen fügtenWasser, Feuer,
Holz, Metall und die Erde sowie das Gesetz der Vier Jahreszeiten und das der Acht Winde16,
die Konstellation der Gestirne zu einem Ganzen in ihrer betrachtung zusammen und vertraten
die Ansicht, daß diese Grundsätze nicht nur konstant, sondern auch untrennbar miteinander
verbunden seien. Sie stellten Veränderungen um Umwandlungen durch gegenseitige
Beeinflussung dieser Einheiten fest und konnten dabei beobachten, wie fein und wunderbar
die in der Natur waltenden Kräfte sind. Und so erkannte man auch das, was (für den
Menschen in seiner Einbindung in Kosmos und Universum, d.Üb.) notwendig ist.17 Wenn
man also die Bedeutung dieser Kräfte erkennen will, wird man sie in Gestalt der
Gesichtsfarbe und der Pulse manifestiert finden.18 Dabei entspricht die Gesichtsfarbe der
Sonne und der Puls entspricht dem Mond. Wenn man regelmäßig nach ihrer Bedeutung fragt,
wird man erkennen, wie wichtig Gesichtsfarbe und Puls sind. Die Gesichtsfarbe unterliegt
einem Wandel in Abhängigkeit von den Pulsen der Vier Jahreszeiten, und diesen
Veränderungen haben die alten Kaiser große Bedeutung zugemessen.19 Mit den Weisen
stimmten sie darin überein, und so rückte auch die Möglichkeit des Todes in weite Ferne und
dem Leben wurde Raum gegeben. Die mittelalterlichen Gelehrten verwendeten heißes Wasser
und andere Flüssigkeiten zur Behandlung von Krankheiten über einen Zeitraum von zehn
Tagen hinweg, um die Fünf Krankheiten der Gefühllosigkeit, die von den Acht Winden
verursacht werden, zu behandeln.20 Trat nach dieser zehntägigen Behandlung keine Besserung
oder Heilung ein, verordneten sie Thymian und die Wurzeln von Heilkräutern. Und wenn
Stengel und Wurzeln keine besondere Wirkung zeigten, wurden die obersten Teile und die
tiefsten Wurzeln zu einer Medizin zusammengemischt, und dieser Maßnahme wurde dann die
Beendigung aller bösen und krankmachenden Einflüsse zugesprochen. Die Behandlungweise
in der unmittelbar vorhergehenden Vergangenheit war jedoch ganz anders. Zu jener Zeit war
das Prinzip der Vier Jahreszeiten noch nicht bekannt, die Kenntnis von Sonne und Mond noch
nicht vorhanden, und auch den Grundsatz von naturgemäßen und nicht naturgemäßem
Handeln war noch unbekannt. Um körperlich bezogene Krankheiten zu behandeln und zu
heilen, wurden äußere Krankheiten mit Akupunktur und innere Krankheiten mit heißem

Der Konfuzianismus hingegen war und ist ja eine rational geprägte und auf das Diesseits bezogene
soziale Sittenlehre und hält sich von religiös-magischen Spekulationen weitgehend fern.
16Winde, die aus acht verschiedenen Richtungen (Osten/Südosten, Süd/Südwest, Westen/Nordwest,

Norden/Nordosten) kommen und Starre/ Gefühlslosigkeit der Haut, der inneren organischen
Weichteile, der Muskeln und des Pulses verursachen können. In Anlehnung daran ist der Begriff der
Acht Winde auch ein Sammelbegriff für Akupunkturpunkte, die zur Behandlung von Schmerzen,
Starre, Röte, geschwollenen Füßen, usw., eingesetzt werden.
17Hier schließt der Text des Neijing an die Tradition des Buches der Wandlungen (YIJING) an, wo die

Doktrinen von Yin und Yang sowie den Fünf Wandlungsphasen der Elemente,usw., bereits
vorformuliert wurden.
18An dieser Stelle werden im Text die Fünf Elemente mit ihren jeweiligen Wandlungsphasen, Winde,

usw., in Verbindung mit den Pulsen der TCM und der Gesichtsfarbe in Verbindung gebracht. Hierbei
handelt es sich um diagnostische Anhaltskriterien zur Feststellung bestimmter Krankheitsbilder.
19An dieser Stelle wird die konzeptionelle Art dieser Verbindung deutlich.

20DieFünf Krankheiten der Gefühllosigkeit nach WANG BING sind die der Haut, des Körperfleisches,
der Muskeln, Knochen und der Pulse.
73

Wasser, Sud oder anderen medizinischen Flüssigkeiten behandelt. Unsachgemäße


medizinische Behandlung ist verantwortungslos und muß daher bekämpft werden. Denn wird
eine Krankheit nicht vollständig ausgeheilt, kann leicht eine neue Krankheit entstehen oder
die alte Krankheit wieder aufleben."

Der Gelbe Kaiser sagte: "Ich hätte gern mehr über die grundlegenden Dinge der
Krankenheilung erfahren".

Qi Bo antwortete:" Der oberste und wichtigste Grundsatz ist der, daß in der Heilkunst keine
Fehler oder Nachlässigkeiten vorkommen. Es sollten weder Zweifel noch Verwirrung über
die Bedeutung der Gesichtsfarbe und der Pulse vorhanden sein; denn sie sind (als
diagnostische Verfahren zur Feststellung eines bestimmten Krankheitsbildes, auf das erst die
richtige Behandlung folgen kann, d.Üb.) die obersten Gesetze der Heilkunst. Als jene, die sich
gegen das Gesetz der Natur vergingen, an die Macht gelangten, wurde die Medizin, die aus
den obersten Zweigen und den tiefsten Wurzeln gewonnen wurde, nicht mehr verabreicht; der
göttliche Geist entfloh und das Land verkam zusehends. Aber sobald die Rebellion
niedergeschlagen war, wurden all die bewährten Praktiken wieder zum Leben erweckt durch
die auf die Rebellen folgende Generation der Geistigen Männer, die das Dao erreicht
hatten."21

Der Gelbe Kaiser sagte:" Ich kann nachvollziehen, wie wichtig es ist, Lehrer zu haben, die
die Theorie, nach der man die Gesichtsfarbe nicht von den Pulsen trennen kann, mit
Nachdruck vertreten - eine Theorie, die ich für der Weisheit letzten Schluß halte".

Qi Bo erwiderte:" In der Heilkunst kann das Bestmöglichste nur dann erreicht werden, wenn
Einigkeit herrscht".

Der Gelbe Kaiser fragte:" Was bedeutet denn Einigkeit?"

Darauf antwortete Qi Bo:" Wenn der Verstand der Menschen verschlossen und Weisheit
ausgesperrt ist, ist das menschliche Wesen der Krankheit ausgeliefert. Und dennoch sollten
deren Gefühle und Wünsche offenbar werden, ihren Wünschen und Vorstellungen
nachgekommen werden. Man würde dann sehr leicht erkennen, daß jene, die Geist und
Energie in sich tragen, zu blühendem Leben erwachen und ein gutes Leben führen gegenüber
denjenigen, deren Geist und Energie verlorengegangen ist".

Darauf rief der Gelbe Kaiser aus:" Ausgezeichnet, wirklich ausgezeichnet!"

21Offensichtlich geht es an dieser Stelle um eine recht scharfe, fast schon polemische Abgrenzung von
umherwandernden und als obskur und unseriös betrachteten Wunderheilern, die es ja schon vor und
auch während der Han-Zeit gab. Abgrenzungskriterium ist hier das Wissen um die Gesichtsfarbe und
die Lehre von den Pulsen, die dem Arzt als Mittel der Diagnose dienen, der eine
entsprechungssystematische Medizin der Akupunktur und Moxibustion praktiziert. Als historischer
Vorläufer der entsprechungssystematischen Medizin wird hier die Kräutermedizin angesehen, der
unter- stellt wird, daß sie weitgehend ohne dieses Wissen auskam.
74

Kapitel 14 Abhandlung über die Behandlung mit heißem Wasser, Heilwassern und
Wein

Der Gelbe Kaiser fragte:" Wie kann man denn Sud und klare Flüssigkeiten und den Bodensatz
des Weines und Süßwein aus den Fünf Arten von Getreide herstellen?"

Qi Bo antwortete:" Man nimmt ungeschälten Reis und dämpft ihn. Die Stengel des
ungeschälten Reis dienen als Feuerholz. Danach erhält man einen starken Reissud."

Der Gelbe Kaiser fragte:" Wie ist das möglich?"

Qi Bo antwortete: "Die Wirkung besteht darin, daß die Erzeugnisse des Himmels und der
Erde miteinander vermischt werden; es sind ja erhabene und grundlegende Substanzen, die in
ein ausgewogenes Verhältnis zueinander gebracht werden. Wird dies getan und erntet man
Pflanzen zur richtigen Jahreszeit, erhält man davon reich-lich."

Der Gelbe Kaiser sagte:" Obwohl in alten Zeiten die Weisen Sud und heiße Wasser
verordneten, waren ihnen der Weinbodensatz und Süßwein als Medizin offensichtlich
unbekannt. Trifft das so wirklich zu?"

Qi Bo antwortete:" Von alters her haben die Weisen Sud verordnet, aber das Schwergewicht
lag dabei auf der Zubereitung. So wurden von alters her Sud und andere medizinische
Flüssigkeiten zwar zubereitet, aber nicht als Medizin geschluckt. In mittelalterlicher Zeit, als
Tugend und Moral immer mehr nachließen, wurde diese Medizin eingenommen, wenn böse
krankmachende Einflüsse auftraten, und diese Medizin zeigte dann eine gute Wirkung".

Der Gelbe Kaiser erwiderte:" Die heute Lebenden sind aber nicht mit denjenigen der
mittelalterlichen Zeit vergleichbar."

Darauf antwortete Qi Bo:" Die jetztige Generation muß die Giftmedizin akzeptieren, die die
Krankheiten des Körpers angreifen, und sie sollte Akupunktur und Moxibustion in Ehren
halten, die zur Behandlung äußerer Krankheiten dienen".

Der Gelbe Kaiser fragte:" Kann man denn selbst dann noch gute Ergebnisse erreichen, wenn
der Körper schon ausgelaugt und das Blut erschöpft ist ?"

Qi Bo antwortete:" Nein, denn dann ist keine Lebensenergie mehr vorhanden".

Nun wollte der Kaiser wissen:" Was heißt denn das - 'es ist keine Lebensenergie mehr
vorhanden '?"

Darauf antwortete Qi Bo:" Akupunktur wirkt so: Wenn Lebenskraft und Lebensenergie des
menschen nicht dessen eigenen Willen antreiben, kann seine Krankheit nicht geheilt werden.
Heute werden Lebenskraft und Lebensenergie als Grundlage des Lebens selbst angesehen, um
sie am Leben zu erhalten, muß man sorgsam mit ihnen umgehen, und das, was Leben spendet,
muß seine Herrschaft ausüben. Wenn dies nicht vorhanden ist, wird die Grundlage allen
Lebens vertrieben und zerbrochen, und wie kann dann eine Krankheit geheilt werden, wenn
im Körper keine geistige Kraft mehr vorhanden ist ?"

Der Gelbe Kaiser sagte:" So ist denn das Leben selbst der Beginn aller Krankheit! Erst
dringen kleinste Teilchen durch die Haut in den Körper ein, und alle Heilkundigen, die als
solche ausgewiesen sind, nennen diese Art von Krankheit "die widerspenstige". Wenn man
nun diese Krankheit nicht mittels Akupunktur nicht behandeln kann, wird auch die Gabe noch
so guter Medikamente keine heilende Wirkung zeigen. Heute verfügen die Heilkündigen alle
über eine bestimmte Methode: Sie kontrollieren das Schicksal von Eltern, Verwandten,
Brüdern, Fremden und guten Freunden. Sie nehmen die Töne des Tages mit ihren Ohren wahr
75

und sie schenken den Farben des Tages Aufmerksamkeit mit ihren Augen; und wie könnten
sie sich beruhigt zurückziehen, wenn die Krankheit noch nicht geheilt ist?"

Darauf erwiderte Qi Bo:"Die Krankheit kann man mit einer Wurzel vergleichen; gute
medizinische Heilkunst entspricht dem obersten Zweig der Pflanze oder gleicht einem
Leuchtfeuer. Wird die Wurzel nicht erreicht, können die krankmachenden Einflüsse nicht
unter Kontrolle gebracht werden. Das ist es, was ich hierzu sagen möchte".

Der Gelbe Kaiser sagte:" Diejenigen, die nicht im Kleinsten den Gesetzen der Natur Folge
leisten, werden zwar leben können; aber Yang, das Leben innerhalb der Fünf Zang-Organe
selbst, wird erschöpft sein. Speichel und flüssige Ausscheidungen sind dann die Ränder ihrer
triebhaften Seele, die sich dann in Isolation befindet. Der Geist im Inneren des Körpers
eingesperrt, während verschwenderische und zerstörende Kräfte von außen angreifen. Am
Körper wird man von da an keine Kleidung mehr tragen können, um die vier Extremitäten
schützen zu können. Not und Elend werden inden Lungen Einzug halten, und der Einfluß des
Lebensspenders wird behindert, während der Körper von außen vernachlässigt wird. Wie
kann man Heilung unter solchen Bedingungen erreichen?"

Qi Bo antwortete:" Der beste Weg ist, sehr genau über die Entfernung dieser
krankmachenden kleinsten Teilchen nachzudenken, und ebenfalls sollte man das Schneiden
und Aushöhlen der aufgefundenen und zerstörten Teilchen in Betracht ziehen. Selbst wenn
sich Geschwüre zeigen, sollte man die vier Extremitäten langsam und vorsichtig bewegen und
sie mit warmer Kleidung bedecken. Man sollte die Lebensweise des Patienten untersuchen
und ihn zu einer veränderten Lebensführung anhalten; man sollte seinen Körper wieder
herstellen und seinen After öffnen, so daß die Eingeweide einer Reinigung unterzogen
werden und daß Ausscheidungen rechtzeitig erfolgen können und so die Fünf Zang-Organe,
denen das Lebensprinzip des Yang innewohnt, zu unterstützen. Man sollte also die
vernachlässigten Zang-Organe reinigen, und dann werden die Ausscheidungen mit Sicherheit
auch das Leben wiederherstellen, die Knochen des Körpers werden zu neuem Leben
erwachen, das Fleisch des Körpers nimmt an Kraft zu, und so wird das, was das Leben ist,
stark und friedfertig".

"Wirklich hervorragend!", rief der Gelbe Kaiser aus.


76

Kapitel 15 Abhandlung über Wertvolle Pläne

Vorbemerkung

Die Formulierungen "oben und unten, links und rechts" in Kapitel 15 sind in Zusammenhang
mit den dort erwähnten äußeren diagnostischen Anzeichen als eine besondere poetische
Ausdrucksweise für "überall" zu verstehen. Insgesamt werden hier Fragen der Diagnostik
wieder aufgegriffen.

Der Gelbe Kaiser sagte:" Ich gehe davon aus, daß du das Auftreten von Krankheiten, die
einerseits selten und merkwürdig sind, und die, die andererseits ständig vorkommen und
bereits bekannt sind, mit ganz unterschiedlichen Anzeichen verbindest und daß du davon
ausgehst, daß sie auch auf unterschiedliche Weise behandelt werden müssen".

Qi Bo antwortete: " Ich lege folgendes zugrunde: Einmal ist es das Ausmaß der jeweiligen
Krankheit, dann, ob es sich um eine leichte oder schwere Erkrankung handelt, und schließlich,
ob sie selten oder häufig auftritt. Handelt es sich um seltene Erkrankungen, so liegt hier das
größtmöglichste Maß in der Befolgung des Dao vor. Ich unterscheide zwischen den Fünf
Farben und den Veränderungen des Pulses und unterscheide, ob es sich dabei um seltene oder
gewöhnliche Erscheinungen handelt. In beiden Fällen gehe ich vom Prinzip des Dao aus. Ist
einmal der Geist entwichen, wird er in der Regel nicht wiederkehren. Sollte er dennoch
wiederkehren, wird keine Besserung eintreten, und so ist die Bewegung der Natur verloren
gegangen. Daher haben die Beachtung und Interpretation der Fünf Farben sowie der Pulse
eine hervorragende Bedeutung, und ihnen muß bis in alle Einzelheiten (in der Diagnostik,
d.Üb.) nachgegangen werden. Ihre Befunde werden auf wertvollen Schrifttafeln niedergelegt,
von denen man sagt, daß sie wertvolle Geheimnisse enthalten.22 Man muß die äußere Färbung
des Patienten genau beachten - oben und unten, links und rechts. Ist die Gesichtsfarbe hell und
bleich, sollte man den Patienten mit Sud und anderen medizinischen Flüssigkeiten über 10
Tage hinweg behandeln, die Krankheit müßte dann verschwinden. Ist die Gesichtsfarbe
dunkel, muß der Patient in gleicher Weise über einundzwanzig Tage hinweg behandelt
werden. Ist aber die Gesichtsfarbe extrem dunkel, muß dem Patienten der Bodensatz von
Wein und gegärte Flüssigkeit für die Dauer von hundert Tagen verordnet werden. Ist die
Gesichtsfarbe jung und frisch, und der Zustand des Patienten bessert sich dann immer noch
nicht, sollte die Behandlung hundert Tage nicht überschreiten. Läßt der Puls nach und ist er
angespannt und der Atem unterbrochen, tritt der Tod ein. Tritt die Krankheit wieder auf und
der Puls ist dabei langsam und leer, tritt der Tod ein.Äußeres Aussehen muß oben und unten
beachtet werden, links und rechts, denn alles hat seine eigene Bedeutung. Nimmt die Farbe
zu, bedeutet dies Aufstand, nimmt sie ab, bedeutet dies Unterwerfung. Der Puls an der rechten
Hand einer Frau weist auf Unordnung hin, der Puls an der linken Hand eines Mannes
ebenfalls, während der Puls an dessen rechter Hand auf Ordnung hindeutet.23 Treten ernste
Veränderungen innerhalb von Yang auf, wird Tod die Folge sein, und erscheinen sie
innerhalb von Yin, wird ebenfalls der Tod die Folge sein. Dies deshalb, weil Yin und Yang
einander entgegen gesetzt sind. Was nun die medizinische Behandlung angeht, so muß man
natürlich auch berücksichtigen, daß die zwei Kräfte der Natur, Yin und Yang, sich gegenseitig
angreifen können in ungewöhnlichen Augenblicken als auch zu gewöhnlicher Zeit. So muß
jederzeit mit allen möglichen Veränderungen gerechnet werden. Wird der Pulsschlag hastig,
sind Gefühllosigkeit und Lähmung die Folge, die mit nachfolgenden Fieberanfällen
einhergehen. Ist der Puls bereits in einem "losgelösten" Zustand, wird die Atmung eingestellt,
und ist diese eingestellt, wird das Blut in Mitleidenschaft gezogen. Isolation ist also mit

22Gemeint sie hier offensichtlich bestimmte Entsprechungstabellen zu einzelnen Farben, Pulsen, etc.,
in ihrer jeweiligen diagnostischen Aussagekraft im Sinne der entsprechungsssystemati-schen
Ausrichtung der TCM.
23"Unordnung" und "Ordnung" sind hier symbolhafte Ausdrücke für die medizinischen Zustände von

Krankheit bzw. Gesundheit.


77

Unordnung gleichzusetzen, während Langsam- und Regelmäßigkeit Ordnung entsprechen.


Folgt man der richtigen Methode zur Behandlung seltener und häufig auftretender
Krankheiten, so wird man ihnen Taiyin zugrunde legen. Befolgt man dies, und kann man
dennoch der Krankheit nicht Herr werden, so spricht man von einer "widerspenstigen
Krankheit"; und liegt eine solche vor, wird Tod die Folge sein. Kann man jedoch nach diesem
Prinzip der Krankheit Herr werden, so spricht man von einer "fügsamen Krankheit", und liegt
eine solche vor, wird der Patient genesen und wieder am Leben teilhaben können. Indem die
Acht Winde und die Vier Jahreszeiten den Tod überwinden, versetzen sie den Körper wieder
in seinen ursprünglichen Zustand; jene aber, die sich den Gesetzen der Natur nicht
unterwerfen, werden ihren Körper nicht in diesen ursprünglichen Zustand zurückversetzt
sehen.- Dies ist das Ende dieses Kapitels."
78

Kapitel 16 Abhandlung über die wichtige Prüfung der unwiderrufli- chen Regeln für
den Eintritt des Todes

Vorbemerkungen

In Kapitel 16 werden die einzelnen Jahreszeiten in ihrer Auswirkung auf den Atem
beschrieben. So hat der "Frühling eine anregende, der Sommer eine vertiefende Wirkung",
usw.

Der Gelbe Kaiser sagte:" Ich möchte gerne Grundlegendes über den Eintritt des Todes
erfahren. Was kannst du mir dazu sagen?"

Qi Bo antwortete:" Im ersten und zweiten Monat wurde durch den Atem des Himmels die
Erde erschaffen, und der Atem der Erde erschuf den Menschen, und dieser Atem belebte auch
die Leber des Menschen. Im dritten und vierten Monat hatte der himmlische Atem die
Erschaffung der Erde abgeschlossen, und der Atem der Erde gab dem Menschen seine
bestimmte Form und belebte seine Milz. Im fünften und sechsten Monat erwachte der Atem
des Himmels zu blühendem Leben, und der Atem der Erde erhöhte den Menschen
(entwickelte ihn weiter, d. Üb.) und belebte seinen Kopf. Im siebten und achten Monat war
Yin, das weibliche Element der Dunkelheit und des Todes dabei, das Männliche
umzubringen, während der Atem seinen Lungen Leben verlieh. Im neunten und zehnten
Monat war Yin dabei, sich zu stabilisieren, und jenes Feine, das die Erde belebt, machte sich
nun darin, den Atem des Mannes zu unterdrücken, der nun in seinem Herzen angekommen
war. Im elften und zwölften Monat wurde die Erde wieder von Frost heimgesucht, deren
Atem sich mit dem Atem des Mannes zur Belebung seiner Nieren vereinigte.24 Aber der
Frühling bringt es mit sich, daß das Eis bricht und der Frost vertrieben wird. Und der
Frühling regt auch den Fluß des Blutes (in seinem Kreislauf, d.Üb.) an und dessen Rhythmus.
Das Blut beginnt dann zu fließen in Abhängihgkeit von den Atemzügen, und so entsteht der
Blutkreislauf. Der Sommer durchdringt die Blutgefäße, so daß das Blut erschöpft wird und
aufhört zu zirkulieren. Und weil ebenso die Luft aufhört zu zirkulieren, entstehen starke
schmerzen, und so entstehen Krankheiten, die bekämpft werden müssen. Der Herbst
durchdringt die Haut, und dies ist in Übereinstimmung mit den Ge-gebenheiten der Natur,
oberer und unterer Puls sind gleich, die Energie wandelt sich um und hört auf zu strömen. Der
Winter durchdringt das Bewußtsein erschüttert Verstand und Intelligenz. Das, was fest
aufgerichtet wurde, wird untergraben und das Bewußtsein wird ins Wanken gebracht. So
haben alle vier Jahreszeiten - Frühling, Sommer, herbst und Winter - ihre eigenen
Auswirkungen, und ihnen zusammen ist ihre jeweilige Behandlungsmethode eigen.25 So hat
der Frühling eine anregende Wirkung und der Sommer eine vertiefende. Der Atem wird
gestört und es entsteht Unmoral, die ihrerseits zu Erkrankungen der Knochen und des
Knochenmarks führt, die als solche unheilbar sind. Darum kann man das Essen nicht
genießen, und so kommt es folglich zu einer Verminderung der Lebensenergie. Gegenüber
dem Frühling mit einer anregenden Wirkung hat der Herbst eine erschütternde Wirkung; die
Muskeln werden krumm und schief, und die aufrührerischen Kräfte formieren einen Ring und
führen zu einem nicht behebbaren Husten. Die Leute leiden dann unter Furcht, und bei
bestimmten Anlässen werden sie aufgeschreckt und fangen an zu schreien. Gegenüber dem
Frühling mit seiner anregenden Wirkung hat der Winter eine krankhafte Einwirkung auf die
Fünf Zang-Organe und führt zu wässrigen Schwellungen, die unheilbar sind. Desweiteren
führt dies bei den betroffenen Personen zu plapperndem Gerede. Wenn der Sommer eine
anregende Wirkung hat, treten im Frühling Krankheiten auf, und die Menschen werden träge.
Hat der Sommer eine anregende Wirkung, so treten im Herbst unheilbare Krankheiten auf,

24Hier wird die biologische Entwicklung des menschlichen Wesens aus der Sicht uralter
Vorstellungen, die nicht nur in der TCM dieser Zeit vorhanden waren, sondern wohl allgemeinem
Volksglauben entsprachen, geschildert.
25Hier geht es wohl um Behandlungsmethoden innerhalb der Akpunktur.
79

und die Menschen verspüren keinerlei Neigung, sich über ihre Ängste und Sorgen zu äußern;
sie verhalten sich dann wie Gefangene und Eroberte. Hat der Sommer eine anregende
Wirkung, so treten im Winter unheilbare Krankheiten auf, die die Lebenskraft der Leute
verfallen lassen, und so werden die Leute gewalttätig und aufgeregt. Hat der Herbst eine
anregende Wirkung, treten im Frühling Krankheiten auf, die unheilbar sind und so zu abrupter
Wachsamkeit führen. Die Menschen unterliegen der Versuchung, alles zu vernachlässigen
und zu vergessen, was sie gerade angefangen haben. Hat der Herbst eine anregende Wirkung,
so treten im Sommer unheilbare Krankheiten auf, und dies führt bei den Leuten dazu, sich am
liebsten zur Ruhe zu legen und zu schlafen26. Hat der Herbst eine anregende Wirkung, so
treten im Winter Krankheiten auf, die unheilbar sind und weckt in ihnen das Bedürfnis, sich
zum Schlafen niederzulegen, und obwohl sie schlafen, bleiben sie bei Bewußtsein (können
wohl nicht einschlafen, d. Üb.). Hat der Winter eine anregende Wirkung, so treten im Herbst
Krankheiten auf, die unheilbar sind und die die Menschen sehr durstig werden lassen. Im
allgemeinen wirkt sich jede Anregung auf den Bereich des Brustkorbs aus, das Bewußtsein
und den Magen, und man muß nun vermeiden, daß dies auch Auswirkungen auf die Fünf
Zang-Organe hat. Ist einmal die anregende Wirkung bis zum Herzen durchgedrungen, wird
das Herz eingekreist, und Tod ist die Folge.Ist die Anregung in ihrer Wirkung einmal bis zur
Milz vorgedrungen, wird der Tod innerhalb von fünf Tagen eintreten, und ist sie einmal bis in
den Zwerchfellbereich vorgedrungen, werden alle inneren Organe verletzt, die dadurch
bedingten Krankheiten sind nur schwer zu behandeln, und innerhalb eines Jahres wird man
mit Sicherheit sterben. Gelingt es aber, die Fünf Zang-Organe vor einer solchen
Durchdringung zu schützen, wird man feststellen können, ob es sich um widerspenstige oder
heilbare Erkrankungen handelt. Die heilbaren Erkrankungen finden sich im
Zwerchfellbereich, in der Milz und in den Nieren. Ist dies aber nicht bekannt, wird die
Erkrankung wieder auftreten. Sind Brustkorb und Bauch davon durchdrungen, so muß man
sich sofort den betroffnenen Organen in der Behandlung zuwenden. Denn wenn dies bekannt
ist, kann man die Durchdringung aufhalten und eine Heilung herbeiführen. Hilft hier die
Akupunkturbehandlung zum ersten Mal nicht, muß sie wiederholt werden. Die Nadel muß mit
ruhiger Hand und mit Sorgfalt angesetzt werden. Werden durch Akupunktur Schwellungen
behandelt, muß man die Nadel schütteln. Werden mittels Akupunktur die Blutgefäße
behandelt, darf die Nadel nicht geschüttelt werden. So muß man die Akupunktur (in der
Behandlung, d.Üb.) anwenden."

Der Gelbe Kaiser warf ein:" Ich möchte etwas über die Beziehung zwischen den zwölf
Blutbahnen und dem Erscheinungsbild des Todes erfahren".

Qi Bo antwortete:" Wenn durch den Puls des Taiyang das Ende eintritt, kann sich die Pupille
des Auges nicht mehr bewegen (drehen), sie ist nach oben, aber in die falsche Richtung,
ausgerichtet; es treten Krämpfe auf, und die Augenfarbe wird weiß. Alle Lebensvorgänge sind
unterbrochen, es wird Schweiß sichtbar, und wenn alles ausgeschwitzt ist, tritt der Tod ein.Ist
der Tod durch den Shaoyang bedingt, wird man taub, alle hundert Gelenke sind vollkommen
entspannt, die Augen sind "eingekreist" und sehen nichts mehr; alle Verbindungen innerhalb
des Körpers sind unterbrochen und innerhalb von einundeinhalb Tagen ist man fast tot. Erst
wird die Gesichtsfarbe grün, dann wird sie weiß, und der Tod tritt ein. Ist der Tod durch den
Bereich der "Yangming"- Meridiane bedingt, so bewegen sich Mund und Augen zwar noch
gut, aber der Patient leidet unter Ängsten und fängt wirr und zusammenhanglos an zu reden.
Seine Gesichtsfarbe wird gelb, seine oberen und unteren Arterien sind voll und ohne Gefühl;
danach kommt es zum Ende. Tritt der Tod durch den Bereich des Shaoyang ein, wird das
Gesicht schwarz,die Zähne stehen hervor und verfaulen, der Bauch schwillt an und
verschließt sich; der Kreislauf oben und unten bricht zusammen, danach tritt der Tod ein.
Wird der Tod im Bereich des Taiyin verursacht, schwillt der Bauch an und verschließt sich,
Rülpsen und Erbrechen sind die Folge. Rülpsen ist ein Zeichen von gegenläufiger Luft, in
diesem Fall läuft das Gesicht rot an. Kannman nicht mehr atmen, hört jede Bewegung oben
und unten auf; das Gesicht läuft schwarz an. Haut und Körperhaar fühlen sich trocken und

26Hier werden saisonale Einflüsse auf den menschlichen Biorhythmus (in der TCM die Organuhr)
und das damit zusammenhängende Auftreten bestimmter saisonal bedingter Krankheiten
beschrieben.
80

wie verbrannt an, und das Lebensende tritt ein. Wird der Tod im Bereich des Jueyin
verursacht, entsteht Hitze im Brustkorb und der Patient sieht sich schweren Herzanfällen
ausgeliefert; die Zunge verdreht sich, wird schwammig und zieht sich zusammen in Richtung
der oberen Zähne; danach tritt der Tod ein. Dies ist nun die Darstellung über den Tod und
seine Beziehung zu den zwölf Blutleitbahnen".27

27
Eigentlich die zwölf Hauptmeridiane, durch die Qi und auch
Blut fließt.
81

FÜNFTES BUCH

Kapitel 17 Abhandlung über die Pulse und die Feinheiten ihrer Feststellung1

Vorbemerkung

Hier geht es bei den Farben um diagnostische Kriterien für die Gesichts- und Körperfarbe
eines Patienten, von der ausgehend in Zusammenhang mit anderen diagnostischen Kriterien
auf einen bestimmten Krankheits- oder Gesundheitszustand geschlossen werden kann. Die
Himmlischen Stämme stehen hier für bestimmte Zeitabschnitte eines Jahres, zu denen der Tod
unter bestimmten Voraussetzungen eintreten kann.

Der Gelbe Kaiser fragte: "Wie geht denn nun eigentlich eine Behandlung von Krankheiten
vor sich?"

Qi Bo antwortete: "In der Behandlung von Krankheiten muß man ständig den grundlegenden
Regeln folgen. Sie sollte früh morgens erfolgen, denn da hat der Atem des Yin, dem
weiblichen Element in der Natur, sich noch nicht in Bewegung versetzt, und Yang hat sich
noch nicht verbreitet. Man ist noch nüchtern und hat weder Essen noch Trinken zu sich
genommen. Und so sind die zwölf Hauptleitbahnen noch nicht angefüllt und die Luo-Kanäle
funktionieren noch unverfälscht. Kraft und Energie sind nämlich dann noch nicht
beeinträchtigt. Und zu dieser Zeit sollte man den Puls untersuchen2. Man sollte in der
Untersuchung des Pulses feststellen, ob er in Bewegung ist oder stillsteht, und darauf sollte
man sorgfältig und sachgerecht achten. Zu untersuchen sind auch die Fünf Farben und die
Fünf Zang-Organe, und zwar dahingehend, ob sie unter einem Überschuß oder einem Mangel
(an Qi, d. Üb). leiden, und man sollte auch die Sechs Fu-Organe in diese Untersuchung mit
einbeziehen und feststellen, ob sie stark oder schwach sind. Man sollte den ganzen Körper
untersuchen und feststellen, ob er aufblüht oder im verfall begriffen ist. Alle diese fünf
Untersuchungsbereiche sind in ihren Ergebnissen in einer Gesamtdiagnose
zusammenzufassen. Und erst auf dieser Grundlage wird man etwas über Leben oder Tod
aussagen können. Der Puls ist der Speicher des Blutes. Sind die Pulsschläge lang und auffällig
in ihrer Dauer verlängert, dann befindet sich der Puls in einem normalen, guten Zustand; sind
die Pulsschläge hingegen kurz und ohne Fülle, dann befindet sich der Puls in keinem guten
Zustand und ist aus den Fugen geraten. Ist der Pulsschlag schnell und zeigt sechs Schläge auf
einen Atemzugsvorgang, liegen Herzbeschwerden vor, und wenn dieser Puls stärker wird,
liegt eine Verschlimmerung der Krankheit vor. Ist der obere Puls reichlich in seinen Schlägen,
dann liegt eine starke Antriebskraft vor; ist der untere Puls reichlich in seinen Schlägen, ist
dies ein Hinweis auf Blähungen. Ist der Pulsschlag und unregelmäßig und zitternd, und die
Pulsschläge treten nur in unregelmäßigen Abständen in Erscheinung, dann ist die Lebenskraft
in der Abnahme begriffen. Ist der Puls besonders schwach, aber noch immer fühlbar wie ein
Seidenfaden, ist auch die im Körper noch verbliebene Lebenskraft in gleicher Weise
besonders schwach. Ist der Puls klein und zart, langsam und kurz, als wenn man mit einem
Messer Bambus abschürfen würde, dann arbeitet das Herz nicht mehr richtig und man fühlt

1In diesem Kapitel werden die ersten Ansätze der Pulslehre entwickelt, die in der Diagnostik der TCM
eine so hervorragende Rolle spielt. Das erste systematische Werk zur Pulsfühlungskunde verdanken
wir WANG Shuhe aus der Zeit der Jin-Dynastie zwischen 210 und 255 n. Chr. In seinem Klassiker
"Mai Jing" ( Klassiker der Pulskunde") entwickelt er theroetische Grundzüge, wie sie heute in der
Diagnostik der TCM noch gültig sind. Selbstverständlich knüpft er dabei an die Tradition des Neijing
an. Sein Werk stellt eine erste umfassende Monographie und eine erste einheitliche Darstellung der
Pulskunde dar, wie sie sich so im Neijing wohl nicht findet. Zu weiteren Einzelheiten der
Pulslehrevgl. SCHMIDT, Wolfgang G.A.: Die alte Heilkunst der Chinesen. Ihre Kultur und
Anwendung, Freiburg 1992, S. 88-98 sowie SCHMIDT, W. G. A.: Handbuch der chinesischen
Heilkunst. Von Akupunktur bis Zungendiagnostik, Berlin 1995.
2In der Tat ist der Patient gehalten, zu einer Diagnosefeststellung im Rahmen der TCM mit der

Technik des Pulsfühlens im nüchternem Zustand zu erscheinen.


82

Herzschmerzen. Ist die Kraft des Pulsschlags wirr und die Farbe entspricht einer sprudelnden
Quelle, weist dies darauf hin, daß die Krankheit bereits in den Körper eingedrungen ist, die
Farbe sich nachteilig verändert hat und das Gesamtbefinden kritisch ist. Ist das
Gesamtbefinden aber kritisch, wird es wie die Saiten einer Laute zerspringen und dem Tode
anheimfallen. Daher muß man die Kraft der Fünf Zang-Organe einschätzen lernen.3 Rot ist
wie weißfarbener Stoff, während zinnoberfarbenes Rot sich eher in ockerfarbenes verwandelt.
Weiß ist wie die Federn einer Ganz und nicht wie die Farbe des Salzes. Grün entspricht der
Farbe des eines blauen Himmels, aber glänzendes und leuchtendes Jade entspricht nicht dem
indigoblaufarbenen. Gelb ist wie die Farbe der Seile eines Netzes, mit dem man einen Hahn
fängt, das Gelbfarbene entspricht aber nicht der Farbe des Lössbodens. Schwarz ist wie eine
dicke Schicht, aber die Farbe eines Lackbaumes ist nicht wie die graugrüner Erde. Man kann
vieles aus den feinen und hintegründigen Schattierungen der fünf Farben schließen; und sind
sie in dieser Form vorhanden, wird das Leben des Patienten nicht lange währen. Diejenigen
aber, die in der Diagnose fachlich vorgebildet sind und mit Scharfsinn zu Werke gehen,
beobachten jedes Lebewesen. Sie unterscheiden zwischen schwarz und weiß, sie
unterscheiden zwischen lang und kurz anhaltendem Puls. Verwechseln sie einen lang
anhaltenden mit einem Puls von kurzer Dauer, und können sie weiß und schwarz nicht
auseinander halten, dann spricht dies dafür, daß ihr Wissen nachgelassen hat. Auch die Fünf
Zang-Organe des Körpers müssen beachtet werden. Geht es ihnen gut und sind sie voller
Leben und sind sie in der Lage, Verwundungen und Angst zu überstehen, und die Töne ihres
Pulsschlags klingen ausgeglichen und gleichen denen, die aus dem Haus einer Familie
kommen, dann bedeutet dies, daß feuchte Luft in das Körperinnere vorgedrungen ist. Sind die
Töne fein und zart, und lassen die Töne nach und können nicht weiter erklingen, dann
bedeutet dies, daß das Leben Oberhand über die Krankheit gewonnen hat. Bedeckt die
Kleidung, die man trägt, den Körper nur unzureichend, bedeutet dies in Anlehnung an ein
Sprichwort: Gut und Böse können sich nicht verbergen, seien sie nun nah oder fern, und so
hängen sie von der Macht der Götter ab. Verfügen aber die Kornspeicher über keine
Reserven, wäre dies so, als wenn Türe und Eingänge keine Bedeutung hätten. Hören Wasser
und Bäche auf zu fließen so ist das wie die Unmöglichkeit für die Gallenblase, Flüssigkeit
aufzunehmen und bei sich zu speichern.4 Diejenigen, die dem Beachtung schenken, werden
leben, und diejenigen, die dem keine Bedeutung zumessen, werden sterben. Denn die Fünf
Zang-Organe sind die Zentren alles Lebens im Körper. Der Kopf ist die Heimstatt von Wissen
und Verstand. Hält man den Kopf gesenkt, so sieht man nur das, was tief unten ist und
Lebenskraft und Geist werden zerbrechen. Die Rücken ist die Heimstatt des
Brustkorbbereiches. Ist der Rücken als Ergebnis schweren Lasttragens gekrümmt, wird der
Brustkorbbereich in Mitleidenschaft gezogen. Die Mitte der Lenden stellen die Heimstatt der
Nieren dar; sind sie nicht in der Lage, weiterzuleiten und zu verändern, werden die Nieren in
ihrer Kraft ausgelaugt sein. Die Knie sind die Heimstatt der Muskeln. Sind die Muskeln nicht
gelenkig und können sie sich weder erheben noch niederlegen, entwickelt sich ein Buckel,
und sie werden verkümmern. Die Knochen sind die Heimstatt des Knochenmarks. Hat man
längere Zeit nicht aufstehen und umhergehen können, wird man hin und her wanken und die
Knochen werden verkümmern. Erhält man sich die Kraft, ist das Leben gesichert; tut man
dies nicht, bedeutet dies den Tod."

Und Qi Bo fuhr fort5: "Diejenigen, die gegen die Gesetze der Vier Jahreszeiten handeln und
sich dem Überfluß hingeben, haben unzureichende Ausscheidung und vernachlässigen ihre

3An dieser Stelle wird deutlich, daß die Pulsdiagnostik in einem engen Zusammenhang mit den

anderen diagnostischen Verfahren in der TCM - wie die Untersuchung der gesichtsfarbe, der Zunge,
usw.- steht und mit diesen eine untrennbare Einheit bildet.
4Sinnbilder für Paradoxa, d.h., unter bestimmten Bedingungen wären so sinnvolle Einrichtungen wie

staatliche Kornspeicher (im alten China) sinnlos, wenn es nichts zu lagern gibt; und Türen/Eingänge
wären überflüssig, wenn es keine Räume zu betreten gibt. Hier: Mit unzureichender
Körperbekleidung lassen sich auch dadurch bedingte Krankheiten nicht ursächlich bekämpfen.
5An dieser Stelle setzt Qi Bo zu einer neuen Erklärung an, obwohl hier - vom sonstigen Schema

abweichend - eine Frage des Gelben Kaisers als textliche Überleitung zu erwarten gewesen wäre.
Vielleicht ist dies durch spätere redaktionelle Bearbeitung des Textes - z.B. in Form einer
83

Pflichten. Ihre Ausscheidungen sind dann nur sehr gering. Erfüllen sie ihre Pflichten aber nur
unvollständig, leben sie im Überfluß und dies führt dann zu zügellosem Leben. Unter diesen
Umständen gibt es keine Entsprechung von Yin und Yang (keine Harmonie zwischen ihnen,
d. Üb.), und so tritt eine Krankheit auf, die den Puls an der Guan-Stelle des Handgelenks6
beeinflußt".

Der Gelbe Kaiser fragte:" Wird der Puls nicht von den Vier Jahreszeiten beeinflußt? Wie weiß
man dann, wo die Krankheit eigentlich sitzt? Wie kann man an Hand des Pulses den Verlauf
der Krankheit bestimmen? Und wie kann man erkennen, ob die Krankheit zunächst im
Inneren des Körpers angesiedelt ist? Wie kann man erkennen, daß sie nicht im äußeren
Körperbereich angesiedelt ist? Bitte gib mir eine Antwort auf diese fünf Fragen!"

Qi Bo antwortete:" Bitte denke daran, daß die Macht des Himmels groß ist und sie eine
Besserung des Schlechten und Schlimmen herbeiführen kann. Außerhalb alles dessen, was
lebt, und innerhalb des Universums gibt es Wandlungen, die von Himmel und Erde und von
der gegenseitigen Wechselbeziehung zwischen Yin und Yang herrühren. Die warmen und
herrlichen Tage des Frühlings leiten über zur Hitze des Sommers, und den Zorn, den man im
Herbst verspüren mag bereitet den Weg für das Gefühl der Vergebung und der Nachsicht, die
man im Winter verspürt. Der Wechsel der Vier Jahreszeiten wirkt sich also auf die oberen und
unteren (tiefen) Pulse aus. Das Innere aufeinander abzustimmen entspricht dem Frühling; sich
im Rahmen des angemessenen Verhaltens zu bewegen entspricht dem Sommer, sich den
Gegebenheiten zu fügen entspricht dem Herbst, und im Winter nachzudenken entspricht
dieser Jahreszeit. Der Winter dauert 45 Tage an, während dieser Zeit ist Yang, das Element
des Lichts und des Lebens, im oberen Puls geschwächt, während Yin in den unteren Pulsen
schwach ist. Der Sommer hält 45 Tage an, und während dieser Zeit ist Yin im oberen Puls
schwach und Yang im unteren Puls. Yin und Yang haben jede ihre eigenen Zeiten, zu denen
sie den Puls beeinflussen. Von ihrer gegenseitigen Wechselwirkung herrührend in dieser Zeit
kann man auf das Wirken des Pulses schließen. Dieses Wirken des Pulses entspricht
bestimmten Zeitabschnitten, und so kann man auf den Tag, an dem der Tod eintritt, schließen.
Den Puls kann man nur bei ausgezeichneter und genauer Vorgehensweise untersuchen. Dies
muß aber nach Plan geschehen, und die Kategorien Yin und Yang stellen hierbei die
Grundlage dar. Auf dieser Grundlage kann man zu Aussagen über den Zustand der zwölf
Hauptleitbahnen und die Fünf Elemente, die das Leben hervorbringen, kommen. Denn das
Leben selbst folgt einem Muster, das den Vier Jahreszeiten entspricht und von ihnen
vorgegeben wurde. Zur Heilung einer Krankheit darf man sich nicht gegen die Gesetze des
Himmels und der Erde versündigen, denn beide stellen eine Einheit dar. Hat man diese
Einheit von Himmel und Erde erfaßt und erkannt, dann wird man über den Tod und das
Leben Bescheid wissen. Die Musik besteht aus fünf musikalischen Grundtönen, und der
Körper besteht aus den Fünf Elementen, und der Puls besteht aus Yin und Yang. Dies gilt es
zu beachten. Und so kann man erkennen, daß Yin zu blühendem Leben gebracht wurde, wenn
man im Traum durch große Wasser stapft und schreckliche Ängste dabei auftreten. Ist Yang
erblüht, dann träumt man von großen brennenden Feuern, und man fühlt sich selbst davon
erfaßt. Blühen Yin und Yang in gleicher Weise, dann erlebt man im Traum, wie sich beide
Kräfte gegenseitig vernichten, töten oder verwunden. Geht es dem oberen Puls gut, hat man
Traum des Erlebnis des Fliegens, geht es dem unteren Puls gut, so erlebt man im Traum, wie
man hinabfällt. Ist der Körper mit Essen gefüllt, träumt, daß man das Überschüssige abgibt;
ist man aber hungrig und leidet an Hunger, dann träumt man davon, daß man Nahrung in sich
aufnähme. Die Anfüllung der Lungen bedingt Sorge und Weinen. Sind viele kleine Insekten
vorhanden, träumt man davon, daß man sie alle eingefangen hätte. Sind es viele große
Insekten, so träumt man, daß man sie alle alle gegeneinander haut und so verwundet und tötet.
Bei der Pulsfühlung ist methodisch vorzugehen: ist der Pulsschlag langsam und ruhig, hat er
eine schützende und führende Wirkung. In den Tagen des Frühlings ist der Puls oberflächlich
und wie Holz, das auf dem Wasser treibt oder wie ein Fisch, der durch die Wellen gleitet. In
der Sommerzeit durchströmt der Puls die haut und ist von einer Leichtigkeit und führt überall
zum Übermaß. Im Herbst machen sich die trägen Insekten unter der Haut daran,

nachträglichen Einfügung - bedingt, der sich in den frühen Fassungen der Han-Zeit wohl so nicht
findet.
6Eine der drei Stellen am Handgelenk, an denen man den Puls fühlt.
84

hervorzuschlüpfen. Im Winter sammeln sie sich um den Knochen und sind ruhig und
unauffällig wie ein Adliger, der in seinen herrschaftlichen Gemäuern residiert. Und darum
sagt man: Diejenigen, die ihren inneren Körper kennenlernen möchten, fühlen den Puls, und
so erhalten sie die Grundlagen der Diagnose. Diejenigen, das Äußere ihres Körpers
kennenlernen wollen, beachten Tod und Leben. Unter diesen sechs - dem Puls und den Fünf
Farben - ist die Pulsfühlung das wichtigste Mittel der Diagnose.7 Sind die Herzpulsschläge
stark und halten die Schläge auffällig lange an, so verdreht sich die Zunge nach oben und der
Kranke kann nicht sprechen. Ist der Pulsschlag sanft und verstreut wie Weidenholzblüten im
Wind, muß die betreffende Krankheit "eingekreist" werden. Ist der Schlag des Lungenpulses
kräftig und lang anhaltend, wird die entsprechende Krankheit Auswurf mit Blut
hervorbringen; sind aber die Pulsschläge schwach und nur vereinzelt wahrnehmbar
("verstreut"), wird die entsprechende Krankheit Ströme von schweiß erzeugen, die dann nicht
mehr aufgesaugt werden können. Ist der Pulsschlag der Leber stark und lang anhaltend, die
Gesichtsfarbe dabei graugrün, wird die entsprechende Krankheit eine Abnahme der
Gefühlsempfindung zur Folge haben, das Blut in den Rippen und Seiten sinkt nach unten ab
und läßt den Kranken keuchen und erschöpft werden. Sind die Pulsschläge sanft und
verstreut, die Gesichtsfarbe dabei hell leuchtend und glänzend, bedingt die zugrunde liegende
Krankheit reichliches Trinken, man hat einen übergroßen Durst und es zeigen sich
Veränderungen im Bereich des Körperfleisches und der Haut, die nach draußen durch den
Magen und die anderen Fu-Organe dringen. Ist der Magenpuls in seinen Schlägen stark und
lang anhaltend, die Gesichtsfarbe dabei rot, wird die entsprechende Krankheit die gekrümmte
oder gebrochene Oberschenkel hervorbringen. Sind die Pulsschläge sanft und verstreut, wird
die zugrunde liegende Krankheit große Schmerzen beim Essen verursachen. Ist der Pulsschlag
der Milz stark und lang anhaltend, und wird dabei die Gesichtsfarbe gelb, wird durch die
entsprechende Krankheit Atemnot durch zu kurze Atemzüge verursacht, und die Lebenskraft
nimmt ab. Sind die Pulsschläge sanft und verstreut, die Gesichtsfarbe ist nicht hell leuchtend
und glänzend, dann wird die entsprechende Krankheit eine Schwellung des Steißbeins und der
Füße hervorrufen, die dann aussehen, als ob sie Wasser enthielten. Ist der Pulsschlag der
Nieren kräftig und lang anhaltend, die Gesichtsfarbe gelb und rot, dann ruft die zugrunde
liegende Krankheit eine krankhaft bedingte gekrümmte Körperhaltung hervor. Sind die
Pulsschläge sanft und verstreut, dann wird die entsprechende Krankheit eine Abnahme des
Blutes bewirken, das dann nicht mehr fließen kann."

Der Gelbe Kaiser fragte:" Welche Krankheit liegt denn zugrunde, wenn man bei einer
Untersuchung des Herzpulses einen hastigen Pulsschlag feststellt? Und wie äußert sich diese
Krankheit ?"

Qi Bo antwortete:" Diese Krankheit nennt man "Bruch des Herzens"8 (Herz-Shan, Hernia des
Herzens, d. Ü.) und im Dünndarm finden sich die Anzeichen für diese Krankheit".

Der Gelbe Kaiser fragte:" Wie würdest du diese Krankheit beschreiben?

Qi Bo antwortete:" Das Herz fungiert als Türriegel zum Speicher9, der Dünndarm ist der
Botschafter. Darum sagt man auch, daß der Dünndarm derjenige Ort ist, an dem die Krankheit
zutage tritt".

Der Gelbe Kaiser fragte weiter:" Was passiert denn nun, wenn man bei einer Untersuchung
feststellt, daß der Pulsschlag des Magens Krankheit anzeigt?"

7Hier wird noch einmal die besondere Bedeutung der Pulsfühlungs-technik in der Diagnose der TCM
hervorgehoben, obwohl an anderer Stelle bereits gesagt wurde, daß eine Diagnose allein auf der
Grundlage der Pulsfühlung unvollständig sei (vgl. Anm. 3).
8Im chinesischen Original "xinshan"; darunter wird heute allgemein das Krankheitsbild der Angina

pectoris verstanden.
9Als Yang-Organ gehört das Herz zur Kategorie der Zang-Organe, die allesamt Speicherorgane der

Lebensenergie Qi sind. Über das Herz wird das Qi an die anderen Organe weitergeleitet.
85

Qi Bo erwiderte darauf:" Ist der Pulsschlag des Magens voll und leicht angespannt, so ist dies
ein Hinweis auf Schwellungen, die auf Grund von Wasserfülle entstehen; ist er leer und wie
zusammengepreßt, ist dies ein Hinweis auf Magendurchlässigkeit".

Der Gelbe Kaiser fragte:" Wie würdest du das Krankwerden, und die Veränderungen, die
damit verbunden sind, beschreiben?"

Qi Bo antwortete:" Es sind die Winde und das Wetter, die Frösteln und Fieber hervorbringen.
Wird man durch Überarbeitung krank, führt dies zu einer Erschöpfung des Zwerchfells. Nicht
angemessenes Wetter führt zu Verrücktheit; ständiger Wind bedingt, daß man aufgenommene
Nahrung nicht bei sich behalten kann, und bringt ein Übermaß an Wind innerhalb des Pulses
Krankheit mit sich, so entstehen Wunden und Geschwüre. Veränderungen, die durch
Krankheit entstehen, können nicht behandelt oder gar gezählt werden".

Der Gelbe Kaiser fragte:" Was alle möglichen Schwellungen und Geschwulste angeht,
zusammengezogene Muskeln und schmerzende Knochen - kann man diese Leiden denn
lindern und das Leben erhalten ?"

Qi Bo antwortete:" Die durch Frost bedingten Schwellungen gehören zu den Veränderungen,


die durch die Acht Winde hervorgerufen werden".

Der Gelbe Kaiser wollte wissen:" Wie kann man sie denn behandeln?"

Qi Bo antwortete:" Sie rechnen zu den Krankheiten, die durch die Vier Jahreszeiten bedingt
sind; sie können überwunden und behandelt und somit Besserung erzielt werden".10

Der Gelbe Kaiser fragte:" Was ist denn die Ursache solcher Krankheiten? Ist es so, daß die
Fünf Zang-Organe diese Krankheit weiterleiten und den Puls stören und die Gesichtsfarbe
beeinträchtigen? Und wie ist die Dauer, der Schweregrad und wie sind die Erfolgsaussichten
für die Heilung solcher Krankheiten?"

Qi Bo antwortete:" Darüber muß man natürlich Bescheid wissen. So ist dies denn auch eine
ausgezeichnete Frage! Zeigt sich, daß der Puls zurückgeht und dabei die Gesichtsfarbe nicht
irgendwie krankhaft verändert ist, dann halt es sich um eine neue Erkrankung im
Anfangsstadium. Ist aber der Puls unverändert, aber die Gesichtsfarbe, so weist dies darauf
hin, daß es sich um eine chronische Krankheit handelt. Stellt man einer Untersuchung fest,
daß weder Puls noch Gesichtsfarbe in irgendeiner Weise verändert sind, dann handelt es sich
um eine erst gerade ausgebrochene Krankheit. Stimmen die Pulsschläge von Leber und
Nieren überein, und sind die Gesichtsfarben, die mit diesen Organen übereinstimmen,
himmelblau und rot, dann hat die zugrunde liegende Krankheit eine vernichtende und
schädliche Wirkung. Das nicht mehr feststellbare Blut findet dann sein Ende, und das, was
noch feststellbar war, verflüssigt und verdünnt sich so, daß man den Eindruck erhält, als
schwämme es im oder durch das Wasser.11 Die inneren Pulse des Armes geben beide
Hinweise auf die angrenzenden Körperbereiche und zeigen den Zustand im Bereich der
kurzen Rippen an. Der äußere Armpuls weist auf den Zustand der Nieren hin. Untersucht man
die Armpulse auf das Innere hin, so findet man den Puls, der mit dem Magen verbunden ist.
Außerdem weist der linke äußere Armpuls auf den Zustand der Leber hin, der linke innere
Puls auf den Zustand des Zwerchfellbereichs. Der rechte äußere Puls zeigt den Zustand des
10An dieser Stelle wird deutlich, daß im Neijing die durch Frost verursachten Schwellungen (z.B.
Frostbeulen) ursächlich auf die Acht Winde zurückgeführt werden, welche ihrerseits von den Vier
Jahreszeiten abhängig sind. Die Kategorie der Acht Winde als Krankheitsfaktoren wären nach diesem
Verständnis eine Unterkategorie innerhalb der Kategorie der Vier Jahreszeiten.
11Schwer verständliche Stelle im Original. Andere mögliche Lesart: "Wenn Leber- und Nierenpuls

aufeinandertreffen und sich dabei eine blau-rötliche Färbung zeigt, handelt es sich um eine
Verletzung der Sehnen und Knochen, deren Blutungen nicht sichtbar sind. Sind jedoch Blutungen
sichtbar, und tritt sogar Blut aus, befinden sich Feuchtigkeit und Wasser im Unterleib".
86

Magens an und der rechte innere Puls den Zustand der Milz. Der obere rechte Puls im äußeren
Bereich zeigt an, was im Brustkorbbereich passiert, während der obere linke Puls des Äußeren
den Zustand des Herzens anzeigt und der obere linke Puls des Inneren Aufschluß darüber gibt,
was sich im mittleren Brustkorbbereich abspielt.12 Die Vorderseite wird untersucht, um
Aufschluß über ihren Zustand zu erhalten. So wird auch die Rückseite untersucht, um
Aufschluß über deren Befindlichkeit zu erhalten. Vor Abschluß der Untersuchung müssen
noch der Brustkorbbereich und dessen Inneres untersucht werden. Zum Schluß sind
schließlich noch der Dünndarm,die Hüften, Lenden, Oberschenkel, Knie und das Schienbein
in Augenschein zu nehmen.

Ist der Pulsschlag dick und grob und breit, ist das Element Yin in seinem Inhalt nicht
ausreichend vorhanden, und gleichzeitig gibt es einen Überschuß an Yang, was zu Fieber
innerhalb des Körpers führt. Ist eine Krankheit einmal aufgetreten und geht nur langsam
wieder zurück, der obere Puls ist voll und breit, der untere Puls leer und langsam, dann weisen
diese Symptome auf Verrücktheit (besser: Verwirrung) hin. Geht die vorhandene Krankheit
nur langsam zurück und ist der obere Puls leer und langsam, der untere Puls voll und breit,
weist dies auf böse krankmachende Einflüsse hin. Auf diese Weise stellt man fest, daß Yang
den bösen krankmachenden Einflüssen im Körperinneren ausgesetzt ist. Sind die Pulsschläge
stark und schwer, so muß man sie während der Untersuchung sorgfältig zählen, weil der
Bereich des Shaoyang aufrührerisch geworden ist. Sind die Pulsschläge stark und schwer, und
stellt sich während der Untersuchung heraus, daß sie zertreut und unregelmäßig erfolgen, so
weist dies auf Frösteln und Fieber hin. Sind die Pulsschläge jedoch leicht und fließend,
zerstreut und unregelmäßig, so handelt es sich um Schwindelgefühle und verschwommenes
Sehvermögen. Sind alle Pulsschläge leicht und fließend, aber nicht hastig, so sind sie alle dem
Bereich des Yang zuzuordnen und weisen auf Fieber hin. Sind die Pulsschläge kurz und
kräftig, so entstammen sie alle dem Bereich des Yin und weisen auf Schmerzen der Knochen
hin. Ist der Puls ausgeglichen und ruhig, wird die Krankheit durch den Puls des Fußes
angezeigt. Ist über eine bestimmte Zeit hinweg die Krankheit durch den Yang-Puls angezeigt,
dann enthalten ausgeschiedenes Urin und Stuhl Eiter und Blut. Alle, die die Kunst der
Pulsfühlung ausüben, stellen fest, daß wenn der Puls fein, langsam und kurz anhaltend ist, ein
Übermaß an Yang vorliegt, und daß, wenn der Puls schlüpfrig ist wie rollende Kieselsteine in
einem Becken, ein Überschuß an Yin vorliegt. Liegt ein Überschuß an Yang vor, wird das
Körperinnere heiß und fiebrig, liegt ein Überschuß an Yin vor, nehmen Schwitzen, Kälte und
Frösteln überhand. Fühlt man im innen den Puls, der sich auf den äußeren Bereich bezieht,
und bezieht sich dieser Puls nicht auf das Äußere bezieht, so liegt eine beeinträchtigende
Ansammlung in Herz und Magen vor. Fühlt man außen den Puls, der auf den Bereich des
Inneren hinweist, und weist dieser nicht auf das Innere hin, dann ist der Körper heiß und
fiebrig. Fühlt man den Puls am höchst gelegenen Punkt und er steigt nicht hinab, so weist dies
auf eine Auszehrung der Lenden und der Füße hin. Fühlt man den Puls am tiesten Punkt, und
er steigt nicht hinauf, so weist dies Kopf- und Schmerzen im Genickbereich hin. Ist bei
Untersuchungsabschluß des Pulses der Knochenpuls13 gering, so bedeutet dies, daß Lenden
und Rückgrat schmerzen und der Körper an Gefühllosigkeit leidet."14

12An dieser Stelle des Neijing werden Angaben zur Lage der einzelnen Pulse gemacht, die mit den
Zang- und Fu-Organen korrelieren. Diese Angaben variieren in der späteren Literatur der
Traditionellen Chinesischen Medizin durchaus.
13Der Knochenpuls gehört heute nicht mehr zu den Standards der Pulslehre in der TCM.
14Für "Puls" wird an dieser Stelle das Zeichen mai verwendet, das doppeldeutig ist und auch

"Blutbahn/Arterien" bedeuten kann. Die ursprüngliche Bedeutung war wohl "Blutbahn". Eine ältere
Zeichenform für mai bestand aus dem Radikal für "Fleisch" und der Zeichenzusatzkomponente für
"Abzweigung", die so auch im ältesten Schriftzeichenlexikons Chinas, dem Shuowen Jiezi von Xu Shen
um 100 n. Chr. so angeführt wird. Die "Abzweigungen" dort sind die Blutbahnen, durch die das Blut
in alle Teile des Körpers gelangt. Im Neijing Suwen heißt es dazu u.a.: "Alle Arterien/Venen
(=Blutgefäße/bahnen) sind die Transportwege des Blutes". Im Kommentar zu dieser Stelle heißt es:
"Bedeutet, daß alles Blut (viel und wenig) dieser Lagerstätten (hier) zusammentrifft und durch die
Blutbahnen fließt". Die aus mai erweiterte Bedeutung ist "Puls", das mit dem Radikal "Fleisch" (für
"Körper(organe)") und der Zeichenzusatzkomponente für "Abzweigung" geschrieben wurde, um es
von der erstgenannten Bedeutung zu unterscheiden. Heute ist die Schreibung in der letztgenannten
87

Kapitel 18 Abhandlung über die Anzeichen von Gesundheit im Menschen

Vorbemerkung

Das Auftreten bestimmter Pulse zu bestimmten Jahreszeiten kann entweder auf Gesundheit
oder Krankheit hindeuten. Tritt ein bestimmter Puls zu einer als ungewöhnlich betrachteten
Jahreszeit auf, dann heißt das, daß " der Puls überhand nimmt" und somit ein pathogenes
Anzeichen darstellt. "Moxibustion": vgl. dazu Glossar im Anhang.

Der Gelbe Kaiser fragte:"Was macht denn einen gesunden Menschen aus?

Qi Bo antwortete:" Der Mensch nimmt einen Ausatmungszug vor, auf den ein Pulsschlag
kommt, der sich dann wiederholt, sowie einen Einatmungszug, auf den ebenfalls ein
Pulsschlag kommt, der sich dann wiederholt. Ein- und Ausatmung bestimmen also den
jeweili-gen Pulsschlag. Kommen fünf Atemzüge auf einen Pulsschlag, so bedeutet dies, daß
noch eine weitere Atembewegung dazwischen liegt, die einen tiefen Ausatmungszug
hervorbringt. Das nennt mandann einen gesunden und gesundheitlich wohl ausgewogenen
Menschen. Ein solcher Mensch ist nicht von Krankheit betroffen. Diejenigen, die in der Regel
gesund und ohne Krankheit sind, helfen denen, die erkrankt sind, denn nur der Gesunde soll
dem Kranken helfen. Und darum helfen sie den Kranken, ihre Atmung den notwendigen
Gegebenheiten anzupassen; und um den Kranken zu unterrichten, geben sie selbst das
Beispiel.15 Zeigt sich bei jemandem ein Ausatmungszug, auf den drei Pulsschläge kommen
und bei einem Einatmungszug ebenfalls drei Pulsschläge, und weist der Puls an der Chi-Stelle
des Handgelenks auf Fieber hin, so handelt es sich um eine "Wärmekrankheit". Ist diese
Pulsfühlungsstelle heiß und der Puls schlüpfrig, so spricht man von einer "Krankheit der
Winde" (die die Winde verursacht haben, d. Üb)16. Sind die Pulsschläge schwach, zart und
langsam, spricht man von "Gefühllosigkeit". Zeigen sich beim Patienten auf einen
Ausatmungszug vier Pulsschläge im Bereich des oberen Pulses, so deutet dies auf den Tod,
der eintreten wird, hin. Hört der Pulsschlag plötzlich auf und fängt nicht wieder an, so weist
dies ebenfalls auf den Tod hin. Löst sich der plötzlich auf und beschleunigt sich plötzlich, so
bedeutet dies Tod. Ununterbrochenes und regelmäßiges Atmen ist für einen gesunden
Menschen das, was die Kornkammer für den Magen ist: Es ist der Magen, der für das Atmen
eines gesunden Menschen und dessen stabile Gesundheit ausschlaggebend ist. Hat der
Mensch keinen Atem im Magen, so ist er nicht in Ordnung und alles ist durcheinander. Wer
sich im Zustand des Durcheinanders befindet, muß sterben. Im Frühling sollte der Puls des
Magens fein und zart sein wie die Saiten eines Musikinstruments. Streicht man über die

Form für beide Bedeutungen üblich. Dabei ist der Puls lediglich eine Manifestation des Blutes, das in
unterschiedlicher Intensität durch die Pumpe Herz bewegt und in Gang gehalten wird und so durch
den ganzen Körper fließt. Der Puls wäre unter diesem Aspekt der Schriftzeichenanalyse in der TCM
begrifflich weniger eine eigenständige Entität, "Puls" und "Blutbahn" wären demnach nur zwei
Kehrseiten ein und desselben Phänomens (Blutsammelstelle - Blutfluß). Möglicherweise liegt hier eine
tradititonelle Vorstellung, die auf das Kanal- und Bewässerungssystem in alten China zurückgeht,
zugrunde.
15An dieser Stelle werden Angaben zum Überschuß von Yin/Yang auf der Basis der Pulsdiagnose

gemacht.
16"Windkrankheiten" stehen in Verbindung mit den bereits früher erwähnten Acht Winden. Vgl. dazu

Zhang, Daqian: Zhongguo Zhenjiu Da Cidian ("Großes Lexikon der Akupunktur"), Peking 1988:19,
wo dazu u.a. ausgeführt wird, daß nach der Vorstellung im alten China die aus verschiedenen
Richtungen kommenden Winde (insgesamt wurden 8 unterschieden) mit bestimmten klimatischen
Qualitäten verbunden sind: der Nordwind bringt z.B. Kälte mit sich, der aus dem Süden kommende
Wind bringe das Qi des Südens - Wärme - mit sich, usw. In der TCM hat sich aufbauend auf dieser
Vorstellung eine eigene Pathologie der Winde entwickelt, vgl. Schmidt, W. G. A: Handbuch der
chinesischen Heilkunst, Berlin 1995:122). Die hierfür in der Terminologie der TCM übliche
Bezeichnung "Bafeng" (Acht Winde) bezeichnet außerdem den Namen einer Akupunkturpunkstelle
eines zu den Außerregulären Punkten rechnenden Akupunkturpunktes (vgl. Schmidt, W.G.A., ebd.,
1995:34).
88

Saiten zu oft hinweg, so wird der Magen in seinem Wirken zu häufigen Wechseln ausgesetzt,
und die dadurch auftretende Krankheit beeinträchtigt auch die Leber. Geben die Saiten nur
einen einzigen Ton von sich ab, hört der Magen zu wirken auf, und Tod ist die Folge. Ist der
Magen in seinem Wirken beeinträchtigt, so wird in der Erntezeit Krankheit auftreten. Ist die
Beeinträchtigung oder die Abweichung vom normalen Wirken sehr stark, wird die Krankheit
sofort eintreten. Die Zang-Organe stoßen alles an die Leber ab. Und so trägt die Leber die
Lebenskraft der Muskeln und der feinschichtigen Membranen in sich. Im Sommer sollten die
Pulsschläge des Magens wie die eines zarten Hammers sein; dann ist man gesund und in
seinem Zustand in Bezug auf die Kräfte Yin und Yang ausgeglichen. Sind die Schläge des
Hammers jedoch zu stark, so ist der Magen in seinem Wirken gestört, und eine Herzkrankheit
wird die Folge sein. Zeigt sich im Puls nur ein einziger Hammerschlag, so hat der Magen sein
Wirken eingestellt, und der Tod wird die Folge sein. Sind im Magen Steine vorhanden, wird
eine Krankheit im Winter die Folge sein. Handelt es sich um große Steine, kommt die
Krankheit sofort zum Ausbruch. Die Zang-Organe befinden sich untereinander in ständiger
Wechselbeziehung,und zwar durch den Kreislauf mit dem Herz und dem Blut, das vom
Herzen gespeichert wird. Und so erfüllt das Blut den Puls mit der Lebenskraft über die
Atmung. Im Sommer sollte der Pulsschlag17 des Magens sanft und leicht sein, dann ist man
gesund. Ist der Puls aber zu schwach, so ist der Magen in seinem Wirken gestört, und eine
Erkrankung der Milz ist die Folge. Ist der Pulsschlag sanft und schwach, und sind im Magen
Steine vorhanden, so wird eine Erkrankung im Winter die Folge sein. Ist der Pulsschlag von
großer Schwäche, so wird die Krankheit sofort ausbrechen. Die Fünf Zang-Organe versorgen
die Milz mit Feuchtigkeit. Und so sind in der Milz die Lebenskräfte des Körperfleisches
enthalten. Im Herbst sollte der Puls des Magens klein und derb sein, dann ist man gesund. Ist
der Puls aber zu rauh, ist der Magen in seinem Wirken gestört, und eine Erkrankung der
Lungen wird die Folge sein. Ist der Puls rauh im Übermaß, wird Tod die Folge sein. Ist der
Puls rauh, aber gespannt wie die Saiten einer Laute, so wird im Frühling eine Erkrankung
auftreten. Ähnelt aber der Pulsschlag zu sehr den angespannten Saiten einer Laute, wird die
Krankheit sofort ausbrechen. Die Lungen sind die am höchsten gelegenen Organe unter den
Zang-Organen, und sie sorgen dafür, daß Blut und Lebenskraft im Körper frei hin und her
fließen können, und sie leiten und beschützen ebenfalls Yin und Yang.

Im Winter sollte der Magenpuls klein und wie ein Stein sein; dann ist man gesund und
ausgeglichen. Ist der Magenpuls jedoch einem Stein zu sehr ähnlich, dann arbeitet der Magen
unzureichend, und eine Nierenerkrankung wird die Folge sein. Ist der Schlag des
Magenpulses einem einzelnen Stein ähnlich, hört der Magen zu arbeiten auf, und der Tod
wird die Folge sein. Ist der Schlag des Magenpulses wie ein Stein und ähnelt gleichzeitig
einem Hammerschlag, dann wird eine Krankheit im Sommer auftreten. Ist der Pulsschlag, der
einem Hammer ähnelt, zu stark, wird die Krankheit sofort auftreten.

Das am tiefsten gelegene Organ sind die Nieren, und folglich sind sie die Sammelstelle für die
Lebenskraft der Knochen und das Knochenmark18. Die quer verlaufenden Luo-Leitbahnen
und der Magen werden als ausgehöhlte Linien aufgefaßt, die sich mit der Leitbahn der Lunge
kreuzen, die an der linken Brusthälfte hinabführt.19 Die Bewegungen in diesen Leitbahnen
entsprechen denen des Pulses zur Erhaltung der Lebenskraft. Hat man starken Husten, und

17Die Pulse sind in der TCM nicht in die Entsprechungssystematik für die Fünf Zang-Organe
integriert. Die Angaben für die Pulse der verschiedenen Jahreszeiten an dieser Stelle sind
offensichtlich ein eher subtiler Versuch, dies "nachzuholen", wobei freilich die Relevanz der
diesbezüglichen Aussagen nicht in Frage gestellt wird.
18"Jing" ist der dafür in der TCM übliche Terminus, der auch vielfach mit "Essenz" wiedergegeben

wird. Die Nieren sind auch die Sammelstelle des Jing oder der Essenz im Körper überhaupt, wobei
nach alter daoistischer Vorstellung das jing auch die materielle Basis für das Qi sei, wobei jing dann
auch in Qi umgewandelt und somit "veredelt" werde. Darüber hinaus ist jing im Sinne von
"Lebenskraft" auch das lebensspendende Sperma des Mannes bei der menschlichen Fortpflanzung.
19Solche anatomischen Lageangaben sind in den Texten des Neijing Suwen aus offensichtlichen

Gründen relativ selten zu finden; werden solche gemacht, dann meistens immer in Verbindung mit
dem Verlauf der Meridiane.
89

wird dadurch die Atmung oft beeinträchtigt, und so wird eine Krankheit im Inneren des
Magens die Folge sein, die zum Stau und zur Fehlleitung im Nahrungskreislauf führt; die
Nahrung wird nie wieder durchfließen können, und so fällt man dem Tod anheim. Die
Bewegungen in den Leitbahnen unterhalb des Brustbereiches unterstützen die Lebenskraft
und bewahren sie vor einem Ausströmen (Entweichen) derselben.

Wenden wir uns nun der Behandlung des Cun-Pulses20 zu. Ist der Schlag dieses Pulses
innerhalb der Hand kurz und ohne Fülle, sind Kopfschmerzen die Folge. Hält der Schlag
dieses Pulses innerhalb der Hand länger als gewöhnlich vor, so treten starke Schmerzen an
den Füßen und im Schienbeinbereich auf. Wühlt dieser Puls innerhalb der Hand herum und
schlägt nach oben aus, entstehen Schulter- und Rückenschmerzen. Ist der Schlag dieses Pulses
im Handgelenkbereich tief und und fühlt sich an wie ein in Wasser geworfener Stein, und ist
er darüber hinaus kräftig und stark, ist eine Krankheit im Körperinneren die Folge. Ist dieser
Puls aber oberflächlich wie ein auf dem Wasser treibendes Stück Holz, und reichlich, wird
eine Krankheit im äußeren Körperbereich die Folge sein. Ist dieser Puls jedoch tief und dabei
schwach, so sind Erkältung und Fieber und sogar ein Riß der Fu-Organe die Folge und
Schmerzen im Bereich des Dünndarms. Ist der Puls tief, aber gewaltig, dann deutet dies auf
einen Stau im bereich der Rippen hin sowie darauf, daß im bereich des Magens sich eine
Ansammlung von üblen und krankmachenden Einflüssen in alle Richtungen vollzogen hat,
die sich in Form von Schmerzen äußert. Ist der Puls tief und von Kurzatmigkeit begleitet, so
weist dies auf Fieber und Erkältung hin. Ist der Puls reichlich, schlüpfrig, aber auch gewaltig,
dann sagt man, daß die Krankheit den äußeren Körperbereich ergriffen hat; ist der Pulsschlag
klein, lang und leicht gespannt, aber auch gewaltig, hat die Krankheit den inneren
Körperbereich ergriffen. Ist der Puls klein, schwach und darum nur sehr undeutlich
wahrnehmbar, langsam, aber kurz, so weist dies auf eine chronische Krankheit hin. Ist der
Puls schlüpfrig, oberflächlich wahrnehmbar und hastig, so handelt es sich um eine neue
Erkrankung, die gerade erst auftritt.

Ist der Puls gereizt, so handelt es sich um Schwierigkeiten bei der Atmung und Schmerzen im
Bereich des Dünndarms. Ist der Puls schlüpfrig, so sind die Acht Winde aktiv ( als
Krankheitsursache, d.Üb.), und ist der Puls klein, so ist Starre vorhanden. Tritt der Pulsschlag
verspätet auf und fühlt sich an wie die Äste eines Weidenbaumes, die sich bei leichtem Wind
bewegen, und ist er schlüpfrig und gleicht rollenden Kieselsteinen in einem Becken, so wüten
die Kräfte des Fiebers im Körper. Ist der Puls reichlich, aber gespannt, so handelt es sich um
wassergefüllte Anschwellungen. Stimmt der Pulsschlag mit Yin und Yang überein, so wendet
sich die Krankheit zum Besseren und geht ihrem Ende zu. Befinden sich aber die Pulsschläge
im Gegensatz zu Yin und Yang, verschlimmert sich der Krankheitszustand. Befindet sich der
Pulsschlag in Übereinstimmung mit der jeweiligen Jahreszeit, so tritt keine Krankheit auf. Ist
dies aber nicht der Fall, so erreicht der Puls auch nicht den bereich der Fünf Zang-Organe,
und die dann auftretende Krankheit wird nur schwer zu behandeln sein. Neigen die Arme zu
einer grünlich-grauen Färbung, so treibt der Pulsschlag zu wenig Blut vor sich her (d.h., es
liegen Durchblutungsstörungen vor, d.Üb).

Ist der Chi-Puls21 langsam, säumig und klein, so löst er sich einerseits auf und verflüchtigt
sich, verbessert sich aber andererseits. Verharrt man im regungslosen Zustand, während der
Puls reichlich ist, so ist der Körper nur unzureichend durchblutet. Ist dieser Puls klein, aber
allgemein schlüpfrig, so weist dies auf einen Blutüberschuß hin. Ist der Puls "kalt" und
allgemein "schmal", so deutet dies auf eine undichte Stelle im bereich des Hinterteils eines

20Heute wohl eher die an der Cun-Pulsfühlungsstelle des rechten und linken Handgelenks
befindlichen Pulse für die diversen Inneren Organe.
21Pulse der Pulsfühlungsstelle Chi am linken und rechten Handgelenk für die betreffenden Inneren

Organe.
90

Erkrankten hin22. Wenn die Pulse allgemein und dieser Puls im Besonderen rasch und rauh
bei anhaltender Hitze sind, so weist dies auf vorhandenes Fieber im Körper hin.23 Wenn in
Bezug auf die Leber die Himmlischen Stämme GENGXIN24 sichtbar werden, so bedeutet dies
Tod. Treten im Bezug zum Herzen die Himmlischen Stämme RENGUI25 auf, so wird Tod die
Folge sein. Beim Erscheinen der Himmlischen Stämme JIAYI26 in Verbindung mit der Milz
ist Tod die Folge. Die Lunge in Verbindung mit den Himmlischen Stämmen BINGDING27
weist auf eintretenden Tod hin. Das Auftreten der Himmlischen Stämme WUJI28 in
Verbindung mit den Nieren bedeutet den Tod. Und so bedeutet dies allgemein, daß eine
Störung dieser Organe immer den Tod zur Folge hat. Ist der Pulsschlag im Nackenbereich
reichlich, so werden Husten und Schwierigkeiten beim Atmen auftreten, was durch Wasser
bedingt sein soll. Findet sich im Augeninneren eine geringe Schwellung, als ob eine
schlafende Seidenraupe gestalt annähme, so nimmt man ebenfalls an, daß dies durch Wasser
bedingt sei. Hat der Urin eine rötlich-gelbe Färbung, obwohl sich der Patient im Ruhezustand
befindet, so deutet dies auf Gelbsucht und Geschwüre hin. Hat jemand gerade gegessen und
fühlt sich dennoch hungrig, so kann dies auf Magengeschwüre hindeuten. Schwillt das
Gesicht an, so ist dies vom Wind verursacht; schwellen Knie und Füße, so ist Wasser die
Ursache. Nimmt das Auge eine gelbliche Färbung an, so handelt es sich um Gelbsucht.

Die Hand der Frau gehört zum Bereich des Shaoyin. Verspürt man an ihr eine große
Pulsbewegung, so trägt sie ein Kind in sich. Der Puls bietet die Möglichkeit, festzustellen, ob
sich der Patient entsprechend den Gesetzen der Vier Jahreszeiten verhält oder nicht. So ist
beispielsweise der Pulsschlag im Frühling und Sommer dünn, und wenn im Herbst und
Winter der Puls oberflächlich und lang ist, so weist dies eindeutig darauf hin, daß sich der
Patient nicht in Übereinstimmung mit den Vier Jahreszeiten befindet. Selbst bei Krankheit
kann der Puls jedoch ruhig und still sein, und selbst dann, wenn man viel Blut verloren hat,
kann der Puls voll und lang sein. Die Krankheit ist innen, wenn der Puls leer und langsam ist;
die Krankheit befindet sich außen, wenn der Puls klein und fein, aber dennoch gewaltig ist.
Alle (damit verbundenen, d.Üb.) Krankheiten sind nur schwer zu behandeln und zu heilen,
denn ihre Ursachen sind ja bekannterweise auf Verstöße gegen die Gesetze der Vier
Jahreszeiten zurückzuführen. Der Mensch verwendet Wasser und Getreide als Grundlage
seines Daseins und folglich muß er sterben, wenn er über Wasser und Getreide nicht verfügt.
Wird der Puls durch den Magen nicht wieder stark gemacht, muß der Mensch ebenfalls
sterben. Jene Pulse, die durch den Magen nicht wieder erstarken, erhalten ihre Versorgung
lediglich durch die Inneren Organe, nicht aber durch die Lebenskraft des Magens. Diejenigen,
die keinen Magenpuls haben, haben einen Leberpuls der nicht gespannt ist wie die Saite eines
Musikinstruments, und einen Nierenpuls, der nicht grob und rauh ist wie ein Stein. Die Pulse
im Bereich des Shaoyin zeigen zunächst einen aus der Nähe kommenden Ton an, der dann
aber ganz plötzlich eine Tonalität annimmt, die aus der Ferne kommt. Zuerst sind diese Töne
von nur kurz anhaltender Dauer, und dann werden sie plötzlich länger. Die Pulse im Bereich
des "Yangming"29 sind oberflächlich, groß, kurz und leer; sie streifen abrupt die Finger und
verlassen diese ganz schnell wieder. Wenn man heiter, gesund und gelassen ist, so fließt der

22ImpliziertEntweichen von Qi durch diese undichte Stelle.


23Die folgenden Bezeichnungen für die Himmlischen Stämme sind eigentlich Zeitpunktangaben über
den Eintritt des Todes an bestimmten Tagen. Im folgenden erscheinen jeweils Kombinationen von
zwei aufeinander folgende Himmlische Stämme: Jiayi steht für Holz (Leber), Binding für Feuer
(Herz), Wuji für Erde (Milz), Gengxin für Metall (Lunge) und Rengui für Wasser (Nieren). Ansonsten
schwer verständliche Stelle.
24Für den Siebten und Achten Himmlischen Stamm.
25Für den Neunten und Zehnten Himmlischen Stamm.
26Für den Ersten und Zweiten Himmlischen Stamm.
27Für den Drtitten und Vierten Himmlischen Stamm.
28Für den Fünften und Sechsten Himmlischen Stamm.
29"Sonnenlicht" steht hier für "Yangming".
91

Herzpuls umher und stellt Verbindungen her, so als ob Perlen aneinander gefügt werden oder
roter Jade. In diesem Fall spricht man von einem gesunden Herzen.

Im Sommer gilt die Lebenskraft als des Magens als Ursprung allen Lebens. Ist der mensch
erkrankt, hört man das Herz rauschen und hecheln. Hält dieser Zustand an und kommt von
innen und sind die Pulsschläge falsch und klein, so spricht man von einem erkrankten Herzen.
Zum Zeitpunkt des Todes fließt der Herzpuls vorne, hinten aber ist er gestört und schwach.
Dann steht er ganz still, als würde er von einem Haken oder Gürtel gewürgt. Das nennt man
den Herztod.

Hat der Mensch Ruhe und befindet sich in gesundem Zustand, zeigt sich der Lungenpuls
ruhig und friedfertig. Ist er friedfertig wie ein (schlafendes, d.Üb.) Dorf oder wie die die
Samen eines Ulmenbaumes, kann man von einer gesunden Lunge sprechen. Im Herbst wird
die Lebenskraft des Magens als die Quelle allen Lebens betrachtet. Ist der Mensch erkrankt,
befindet sich der Lungenpuls zwar in Bewegung, doch steigt er weder nach oben noch nach
unten, wie dies sonst bei den Flügelschlägen eines Huhns der Fall ist. Dann handelt es sich
um eine kranke Lunge. Zum Zeitpunkt des Todes bewegt sich der Lungenpuls wie ein Ding,
das auf dem Wasser vor sich hintreibt und sich als Gegenstand langsam auflöst, oder wie ein
Haarteil, das vom wind hin und her gewirbelt wird. Das ist dann der Tod der Lunge.

Befindet sich der Mensch in Ruhe und in gesundem Zustand, schlägt der Leberpuls leise und
schwach, so, als wenn man einen Bambusstab ohne Spitzen benutzen würde. Das ist dann eine
gesunde Leber. Im Frühling wird die Lebenskraft des Magens als Grundlage allen Lebens
angesehen. Ist der Mensch gesund, verläuft der Leberpuls voll und zeichnet sich durch große
und lange sowie leicht angespannte Pulsschläge aus, die man bei leichter als auch bei fester
Pulsfühlung wahrnehmen kann. Ist der Puls aber schlüpfrig wie der Ton vieler
zusammengebundener Bambusstäbe, so handelt es sich um eine erkrankte Leber. Zum
Zeitpunkt des Todes bewegt sich der Leberpuls mit erhöhter Geschwindigkeit und Intensität
wie der neue lange Bogen eines Saiteninstruments - das ist dann der Tod der Leber.

Hat der Mensch Ruhe und ist gesund, fließt der Puls der Milz schwach, sammelt sich und löst
sich wieder auf gleich einem Huhn, das sich auf dem Erdboden bewegt. Das ist dann eine
gesunde Milz. Zum Zeitpunkt des Todes ist der Milzpuls scharf und stark wie der Schnabel
eines Vogels oder wie die Kopffeder eines Hahns oder sogar wie große Wassermassen. Das
ist dann der Tod der Milz.

Befindet sich der Mensch in Ruhe und in gesundem Zustand, fließt der Nierenpuls, als ob er
keuchte und müde wäre, obwohl er abwechselnd gedrückt und gebunden und andererseits auf
der Höhe wäre. Dann spricht man von gesunden Nieren. Im Winter wird die Lebenskraft des
Magens als Ursprung allen Lebens angesehen. Ist der Mensch erkrankt, so fließt der
Nierenpuls, als ob er verlängerte Bohnenfasern berühre, und nimmt dabei an Intensität zu.
Dann handelt es sich um erkrankte Nieren. Zum Zeitpunkt des Todes fließt der Nierenpuls
und zeigt sich dadurch an, als ob manan einem gewundenen Seil zerre oder mit den
Fingespitzen auf Stein schnippen würde. Das ist dann der Tod der Nieren".
92

SECHSTES BUCH

Kapitel 19 Abhandlung über die lebenswichtige Funktion der Inneren Organe

Der Gelbe Kaiser fragte: " Im Frühling gleicht der Puls den Saiten einer Laute? Warum ist das
so?"

Qi Bo antwortete:" Der Puls des Frühlings ist der der Leber; und Holz ist das Element des
Ostens. Der Frühling umfaßt jene Zeitspanne, wo alles Leben beginnt und erschaffen wird. So
ist auch der Atmungsvorgang noch schwach und weich, der Puls langsam und schlüpfrig.
Alles Lebende ist dann aufwärts und nach vorne gerichtet und befindet sich noch im Verlauf
des Wachstums. Darum kann man den Puls dieser Jahreszeit mit den feinen Saiten einer Laute
vergleichen. Liegt bei den Lebenden ein davon abweichender Pulszustand vor, so ist
Krankheit aufgetreten".

Der Gelbe Kaiser fragte:" Wie kann es denn aber zu einem solchen Zustand kommen, der
nicht der Norm des Frühlings entspricht?"

Qi Bo erwiderte:" Ist die Atmung tief und stark, so nennt man dies Überschuß und ein
Übertreten dessen, was maßvoll und angemessen ist. Und so entsteht zwangsläufig eine
Krankheit, die den äußeren Körperbereich ergreift. Ist die Atmung aber nicht tief, und ist sie
fein, dann ist dies (ebenfalls, d. Üb.) nicht angemessen, und Krankheit ergreift das
Körperinnere".

Der Gelbe Kaiser fragte:" Was ist denn die Folge, wenn der Puls im Frühling überhand
nimmt? Wird dann der gesamte Körper von der Krankheit ergriffen?"

Qi Bo antwortete:"Übermaß läßt den Menschen Angemessenes und Gutes vergessen, und so


läßt er an Achtsamkeit und Sorgfalt nach Sorglosigkeit macht ihn ganz benommen, so daß er
mit geschlossenen Augen herumläuft und dem Wahn anheim fällt. Und selbst wenn dies nicht
zuträfe, so wird er Schmerzen im Brustkorb verspüren, die seinen ganzen Rücken abwärts
verlaufen und und seine Gliedmaßen und Achselhöhlen erreichen".

Der Gelbe Kaiser fragte:" Ist der Puls des Sommers nicht wie ein Hammer, oder kann er auch
anders als ein Hammer klingen?"

Qi Bo antwortete:" Der Sommerpuls ist der des Herzens, und Feuer ist das Element des
Südens. Alles, was erschaffen ist, ist erblüht und gedeiht, und so ist der Atem alles Lebenden
reichlich in der Einnahme und vermindert im Ausstoß. Darum spricht man hier von einem
Puls, der einem Hammer gleicht. Handelt es sich aber um einen anderen als diesen (einen
gegenteiligen, d. Üb.) Zustand, liegt Krankheit vor".

Der Gelbe Kaiser fragte:" Wie kann es denn zu solch einen gegenteiligen Zustand kommen?"

Qi Bo antwortete:" Wenn man viel ein- und wieder ausatmet, dann ist das Überschuß und
überschreitet die Grenze des tatsächlich Angemessenen. Und so wird Krankheit das Äußere
des Körpers ergreifen. Wenn man aber nur schwach und daher wenig einatmet, aber viel
ausatmet, dann ist dies ein Mangel, und die Krankheit wird das Körperinnere ergreifen".1

Der Gelbe Kaiser fragte:" Was ist denn die Folge, wenn der Puls im Sommer überhand
nimmt? Wird dann Krankheit den gesamten Körper ergreifen?"

1Hiergeht es um ein grundlegendes Konzept in der TCM: Überschuß bzw. Mangel an Qi stellen in
jedem Fall Krankheit dar, ein ausgewogenes Maß an Qi hingegen Gesundheit. Diese Aussage wird mit
der Unterscheidung von inneren und äußeren Krankheiten in Verbindung gebracht: Mangel und
Überschuß, innere und äußere Erkrankungen sind wichtige Einteilungskriterien für verschiedene
Krankheiten in der Pathologie der TCM.
93

Qi Bo erwiderte:" Überschuß führt zu Hitze im menschlichen Körper und läßt Haut und
Fleisch schmerzen; der Körper wird zunehmend mit Hitze überflutet und kann nicht mehr
leben; Herzschmerzen stellen sich ein; oben wird es zu Husten und Spucken kommen,
während unten der Lebensatem entweicht".

Der Gelbe Kaiser fragte:" Ist es richtig, wenn im Herbst der Puls oberflächlich und treibend
ist, gleich einem Stück Holz, das auf dem Wasser treibt- oder kann der Puls auch nicht
oberflächlich sein?"

Qi Bo antwortete: "Der Herbstpuls ist der der Lunge, und Metall ist das Element des Westens.
Alles Lebende stellt sich auf die Ernte ein, erreicht seinen Abschluß und seine Vollendung.
Und so ist auch der Atem leicht, und der Puls ist langsam und oberflächlich, weil man schnell
einatmet und sich das Ausgeatmete wieder zerstreut, kann man ihn "oberflächlich" nennen. Ist
aber das Gegenteil der Fall, so liegt Krankheit vor".

Der Gelbe Kaiser fragte:"Wie kann es denn zu letzterem kommen?"

Qi Bo antwortete:" Atmet man stoßweise ein und schlägt das Herz gewaltig, während beide
Vorgänge von einem langsamen Puls abhängen, so ist das Überschuß und Krankheit wird das
Körperäußere ergreifen.Kommt der Atem aber stoßweise und ist dennoch schwach, so ist das
ein Mangel, und Krankheit wird folglich das Körperinnere ergreifen".

Der Gelbe Kaiser fragte:" Was ist denn die Folge, wenn der Puls im Herbst überhand nimmt?"

Qi Bo antwortete: "Überschuß verursacht Schwierigkeiten beim Atmen und so wird man am


Rücken starke Schmerzen verspüren, wird an Fieber leiden und lebensuntüchtig sein. Beim
Ein- und Ausatmen wird man keuchen, und weil die Atmungskraft nachgelassen hat, wird
man auch husten. Oben scheidet man mit dem Atem Blut aus, unten kann man die eindeutigen
Töne von Krankheit vernehmen".2
Der Gelbe Kaiser fragte:" Ist es nicht so, daß der Puls im Winter nicht ausgeglichen sein
sollte, oder ist dies nicht erforderlich?"

Qi Bo antwortete:" Der Winterpuls ist der der Nieren, und Wasser ist das Element des
Nordens. Alles Lebende zieht sich in seine Behausungen zurück und lebt hinter
verschlossenen Türen, und das Getreide wird in Speichern aufbewahrt. So kommt denn auch
der Atem tief von innen und entweicht mit Kraft. So ist der Atem wohl ausgeglichen; ist aber
das Gegenteil der Fall, tritt Krankheit auf".

Der Gelbe Kaiser fragte:" Wie könnte es denn dazu kommen?"

Qi Bo antwortete:" Kommt der Atem wie das Schnappen mit Fingern auf Stein, so nennt man
dies Überschuß, und Krankheit wird das Körperäußere ergreifen. Kommt der Atem zu häufig,
so ist dies unangemessen und bedeutet, daß Krankheit das Körperinnere erreicht hat".3

Der Gelbe Kaiser fragte:" Was ist denn die Folge, wenn der Puls im Winter überhand
nimmt?"

Qi Bo antwortete:" Überschuß bringt den Menschen dazu, sein Rückgrat zu entspannen, und
dies führt seinerseits zu Schmerzen. Und weil sein Atmungsvermögen eingeschränkt ist,
unterläßt er lieber das Sprechen. Das macht ihn lebensuntüchtig und versetzt ihn in ängstliche
Anspannung, die einer Krankheit ähnlich ist. Mangel an Ernährung und Hunger wüten in

2Dies bezieht sich offensichtlich auf die Töne des Pulsschlags, die auf entsprechende Erkrankungen
hinweisen.
3Innere Krankheiten werden in der TCM als schlimmer gegenüber den äußeren Krankheiten

aufgefaßt.
94

seinen Rippen; es treten Zerrungen im Rückgrat auf und Schmerzen im Dünndarmbereich4,


und obwohl der Mensch mit Nahrung angefüllt ist, wird nur wenig davon in Urin
umgewandelt und ausgeschieden."

"Das ist eine treffliche Erklärung", erwiderte der Gelbe Kaiser und fuhr dann fort: " Gehorsam
oder Ungehorsam gegenüber den Gesetzen der Vier Jahreszeiten führt entweder zu Wandel
oder zur Katastrophe. Wie kann man denn nun über den Puls der Milz wachen, wenn er
unabhängig von anderen Pulsen ist?"

Qi Bo antwortete:" Der Puls der Milz steht mit dem Element Erde in Verbindung. Die Milz ist
ein eigenständiges Organ und bewässert die vier anderen Organe in ihrer Nähe".5

Der Gelbe Kaiser fragte:" Wie kann man denn nun feststellen, ob der Zustand der Milz ein
guter oder schlechter ist?"

Qi Bo antwortete:" Ist die Milz in gutem Zustand, kann man nichts wahrnehmen. Befindet sie
sich jedoch in schlechtem Zustand, so ist dies leicht und deutlich sichtbar".6

Der Gelbe Kaiser fragte:"Und wie macht sich so etwas dann bemerkbar?"

Qi Bo erwiderte:" Dann ist der Schlag des Milzpulses so, daß er sich wie das unstete Treiben
von Wasser anhört, das man 'überhand nehmend' nennen kann. In diesem Fall hat Krankheit
das Körperäußere ergriffen. Hört sich der Puls aber wie das Picken mit einem Vogelschnabel
an, dann ist dies Mangel, und Krankheit hat das Körperinnere ergriffen".

Der Gelbe Kaiser sagte:" Der Himmlische Meister hat die Milz als ein eigenständig wirkendes
Organ aufgefaßt, das in der Mitte angesiedelt ist wie die Erde und die vier in ihrer Nähe
befindlichen Organe mit Wasser7 versorgt. Nimmt die Milz in ihrem Wirken überhand, so ist
dies unangemessen. Werden nun davon auch die anderen Organe durch Krankheit in
Mitleidenschaft gezogen?"

Qi Bo antwortete:" Überschuß führt dazu, daß der Mensch seine vier Gliedmaßen anhebt, was
seinerseits wiederum dazu führt, daß die Neun Körperöffnungen in ihrem wechselseitigen
Verhältnis zueinander gestört werden. Und so sagt man denn, daß die von den Inneren
Organen ausgehenden Impulse schwer oder gewalttätig in ihrer Auswirkung geworden sind".8

Der Gelbe Kaiser erschrak, erhob sich dann und verbeugte sich ehrerbietig9 nach unten und
sagte dann:

"Wie wunderbar, daß mir nun die Grundlagen der Pulslehre bekannt geworden sind, die das
entgültige Schicksal aller Dinge unter dem Himmel darstellen: daß die Fünf Farben und die
Veränderungen, denen die Pulse unterliegen berechenbar sind und vorausgesagt werden
können. Und es ist so unfaßbar und doch wunderbar, daß das Dao in jedem von ihnen ist und
sie zu einer Einheit verbindet. Sind die geistigen Mächte einmal weitergegeben, können sie
nicht mehr zurückkehren, und sind sie nicht zurückgekehrt, können sie nicht mehr

4Traditionelle
Vorstellung in der TCM, wonach der Urin nicht in den Nieren entsteht, sondern über
den Dünndarm in die Harnblase gelangt.
5Nach Auffassung der TCM sind dies: Leber, Herz, Lunge und Nieren.

6Dies bezieht sich wohl auf entsprechende Merkmale des Milzpulses.

7D.h.,
die restlichen vier Zang-Organe Lunge, Leber, Herz und Niere(n).
8Gemeint ist eine Überfunktion des Milz/Pankreaspulses, der zu stark vorherrscht und zur
Unbeweglichkeit der Glieder führt.
9Einem Lehrer wird traditionellerweise unabhängig vom jeweiligen sozialen Status (z.B. Kaiser -

Untertan) Ehrerbietung und Respekt entgegen gebracht.


95

weitergegeben werden. Ihre Bewegungskraft hat sich dann im Universum verloren. Um seiner
Bestimmung zu genügen, sollte der Mensch über das hinausgehen, was ihm naheliegt und
dieses als lediglich unbedeutend erkennen. Auf Tafeln aus Jade sollte man öffentlich bekannt
geben das, was verborgen war und in Schatz- und Lagerhäusern aufbewahren, so daß man
vom frühen Morgengrauen bis in die Nacht hinein lernen und studieren kann und auf diese
Weise das erhabene Wirken des Universums verkünden kann!"

Die Fünf Zang-Organe erhalten ihre lebensspendende Kraft, die sie erzeugen, und sie geben
sie weiter an die, die ihnen untertan sind. Lebenskraft wird denjenigen zuteil, die sie
erzeugen, aber Tod bringen sie über die, die ihre Krankheit nicht überwinden können.
Vorzugsweise befällt der Tod diejenigen, deren Zustand eine Überwindung der Krankheit
nicht zuläßt und die daher sterben müssen. Dies bedeutet, daß eine Lebensführung im
Gegensatz zum Atem des Lebens den Tod herbeiführt.

Die Leber erhält ihre Lebenskraft vom Herzen, und von dort gelangt sie zur Milz, von wo aus
sie an die Nieren weitergegeben wird. Hier erreicht sie ihr höchstes Stadium, so daß es den
Tod bedeutet, wenn sie die Lungen erreicht.

Das Herz erhält seine Lebenskraft von der Milz, und vom Herzen wird die Lebenskraft
zunächst an die Lungen, dann an die Leber weitergegeben. Hier erreicht sie ihren Höhepunkt
und bedeutet den Tod, wenn sie zur Leber gelangt.

Die Lungen empfangen ihre Lebenskraft von den Nieren, von wo aus sie zum Herzen und
danach zur Milz gelangt; hier erreicht sie ihren Höhepunkt, so daß es den Tod bedeutet, wenn
sie zum Herzen gelangt.

Die Nieren empfangen ihre Lebenskraft von der Leber, von wo aus sie zum Herzen und
danach zur Lunge gelangt; hier erreicht sie ihren Höhepunkt, und es bedeutet den Tod, wenn
sie zur Milz gelangt.

All das bedeutet den Tod auf Grund nicht naturgemäßer Vorgänge. Hat man einen Patienten
einen Tag und eine Nacht lang und in ihren fünf Zeiteinheitenhinweg beobachtet, kann man
eine Prognose über bevorstehenden Tod oder mögliches Weiterleben abgeben und
voraussagen, ob der Tod droht oder ein Weiterleben möglich sein wird."

Dann fuhr der Gelbe Kaiser fort :

"Die Fünf Zang-Organe stehen untereinander in Verbindung10 und beeinflussen sich


gegenseitig. Und jedes dieser Organe hat ein anderes, das ihm untergeordnet ist11. Sind die
Organe erkrankt, dann wird die Krankheit von dem erkrankten Organ an das ihm
untergeordnete weitergegeben. Wenn man weder Behandlungs- noch Heilungsmethoden
kennt, dann sind drei Monate wie sechs Monate und wie drei oder sechs Tage; die Krankheit
verbreitet sich über die Fünf Zang-Organe mit dem Tod als Folge. Denn es entspricht ganz
einfach den Gesetzen der Natur, daß die Krankheit auf jene Organe übertragen wird, die dem
jeweils erkrankten Organ am nächsten liegen und ihm untergeordnet sind. Darum heißt es
auch, daß man zwischen drei Bereichen des Yang unterscheiden und sich über die Krankheit
von Anbeginn im Klaren sein muß. Man muß auch zwischen den drei Bereichen des Yin
unterscheiden, um den Zeitpunkt des Todes voraussagen oder über ein mögliches Weiterleben
Aussagen machen zu können. Auf diese Weise erhält man Aufschluß über die nachlassende
Lebenskraft der Zang-Organe und ihren Tod als Folge davon. - Die Üblen Winde tragen zur
Entstehung von Hunderten von Krankheiten bei. Ist es kalter Wind, der den Menschen trifft,

10Bekannnte Verbindungen der Zang-Organe untereinander in der TCM sind: a) Herz- Lunge, Herz -
Milz, Herz - Leber, Herz - Nieren, b) Milz-Lunge, c) Leber - Lunge, d) Lunge - Nieren, d) Leber - Milz,
e) Milz - Nieren, f) Leber - Nieren.
11Die mit den Zang-Organen korrelierten Fu-Organe (vgl. Tabelle zur Entsprechungssystematik der

Fünf Zang-Organe).
96

so wird sein Körperhaar nach oben aufgerichtet und seine Haut wird verschlossen, und der
Mensch wird unter Hitze und Fieber leiden. Dies führt zu Schwitzen, und auf diese Weise
werden die üblen Einflüsse vertrieben. Aber Gefühllosigkeit und Starre können auch
Schwellungen und Schmerzen herbeiführen. Dann muß man heiße Flüssigkeit oder heißes
Eisen einsetzen oder gar auf das Feuer zurückgreifen, das beim Abbrennen von Moxa entsteht
und so die üblen Einflüsse vertreibt. Wird die Krankheit nicht behandelt, wird sie das
Körperinnere ergreifen und sich in der Lunge ansiedeln, wobei man dann von
"Gefühllosigkeit oder Starre der Lungen" spricht (die sich darin äußert, d.Üb.), daß man im
oberen Atmungsbereich immer wieder zu Husten gezwungen wird. Behandelt man in solch
einem Fall die Lungen nicht, wird sich die Krankheit weiter ausbreiten und bis zur Leber
vordringen und dort eine "Gefühllosigkeit/Starre der Leber" verursachen. Diese Bezeichnung
beinhaltet auch, daß man während des Essens auch Schmerzen an den Enden seiner
Gliedmaßen verspüren wird. Auch das Ohr wird in Mitleidenschaft gezogen, und wenn hier
keine behandlung erfolgt, dringt die Krankheit bis zur Milz vor. Die bezeichnung für die dann
entstehende Krankheit beinhaltet auch, daß die Einflüsse, die auf die Milz einwirken, ein
Hungergefühl erzeugen, selbst wenn man bereits gegessen hat. Dies geht einher mit
Mattigkeit und einem brennenden Gefühl im Magen, Beeinträchtigun des Herzens, und die
Gesichtsfarbe wird gelb. Zur Behandlung dieser Krankheit kann man Arzenei oder Heilbäder
einsetzen. Wird dadurch aber eine Heilung nicht erreicht, wird die Krankheit von der Milz an
die Nieren weitergegeben. Der name dieser nun entstehenden Krankheit ist dann "Bruch der
Eingeweide" (Hernia, d. Ü.). Betroffen ist der Dünndarm, er wird fiebrig und mit Schmerzen
überzogen, und weiß gefärbte Ausscheidungen kommen vor. Die Bezeichnung dieser
Krankheit weist auch auf wasserbedingte Schwellungen hin. Auch hier kann man die
Krankheit durch die Verabreichung von Medikamenten in den Griff bekommen. Wird eine
Heilung nicht erreicht, so breitet sich die Krankheit zum Herzen hin aus. Muskelstränge und
Blutbahnen werden voneinander getrennt und unterbrochen, und nun entsteht eine sehr
schlimme Krankheit, die man unter der Bezeichnung "Krämpfe" kennt. Kann man in diesem
Fall weder durch Moxen noch durch die Verabreichung von Medikamenten eine Heilung
erreichen, dann wird nach zehn vollen Tagen selbst bei entsprechend angemessener
Behandlung der Tod eintreten. Denn: Nachdem einmal die Krankheit von den Nieren aufdas
Herz übergegangen ist, ergreift sie die Lungen, wo sie sich in Kälteanfällen und Fieber äußert.
Der Tod tritt dann innerhalb von drei Tagen ein. Dies ist die Art und Weise, wie die
Krankheit die einzelnen Organe der Reihefolge nach befällt. Nun müssen jene Krankheiten,
die plötzlich zum Stillstand kommen, nachdem sie sich bereits ausgebreitet haben, nicht
notwendigerweise behandelt worden sein. Es ist nämlich auch möglich, daß sie sich weiter
verbreitet haben und dabei Veränderungen durchgemacht haben und dabei keine weiteren
nachgeordneten Organe mehr zur Verfügung standen. Standen solche nachgeordneten Organe
nicht mehr zur Verfügung, dann können auch die Fünf Gefühlsregungen (Leid, Angst,
Mitleid, Freude und Ärger, d. Üb.) sich verwandeln, und dies wird zu einer schweren
Erkrankung führen. Ist folglich die Gefühlsregung der Freude gegeben, entsteht eine große
Leere, und so kann die Kraft der Nieren aufsteigen. Die Gefühlsregung des Ärgers entspringt
der Fülle der Leber. Die Gefühlsregung der des Mitleids entspringt der Fülle der Lungen. Die
Gefühlsregung der Angst entspringt dem Wirken der Milz. Die Gefühlsregung der Sorge
entspringt dem Herzen. Dies sind die Verlaufsrichtungen der Gefühlsregungen, und so hat die
Krankheit fünf mal fünf, also insgesamt 25, mögliche Umwandlungsmöglichkeiten, bis sie
weitergegeben wird und sich dann wieder verändert. In diesem Sinne bedeutet "Verbreitung
einer Krankheit", daß sie freigesetzt, vervielfacht werden oder voll zum Ausbruch gelangen
kann.

Wird der Mensch älter, werden seine Knochen trocken und brüchig uns sein Fleisch
wabbelig.Im Brustbereich sammelt sich viel Luft an und läßt den alternden Menschen
keuchen und behindert seine Atmung. Kann man sich dann keine Erleichterung verschaffen
und sich von den angesammelten Gasen12 nicht befreien und seine Organe nicht in Bewegung
halten, dann wird der Körper innerhalb von sechs Monaten absterben. Sollte sich eine solche

12"Luft"wird hier als "Gas" verstanden. Eine der recht vieldeutigen Übersetzungen des dafür im
Original verwendeten Qi-Begriffs.
97

Entwicklung anhand des Lungenpulses abzeichnen, bleibt ihm sogar nur noch ein Tag zum
Leben.

Wird der Mensch älter, trocknen seine Knochen aus und werden spröde wie Stroh, sein
Fleisch wabbelt, und in seiner Brust sammelt sich überreichlich Gas (=Luft, d.Üb.) an, was zu
Keuchen und Atmungsschwierigkeiten führt. Kann man sich keine Erleichterung verschaffen
und treten dabei gleichzeitig Schmerzen auf, und ist das Obere seiner Schultern und das
Genick von Zerrungen betroffen, und leidet er an Fieber, das seinen Körper befällt, und
werden seine Knochen vom Fleisch bloßgelegt, dann: zeigt sich dieser Zustand durch den
Milzpuls an, der Tod wird das Körperinnere treffen - und dies innerhalb einer Zeitspanne von
zehn Monaten.

Die Knochen des alternden Menschen trocknen aus und werden spröde wie Stroh, sein Fleisch
wabbelt, das Mark seiner Knochen löst sich auf, und seine Bewegungsfähigkeit läßt merklich
nach. Dies wird durch den Puls der Nieren angezeigt, und der Tod tritt dann innerhalb eines
Jahres ein. Ist dies aber durch den Nierenpuls bereits deutlich wahrnehmbar, so beträgt die
noch zugemessene Lebensspanne nur einen Tag.

Die Knochen des alternden Menschen trocknen aus und werden spröde wie Stroh, sein Fleisch
wabbelt, und in seiner Brust sammelt sich überreichlich Luft an. Schmerzen im Magen treten
auf, im Herzen verspürt man Unwohlsein, das genick und das Obere seiner Schultern fallen
Zerrungen anheim, sein Körper brennt unter dem Fieber, das Fleisch legt seine Knochen bloß,
seine Augen wölben sich und stehen hervor. Wird dies durch den Puls der Leber angezeigt,
und kann das Auge keinen einzigen Punkt mehr erkennen, wird der Tod die Folge sein. Die
Grenze zwischen Leben und Tod kann beim Menschen dann wahrgenommen werden, wenn
sich die Krankheit nicht mehr überwinden läßt - dann ist der Zeitpunkt des Todes
herbeigekommen.

Denn Eile und Leere ergreifen das Körperinnere ganz plötzlich, die Fünf Zang-Organe
werden blockiert, die Puls fließt nicht länger und hört auf zu kreisen. Atem tritt weder ein
noch aus und -bildlich gesprochen- ist dies wie ein Herabfallen, um dann schließlich ganz zu
versinken und unterzugehen, und Zeit ist dann überhaupt nicht mehr. Die Pulse sind
unterbrochen und fließen nicht mehr, als ob der Mensch bereits tot wäre. Die Atmung zeigt
sich (zwar, d.Üb.) noch fünf- oder sechsmal, aber dann hat die körperliche Gestalt des
Menschen ihr Dasein aufgegeben: Das Fleisch wabbelt nicht mehr; obwohl die Pulse der
Zang-Organe nicht mehr fühlbar sind, ist es zweifelhaft, ob bereits der Tod eingetreten ist.

Hört der Puls der Leber auf zu kreisen, tritt inner- und außerhalb des Körpers Angst auf, als
ob man von der Spitze eines strafenden Schwerts verfolgt wäre oder als ob Guitarren oder
Lauten heruntergedrückt wären. Die Gesichtsfarbe wird blau und weiß und verliert ihren
Glanz, das Körperhaar bröckelt, und der Tod tritt ein.

Hört der Puls des Herzens auf, angemessen zu schlagen, und wird er schwach, so läuft das
Gesicht rot und schwarz an und verliert seinen Glanz, das Körperhaar bröckelt ab, und der
Tod tritt ein.

Beendet der Lungenpuls seine großen und langsamen Schläge, und hört er sich an, als ob Haar
oder Federn vorhanden wären, wird die haut weiß und rot und verliert ihren Glanz; das
Körperhaar bröckelt ab, und der Tod ist die Folge.

Hört der Puls der Nieren zu schlagen auf und ist dabei Unterbrechungen ausgesetzt, als wenn
man mit den Fingern auf Stein schnippen und sie dann wieder abprallen lassen würde, läuft
das Gesicht schwarz und gelb an und verliert seinen Glanz; das Körperhaar fällt aus, und der
Tod tritt ein.

Hört der Puls der Milz leise und tief zu schlagen auf, nimmt plötzlich zu und dann wieder ab,
wird das Gesicht gelb und grün und verliert seinen Glanz, und der Tod tritt ein.
98

In allen diesen Fällen handelt es sich um Anzeichen bei den Zang-Organen, bei denen als
Folge der Tod eintritt und wo eine Heilung nicht mehr möglich ist.

Der Gelbe Kaiser fragte:" Bedeutet es den Tod, wenn man bei den Zang-Organen (die
beschriebenen Anzeichen, der Üb.) wahrnimmt?"

Qi Bo antwortete:" Alle Fünf Zang-Organe erhalten ihre Lebenskraft von der Milz. Und
darum ist die Milz die Grundlage für das Sein der Fünf Zang-Organe. Diese können nicht von
sich aus den Puls der Hand und im Bereich des Taiyin beeinflussen. Vielmehr müssen sie die
Milz beeinflussen, deren Lebenskraft dann den Handbereich und den des Taiyin erreicht.
Aber jedes der Fünf Zang-Organe hat seinen eigenen Zeitpunkt, zu dem es aus sich heraus
wirken und den Handbereich und den des Taiyin beeinflussen kann. Gewinnen üble Einflüsse
die Oberhand, lassen die Ausscheidungen nach. Wenn sich aber die Krankheit verschlimmert,
ist die Lebenskraft des Magens nicht in der Lage, den Puls gänzlich in die Hand und den
Bereich des Taiyin zu leiten. Unter solchen Umständen kann man die Lebenskraft der Fünf
Zang-Organe nur wahrnehmen, die Krankheit hat die Fünf Zang-Organe vollständig ergriffen
und überwältigt- und das ist derjenige Fall, wo man (vom Eintritt des, d. Üb.) Todes spricht".

"Wahrlich, sehr gut", rief der Gelbe Kaiser aus und fuhr dann fort:

"Krankheiten zu behandeln und zu heilen bedeutet, daß man den Körper untersuchen,
Atmung, Gesichtsfarbe, Glanz und Feuchtigkeit sowie den Puls, ob "aufblühend oder
nachlassend, berücksichtigen muß. Dazu gehört auch, festzustellen, ob es sich um gerade erst
aufgetretene Erkrankung handelt. Sodann muß aber die Behandlung einsetzen, weil es sonst
zu spät sein kann. Befinden sich die Lebenskräfte des Körpers in gegenseitiger
Übereinstimmung, kann eine Heilung der Krankheit herbeigeführt werden. Weisen
Gesichtsfarbe und Körperfeuchtigkeit Überschuß auf, kann die Krankheit leicht zum
Stillstand gebracht werden.13 Stimmt der Puls mit der Jahreszeit überein, kann die Heilung
einer Krankheit erfolgen. Ist der Puls schlüpfrig und schwach, so liegt ein Einfluß der
Lebenskraft des Magens vor, und das bedeutet, daß die Krankheit leicht einer Heilung
zugeführt werden kann, wenn man die richtige Jahreszeit wählt.

Stimmen die Lebenskräfte des Körpers gegenseitig nicht miteinander überein, so heißt das,
daß die Krankheit nur schwer zu heilen ist. Junge Gesichtsfarbe, die keinen Glanz aufweist,
bedeutet, daß die Krankheit nur schwer zum Stillstand gebracht werden kann. Ist der
Pulsschlag voll und kräftig, so hat die Krankheit an Schwere zugenommen. Stimmt der Puls
nicht mit den Vier Jahreszeiten überein, so ist die Krankheit nicht heilbar. Bei denjenigen mit
einem Puls, der nicht den Vier Jahreszeiten entspricht, kann man deren Lungenpuls im
Frühling, deren Nierenpuls im Sommer, deren Herzpuls im Herbst und deren Milzpuls im
Winter fühlen. Alle diese Pulse setzen aus und sind unterbrochen, sie sind tief wie Steine, die
ins Wasser geworfen wurden, und fein und langsam wie mit einem Messer angekratzter
Bambus. Und darum sagt man auch, daß sie nicht den Vier Jahreszeiten entsprechen. Niemals
sollten die Fünf Zang-Organe sichtbar sein. Ist der Puls im Frühling und Sommer tief nach
unten verlagert und fein und langsam und im Herbst und Winter oberflächlich und groß, so
spricht man davon, daß sich der Puls nicht in Übereinstimmung mit den Vier Jahreszeiten_
befindet. So werden sich denn auch Krankheit und Fieber einstellen. Verläuft der Puls ruhig,
so gibt es ein Loch, durch das er entweicht, und ist er groß, so entsteht Blutverlust. Ist der
Puls groß und lang und leicht gespannt, befindet sich die Krankheit im Körperinneren. Ist der
Puls voll, groß und gewaltig, hat die Krankheit das Körperäußere ergriffen. Der Puls kann
aber auch nicht voll und kräftig sein - alle damit verbundenen Krankheiten sind nur schwer
heilbar".

Der Gelbe Kaiser fuhr fort:" Ich gehe davon aus, daß die Entscheidung darüber, ob der Tod
eingetreten ist oder nicht, davon abhängt, ob der Puls hohl oder fest klingt. Ich würde gerne
etwas mehr darüber hören".

13Dies sind äußere Krankheiten, die nach Aufassung der TCM immer leicht behandelt werden können.
99

Qi Bo antwortete:" Hören sich die Pulse der Fünf Zang-Organe alle fest an, so tritt der Tod
ein; hören sie sich alle hohl an, bedeu-tet dies auch den Tod".

Der Gelbe Kaiser sagte:" Ich würde gern etwas mehr über die Befindlichkeit der Fünf Zang-
Organe erfahren, wenn deren Puls entweder voll oder hohl ist".

Qi Bo antwortete:" Ist der Pulsschlag reichlich, wird die Haut erhitzt, der Magen schwillt mit
Wasser an, zwischen vorne und hinten gibt es keinen Kreislauf, und die Mitte befindet sich in
Unordnung. In diesem Fall sagt man, daß alle Fünf Zang-Organe voll von üblen einflüssen
sind. Ist der Puls schwach wie ein Seidenfaden, ist die Haut erkältet, Kurzatmigkeit hält vor,
und das, was man einnimmt, entweicht vorne und hinten, und Nahrung kann nicht zugeführt
werden. Und so heißt es, daß die Fünf Zang-Organe hohl und leer sind".

Der Gelbe Kaiser fragte:" Hat alles Lebende nur eine gewisse, ihm zugemessene
Lebensspanne?"

Qi Bo antwortete:" Wenn Suppe und Reisschleim den Magen erreichen und dann entweichen,
so sollte man diesem Zustand ein Ende bereiten. Denn sonst werden die Zang-Organe hohl.
Ist der Körperaktiv, kann Schwitzen mit vorteilhaften Auswirkungen herbeigeführt werden,
und die Zang-Organe werden dann wieder voll und fest. So ist es die Körperaktivität, die über
die tatsächliche Lebensspanne entscheidet".
100

Kapitel 20 Von den Drei Körperzonen und den Neun Unterbezirken

Vorbemerkungen

In der Akupunkturlehre werden bestimmte Leitbahnen angenommen, die über den gesamten
Körperbereich verlaufen. Diese befinden sich in einzelnen Körperzonen - oben, Mitte und
unten-, wobei diese Körperzonen noch einmal jeweils in drei Teile nach Himmel, Erde und
Mensch unterteilt werden. Dort sind dann nach Auffassung der TCM die einzelnen
Leitbahnen (Meridiane) angesiedelt.

Der Gelbe Kaiser sagte: "Was die neun Nadeln der Akupunktur angeht, so habe ich den
Großen Meister so verstanden, daß zahlreiche Heilkundige selbst mit guter Ausbildung
trotzdem das Schicksal einer Krankheit nicht abwenden konnten. Ich möchte nun gerne
wissen, in welcher Weise eine Heilung durch richtige Behandlung erreicht wird, so daß ich
diese Kenntnisse in mich aufnehmen und meinen Söhnen und Enkeln weitergeben und der
Nachwelt allgemein überliefern kann. Insbesondere über Knochen, das Knochenmark, die
Fünf Zang-Organe, Leber und Lunge, möchte ich mehr erfahren. Ich werde einen Eid
schwören und meinen Mund mit Blut beschmieren, daß ich diese mir vermittelten Kenntnisse
weder leichtfertig einsetzen noch ignorieren, sondern immer sorgfältig beachten und
anwenden werde. Ich beschwöre dich, für mich den Einklang zwischen Natur, dem Himmel
und dem Dao herzustellen.14 Der Himmel muß seinen Lichtern entsprechen, den
Himmelskörpern und ihren Verlaufsrichtungen und Zeiten. Auf der Erde müssen sich die
Gesetzmäßigkeiten der Vier Jahreszeiten, der Fünf Elemente, das, was wertvoll und das, was
wertlos ist, widerspiegeln - das eine wie das andere. Ist es nicht so, daß im Winter der Mensch
auf Yin - Dunkelheit und Kälte- und im Sommer auf Yang - Licht und Wärme - reagiert? Gib
mir also Auskunft über diese Zusammenhänge!"

Qi Bo erwiderte:" Das ist wirklich eine grundlegende Frage! Ihre Beantwortung erfordert es,
die Einheit von Himmel und Erde, also das, was Natur ist, bis in ihre tiefsten Gründe
offenzulegen!"

Da rief der Gelbe Kaiser aus: "Genau über diese tiefsten Gründe der Natur möchte ich mehr
erfahren, über den Menschen und dessen Körperlichkeit, sein Blut, den Lebensatem, dessen
Kreislauf und Auflösung; ich möchte mehr über die Ursachen, die für Leben und Tod
ausschlaggebend sind, erfahren und darüber, wie man damit insgesamt umgehen muß".

Qi Bo antwortete:" Entsprechend der Erdberechnung beginnt die Natur mit Eins und endet mit
Neun. Das erste ist der Himmel, das zweite ist die Erde, und das dritte ist der Mensch.15 Dies
sind die drei Einheiten. Dreimal drei ergibt neun, und dies entspricht den neun unkultivierten
Zonen der Erde.16 Und so besteht der Mensch aus drei Unterbezirken, die für Leben und Tod

14D.h.,die immanenten Zusammenhänge zwischen ihnen aufzuzeigen und entsprechend zu erläutern.


15Das chinesische Schriftzeichen für "drei" wird "san" gelesen und besteht graphisch aus drei
horizontal verlaufenden und übereinander angeordneten Strichen. Im Shuowen Jiezi, einem
Schriftzeichenetymologielexikon um 100 n. Chr. wird diese graphische Form des Schriftzeichens u.a.
so erklärt: Der unterste Strich steht für den Himmel, der unterste für die Erde und der mittlere für den
Menschen, der zwischen Himmel und Erde steht und so in die Natur eingebunden ist. Auf dieses
grundlegende Verständnis wird an dieser Textstelle Bezug genommen und mit dem Symbolismus der
Drei Körperzonen und ihrer Unterbezirke erklärt. -
Viele der im nachfolgenden gemachten Aussagen greifen Vorstellungen auf, die bereits in einem der
ältesten Klassiker, dem ZHOU YI, also dem "Buch der Wandlungen", enthalten sind und entwickelt
wurden und Grundlage waren für die erst später entwickelten Denkrichtungen des Daoismus und
des Konfuzianismus und für letztere von grundlegender Bedeutung waren.
16Hier liegt eine Vorstellung über die Siedlungs- und Verwaltungsstruktur aus dem alten China

zugrunde: Jenseits der kaiserlichen Hauptstadt als dem eigentlichen Mittelpunkt liegen die äußeren
Siedlungsbezirke und jenseits derselben befinden sich die kaiserlichen Lehensgebiete.Jenseits der
101

ausschlaggebend sind. Sie dienen der Kontrolle über Hunderte von Krankheiten und sind für
die Vermengung des Hohlen mit dem Festen erforderlich und für das, was gegenständlich ist
und das, was nicht gegenständlich ist. Auf diese Weise wehren sie üble Einflüsse und
Krankheit ab".

Der Gelbe Kaiser fragte weiter: "Wie würdest du denn diese drei Zonen genauer
beschreiben?"

Qi Bo erwiderte darauf:" Es gibt eine untere, eine mittlere und eine obere Zone.17 Jede dieser
Zonen unterteilt sich wiederum in drei Unterbezirke, in denen jeweils die Elemente des
Himmels, der Erde und des Menschen vertreten sind.Darauf muß man hinweisen, wenn man
der Wahrheit näherkommen will. Die obere Zone enthält das Element des Himmels und
verläuft an den Arterien18 auf beiden Seiten des Vorkopfes. Die obere Zone, die das Element
der Erde enthält, verläuft an den Arterien der beiden Backen. Die obere Zone, die das Element
des Menschen enthält, verläuft an den Arterien vor den Ohren.

Die mittlere Zone, die das Element des Himmels enthält, ist der Bereich des Taiyin innerhalb
der Hände. Die mittlere Zone, die das Element der Erde enthält, ist der Bereich des
'Yangming-Meridians' in den Händen.19 Die mittlere Zone, die das Element des Menschen
enthält, ist der Bereich des Shaoyin in den Händen.20

Die untere Zone, die das Element des Himmels enthält, ist der Bezirk des Jueyin innerhalb der
Füße.21 Die untere Zone, die das Element der Erde enthält, ist der Bereich des Shaoyin
innerhalb der Füße.22 Die untere Zone, die das Element des Menschen enthält, ist der Bereich
des Taiyin innerhalb der Füße.23 So ist das Element des Himmels in der Unteren Zone mit der
Versorgung der Leber betraut, das Element der Erde in der Unteren Zone versorgt die Nieren,
und das Element des Menschen in der Unteren Zone sorgt sich um die Lebenskraft von Milz
und Magen".

Der Gelbe Kaiser fragte:" Und welche Aufgaben hat die mittlere Zone?"

Qi Bo erwiderte darauf:" Auch kommen die Elemente des Himmels, der Erde und des
Menschen vor. Das Element des Himmels bezieht sich aus die Lungen, das Element der Erde
auf den Atem in der Brust und das Element des Menschen auf das Herz."

letzteren stößt man auf die Weidegebiete, dann kommen die Wälder. Jenseits der Wälder finden sich
die Steppen der damaligen Grenzgebiete, und danach folgen Wildnis und unkultivierte Regionen.
Letztere werden nach traditioneller chinesischer Vorstellung von Barbarenvölkern bewohnt, die in
Bezug auf Kultur und zivilisatorischen Entwicklungsstand dem eigentlichen Siedlungsgebiet der
antiken chinesischen Zivilisationsträger niemals gleichkommen.- Diese uralte Vorstellung deckt sich
mit dem Verständnis von China als (auch dem zivilisatorischen) Mittelpunkt der (damals bekannten)
Welt. Der chinesische Begriff für China ist heute noch "Land der Mitte" (Zhongguo) und deutet also
auch auf ein im Grunde genommen sehr ethnozentristisches Weltbild hin, das in China von alters her
bestand.
17Darunter sind die obere, mittlere und untere Körperpartie zu verstehen.
18Der chinesische Terminus MAI betrifft einmal die Blutbahnen, wie sie in Zusammenhang mit dem

Verständnis der westlichen Schulmedizin vielleicht etwas irreführend als "Arterien" wiedergegeben
werden. Andererseits wird dieser terminus auch für "Puls" gebraucht. Im Verständnis der TCM sind
MAI konzeptionell Leitbahnen für Qi und das Blut (und somit auch für den Puls). In der TCM wird
nicht - wie in der westlichen Medizin - zwischen Arterien und Venen als Blutbahnen unterschieden;
diese Unterscheidung war in der antiken TCM noch nicht bekannt.
19Eigentlich weitgehend identisch mit dem Verlauf des Dickdarmmeridians, nach WANG BING

handelt es sich aber um den Milzmeridian.


20Eigentlich die Verlaufsrichtung des Herzmeridians, nach WANG BING aber handelt es sich um den

Lungenmeridian.
21Eigentlich der Lebermeridian, nach WANG BING jedoch der Dünndarmmeridian.
22Nierenmeridian, nach WANG BING: Herzmeridian.
23Milzmeridian, nach WANG BING: Lebermeridian.
102

Der Gelbe Kaiser fragte weiter:" Und was ist nun mit der oberen Zone?"

Dazu führte Qi Bo aus:" Auch sie enthält jeweils ein Element des Himmels, der Erde und des
Menschen. Das Element des Himmels bezieht sich auf die Schläfen am Kopf und der
Augenbrauen, das Element der Erde auf die Schläfen des Mundes und der Zähne, das Element
des Menschen bezieht sich auf die Schläfen der Ohren und der Augen. - Jede dieser Zonen
enthält also jeweils ein Element des Himmels, der Erde und des Menschen. Drei Elemente
sind immer vonnöten, um Himmel, Erde und den Menschen vollkommen zu machen. Die
Endsumme dieser Elemente macht macht dreimal drei, also neun, und diese Zahl kann mit
den Wildgebieten der Erde gleichgesetzt werden und letztere können ihrerseits als
Entsprechungen zu den neun Quellen innerhalb des Körpers aufgefaßt werden. So gibt es fünf
geistige24 und vier körperliche25 Quellen; und zusammen genommen ergeben sie neun
Quellen. Lassen die Fünf Zang-Organe in ihrem Wirken nach, lassen sie ab, Farbe und
Aussehen verschlechtern sich, und der Tod ist die unausweichliche Folge".

Der Gelbe Kaiser fragte:" Was ist nun die Aufgabe dieser Unterbezirke?"

Qi Bo erwiderte:" Bei der Vermessung des Körpers muß man jene Bereiche berücksichtigen,
die fett, und solche, die dünn sind. Man muß ihre Umfangsstärke berücksichtigen und, ob sie
hohl oder fest sind. Die festen Teile müssen entsorgt und die hohlen Teile aufgefüllt werden.
Man muß das Blut aus den Arterien herauslassen, um wieder Einklang herzustellen, und dann
kann man ohne weitere Untersuchung davon ausgehen, daß Gesundheit die Folge sein wird".

Der Gelbe Kaiser fragte:" Was entscheidet denn über Leben und Tod?"

Qi Bo erwiderte:" Blüht der Körper auf, ist aber der Puls dünn und anfällig, und ist folglich
wenig Lebenskraft vorhanden, so ist der Körper nicht in der Lage, der Gefahr zu
widerstehen.26 Ist der Körper dünn und abgemagert, der Puls groß und die Brust mit zuviel
Atem angefüllt, tritt der Tod ein. Arbeiten die verschiedenen Unterbezirke des Körpers
einträchtig zusammen, bedeutet dies Leben. Verbinden sie sich aber, ohne sich untereinander
zu vermischen, wird Krankheit die Folge sein. Befinden sich die drei Zonen und ihre
Unterbezirke untereinander nicht in Einklang, tritt der Tod ein. Wirken die Pulse oben und
unten, links und rechts zusammen, und sind sie aufeinander eingespielt, als hätten sie sich
zum Korndreschen versammelt, wird eine schwere Krankheit die Folge sein. Geraten oberer
und unterer, linker und rechter Puls untereinander in Verwirrung, so sind sie unberechenbar,
und Tod wird die Folge sein. Werden die Unterbezirke der mittleren Zone miteinander
vermengt, obwohl sie eigenständig und unabhängig voneinander sein sollten, wirken die Fünf
Zang-Organe nicht mehr zusammen, und Tod wird die Folge sein. Wenn die Unterbezirke der
mittleren Zone durch ihr Aufeinanderwirken ihre gegenseitige Abnahme herbeiführen, wird
der Tod ebenfalls die Folge sein, und tritt das Auge in der Augenhöhle zurück, tritt der Tod
ein".

Der Gelbe Kaiser wollte wissen:" Wie kann man nun die Lage einer bestimmten Krankheit
feststellen?"

Qi Bo erwiderte darauf: "Man muß die neun Unterbezirke jeweils getrennt begutachten. Man
untersucht auf harmlose und schwerere Krankheiten, schlimme Gebrechen und schleichende
Krankheiten, solche, die mit Fieber verbunden sind und solche mit Erkältungserscheinungen,
und schließlich jene, bei denen man zu Boden fällt. Man fühlt den Puls der linken Hand und

24Nach WANG BING wird die Seele von der Leber, die göttliche Inspiration vom Herzen,
Vorstellungen und Denken von der Milz, Instinkte/Triebe des Menschen von der Lunge, Willen und
Entschlußkraft von den Nieren bestimmt. Qi-Mangel der Milz wird z.B. mit phlegmatischem
Verhalten bzw. mangelnder innerer Antriebskraft in Verbindung gebracht.
25Nach WANG BING sind die vier körperlichen Potentiale: a) die Kopfschläfen, b)Ohren und Augen,

c) Mund und Zähne, d) der Brustbereich.


26D.h.: den krankmachenden Einflüssen widerstehen können; m .a. W.: das Immunsystem kann unter

diesen Voraussetzungen nicht funktionieren.


103

am linken Fuß und dann geht man den Knöchel entlang nach oben und legt seine Hand fünf
Zoll oberhalb auf den Knöchel und drückt sie an. Ist der Puls noch wahrnehmbar, nachdem
man mehr als fünf Zoll nach oben gegangen ist, und fühlt sich der Puls dabei wie das
Schlängeln eines Wurmes an, dann liegt keinesfalls eine Krankheit vor. Zeigt der Puls
Störungen und fühlt sich wirr und wild innerhalb der Hände an, dann liegt Krankheit vor. Ist
der Puls der Hand langsam und geruhsam, liegt ebenfalls Krankheit vor. Wenn sich durch die
Pulse anzeigt, daß sie keine fünf Zoll nach oben steigen können, und wenn durch Druck von
oben keine Reaktion sichtbar ist, bedeutet dies den Tod. Wenn der Körper des Erkrankten an
Fleisch verliert, kann er nicht mehr laufen, und der Tod tritt ein. Werden die Pulsströme der
mittleren Zone plötzlich unterbrochen, oder beschleunigen sie sich plötzlich, ist der Tod die
Folge. Schlägt der Puls unregelmäßig und wie ein Hammer, ist die Krankheit im Bereich der
Blutgefäße angesiedelt. Die neun Unterbezirke müssen aufeinander reagieren. So müssen die
der oberen und die der unteren so zusammenarbeiten, als ob sie eine Einheit wären. Sie dürfen
einander nicht verfehlen. Ist ein Unterbezirk im Rückstand, ist Krankheit die Folge. Befinden
sich zwei Unterbezirke im Rückstand, ist die darauf folgende Krankheit schlimm; befinden
sich drei Unterbezirke im Rückstand (d.h., verfehlen einander in ihrem Zusammenwirken, d.
Üb.), so ist die Krankheit, die folgt, lebensgefährlich. Das, was hier als Rückstand bezeichnet
wird, bedeutet: die Unterbezirke wirken nicht so, wie sie eigentlich sollten. Durch die
Untersuchung der menschlichen Gedärme und der Organe kann man Aussagen über Leben
und Tod (des Untersuchten, d.Üb.) machen. Zunächst muß man sich über das Gefäßsystem
Aufschluß verschaffen, und dann kann man auch die Krankheiten, die die Gefäße
durchdrungen haben, feststellen. Indem die Pulse der Inneren organe ständig
überwachtwerden, kann man dem (möglichen, d.Üb.) zuvorkommen. Die Füße befinden sich
im Bereich des Taiyang27. Ist der Pulsstrom im Fuß unterbrochen, kann sich der Erkrankte
nicht mehr nach unten beugen; er verliert an Bewegungsfähigkeit und fällt dem Tod anheim.
Er muß etwas über dem Auge tragen".

Der Gelbe Kaiser sagte:" Im Winter herrscht Yin- die Kraft des Weiblichen, der Dunkelheit
und des Todes; im Sommer ist des die Kraft des Yang - die Kraft des Männlichen, des Lichts
und des Lebens. Was kannst du mir darüber sagen?"

Qi Bo erwiderte:" Alle Pulse der neun Unterbezirke, die tief und dünn sind, die aussetzen und
unterbrechen, werden von Yin, das den Winter beherrscht, verursacht. Und so kommt es
manchmal zu Todesfällen um Mitternacht. - Alle Pulse aber, die reichlich, hastig und
hechelnd schlagen, werden von Yang, das den Sommer beherrscht, entfacht. Und so kommt es
manchmal zu Todesfällen am Mittag. Aus diesem Grunde führen durch Hitze und Kälte
verursachte Krankheiten entweder im Morgengrauen oder frühmorgens zum Tode. Und
diejenigen, die auf Grund von Hitze im Körperinneren brennen, sterben um den Mittag
herum. Jene, die an einer durch Wind verursachten Krankheit leiden, sterben zur Zeit der
Dämmerung. Jene, die an einer durch Wasser verursachten Krankheit leiden, sterben um
Mitternacht. Bei denjenigen, bei denen die Pulsschläge plötzlich unterbrochen werden, sich
beschleunigen oder nachlassen, oder bei denen sich hastiger, eilender Pulsschlag zeigt, finden
ihren Tod bei Sonnenaufgang, der sich innerhalb der Vier Jahreszeiten unterscheidet. Sind
Körper und Fleisch ausgelaugt und funktionieren nicht mehr, obwohl die neun Unterbezirke
noch einträchtig zusammenwirken, tritt dessenungeachtet der Tod ein. Wenn sich anhand der
Sieben Untersuchungsmethoden28 herausstellt, daß die neun Unterbezirke alle noch in
Ordnung sind, wird der Tod nicht eintreten. Jene, denen man ansieht, daß sie noch nicht so
bald sterben sterben werden, leiden an einer Krankheit, die auf äußere Einflüsse, die mit
monatlich-saisonalen Einflüssen29 einhergehenzurückzuführen sind. Und diese Krankheiten
ähneln jenen, bei denen man die Sieben Untersuchungsmethoden einsetzt, sind aber dennoch
nicht das Gleiche. Das ist so, als ob man eine Krankheit hätte, für die man die Sieben
Untersuchungsmethoden einsetzt. Wirkt sich dies aber auf die Pulse und die neun
Unterbezirke aus, und werden sie dadurch zerstört, tritt der Tod ein. Und diesen Umständen

27 Chinesich Taiyang.
28Hier handelt es sich um die in den Texten bereits vorher erwähnten Untersuchungsmethoden wie
die Begutachtung der Gesichtsfarbe, der Pulsfühlung, usw. Der hierfür im Originaltext verwendete
chinesische Terminus ist "Qi Zhen".
29 Der chinesische Terminus hierfür ist "yue jing".
104

wird der Kranke erbrechen und aufstoßen (rülpsen). Und (so, d. Üb.) ist es erforderlich, daß
Beginn und Verlauf der Erkrankung bis zum Untersuchungszeitpunkt und ihren Ort, an dem
sie sich befindet, festzustellen. Dann werden alle Pulse nach ihrer (jeweiligen, d. Üb.)
Dringlichkeit und Übereinstimmung gefühlt; Blut und Luo-Leitbahnen werden auf Oberfläche
und Tiefe geprüft. Das Obere und Untere des Körpers wird auf Ordnung und Unordnung hin
untersucht. Ist der Puls in Ordnung, so handelt es sich nicht um eine schlimme Erkrankung.
Tritt der Puls jedoch verspätet auf, handelt es sich um eine schlimme Krankheit. Verändern
sich die Pulsschläge bei Ankunft und Entfernung nicht, so ist der Tod die Folge. Zeigt sich die
Krankheit im Aussehen der Haut, ist der Tod die Folge. "

Der Gelbe Kaiser fragte:" Wie kann man denn die Behandlung durchführen und Heilung
erreichen?"

Qi Bo antwortete:" Bei Erkrankungen der Leitbahnen behandelt man diese. Bei Krankheiten
der Kapillargefäße und der Blutbahnen werden die Kapillargefäße, das Blut und die
Blutleitbahnen behandelt. Man sticht und entfernt30. Bei Erkrankungen des Blutes braucht der
Körper Bewegung31, und man behandelt die Blutleitbahnen. Handelt es sich um Krankheiten
in Bereichen, die aus seltsamer und unsichtbarer Materie bestehen, so müssen solche
Leitbahnen aus seltsamer und unsichtbarer Materie durch Nadelung behandelt werden. Fällt
der Kranke durch Abmagerung zurück, und kann er seine Glieder nicht mehr bewegen, muß
er durch Nadelung behandelt werden. Sind jene Pulse, durch die sich auf den Zustand der
oberen Körperzone schließen läßt fest und voll und diejenigen der unteren Körperzone leer
und hohl, so befindet sich der Körper im Ungleichgewicht.Dann muß nach zähflüssigem Blut
in den Leitbahnen suchen32, so daß das Blut wieder eintreten kann und sich der Blutkreislauf
wieder bemerkbar macht. Die Pupillen der Augen stellen das Wertvollste dar, über das der
Mensch verfügt. Arbeitet der Bereich des Taiyang nicht hinreichend, muß man eine
Augenbinde tragen. Der Niedergang der Sonne oder ihre plötzliche Unterbrechung bedingt
eine solche Entscheidung. Auf diese Weise können die Anforderungen an Leben und Tod
nicht unentdeckt bleiben.33 Von den Fingern zum Handrücken und von den Knöcheln
aufwärts oberhalb des Atems (des Pulses, d.Üb.) der fünf Finger34 muß die Nadel eingeführt
werden.35

30Offensichtlichhandelt es sich hier um nicht näher spezifizierte Krankheitsbilder, die in ihrer


Symptomatik denjenigen sehr ähnlich sind, für die im Neijing der Einsatz der Sieben
Untersuchungsmethoden empfohlen wird. Hier handelt es sich um die Technik des Aderlassens, die
auch in der westlichen Naturheilkunde bekannt ist und auch schon sehr früh in der TCM zum Einsatz
kam, wie deren Erwähnung an dieser Textstelle des Neijing zeigt.
31Dies wohl zur Anregung der Blutzirkulation.
32D.h., diesbezüglich eine Untersuchung bzw. eine Diagnose vornehmen, um dann die richtige

Therapie einzusetzen.
33D.h., eine mögliche Voraussage über Leben oder Tod als Ergebnis des Kranheitsverlaufs. Gibt die

Strömungsrichtung des Blutes bzw. des Pulses an.


34D.h., eine mögliche Voraussage über Leben oder Tod als Ergebnis des Kranheitsverlaufs. Gibt die

Strömungsrichtung des Blutes bzw. des Pulses an.

35Hier wird die Lage einer bestimmten Akupunkturpunktstelle beschrieben.


105

SIEBTES BUCH

Kapitel 21 Abhandlung über die Ähnlichkeiten und Unterschiede im Pulssystem1

Der Gelbe Kaiser fragte: "Ist es nicht so, daß die äußeren Lebensumstände des Menschen wie
sein direktes Lebensumfeld, wenn er sich in Bewegung oder Ruhe befindet, sein Mut und
seine Ängstlichkeit mit ausschlaggebend sind für die Befindlichkeit seines Pulses?"

Qi Bo antwortete: " Sicher ist das so, daß menschliche Angst und Furcht, Ärger und Leid,
seine Beweglichkeit sowie seine Ruhestellung alle mit dafür ausschlaggebend sind. Jene, die
nachts umtriebig sind, haben Atemschwierigkeiten, die von den Nieren herrühren, und jene,
deren Lebensweise ausschweifend und unzüchtig ist, werden an einer Lungenkrankheit
leiden. Und diejenigen, die träge und voll Furcht sind und sich ständig Sorgen machen, haben
Atemschwierigkeiten, die von den Lungen herrühren. Die Lebensweise derjenigen, deren
Lebensweise ausschweifend ist und übermäßig, schädigen ihre Milz. Und jene, die voll Furcht
und Angst sind, haben Atemschwierigkeiten, die von den Lungen herrühren. Jene mit einer
ausschweifenden und unmoralischen Lebensweise schädigen ihr Herz. Man sollte das
Ausmaß der Feuchtigkeit feststellen, das den Menschen zur Erschöpfung bringt, denn sie
weisen Schwierigkeiten beim Atmen auf, die von den Nieren und den Knochen herrühren.
Andererseits werden die, die sich mutig und zuversichtlich verhalten, ihre Krankheit
überstehen, und diejenigen, die ängstlich sind und voll Furcht, werden krank. Und darum
heißt es: Um den Verlauf einer Krankheit feststellen zu können, muß man zunächst
herausfinden, ob der Patient ängstlich, nervös oder voll Furcht ist, man muß seine Knochen,
sein Fleisch, seine Haut in Augenschein nehmen, und erst dann kann man die
Krankheitsursachen feststellen und die für die Therapie notwendigen Maßnahmen einsetzen.2
Wenn man übermäßig viel gegessen und getrunken hat, bringt der Magen Schweiß hervor. Ist
man erschüttert und erschreckt, werden Geist und Lebenskraft beeinträchtigt, und der
Schweiß wird vom Herzen hervorgebracht. Trägt man eine schwere Last und befindet sich auf
einem langen Marsch, sind es die Nieren, die den Schweiß verursachen. Und geht jemand
schnell voran und empfindet dabei Angst und Furcht, wird der Schweiß von der Leber
verursacht. Wird der Körper von schweren Lasten erdrückt, entsteht der Schweiß durch die
Milz. Und so kommt es, daß in Frühling und Herbst, Winter und Sommer, also während der
Vier Jahreszeiten immer wieder Krankheiten auftreten, die auf falsche Lebensweise und
Verstöße gegen die Natur zurückzuführen und zur Gewohnheit geworden sind.3 Die
eingenommene Nahrung erreicht den Magen, und ihr notwendiger Inhalt wird in die Leber
weitergegeben, und so geht die daraus gewonnene Lebenskraft an die Muskeln weiter. Und
jene Abgase, die durch die verdaute Nahrung im Magen entstehen, gehen an das Herz weiter
und von dort weiter an den Puls.4 Die Antriebskraft für den Puls geht in die Leitbahnen über
und wird von dort an die Lungen weitergegeben, und von den Lungen aus geht diese

1Das Pulssystem ist hier das Gefäßsystem in der TCM.


2An dieser Textstelle wird die konzeptionelle Verbindung von psychischer Befindlichkeit und dem
Zustand einzelner Organe sowie in Bezug auf das Gesamtbefinden deutlich, was eben auch den
Ganzheitscharakter der TCM ausmacht. Gleichzeitig wird deutlich, daß dieser Ganzheitscharakter der
TCM, also die einheitliche und integrierte Sichtweise von Psyche und Soma, in diagnostischen
Zusammenhängen erfolgt.
3An dieser Textstelle werden die einzelnen Gemütszustände in ihren Auswirkungen auf einzelne

Organe genannt. Dies ist ein Teil des in der TCM herrschenden Korrespondenzsystems (UNSCHULD,
1981, spricht hier richtig von "Entsprechungssystematik"), das auch wieder in diagnostischem
Zusammenhang gesehen wird.
4Hier handelt es sich um Ausführungen zur Entstehung der Antriebskraft des Pulses; die gesamte

Physiologie in diesem Zusammenhang erfolgt unter zentralem Aspekt der Natur des Pulses.
106

Antriebskraft in alle Pulse über, deren Inhalt dann an Haut und Körperhaar weitergegeben
werden. Und so ist das gesamte Pulssystem mit den Ausscheidungen und der Weitergabe der
Lebenskraft an die zentrale Sammelstelle im mittleren Thoraxbereich verbunden, wo sich alle
Energie, Lebenskraft und der Verstand sammeln. Und so wird auch die Lebenskraft der
inneren Organe in Schwung gehalten. In diesem Sinne bedeutet Gesundheit die
Wiederherstellung der alten Ordnung5, die allgemeine Befindlichkeit und Vollkommenheit
des Cun-Pulses sind ausschlaggebend für die Beurteilung, ob der Mensch leben wird oder
dem Tode anheimfällt.

Aufgenommene Flüssigkeit tritt in den Magen ein, durchfließt ihn und verwandelt sich in
Ausscheidungen, ihr Nahrungsgehalt steigt auf in die Milz, die ihrerseits diese Flüssigkeiten
weitergibt und in die Lungen aufsteigen und diese durchfließen läßt. Und da es eine
Eigenschaft der Flüssigkeit ist, hinabzusteigen6, fließt sie hinab in die Blase. Flüssigkeit
breitet sich nach allen vier Richtungen hin aus7 und findet sich dann wieder in den fünf
Leitbahnen zusammen. Und diese entsprechen den Vier Jahreszeiten und den Fünf Zang-
Organen sowie Yin und Yang, die immer gegeben sind und sich nie verändern. Stehen die
Inneren Organe unter dem Einfluß des Taiyang und erreichen dabei das Höchstmaß ihrer
Leistung, entstehen Schluckauf und Atemnot. Denn der Atem ist dann leer8 und befindet sich
in Unordnung, und das ist dann ein Mangel an Yin und ein Überschuß an Yang. Nieren und
Blase vertreiben diese und entfernen sie aus dem Körper. Und wenn jene Organe, die von den
Yangming-Meridianen durchzogen werden, das Höchstmaß ihrer Tätigkeit erreicht haben,
zeigt sich ein Übermaß an Yang, und so muß man wieder etwas vom Yin hinzufügen.9 Und
wenn jene Organe, die von den Meridianen des Shaoyang durchzogen werden, das
Höchstmaß ihrer Aktivität erreicht haben, entstehen Krämpfe, und die Beine des Kranken
schlagen nach vorwärts aus und erstirbt an dem, das unten ausgeschieden wird. Und wenn nun
die Organe, die von den Meridianen des Shaoyang durchzogen werden, das Höchstmaß ihrer
Aktivität erreicht haben, so bedeutet dies, daß für dieses Yang schlimme Verstöße vorliegen.

Und wenn jene Organe, die von den Taiyin-Meridianen durchzogen werden, das Höchstmaß
ihrer Tätigkeit erreicht haben, muß man besondere Sorgfalt walten lassen. Denn die Kraft der
Fünf Pulse der Fünf Zang-Organe ist zurückgegangen, und die Kraft des Magens befindet sich
nicht im Gleichgewicht, was vom Taiyin herrührt. Eine angemessene Behandlungsweise wäre

5Hier kommen wieder die konfuzianischen Ordnungsvorstellungen zum Durchbruch, die bei den
Daoisten als die Übereinstimmung des Menschen mit der Natur gesehen werden. Ihr zentraler Kern
ist in der Aussage jedoch der, daß der Mensch eine seinem Körper angemessene Lebensweise haben
muß. Ist dies nicht der Fall, tritt Krankheit auf, die dann durch diese unvernünftige Lebensweise als
verursacht gilt.
6Hier spielen wohl Vorstellungen eine Rolle, die auf einfache Naturbeobachtung zurückgehen: Durch

die Schwerkraft der Erde bedingt, hat das Wasser die Eigenschaft, hinabzufließen (z.B. ein Bergquell,
der von den Bergen kommt, in der Landwirtschaft: das in eine Grube geschüttete Wasser bewegt sich
abwärts, usw.). Diese aus der Natur übernommene Beobachtung wird auch auf die
Bewegungsrichtung der Flüssigkeit im menschlichen Körper "physiologisch" übertragen, denn im
Gesamtverständnis ist der Mensch ja nicht nur ein Teil der Natur, sondern sein Körper und die
Vorgänge in ihm sind - quasi als Mikrokosmos - auch ein Abbild derselben.
7Gemeint sind hier die vier Himmelsrichtungen Osten, Westen, Nord und Süd, die ja auch im

menschlichen Körper, der ein Abbild der Natur ist, als gegeben angenommen werden.
8Gemeint ist wohl ein Atem, der vom Verbrauch der durch die Verdauung bedingten Lebenskraft

herrührt.
9In der Akupunktur entspricht das bestimmten Techniken: nämlich einmal der Stärkungsmethode

(Tonifikation) bei einer Mangelerscheinung in der Organfunktion bzw. der Schwächung (Sedation) bei
einer Überschußerscheinung in der Organfunktion. Im vorliegenden Fall dürfte es sich um eine
Mangelerscheinung von Yin handeln. Im Chinesischen bu für Stärkung bei Mangelerscheinung und
xie für Schwächung bei Überschußerscheinung.
107

hier, Ausscheidungen unten10zu bewirken. Und das bedeutet hier, an Yang hinzuzufügen und
vom Yin hinwegzunehmen.

Ist es nur ein Teil von Yang, der die Zang-Organe beeinflußt, entsteht ein pfeifend-zischender
Laut wie bei einem Schluckauf, der vom Shaoyang herrührt. Denn das Yang befindet sich im
Kampf mit den oberen Körperbereichen und den vier Pulsen und versucht, die Oberherrschaft
über sie zu gewinnen, und die Lebenskraft zieht sich dann in die Nieren zurück und bleibt auf
diese beschränkt. Zur Behandlung muß man dann jene Leitbahnen und Gefäße entsorgen, die
unter dem Einfluß von Yang stehen, und jene stärken, die der Kontrolle von Yin unterliegen.11

Um den ersten Yin-Teil zu behandeln, muß man beim Jueyin ansetzen. Sind die Zang-Organe
leer und haben keine Lebenskraft mehr, ist das Herz bedrängt, der Atem kommt zum
Stillstand und weißfarbener Schweiß tritt auf. Und so muß man eine Sedierung im unteren
Körperbereich herbeiführen und der aufzunehmenden Nahrung Medikamente beimischen".

Der Gelbe Kaiser fragte:" Welchen Zustand weisen denn die Organe auf, die dem Taiyang
unterstehen?"

Qi Bo erwiderte: "Sie gleichen dem dritten Teil von Yang und neigen zu Übermaß und
Üppigkeit".

Der Gelbe Kaiser fragte weiter: "Und welchen Zustand weisen jene Organe auf, die unter der
Kontrolle des Shaoyang stehen?"

Qi Bo antwortete: "Sie gleichem dem ersten Teil von Yang, denn die zum ersten Teil von
Yang gehörenden Organe sind glatt und schlüpfrig und nicht voll und fest."

Der Gelbe Kaiser wollte schließlich wissen: "Und was ist der Zustand jener Organe, die unter
Einfluß des 'Yangming' stehen?"

Qi Bo erwiderte darauf: "Sie weisen Üppigkeit und Oberflächlichkeit auf. Liegt eine
Beeinträchtigung der unter Kontrolle des Taiyin stehenden Organe vor, so beinhaltet dies
Schwellungen, und sind jene unter Einfluß des zweiten Teils von Yin betroffen, so werden die
Nieren brüchig und sind nicht leicht und fließend12".

10Gemeint ist wohl die Aktivierung der Darmtätigkeit.


11D.h.,man muß as Yang sedieren und Yin tonisieren.
12Gemeint sind wohl entsprechende Merkmale des Nierenpulses, die bei einer entsprechenden

Beeinträchtigung der Nieren vorliegen.


108

Kapitel 22 Abhandlung über die Fünf Zang-Organe und ihre Beziehung zu den Vier
Jahreszeiten

Der Gelbe Kaiser fragte: "Man muß sich an den Gesetzmäßigkeiten der Vier Jahreszeiten und
der Fünf Elemente orientieren, wenn man den menschlichen Körper (und dessen ganzheitliche
Funktion, d.Üb.) mit sich selbst in Einklang bringen will. Dieser Ansatz ist der Maßstab für
den Menschen, ganz gleich, ob dieser sich in Übereinstimmung oder im Widerspruch dazu
befindet, egal, ob er erfolgreich ist oder ob er Rückschläge erleiden muß. Ich wünsche nähere
Aufklärung in dieser Sache".

Qi Bo erwiderte: "Die Fünf Elemente sind Metall, Holz, Wasser, Feuer und die Erde. Ihre
Veränderungen, ihre Zunahme und Abnahme geben Auskunft über Tod und Leben und
bestimmen Erfolg und Scheitern. Sie sind ausschlaggebend für die Kraft der Fünf Zang-
Organe und legen ihre Zuordnung zu den Vier Jahreszeiten und den Zeitpunkt von Tod und
Leben fest".

Der Gelbe Kaiser forderte: "Ich wünsche vollständige Aufklärung darüber".

Qi Bo erwiderte: "Die Leber beherrscht den Frühling13. Der Bereich des Jueyin und des
Shaoyang im Fuß sind ausschlaggebend für Behandlung und Heilung.14 Der Frühling
entspricht der Zeitspanne Jia Yi15 der Zehn Himmlischen Stämme. Wenn die Leber von einer
akuten Krankheit heimgesucht wird, sollte man schnell Süßes zu sich nehmen, um sie zu
beruhigen16. Das Herz beherrscht den Sommer17, und im Bereich des Taiyang setzen
Behandlung und Heilung18 an. Der Sommer entspricht der Zeitspanne Bing Ding19 der Zehn

13Einzelne Organe werden bestimmten Jahreszeiten zugeordnet und damit bestimmte Eigenschaften
dieser Organe hinsichtlich ihrer Funktion beschrieben: So ist z.B. die Leber dem Frühling zugeordnet,
einer Jahreszeit, in der alles neu zum Leben erwacht, erblüht und auf eine volle Blüte im Sommer
hinzuwächst. Dies entspricht der Wandlungsphase Holz, das durch das Element des Feuers
überwunden wird (indem Holz durch Feuer verbrennt). Die Eigenschaft der Leber nun wird darin
gesehen, daß sie bei normaler Funktion, d.h., dann, wenn sie nicht erkrankt ist, u.a. den Fluß von Qi
und Blut anregt, eine Voraussetzung, damit der Körper nicht nur wachsen und gedeihen, sondern
überhaupt existieren kann. Und so wird auch an den anderen Stellen, wo es um die Zuordnung von
einzelnen Organen zu einzelnen Jahreszeiten geht, eine bestimmte Symbolik für das Funktionieren
einzelner Organe unterstellt. Und dies immer auf dem Hintergrund von Werden und Vergehen nach
dem Schema der Theorie der Fünf Elemente, ihrem Hervorgehen und ihrer Überwindung durch ein
anderes.
14Dies sind die Körperzonen und -bereiche, in denen die einzelnen Meridiane mit ihren

Akupunkturpunkten verlaufen. Hier und im Folgenden wird also auf die Behandlung durch
Akupunktur Bezug genommen. Für diese Textstelle gilt: Da Galle und Leber in der TCM funktional
eng zusammengehören, sind beide Organe gleichzeitig zu behandeln. Absolutes Yin steht für die
Leber und Unterer Yang für die Gallenblase.
15Im Yang-Bereich entspricht dies dem Element Feuer, im Yin-Bereich entspricht dies Bambus, der

Planet ist Jupiter.


16An dieser Stelle geht es um therapeutische Effekte, die man über medikamentöse Einnahme erzielen

kann. Hier und anderen Stellen wird also jeweils einmal auf die Therapie durch Akupunktur,
andererseits durch die Verabreichung von Medikamenten bzw. entsprechende dietätische
Maßnahmen Bezug genommen.
17Der Sommer ist die Jahreszeit, in der alles zur Blüte gelangt ist und sich voll entfaltet. Das Herz

entspricht dem Element Feuer, das das Element Holz (Leber) überwindet und steht für Hitze und
Aktivität. Es ist ein Energieträger, denn es führt den übrigen Körperbereichen Energie und Wärme zu
und ist die Antriebskraft für den Kreislauf von Qi und Blut.
18Hier wird auf die Meridiane des Herzens und des Dünndarms Bezug genommen, die in der TCM

zueinander in physiologischer Verbindung stehen und deshalb in der Akupunktur zusammen


behandelt werden müssen.
109

Himmlischen Stämme, und wenn das Herz unter nachlassender Energie leidet, muß man
schnell Saures zu sich nehmen, um den Herzschlag wieder anzuregen.20 Die Milz beherrscht
den Hochsommer21 (d.i. der 6. Monat im Jahr, d. Üb.), und im Bereich des Taiyin und im
Fußbereich des Yangming setzen Behandlung und Heilung an.22 Die Zeitspanne des
Hochsommers entspricht der Periode Wu Ji23 der Himmlischen Stämme. Leidet die Milz
unter Feuchtigkeit, so muß man sofort Bitteres zu sich nehmen, weil dies eine trocknende
Wirkung hat24. Die Lungen beherrschen den Herbst.25 Der Bereich des Taiyin und der des
'Yangming' in den Händen stellt den Ansatz für Behandlung und Heilung dar.26 Der Herbst
entspricht der Zeitspanne Geng Xin der Himmlischen Stimme.27 Wenn die Lungen unter der
Blockierung des Oberen Atmungstraktes leiden, so sollte man schnell Bitteres zu sich
nehmen. Denn dies wird die Blockade auflösen und den freien Fluß (der Luft, d. Üb.) wieder
herstellen.28 Die Nieren beherrschen den Winter.29 Im Bereich des Shaoyin und dem Bereich
des Taiyang finden Behandlung und Heilung statt.30 Die Winterzeit entspricht der Periode

19Diese Periode entspricht dem Element Feuer, im Yang-Bereich brennendem Holz und im Yin-Bereich
dem Schein einer Lampe, der entsprechende Planet ist der Mars.
20Hier wird der Geschmack genannt, der auf das Herz unter dietätisch-medikamentösem Aspekt eine

therapeutische Wirkung hat.


21Das Element des Hochsommers und der Milz ist die Erde, aus ihr geht alles hervor, was der Himmel

erschaffen hat. Funktional sind Milz und Pankreasbereich für Ernährung, Stoffwechsel und
Verdauung ausschlaggebend, und werden daher also der Erde, deren Boden die Nahrung in der
Natur hervorbringt, gleichgesetzt.
22Milz und Magen stehen in funktionalem Zusammenhang, und deshalb müssen die entsprechenden

Leitbahnen (Großer Yin für den Milzmeridian und 'Sonnenlicht' für den Magenmeridian) in der
Akupunktur zusammen behandelt werden.
23Die Periode Wuji entspricht dem Element Erde, im Yang-Bereich dem Gebirge und auf Yin-Ebene

dem Flachland, der Planet ist Saturn.


24Hier wird der für die Milz wichtige Geschmack in therapeutischer Hinsicht genannt.
25Der Herbst ist die Jahreszeit, in der alles Erschaffene seinen Reifestand erreicht hat und langsam

wieder vergeht (also durch ein anderes Element wieder überwunden wird). Das entsprechende
Element ist das Metall. Da die Lungen auch mit für die Stimmbildung verantwortlich sind (Sinnbild
von Metall als Klangkörper), werden die Lungen dem Element Metall zugeordnet. Durch die Lungen
wird auch verbrauchter Atem ausgestoßen, so daß sich ein symbolischer Bezug zur Jahreszeit des
Herbstes als Periode des Gereiftseins und Vergehens alles Lebenden ergibt.
26In der Akupunktur ist der Meridian des Großen Yin in der Hand für die Lungen und der Bereich des

'Sonnenlichts' für den unteren Darmbereich zuständig. Beide Organbereiche wirken funktional
zusammen.
27Die Periode Geng Xin entspricht dem Element Metall, im Yang-Bereich dem den Waffen und im Yin-

Bereich dem Kessel. Der entsprechende Planet ist die Venus.


28Hier wird der für die Lungen relevante Geschmack unter therapeutischem Aspekt genannt.

29Der Niere entspricht das Element Wasser, denn im Körper ist sie für die Wasserversorgung
zuständig. Nach Auffassung der TCM stammt das Urqi als Quelle allen Lebens aus den Nieren und
wird von den Eltern an die nachkommenden Generationen weitergegeben, und dieses muß dann
durch ständige Nahrungszufuhr von außen in Gang gehalten werden. Im Winter stirbt alles Leben ab,
es ist die Zeit, in der alles Vergängliche vergeht. Im Todesfall verläßt das Urqi den menschlichen
Körper, und so ergibt sich ein Bezug der Niere zur Zeitspanne des Winters.
30Der Bereich des Unteren Yin entspricht den Nieren und der des Großen Yang der Harnblase. Beide

Organe stehen in funktionalem Zusammenhang zueinander, und ihre Meridiane müssen in der
Akupunktur zusammen behandelt
30Der Niere entspricht das Element Wasser, denn im Körper ist sie für die Wasserversorgung

zuständig. Nach Auffassung der TCM stammt das Urqi als Quelle allen Lebens aus den Nieren und
110

Ren Gui der Himmlischen Stämme.31 Sind die Nieren ausgetrocknet, so sollte man Scharfes
zu sich nehmen32, das ihnen wieder Feuchtigkeit zuführt. Es öffnet die Poren und regt den
freien Speichelfluß an sowie die flüssigen Ausscheidungen.

Für eine erkrankte Leber sollte während des Sommers Heilung erzielt werden. Ist dies
nämlich nicht der Fall, kann sich ihr Zustand im Herbst noch verschlimmern; tritt der Tod
nicht im Herbst ein, ist er auch im Winter gebannt. Aber im Frühling wird die Krankheit
wieder auftreten, und dann sollte man sehr genau darauf achten, daß die Leber nicht den
Winden ausgesetzt ist. Jene, die an einer Erkrankung der Leber leiden, sollten im Sommer33
geheilt werden. Wird in dieser Zeit keine Besserung erreicht, wird dieser Zustand unverändert
auch im Herbst anhalten.34 Tritt im Herbst jedoch nicht der Tod ein, wird dies auch nicht im
Winter35 der Fall sein. Jene, die an einer Erkrankung der Leber leiden, sind lebhaft und
schlagfertig am frühen Morgen. Ihr mentales Befinden erreicht abends seinen Höhepunkt, und
um Mitternacht sind sie still und ruhig. Eine erkrankte Leber neigt dazu, zu verfallen. Und
dann sollte man rasch Scharfes zu sich nehmen, um diesem Vorgang Einhalt zu gebieten.
Scharfes unterstützt die Leberfunktion und verstopft Schlupflöcher, und man verwendet
Saures, um die Leber zu bändigen und Überschüssiges zu vertreiben.

Eine Erkrankung innerhalb des Herzens müßte während des Hochsommers geheilt werden
können. Wird in dieser Zeit jedoch noch keine Heilung erreicht, wird sich die Krankheit im
Winter verschlimmern. Tritt im Winter der Tod nicht ein, ist er auch im Frühling gebannt,
aber im Sommer wird die Krankheit wieder auftreten. Dann sollte man warmes Essen und
wärmende Kleidung meiden. Jene, die an einer Krankheit des Herzens leiden, sollten im
Hochsommer Heilung36 finden. Ist dies jedoch nicht der Fall, so wird dies auch im Winter
nicht so sein, und tritt der Tod während des Winters nicht ein, wird dies auch im Frühling
nicht der Fall sein. Aber im Sommer wird die Krankheit wieder auftreten. Jene, die an einer
Herzkrankheit leiden, sind lebhaft und schlagfertig um Mittag herum, ihre Aktivität erreicht
um Mitternacht ihren Höhepunkt, und am frühen Morgen sind sie still und ruhig. Ein krankes
Herz neigt zu Weichheit und Schwäche. Dann sollte man rasch Salziges zu sich nehmen, um
das Herz zu stabilisieren. Salziges dient der Unterstützung und Stärkung des Herzens, und
man benutzt Süßes, um es zu bändigen und Überschuß zu vertreiben.

Bei einer Erkrankung der Milz sollte sich ihr Zustand im Herbst verbessern; ist dies nicht der
fall, tritt eine Verschlimmerung im Frühling ein. Tritt dann der Tod nicht ein, ist er auch im
Sommer gebannt, aber im Hochsommer wird die Krankheit wieder auftreten. Dann sollte man
warmes Essen und Nahrungsaufnahme in Fülle vermeiden, sich von sumpfigem Boden
fernhalten und keine feuchte Kleidung tragen. Jene, die an einer Erkrankung der Milz leiden,
sollten im herbst Heilung finden. Ist dies nicht der Fall, wird der Zustand unverändert auch im

wird von den Eltern an die nachkommenden Generationen weitergegeben, und dieses muß dann
durch ständige Nahrungszufuhr von außen in Gang gehalten werden. Im Winter stirbt alles Leben ab,
es ist die Zeit, in der alles Vergängliche vergeht. Im Todesfall verläßt das Urqi den menschlichen
Körper, und so ergibt sich ein Bezug der Niere zur Zeitspanne des Winters.
30Der Bereich des Unteren Yin entspricht den Nieren und der des Großen Yang der Harnblase. Beide

Organe stehen in funktionalem Zusammenhang werden.


31Die Periode Ren Gui entspricht dem Element des Wassers, im Yang-Bereich den Wellen und im Yin-

Bereich dem Bach. Der entsprechende Planet ist der Merkur.


32Hier wird der für die Nieren relevante Geschmack unter therapeutischem Aspekt genannt.
33Dies entspricht der Periode Bing Ding.
34Dies entspricht der Periode Geng Xin.
35Dies entspricht der Periode Ren Gui.
36Dies entspricht der Periode Wu Ji.
111

Frühling anhalten. Und tritt im Frühling nicht der Tod ein, ist er auch für den Sommer
abgewehrt, aber im Sommer wird die Krankheit wieder auftreten. Jene, die an einer
Erkrankung der Milz leiden, sind lebhaft und schlagfertig bei Sonnenuntergang, ihre Aktivität
erreicht bei Sonnenaufgang ihren Höhepunkt, und gegen Abend werden sie still und ruhig.
Eine kranke Milz zeichnet sich Verspätung und Trägheit aus. Dann sollte man rasch Süßes zu
sich nehmen, um sie anzuregen. Bitteres setzt man ein, wenn man die Milz in ihrem
Überschuß bändigen will, und Süßes, um sie zu unterstützen und sie so zu stärken.37

Ist die Lunge erkrankt, sollte eine Besserung der Krankheit im Winter eintreten. Ist dies nicht
der Fall, verschlimmert sich die Krankheit im Sommer. Tritt im Sommer der Tod nicht ein, ist
er auch für den Hochsommer gebannt, aber im Herbst wird die Krankheit wieder auftreten.
Man sollte kalte Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme vermeiden und keine luftige Kleidung
tragen, die einen frösteln macht. Jene, die an einer Krankheit der Lungen leiden, sollten im
Winter geheilt werden. Ist dies nicht der Fall, wird dies auch im Sommer nicht möglich sein.
Und tritt im Sommer nicht der Tod ein, wird er auch im Hochsommer gebannt sein, aber die
Krankheit wird im Herbst wieder auftreten. Jene, die an einer Lungenkrankheit leiden, sind
lebhaft und schlagfertig zur Abendzeit,ihr Höchstmaß an Aktivität wird mittags erreicht, und
sie werden um Mitternacht still und ruhig. Kranke neigen dazu, sich zu verschließen und
zusammenzuziehen, dann sollte man rasch Saures zu sich nehmen, um ihnen das zuzuführen,
was ihnen zusteht. Saures setzt man ein, um die Lunge bei Mangelerscheinungen zu
unterstützen und zu stärken, Scharfes wird benutzt, um die Lungen bei Überschuß zu
bändigen und diesen zu vertreiben.

Sind die Nieren erkrankt, sollte die Besserung im Frühling eintreten. Ist dies im Frühling nicht
der Fall, wird sich der Zustand in der Zeit der langen Hochsommerabende noch
verschlimmern. Tritt der Tod dann nicht ein, ist er auch im Herbst gebannt, aber im Winter
wird die Krankheit wieder auftreten. Meiden sollte man brennendes Feuer, heißgekochte
Nahrung und zu warme Kleidung. Eine Heilung der Nierenerkrankung sollte während des
Sommers erfolgen. Ist dies nicht der Fall, wird sie sich im Hochsommer verschlimmern. Tritt
in dieser Zeit der Tod nicht ein, ist er auch im Herbst gebannt, aber im Winter wird die
Krankheit wieder auftreten. Jene, die an einer Erkrankung der Nieren leiden, sind lebhaft und
schlagfertig um Mitternacht, ihr Höchstmaß an Aktivität hält den ganzen Tag über während
der letzten Frühlings-, Sommer-, Herbst- und Wintertage an, und bei Sonnenuntergang
werden sie still und ruhig. Erkrankte Nieren verhärten sich, und dann sollte man Bitteres zu
sich nehmen, um sie zu unterstützen. Bitteres unterstützt und stärkt die Nieren, Salziges
bändigt sie und vertreibt den Überschuß.

Wenn also Schlimmes38 im Körper Einzug hält, muß es überwunden und an seiner
Verbreitung und Zunahme gehindert werden. Dies gilt für jene, die gesund sind und deren
Krankheit folglich geheilt werden kann. Aber dies gilt auch für die, deren Krankheit39 nicht
überwunden werden kann und daher schwer erkranken. Es gilt auch für die, die gesund genug
sind und die Krankheit selbst abwehren können.40 Und jene, die glücklich und zufrieden mit
ihrem Leben sind, werden ein Höchstmaß an Gesundheit erreichen.41

37Hier wird jeweils auf Überschuß- und Mangelerscheinungen Bezug genommen.


38Eigentlich wörtlich: "böse Einflüsse" für "krankmachende Einflüsse" (pathogene Faktoren, die von
außen in den Körper eindringen).
39Wörtlich: "böse Geister", in der rationalen Ausrichtung des Neijing jedoch ein Synonym für

pathogene Faktoren, die von außen in den Körper eindringen und Krankheit über ihn bringen.
40Hier wird auf das "Verteidigungsqi" Bezug genommen, das die Krankheit im Körper abwehren kann
und in der alten Terminologie der TCM eigentlich die Immun- und Selbstheilungskräfte des Körpers
aus moderner Sichtweise bedeutet.
41Wörtlich im Original etwa: "...werden über sich (und die vorher beschriebenen Zustände)
hinauswachsen" bzw. "die anderen Personengruppen an Gesundheit (und Lebenskraft) noch
übertreffen".
112

Wenn man die Pulse Fünf Zang-Organe fühlt, kann man die Zeitspanne zwischen Leben und
Tod feststellen, um schließlich Aussagen über den Zeitpunkt von Leben und Tod zu
machen.42

Eine erkrankte Leber verursacht Schwellungen unterhalb beider Rippenseiten und zieht den
Dünndarm in die Länge und bringt bei dem Erkrankten eine Neigung zu Wutanfällen hervor.
Handelt es sich bei der Lebererkrankung um eine Mangelerscheinung, wird man blind, und
man kann weder sehen noch hören. Dies verursacht Ängste beim Kranken, der unter
Verfolgung- und Angriffsängsten leidet.43 Für die Akupunkturtherapie sollte man jene
Pulsbereiche wählen, die unter Kontrolle des Jueyin und des Shaoyang stehen. Ist die Atmung
behindert, kommt es zu Kopfschmerzen und Taubheit, Verlust der augenblicklichen
Wahrnehmung und einem Anschwellen der Backen.

Ein erkranktes Herz verursacht Schmerzen im Brustbereich und breitet sich über die
Rippenzweige hinweg aus. Schmerzen finden sich dann unterhalb der Rippen und oberhalb
des Brustbereiches. Das Obere der Schultern und die Abstände zwischen den Fingernägeln
schmerzen, und auch in beiden Armen tut es weh. Und der gesamte Bereich von den Rippen
zu den Enden der Gliedmaßen ist von Schmerzen betroffen. Zur Behandlung durch
Akupunktur sollte man jene Bereiche des Pulssystems wählen, die vom Shaoyin und dem
Taiyang beeinflußt werden und auch die Zonen, in denen sich das Blut unterhalb der
Zungenwurzel befindet. Veränderungen daran weisen auf Krankheit hin.44 Man muß nun jene
Stelle mit Nadelung behandeln, die zu dieser Störung führt, um so an das dort befindliche Blut
heranzukommen.

Eine erkrankte Milz verdickt das Blut und macht es schwer, es führt dazu, daß Muskeln und
Körperfleisch im Schlaf zucken und sich verkrampfen, die Füße können nicht mehr auftreten
und laufen, es entstehen Krämpfe, unter es zeigen sich Schmerzen, die an den Beinen hinab
nach unten gehen. Bei einer Mangelerscheinung der Milz ist der Milz ist der Magen gefüllt,
aus den Eingeweiden kommen Töne, die Nahrung entweicht, und die Nahrung wird nicht
mehr verdaut. Zur Behandlung entnimmt man Blut aus den Bahnen, die vom Taiyin,
Yangming und und vom Shaoyin beherrscht werden.

Eine erkrankte Lunge führt zu Mühe beim Atmen und zu Keuchen, und jene Luft, die gestört
ist, zieht Schulterspitze und den Rücken in Mitleidenschaft. Aus dem Bereich des Mastdarms,
Lende und Schoß tritt Schweiß aus, Schenkel, Ferse, Sohle und Fuß sind voller Schmerzen.
Bei einer Mangelerscheinung der Lunge zeigt sich ein Rückgang des Atems und ein
nachlassendes Vermögen, Atem auszustoßen und aufzunehmen. Das Hörvermögen läßt nach,
und der Hals wird trocken. Zur Behandlung und Heilung der Lungen muß man aus dem
Pulssystem jene Leitbahnen auswählen, die sich im Einflußbereich des Taiyin befinden und
jene, die an der Körperoberfläche im Einflußbereich des Taiyang liegen und jene, die
innerhalb des Körpers durch das Jueyin beeinflußt werden. Ihnen muß Blut entzogen
werden.

Eine Erkrankung der Niere vergrößert den Magen und läßt das Schienbein anschwellen.
Mühe beim Atmen und Husten; Körperschwere und Schweißaustritt während des Schlafes
sind weitere Kennzeichen, die sehr schmerzhaft sind. Bei einer Mangelerscheinung der Nieren
zeigen sich Schmerzen im Brustbereich und in Dünn- und Dickdarm. Man läßt sich leicht
aufregen und wird ärgern, und man hat keine freudigen Gedanken mehr. Zur Behandlung und

42Inden nachfolgenden Ausführungen kommt ein anderer Themenkreis zur Sprache, der die bereits
erwähnten Fünf Zang-Organe betrifft. Hier geht es um eine Symptombeschreibung und
Therapiehinweise in Bezug auf die einzelnen Organe.
43Gemeint ist hier nicht Verfolgungswahn.

32Dies bezieht sich auf Feststellungen, die man bei der Zungendiagnose machen kann.
113

Heilung wählt man die Leitbahnen aus dem Bereich des Shaoyin und des Taiyang, um ihnen
Blut zu entziehen.

Die Farbe der Leber ist grünlich-blau45, die ihr angemessene Nahrung ist Süßes. Unklebriger
Reis, Rindfleisch, Datteln und Malven sind alle von süßem Geschmack.46
Die Farbe des Herzens ist rot, die ihm angemessene Nahrung ist Saures;47kleine Erbsen,
Hundefleisch, Pflaumen und Porree (Lauch) sind alle von saurem Geschmack.

Die Farbe der Lungen ist weiß, die ihr angemessene Nahrung ist bitter. Von Geschmack bitter
sind Weizen, Schaffleisch, Mandeln, Aprikosen und Lauch.48

Die Farbe der Milz ist gelb; die ihr angemessene Nahrung49 ist salzig. Langbohnen,
Schweinefleisch, Kastanien und wilde Zweige sind alle salzhaltig.
Die Farbe der Nieren ist schwarz50, die ihnen angemessene Nahrung ist scharf. Gelbe Hirse,
Hühnerfleisch, Pfirsiche und Zwiebeln sind alle von scharfem Geschmack.51

Scharfes hat eine streuende Wirkung, Saures einen zusammenführenden und bindenden
Effekt, während Süßes eine verlangsamende Wirkung hat und Bitteres stärkend wirkt und
Salziges erweicht.

Medizin kann Krankheiten


53
bekämpfen, die Fünf Getreidearten haben ernährende Wirkung5254,
die Fünf Baumfrüchte haben unterstützende Ernährungsfunktion, und die Fünf Haustiere
bieten zusätzliche Vorteile und die Fünf Gemüsearten vervollständigen die Kost. Ihre
Geschmäcker vereinigen sich und sind aufeinander so abgestimmt, daß sie dem menschlichen
Körper die wohltuende Wirkung der Lebenskraft zuführen.55

Jeder dieser Fünf Geschmäcker stellt einen gewissen Vorteil und eine bestimmte wohltuende
Wirkung dar. Sie wirken entweder streuend oder bindend und zusammenführend,
verlangsamend oder an Tempo zunehmend, stärkend oder abschwächend. Und jede Krankheit
der Vier Jahreszeiten und der Fünf Zang-Organe wird durch die Fünf Geschmäcker in ihrem
weiteren Verlauf entsprechend beeinflußt".

45Der chinesische Terminus qing deckt eine Farbskala zwischen blau und grün ab.
46Hier kommen jetzt die Fünf Farben ins Spiel, die in Beziehung zu einzelnen Zang-Organen gesetzt
werden. In der Diagnostik der TCM spielen sie für die Untersuchung des Zustands der Zang-Organe
eine wichtige Rolle. Hier kommt z.B. eine bestimmte Gesichtsfärbung in Betracht u.a. Für die Leber ist
z.B. eine bläuliche Haut- und/oder Gesichtsfarbe der Hinweis auf eine Erkrankung wie z.B. die
Blockade und Stagnation von Leberqi und/oder Blut,Krämpfe u.a.
47Für durch Hitze bedingte Krankheiten, die das Herz beeinträchtigen, steht rot.
48Für durch Kälte bedingte Krankheiten, mangelndes Qi und Blut, das die Funktion der Lungen

beeinträchtigt steht weiß.


49Hitze und Feuchtigkeit in der Milz führen zu gelblicher Haut- oder Gesichtsfarbe.
50Schwere Fälle von Blutstau, Erkältung und Schmerzen sowie eine zurückgehende Nierenfunktion

können bei dunkler Gesichts- oder Hautfarbe vorliegen.


51Im folgenden Absatz werden die einzelnen Wirkungen der Fünf Geschmäcker auf die Zang-Organe

beschrieben.
52Die Fünf Getreidearten sind: Reis, Kleinerbsen, Weizen, Langbohnen und gelbe Hirse.
53Die Fünf Baumfrüchte sind: Pfirsiche, Pflaumen, Aprikosen, Kastanien und Datteln.
54Die Fünf Haustiere sind: Büffel, Schaf, Schwein (Lamm), Schwein, Hund und Huhn.
55Sie haben einander ergänzende und vervollständigende Ernährungsfunktion; der wesentliche

Gesichtspunkt ist hier, daß eine zu einseitige Ernährung vermieden werden soll.
114

Kapitel 23 Abhandlung über die Fünf Klimazustände

Die Fünf Geschmäcker lassen sich den einzelnen Organen wie folgt zuordnen: Das Saure
dringt zur Leber vor, das Scharfe erreicht die Lungen, das Bittere das Herz, das Salzige die
Nieren und Süße die Milz.

Die Krankheiten der Fünf Klimazustände sind: Das Herz führt zum Aufstoßen, die Lungen
erzeugen Husten, die Leber erzeugt Geschwätzigkeit, die Milz ruft Schwierigkeiten beim
Schlucken hervor, die Nieren führen zu Mangelerscheinungen, die sich in einer schniefenden
und triefenden Nase äußern, der Magen erzeugt Dämpfe, und sobald diese sich
verselbständigen, entstehen Aufstoßen und Erbrechen, was zu Angstzuständen führt. Der
Dünn- und Dickdarm verursachen Schlupflöcher im Bereich des Dreifachen Erwärmers, was
zur Überschwemmung unten führt und heraustretendem Wasser in diesem Bereich des
Körpers. Wenn die Harnblase nicht normal arbeitet, hält sie den Harn zurück, arbeitet sie
ungehemmt, so führt dies zu übermäßigem Harnaustritt. Die Gallenblase verursacht
Wutanfälle. So lassen sich die Fünf Krankheiten erklären.

Die Fünf Gemütszustände gleichen den Fünf Formen der Lebenskraft. Sind sie aufeinander
eingestellt, so führt dies zu einem Gefühl der Freude, das vom Herzen aufsteigt, sie lassen
Mitgefühl von der Lunge ausgehen und Kummer von der Leber; Sorge entspringt der Milz
und Furcht den Nieren. Auf diese Weise wird die Einheit der Fünf Gemütszustände deutlich.
Sind diese Formen der Lebenskraft erschöpft, müssen sich die Fünf Gemütszustände wieder
zusammenführen lassen.

Die Fünf Krankmachenden Einflüsse, die die Zang-Organe befallen können, sind: Hitze
schädigt das Herz, Kälte die Lungen, Winde schädigen die Leber und Feuchtigkeit die Milz,
und extreme Trockenheit zieht die Nieren in Mitleidenschaft. Dies sind die Fünf
Krankmachenden Einflüsse.

Die Formen der flüssigen Ausscheidungen, insoweit sie die Fünf Zang-Organe betreffen, sind:
mit Blick auf das Herz ist das der Schweiß, mit Blick auf die Lungen handelt es sich um
Schleim, mit Blick auf die Leber um Tränen, mit Blick auf die Milz handelt es sich um
Speichel und mit Blick auf die Nieren um Spucke. Dies sind die Fünf Flüssigen
Ausscheidungen.

Was die Fünf Geschmäcker angeht, so sind folgende Gebote zu beachten: Der scharfe
Geschmack erreicht den Atmungstrakt, und ist dieser von einer Krankheit befallen, sollte man
nicht zu viel an Scharfem zu sich nehmen. Der salzige Geschmack geht in den Blutbereich
ein, und ist das Blut erkrankt, sollte man nicht zuviel an Salzigem zu sich nehmen. Der bittere
Geschmack erreicht den Bereich der Knochen; sind diese erkrankt, sollte man nicht zuviel an
Bitterem zu sich nehmen. Dies sind die Fünf Gebote in Bezug auf das, was man nicht im
Übermaß zu sich nehmen sollte.

Die Fünf Krankheiten haben folgende Herkunft: Einige Krankheiten von Yin rühren von den
Knochen her, einige Erkrankungen von Yang haben ihre Herkunft im Blut, einige Yin-
Erkrankungen kommen aus dem Körperfleisch und einige Yang-Erkrankungen haben ihren
Ursprung im Sommer, einige Yin-Erkrankungen aber im Winter. So läßt sich der Ursprung
der Fünf Krankheiten erklären.

Die Fünf Krankmachenden Einflüsse führen zu Beeinträchtigungen der folgenden Art: Sind
die Acht Winde innerhalb von Yang im Menschen56 anzutreffen, so führt dies zu

56Hierhandelt es sich um krankmachende, durch den Wind bedingte Einflüsse auf die Fu-Organe
(Yang), die allesamt Umwandlungs- und Ausscheidungsorgane sind.
115

Unkontrolliertheit, sind die Acht Winde hingegen im menschlichen Yin vorhanden, so führt
dies zu Starre und Gefühllosigkeit. Ist Yang betroffen, so entsteht Wahnsinn; ist Yin
betroffen, so führt dies zum Verlust der Sprache. Ist Yang im Yin vorhanden, ist Frieden und
Ordnung; ist aber Yin in Yang vorhanden, so führt dies Wutausbrüchen und Wutanfällen. Die
sind die Fünf Beeinträchtigungen.

Die Fünf Krankmachenden Einflüsse können wie folgt festgestellt (diagnostiziert) werden: Im
Frühling fühlt man einen Puls, dessen Merkmale für den Herbst normal wären; im Sommer
fühlt man einen Puls, dessen Merkmale dem Puls des Winters entsprechen, und im
Hochsommer zeigt sich ein Puls, der dem des Frühlings entspricht. Im Herbst zeigt sich ein
Puls, der dem des Sommers entspricht, und im Winter läßt sich ein Puls mit den Merkmalen
des Hochsommers fühlen. Und in jedem dieser Fälle weist dies darauf hin, daß Yin in Yang
vorgedrungen ist, und folglich wird sich die Krankheit voraussichtlich noch verschlimmern,
und Heilung kann nicht erreicht werden. Dies sind die Fünf Feststellbaren Krankmachenden
Einflüsse. Und es gilt hier, daß in allen Fällen der Tod unweigerlich eintritt und eine Heilung
nicht möglich ist.

Die Fünf Zang-Organe beherbergen und speichern folgendes: Das Herz beherbergt den
göttlichen Geist, die Lunge die animalischen Triebe, die Leber ist der Sitz der Seele und der
geistigen Fähigkeiten, während die Milz Ideen und Meinungen aufgenommen hat und die
Nieren der Sitz von Willenskraft und Strebsamkeit sind. Dies sind die Angaben dazu, was
einzelne Organe beherbergen.

Die Einflüsse, die von den einzelnen Organen ausgeübt werden, sind: Das Herz beherrscht
den Puls, die Lunge die Haut, die Leber ist für Muskeln und Sehnen verantwortlich, die Milz
für das Körperfleisch, und die Nieren beherrschen die Knochen. Dies sind die Fünf
Herrschaftsbeziehungen.

Die Fünf Einsätze, die dem Körper nicht zuträglich sind, sind: Eine übermäßige
Inanspruchnahme der Augen schädigt das Blut, übermäßig langes Liegen und Verharren in
einer Ruhestellung schädigt den Atmungsbereich, das übermäßig lange verharren in einer
Sitzstellung schädigt das Körperfleisch, und übermäßig langes Stehen schädigt die Knochen,
und übermäßig langes Laufen ist für die Muskeln schädlich. Dies sind die Fünf Einsätze, die
den Körper schädigen.

Die Pulse der Fünf Zang-Organe haben bei gesundem, normalen Zustand der entsprechenden
Organe folgende Merkmale: Der Leberpuls weist Schläge gleich den Saiten eines
Musikinstrumentes auf, der Herzpuls tönt wie das andauernde Niedersausen eines Hammers,
und der Schlag des Nierenpulses sollte wechselhaft und unregelmäßig sein und der Schlag
des Lungenpulses sanft und weich wie Haar oder Federn, und der Schlag des Nierenpulses
sollte sich wie ein Stein tönen. Dies sind die Normalzustände der Fünf Pulse.
116

Kapitel 24 Blut, Qi und körperlich-seelisches Befinden57

Immerwährende und ständige Ordnung im Menschen (Gesundheit, d.Üb.) ist dann gegeben,
wenn sich im Bereich des Taiyang viel Blut und nur wenig Atem befindet. Gesundheit liegt
auch dann vor, wenn sich im Bereich des Shaoyang wenig Blut und viel Atem befindet, im
Bereich des Yangming viel Atem und wenig Blut, im Bereich des Jueyin wenig Blut und viel
Atem, im Bereich des Jueyin viel Blut und wenig Atem, im Bereich des Taiyin viel Atem und
wenig Blut. Dies ist die vom Himmel vorgegebene Ordnung (ci tian zhi changshu).58

Was nun den Fußbereich angeht, so kann man sagen, daß der Taiyang und der Shaoyin sich
wie Mantel und Leinen (Oberfläche und Tiefe in gegenseitiger Beziehung, d.Üb.) verhalten,
ebenso ist das für die Beziehung von Shaoyang und Jueyin sowie bei Yangming und Taiyin
der Fall. Dies ist die Beziehung zwischen Yin und Yang, was den Fußbereich angeht.

Was nun den Bereich der Hand (und des Armes, d.Üb.) angeht, so kann man sagen, daß
Taiyang und Shaoyin in einer Oberflächen-Tiefe-Beziehung zueinander stehen, ebenso der
Shaoyang und der Handteller, Yangming und Taiyin. Dies ist die Beziehung zwischen Yin
und Yang, was den Bereich der hand angeht.

Will man die Leiden von Hand- und Fußbereich, von Yin und Yang, vollständig beseitigen
und heilen, müssen zunächst die Knoten im Blut entfernt werden59, und auf diese Weise
werden auch die Leiden entfernt, die dann man dann genauer untersuchen kann, um so
zunächst den Überschuß zu beseitigen und später da, wo erforderlich, einen Mangel
ausgleichen.

Um Auskunft über den Rücken zu erhalten, muß man den Zwischenraum zwischen den
Brüsten messen und dann in zwei Hälften aufteilen. Dies ist nur eine ungefähre Maßangabe.
So erhält man zwei Buchten, die sich einander ergänzen. Dann sollte man den Rücken
abmessen. Entsprechend findet sich die erste Bucht im oberen Körperbereich. Entlang der
Wirbelsäulenrille finden sich zwei Buchten im unteren Körperteil. Darin findet sich der Sitz
der Lungen. Geht man auf diese Weise noch weiter nach unten, findet man den Sitz des
Herzens. Eine Maßeinheit weiter nach unten links findet sich die Leber und rechts die Milz,
und noch eine Maßeinheit weiter nach unten wird man die Nieren finden. Dies sind die Maße
und Stätten, an denen sich die Fünf Zang-Organe befinden zur Behandlung durch
Moxibustion und Akupunktur.

Ist der Körper zufrieden gestellt, aber Wille und Streben unter Druck, tritt Krankheit durch
den Puls (in den Meridianen, d.Üb.) auf, deren Behandlung durch Moxibustion und
Akupunktur erfolgt. Ist der Körper zufrieden gestellt und von Vergnügen umgeben, und ist
der Geist glücklich, tritt die Krankheit im Körperfleisch auf, und man setzt Akupunktur zur
Behandlung ein. Ist der Körper nicht zufrieden gestellt, aber Wille und Streben in Ordnung,
tritt die Krankheit in den Muskeln auf, und zur Behandlung setzt man Moxibustion und
Atemübungen ein. Ist der Körper schwerer Belastung ausgesetzt und auch der Geist nicht in
Ordnung (psychisches Unwohlsein, d.Üb.), tritt die Krankheit im Halsbereich auf und man hat
Schwierigkeiten beim Schlucken und Verschlucken. Zur Behandlung sollte man alle
möglichen Arten von Medikamenten einsetzen. Ist der Körper wiederholt Schrecken und
Furcht ausgesetzt, so läßt der Kreislauf in Leitbahnen nach, und Krankheit entsteht durch
Gefühllosigkeit. Zur Behandlung setzt man Massage und Medikamente, die aus

57Hier ist keine theoretische Abhandlung über das Verständnis von Qi, Blut und seelisch-körperliches
Befinden zu erwarten; vielmehr werden hier therapeutische Vorgehensweisen erörtert.
58Blut und Atem müssen in einem ausgewogenen physiologischen Verhältnis zueinander stehen, was

an Hand der Pulsfrequenz (Blut) und des Ein- und Ausatmungsrhythmus innerhalb eines bestimmten
Zeitintervalls meßbar ist.
59Als Ursache solcher Leiden wird Blutstau durch Knoten im Blut vorausgesetzt.
117

medizinischem Weinsubstanzen gewonnen werden. Dies sind die Fünf Zustände des Körpers
und des Geistes.

Nadelt man den Bereich des Yangming, so läßt man Blut ab, ohne das Qi zu schädigen, nadelt
man den Bereich des Taiyang, so läßt man Qi ab, ohne das Blut zu schädigen, und nadelt man
den Bereich des Shaoyang, so läßt man Qi ab ohne Schädigung des Blutes, und bei Nadelung
des Shaoyin läßt man ebenfalls Energie ab, ohne das Blut zu schädigen. Und wenn man den
Bereich des Jueyin nadelt, läßt man Blut ab ohne Schädigung des Qi.
118

ACHTES BUCH

Kapitel 25 Abhandlung über die Kostbarkeit des Lebens und die Vollkommene Gesundheit
des Körpers

Der Gelbe Kaiser sagte: "Alles, was der Himmel bedeckt und von der Erde getragen wird, ist
in seiner Vollkommenheit ausgerichtet hin auf das Größte, das es geben kann: den Menschen.
Der Mensch lebt von der Energie des Himmels und der Erde und erreicht seine
Vollkommenheit durch die Gesetzmäßigkeiten der Vier Jahreszeiten. Herrscher und die
Untertanen seines Volkes sind sich einig in dem Verlangen nach der Vollkommenheit durch
Gesundheit. Da aber nun einmal Umstände und Tatsachen über die Leiden und Gebrechen des
Körpers unbekannt sind, versündigt man sich täglich durch ein Leben im Übermaß und zeigen
sich grundlegend in den Knochen, dem Mark, dem Herzen und den geheimsten Teilen des
Körpers (Genitalbereich,d.Üb.), die alle Leiden und Krankheiten hervorbringen. Ich hätte nun
gerne gewußt, ob es möglich ist, mit Hilfe der Akupunktur diese Krankheiten zu beseitigen
und wie man das tut".

Qi Bo erwiderte: "Der Geschmack von Salz ist salzig und veranlaßt die Organe, Feuchtigkeit
zur Verfügung zu stellen. Wenn sich der Leberpuls anhört wie die Saiten eines
Musikinstruments, das plötzlich abbricht, so ist der Ton laut und quietschend. Wenn sich
Holz, das Element der Leber, ausbreitet und zunimmt, entstehen Blätter. Wenn sich also die
Krankheit stark ausbreitet, sind die damit zusammenhängenden Laute Erbrechen und Rülpsen.
Und so gibt es drei Arten von Schädigungen, die die Inneren Organe des Menschen befallen
können.1 Medizin und medizinische Gifte können diese Mängel nicht beheben, und auch
Nadel kann nicht alle vertreiben, und deshalb muß man die Haut aufschneiden und das Fleisch
verwunden, und das durch die hereinströmende Luft in Mitleidenschaft gezogene Blut ist
schwarzfarben."

Der Gelbe Kaiser sagte: "Ich ziehe die Schmerzen und Verwirrnisse in Betracht, die täuschen
und Unordnung schaffen und jene, durch die sich die Krankheit verschlimmert. Wir können
sie nicht beeinflussen und durch andere ersetzen, und sollten wir sie daher nicht allgemein
bekannt geben und darüber aufklären, damit sich das Volk und alle danach richten können?"

Qi Bo antwortete: "Des Menschen Leben stammt von der Erde, aber sein Schicksal ist vom
Himmel bestimmt. Himmel und Erde tun sich zusammen, um die Kraft des Lebens zu
verleihen und damit auch das Schicksal des Menschen. Dem Menschen ist es gegeben, sich an
die Gesetzmäßigkeiten der Vier Jahreszeiten zu halten, und Himmel und Erde treten als Vater
und Mutter auf. Und der, der für die Bedürfnisse aller Menschen gegenüber dem Himmel
einsteht, wird Sohn des Himmels (tianzi) genannt.2 Der Himmel verfügt über Yin und Yang
und für den Menschen gibt es die Zwölf Zeiteinheiten3 (shi'er dizhi). Der Himmel verfügt
über Hitze und Kälte, der Mensch über Mangel und Überschuß. Und es ist eine von alters her
feststehende Regel: Himmel und Erde, die Veränderungen im Kräfteverhältnis zwischen Yin
und Yang, die Unfehlbarkeit des Gesetzes der Vier Jahreszeiten und die Kenntnis der
1Diese sind: Leber, Lunge und Brustbereich (Thorax).
2Der Himmelskult geht bis in das Altertum (Shang-Dynastie und speziell auch die Zhou-Zeit) zurück
und ist die Grundlage für das spätere chinesische Kaisertum. Der Kaiser gilt als Kultmittler zwischen
Menschen und Himmel, wobei der Mensch zwischen Himmel und Erde steht. Damit hängt auch der
Terminus "Himmelssohn" als eine Art Ehrentitel für die Stellung des chinesischen Kaiser zusammen.
Die explizit kultische Funktion, die in der Zhou-Zeit noch bestanden haben muß, ist später immer
mehr verloren gegangen.
3Gemeint sind die Zwölf Erdzweige, die bestimmten Uhrzeiten des Tages und der Nacht entsprechen

und mit der Position der Gestirne und des Kompaß in Verbindung gebracht werden.
119

Zeiteinteilung nach dem Schema der Zwölf Zeiteinheiten. Und niemand, selbst der Kaiser
nicht, kann sich diesen widersetzen. Die Weisheit des Herrschers kann die Veränderungen
durch die Acht Winde erhalten und jene, die durch gegenseitige Vernichtung der Fünf
Elemente untereinander bedingt sind. Und die Macht des Herrschers kann das Schicksal und
Verlauf dessen, was leer und voll ist, steuern, das Schicksal jener, die sich allein auf die Reise
begeben und allein ankommen, jener, die klagen und jammern, und die Weisheit des
Herrschers muß sich auch der kleinsten und unbedeutendsten Zustände annehmen."4

Der Gelbe Kaiser sagte:" Der lebende Mensch verfügt über einen Körper und eine Gestalt, aus
der er nicht ausbrechen kann. Yin und Yang, Himmel und Erde vereinigen sich zur
Ausstrahlung des lebensspendenden Elements, und ein Teil dessen sind jene wilden
Randbezirke der Erde, die insgesamt neun betragen, ein anderer Teil entspricht den Vier
Jahreszeiten und den Monaten, von denen es kürzere und längere gibt, und alles, was
erschaffen ist und lebt - und nichts davon kann seine Beschränkung und das ihm vorgegebene
Maß überschreiten. Und so wage ich es, Euch aufzufordern, mir jene Losung zu übergeben,
die eine Regulierung dessen, was mangelhaft und dessen, was gefüllt und fest ist, möglich
macht. Und ich möchte wissen, wie ich mit jenen, die gähnen, und jenen, die jammern,
umzugehen habe".5

Qi Bo erwiderte: "Wenn das Wandlungsphase des Holzes in die des Metalls übergeht, so wird
das Holz zu Boden gestreckt, und wenn das Feuer die Phase des Wassers erreicht, wird es
ausgelöscht. Wenn die Wandlungsphase der Erde in die des Holzes übergeht, wird die Erde
vernichtet, und wenn die Wandlungsphase des Metalls in die des Feuers übergeht, wird das
Metall aufgelöst. Und wenn die Wandlungsphase des Wassers in die der Erde übergeht, wird
der Wasserfluß unterbrochen und blockiert. Und obwohl alles, was lebt, zur Vollkommenheit
gelangt ist, kann seine Erschöpfung und Verausgabung nicht verhindert werden. Die
Behandlung durch Akupunktur steht für alle bereit, aber die Menschen, die zwar zu leben
wissen6, kennen die Fünf Anwendungsweisen der Nadelung nicht, um sich von ihren
Krankheiten zu erholen und zu genesen.7 Die erste Anwendungsweise heilt den Geist, die
zweite klärt darüber auf, wie man sich angemessen ernährt, die dritte gibt Auskunft über die
Wirkungsweisen zur Behandlung eingesetzter Medikamente und Gifte, die vierte, wie man bei
der Nadelung die lange und die kleine Nadel zum Einsatz bringt, und die fünfte schließlich
zeigt an, wie man die Därme und Zang-Organe untersucht und behandelt, das Blut und das Qi.
Diese Anwendungsweisen sind in der Reihenfolge angeführt, wie sie rangmäßig zum Einsatz
kommen sollten.8 Und in der jetztigen Zeit ist es die Akupunktur, die zur Regulierung dessen,
was mangelt oder im Überschuß vorhanden ist, eingesetzt wird. Es sind aber
Behandlungsweisen, die dem Himmel eigen sind, und die Erde paßt sich ihnen an und stellt
sie auf ihre Bedürfnisse ab. Die, die sich damit in Übereinstimmung befinden, gleichem
einem Echo, und jene, die diesen Behandlungsweisen entsprechen, gleichem einem Schatten;
sie gehen ihren Weg und befolgen das Dao. Sie brauchen keine Geister und Götter, weil sie
unabhängig und frei sind".

4D.h., das Schicksal ist für jeden vorbestimmt - egal, ob er sich an die Gesetzmäßigkeiten des Dao für
ein gesundes Leben hält oder nicht.
5Gefragt wird nach bestimmten Behandlungsanweisungen für die genannten Symptome.
6D.h, es handelt sich um Menschen, die vorrangig mit Herstellung von Nahrungsmitteln beschäftigt

sind (im alten und im heutigen China sind dies in der Regel die Bauern); als solche stehen sie mitten
im Leben; die Kenntnis der Fünf Anwendungsweisen der Akupunktur bleibt hingegen den
medizinischen Gelehrten vorbehalten.
7Hier handelt es sich um eine Anspielung auf die Fünf Zang-Organe, denen ja auch die vorerwähnten

Elemente zugeordnet sind und die entsprechende Behandlung durch Akupunktur. Aber es geht hier
auch um fünf Hinweise, die man befolgen muß, um von Krankheiten generell zu genesen bzw. den
Auftritt von Krankheiten zu vermeiden.
8Hier handelt es sich offensichtlich aber auch um eine Reihenfolge von unterschiedlichen

Behandlungsmethoden, die entsprechend ihrer Rangordnung jeweils zum Einsatz kommen. Mehrere
Interpretationen dieser Textstelle sind möglich (vgl. Anm. 7); was genau gemeint ist, ist nicht
eindeutig festzustellen.
120

Der Gelbe Kaiser warf ein: " Ich möchte mehr darüber erfahren".

Qi Bo erwiderte: "Um die Behandlung durch Akupunktur in ihrer Wirkung vollkommen zu


machen, muß man zuerst den Geist heilen. Danach muß man den Zustand der Fünf Zang-
Organe über die Pulsfühlung feststellen und die Neun Unterbezirke festlegen. Und erst dann
kann die Nadel zum Einsatz kommen. Und wenn Pulse und andere Gefahrsymptome nicht
feststellbar sind, sollte der Heilkundige sich auf die einheitliche Sicht der inneren und äußeren
Umstände, die zu einer Krankheit führen, einlassen und sich nicht allein auf frühere
Erkenntnisse beschränken. Wenn man leichtfertig mit dem Kommen und Gehen von
Krankheiten verfährt, werden sie auf den Menschen kommen. Im Menschen herrschen
Mangel und Überschuß in den Zang-Organen. Und selbst wenn die Mangelerscheinungen
dem Auge nicht zugänglich sind, und die gesunden Teile nicht weit entfernt davon liegen, so
ist es schwierig, zwischen den nach außen hin sichtbaren Erscheinungen von Gesundheit und
Krankheit zu unterscheiden. Was die Hand macht, ist von allererster Wichtigkeit und die
Wirkung der Nadel ist hervorragend und gleichförmig. Schon stille Meditation, richtiges
Verhalten und der Blick auf eine herrliche Landschaft und ihre Veränderungen gleichen
einem Umhertappsen im Dunkeln, und die daraus entstehende Verwirrung trägt nicht zur
Aufklärung über die Art der Krankheit bei. Beobachtet man eine Krähe, die ein Hirsekorn
erblickt, so paßt sich die Geschwindigkeit ihres Fluges dieser Entdeckung an - und ist so ihr
Verhalten unbewußt und ohne Empfinden? Sie liegt auf der Lauer wie die wie die quer
verlaufenden Teile einer Armbrust und steigt auf, als würde sie mit Macht nach oben
getragen".

Der Gelbe Kaiser fragte: " Wie behandelt man nun Mangel- und Überschußerscheinungen ?"
Qi Bo antwortete: "Wendet man die Akupunkturbehanbdlung auf Mangelerscheinungen an,
wird man naturgemäß eine stärkende Wirkung erreichen; wendet man sie auf
Überschußerscheinungen an, wird man folglich eine abschwächende Wirkung erzielen. Ist in
den Leitbahnen keine Kraft mehr vorhanden, so sollte man sehr behutsam mit ihnen umgehen,
so daß sie nicht zum völligen Stillstand kommen. Und jene, die ihre Achtung vorzugsweise
auf die Tiefe oder die Oberfläche einer Krankheit setzen, handeln so, als ob Ferne und Nähe
das Gleiche wären. Und jene, die am Rand eines Abgrunds stehen fühlen sich wie in den
Klauen eines Tigers; und in diesem Moment sind sie abgelenkt und schenken der Behandlung
des Erschaffenen nicht mehr die gebotene Beachtung."9

9Hier handelt es sich um den Hinweis für den Akupunkteur, daß er sich nicht allein auf die Tiefe und
die Oberfläche von Krankheiten beschränken soll, weil er damit seine Sorgfaltspflicht gegenüber dem
Patienten verletzen würde.
121

Kapitel 26 Abhandlung über die Acht Grundlegenden Himmlischen Erscheinungen

Vorbemerkungen

Zu Zeiten Wang Bings (um 762/63 n. Chr.), dem wir die uns heute vorliegende und
überlieferte Fassung des "Urfassung" des Neijing verdanken und auf die sich spätere
Ausgaben stützen, war die Akupunkturlehre und der allgemeine Theorieüberbau der
Traditionellen Chinesischen Medizin eine schon sehr rationale Angelegenheit geworden.
Dieser Entwicklungsprozeß hatte schon in der späten Han-Zeit um das 1./2. nachchristliche
Jahrhundert eingesetzt und war wesentlich durch die konfuzianische Lehre beeinflußt, die
während der Han-Zeit zur Staatsdoktrin erhoben wurde. Im Ergebnis ging dieser Prozeß
offensichtlich so weit, daß daß zu Zeiten Wang Bings die traditionelle Basis der
Akupunkturlehre und des allgemeinen Theorieüberbaus schlechthin - die Verbindung von
physiologischen Aussagen über die Funktion des Körpers und seiner Organe, der Diagnostik
und hier insbesondere der Pulslehre mit der Kosmogenie von Himmel und Erde - weitgehend
in den Hintergrund gedrängt wurde. Diese Verbindung stellt ja auch die Verwurzelung der
damaligen Lehre der TCM in den zeitlosen und eigentlich ewigen Wahrheiten der Lehre des
Yijing dar, der sich konfuzianische Lehre und daoistische Strömungen in gleicher Weise
verpflichtet fühlten. Kapitel 26 stellt diese Verbindung wieder her, ohne dabei die rationale
Grundlage aufzugeben, die sich unter dem Einfluß der vorherrschenden konfuzianischen
Staatsdoktrin immer mehr in den Vordergrund gedrängt hatte. Möglicherweise wurde der
Text des vorliegenden Kapitels 26 von Wang Bing gemäß seinen eigenen Auffassungen und
Intentionen selbst kompiliert und vielleicht sogar aus verschiedenen anderen Teilen in der
vorliegenden Fassung zusammengestellt. Immerhin war die Hervorhebung dieser Verbindung
zwischen klassischer Lehre und Kosmogenie ihm ein ureigenstes Anliegen.

Rationalität einerseits und Intuition in Verbindung mit weniger rational geprägten


Auffassungen andererseits sind die schon quasi gegensätzlichen Pole, von denen ausgehend
man an die Lehre des Yijing herangehen und kosmische, organische, aber auch soziale
Vorgänge in der realen Welt auf dem Hintergrund dieser Lehre verstehen kann. Die Lehren
des Yijing von den Wandlungen in der realen Welt sind ja in ihrem Kern so grundlegend,
zeitlos und universell, daß man diese Lehren im Sinne eines Orakels "abergläubisch" oder
aber auch auf rationaler Ebene als Weisheit ansehen kann - je nach staatspolitischer und
individueller Opportunität. Dieses Spannungsverhältnis zeigt sich auch im Theorieüberbau
der Lehre des Neijing, die vom Buch der Wandlungen entscheidend beeinflußt wurde und
eigentlich auch auf letzterem basiert. Und diese beiden Pole wieder miteinander in Einklang
zu bringen war - wenn man denn so will - das tiefere Anliegen Wang Bings.

Zum Verständnis einzelner Fachtermini dieses Kapitels sei auf das Glossar im Anhang des
Buches verwiesen.

Der Gelbe Kaiser fragte: "Will man die Nadel zu bestimmten Zwecken einsetzen, muß man
bestimmte Gesetzmäßigkeiten (fa) und Anwendungsweisen (ze) beachten. Um welche
Gesetzmäßigkeiten und Anwendungsweisen handelt es sich denn hierbei?"

Qi Bo antwortete: "Bei den Gesetzmäßigkeiten handelt es sich um die des Himmels, bei den
Anwendungsweisen um die der Erde. Und will man diese (in einem ganzheitlichen
Theorieüberbnau, d.Üb.) zusammenführen, so folgt man dabei den Gegebenheiten der Sterne
am Firmament".

Der Gelbe Kaiser verlangte: "Ich hätte gerne vollkommene und umfassende Aufklärung
darüber".

Qi Bo fuhr fort: "Jede Regel in der Akupunktur unterliegt dem lauf der Sonne, des Mondes,
der Planeten, der Sterne und den Vier Jahreszeiten. Hierbei handelt es sich um die Acht
Gesetze des Firmaments, und wenn diese Regeln feststehen, kann die Akupunktur zum
122

Einsatz kommen. Wenn zum Beispiel das Wetter warm ist und die Sonne hell und klar
scheint, fließt das Blut im Menschen ruhig vor sich hin, und die Ausscheidungen bewahren
seinen Atem und seine Lebenskraft und halten diese in Gang. So kann denn das Blut leicht
zirkulieren, und der Atem kann ohne Hindernis nach innen und nach außen dringen. Ist das
Wetter kalt und das Sonnenlicht verdunkelt, gerinnt das Blut des Menschen und fließt nicht
mehr, so daß der Atem absinkt und dann nachläßt. Nimmt der Mond an Fülle zu, erwachen
Blut und Atem zu neuem Leben, die Lebenskraft erhält neuen Schwung und schützen den
Atem des Lebens, der nun neu erwacht. Erreicht der Mond seine ganze Fülle (Vollmond,
d.Üb.), dann ist reichlich Blut und Atem vorhanden, Muskeln und Fleisch sind fest und
kräftig. Nimmt der Mond immer mehr ab, geht die Kraft von Muskeln und Fleisch zurück,
die Leitbahnen entleeren sich, und der so bisher geschützte Lebensatem entweicht und
überläßt den Körper sich selbst. Daher sollte man sich nach dem Wetter richten und den
Jahreszeiten, Blut und Atem genau daran anpassen und aufeinander abstimmen. Wenn also
folglich kaltes Wetter vorherrscht, sollte man Akupunktur nicht zum Einsatz bringen.10 An
warmen Tagen hingegen sollte man mit dem Einsatz von Akupunktur nicht zögern11. Bei
Neumond sollte man das Qi (mittels Akupunktur, d.Üb.) nicht abschwächen und bei
Vollmond Qi nicht zuführen. Hat der Mond völlig nachgelassen, wird man keine Krankheiten
heilen können, folglich sollte man sich (im Einsatz der Akupunktur, d.Üb.) nach dem Wetter
richten, den Vier Jahreszeiten, und entsprechend handeln. Die Zeiten der Fülle und des
mangels richten sich nach der vom Himmel vorgegebenen Ordnung, sie regeln die Stellung
der Himmelslichter (Sterne), und folglich sollte man sich daran auch halten. Wenn nun Sonne
und Mond neu erscheinen und man (mittels Akupunktur, d.Üb.) das Qi abschwächt, lassen in
der Folge auch die inneren Organe in ihrer Funktionstüchtigkeit nach. Herrscht Vollmond,
und stärkt man das Blut und die Lebenskraft durch Zuführung von Qi, werden Blut und
Lebenskraft so überhand nehmen, daß das Blut in den Leitbahnen anhält. Das nennt man dann
eine Überfüllung. Eine Heilung bei nachlassendem Mond zu versuchen stellt einen Verstoß
gegen die vorhandene Ordnung dar und führt dazu, daß Yin und Yang miteinander in
Schwierigkeiten im Körperbereich geraten und das Gute vom Schlechten, das Richtige vom
Falschen nicht mehr unterschieden werden kann. Verfall setzt dann ein, und außen herrscht
Mangel, Unordnung und Verwirrung im Körperinneren, und es zeigen sich Überschuß- und
Mangelerscheinungen".12

Der Gelbe Kaiser fragte: "Warum müssen aber auch die Planeten, die Sterne und die
Temperaturen der Acht klimatischen Faktoren (bazheng) in Betracht gezogen werden?"

Qi Bo erwiderte: " Planeten und Sterne sind deshalb in Betracht zu ziehen, weil sie den Lauf
der Sonne und des Mondes bestimmen, während man die Acht Klimatischen Faktoren
deswegen berücksichtigen muß, weil sie für die Mängel und die schädlichen Einflüsse der
Acht Winde und damit auch die Einflüsse der Vier Jahreszeiten ausschlaggebend sind. Für
die Vier Jahreszeiten kann man zwischen Frühling und Herbst, Winter und Sommer
unterscheiden, und der Lebensatem jeder dieser Jahreszeiten hat seine eigene Bedeutung, zu
dessen Regulierung man eben diese Vier Jahreszeiten benötigt.13 Durch die Temperaturen der
Acht Klimatischen Faktoren kann man Mangelerscheinungen vermeiden sowie deren
schädliche Einflüsse und einen verstoß gegen die Gesetzmäßigkeiten (der Vier Jahreszeiten,
d. Üb.).14 Geht zufällig eine allgemeine Körperschwäche mit Mangelerscheinungen des
Atems einher, so führen sich beide gegenseitig in die Irre, sie verbreiten sich in den Knochen,
und so kommt es von dort zu Beeinträchtigungen der Fünf Zang-Organe. Wenn der

10Nach Wang Bing würde das Blut dann nämlich erstarren und aufhören zu zirkulieren, und so würde
auch der Atem nachlassen.
11Weil dann das Blut ungehindert fließt und der Atem nicht unterbrochen wird (nach Wang Bing).
12Aus westlicher Sichtweise handelt es sich um Erscheinungen, die mit dem Versagen des vegetativen

Nervensystems (Sympathikus und Parasympathikus) zusammenhängen.


13Nach Wang Bing kann der Sitz des Lebensatems, der in einer besonderen Qualität jeder der Vier

Jahreszeiten eigen ist, so geortet werden: Im Frühling sind es die Leitbahnen und der Puls, im Sommer
die Kapillarien und Venen, im Herbst ist es die Haut, und im Winter sind es die Knochen und das
Rückenmark.
14Wang Bing fügt an dieser Textstelle hinzu: "Und so wird es dann nicht zu Krankheit kommen".
123

Heilkundige nun den Zeitpunkt der Behandlung angemessen berücksichtigt, wird es nicht zu
solchen Beeinträchtigungen kommen. Denn es heißt: 'Wer bestimmte Einflüsse des Kosmos
nicht fürchtet, ist unaufgeklärt und weiß von nichts'. "

Der Gelbe Kaiser war erstaunt und rief aus: "Wie herrlich ist dies doch, sich nach den Sternen
und Planeten zu richten, wie ich dies gerade von dir vernommen habe! Aber sehr gern möchte
ich noch etwas mehr über den Einsatz der Akupunktur in vergangenen Zeiten hören."

Qi Bo erwiderte darauf: " In vergangenen Zeiten gab es ein Vorwissen um den Einsatz der
Nadel im Bereich der Leitbahnen, und dieses Wissen ist bis auf den heutigen Tag überliefert
worden. Ein solches Vorwissen bestand nun darin, daß es kalte und warme Tage gibt, daß der
Mond leer und voll sein kann, und daß Leichtigkeit und Schwere des Firmaments in ihrem
Verhältnis zueinander hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf den Körper zu berücksichtigen
sind. Durch Beobachtung kommt man schließlich zur Bestätigung solcher annahmen. Eine
Untersuchung des Tiefen und Grundlegenden bedeutet, Körper und Atem zu untersuchen,
denn den Zustand des Blutes und der Lebenskraft (innen, d.Üb.) kann man von außen nicht
erkennen. Nur der Diagnostiker verfügt über ein solches Wissen. Er berücksichtigt bei seiner
Untersuchung, ob die Tage kalt oder warm, der Mond voll oder leer, und welche der Vier
Jahreszeiten gerade vorhanden ist und ob das Firmament leicht oder schwer ist.15 Und
berücksichtigt wird hierbei auch, wie sich diese verschiedenen Gegebenheiten auch in Bezug
zueinander verhalten, ihre Ähnlichkeit, ihre Vermischung (Kombination) miteinander und ihr
gegenseitiges Zusammenwirken. Der heilkundige muß diese Dinge immer zuerst in Betracht
ziehen ungeachtet dessen, ob am Körperäußeren bestimmte Symptome vorhanden sind oder
nicht. Und darum heißt es: 'Man sollte das untersuchen, was grundlegend und geheimnisvoll
ist'. Folgt man diesen Richtlinien, so sind sie es wert, den nachkommenden Generationen
übermittelt zu werden, und so erklärt sich auch die außergewöhnliche Sichtweise des
Heilkundigen.16 Da bestimmte Krankheitssymptome an der Körperaußenseite nicht
festgestellt werden können, wird man sie normalerweise auch nicht erkennen können.17 Jene,
die eine Krankheit diagnostizieren und sich nicht (allein, d.Üb.) an Symptomen orientieren
und die einen Geschmack feststellen, ohne vorher kosten zu müssen18 - von denen sagt man,

15D.h.,daß die Athmosphäre (Energie) vor sich hinschwebt oder absinkt (Luftdruck ?).
16Die außergewöhnliche Sichtweise des Heilkundigen besteht nach Ansicht des Kommentators Wang
Bing darin, in das oben bereits erwähnte "grundlegende und verborgene Wissen" vorzudringen. Der
dazu fähige Heilkundige ist nach Ansicht Wang Bings ein besonders Berufener, der sich nicht allein
an äußeren Krankheitsanzeichen orientiert und daher dem gemeinen und ungebildeten Mann (auf der
Straße) überlegen ist. Daß dies gerade von Wang Bing in diesem Kapitel, das von den
athmosphärischen Einflüssen (Sterne, Vier Jahreszeiten, Planeten,usw.) handelt, so hervorgehoben
wird, ist schon bemerkenswert: Mit Sicherheit sind es diese geomantischen Aspekte, die Wang Bing
als "grundlegend und verborgen" ansieht. Textkritisch handelt es sich hier offenbar um eine spätere
Einfügung Wang Bings in den Text, und die Betonung gerade dieser geomantischen Aspekte weist auf
die Wang Bing eigene stärkere daoistische Orientierung hin und richtet sich offenbar gegen eine allzu
rationale, weniger geomantisch geprägte Sichtweise, wie sie in früheren Jahrhunderten der Späten
Han-Zeit z.B. mit einer starken konfuzianischen Orientierung üblich war.
17Dazu bemerkt Wang Bing als Kommentator: "Man hat die Kenntnis dieser Handlungsweisen

verbreitet und späteren Generationen übermittelt. Und wenn die Nachkommen ihrerseits diese
Kenntnisse weitergeben, so besteht die Gewähr für ihre immerwährende Verbreitung. Und nur diese
Handlungsweisen und ihre Kenntnisse führen zu wahrem Sehen und Verständnis. Und darum ist
jener Heilkundige, der mit ihnen vertraut ist, auch einer, der sich aus der breiten Masse der
Unkundigen hervorhebt".- Es kann vermutet werden, daß, wenn es sich hier um eine besondere
Sichtweise Wang Bings handelt, dieser Wert darauf legt, daß seine Sichtweise Schule macht und sich
beispielhaft auch unter den nachfolgenden Generationen von Heilkundigen durchsetzt.
18Die Untersuchung des Geschmacks beim Patienten ist eine der verschiedenen Diagnosemethoden

der TCM, dessen jeweiliger Befund als ein äußeres Symptom gilt. Im nachfolgenden Text heißt es, daß
derjenige heilkundige ein wahrer Heilkundiger ist, der sich nicht an äußeren Symptomen orientiert,
sondern zu dem, was "grundlegend und verborgen" ist, vordringt. M.a.W.: Wang Bing spricht hier die
Empfehlung aus, sich nicht allein auf äußere Kriterien (Symptome) in der Beurteilung des
Gesundheits- und Krankheitszustandes zu verlassen, zu denen eben auch die Geschmacksdiagnose
124

daß sie sich an grundlegendes und verborgenes Wissen halten und daher denen, die der
Eingebung des Himmels unterliegen, gleichkommen. Was bedeutet es nun, schwach und
schlimmen (=krankmachenden,d.Üb.) Einflüssen ausgesetzt zu sein? Es ist die Bestimmung
durch die Acht Klimatischen Faktoren, die Schwäche und krankmachende Einflüsse
hervorbringt. Verfügt der Körper über all seine Kräfte, so tritt der Schweiß durch die Poren
der Haut ungehindert nach draußen und trifft auf kleinste, den Menschen aber schwächende
Einflüsse. Und so kennt man weder Umstände noch Form, die solche Einflüsse annehmen und
unter denen sie auftreten. Der überlegene Arzt hilft, bevor die Krankheit zum Ausbruch
kommt. Zunächst untersucht er die drei Körperzonen (sanbu) und stellt dann den Zustand der
Neun Unterbezirke (jiu hou) fest, ob sich diese zueinander in Harmonie befinden und nichts
beschädigt und vernichtet wird, und erst dann wird er behandeln. Darum nennt man ihn auch
einen überlegenen Arzt. Der unterlegene Arzt hingegen behandelt, wenn die Krankheit bereits
zum Ausbruch gekommen ist und sich die vernichtenden Angriffe (gegen die Gesundheit des
Körpers, d.Üb.) bereits angezeigt haben. Und da seine Behandlung erst nach Ausbruch der
Krankheit einsetzt, nennt man ihn den unterlegenen Arzt. Die Drei Körperzonen und ihre
Neun Unterbezirke bekämpfen sich untereinander (=befinden sich nicht in Harmonie
zueinander, d. Üb.), und die Krankheit zeigt vernichtende Auswirkungen . Kennt man den
Sitz der Krankheit, wird man durch Untersuchung feststellen können, daß die Krankheiten in
den Drei Körperzonen und den Neun Unterbezirken im Puls angesiedelt sind und man sie
deshalb auch behandeln und heilen kann. Und darum heißt es auch, daß man sich auf die
"Pforten des Pulses" stützen muß. Eine Mißachtung dessen führt zu schädlichen Einflüssen".

Der Gelbe Kaiser sagte: "Nun möchte ich gerne wissen, was die Folge dessen ist, wenn man
durch die Akupunkturtechniken der Qi-Zufuhr und der Qi-Abschwächung den
Behandlungszweck nicht erreicht".

Qi Bo antwortete: "Will man mittels Akupunktur eine Abschwächung des Qi erreichen, so


muß man fang einsetzen. Fang bedeutet, daß man eine Qi-Abschwächung nur in
Übereinstimmung mit den richtigen athmosphärischen Einflüssen vornimmt. Für die
Abschwächung des Qi mittels Akupunktur ist dies dann der Fall, wenn Vollmond herrscht, die
Tage warm sind und der Körper sich in gutem Allgemeinzustand befindet und die Luft
eingeatmet wird. Dann wird die Nadel eingeführt, und das Ganze muß beim nächsten
Einatmungszug wiederholt werden. Die eingeführte Nadel muß gedreht werden, und das
wiederholt sich, wenn (verbrauchte, d.Üb.) Luft wieder ausgeatmet wird. Danach zieht man
die Nadel langsam heraus. Und darum heißt es: 'Für die Qi-Abschwächung muß man fang
unter den richtigen Voraussetzungen19 einsetzen, und dies immer im Verhältnis zum
Atmungsvorgang. Für eine Zuführung von Qi20 muß man yuan einsetzen. Was bedeutet nun
Yuan ? Yuan21 bezieht sich auf den Vorgang, und dieser Vorgang beinhaltet Weitergabe und
Verlagerung.22 Während der Nadelung stößt man wiederholt bis zum fließenden Blut vor, und
immer dann, wenn man einatmet, führt man die Nadel weiter nach unten ein. Fang und yuan
zeigen an, wann die Nadel nicht einzusetzen ist. Wenn man also Geist und Bewußtsein nähren
und stärken will, muß man die äußere Form des Körpers berücksichtigen: ob dick oder dünn,
ob Blut, Lebenskraft, Allgemeinzustand und Atem ausreichend vorhanden sind oder

zählt und die hier wohl stellvertretend auch für andere äußere diagnostische Kriterien genannt wird.
Vielmehr soll der wahre Heilkundige vordringen zu dem, was eigentlich "grundlegend und
verborgen" ist (vgl. dazu Anm. 6).
19Diese wurden oben schon genannt.
20Hier eine Stärkung des Qi.
21Ausrundung.
22Nach Wang Bing bedeutet der an dieser Stelle im Originaltext verwendete Terminus xing für

"Vorgang", daß das, was man abschwächt, sich im Ruhezustand befindet und somit stagniert. Denn
im Übermaß Angesammeltes staut sich und wird unbeweglich. Man muß daher das Übermaß
zwangsläufig auf ein gesundes Maß durch Abschwächung zurückführen, bevor man weiteres
vornehmen kann.
125

nachlassen. Allgemeinzustand und Atem sind ausschlaggebend für Geist und Kraft des
Menschen, und man darf daher ihre Pflege und Beachtung nicht vernachlässigen."23

Voll Enthusiasmus rief der Gelbe Kaiser aus: "Wie wunderbar ist doch diese Darstellung!
Den menschlichen Körper in das richtige Verhältnis zu Yin und Yang zu bringen, den beiden
Grundkräften der Natur, und den Körper auf die Vier Jahreszeiten einzustellen, seine Signale
von Mangel und Fülle, seine Reaktion auf die verschiedensten Einflüsse von außen - wer noch
außer dir könnte zu derartigen Schlußfolgerungen kommen? Denn immerhin: Du
unterscheidest Körper und Geist und stellst ihre jeweiligen Merkmale dar! Was bedeutet nun
xing, die sichtbare Form, und was bedeutet shen, der Geist?24 Ich möchte alles darüber
erfahren!"

Qi Bo erwiderte: "Ich erläutere (zunächst, d.Üb.) xing, das materiell Sichtbare des Körpers.
Was ist denn nun der Körper? Er ist als etwas aufzufassen, das das Unscheinbarste und
Kleinste25 enthält und ist verantwortlich für Krankheiten und unterliegt der medizinischen
Diagnoseerstellung. Bei seiner Untersuchung und dem Aufspüren seiner regelmäßigen und
geordneten Funktion wird vieles zu Tage treten. Aber indem man (allein, d.Üb.) die Hände
davor hält, wird man noch nicht alle Einzelheiten seines Zustandes erfassen können. Daher
spricht man von xing (der physischen Erscheinugsweise des Körpers, d.Üb)."

Der Gelbe Kaiser fragte: "Und was bedeutet shen ?"

Qi Bo erläuterte: "Nun zu shen.26 Was ist shen? Shen kann man nicht mit den Ohren
wahrnehmen. Man muß ausgezeichnete Augen haben und ein offenes und empfindsames
Herz, und so teilt sich shen, der Geist, einem durch das eigene Bewußtsein mit. Der Geist
kann sich nicht durch den Mund mitteilen, sondern nur über das Herz. Um shen zu erfassen,
muß man schon sehr genau hinsehen, und so stößt man plötzlich auf das, was es zu erfassen
gilt. Aber genauso schnell kann sich eine (derart gewonnene, d.Üb.) Erkenntnis auch wieder
verlieren.27 Aber shen teilt sich dem Menschen mit auf eine Weise, als ob der Wind plötzlich
alle Wolken vertrieben hätte. Und darum spricht man in diesem Fall von shen. - Die Drei
Körperzonen und die Neun Unterbezirke sind die ursprünglichen Teile. Die Abhandlung über
die neun Nadeln ist in sich allein nicht ausreichend".28

23Wang Bing vermerkt dazu an dieser Stelle in Form eines Kommentars: " Ein ruhiger und friedfertiger

Geist garantiert ein langes Leben. Schenkt man dem Geist keine Beachtung, ist dies schädlich für den
Körper, und daher sollte man die Nahrung und die Sorge um den Geist nicht vernachlässigen".
24An dieser Stelle erläutert Wang Bing in Form eines Kommentars, was unter xing und shen zu

verstehen ist: Shen steht für Geist und Kraft durch Wissen und Weisheit, also intellektuelle und auch
mentale Eigenschaften, xing weist auf die materielle Seite des menschlichen Körpers hin, die man mit
den Methoden der Diagnose und der Behandlung erfassen kann.
25Gemeint sind innere Krankheitsanzeichen, die äußerlich - z.B. durch Pulsfühlung - nicht feststellbar

sind.
26Hier zu verstehen in dem unter Anm. 14 erläuterten Sinne.
27Hier wird wohl so etwas wie Erkenntnis durch Intuition beschrieben.
28Diese letzte Bemerkung bezieht sich offenbar auf eine frühere Sichtweise, in der allein die Drei

Körperzonen und die Neun Unterbezirke für die Behandlung durch Akupunktur mit den neun
Standardnadeln als ausschlaggebend angesehen wurden. Möglicherweise ist diese Textstelle eine
Einfügung Wang Bings in den Haupttext als diesbezüglicher Hinweis darauf. Andererseits kann der
Hinweis an dieser Textstelle auch so verstanden werden, daß Körper und Geist integriert zu sehen
sind und man sich nicht allein auf die organische Seite der Drei Körperzonen und ihre Neun
Unterbezirke in einer ganzheitlichen Sicht vom Menschen beschränken kann.
126

Kapitel 27 Abhandlung über das Vorteilhafte und das Schädliche

Vorbemerkung

Die Verstärkung oder Abschwächung der Lebensenergie Qi mit Hilfe der Akupunkturnadeln
stellt den therapeutischen Grundansatz dar, wonach eine Regulierung des Qi eine
Harmonsierung darstellt, die zur Wiederherstellung der Gesundheit führt. Die Abschwächung
bzw. Verstärkung von Qi mittels Akupunktur wird im konkreten Behandlungsfall durch
bestimmte Nadelungstechniken erreicht, die im vorliegenden Kapitel näher beschrieben
werden.

Der Gelbe Kaiser sagte: "Mir ist bekannt, daß es neun Akupunkturnadeln gibt und neun
Anwendungsregeln dazu. Aber neun mal neun ergibt einundachtzig, und ich wünsche
Genaueres dazu zu erfahren. Eine unabänderliche Regel sagt nämlich: 'Der Atem nimmt an
Fülle zu und wieder ab, er ist links und rechts, er verändert und verlagert sich. Das Obere tritt
mit dem Unteren in Austausch (diao), und das Linke stimmt mit dem Rechten überein. Wenn
Mangel oder Überschuß vorliegt, führt man (Qi, d.Üb.) zu oder ab - je nachdem, was dem
Blut gerade dienlich ist.' Das ist mir alles bekannt. In diesem Fall werden Blut und
Lebenskraft verlagert29, wenn Mangel oder ein großer Überschuß vorliegt, und so können
üble Einflüsse von außen in die Leitbahnen gelangen. Was ich aber wissen möchte, ist: Wenn
die üblen Einflüsse schon in die Leitbahnen eingedrungen sind - wie kann man da die
Krankheit bekämpfen?"
30
Qi Bo antwortete: "Die Berechnungen
31
stehen in Verbindung mit Himmel und Erde. Dem
Himmel sind die Regeln (du) und die Stellung (Konstellation 33 der Gestirne, d.Üb.)32 , der
Erde die Gesetzmäßigkeiten der Wasser- und Hauptleitbahnen und dem Menschen das
Pulssystem eigen.34Sind Himmel und Erde warm und freundlich, sind die Hauptleitbahnen des
Wassers friedfertig und ruhig. Ist der Himmel kalt und friert die Erde, sind die
Hauptleitbahnen des Wassers steif und zugefroren. Ist der Himmel heiß und die Erde erhitzt,
schwappen die Wasserleitbahnen über mit Wasser. Tritt plötzlich ein starker und
vernichtender Wind auf, schlagen die Wellen des Wassers in den Leitbahnen hohe Wogen,
fließen schnell und steigen auf. Und so verhält es sich auch mit dem menschlichen Pulssystem
(letzteres ist eine Einfügung von Wang Bing in den Haupttext, d.Üb.). Und nun wird den
üblen Einflüssen, die in den Puls eintreten, die Bahn bereitet. Wenn es kalt ist, gefriert
(erstarrt) das Blut; wo immer es Wärme gibt, kommt der Atem regelmäßig und ungehindert.
Bei Mangel oder Überschuß jedoch dringt Fremdes in den Puls ein, so wie der Wind die
Leitbahnen des Wassers beeinträchtigen kann. Ein gleichbleibender und regelmäßiger Puls ist
immer am besten, manchmal kommt es zwar zu Aufwallungen des Pulses, aber auch dann
sollte es geordnet und angemessen zugehen. Der Cun-Puls verläuft bis zur Mitte der Hand.35
Manchmal ist er groß oder klein. Ist er groß, ist dies äußerst schädlich; ist er klein, ist er
ordentlich, und das bedeutet dann Gesundheit; aber er paßt sich immer an (bestimmte, d.Üb.)
Gegebenheiten an. Mit Blick auf Yin und Yang wird man keine Abmessungen (=Beurteilung
des Puls,d.Üb.) vornehmen können36, und so untersucht man die Drei Körperzonen und ihre
Neun Unterbezirke im Hinblick auf plötzliche Erscheinungen und Störungen. Nur beim
Einatmen ist die Nadel einzuführen, denn der Atem darf mit der Nadel (und ihrer Wirkung,
d.Üb.) nicht in Auseinandersetzung geraten. Die eingeführte Nadel sollte an der betreffenden
Stelle eine kleine Weile belassen werden, und der Patient muß ruhig ein- und ausatmen. Denn
29D.h., sie funktionieren nicht richtig.
30D.h.:9x9 = 81, vgl. oben.
31Nach Wang Bing: die 365-Tage-Einteilung des Jahres.
32Nach Wang Bing: Die 28 chinesischen Tierkreiszeichen.
33Jingshui: nach Wang Bing der Wasserinhalt des Ozeans, der Flüsse, etc. Auf der Erde sind dies die

Hauptleitbahnen des Wassers.


34Nach Wang Bing: Pulse der Hände und Füße, der Drei Yang- und der Drei-Yin-Körperzonen.
35Es wird zwischen dem Yang Puls der linken und dem Yin-Puls der rechten Hand unterschieden

(nach Wang Bing). Yang steht für männlich, , und deshalb soll nach Wang Bing der Yang-Puls die
Krankheiten des Mannes, der Yin-Puls der rechten Hand die der Frau anzeigen. Da aber Yin und Yang
in beiden Geschlechtern vorhanden sind, muß der Puls beider Hände untersucht werden, um zu einer
vollständigen Diagnose zu gelangen. Vgl. VEITH, 1943:43, Anm. 80.
36
Für den Grund vgl. Anm. 6.
127

üble Einflüsse dürfen (währenddessen, d.Üb.) in den Körper nicht vordringen. Und während
der Patient einatmet, sollte man die Nadel ein wenig drehen. Und nur während des Ausatmens
sollte man die Nadel wieder herausnehmen, aber dies sollte nicht zu plötzlich und abrupt
geschehen, und erst dann, wenn die Ausatmung völlig erfolgt ist, kann man die Nadel wieder
ganz herausnehmen. Diesen Vorgang nennt man Abschwächen".37

Der Gelbe Kaiser fragte: "Was ist zu tun, wenn die Zuführung von Qi nicht wirkt?"

Qi Bo antwortete: "Dann muß man den Körper mit der Hand befühlen und ihn abtasten. Man
muß den Lauf des ausreichend vorhandenen Qi unterbrechen und es gleichmäßig verteilen,
wozu man Binden und Massage einsetzt. Den erkrankten Bereich greift man an, indem man
ihn anschwellen läßt, man muß ihn ziehen und dann absenken; man verteilt und ergreift das
Üble. Außen behandelt man die Einstichstellen, so daß sie sich schließen und der Geist nicht
entweichen kann. Nach abgeschlossenem Ausatmen (wenn der Atem völlig ausgetreten ist,
d.Üb.), führt man die Nadel ein und wartet ein wenig, so daß der Patient einatmen kann - so,
als ob man auf etwas Wertvolles lauern würde und man darüber Tag und Nacht vergißt. Und
wenn die Ausatmung völlig erfolgt ist, kann man die Nadel mit großer Vorsicht und Sorgfalt
bewegen. Zieht man die Nadel beim Einatmen heraus, kann der Atem den Körper nicht
verlassen, und so ist alles an seinem Platz, wie es sich gehört. Auf diese Weise verschließt
man die Pforten des Körpers und läßt Geist und Atem im Inneren verbleiben. Das
Einschließen eines überreichlichen Maßes an Lebenskraft (Qi, d.Üb.) nennt man Zufuhr (von
Qi, d.Üb.)."

Der Gelbe Kaiser fragte: "Welche Rolle spielen nun die Unterbezirke und der Atem (Qi,
d.Üb.) ?"

Qi Bo antwortete: "Üble Einflüsse werden aus den Luo-Leitbahnen entfernt und begeben sich
in die Jing-Leitbahnen, von wo aus sie ins Blut und in das Pulssystem vordringen. Wenn die
Temperatur des Körpers unausgeglichen ist, und entweder Kälte oder Hitze überhand nehmen,
so wie schäumende Wellen, die plötzlich aufpeitschen und dann wieder verschwinden, kann
sich eine ausgeglichene Körpertemperatur nicht halten. Und dann heißt es: 'Kommt eine
Temeperaturwelle, so muß man sie ergreifen (und in ihrem Lauf, d.Üb.) unterbrechen; man
muß das Qi abschwächen, ohne die Durchgangsbahnen zu schädigen. Kräftiger Atem bedeutet
normaler Atem, und dann heißt es: 'Ist der normale Atem zu schwach, sollte man die
aufkommenden Wellen in ihrem Lauf nicht hindern.' Wird ein geschädigter (oder:
schädigender, d.Üb.) Atem nicht erkannt, so läßt man den normalen Atem seiner Wege
ziehen. Will man dann Heilung durch Qi-Abschwächung erreichen, so wird der kräftige
Allgemeinzustand geschwächt, ohne daß Qi wieder zugeführt wird; das Üble
(=Krankheit,d.Üb.) dringt dann in den Körper ein, und der Krankheitszustand verschlimmert
sich. Und dann heißt es: 'Erfolgt der Abfluß des Üblen nicht unmittelbar und endgültig, dann
breitet sich die Krankheit (wie oben ausgeführt) weiter aus.' Man kann nichts mit einer
unscheinbaren Haarsträhne vertreiben, und so muß man das Üble bekämpfen, bis es völlig
zerstört ist und mittels der Qi-Abschwächungstechnik entfernt ist. Ob früh oder spät - Blut
und Lebenskraft sind dann völlig von dem Üblen befreit und steigen nicht hinab. Und darum
heißt es andererseits: 'Jene, die um die rechte Gelegenheit und den richtigen Weg wissen,
werden nicht auf eine Haarsträhne zurückgreifen, um daran etwas aufzuhängen. Jene aber, die
von alledem nichts wissen, nehmen einen Hammer , und die Krankheit wird nicht vertrieben.-
Das ist die Bedeutung."

Der Gelbe Kaiser fragte: "Wann sind denn Qi-Zufuhr und Qi-Abschwächung angezeigt?"

Qi Bo antwortete: " Um das Üble (=Krankheit, d. Üb.) zu bekämpfen, muß sich die Krankheit
erst anzeigen, so daß man sie entfernen kann.38 Und dann gesundet auch das Blut, und der
Körper erhält die normale Körpertemperatur (eines Gesunden, d.Üb.) zurück. Ist die
Krankheit noch nicht lange und auch noch nicht reichlich im Körper vorhanden, so steht ihr

37Abschwächung des Qi bei Qi-Überschuß.


38WangBing vermerkt dazu: "Um die Krankheit zu unterbrechen, muß man beim Patienten etwas Blut
abnehmen; dann kann man die Krankheit ergreifen".
128

Aufenthalt noch nicht genau fest. Um sie zu vertreiben, benutzt man die Vorderseiten39; um
sie herauszuziehen, bringt man die brechenden Kräfte zum Stillstand, indem man auf warmes
Blut hin akupunktiert. Wird dadurch das Blut zum Erscheinen gebracht, kann man (die Art
der, d.Üb.) Krankheit feststellen und sie einer Heilung zuführen".

"Ausgezeichnet!", rief der Gelbe Kaiser aus und fuhr fort: " Wenn aber Gesundes und Übles
Seite an Seite vorhanden sind - steigt dann die Temperatur nicht wellenartig hoch?"

Qi Bo antwortete: "Mit der Hand befühlt man die Drei Körperzonen und die Neun
Unterbezirke und stellt fest, ob Mangel oder Überschuß an Qi vorhanden ist. Und diese bringt
man dann in ein ausgeglichenes Verhältnis zueinander.40 Zuerst untersucht man die linke,
dann die rechte Körperseite, die oberen und unteren Körperpartien, um etwaige sichtbare
Fehlerscheinungen oder Abschwächungen festzustellen. Bei Erkrankung der Inneren Organe,
stellt man ihren Atem (=Puls, d.Üb.) fest und wendet Akupunktur an. Die Drei Körperzonen
nicht zu kennen heißt nicht zwischen Yin und Yang, Himmel und Erde zu unterscheiden. Die
Erde hat das Klima der erde und der Himmel das des Himmels. Und der Mensch gleicht diese
in den Inneren Organen nach dem Vorbild der Drei Körperzonen gegeneinander aus. Um
darum heißt es. 'Derjenige Heiler, der die Akupunktur ohne Kenntnis der Drei Körperzonen
und ihrer Neun Unterbezirke anwendet, fällt einem tragischen Irrtum anheim, selbst wenn die
Krankheit im Pulsbereich angesiedelt ist. Ein solcher Irrtum ist äußerst schwerwiegend, da ein
solcher Arzt an dem Einsatz von Akupunktur nicht gehindert werden kann. Bestraft ein Kaiser
seine Untertanen, obwohl sie sich keiner Gesetzesübetretung schuldig gemacht haben, so lädt
er schwere Schuld auf sich. Und dies gilt in übetragenem Sinne auch für die Medizin
(letzteres ist eine Texteinfügung von Wang Bing, d.Üb.). Denn wenn ein Heilkundiger den
natürlichen Zustand des Körpers und seine Gesetzmäßigkeiten in ihr Gegenteil verkehrt und
dadurch zerstört, kann die (dadurch verlorene, d.Üb.) Gesundheit niemals wieder zurück
gewonnen werden. Jene, die Fülle einsetzen, um Leere zu gewinnen, und jene, die Übles
einsetzen, um zu Nichtbeeinträchtigung zu gelangen, und jene, die die Nadel falsch einsetzen
- sie alle bewirken eine der Gesundheit entgegengesetzte Folge und verletzen den gesunden
Allgemeinzustand des Patienten. Anstelle von Harmonisierung bewirken sie Widerstand.
Denn Blut und die Materie des Lebens fallen der Zerstreuung anheim und werden zerstört, der
gesunde Allgemeinzustand geht völlig verloren, so daß nur noch die üblen Einflüsse im
Körperinneren das Sagen haben. Dies setzt der Möglichkeit eines langen Menschenlebens ein
Ende und bringt dem Patienten Unglück. Und überhaupt werden jene, die die Drei
Körperzonen und ihre Neun Unterbezirke nicht kennen, ohnehin die Heilkunst nicht sehr
lange ausüben können. Wenn man also die Vier Jahreszeiten nicht kennt und mit der Lehre
von den Fünf Elementen nicht verbindet, wird dies dazu führen, daß sie sich nur noch stärker
untereinander bekämpfen. Dies setzt die Kräfte des Üblen frei, greift den gesunden
Allgemeinzustand an und führt zu einer Verkürzung des Menschenlebens, das ansonsten
länger währen könnte. Befindet sich Übles noch nicht lange im Körper, so hat es noch keine
feste Wohnstatt gefunden und läßt sich vertreiben. Dazu stößt man auf es zu, um es auf diese

39Schwer verständliche Stelle im Original. Gemeint ist möglicherweise die Körpervorderseite als Ort
der Nadelung oder die Vorderseite der eingeführten Nadel.
40Wang Bing erklärt an dieser Stelle in Form eines Kommentars dazu: "Für Überreichliches

(=Überschuß, d.Üb., chines.: cheng) ist Abschwächung (des Qi, d.Üb.), für Mangel (chines.: xu) ist
Zufuhr (von Qi, d.Üb.) angezeigt. Der Patient befindet sich dann wieder in normalem Zustand, wenn
weder ein Überschuß noch ein Mangel (an Qi, d.Üb.) vorhanden ist. Bei der Bekämpfung von
Krankheiten legt man diese (allgemeine, d.Üb.) Regel zugrunde.".-Es hat den Anschein, als ob diese
Mangel-Überschuß-Theorie sich in den vortangzeitlichen Textfassungen des Neijing noch nicht oder
zumindest noch nicht so systematisch entwickelt findet und möglicherweise später z.B. von Wang
Bing in den Text eingefügt wurde.
129

Weise zu treffen und einzusperren. Und dann wird man mittels der Abschwächung von Qi die
Krankheit ihrem sofortigen Ende zuführen".
130

Kapitel 28 Über das Hohle und Feste, die Fülle und den Mangel des Körpers

Vorbemerkungen

"Hohl" und "Fest", "Fülle" und "Leere" (=Mangel) sind zentrale Begriffe dieses Kapitels, die
als Krankheitsanzeichen auf dem Hintergrund der Pulsintensität und in Verbindung mit
körperlich-thermischen Zuständen der Kälte (z.B. die Füße sind unzureichend oder gar nicht
durchblutet und fühlen sich kalt an, was auf mangelnde Pulsintensität zurückzuführen ist) und
Wärme ( Fieber, heiße Dämpfe, die zur Schweißabsonderung führen mit einer zu starken
Pulsintensität) gesehen werden. In jedem dieser Fälle handelt es sich um krankhafte
Zustände, die der Harmonisierung des Qi durch Akupunktur bedürfen. Dieses Kapitel nun
entwickelt eine Krankheitssymptomatik und -kategorisierung in ersten Grundzügen, die vor
allem auf der Gegensätzlichkeit von Kälte und Wärme beruhen. Die Einteilung der
Krankheiten in solche der Wärme (yang) und der Kälte (yin) stellt somit auch eine
grundlegende, wenn auch in sich nicht allein erschöpfende, Einteilung in der Krankheitslehre
der späteren TCM dar.

Der Gelbe Kaiser fragte: "Was bedeuten Leere und Fülle ?"

Qi Bo erwiderte: " Nehmen schädliche Einflüsse überhand, dann sprechen wir von Fülle,
lassen diese nach, nennen wir dies Leere".

Der Gelbe Kaiser fragte: "Was kann man gegen Leere und Fülle unternehmen?"

Qi Bo antwortete: "Mangelt es an Atem, sind die Lungen leer; wird der Atem unterbrochen,
werden die Füße kalt. Passiert beides nicht zu gleicher Zeit, bleibt der Patient am Leben. Tritt
beides jedoch gleichzeitig ein, wird der Patient sterben. Und so verhalten sich auch die
übrigen Organe".

Der Gelbe Kaiser fragte: "Was bedeutet denn doppelte Fülle (zhong shi)? "

Qi Bo erwiderte: "Die sogenannte Doppelfülle (Zustand der Fülle, d. Üb.) zeichnet sich durch
hohes Fieber, heiße Dämpfe und einen vollen Puls aus - all das nennt man Doppelfülle".

Der Gelbe Kaiser fragte: "Wenn die Jing- und die Luo- Leitbahnen überfüllt sind - was kann
man dagegen tun? Kann man hier behandeln und heilen?"

Qi Bo erwiderte: "Sind die Jing- und Luo-Leitbahnen überfüllt, nimmt der Cun-Puls zu und
hat ein hastiges Tempo, und der Chi-Puls verlangsamt sich. All das muß behandelt werden.
Darum heißt es auch: 'Ist der Puls sacht und eben, verhält er sich richtig; ist er grob und stark
und einheitlich, befindet er sich im Zustand der Wirrnis'. Und folglich müssen Fülle und
Leere (=Stärke und Schwäche, d. Üb.) in Übereinstimmung mit ihrem Ursprungszustand
aufgeteilt sein (d.h., ausgehend von den Gegebenheiten des gesunden Allgemeinzustandes,
d.Üb.), und (erst, d.Üb.) dann werden Innere Organe, Muskeln und das Körperfleisch einen
sachten und ebenen Puls hervorbringen und so lange Zeit anhalten."

Der Gelbe Kaiser fragte: " Was kann man tun, wenn die Kraft der Luo-Leitbahnen
unzureichend ist und sich die Kraft der Jing-Leitbahnen im Überschuß befindet?"

Qi Bo erwiderte: "Was passiert denn, wenn die Luo-Leitbahnen leer und die Jing-Leitbahnen
angefüllt sind? Dann ist der Mund des Pulses (dieser Ausdruck ist unverständlich, d.Üb.)
fiebrig, während der Chi-Puls frösteln macht. Herbst und Winter bedeuten (immer, d. Üb.)
131

Unordnung, Frühling und Sommer Ordnung. All das beeinflußt und reguliert (das Auftreten
von, d.Üb.) Krankheiten".

Der Gelbe Kaiser fragte: "Was kann man tun, wenn die Jing-Leitbahnen leer und die Luo-
Leitbahnen angefüllt sind?"

Qi Bo antwortete: "Liegt ein chaotischer Zustand vor, ist der Chi-Puls heiß und der Mund des
Pulses kalt und rauh. Der Tod tritt während des Frühlings und des Sommers ein, und das
Leben geht den Herbst und Winter über weiter."

Der Gelbe Kaiser fragte: "Wie kann man dies denn behandeln?"

Qi Bo erwiderte: "Sind die Luo-Leitbahnen voll und die Jing-Leitbahnen leer, so wendet man
die Wärmezufuhrbehandlung mittels Moxibustion in den Bereichen des Yin und Akupunktur
in den Bereichen des Yang an. Sind die Jing-Leitbahnen voll und die Luo-Leitbahnen leer,
setzt man Akupunktur im Bereich des Yin und brennendes Moxa im Bereich des Yang ein".

Der Gelbe Kaiser fragte: "Was bedeutet doppelte Leere (zhong xu)?"

Qi Bo erwiderte: " Wenn die Kraft des Pulses in den oberen Körperbereichen und der Chi-
Puls nachläßt, spricht man von Doppelleere".41

Der Gelbe Kaiser fragte: "Wie läßt sich das behandeln?"

Qi Bo antwortete: "Der sogenannte Mangel an Kraft weist auf einen unnormalen Zustand hin.
Die Leere des Chi-Pulses führt zu unzureichenden Pulsschlägen. Mangelnder Puls wird im
Bereich des Yin nicht sichtbar. Und so bedeutet das einfach folgendes: Ist der Puls sacht und
eben, bedeutet dies Leben; ist der Puls rauh und unausgeglichen, so bedeutet dies den Tod.

Der Gelbe Kaiser fragte: "Was passiert, wenn der Atem (hier gedacht als flüssiges Element,
d.Üb.) erstarrt, und die obere Körperregion verbrennt und der Puls voll und fest ist?"

Qi Bo erwiderte: "Fülle und Ebenheit bedeuten Leben, Fülle und Unordnung den Tod".

Der Gelbe Kaiser fragte: "Was kann man tun, wenn der Puls voll und vollständig ist, und die
Hände und Füße vor Kälte erstarrt sind, während der Kopf mit Fieber überschüttet ist?"

Qi Bo antwortete: " Das würde heißen, daß Frühling und Herbst Leben, Winter und Sommer
den Tod beinhalten. Nimmt der Puls überhand, ist er hart und unausgeglichen, und ist der
gesamte Körper vom Fieber ergriffen, bedeutet dies den Tod".

Der Gelbe Kaiser sagte: " Tritt der Puls in seiner ganzen Vollständigkeit auf, und ist er schnell
und von großer Beständigkeit, der Chi-Puls aber rauh und uneben und nicht so, wie er
eigentlich sein sollte - dann bedeuten Ordnung und Übereinstimmung Leben, Unordnung und
Aufstand aber den Tod".

Der Gelbe Kaiser fuhr fort:42 "Was kann man denn unter 'Ordnung bedeutet Leben" (cong ze
sheng) und unter "Unordnung bedeutet den Tod" (ni ze si) verstehen?"

Qi Bo erwiderte: "Das, was man Ordnung nennt, bedeutet Wärme an Händen und Füßen.43
Das, was man als Unordnung bezeichnet, beinhaltet, daß Hände und Füße kalt sind.44"

41Indiesen Fällen bedeutet das nach Wang Bing, daß der Chi- und Cun-Puls leer sind.
2Diese Stelle wurde von Wang Bing in den laufenden Text eingefügt.
43Dies bedeutet eine geregelte Durchblutung des Körpers bei gesundem ("normalem")
Allgemeinzustand. Die Herztätigkeit reguliert den Puls, und die normale, gereglte Durchblutung der
132

Der Gelbe Kaiser fragte: "Was bedeutet es, wenn ein Kind eine Erkrankung in den Armen hat
und Fieber auftritt und der Pulsschlag dabei nachläßt?"

Qi Bo antwortete: "Sind Hände und Füße warm, so bedeutet dies Leben; sind sie kalt, so
bedeutet dies den Tod".

Der Gelbe Kaiser fragte: "Wenn ein Kind in seinen Armen vom Wind getroffen ist
(zhongfeng)45 leidet, es Schwierigkeiten beim Atmen hat und es keucht, während seine
Schultern sich ausruhen46: in welchem Zustand befindet sich dann der Puls?"

Qi Bo erwiderte: "Schwierigkeiten beim Atmen und Keuchen im Ruhezustand zeigen einen


Puls an, der groß und voll ist. Ist er dabei langsam, so bedeutet dies Leben. Ist er schnell, so
bedeutet dies den Tod."

Der Gelbe Kaiser fragte: " Wenn man sich bei Entleerung der Hohlorgane Erleichterung
verschafft47 und dabei Blut austritt: was hat das für eine Bedeutung ?"

Qi Bo antwortete: "Ist der Körper heiß und fiebrig, bedeutet dies den Tod. Zeigt er hingegen
kühle Temperatur, so bedeutet dies Leben".

Der Gelbe Kaiser fragte: "Was bedeutet es, wenn sich beim Entleeren der Hohlorgane weißer
Schaum zeigt?"

Qi Bo erwiderte: "Ist der Puls tief, bedeutet das Leben; ist er oberflächlich, bedeutet dies den
Tod."

Und der Gelbe Kaiser erkundigte sich weiter: "Was bedeutet das Auftreten von blutigem Eiter
bei der Ausscheidung?"

Qi Bo antwortete: "Ist der Puls plötzlich weg und unterbrochen, bedeutet dies den Tod;
verläuft er ungehindert und groß, bedeutet dies das Überleben".

Der Gelbe Kaiser fragte: "Wenn der Körper in Verbindung mit der Ausscheidung durch die
Hohlorgane fiebrig48und der Puls noch vorhanden und nicht unterbrochen ist - was hat das für
eine Bedeutung ?"

Extremitäten und damit der gesamten Körperregionen weist auf eine entsprechende Qualität des
Pulses hin.
44Bei Nichtdurchblutung der Extremitäten und damit auch der übrigen Körperregionen erkalten die

Glieder sowie die übrigen Körperregionen und werden quasi starr. Dies weist darauf hin, daß die
Herztätigkeit als Antriebskraft des Blutkreislaufes und damit des Pulses nicht geordnet funktioniert
und somit auch die Qualität des Pulses nicht entsprechend ist.
45Krankheitsbezeichnung für windbedingte Hitze (Fieber) mit keuchendem Atem im Ruhezustand.

Für Kinder wird in der TCM zurückgehend auf diese Stelle im Neijing Suwen eine spezielle Form
frühkindlicher Krämpfe ausgemacht, die manchmal sehr an Kinderepilepsie erinnert.
46Umschreibung für ein Kind, das sich im Ruhezustand befindet und keucht, obwohl es nicht, was

hier vielleicht als normal unterstellt wird, herumtollt und daher einen keuchenden Atem hat.
47Im Text eine etwas "vornehme" Umschreibung für den eigentlich recht profanen Vorgang der

flüssigen und festen Ausscheidung von Verdauungsresten, die den Körper verlassen. Es sei hier daran
erinnert, daß die Sprache des Originaltextes immer die Literatursprache des Klassische Chinesisch ist,
deren Diktion dazu neigt, solche Vorgänge eher "unprofan" zu umschreiben.
48Im modernen Chinesisch, aber noch viel typischer im Klassischen Chinesisch sind komplexe
Satzkonstrukktionen, in denen ein mit Konjunktion eingeleiteter Nebensatz (wobei die Konjunktion
im Chinesischen oft entfallen kann, wenn der Satzzusammenhang ohnehin klar ist) am Anfang des
zusammengesetzten Satzes, quasi als dessen Thema, zu finden (wenn.....(=S1), was
133

Qi Bo erwiderte: "Verläuft der Puls ungehindert, und ist er stark (kräftig), bedeutet dies
Überleben49; verschwindet er aber, und ist er rauh, bedeutet dies den Tod. Dabei muß man
auch die jeweilige Jahreszeit für jedes der Fünf Zang-Organe berücksichtigen".50
Der Gelbe Kaiser fragte: "Was kann man denn gegen Wahnsinn und Krämpfe tun?"51

Qi Bo erwiderte: " Schlägt der Puls in weiten Schlägen aus und verläuft dabei ungehindert,
eine lange Zeit, und werden dann die Pulsschläge durch sich selbst hart, wird ein schneller
Tod eintreten, und keine Heilung ist mehr möglich".

Der Gelbe Kaiser fragte: "Was kann man denn tun, wenn der Puls unzureichend ist oder zu
voll und dabei Anfälle und Wahnsinn in Erscheinung treten?"

Qi Bo erwiderte: "Ist kein Puls vorhanden (=spürbar, d.Üb.), kann die Krankheit geheilt
werden; ist der Puls zu voll, ist der Tod die Folge".

Der Gelbe Kaiser fragte: "Was ist zu tun, wenn eine Verdauungskrankheit52 vorliegt und der
Puls dabei entweder unzureichend oder zu voll (=stark, d.Üb.) ist?"

Qi Bo antwortete: "Ist der Puls voll und groß, kann man eine chronische Krankheit der
Heilung zuführen; hört der Puls auf, und ist er klein und hart, kann eine chronische Krankheit
nicht geheilt werden".

Dann sagte der Gelbe Kaiser: "Wie kann man die Gesetzmäßigkeiten, die dem Körper, den
Knochen, dem Puls und den Extremitäten eigen sind, nun eigentlich erkennen?"53

.....(S2)=Gesamtsatz). Der letzte Satzteil des zusammengesetzten Satzes stellt dann eine Aussage über
in S1 genannten Sachverhalt dar. Stellenweise haben wir diese für das Deutsche grammatisch und
stilistisch eigentlich nicht übliche Satzkonstruktion mit übernommen, um auch dem deutschen Leser
etwas von dem Flair des Originaltextes anschaulich zu vermitteln.
49Aus dem inhaltlichen Zusammenhang ergibt sich, daß man hier eigentlich "Überleben" an stelle von

"Leben" (sheng) im Originaltext) setzen müßte: Es werden ja Krankheitszustände beschrieben, die


potentiell immer eine Beeinträchtigung der Gesundheit und damit ein graduell unterschiedlich hohes
Risiko für ein gesundes Leben an sich darstellen können. "Leben" im Text im Sinne von
"lebensfördernde/verlängernde" Faktoren wäre hier etwas mißverständlich und würde den
inhaltlichen Kern der Aussage nur unzureichend treffen.
50Wang Bing kommentiert dazu: "Tritt die Leber in der Periode Gengxin in Erscheinung, bedeutet dies

den Tod. Tritt das Herz in der Periode Rengui in Erscheinung, bedeutet dies den Tod. Tritt die Lunge
in der Periode Bingding in Erscheinung, bedeutet dies ebenfalls den Tod, und treten die Nieren in der
Periode Wuji in Erscheinung bedeutet dies den Tod. Das Gleiche gilt auch für die Milz, wenn sie in
der Periode Jiayi ein auffälliges Verhalten zeigt. Das bedeutet es, die (jeweilige, d.Üb.) Jahreszeit der
Därme (des Verdauungstraktes, d.Üb.) zu berücksichtigen".- "In Erscheinung treten" bedeutet hier ein
auffälliges, anormal und pathogen bedingtes Verhalten der betreffenden Organe; "Jahreszeiten"
bezieht sich hier auf die einzelnen Zeitabschnitte eines Jahres, die nach der Konstellation der
Himmlischen Stämme im alten China bezeichnet werden (also nicht die klimatischen Perioden wie
Frühling, Sommer, usw.), sondern die Monate eines Jahres nach dem chinesischen Mondkalender).
51Vermutlich handelt es sich hier um Krankheitserscheinungen von epileptischen Grand-Mal-

Anfällen, die mit Krämpfen, Schreien, zuckenden Bewegungen,usw., einhergehen.


52Im Sinne von Verlust und Erschöpfung" (chines.: xiaodan).
53Vgl. Anm. 7: Im Original liest sich dieser Satz wörtlich wie folgt: "Die Gesetzmäßigkeiten des

Körpers, die Gesetzmäßigkeit der Knochen, des Pulses und der Extremitäten - wie kann (man diese,
d.Üb.) erkennen?" Dies weist auf eine nicht nur dem Klassischen, sondern auch dem modernen
Chinesischen eigene Satzstruktur auch in nicht- komplexen, d.h. nicht zusammengesetzten, Sätzen
hin, wonach der Teil "Die Gesetzmäßigkeiten......und der Extremitäten" am Satzanfang das Thema
darstellt, über das dann im restlichen Satzteil ein Sachverhalt ("wie kann (man diese, d.Üb.)
erkennen?") erfragt wird.
134

Und dann fügte der Kaiser hinzu54: „Mitten im Frühling sollte man die Jing- und die Luo-
Leitbahnen (jingluo) behandeln, in der Mitte des Sommers die Hauptleitbahnen (jingshu)55
und im Herbst die Sechs Fu-Organe. Während des Winters ist jedoch alles verschlossen, und
alles wird angehalten. Und deshalb, weil alles verschlossen ist, sollte man Medikamente
einsetzen und von der Akupunkturtherapie nur spärlich Gebrauch machen. Jedoch bezieht
sich der erwähnte sparsame Einsatz der Akupunktur nicht auf die Behandlung von
Geschwülsten und tiefsitzenden Abzessen56, denn man darf nicht zulassen, daß diese
innerhalb kurzer Zeit wieder aufbrechen. Entstehen Geschwüre57, deren genaue Herkunft und
deren Sitz im Körper nicht genau bekannt sind, und ertastet sie der Heilkundige dann mittels
seiner Hände und untersucht er sie, kann er zu keinem Ergebnis kommen. Denn manchmal
vermag er das Geschwür mit der Hand zu fühlen, während es andererseits manchmal nicht
tastbar ist. Wendet man zur Behandlung eines Geschwüres Akupunktur an, wird in die Hand
dreimal im Bereich des Taiyin58, in der sich ein blauer Fleck oder eine Quetschung oder ein
Yingmo59 zeigt, dreimal mit der Nadel bzw. zweimal mit der Nadel eingestochen.60 Zeigt sich
starkes Fieber am Unterarm, das durch ein Geschwür verursacht ist, so nadelt man im
Fußbereich des Shaoyin dreimal. Und verschwindet dann die Hitze immer noch nicht, muß
man dreimal an der Stelle Xinzhu61 stechen, und später wird noch im Handbereich des Taiyin
und die Jing- und Luo-Leitbahnen zwischen Schulter und Rücken dreimal genadelt. Treten
schlimme Geschwüre auf, erweichen die Muskeln (=werden faulig, d.Üb.), und überall
verspürt man (die damit zusammenhängenden, d. Üb.) Schmerzen. Unaufhörlich tritt schweiß
aus und die Kraft der Blase (baoqi) läßt nach, bis sie immer unzureichender wird.Dann muß
der Arzt jene Bereiche der Leitbahnen behandeln, die dem Auge verborgen sind. Fühlt sich
der Magen des Kranken voll (gefüllt) an und kann mit der Hand nicht unten gedrückt werden,
sollte man den Patienten im Handbereich des Taiyang (mit Akupunktur, d.Üb.) behandeln:
Denn die Jing- als auch die Luo-Leitbahnen des Taiyang sind mit dem Inneren des Magens

54An dieser Stelle erfolgt offensichtlich ein Bruch in der Textkohärenz durch einen wohl erst später
vorgenommenen Texteinschub: Das bisherige Frage- und Antwortspiel zwischen dem Gelben Kaiser
und seinem Minister Qi Bo bricht plötzlich ab (auf die letzte Frage findet sich keine Antwort, wie dies
eigentlich zu erwarten wäre), stattdessen folgt ein längerer Monolog, der dem Gelben Kaiser in den
Mund gelegt wird.
55Die 12 Leitbahnen, die mit den Inneren Organen verbunden sind.
56Dazu bemerkt Wang Bing in Form eines Kommentars an dieser Stelle: "Obwohl im Winter die

Pforten des Körpers (=Poren der Haut, d.Üb.) fest verschlossen sind, so steigen von tiefsitzenden
Geschwüren und Abzessen immer brennende Dämpfe auf, die zu großer Feuchtigkeit führen und
nicht schnell abgelassen (=entfernt, d.Üb.) werden können.So erweichen (=eitern, d.Üb.) die Muskeln,
und die Knochen werden faulig, und so muß man ungeachtet dessen, was (als Therapieform, d.Üb.)
der Jahreszeit des Winters entspricht, Akupunktur eingesetzt werden, um (die Pforten, d.Üb.) zu
öffnen und den Eiter herauszulassen".
57Bei der folgenden Kasuistik der Geschwüre handelt es sich auf Grund der im weiteren Textverlauf

erwähnten Symptomatik in erster Linie wohl um nicht-karzogene Erkrankungen. Es ist fraglich, ob


der Begriff des bösartigen Tumors (für Krebs im engeren Sinne) in der Tradition des Neijing bereits
eindeutig und deutlich von anderen nicht-karzogenen Erscheinungen getrennt und unterschieden
wird oder ob hier beide Bereiche begrifflich miteinander vermischt werden. Genaueres zur
Begriffssystematik der Tumore (und speziell zu der maligner Tumore) in der TCM vgl. SCHMIDT,
W.G. A.: Die alte Heilkunst der Chinesen, Freiburg 1992, S. 161 - 172, besonders aber S. 165, Tabelle 7.1.
58Wang Bing fügt an dieser Textstelle zusätzlich ein: "...und den Teil des 'Sonnenlichts' am Fuß...." .
59Eine bestimmte Pulsfrequenz (vgl. "Heilkunst", S. 94 ff.).
60Das dreimalige Einstechen mit der Nadel bezieht sich auf den Bereich des Großen Yin an der Hand;

die spätere Einfügung von Wang Bing zum 'Sonnenlichts' am Fuß gibt an, daß jeder Bereich - der des
Großen Yin an der Hand und der des 'Sonnenlichts'am Fuß- je zweimal mit der Nadel gestochen wird.
61Möglicherweise: das Innere der Hand.
135

verbunden.62 Treten Geschwüre im Bereich des Shaoyin auf, der sich drei Zoll hinter dem
Rückgrat befindet, muß dieser Bereich dadurch vom Arzt behandelt werden, daß dieser dort
dreimal mit dem runden Ende der Nadel hineinsticht. Leidet der Kranke an einer schnell
verlaufenden Störung (eigentlich Cholera, d.Üb.), so wird die gleiche Behandlungsweise mit
den gleichen Instrumenten eingesetzt; allerdings wird in diesem Fall fünfmal genadelt. Und
gleichzeitig wird in einem solchen Fall der Bereich des Yangming am Fuß und der obere
Bereich des Shaoyin dreimal genadelt. Leidet der Kranke an Anfällen und plötzlich
auftretenden Angstzuständen, behandelt der Arzt den Puls fünfmal63, während zur gleichen
Zeit in jede der beiden Hände des Kranken im Bereich des Taiyin ebenfalls fünfmal genadelt
wird. Ebenso müssen die Luo-Leitbahnen im Handbereich des Großen und des Shaoyin
fünfmal genadelt werden. Es werden einmal die Luo- und die Jing-Leitbahnen und ebenso der
Fußbereich des Yangming genadelt. Und schließlich muß jener Bereich dreimal genadelt
werden, der sich drei Zoll oberhalb des Knöchels64 befindet. Ganz allgemein gesprochen
Lassen sich Verdauungsstörungen, Herzanfall, eine fallende (oder: nachlassende, d.Üb.)
Vorsteherdrüse, einseitige Lähmung, gehinderte Zeugungskraft (=Impotenz, d.Üb.) und jene
Fülle von Kraft, die zu Krankheiten Anlaß gibt, behandeln.65 Treten derartige Erkrankungen
bei Wohlhabenden auf, so handelt es sich um Leiden, die auf ein Übermaß an Kost
zurückzuführen sind.66 Handelt es sich um Beschränkungen, Behinderungen und verschleiß,
wobei oben und unten Bewegung nicht mehr möglich ist, dann handelt es sich um
Erkrankungen, die durch plötzliche und gewaltsame Überanstrengung67 entstehen. Einseitige
Taubheit (=auf einem Ohr, d.Üb.), Behinderung der Bewegungsmöglichkeit und
Bewegungsmangel führen zu einer Erhitzung und Schwächung der Lebenskraft im
Körperinneren. Störungen innen, außen und solche der Mitte68 entstehen durch den Wind.
Und dann zeigen sie sich auch in Form einer langwierigen Abmagerung an. Lahmheit (oder:
Schwäche, d.Üb.) und Kälte an den Fußsohlen sind auf Wind und Feuchtigkeit
zurückzuführende Krankheiten".

Der Gelbe Kaiser sagte69: "Treten bei70einem gelbfarbenen Geschwür gewaltige Schmerzen
auf, wird es beim Kranken zu Anfällen kommen; er redet wirr vor sich hin und treibt Dinge,
die jeder Vernunft widersprechen. Dann befinden sich die Fünf Zang-Organe in keinem guten
Zustand, und die Sechs Fu-Organe (=Hohlorgane, d. Üb..) verschließen sich und versperren
sich dem, das entsteht71; der Kopf schmerzt, das Ohr nimmt (scheinbare, d.Üb.) Töne wahr,

62Das Fühlen eines gefüllten Magens , der sich mit der Hand nicht nach unten drücken läßt, ist ein
diagnostisches Kriterium für die im folgenden beschriebene Vorgehensweise.
63Wang Bing bemerkt dazu in Form eines Kommentars: "Dies ist der Puls des Yanglingquan, der sich

in der oberen äußeren Konkave (Hohlraum) unterhalb des Knies befindet (der Yanglingquan ist eine
bestimmte Akupunkturstelle im Yangming-Fußbereich des Magenmeridians unterhalb des Knies).
64An dieser Stelle bricht die Kasuistik zu den Geschwulstkrankheiten abrupt ab und eine allgemeine,

in sich nicht sehr differenzierte Kasuistik zu behandelnder Krankheiten setzt ein. U.a. dies deutet auf
eine Heterogenität des Textes hin, die durch spätere Einschübe, Überarbeitungen und dgl. bedingt
sein kann.
65"Fülle der inneren Kraft, die zu Krankheit Anlaß gibt": Hier handelt es sich wohl um eine

Umschreibung für pathogene Faktoren, die im Übermaß vorhanden sind. Ansonsten ergäbe diese
Textstelle wenig Sinn.
66Damit ist wohl ein ungesundes Eßverhalten der Reichen, die es sich leisten können, sich dabei zum

Ausgleich aber sehr wenig bewegen, gemeint.


67"Gewaltsam" ist an dieser Stelle etwa wie folgt zu verstehen, nämlich, daß dem Körper durch

Überbeanspruchung (Stress) Gewalt angetan wird.


68Damit ist wohl der mittlere Teil des Körpers gemeint. Ob es sich dabei um die Mitte außen oder

innen handelt, muß hierbei offen bleiben.


69Hier findet sich wieder ein Bruch in der Textkohärenz, vgl. dazu Anm. 13 und 22.
70Wohl Fieberanfälle auf Grund von fortgeschrittener Entzündungserscheinungen und Eiter, die zu

einer Art Wahnsinnszustand führen.


71Umschreibung für die durch Verdauung entstandenen auszuscheidenden Substanzen.
136

und die neun Körperöffnungen arbeiten nicht zum Wohle dessen, was vom Magen und den
Därmen hergestellt wird".72

72Vgl. Anm. 29.


137

Kapitel 29 Abhandlung über den Bereich des Taiyin und des Yangming

Vorbemerkungen

Taiyin und Yangming sind Sammelbegriffe für bestimmte Leitbahnkategorien (Meridiane) der
klassischen Akupunkturlehre, zu denen im ersteren Fall der Lungen- und der Milzmeridian,
im zweiten Fall der Dickdarm- und Magenmeridian gehören. Über die Leitbahnen sind auch
die betreffenden Zang-Organe, die zu Yin gehören, mit den entsprechenden Fu-Organen, die
zu Yang gehören, verbunden und von etwaigen krankhaften Einflüssen und Erscheinungen
betroffen. In diesem Kapitel wird an Hand der erwähnten Leitbahnen das zunächst sehr
abstrakte Verständnis vom wechselseitigen und aufeinander wirkendem Yin und Yang (vgl.
die ersten Kapitel dieses Buches) sehr konkret und anwendungsbezogen auf den Körper und
dessen mögliche Krankheitserscheinungen beschrieben. Die Vorgehensweise dabei ist zwar
noch sehr rudimentär und kasuistisch; dafür wird aber das Begriffsverständnis von "Fülle"
und "Leere", die auch als grundlegende Konzepte der chinesischen Krankheitslehre
anzusehen sind, umso deutlicher.

Der Gelbe Kaiser fragte: "Der Taiyin und die Yangming-Leitbahn stehen mit dem Puls der
Milz und des Magens in Verbindung. Was liegt vor, wenn sich durch eine Krankheit diese
Verbindung ändert?"

Qi Bo antwortete: "Yin und Yang nehmen verschiedene Stellungen ein; sie ändern sich im
Hinblick auf Mangel und Fülle und in Bezug auf Unordnung und Übereinstimmung.73
Entsprechen sie in dem Inneren, oder entsprechen sie dem Äußeren - die Beziehung ist immer
die gleiche; und darum haben die Krankheiten, die sich auf sie jeweils zurückführen lassen,
auch unterschiedliche Namen (ming)".74

Der Gelbe Kaiser erwiderte: "Ich möchte gerne Genaueres über die verschiedenen Anzeichen
(dieser Krankheiten, d.Üb.) erfahren".

Qi Bo sagte: " Yang steht mit dem Himmel in Verbindung, ihm ist das Äußere untertan. Yin
steht mit dem Witterungsverhältnissen der Erde in Verbindung und beherrscht das Innere.
Daher bedeutet Yang Fülle und Yin Leere.75 Auflehnung und der Verstöße gegenüber dem
Wind führen zu schwäche und Leiden, die auf schlechte Einflüsse zurückzuführen sind. Und
dies macht Yang leiden (yangshouzhi). Zügelloses Essen und Trinken, unregelmäßiges
Schlafen und Aufstehen machen Yin leiden76 (yinshouzhi).77 Leidet Yang, so sind auch die
Sechs Fu-Organe betroffen78. Leidet Yin, so sind die Fünf Zang-Organe in Mitleidenschaft
gezogen.79 Sind die Sechs Fu-Organe betroffen, dann zeigt der Körper Hitze zu einer
Jahreszeit, wo man dies nicht erwarten würde. Und selbst dann, wenn man sich hinlegt,
zeigen sich Schmerzen beim Ausatmen im oberen Körperbereich. Sind die Fünf Zang-Organe
angefüllt und blockiert, so ist der Abstieg verschlossen und unterbrochen80, und so entweicht

73Wang Bing bemerkt dazu: "Milz und Magen, die Zang- und die Fu-Organe entsprechen dem
Element der Erde; bei Erkrankung gerät dieses System außer Gleichgewicht, und daher bezieht sich
der Arzt in seiner Untersuchung des Kranken auch auf die Ungleichheiten".
74Dazu Wang Bing in Form eines Kommentars: " Die Milz, eines der Fünf Zang-Organe, ist Yin

zugeordnet; der Magen, ein Fu-Organ, entspricht Yang. Der Yang-Puls verläuft nach unten und steht
mit dem Äußeren in Verbindung, während der Yin-Puls dem Inneren entspricht. Und darum heißt es:
'Yin und Yang beziehen sich nicht auf das selbe, und so haben ihre jeweiligen Krankheiten
unterschiedliche Namen.
75Im Hinblick auf Fülle und Leere.
76Gemeint ist ein Verhalten, das Windkrankheiten (Krankheiten der Kategorie Yin) fördert (z.B.

unzureichende Kleidung bei Wind, die zu Erkältungen führt).


77Yin und Yang, je nachdem, ob sie dem Inneren oder dem Äußeren entsprechen.
78Gemeint sind die erkrankten Körperbereiche, in denen sich die Fu-Organe befinden.
79Gleiches gilt für die Körperbereiche des Yin mit den Zang-Organen.
80Das Qi kann nicht ins Körperuntere herabsteigen, und daher wird den in diesem Körperbereich

liegenden Organen nicht ausreichend Qi zugeführt. Folglich leiden diese Organe an einem Qi-Mangel.
138

Nahrung im unteren Körperbereich. Zieht sich das länger hin, werden die Sechs Fu-Organe
ausgelaugt. Der Brustkorb entspricht dem Klima des Himmels, und Staus und Behinderungen
sind durch die Witterungsverhältnisse der Erde bedingt; und so leidet Yang unter dem Wind
und Yin unter feuchter Luft. Der Einflußbereich des Yin beginnt am Fuß und verläuft nach
oben zum Kopf hin, während es beim Abstieg nach unten von den Armen zu den
Fingerspitzen reicht. Yang beginnt in der Hand, und beim Aufsteigen gelangt es in den
Kopfbereich, während es beim Abstieg in die Füße gelangt. Und daher steigt eine Yang-
Krankheit zunächst immer auf, bis sie die höchste Stelle erreicht hat, und steigt erst dann
hinab, während eine Yin-Krankheit zunächst zum tiefsten Punkt hinabsteigt und erst dann
wieder aufsteigt. Und daher wird eine durch den Wind verursachte Krankheit zunächst
aufsteigen, und eine Krankheit, die auf Feuchtigkeit zurückzuführen ist, wird zunächst
hinabsteigen".

Der Gelbe Kaiser fragte: "Bei einer Erkrankung der Milz kann man die Glieder an den vier
Extremitäten nicht bewegen. Worauf ist das zurückzuführen?"

Qi Bo erwiderte: "Die Glieder der vier Extremitäten stehen mit dem Magen in besonders
enger Verbindung, dennoch können sie nicht direkt mit dem Magen Verbindung halten. Die
Milz hat eine grundlegender notwendige Funktion, und sie stellt die Verbindung her.81 Ist sie
erkrankt, kann sie den Magen nicht zur Herstellung von Ausscheidungen bewegen; die
Glieder der Vier Extremitäten erhalten keine Nahrungszufuhr durch die Kraft des Wassers
und des Getreides. Die allgemeine Lebenskraft läßt Tag für Tag immer mehr nach, der Puls
arbeitet nicht zum Vorteil, Muskeln, Knochen und Körperfleisch erhalten nicht die
Kraftzufuhr, die sie zum Leben brauchen, und so kann man sie auch nicht in Anspruch
nehmen".

Der Gelbe Kaiser fragte: "Warum wird die Milz nicht von einer einzigen Jahreszeit beherrscht
(zhu)?"

Qi Bo antwortete: "Die Milz entspricht der Erde. Sie verwaltet das Zentrum, das was
beständig ist. Und so werden auch von ihr die Vier Jahreszeiten beherrscht. Jedes der vier
anderen Zang-Organe ist mit der Wahrnehmung von 80 Tagen eines geregelten Ablaufes
betraut, aber sie dürfen nicht allein über die Vier Jahreszeiten herrschen. Die Milz als eines
der Fünf Zang-Organe tritt ständig durch Ausscheidungen des Magens und des Bodens in
Erscheinung. Und alles, was erschaffen ist, stammt aus dem Boden und unterliegt dann der
Herrschaft des Himmels und der Erde. Und so können oben und unten, Kopf und Fuß, nicht
unmittelbar den Einflüssen der Vier Jahreszeiten unterliegen".

Der Gelbe Kaiser sagte: "Milz und Magen sind durch eine dünne Membrane miteinander
verbunden. Welches der beiden Organe hat nun die Möglichkeit, flüssige Ausscheidungen
hervorzubringen?"

Qi Bo antwortete: "Der Taiyin im Fußbereich gehört zu den Drei Yin.82 Seine Verbindung
über den Magen ist von der Milz abhängig und mit dem Rachenbereich verbunden. Und
darum wird durch den Taiyin die Verbindung zu den Drei Yin hergestellt. Und der Bereich
des Yangming im Magen ist der äußere Teil der Milz.83 Die Fünf Zang- und die Sechs Fu-
Organe lassen sich mit den unermeßlichen Weiten der Großen Meere (Ozeane) vergleichen;
sie dienen der Weiterführung von Lebenskraft in den Bereich der Drei Yang. Zang- und Fu-

81Dazu Wang Bing: "Die Milz verteilt und wandelt Wasser und feste Nahrung in Lebenskraft und
Ausscheidungssubstanzen um und ernährt so die Glieder der vier Extremitäten".
82Gemeint ist der Milz/Pankreasmeridian, der mit dem des Magens funktional verbunden ist.
83Dazu Wang Bing: "Die Milz gehört zu Yin und der Magen zu Yang. Die Milz entspricht dem Inneren

und der Magen dem Äußeren. Ihre jeweilige Lage ist zwar unterschiedlich, jedoch unterstützen sie
sich gegenseitig."
139

Organe sind gegenseitig voneinander abhängig und erhalten ihre Nahrung aus dem Bereich
des Yangming. Und so bringen sie den Magen dazu, flüssige Ausscheidungen
weiterzubefördern. Werden die Glieder der vier Extremitäten nicht mit Lebenskraft versorgt
und Nahrung, wird sich tagtäglich ein Nachlassen der Lebenskraft einstellen. Yin stellt sich
dann nicht wohlwollend dar, Muskeln, Knochen und das Körperfleisch haben keine Kraft, die
zum Leben erforderlich ist, und so kann man sie nicht bewegen".
140

Kapitel 30 Abhandlung über den Pulsverlauf des Yangming

Vorbemerkungen

Die Pulse der Yangming-Leitbahnen betreffen konkret den Dickdarm- und den
Magenmeridian. Magen und Dickdarm rechnen ja zu den Fu-Organen, die als solche
Verdauungs-und Ausscheidungsfunktion im Gegensatz zu den Zang-Organen als
Speicherorganen haben. Die Pulse dieser Leitbahnen lassen auf die jeweilige Befindlichkeit
dieser Organe schließen, und da diese Organe mit den Zang-Organen auf untrennbare Weise
funktional verbunden sind, unter Umständen auch auf den allgemeinen Befindlichkeitszustand
schlechthin. Kapitel 30 beinhaltet in sehr rudimentären Zügen eine Befindlichkeitskasuistik
der Sonnelicht-Leitbahnen und ihrer Organe, von denen in einer weiteren diagnostischen
Perspektive auch auf die Befindlichkeit anderer Körperregionen geschlossen werden kann.

Der Gelbe Kaiser fragte: "Wenn der Puls des Yangming im Fußbereich 'krank' wird, wird der
menschliche Körper vom Feuer ergriffen und dadurch geschädigt, und wenn er das Holz (im
Feuer, d. Üb,) knacken hört, schreckt er auf. Und obwohl ihn dies aufschreckt, können ihm
die Klänge von trommeln und Glocken nichts anhaben. Wie kommt es also dazu, daß dem
Kranken das Knacken von Holz Schrecken bereitet?"

Qi Bo antwortete: "Der Puls des Yangming ist der des Magens. Das Element des Magens ist
die Erde. Wenn man also das Holz knacken hört und aufgeschreckt wird, dann hat die Erde
das Holz vernichtet".84

Der Gelbe Kaiser rief aus: " Ausgezeichnet! Aber was hat es mit der vernichtenden Kraft des
Feuers auf sich?"

Qi Bo erwiderte: " Der Bereich des Yangming steht mit dem Puls des Körperfleischs in enger
Verbindung. Wenn also innerhalb der Lebenskraft des Blutes Übles vorhanden ist, entsteht
Hitze. Ist die Hitze übermäßig groß, handelt es sich um vernichtendes Feuer".

Der Gelbe Kaiser fragte weiter: "Inwiefern ist ein solches Feuer für den Menschen
schädlich?"

Qi Bo antwortete: "Arbeitet der Bereich des Yangming unzureichend, entstehen Keuchen und
Verzweiflung. Entsteht Verzweiflung, so ist dies für den Menschen schädlich."

Der Gelbe Kaiser fragte wieder: " Ich würde gerne wissen, ob Atemlosigkeit zum Tode führt
oder zu Leben".

Qi Bo erwiderte: " Herrscht Mangel und Behinderung im Kreislauf unter den Zang-Organen,
ist der Tod die Folge. Ist der Kreislauf nicht behindert, garantiert dies das Leben".

Der Gelbe Kaiser sagte: "Ausgezeichnet! Sollte man die Kleidung ablegen und sich hin und
her bewegen, wenn die Krankheit schlimm ist, und sollte man sich in eine euphorische
Stimmung durch das Singen von Ritualliedern versetzen, oder sollte man nicht besser einen
ganzen Tag lang fasten? Und all jene, die gegen eine Mauer stoßen oder auf Anhöhen leben -
sind sie es nicht, die ihren ursprünglichen Gesundheitszustand immer erhalten, und kann über
sie die Krankheit wieder hereinbrechen?"

84Wang Bing führt dazu Stellen anderer Schriften an, wonach Holz die Erde vernichtet und die Erde
ihrerseits das Holz schädigt. Dies ist eine Erklärung, die auf der Doktrin der Wandlungsphasen der
Fünf Elemente basiert und hier eher metaphysischen Stellenwert hat.
141

Qi Bo antwortete: "Die Glieder der vier Extremitäten entsprechen Yang. befindet sich Yang in
blühendem Zustand, sind die Glieder der vier Extremitäten ausreichend versorgt, und in
diesem Fall kann man Höhen erklimmen".

Der Gelbe Kaiser fragte: "Sollte man in einem solchen Fall dann alle Kleidung ablegen?"

Qi Bo erwiderte: "Ist der Körper ausreichend mit Wärme versorgt, kann man die Kleidung
beim Gehen ablegen".

Der Gelbe Kaiser erkundigte sich: "Was kannst du mir über Leute sagen, die Lügen erzählen,
fluchen und Verwünschen ausstoßen und sich sogar unterstehen, ihre Verwandten wie Fremd
zu behandeln?"85

Qi Bo erwiderte: " Ist Yang reichlich vorhanden, so führt das dazu, daß man Lügen verbreitet,
und man läßt sich sogar dazu herab, seine Verwandten wie Fremde zu behandeln. Und man
verlangt dann auch nicht Nahrung. Und weil man dann nicht nach Nahrung verlangt, wird das
Verhalten des Betreffenden dann leichtsinnig und unordentlich".

85Verwandte wie Fremde zu behandeln ist im konfuzianisch geprägten Kulturkreis besonders verpönt,
da es gerade die konfuzianische Sozialethik gebietet, sich besonders der Verwandten anzunehmen.
Auch die sonstigen negativen Verhaltensweisen, die erwähnt werden, gelten auch noch heute in
China - auch außerhalb des Familienclans- als besonders verwerflich in dem Sinne, daß man dadurch
sein Gesicht verlieren kann.
142

NEUNTES BUCH

Im Neunten Buch, eigentlich einer Schriftrolle, die am ehesten noch einem "Band 9" eines
Gesamtwerkes entspricht, werden verschiedene Arten von Wärmekrankheiten, die man
vielleicht besser als "Hitzeerkrankungen" bezeichnen könnte, beschrieben sowie die in
Kapitel 34 erwähnten Bi-Syndrome, die in der TCM-Literatur westlicher Sprachen manchmal
unzulässigerweise mit "Rheumatismus" gleichgesetzt werden. Viele der unter "Bi"
beschriebenen Symptome erinnern zwar auch an Erscheinungen, die in der westlichen
Medizin unter dem heute auch in der westlichen Medizin als ungenau und veraltet
empfundenen Sammelbegriff "Rheumatismus/Rheuma" verstanden werden. In der TCM
zeichnet sich bei der Klassifizierung solcher Erscheinungen ein viel differenzierteres Bild ab,
indem z.B. fünf verschiedene Hauptarten von "Bi" unterschieden werden.... In sich machen
hier die redaktionelle Anordnung und der inhaltliche Aufbau der Texte einen recht
einheitlichen und konsistenten Eindruck; möglicherweise wurden die diesbezüglichen Texte
aus älteren, schon zu Zeiten von Wang Bing als verloren gegangenen geltenden Texten hier
eingefügt. Die große Kategorie der Hitzeerkrankungen (deren gemeinsamstes Merkmal das
Einhergehen mit Fieber ist) wird fortgesetzt im folgenden Buch 10 mit der Abhandlung über
die Malaria (Kapitel 35).

Kapitel 31 Abhandlung über Wärme1

Der Gelbe Kaiser fragte: "Was die meisten Wärmekrankheiten (Krankheiten, die mit Wärme,
d.h., Fieber einhergehen, d. Ü.) angeht, so handelt es sich meistens um solche, wo die "Kälte
verwundet" ist und Fieber auftritt. Der Patient mag davon zwar genesen oder daran sterben,
und wenn der Patient tatsächlich daran sterben sollte, tritt der Tod in der Regel am sechsten
oder siebten2 Erkrankungstag ein. Ist der Patient aber von der Krankheit genesen, so wird dies
erst nach dem zehnten Tag der Erkrankung der Fall sein. Wie würdest du das erklären ? Ich
verstehe das nicht und hätte gerne den Grund dafür gewußt".

Qi Bo erwiderte: "Der Taiyang3 ist der Beherrscher aller Yang-Meridiane, und alle diese
Yang-Meridiane treffen am Akupunkturpunkt Fengfu (Du-Meridian 16)4 zusammen und sind
für das grundlegende Qi von Yang zuständig. Wird jemand von einer Erkältungskrankheit
heimgesucht, so wird dies zu einer Wärmekrankheit (einer Erkrankung mit Fieber, d. Ü.)
führen5, und in der Regel wird der Erkrankte nicht daran sterben, obwohl die Hitze extrem
hoch sein kann (er hohes Fieber hat, d. Ü.). Wenn aber die Zang- und Fu-Organe von der
Erkältung heimgesucht werden, wird der Patient unweigerlich sterben".

Der Gelbe Kaiser sagte: "Ich möchte mehr über die Anzeichen (Symptome, d. Ü.) erfahren".

Qi Bo erklärte: "Wenn die verwundende Kälte (Fieber) den Körper heimsucht, ist der
Taiyang am ersten Tag in Mitleidenschaft gezogen. Unter den Symptomen finden sich

1Dies ist die wortwörtlich übernommene Übersetzung der Kapitelüberschrift. Es geht hier aber um
Wärmekrankheiten. Noch besser könnte man sicher mit "Hitzeerkrankungen" übersetzen, was wir im
folgenden auch tun werden.
2Im Kapitel über den Taiyang im Shanghan Lun heißt es: "Die Taiyang-Krankheit (Erkrankung des

Taiyang, d.Ü.) geht mit Kopfschmerzen einher und tritt am siebten Erkrankungstag in Erscheinung...".
Es handelt sich um eine Erkrankung des Taiyang-Meridians, von der es in diesem Kapitel heißt, daß
man an ihr am sechsten oder siebten Erkrankungstag sterben kann.
3"Taiyang" ist vieldeutig, vgl. Anmerkung 6.
4Wörtliche Übersetzung der Punktstellenbezeichnung: "Palast der Winde".
5Im Originaltext steht dafür der Ausdruck zhuyang, der in den Texten des Suwen vielfach auch mit

"Taiyang" gleichgesetzt wird.


143

Kopfschmerzen und solche im Nacken, Steifheit der Lendenwirbel. Der Yangming6 wird am
zweiten Tage von der Krankheit heimgesucht; unter den Symptomen findet sich ein heißes
Brennen am Körper, Augenschmerzen und eine trockene Nase. Der Patient kann sich nicht
hinlegen7, denn der Yangming hat das Körperfleisch unter Kontrolle, und dieser Meridian ist
mit Auge und Nase verbunden. Am dritten Tag ist der Shaoyang8 der von der Krankheit
Heimgesuchte; er kontrolliert die Gallenblase9, und der entsprechende Meridian verläuft über
die Rippen zu den Ohren. Und deswegen finden sich unter den Symptomen an diesem Tage
Schmerzen im Brustkorbbereich und Rippen mit Taubheit (oder Schwerhörigkeit, d. Ü.).
Zwar sind die drei Yang-Meridiane erkrankt, da aber die Krankheit noch nicht bis zu den
Inneren Organen vorgedrungen ist, kann sie durch schweißtreibende Mittel geheilt werden.
Der Taiyin10 wird am vierten Tag der Erkrankung heimgesucht, und die Anzeichen dafür sind
Völlgefühl im Unterleib, trockener Hals, denn der Meridian des Taiyin11 wird am fünften Tag
der Erkrankung betroffen sein; und da dieser Meridian über die Nieren zur Lunge führt und
von dort zur Zungenwurzel, finden sich unter den entsprechenden Symptomen vor allem ein
trockener Mund und eine Zunge, die nach Flüssigkeit lechzt12. Der Jueyin13 wird am sechsten
Tag von der Krankheit heimgesucht; der Meridian verläuft über den Genitalbereich zur
Leber. Unter den entsprechenden Symptomen finden sich daher vor allem ein starkes Gefühl
des allgemeinen Unwohlseins und eines verstopften und sich zusammenziehenden
Hodensacks. Sind nun alle drei Yin- und Yang-Meridiane (und damit auch) die Fünf Zang-
und Sechs Fu-Organe von der Krankheit heimgesucht, sind das nährende und das abwehrende
Qi blockiert und außer Gefecht gesetzt; die Fünf Zang-Organe sind völlig abgeschnitten, und
der Patient stirbt. Befinden sich aber Zang- und Fu-Organe nicht zu gleicher Zeit dieser
Heimsuchung ausgesetzt, wird sich der Taiyang am siebten Tag langsam wieder erholen, und
die Kopfschmerzen lassen nach. Der Yangming wird sich am achten Tag wieder langsam
erholen, und die Fiebergefühl klingt dann langsam ab. Und die Erholung des Shaoyang setzt
am neunten Tage ein, und die Taubheit fängt an abzuklingen, und der Patient kann schon
wieder etwas hören. Der Taiyin wird sich am zehnten tag langsam wieder erholen, und den
Bauch verlangt es wieder mehr nach Nahrung. Der Shaoyin wird sich am elften Tag erholen,
Durst und Verstopfung klingen ab; durch Niesen zeigt sich ein Abklingen der trockenen
Zunge an; der Jueyin wird sich am zwölften Tage erholen mit einer Erschlaffung des
Hodensacks und einer (sonstigen) Erholung des Unterleibs. Dann sind die üblen Einflüsse
verschwunden und die Krankheit ist vorüber.".

Der Gelbe Kaiser fragte: "Wie soll man diese Krankheit denn nun behandeln ?"

Qi Bo antwortete: " Die Behandlung hat die Öffnung der Durchfahrtswege der Meridiane zum
Ziel, was zu einer Besserung führt. Dauerte die Krankheit noch nicht drei Tage, ist der Einsatz
von schweißtreibenden Mitteln völlig ausreichend. Dauerte die Krankheit aber schon länger
als drei Tage an, so muß die Behandlung auf eine Stärkung der Bewegungsfähigkeit der
Inneren Organe abstellen.14

Der Gelbe Kaiser fragte weiter: "Die Krankheit mag zwar vorüber sein, aber es können sich
immer noch Reste der üblen Einflüsse im Körper befinden. Was sagst du dazu ?"

6"Yangming" ist vieldeutig und kann daher nicht genau übersetzt werden. Wir behalten daher den
ursprünglichen chinesischen Ausdruck bei.
7Im Originaltext steht dafür ze wei bing re. Für diesen Satz haben die verschiedenen Kommentatoren

des Neijing Suwen an dieser Stelle verschiedene Interpretationsmöglichkeiten zugrunde gelegt; vgl.
SUWEN BUZHI, 1991:219.
8"Shaoyang" ist vieldeutig, vgl. Anmerkung 6.
9In der Neijing-Suwen-Fassung Taisu heißt es stattdessen: "beherrscht die Knochen".
10"Taiyin" ist vieldeutig, vgl. Anmerkung 6.
11"Shaoyin" ist vieldeutig, vgl. Anmerkung 6.
12Im Original wörtlich: "eine Zunge, die Durst hat".
13"Jueyin" ist vieldeutig, vgl. Anmerkung 6.
14Wahrscheinlich durch die Gabe fiebersenkender Medikamente.
144

Qi Bo erwiderte: "Wenn noch welche im Körper als Rest verblieben sind, so kann das auf
zwanghaftes Essen, ausgelöst durch Hitze, zurückgeführt werden. Denn nachdem sich der
Zustand des Kranken gebessert verbleibt immer noch etwas Hitze im Körper, die sich dann
mit dem Qi der Nahrung ein Gefecht liefert15. Das führt dann zu den entsprechenden
Symptomen".

Der Gelbe Kaiser fragte: "Was muß man nun gegen solche Symptome einer im Körper
verbliebenen restlichen Hitze tun ?"

Qi Bo antwortete: "Die Behandlung besteht in einer Stärkung des schwächeren Qi und einer
Abschwächung des Qi-Überschusses. Das führt zur Heilung von der Krankheit."

Der Gelbe Kaiser fragte: "Wie lassen sich denn überhaupt solche Anzeichen einer im Körper
noch verbliebenen restliche Hitze vermeiden ?"

Qi Bo erwiderte: "Auf dem Wege der allgemeinen Besserung wird Fleischgenuß wieder zum
Auftreten der Krankheit führen; übermäßiges Essen führt dann zu den Symptomen einer noch
im Körper verbliebenen restlichen Hitze. Ein entsprechendes Eßverhalten wird dem also
vorbeugen".

Der Gelbe Kaiser fragte: "Welche Pulsmerkmale zeigen sich und welche Anzeichen, wenn die
Zang- als auch die Fu-Organe gleichzeitig von der Erkältung heimgesucht sind ?"

Qi Bo erwiderte: " Ist dies der Fall, werden der Taiyang und der Shaoyin schon am ersten Tag
von der Krankheit heimgesucht, und die Symptome sind dann Kopfschmerzen, ein trockener
Mund und ein allgemeines Gefühl des Unwohlseins. Der Yangming und der Taiyin werden
schon am zweiten Tag von der Krankheit heimgesucht mit Völlgefühl im Unterleib,
Hitzegefühl im Körper, Appetitlosigkeit und wirrem Daherreden16. Shaoyang und Jueyin
erkranken beide gleichzeitig am dritten Tag, Anzeichen sind Taubheit, Zusammenziehen des
Hodensacks, kalte Glieder, Unfähigkkeit zu essen und zu trinken, Koma - und der Kranke
wird innerhalb von sechs Tagen sterben."

Der Gelbe Kaiser fragte: "Nachdem die Fünf Zang-Organe in Mitleidenschaft gezogen und
geschädigt wurden und die Bahnen der Sechs Fu-Organe verstopft sind, zirkulieren
Nahrungsqi und Abwehrqi nicht mehr. Der Patient stirbt dann schon innerhalb von drei
Tagen. Wie würdest du denn das erklären ?"

Qi Bo gab zur Antwort: "Der Yangming-Meridian des Fußes17 ist der wichtigste unter den 12
Hauptmeridianen der Inneren Organe. Er hat ein überreichliches Maß an Qi und Blut, das
unter der Heimsuchung von Hitze ins Koma führt, so daß das Qi innerhalb von drei Tagen
völlig erschöpft und ausgelaugt ist. Und daran stirbt der Kranke. Erkrankt man an einer
schädigenden Erkältung vor Eintritt der Sommersonnenwende, so handelt es sich u eine
Erkrankung der Sommerhitze, der mit schweißtreibenden Mitteln begegnet werden kann,
indem die üblen krankmachenden Einflüsse mit dem Schweiß vertrieben werden".

15Eine mögliche Anspielung auf Abwehrreaktionen des Körpers auf krankmachende Einflüsse; das
Fieber ist ja bis zu einem gewissen Grade selbst eine solche Erscheinung.
16Gemeint sind wohl Fieberphantasien.
17Magenmeridian Fuß Yangming.
145

Kapitel 32 Abhandlung über die Nadelung bei Wärmekrankheiten

Eine Hitzeerkrankung der Leber führt beim Harnlassen zu gelblichfarbenen Urin, Schmerzen
im Unterleib, häufigem Bedürfnis, sich niederzulegen und zu allgemeinem Hitzegfühl im
Körper. Beim Kampf mit der Hitze im Inneren zeigen sich dadurch bedingtes wirres Reden
und ein Hang zu Furcht, Völlgefühl und Schmerzen im Bereich der Rippen Schütteln an
Händen und Füßen und der Unmöglichkeit, sich in Ruhe niederzulegen. Die Krankheit
verschlimmert sich noch weiter an den Tagen des Geng Xin (weil nämlich die Leber die
Oberhand an den Tagen des Jiayi gewinnt), und der Kranke wird an den Tagen des Gengxin
sterben, wenn das Qi überhand nimmt. Zu nadeln sind der Fuß-Meridian des Jueyin18 und der
Shaoyangmeridian des Fußes19. Der Patient leidet an rasenden Kopfschmerzen bei plötzlich
aufwallendem überreichlichen Qi, da der Lebermeridian das Qi zum Kopf aufsteigen läßt.

Eine Hitzeerkrankung des Herzens läßt ein Gefühl allgemeinen Unwohlseins entstehen, wobei
das Fieber jedoch erst einige Tage später in Erscheinung treten wird. Begibt sich nun das
durch die Hitze bedingte Fieber seinen Kampf (mit dem Körper), wird der Kranke plötzlich
auftretende Herzschmerzen verspüren, ein Gefühl der Unterdrückung und den Drang zum
Erbrechen. Kopfschmerzen und eine rötliche Gesichtsfarbe sind weitere Anzeichen, jedoch
ohne Schweißausbruch. Die Krankheit wird sich an den Tagen des Rengui noch
verschlimmern, und der Schweißausbruch tritt beim Patienten an den Tagen des Binding in
Erscheinung; der Tod tritt an den Tagen des Rengui ein bei aufwallendem Qi. Dies kann man
durch Nadelung des Shaoyin-Meridians der Hand20 und des Taiyang-Meridians der Hand21
behandeln.

Die Hitzekrankheit der Milz läßt ein Schweregefühl im Kopf entstehen und Schmerzen in den
Wangen, ein Gefühl der Unterdrückung und einen azurfarbenen Gesichtsausdruck,
einhergehend mit dem Drang nach Erbrechen und Hitzegefühl im Körper. Beginnt nun das
durch die Hitze bedingte Fieber seinen Kampf, ist der Kranke einem Hexenschuß ausgesetzt,
der ihn sich nicht mehr vorwärts und rückwärts beugen läßt, ein Völlegefühl im Unterleib,
Durchfall und Schmerzen am Kinn treten auf. Die Krankheit wird sich an den Tagen des Jiayi
noch verschlimmern, der Kranke schwitzt an den Tagen des Wuji und wird in den Tagen des
Jiayi an aufwallendem Qi sterben. Die Behandlung geschieht durch Nadelung des Taiyin-
Meridian des Fußes22 und des Yangming-Meridians23.

Eine Hitzeerkrankung der Lungen führt zu Kältegefühl im Körper mit kleinen Haarteilchen,
die sich aufrichten; Angst vor Wind und Kälte, einer gelblichfarbenen Zunge und Hitzegefühl
im Körper. Beginnt das durch die Hitze bedingte Fieber seinen Kampf, ist der Kranke
Keuchen und Husten (wohl Keuchhusten, d. Ü.) ausgesetzt, Schmerzen, die sich am gesamten
Brustkorb entlang ziehen und im Hauptbrustkorbbereich, am Rücken, was ihn lautes
Aufseufzen vermeiden läßt, unerträgliche Kopfschmerzen, Schweißausbruch und Kältegefühl.
An den Tagen des Gengxin wird sich eine Verschlimmerung des Krankheitszustandes zeigen,
und der Tod tritt an den Tagen des Binding bei aufwallendem Qi ein. Die Behandlung erfolgt
in diesem Falle durch Nadelung des Taiyin-Meridians der Hand24 und des Yangming25 und
Aderlaß zur Entfernung von Blutklumpen, die die Größe einer Sojabohne angenommen
haben. Diese kann sofort zur Heilung der Krankheit führen.

18Lebermeridian.
19Gallenblasenmeridian.
20Herzmeridian.

21Dünndarmmeridian. In der TCM ist der Dünndarm das entsprechende Fu-Organ des Herzens.
22Milzmeridian.
23Magenmeridian. Der Magen ist das entsprechende Fu-Organ der Milz.
24Lungenmeridian.
25Dickdarmmeridian. Er ist das entsprechende Fu-Organ der Lunge.
146

Eine Hitzeerkrankung der Nieren führt zunächst zu Hexenschuß und Schmerzen am


Schienbein, später stellen sich Durst, unablässiger Drang zum Trinken und Hitzegefühl im
Körper ein. Beginnt das durch die Hitze bedingte Fieber seinen Kampf, stellen sich beim
Erkrankten Schmerzen und Nackensteifheit ein, mit kaltem Schienbein und Schmerzen dort,
Hitzegefühl an der Fußunterseite und Abneigung gegen Laufen. Bei aufwallendem Qi ist der
Patient rasendem Schmerz in Rücken und Nacken ausgesetzt, einhergehend mit einer Art von
halber Bewußtlosigkeit. Der Zustand wird sich an den Tagen des Wuji noch verschlimmern,
Schweißausbruch tritt an den Tagen des Rengui ein und der Tod an den Tagen des Wuji bei
aufwallendem Qi. Die Behandlung erfolgt durch Nadelung des Shaoyin-Meridian des Fußes26
und des Taiyang-Meridians des Fußes27.

Schweißaustritt erfolgt immer an den Tagen, an denen sich das betreffende Organ in seiner
Herrschaftsausübung befindet.28

Bei einer Hitzeerkrankung der Leber zeigt sich beim Patienten zunächst eine rote Färbung der
linken Wange; bei einer Hitzeerkrankung des Herzens eine rötliche Färbung am Vorderhaupt;
bei einer Hitzeerkrankung der Milz eine rötliche Färbung der Nase; bei einer Hitzeerkrankung
der Lunge eine rötliche Färbung auf der rechten Seite der Wangen; bei einer Hitzeerkrankung
der Nieren ein rötliche Färbung im unteren Wangenbereich. Dabei mag die Krankheit selbst
noch gar nicht akut ausgebrochen sein, trotzdem sollte schon (bei diesen "Vorboten", d. Ü.)
mit der Nadelung dann begonnen werden, sobald sich die rötliche Färbung an den genannten
Stellen zeigt. Dies nennt man Krankheitsvorbeugung.29

Tritt eine Krankheit im Gesichtsbereich wie oben bereits beschrieben erst einmal im
Anfangsstadium auf, so wird sie an den Tagen zur Besserung gelangen, an denen sich das
betreffende Zang-Organ und sein entsprechendes Fu-Organ in Herrschaft befindet30.

Eine falsche Punktierung und in Abweichung von diesen Vorgaben31 wird zu einer Besserung
der Krankheit erst nach Vollendung des dritten Zehn-Tage-Zyklus32 führen. Wird jedoch eine
nochmalige Punktierung falsch und in Abweichung von diesen Vorgaben ein zweites Mal
durchgeführt, tritt der Tod des Patienten ein. Und das nennt man dann "eine
Doppelumkehrung der Behandlung".

26Der Nierenmeridian.
27Der Harnblasenmeridian. Die Harnblase ist das entsprechende Fu-Organ der Nieren.

28Zehntagezyklus, innerhalb dessen sich nach traditioneller Vorstellung jeweils ein bestimmtes Organ
auf dem Höchstpunkt seiner Aktivität befindet.
29Rötliche Färbungen an den genannten Stellen entsprechen den jeweiligen Hitzeerkrankungen der

betroffenen Zang-Organe, die mit diesen genannten Stellen in Verbindung gebracht werden. Dann
sind die entsprechenden Meridiane zu nadeln; aus den genannten Stellen, die mit den jeweiligen
Zang-Organen in Verbindung gebracht werden, ergeben sich die auch jeweils zu nadelnden
Organmeridiane der Zang-Organe sowie die der den jeweiligen Zang-Organen entsprechenden Fu-
Organ-Meridiane.
30Diese sind: Jiayi für Holz (Leber), Bingding für Feuer (Herz), Wuji für Erde (Milz), Gengxin für

Metall (Lunge), Rengui für Wasser (Nieren).


31Bedeutet, daß fälschlicherweise der Milzmeridian bei einer Erkrankung der Leber, der

Nierenmeridian für eine Erkrankung der Milz, der Herzmeridian für eine Erkrankung der Nieren,
und der Lungenmeridian für eine Erkrankung des Herzens und der Lebermeridian für eine
Erkrankung der Lungen genadelt wird.
32Der Zehn-Tage-Zyklus stellt so etwas wie die Zeiteinheit der Woche im westlichen Kalender dar, ist

aber mit der letzteren natürlich nicht deckungsgleich. Ein solcher Zehn-Tage-Zyklus teilt sich
entsprechend auf in fünf Unterabschnitte, indem jeweils zwei aufeinander folgende Himmlische
Stämme miteinander kombiniert werden. Diese Kombinationen ergeben dann die entsprechenden
Konstellationen für die Fünf Elemente und ihre Zuordnung zu den entsprechenden Zang-Organen.
147

Stellt die Behandlung aber auch auf Schweißausbruch beim Patienten ab, wird der Patient an
jenen Tagen genesen, an denen sich das betreffende erkrankte Organ in seiner
Herrschaftsausübung befindet auf Grund des Schweißaustritts.33

Der Patient ist gehalten, etwas Flüssigkeit in Form von Wasser vor der Nadelung zu sich zu
nehmen. Er sollte kühlende Kleidung tragen und sich an kühlen Örtlichkeiten aufhalten; mit
der Nadelung ist dann sofort aufzuhören, wenn sich der Patient kalt fühlt.34 Treten im
Anfangsstadium einer Hitzeerkrankung Schmerzen im Brustbereich und in den Rippen auf,
und zeigt sich ein Schütteln an Händen und Füßen35, müssen der Shaoyang-Meridian des
Fußes36 genadelt und der Shaoyin-Meridian des Fußes37 tonisiert werden. Bei besonders
schlimmer Krankheit ist eine Nadelung der 59 Punktstellen38 angezeigt. Tritt die Krankheit
mit Schmerzen in den Armen anfänglich auf, ist die Nadelung des Yangming-Meridians der
Hand39 indiziert und die des Meridians des Taiyin der Hand40, um Schweißausbruch zu
erzeugen und die Krankheit zur Heilung zu bringen. Eine Hitzeerkrankung mit anfänglichen
Symptomen im Kopfbereich ist durch Nadelung des Taiyang-Meridians des Fußes41 zur
Veranlassung von Schweißausbruch zu behandeln, welches zu einer Heilung der Krankheit
führt. Eine Hitzeerkrankung im Bereich des Schienbeins wird mit Nadelung des Yangming-
Meridians des Fußes42 behandelt zur Veranlassung von Schweißausbruch, was zu einer
Heilung von der Krankheit führt. Eine Hitzeerkrankung mit anfänglichen Symptomen eines
Schweregefühls im Körper und Schmerzen in den Knochen, Taubheit und der Unlust, die
Augen zu öffnen wird durch die Nadelung des Shaoyin-Meridian des Fußes43 und die 59-
Punkte-Nadelungsmethode44 in besonders schlimmen Fällen behandelt. Eine Hitzeerkrankung
mit beginnendem Anzeichen von Mattigkeit und Fieber, Völlegefühl in Brust- und
Rippenbereich wird mit der Nadelung des Shaoyin-Meridian des Fußes und dem Shaoyang-
Meridian des Fußes45 behandelt.

Eine rötliche Färbung des Taiyang-Meridians im Bereich des Jochbeins deutet auf eine
Hitzeerkrankung hin, wobei jedoch die üblen krankmachenden Einflüsse sich noch mit der
Stärke des Abwehrqi messen können und das Nahrungsqi der jeweiligen Zang-Organe noch

33Dann wohl abweichend vom sonstigen Zehn-Tage-Zyklus nach Anmerkung 13. Die Tage des
Schweißausbruchs sind die nach Verschlimmerung des jeweiligen Krankheitszustandes des
betreffenden Organs, vgl. Textpassagen mit den Angaben zu den fünf Zang-Organen: Tage des
Schweißausbruchs bei der Leber sind demnach Tage des Jiayi, beim Herzen die Tage des Bingding, bei
der Milz die Tage des Wuji, bei den Lungen die Tage des Gengxin und bei den Nieren die Tage des
Rengui. Hier sind also deutlich zwei verschiedene Ordnungsreihen zu unterscheiden: die Tage der
"normalen" Herrschaft eines betreffenden Zang-Organs und solche, die sich allein - sozusagen
abweichend vom "natürlichen Schema" - auf Grund des mit den Hitzeerkrankungen verbundenen
Schweißaustritts ergeben.
34Durch Stärkung des jeweiligen Yin des betreffenden Zang-Organs.
35Wohl Schüttelfrost.
36Gallenblasenmeridian Fuß Shaoyang.
37Nierenmeridian Fuß Shaoyin.
38Vgl. dazu die entsprechenden Angaben in Kapitel 61 des Neijing Suwen sowie im Ling-Shu-Teil des

Neijing, Kapitel 23. In beiden Texten finden sich hinsichtlich der Punktaufzählung zahlreiche
inhaltliche Abweichungen. Es macht darum keinen Sinn, die Aufzählung dieser Punkte hier im
Kommmentar zu dieser Textstelle vorzunehmen. - Im Kommentar von Zhang Zhicong heißt es an
dieser Stelle: "Diese Krankheit entwickelt sich im Bereich des Yin und ist als Hitzekrankheit
anzusehen. Sie ergreift den Shaoyin-Meridian der Nieren. Die Nieren beherrschen die Knochen und
sind der Ursprungsort des angeborenen Qi (shengqi)."
39Dickdarmmeridian.
40Lungenmeridian. Bei den beiden in Frage kommenden Punktstellen handelt es sich um die

Punktstelle Di1 (Shangyang) und Lieque (Lu7).


41Harnblasenmeridian. In Frage kommende Punktstellen sind Ha10 und Ha11.
42Magenmeridian mit der Punktstelle Ma36.
43Nierenmeridian.
44Vgl. Anm. 21.
45Nieren- bzw. Gallenblasenmeridian.
148

nicht ergriffen hat. Dann kann man den Patienten zum Schwitzen bringen, so daß die
Krankheit abnimmt innerhalb eines Tages, an dem das betreffende Zang-Organ seine
Herrschaft ausübt. Zeigen sich aber gleiche Symptome zur gleichen Zeit im Bereich des
Jueyin, wird der Patient innerhalb von drei Tagen sterben. Eine die Nieren ergreifende
Hitzeerkrankung manifestiert sich zwangsläufig in der Färbung des Shaoyang-Meridians im
vorderen Backenbereich und zeichnet sich dadurch als Hitzeerkrankung aus. In einem solchen
Fall haben die üblen Einflüsse das Nahrungsqi noch nicht angegriffen, so daß die Krankheit
durch Veranlassung von Schweißausbruch geheilt werden kann. Zeigen sich aber gleichzeitig
entsprechende Symptome im Bereich des Shaoyin-Meridians, wird der Patient innerhalb von
drei Tagen der Krankheit erliegen.

Folgende Punktstellen gibt es zur Behandlung von Hitzekrankheiten: der Punkt unterhalb des
dritten Wirbels, der für die Hitze im Brustbereich sorgt, der Punkt unterhalb des vierten
Wirbels, der für die Hitze im Zwerchfellbereich zuständig ist sowie weiterhin der Punkt
unterhalb des fünften Wirbels für die Hitze in der Leber, die Punktstelle unterhalb des
sechsten Wirbels für Hitze in der Milz, die Punktstelle unterhalb des siebten Wirbels für Hitze
in den Nieren. Die Punktstellen für das Nahrungsqi befinden sich im Kreuzbeinbereich; und
die Punktstelle im obersten Genickbereich findet sich unterhalb des dritten Wirbels. Wenn die
krankheitsanzeigende Färbung sich von der unteren Wange weiter ausdehnt nach oben zum
Jochbein, so ist dies ein Anzeichen für extremen Durchfall im Darmbereich; eine solche
Färbung im Bereich der Kiefernkanten ist symptomatisch für Völle im Unterleibsbereich; eine
solche Färbung im Bereich hinter dem Jochbein ist ein Anzeichen für schmerzen in den
Rippen; eine solche Färbung im Bereich oberhalb der Wangen deutet auf eine Erkrankung im
Bereich oberhalb des Zwerchfells hin.46

46Teilweise gehört dieser Bereich zum Herzen, teilweise zur Lunge.


149

Kapitel 33 Weitere Ausführungen zu den Hitzekrankheiten

Der Gelbe Kaiser fragte: "Bei einigen Wärmekrankheiten tritt das Fieber auch nach dem
Ausschwitzen wieder auf, einhergehend mit einem hastig-eilenden Puls, und überhaupt
klingen die Symptome nicht wieder ab mit dem Ausschwitzen, der Kranke redet wirr daher
und kann keine Nahrung zu sich nehmen. Wie nennt man eine solche Erkrankung ?"

Qi Bo erwiderte: "Das nennt man das 'Durcheinander von Yin und Yang' (yinyangjiao)47, und
an diesem Durcheinander wir der Kranke sterben."

Der Gelbe Kaiser wandte ein: "Ich möchte die zugrunde liegende Theorie kennenlernen".

Qi Bo erwiderte: "Der Grund, daß eine Person schwitzen kann, ist durch das Kornqi48 bedingt.
Das Kornqi wiederum hängt von der Essenz49 im Menschen ab. Wenn üble Einflüsse und
aufrechtes Qi miteinander ihren Kampf zwischen den Knochen und dem Körperfleisch
ausfechten, ist der Schweiß das Ergebnis der Essenz im Menschen, die schließlich ihren Sieg
über die üblen Einflüsse erlangt. Folglich kann der Kranke wieder Nahrung zu sich nehmen,
und das Fieber tritt nicht mehr auf. Anderseits nun kann bei Wiederauftreten des Fiebers dies
durch die krankmachenden Einflüsse bedingt sein, die dann einen Sieg über die Essenz davon
getragen haben. Und so wird dann der Schweißausbruch zu einer Verschwendung dieser
Essenz, was dann auch erklären würde, daß der Kranke nicht mehr Nahrung zu sich nehmen
kann und die Essenz völlig erschöpft ist und keinen Schweißausbruch mehr hervorbringen
kann. Hält dieser Krankheitszustand längere Zeit vor, wird der Kranke nicht mehr lange
leben. In der Abhandlung über Hitzekrankheiten50 heißt es: "Bei anhaltendem hastigen und
starken Puls nach Schweißausbruch wird der Kranke sterben". Weil nun ein Mißverhältnis
zwischen Puls und Schweißausbruch vorliegt, deutet dies auch darauf hin, daß die Essenz die
üblen krankmachenden Einflüsse nicht in den Griff bekommen hat und daß der Kranke
sterben wird. Wirres Daherreden bedeutet, daß der Kranke seine Selbstkontrolle und -
steuerung verloren hat, und dies bedeutet den (bevorstehenden, d. Ü.) Tod. Dies sind dann die
Symptome des (nahen, d. Ü.) Todes ohne Zeichen noch pulsierenden Lebens, und dies weist
darauf hin, daß der Kranke möglicherweise an seinem Leiden erliegen wird, obwohl
zeitweilig eine Besserung im Krankheitszustand des Patienten eintreten mag."

Der Gelbe Kaiser fragte: "Bei manchen Krankheiten treten Anzeichen wie Hitzegefühl im
Körper, Schweißausbruch mit einem Gefühl der Unterdrückung und der Verstopfung auf, und
dieses Gefühl hält beim Kranken auch noch nach dem Schweißausbruch vor. Wie wird nun
eine solche Krankheit bezeichnet ?"

Qi Bo erwiderte: "Anzeichen von Schweißausbruch und Hitzegefühl im Körper deuten auf


eine Erkrankung des Windes hin; Schweißausbruch, Unterdrückungs- und Verstopfungsfühl

47Für diese Krankheitsbezeichnung finden sich in den alten Kommentaren unterschiedliche


Verständnisansätze, vgl. SUWEN BUZHI, 1991:234-237.
48Anderer Bezeichnung für Nahrungsqi.
49Der chinesische Terminus hierfür ist jing, der in der TCM-Literatur in westlichen Sprachen allgemein

mit "Essenz" wiedergegeben wird. Dabei handelt es sich eindeutig um die Nierenessenz. Wang Bing
bemerkt allerdings in seinem Kommentar an dieser Stelle dazu: "Damit soll zum Ausdruck gebracht
werden, daß das Kornqi (guqi) in Essenz umgewandelt wird; Essenz und Qi aber sind die überwindet
von Schweiß". Dies legt ein Verständnis von Essenz im Sinne von Nahrungsessenz, die nach dem
Verdauungsvorgang entsteht und das von den auszuscheidenden Resten Getrennte darstellt, nahe.
50Dabei handelt es sich um ein im Neijing Suwen zitiertes Werk, das heute nicht mehr existiert und

eben nur aus den Texten des Neijing Suwen, die seit der Zeit der Tang-Dynastie auf uns überkommen
sind, noch bekannt ist. Wang Bing weist in seinem Kommentar an dieser Stelle lediglich darauf hin,
daß es sich dabei um ein Werk des frühen Altertums handelt.
150

aber auf ein Aufwallen, und daher wird eine solche Erkrankung "aufwallender Wind"
(fengjue) genannt."51

Der Gelbe Kaiser verlangte: "Darüber möchte ich Genaueres erfahren".

Qi Bo erwiderte: "Der Taiyang beherrscht das Qi, so daß er zuerst dem Angriff ausgesetzt ist;
Shaoyin und Taiyang befinden sich in einer äußerlich-inneren (biaoli)52 Beziehung
zueinander, so daß das Qi des Shaoyin53 sich aufzulehnen (aufzuwallen) beginnt, nachdem es
von der Hitze des Taiyang, die zum Aufwallen des Qi führt, getroffen wurde".

Der Gelbe Kaiser fragte: "Und wie behandelt man nun eine solche Krankheit?"

Qi Bo entgegnete: " Die Behandlung besteht in der Nadelung des an der Körperoberfläche
gelegenen Meridians und des darunter liegenden. Außerdem sollte Heilkräutersud54
verabreicht werden."

Der Gelbe Kaiser fragte: "Was sind die Anzeichen von 'ermattetem Wind' (laofeng)55 ?"

Qi Bo erwiderte: "Ermatteter Wind erreicht nach seiner Entstehung die Lungen56, Symptome
beinhalten Nackensteifheit und verzerrte Sicht, Ausspeien von Substanzen wie Nasenschleim,
Abneigung gegen Wind mit Frösteln - das sind die Symptome für 'ermatteten Wind'".

Der Gelbe Kaiser fragte: "Und wie sieht die entsprechende Behandlung dessen aus ?"

Qi Bo erklärte: "Zunächst muß den Patientenbeschwerden beim Vorwärts- und


Rückwärtsbeugen abgeholfen werden, in dem das aufwallende Element des Wassers wieder
nach unten gebracht wird. Kann der Taiyang das Wasser der Nieren nach außen durch das
Harnlassen führen, wird die Krankheit innerhalb von drei Tagen abklingen. Bei einem
Kranken mittleren Alters mit einem altersbedingten Qirückgang allerdings kann dies bis zu
fünf Tagen dauern, und bei alten Leuten mit erschöpftem Qi wird dies bis zu sieben Tagen
dauern.57 Der Patient sollte gelblich-azurfarbene Austritt wie z.B. aus der Nase aushusten, der
wie Eiter aussieht und die Größe einer Pille hat; der Austritt erfolgt entweder über den Mund
oder die Nase, da ansonsten die Lungen bei nicht vorhandenem Austritt Schaden nehmen
könnten und der Patient dann sterben würde."

Der Gelbe Kaiser fragte: "Ein an 'Nierenwind' (shenfeng)58 Erkrankter zeigt Anzeichen wie
geschwollene Füße und geschwollenes Gesicht mit Schwierigkeiten zu sprechen. Kann dies
durch Nadelung behandelt werden ?"

51Esgibt nach allgemeiner Auffassung der TCM drei Ursachen für den Austritt von Schweiß: 1. Wind,
2. Hitze, 3. Mangelerscheinungen (des Qi). Windbedingter Schweiß ist ein äußerlich bedingter
Pathogenfaktor; Hitze ist ein innerlich bedingter; Mangelerscheinungen des Qi sind auf ein
Ungleichgewicht von Yin und Yang zurückzuführen. Vgl. SUWEN BUZHI, 1991:238-239.
52Übersetzen könnte man auch mit "oberflächlich-tief" (im Sinne von Körperinnerem und -äußerem).
53Des Nierenmeridians.
54Mit fiebersenkender Wirkung.
55Wind, der nach Auffassung der TCM durch die ermatteten Nieren erzeugt wird.
56Im Original steht hier laofeng fa zai feixia. In den verschiedenen Kommentaren zu dieser Schule wird

die Ursache für eine Ermüdung des Menschen mit einem entsprechenden Zustand des Lungenqi in
Verbindung gebracht. Vgl. SUWEN BUZHI, 1991:239-240.
57Diese Zahlenangaben für die Dauer der Tage bis zum Zeitpunkt der Besserung/Heilung scheinen

weniger auf exakten Beobachtungen zum jeweiligen Krankheitsverlauf zu basieren, sondern sind mit
ihren jeweiligen symbolischen Bedeutungen für den Austritt von Yin durch die Umwandlung von
Yang zu verstehen. Drei, Fünf und Sieben sind hier entsprechende Yang-Ziffern.
58Der Nierenwind, der das Wasser der Nieren beeinträchtigt.
151

Qi Bo erwiderte: "Dabei handelt es sich um eine Erkrankung des Qi-Mangels, die daher nicht
durch Nadelung behandelt werden sollte59, und wenn hier in unangemessener Weise genadelt
wird, wird die Krankheit den Patienten fünf Tage nach der erfolgten Nadelung heimsuchen60."

Der Gelbe Kaiser wollte nun wissen: "Was passiert, wenn nun die Krankheit zum Angriff
übergeht ?"

Qi Bo erklärte: "Wenn die Krankheit zum Angriff übergeht, so zeigen sich: ein geringes Maß
an Qi mit häufiger Hitze61, die sich von Brust- und Rückenbereich bis hoch zum Kopf zieht,
Schweißausbruch bei glühend heißen Händen, trockener Mund mit bitterem Geschmack,
Durst, Harnlassen mit gelblich-farbenem Urin, Schwellungen unterhalb der Augen, Rumpeln
im Unterleib, Schweregefühl im Körper, das das Gehen beschwerlich macht, Aussetzen der
Menstruation (bei Frauen, d. Ü.), Depressionen und Unfähigkeit zu essen und aufrecht zu
sitzen, das seinerseits zu starkem Husten führt. Diese Krankheit nennt man "Wind-Wasser"
(fengshui)62 und wurde bereits in einem alten Werk mit dem Titel "Nadelungstechniken"
(Cifa)63 erwähnt."

Der Gelbe Kaiser wandte ein: "Ich würde gerne mehr darüber erfahren".

Qi Bo antwortete: "Wenn üble Einflüsse64 angreifen65, führt dies zu einem Qi-Mangel; und
wenn das Qi des Yin im Mangelzustand ist, fängt das Qi des Yang an anzugreifen, und dies
führt zu einem geringen Quantum an Qi und häufigem Fieber mit Schweißausbruch. Dabei
tritt gelblich-farbener Urin aus, bedingt durch Hitze im Unterleib; Aufrechtsitzen wird
unmöglich gemacht wegen Störungen des Magens, und starker Husten beim Aufrechtsitzen
läßt sich auf einen auf die Lungen ausgeübten Druck von unten zurückführen; leichte
Anschwellungen unterhalb der Augen deutet zunächst auf ein Qi des Wassers66 hin."

Der Gelbe Kaiser fragte zurück: "Wie würdest du das erklären ?"

Qi Bo erwiderte: "Wasser ist seiner Natur nach Yin67, und der Bereich unterhalb der Augen ist
ebenfalls Yin. Im Unterleib residiert Zhiyin68, und wenn sich dann Wasser im Unterleib
befindet69, führt dies zu Schwellungen unterhalb der Augen70. Aufwallendes Qi führt zu
bitterem Geschmack im Mund, einer trockenen Zunge und der Unfähigkeit des Kranken zum

59Körperliche Allgemeinschwäche des Patienten ist u.a. eine Kontraindikation für den Einsatz von
Akupunktur.
60Manche Kommentatoren erklären diese Zeitspanne von fünf Tagen mit der Existenz der Fünf Zang-

Organe; und da die Nieren als letztes Zang-Organ heimgesucht werden, soll dies am fünften Tag
geschehen.
61Im Urtext steht hierfür re, das allgemein mit "Wärme" oder in Bezug auf die Krankheitssymptome

besser "Hitze" werden kann. Die Wiedergabe mit "Fieber" wäre hier zwar präziser, ist aber durch die
Ausdrucksweise des Originals nicht gerechtfertigt.
62Im Neijing Suwen werden die Bezeichnungen fengjue und fengshui für unterschiedliche

Krankheitskategorien gebraucht.
63Wang Bi notiert in seinem Kommentar an dieser Stelle: "Das Werk mit dem Titel Cifa ist heute

verloren; bei Zhang Zhicong findet sich der Hinweis, daß der Inhalt dieses Werkes im wesentlichen in
Kapitel 61 des Neijing Suwen über die zu behandelnden Punktstellen bei shuire ("Wasserhitze/fieber")
enthalten ist.
64Die des Windes.
65Angriff auf die Nieren.
66Wahrscheinlich Ödeme.
67Wegen seiner Eigenschaft, Flüssigkeit zu sein.
68Wird manchmal mit "Extremes Yin" übersetzt, eine andere, aber weniger übliche Bezeichnung für

den Taiyin-Meridian des Fußes (Milz/Pankreas).


69Weil die Milz es nicht umwandeln kann (Metabolismus-Funktion der Milz/Pankreas für flüssige

Stoffe).
70Ödemen.
152

Aufrechtsitzen, das dann zum Aushusten klaren Wassers führen würde. Der Kranke kann sich
auch nicht hinlegen - ein Merkmal, das bei verschiedenen Krankheiten des Wassers in
Erscheinung tritt, denn beim Hinlegen würde er unter einem Schock zu leiden haben71, und
unter Schock würde es zu schlimmen Husten kommen. Rumpeln im Unterleib rührt vom
Magen her, und wenn die Milz/Pankreas von üblen Einflüssen des Wassers heimgesucht wird,
führt dies zu Unterdrückung72 und der Unfähigkeit der Nahrungsaufnahme, und die
Unfähigkeit, Nahrung zu verdauen ist zurückzuführen auf eine Blockade des Magens durch
die üblen Einflüsse des Wassers. Schweregefühl im Körper mit Schwierigkeiten beim Laufen
stellen sich aufgrund übler Einflüsse des Wassers, die nach unten fließen in die Füße parallel
zum Verlauf des Magenmeridians, ein. Das Aussetzen der Menstruation bei Frauen steht in
Zusammenhang mit dem Meridian, zu dem Plazenta und Herz gehören73 und mit dem Inneren
der Plazenta verbunden ist. Wenn nun aufwallendes Qi den Druck auf die Lungen ausübt,
kann das Qi das Herzens nicht mehr die Verbindung nach unten aufrecht erhalten (xinqi bu de
xiatong), und so läßt sich das Ausbleiben der Menstruation erklären."

Der Gelbe Kaiser sagte: "Aha."

71Bei LU, 1978:214 findet sich dazu der Hinweis: "Wird der Magen von üblen (krankmachenden)
Einflüssen des Wassers heimgesucht, kann sich der Patient nicht mehr hinlegen. Der Magen ist mit
dem Herzen verbunden, und das gestörte Qi des Magens, seiner Natur nach Yang, erreicht das Herz,
wo es sich einen Kampf mit dem Qi des Herzens liefert, das seinerseits seiner Natur nach Yin ist. Und
dies nennt man den 'Kampf zwischen Qi des Yang und Qi des Yin', das zum Schock führt".
72Ggf. auch mit "Depressionen" zu übersetzen.
73Das Herz versorgt die Plazenta mit Blut.
153

Kapitel 34 Abhandlung über Erscheinungen74 des Ungleichgewichts

Der Gelbe Kaiser erkundigte sich: "Es kann schon einmal vorkommen, daß der Körper des
Menschen unter einer oberflächlichen Hitzeerkrankung75 oder an einer tiefersitzenden76 leidet,
die mit Unterdrückungs- und Verstopfungsgefühlen einhergehen. Was ist die Ursache solcher
Erkrankungen ?"

Qi Bo erklärte: "Unterdrückungs- und Verstopfungsgefühle lassen sich auf ein Zuwenig an Qi


des Yin und einem überhand nehmenden Qi des Yang zurückführen".

Der Gelbe Kaiser erkundigte sich weiter: "Manchmal empfindet man auch Kälte und nicht
etwa deswegen, weil man unangemessen leicht angezogen wäre oder die Kälte im Körper
wäre. Woher kommt die Kälte (han cong zhongshengzhe he) ?"

Qi Bo erwiderte: "Diese Kälte rührt von einem Qi des Bi77, an Qi des Yang gibt es zu wenig,
und an Qi des Yin gibt es zuviel, so daß sich am Körper ein Gefühl der Kälte (Frösteln, d. Ü.)
zeigt, als wenn man gerade aus dem Wasser käme (cong shuizhong chu).

Weiter wollte der Gelbe Kaiser wissen: "Manche Leute verspüren auch ein Hitzegefühl in den
vier Gliedmaßen, und zwar in einem solchen Ausmaß, wie es beim Verbrennen von
Moxawolle entsteht und bei Feuer, das von einem Angriff des Windes und Kälte herrührt.
Wie kannst du eine solche Erscheinung erklären ?"

Qi Bo antwortete: " Manche haben ein Zuwenig an Qi des Yin, dafür aber ein Zuviel des Qi
des Yang. Die vier Gliedmaßen sind Yang78, und wenn sich zwei Yang zusammenschließen,
wird dies zu einem weiteren Verlust an Qi des Yin führen. So ist ein Zuwenig an Wasser (der
Nieren, d. Ü.) nicht ausreichend zum Löschen des Feuers (das durch die beiden Yang
entstanden ist, d. Ü.) mit dem Ergebnis, daß Yang allein vorherrscht, und dies führt zu einem

74Diechinesische Kapitelüberschrift lautet Ni Diao Lun, "Erscheinungen.." wurde in der deutschen


Wiedergabe sinngemäß ergänzt.

75Hier wird terminologisch zwischen oberflächlichen und tiefer sitzenden Hitzeerkrankungen


unterschieden. Für oberflächliche Hitzeerkrankungen, d.h., solche auf Grund äußerer
krankmachender Einflüsse, wird im Original der Terminus wen verwendet.
76Für die tiefer sitzenden Hitzeerkrankungen wird an dieser Stelle der Terminus re verwendet.
77Das entsprechende Schriftzeichen für Bi besteht aus dem Radikal für "Krankheit" und der

graphischen Zusatzkomponente bi als Phonetikum (Lautandeuter) in der Bedeutung von "übergeben,


jdm. etwas übertragen". Dieser Begriff ist vielfach unzulässigerweise mit "Rheumatismus" in der
westlichen Literatur zur TCM übersetzt worden. Ursprünglich bedeutet der Begriff eigentlich nur
"Gefühllosigkeit" (z.B. in den Gliedern). In der westlichen Schulmedizin handelt es sich bei
"Rheumatismus" um einen Sammelbegriff für eine Reihe ganz unterschiedlicher Beschwerden und
Symptome für "Beschwerden am Bewegungsapparat mit fließenden, reißenden und ziehenden
Schmerzen", diese Bezeichnung gilt auch in der westlichen Medizin heute als "ungenau" und "veraltet"
(Pschyrembel, 1990:1447). In der TCM werden fünf Arten von Bi-Syndromen unterschieden (vgl.
Schmidt, W. G. A., 1995:36, 53). Allen diesen Arten gemeinsam sind Schmerzen und Gefühllosigkeit,
die in den Meridianen entstehen, wegen mangelnder oder nicht erfolgter Zuführung von Qi und Blut,
bedingt z.B. durch Kälte des Windes, Feuchtigkeit und ein geschwächtes Abwehrqi. In der TCM
gehören diese Syndrome zu den chronischen Erkrankungen.
78Mit der Hitze in ihnen, die auch Yang ist.
154

Aussetzen des Wachstums79, und herrscht Yang lange Zeit vor, so wird dies zu einem
gänzlichen Aufhören des Wachstums führen, und wenn die Hitze in den vier Gliedmaßen
jenes Ausmaß wie beim Abbrennen von Moxawolle und durch Wind angefachtes Feuer
erreicht, dann wird der Kranke bis auf die Haut abmagern".

Der Gelbe Kaiser fragte weiter: "Manchmal verspürt man Kälte, die auch nicht durch die
Hitze des Feuers vertrieben werden kann, selbst nicht durch wärmende Kleidung.
Andererseits fröstelt man nicht. Wie heißt die Bezeichnung für eine derartige Erkrankung ?"

Qi Bo erwiderte: "In solchen Fällen liegt normalerweise ein krankmachender Einfluß auf die
Nieren vor, die das Wasser beherrschen, und das Ergebnis ist dann der Niedergang des
Taiyang80, das Fett der Nieren trocknet aus, so daß es nicht als ein eigenständiges Organ
wachsen kann. Und folglich kann dann das Wasser der Nieren auch nicht den (regulierenden)
Sieg über das Feuer der beiden Organe81 davon tragen. Die Nieren beherrschen ja das Wasser,
das die Knochen hervorbringt; und wenn nun die Nieren nicht zum Aufbau des
Knochenmarks in der Lage sind, verbreiten sich Kältegefühle über die Knochen. Wenn der
Kranke fröstelt, so hängt dies damit zusammen, daß die einzige Wasserquelle - nämlich die
Nieren - nicht den (ausgleichenden) Sieg über das Feuer, das vom ersten Yang der Leber und
vom zweiten Yang des Herzens herrührt, davon tragen können. Die Bezeichnung für eine
derartige Krankheit wird das Bi der Knochen82 genannt, die als solche verantwortlich für
Krämpfe im Bereich der Gelenke zeichnet.

Der Gelbe Kaiser fragte: "Manchmal erkranken die Leute auch an einer Gefühllosigkeit des
Fleisches und verspüren auch überhaupt nichts, und dies selbst dann, wenn sie Kleidung
darüber tragen. Um was für eine Erkrankung handelt es sich denn in diesem Fall ?"

Qi Bo antwortete: "Bei solchen Leuten liegt ein Zuwenig an Nahrungsqi und ein Zuviel an
Abwehrqi vor. Denn wenn sich das Nahrungsqi im Mangelzustand befindet, entsteht
Gefühllosigkeit, und wenn sich das Abwehrqi im Mangelzustand befindet, führt dies zu
Lähmung. Und befinden sich beide - Nahrungs - und Abwehrqi - in einem Zustand des
Mangels, so hat dies Gefühllosigkeit und Lähmung unweigerlich zur Folge. Obwohl an der
Oberfläche und nach außen hin der Körper unverändert bleibt, befinden sich Körper und
Willen83 miteinander nicht in Einklang, und dies wird unweigerlich zum Tode führen".

Der Gelbe Kaiser fragte: "Bei aufwallendem Qi können sich manchmal die davon Betroffenen
nicht hinlegen, sie atmen hörbar laut. Andere wiederum können sich zwar auch nicht
hinlegen, dort aber ist ein hörbar lautes Atmen nicht zu vernehmen. Und wieder andere
verhalten sich wie sonst auch, nur daß bei ihnen das Atmen hörbar laut vonstatten geht. Und
einige können sich zwar hinlegen, hecheln aber beim Atmen, wenn sie laufen; und dann gibt
es noch welche, die sich weder hinlegen noch laufen können und keuchend atme wie auch
solche, die sich nicht hinlegen können und was bei ihnen zu keuchendem, hechelndem Atem
führt. Welches der Zang-Fu-Organe ist für diese Anzeichen verantwortlich ?"

Qi Bo erklärte: "Sich nicht hinlegen können und laut hörbares Atmen hängt mit dem
aufwallendem Qi des Yangming des Magens zusammen, wobei das Qi der Drei Yang-
Meridiane normalerweise nach unten fließen muß. Ist nun der Qi-Fluß nach oben und als
solcher gegenläufig, wird dies zu laut hörbarem Atem führen. Der Yangming-Meridian ist ja
der des Magens, und der Magen ist das Meer84 der Sechs Fu-Organe. Auch das Qi des

79Nur in Verbindung mit Yin und Yang möglich.


80Gallenblase, die das entsprechende Fu-Organ der Nieren ist.
81Leber und Herz.
82Im Original wird dafür die Bezeichnung Gu Bi verwendet, worunter Schmerzen und Gefühllosigkeit

an den verschiedensten Knochenstellen zu verstehen ist.


83Die vom Willen gesteuerte Bewegung der Glieder.
84Im Original steht dafür wei zhe liufu zhi hai. Gemeint ist die Bedeutung, die der Magen in Verbindung

mit der Funktion der übrigen Fu-Organe hat, u.a. auch im Hinblick auf deren Versorgung. Denn
155

Magens sollte nach unten steigen und nicht nach oben fließen; aber bei aufwallendem Qi wird
dieser Grundsatz in sein genaues Gegenteil verkehrt, und das hat zur Folge, daß sich der
Kranke nicht mehr hinlegen kann. Im "Klassiker des Weiteren" (Xiajing)85 heißt es dazu:
"Befindet sich der Magen im Zustand des Ungleichgewichts (wei bu he)86, kann sich der
Kranke nicht einfach ruhig hinlegen". Dieses Zitat drückt nur auf andere Weise das aus, was
ich gerade schon ausgeführt habe. Was nun solche Leute angeht, die sich auch wie sonst
verhalten, aber ein laut hörbares Atmen an sich haben, so läßt sich das auf ein aufwallendes
Qi in den Luo-Leitbahnen der Lunge (fei zhi luomai) zurückführen. Denn das Qi der Luo-
Leitbahnen der Lungen verbleibt im eigentlichen Lungenmeridian (jing), ohne daß es zu
einem Qi-Fluß in den Luo-Leitbahnen der Lunge kommen würde. Die Luo-Leitbahn der
Lunge befindet sich aber an der Körperoberfläche, und so sind denn auch Anzeichen
leichterer Natur. Und dies erklärt, warum sich der Kranke normal wie sonst auch verhält,
ansonsten aber ein laut hörbares Atmen an sich hat. Und wenn man sich nicht hinlegen kann,
so führt das zu hechelndem Atmen, und dies auf Grund des Wasserqi, das sich (in den Nieren,
d. Ü.) noch eingenistet87 hat (shuiqi zhi ke). Wasser neigt seiner Natur nach zum Fluß, und die
Nieren sind die Lagerstatt des Wassers und kontrollieren den Lauf der Flüssigkeit; und so sind
sie auch verantwortlich, wenn man sich nicht hinlegen kann und keuchend atmet."88

Der Gelbe Kaiser äußerte zufrieden: "Aha".

er ist auch das "Meer des Wassers und des Korns" (shuigu zhi hai), d.h., der flüssigen und festen
Nahrung.
85Xia könnte hier mit "folgender, nächster" übersetzt werden in dem Sinne, daß es sich um einen

weiterführenden medizinischen Klassiker handelt, der auf Grundkenntnissen aufbauendes Wissen


vermittelt und vertieft. Wang Bing bemerkt an dieser Stelle, daß es sich hierbei um eine Schrift des
Altertums handelt, von der man heute allerdings nichts mehr Genaues weiß.
86Gemeint ist damit eine Störung der Magenfunktion auf Grund einer Disharmonie zwischen Yin und

Yang. Im Grunde handelt es sich hier eine Einzelfallerscheinung der in der Kapitelüberschrift oben
angeführten Erscheinungen des Ungleichgewichts; wir haben an dieser Stelle aus inhaltlichen
Konsistenzgründen auch entsprechend - etwas abweichend vom Original - übersetzt. Originalgetreu
müßte es nämlich heißen eine Disharmonie des Magens.
87Im Original steht dafür ke, das eigentlich "Gast" bedeutet, und zu verstehen im Sinne von

"Aufenthalt nicht in den eigenen Räumen, sondern anderer Berechtigter". Normalerweise dürfte sich
nach diesem Verständnis das Wasserqi dort gar nicht befinden oder eben nur vorübergehend. Nun ist
es zu einer ständigen "Einnistung" desselben gekommen, verstößt daher gegen die "Norm" und führt
somit zu den beschriebenen Krankheitserscheinungen.
88Normalerweise sollte der Wasserfluß vom Magen zu den Nieren (nach dem Nahrungsmetabolismus

von flüssiger und fester Nahrung) zu den Nieren verlaufen. Bei aufwallendem Qi ist der Flußweg
genau umgekehrt - nämlich von den Nieren zum Magen, was zu einer Störung des Magens führt.
Nach LU, 1978:219.
156

Zehntes Buch
Kapitel 35 Abhandlung über Malaria1

Der Übertragungsweg der Malaria durch die Anopheles- Mücke ist in der westlichen
Schulmedizin erst seit durch die Tropenbmedizin bekannt geworden. Vorher glaubte man
auch hier wie im alten China, daß diese durch die Luft (TCM: Winde) übertragen würde
(Mal-aria: italienisch für "schlechte Luft").

Der Gelbe Kaiser fragte: "Malaria wird anfangs durch den Wind übertragen und übt zu
festgelegten Zeiten ihren Angriff aus. Wie erklärst du das ?"

Qi Bo erwiderte: "Malaria beginnt bei den unscheinbaren Haarteilchen und verursacht


Gähnen durch Strecken des Körpers, Frösteln und Schütteln an der unteren Kinnlade sowie
Schmerzen an Lenden und Rückgrat. Auf die Kälte folgt die Hitze innen und außen, die mit
Kopfschmerzen einhergeht und ein Gefühl verursacht, als ob man daran der Kopf zerbersten
müßte. Durst stellt sich ein mit der Neigung zur Aufnahme kalter Getränke."

Der Gelbe Kaiser fragte weiter: "Welche Kräfte2 verursachen diese Krankheit ? Ich möchte
mehr Grundlegendes dazu erfahren".

Qi Bo erwiderte: "Yin und Yang liefern sich in der oberen und unteren Region des Kopfes
einen Kampf; Mangel und Überschuß wechseln sich gegenseitig ab, und Yin3 und Yang4
streben beide danach, an Terrain zu gewinnen. Wird nun Yang durch Yin aufgesaugt, so
befindet sich Yin im Überschuß und Yang in einem Zustand des Mangels. Befindet sich aber

1Der hierfür im Original verwendete Begriff ist nüe. Das Schriftzeichen dafür besteht aus dem Radikal
für "Krankheit" sowie einer Zusatzkomponente, die ebenfalls nüe gelesen wird und "grausam,
schrecklich" bedeutet. Im etymologischen Schriftzeichenlexikon "Shuowen Jiezi" von Xu Shen wird
das Zeichen für einen Begriff mit folgender Definition umschrieben: "Eine Krankheit in Form von
(abwechselnder) Kälte und Hitze". Im Kommentartext heißt es dazu u.a.:"... allgemein mit Fieber oder
Kälte oder Hitze einhergehend. Erst tritt Kälte, dann Hitze auf. Beides führt zu Fieber,....Eine
Erkrankung, die als eine solche des Herbstes bezeichnet wird." Das entsprechende Schriftzeichen,
dessen Lesung in heutigen Wörterbüchern und Lexika wie bereits oben erwähnt mit nüe angegeben
wird, kann auch yao gelesen werden, und das ist auch die Ausspracheangabe, wie sie sich im
Shuowen Jiezi findet. Nüe bzw. yao stehen also für einen Krankheitsbegriff in Zusammenhang mit
Fieber und abwechselnden Kälte- und Hitzezuständen im Körper. Folglich war wohl die
ursprüngliche Bedeutung des Zeichens, wie sie hier im Text verwendet wird, die einer Krankheit des
Wechselfiebers. In Zeichenlexika des modernen Chinesisch wird nüe bzw. yao als "Wechselfieber"
definiert, deren Ursache in der Übertragung durch Insekten gesehen wird (Xinhua Zidian, 1987:336-
337). Dahinter verbergen sich aber schon moderne Erkenntnisse um die Übertragung der Krankheit
durch die Anopheles-Mücke. Für den klinischen Begriff der Malaria wird heute aber eher der Begriff
zhang verwendet, wenn man das moderne Verständnis von "Malaria", wie es heute aus der westlichen
Schulmedizin bekannt ist, unterstellt. In der TCM ist der Begriff des Wechselfiebers in dem Sinne, wie
ihn das Neijing Suwen besonders in diesem Kapitel verwendet, nach wie vor nüe bzw. yao. In der
späteren Literatur taucht dafür auch nüeji, also "Wechselfieber". Unterschieden werden in der TCM
auch verschiedene Kategorien von Wechselfieberkrankheiten wie z.B. solche der Kälte, der Hitze, des
Wechselfiebers der Drei Tage, der Drei Yin, des länger andauernden Wechselfiebers. Im Altertum
glaubte man, diese Erkrankung als eine des Hochsommers (das Shuowen Jiezi bezeichnet diese noch
als eine solche des Herbstes, s.o.) und als Ursache allerdings schon ihre Verbreitung durch Insekten
des Bergwaldes.
2Im Original wird der Begriff Qi für "Energie" verwandt, hier in seiner Bedeutung allerdings nicht mit

dem Qi der Lebensenergie gleichzusetzen.


3Kälte.
4Hitze.
157

der Meridian des Yangming5 in einem Zustand des Mangels, so führt dies zu Frösteln und
Schütteln der unteren Kinnlade. Ist aber der Meridian des Taiyang6 in einem Zustand des
Mangels, so äußert sich dies in Form von Schmerzen an den Lenden, im Rücken, Kopf und
Nacken, und wenn alle drei Meridiane des Yang sich in einem Zustand des Mangels befinden,
wird das Qi des Yin überhand nehmen; und ist dies dann tatsächlich der Fall, führt dies zu
Kälte und Schmerzen in den Knochen. Handelt es sich dabei aber um eine Kälte von innen7,
so sind Inneres als auch Äußeres des Körpers kalt. Ist Yang überreichlich vorhanden, so wird
sich dies in Form von Hitze am Äußeren des Körpers äußern; ist aber Yin im Zustand des
Mangels, so führt dies zu innerer Hitze. Sind aber beide Bereiche des Körpers, innen und
außen, von Hitze ergriffen, so zeigen sich hechelnder Atem und Durst, den Erkrankten
verlangt es nach kalten Getränken. Alle oben angeführten Erscheinungen sind solche der
Sommerhitze des Sommers. Dann versteckt sich nämlich das überreichlich vorhandene Qi der
Hitze unterhalb der Haut und außerhalb von Magen und Darmwegen, wo das Nahrungsqi zu
Hause ist. Im Sommer schwitzt man stark, und die Poren der Haut sind weit geöffnet8. Bei
Eintreffen vom Qi des Herbstes darf man sich ruhig dem Wind aussetzen, während man
schwitzt; man kann auch ein Bad nehmen, so daß das Qi des Wassers in die haut eindringt
und bei dem Abwehrqi Wohnung nimmt. Am Tage bewegt sich das Abwehrqi in der Yang-
Region, in der Nacht hält es sich im Yin-Bereich des Körpers auf, und so treten üble Einflüsse
nach außen mit dem Abwehrqi, genauso wie es auch über den Yin-Bereich des Körpers nach
innen kommt. Dies führt zu einem Kampf zwischen innen und außen (neiwai). Und darum
greift Malaria einmal am Tag an".9

Der Gelbe Kaiser fragte: "In manchen Fällen treten die Malaria-Angriffe jeden folgenden Tag
auf. Wie erklärt sich das ?"

Qi Bo erwiderte: "Wenn die krankmachen Einflüsse in die tiefer liegenden Regionen des
Körper vorgedrungen sind, ist es ein Kampf mit dem Qi des Yin; Yang durchzieht aber die
oberen Bereiche der Körperregion, und wenn sich nun die üblen Einflüsse auf Yin in der
tiefer liegenden Region befinden und dort verbleiben, wird es um so schwerer für diese üblen
Einflüsse, nach oben in die mehr zur Oberfläche hin liegenden Bereiche vorzudringen im
Verlaufe der Auseinandersetzung mit dem Qi des Yang. Und so kommt es, daß in manchen
Fällen Malaria an jedem folgenden Tag (wieder) auftritt."

"Aha", äußerte der Gelbe Kaiser zustimmend und fuhr fort zu fragen: "Manchmal treten die
Schübe von Malaria-Anfällen immer später von Tag zu Tag auf. Welche Kraft10 liegt hier
zugrunde ?"

Qi Bo erwiderte: "Das krankmachende Qi (xieqi)11 hat sich an der Stelle des


Akupunkturpunktes Fengfu12 eingenistet und fließt weiter nach unten in Richtung zu einem
großen Muskel, der sich beiderseits der Wirbelsäule befindet, während das Abwehrqi einen
Tag und eine Nacht benötigt, um auf das krankmachende Qi am darauf folgenden Tag zu
stoßen. Am darauf folgenden Tag treffen sie wieder etwas unterhalb des Fengfu-Punktes
aufeinander, was auch erklärt, warum der betreffende Malariaschub später auftritt als am
vorherigen Tag, denn dass krankmachende Qi befand sich ja schon im Rückgrat. Immer dann,
wenn sich das Abwehrqi zum Fengfu-Punkt begibt, öffnen sich die Poren der Haut, und das
krankmachende Qi dringt nach innen und führt zum Angriff durch die Krankheit. Und darum
findet dieser Angriff immer etwas später statt als der vorherige. Nach dem Austritt durch den
Fengfu-Punkt geht dieses Qi jeden Tag ein Stück weiter nach unten, um am 25. Tag bis zum

5Des Magens.
6Harnblasenmeridian.
7D.h., eine solche, die innen entsteht und keine äußere Krankheitsursache hat.
8Dies führt nicht zu unmittelbarem Auftreten der Krankheit, weil Schweiß von innen nach außen tritt
und damit es dem Abwehrqi erleichtert wird, sich gegen einen Angriff von außen zu wappnen.
9D.h., treten Malaria-Anfälle einmal pro Tag auf.
10Wörtlich: Welches Qi ist hier der Verursacher ?
11Auch mit "krankmachenden Einflüssen", "üblen Einflüssen" zu übersetzen.
12Du-Meridian Nr. 16.
158

Kreuzbein vorzudringen und am 26. Tag schließlich in den verborgenen Kanal (shen zhi mai)
einzumünden. Während dieses Qi nun nach oben steigt, benötigt es neun Tage, um den
Bereich des Schlüsselbeins zu erreichen. Und da das Qi jeden Tag höher und höher steigt,
werden auch die Malariaanfälle von Tag zu Tag früher stattfinden. Daß der Malariaanfall nun
jeden weiteren Tag stattfindet, hängt damit zusammen, daß das krankmachende Qi nun schon
bis in die tieferen Körperregionen vorgedrungen ist und sich dort einen Kampf mit den Fünf
Zang-Organen liefert, es in den Membranen eingeschlossen wird und in diesen weit entfernten
und tiefer liegenden Regionen weiter seinen Gang nimmt - aber viel langsamer - unfähig, mit
dem Abwehrqi Schritt zu halten und wieder nach außen zu dringen. Darum findet der
Malariaanfall denn auch jeden weiteren Tag statt".

Der Gelbe Kaiser hielt dem entgegen: "Gerade hast du ausgeführt, daß immer dann, wenn das
Abwehrqi den Fengfu-Punkt erreicht, die Poren der Haut sich öffnen und die geöffneten
Poren der Haut das krankmachende Qi herein lassen, was zum Angriff durch die Krankheit
auf den Körper führt. Und dann hast du noch ausgeführt, daß das Abwehrqi täglich ein Stück
weiter nach unten geht, was dann zur Folge hat, daß beim Angriff durch das krankmachende
Qi sich das Abwehrqi nicht an der Stelle des Fengfu-Punktes befindet. Kannst du das näher
erläutern ?"

Qi Bo erwiderte: "Meine bisherigen Ausführungen bezogen sich auf das krankmachende Qi in


seinem Angriff auf das Hintere des Kopfes und dessen weiteren Verlauf nach unten zum
Rückgrat. Aber das ist nur einer von verschiedenen möglichen anderen Fällen, denn das
krankmachende Qi kann genauso gut auch woanders seinen Angriff starten in Abhängigkeit
von den jeweiligen Umständen von Qi-Mangel und Qi-Überschuß. Und so kann es eben auch
kommen, daß der Bereich um die Stelle des Fengfu-Punktes nicht das Angriffsgebiet darstellt.
Allgemein gesagt: Sobald das krankmachende Qi das Hintere des Kopfes angreift, tritt die
Krankheit in Erscheinung, nachdem das Abwehrqi das Hintere des Kopfes erreicht hat. Wenn
das krankmachende Qi das Hintere der Lenden angreift, tritt die Krankheit in Erscheinung,
sobald das Abwehrqi die angegriffene Region erreicht; befindet sich der Angriffspunkt des
krankmachenden Qi an Händen und Füßen, tritt die Krankheit sofort nach Ankunft des
Abwehrqi dort in Erscheinung. Also: Grundsätzlich tritt die Krankheit immer dann auf, wenn
krankmachendes Qi und Abwehrqi aufeinander treffen. Der Wind hat keine ständige
Wohnstatt dort13, wo sich die Poren öffnen, und die Stelle, wo sich krankmachendes Qi und
Abwehrqi treffen, ist die Wohnstatt des krankmachenden Qi".

Der Gelbe Kaiser meinte: "Aha, soweit so gut. Wind und Malaria sind einander ähnlich im
Hinblick auf ihre Eigenschaft, krankmachendes Qi zu sein. Jedoch ist der Wind ständig
anwesend, Malaria (das Fieber der Malaria, d. Ü.) tritt jedoch in abwechselnden Schüben
auf".

Darauf erwiderte Qi Bo. "Das Qi des Windes (fengqi) hat seine Wohnstatt an einer
bestimmten Stelle, aber das Qi der Malaria (yaoqi) bewegt sich weiter fort nach unten in die
tiefer liegenden Bereiche des Körpers, parallel zum Verlauf der Meridiane und den quer
verlaufenden Luo-Leitbahnen der Inneren Organe, und greift dort die Inneren Organe selbst
an. Trifft es dann auf das Abwehrqi, kommt die Krankheit zum Ausbruch".

Der Gelbe Kaiser wollte weiter wissen: "Manchmal gehen die Kältegefühle denen der Hitze
voraus - wie erklärt sich das?"

Qi Bo erklärte: "Im Sommer verursacht die starke Hitze des Sommers Krankheiten, und dann
kann es sein, daß es zu einem übermäßigen Schweißausbruch bei weit geöffneten Poren der
Haut kommt. Genausogut kann man während des Sommers aber auch der Kälte des Wassers14
ausgesetzt sein, deren Qi sich zwischen den Poren der Haut verbirgt, und die Krankheit tritt
dann im Herbst auf, wenn der Erkrankende vom Herbstwind heimgesucht wird (qiu han yu
feng). Kälte ist das Qi des Yin, und Wind ist das Qi des Yang; der Kranke wird zuerst durch

13"Der Wind weht, wo er will".


14Feuchtigkeit des Wassers, in manchen Textfassungen auch xiaohan ("kleine Kälte") genannt.
159

die Kälte heimgesucht und dann durch den Wind. Und dies erklärt, warum Kältegefühle
denen der Hitze im Falle einer Malaria-Erkrankung vorausgehen. Die Krankheit tritt zu
bestimmten Zeitpunkten auf, und dies nennt man "Wechselfieber der Kälte (hanyao) ".

Der Gelbe Kaiser erkundigte sich weiter bei Qi Bo und fragte: "Manchmal ist es auch genau
umgekehrt: Hitzegefühle gehen denen der Kälte voraus - wie würdest du das erklären ?"

Und Qi Bo führte dazu aus: "Hitzegefühle gehen denen der Kälte voraus, wenn der Erkrankte
zuerst vom Wind angegriffen wurde und erst danach von der Kälte. Und auch hier erfolgt der
Auftritt der Krankheit nach einem vorgegebenen Rahmen. Man nennt sie (folglich, d. Ü.)
"Wechselfieber der Wärme" (wenyao)15. Dennoch kann es in einigen Fällen so sein, daß
Hitzegefühle ohne solche der Kalte wahrgenommen werden, und dies läßt sich darauf
zurückzuführen, daß das Qi des Yin von dem des Yang völlig aufgesaugt und ausgeschöpft
wurde mit dem Ergebnis, daß der Kranke einen Qi-Mangel verspürt sowie Hitze und
Unterdrückung, Hitzgefühle an Händen und Füßen hat, eine Neigung zum Erbrechen. Und das
nennt man dann Wechselfieber der Hitze (danyao)."

Der Gelbe Kaiser fragte: "Schon in den klassischen Schriften16 heißt es, daß Überschuß mit
Sedation und Mangel mit Tonisieren beantwortet werden muß. Wir haben inzwischen auch
zur Kenntnis genommen, daß Hitze mit Überschuß des Qi und Kälte mit Mangel des Qi
gleichzusetzen ist. Bei einer Malariaerkrankung aber werden weder heiße Bäder noch Feuer
den Kranken ebenso wenig erwärmen wie bei Hitzegefühlen ihm Eis und kaltes Wasser
Linderung verschaffen werden, wobei beide Fälle unter Überschuß bzw. Mangel des Qi
fallen. Selbst ein ausgezeichneter Arzt wird nur abwarten und die Krankheit in ihrem Verlauf
zunächst nicht aufhalten oder sonstwie beeinflussen können, und erst wenn die Krankheit
abklingt, kann er mit der Behandlung durch Akupunktur einsetzen. Kannst du erklären,
warum ? Ich möchte gerne mehr darüber hören".

Darauf erwiderte Qi Bo: " Schon an anderer Stelle17 wird in den Klassikern ausgeführt, daß
hohes Fieber bei einem Patienten eine Kontraindikation für den Einsatz von Akupunktur
darstellt. Das gilt auch, wenn sich beim Patienten ein wirrer Puls fühlen läßt und wenn der
Kranke starkem Schweißausbruch unterliegt. Und dies deshalb, weil Nadeln unter dem
Wirken des krankmachenden und aufwallendem Qi deren Einflüsse noch verstärkt und die
Widerstandskraft des Kranken nur noch mehr angreifen würde. Im Anfangsstadium von
Malaria wird das Qi des Yang von dem des Yin völlig aufgesaugt, so daß es zu einem Mangel
an Yang und zu einem Überschuß an Yin kommt. Und da sich kein Qi des Yang in den
oberflächlichen Körperpartien mehr bewegt, beginnt der Kranke zu frösteln. Nachdem das
aufwallende Qi des Yin seinen Höhepunkt erreicht hat, bewegt es sich weiter nach außen in
den Bereich des Yang, so daß beide - Yin und Yang - sich in den oberflächlichen
Körperpartien befinden mit einem Überschuß an Yang und einem Mangel an Yin18, und so
wird der Kranke zunächst Fieber und Durst ausgesetzt. Wenn das Qi des Wechselfiebers von
der des Yang "verschlungen" wird, wird das Qi des Yang zu einem krankmachenden Qi, in
gleicher Weise ist dies bei dem Qi des Yin der Fall; wenn dieses das Qi des Wechselfiebers
verschlingt, wird auch dieses Qi des Yin zu einem krankmachenden Einfluß. Ein siegendes
Yin führt Kälte herbei, ein siegendes Yang Fieber19. Malaria entsteht durch einen
unregelmäßigen Austausch von Wind und Kälte, und wenn die Kälte den Höhepunkt ihrer
Entwicklung erreicht, gibt es den Weg frei für die nachfolgende Hitze und umgekehrt. Ein
Malariaangriff bringt Hitze mit sich, die den Hitzegrad eines voll entfachten Feuers erreicht,

15Hier wird der Wärme- bzw. Hitzebegriff wen verwendet, der für die tiefer liegenden
Hitzekrankheiten in den vorhergehenden Kapiteln verwandt wurde.
16Gemeint ist Kapitel 55 des Neijing Ling Shu mit der Abhandlung über die gegenläufige Richtung (ni shun

lun).
17In den Kommentaren findet sich kein entsprechender Beleghinweis auf diese Stelle in einer

bestimmten Schrift.
18Ein Mangel an Yin bedeutet auch einen Mangel an Flüssigkeit, so daß es zwangsläufig zu Durst

kommen muß.
19Da es mit der Hitze verbunden ist und Fieber ein Zeichen für Hitze.
160

und so unwiderstehlich wie die Kräfte von Wind und Regen.20 Und daher heißt es in den
Klassikern: 'Wenn krankmachendes Qi zunehmend an Einfluß gewinnt und stark wird, wird
ein Widerstand dagegen zur Vernichtung des guten, erhaltenden Qi führen, und erst wenn das
krankmachende Qi wieder in der Abnahme begriffen ist, kann durch eine Behandlung die
Heilung von der Krankheit erreicht werden'. Vor einem Malariaanfall ist Yin noch nicht von
Yang aufgesaugt worden ebenso wie Yang noch nicht von Yin in beschlag genommen wurde.
Eine Wiederherstellung des Gleichgewichts zwischen beiden wird das gute, lebenserhaltende
Qi stabilisieren und zur einer Vernichtung des krankmachenden Qi führen. So wird auch ein
Arzt von ungewöhnlichem Talent eine solche Krankheit nicht heilen kann, wenn diese auf
Grund ihres aufwallenden (rebellierenden) Qi21 entstanden ist. "

Der Gelbe Kaiser meinte zustimmend: "Gut", und weiter erkundigte er: "Was muß man vor
einem Malariaangriff tun, und wie sollte man sich verhalten, wenn dieser wieder im
Abklingen begriffen ist ?"

Qi Bo erwiderte: "Bei einem bevorstehenden Malariaanfall schwirren Yin und Yang umher,
einsetzend an den Enden der vier Gliedmaßen, und ist Yang verwundet, wirkt sich dies auch
auf Yin aus. Darum ist es notwendig, das Eindringen des krankmachenden Qi von vorne
herein abzublocken durch strafferes Anziehen der Enden der vier Gliedmaßen, was auch das
Entweichen des Yinqi nach außen verhindert. Dann sollte man die kleineren und quer
verlaufenden Luo-Leitbahnen 22(sunluo) genau untersuchen (beobachten)23 und nach harten
Wölbungen durch Blutklumpen absuchen zu Zwecken des Aderlassens. Nur so ist der freie
Fluß des wahren Qi zu gewährleisten und verhindert, daß sich Yin und Yang gegenseitig
'auffressen'."

Der Gelbe Kaiser wollte weiter wissen: "Welches sind denn nun die Anzeichen für einen
bevorstehenden Malariaanfall ?"

Qi Bo antwortete: "Das Qi des Wechselfiebers (yaoqi) führt zu gegenseitigem


(abwechselnden, d. Ü.) Überschuß und Mangel von Yin und Yang, und der Angriff findet da
statt, wo Yin und Yang sich befinden. Erfolgt der Angriff auf Yang, handelt es sich um
Anzeichen mit Fieber (re) und einem hastigem Puls (mai zao); handelt es sich um einen
Angriff auf Yin, geht dies mit Kälte (han) und einem ruhigen Puls (mai jing) einher. Und
wenn die Auseinandersetzung (zwischen beiden, d. Ü.) ihren Höhepunkt erreicht, klingen
beide - Yin und Yang - ab, wobei sich dann das Abwehrqi vom krankmachenden Qi trennt, so
daß dies zu einem Abklingen der Krankheit führt, die jedoch wieder auftreten wird, sobald
sich das Abwehrqi wieder gesammelt hat".

Der Gelbe Kaiser fragte weiter: "Manchmal tritt der Malariaanfall an jedem folgenden Tag
wieder auf, aber manchmal setzt sein wiederholtes Auftreten für einige Tage aus, manchmal
verspürt der Kranke Durst, ein anderes Mal wieder nicht. Wie kann man das erklären ?"

Qi Bo erwiderte: "Der Malariaangriff wiederholt sich an jedem folgenden Tag, weil


krankmachendes als auch abwehrendes Qi beide sich beide in den sechs Fu-Organen

20D.h., sind in keiner Weise beeinflußbar; man kann sie nur als naturgegebene Ereignisse hinnehmen.
21Das aufwallende oder rebellierende Qi wird im Original mit qi ni bezeichnet, das wahre, gute und
lebenserhaltende Qi als zhenqi. Dahinter steckt die Vorstellung von einem Qi, das gegen die
vorgegebene Ordnung des Gleichgewichts von Yin und Yang rebelliert, sich dagegen auflehnt und
somit zu Krankheiten im Körper führt. Das wahre, gute und lebenserhaltende Qi "rebelliert" hingegen
nicht. Der Ausdruck qi ni steht auch für ein gegenläufiges, d.h., in verkehrter Flußrichtung laufendes
Qi: Das Qi der im Körper oben angesiedelten Organe steigt normalerweise nach unten, das der tiefer
liegenden Organe normalerweise nach oben.
22Tatsächlich gemeint sind damit bestimmte abzweigende Ausläufer der Luo-Leitbahnen, die ihre

Lage unterhalb der Haut haben. Bei einem Qi-Überschuß wird nach Ansicht der TCM dieser
Überschuß in die sunluojing geleitet und hat eine Veränderung der Hautfärbung und
Hautbeschaffenheit zur Folge.
23Vgl. Anm. 23.
161

eingenistet (ke) haben. Manchmal verfehlen sie sich, obwohl sich beide suchen und zum
Kampf zu stellen bestrebt sind. Das erklärt, warum Malariaanfälle für einige Tage auch
aussetzen können. Denn das Wechselfieber (=Malaria) bringt einen ständig wechselnden Sieg
von Yin über Yang und von Yang über Yin mit sich; trägt Yang den Sieg über Yin davon,
führt dies zu Durst beim Kranken; ist jedoch Yin dem Yang einmal überlegen, zeigt sich ein
solcher Durst nicht".

Der Gelbe Kaiser fragte weiter: "Es ist schon darauf hingewiesen worden, daß eine
Erkrankung durch Sommerhitze im Sommer zum Auftreten der Malaria in der Herbstzeit
führt. Jedoch ist dies nicht immer der Fall. Wie würdest du das erklären ?"

Qi Bo erwiderte: "Dies ist in Übereinstimmung mit der Aufeinanderfolge der Vier


Jahreszeiten, die Krankheit kann jedoch auch abweichend von diesem Modell in Erscheinung
treten, wenn krankmachendes Qi nicht beteiligt ist. Greift die Krankheit im Herbst an, wird
dies zu schweren Kälteausbrüchen führen; findet ein Krankheitsangriff im Winter unter einer
der Jahreszeit entsprechenden Temperatur (Wetterlage) statt, sind die Kälteanfälle eher mild
und nicht so stark wie im Herbst. Und im Frühling würde ein solcher Angriff entsprechend
den für diese Jahreszeit typischen Klimaverhältnissen zu einer Abneigung des Kranken gegen
Wind führen; im Sommer würde ein solcher Angriff entsprechend der Jahreszeit zu starkem
Schwitzen führen".

Der Gelbe Kaiser fragte: "Welche Bereiche des Körpers werden von einer Krankheit der
inneren Hitze (bing wen) und welche von einem Wechselfieber der Kälte (hanyao) erfaßt ?"

Qi Bo erwiderte: "Bei einer Krankheit innerer Hitze24 kann der Kranke einem gezielten
Angriff des Windes im Winter ausgesetzt sein wo sich das Qi der Kälte in den Knochen und
deren Mark versteckt. Im Frühling macht sich das Qi des Yang wieder breit, und das
krankmachende Qi kann nicht aus eigener Kraft nach außen dringen. Und das hat dann die
Große Sommerhitze (da shu) zur Folge, Gehirn und Mark werden aufgeheizt, die Muskeln
lassen in ihrer Funktion nach, die Poren lassen (Schweiß, d. Ü.) austreten, und mit dem
Schweiß tritt auch das krankmachende Qi nach außen, wenn man hart (körperlich, d. Ü.)
arbeitet. Versteckt hat sich die Krankheit in den Nieren; ihr Qi, das zunächst innen gewesen
ist, tritt nach außen. Unter solchen Umständen wird ein Mangel an Yin und ein Überschuß an
Yang erzeugt; es tritt Fieber auf, und klingt die Krankheit, nachdem sie ihren Höhepunkt
erreicht hat, wieder ab, tritt das Qi wieder nach innen ein, wodurch ein Mangel an Yang
entsteht, was sich in Form von Kältegefühlen äußert. Darum verspürt auch der Kranke
zunächst Hitzegefühle und erst dann solche der Kälte. Und dies wird dann "Wechselfieber der
Wärme" (wenyao) genannt."

Der Gelbe Kaiser erkundigte sich: "Welche Anzeichen zeigen sich bei einem Wechselfieber
der Hitze (danyao) ?"

Qi Bo erwiderte: "Das Wechselfieber der Hitze hat beim Kranken zu einer Ansammlung von
Qi der Hitze (reqi) in den Lungen geführt und verbreitet sich von dort im ganzen Körper.
Dieses Qi macht nun einen Aufstand und dringt nach oben25; im mittleren Bereich verfestigt
sich das Qi in Form von Überschuß; zu Zwecken einer Abschwächung kann es nicht mehr
nach außen dringen. Bei harter körperlicher Arbeit öffnen sich beim Kranken die Poren der
Haut, Wind und Kälte dringen nach innen ein und nisten sich unterhalb der Haut ein und
führen zur Störungen in der Funktion der Muskeln. Treten nun solche Störungen auf, führt
dies zu einem Überschuß von Yang, und ist Yang im Überschuß ohne die Möglichkeit der
Überschußabnahme, ist der Betroffene erkrankt. Yin wird durch das Qi nicht mehr erreicht26,

24LU 1978 übersetzt mit Malaria der inneren Wärme. Vgl. a.a.O., S. 229.
25Stattwie sonst normalerweise nach unten zu steigen.
26Im Original steht dafür qi qi bu ji yu yin, was wörtlich auch mit "sein Qi reicht nicht mehr bis an das

Yin heran/ erreicht es nicht mehr" übersetzt werden kann. Im Leijing, Schriftrolle 16 findet sich dazu
im 48. Kapitel folgender Kommentarhinweis: "Wenn sich die Hitze sich in der Lunge angesammelt
hat, führt dies zu einem voll entfalteten Überschuß des Yangqi beim Menschen; weil der Sitz des
162

und dies begründet das alleinige Auftreten von Fieber27 ohne Erscheinungen von Kälte28. Das
krankmachende Qi hat sich in diesem Fall ins Innere des Herzens zurückgezogen, äußerlich
verbleibt es im Muskelbereich29. Der Kranke fühlt sich dann erhitzt und magert ab. Das nennt
man 'Wechselfieber der Hitze' (danyao)".

Der Gelbe Kaiser meinte zustimmend: "Aha, gut."

krankmachenden Qi sich außen befindet, führt dies zur ungeteilten Herrschaft von Yang, so daß dann
das Yin nicht mehr erreicht werden kann. Daher nennt man dies 'alleiniges Fieber (oder "Hitze" auf
Grund des hier verwendeten Terminus re, d. Ü.) ohne Kälte'".
27Im Original findet sich an dieser dan re, das auch mit "alleinigem Fieber" übersetzt werden kann.
28Im Original sfindet sich dafür die Wendung bu han, hier auch ggf. mit "ohne Kälte" zu übersetzen.
29Im Original findet sich dafür die Wendung yu fenrou zhi jian, das wörtlich auch mit "zwischen den

Teilen des Fleisches" übersetzt werden kann.


163

Kapitel 36 Über die Nadelung bei Wechselfieber30

Die Malaria des Taiyang-Meridian des Fußes31 führt zu Hexenschuß, Schweregefühl im Kopf
und Kälte, die sich vom Rücken aus verbreitet; Kälteanfälle gehen solchen des Fiebers voraus,
und das Fieber steigt an und wird immer schlimmer. Beim Abklingen des Fiebers mit
Schweißausbruch kann die Krankheit nur schwer behandelt werden32, eine Behandlung erfolgt
durch Nadelung der Punktstelle Xizhong33 zu Zwecken des Aderlassens.

Wechselfieber des Shaoyang-Meridians34 des Fußes führt zu Trägheit, leichter Kälte und
leicht erhöhter Temperatur, eine Abneigung, sich unter Leute zu begeben und Angst davor;
das Fieber steigt an, sobald sich das krankmachende Qi reichlicher angesammelt hat, und auch
der Schweißaustritt wird stärker, nachdem ein Mangelzustand des Yang eingetreten ist; die
Behandlung sollte durch Nadelung der Fushang-Stelle des Shaoyang-Meridians erfolgen35.

Das Wechselfiebers des Yangming-Meridians des Fußes36 führt zunächst zu Kältegefühl, und
nachdem dies längere Zeit vorgehalten hat, wird der Kranke Fieber bekommen. Nach
Abklingen des Fiebers und nachdem Schweiß ausgebrochen ist, wird sich der Kranke an dem
Schein der Sonne und des Mondes erfreuen sowie am Qi des Feuers. Die Behandlung sollte in
der Nadelung der Stelle Fushang des Yangming-Meridians des Fußes bestehen.37

Das Wechselfieber des Taiyin-Meridians des Fußes38 läßt ein Gefühl des Unwohlseins
entstehen, eine Neigung zum Seufzen, geringen Appetit, übermäßige Kälte und Hitzegefühle
mit Schweißausbruch, Erbrechen bei Ausbruch der Krankheit. Erst nachdem das Erbrechen
aufgehört hat, kann dies als ein Anzeichen für den Rückgang des krankmachenden Qi

30Von der Textsorte macht dieses Kapitel wie einige andere im Neijing Suwen eine Ausnahme: Hier
finden wir einen typischen Lehrtext vor ohne Bezug auf einen Dialog zwischen dem Gelben Kaiser
und seinem Minister Qi Bo. Sehr wahrscheinlich stammt dieser Text aus einer anderen Quelle als jene
mit den Dialogen zwischen dem Gelbe Kaiser und seinem Minister und sind hier lediglich
redaktionell eingefügt worden. Jene Texte mit den Dialogen zwischen dem Gelbe Kaiser und seinem
Minister Qi Bo (in späteren Kapiteln des Neijing Suwen tritt ein anderer Gesprächspartner auf und
der Gelbe Kaiser ist der Unterweisende) überwiegen ja in der vorliegenden Textsammlung, so daß
solche Texte ohne die erwähnten Dialoge eher die Ausnahme bilden. - Im Original heißt die
Kapitelüberschrift Ciyao Lun, die wir daher entsprechend wie oben auch als solche im Deutschen
wiedergegeben haben.
31Harnblasenmeridian.
32Bei Lu 1978:231 findet sich folgender Hinweis: Fieber führt zu einem Qi-Mangel, nach Abklingen des

Fiebers tritt das Qi wieder in den Prozess der Erholung ein, wobei der Patient anfängt zu schwitzen. Dies deutet
auf reichlich vorhandenes krankmachendes Qi hin und auf einen Rückgang des wahren, gesunden Qi. Und dies
macht eine Behandlung der Krankheit schwierig.
33In der einschlägigen Kommentarliteratur findet sich an dieser Stelle der Hinweis, daß Xizhong eine

andere Bezeichnung für die Akupunkturpunktstelle Weizhong ( Ha40) ist. Schon zu Wang Bings Zeiten
scheint diese Stelle erläuterungsbedürftig gewesen zu sein, da sich ein entsprechender
Kommentarhinweis Wangs findet: "Xizhong ist der Weizhong (Ha40)." Bei LU 1978:231 werden
allerdings verschiedene mögliche Entsprechungen genannt.
34Gallenblasenmeridian.
35Eine Anmerkung Wang Bings weist darauf hin, daß die zu nadelnde Punktstelle der Xiaxi (Ga43) ist.
36Magenmeridian.
37Im Kommentar von Wang Bing an dieser Stelle findet sich der Hinweis: "Fushang entspricht dem

Punkt Chongyang (Ma42)".


38Milz/Pankreas-Meridian.
164

gewertet werden, und es kann mit der Behandlung durch Nadelung der Punktstellen dieses
Meridians begonnen werden.39

Das Wechselfieber des Shaoyin-Meridians des Fußes40 führt zu starkem Erbrechen,


übermäßigem Kälte- und Hitzegefühl, in der Tendenz mit mehr Hitze als Kälte, und der
Kranke verspürt die Neigung, allein zu Haus zu bleiben bei verschlossenen Türen und
Fenstern, und die Krankheit ist nur schwer zu behandeln.41

Das Wechselfieber des Jueyin-Meridians des Fußes42 läßt Hexenschuß entstehen, Völlegefühl
im Unterleib, nachlassenden Harnfluß, der fast schon einer Harnflußblockade gleichkommt,
häufiges Harnlassen, Angstzustände mit einem Mangel an Energie43, Unwohlsein im
Unterleib. Die Behandlung sollte in der Nadelung des Jueyin-Meridians des Fußes bestehen.44

Das Wechselfieber der Lungen läßt Kältegefühle im Herzen entstehen, und hat einmal dieses
Kältegefühl seinen Höhepunkt erreicht, gibt es den Weg frei für Hitzegefühle. Der Kranke
steht in dieser Zeit unter Schock, während er den Hitzegefühlen ausgesetzt ist als sähe er
etwas Unheimliches und Gruseliges. Hier ist die Nadelung des Taiyin-Meridians der Hand
und des Yangming-Meridians (des Fußes, d. Ü.)45 indiziert.46

Das Wechselfieber des Herzens führt zu Depressionen des Gemüts mit einer Neigung zu
kaltem Wasser; hinzu kommen vermehrtes Kältegefühl mit Hitzegefühlen leichterer Art; die
Behandlung besteht in der Nadelung des Shaoyin-Meridians der Hand.47

Das Wechselfieber der Leber führt zu einer grünlich-blauen Färbung, der Neigung zu
(ständigem, d. Ü.) Seufzen, der Kranke befindet sich in einem dem Tode nahen ähnlichen
Zustand; die Behandlung besteht in der Nadelung des Jueyin-Meridian des Fußes zu Zwecken
des Aderlasses (jian xue).48

Das Wechselfieber der Milz läßt Kältegefühl und Unterleibschmerzen entstehen, und bei
einem Angriff durch die Hitze kommt es zu einem Rumpeln im Darm; nach Abklingen dieses

39Wang Bing bemerkt in seinem Kommentar an dieser Stelle dazu: "Dazu wähle man den Jing-
Brunnen-Punkt und den Gongsun (Mi4). Der Gongsun-Punkt befindet sich am Rücken der großen
Fußzehe.."
40Nierenmeridian.
41Im JIAYI, einem Werk zur Akupunktur, findet sich abweichend vom Text des Neijing Suwen in

diesem Kapitel an dieser Stelle der Hinweis: "Zur Nadelung wähle man die Punktstelle Taixi (Ni3)."
42Herzbeutelmeridian.
43LU, 1978:232 bemerkt dazu: In der Leber.
44Wang Bing bemerkt dazu in einem Kommentar: "Die Punktstelle Taichong ist hier der Herrscher.

Auf dem Rücken der großen Zehe befindet sich dieser Jueyin-Shu-Punkt."
45Magenmeridian in Verbindung mit Punktstellen des Lungenmeridians, vgl. vorhergehende

Textstelle.
46 Wang Bing bemerkt in einem Kommentar zu dieser Stelle: Zu nadeln sind die Punktstellen Lieque (Lu7)

und Hegu (Di4).


47Wang Bing bemerkt dazu in einem Kommentar an dieser Stelle: Der zu nadelnde Hauptpunkt ist der

Shenmen (He7).
47Der Jueyin-Meridian des Fußes ist der Herzbeutelmeridian. Jian xue bedeutet wörtlich "Blut sehen

(lassen)". Wang Bing bemerkt dazu in einem Kommentar an dieser Stelle: "Der zu behandelnde Punkt ist
der Zhongfeng (Le4).
165

Rumpelns im Darm erfolgt der Schweißausbruch; die Behandlung besteht in der Nadelung
des Taiyin-Meridians des Fußes.49

Das Wechselfieber der Nieren bedingt Anfangssymptome wie Kältefrösteln, Schmerzen im


unteren Bereich des Rücken, Beschwerden beim Wenden des Körpers und der Bewegung der
Eingeweide, Mattigkeit und eingeschränkte Sicht, kalte Hände und Füße, zur Behandlung ist
die Nadelung des Taiyang-Meridians des Fußes50 und des Shaoyin-Meridians der Hand51
angezeigt52.

Das Wechselfieber des Magens geht mit anfänglichen Anzeichen wie unnatürlichem Hunger
ohne eigentlichen Appetit einher, Anschwellung des Unterleibs nach der Aufnahme von
Nahrung, zur Behandlung ist die Nadelung des Yangming-Meridians des Fußes53 angezeigt.54
Zu Zwecken des Aderlasses ist der Luo-Ausläufer des Taiyin-Meridian des Fußes55 zu nadeln.

Ein Malaria-Angriff führt zu Fieber, eine Nadelung auf der Fushang-Seite56 des
Magenmeridians Yangming des Fußes zu Zwecken des Aderlasses durch Öffnen der
Punktstelle müßte dann zu eintretenden Kältegefühlen führen. Bei eintretendem Kältegefühl
bei Wechselfieber ist zur Behandlung die Nadelung des Yangming-Meridians der Hand57
angezeigt58 sowie die Nadelung des Hand Taiyin-Meridians59, des Fuß Yangming-60 und des
Fuß Taiyin-Meridians61.

49Der Taiyin-Meridian des Fußes ist der Milzmeridian. Wang Bing bemerkt dazu in einem Kommentar
an dieser Stelle: Der zu behandelnde Punkt ist der Shangqiu (Mi5). Bei LU, 1978:233 finden sich
abweichende Angaben.
50Harnblasenmeridian.
51Herzmeridian.
52Wang Bing weist an dieser Stelle im Kommentar darauf hin, daß zur Behandlung die Punktstellen

Weizhong (Ha40) und Dazhong (Ni4) heranzuziehen sind. Bei LU, 1978:233 wird zusätzlich noch der
Taixi-Punkt (Ni3) angeführt, der in die Behandlung durch Nadelung mit einzubeziehen ist.
53Magenmeridian.
54 Bei Wang Bing findet sich zu dieser Stelle der Kommentarhinweis: Zu nadeln sind der Lidui (Ma45),

Jiexi (Ma41) und Sanli des Fußes (Ma36).


55Milzmeridian.
56Entspricht der Punktstelle Chongyang (Ma42).
57Dickdarmmeridian.
58Wang Bing bemerkt in einem Kommentar an dieser Stelle, daß es sich bei dem zu nadelnden Punkt

um den Jing-Brunnen-Punkt dieses Meridians handle (Shangyang, Di1) und der zu nadelnde Shu-
Punkt die Punktstelle Sanjian (Di3) sei.
59Lungenmeridian. - Wang Bing bemerkt dazu in seinem Kommentarhinweis an dieser Stelle, daß der

zu nadelnde Jing-Brunnen-Punkt dieses Meridians der Shaoshang (Lu11) und der zu nadelnde
entsprechende Shu-Punkt dieses Meridians der Punkt Taiyuan (Lu9) sei.
60Magenmeridian. - Wang Bing gibt in seinem Kommentarhinweis an dieser Stelle den Punkt Lidui

(Ma45) als den zu nadelnden Jing-Brunnenpunkt dieses Meridians und den Punkt Xiangu (Ma43) als
den zu nadelnden Shu-Punkt dieses Meridians an.
61Milzmeridian. - Wang Bing bemerkt in seinem Kommentarhinweis zu dieser Stelle, daß der Punkt

Yinbai (Mi1) der zu nadelnde Jing-Brunnen-Punkt dieses Meridians sei und der Punkt Taibai (Mi3)
der entsprechende zu nadelnde Shu-Punkt dieses Meridians sei.
166

Bei voll entfaltetem und gefährlichem Wechselfieber in den Meridianen müssen die Rücken-
Shu-Punkte (beishuxue)62 behandelt werden und danach mit einer mittleren Nadel die fünf
Punktstellen, die seitlich von den fünf Rücken-Shu-Punkten liegen.63 Die Nadelung sollte in
Übereinstimmung mit dem Körperumfang des Kranken durchgeführt werden64. Führt das
Wechselfieber zu einer Verkleinerung der Meridiane65 sowie zu Festigkeit und akutem
Auftreten66, sollte Moxibustion auf den Shaoyang-Meridian des Fußes im Bereich des
Schienbeins67 angewandt werden. Außerdem sollten der Jing-Brunnen-Punkt an der kleinen
Fußzehe68 genadelt werden. Bei Kälte und Mangel des Qi in den Meridianen sollten die fünf
Rücken-Shu-Punkte der Fünf Zang-Organe und dann die Punktstellen seitlich der fünf
Rücken-Shu-Punkte der Fünf Zang-Organe genadelt werden; die Nadelung sollte jedoch in
Übereinstimmung mit dem Körperumfang des Kranken zu Zwecken des Aderlasses
erfolgen.69

Führt das Wechselfieber zu schlaffen, breiten Meridianen mit Erscheinungen des Qi-Mangels,
sollte man Medikamente verabreichen und Akupunktur nicht einsetzen. Und Wechselfieber
sollte bei einer Essenseinnahme täglich vor ihrem Auftreten behandelt werden,70 denn eine
Behandlung nach Auftritt des Malariaanfalls ist vertane Zeit.

Wenn die verschiedenen Arten des Wechselfiebers keine sichtbaren Anzeichen in den
Meridianen zeigen und sich solche folglich auch nicht feststellen lassen, sollte man die
Behandlung der Punkte an den zehn Fingern71 vornehmen zu Zwecken des Aderlasses; die
Krankheit wird nach dem Aderlaß zurückgehen. Diese zwölf verschiedenen Arten des
Wechselfiebers greifen zu unterschiedlichen Zeiten an, die beachtet werden müssen genauso
wie die äußere Körperform des Kranken zur Bestimmung der vom Wechselfieber befallenen
Meridiane bei dem Kranken. Und (wie bereits gesagt, d. Ü.): Die Behandlung sollte eine
Essenszeit vor dem absehbaren Angriff durch das Wechselfieber erfolgen; die Nadelung
bewirkt ein Nachlassen der krankhaften Einflüsse. Eine zweite Nadelung führt zu den
gleichen Ergebnissen und eine dritte Nadelung führt schließlich zur Heilung von der
Krankheit. Kann die Krankheit jedoch (nach der dritten Nadelung, d. Ü.) immer noch nicht
geheilt werden, müssen die beiden Meridiane unterhalb der Zunge72 genadelt werden zu
Zwecken des Aderlassens. Ist die Krankheit dann immer noch nicht geheilt, ist der Xizhong-
Punkt73 zu Zwecken des Aderlassens zu nadeln. Außerdem kommt die Nadelung der
Punktstellen unterhalb des Nackenhinterseite und beiderseits des Rückgrats in Betracht.74 Die

62Diese sind nach einem Kommentarhinweis die Punktstellen Lungen-Shu, Leber-Shu, Herz-Shu,
Milz-Shu und Nieren-Shu.
63Genau damit gemeinte Punktstellen sind nach LU 1978:234 folgende Punktstellen: Ha37, Ha39,

Ha42, Ha44 und Ha47.


64Öberflächeneinstich bei mageren und tiefer Einstich (Nadeleinführung) bei korpulenten Patienten.

LU 1978:234.
65Gemeint ist wohl eine Verengung der selben.
66Kälte und Qi-Mangel in den Meridianen.
67Entspricht den Punktstellen Ni7 und Ni3.
68Ha67.
69Eine Wiederholung der bereits oben angeführten inhaltlich identischen Passage. Wahrscheinlich ist

diese Unstimmigkeit im Text auf redaktionelle Überarbeitung späterer Editoren oder Kompilatoren
zurückzuführen.
70D.h. wohl, das Medikament einmal täglich vor dem absehbaren Malariaanfall zur Essenszeit

einnehmen.
71Im Kommentar findet sich dazu der Hinweis, daß es sich um die zehn Jing-Brunnen-Punkte an den

Fingern handelt. Wu Kun bemerkt in seinem Kommentar dazu an dieser Stelle, daß diese Behandlung
der Schwächung (Sedierung) des Yang diene.
72Vgl. Anm. 46.
73Entspricht dem Punkt Weizhong (Ha40), vgl. Anm. 4.
74Dabei handelt es sich um die Punktstellen Ha11 und Ha12.
167

Wendung "die beiden Meridiane unterhalb der Zunge" beziehen sich auf den Lianquan-
Punkt.75

Der zeitlichen Abfolge der Wechselfieber-Angriffe sollten auch die Behandlungszeitpunkte


entsprechen, was bedeutet: ein bestimmter, zuerst vom Wechselfieber angegriffener Bereich
muß folglich auch zuerst behandelt werden. Wenn also der Kranke Kopfschmerzen und auch
Schmerzen im vorderen Kopfbereich sowie im Bereich der Augenbrauen hat, sollten auch
zunächst die Punktstellen im Bereich der Augenbrauen behandelt werden76. Verspürt der
Kranke Schmerzen im hinteren Nackenbereich, sind die Punktstellen zunächst in dieser
Region zu nadeln; verspürt der Kranke aber Schmerzen zuerst im unteren Rückenbereich, so
ist dann auch zunächst der Xizhong-Punkt zu nadeln77 zu Zwecken des Aderlassens. Treten
aber zuerst Schmerzen im Bereich der Arme auf, so sollen dann auch zuerst die Jing-Brunnen-
Punkte des Shaoyin-Meridians der Hand und des Yangming-Meridians der Hand an den zehn
Fingern genadelt werden. Und bei ersten Schmerzen an wunden Stellen im Bereich des
Schienbeins ist denn auch zuerst der Jing-Brunnen-Punkt des Yangming-Meridians des Fußes
zu Zwecken des Aderlasses zu nadeln.

Das Wechselfieber des Windes (fengyao) führt zu Schweißausbruch beim Kranken und einer
Abneigung gegen Wind, und bei einem solchen Angriff der Krankheit sollte der Rücken-Shu-
Punkt des dritten Yang-Meridians78 zu Zwecken des Aderlasses genadelt werden79.

Bei starken Schmerzen im Bereich des Schienbeins, die den Druck der Hand nicht aushalten
können, handelt es sich um eine Krankheitsform, die man als "Erkrankung des Fusui" (fusui
bing) bezeichnet.80 Bei der Nadelung sollte die Pfeilkopfnadel (chanzhen) verwendet werden;
zu nadeln ist der Juegu-Punkt81 zu Zwecken des Aderlassens; dadurch kann die Krankheit
sofort geheilt werden. Bei nicht zu großen Schmerzen im Körper sollte der Jing-Brunnen-
Punkt des Zhuyin-Meridian82 genadelt werden; auf Aderlaß sollte hier aber bei der Nadelung

75Ren23. - Mehrere Kommentatoren, darunter auch Wang Bing, Zhang Jiebin, Zhang Zhicong u.a.
haben diese Punktstelle zumindest als den Liangquan-Punkt des Renmai interpretiert. Wang Bing hat
dazu in seinem Kommentarhinweis an dieser Stelle bemerkt: Unterhalb der Zunge befinden sich zwei
Punktstellen des Shaoyin-Meridians des Fußes (Nierenmeridian, d. Ü.).... In anderen Kommentaren wird
darauf hingewiesen, daß es sich dabei um die Punktstellen Yongquan (Ni1) und Liangquan (Ren23)
handle.
76Du20, Du22, Ga5 und Ha2.
77Vgl. Anm. 4.
78Wang Bing bemerkt in einem Kommentarhinweis an dieser Stelle: Der dritte Yang-Meridian ist der

Taiyang-Meridian. Im JIAYI findet sich der Hinweis auf die Drei Yang-Meridiane des Fußes (Yangming
Fuß für Magenmeridian, Taiyang Fuß Harnblasenmeridian und Shaoyang Fuß Gallenblasenmeridian).
Folglich könnte es sich hier bei dieser etwas aus heutiger Sicht als nebulös zu betrachteten
Formulierung um den Harnblasenmeridian handeln.
79Zhang Zhicong bemerkt in seinem Kommentar an dieser Stelle: "Bei den Rücken-Shu-Punkten

handelt es sich um die Punktstelle des Shu-Punktes des Taiyang-Meridians". Nach LU 1978:235
handelt es sich dabei um die Punktstelle Lidui (Ma45).
80LU 1978:236 übersetzt mit "Krankheit des Fußrückens und des Marks." In WISEMAN/BOSS,

1990:77, wird das im Original an dieser Stelle verwendete Zeichen für fu aber mit "skin" (Haut)
übersetzt. Im Leijing, Schriftrolle 16, Kapitel 50 findet sich dazu die Anmerkung: "Krankmachende
Einflüsse (xie) halten sich in der Tiefe versteckt, daher nennt man diese Krankheit fusuibing."
81Der Juegu-Punkt des Gallenblasenmeridians Fuß Shaoyang (Ga39). Für die Punktstelle Ga39 gibt es

drei verschiedene chinesische Bezeichnungen; ebenso kann juegu mit den gleichen Zeichen für die
Punktstelle Ga38 verwendet werden. Eine der alternierenden Bezeichnungen für die Punktstelle Ga39
ist suihui (Zusammentreffen des Marks). Da oben im Text von einer Erkrankung des fusui die Rede ist,
liegt es durchaus nahe, daß hier Ga39 und nicht etwa Ga38 gemeint ist. LU 1978:236 führt als die
entsprechende Punktstelle den Xuanzhong-Punkt an, der ebenfalls Ga39 entspricht.
82Zhu läßt sich u.a. mit "massenhaft, zahlreich" übersetzen. Die Kommentarhinweise in verschiedenen

Fassungen an dieser Stelle lassen vermuten, daß es sich bei zhu um ein Synonym von zhi handelt, so
daß man auch zhiyin lesen könnte. Da zhi ein Synonym von tai ist, wäre darunter also der Taiyin-
168

verzichtet werden, und die Nadelung sollte an jedem folgenden Tag vorgenommen werden.
Tritt kein durch Wechselfieber bedingter Durst auf und findet der Angriff der Krankheit an
jedem folgenden Tag statt, muß der Taiyang-Meridian des Fußes genadelt werden83; tritt aber
durch das Wechselfieber bedingter Durst auf und erfolgt ein Angriff der Krankheit an jedem
folgenden Tag, muß man den Shaoyang-Meridian des Fußes nadeln.84

Bei Wechselfieber der Wärme (wenyao) ohne Schweißaustritt (han bu chu) sollten die 59
Punkte85 genadelt werden.

Meridian zu verstehen. Konkret ist darunter der Milzmeridian Fuß Taiyin zu verstehen (LU 1978:236).
Es ist nicht ganz klar, ob mit dem/den Jing-Brunnen-Punkt(en) in der Originaltextphrase ci zhuyin zhi
jing a) eben nur der Jing-Brunnen-Punkt des Milzmeridians gemeint ist b) oder alle Jing-Brunnen-
Punkte der Drei Yin-Meridiane. Der Textzusammenhang legt eine Übersetzung nach Möglichkeit a)
nahe; diese ist auch in der obigen Textpassage berücksichtigt, LU 1978:236 übersetzt abweichend nach
Möglichkeit b).
83In den Kommentaren der verschiedenen Textfassungen keine konkreten Punktangaben an dieser

Stelle.
84In den Kommentaren der verschiedenen Textfassungen keine konkreten Punktangaben an dieser

Stelle. In einigen Textfassungen heißt es abweichend, daß in diesem Fall der Shaoyang-Meridian der
Hand (und nicht der des Fußes !) zu nadeln sei.
85Vgl. dazu u.a. Neijing Ling Shu, Kapitel 23.
169

Kapitel 37 Abhandlung über das entgegen gerichtete Qi86

Der Gelbe Kaiser fragte: "Wie bewegen87 (yi) sich Hitze und Kälte in den Fünf Zang- und den
Sechs Fu-Organen ?"

Qi Bo erwiderte: "Wenn die Nieren Kälte (han) an die Leber weitergeben88, führt dies zu
Yong-Schwellungen89 und einem geringeren Qi. Kälte, die von der Milz an die Leber
weitergegeben wird, führt zu Yong-Schwellungen und Krämpfen in den Sehnen. Bei Kälte,
die von der Leber zum Herzen gelangt, entsteht Wahnsinn und eine Blockade des
Zwerchfells90. Gelangt Kälte vom Herzen zu den Lungen, führt dies zu einem Rückgang des
Lungenqi, und ist dies der Fall, wird der Kranke zweimal so viel Harn lassen, wie er
tatsächlich getrunken hat. Das ist unheilbar und der Kranke wird sterben. - Bei Kälte, die von
den Lungen zu den Nieren gelangt, führt dies zu einem aufwärts (ins Körperobere, d. Ü.)
gerichteten Wasserfluß, und ist dies der Fall, fühlt sich der Unterleib nicht mehr hart an, wenn
man mit der Hand dagegen drückt; das Qi des Wassers nistet sich im Dickdarm ein, und bei
schnellem Wasserfluß führt zu es zu einem Rumpeln im Darm, ähnlich einem Ton, der bei
rauschendem Wasser entsteht. Bei Verbleib des Wassers im Darm erscheint dies wie eine
Anstauung von Wasser, und dies ist dann eine Krankheit des Wassers (shui zhi bing ye). -
Wird Hitze (re) von der Milz an die Leber weitergegeben, führt dies zu Schock und
Nasenbluten91. Hitze, die von der Leber zum Herzen gelangt, führt zum Tode. Hitze, die vom
Herzen zu den Lungen gelangt, erhitzt das Zwerchfell und führt zu unnatürlichem Hunger und
Durst.92 Hitze, die von den Lungen zu den Nieren gelangt, führt zu einer Erschlaffung der
Sehnen und einer Erweichung der Knochen. Und Hitze, die von den Nieren zur Milz gelangt,
läßt einen Mangel des Milzqi entstehen und Durchfall mit Blutaustritt und Eiter. Das kann
man nicht heilen und führt zum Tode des Kranken. - Gelangt die Hitze aus dem Bao93 zur
Harnblase, führt dies zu einer Verminderung des Harnabflusses und Austritt von mit Blut
vermischtem Urin. - Hitze, die von der Harnblase zum Dünndarm gelangt, führt zu einer
Blockade des Dünndarms und Geschwüren am Mund. Gelangt Hitze vom Dünndarm in den
Dickdarm, so führt dies zur versteckten (nicht sichtbaren, d. Ü.) Behinderung des freien Laufs
von Qi in den Inneren Organen94. Und gelangt Hitze vom Dickdarm in den Magen, führt dies

86Im Original steht als Kapitelüberschrift Qi Jue Lun. Gemeint ist das in verkehrter Richtung laufende
Qi; in diesem Fall ist es das Qi des Wassers (also der Nieren), das anstelle nach unten zu fließen und
über den Harnweg nach außen zu fließen, nach oben steigt.
87Gemeint ist die Erscheinugsweise eines solchen Zustands und damit die von außen wahrnehmbare

Symptomatik.
88Manche Kommentatoren meinen, daß es "Milz/Pankreas" anstelle von "Leber" heißen müßte; vgl.

LU 1978:236.
89Yong wird in der westlichen Literatur vielfach mit "Karbunkel" wiedergegeben, was wegen des

durch die westliche Medizin "vorbelasteten" Verständnisses von "Karbunkel" nicht unproblematisch
ist. In der TCM ist yong eine Schwellung (Geschwulst) im weitesten Sinne und eine Yang-Erscheinung
auf Grund äußerer Einflüsse, ist oberhalb der Muskeln angesiedelt und gilt als relativ leicht zu
behandeln.
90LU 1978:236 setzt dies mit dem mittleren Teil des Dreifachen Erwärmers gleich.
91Bei LU, 1978:237 findet sich der Hinweis: Weil die Leber die Lagerstatt des Blutes ist und auch für den

Schock zuständig ist.


92Wohl Heißhunger.
93Bao ist in der TCM ein vielschichtiger Begriff, der "1.obere und untere Augenlider, 2. oberes

Augenlid, 3. Harnblase, 4. Uterus (Gebärmutter) bzw. Schoß" bedeuten kann. LU 1978:238 erklärt
diesen Begriff mit der Blutkammer bei Frauen und Kammer des Samens bei männlichen Personen. In
der von Wang Bing in der Tang-Zeit besorgten Ausgabe des Neijing Suwen findet sich der
kommentierende Hinweis zu dieser Textstelle: "Bao ist hier die Plazenta der Frau für das Kind.
Entsteht in der Gebärmutter Hitze, führt dies zu Harnbildung in der Blase".
94Z.B. Aussetzen der Menstruation bei Frauen. Vgl. LU 1978:238.
170

zu Heißhunger und Abmagerung, was man dann "Mattigkeit trotz Fähigkeit zur
Nahrungsaufnahme" (shiyi) nennt.95 Hitze, die vom Magen zur Gallenblase gelangt, führt
ebenfalls zu Anzeichen von Mattigkeit trotz Fähigkeit zur Nahrungsaufnahme96. Hitze, die
von der Gallenblase zum Gehirn (nao)97 gelangt, so führt dies zu einem bitteren
Geruchsempfinden am Nasenflügel und zu matschigem Nasenausfluß (wohl eine Art von
Nasentriefen, d. Ü.), das unaufhörlich vorhält. Es kann aber auch zu Nasenbluten führen und
verzerrter Sicht. Solche Anzeichen entstehen durch gegenläufiges Qi (das entgegen seiner
normalen Verlaufsrichtung in diesen Fällen nach oben steigt, d. Ü.).98

95Zhang Zhicong bemerkt in einem Kommentar an dieser Stelle: Der Magen nimmt die flüssige und
feste Nahrung auf und liefrt sie wieder ab, der Dickdarm gibt sie weiter. Bei krankmachender Hitze
im Dickdarm wird (der Nahrungsfluß) umgekehrt, und die Substanzen gelangen vom Dickdarm
wieder zurück in den Magen, so daß durch Magenhitze ein Nahrungsverlust entsteht ( die Nahrung
wird nicht wie sonst in alle Bereiche des Körpers zu deren Versorgung weitergegeben, d. Ü.), weil
Hitze den Yangming-Meridian austrocknet..." LU 1978:238 bemerkt dazu: "Dies deshalb, weil der
Magen an einem Flüssigkeitsmangel leidet durch Hitze, die sich in ihm breit gemacht hat."
96Denn wie die Hitze des Magens führt die Hitze in der Gallenblase zu Mattigkeit. LU 1978:238.
97In der TCM ist das Gehirn eins der sogenannten "Außerordentlichen Organe".
98Im Kommentar von Huangdi Neijing Suwen Jiaoshi 1991:488 findet sich hier der Hinweis: "

Gegenläufiges Qi bezieht sich hier auf ein gegenläufiges, nach oben steigendes Qi (qi jue, qi shang nijue)."
171

Kapitel 38 Abhandlung über Husten

Der Gelbe Kaiser fragte: "Auf welche Weise lassen die Lungen den Husten entstehen ?"

Qi Bo entgegnete: " Die Fünf Zang- und die Sechs Fu-Organe sind es, durch die der Husten
entsteht, und nicht etwa nur die Lunge allein.

Der Gelbe Kaiser sprach: "Ich möchte mehr über seine Anzeichen wissen".

Qi Bo antwortete: "Haut und Haare sind mit der Lunge funktionell vereinigt99:
Krankmachendes Qi kann Haut und Haar zuerst angreifen, im weiteren aber werden davon
auch die mit Haut und Haaren verbundenen Organe betroffen sein. Hier sind dies die Lungen.
Wenn Nahrung in kaltem Zustand in den Magen eintritt, steigt die Kälte nach oben in den
Bereich der Lungen durch den Meridian der Lunge, und die Lungen sind dem Angriff (der
Kälte, d. Ü.) ausgesetzt. Sind aber die Lungen einem Angriff der Kälte ausgesetzt, vereinigen
sich die Kälte von krankmachendem Qi des Innen und Außen zu einer geballten Streitmacht
und nisten sich im Körper ein (als unliebsame Gäste, d. Ü.)100, und dies führt zu Hustender
Lunge. Die Fünf Zang-Organe erkranken dann zu den ihnen jeweils entsprechenden
Jahreszeiten101, und eine solche Erkrankung der jeweiligen Zang-Organe wird an die Lungen
weitergegeben102 und führt zum Auftreten von Husten während der verschiedenen
Jahreszeiten. Der Mensch befindet sich in Abhängigkeit von dem Beziehungsgeflecht
zwischen Himmel und Erde, und darum sind auch die Fünf Zang-Organe dem Angriff der
Kälte während der verschiedenen Jahreszeiten ausgesetzt. Bei einem leichten Angriff entsteht
nur Husten, ist es jedoch ein schwerer Angriff, sind Durchfall und Schmerzen die Folge. Im
Herbst103 werden aber zuerst die Lungen von einem Angriff der Kälte heimgesucht, im
Frühling ist es zuerst die Leber, die dem Angriff ausgesetzt ist; im Sommer ist es zuerst das
Herz, das befallen wird, im Hochsommer die Milz, und im Winter wird das krankmachende
Qi zuerst die Nieren befallen."

Der Gelbe Kaiser fragte: "Wie lassen sich die jeweiligen Symptome bei den jeweils
befallenen Organen unterscheiden ?"

Qi Bo erwiderte: "Ein Husten der Lungen zeitigt Husten mit hörbarem Keuchen und das
Aushusten von Blut in schlimmen Fällen. Der Husten des Herzens geht mit Herzschmerzen
bei Husten einher und einem Gefühl der "Abschnürung" im Hals sowie trockenem Hals,
schmerzen und Schwellungen in schlimmeren Fällen. Die Anzeichen eines Hustens der Leber
bestehen in Schmerzen der Rippen beiderseits, der Unmöglichkeit, sich zur Seite zu
wenden104, in schlimmen Fällen kommt es aber auch zu Schwellungen und Gefühlen der
Völle im Bereich unterhalb der Rippen auf beiden Seiten, wenn man den Körper wendet. Die
Anzeichen bei Husten der Milz bestehen in Schmerzen beiderseitig unterhalb der Rippen bei
Auftreten von Husten, der auch - nach außen unscheinbar - den Schulterrücken erfaßt; in
schlimmeren Fällen kann man sich darüber hinaus auch nicht mehr bewegen, und der Husten
verstärkt sich sogar noch beim Bewegen. Der Husten der Nieren geht mit Schmerzen
unterhalb der Lenden einher sowie schmerzendem Rücken beim Husten; in schlimmeren
Fällen tritt auch das Aushusten von Wasser in Erscheinung."

99Stimmen mit der Lunge funktionell überein bzw. sind von der Lunge funktionell abhängig.
100Machen sich dort breit.
101Leber z.B. ist Holz und hat den Frühling als Jahreszeit, das Herz entspricht dem Feuer, und seine

Jahreszeit ist der Sommer, usw.


102Verläuft in Verbindung mit den Lungen.
103Die Jahreszeit der Lunge: Lunge ist dem Element Metall zugeordnet, dessen Jahreszeit der Herbst

ist.
104Wohl beim Schlafen bei Druck des Körpergewichts auf die Bettunterlage.
172

Der Gelbe Kaiser wollte weiter wissen: "Welches sind denn nun die Anzeichen von Husten,
der durch die Sechs Fu-Organe entsteht, und wodurch ist er bedingt ?"

Qi Bo erwiderte: "Wenn der Husten der befallenen Zang-Organe längere Zeit dort vorhält,
befällt er auch die (entsprechenden, d. Ü.) Fu-Organe (die mit dem jeweiligen befallen Zang-
Organ verbunden sind, d. Ü.). Länger vorhaltender Husten der Milz wird an den Magen
weitergegeben, die Anzeichen sind dann Erbrechen bei Auftritt von Husten sowie das
Erbrechen von langen Würmern105. Ein länger vorhaltender Husten der Leber ergreift auch die
Gallenblase, Anzeichen dafür ist dann das Aushusten von Gallensaft. Ein länger vorhaltender
Husten der Lungen wird auch den Dickdarm ergreifen, das Anzeichen dafür ist ein
Nachlassen der Darmperistaltik. Ein länger vorhaltender Husten des Herzens wird auch den
Dünndarm ergreifen, das Anzeichen dafür ist besteht dann in Austritt von Qi106 und Husten
gleichzeitig. Ein länger anhaltender Husten der Nieren nimmt auch die Harnblase in Beschlag,
Anzeichen dafür sind Husten und damit einhergehend Bettnässen. Hält der Husten107 längere
Zeit bei einem bestimmten Organ vor, wird auch der Bereich des Dreifachen Erwärmers in
Mitleidenschaft gezogen, die Anzeichen sind dann Husten in Verbindung mit Völlegefühl im
Unterleib und Appetitlosigkeit bei Essen und Trinken. Alle diese verschiedenen
Erscheinungsformen des Hustens sind auf den Magen ausgerichtet und stehen in Beziehung
zur Lunge. Bei Husten steigt das Qi nach oben108, die Nase des Kranken trieft reichlich, er
spuckt viel und hat Anzeichen von Ödemen im Gesicht."

Der Gelbe Kaiser wollte daraufhin wissen: "Wie kann man diese Fälle nun behandeln ?"

Qi Bo erwiderte: "Für eine Behandlung (des Hustens der, d. Ü.) Zang-Organe sollte man den
entsprechenden Shu-Punkt nadeln, bei einer Behandlung (des Hustens der, d. Ü.) Fu-Organe
ihren entsprechenden He-Punkt. Bei Husten mit Ödemen muß man den entsprechenden Jing-
Flußpunkt des betreffenden Organs nadeln".

"Aha", sagte zustimmend der Gelbe Kaiser.

105Im Kommentar des Leijing zu dieser Stelle heißt es: "Die langen Würmer sind hier die Spühlwürmer

(Ascaris lumbriocoides, d. Ü.), die im Magen und Darm residieren und bei Husten ausgespeit werden"
(Schriftrolle 16, 51. Kapitel).
106Gemeint ist wohl ein verstärkter Austritt von Luft (beim Ausatmen). LU 1978:242 übersetzt hier mit

"Wind", was in sich aber sicher nicht genau und eher irreführend ist.
107Gemeint hier wohl, da ein spezifisches Organ an dieser Stelle nicht mehr explizit erwähnt ist, der

Husten irgendeines befallenen Organs.


108Ist gegenläufig, da es im Normalfall eigentlich nach unten steigen müßte.
173

ELFTES BUCH

Kapitel 39 Abhandlung über alle Erscheinungen von Schmerzen

Der Gelbe Kaiser sagte: "Mir ist zu Ohren gekommen, daß jene, die über die Sache des
Himmels1 gut Reden haben, sich in Bezug auf ihre Aussagen an den Gegebenheiten der
diesseitigen menschlichen Welt messen lassen müssen2, und daß jene, die immer wieder das
Altertum zum Vorbild nehmen, sich an dem Gebrauchswert des Überkommenen in Bezug auf
die Gegenwart messen lassen müssen3; weiterhin, daß jene, die nur allzu kritikfreudig sind,
eigentlich auch ihre eigenen Fehler erkennen müßten4. Denn nur so hätten jene das Dao
erreicht und in sich verwirklicht, mit Verstand und auf der Grundlage dessen, was man
"Erleuchtung" nennt5. Nun hätte ich gerne mehr gewußt, wie man eine Diagnose stellt durch
Befragen des Patienten, Betrachten und durch Abtasten. Darf ich nun mehr Genaueres solche
aufschlußreichen Erfahrungen in der Medizin6 hören ?"

Wieder verneigte sich Qi Bo und fragte: "Über welche Anzeichen (Symptome) genau
erwarten Eure erhabene Majestät denn zu hören ?"

Der Gelbe Kaiser erwiderte: "Welches Qi (he qi) führt zum abrupten Auftreten von
Schmerzen in den Fünf Zang-Organen ?"

Qi Bo erwiderte: " In den Meridianen zirkuliert es7 ohne Unterlaß und unaufhörlich; dringt
nun ein Qi der Kälte in die Meridiane vor, so führt dies zu Verengungen und verlangsamt den
Fluß. Macht sich krankmachendes Qi als unliebsamer Gast in den äußeren Meridianbereichen
breit, so führt dies zu einer Verringerung von Blut (das im Umlauf ist, d. Ü.); dringt es bei in
das Innere der Meridiane vor, so wird dies zu einem völligen Stillstand der Zirkulation von Qi
führen mit dem Ergebnis plötzlich auftretender Schmerzen".

Der Gelbe Kaiser hielt entgegen: "Schmerzen nimmt man ja auf vielfältige Weise wahr, so
z.B. plötzlich aufhörende oder unaufhörlich anhaltende Schmerzen, starke, die bei Druck der
aufgelegten Hand noch stärker werden; solche, die bei Druck der Hand nachlassen,
gleichbleibende bei Druck der Hand; solche, die zu Keuchen und Schütteln an der Hand

1Anspielung auf den Himmelskult der alten Zhou-Dynastie, auf die das Verständnis vom Kaiser als
Sohn des Himmels, der mit dem Mandat des Himmels ausgestattet ist und somit seine Macht auf
Erden legitimiert, zurückgeht.
2Die Herrschaft des Kaisers ist nicht Selbstzweck, die Erfüllung des himmlischen Mandats auf Erden

muß sich an einer weisen und am Wohl des Ganzen orientierten Herrschaft messen lassen.
Andernfalls ist das Mandat des Himmels verwirkt und die Rebellion gegen die Herrschaft des Kaisers
legitim.
3Wohl eine Anspielung auf den Konfuzianismus, der sich ideologisch immer wieder am Vorbild des

Altertums orientierte. Auch er muß sich in seinem Anspruch an der Orientierung des Altertums in
Bezug auf die Relevanz zur Gegenwart messen lassen.
4Wohl eine Anspielung auf jene konfuzianischen Kreise, die im Wettstreit mit anderen

philosophischen Schulen, so z.B. auch den Vertreten des frühen Daoismus, in "ideologischer Fehde"
(vgl. z.B. dazu das daoistische Buch Zhuangzi). Implizit wird unterstellt, daß die konfuzianischen
Vertreter wohl recht kritikfreudig an ihren "ideologischen Gegnern" waren, sich aber selbst und
gewisse Widersprüche in ihrer Lehre nicht in Frage stellen wollten.
5Die Erleuchtung besteht im Erreichen des Dao durch Erkenntnis und Weisheit und darauf

aufbauenden ganzheitlichen Lebenshaltung. Die vorstehenden Passagen sind Aussagen aus


daoistischer Perspektive, wie diese Stelle sehr deutlich zeigt.
6Auch das medizinische Wirken muß sich an den praktischen Gegebenheiten messen lassen.
7Das Qi der Meridiane. Im Original nicht explizit erwähnt; es ist eine sprachliche Eigenart dieser Texte

der medizinischen Klassiker, das, was man implizit mit herauslesen kann, nicht direkt zu erwähnen.
Was in den Meridianen zirkuliert ergibt sich nämlich aus dem Zusammenhang mit der vorher
gestellten Frage durch den Gelbe Kaiser ("welches Qi ?").
174

führen; solche, die Herz und Rücken in Mitleidenschaft ziehen und sich anfühlen, als zögen
Herz und Rücken gegenseitig aneinander; schließlich Schmerzen im Unterleib und
Oberschenkeln; Schmerzen, die tagelang vorhalten und zu Austrocknung führen sowie
Schmerzen, die mit dem Tod enden in einem Zustand plötzlichen Komas; erst nachlassende
und dann wiederauftretende Schmerzen, Schmerzen mit Erbrechen, Schmerzen im Unterleib
mit nach sich ziehendem Durchfall und schließlich noch Schmerzen, die mit Völlegefühl
einergehen. - Es gibt also eine ganze Reihe von wahrnehmbaren Schmerzen, unterschiedlich
in ihrer Erscheinung und ihrer Wahrnehmung. Wie aber kann man sie denn nun unterscheiden
?"

Qi Bo erwiderte: "Wenn das Qi der Kälte sich in den äußeren Meridianbereichen8 breit
gemacht hat, stellt sich die Kälte auch in den Meridianen selbst ein. Sind die Meridiane aber
von der Kälte heimgesucht, führt dies zu einer Unterbrechung im unbehinderten Fluß des Qi,
dies führt zu Krämpfen und zur Behinderung im Zusammenziehen und
Wiederauseinandergehen9, die sich auch auf die Luo-Leitbahnen auswirken und zu plötzlich
auftretenden Schmerzen führen. Solchen Schmerzen kann mit dem Schein des Feuers
(jiong)10 begegnet werden. Die Schmerzen gehen dann sofort zurück. Greift die Kälte (trotz
der empfohlenen Behandlung, d. Ü.) jedoch erneut an, werden die Schmerzen noch für
längere Zeit anhalten.

Hat sich nun die Kälte im Inneren der Meridiane breit gemacht und liefert sich einen Kampf
mit der Kraft der Hitze, so führt dies zu einer Überfüllung der Meridiane, so daß Schmerzen
auftreten, die sich noch verschlimmern, wenn man die Hand mit Druck auflegt.11 Hält das Qi
der Kälte andauernd vor, so begibt sich das Qi des Jiong12 nach oben, um sich dem Kampf mit
der Kälte zu stellen. Dies führt zu einer Dehnung der Meridiane und einem Durcheinander
von Qi und Blut (beide kommen sich in die Quere, d. Ü.), so daß der Kranke starke
Schmerzen verspürt, die bei Auflegen der Hand mit Druck noch stärker werden.

Hat sich das Qi der Kälte im Bereich von Magen und Darmsystem breit gemacht, so kann
sich das Blut in den Gefäßen nicht mehr ausbreiten, was zu Krämpfen und Zerren in den
kleinen unscheinbaren Leitbahnen (xiao luo) 13 und damit einhergehenden Schmerzen führt.
Das Auflegen der Hand mit Druck führt zu einem Abströmen und dem Auseinanderlaufen des
(angesammelten, d. Ü.) Qi und Blutes, und so lassen auch die Schmerzen bei Handauflegen
mit Druck nach.14

Hat sich aber die Kälte in den tieferen Regionen der Meridiane um das Rückgrat herum
eingenistet, kann man die dort auftretenden Schmerzen nicht mehr mit der Hand fühlen auch
nicht beeinflussen. Und so verändert sich auch das Schmerzgefühl bei Auflegen der Hand mit
Druck nicht.

Der Chongmai15 nimmt seinen Auslauf im Bereich der Punktstelle Guanyuan16, und hat sich
nun die Kälte dort breit gemacht und steigt dann nach oben in den Leib, führt dies zu einer
Unterbrechung der Qi-Zirkulation in diesem Meridian, und ist dies dann tatsächlich der Fall,

8Gemeint sind wohl die den jeweiligen Organen entsprechenden "Öffnungen" wie z.B. die Augen bei
der Leber u.ä. und die damit verbundenen Regionen.
9Hier sind wohl den Muskelbewegungen ähnliche Vorgänge im Meridianbereich gemeint.
10Wang Bi bemerkt dazu: "jiong bedeutet hier Hitze". Wohl Hitzezufuhr durch das Abbrennen von

Moxa an den betroffenen Stellen.


11Das Auflegen der Hand mit Druck kann hier auch als ein diagnostisches Kriterium gewertet werden,

wenn der Arzt herausfinden will, um welche Art von Schmerz es sich in der bereits oben vorgelegten
Schmerzaufzählung handelt, die man dann entsprechend behandeln kann (siehe im laufenden Text
weiter unten).
12Vgl. Anm. 10.
13Wohl die in diesem Bereich von Magen und Darm auslaufenden Adern und sonstigen Blutgefäße.
14Das Handauflegen mit Druck hat also u.U. auch eine therapeutische Wirkung. Vgl. Anm. 11.
15Einer der 8 Außerordentlichen Meridiane.
16Punktstelle Chongmai 4.
175

steigt das Qi (in gegenläufiger Richtung, d. Ü.) nach oben. Und darum treten Schmerzen, die
mit Keuchen einhergehen und zu einem Schütteln an den Händen führen, auf.

Hat sich die Kälte aber in dem Meridian der Rücken-Shu-Punkte17 breit gemacht, so führt dies
zu einer Austrocknung des fließenden Qi in diesem Meridian und Blutmangel, der die
Schmerzen entstehen läßt. Die Rücken-Shu-Punkte sind mit dem Herzen verbunden, und
daher wird auch das Herz in Mitleidenschaft gezogen und führt zu Zerrungen, die dann die
Schmerzen verursachen. Das Handauflegen mit Druck führt Wärme zu, und hat sich diese (an
der betroffenen Stelle, d. Ü.) eingestellt, werden auch die Schmerzen aufhören.

Hat sich die Kälte im Jueyin-Meridian des Fußes (Lebermeridian, d. Ü.) eingenistet, der in
Beziehung zu den Geschlechtsorganen steht und auch mit der Leber verbunden ist, stellen
sich Blugerinnung und Meridiankrämpfe ein, was zerrende Schmerzen in den Rippen
verursacht und im Unterleib. Macht sich die hier eingenistete Kälte auch in den
Oberschenkeln breit, erreicht sie auch den Unterbauch, wodurch sich das Qi der Kälte in zwei
verschiedenen Bereichen breit macht und zu zerrenden Schmerzen führt. Darum ziehen
Unterleibsschmerzen die Oberschenkel des Yin in Mitleidenschaft.

Hat sich die Kälte in den Blutbehältern des Dünndarms breitgemacht, so entsteht
Blutaustrocknung, so daß das Blut nicht mehr in die Hauptmeridiane18 fließen kann, Blut und
Qi können nicht mehr zirkulieren. Hält dieser Zustand längere Zeit vor, führt dies zu
Austrocknung (cheng ji).19

Wenn sich Kälte in den Fünf Zang-Organen eingenistet hat, zwingt sie das Qi dieser Organe,
nach oben zu steigen, was das jeweilige Qi dieser Organe schwächt; und es ist absehbar, daß
dadurch das Qi des Yin völlig ausgezehrt wird, wobei das Qi des Yang noch nicht bereit ist,
einzuspringen. Und das erklärt auch, warum das abrupte Auftreten von Schmerzen zum Tod
im Komazustand20 führt. Sobald das Qi des Yin und das Qi des Yang sich wieder einstellen,
erwacht der Kranke aus seiner Bewußtlosigkeit.

Kälte im Magen und im Darm21 läßt das Qi nach oben (statt nach unten) steigen und führt
somit zu Schmerzen, die mit Erbrechen einhergehen. Kälte im Dünndarm macht es diesem
unmöglich, die Nahrung sich ansammeln zu lassen mit dem Ergebnis von Durchfall und
Schmerzen im Unterleib. Hat sich jedoch Hitze im Dünndarm eingenistet, führet dies zu
Darmschmerzen, da die Hitze die Darmflüssigkeit aufsaugt, was mit einem Gefühl des
Brennens, Durst, trockenem und festem Stuhlgang, der nur mit Mühe ausgeschieden werden
kann einhergeht. Folglich treten hier Schmerzen in Verbindung mit Verstopfung auf."22

Der Gelbe Kaiser fragte: "Du hast dich bisher über die Diagnosestellung durch Befragen des
Patienten ausgelassen; wie aber ist es denn mit der Diagnosestellung durch Betrachten23
bestellt ?"

17Der Harnblasenmeridian.
18Die Meridiane der Zwölf Inneren Organe.
19Blut und Qi werden als flüssige Entitäten gedacht. Klimatische Einflüsse wie Kälte lassen Flüssigkeit

gefrieren und erstarren, ein in der Natur sehr natürliches Aggregatzustandsphänomen, das auch sehr
leicht auf dem Hintergrund einer bäuerlichen Kultur wie der des alten China zu beobachten ist.
"Austrocknung" ist hier ganz allgemein als ein Starrwerden der flüssigen Substanz zu verstehen, die
dadurch zu einer unbeweglichen Masse wird, die dann nicht mehr die Antriebskraft zur Bewegung
durch Zirkulation (Fließen) hat.
20Zustand der Bewußtlosigkeit mit Übergang zum Tod.
21Wohl der Dickdarm.
22Bislang ist immer die Kälte (oder besser das Qi der Kälte) als der Schmerzverursacher im laufenden

Text angeführt worden; hier ist es das erste Mal die Hitze.
23Hier das Feststellen äußerlicher Merkmale wie Färbung u.ä. zum Einbezug in die Diagnosestellung.
176

Qi Bo entgegnete: "Der Zustand des Qi in den Zang- und Fu-Organen spiegelt sich in der
Färbung der diesen Organen entsprechenden Gesichtsbereiche wider. Die Diagnose läßt sich
auch an Hand der Fünf Farben stellen. Eine geblich-rötliche Färbung deutet auf Hitze, weiße
auf Kälte, azur- und schwarzfarbene auf Schmerzen hin. Das sind denn die Methoden der
Diagnosesestellung durch Betrachten."

Der Gelbe Kaiser fragte weiter: "Wie erfolgt denn nun die Diagnosestellung durch Abtasten
(Palpation, d. Ü.) des Kranken ?"

Qi Bo erwiderte: "Die nachlassende Elastizität der betroffenen Meridiane und die


Zusammendrücken der betroffenen Blutgefäße läßt sich durch Abtasten des Kranken
feststellen".24

Der Gelbe Kaiser sagte: "Aha. Ich habe nun schon vernommen, daß sich zahlreiche
Krankheiten durch die Befindlichkeit des Qi ergeben. Zorn läßt das Qi nach oben steigen, und
Freude veranlaßt das Qi, nachzulassen. Kummer läßt das Qi sich zerstreuen (verflüchtigen, d.
Ü.), Angst führt das Qi nach unten, Kälte engt es ein (läßt es sich nicht ausbreiten, d. Ü.),
Hitze schwächt es, Schock dazu, daß es außer Rand und Band gerät, (harte körperliche,d. Ü.)
Arbeit zehrt es auf, Nachdenklichkeit läßt es austrocknen. Welche Arten von Krankheiten
können nun (durch diese beschriebenen fünf Umstände der Qi-Zustandsveränderung, d. Ü.)
entstehen ?"

Qi Bo gab zur Antwort: "Zorn verursacht einen nach oben gerichteten gegenläufigen Fluß des
Qi. In gravierenden Fällen zeigen sich Symptome wie das Erbrechen von Blut und Durchfall
mit unverdauten Nahrungsbestandteilen. Folglich verursacht Zorn einen gegenläufigen nach
oben steigenden Fluß des Qi. Freude beläßt das Qi im Gleichgewicht, weil dem Wollen
Rechnung getragen wurde. Nahrungs- und Abwehrqi fließen leicht und sacht. Und so läßt
Freude auch das Qi weniger in Anspruch genommen sein. Kummer läßt die Verbindungen des
Herzens (xinxi)25 verkrampfen, die Lungenflügel werden angehoben und erweitern sich, so
daß sich das Nahrungsqi nicht mehr verteilen kann; da das Qi der Hitze sich im Inneren
befindet (eingeschlossen ist, d. Ü.)26, wird dies zu einer Vernichtung des Qi führen. Angst
führt zu einem Rückgang des reinen Qi; ist dies der Fall, führt das zu einer Blockade im
oberen Bereich des Dreifachen Erwärmers; ist dies der Fall und der Weg abgeschnitten,
begibt sich das Qi nach unten und führt zu Blähungen im unteren Bereich des Dreifachen
Erwärmers. Und so hat dann der Fluß des Qi sein Ende. Kälte verschließt die Poren der Haut,
das reine Qi kann dann nicht mehr fließen, und so führt Kälte zu einer Einengung des Qi.
Hitze aber öffnet die Poren der Haut und läßt Nahrungs- und Abwehrqi fließen. Das führt zu
starkem Schweißaustritt, und so wird das reine Qi geschwächt27. Schock entzieht dem Herzen
das, auf dem es basiert, sein Geist kann sich nirgends hinwenden, und seine Gedanken lassen
sich auf nichts ausrichten. Und so führt dies zu einem Chaos des Qi.28 Körperliche Arbeit
führt zu Keuchen und Schweißausbruch, innere und äußere Bereiche des Körpers sind über
Gebühr in Mitleidenschaft gezogen29, und das führt zu einer kompletten Aufzehrung des Qi.
Nachdenklichkeit führt zu einer einseitigen Ausrichtung des Herzens30, der Geist des Herzens

24Verhärtung weist auf Qi-Überschuß, Blockade auf Qi-Mangel hin. Vgl. LU 1978:247.
25Intraditionellen anatomischen bildlichen Darstellungen des Herzens werden vier Verbindungswege
des Herzens mit den übrigen vier Zang-Organen dargestellt, so z.B. im ZHENJIU DACHENG von
Yang Jizhou (aus dem Jahre 1601, Schriftrolle 7, bei der Darstellung über den Herzmeridian und
dessen Zang-Organ).
26Wie eingeschlossenes Feuer ohne Luftzufuhr von außen erstickt/erlöscht es dann.
27Weil das reine Qi mit dem Schweiß nach außen tritt.
28Die Selbstregulierungskraft des Qi für die lebensnotwendige Balance zwischen Yin und Yang ist

außer Funktion.
29Durch inneres Keuchen und Schweißaustritt außen. LU 1978:249.
30Das Herz birgt in der TCM auch die Gedanken und wird bei Nachdenklichkeit vollständig durch

einen bestimmten Gegenstand in Anspruch genommen, der die Nachdenklichkeit ausmacht.


177

kann sich wieder einstellen, weil er wieder eine Wohnstatt hat. Und steht das aufrechte Qi
unbeweglich an einer Stelle, so trocknet es aus."31

31Damit dies nicht der Fall ist, muß es immer in Bewegung bleiben.
178

Kapitel 40 Abhandlung über Krankheiten des Unterleibs32

Der Gelbe Kaiser fragte: "Es gibt eine Erkrankung, die mit Völlegefühl33 des Unterleibs und
in der Herzregion einhergeht; die Einnahme des Frühstücks ist zwar noch möglich, nicht mehr
hingegen möglich ist bei einer solchen Erkrankung die Einnahme der Hauptmahlzeit. Wie
nennt man diese Erkrankung ?"

Qi Bo erwiderte: "Sie wird als "Anschwellung der Trommel" (guzhang) bezeichnet".

Der Gelbe Kaiser fragte: "Und wie kann sie behandelt werden ?"

Qi Bo erwiderte: "Man kann sie mit Hühnerkotwein (jishijiu) behandeln. Nimmt man eine
Portion davon ein, zeigen sich schon Zeichen der Besserung, eine zweimalige Dosis führt zur
Heilung der Krankheit."

Der Gelbe Kaiser fragte weiter: " Manchmal kehrt die Krankheit wieder zurück. Wie erklärst
du das ?"

Qi Bo erklärte: "Der Krankheit triit bei unregelmäßiger Aufnahme von Essen wieder auf; ein
weiterer Grund könnte aber auch der sein, daß sich angesammeltes Qi im Unterleib breit
macht, das die Krankheit wieder auftreten läßt".

Der Gelbe Kaiser fragte: "Manche Menschen leiden an Anaschwellungen im Brust- und
Rippenbereich, was von der Nahrungseinnahme abhält. Ein Auftreten dieser Krankheit bringt
zunächst Anzeichen eines faulen und verwesenden Geruchs mit sich, klaren Nasenausfluß34,
Ausspeien von Blut, kälte Gliedmaßen35, Mattigkeit, Harnaustritt36 und blutigen Stuhlgang.
Was ist die Bezeichnung für eine solche Erkrankung, und wodurch ist sie bedingt ?"

Qi Bo erwiderte: " Es handelt sich dabei um eine Krankheit des versiegten Blutes (xue ku).
Ein Grund könnte starker Blutverlust sein, als der Krannke noch jung war, ein anderer der,
daß der Kranke trotz krankmachender Einflüsse im Körper noch Geschlechtsverkehr hatte,
was zu einer Erschöpfung des Qi der Mitte (zhongqi)37 führt. Dies verwundet die Leber
(macht sie krank, d. Ü.) mit dem Ergebnis, daß die Frauen die Menstruation nach läßt oder
sogar aussetzt".

Der Gelbe Kaiser fragte: "Wie kann man diese Erkrankung behandeln und zur Heilung
bringen ?"

Qi Bo erwiderte: "Man nehme vier Vogel- und Tintenfischknochen (niaozeigu) und einmal
Alizarinrot (lüru)38, vermische dies mit einem Vogelei und gewinne daraus eine Pille in der

32Die Titelüberschrift zu diesem Kapitel lautet im Original Fuzhong Lun, also "Abhandlung über das,
was im Unterleib ist/vorgeht". Da es sich hier um verschiedene Arten von Beschwerden und
Erkrankungen handelt, war "Krankheiten des..." in der Übersetzung der Kapitelüberschrift
entsprechend zu ergänzen.
33LU 1978:249 übersetzt: "mit Schwellungen von Magen und Unterleib"; wohl die Anzeichen

(Symptome) einer solchen Erkrankung, die originalgetreue "Version" findet sich oben.
34Nicht trübfarben.
35Wegen mangelnder Duchblutung.
36Wohl unkontrolliertes Wasserlassen.
37Im Leijing, Schriftrolle 17, Kapitel 63, findet sich dazu folgende Anmerkung: "Kraftvolles Blut ist mit

Hitze verbunden,..., und führt zu einer Schwächung der Yin-Essenz (dem Yin der Nieren, d. Ü.),
verschwindet die Essenz, geht auch das Qi davon".
38Diese Pflanzenbezeichnung ist außerordentlich schwer zu übersetzen: Die Schriftzeichen für lüru

stellen eine altertümliche, heute nicht mehr in Gebrauch befindliche Bezeichnung für Qiancao (gen)
179

Größe einer Bohne. Diese Pille nehme man fünfmal vor der Mahlzeit. Hinterher nehme man
eine Suppe aus Mehrestieren zu sich. Diese Mittel erleichtern die Darmfunktion und wirken
einer Störung der Leber entgegen."

Der Gelbe Kaiser fragte: "Es gibt auch ein Leiden mit Völlegefühl im Unterbauch, das sich an
allen vier Seiten bemerkbar macht. Wie nennt man dies Leiden, und wie kann es behandelt
werden ?"

Qi Bo erwiderte: "Diese Erkrankung nennt man "tief liegender Balken" (fuliang)39".

Der Gelbe Kaiser fragte: "Was ist die Ursache von "tief liegendem Balken ?"

Qi Bo erwiderte: "Blut und Eiter liegen eingewickelt als Päckchen außerhalb des Magens und
im Darmbereich. Hier kann man nicht durch Behandlung eingreifen40; täte man dies nämlich,
würde dies zu für den Patienten tödlichen Schmerzen führen".41

Der Gelbe Kaiser fragte noch einmal nach: "Warum ist das so ?"

Qi Bo erwiderte: "Bei Auftreten von eingewickeltem Eiter und Blut im Unterleib wird dieses
über den Harnweg und durch die Organaktivität aus dem Körper geführt, der Urin ist dann mit
Eiter und Blut vermischt. In der oberen Region jedoch übt die Krankheit Druck auf den
Magen aus und läßt Schwellungen (Karbunkel,d. Ü.) zwischen Magen und Zwerchfell
entstehen. Dies hält normalerweise längere Zeit vor, ohne daß der Patient etwas davon merken
würde. Und es ist auch schwierig zu behandeln. Tritt diese Krankheit oberhalb des Nabels in
Erscheinung, ist es eine durch nach oben steigendes und gegenläufiges Qi bedingte; unterhalb
des Nabels ist es eine solche des nach unten steigenden gegenläufigen Qi bedingte. Auch hier
sollte man nicht behandeln. Die Behandlung durch Akupunktur ist jedoch möglich und wird
in "Nadelungstechniken" (Cifa) erklärt.42 "

Der Gelbe Kaiser fragte: "Es gibt auch ein Leiden, das mit Schwellungen im Bereich des
Größeren Rollhügels43 einhergeht, Oberschenkel, Schienbein und den Nabelbereich mit
Schmerzen befällt. Wie wird diese Erkrankung denn bezeicnnet ?"

Qi Bo erwiderte: "Auch dies nennt man einen "tief liegenden Balken". Hier ist jedoch Wind
die Ursache, und so nennt man diese Erkrankung auch "Wurzel des Windes" (fenggen). Das
Qi das Windes überflutet die Bereiche um den Dickdarm und macht sich im Bereich unterhalb
des Herzens und oberhalb des Zwerchfells breit. Diese Bereiche stehen mit denen des Nabels
in Verbindung, und so kommt es auch zu Schmerzen in den Bereichen um den Nabel. Bei
einer solchen Krankheit sollte man nicht von außen beeinflussen44; täte man dies, käme es zu

("Wurzel des Alizarinrot) dar. Gehört zur Gattung der Rubia cordifolia L. LU 1978:250 übersetzt mit
"madder plant".
39Fu kann auch mit "versteckt" übersetzt werden. Im Leijing, Schriftrolle 17, Kapitel 73 heißt es in einer

Anmerkung: "Fu bedeutet hier die tief liegenden Zang-Organe". Wang Bing bemerkt in einer
Annatotaion zu dieser Stelle, daß es sich davei um eine Erkrankung im Bereich des Chongmai-
Meridians handle.
40LI 1978:250 fügt an dieser Stelle hinzu: "Weil Eiter und Blut eingewickelt sind und somit nicht leicht

aufzulösen sind."
41Möglicherweise auch zu Blutvergiftung.
42Kapitel 72 des Neijing Suwen, seit langem verloren gegangen. Hinweise für eine konkrete

Behandlungsweise ist auch in anderen Textfassungen und deren Annotationen an dieser Stelle n icht
belegt.
43Knochenvorsprung am Oberschenkelknochen. Vgl. Pschyrembel, 1990:1711 (Stichwort Trochanter).
44Im Urtext findet sich an dieser Stelle die Wendung bu ke dong zhi ("man darf/kann sie nicht

umrühren/bewegen"). Der erklärende Zusatz weist darauf hin, daß hiermit das Verabreichen von
Medikamenten (in flüüsiger Form) gemeint ist.
180

einer Störung des Windes, die ihrerseits die Flüssigkeit45 nach oben steigen läßt, und dies
würde wieder zu nachlassendem Harnfluß führen".

45Wasser der Nieren, das als Urin ausgeschieden wird.


181

Kapitel 41 Abhandlung über die Nadelung bei Schmerzen der Hüfte46

Ein Hexenschuß im Bereich des Fuß Taiyang-Meridians der Harnblase zieht den
Hinternacken in Mitleidenschaft, das Rückgrat, im unteren Rückenbereich entsteht ein Gefühl
der Schwere, die Behandlung geschieht durch Nadelung des Punktes Weizhong (Ha54)47.
Außerdem sollte dieser Meridian direkt48 zu Zwecken des Aderlassens genadelt werden; im
Frühling sollte dies aber unterlassen werden49.

Hexenschuß im Bereich des Fuß Shaoyang-Meridians geht mit einem Gefühl eines
Nadeleinstichs bis unter die Haut einher, das Schritt für Schritt weiter zunimmt, und
schließlich ist der Patient nicht mehr in der Lage, sich nach vorwärts zu bücken oder nach
rückwärts zu schauen. Die Behandlung geschieht durch Nadelung der Punktstelle an der
Spitze des Endknochens zu Zwecken des Aderlasses, diese Punktstelle befindet sich an dem
einzigen hervorstehenden Knochen an der äußeren Knieseite50; der Aderlaß sollte jedoch nicht
in der Zeit des Sommers vorgenommen werden51.

Ein Hexenschuß des Yangming-Meridians des Fußes zeichnet sich dadurch aus, daß der
Kranke sich nicht mehr nach hinten wenden und dorthin schauen kann; tut er dies nämlich,
nimmt er nur Merkwürdiges wahr und wird sich bekümmert fühlen52. Man sollte in diesem
Fall den Yangming-Meridian an der Vorderseite des Schienbeins dreimal nadeln53, um das
Gleichgewicht zwischen oberer und unterer Region (des Körpers, d. Ü.) wieder herzustellen
und zu Zwecken des Aderlassens. Vom Aderlaß sollte in der Zeit des Herbstes abgesehen
werden.

Ein Hexenschuß des Shaoyin-Meridians des Fußes geht mit Schmerzen an der an der
Innenseite der Oberschenkel einher und am Rückgrat; hier ist der innere Winkel des oberen
Yin-Bereich zweimal zu nadeln (Ni7, d. Ü.). Auf Aderlaß sollte in der Zeit des Frühlings
verzichtet werden, da eine Wiederherstellung des Nierenqi bei starkem Bluten sonst
unmöglich wird.

46Der Text dieses Kapitels scheint wiederum aus einer anderen literarischen Tradition zu stammen als
diejenigen mit den Dialogen zwischen dem Gelben Kaiser und seinem Minister Qi Bo.
Bezeichnenderweise ist dies immer dann der Fall, wenn es um genaue Anweisungen zur Nadelung in
Fällen bestimmter Krankheiten geht. - Schmerzen der Hüfte entspricht yao tong im chinesischen
Original, gemeint ist damit der auch in der westlichen Medizin nur allzu bekannte Lumbago oder
Hexenschuß. Unterschieden werden hier Erscheinungen von Lumbago an Hand der verschiedenen
Organmeridiane.
47Weizhong kann Ha40 als auch Ha54 alternierend bezeichnen, nach LU 1978:254 ist hier Ha54 gemeint.

Im Original steht Xizhong; nach Wang Bing in einer Annotation zu dieser Stelle entspricht dies dem
Weizhong des Fuß Taiyang-Meridians, also der Punktstelle Ha54.
48Damit werden die Punktstellen Kunlun (Ha60) und Weizhong (Ha54) bezeichnet.
49Dieser Meridian steht in Beziehung zu den Nieren, die während des Frühlings nach dem Gesetz der

Fünf Wandlungsphasen im "Rückgang" begriffen sind.


50Hinweise zur Lokalisation der Punktstelle Yanglingquan, die bei LU 1978:254 wohl irrtümlich jedoch

mit Yinlingquan Ga34 bezeichnet wird.


51Der Shaoyang-Meridian des Fußes ist der Gallenblasenmeridian; die Gallenblase ist das der Leber

entsprechende Fu-Organ; so betrifft die der Leber entsprechende Jahreszeit des Frühlings auch die
Gallenblase. Im Sommer läßt die Herrschaft der Gallenblase jedoch nach, weil auch die der Leber nach
dem Schema der Fünf Wandlungsphasen nachläßt.
52LU 1978:255: Wegen eines Mangels des Yang-Qi.
53Entspricht der Punktstelle Sanli (Fuß), also Ma38.
182

Ein Hexenschuß im Bereich des Jueyin-Meridians des Fußes geht mit einem Gefühl zerrender
Lenden einher, die wie die Saiten eines Bogens gespannt sind, von dem gerade ein Pfeil
abgeschossen werden soll. Dann muß die Punktstelle des Jueyin-Meridians im seitlichen
Bereich der Waden und oberhalb der Fersen nadeln (Le5, d. Ü.). Dabei ist die Nadel dort
einzuführen, wo man viele der feinen kleinen Blutäderchen ertasten kann. Die Krankheit
bringt beim Patienten lebhaftes Sprechen hervor, wobei sich dieser im Ruhezustand jedoch
sehr schlecht fühlt; es sollte dreimal an der entsprechenden Stelle genadelt werden.

Ein Hexenschuß in den Ausläufern (des Harnblasen-, d. Ü.) Meridians (jiemai) geht mit
zerrenden Schmerzgefühlen der Schultern einher; beim Kranken zeigen sich dann verzerrte
Sicht der Augen und häufiges Harnlassen. Man nadle dann die Meridianausläufer an der
Stelle des quer verlaufenden Meridians an der Stelle der sich teilenden Muskeln und Sehnen
des Knies und der Außenseite der Kniekehle (Ha53, d. Ü.) zu Zwecken des Aderlasses. Mit
der Nadelung ist sofort dann aufzuhören, wenn sich das austretende Blut verfärbt.

Ein Hexenschuß in einem weiteren Ausläufer des Harnblasenmeridians, der von der Schulter
den Rücken und das Rückgrat entlang zu den Lenden führt und dort auf den Ausläufer des
Harnblasenmeridians an der Kniekehle54 führt, geht mit Schmerzgefühlen an den Lenden
einher, die einem Gefühl entsprechen, das dann entsteht, wenn man den Gürtel enger schnallt
und die Taille entzweigeht mit Neigung zu Angstgefühlen. Man nadle dann die unscheinbaren
Stellen im Bereich der Kniekehle (Ha54, d. Ü.), die der Größe eines Getreidekorns
entsprechen. Dort spritzt dann das Blut heraus, wenn die rechten Stellen bei der Nadelung
getroffen werden, und mit der Nadelung ist sofort dann aufzuhören, wenn sich die schwarz-
dunkle Farbe des Blutes zu rot verfärbt.

Ein Hexenschuß im Bereich des Tongyin-Meridians55 geht mit schmerzen einher, die mit
einem kleinen Hammer in der Taille, der dann ein Gefühl der Schwere verursacht,
vergleichbar sind. Außerdem treten plötzlich Schwellungen auf. Dann muß man den Tongyin-
Meridian nadeln an der Spitze , wo das niederdrückende Gefühl vorhanden ist, direkt
oberhalb der Hammerzehe (Ga38, d. Ü.), und zwar dreimal.

Ein Hexenschuß im Bereich des Yangwei-Meridians56 geht mit Schmerzen einher, die zu
plötzlich auftretenden Schwellungen führen. Dann nadele man diesen Meridian, und da dieser
Meridian mit dem Taiyang-Meridian (Harnblasenmeridian, d. Ü.) in Verbindung steht, nehme
man den Punkt unterhalb der sich teilenden Muskeln an der Wade, 1 Chi oberhalb des Bodens
(Ha57, d. Ü.).

Ein Hexenschuß des Daimai57 bringt es mit sich, daß der Patient sich nicht nach vorwärts und
nach rückwärts an der Taille beugen kann, ein Angstgefühl des Zusammenbruchs befällt ihn
dann. Zurückzuführen ist dies auf das Anheben schwerer Gegenstände, wodurch die Lenden
geschädigt werden, und da der Daimai dann von jeglichem Fluß des Qi abgeschnitten ist,
fließt schlechtes Blut in den blockierten Bereich. Dann nadele man die Stelle zwischen
Weizhong (Ha54) und Weiyang (Ha53), die sich einige Cun oberhalb des Weizhong-Punktes

54Erklärender Zusatz, aus LU 1978:256 übernommen.


55Wang Bing bemerkt dazu in einer Annotation zu dieser Stelle: "Die Verbindungspunktstelle des
Shaoyangmeridians des Fußes, an der der Meridian weiter nach oben verläuft, den äußeren
Fußbereich verläßt am oberen Fußknöchel (huai),...., was dem Verbindungspunkt des Jueyin-
Meridians entspricht, daher "gleich dem Yin-Meridian" (tongyin)...." - Nach LU 1978:256 entweder der
Gallenblasenmeridian, der mit dem Jueyin-Meridian des Fußes in Verbindung steht oder eine
Abzweigung des Gallenblasenmeridians.
56Einer der Acht Außerordentlichen Meridiane.
57Ein weiterer der Acht Außerordentlichen Meridiane.
183

befindet (gemeint ist Ha51, d. Ü.); man nadele den quer verlaufenden Punkt (entweder Ha51
oder Ha53 und Ha51, d. Ü.) zweimal zu Zwecken des Aderlassens.

Ein Hexenschuß im Bereich des Huiyin-Meridians58 geht auch mit Schmerzen einher, die,
wenn sie auftreten, den Kranken Schweiß austreten lassen, der dann heraustritt wie
ausbrechende Wassermassen. Nachdem der Schweißausbruch vorüber ist, fühlt sich der
Kranke durstig und verlangt zu trinken. Nach dem Trinken wird er aufstehen und gehen
wollen, als wate er in Wasser, um es zu verteilen. Dann muß man den dreimal oberhalb des
direkten Yang-Meridians (zhiyang zhi mai)59 nadeln; die zu nadelnde Punktstelle befindet sich
oberhalb des Qiao-Meridians60 und unterhalb des Xi-Punktes, 5 Cun unterhalb der Kniekehle
(Ha54, d. Ü.). Aderlaß ist bei Erscheinungen von Überschuß (sheng) angezeigt.

Ein Hexenschuß des Feiyang-Meridians61 zeigt sich in Form von schmerzen, und wenn diese
auftreten, ist der Kranke in einer seelisch niedergedrückten Stimmung, und bei stärker
werdenden Schmerzen entwickelt er sogar große Traurigkeit und Angst. Dann muß man den
Feiyang-Meridian nadeln, die zu nadelnde Punktstelle befindet sich an der Vorderseite des
Shaoyin-Meridians und ist derjenige Ort, an dem der Feiyang-Meridian mit dem Yangwei-
Meridian zusammentrifft (gemeint ist Punktstelle Ni9, d. Ü.).

Ein Hexenschuß des Changyang-Meridians62 bringt bei Schmerzen im Brustkorbbereich auch


eine Ermüdung durch Sehen mit sich; in schlimmeren Fällen zeigen sich beim Kranken die
Anzeichen eines gekrümmten Rückgrats und einer verdrehten Zunge mit der Unfähigkeit zu
sprechen. Dann müssen die inneren Sehnen (entspricht Punktstelle Ni7, d. Ü.) zweimal
genadelt werden. Die zu nadelnde Punktstelle befindet sich oberhalb des mittleren Malleus
und vor der großen Sehne hinter dem Taiyin, zwei Cun oberhalb des mittleren Malleus.

Ein Hexenschuß des San-Meridians63 geht mit Hitzegefühlen einher; und wenn diese stärker
werden und zunehmen, wird sich der Kranke ziemlich schlecht fühlen mit einem Gefühl, als
sei ein Stück Holz unter seiner Taille quergelegt, auf dem er sich befinde. In schlimmeren
Fällen kommt es zu unkontrolliertem Harnabgang. Dann nadele man den San-Meridian an der

58Zum Verständnis des als Huiyin bezeichneten Meridians gibt es zwei verschiedene Auffassungen:
Wang Bing ist der Meinung, daß es sich um den Taiyang-Meridian des Fußes handle; andere
Kommentatoren haben ihn als den Renmai identifiziert. LU 1978:257 übersetzt ohne diesen
erforderlichen Hinweis mit Renmai. - Huiyin bezeichnet übrigens auch den Damm (Raum) zwischen
After und Geschlechtsorganen (Perineum).
59In der Taisu-Fassung des Huangdi Neijing Suwen findet sich dazu der Hinweis, daß damit

ursprünglich eine Leitbahn gemeint sei, die man auch Huiyang ("Zusammentreffen des Yang")
genannt habe. Sie sei oberhalb des Qiao-Meridians gelegen und des entsprechenden Xi-Punktes
(Kreuzpunktes) der horizontal (quer) verlaufenden Luo-Leitbahn.
60In einer Annotation zu dieser Stelle bemerkt Wang Bing, daß es sich dabei um den Yangqiao Mai,

einen der Acht Außerregulären Meridiane handle - übrigens in Übereinstimmung mit LU 1978:257 in
diesem Punkt.
61Wörtlich "der fliegende Meridian". Die verschiedenen Kommentatoren sind sich uneinig darüber,

welcher der bekannten Meridian mit den entsprechend standardisierten Bezeichnungen darunter zu
verstehen sei. In einer Annotation der Taisu-Fassung des Huangdi Neijing Suwen wird z.B. gesagt,
daß es sich dabei um einen Verbindungsausläufer des Taiyang-Fuß-Meridians handle. Eine genaue
Identifizierung ist heute jedoch nicht mehr möglich.
62Nach Wang Bing der Yinqiao-Meridian, einer der Acht Außerregulären Meridiane. Andere

Kommentatoren hingegen sagen, daß es sich dabei um den Fuß Shaoyin-Meridian der Nieren handle.
63Es herrscht in der Kommentarliteratur weitgehende Uneinigkeit darüber, welcher Meridian genau

mit dieser Bezeichnung gemeint sein könnte. Es könnte sich um den Fuß Jueyin-, den Fuß Shaoyang
oder einen der Ausläufer dieser Meridiane handeln. Zhang Zhicong annotiert an dieser Stelle, daß es
sich um den Chongmnai, einen der Acht Außerregulären Meridiane handle.
184

Stelle zwischen Muskeln und Knochen an der Vorderseite des Knies, seitlich zur quer
auslaufenden Luo-Leitbahn gelegen; der zu nadelnde Bereich liegt dort, wo Muskeln und
Knochen aneinander hängen. Und dort sollte dreimal genadelt werden.

Der Meridian der sich teilenden Muskeln64 zeigt bei Hexenschuß Anzeichen, daß der Patient
nicht mehr husten kann, denn beim Husten entstehen Krämpfe der Sehnen. Man nadele diesen
Meridian zweimal, der zu nadelnde Bereich liegt seitlich des Taiyang und hinter der Juegu-
Punktstelle des Shaoyang (gemeint ist Punktstelle Ga39, was exakt der zu nadelnden
Punktstelle Ga38 entspricht, d. Ü.).

Ein Hexenschuß entlang und beiderseits des Rückgrats, der sich bis zum Kopf hinzieht mit
Gefühlen der Anspannung und des Unwohlseins, verzerrter Sicht und der Neigung, sich
hinzulegen, sollte durch Nadelung des Weizhong-Punktes des Harnblasenmeridians (Ha40
oder Ha54)65 zu Zwecken des Aderlasses behandelt werden.

Ein Hexenschuß einhergehend mit Kältegefühlen in der oberen Körperhälfte sollte durch
Nadelung des Taiyang- und Yangming-Meridians des Fußes behandelt werden; tritt Hitze in
der oberen Körperhälfte auf, sollte man den Jueyin-Meridian des Fußes durch Nadelung
behandeln; kann sich der Kranke weder nach vorn noch nach hinten bewegen, ist die
Nadelung des Shaoyang-Meridians des Fußes indiziert. Treten Hitzegefühle in der mittleren
Körperregion auf, einhergehend mit Hecheln, ist Nadelung des Shaoyin-Meridians des Fußes
und schließlich die Nadelung des Weizhong zu Zwecken des Aderlasses indiziert66. Bei
Hexenschuß mit Kältegefühlen in der oberen Körperhälfte und der dann einhergehenden
Unfähigkeit, nach hinten zu schauen, ist die Behandlung des Fuß Yangming-Meridians durch
Nadelung angezeigt, bei Hitze in der oberen Körperhälfte muß der Taiyin-Meridian des Fußes
genadelt werden67. Und bei Hitzegefühlen in der mittleren Körperregion ist die Nadelung des
Fuß Shaoyin-Meridians indiziert.68 Bei Bewegungsproblemen der Eingeweide nadele man
den Shaoyin-Meridian des Fußes.69 Bei Völlgefühl im Unterleib nadele man den Jueyin-
Meridian des Fußes.70 Bei Rückgratschmerzen, die sich so anfühlen, als wäre das Rückgrat
dabei zu zerbrechen und mit der Unfähigkeit sich nach vorne oder rückwärts zu bücken oder

64Wang Bing bemerkt in einer Annotation zu dieser Stelle: "Wenn es sich Dabei um die Stelle handelt,
an der der Shaoyang (Meridian, d. Ü.) "entsteht" (sheng), dann ist dies jene Stelle des Yangwei-
Meridians, an der sich das Qi entwickelt".
65Beide Punktstellen haben die gleiche Bezeichnung (neben anderen alternierenden).
66In einem anonymen Kommentar zu dieser Stelle wird die Nadelung der Punktstellen Ni1

(Yongquan) und Ni4 (Dazhong) als indiziert angesehen. - Im Original steht an Stelle von Weizhong die
Bezeichnung Xizhong für die hier gemeinte Punktstelle Ha54.
67In einem Kommentar Wang Bings zu dieser Stelle heißt es: "Bei aufsteigender Kälte muß der Yinshi-
Punkt (Ma33) behandelt werden;
kann man den Kopf nicht drehen (gu), muß der Sanli (Ma36) (des Fußes, d. Ü.) genadelt werden. Bei
Hitze in der oberen Körperregion muß der Diji-Punkt (Ma8) durch Nadelung behandelt werden."
68Hier keine Angaben zu den zu nadelnden Punktstellen in den Kommentaren.
69Wang Bing bemerkt dazu in seiner Annotation: "Die zu nadelnde Punktstelle ist der Yongquan
(Ni1)."
70Wang Bing weist in seiner Annotation zu dieser Stelle darauf hin, daß der hier zu nadelnde Punkt

der Taichong (Le3) sei.


185

Dinge anzuheben, nadele man den Taiyang-Meridian des Fußes.71 Bei einer Beeinträchtigung
des Rückgratinneren nadele man den Shaoyin-Meridian des Fußes72.

Bei Hexenschuß im Unterleib und in den 'falschen Rippenregionen'73 mit dem Unvermögen,
sich nach hinten zu beugen, muß die Stelle genadelt werden, an der Lenden und Steißbein
zusammentreffen74 entlang der beiden Seiten des Rückgrats. Wie oft genadelt werden muß, ist
abhängig von der Fülle des Mondes75. Die Besserung kann sich schon unmittelbar nach der
Nadelung anfangsweise einstellen, bei Beschwerden auf der linken Seite, sollte man zur
Nadelung die Punktstellen auf der rechten Seite wählen; bei Beschwerden auf der rechten
Seite, nadele man die Punktstellen der linken Seite.76

71WangBing bemerkt dazu: "Bei Bruchgefühl des Rückgrats nadele man die Punktstelle Shugu (Ha65);
wenn man sich weder nach vorn oder rückwärts bücken kann, sollen die Punkt Jinggu (Ha64) und
Kunlun (Ha60) genadelt werden; und kann man keine Dinge anheben, sind die Punktstellen
Shenmai (Ha62) und Pucan (Ha61) zu nadeln."
72
Wang Bing bemerkt in einer Annotation zu dieser Stelle: "Der in diesem Fall zu nadelnde
Punkt ist der Fuliu (Ni7)".
73
Unverständliche Lagestelle am Körper. Der chinesische Ausdruck hierfür im Original ist
wird in einem anonymen Kommentar zu dieser Stelle mit 'Zuggerät' wiedergegeben.
74
Nach LU 1978:260 die beiden festen Muskeln beiderseits des Rückgrats. Nach einem
anonymen Kommentar entspricht diese Stelle dem Punkt Xialiao (Ma43).
75
Nach LU 1978:60: Einmal Nadelung am 1. des Monats, zweimal Nadeln am 2. des Monats,
fünfzehnmaliges Nadeln am 15. des Monats, fünfzehnmal ( ?) Nadeln am 16. des Monats,
usw.
76
Wang Bing bemerkt dazu in einem Kommentar zu dieser Stelle: "Bedeutet, daß unterhalb
der Hüfte an Kreuz- und Steißbein an beiden Seiten vier Knochenpunktstellen liegen, die
rechts und links zusammen acht Punktstellen ergeben. Diese nennt man dann die Acht
Hüftknochenpunkte. Bei Hexenschußschmerzen unterhalb der Hüfte nehme man den vierten
Hüftpunkt, das ist dann der unter unterste Hüftpunkt. Taiyin-, Jueyin- und Shaoyang-Meridian
des Fußes kreuzen sich alle in der Mitte und laufen hier zusammen..."
186

ZWÖLFTES BUCH

Kapitel 42 Abhandlung über Krankheiten des Windes

Der Gelbe Kaiser fragte: "Wenn der Wind die Gesundheit des Menschen beeinträchtigt,
entstehen entweder Hitze- oder Kältegefühle. Hitzegefühl im mittleren Körperbereich oder
Kältegefühl dort, Pest des Windes (lifeng)1 oder einseitige Lähmung - ja, der Wind kann
wirklich verschiedene Krankheiten mit ganz unterschiedlichen Symptomen hervorbringen. Er
kann auch die Fünf Zang- und die Sechs Fu-Organe ergreifen. Ich verstehe diese Vorgänge
nicht und hätte von dir dazu eine Erklärung".

Qi Bo erwiderte: "Das Qi des Windes2 macht sich in und unter der haut breit, es kann dann
weder nach innen noch nach außen dringen. Der Wind ist ein großer Reisender und unterliegt
häufigen Veränderungen.3 Bei geöffneten Poren der haut schlägt der Wind mit Frösteln und
Kälte zu, bei geschlossenen Poren verursacht der Wind Fiber und allgemeines Unwohlsein.
Dies führt zu Appetitlosigkeit, Fieber schränkt die Muskelfunktion ein. Wenn also der Wind
Frösteln mit Kälte und der Unfähigkeit, Nahrung zu sich zu nehmen, mit sich bringt, so nennt
man dies 'Kälte und Hitze'(hanre).

Dringt der Wind zum Magen über den Yangming-Meridian vor und dann nach oben zu den
mittleren Augenwinkeln auf diesem Meridian, wird bei einer fettleibigen Person der Wind
nicht nach außen dringen können und zu Hitzegefühl in der mittleren Körperregion führen
und die Augen gelblich färben. Bei einer dünnen Person kann der Wind nach außen dringen
und Kältegefühle wahrnehmen. Und so lassen Kältegefühle in der mittleren Körperregion
Tränen entstehen. Bewegt sich der Wind weiter entlang des Yangming-Meridians, passiert er
verschiedene Stellen des Meridians und sich zwischen den sich teilenden Muskeln (fenrou zhi
jian)4 ausbreiten und dort in einen Kampf mit dem Abwehrqi eintreten und so zu einer
Verengung der Durchfahrtswege (des Meridians, d. Ü.) führen. Da schwellen dann die
Muskeln an mit Geschwüren, das Abwehrqi ist eingeschlossen und umzingelt, was zu einer
Gefühllosigkeit der Muskeln führt.

Dann ist da eine Erkrankung der Pest des Windes, bei der sich das Nahrungsqi mit Hitze
vermischt und zu Verfaulungen (der Haut, d. Ü.) führt und unreines Qi hervorbringt, so daß
der Nasenflügel davon befallen wird, an Farbe verliert und es zu Geschwüren der Haut
kommt. Verbleibender Wind und Kälte in den Meridianen nennt man Pest des Windes
(lifeng) oder 'Kälte und Hitze' (hanre).

Schlägt der Wind im Frühjahr zu, was der Konstellation der Himmlischen Stämme Jia und Yi
entspricht, so handelt es sich um einen Wind der Leber.

Schlägt der Wind im Sommer zu, was der Konstellation der Himmlischen Stämme Bing und
Ding entspricht, so handelt es sich um einen Wind des Herzens.

Schlägt der Wind im Hochsommer zu, was der Konstellation der Himmlischen Stämme Wu
und Ji entspricht, so handelt es sich um einen Wind der Milz.

Schlägt der Wind im Herbst zu, was als Jahreszeit der Konstellation der Himmlischen
Stämme Geng und Xi entspricht, so handelt es sich um einen Wind der Lungen.

Schlägt der Wind im Winter zu, was als Jahreszeit der Konstellation der Himmlischen
Stämme Ren und Gui entspricht, so handelt es sich um einen Wind der Nieren.

1LU 1978:261 übersetzt wohl etwas irreführend mit "Lepra".


2Im folgenden einfach immer mit "Wind" bis auf wenige Ausnahmen übersetzt.
3Der Wind weht, wo er will; er ändert seine Windrichtung und auch seine innere Beschaffenheit. Die

TCM kennt die Acht Winde.


4Wörtlich: "zwischen dem Körperfleisch".
187

Greift der Wind die jeweiligen Shu-Punkte der Zang- und Fu-Organe an, so handelt es sich
um einen Wind der einseitigen Lähmung in Abhängigkeit von den Eintrittslöchern, durch die
der Wind eingedrungen ist.

Fährt der Wind nach oben entlang der Punktstelle Fengfu (Du16)5, so entsteht ein Wind des
Brustkorbs. Ist der Wind zur Kopfverbindung vorgedrungen, entsteht ein Wind der Augen mit
einhergehendem Kältegefühl an den Augen. Greift der Wind einen gerade trinkenden
Menschen an, entsteht ein Wind des Schweißausbruchs, und greift der Wind zu in dem
Moment, wo der Sexualverkehr stattfindet, so entsteht innerer Wind. Schlägt der Wind in dem
Augenblick zu, wo man sich gerade den Kopf wäscht, so führt dies zu einem Wind des
Kopfes.

Greift der Wind längere Zeit über an und verbleibt an der betroffenen Stelle, so entsteht ein
Wind der Därme mit Durchfall und darin befindlichen unverdauten Nahrungsanteilen. Hat
sich der Wind in den Poren eingenistet, wird er nach außen treten.

So ist der Wind der Anfang vieler länger andauernder Krankheiten, und unterliegt er einer
Veränderung in seiner Beschaffenheit, entstehen weitere Krankheiten, für die es keine
feststehenden Einordnungsmuster6 gibt. Und immer ist es das Qi des Windes selbst, das
solche Erkrankungen entstehen läßt".

Der Gelbe Kaiser fragte weiter: "Worin bestehen denn nun genau die Anzeichen für eine
Erkrankung des Windes der Fünf Zang-Organe ? Ich möchte etwas über die jeweilige
Diagnose und ihre jeweiligen Anzeichen erfahren".

Qi Bo erwiderte: "Anzeichen für einen Wind der Lungen sind die folgenden: Überreichlicher
Schweißaustritt, Abneigung gegen Wind, leichte weiße Färbung (des Gesichts, d. Ü.),
häufiger Husten, Kurzatmigkeit, Besserung tagsüber und eine Verschlimmerung nachts;
weiße Färbung im Bereich oberhalb der Augenbrauen, was man zur Diagnosestellung als
Anzeichen heranziehen kann. - Die Anzeichen für einen Wind des Herzens sind
Überreichlicher Schweißaustritt, Abneigung gegen Wind, glühend heiße und brennende
Lippen mit seelischer Niedergeschlagenheit und schlechter Laune, rote Färbung (des
Gesichts, d. Ü.), Sprachbehinderung in schlimmeren Fällen; eine rötliche Färbung der Lippen
und der Zunge, was man als Anzeichen in der Diagnosestellung heranziehen kann. - Die
Anzeichen für einen Wind der Leber bestehen in überreichlichem Schweißaustritt, Abneigung
gegen Wind, Traurigkeit aus geringstem Anlaß, einer leicht gräulichen Färbung (des Gesichts,
d. Ü.), Durst in Hals und Kehle, Abneigung gegen Frauen; himmelfarbenes Blau unter den
Augen kann als Anzeichen in der Diagnosestellung dienen. - Anzeichen für einen Wind der
Nieren sind: Überreichlicher Schweißaustritt, Abneigung gegen Wind, Anschwellung des
Gesichts mit Ödemen, Rückgratschmerzen mit der Unfähigkeit, aufrecht zu stehen,
kohlenschwarze Färbung (des Gesichts, d. Ü.), Schwierigkeiten beim sich nach hinten und
vorne beugen; die Schwarzfärbung der Muskeln kann als Anzeichen in der Diagnosestellung
herangezogen werden.

Die Anzeichen für einen Wind des Magens sind überreichlicher Schweißausbruch im
Nackenbereich, Abneigung gegen Wind, Unfähigkeit zu essen und zu schlucken,
Schwellungen am Unterleib, anschwellendes Qi bei Kälte und leichter Bekleidung, Durchfall
bei Einnahme von kalter Nahrung; abgemagerter Körper und erweiterter Unterleib können als
Anzeichen in der Diagnosestellung dienen.

Die Symptome für einen Wind des Kopfes sind: überreichlicher Schweißausbruch,
Abneigung gegen Wind, Kopfschmerzen, die zunehmen an dem Tag, bevor der Wind

5Du-Meridianmit Punktstelle 16.


6Alle
möglichen Krankheiten außer den oben genannten, deren Einordnung in das obige Schema der
Windkrankheiten nicht ohne weiteres möglich ist.
188

zuschlagen wird, mit Angst, nach draußen zu gehen, und Kopfschmerzen, die nachlassen, an
dem Tag, an dem der Wind zuschlägt.

Symptome für einen Wind des Schweißausbruchs sind: überreichlicher Schweißausbruch,


Abneigung gegen Wind bei Tragen leichter Kleidung, Schweißausbruch bei Essenseinnahme,
starker Schweißaustritt in schlimmeren Fällen sowie Asthma mit Abneigung gegen Wind,
vom Schweiß durchtränkte Kleidung, trockener Mund und häufiger Durst, Unfähigkeit zu
schwerer körperlicher Arbeit.

Anzeichen für einen Wind des Austritts7 sind: überreichlicher Schweißausbruch, völlig vom
Schweiß durchtränkte und nasse Kleidung, trockener Mund, völlig durchnäßte obere
Körperhälfte, als wäre man gerade aus dem Wasser gekommen, Unfähigkeit zu schwerer
körperlicher Arbeit, Schmerzen am ganzen Körper, Kältefrösteln."

"Ach so", sagte der Gelbe Kaiser zustimmend.

7Im Original steht Xiefeng, was wörtlich auch mit "Entladen des Windes" übersetzt werden kann.
189

Kapitel 43 Abhandlung über Krankheiten des Bi1

Der Gelbe Kaiser fragte: "Wie entsteht die Krankheit des Bi ?"

Qi Bo erwiderte: "Es ist eine Verbindung von drei Qi, die das Bi erzeugen: Wind, Kälte und
Feuchtigkeit (shi). Herrscht der Wind als Ursache vor, so spricht man von einem 'wandernden
Bi' (xing bi), ist es Kälte, die in erster Linie das Bi entstehen läßt, nennt man es das
"schmerzhafte Bi' (tong Bi), und ist es Feuchtigkeit, die das Bi hervorbringt, nennt man es das
'festgemachte Bi' (zhuo Bi). "

Der Gelbe Kaiser wollte weiter wissen: "Welches sind nun die fünf Arten von Bi ?"

Qi Bo erwiderte: "Es gibt das Bi der Knochen im Winter, das Bi der Sehnen im Frühling, das
Bi der Blutbahnen im Sommer, das Bi der Muskeln, das zu Zeiten des Extremen Yin (zhiyin)
auftritt und schließlich noch das Bi der Haut im Herbst".2

Der Gelbe Kaiser fragte: "Welche Art von Qi läßt denn nun das Bi der Fünf Zang-Organe und
das der Sechs Fu-Organe entstehen ?"

Qi Bo erwiderte: "Die Fünf Zang-Organe haben ihre jeweiligen Verbindungen im Körper, und
wenn das Bi an diesen Verbindungsstellen für längere Zeit vorhält, wird es auch die
entsprechenden Zang-Organe angreifen. Wenn also das Bi der Knochen längere Zeit vorhält,
wenn wird es auch die Nieren in Mitleidenschaft ziehen, wenn das krankmachende Qi erneut
zuschlägt. Hält das Bi der Sehnen längere Zeit vor, wird es auch die Leber in Mitleidenschaft
ziehen, wenn das krankmachende Qi erneut zuschlägt. Das Bi der Blutbahnen wird das Herz
in Mitleidenschaft ziehen, wenn es längere Zeit in den Blutbahnen vorhält und das
krankmachende Qi erneut zuschlägt. Das Bi der Muskeln zieht, wenn es längere Zeit in den
Muskeln vorhält und das krankmachende Qi erneut zuschlägt, auch die Milz in
Mitleidenschaft. Hält das Bi der Haut längere Zeit vor, zieht es auch die Lungen in
Mitleidenschaft, wenn das krankmachende Qi erneut zuschlägt. Das sind die Angrifffsarten
des Bi durch Wind, Kälte und Feuchtigkeit.3

Das Bi der Fünf Zang-Organe hat entsprechend den jeweiligen betroffenen Organen auch
verschiedene Anzeichen (Symptome) zur Folge: Das Bi der Lungen geht mit Erbrechen und
einem Gefühl des Niedergedrücktseins und des Verstopftseins einher.- Das Bi des Herzens hat
Anzeichen wie Verengung der Blutbahnen, ein heftiges Rumoren unterhalb des Herzens
während des Gefühls des Niedergedrücktseins zur Folge sowie nach gegenläufiges Qi nach
oben, Asthma, trockene Kehle und eine Neigung zu übermäßigem Seufzen und Angstgefühl
wegen des nach oben steigenden gegenläufigen Qi. –

Das Bi der Leber beinhaltet Anzeichen wie Schock während des nächtlichen Schlafens,
übermäßiges Trinken von Flüssigkeit mit häufigem Harnlassen, Anschwellung des Unterleibs,
als ob man schwanger wäre. –

1
In der Literatur westlicher Sprachen manchmal etwas irreführend mit "Rheumatismus" übersetzt.
Der folgende Text macht deutlich, daß der Rheuma-Begriff der westlichen Schulmedizin nicht
unbedingt deckungsgleich mit dem der TCM ist.
2Hier wird schon deutlich, daß die Krankheitserscheinungen des Bi nach zwei Kategorien

unterscheiden werden: nämlich einmal nach Ursachenfaktoren (Wind, Kälte, Feuchtigkeit) sowie nach
den Stellen am Körper mit den entsprechenden Jahreszeiten, an und zu denen das Bi auftreten kann.
3Die zweite Unterscheidungskategorie der Bi-Erkrankungen, nämlich die der Körperstellen, an denen

das Bi in Erscheinung treten kann, sind jeweils den Fünf Zang-Organen zugeordnet, denen auch eine
der fünf Jahreszeiten entspricht. Mit dieser Zuordnungssystematik werden Aussagen gemacht, wann
(Jahreszeit) das Bi welche "Gewebestellen" des Körpers (Knochen, Muskeln, usw.) und damit im
schlimmeren Fall auch welches Zang-Organ befällt.
190

Das Bi der Nieren geht mit folgenden Anzeichen einher: Anschwellung des Unterleibs,
Gehen, bei dem man sich auf das Steißbein statt auf die Fersen, und eine solche
Körperhaltung, als ob man das Rückgrat anstelle des Kopfes (beim Aufrechtgehen, d. Ü.)
benutzen würde. –

Das Bi der Milz beinhaltet Schwäche und nachlassende Spannung der vier Gliedmaßen4,
Husten und Aushusten von flüssigen Substanzen und ein überstarkes Gefühl der Füllung im
Brustkorb.5

Das Bi des Darms6 geht mit häufigem Trinken und Schwierigkeiten beim Harnlassen einher7,
Auseinandersetzungen des Asthmas mit dem Qi der Mitte8, häufiger Durchfall und mit
unverdauten Nahrungsresten.

Das Bi der Harnblase geht mit inneren Schmerzen der unteren Bauchregion einher, die man
bei festem Druck der aufgelegten Hand von außen wahrnimmt, einher sowie mit Schmerzen
der Harnblase, Hitzegfühlen in der Haut, als ob man sich mit heißem Wasser waschen würde,
abgescnnürtem (= verringertem d. Ü.) Harnfluß (auf Grund einer Verengung der Flußwege, d.
Ü.) und Austritt von Nasenflüssigkeit in der oberen Körperhälfte.

Das Yin-Qi9 (der Fünf Zang-Organe, d. Ü.) lagert seinem Wesen nach die den jeweiligen
Zang-Organen entsprechenden, d. Ü.) Gemütszustände ab, soweit sich der Mensch in seelisch
ausgeglichenem Zustand befindet. Das Qi des Yin verflüchtigt sich jedoch und stirbt ab, wenn
der Mensch in helle Aufregung gerät. Übermäßiges Essen schadet dem Darm und dem
Magen.

Lassen die krankmachenden Einflüsse Asthma entstehen, so handelt es sich um ein Bi in den
Lungen. Krankmachende Einflüsse, die Sorgen und Grübelei entstehen lassen, sind ein Bi des
Herzens. Krankmachende Einflüsse mit Bettnässen sind ein Bi in den Nieren. Krankmachende
Einflüsse mit einer Erschöpfung des Blutes sind ein Bi der Leber. Krankmachende Einflüsse
mit einer Erschöpfung der Muskeln, sind ein Bi der Milz. Halten diese verschiedenen Arten
des Bi für längere Zeit vor, dringt das Bi nach innen vor. Von einem Bi des Windes erholt
man sich in der Regel schneller."

Der Gelbe Kaiser fragte: "Manchmal führt eine Erkrankung an Bi zum Tode; sie kann aber
auch über längere Zeit anhaltende Schmerzen verursachen, andererseits kann man von einer
Erkrankung des Bi auch relativ schnell genesen. Was ist denn der Grund ?"

4Man kann sie beim Bewegen nicht richtig anspannen; sie sind nicht mehr elastisch genug.
5Es gibt hier verschiedene Arten von Bi, die hier kasusspezifisch unterschieden werden.
6Das Gleicher gilt auch hier.
7Man beachte, dass der Bi-Begriff der TCM nicht mit dem Rheumabegriff der westlichen Schulmedizin

völlig identisch ist.


8Im Original wird für "Qi der Mitte" die Bezeichnung zhongqi verwendet. Nach einem Kommentar von

Zhang Zhicong zu dieser Stelle läßt sich das Qi der Mitte als das Qi des Magens und der Därme
verstehen, das regelwidrig zur Lunge nach oben steigt.
9Unter dem Qi des Yin der Fünf Zang-Organe wird in der Regel die jeweilige Flüssigkeit des

betreffenden Zang-Organs verstanden, die die materielle Basis für die Lebensfunktion des
betreffenden Zang-Organs darstellt. Im Leijing findet sich in Schriftrolle 17, Kapitel 67, der
kommentierende Hinweis: "Das Qi des Yin bedeutet hier das Qi der Fünf Zang-Organe." Insofern ist
es begrifflich nicht mit dem weiter oben angeführten Yin der Organe zu verwechseln. Yinqi ist hier
einfach als Sammelbezeichnung für das Qi der Fünf Zang-Organe zu verstehen. Weiter wird in
diesem Kommentarhinweis ausgeführt: "Da die Zang-Organe die Lagerstatt von Essenz, Geist, Hun
und Po, von Antriebskraft und Verständnis (=Begreifenkönnen, d. Ü.) sind, ist bei einem aufgeregtem
Menschen eine Reinigung von krankmachenden Einflüssen nicht möglich.... Die von außen
kommenden krankmachenden Einflüsse haben von ihnen Besitz ergriffen... Dieser Zustand ist eine
Folge des Bi der Fünf Zang-Organe".
191

Qi Bo erwiderte: "Hat die Erkrankung des Bi die inneren Organe ergriffen , wird man daran
sterben. Verbleibt das Bi jedoch im Bereich von Sehnen und Muskeln, wird dies zu länger
vorhaltenden Schmerzen10 führen. Von einem Bi im Bereich der Haut wird man sich am
schnellsten erholen."

Der Gelbe Kaiser fragte weiter: "Was ist denn nun, wenn sich das Bi unter den Sechs Fu-
Organen breitgemacht hat ?"

Qi Bo erwiderte: "Hierbei handelt es sich um eine Erscheinung des Bi, die sich ursächlich auf
bestimmte Essensgewohnheiten und die Umstände des jeweiligen Aufenthaltsortes als
grundlegende Wurzeln für das Auftreten der Krankheit zurückführen lassen. Natürlich haben
auch die Sechs Fu-Organe ihre Entsprechungen (im äußeren Körperbereich, d. Ü.)11, und
greifen Wind, Kälte und Feuchtigkeit zu gleicher Zeit an diesen Stellen an, deutet dies darauf
hin, daß der Betroffene falsche Essensgewohnheiten hat. Wind, Kälte und Feuchtigkeit
dringen dann ein Körper ein und machen sich in den entsprechenden Fu-Organen breit."

Der Gelbe Kaiser fragte: "Kann man das durch Nadelung behandeln ?"

Qi Bo erwiderte: "Die Fünf Zang-Organe verfügen ja über die entsprechenden Shu-Punkte12


auf ihren Leitbahnen13, und bei den Fu-Organen sind es die jeweiligen He-Punkte14. Eine
wirksame Behandlung läßt sich dadurch erreichen, daß man bei einer Erkrankung des Bi den
jeweiligen befallenen Meridian herausfindet, ihren jeweiligen Anfang und jeweiligen
Verlauf".15

Der Gelbe Kaiser fragte: "Können denn Nahrungs- und Abwehrqi (rongweiqi) auch eine
Erkrankung an Bi entstehen lassen ?"

Qi Bo erwiderte: "Das Nahrungsqi ist das der flüsigen und festen Nahrung eigene Qi16, es
wird durch die Fünf Zang-Organe reguliert und wird an die Sechs Fu-Organe weitergegeben,
bevor es in die Meridiane weiterfließt. Dann durchfließt es die Meridiane nach oben und nach
unten durch die Fünf Zang-Organe und verbindet sich mit den Sechs Fu-Organen17. Das

10Wohl chronischen Schmerzzuständen.


11Dies sind die entsprechenden Shu-Punkte der jeweiligen Fu-Organ-Meridiane. Im Original steht
hierfür shu (Punktstelle).
12Vgl. dazu im einzelnen Anm. 10.
13In einem anonymen Kommentar zu dieser Textstelle heißt es: "Dies sind die Fünf Shu-Punkte an den

vier Gliedmaßen auf den Meridianen der Fünf Zang-Organe, also im Falle des Lebermeridians die
Punktstelle Taichong (Le3), beim Herzmeridian die Punktstelle Daling (Per7), beim Milzmeridian die
Punktstelle Mi3), beim Lungenmeridian die Punktstelle Taiyuan (Lu9) und beim Nierenmeridian die
Punktstelle Taixi (Ni34)."

14In einem anonymen Kommentar zu dieser Stelle heißt es: "Die (jeweiligen, d. Ü.) He-Punkte der
Sechs Fu-Organe befinden sich an den unteren Körpergliedmaßen. Für den Magenmeridian ist der
He-Punkt der Sanli des Fußes (Ma36), für den Dickdarmmeridian ist der entsprechende He-Punkt der
Juxu oder Shanglian (zwei alternierende Bezeichnungen für Ma37, d. Ü.), für den Dünndarmmeridian
ist es der Juxu oder Xialian (alternierende Punktstellenbezeichnung für Ma39, d. Ü.), für den Meridian
des Dreifachen Erwärmers ist es der Weiyang (Ha39), für den Harnblasenmeridian die Punktstelle
Weizhongyang (wegen alternierender Bezeichnungen entweder Ha39 oder Ha53, d. Ü.), und für den
Gallenblasenmeridian ist es die Punktstelle Yanglingquan (Ga34)."
15Eine andere Formulierung für Behandlung der Shu-Punkte im Falle der Zang-Organ-Meridiane (vgl.

Anm. 10) und die Behandlung der He-Punkte im Falle der Fu-Organ-Meridiane (vgl. Anm. 11). Nach
LU 1978:270.
16Hier am besten mit "Energie" zu übersetzen. Auch dies ist nämlich eine der Bedeutungen von Qi.
17D.h., daß Nahrungsqi gelangt von den Zang-Organen zu den Fu-Organen.
192

Abwehrqi ist das rauhe Qi der flüssigen und festen Nahrung, es ist derb, fließt schnell gleitend
weiter, ohne in die eigentlichen Meridiane einzumünden. Beide - Nahrungs- und Abwehrqi -
halten sich in und an der Haut und den sich teilenden Muskeln auf, verdunsten zwischen den
dünnen Umhüllungen (Membranen) und verbreiten sich in Brustkorb und Unterleib. Fließen
sie nach oben, erkrankt der Mensch, fließen sie nach unten, wird der Kranke gesunden. Sie
können sich nicht mit dem Qi des Windes, der Kälte und der Feuchtigkeit verbinden, und so
bringen Abwehr- und Nahrungsqi auch keine Erkrankungen des Bi hervor".

Der Gelbe Kaiser meinte: "Gut. Erkrankungen des Bi können aber zu Schmerzen,
Gefühllosigkeit, Kälte, Hitze, Trockenheit oder Feuchtigkeit führen. Wie würdest du denn das
erklären ?"

Qi Bo erwiderte: "Treten bei einer Erkrankung an Bi Schmerzen auf, so deshalb, weil Kälte
vorherrscht - Kälte verursacht nämlich Schmerzen. Tritt bei einer Erkrankung an Bi
Gefühllosigkeit ohne Schmerzempfinden auf, so deshalb, weil die Krankheit bereits lange
vorhält und schon in die tieferen Regionen vorgedrungen ist mit dem Ergebnis, daß
Nahrungs- und Abwehrqi eingeengt sind, obwohl die Meridiane immer noch weit und offen
sind, was auch die Abwesenheit von Schmerzen erklären würde. Was Gefühllosigkeit angeht,
so läßt sie sich auf den Stillstand der Nahrungsqizirkulation im Bereich der Haut
zurückführen.18 Eine Erkrankung an Bi, die Erkaltung entstehen läßt, ist zu erklären mit einer
zu geringen Masse an Qi des Yang und einem Überhandnehmen des Qi des Yin, wobei
letzteres sich mit der angreifenden Krankheit verbündet und Wahrnehmungen von Kälte
entstehen läßt. Eine Erkrankung des Bi mit Wärmeempfindungen ist das Ergebnis eines
überreichlich vorhandenen Qi des Yang und einem Mangel an Masse von Qi des Yin. Dieser
Zustand hat zum Ergebnis, daß die Krankheit den Sieg davonträgt (nicht durch Yin
ausgeglichen wird, d. Ü.), indem das Qi des Yang das des Yin überwindet. So wird der
Mensch von einer Erkrankung an Bi mit einhergehender Hitze überfallen. Eine Erkrankung
des Bi mit von austretendem Schweiß durchtränkten Kleidern läßt sich auf den Angriff
überreichlich vorhandener Feuchtigkeit zurückführen. In einem solchen Fall ist das Qi des
Yang nur in geringem Maß, das Qi des Yang dafür aber umso reichlicher vorhanden mit dem
Ergebnis, daß die beiden Qi19 sich zu einer geballten Kraft zusammenschließen und zu
überreichlichem Schweißaustritt20 und davon durchtränkter nasser Kleidung führen".

Der Gelbe Kaiser fragte: "Es kann auch vorkommen, daß eine Erkrankung an Bi ohne
Schmerzen auftritt. Wie erklärst du das ?"

Qi Bo erwiderte: "Ein Bi, das die Knochen angreift, führt zu Gefühlen der Schwere; ein die
Blutbahnen angreifendes Bi führt zu Blutgerinnseln und stark eingeschränkter Blutzirkulation.
Das Bi, das die Sehnen in Mitleidenschaft zieht, führt zu eingeschränkter Beweglichkeit;
greift es die Muskeln an, so führt dies zu Gefühllosigkeit; greift es die Haut an, führt dies zu
Hitzeempfindungen. Diese fünf Arten einer Erkrankung an Bi sind schmerzlos. Der an Bi

18LU 1978:271 bemerkt dazu: "Der Text an dieser Stelle enthält eine Formulierung, die eigentlich die
Bedeutung eines geschlossenen Durchfahrtsweges hat. Eigentlich bedeutet sie aber nach Einsicht der
meisten Kommentatoren die Abwesenheit von Schmerzen". - Dabei handelt es sich um die in
verschiedenen Textfassungen unterschiedliche Verwendung der Zeichen tong für "Schmerzen" (mit
Radikal für "Krankheit") sowie von tong für "Durchfahrtsweg" (mit dem Radikal für "gehen"). Beide
Zeichen lauten aussprachemäßig zwar im wesentlichen gleich und unterscheiden sich nur graphisch.
Offensichtlich ist es hier beim Kopieren der Texte in der Vergangenheit zu Schreibfehlern gekommen.
Im vorliegenden Text wird zwar das Zeichen für Schmerzen verwendet, jedoch ist diese Variante nach
Ansicht mancher traditionellen Kommentare eher fragwürdig (vgl. vorliegende Textausgabe,
1991:569, unter Ziffer (2).
19LU 1978:272 übersetzt mit "die beiden Qi des Yin" und erklärt in einem Zusatz, daß es sich dabei um

das krankmachende Qi der Feuchtigkeit, seinem Wesen nach Yin, und um das eigentliche Körperqi
des Yin handle.
20In der Taisu-Fassung des Huangdi Neijing Suwen findet sich an dieser Stelle die Formulierung

"Kälte-Schweiß" (hanhan).
193

Erkrankte nimmt Muskelkrämpfe bei kaltem Wetter wahr und eine Entspannung der Muskeln
bei heißem Wetter."

"Sehr gut", sagte der Gelbe Kaiser.


194

Kapitel 44 Abhandlung über Erkrankungen der Schlaffheit21

Die westliche Schulmedizin kennt Lähmungskrankheiten als "Ausfall ... der motorischen oder
sensiblen Funktionen eines Nerven..." (Pschyrembel, 1990:915), wonach also entweder
Einschränkungen oder Unfähigkeit der Bewegung (motorische Funktion) oder weiterleitenden
Wahrnehmung (z.B. von Schmerzen) für einen bestimmten Körperteil vorliegen können. Auch
in den frühen Texten der TCM sind solche Erscheinungen bekannt, wie der folgende Text
deutlich zeigt. Der ursprüngliche Lähmungsbegriff der TCM war mit der Vorstellung von
Schlaffheit bestimmter Glieder, also deren Bewegungsunfähigkeit, verbunden und spielt hier
auch in erster Linie eine Rolle (also das, was in der westlichen Medizin als "periphere
Lähmung" oder sog. "schlaffe Lähmnung" bezeichnet wird. Allerdings war auch die
sensorische Komponente, also die Schmerz- oder Druckunempfindlichkeit an bestimmten
Körperstellen auf Grund von Lähmung nicht unbekannt. Dies zeigt sich an solchen Stellen des
folgenden Textes, wo wieder von den (rheumaähnlichen) Erkrankungen des Bi (vgl. Kapitel
43) die Rede ist, die ja in bestimmten Fällen auch immer Gefühllosigkeit an bestimmten
Körperstellen einhergehen.

Der Gelbe Kaiser fragte: "Die Fünf Zang-Organe können Lähmungserscheinungen entstehen
lassen. Wie läßt sich das erklären ?"

Qi Bo erwiderte: "Die Lungen üben die Kontrolle über Haut und Haare aus, das Herz die
Kontrolle über die Blutleitbahnen, die Leber über die Sehnen und membranartigen
Verhüllungen, die Milz kontrolliert Muskeln und Körperfleisch, und die Nieren sind für die
Beaufsichtigung der Knochen und des Marks zuständig.

Macht sich in den Lungenflügeln sengende Hitze breit, bedeutet dies eine Schwäche von Haut
und Muskeln, sie trocknen aus und verkümmern, und das führt zu einer Schwäche der Beine,
die einen beim Gehen nicht mehr tragen.

Ein Hitzeqi des Herzens läßt das Qi der Blutleitbahnen im unteren Körperbereich sich
erschöpfen (es entsteht ein Mangel, d. Ü.); und ist dies der Fall, führt dies zu einem Mangel
des Qi in der unteren Körperregion mit dem Ergebnis einer Schwäche der Blutleitbahnen, so
daß die Gelenke sich nicht mehr aufeinander abgestimmt bewegen lassen; es ist so, als man
gleich zusammenbrechen würde und die Beine so schwach sind, daß sie noch nicht einmal
den Boden berühren könnten.

Ein Hitzeqi der Leber führt zum einem Austritt des Gallensaftes, wodurch ein bitterer
Geschmack im Mund entsteht. Sehnen und Membranen trocknen aus, und ist dies der Fall,
entstehen Krämpfe an den Sehnen, was zu einer Lähmung der Sehnen führt.

Ein Hitzeqi der Milz läßt den Magen austrocknen, läßt Durst entstehen und Muskeln und
Fleisch gefühllos werden. Das führt zu einer Lähmung (hier immer zu verstehen im Sinne von
Bewegungsunfähigkeit, d. Ü.) des Körperfleisches.

Ein Hitzeqi der Nieren verhindert die Aufrechtstreckung der Lenden und des Rückgrats; die
Knochen fallen der Verkümmerung anheim und das Mark Rückenmark, d. Ü.) geht zurück.
Und dies führt zu einer Lähmung in den Knochen.

21Eine nähere Zeichenanalyse für wei würde ergeben, daß die ursprüngliche Bedeutung des Zeichens
"keine Kraft" (zur Bewegung) war. Heute wird dieses Zeichen in Zusammenhang mit allen Arten von
Lähmungserkrankungen gebraucht. Im folgenden sprechen wir daher immer von "Lähmung".
195

Der Gelbe Kaiser fragte: "Welches sind denn die Ursachen ?"

Qi Bo gab zur Antwort: "Die Lungen sind die ältesten Organe in der Reihenfolge ihrer
Entstehung beim (neugeborenen, d. Ü.) Menschen, und sie bedecken das Herz. Wenn sich nun
jemand ständig um Gewinn und Verlust sorgt, oder wenn jemand nie genug in der Erfüllung
seiner Wünsche haben (d. h., sich nicht bescheiden) kann, entsteht ein Lungenklirren; und ist
dies der Fall, werden die Lungenflügel erhitzt und versengt. Und darum heißt es auch: 'Die
Fünf Zang-Organe können eine derartige Schwäche der Beine entstehen lassen, die zum
Gehen unfähig macht auf Grund erhitzter und versengter Lungenflügel'22.

Übergroße Traurigkeit führt zu einer Erschöpfung des Qi im Herzbeutelmeridian; und ist dies
der Fall, gerät das Qi des Yang in Aufruhr, so daß das Blut nach unten fließt und zu häufigem
Harnaustritt mit Blutanteilen im Urin führt. Darum heißt es auch im Ben Bing23: 'Ist der
Hauptmeridian (dajing) (der Lunge, d. Ü.) leer auf Grund eines Mangels an Qi, so führt dies
zu einem Bi der Muskeln24, deren Ergebnis in ihrer Funktion geschwächte Blutleitbahnen
sind."25

Der Gelbe Kaiser fragte: "Wie unterscheidet man die verschiedenen Arten von
Lähmungserkrankungen ?"

Und Qi Bo erwiderte: "Das Hitzeqi der Lungen führt zu weißer (Gesichts-) Farbe und
ausfallendem Haar, das Hitzeqi des Herzens führt zu roter (Gesichts-) Färbung und sichtbaren
Blutsubstanzen in den oberflächlichen und unscheinbaren Blutleitbahnen (den Äderchen, d.
Ü.). Ein Hitzeqi der Leber läßt gräuliche Gesichtsfarbe und ausgetrocknete Nägel (der Finger
und Zehen, d. Ü.) entstehen. Ein Hitzeqi der Milz geht mit gelblicher Färbung und zuckenden
Muskeln einher; ein Hitzeqi der Nieren ist die Ursache für Schwarzfärbung und verfallende
Zähne".

Der Gelbe Kaiser entgegnete: "Das stimmt natürlich alles, was du bisher erklärt hast. Aber
warum heißt es, daß man bei Lähmung nur den Yangming-Meridian (des Magens, d. Ü.) bei
Lähmungserscheinungen behandeln sollte ?"

Qi Bo erklärte: "Der Yangming-Meridian des Magens ist das Reservoir der Fünf Zang- und
der Sechs Fu-Organe. Er hält die eigentlichen Sehnen feucht, wie letztere das ihrerseits mit
den Lendenknochen und Gelenken der Lenden tun. Der Chongmai (einer der Acht
Außerordentlichen Meridiane, d. Ü.) ist das Reservoir der anderen Meridiane, er sorgt für den
Wassernachschub in den Flüssen und bewässert die Täler26; der Chongmai trifft auf den
Yangming-Meridian des Magens an den eigentlichen Sehnen27; und so treffen hier Yin- und

22Nach LU 1978:276 können in einem solchen Zustand nicht mehr die anderen Organe (mit Sauerstoff,
d. Ü.) versorgen.
23Eigentlich "Wurzeln (Ursachen) von Krankheiten"; über diese Schrift ist heute in der Literatur der

TCM nichts Näheres bekannt; Kommentare von Wang Bing und anderer zu dieser Stelle lassen den
Schluß zu, daß das Werk bereits zu Zeiten Wang Bings schon als verloren galt.
24Im Text wird zwar originär der Begriff mai, wie er auch für "Meridian" und "Puls" Verwendung

findet, gebraucht, die ursprüngliche Textfassung vor der Redaktion der Taisu-Fassung des Huangdi
Neijing Suwen verwendete jedoch den Begriff ji ("Muskeln") an dieser Stelle. Zum Begriff des Bi vgl.
u.a. vorhergehendes Kapitel.
25Bis hierher werden die Ausführungen zur TCM-Ätiologie und Pathogenese von
Lähmungserkrankungen gemacht, im folgenden geht es um eine Systematik der verschiedenen
Krankheitserscheinungen, die mit Lähmung einhergehen.
26Sinnbild für die Hauptstellen, an denen die Muskeln zusammentreffen, die als "Täler" bezeichnet

werden, bzw. für die Nebenstellen, an denen die Muskeln zusammentreffen, die als "Flüsse"
bezeichnet werden. Da das Meer die Flüsse mit Wasser versorgt, ist das Meer das "Reservoir".
27Nach LU 1978:278 ist dies die Stelle beiderseits der Genitalien und an den unteren Enden der

Nabelschnur.
196

Yang-Meridiane28 an diesen Stellen der eigentlichen Sehnen aufeinander treffen und dann
weiter nach oben verlaufen den Unterleib entlang, um dann wieder an der Straße des Qi29
aufeinander zu stoßen, wo auch der Yangming-Meridian des Magens der Hausherr (wegen der
dort befindlichen Punktstelle Ma30, d. Ü.) ist. Alle zwölf Haupt-Meridiane (der 12 Inneren
Organe, d. Ü.) und die beiden Außerregulären Meridiane (Renmai und Dumai, die zusammen
die Vierzehn Hauptmeridiane bilden, d. Ü.) gehören zum Einflußbereich des Daimai und sind
mit dem Dumai verbunden. Wenn also der Yangming-Meridian des Magens einem Mangel
des Qi ausgesetzt ist, führt dies zu einer Erschlaffung der eigentlichen Sehnen, die der Daimai
dann nicht mehr zusammenziehen kann. Und das hat dann zum Ergebnis, daß sich bei dem
Kranken Lähmungserscheinungen der Beine zeigen und dieser dann nicht mehr gehen kann."

Der Gelbe Kaiser fragte: "Und wie behandelt man das nun ?"

Qi Bo gab zur Antwort: "Zusätzlich zu den entsprechenden Punktstellen des Yangming-


Meridians des Magens30 müssen auch die Shu-Punkte wieder durch Nadelung 'geöffnet" und
jeweiligen Jing-Brunnen-Punkte (die sich an den Enden von Händen und Füßen finden, nach
einem erklärenden Zusatz in der Originalausgabe, d. Ü.) an den befallenen Meridianen
tonisiert werden. Außerdem muß das Verhältnis von Qi-Überschuß und -Mangel wieder in
Einklang zueinander gebracht werden und der Fluß des aufsteigenden und nach unten fließen
Qi erleichtert werden. Dabei muß Rücksicht genommen werden auf den Zustand von Sehnen
und Leitbahnen, auf den der Knochen und des Körperfleisches. Die Behandlung durch
Nadelung sollte während jener Monate vorgenommen werden, in denen das jeweilige
befallene Organ den größten Zufluß an jahreszeitlich bedingtem Qi erhält31. Eine solche
Vorgehensweise wird die Krankheit zur Heilung bringen".

"Gut", sagte der Gelbe Kaiser befriedigt.

Kapitel 45 Abhandlung über Erkrankungen Krankheiten des gegenläufigen Qi32

Der Gelbe Kaiser fragte: "Es gibt durch das gegenläufige Qi verursachte Krankheiten der
Kälte und der Hitze. Was kannst du mir darüber sagen ?"

Qi Bo erwiderte: "Geht das Qi des Yang in der unteren Körperregion zurück, entsteht eine
Krankheit des gegenläufigen Qi der Kälte. Geht das Qi des Yin in der unteren Körperregion
zurück, so entsteht eine solche der Hitze".

Der Gelbe Kaiser fragte weiter: "Erkrankungen eines gegenläufigen Qi der Hitze setzen an
der Fußsohle ein. Was kannst du mir darüber sagen ?"

28Taiyin,-Shaoyin- und Yangming-Meridian, Dumai, Renmai u.a.


29Die Arterien auf beiden Seiten unterhalb des Nabels.
30Erklärender Zusatz, der nicht im Original an dieser Stelle auftaucht, aber auch von LU 1978:279 als

notwendig zum Verständnis durch westliche Leser erachtet wird.

31Z.B.die Leber in den Monaten Januar und Februar, usw. (LU 1978:279). Nach dem Regelsystem der
Doppelkonstellation der Himmlischen Stämme, die in den vorhergehenden Kapiteln bereits öfter
erwähnt und auch ausführlich kommentiert wurde.
32Hier wird die Formulierung Jue Lun verwendet, die eigentlich "Abhandlung über das

Entgegengekehrte" bedeutet. Da es sich hier um Erkrankungen des gegenläufigen Qi handelt, wurde


die Überschrift in der deutschen Fassung mit "Erkrankungen" sinngemäß ergänzt. Bei den im
folgenden behandelten Erkrankungen handelt es sich um solche der Kälte und der Hitze, die als durch
ein gegenläufig nach oben gerichtetes Qi verursacht angesehen werden.
197

Qi Bo erwiderte: "Das Qi des Yang nimmt in der Oberflächenregion der fünf Zehen seinen
Ausgang, und die Yin-Meridiane treffen in der Fußsohle zusammen. Und erringt das Qi des
Yang ein Übermaß an Einfluß, so führt dies zu Hitzegefühlen in der Fußsohle."

Der Gelbe Kaiser fragte: "Erkrankungen eines gegenläufigen Qi der Kälte nehmen an den
fünf Zehen ihren Ausgang und breiten sich dann weiter nach oben aus bis hin zum Knie. Was
kannst du mir dazu sagen ?"

Qi Bo erwiderte: "Das Qi des Yin nimmt im Inneren der fünf Zehen seinen Ausgang, trifft
unterhalb des Knies aufeinander33 und sammelt sich im Bereich oberhalb des Knies an.
Nimmt das Qi des Yin überhand, entstehen Kältegefühle, die von den fünf Zehen bis zum
Bereich oberhalb des Knies reichen. Eine solche Erkrankung kommt immer von innen und
niemals von außen."

Der Gelbe Kaiser fragte: "Welches Ungleichgewicht führt denn zu einem gegenläufigen Qi
der Kälte ?"

Qi Bo erwiderte: "Die Genitalien als Teil der Nieren sind die Stellen, wo die eigentlichen
Sehnen und Taiyin und Yangming zusammentreffen. Im Frühling und im Sommer gibt es
überreichlich Qi des Yang und nur sehr wenig Qi des Yin. Im Winter hingegen nimmt das Qi
des Yin überhand, und das Qi des Yang geht zurück. Jemand, dessen Körper ansonsten
widerstandsfähig genug ist, will dem Qi des Yang verlustig gehen, wenn er sich im Herbst
und Winter übermäßig dem Geschlechtsverkehr hingibt34, so daß das Qi des Yin in der
unteren Körperregion in den oberen Körperbereich eilt und sich dort einer
Auseinandersetzung stellt. Es kann dann nicht in seinen ursprünglichen Zustand
zurückkehren, da reine Qi überflutet nämlich die untere Körperregion, so daß im Gegenzug
das krankmachende Qi nach oben steigt. Die Folge ist, daß das reine Qi ergriffen wird und
sich einem Kampf in der mittleren Körperregion stellen muß, während das Qi des Yang
zurückgeht und so die Meridiane weder feuchthalten noch nähren kann. Das Tag für Tag wird
das Qi des Yang schwächer und schwächer. Das Qi des Yin lebt weiter vor sich hin, und das
erklärt, warum Kältegefühle an der Hand und an den Füßen entstehen."

Der Gelbe Kaiser fragte: "Was führt denn zu einem gegenläufigen Qi der Hitze ?"

Qi Bo erwiderte: "Wenn getrunkener Wein den Magen erreicht, führt dies zu einer
Überfüllung der Luo-Leitbahnen und zu einer Entleerung der Meridiane. Die Aufgabe der
Milz ist ja nun, die Flüssigkeit weiter zum Magen zu leiten. Ist nun aber ein Mangel an Qi
des Yin gegeben, wird das Qi des Yang dessen Platz einnehmen. Und ist dies der Fall, führt
dies zu einer Gleichgewichtsstörung im Magen. Und ist dies der Fall, wird das reine Qi völlig
erschöpft; ist aber das reine Qi völlig erschöpft, kann es nicht mehr die vier Gliedmaßen
ernähren. Ist man noch nicht davon heimgesucht, und gibt man sich dem Geschlechtsverkehr
bei einer Überfüllung des Magens, sammelt und staut sich das Qi in der Milz an, es kann sich
dann nicht ausbreiten. So kommt es dann zu einem Kampf zwischen dem Qi des Weins und
dem Qi der festen Nahrung. Und das führt zu einem Übermaß an Hitze in der mittleren
Körperregion, die sich dann über den ganzen Körper ausdehnt und zu von innen kommender
Hitze und rötlich farbenem Urin führt. Da das Qi des Weins überhand nimmt und sich einer
heftigen Auseinandersetzung mit dem Qi der Nieren, das im Rückgang begriffen ist, liefert,
und das Qi des Yang dabei einen Sieg auf der ganzen Linie davon trägt, entstehen
Hitzegefühle an Hand und Fuß (einschließlich von Armen und Beinen, d. Ü.). "

Der Gelbe Kaiser fragte: "Die Krankheit eines gegenläufig nach oben gerichteten Qi kann zu
Überfüllung des Unterleibs führen, aber auch zu Bewußtlosigkeit innerhalb eines halben oder
auch ganzen Tages. Manchmal erwacht man auch wieder aus der Bewußtlosigkeit innerhalb
eines halben oder auch ganzen Tages. Was kannst du mir dazu sagen ?"

33Wohl das Qi der verschiedenen Yin-Meridiane.


34Nach alter daoistischer Auffassung führt übermäßiger Geschlechtsverkehr zu einer Erschöpfung des
Jing (Essenz) und ist damit der Gesundheit abträglich.
198

Qi Bo erwiderte: "Ist das Qi des Yin übereichlich in der oberen Körperregion vorhanden, wird
dies einem Mangel an Qi des Yin in der unteren Körperregion führen. Ist dies der Fall, stellen
sich Verstopfung und Überfüllung des Unterleibs ein. Ist das Qi des Yang überreichlich in der
oberen Körperregion vorhanden, wird sich das Qi der unteren Körperregion nach oben
begeben, wobei ihm das krankmachende Qi auf den Schritt folgt. Dies führt zu einer
Beeinträchtigung des Qi des Yang. Ist aber das Qi des Yang einer solchen Beeinträchtigung
ausgesetzt, wird der Kranke bewußtlos".

Der Gelbe Kaiser sagte: "Aha. Ich möchte nun aber Näheres über die Anzeichen einer
Erkrankung des gegenläufigen Qi der sechs Meridiane35 hören."

Qi Bo führte dazu aus: "Die Erkrankung des gegenläufigen Qi des Taiyang führt zu
Schwellungen und Schweregefühl des Kopfes, der Unfähigkeit zum Gehen und sogar zu
Mattigkeit. Eine solche des Yangming geht mit zwanghaftem Drang zum Rufen und Schreien
und Hin- und Herlaufen einher, Fülle im Unterleib einhergehend mit der Unfähigkeit, sich
niederzulegen, rötlicher (Gesichts-) Färbung sowie Hitze, mit Wahnvorstellungen und
sonstigen abnormen Verhaltensweisen. Eine derartige Erkrankung des Shaoyang führt zu
akuter Taubheit, Schwellungen an den Wangen, Fieber, Rippenschmerzen und
Unbeweglichkeit des Schienbeins. Ist der Taiyin-Meridian von dieser Krankheit befallen, so
geht das mit Anzeichen von Unterleibsfülle, Blähungen, Verstopfung, geringem Appetit,
Erbrechen von Essen und die Unfähigkeit, sich niederzulegen, einher. Eine solche Erkrankung
des Shaoyin-Meridians führt zu trockenem Mund, Austritt von rötlichfarbenem Urin, Fülle im
Unterleib und Schmerzen des Herzens. Eine derartige Erkrankung des Jueyin-Meridians gibt
mit Anzeichen eines geschwollenen Unterleibs, begleitet von Schmerzen, einher sowie mit
Unterleibsschmerzen überhaupt, nachlassendem Harnfluß, übermäßige Neigung zum
Hinlegen, gekrümmten Knien, zusammenschrumpfenden, aber angeschwollenen Genitalien,
Hitzegefühle innerhalb Schienbeins.

Erscheinungen eines Qi-Überschusses müssen sediert, solche des Qi-Mangels tonisiert


werden. Zeigen sich bei der Krankheit aber Erscheinungen des Qi-Überschusses noch solche
des Mangels36, so handelt es sich einfach um eine Qi-Störung innerhalb des betroffenen
Meridians, die durch Anpassung an die jeweiligen Zustandsbedingungen des Qi in diesem
Meridian behandelt werden sollte.

Eine Erkrankung des gegenläufigen Qi im Bereich des Taiyin-Meridians37 können einen


Überschuß und Mangel des Qi ausmachen und gehen akuten Krankheitswahrnehmungen und
Krämpfen im Schienbeinen, Herzschmerzen mit Auswirkungen auf den Unterleib einher. In
diesem Fall sind die Punktstellen des befallenen Meridians zu behandeln38. Eine solche
Erkrankung des Shaoyin-Meridians geht mit folgenden Anzeichen einher: Überschuß und
Mangel des Qi, Erbrechen, Durchfall mit kalter Substanz, was sich durch Nadelung der
Punkte dieses Meridians behandeln läßt. Eine solche Erkrankung des Jueyin geht mit
Krämpfen an den Sehnen sowie Hexenschuß einher, Überschuß und Mangel des Qi,
Hinderung des Harnflusses, Delirium. Man sollte die entsprechenden Punkte dieses Meridians
behandeln. Eine solche Erkrankung aller drei Yin-Meridiane gleichzeitig geht mit folgenden
Symptomen einher: Verstopfung, gehinderter Harnfluß, kalte Hände und Füße, Eintritt des
Todes innerhalb von drei Tagen. Die Anzeichen einer solchen Erkrankung des Taiyang sind:
plötzliche Mattigkeit, Erbrechen von Blut, Neigung zu Nasenbluten. Behandeln sollte man die
entsprechenden Punkte dieses Meridians. Für den Shaoyang-Meridian handelt es sich um
folgende Anzeichen im Falle einer solchen Erkrankung: behinderte Funktion der Gelenke,

35Gemeint sind die drei Yin- und Yang-Meridiane des Fußes.

36Insolchen Fällen handelt es sich um Einflüsse eines krankmachenden Qi von außen (LU 1978:285).
37Inder Taisu-Fassung des Huangdi Neijing Suwen steht, daß es sich bei nachfolgend genannten
Meridianen um solche des Fußes handelt.
38Im Leijing, Schriftrolle 15, Kapitel 35, wird in einer Annotation zu dieser Stelle darauf hingewiesen,

daß es sich um den betreffenden Yuan-Shu-Punkt des Meridians handle.


199

man kann sich an den Lenden nicht bewegen; der Kranke kann den Kopf nicht nach hinten
drehen, um dorthin zu schauen; Karbunkelschwellungen in den Därmen, die allerdings nicht
durch Nadelung der Punkte dieses Meridians behandelt werden sollten. Unter Schock wird der
Kranke sterben. Für den Yangming-Meridian sind die Anzeichen einer solchen Erkrankung:
Asthma, Husten, Fieber, starke Schockneigung, Nasenbluten und Erbrechen von Blut.

Die Symptome für eine Erkrankung des gegenläufig nach oben gerichteten Qi für den Taiyin-
Meridian der Hand sind: Überschuß und Mangel des Qi mit Husten, häufigem Erbrechen mit
Schaum vorm Mund, was durch Nadelung der Punkte dieses Meridians behandelt werden
kann. Die Symptome für den Meister des Herzens des Shaoyin-Meridians der Hand39 sind
Herzschmerzen mit Auswirkungen auf die Kehle und Körperfieber. Ein solche Krankheit
verläuft tödlich und kann nicht behandelt werden40. Die Symptome für eine solche
Erkrankung des Taiyang-Meridians der Hand umfassen: Taubheit und Bewässerung
(Feuchtigkeit) der Augen, Unfähigkeit, den Nacken nach hinten zu drehen, um nach hinten zu
schauen, Unfähigkeit, sich mit der Hüfte nach vorne oder nach hinten zu beugen. Behandeln
sollte man diese Erkrankung durch Nadelung der Punkte dieses Meridians. Und schließlich
sind die Anzeichen für eine solche Erkrankung des Yangming- und Shaoyang-Meridians der
Hand folgende: trockene Kehle und Nackensteifheit, was durch Nadelung der Punkte dieser
Meridiane behandelt werden sollte.

39Andere Bezeichnung für den Herzbeutel(meridian).


40Weil eine Erkrankung des Herzens auch alle anderen Organe betrifft. Vgl. LU 1978:286.
200

DREIZEHNTES BUCH

Kapitel 46 Abhandlung über die Anzeichen von Krankheit1

Der Gelbe Kaiser fragte: "Was ist die Ursache für eine Karbunkelschwellung des Magens, und
welche Diagnoseanzeichen gib es dafür ?"

Qi Bo erwiderte: "Die Diagnose läßt sich an Hand des Magenpulses stellen, der bei Auftreten dieser
Krankheit tief und fein ist. Ein solcher Puls deutet ja immer auf ein nach oben steigendes Qi hin.
Und ist dies der Fall, ist der Puls an der Punktstelle Renying (Ma9) immer besonders stark
wahrnehmbar, und ein starker Puls führt zu Fieber. An der Punktstelle des Renying läßt sich der
Magenpuls tasten, und bei nach oben steigendem Qi ist der Puls immer besonders stark. Hitze hat
sich dann am Magenausgang angesammelt und setzt sich dort fest. Und so entsteht ein Karbunkel
des Magens."

"Gut", sagte der Gelbe Kaiser und fragte weiter: "Manche Menschen fühlen sich im Schlaf unsicher.
Wie läßt sich das erklären ?"

Qi Bo antwortete: "Bei einer Schädigung der Fünf Zang-Organe ist das reine Qi zum Einfluß in
diese Organe gezwungen, so daß sich der Kranke sicher fühlt. So wird sich jemand unsicher fühlen,
wenn seine Krankheit keine Stelle im Körper hat, wo sie sich einnisten kann. Das ist dann so, als
fliege man ständig in der Luft herum."

Der Gelbe Kaiser fragte: "Manche Menschen können sich nicht auf den Regen legen. Wie kannst du
das erklären ?"

Qi Bo gab zur Antwort: "Die Lunge ist die Decke aller anderen Organe. Ist das Qi der Lunge stark,
ist auch der Puls stark. Ist der Puls stark, kann man nicht auf dem Rücken liegen. Auf weitere
Einzelheiten wird dazu in dem Kapitel "Außergewöhnliches Yin und Yang" (Qiheng Yinyang)
eingegangen".2

Der Gelbe Kaiser fragte: "Fühlt man den Puls im Winter, sollte der (normale, d. Ü.) Puls der rechten
Hand tief und gespannt sein, was mit den vier Jahreszeiten übereinstimmen (und daher für die
Jahreszeit des Winters passen, d. Ü.) würde. Ein oberflächlicher Puls der linken Hand, der zudem
noch langsam ist, entspricht nicht den vier Jahreszeiten. Da ein langsamer Puls den Nieren
entspricht, würde ein langsamer Puls an der linken Hand auf eine Nierenerkrankung hindeuten. Und
dies würde auch die Lunge in Mitleidenschaft ziehen, denn schließlich entspricht der Puls der
Oberfläche den Lungen. Und der Kranke wird einem Hexenschuß anheim fallen."

Der Gelbe Kaiser fragte: "Welche Erklärung hast du dafür ?"

1Hier geht es nur um vier ganz spezifische, aber sicher in sich verschiedene Krankheiten: Schwellungen des
Magens und Nackens, gegenläufiges Qi des Yang und "Wind des Alkohols". Behandelt werden ihre
jeweilige Pathogenese, diagnostische Pulsmerkmale, sonstige Diagnoseanzeichen und ihre jeweilige
Therapierung.
2Eine Schrift, über die wohl schon zu Zeiten Wang Bings nichts Näheres mehr bekannt war.
201

Und Qi Bo erwiderte: "Der Shaoyin-Meridian führt über die Nieren und verbindet sich mit dem
Meridian der Lunge. Der Lungenpuls tritt also im Bereich der Nieren in Erscheinung, und dies
deutet auf eine Erkrankung der Nieren hin. Und darum wird der Kranke an einem Hexenschuß
leiden, der durch eine Erkrankung der Nieren hervorgerufen ist."

"Gut", sagte der Gelbe Kaiser und sprach weiter: "Manche Menschen leiden auch einem Karbunkel
des Nackens, das man entweder durch Behandlung mit einer Steinnadel (wohl zum Öffnen, d. Ü.)
oder durch Akupunktur-Nadelung und Moxibustion behandeln kann. Welche dieser Möglichkeiten
ist denn angemessener ?"

Qi Bo erwiderte: "Hier liegen im Prinzip zwei verschiedene Krankheiten vor, die jedoch den selben
Namen haben. Befindet sich das Qi des Karbunkels im Zustand der Ruhe, kann man es mit Hilfe
einer Nadel entfernen. Handelt es sich aber um einen Zustand des Karbunkel-Qi, das stark ist und
mit Blutklumpen einhergeht, sollte es mit Hilfe einer Steinnadel sediert werden. Dies nennt man
eine 'Krankheit gleichen Namens mit unterschiedlicher Behandlung'."

Der Gelbe Kaiser fragte: "Worauf ist denn Wahnsinn (wohl Geisteskrankheit im allgemeinen Sinne,
d. Ü.) zurückzuführen ?"

Qi Bo erwiderte: "Die Ursache ist ein Qi des Yang?"

Der Gelbe Kaiser fragte weiter: "Und wie führt ein Qi des Yang zu Wahnsinn ?"

Qi Bo führte aus: "Ein Qi des Yang kann sehr leicht zu einem Verlust an Selbstbeherrschung führen
wegen seines akuten Auftretens und seinem plötzlichen Hereinbrechen. Die Bezeichnung für eine
solche Krankheit ist gegenläufiges Yang (Yang Jue)".3

Der Gelbe Kaiser fragte: "Woran läßt sich diese Krankheit erkennen ?"

Qi Bo erwiderte: "Der Yangming-Meridian (des Fußes, d. Ü.) befindet sich in ständiger Bewegung,
während sich Taiyang und Shaoyang (des Fußes, d. Ü.) im Ruhezustand befinden. Sind aber
Taiyang und Shaoyang, die sich ja eigentlich im Ruhezustand befinden sollten, schnellen
Bewegungsabläufen ausgesetzt, ist das ein Anzeichen (Symptom) für eine solche Erkrankung des
gegenläufigen Yang".

Der Gelbe Kaiser fragte: "Wie kann diese Krankheit denn am besten behandelt werden ?"

Qi Bo erwiderte: "Im Prinzip einfach damit, daß man kann Essen zu sich nimmt. Denn die
aufgenommene Nahrung macht sich im Yin-Bereich des Körpers breit, und dadurch wird dem
Yang-Bereich weiteres Qi zugeführt. Und das ist auch der Grund, warum die Krankheit geheilt
wird, wenn man das Essen (vorübergehend, d. Ü.) einstellt. Dem Patienten kann dazu noch etwas
Eisenpulver zugeführt werden, weil dies das überreichlich vorhandene Qi sehr schnell zurückgehen
läßt".

Der Gelbe Kaiser sagte: "Gut", und fuhr fort: "Es gibt manche Menschen, die an einem Fieber, das
dem ganzen Körper erfaßt hat, leiden, mit Müdig- und Mattigkeit einhergehend, Abneigung gegen
Wind und nur wenig vorhandemem Qi. Um was für eine Erkrankung handelt es sich hier ?"

3Für ein Yang, das hier regelwidrig nach oben steigt.


202

Qi Bo antwortete: "Es handelt sich um eine Erkrankung, die man als 'Alkohol des Windes'
bezeichnet".

Der Gelbe Kaiser fragte: "Und wie kann sie behandelt werden ?"

Qi Bo erwiderte: "Für die Behandlung setze man folgende Rezepturen ein: 10 Fen (1 Fen = 0, 3 g)
an Rhizoma Alismatis sowie 10 Fen an Rhizoma Atractylodis Macrocephalae und 5 Fen an Pyrola
rotufundia L. Die jeweilig einzunehmende Dosis vor einer Mahlzeit sollte dem als Richtwert
entsprechen, was man mit drei Fingern fassen kann. Ein tiefer und feiner Puls wie einer Nadel, die
man mit einem Finger anfaßt, ist typisch für dieses Krankheitsbild. Dabei muß der Arzt seinen
Finger mit Druck auflegen, um den Puls wahrnehmen zu können, und wenn sich das Qi (in den
jeweiligen Organen, d. Ü.) angesammelt hat (z.B. das Qi der Leber in der Leber, das Qi der Lunge
in der Lunge u.ä., d. Ü.), sollte der Puls fest (hart) sein. Nach oben aufsteigend eilendes Qi geht mit
starkem Puls einher. Der Obere Klassiker (shangjing) behandelt die Entsprechungen von Qi und
Himmel, während der Untere Klassiker (xiajing) die Veränderung der Krankheiten behandelt. Im
Goldenen Schrank geht es um die Kriterien für Leben und Tod, und im Klassiker des Geschätzten
wird die Tiefe einer Krankheit und im Klassiker des Außerregulären und des Bleibenden die
außerregulären Erkrankungen behandelt. Eine Erkrankung, die man "außerregulär" nennt, führt
nicht zum Tode nach den Regeln, die für die Vier Jahreszeiten gelten; eine verbleibende (wohl
chronische, d. Ü.) Erkrankung führt zum Tode nach den Regeln, wie sie für die Vier Jahreszeiten
gelten. Der Ausdruck "geschätzt" bedeutet hier einmal, daß man den Sitz der Krankheit durch
Pulsfühlung feststellt, weiterhin aber auch, daß man den Eintritt des Todes voraussagen kann nach
dem Muster der Vier Jahreszeiten.4

4Diese letzte Textpassage war außerordentlich schwer zu übersetzen und erforderte sehr viel zusätzlichen
Rechercheaufwand: Die Bezeichnungen für die Rezepturen sind im Original nicht eindeutig und können
mehrere Pflanzen bezeichnen, auch die einschlägigen Kommentare zu diesen Stellen helfen hier wenig
weiter. Z.T. gibt es für diese Bezeichnungen im Deutschen keine angemessenen Entsprechungen, so daß wir
uns entschlossen haben, an den fraglichen Stellen die botanischen Bezeichnungen in Anlehnung an LU
1978:292 zu übernehmen. Außerdem scheinen die erste und der letzte zweite Hälfte des letzten Textabschnitt
unterschiedlicher Herkunft und nur durch redaktionelle Einfügung später "vereint" worden zu sein. Die
inhaltlichen Sprünge von der Darlegung zu den beiden Rezepturen in der ersten Abschnitthälfte zu den
Verweisen auf die diversen heute nicht mehr bekannten medizinischen Klassiker in der zweiten
Abschnitthälfte sind nur allzu deutlich und weder inhaltlich noch textgeschichtlich in sich kohärent.
203

Kapitel 47 Abhandlung über Außerreguläre Krankheiten5

Der Gelbe Kaiser fragte: "Im neunten Monat der Schwangerschaft6 zeigen sich bei einigen Frauen
Anzeichen einer Heiserkeit. Wie läßt sich das erklären ?"

Qi Bo erwiderte: "Der Grund dafür ist, daß die Luo-Leitbahn der Gebärmutter (vom Meridian der
Nieren, d. Ü.) abgeschnitten ist."

Der Gelbe Kaiser fragte: "Wie läßt sich das genauer erklären ?"

Qi Bi erwiderte: "Die Luo-Leitbahn der Gebärmutter ist mit den Nieren verbunden, und da der
Shaoyin-Meridian der Nieren über diese verläuft und mit der Zungenwurzel verbunden ist, ist die
Patientin am Sprechen gehindert".

Der Gelbe Kaiser wollte wissen: "Wie kann so etwas behandelt werden ?"

Qi Bo erwiderte: "Das muß nicht behandelt werden, da sich die von Heiserkeit befallene Frau von
selbst im zehnten Monat nach Austragung des Kindes davon erholen wird. In der Abhandlung über
Nadelungstechniken (Cifa)7 heißt es: 'Verursache keine Schädigung bei einem Anzeichen des
Mangels und setze das Überschuß-Anzeichen (dadurch, d. Ü.) nicht in Vorteil. Denn dies könnte
zur Entstehung von Krankheit führen, die hinterher der Behandlung bedarf'. Die Formulierung
'verursache keine Schädigung bei einem Anzeichen des Mangels' bedeutet, daß bei schwachen und
mageren Patientinnen von Nadelung abzusehen ist. Die Wendung 'Setze das Überschuß-Anzeichen
nicht in Vorteil' bedeutet, daß das im Unterleib Gestalt annehmende Wesen in seinem Qi nicht
sediert werden sollte, weil ein solches Sedieren auch eine Sedierung des reine Qi bedeuten würde
und dies zu einer inneren Erkrankung führen könnte".

Der Gelbe Kaiser fragte: "Manche leiden an einer Fülle unterhalb der Rippen mit gegenläufigem Qi,
was zwei oder drei Jahre lang vorhalten kann ohne Anzeichen einer Besserung. Um was für eine
Erkrankung handelt es sich in diesem Fall ?"

Qi Bo erwiderte: "Diese Krankheit nennt man eine Erkrankung des 'angesammelten Atems" (xiji)8;
sie stört die Nahrungsaufnahme nicht und sollte weder durch das Abbrennen von Moxawolle

5Im vorigen Kapitel wurde bereits eine Definition für den Begriff der Außerregulären Krankheiten (qi bing)
angeboten: nämlich solche, die nach dem Gesetz der Vier Jahreszeiten (d.h., innerhalb des Schemas vom
Entstehen und der Überwindung der Elemente untereinander) nicht zum Tode führen. - Die meisten der in
diesem Kapitel erwähnten Krankheiten werden oder können nicht behandelt werden; manche enden sogar
mit dem Tod ohne die Möglichkeit einer Behandlung.
6In der TCM läßt sich die Vorstellung von einer neunmonatigen Schwangerschaft mit der traditionellen

Vorstellung von der Entstehung der einzelnem Organe im Körper des entstehenden Menschen erklären.
Wird in der TCM heute nicht mehr aufrecht erhalten.
7Entspricht Kapitel 72 der ursprünglichen Fassung des Huangdi Neijing Suwen, das als verloren gegangen

gilt.
8In der Jiayi-Fassung steht anstelle von ji das Zeichen ben in der Bedeutung von "kühn, tapfer". Nach den

alten Kommentaren geht es vor hier um eine


204

(=Moxibustion, d. Ü.) noch durch Nadelung (=Akupunktur, d. Ü.) behandelt werden. Vielmehr sind
hier Atem- und Gymnastikübungen (daoyin)9 in Verbindung mit der Gabe von Medikamenten
angezeigt; jedoch kann allein die Gabe von Medikamenten die Krankheit nicht zur Heilung
bringen".

Der Gelbe Kaiser fragte: "Einige Menschen leiden an Schwellungen an der Oberschenkel und
darunter, am Schienbein, und an Schmerzen um den Nabel herum. Um welche Erkrankung handelt
es sich hier im vorliegenden Fall ?"

Qi Bo erwiderte: "Diese Krankheit nennt man 'verborgenen Balken' (fuliang), und der Wind ist ihre
Ursache. Das Qi überschwemmt umliegenden Bereiche des Dickdarms und wird im Bereich
unterhalb des Herzens und oberhalb des Zwerchfells zur Stauung gebracht. Der Ausgangspunkt für
den Bereich unterhalb des Herzens und oberhalb des Zwerchfells findet sich genau unterhalb des
Nabels (gemeint ist die Punktstelle von Renmai 6, d. Ü.), und daher zeigen sich dann auch
Schmerzen in den den Nabel umgebenden Bereichen. Die Kranke sollte nicht beeinflußt werden, da
dies sonst zu vermindertem Harnabgang führen würde".

Der Gelbe Kaiser fragte: "Bei manchen Menschen zeigt sich ein sehr schneller Pulsschlag an der
Chi-Pulsfühlungsstelle des Handgelenks mit akut ausbrechenden Sehnenkrampf. Was ist die
Bezeichnung für eine solche Krankheit ?"

Qi Bo erklärte: "Hierbei handelt es sich um Krämpfe der Unterleibsmuskeln. Hat der Kranke eine
weiß-schwarze Gesichtsfarbe, handelt es sich um einen sehr schweren Fall."

Der Gelbe Kaiser fragte: "Man kann auch an Kopfschmerzen leiden, die viele Jahre ohne jegliche
Besserung vorhalten. Welche Ursache führt dazu, und wie nennt man eine solche Erkrankung ?"

Qi Bo antwortete: "Menschen, die daran leiden, stehen unter starkem Kälteangriff, wobei die Kälte
bis ins Mark der Knochen vordringt, und steigt das Qi der Kälte regelwidrig zum Gehirn nach oben,
führt dies zum Auftreten von Kopf- und Zahnschmerzen. Diese Erkrankung nennt man 'Krankheit
des gegenläufigen Qi'".

"Gut", sagte der Gelbe Kaiser.

Und der Gelbe Kaiser fragte weiter: "Einige Menschen haben einen süßen Geschmack im Mund,
was ist der Name dieser Krankheit, und was ist ihre Ursache ?"

Qi Bo erklärte: "Die Ursache ist eine Überflutung durch die fünf Qi10, und die Bezeichnung für
diese Krankheit ist "Hitze der Milz" (pidan). Der Weg der Fünf Geschmäcker führt über den Mund,
die dann im Magen gespeichert werden. Die Aufgabe der Milz besteht ja darin, daß aus der

Ansammlung von Lungen- und Leberqi.

9Im Daoismus die frühe Vorform von Atem- und Körperbewegungsübungen, aus denen sich später Qigong
und Taijiquan entwickelt haben.
10Die verschiedenen traditionellen Kommentatoren sind an dieser Stelle durchaus verschiedener Ansicht,

was unter den fünf Qi (wuqi) an dieser Stelle genau zu verstehen ist: Bei Wang Bing ist es das Qi der fünf
Zang-Organe, bei Zhang Zhicong und Gao Shizong handelt es sich um das Qi der Milz, während Zhang
Jiebin u.a. die Ansicht vertreten, daß hier das Qi der fünf Getreide (wugu zhi qi) gemeint sei.
205

Nahrung gewonnene und von auszuscheidenden Substanzen getrennte reine Qi an den Körper
weiterzuleiten. Staut sich aber Flüssigkeit in der Milz an, so führt dies zu einem süßlichen
Geschmack im Mund. Die Krankheit läßt sich auf die Einnahme fetthaltigen Essens zurückführen,
und jemand, der an einer solchen Krankheit leidet, muß vorher häufig süße und fetthaltige Nahrung
zu sich genommen haben. Eine fetthaltige Nahrung läßt innere Hitze entstehen, süßliche Nahrung
führt zu Fülle in der mittleren Körperregion, und wenn das (dadurch entstandene, d. Ü.)
überschüssige Qi bis in die obere Körperregion vordringt, führt dies zu Diabetes. Diese Krankheit
kann durch die medikamentöse Gabe von duftendem Wasserdost (lancao)11 behandelt werden; sie
führt zur Auflösung des angestauten Qi".

Der Gelbe Kaiser sagte: "Manche Menschen haben einen bitteren Geschmack im Mund, die durch
Nadelung der Punktstelle Yanglingquan (Ga34) behandelt werden kann - wie heißt diese
Erkrankung, und was ist ihre Ursache ?"

Qi Bo erwiderte: "Man nennt sie 'heiße Gallenblase (dandan). Die Leber ist ja wie ein General und
nimmt die Einschätzungen der Gallenblase entgegen. Die Kehle ist der Adjutant der Leber und der
Gallenblase, und ist ein Mensch häufig unentschlossen, wird die Funktion seiner Gallenblase
nachlassen und der Gallensaft nach oben überflutend fließen, was zu dem bitteren Geschmack im
Mund führt. Dazu sollte man die Mushu-Punktstellen des Gallenblasenmeridians behandeln (Ga24,
Ha19). Über diese Behandlungsmethode wird bereits in dem Werk 'Die gegenseitigen Dienste der
Zwölf Yin-Yang Beamten' berichtet."12

Der Gelbe Kaiser fragte: "Bei manchen Menschen kommt des vor, daß sie keinen Harn lassen
können, obwohl sie eigentlich viele Male am Tag Urin lassen müßten. Das kann doch nur bedeuten,
daß es sich um eine Mangel-Erkrankung handelt. Ihre Körper sind glühend heiß, Nacken und
Brustkorb sind verengt, als ob sie voneinander abgeschnitten wären, der Pulsschlag an der
Punktstelle Renying (Ma9) ist hastig und tritt auch Asthma und einer Erkrankung des gegenläufigen
Qi nach oben auf. Also handelt es sich um eine Überschuß-Krankheit. Der Puls des Taiyin-
Meridians (Milz, d. Ü.) scheint zu verschwinden und ist so fein wie ein Stück Haar, was wiederum
das Anzeichen für eine Mangel-Erkrankung ist. Wo ist der Sitz dieser Krankheit, und wie wird sie
bezeichnet ?"

Qi Bo erwiderte: "Es handelt sich um eine Erkrankung des Taiyin, und der starke Pulsschlag läßt
sich auf den Magen zurückführen, was auch die Lungen in Mitleidenschaft13 zieht. Die
Bezeichnung für diese Krankheit ist 'Gegenläufig' (jue) (die Gegenläufigkeit des Qi ist hier nach
sein Nachobenströmen, d. Ü.). Sie führt zum Tode und kann nicht behandelt werden. Und so sagt
man auch, daß dies die Krankheit der fünf Überschüsse und der zwei Mängel sei."

Der Gelbe Kaiser fragte: "Was bedeutet denn 'fünf Überschüsse' und 'zwei Mängel' ? "

Qi Bo erwiderte: "Die fünf Überschüsse sind die Überschüsse des Qi der fünf Krankheiten, die
beiden Mängel weisen auf den Mangel des Qi der Krankheiten hin. Denn beim Patienten zeigen
sich fünf Anzeichen von Überschuß in der Oberflächenregion und zwei Anzeichen von Mängel in

11Diebotanische Bezeichnung hierfür ist Eupatorium chinensis.


12Daszitierte Werk gilt als verloren gegangen.
13Daher auch die Anzeichen von Asthma und des gegenläufig nach oben gerichteten Qi. LU 1978: 297.
206

der tiefer liegenden. Also leidet er weder an einer typisch oberflächlichen noch an einer typisch
tiefer liegenden einfachen Krankheit. Insofern handelt es sich um ein sehr deutliches Anzeichen für
den bevorstehenden Tod".

Der Gelbe Kaiser fragte: "Einige Babys werden mit einer Krankheit des Kopfes geboren. Wie ist
die Bezeichnung für diese Krankheit, und auf welches Weise zieht man sie sich zu ?"

Qi Bo erwiderte: "Die Bezeichnung für diese Krankheit ist 'Krankheit der Leibesfrucht' (taibing).
Das Baby zieht sich diese Krankheit noch im Mutterleib zu, wenn die Mutter während der
Schwangerschaft einem starken Schock anheimfällt, was zu einem Fluß des Qi nach oben führt, da
das Qi in seinem Fluß nicht mehr nach unten gelangen kann. Das führt dazu, daß das reine Qi des
Yang in der Leibesfrucht ebenso nach oben steigt und zu einer Erkrankung des Kopfes in der
Leibesfrucht führt".

Der Gelbe Kaiser fragte: "Manche Menschen leiden an Wasserschwellungen (Ödemen, d. Ü.) und
zeigen dabei einen starken und gespannten Puls, sie haben weder Schmerzen, sind nicht
abgemagert, können aber nicht essen, haben nur wenig Appetit. Wie nennt man denn eine solche
Krankheit ?"

Qi Bo erwiderte: "Diese Krankheit hat ihren Sitz in den Nieren, und diese Krankheit trägt die
Bezeichnung 'Wind der Nieren'. Leidet man an einer solchen Krankheit, kann man nicht essen und
befindet sich häufig in Schockzustand. Ist nach dem Schock das Qi bei diesem Menschen
lahmgelegt, wird der Patient an dieser Krankheit sterben".

"Ach so", sagte der Gelbe Kaiser (zufrieden über diese Auskunft, d. Ü.).
207

Kapitel 48 Abhandlung über größere Außerreguläre Krankheiten14

In diesem Kapitel werden verschiedene Krankheiten (oder besser als krankhaft zu


betrachtende Zustände) angeführt, die in der Regel weder behandelt werden oder behandelt
werden können. In den meisten Fällen wird sogar der Tod des Kranken vorausgesagt. Die
Ausführungen zu den einzelnen Fällen kommt über die Ansätze einer kurzen Skizze nicht
hinaus, in vielen Fällen fehlt sogar der Hinweis auf eine Pathogenese, detaillierte Angaben
zur Therapie werden nicht gemacht. Andererseits wird an verschiedenen Stellen der Eintritt
des Todes zu einer bestimmten Jahreszeit bei Vorliegen bestimmter Pulsmerkmale
vorausgesagt. Es hat hier sehr stark den Anschein, daß es sich hier eher um klinische
Erfahrungsberichte mit einer stark kasuistischen (einzelfallbezogenen) Ausrichtung denn um
einen eigentlichen Lehrtext mit Ausführungen zu den Hintergründen für das Auftreten einer
Krankheit handelt. Daß solche klinischen Erfahrungsberichte in der TCM-Grundausbildung
im alten China Unterrichtsgegenstand gewesen wären, ist eigentlich nur schwer vorstellbar.
Da die Dialogtexte zwischen dem Gelben Kaiser mehrheitlich den Text des vorliegenden
Werkes ausmachen und eine stark instruktionsbezogene Intention haben, läßt sich schon
vermuten, daß der in diesem Kapitel vorliegende Text aus einer anderen literarischen Quelle
stammt und später irgendwann in den eigentlichen Dialogtextkorpus redaktionell integriert
wurde. Die im folgenden benutzten Vergleichsbilder sind zum überwiegenden Teil dem
Landleben einer bäuerlichen Gesellschaft entnommen, und manches ist heute nur sehr schwer
vorstellbar, wenn man nicht den direkten Bezug zu einem solchen naturverbundenen
Landleben hat. Drittens ist darauf hinzuweisen, daß hier die Definition der "Außerregulären
Krankheit", wie sie sich im vorhergehenden Kapitel findet, hier nicht durchgängig
eingehalten wird. Dies Inkohärenz des Textinhalts ist auch angesichts der Vielschichtigkeit
der Quellen eingefügter Texte schon gar nicht mehr verwunderlich.

Eine Überfüllung der Leber mit Qi führt auch zu einer Überfüllung der Nieren mit Qi und das
wiederum zu einer Überfüllung der Lungen mit Qi. In all diesen Fällen handelt es sich um
Erscheinungen einer Erkrankung von Qi-Überschuß, die zu Schwellungen (Karbunkeln)
führen.

Karbunkel der Lungen zeichnen sich aus durch Asthma, mit Füllung der Rippen durch Qi auf
beiden Seiten, Karbunkel der Leber gehen mit Überfüllung durch Qi im Rippenbereich (wie
im Falle der Lungen, d. Ü.) auf beiden Seiten einher mit Schockwirkungen beim Liegen und
vermindertem Harnfluß. Karbunkel der Nieren führen zu Gefühlen der Überfüllung von der
Fußunterseite an bis hin in den Unterleib, auftretende und wieder abklingende Schwellungen
im Bereich des Schienbeins, Schwellungen an den Oberschenkeln, Schwierigkeiten beim
Laufen, vollständige Lähmung einer Körperhälfte. - Ein voller und starker Herzpuls geht mit
nervösen Zuckungen