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Annika 

Götz

Kritik der
Öffentlichkeiten
John Dewey neu denken
Kritik der Öffentlichkeiten
Annika Götz

Kritik der
Öffentlichkeiten
John Dewey neu denken
Annika Götz
Frankfurt/Main, Deutschland

Dissertation an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, 2016.

ISBN 978-3-658-17731-7 ISBN 978-3-658-17732-4  (eBook)


DOI 10.1007/978-3-658-17732-4

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Danksagung

Ich bedanke mich herzlich bei Axel Honneth für die Betreuung der Dissertation.
Weiterhin danke ich Dirk Jörke. Für Unterstützung bei der Erarbeitung des sozi-
alwissenschaftlichen Teils gilt mein Dank Julian Wolf und Peter Gostmann. Die
Arbeit wäre nicht möglich gewesen ohne die Offenheit und die freundliche Materi-
albereitstellung des Archiv Exzess, des Stadtarchivs Moerfelden-Walldorf sowie des
bewegungseigenen Archives der Coordination gegen Bayer-Gefahren: Dankeschön!
Für das hilfreiche und geduldige Lektorat des Manuskripts danke ich herzlich
­Alexander Losse. Zuletzt gilt mein Dank meiner Mutter und meinen Schwestern.
Inhalt

Einleitung 11

I. Die Öffentlichkeit und ihre Probleme 25


1. Forschungsstand 25
  1.1. Amerikanische Rezeption Deweys 27
  1.2. Deutsche Rezeption 30
2. Die Öffentlichkeit und ihre Probleme 39
  2.1. Demokratie als politischer Prozess und soziale Idee 44
  2.2. Deweys Öffentlichkeitskonzeption in Abgrenzung zu
   normativ-demokratischen Öffentlichkeitstheorien 50
3. Die Konstitution von Öffentlichkeit 59
  3.1. Die Herausforderungen 65
   3.1.1. Folgen, Folgenerkenntnis, Folgeneinschätzung 66
   3.1.2. Das Problem der Apathie 72

II. Sozialwissenschaftliche Perspektiven 75


4. Untersuchung zweier Öffentlichkeiten 83
  4.1. Die Bewegung Startbahn West 83
  4.2. Coordination gegen Bayer-Gefahren 85
5. Auswertungsvorgehen 89
6. Thesen 91
  6.1. Die Ausbildung einer Öffentlichkeitsidentität 91
  6.2. Moralisierung 95
  6.3. Wahrheit als moralische Macht 100
  6.4. Betroffenheit 101
  6.5. Generalisierung 102
  6.6. Weitere Studien 106

III. Die Weiterentwicklung der Öffentlichkeitskonzeption Deweys 113


7. Spezifische und allgemeine Öffentlichkeiten 113
  7.1. Spezifische Öffentlichkeiten 113
  7.2. Allgemeine Öffentlichkeit 120
  7.3. Qualitäten einer Öffentlichkeit 123
   7.3.1. Instrumentelle Öffentlichkeit 123
   7.3.2. Sinnstiftende Kollektividentitäten 125
  7.4. Demokratisch strukturierte Öffentlichkeit 127
8. Öffentlichkeiten in 2015 129
  8.1. Elemente einer Metastruktur der Öffentlichkeiten 142
9. Zusammenfassung 145
Literatur 153
Abbildungen

Abb. 1  Titelblatt der Sonderausgabe des Stichwort: BAYER, 5.Jg. 1987 91


Abb. 2  Selbstbeschreibung und Aufforderung Kritischen BAYER-­
Aktionäre, 5. Jg. Juni 1987, Nr. 3, S. 7 92
Abb. 3­  Undatierter Flyer: Die Verurteilung von Gewalt, ein Solidari-
tätsausspruch sowie die Rechtfertigung des Protests, Stadtar-
chiv Moerfelden-Walldorf 94
Abb. 4  Anzeige, BAYERKURIER, 2. Jg., Nr. 2, 1984, S. 3 96
Abb. 5  Undatierter Flyer: Demonstrationsaufruf Frauen gegen die
Startbahn West 97
Abb. 6  Undatierter Flyer aus den frühen 1980er Jahren: Ein auf den
­damaligen hessischen Ministerpräsidenten Holger Börner
(SPD) ­­umgedichtetes Protestlied, Stadtarchiv Moerfelden-
Walldorf 99
Abb. 7  Ausschnitt eines undatierten Flyers: Die Gegenüberstellung
der »Falle« und der »Wahrheit«, Stadtarchiv Moerfelden-
Walldorf 100
Abb. 8  Undatierter Flyer: Demonstrationsankündigung und -auffor-
derung, Stadtarchiv Moerfelden-Walldorf 103
Abb. 9  Undatierter Flyer aus dem Jahr 1982: Vernetzung der Bewe-
gung Startbahn West mit der Friedensbewegung, Stadtarchiv
Moerfelden-Walldorf 104
Einleitung

Der Begriff ›Öffentlichkeit‹ wird in der politischen Philosophie zumeist in drei


Weisen1 verwandt. Eine erste Verwendung ist die Unterscheidung von öffentlichen
und privaten Handlungs- und Verantwortungsbereichen mit deren jeweiligen in-
stitutionellen Rahmenbedingungen. Diese Abgrenzung der Handlungssphären ist
fundamental für moderne liberale und rechtliche Ordnungen. Öffentliche Ämter
und Rollen sind mit besonderen Pflichten, Kompetenzen und Verantwortlichkeiten
verbunden und unterliegen dem öffentlichen Interesse sowie der öffentlichen Kon-
trolle. Von diesen öffentlichen Rollen abgegrenzt ist der private Handlungsraum, in
dem Handlungsentscheidungen nicht an ein öffentliches Interesse und an öffent-
liche Kontrolle gekoppelt sind. Hannah Arendts Modell der Öffentlichkeit basiert
auf dieser Unterscheidung, die bei ihr auch topographischen Charakter hat. Spricht
man in diesem Kontext von öffentlichem Interesse und öffentlicher Kontrolle, so
wird unter Öffentlichkeit die moderne rechtlich-politische, staatliche Gemeinschaft
verstanden. Entscheidungen, die in diesem öffentlichen Rahmen getroffen werden,
sind zum einen verbindlich für alle Mitglieder2 der Öffentlichkeit, zum anderen
besteht der Anspruch, dass die getroffenen Entscheidungen im Interesse aller Mit-
glieder sind, also dem öffentlichen Interesse Rechnung tragen. Die genaue Grenzzie-
hung zwischen öffentlichen und privaten Handlungsbereichen war in der Geschich-
te liberal-demokratischer Staaten immer wieder umstritten und umkämpft. Heute
gibt es vielerorts diffuse Grenzbereiche, in dem Assoziationen und Organisationen
agieren, die zwar öffentlichen Aufgaben und Interessen nachkommen, jedoch keiner
staatlich-demokratischen Kontrolle unterliegen.
Die zweite Verwendung des Begriffs der Öffentlichkeit bezieht sich auf die Ka-
tegorien von Kommunikation und Wissen. ›Öffentlich‹ steht dann den Begriffen
›vertraulich‹, ›privat‹ und ›geheim‹ gegenüber. Ist Wissen frei zugänglich, sind Sach-
verhalte beobachtbar, ist Kommunikation offen verfolgbar und offen für alle, die
sich beteiligen wollen, so trifft die Zuschreibung ›öffentlich‹ zu. Ist Wissen jedoch
beschränkt zugänglich, sind Sachverhalte nicht oder kaum beobachtbar und ist
Kommunikation zugangsbeschränkt, so kann dieses Wissen, der Sachverhalt und

1 Die drei Verwendungsweisen des Begriffs »Öffentlichkeit« sind entnommen von und finden sich de-
tailliert besprochen und problematisiert bei Bernhard Peters: Der Sinn von Öffentlichkeit. Frankfurt:
Suhrkamp, 2007, S. 55ff. Vgl. dazu: Jürgen Habermas: Strukturwandel der Öffentlichkeit: Untersu-
chungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft. Mit einem Vorwort zur Neuauflage 1990, 13.
Auflage, Frankfurt: Suhrkamp, 2013, S. 54ff.
2 Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird im Text verallgemeinernd das generische Maskulinum
verwendet. Diese Formulierungen umfassen gleichermaßen weibliche und männliche Personen; alle
sind damit selbstverständlich gleichberechtigt angesprochen.

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A. Götz, Kritik der Öffentlichkeiten,
DOI 10.1007/978-3-658-17732-4_1
12 Einleitung

die Kommunikation als vertraulich, privat oder geheim eingestuft werden. Diese
Begriffe sind weiter zu unterscheiden von einfachem Nichtwissen oder Unbekannt-
heit von Sachverhalten, denn sie haben eine normative Dimension: Sie implizieren
Verbote der Beobachtung und der Mitteilung, sie sollen verborgen bleiben. Auch
diese Grenzziehung zwischen öffentlich und vertraulich, privat und geheim ist in
modernen Staaten heftig umstritten, insbesondere in politischen Angelegenheiten.
Hier trifft die Forderung der Publizität aller öffentlichen Angelegenheiten und der
Rechtfertigung für Geheimhaltung auf faktische Staatsgeheimnisse, Geheimdienste
und nicht öffentliche Verwaltungsvorgänge. Gleichzeitig ist das Bewusstsein bezüg-
lich Datenschutz und der Privatsphäre von Personen gegenüber staatlichen Organen
in den letzten Jahren drastisch gestiegen und eröffnet einen weiteren Kampfbereich
um öffentliche und private Informationen und Kommunikation.
Auf eine dritte Weise wird Öffentlichkeit als normatives Modell verstanden. Öf-
fentlichkeit wird bestimmt als eine soziale Sphäre, ein sozialer Raum, eine Sphäre
kommunikativer Handlung. In dieser Sphäre vollzieht sich die freie und ungezwun-
gene Meinungsbildung der Mitglieder eines demokratischen Staates. Die so ent-
standene öffentliche Meinung erfüllt eine Reihe normativ anspruchsvoller Kriterien
und ist abhängig von einer spezifischen Kommunikationsstruktur. Habermas hat die
historische Entwicklung der öffentlichen Sphäre nachgezeichnet und eine normativ
hoch anspruchsvolle Konzeption vorgelegt.3 Diese Konzeption mit ihren Kriterien
für die öffentliche Meinung wird später noch genauer dargelegt und diskutiert. Doch
zunächst sollen relevante Merkmale des normativen Modells von Öffentlichkeit er-
wähnt werden, ohne bereits auf spezifische Konzeptionen einzugehen.
Die von der Öffentlichkeit diskutierten Themen umfassen alle Angelegenheiten
von kollektivem Interesse, beispielsweise Angelegenheiten des Staates und der Po-
litik, aber ebenso Diskurse über normative Werte und Prinzipien, moralische Pro-
bleme, das Verhältnis zur Kollektivvergangenheit und Vorstellungen über die Kollek-
tivzukunft. Die geführten Diskurse dienen nicht nur zur Bildung einer öffentlichen
Meinung, sondern auch zur Reflexion der jeweiligen subjektiven Meinung der Teil-
nehmer. Die Öffentlichkeit wird gebildet von Staatsbürgern. Folgt man universa-
listischen Ansprüchen, so ist auch eine globale Öffentlichkeit denkbar.
Ein grundlegendes Merkmal von Öffentlichkeit ist die generelle Themen- und
Beitragsoffenheit. Es gibt keine Themen, die a priori ausgeschlossen sind. Gleich-
wohl gilt das Kriterium, dass die Themen im öffentlichen Interesse liegen sollen.

3 Jürgen Habermas: Strukturwandel der Öffentlichkeit: Untersuchungen zu einer Kategorie der bürger-
lichen Gesellschaft. Mit einem Vorwort zur Neuauflage 1990, 13. Auflage, Frankfurt: Suhrkamp, 2013.
Eine weitere, weniger stark kritisierte Darstellung der Entwicklung von Öffentlichkeit als soziale
Sphäre von 18. Jahrhundert ins 19. Jahrhundert wurde vorgelegt von Lucian Hölscher in: Öffentlich-
keit und Geheimnis, Stuttgart: Klett-Cotta, 1979.
Einleitung 13

Neben der Offenheit für Themen ist die adäquate Kapazität der Öffentlichkeit ein
relevantes Merkmal: Es muss eine adäquate Verarbeitungskapazität ebenso wie sach-
liche und thematische Kompetenz der Öffentlichkeit gesichert sein, um kollektive
Entscheidungen zu treffen. Gerade dieses Merkmal der Kapazität und Kompetenz
erweist sich in der Realität als höchst problematisch. Angesichts überkomplexer Zu-
sammenhänge von Themen und Sachverhalten, der Menge an zu diskutierenden
Themen, der Expertenkenntnisse, die zum Verstehen nötig sind, sowie der Zeit,
die zur Bearbeitung von komplexen Sachverhalten mit unbestimmten Variablen
gebraucht wird, ist eine Realisierung dieses Merkmals kaum möglich. Normative
Öffentlichkeitskonzeptionen stehen daher gerade auch wegen dieses Merkmals unter
starker Kritik oder gelten als utopisch und nicht anwendbar.
Ein weiteres Merkmal der öffentlichen Meinungsbildung ist ihre diskursive Struk-
tur. Der Prozess der Meinungsbildung ist bestimmt von Argumenten, die Problem-
definitionen und Lösungsvorschläge beinhalten und kollektive Akzeptanz beanspru-
chen, welche wiederum auf geteilten, zwanglos erlangten Überzeugungen basieren.
Um dies zu ermöglichen, ist zum einen vorausgesetzt, dass es überhaupt möglich ist,
ein gemeinsames Verständnis von Argumenten zu entwickeln. Die Teilnehmer brau-
chen also einen geteilten Werte- und Wissenshorizont. Zum anderen muss für die-
se Art der diskursiven Struktur eine gegenseitige Achtung der Teilnehmer gesichert
sein. Kritik, die gegen Argumente vorgebracht wird, ist nicht gekoppelt an einen
möglichen Achtungsentzug des Teilnehmers, der das Argument vorbringt. Es gibt
auch keine anderen Formen der Sanktionierung aufgrund von Redebeiträgen. Es
sind nur Kommunikationsformen im Diskurs zugelassen, die ohne Zwang auf Über-
zeugung zielen. Auch dieses Merkmal ist normativ hoch anspruchsvoll, setzt diese
Art des Diskurses doch spezifische institutionalisierte Kommunikationsstrukturen
voraus, die durch bestimmte politische und staatliche Strukturen gesichert werden.
Um diesem Merkmal gerecht zu werden, braucht es eine demokratische Rahmung
der Öffentlichkeit. Auf die Entwicklung von demokratischen Öffentlichkeiten in
nicht-demokratischen oder nur teil-demokratischen Staaten kann daher das norma-
tive Öffentlichkeitskonzept keine Anwendung finden.
Die Idealsituation des Diskurses berücksichtigt zudem kaum die realen Diskurs-
bedingungen, die von Machtstrukturen, Wissensvorsprüngen und begabten sowie
charismatischen Rednern geprägt sind. Diese Kritik führt zu den letzten zwei Merk-
malen der normativen Öffentlichkeitskonzeption: Gleichheit und Reziprozität. Je-
der kann prinzipiell am Diskurs teilnehmen und hat ein grundsätzliches Recht auf
Anhörung, dem nur im Fall etwa von Kindern oder geistig Behinderten widerspro-
chen werden darf. Die Hörer- und Sprecherrollen sind reziprok. Dieses Merkmal ist
aufgrund der Teilnehmeranzahl eines öffentlichen Diskurses und der zur Verfügung
stehenden Zeit in dieser einfachen Forderung schlicht unrealisierbar. Es berück-
sichtigt zudem nicht die bereits angeführte Kritik der faktischen Sprechsituationen.
14 Einleitung

Soziale Merkmale wie Status, Bildung, Herkunft und Vermögen beeinflussen die
Teilnehmerchancen, sich Gehör zu verschaffen.
Folgt man der dritten Verwendungsweise des Begriffes Öffentlichkeit als allge-
meine diskursive Meinungs- und Willensbildung, so löst dies ein altes Problem der
Demokratietheorie: Das Konzept von Öffentlichkeit ist die Umsetzung von kollek-
tiver Selbstregierung durch die freie und ungezwungene Einigung auf einen öffent-
lichen Willen. Setzt man diese Konzeption nun in moderne, rechtlich-politisch de-
mokratische Kontexte mit eigenen institutionalisierten Entscheidungsprozessen wie
Wahlen, Parteien und Parlamenten, stellt sich die Frage nach dem Verhältnis zuei-
nander. Die normative Konzeption von Öffentlichkeit wird zumeist als vor- oder an-
tiinstitutionell verortet und bildet ein Gegengewicht zu staatlichen und politischen
Elementen. Doch wie lassen sich mit diesem Öffentlichkeitsbegriff Phänomene wie
das folgende Beispiel umfassen?
Im Juli 2015 erschoss ein amerikanischer privater Großwildjäger auf einem Jagd-
ausflug in Simbabwe einen Löwen4. Der Löwe wurde von der Jagdgruppe aus dem
Nationalpark gelockt und dann mit einer Armbrust angeschossen. Er überlebte ver-
letzt noch ca. 40 Stunden, bevor er dann mit einem Gewehr erschossen wurde. An-
schließend wurde er geköpft und gehäutet, Kopf und Fell wurden mitgenommen,
der Rest zurückgelassen. Zwar hatte der amerikanische Großwildjäger die behörd-
liche Erlaubnis, einen Löwen zu schießen, jedoch war es illegal, einen Löwen aus
einem geschützten Reservat herauszulocken.
Der Löwe namens Cecil wurde seit 1999 von Wissenschaftlern der Wildlife
Conversation Research Unit (WildCRU) der Universität Oxford beobachtet. Das
Bekanntwerden des Abschusses des Löwen löste im angloamerikanischen Raum
enorme mediale Empörung aus.5 Besonders in der Kritik stand der amerikanische
Großwildjäger, der rasch identifiziert wurde und aufgrund von anhaltenden Dro-
hungen zunächst seine Zahnarztpraxis schloss und dann seinen Wohnort verließ.
Gleichzeitig wurde auch die Großwildjagd stark kritisiert. Auf Online-Platt-
formen wie etwa Change.org, die im III. Teil näher vorgestellt wird, wurden zahl-
reiche Petitionen eingereicht. Die amerikanische Petition »End the Transport of Exo-
tic Animal Hunting Trophies« forderte Delta Airlines dazu auf, keine Jagdtrophäen
mehr zu transportieren; fast 400.000 Menschen unterschrieben die Petition und
Delta Airlines verkündete, diesem Anliegen nachzukommen6. Ähnliche Petitionen

4 http://www.nytimes.com/2015/07/31/opinion/the-death-of-cecil-the-lion.html?_r=0,
Datum des Zugriffs: 30.12.2015.
5 The Telegraph, The Guardian, The Mirror, The Independent, New York Times, BBC und CNN
widmeten diesem Thema große Aufmerksamkeit.
6 https://www.change.org/p/delta-air-lines-end-the-transport-of-exotic-animal-hunting-
trophies#petition-letter, Datum des Zugriffs: 30.12.2015.
Einleitung 15

wurden an weitere Fluglinien und Transportunternehmen gerichtet, exemplarisch


seien erwähnt: South African Airways US (über 640.000 Unterschriften)7, FedEx
(über 280.000 Unterschriften)8, British Airways (über 35.000 Unterschriften)9, UPS
(über 210.000 Unterschriften)10, Air Canada (über 160.000 Unterschriften)11.
Zudem wurde an den United States Fish and Wildlife Service die Petition »Justice
for Cecil the iconic collared lion slaughtered by trophy hunter in Zimbabwe!« ge-
richtet. Sie erhielt über 1,3 Millionen Unterschriften und forderte, den Afrikanischen
Löwen auf die Liste bedrohter Arten zu setzen und so den Import von Löwen als
Jadgtrophäen in die USA zu verhindern.12 Der United States Fish and Wildlife Ser-
vice leitete daraufhin eine Untersuchung ein und beschloss Monate später, den afri-
kanischen Löwen auf die Liste bedrohter Arten aufzunehmen.13
Dieser Fall und die exemplarisch vorgestellten Petitionen zeigen ein Phänomen,
das mit normativer Demokratietheorie kaum zu fassen ist. Menschen engagieren
sich fallweise mit einem konkreten Ziel: den Transport und den Import von Groß-
wildjagdtrophäen zu verhindern. Viele der Petitionen sind an Unternehmen gerich-
tet, es wird also nicht ein politischer oder juristischer Weg gewählt, sondern das Un-
ternehmen wird direkt mit einem Brief angesprochen. Das Engagement war dabei
transnational, die Petitionen frei zum Unterschreiben für jeden, unabhängig von
Wohnort oder Staatsbürgerschaft.
Zwar fand durchaus ein medialer Diskurs statt, doch ist das Engagement nicht als
kollektive Selbstregierung durch die freie und Einigung auf einen öffentlichen Wil-
len zu verstehen. Durch das Engagement entsteht ein fallbezogener Kollektivakteur,
der nur von sachbezogener und kurzer Dauer ist. Ist das Ziel erreicht, verschwindet
dieser Kollektivakteur wieder – so schnell, wie er sich konstituiert hatte.

7 https://www.change.org/p/tell-south-african-airways-to-stop-shipping-slaughtered-wildlife-trophies,
Datum des Zugriffs: 30.12.2015.
8 https://www.change.org/p/fedex-end-the-transport-of-hunting-trophies?recruiter=1017962&utm_
source=share_petition&utm_medium=copylink#petition-letter, Datum des Zugriffs: 30.12.2015.
9 https://www.change.org/p/british-airways-ban-the-transportation-of-hunting-
trophies?recruiter=8131514&utm_source=share_petition&utm_medium=facebook&utm_
campaign=autopublish&utm_term=des-lg-share_petition-reason_msg&fb_ref=Default,
Datum des Zugriffs: 30.12.2015.
10 https://www.change.org/p/united-parcel-service-ups-stop-supporting-trophy-hunters-who-kill-
wildlife, Datum des Zugriffs: 30.12.2015.
11 https://www.change.org/p/sign-and-share-to-tell-aircanada-amp-westjet-african-animals-aren-t-the-
only-ones-who-need-protecting-stoptheexport#petition-letter, Datum des Zugriffs: 30.12.2015.
12 https://www.change.org/p/justice-for-cecil-the-iconic-collared-lion-slaughtered-by-trophy-
hunter#petition-letter, Datum des Zugriffs: 30.12.2015.
13 https://www.change.org/p/justice-for-cecil-the-iconic-collared-lion-slaughtered-by-trophy-hunter/
responses/32322, Datum des Zugriffs: 30.12.2015.
16 Einleitung

Um solche Öffentlichkeiten verstehen und theoretisch fassen zu können, bedarf


es einer Konzeption von Öffentlichkeit, die in den drei gängigen, oben stichwort-
haft vorgestellten Verwendungen von ›öffentlich‹ als Attribut bestimmter Angelegen-
heiten von kollektivem Interesse und kollektiver Verantwortung als Gegenbegriff zu
Geheimnis, Privatheit und Vertraulichkeit und als normativ anspruchsvolle Konzep-
tion einer sozialen Sphäre nicht enthalten ist und einer genaueren Analyse bedarf.
Der amerikanische Philosoph John Dewey entwarf 1927 eine Öffentlichkeits-
konzeption, die sich hier anbietet. In ihr ist Öffentlichkeit nicht als soziale Sphäre
verstanden, die von der modernen rechtlich-politischen, staatlichen Gemeinschaft
gebildet wird, sondern als fallbezogen entstehender Kollektivakteur, der als Problem-
lösungsmechanismus fungiert. Deweys Öffentlichkeitsdefinition ist so simpel wie
intuitiv: Sind Personen von den Folgen der Handlungen anderer indirekt betroffen,
so bilden sie Öffentlichkeit zu diesen Handlungen, mit dem Ziel, diese Folgen sy-
stematisch zu regulieren.
Ausgangspunkt der Öffentlichkeitstheorie Deweys bilden vollzogene Hand-
lungen, die entweder Folgen nach sich ziehen, die nur die an der Handlung direkt
Beteiligten beeinflussen, oder aber Folgen, die auch Personen beeinflussen, die an
dieser Handlung nicht direkt beteiligt waren. Erstere klassifiziert Dewey als Privat-
handlungen. Zweitere bilden den Ausgangspunkt der Deweyschen Öffentlichkeits-
theorie. Jene Handlungen bezeichnet Dewey als öffentlich. Die Öffentlichkeit wird
dabei gebildet von eben jenen Personen, die von den Folgen indirekt betroffen sind.
Ihre indirekte Betroffenheit ist das einzige Kriterium, das sie zu einer Öffentlichkeit
macht, es bedarf keiner weiteren Kriterien wie beispielsweise Staatsbürgerschaft, die
sie zu einer Öffentlichkeit qualifizieren.
Damit sich eine Öffentlichkeit konstituieren kann, müssen zunächst Folgen er-
kannt werden. Das Erkennen und Abschätzen von Folgen kann, wie jede mensch-
liche Wahrnehmung, dem Irrtum und der Täuschung unterliegen. Ob diese Folgen
regulierungswürdig sind, muss im intersubjektiven Prozess ausgehandelt werden.
Wegweisend, jedoch nicht bestimmend sind dabei die folgenden Kriterien: Die
Folgen müssen weitreichend im Raum und/oder in der Zeit, reproduzierbar (be-
stimmter, gleichförmiger und wiederkehrender Natur) und irreparabel sein. Der
Grad dieser Kriterien muss in jedem Fall neu bestimmt werden. Im Falle unabseh-
barer Folgen müsste sich auch hier eine (potentielle) Öffentlichkeit zur Absicherung
der möglichen eintretenden Folgen bilden. Werden Folgen als regulierungswürdig
eingestuft, erzeugt dies ein gemeinsames Interesse der indirekt Betroffenen, die so-
mit eine Gruppe bilden, die hinreichend von bestehenden Gruppen verschieden ist.
Diese Gruppe ist die neu entstehende Öffentlichkeit. Sie kämpft um Anerkennung.
Ob Assoziationen zu einer Öffentlichkeit zusammenfinden, hängt von der zeitlichen
und räumlichen Nähe zueinander ab.
Einleitung 17

Zunächst beginnt jede neue Öffentlichkeit als unorganisierte Öffentlichkeit. Sie


erkennt, dass die systematische Regulierung nicht von den in die Handlung invol-
vierten Primärgruppen erbracht werden kann. Ihr gegenüber stehen bereits etablierte,
organisierte Öffentlichkeiten, die Institutionen ausgebildet haben. Dewey geht von
zwei Voraussetzungen aus: Zum einen handeln Personen in ihrem eigenen Interesse,
zum anderen können sie nur beschränkt Folgen abschätzen. Es braucht also jene,
die sich als Betroffene in einer Öffentlichkeit organisieren. Die neue Öffentlichkeit
muss nun entweder eigene Vertreter schaffen, Institutionen/Regeln ausbilden, um
die Folgen zu kontrollieren, oder eine bereits bestehende Gruppe muss neue Funkti-
onen übernehmen. Die neue Öffentlichkeit kann hingegen Dewey zufolge nicht be-
reits bestehende Institutionen nutzen, da diese bereits bestehenden Öffentlichkeiten
zugeordnet sind. Als äußeres Merkmal einer organisierten Öffentlichkeit gilt das
Vorhandensein von Amtspersonen. Je etablierter die bereits bestehenden Öffentlich-
keiten sind, desto schwerer ist es für die neue Öffentlichkeit, sich zu organisieren, da
die neue Öffentlichkeit zum einen mit den alten Institutionen in Konkurrenz steht,
zum anderen aber unter Umständen auch diese Institutionen nutzen oder mit ihnen
kooperieren muss, um Veränderungen zu bewirken oder zumindest einzuleiten.
Obwohl Deweys Definition von Öffentlichkeit als Zusammenschluss von Betrof-
fenen, die eine Regulierung anstreben, angesichts moderner Phänomene wie Priva-
tisierung und Entpolitisierung hoch aktuell ist, wurde seine Öffentlichkeitskonzep-
tion bisher kaum auf ihr Potential für heutige Gesellschaften hin untersucht. Zwar
fand sein Buch The Public and Its Problems in der demokratietheoretischen Rezep-
tion Deweys durchaus Beachtung, doch ein Versuch, dieses Werk als eigenständige,
normativ weniger anspruchsvolle Theorie der Öffentlichkeit zu lesen, wurde bisher
nicht unternommen. Es ist das Anliegen dieser Arbeit, die theoretische Fruchtbar-
keit und Anwendbarkeit von Deweys Öffentlichkeitstheorie aufzuzeigen und in ih-
ren Grundzügen auszuarbeiten, insbesondere auch im Hinblick auf zeitgenössische
Phänomene von Öffentlichkeit im über und durch das Internet global vernetzten
21. Jahrhundert. Denn Öffentlichkeiten haben heute Qualitäten hinzugewonnen,
die weder Dewey zu seinen Lebzeiten noch Jürgen Habermas in den 1970er Jahren
vor sich hatte und die ein Überdenken oder auch den Ausbau bestehender Öffent-
lichkeitstheorien erforderlich scheinen lassen, um diesen neuen Phänomenen und
Ausmaßen von öffentlichen Handeln gerecht zu werden und sie theoretisch in einem
allgemeinen Rahmen fassen zu können.
Bereits die stichpunkthafte Vorstellung der Konzeption Deweys zeigt die grund-
legenden Unterschiede zu bestehenden normativen Öffentlichkeitstheorien und da-
mit auch das Potential von Deweys Konzeption: Öffentlichkeit bildet keine soziale
Sphäre, innerhalb der ein Meinungs- und Willensbildungsprozess durch Diskurse,
geführt Teilnehmern der politisch-rechtlichen Gemeinschaft, stattfindet, sondern ist
ein fallbezogen entstehender Kollektivakteur, gebildet von Betroffenen. In der lü-
18 Einleitung

ckenhaften Darstellung von Öffentlichkeit finden sich bei Dewey keine expliziten
Kriterien wie Themenoffenheit und eine adäquate Verarbeitungskapazität, Gleich-
heit und Reziprozität oder eine normativ anspruchsvolle diskursive Struktur, die ei-
nen objektiven öffentlichen Willen hervorbringt. Dies bedeutet jedoch nicht, dass es
in Deweys Öffentlichkeitskonzeption keine normativen Kriterien gäbe, sie sind al-
lerdings weniger anspruchsvoll und in der Konzeption teils nur implizit vorhanden.
Dies macht Deweys Theorie attraktiv für die Beschreibung einer Vielzahl moder-
ner Phänomene von Öffentlichkeit, die keinen statischen Charakter haben, sondern
fallbezogen entstehen und eine Durchsetzung von bestimmten Interessen anstre-
ben. Solche Interessen können ein (unterstelltes) Interesse der Allgemeinheit ebenso
wie ein klar kommuniziertes Einzelinteresse dieser jeweiligen Öffentlichkeit bzw.
Interessengruppe sein, das mit den Interessen anderer Öffentlichkeiten oder einem
angenommen Allgemeininteresse in Konflikt steht.
Knüpft man das Öffentlichkeitskonzept Deweys, der Öffentlichkeit als Zu-
sammenschluss jener beschreibt, die von den indirekten Handlungsfolgen anderer
betroffen sind, definitorisch an die deutsche Forschung zu Neuen Sozialen Bewe-
gungen, dann bilden soziale Bewegungen jene (institutionalisierte) Plattform der
Artikulation von Meinungen indirekt Betroffener, die zunächst keine öffentliche
Vertretung haben. Soziale Bewegungen sind aus dem Gefühl heraus entstanden, dass
bestimmte Themen und Ansichten keine öffentliche Vertretung haben.14 Beispiels-
weise versuchte die deutsche Umweltbewegung, der von Dewey formulierten Aufga-
be nachzukommen, ein Korrektiv zu bilden und so den normativen Prinzipien von
Öffentlichkeit gerecht zu werden.
Zu den zentralen empirischen Beispielen dieser Untersuchung gehören daher ne-
ben den zwei Beispielen moderner Öffentlichkeitsplattformen Twitter und Change.
org, die zu einem späteren Zeitpunkt detailliert diskutiert und in den Rahmen der
Öffentlichkeitskonzeption von Dewey gestellt werden, besonders zwei historische
Beispiele von Öffentlichkeiten, die in der Umweltbewegung der 1970er bis 1990er-
Jahre in Deutschland zu verorten sind:
Es handelt sich um die Bewegung Startbahn West sowie die Coordination ge-
gen BAYER-Gefahren. Die deutsche Umweltbewegung eignet sich besonders durch
die große Menge an (potentiell) indirekt Betroffenen, die eine Öffentlichkeit bilden
können. Das Thema Umwelt kann in einer zunehmend globalisierten Welt, in der
bereits vermeintlich kleine Handlungen für viele Menschen relevante Folgen ha-
ben können, eine große Anzahl an indirekt Betroffenen produzieren. Es weist, im

14 Friedhelm Neidhardt: »Öffentlichkeit, Öffentliche Meinung, soziale Bewegungen«. In: Friedhelm


Neidhardt (Hrsg.): Öffentlichkeit, Öffentliche Meinung, soziale Bewegungen. Sonderheft der Kölner Zeit-
schrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Opladen: Westdeutscher Verlag, 1994, S. 10.
Einleitung 19

Gegensatz etwa zur Technik- oder Wissenschaftsethik, auf eine große Anzahl von
Menschen hin, ist also thematisch nicht in einer Expertenkultur verankert. Exper-
tenwissen muss nicht nur geschaffen, sondern auch der breiten Masse vermittelt wer-
den. Dies war in der Umweltbewegung der Fall. Es müsste sich also Dewey zufolge
eine große Öffentlichkeit bilden, die der Aufgabe eines Korrektivs von Handlungen
nachkommt. Die Identifizierung dieser Menge wird erleichtert durch objektive Kri-
terien, wie etwa u.a. durch die Betroffenheit von (potentiellen und) realen Umwelt-
katastrophen. Neben objektiven Kriterien finden sich subjektive Betroffenheitsge-
fühle sowie moralische Betroffenheit in Form von Empörung in der Öffentlichkeit.
Zudem ist die Prozesshaftigkeit der Konstitution von Öffentlichkeit gut darstellbar.
Neben etablierten Akteuren tauchen neue Akteure auf, die mithilfe von Demons-
trationen erst um einen Platz innerhalb der Öffentlichkeit und der Massenmedien
kämpfen müssen. Die Entwicklung der Öffentlichkeit kann anhand der einzelnen
Stufen, die Dewey im Entwicklungsprozess der Öffentlichkeit beschreibt, nachvoll-
zogen werden. Exemplarisch werden dabei Formen dokumentarischer Materialität
betrachtet: Flugblätter, Zeitschriften, offene Briefe.
Anhand dieser empirischen Beispiele sollen die eklatanten Lücken, die besonders
im Konstitutionsprozess von Öffentlichkeiten bei Dewey zu finden sind, zumindest
ansatzweise gefüllt werden. Ziel ist es, den drei Herausforderungen in der Konstituti-
on von Öffentlichkeiten – Abschätzung der Handlungsfolgen, Wissensvermittlung,
Überwindung der Apathie – folgend, jene Mechanismen zu finden, die essentiell sind
für die Konstitution und Stabilität einer Öffentlichkeit. Nennt Dewey die Morali-
sierung nicht explizit als hinreichende Bedingung für eine erfolgreiche Entwicklung
von einer demokratischen Öffentlichkeit, so scheint sie doch Funktionen aufzuwei-
sen, die zum Meistern der genannten Herausforderungen beitragen können. Die
Moralisierung von Themen- und Gegenstandsbereichen kann die Abschätzung von
Folgen und Kausalattribuierungen erleichtern.15 Der Rekurs auf allgemein geltende
Werte dient der Legitimation von Urteilen und versucht so, einen breiten Konsens
zu ermöglichen. Die Moralisierung von Themen und Gegenstandsbereichen kann
zudem dem Problem der Apathie entgegenwirken und als Mittel zur Mobilisierung
von Öffentlichkeit genutzt werden. So beschreibt Dewey in seinem Vorwort der
Wiederauflage von The Public and Its Problems aus dem Jahr 1946 die Kampagne,
die in den USA geführt werden musste, um das amerikanische Volk zu überzeugen,
in den Zweiten Weltkrieg einzutreten: Es mussten die überlegenen moralischen An-
sprüche der Kriegspolitik dargelegt werden. Es soll daher auch die These überprüft

15 Friedhelm Neidhardt: »Öffentlichkeit, Öffentliche Meinung, soziale Bewegungen«. In: Friedhelm


Neidhardt (Hrsg.): Öffentlichkeit, Öffentliche Meinung, soziale Bewegungen. Sonderheft der Kölner Zeit-
schrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Opladen: Westdeutscher Verlag, 1994, S. 19.
20 Einleitung

werden, dass die Moralisierung von Diskursen und Gegenstandsbereichen entschei-


dend für die Entwicklung der Öffentlichkeit und die öffentliche Meinung sein kann.
So können durch eine Moralisierung von Themen potentielle und tatsächliche Fol-
gen als wünschenswert oder nicht wünschenswert klassifiziert werden. Moralische
Einstellungen bilden hier die Grundlage dafür, wie Folgen von Einzelpersonen und
der Öffentlichkeit eingeschätzt und bewertet werden.
Die Moralisierung und ihre latenten sowie manifesten Funktionen erfahren da-
her eine besondere Berücksichtigung in der Untersuchung des Entwicklungspro-
zesses von Öffentlichkeit. Dies führt zu einer Weiterentwicklung und Aktualisierung
der ursprünglichen Konzeption. Dieses Weiterdenken soll helfen, die von Dewey
benannten drei großen Herausforderungen besser zu verstehen, die auch in der heu-
tigen Gesellschaft Aktualität beweisen: Wie kann sich eine Öffentlichkeit zunächst
finden? Handlungsfolgen müssen erkannt und bekannt werden, damit sich indirekt
Betroffenen finden können. Bereits 1927 von Dewey als »größtes Problem« der Öf-
fentlichkeit benannt, scheint sich die Problematik der Findung einer Öffentlichkeit
in der heutigen hochkomplexen und stark vernetzten Gesellschaft weiter verstärkt
zu haben. Wie kann sich eine durch Betroffenheit von Handlungsfolgen definierte
Öffentlichkeit in einer Gesellschaft finden, in der die Folgen von Handlungen kaum
überblickbar und einschätzbar sind?
Neben der Schwierigkeit, Handlungsfolgen abzuschätzen, sieht Dewey ein Pro-
blem darin, dass die Medien ihrer Aufgabe der Wissensverbreitung und Aufklärung
nicht nachkommen. So schreibt er den Medien eine zentrale Rolle in der Entwick-
lung der Öffentlichkeit zu. Hat Dewey damals die Printmedien und das Radio im
Blick, deren Aufgabe es nach Dewey ist, die Bevölkerung zu bilden und Wissen zu
verbreiten und die zudem das Medium bieten, über das sich eine öffentliche Wil-
lensbildung vollzieht, so haben in der heutigen Gesellschaft das Fernsehen und vor
allem das Internet massiv an Bedeutung gewonnen. Gerade die empirischen Bei-
spiele von change.org und Twitter zeigen das Potential zur direkten Kommunikation
und Verbreitung von Informationen ohne die Zwischenschaltung klassischer Medi-
en. Deweys Kritik, dass die Medien zu Werbezwecken, Propaganda und dem Ein-
dringen in die Privatsphäre genutzt werden, ist auch heute zutreffend. Meinungsfrei-
heit, Freiheit der Forschung und öffentliche Kommunikation sind jene von Dewey
ausgemachten Bedingungen einer demokratischen Öffentlichkeit, die immer wieder
bedroht werden. Als dritte große Herausforderung betrachtet Dewey die Apathie der
indirekt Betroffenen für eine funktionierende Öffentlichkeit. Andere Ausdrücke da-
für finden sich in den moderneren Begriffen der Privatisierung und Entpolitisierung.
Sie begleiten die Kritik an der Entwicklung der Öffentlichkeit.16

16 Axel Honneth: Das Recht der Freiheit, Berlin: Suhrkamp, 2011, S. 517.
Einleitung 21

Auf der Basis von The Public and Its Problems lässt sich eine Öffentlichkeitskon-
zeption erarbeiten, die eine neue Perspektive auf moderne fallbezogen entstehende
Öffentlichkeiten erlaubt und aufgrund geringer normativer Kriterien eine hohe An-
wendbarkeit besitzt. Exemplarisch werden empirische Beispiele angeführt, die zum
einen erlauben, den Konstitutionsprozess einer Öffentlichkeit nachzuvollziehen,
und zum anderen die fast hundert Jahre alte Konzeption Deweys in das 21. Jahrhun-
dert zu überführen. Gleichzeitig erlauben die herangezogenen empirischen Beispiele
der Öffentlichkeiten der Koordination gegen Bayer-Gefahren und die Bewegung
Startbahn West sowie die hinzugenommenen sozialwissenschaftlichen Perspektiven,
den Prozess der Konstitution einer Öffentlichkeit näher zu verstehen.
Die Arbeit ist in drei Teile gegliedert. Im ersten Teil wird ein kurzer Abriss zum
deutschen wie zum amerikanischen Forschungsstand gegeben. Im Mittelpunkt ste-
hen dabei Arbeiten zu Deweys politischen Werken. Um Dewey in der deutschen
Tradition zu verstehen, ist es notwendig, die Dewey-Rezeption im Rahmen der deut-
schen Pragmatismus-Rezeption zu sehen. Es folgt eine genauere Buchvorstellung
von The Public and Its Problems, die zunächst von Deweys Demokratietheorie abge-
grenzt wird und dann in den Unterschieden beispielhaft der Öffentlichkeitstheorie
von Habermas gegenübergestellt wird. Die Ausarbeitung der Unterschiede zur in
der deutschen Politischen Theorie noch immer maßgebenden Öffentlichkeitstheorie
von Habermas dient dazu, die Besonderheiten der Öffentlichkeitstheorie nach De-
wey besser zu verstehen und Dewey neu im Öffentlichkeitsdiskurs als eigenständige
Theorie zu verorten.
Der zweite Teil ist der Darstellung und Weiterentwicklung der Öffentlichkeits-
konzeption Deweys gewidmet. Zunächst wird die Konstitution von Öffentlichkeit
dargestellt. Deweys handlungstheoretischem Ausgangspunkt folgend beginnt die
Darlegung der Öffentlichkeitskonzeption mit der natürlichen Lebenssituation von
Menschen in Assoziationen, in denen soziale Kooperation in gemeinsamen Hand-
lungen bestimmend ist. Diese Handlungen haben Folgen, die in intendierte und
nicht-intendierte Folgen unterschieden werden können. Zur Bewertung von Folgen
bietet Dewey nur vage Kriterien. Diese werden einer genaueren Überprüfung un-
terzogen.
Sind Folgen erkannt, so können sich Betroffene finden. Betroffenheiten gehören
wohl zu den offensichtlichsten Problemen der Deweyschen Öffentlichkeitstheorie.
Wie kann Betroffenheit bestimmt werden? Wird sie intersubjektiv konstruiert, oder
kann von einer objektiven Betroffenheit ausgegangen werden? Objektive Betroffen-
heit könnte über die Einbettung der Öffentlichkeitstheorie in Deweys Demokra-
tietheorie konstruiert werden. Mit diesem normativen Gerüst ließen sich objektive
Missstände und Probleme ausmachen und so Betroffene schaffen, die um ihre eigene
Betroffenheit nicht wissen. Zentral erscheint jedoch die Selbsteinschätzung als be-
troffen und der daraus entstehende Wille, selbst eine Regulierung der Folgen zu
22 Einleitung

schaffen bzw. an der Lösung des Problems mitzuwirken. Ohne Rückgriff auf Deweys
Demokratietheorie können Betroffenheiten nur intersubjektiv bestimmt werden
und die Folgen, die zu diesen Betroffenheiten führen, erst in einer gemeinsamen
Situationsdeutung als regulierungswürdig eingestuft werden.
Wie genau diese Situationsdeutung stattfinden kann und wie überhaupt Folgen
als solche wahrgenommen werden, soll anhand des Erfahrungsbegriffs bei Dewey
dargelegt werden17, der das passive Moment des Erleidens mit dem aktiven Moment
des Handelns vereint. Im Verlauf wird dann die Handlungsmotivation der Betrof-
fenen näher beleuchtet. Wie funktioniert der Schritt von Betroffenem zu aktivem
Teilnehmer einer Öffentlichkeit?
Die Konstitution einer Öffentlichkeit steht vor unterschiedlichen Herausforde-
rungen. Dewey selbst beschreibt den Konstitutionsprozess einer Öffentlichkeit nur
formelhaft. Dieser Lücke soll mit ersten Thesen, die sich aus der Analyse zweier
Öffentlichkeiten ergeben, begegnet werden. Zentral für die Konstitution von Öf-
fentlichkeit scheinen ein gemeinsamer Interpretationsrahmen und die Ausbildung
einer Öffentlichkeitsidentität zu sein. In der Analyse waren dabei Moralisierung, Po-
litisierung und Generalisierung relevante Muster. Durch eine sozialwissenschaftliche
Perspektiverweiterung können diese Thesen in den sozialwissenschaftlichen Diskurs
der Bewegungsforschung gesetzt werden und durch die Hinzunahme weiterer Studi-
en fundiert und näher beleuchtet werden.
Es folgt eine Typisierung von Öffentlichkeiten in spezifische und allgemeine Öf-
fentlichkeiten, die sich je fallbezogen zu aktualen wie potentiellen Sachverhalten
konstituieren. Der Prototyp der spezifischen Öffentlichkeit bildet sich zu einem
konkreten Sachverhalt, der eine kleinere Personengruppe betrifft. Er ist von kurzer
Haltbarkeit und verfügt nur über einen schwachen Institutionalisierungsgrad. Der
Prototyp einer allgemeinen Öffentlichkeit hingegen bildet sich als Reaktion auf in-
stitutionalisierte (staatliche) Strukturen, umfasst dabei große Personengruppen als
Betroffene, verfügt über eine lange Haltbarkeit und eigene institutionalisierte Struk-
turen und mediale Arenen.
Im Fokus der Öffentlichkeiten steht immer die Regulierung einer Handlung.
Diesem Ziel der Änderung der Verhältnisse kann auch die subjektive Transformation
der Öffentlichkeitsteilnehmer folgen. Dies kann unbeabsichtigt geschehen, jedoch
auch zum erklärten Ziel der Öffentlichkeit werden. Kann sich ein Öffenlichkeitsteil-
nehmer zunächst aus zweckorientierten Gründen der Öffentlichkeit angeschlossen

17 Dabei wird in großen Teilen der Erarbeitung des Erfahrungsbegriffs von Dirk Jörke gefolgt. Siehe
dazu Dirk Jörke: Demokratie als Erfahrung. John Dewey und die politische Philosophie der Gegenwart,
Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, 2003.
Einleitung 23

haben, so kann er eine subjektive Transformation durchlaufen, in der er beginnt,


sich selbst als politisches Individuum wahrzunehmen und der Öffentlichkeit, ob
erfolgreich oder nicht, einen Wert an sich zuzusprechen. Dies kann, muss jedoch
keineswegs der Fall sein. Im dritten Teil wird daher die Qualifizierung von Öffent-
lichkeiten eingeführt, die von einer rein zweckorientierten Interessengemeinschaft
bis hin zu einer kollektiven Identitätserfahrung, die die Beteiligten als Selbsterfül-
lung und Sinnstiftung erfahren, reicht.
Ziel des dritten Teils dieser Arbeit ist es, Deweys Öffentlichkeitskonzeption
auf die Konstitution von Öffentlichkeiten im 21. Jahrhundert anzuwenden. Dies
geschieht im Hinblick auf die durch das Internet verursachten gesellschaftlichen
Veränderungen in den Kommunikationsformen, die zur Konstitution von Öffent-
lichkeit genutzt werden können. Die Schwierigkeiten und das Potential dieser Kom-
munikationsformen wird anhand von zwei Online-Plattformen näher dargestellt:
Twitter, eine Mikro-Blogging-Plattform, die zur Organisation von Öffentlichkeiten
mithilfe von Hashtags genutzt wird, sowie Change.org, eine Online-Petitionsplatt-
form. Beide Plattformen erlauben die Konstitution von Öffentlichkeiten, entkoppelt
von nationalstaatlichen Strukturen und Handlungsräumen.
Die Analyse dieser empirischen Beispiele bildet zugleich die Vorarbeit für die Vor-
stellung erster Thesen über die Elemente einer Metastruktur von Öffentlichkeiten.
Wie muss diese Metastruktur aufgebaut sein und über welche Funktionen muss sie
verfügen, damit sich im 21. Jahrhundert Öffentlichkeiten im Sinne Deweys bilden
können? Dieses flexible Modell der Öffentlichkeiten unterliegt einem steten Wandel
und sorgt durch transparente und möglichst durchlässige Mechanismen dafür, dass
eine »Verknöcherung des Systems« nicht einsetzen kann. Nur so kann gewährleistet
werden, dass auf sich wandelnde Umstände rechtzeitig und radikal genug reagiert
werden kann.
In einem Ausblick sollen zuletzt die wichtigsten Merkmale einer Öffentlichkeit
nach Dewey rekapituliert werden, die Relevanz der Konzeption Deweys herausge-
stellt und auf weitere Forschungsfragen der Öffentlichkeitstheorie hingewiesen wer-
den.
I. Die Öffentlichkeit und ihre Probleme

1. Forschungsstand

John Dewey war einer amerikanischer Philosoph, Pädagoge, politischer Denker und
Aktivist. Er wurde 1859 in Burlington, Vermont, geboren und gilt als Mitbegründer
des Pragmatismus. Dewey war während seiner langen akademischen Karriere ein
überaus produktiver Autor. Sein Gesamtwerk umfasst 37 Bände, untergliedert in
frühe, mittlere und späte Schaffensphase.1
Deweys frühe Schaffensphase ist bestimmt durch die Auseinandersetzung mit
dem Hegelschen Idealismus, beeinflusst durch G. Stanley Hall und William James
und den experimentalpsychologischen Ansatz, den menschlichen Geist zu verstehen.
Während seiner Zeit an der University of Chicago vollzog Dewey die Entwicklung
hin zu einer empiristischen Philosophie. Diesen Wandel beschreibt er in seinem au-
tobiographischen Essay From Absolutism to Experimentalism, später dann auch sehr
deutlich in The Quest for Certainty. Die Ausarbeitung des Instrumentalismus findet
sich schließlich Jahre später in Logics: Theory of Inquiry.
Die Jahre von 1894 bis 1904 als Vorsitzender des Fachbereichs Philosophie, Psy-
chologie und Pädagogik an der University of Chicago prägten Dewey auch als poli-
tischen Aktivisten2, Denker und Reformpädagogen: Chicago stellte eine »Brutstätte
der Pathologien unregulierter Marktökonomie«3 dar und Dewey entwickelte das
Verständnis, dass

1 Die stark verkürzte Darstellung von Deweys Schaffen soll einer groben Verortung seiner politischen
Philosophie dienen. Ein lesenwerter und prägnanter Überblick zu Dewey findet sich in Matthew
Festenstein: »Dewey’s Political Philosophy«, The Stanford Encyclopedia of Philosophy (Spring 2014
Edition), Edward N. Zalta (ed.), http://plato.stanford.edu/archives/spr2014/entries/dewey-political/,
Datum des Zugriffs: 2.10.2015. Vgl. dazu die ausführlichen Darstellung zu Deweys Biographie: Alan
Ryan: John Dewey and the High Tide of American Liberalism, Princeton: Princeton University Press,
1995, sowie Robert B. Westbrook: John Dewey and American Democracy, Ithaca: Cornell University
Press, 1991.
2 Eine Übersicht über Deweys Wirken in der Politik und die Gründung der League for Independent
Political Action findet sich in: Karin Priester: Populismus. Historische und aktuelle Erscheinungsformen,
Frankfurt: Campus, 2007, S. 96ff.
3 Thomas Noetzel: »Die politische Theorie des Pragmatismus: John Dewey«. In: André Brodocz
(Hrsg.): Politische Theorien der Gegenwart, Band 1, Stuttgart: UTB, 2002, S. 150.

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A. Götz, Kritik der Öffentlichkeiten,
DOI 10.1007/978-3-658-17732-4_2
26 Forschungsstand

»in der Verbindung von Wissenschaft und politischer Praxis […] die Lösung der viel-
fältigen Probleme eines wildwüchsigen Kapitalismus [liegt], mit denen die USA zu
Beginn des 20. Jahrhunderts konfrontiert wurden«4.

Deweys sozialreformerische Thesen prägten die interventionistische Wissenschaft,


die als Chicago School bekannt wurde. Seinem Interesse für die Rolle der Erziehung
für progressiven gesellschaftlichen Wandel folgte Dewey dabei mit seinen Büchern
The School and Society (1899), The Child and the Curriculum (1902) und einem seiner
wohl bekanntesten Bücher: Democracy and Education (1916).
1904 wurde Dewey schließlich an die Columbia University berufen und blieb
dort bis zu seiner Emeritierung 1924. 1917 verfasste Dewey das Buch The Need for a
Recovery of Philosophy, in dem er sich von theoretischen Problemen der Epistemolo-
gie und Metaphysik abwandte und zu den Problemen des Menschen in seiner realen
Lebenswelt hinbewegte. Dewey begann zudem, sich immer wieder in Kommentaren
zur amerikanischen Politik, internationalen Politik und insbesondere zum Ersten
Weltkrieg zu äußern.
Ab 1920 veröffentlichte Dewey dann eine Reihe von Werken, in der er sein phi-
losophisches Denken ausarbeitete und die ihn zu einem der bedeutendsten Denker
des 20. Jahrhunderts machten: Reconstruction in Philosophy (1920), Experience and
Nature (1925), The Quest for Certainty (1929), Art as Experience (1934), A Common
Faith (1934), Logic: The Theory of Inquiry (1938) sowie Theory of Valuation (1939).
1927 wurde The Public and Its Problems publiziert, Deweys Antwort auf Walter
Lippmanns düstere Diagnose zum Zustand der amerikanischen Demokratie und die
These, dass in modernen, komplexen Gesellschaften die demokratische Beteiligung
der Bürger auf ein Minimum in Form von Wahlen zu beschränken sei. In The Public
and Its Problems entwirft Dewey die neue und eigene Öffentlichkeitskonzeption, um
deren Darstellung und Ausarbeitung es hier geht.
Seit Beginn seines Schaffens war Dewey Kritiker des laissez-faire-Liberalismus
und des ihm zugrunde liegenden individualistischen Menschenbilds. Diese Kritik
und seine eigene Vorstellung von einem liberalen, demokratischen Sozialismus legte
er vor in Individualism, Old and New (1930), Liberalism and Social Action  (1935)
und Freedom and Culture (1939). Dewey selbst wurde im Laufe seiner Karriere poli-
tisch immer radikaler. Er kam schließlich zur Überzeugung, dass seine Vorstellung
von Demokratie es erfordert, dass das kapitalistische System durch einen dezentrali-
sierten Sozialismus ersetzt werden muss, um die materiellen Bedürfnisse der Bevöl-
kerung besser zu befriedigen und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass die Bevölkerung

4 Thomas Noetzel: »Die politische Theorie des Pragmatismus: John Dewey«. In: André Brodocz
(Hrsg.): Politische Theorien der Gegenwart, Band 1, Stuttgart: UTB, 2002, S. 150.
Amerikanische Rezeption Deweys 27

die Kontrolle über die sie betreffenden Entscheidungen erlangen kann.5 Nach seinem
Tod im Jahre 1952 verlor Dewey rasch an Bedeutung und seine Philosophie galt
angesichts des Aufkommens und der Verbreitung der analytischen Philosophie als
antiquiert.
Diese kurze Darstellung von Deweys Werdegang mag als Einstieg dienen, um
von hier aus einen groben Überblick über die amerikanische und deutsche Dewey-
Rezeption zu geben. Während die amerikanische Rezeption eher einer Aufzählung
relevanter, maßgebender Werke zu Dewey sowie spannenden aktuellen Ansätzen in
der Dewey-Interpretation gleicht, geht die Darstellung der deutschen Rezeption et-
was mehr in die Tiefe. Diese Schwerpunktsetzung dient dem übergeordneten Ziel
dieser Arbeit, Dewey in einem deutschen Kontext neu zu verorten.

1.1. Amerikanische Rezeption Deweys


Dewey war in den Bereichen der Philosophie, Pädagogik und politischen Theorie
einer der einflussreichsten Intellektuellen der USA. Doch nach dem Zweiten Welt-
krieg schwand seine Bedeutung rapide. Zum einen galt Dewey in der McCarthy-Ära,
die nicht zuletzt durch die Verfolgung (vermeintlicher) Kommunisten und deren
Sympathisanten geprägt war, mit seinen Gedanken als linksradikal und verdächtig.
Zum anderen begann der Siegeszug der analytischen Philosophie, was Deweys Wer-
ke antiquiert und nicht anschlussfähig erscheinen ließ. Auch die neu entstehenden
Ansätze der logischen Positivisten ließen sich kaum mit Deweys pragmatistischem
Denken vereinbaren. Als Habermas 1965 zum ersten Mal amerikanische Universitä-
ten besuchte und den Pragmatismus als die amerikanische Tradition erwähnte, galt
Dewey als wirrer Denker: »I was always met with shrugging shoulders. Peirce was
perceived as ›odd‹ at best, Dewey as a ›fuzzy thinker‹.«6
In den 1980er-Jahren wurden schließlich die Herausforderungen und Probleme,
die Postempiristen, Feministen, Neo-Hegelianer, Neo-Kantianer und Postmoder-
nisten an die analytische Philosophie stellten, so stark, dass für den amerikanischen
Pragmatismus und insbesondere Deweys Philosophie eine Renaissance begann7. Vor
dem Hintergrund der formalisierten und hoch spezialisierten analytischen und em-
pirischen Studien bot Dewey »a completely different path, or, if you will, a different
paradigm.«8 Richard Rortys Einschätzungen, dass Dewey neben Wittgenstein und

5 Robert B. Westbrook: »Liberal Democracy«. In: John R. Shook (Hrsg.): A Companion to Pragmatism,
Oxford: Wiley and Sons, 2006, S. 295.
6 Jürgen Habermas: »Postscript. Some concluding marks«. In: Mitchell Aboulafia (Hrsg.): Habermas
and pragmatism, London: Routledge, 2002, S. 226.
7 William R. Caspary: Dewey on Democracy, Ithaca: Cornell University Press, 2000, S. 1.
8 William R. Caspary: Dewey on Democracy, Ithaca: Cornell University Press, 2000, S. 2.
28 Forschungsstand

Heidegger ein maßgebender Denker des 20. Jahrhunderts ist9 und sein Diktum, die
Philosophie Deweys harre »at the end of the dialectical road which analytic philoso-
phy traveled«��noch ihrer angemessenen Rezeption, halfen Deweys Rehabilitation.11
Spätestens seit Robert Westbrooks Studie John Dewey and American Philosophy galt
Dewey schließlich gemeinhin als »great political theorist«12: Westbrook rekonstruiert
den Werdegang des Denkens von Dewey und schafft die Verbindung zwischen De-
weys großen Werken und seinem politischen Aktivismus sowie zur amerikanischen
Demokratie. Neben Westbrooks Werk können als maßgebende Darstellungen von
Dewey auch die Werke von Steven C. Rockefeller genannt werden, der sich mit
Deweys religiösem Hintergrund beschäftigt13, sowie von Alan Ryan, der den Schwer-
punkt seiner Analyse auf Deweys liberalen Humanismus legt14. James Campbell
denkt über den pragmatistischen Begriff der Community und dessen Relevanz für
die gegenwärtigen politiktheoretischen Diskurse nach.15 Michael Eldridge interpre-
tiert Deweys Denken als kulturellen Instrumentalismus und analysiert kulturelle
und politische Transformationsprozesse.16
Mittlerweile gibt es eine breit gefächerte Forschung zu Deweys Werken, es ist gar
teilweise die Rede von einer dritten Welle der Rezeption des amerikanischen Prag-
matismus. Die in den letzten Jahren entstandene Sekundärliteratur ist kaum mehr
zu überblicken und die folgenden Hinweise sind daher nur exemplarisch zu verste-
hen. Neue Lesarten versuchen die zentralen Motive in Deweys politischem Denken

9 Richard Rorty: Philosophy and the Mirror of Nature, Princeton: Princeton University Press, 1979, S. 5:
»the work of the three most important philosophers of our century – Wittgenstein, Heidegger, and
Dewey«.
10 Richard Rorty zitiert nach William R. Caspary: Dewey on Democracy, Ithaca: Cornell University Press,
2000, S. 2.
11 Einen guten Einblick in Rortys eigenes pragmatistisches Denken findet sich in Form von Essays über
Rorty und Antworten von Rorty in Randall E. Auxier, Lewis Edwin Hahn (Hrsg.): The Philosophy
of Richard Rorty, The Library of Living Philosophers, Volume XXXII, Chicago, La Salle: Open Court
Publishing Company, 2010, S. 25-224.
12 Jürgen Habermas: »Postscript. Some concluding marks«. In: Mitchell Aboulafia (Hrsg.): Habermas
and pragmatism, London: Routledge, 2002, S. 228.
13 Steven C. Rockefeller: John Dewey: Religious Faith and Democratic Humanism, New York: Columbia
University Press, 1991.
14 Alan Ryan: John Dewey and the High Tide of American Liberalism, New York, London: W. W. Notron
& Company, 1995.
15 James Campbell: The Community Reconstructs. The Meaning of Pragmatic Social Thought, Urbana,
Chicago: University of Illinois Press, 1992.
16 Michael Eldridge: Transforming Experience. John Dewey’s Cultural Instrumentalism, Nashville, Lon-
don: Vanderbilt University Press, 1998.
Amerikanische Rezeption Deweys 29

auszumachen: Demokratie als Kultur17; Demokratie bestimmt durch die Schlüssel-


kategorie des Konflikts und der Konfliktlösung18, die »Untersuchung« (inquiry) und
Demokratie19. Eine Auseinandersetzung mit Deweys Demokratietheorie findet auch
im juristischen Diskurs statt.20
Den meisten dieser jüngeren Ansätze ist gemein, das Potential zu sehen und zu
erforschen, das Deweys politisches Denken in einer komplexen, globalisierten Welt
hat.21 Interessant sind dabei auch jene Veröffentlichungen, die Dewey in nicht-ame-
rikanische Zusammenhänge setzen, wie beispielsweise Soor-hoon Tan, der Dewey
im Kontext von Transformationsgesellschaften mit besonderem Schwerpunkt auf
China betrachtet22 oder auch Keya Maitra, die Deweys Denken versucht auf die
indische Gesellschaft anzuwenden23.

17 Sor-hoon Tan, John Whalen-Bridge (Hrsg.): Democracy as Culture. Deweyan Pragmatism in a Globa-
lizing World, Albany: State University of New York Press, 2008.
18 William R. Caspary: Dewey on Democracy, Ithaca: Cornell University Press, 2000.
19 James Scott Johnston: Inquiry and Education. John Dewey and the Quest for Democracy, Albany: State
University of New York Press, 2006.
20 Richard A. Posner: Law, Pragmatism, and Democracy, Cambridge: Harvard University Press, 2003.
21 Beispielhaft sei genannt: Jason Kosnowski: John Dewey and the Habits of Ethical Life. The Aesthetics of
Political Organizing in a Liquid World, Lanham, Md: Lexington Books, 2010.
22 Tan Sor-hoon, John Whalen-Bridge (Hrsg.): Democracy as culture. Deweyan Pragmatism in a Globa-
lizing World, Albany, NY: 2008. Aber auch: Joseph Grange: »John Dewey and Confucius: Ecological
Philosophers«. In: Journal of Chinese Philosophy, 30, 419-444.
23 Keya Maitra: »Ambedkar and the Constitution of India: A Deweyan Experiment«. In: Contemporary
Pragmatism, 9, 2, 2012, 301-320.
30 Forschungsstand

1.2. Deutsche Rezeption


Deweys Rezeption in Deutschland ist im Kontext der Rezeption des amerikanischen
Pragmatismus zu sehen, dir in zwei Phasen unterteilt werden kann24, die in ihrer
jeweiligen Sicht erheblich differieren.
In der ersten Phase, die zeitlich in ihrem Schwerpunkt vor dem Zweiten Weltkrieg
zu verorten ist, wird der Pragmatismus als unkritische Philosophie abgelehnt. Sie
sei »reines und zudem typisch amerikanisches Nützlichkeitsdenken«, »metaphysisch
dürftig, oberflächlich und damit unkritisch oder bloß affirmativ nutzenorientiert«25.
Die Schriften Deweys finden in dieser älteren Phase der Pragmatismus-Rezep-
tion wenig bis keine Beachtung, was der defizitären Übersetzungssituation seiner
Schriften geschuldet ist26. Es existieren jedoch zwei Rezensionen zu »Logic. Theory
of Inquirement« und »Theory of Valuation«27 von Herbert Marcuse, in denen er
Deweys Theorieverständnis als reine Methodenlehre kritisiert, die unfähig sei, ge-
gebene Praxen zu transzendieren. Werte werden in Marcuses Lesart verstanden als
»verifizierbare Propositionen«, indem der Begriff der Wertung oder Wertschätzung
(evaluation) an Wünsche angeglichen wird, deren Eintreten oder Nicht-Eintreten im
Prinzip beobachtbar ist28. Wünsche sind dabei nach Marcuse eher »Mittelwünsche«
denn »Zielwünsche«29. Dies führe dazu, dass zwar die Mittel und ihre Zweckdien-
lichkeit diskutierbar seien, die Ziele selbst jedoch nicht verhandelbar. Eine tiefere
Lektüre der Schriften Deweys hätte neue Perspektiven auf dieses Problem bieten

24 Martin Hartmann: »Vertiefung der Erfahrung. John Dewey in der deutschsprachigen Rezeption«. In:
Allgemeine Zeitschrift für Philosophie, 3, 2009, S. 415-440. Die Darstellung der Zweiphasenrezeption
folgt in großen Teilen Hartmann.
25 Martin Hartmann: »Vertiefung der Erfahrung. John Dewey in der deutschsprachigen Rezeption«. In:
Allgemeine Zeitschrift für Philosophie, 3, 2009, S. 416f.
26 Hans Joas: »Einleitung: John Dewey – der Philosoph der Demokratie«. In: Hans Joas (Hrsg.): Phi-
losophie der Demokratie, Beiträge zum Werk von John Dewey, Frankfurt: Suhrkamp, 2000, S. 9. Ein
Überblick bis ins Jahr 1998 bietet Jean-Claude Wolf: »Dewey in deutscher Sprache«. In: Freiburger
Zeitschrift für Philosophie und Theologie, 46, 1998, S. 286-294. Neuere systematische Überblicke liegen
nicht vor, es sei jedoch erwähnt, dass sich die Übersetzungssituation in den letzten Jahren deutlich
verbessert hat. So erschienen folgende deutsche Übersetzungen: Logik. Theorie der Forschung, 2002;
Philosophie und Zivilisation, 2003; Erfahrung, Erkenntnis und Wert, 2008.
27 Herbert Marcuse: »John Dewey: Logic. The Theory of Inquiry«. In: Zeitschrift für Sozialforschung,
8, 1939, S. 221-228, sowie »John Dewey: Theory of Valuation«. In: Studies in Philosophy and Social
Science, 9, 1941, S. 144-148. Zitiert nach Martin Hartmann: »Vertiefung der Erfahrung. John Dewey
in der deutschsprachigen Rezeption«. In: Allgemeine Zeitschrift für Philosophie, 3, 2009, S. 415-440.
28 Herbert Marcuse zitiert nach Martin Hartmann: »Vertiefung der Erfahrung. John Dewey in der
deutschsprachigen Rezeption«. In: Allgemeine Zeitschrift für Philosophie, 3, 2009, S. 420.
29 Formulierungen sind entnommen aus Martin Hartmann: »Vertiefung der Erfahrung. John Dewey in
der deutschsprachigen Rezeption«. In: Allgemeine Zeitschrift für Philosophie, 3, 2009, S. 421.
Deutsche Rezeption 31

können, denn Dewey selbst löst es, indem er Mittel und Ziele in einem Kontinuum
versteht.
Versucht Marcuse noch Pragmatismus und Positivismus einander anzugleichen,
so betrachtet Horkheimer Pragmatismus als eine Variante des Positivismus. Die Kri-
tik ist ähnlich, auch Horkheimer spricht Deweys Philosophie ab, Ziele zur Diskus-
sion zu stellen, da es der »subjektivierten Vernunft […] nur um die Suche nach effi-
zienten Mitteln für Ziele und Zwecke [gehe], die ›mehr oder minder hingenommen
werden‹«30.
Bemerkenswert ist der Wandel der Einschätzungen vom Pragmatismus als un-
kritische Philosophie hin zu einem Verständnis von Deweys Denken als explizit
kritische Philosophie in der zweiten Phase der deutschen Pragmatismus-Rezeption.
Als wesentlich Verantwortliche für das in der Nachkriegszeit neu aufkommende In-
teresse am Pragmatismus sind Karl-Otto Apel und Jürgen Habermas zu nennen.
Apel beschäftigte sich seit den 1960er-Jahren intensiv mit den Werken von Charles
S. Peirce, gab sogar eine deutsche Übersetzung relevanter Peirce-Werke heraus.31 Ha-
bermas interessierte sich für Peirce, der ihm zunächst vor allem von Apel bekannt
gemacht wurde32, sowie für George Herbert Mead und stützte sich auf ihn, als er den
Paradigmenwechsel »von der Zweckmäßigkeit zum kommunikativen Handeln« voll-
zog und ausrief.33 Die intensivere Auseinandersetzung mit Deweys Denken setzt bei
Habermas erst in den 1990er-Jahren ein.34 Habermas äußert sich über den Einfluss
Deweys auf ihn wie folgt:

»with his Public and its Problems (1927) Dewey could have been a major source for my
Structural Transformation of the Public Sphere (1962). In fact, he was not. I came across
his writings only after finishing that first book. And even after that I did not pick up
his political or ethical writings for several decades. […] At some time in the late 1980s,
perhaps, I discovered from hindsight the convergence in our views on the discursively

30 Max Horkheimer: Zur Kritik der instrumentellen Vernunft. Gesammelte Schriften, Bd. 6, Frankfurt:
Fischer, 1991, S. 64 und 69. Zitiert nach Martin Hartmann: »Vertiefung der Erfahrung. John Dewey
in der deutschsprachigen Rezeption.« In: Allgemeine Zeitschrift für Philosophie, 3, 2009, S. 424.
31 Eine Einführung von Apel in den Pragmatismus: Karl-Otto Apel: Der Denkweg von Charles S. Peirce.
Eine Einführung in den amerikanischen Pragmatismus, Frankfurt: Suhrkamp, 1975.
32 Jürgen Habermas: Postscript. Some concluding marks, in: Mitchell Aboulafia (Hrsg.): Habermas and
pragmatism, London: Routledge 2002, S. 227.
33 Hans Joas: »Einleitung: John Dewey – der Philosoph der Demokratie«. In: Hans Joas (Hrsg.): Phi-
losophie der Demokratie, Beiträge zum Werk von John Dewey, Frankfurt: Suhrkamp, 2000, S. 10. Eine
umfassende Auseinandersetzung zu Habermas und dem Pragmatismus: Mitchell Aboulafia (Hrsg.):
Habermas and pragmatism, London: Routledge 2002.
34 Beispielhaft: Jürgen Habermas: »Ganz allein. Wie sich der amerikanische Philosoph John Dewey 1929
auf die »Suche nach der Gewissheit machte«. In: Die Zeit, 31, 23.7.1998, S. 27.
32 Forschungsstand

structured public sphere as a requirement for democracy. This circumstance does not,
of course, diminish the political role that pragmatism has played in the formation of
my ideas of democracy and the constitutional state.«35

Dass die deutsche Rezeption von Dewey so schwer anlief und auch in der zweiten
Phase nur eine bruchstückhafte Auseinandersetzung mit dem Gesamtwerk Deweys
stattfand, ist, wie bereits erwähnt, wohl vor allem der lange Zeit desaströsen Überset-
zungslage seiner Werke geschuldet wie auch der gängigen Wahrnehmung von Dewey
als Pädagoge.
Martin Hartmann unterteilt die zweite Phase in Versuche, Dewey werkimma-
nent in seiner teils widersprüchlichen Komplexität zu verstehen, und jene Ansätze,
die Deweys metaphorische Sprache in gängigere Theoriensprachen übersetzen und
so versuchen, sein Werk in anderen philosophischen Strömungen zu kontextualisie-
ren36.
Das zu großen Teilen unvoreingenommene Interesse der zweiten Rezeptionspha-
se kann dadurch erklärt werden, dass die Dominanz der analytischen Philosophie
über andere philosophische Schulen wie etwa den Pragmatismus zwar deutlich war,
es jedoch immer noch eine gewisse Offenheit gegenüber anderen philosophischen
Richtungen gab. Lehnte die analytische Philosophie den Pragmatismus lange als
unseriös ab, schaffte es die Auseinandersetzung des analytischen Denkers Richard
Rortys mit Dewey, ihn gewissermaßen zu »rehabilitieren« und bahnte damit den
Weg zu einer seriösen Auseinandersetzung mit Deweys pragmatistischen Denken.
Bezeichnend für diese vielfache Auseinandersetzung ist die Schwerpunktsetzung auf
die Kritikfähigkeit von Deweys Philosophie, ob in der Ästhetik, Ethik oder Sozial-
und politischen Philosophie:

»In fast allen Fällen zeigt sich dabei, dass die kritische Leistung des Dewey’schen Prag-
matismus darin besteht, liebgewordene Differenzierungen und Unterscheidungen im
Bereich der Ästhetik, der Politik, der Wissenschaft, der Philosophie oder der Kultur
insgesamt zu unterlaufen – eine Leistung, für die in vielen Kontexten der Erfahrungs-
begriff einsteht, in dem sich die etablierten Differenzierungen gleichsam aufgeho-
ben und damit überholt sehen. Wo etwa die Wissenschaften sich als wertneutrales
und weitgehend deskriptiv verfahrendes Unternehmen versteht, bemüht sich De-

35 Jürgen Habermas: »Postscript. Some concluding marks.« In: Mitchell Aboulafia (Hrsg.): Habermas
and pragmatism, London: Routledge 2002, S. 228.
36 Martin Hartmann: »Vertiefung der Erfahrung. John Dewey in der deutschsprachigen Rezeption«. In:
Allgemeine Zeitschrift für Philosophie, 3, 2009, S. 427.
Deutsche Rezeption 33

wey um den Nachweis ihrer Wertdurchtränktheit und nennt dies den Versuch ihrer
Humanisierung.«37

Relevant für ein Verstehen von Deweys Öffentlichkeitstheorie ist insbesondere die
Rezeption der politischen Philosophie Deweys. Dewey wird in Deutschland oft als
der amerikanische Demokrat des 20. Jahrhunderts verstanden, und die deutsche
Auseinandersetzung mit Deweys politischer Philosophie konzentriert sich auf meist
auf seine Demokratietheorie, beispielhaft sei hier Hauke Brunkhorst mit seinem
herausgegebenen Band Demokratischer Experimentalismus genannt.38 Auch Hans Joas
konstatiert, dass man Deweys Philosophie eine »Philosophie der Demokratie« nen-
nen kann, denn »[e]s gibt wohl keinen Philosophen, für den die Demokratie so sehr
Gegenstand und ständiger Orientierungspunkt seinen Denkens war wie für John
Dewey.«39 Im Rahmen seiner Studie zur Wertproblematik40 interessiert sich Joas da-
bei unter anderem besonders für die religiöse Dimension menschlicher Erfahrungen
und den Versuch der Sakralisierung von Demokratie, den Dewey in A Common
Faith41 unternimmt.
Demokratie wird in der deutschen Rezeption zumeist verstanden als »umfassende
Lebensform«42, die nicht auf institutionelle Kontexte beschränkt ist, sondern alle
gesellschaftlichen Sphären gleichermaßen durchdringt und umfasst. Beispielhaft sei
Hartmanns Verständnis des Deweyschen Demokratiebegriffs zitiert. Die Demokra-
tie

»verwirklicht sich als Kooperationsgemeinschaft, […] sie versucht die Konsequenzen


politisch relevanter Handlungen im Durchgang durch öffentliche Diskussionen und
Beratungen zu erfassen und, im Falle problematischer Konsequenzen, ergebnisoffen
und unter ständiger Berücksichtigung der Betroffenenperspektive zu revidieren, […]
sie ist, ihrer normativen Idee nach, egalitär, da die der öffentlichen Beratung ent-
springenden Zielvorgaben von persönlichen und schichtspezifischen Verzerrungen
frei bleiben sollten. […] Demokratie wird nicht institutionell reduziert, sondern als

37 Martin Hartmann: »Vertiefung der Erfahrung. John Dewey in der deutschsprachigen Rezeption«. In:
Allgemeine Zeitschrift für Philosophie, 3, 2009, S. 428.
38 Hauke Brunkhorst (Hrsg.): Demokratischer Experimentalismus. Politik in der komplexen Gesellschaft,
Frankfurt: Suhrkamp, 1998.
39 Hans Joas: »Einleitung: John Dewey – der Philosoph der Demokratie«. In: Hans Joas (Hrsg.): Philo-
sophie der Demokratie: Beiträge zum Werk von John Dewey, Frankfurt: Suhrkamp, 2000, S. 11.
40 Hans Joas: Die Entstehung der Werte, Frankfurt: Suhrkamp, 1997.
41 John Dewey: The Later Works of John Dewey, Vol. 9, Carbondale-Edwardsville: Southern Illinois Uni-
versity Press, 1986 [1934], S. 1-58.
42 Martin Hartmann: »Vertiefung der Erfahrung. John Dewey in der deutschsprachigen Rezeption«. In:
Allgemeine Zeitschrift für Philosophie, 3, 2009, S. 434.
34 Forschungsstand

umfassende Lebensform bestimmt; […] sie bleibt verbunden mit einer Konzeption
der Selbstverwirklichung, der gemäß individuelle Vermögen und Fähigkeiten einzig
in demokratisch strukturierten Prozessen intersubjektiver Kommunikation entfaltet
werden können.«43

Auch Axel Honneth erarbeitet ein reifes Verständnis der Demokratietheorie Deweys,
das gestützt ist auf das Ideal sozialer Kooperation, die alle gesellschaftlichen Sphären
durchdringt.44 Dieses »kooperative Zusammenwirken in der öffentlichen Willensbil-
dung [sei] zunächst und vor allem sowohl Mittel als auch Zweck der individuellen
Selbstverwirklichung«45 und wird von Honneth als Idee sozialer Freiheit verstanden.
Folgt man Honneth, so gelingt es Dewey, jene Elemente der rationalen Delibera-
tion und der demokratischen Gemeinschaft zu vereinen, die in der gegenwärtigen
demokratietheoretischen Diskussion als gegenüberstehend konzipiert werden, und
damit eine Alternative zu den vorherrschenden Ansätzen des Republikanismus und
Prozeduralismus zu bieten.46 In der demokratischen Gesellschaft bildet Öffentlich-
keit das diskursive Medium kooperativer Problemlösungen, indem vernetzte Öffent-
lichkeiten soziale Probleme lösen, auf deren Grundlage der Staat über einen experi-
mentellen Prozess allgemein konsensfähige Problemlösungen erarbeiten kann. Dem
prozeduralen und reflexiv-diskursiven Demokratiebegriff von Honneth47 schließt
sich Arno Waschkuhn in seiner politikwissenschaftlichen Lesart von Dewey an.48
Die Lesart von Dewey, in der Demokratie als umfassende Lebensform verstanden
wird, vernachässigt, dass Dewey selbst in The Public and Its Problems ein doppeltes
Verständnis von Demokratie vertritt: Demokratie als »Idee des Gemeinschaftslebens
selbst«49 und als bestimmte Art der Staatsstruktur bzw. bestimmte Struktur poli-

43 Martin Hartmann: »Vertiefung der Erfahrung. John Dewey in der deutschsprachigen Rezeption«. In:
Allgemeine Zeitschrift für Philosophie, 3, 2009, S. 434.
44 Siehe dazu Axel Honneth: »Demokratie als reflexive Kooperation. John Dewey und die Demokratie-
theorie der Gegenwart«. In: Axel Honneth (Hrsg.): Das Andere der Gerechtigkeit. Aufsätze zur prak-
tischen Philosophie, Frankfurt: Suhrmap, 2000, 282-309. Eine neuere Auseinandersetzung mit Dewey
findet sich in Axel Honneth: Das Recht der Freiheit, Berlin: Suhrkamp, 2011, S. 500ff.
45 Axel Honneth: Das Recht der Freiheit, Berlin: Suhrkamp, 2011, S. 505.
46 Axel Honneth: »Demokratie als reflexive Kooperation. John Dewey und die Demokratietheorie der
Gegenwart«. In: Axel Honneth (Hrsg.): Das Andere der Gerechtigkeit. Aufsätze zur praktischen Philoso-
phie, Frankfurt: Suhrtkamp, 2000, S. 286f.
47 Eine ähnliche Lesart wird im amerikanischen Kontext beispielsweise von Robert B. Westbrook ver-
treten.
48 Arno Waschkuhn: Pragmatismus. Sozialphilosophische und erkenntnistheoretische Reflexionen zu den
Grundelementen einer interaktiven Demokratie, München: R. Oldenbourg, 2001.
49 John Dewey: The Public and Its Problems, Ohio: Ohio University Press, 1991 [1927], S. 129. Im Fol-
genden abgekürzt: PiP.
Deutsche Rezeption 35

tischer Entscheidungsfindung. Die Konzepte der sozialen und politischen Demokra-


tie unterscheidet Dewey nicht immer trennscharf; eine analytische Trennung dieser
Konzepte wird an späterer Stelle versucht. Auch Dirk Jörke verfolgt die Idee von
einem doppelten Demokratiebegriff. Schließt er sich in der Interpretation der so-
zialen Demokratie Honneths Lesart an, so versteht er unter politischer Demokratie

»eine Theorie der Demokratie als Konfliktlösungsmechanismus, […] ein[en] Modus


des Umgangs mit kollektiven Problemen, ein[en] Mechanismus der Problemlösung,
der laut Dewey intelligente Lösungen wahrscheinlicher macht. Das zweite Verständnis
zielt auf politisches Handeln im engeren Sinne«50

und sieht in Öffentlichkeiten Mittel, das Ideal sozialer Demokratie zu verwirklichen.


Auch in dieser Arbeit wird Deweys Demokratiebegriff sowohl als sozial als auch als
politisch verstanden, jedoch wird, in Abgrenzung von Jörke, politische Demokratie
nicht als Öffentlichkeit (in Deweys Sinn) interpretiert. Vielmehr wird Deweys Öf-
fentlichkeitstheorie als funktionale, weitaus weniger normative und eigenständige
Theorie von Deweys doppeltem Demokratiebegriff erst analytisch unterschieden
und dann in ein neues Verhältnis zu diesem gesetzt.
Die Öffentlichkeitskonzeption Deweys soll hier in ihren Grundzügen dargestellt
werden. In der bisherigen Dewey-Rezeption wurde, wie oben dargelegt, Deweys
politisches Denken als demokratisches Denken verstanden, und The Public and Its
Problems wurde demokratietheoretisch interpretiert. Indes ist die Konzeption von
Öffentlichkeit in der bisherigen Rezeption nicht ausreichend beachtet worden. Al-
lenfalls fand sie als Genese eines demokratischen Staates Berücksichtigung, oder in
neueren Arbeiten als Mittel zur Verwirklichung der sozialen Demokratie (Jörke)
und als »eine Art experimenteller Forschungsgemeinschaft […], die die sozialen Be-
dingungen eines friedfertigen Zusammenlebens erkundet und daraus dann eine ge-
meinsame Vorstellung des politisch Wünschens- und Erstrebenswerten entwickelt«51
(Honneth).
Deweys Werk The Public and Its Problems wurde mit unterschiedlichen Schwer-
punkten interpretiert: als Antwort auf die vernichtende Zeitdiagnose der ameri-
kanischen Demokratie von Walter Lippmann52; als publizistische Aufforderung
eines politisch besorgten und engagierten Bürgers, der Dewey war. Kloppenberg
und Gouinlock verstehen das Werk als »den Kulminationspunkt des Deweyschen

50 Dirk Jörke: Demokratie als Erfahrung. John Dewey und die politische Philosophie der Gegenwart, Wies-
baden: Westdeutscher Verlag, 2003, S. 206.
51 Axel Honneth: Das Recht der Freiheit, Berlin: Suhrkamp, 2011, S. 505.
52 Walter Lippmann: Public Opinion, New York: Macmillan, 1922.
36 Forschungsstand

Instrumentalismus«53 und legen dabei ihren Interpretationschwerpunkt auf die me-


tholodogischen Ausführungen Deweys, in denen er »das falsche öffentliche Bild der
Naturwissenschaften als ein Gebäude aus Wahrheit statt Meinung«54 kritisiert. Hon-
neth hingegen interessiert sich vor allem

»auf der Basis seiner Anerkennungstheorie für die motivationalen und sozialen Voraus-
setzungen der Teilnahme an diskursiven Öffentlichkeiten und vermutet im Modell
einer vorpolitisch sich entfaltenden gesellschaftlichen Kooperation eine Antwort auf
die Frage nach den Bedingungen politischer Partizipation.«55

Im Allgemeinen wird das Werk im engen Kontext von Deweys Demokratietheorie


gelesen. Auch wenn Dewey zu Recht als einer größten amerikanischen Demokratiet-
heoretiker gilt, so lohnt es ihn auch als Öffentlichkeitstheoretiker zu lesen. Ziel dieser
Arbeit ist es, die Öffentlichkeit, die Dewey in The Public and Its Problems beschreibt
als eigenständige Öffentlichkeitstheorie zu etablieren und diese Theorie durch eine
enge Verknüpfung mit sozialwissenschaftlichen empirischen Befunden auszubauen.
Diese Zielsetzung ergab sich aus der Einsicht, dass Deweys Öffentlichkeitskonzep-
tion in hohem Maß anschlussfähig an die Protestforschung der Neuen Sozialen Be-
wegungen ist. Deweys Konzeption hat das Potential, einen theoretischen Rahmen
zu bieten, den die sonst in der Öffentlichkeitsforschung noch immer maßgebende
Habermas’sche Theorie des »Strukturwandels der Öffentlichkeit« (Habermas 1993
[1962])56 nicht leisten kann, unterschätzte Habermas doch die seit den 1960er-Jahren
evident gewordene Bedeutung der Neuen Sozialen Bewegungen.
Zwar beginnt Deweys Denken auch in den Sozialwissenschaften Rezeption zu
finden57, eine sozialwissenschaftliche Auseinandersetzung und empirische Überprü-

53 James Gouinlock: »Einleitung zu Dewey«. In: John Dewey: Later Works 1925-1953, herausgeben von Jo
Ann Boydston, Carbondale: Southern Illinois University Press, 1981-1990, S. XXIV, zitiert nach James
T. Kloppenberg: »Demokratie und Entzauberung der Welt: Von Weber und Dewey zu Habermas
und Rorty«. In: Hans Joas (Hrsg.): Philosophie der Demokratie, Beiträge zum Werk von John Dewey,
Frankurt: Suhrkamp 2000, S. 52.
54 James T. Kloppenberg: »Demokratie und Entzauberung der Welt: Von Weber und Dewey zu Ha-
bermas und Rorty.« In: Hans Joas (Hrsg.): Philosophie der Demokratie, Beiträge zum Werk von John
Dewey, Frankurt: Suhrkamp 2000, S. 52.
55 Martin Hartmann: »Vertiefung der Erfahrung. John Dewey in der deutschsprachigen Rezeption«. In:
Allgemeine Zeitschrift für Philosophie, 3, 2009, S. 435.
56 Vgl. den dritten gemeinsamen Kongress für Soziologie der DGS, ÖGS und SGS 2012 zum Thema
»Neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit«.
57 Vgl. Andreas Pettenkofer: Radikaler Protest: Zur soziologischen Theorie politischer Bewegungen, Frank-
furt: Campus, 2010, sowie Jody Stark: »The Potential of Deweyan-Inspired Action Research«. In:
Education and Culture, 30 (2), 2014, S. 87-101.
Deutsche Rezeption 37

fung der Öffentlichkeitstheorie als weitestgehend eigenständige Theorie, die weniger


normative Implikationen in Anspruch nehmen muss, ist bisher aber sowohl in der
US-amerikanischen als auch deutschen Rezeption ausgeblieben.
Ein solches Vorhaben ist mit Blick auf das Desiderat einer angemessenen, um-
fassenden Öffentlichkeitstheorie für unsere Gegenwart überfällig, scheint Deweys
Theorie schließlich über ein hohes Potential für eine kritische Öffentlichkeitsbe-
trachtung und Verlaufsvoraussage in einer hochkomplexen Gesellschaft zu verfügen.
Die empirische Überprüfung Deweys scheint daher mithilfe einer Untersuchung
über die Konstitution von Öffentlichkeit in Form einer Neuen Sozialen Bewegung
sinnvoll und aussichtsreich. Gleichwohl bedarf Deweys Theorie, die die modernen,
industrialisierten USA der 1920er-Jahre beschreibt, mancher Modifikation, um einer
hochkomplexen Gesellschaft gerecht zu werden, die häufig mit Schlagwörtern wie
Wissensgesellschaft, Atomisierung, Professionalisierung, Stratifizierung, Digitalisie-
rung umschrieben wird. Doch zunächst soll Deweys ursprüngliche Konzeption ge-
nauer vorgestellt werden.
Die Öffentlichkeit und ihre Probleme 39

2. Die Öffentlichkeit und ihre Probleme

Dewey schrieb The Public and Its Problems 1927 als Antwort auf Walter Lippmanns
The Phantom Public58. Beide Bücher befassen sich mit der Frage, ob und wie Öf-
fentlichkeit und Demokratie in einer modernen Gesellschaft funktionieren können.
Lippmanns Zeitdiagnose einer demokratischen Gesellschaft ist vernichtend: Ange-
sichts seiner Erfahrung des Ersten Weltkriegs und des aufstrebenden Faschismus in
Italien war Lippmann desillusioniert und enttäuscht vom demokratischen System
und demokratischer Politik und betrachtete Öffentlichkeit nur mehr als Phantom.
Diese Kritik basiert auf einem normativen Demokratieverständnis, in dem Öffent-
lichkeit als Stimme des Souveräns, gebildet aus omnipotenten Bürgern, verstanden
wird. Lippmann wendet sich gegen die Vorstellung, Öffentlichkeit in Analogie zu
einem Organismus zu denken, dessen Zellen Individuen entsprechen. Dieses Bild
steht für die Idee, dass die Öffentlichkeit als eine Einheit aus festen Mitgliedern fun-
giert und einen festen, den Einzelnen übergeordneten öffentlichen Willen ausbildet.
Folgt man Lippmann, so ist dies nichts als philosophische Fiktion und verkennt das
geringe realistische Machtpotential, das er der Öffentlichkeit noch einräumt. Deren
Aufgabe ist es, in einer von Eliten geführten Gesellschaft zu intervenieren, wenn das
repräsentativ-demokratische System versagt. Jedoch selbst in dieser Aufgabe ist die
Öffentlichkeit abhängig von Experten, die dieses Versagen erkennen und die Öffent-
lichkeit dazu mobilisieren, bei der nächsten Wahl ihre Stimmen anders zu verteilen.
Lippmann spricht der Öffentlichkeit sogar das Vermögen und die Kompetenz ab,
Krisen als solche zu erkennen und danach zu handeln.
Kennt man Dewey vor allem als den amerikanischen Demokratiephilosophen,
so mag es überraschen, wie kritisch Deweys eigene Zeitdiagnose ausfällt. Seine Ver-
teidigung der Öffentlichkeit, die er im Gegensatz zu Lippmann nicht als Phantom,
wohl aber als in einer »Eklipse« befindlich sieht und beschreibt, liest sich stellenweise
ähnlich hart und vernichtend wie Lippmanns Thesen. Gleichwohl ist das Potential,
das Dewey Öffentlichkeit zuspricht, ungleich größer und optimistischer.
In seiner diagnostischen Betrachtung vergleicht Dewey die Tiefe des Wandels,
den die USA in über fast 200 Jahren aufgrund von ökonomischen und technischen
Erneuerungen wie etwa der Dampfmaschine, Elektrizität, später aber auch neuen
Medien wie etwa dem Radio oder dem Telefon durchlaufen haben, mit den Verände-
rungen der Welt, die 1492 mit der Entdeckung Amerikas einhergingen.
Dewey zeichnet ein Ursprungsszenario der amerikanischen Gesellschaft: kleine,
lokal verankerte Assoziationen als Gemeinschaften, die von Bürgern, in enger Nach-

58 Walter Lippmann: The Public Phantom, New York: Macmillan, 1925. Eine weitere kritische Auseinan-
dersetzung findet sich in Walter Lippmann: Public Opinion, New York: Macmillan, 1922.
40 Die Öffentlichkeit und ihre Probleme

barschaft zusammenlebend und mit einen gemeinsamen Werte- und Normenhori-


zont, gebildet wurden. Durch Dampfschiffe, Eisenbahn, dann durch das Auto und
zuletzt das Flugzeug erhöhte sich die geographische Mobilität drastisch. Techno-
logische und daraus folgende ökonomische Neuerungen weiteten die Grenzen der
lokalen Gemeinschaften und verursachten komplexe, weitreichende Folgen für As-
soziationen, die so gezwungen waren, in Anbetracht dieser Folgen geeint zu agieren.
Es bildeten sich Assoziationen, die keinen Gemeinschaftscharakter mehr hatten,
sondern durch indirekte Folgen zu einer Menge von Betroffenen wurden.
Den Zusammenschluss von Betroffenen bezeichnet Dewey als Öffentlichkeit. Die
Konstitution einer Öffentlichkeit erfordert jedoch das Wissen um Folgen und um
die eigene Betroffenheit von eben diesen sowie den aktiven Zusammenschluss als
Betroffene mit dem Ziel, die Folgen zu regulieren. In Deweys Ursprungsszenario
war die Konstitution von Öffentlichkeit entweder nicht nötig, da Handlungen von
einer Gemeinschaft gemeinsam bestimmt wurden, so dass eine spätere Regulierung
der Folgen nicht nötig war. Oder die Gemeinschaft bildete als Ganzes eine Öffent-
lichkeit. Diese war dann durch das geteilte Wissen und den gemeinsamen Werte-
und Normenhorizont verhältnismäßig leicht zu konstituieren. Die Erweiterung des
geographischen Raums, die komplexeren und weitreichenderen Folgen produzieren
Öffentlichkeiten, die nicht mehr identisch sind mit den Gemeinschaften. So führen
die engen Verzweigungen von Assoziationen dazu, dass die Selbstverwaltung von
Gemeinschaften in Form von kleinen Städten und Gemeinden angesichts komple-
xer, interdependenter und umfassender zu regulierender Folgen nicht mehr funkti-
onal ist. Diese Änderungen werden zum ernsthaften Problem von Öffentlichkeiten
und schaffen Herausforderungen, die, so Deweys zeitgenössische Einschätzung, eine
Konstitution erheblich erschweren, wenn nicht gar unmöglich machen, und so zu
einer Eklipse und Ohnmacht von Öffentlichkeit führen. Sie lassen Dewey fragen:
»How can a public be organized, we may ask, when literally it does not stay in
place?«59
The Public and Its Problems ist in zwei Komplexe unterteilt. Zunächst wird das
Konzept von Öffentlichkeit vorgestellt, es wird von anderen theoretischen (Staats-)
Konzeptionen unterschieden und in einen historischen Kontext gesetzt. Zugleich
grenzt Dewey in Vorarbeit seine Öffentlichkeitskonzeption von Verwendungsweisen
des Begriffs der Demokratie ab. Dewey stellt Thesen über die Öffentlichkeit, ihre
Konstitution und ihre normativen Funktionen auf. Im zweiten Teil seines Werks
geht er mit diesen Thesen auf doppelte Weise um: Zum einen nutzt er die zeitge-
nössische amerikanische Gesellschaft zur Überprüfung seiner Thesen, zum anderen

59 John Dewey: PiP, S. 140.


Die Öffentlichkeit und ihre Probleme 41

nutzt er die Thesen, um Missstände und zeitgenössische Entwicklungen zu kritisie-


ren.
Der Ausgangspunkt des Buches ist handlungstheoretisch bestimmt (Kapitel 1).
Folgen von Handlungen bilden die Grundlage für die Einstufung von Sachverhalten
und Situationen in privat oder öffentlich:

»We take then our point of departure from the objective fact that human acts have
consequences upon others, that some of these consequences are perceived, and that
their perception leads to subsequent effort to control action so as to secure some con-
sequences and avoid others. Following this clew, we are led to remark that the conse-
quences are of two kinds, those which affect the persons directly engaged in a trans-
action, and those which affect others beyond those immediately concerned. In this
distinction we find the germ of the distinction between the private and the public.«60

Betreffen die Folgen einer Handlung nur jene, die direkt an der Handlung beteiligt
sind, so sind sie privater Natur. Betreffen die Folgen einer Handlung jedoch auch
Personen, die an der Handlung nicht beteiligt sind, so sind sie als öffentlich einzu-
stufen.
Alle Handlungen finden innerhalb von Assoziationen statt, in denen Menschen
nach Dewey natürlicherweise leben. Dies bildet, so könnte man sagen, den von De-
wey angenommenen Urzustand des Menschen.61 Dieser Urzustand ist – anders als
bei Hobbes und Rousseau – ein sozialer, in dem Menschen in Assoziationen zusam-
menlebend miteinander kooperieren. Die Struktur des Zusammenlebens in Assozi-
ationen kann, muss jedoch keineswegs demokratisch sein. Werden Folgen als regu-
lierungswürdig wahrgenommen von jenen, die von diesen Folgen betroffen sind, so
können diese Personen sich zusammentun, um die Handlung zu regulieren. Eine
solche Assoziation ist eine öffentliche Assoziation, eine Öffentlichkeit. Ihr gegenüber
stehen private Assoziationen, beispielsweise Freundschaften62. Diese können jedoch,
sobald die Folgen dieser privaten Assoziationen andere indirekt betreffen, zu einer
öffentlichen Angelegenheit werden.
In Kapitel 2 führt Dewey seine Staatstheorie ein und unterscheidet seine formale
Definition eines Staates als Produkt von Öffentlichkeit und Regierung von gängigen
Staatstheorien, die als hinreichende Kriterien ein Volk, eine Regierung sowie zeit-
liche und geographische Einordnungen aufführen. Zugleich wendet er sich ab von
Typen klassischer Staatstheorie, die Idealstaaten entwerfen, hin zu einer Konzeption

60 John Dewey: PiP, S. 12.


61 John Dewey: PiP, S. 23.
62 John Dewey: PiP, S. 23.
42 Die Öffentlichkeit und ihre Probleme

von Staatenbildung als einem experimentellen Prozess. Dewey sieht dabei die Beant-
wortung der Frage, wie ein Staat im Allgemeinen sein sollte, keineswegs als Aufgabe
der politischen Philosophie. Die Aufgabe der politischen Philosophie und der Poli-
tikwissenschaften besteht ihm zufolge nur in der Schaffung und Verbesserung der im
experimentellen Prozess angewandten Methoden.
Der demokratische Staat als besondere Form eines Staates wird in Kapitel 3 erör-
tert. Hier definiert Dewey politische Theorie und ihre Aufgaben, die er an späterer
Stelle noch einmal von sozialer Demokratie unterscheidet. Diese Definition und die
Unterscheidung in politische und soziale Demokratie sind grundlegend für Deweys
Demokratietheorie und Öffentlichkeitstheorie.

»Democracy is a word of many meanings. Some of them are of such a broad social and
moral import as to be irrelevant to our immediate theme. But one of the meanings
is distinctly political, for it denotes a mode of government, a specified practice in
selecting officials and regulating their conduct as officials. This is not the most inspi-
ring of the different meanings of democracy; it is comparatively special in character.
But it contains about all that is relevant to political democracy. [Hervorhebung im
Original]«63

Das Konzept politischer Demokratie ist eine bestimmte Art der Staatsstruktur bzw.
Struktur der politischen Entscheidungsfindung. Das Konzept der sozialen Demo-
kratie ist weit umfassender: Zumeist als Deweys reife Demokratietheorie bezeich-
net, umfasst die soziale Demokratie nicht nur eine politische Struktur, sondern ist
die Idee des Gemeinschaftslebens selbst. Diese Unterscheidung ist für die Entwick-
lung von Deweys Öffentlichkeitstheorie von essentieller Bedeutung. Von beiden
Demokratiekonzepten kann die Öffentlichkeit abgegrenzt werden. Die Öffentlich-
keitskonzeption impliziert keineswegs notwendigerweise Demokratie als Idee des
Gemeinschaftslebens selbst. Zentrales Thema ist auch nicht eine an die Naturwissen-
schaften angelehnte Untersuchung über ein idealdemokratisches Zusammenleben.
Öffentlichkeiten sind eine Form von politischer Praxis, sie fungieren als fallbezogen
entstehender Kollektivakteur mit dem Ziel, einen Sachverhalt nachhaltig zu regu-
lieren. Im historischen Kontext des neu besiedelten Amerika betrachtet tun dies die
Öffentlichkeiten zunächst nicht im Rahmen einer demokratisch-politischen Struk-
tur, sondern Demokratie als politische Struktur entsteht erst unintendiert aus den
Regulierungen heraus:

63 John Dewey: PiP, S. 82.


Die Öffentlichkeit und ihre Probleme 43

»Political democracy has emerged as a kind of net consequence of a a vast multitude


of responsive adjustments to a vast number of situations, no two of which were alike,
but which tended to converge to a common outcome. The democratic convergence,
moreover, was not the result of distinctively political forces and agencies. Much less is
democracy the product of democracy, of some nisus, or immanent idea. ����������
[Hervorhe-
bung im Original]«64

Die Entstehung der politischen Demokratie ist also durch Zweckrationalität und
unintendierte Folgen geprägt. In The Public and Its Problems ist für Dewey Demokra-
tie vor allem als politische Struktur relevant. Diese Schwerpunktsetzung wird meist
von jenen Rezipienten überlesen, die auch Öffentlichkeit als demokratietheoretisch
im Sinne der sozialen Demokratie verstehen.
Dieser Blickwinkel ist mitbestimmend für die düstere Zeitdiagnose, die in der
Analyse des amerikanischen Staates in Kapitel 4 von Dewey formuliert wird. De-
wey versteht als größtes Problem die Apathie der Menschen innerhalb des demokra-
tischen Staates und sieht als Ursachen die Industrialisierung der Gesellschaft sowie
die Ausdifferenzierung und Komplexität gesellschaftlicher Strukturen, die das Er-
kennen von Folgen dramatisch erschwert.
Die Idee von sozialer Demokratie als großer Gemeinschaft skizziert Dewey in
Kapitel 5: die Bedingungen für das Entstehen einer großen Gemeinschaft; der gute
Bürger; die Anthropologie, die der großen Gemeinschaft zugrunde liegt; die Rolle
der Sozialwissenschaften.
Soziale Demokratie umfasst dabei das gesamte gesellschaftliche Leben. »The idea
of democracy is a wider and fuller idea than can be exemplified in the state even at
its best. To be realized it must affect all modes of human association, the family, the
school, industry, religion.«65 Dewey stellt fest, »democracy is not an alternative to
other principles of associated life. It is the idea of community itself.«66 Gleichzei-
tig beschreibt Dewey soziale Demokratie jedoch als ein Ideal, das weder je erreicht
wurde noch je erreicht werden kann. Die Idee kann daher in der gesellschaftlichen
Realität nur abgeschwächt genutzt werden als »actual phases of associated life as they
are freed from restrictive and disturbing elements, and are contemplated as having
attained their limit of development.«67
Die Methoden, die in der Entstehung von Öffentlichkeiten ebenso wie in der Um-
setzung einer sozialen Demokratie Anwendung finden sollen, diskutiert Dewey in

64 John Dewey: PiP, S. 84.


65 John Dewey: PiP, S. 143.
66 John Dewey: PiP, S. 148.
67 John Dewey: PiP, S. 148f.
44 Die Öffentlichkeit und ihre Probleme

Kapitel 6: das Vorbild der naturwissenschaftlichen Methoden für die Methoden der
Sozialwissenschaften, nach denen die soziale Demokratie entstehen soll; die experi-
mentelle Logik einer (öffentlichen) Untersuchung sowie die Sonderrollen von Ex-
perten und (medialer) Kommunikation.
In dieser Darlegung des Buches zeigen sich bereits zahlreiche Unterscheidungen,
die Dewey einführt: seine funktional-formale Definition eines Staates gegenüber ide-
altypischen Staatstheorien; politische und soziale Demokratie; nicht-demokratische
und demokratische Öffentlichkeiten. Zunächst soll jedoch die Unterscheidung von
politischer und sozialer Demokratie interessieren, da so Deweys Öffentlichkeitskon-
zeption als eigene Theorie abgegrenzt werden kann.

2.1. Demokratie als politischer Prozess und soziale Idee


Dewey selbst unterscheidet die Konzepte der sozialen und der politischen Demo-
kratie nicht immer trennscharf. Es wird jedoch der Versuch gemacht, beide hier
vorzustellen, um dann die Öffentlichkeitstheorie als funktionale, weniger normative
Theorie davon abzugrenzen.68
Unter politischer Demokratie versteht Dewey eine Form des Regierens, eine spe-
zifische Praxis der Auswahl von Amtspersonen und der Regulierung ihres Verhaltens
als Beamte. Die politische Demokratie ist nicht das Produkt spezifischer historischer
Kräfte und Faktoren oder einer »demokratischen Idee«, vielmehr beschreibt sie De-
wey als »eine Art Netto-Folge« von unzähligen einzigartigen Situationen, die zu
einem einzigen Ergebnis (der Demokratie) konvergiert sind, ohne dieses Ergebnis
intendiert zu haben. Dewey geht in seiner Analyse der politischen Demokratie sogar
noch weiter:

»The same forces which have brought about the forms of democratic government,
general suffrage, executives and legislators chosen by majority vote, have also brought
about conditions which halt the social and humane ideals that demand the utilization
of government as the genuine instrumentality of an inclusive and fraternally associated
public. ›The new age of human relationships‹ has no political agencies worthy of it.
The democratic public is still largely inchoate and unorganized.«69

68 In dieser Arbeit werden diese drei Konzepte voneinander unterschieden. Für einen Unterscheidung
in nur zwei Konzepte, nämlich soziale Demokratie und politische Demokratie, die als Öffentlichkeit
verstanden wird, vgl. Dirk Jörke: Demokratie als Erfahrung, Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, 2003.
69 John Dewey: PiP, S. 109.
Demokratie als politischer Prozess und soziale Idee 45

Die politische Demokratie ist also eine bestimmte politische Struktur, der nicht
zwingend ein demokratisches Ideal als Ursprung zugrunde liegt. Nach Dewey kön-
nen jene Bedingungen, die zu dieser Struktur führten, die Umsetzung eines demo-
kratischen Ideals im Sinne einer sozialen Demokratie auch behindern. Den amerika-
nischen Staat des 20. Jahrhunderts beschreibt Dewey als eine politische Demokratie.
Anhand der Entstehungsgeschichte des amerikanischen Staates kann nach Dewey
die Verwandlung von Gemeinschaften hin zu einer »Großen Gesellschaft« (Great
Society) nachvollzogen werden. Zunächst fand das Leben in lokalen Gemeinschaften
statt:

»The earlier associations were mostly of the type well termed by Cooley ›face-to-face‹.
Those which were important, which really counted in forming emotional and intellec-
tual dispositions were local and contiguous and consequently visible. Human beings,
if they shared in them at all, shared directly and in a way of which they were aware in
both their affections and their beliefs.«70

Der technische Fortschritt machte schließlich aus lokalem Leben in Gemeinschaften


eine »Große Gesellschaft«.

»The Great Society created by steam and electricity may be a society, but it is no com-
munity. The invasion of the community by the new and relatively impersonal and
mechanical modes combined human behavior is the outstanding fact of modern life.
In these ways of aggregate activity the community, in its strict sense, is not a conscious
partner, and over them it has no direct control. They were, however, the chief factors in
bringing into being national and territorial states. The need of some control over them
was the chief agency in making government of these states democratic or popular in
the current sense of these words.«71

Diese »Große Gesellschaft« besitzt zwar eine demokratische Struktur, verfügt jedoch
nicht zwingend auch über demokratische Werte, die über die politische Struktur hi-
nausgehen. In der Betrachtung des amerikanischen Staates zeichnet Dewey selbst ein
pessimistisches Bild von einer politischen Struktur, deren Entstehungsbedingungen
die Verwirklichung einer sozialen Demokratie erschweren. Jörke hingegen bewertet
das Verhältnis von politischer und sozialer Demokratie positiver. So ist das Ideal der
sozialen Demokratie dem Modell des politischen Problemlösungshandelns lexika-

70 John Dewey: PiP, S. 97.


71 John Dewey: PiP, S. 98.
46 Die Öffentlichkeit und ihre Probleme

lisch vorangestellt72. Die politische Demokratie bildet das Mittel zur Verwirklichung
einer sozialen Demokratie. Politische Demokratie wird in Jörkes Lesart als Konflikt-
lösungsmechanismus verstanden,

»jedoch ohne dass substantielle Kriterien für die Beurteilung der erfolgreichen An-
wendung des Mittels gewonnen werden. Ob, und wenn ja, inwieweit politische Kon-
fliktlösungsmechanismen erfolgreich verlaufen, lässt sich theoretisch nicht deduzieren,
sondern ist laut Dewey abhängig von der aktiven Zustimmung der Betroffenen.«73

Betrachtet man die politische und soziale Demokratie normativ, so ist das Ideal der
sozialen sicher dem der politischen hierarchisch vorangestellt. Ob jedoch die poli-
tische Demokratie tatsächlich Mittel zum Zweck der sozialen Demokratie sein soll,
bleibt unklar. Folgt man Matthew Festenstein74, so stehen sich diese beiden Konzep-
tionen unvermittelt gegenüber.
Doch es soll verstanden werden, was soziale Demokratie nach Dewey bedeutet:
Soziale Demokratie ist die Verwirklichung einer demokratischen Gemeinschaft. Zu
Deweys Zeit ebenso wie heute bedeutet dies die Verwandlung der »Großen Gesell-
schaft« in eine »Große Gemeinschaft« (Great Community). Wenn eine Gesellschaft
unter den Bedingungen einer komplexen modernen Gesellschaft es schaffen sollte,
die Synthese aus Demokratie und Differenz zu erschaffen, so würde sie damit zu
einer »Großen Gemeinschaft« werden.
Soziale Demokratie ist die Idee des Gemeinschaftslebens selbst und folgt dem
Ideal des ›Wachstums‹ (Growth) und der (Selbst-)Entfaltung. Nur in einer sozialen
Demokratie kann das Individuum ungehindert in einem Raum der Entfaltung
wachsen. Das Wachstum ist abhängig von entgegenkommenden Assoziationsver-
hältnissen.75 Diese dem Ideal der sozialen Demokratie zugrunde liegende soziale
Kooperation ist nicht auf die politische Sphäre beschränkt, wie dies in der poli-
tischen Demokratie ebenso wie im politischen Liberalismus oder beispielsweise Jür-
gen Habermas’ Prozeduralismus der Fall ist, sondern bezieht sich auf alle Sphären
des gesellschaftlichen Lebens. Gleichzeitig folgt die soziale Demokratie dem Ideal
des Wachstums, welches inhaltlich unbestimmt bleibt. Wachstum bildet dabei den
normativen Primat Deweys76 und ist damit das höchste moralische Ziel. Soziale De-

72 Dirk Jörke: Demokratie als Erfahrung, Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, S. 204.


73 Dirk Jörke: Demokratie als Erfahrung, Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, S. 206.
74 Matthew Festenstein: »Inquiry and Democracy in Contemporary Pragmatism«. In: Patrick Baert,
Bryan Turner (Hrsg.): Pragmatism and European Social Theory, Oxford: Bardwell Press, 2007, S. 115-
136.
75 Dirk Jörke: Demokratie als Erfahrung, Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, S. 205.
76 Dirk Jörke: Demokratie als Erfahrung, Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, S. 58.
Demokratie als politischer Prozess und soziale Idee 47

mokratie bietet in dieser Lesart eine umfassende Lebensform, die der Konzeption
von Wachstum, auch in Form der Selbstverwirklichung, verbunden ist.
Neben dieser ethischen Begründung von Demokratie steht die epistemologische
Begründung:

»The claim, then, is this: Democracy is not just a form of social life among other
workable forms of social life; it is the precondition for the full application of intel-
ligence to the solution of social problems. The notions from Dewey’s vocabulary that I
have employed are, of course, intelligence (which Dewey contrasts with the traditional
philosophical notion of reason) and problem solving.[Hervorhebung im Original]«77

Mithilfe des demokratischen Experimentalismus soll stets nach Wachstum gestrebt


werden. Dewey selbst fasst die Idee der Demokratie in Hinblick auf den Experimen-
talismus und das Streben nach Wachstum wie folgt zusammen:

»Democracy is belief in the ability of human experience to generate the aims and
methods by which further experience will grow in ordered richness. Every other form
of moral and social faiths rests upon the idea that experience must be subjected at
some point or other to some form of external control; to some ›authority‹ alleged to
exist outside the processes of experience. Democracy is the faith that the process of
experience is more important than any special result attained, so that special results
achieved are of ultimate value only as they are used to enrich and order on the on-
going process. Since the process of experience is capable of being educative, faith in
democracy is all one with faith in experience and education. All ends and values that
are cut off from the ongoing process become arrests, fixations. They strive to fixate
what has been gained instead of using it to open the road and point the way to new
and better experiences. If one asks what is meant by experience in this connection my
reply is that it is that free interaction of individual human beings with surrounding
conditions, especially the human surroundings, which develops and satisfies need and
desire by increasing knowledge of things as they are. Knowledge of conditions as they
are is the solid ground for communication and sharing; all other communication me-
ans the subjection of some persons to the personal opinion of other persons. Need and
desire – out of which grow purpose and direction of energy – go beyond what exists,

77 Hilary Putnam: »A Reconsideration of Deweyan Democracy«. In: Michael Brint, William Weaver
(Hrsg.): Pragmatism in Law and Society, Boulder: Westview Press 1991, S. 217.
48 Die Öffentlichkeit und ihre Probleme

and hence beyond knowledge, beyond science. They continually open the way into the
unexplored and unattained future.«78

Folgt man dieser Beschreibung79, so ist Demokratie mehr Glaube als Staatsform.
Glaube in diesem Sinne verlangt die Postulierung von ends-in-view, die je nach kul-
turellem Kontext unterschiedliche Formen annehmen können. Gleichzeitig müssen
sie so vage sein, dass sie nur arbiträr sind.
Demokratie ist damit der Glaube an einen bestimmten Typ Aktivität, nicht an
bestimmte Ziele oder Interessen, und steht im Gegensatz zu den Zielen der Freiheit
des Liberalismus oder der Gleichheit anderer Demokratietheorien. Deweys Experi-
mentalismus stellt eine Basis in Aussicht, diese miteinander konkurrierenden Ziele
in eine Balance zu bringen. Dewey selbst fordert in Liberalism and Social Action
einen rekonstruierten Liberalismus, der aus öffentlichen Initiativen besteht und öf-
fentliche Bildung beinhaltet, um so die Freiheit aller durch die Erhöhung von Chan-
cengleichheit zu steigern.
Demokratie in Deweys Sinn erlaubt keinen Standpunkt außerhalb wie die Idee
eines externen Beobachters, dem Blick Gottes oder dem Blick aus dem Nirgend-
wo. Zwar gibt es religiöse Autoritäten, diese sind jedoch nicht durch einen solchen
Standpunkt legimitiert, sondern durch die praktischen Konsequenzen religiöser Ver-
einigungen.
Demokratische Normen sind objektiv in dem Sinne, dass sie auf experimentellen
Untersuchungen beruhen, die wiederum selbst auf vorherigen, erfolgreichen Unter-
suchungen fußen, die objektive Konditionen erfüllt haben.
Diese Art von Experimentalismus ist nicht ›szientistisch‹ (scientistic). Szientismus
hat normalerweise drei Ansprüche: Die Methoden der Naturwissenschaften sind
paradigmatisch für alle Felder der Erfahrung, die Konklusionen der Naturwissen-
schaften sind anwendbar auf alle Felder der Erfahrung, und die Naturwissenschaften
sind wertfrei. Dewey lehnt alle drei Ansprüche ab. Außerdem gehen seiner Meinung
nach die Bedürfnisse und Wünsche, die die Motivation für die Demokratie als Glau-

78 John Dewey: The Later Works of John Dewey, Vol. 14, Carbondale-Edwardsville: Southern Illinois Uni-
versity Press, 2008, S. 229, zitiert nach Larry A. Hickmann: »The Genesis Of Democratic Norms:
Some Insight From Classical Pragmatism«. In: Tan Sor-hoon, John Whalen-Bridge (Hrsg.): Democra-
cy as culture: Deweyan Pragmatism in a Globalizing World, Albany: State University of New York Press,
2008, S. 28.
79 Die folgenden sechs Folgerungen des Zitats sind entnommen aus Larry A. Hickmann: »The Gene-
sis Of Democratic Norms: Some Insight From Classical Pragmatism«. In: Tan Sor-hoon und John
Whalen-Bridge (Hrsg.): Democracy as culture: Deweyan Pragmatism in a Globalizing World, Albany:
State University of New York Press, 2008, S. 29f.
Demokratie als politischer Prozess und soziale Idee 49

ben darstellen, über die Naturwissenschaften hinaus, bis in die Sozialwissenschaften,


die Geisteswissenschaften und die Künste.
Soziale Demokratie wird als zweierlei gedacht: als Utopie und als regulatives Ide-
al, das durch kontingente Werte sowohl auf individueller als auch auf kollektiver
Ebene Entwicklung und Wachstum ermöglicht. Die Utopie umfasst die Idee von
Demokratie als »way of life«, als Gesellschaftstheorie, in der Demokratie kein aus-
schließlich politisches System ist, das einer Gesellschaft auferlegt, durch einen hy-
pothetischen Gesellschaftsvertrag beschlossen oder durch ein Gedankenexperiment
hergeleitet wird. Demokratie als soziale Praxis bringt aus sich selbst heraus demo-
kratische Staatsstrukturen hervor. Der Prozess ist dabei ein klassischer bottom-up-
Prozess. Zwischenmenschliche Beziehungen werden dann demokratisch und nicht
mehr hierarchisch geprägt. Erst diese etablierten demokratischen Praxen erlauben
es, Demokratie als »total social fact« zu verstehen. Bildet also politische Demokratie
eine bestimmte demokratische politische Struktur und Sphäre, so umfasst soziale
Demokratie die Ideale von individuellem und kollektivem Wachstum und von Ent-
faltung sowie von Experimentalismus, der einen eigenen Wert annimmt und gleich-
zeitig Mittel zum Zweck des Wachstums darstellt. Die Idee der sozialen Demokratie
umfasst dabei alle Sphären einer Gemeinschaft.
Öffentlichkeit wird hingegen unterschieden von der »Gemeinschaft-als-Ganzes«.
Sie wird auch nicht als Raum oder eigene gesellschaftliche Sphäre, wie etwa die
politische Sphäre, bestimmt, sondern »bezieht sich auf wahrgenommene und als
problematisch eingestufte Handlungsfolgen«.80 Der Vorteil dieser Öffentlichkeits-
konzeption liegt in ihrer Offenheit. Die Definition ist nicht an eine nationale Gesell-
schaft gebunden, sondern »zielt auf funktional, sektoral und auch lokal differenzierte
Öffentlichkeiten.«81 Auch inhaltlich bleibt sie zunächst vage. Weder sind die Wer-
te des Wachstums oder der Selbsttransformation der Konzeption zugrunde gelegt,
noch findet ein Rekurs auf demokratische Werte zwingend statt.
In einer lokalen Gemeinschaft, die von unmittelbarer Nähe und »face-to-face«-
Beziehungen geprägt ist, werden Interessen erzeugt und Werte geteilt, die so direkt
die Gemeinschaft betreffen und einvernehmlich geregelt werden können, dass es kein
Bedürfnis nach politischer Organisation bewirkt. Erst wenn die Größe der Assoziati-
on zunimmt oder die Folgen der Handlungen anderer Assoziationen die Assoziation
indirekt betreffen, entsteht eine Öffentlichkeit. Voraussetzung dieser entstehenden
Öffentlichkeit ist ein gemeinsames Interesse, welches wiederum durch geteilte Werte

80 Dirk Jörke: Demokratie als Erfahrung, Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, 2003, S. 208.
81 Dirk Jörke: Demokratie als Erfahrung, Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, 2003, S. 209. Siehe auch
Rainer Schmalz-Bruns: »Deliberativer Supranationalismus: Demokratisches Regieren jenseits des Na-
tionalstaats«. In: Zeitschrift für Internationale Beziehungen, 6 (2), 1999, 185-244.
50 Die Öffentlichkeit und ihre Probleme

entsteht und in ihnen begründet ist. Sind geteilte Werte und Interessen in einer
lokalen Gemeinschaft noch selbstverständlich, so wird diese Voraussetzung in einer
komplexen, ausdifferenzierten Gesellschaft problematisch.
Die zentralen Merkmale einer Öffentlichkeit in Unterscheidung von der Demo-
kratie als politischer Struktur und sozialer Idee sind für Dewey folgende:
–– In der Entstehung der Öffentlichkeit gibt es keinen zwingenden Bezug auf
demokratische Werte, und die Entstehung und Struktur der Öffentlichkeit ist nicht
zwingend demokratisch. Die Öffentlichkeit kann zwar demokratische Strukturen
haben oder diese entwickeln, dies ist jedoch nicht notwendig, um eine Öffentlich-
keit nach Dewey zu bilden.
–– Die gebildete Öffentlichkeit ist nicht gekoppelt an einen Nationalstaat. Sie
verhält sich auch nicht zwingend als Gegen- oder Suböffentlichkeit zu einem Nati-
onalstaat. Die Regulation von Sachverhalten findet nicht zwingend auf politischem
oder legislativem Weg statt.
–– Die Bestimmung, ob ein Sachverhalt ein öffentlicher ist, erfolgt im intersub-
jektiven Aushandlungsprozess. Was für eine Assoziation aufgrund geteilter Werte
und Traditionen ein Problem darstellt, zu dem sie eine Öffentlichkeit bildet, kann in
einer anderen Assoziation privater Sachverhalt bleiben.
–– Ein weiteres zentrales Merkmal der Öffentlichkeit ist die Parteilichkeit. In
einem möglichen Aushandlungsprozess geht es keineswegs um objektive Tatsachen
oder darum, möglichst objektiv und legitim zu einem Schluss zu kommen. Öffent-
lichkeiten vertreten als Kollektivakteure ihr spezifisches, nicht allgemeines oder objektives,
Interesse.
Das folgende Kapitel, in dem Deweys Öffentlichkeitskonzeption von normativ-
demokratischen Öffentlichkeitstheorien abgegrenzt wird, gibt Gelegenheit, auf diese
verschiedenen Merkmale von Öffentlichkeit genauer einzugehen.

2.2. Deweys Öffentlichkeitskonzeption in Abgrenzung zu normativ-


demokratischen Öffentlichkeitstheorien
Im deutschsprachigen demokratietheoretischen Diskurs werden zumeist drei Demo-
kratietheorien unterschieden. Auch wenn diese Unterscheidung keineswegs der Viel-
falt der mittlerweile entstandenen Demokratietheorien und der unterschiedlichen
Schwerpunktsetzungen gerecht wird, so kann diese holzschnittartige Kategorisie-
rung doch der Abgrenzung von Deweys Öffentlichkeitsmodell dienen. Ziel ist es,
Deweys Öffentlichkeitskonzeption als eigenständig vorzustellen und sie im direkten
Vergleich mit anderen, normativ belasteteren Öffentlichkeitstheorien als ›normativ-
leichtere‹, damit auch leichter und anders anwendbare Alternative zu denken.
John Deweys Demokratietheorie wird von allen drei Demokratietheorien – dem
Liberalismus, dem Republikanismus und dem Prozeduralismus – als Ideengeberin
Deweys Öffentlichkeitskonzeption 51

in Anspruch genommen. Zugleich wird der Versuch unternommen, seine Demo-


kratietheorie als Alternative zu den drei Modellen zu etablieren.82 Beispielsweise
Honneth versteht Demokratie dabei als »reflexive Form der gemeinschaftlichen
Kooperation«83. Im Gegensatz zum Liberalismus, Republikanismus und Prozedura-
lismus ist diese soziale Kooperation nicht auf eine politische Sphäre beschränkt, die
kooperativen Interaktionsformen müssen vielmehr Anwendung in der gesamten Ge-
sellschaft finden: Demokratie ist für Honneth Idee des Gemeinschaftslebens selbst.
Es soll mit einer Vorstellung des liberalen Demokratie-Modells begonnen wer-
den, unter dem viele, teils konkurrierende Typen des Liberalismus zusammengefasst
werden. Als eines der zentralen Prinzipien, wenn nicht sogar als das zentrale Prinzip,
gilt das Prinzip der Freiheit. John Locke geht dabei von einem Naturzustand aus,
in dem ein jeder frei und in eigener Verantwortung handelt, ohne abhängig zu sein
vom Willen anderer. Betrachtet man die Naturzustände bzw. Ausgangssituationen
der liberalen Demokratie-Modelle, so zeigt sich schon hier der fundamentale Unter-
schied zu Deweys Denken. Der Mensch als Individuum ohne Einflüsse anderer, das
allein für sich entscheidet oder in Freiheit im liberalen Sinn eines Urzustands lebt,
kommt bei Dewey schlicht nicht vor. Der Mensch ist für Dewey immer schon Ge-
meinschaftswesen – was er denkt, wünscht, welche Ziele er anstrebt, ist immer auch
Produkt einer Gemeinschaft und einer Sozialisierung innerhalb einer Gemeinschaft.

»The problem of the relation of individuals to associations – sometimes posed as the


relation of the individual to society – is a meaningless one. We might as well make a
problem out of the relation of the letters of an alphabet to the alphabet. An alphabet
is letters, and ›society‹ is individuals in their connections with one another. The mode
of combination of letters with one another is obviously a matter of importance; let-
ters from words and sentences when combined, and have no point nor sense except
in some combination. I would not say that the latter statement applies literally to
individuals, but it cannot be gainsaid that singular human beings exist and behave in
constant and varied association with one another. These modes of conjoint action and
their consequences profoundly affect not only the outer habits of singular persons, but
their dispositions in emotion, desire, planning and valuing.«84

82 Siehe dazu Axel Honneth: »Demokratie als reflexive Kooperation. John Dewey und die Demokra-
tietheorie der Gegenwart«. In: Axel Honneth (Hrsg.): Das Andere der Gerechtigkeit, Frankfurt: Suhr-
kamp, 2000, S. 282-327.
83 Axel Honneth: »Demokratie als reflexive Kooperation. John Dewey und die Demokratie der Gegen-
wart«. In: Axel Honneth (Hrsg.): Das Andere der Gerechtigkeit, Frankfurt: Suhrkamp, 2000, S. 285.
84 John Dewey: PiP, S. 69
52 Die Öffentlichkeit und ihre Probleme

Nach Dewey ist der Mensch also ein Gemeinschaftswesen, für das negative Freiheit
in Form eines Zustandes, in dem keine Gesellschaft, Regierung oder andere Men-
schen das Verhalten verhindern oder erschweren, keineswegs ein Ideal darstellt: »No
man and no mind was ever emancipated merely by being alone. Removal of formal
limitations is but a negative condition; positive freedom is not a state but an act
which involves methods and instrumentalities for control of conditions.«85
Dem Modell des Liberalismus stehen zwei alternative Modelle gegenüber, die
ihr zentrales Motiv in der demokratischen Willensbildung haben. Sowohl Hannah
Arendts Republikanismus als auch Jürgen Habermas’ Prozeduralismus haben den
deutschsprachigen demokratietheoretischen Diskurs maßgebend geprägt und bil-
den noch heute Ausgangs- und Referenzpunkt demokratietheoretischer Debatten.
Deweys Denken diesen normativ anspruchsvollen Theorien gegenüberzustellen,
ermöglicht die Verortung und Verankerung von Deweys Öffentlichkeits- und De-
mokratietheorie im deutschsprachigen Diskurs und deutscher Demokratietradition.
Zugleich ist eine Gegenüberstellung mit gerade diesen Theorien interessant, da so-
wohl heutige Versionen des Liberalismus als auch der Kommunitarismus, unter dem
sowohl Republikanismus als auch Prozeduralismus gefasst werden, in John Deweys
politischem Denken einen theoretischen Vorläufer der eigenen Konzeptionen se-
hen.86
Hannah Arendts Republikanismus basiert auf dem Vorbild der antiken Polis und
dem Bürger als Zoon politikon. Die intersubjektive Aushandlung der Geschicke und
Angelegenheiten der Polis bildet die Selbsterfüllung der Bürger. Arendt unterschei-
det dabei topographisch zwischen der Öffentlichkeit, die die Angehörigen der Polis
bilden und die die Geschicke und Angelegenheiten der Polis verhandelt, und dem
Privaten, in dem alle politisch irrelevanten, geheimen und nicht generalisierbaren
Lebensmomente enthalten sind, die für das Öffentliche unter Umständen geradezu
peinlich intim sind.
Jürgen Habermas entwirft in Strukturwandel der Öffentlichkeit eine prozedurale
Demokratietheorie, in deren Fokus die Legitimität des Verfahrens steht, das zur de-
mokratischen Willensbildung genutzt wird. Habermas rekonstruiert daher idealty-
pisch die Entwicklung der bürgerlichen Öffentlichkeit in der Frühen Neuzeit aus
der repräsentativen Öffentlichkeit des Feudalismus. Die Grundelemente seiner Kon-
struktion bilden das Verhältnis von Öffentlichem und Privatem, das Verhältnis von
Staat und Gesellschaft sowie das Verhältnis zwischen monarchischer und demokra-
tischer Repräsentation. Sachverhalte, die alle angehen und einer gesellschaftlichen

85 John Dewey: PiP, S. 168.


86 Axel Honneth: »Demokratie als reflexive Kooperation. John Dewey und die Demokratie der Gegen-
wart«. In: Axel Honneth (Hrsg.): Das Andere der Gerechtigkeit, Frankfurt: Suhrkamp, 2000, S. 285.
Deweys Öffentlichkeitskonzeption 53

Regelung bedürfen, gelten als öffentlich. Privat ist hingegen jener Bereich der indi-
viduellen Willkür, der keinem staatlichen oder gesellschaftlichen Zugriff unterliegt.
Diese Unterscheidung hat, ebenso wie Hannah Arendts Unterscheidung, ihren
Ursprung in der griechischen Antike. Oikos bildet den privaten Bereich der Haus-
wirtschaft, die Polis den öffentlichen Bereich der stadtstaatlichen Politik. Im Gegen-
satz zu Arendt verfolgt Habermas die Entwicklung des Verständnisses von privaten
und öffentlichen Bereichen bis zur Renaissance weiter, in der bis zum Ende des 18.
Jahrhunderts die private Autonomie des Untertanen als Freiheitssphäre der öffent-
lichen Gewalt des Monarchen gegenübersteht87. In der griechischen Antike waren
Staat und Gesellschaft, in Form des Vollbürgers, noch wesentlich identisch. In der
europäischen Neuzeit werden diese einander gegenübergestellt.88 Stark verkürzt lässt
sich die Entwicklung der repräsentativen Öffentlichkeit hin zur bürgerlichen Öf-
fentlichkeit wie folgt darstellen.
Das aufkommende Bürgertum schuf sich eine Freiheitssphäre, um sich vor dem
Zugriff des absolutistischen Staates zu schützen. Die Erklärung der Menschenrechte
(1948) fungiert dabei als Manifestation von Abwehrrechten der Individuen gegen
den Staat. Seit dem 16. Jahrhundert bildete sich langsam ein Publikum, bestehend
aus der städtischen Schicht der Bürger, das sich mit seinem wirtschaftlichen Aufstieg
korrelierend als Gegenüber des Staates verstand. Dieses Publikum stellte seine öf-
fentliche Meinung der öffentlichen Gewalt des Staates gegenüber und erhob gleich-
zeitig den Anspruch, mit seinem Willen erst die Legitimationsgrundlage staatlichen
Handelns zu bilden. Der Wandel des Repräsentationsverständnisses vom Herrscher,
der eine höhere Gewalt vor dem Volk repräsentierte, hin zu der theoretischen Kon-
zeption, der Herrscher repräsentiere das Volk und den Volkswillen, war grundlegend
für die erfolgreiche Umsetzung dieses Anspruchs.89
Die Drucktechnik und die damit einhergehenden neuen Formen der Publizi-
tät, wie regelmäßig erscheinende Presse, war entscheidend für die Verwandlung der
repräsentativen Öffentlichkeit zu einer bürgerlichen Öffentlichkeit, die durch die
Presse einen aktuellen und umfassenderen Informationsstand über politische und
wirtschaftliche Neuigkeiten hatte und gleichzeitig durch die Presse einen Raum der

87 Jürgen Habermas: Strukturwandel der Öffentlichkeit: Untersuchungen zu einer Kategorie der bürger-
lichen Gesellschaft. Mit einem Vorwort zur Neuauflage 1990, 13. Aufl., Frankfurt: Suhrkamp, 2013, S.
54ff.
88 Jürgen Habermas: Strukturwandel der Öffentlichkeit: Untersuchungen zu einer Kategorie der bürger-
lichen Gesellschaft. Mit einem Vorwort zur Neuauflage 1990, 13. Aufl., Frankfurt: Suhrkamp, 2013, S.
122ff.
89 Jürgen Habermas: Strukturwandel der Öffentlichkeit: Untersuchungen zu einer Kategorie der bürger-
lichen Gesellschaft. Mit einem Vorwort zur Neuauflage 1990, 13. Aufl., Frankfurt: Suhrkamp, 2013, S.
85ff.
54 Die Öffentlichkeit und ihre Probleme

Kritik geboten bekam. So wurde die Legitimität der staatlichen Herrschaft sukzessi-
ve an die Zustimmung der öffentlichen Meinung gekoppelt, die als Instanz nicht der
Verfügungsmacht staatlicher Gewalt unterlag.
Diese kurze Darstellung der Entwicklung der repräsentativen Öffentlichkeit des
Feudalismus zur bürgerlichen Öffentlichkeit dient dazu zu verdeutlichen, wie ver-
schieden die Ursprünge und die Genese der Öffentlichkeit bei Habermas und De-
wey sind: Deweys Öffentlichkeitskonzeption hat ihren Ursprung im neu besiedelten
Amerika, in dem Gemeinschaften in Form von Nachbarschaften und Familienban-
den erst entstehen und Regeln und Gesetze erst gemeinsam ausgehandelt werden
müssen. Die demokratische Verfassung Amerikas wurde aus lokalem Gemeinschafts-
leben heraus entwickelt, aus der Assoziation in lokalen und kleinen Zentren, in de-
nen vorwiegend landwirtschaftliches Gewerbe betrieben wurde. Der demokratische
Staat entsteht dabei erst im Laufe der Zeit als Ergebnis von intendierten und nicht-
intendierten Folgen assoziierten Handelns. Die Grundvoraussetzungen und Kon-
texte dieser Konstitutionen von Öffentlichkeiten differieren grundlegend. Bei Ha-
bermas ist die staatliche Gewalt bereits gegeben, und die bürgerliche Öffentlichkeit
konstituiert sich im Verhältnis zum Nationalstaat als Gegenöffentlichkeit.
Bei Dewey bildet sich der Staat aus den Öffentlichkeiten heraus als organisier-
te, institutionalisierte Öffentlichkeit. Diese demokratische Staatskonstitution ist je-
doch, folgt man Dewey, keineswegs primär beabsichtigt und durch öffentliche Dis-
kurse legitimiert, sondern entwickelt sich zunächst eher zufällig aus den Umständen
heraus, dass die Handlungssituation immer komplexer und räumlich weitgreifender
werden, so dass es einer umfassenderen Organisation der Handlungsfolgen bedarf.
Der demokratische Staat als eine unbeabsichtigte Netto-Folge entspricht Deweys
Idee von politischer Demokratie.
Doch Deweys reifes Demokratiekonzept und Habermas’ Demokratietheorie ber-
gen in Hartmanns Dewey-Interpretation viele Gemeinsamkeiten:

»Nicht anders als Dewey bekämpft Habermas Zuschauermodelle der Erkenntnis;


dem Paradigma der Bewusstseinsphilosophie möchte er ein Modell kommunikativer
Vernunft entgegenstellen; ähnlich wie Dewey verwirft auch Habermas die Reduktion
von Vernunft auf instrumentelle Funktion, das Modell der kommunikativen Vernunft
bringt es mit sich, dass auch über Ziele und Zwecke vernünftig verhandelt werden
kann. Schließlich entwirft Habermas ein Modell radikaler Demokratie, das sich
ebenfalls weigert, Demokratie nur institutionell zu verstehen. Die die wesentlichen
gesellschaftlichen Institutionen leitenden Normen und Prinzipien müssen die unge-
zwungene Zustimmung all derer finden können, die von ihnen betroffen sind. Diese
Zustimmung entspringt im besten Fall einem öffentlichen Diskurs, in dessen Rahmen
Deweys Öffentlichkeitskonzeption 55

Gründe und Argumente zwanglos ausgetauscht werden, um in einem allgemein ak-


zeptablen Konsens zu münden.«90

Hartmann siedelt Deweys Demokratietheorie zwischen liberalen, republikanischen


und prozeduralen Demokratietheorien an:

»Von liberalen Ansätzen trennt sie die Kritik am atomistischen Begriff des Individu-
ums und der expansive Demokratiebegriff; von republikanischen Modellen distanziert
sich Dewey in dem Maße, in dem er die politische Sphäre nicht als wesentlichen Raum
einer private Interessen transzendierenden Vergemeinschaftung konzipiert, sondern
eine vorpolitische, arbeitsteilig strukturierte Kooperationssphäre als Quelle der Selbst-
verwirklichung und als motivationale Basis politischer Partizipation zulässt. Vom Pro-
zeduralismus trennt Dewey nicht nur das Interesse von den sozialen und motivatio-
nalen Quellen politischer Partizipation, sondern auch die Bereitschaft, ein ethisches
Modell der Selbstverwirklichung bis in den Raum des Politischen hineinreichen zu
lassen und somit eine Formalisierung argumentativer Praktiken zu verweigern.«91

Öffentlichkeit wird von Dewey mithin nicht, wie allgemein üblich, als moderne
rechtlich-politische, staatliche Gemeinschaft verstanden, sondern als fallbezogen ent-
stehender Kollektivakteur, der als Problemlösungsmechanismus fungiert. Das erste
zentrale Element zeigt sich in der funktionalen Definition: Es gibt keinen notwen-
digen Rückbezug auf demokratische Normen oder auf ein Menschenbild, als Zoon
politikon. Die Konstitution von Öffentlichkeiten kann zunächst prinzipiell immer
und überall stattfinden, unabhängig von nationalstaatlichen Regierungsformen. Sie
ist nicht gekoppelt an bestimmte (demokratische) Entstehungsstrukturen.
Bei allen Unterschieden, die Liberalismus, Republikanismus und Prozeduralis-
mus aufweisen, entwerfen sie doch alle das Bild einer geschlossenen Öffentlichkeit,
der alle Staatsbürger angehören, und die sich in einem Nationalstaat konstituiert.
Die Öffentlichkeitskonzeption Deweys ist jedoch nicht an einen Nationalstaat
gekoppelt, sondern »zielt auf funktional, sektoral und auch lokal differenzierte
Öffentlichkeiten.«92

90 Martin Hartmann: »Vertiefung der Erfahrung. John Dewey in der deutschsprachigen Rezeption«. In:
Allgemeine Zeitschrift für Philosophie, 3, 2009, S. 435.
91 Martin Hartmann: »Vertiefung der Erfahrung. John Dewey in der deutschsprachigen Rezeption«. In:
Allgemeine Zeitschrift für Philosophie, 3, 2009, S. 435.
92 Dirk Jörke: Demokratie als Erfahrung. John Dewey und die politische Philosophie der Gegenwart, Wies-
baden 2003, S. 206. Siehe dazu auch: Rainer Schmalz-Bruns: »Deliberativer Supranationalismus.
Demokratisches Regieren jenseits des Nationalstaats«. In: Zeitschrift für Internationale Beziehungen, 6
(2), 1999, S. 185-244.
56 Die Öffentlichkeit und ihre Probleme

Die Entkopplung von Öffentlichkeit und Nationalstaat ist das zweite zentrale
Element von Deweys Öffentlichkeitskonzeption, die so zur Analyse von trans-, su-
pra- und internationalen Öffentlichkeiten nutzbar ist. Welche Alternativen sich in
der Organisation von Öffentlichkeiten denken lassen, wird am Ende dieser Arbeit
anhand der Elemente einer Metastruktur der Öffentlichkeiten diskutiert (III.2).
Drittens setzt Dewey, im Gegensatz zu anderen politischen Theorien, deren Aus-
gangspunkte in Freiheit, Herrschaft oder Gerechtigkeit zu finden sind, in pragma-
tischer Tradition, mit der Regulation von Handlungsfolgen einen handlungstheore-
tischen Ausgangspunkt. Dieser (von etablierten Demokratietheorien her gesehen)
unkonventionelle Ansatz zieht sich durch die gesamte Öffentlichkeitstheorie De-
weys. Auch entwirft Dewey in The Public and Its Problems keine Theorie von Gewal-
tenteilung, Legitimation oder Herrschaft.
Der handlungstheoretische Ausgangspunkt93 Deweys weist dabei eine große
Handhabbarkeit auf. Während Öffentlichkeits- und Demokratietheorien, in deren
Fokus Diskursivität (Habermas), ein Bürgerkonzept (Arendt) oder liberale Theorie
(Rawls, Rorty) stehen, angesichts des Phänomens von Privatisierung und Entpoliti-
sierung in heutigen Gesellschaften immer schwieriger greifen und problematischer
werden, ist eine Rückbindung an Motive und reale Überzeugungen bei Dewey durch
die notwendige Beziehung von Zwecksetzungen und tatsächlichen Handlungsbe-
dingungen gegeben, sie muss nicht aufwendig theoretisch konstruiert und an die
Empirie gekoppelt werden94. Dies erlaubt die Beschreibung von Öffentlichkeiten
in Gesellschaften, in denen es neben einem politischen Stammpublikum eine große
Anzahl von Personen gibt, die sich nur fallweise nach dem Kriterium der eigenen
Themenbetroffenheit als Öffentlichkeit organisieren.
Viertens ist als eine weitere grundlegende Differenz die Definition von Öffent-
lichkeit und Privatheit auszumachen. Ist Öffentlichkeit beispielsweise bei Arendt
klar topographisch bestimmt als eine Öffentlichkeit, die die Angehörigen der Polis
bilden und die Geschicke und Angelegenheiten der Polis verhandeln, und das Pri-
vate, in dem alle nicht generalisierbaren Lebensmomente enthalten sind, die für das
Öffentliche geheim, intim und tendenziell nicht relevant sind, so gibt es bei Dewey
keine statische, trennscharfe a priori-Grenze zwischen Öffentlichem und Privatem.
Ob ein Sachverhalt als privat oder öffentlich einzustufen ist, ist intersubjektiv zu
bestimmen. Folgen müssen bekannt sein und als regulierungswürdig eingestuft wer-

93 Eine grundlegende Darstellung der handlungstheoretischen Dimension der Demokratietheorie De-


weys findet sich bei Martin Hartmann: Die Kreativität der Gewohnheit. Grundzüge einer pragmati-
stischen Demokratietheorie, Frankfurt: Campus, 2003.
94 Martin Hartmann: »Vertiefung der Erfahrung. John Dewey in der deutschsprachigen Rezeption«. In:
Allgemeine Zeitschrift für Philosophie, 3, 2009, S. 415-440.
Deweys Öffentlichkeitskonzeption 57

den, Betroffenheiten nach intersubjektiv bestimmten und anerkannten Kriterien he-


rausgefunden werden.
Was in einer gesellschaftlichen Situation aufgrund der Verletzung bestimmter
Normen als öffentlich verstanden werden kann, kann in einer anderen gesellschaft-
lichen Situation aufgrund anderer geltender Normen als private Handlung eingestuft
werden. Die Kategorisierung hängt ab von kontingenten Umständen und dem (Pro-
blem-)Bewusstsein der potentiell Betroffenen. Betroffenheit ist dabei nicht objektiv
bestimmt, sondern wird intersubjektiv, in ständigem Rückbezug auf geteilte soziale,
moralische und politische Normen konstruiert. Wie diese Normen jedoch beschaf-
fen sein müssen, bleibt in Deweys Öffentlichkeitskonzeption zunächst unbestimmt.
Diese Unbestimmtheit bildet nach der hier vertretenen Lesart ein fünftes zen-
trales Element. Erst die Hinzunahme der Idee einer sozialen Demokratie eröffnet
eine tiefe normative Dimension. Diese Hinzunahme ist jedoch keineswegs notwen-
dig. Vielmehr besteht Deweys formal-funktionale Definition von Öffentlichkeit
auch ohne Kopplung an demokratische Werte und bietet so eine hohe Anwendbar-
keit, die nur durch geringe normative Implikationen eingeschränkt wird. Sie bietet
sich von daher auch unabhängig von Herrschaftsformen, sozialen und moralischen
Normen zur Anwendung an.
Sechstens sei auf eine Differenz der Öffentlichkeitstheorie Deweys besonders
zum Liberalismus und zum Prozeduralismus hingewiesen. Die Normen der Un-
parteilichkeit bzw. der Neutralität, sichergestellt beispielsweise durch einen hypo-
thetischen Schleier des Nichtwissens bei Rawls oder ein legitimiertes Verfahren bei
Habermas, stehen dem konstitutiven Element der Parteilichkeit einer Öffentlichkeit
nach Dewey als fallbezogen entstehende Interessengemeinschaft diametral gegenü-
ber. Die Vertretung einzelner politischer Interessen erscheint nötig angesichts einer
hochkomplexen, hochdifferenzierten Gesellschaft, die von großer sozialer Interde-
pendenz, Undurchsichtigkeit der Handlungszusammenhänge und Ambiguität be-
stimmt ist. Die notwendige Parteilichkeit der Öffentlichkeit bildet daher ein wei-
teres zentrales Element der Öffentlichkeitstheorie, die hier vertreten werden soll.
Den Ausgangspunkt der Öffentlichkeitstheorie Deweys bilden, wie bereits darge-
legt, vollzogene Handlungen, die entweder Folgen nach sich ziehen, die nur die an
der Handlung direkt Beteiligten beeinflussen, oder aber auch Personen beeinflussen,
die an dieser Handlung nicht direkt beteiligt waren. Erstere klassifiziert Dewey als
Privathandlungen. Letztere bilden den Ausgangspunkt der Deweyschen Öffentlich-
keitstheorie, und solche Handlungen bezeichnet Dewey als öffentlich. Die Öffent-
lichkeit wird dabei gebildet von eben jenen Personen, die von den Folgen indirekt
betroffen sind. Aufgabe dieser Öffentlichkeit ist es, die Folgen durch die Schaffung
von »Institutionen« zu regulieren. Diese können die Form von speziellen Ämtern,
Regeln etc. haben. Die Konstitution einer Öffentlichkeit wird also mit einem Kon-
flikt und unter Umständen auch mit einem Kampf mit alten Institutionen und Öf-
58 Die Öffentlichkeit und ihre Probleme

fentlichkeiten einhergehen. Die Beschreibung der Konstitution von Öffentlichkeit


als Kampf zeigt das letzte zentrale Element der hier vertretenen Lesart: Deweys Öf-
fentlichkeitkonzeption ist eine Konflikttheorie, die Konflikte zwischen etablierten
und neu entstehenden Öffentlichkeiten ebenso umfasst wie den Konflikt zwischen
Öffentlichkeit und den jeweiligen »Verursachern der Situation« sowie die konflikt-
hafte Kommunikation zwischen und innerhalb von Öffentlichkeiten.
War es das Ziel dieses Kapitels, Deweys Öffentlichkeitskonzeption als hinrei-
chend unterschieden von anderen normativen Öffentlichkeitstheorien herauszuar-
beiten und zugleich die Vorteile der nur schwach normativen Konzeption Deweys
darzulegen, so können wir im folgenden Kapitel dazu übergehen, den Prozess der
Konstitution von Öffentlichkeit nach Dewey darzustellen.
Die Konstitution von Öffentlichkeit 59

3. Die Konstitution von Öffentlichkeit

Dewey nähert sich der Öffentlichkeit auf zwei Weisen. Zum einen stellt er seine
Konzeption der Öffentlichkeit zunächst theoretisch vor, beginnend mit der Unter-
scheidung von privaten Handlungen und Handlungen, deren Folgen auch nicht an
der Handlung beteiligte Personen betreffen, und die demnach als öffentlich einzu-
stufen sind. Zum anderen zeichnet Dewey neben diesem theoretischen Ausgangs-
punkt holzschnittartig das Leben in den USA vor Erfindung des Dampfmaschine
und der Elektrizität nach, und zwar als Zusammenleben von Assoziationen in klei-
nen Gemeinschaften (community). Dass Menschen in Assoziationen leben, ist für
Dewey eine Tatsache; die Frage nach einem Warum sinnlos. In einer Assoziation
kooperieren Menschen miteinander, dies kann unter Umständen ungesteuert und
planlos geschehen, sie nehmen Bezug aufeinander, bilden gemeinsam eine Gemein-
schaft. Die Frage nach der Art einer Assoziation ist jedoch berechtigt: Wie kommen
Menschen dazu, auf eine bestimmte Art und Weise miteinander verbunden zu sein?
Dewey kategorisiert Assoziationen in Primär- und Sekundärgruppen und folgt da-
mit dem amerikanischen Soziologen Cooley:

»The earlier associations were mostly of the type well termed by Cooley ›face-to-face‹.
Those which were important, which really counted in forming emotional and intellec-
tual dispositions, were local and contiguous and consequently visible. Human beings,
if they shared in them at all, shared directly and in a way of which they were aware on
both their affections and beliefs.«95

Mitglieder einer Primärgruppe leben zumeist im direkten Umfeld von einander. Sie
kennen sich direkt, haben gemeinsame Interessen und Ziele. Typische Primärgrup-
pen werden gebildet von Familien, Spielgruppen, Nachbarschaften und kleinen Ge-
meinden. Da unter den Mitgliedern enge Beziehungen bestehen, ist die Primärgrup-
pe in der Größe stark begrenzt. Sie ist stabil und weist eine soziale Struktur auf. Es
findet häufige und unmittelbare Kommunikation und Interaktion statt. Der Kon-
takt ist vorwiegend von Angesicht zu Angesicht und verbaler, optischer und taktiler
Art. Er kann außerdem stark emotional geprägt sein. Die Primärgruppe prägt ihre
Mitglieder entscheidend, und die Mitglieder verfügen über eine Identifikation mit
der Gruppe, die gegenseitige Beeinflussung und starke soziale Kontrolle ermöglicht.
Innerhalb der Gruppe werden auch soziale Normen entwickelt. In der Primärgruppe
findet meist die erste Sozialisation der Mitglieder statt, da sie zeitlich das Umfeld

95 John Dewey: PiP, S. 97.


60 Die Konstitution von Öffentlichkeit

bildet, in dem eine Person als Kind aufwächst. Dadurch ist sie entscheidend für das
Selbstverständnis einer Person:

»While singular beings in their singularity think, want and decide, what they think
and strive for, the content of their beliefs and intentions is a subject-matter provided
by association. Thus man is not merely de facto associated, but he becomes a social ani-
mal in the make-up of his ideas, sentiments and deliberate behavior. [Hervorhebungen
im Original]«96

Neben Primärgruppen gibt es Sekundärgruppen. Da die Sekundärgruppe alle so-


zialen Gruppen umfasst, die nicht der Kategorie Primärgruppe zugeordnet werden
können, sind die Merkmale einer Sekundärgruppe oft nicht klar greifbar. Es kann
jedoch gesagt werden, dass Sekundärgruppen sich meist zweckhaft zur Verfolgung
eines bestimmten Ziels zusammenfinden. Während eine Primärgruppe für die ge-
samte Identität einer Person zentral ist, beansprucht eine Sekundärgruppe eine Per-
son nur in einer bestimmten Rolle oder Funktion. Beispielhafte Sekundärgruppen
umfassen Kindergärten, Schule, (Sport-)Vereine, politische Vereinigungen oder
Betriebe. Sekundärgruppen basieren auf formalen Vereinbarungen und sind, im
Gegensatz zu Primärgruppen, thematisch bestimmt. Zudem können sie sehr viele
Mitglieder haben, was zu einer gewissen Unübersichtlichkeit für die einzelnen Mit-
glieder führen kann. Primärgruppen können sich aber auch in Sekundärgruppen
wandeln und umgekehrt. In Grenzfällen sind sie nicht klar unterscheidbar, da es
durchaus Gruppen gibt, die eine Zuordnung in beide Kategorien erlauben. Für
Dewey tritt dies im Fall der Kirche ein, die sowohl »an universal and an intimate
affair«97 ist. Gemeinsam bilden Primär- und Sekundärgruppen alle sozialen Gruppen
und ihre Verflechtungen ab.
Dewey zeichnet nun das Bild von kleinen Gemeinschaften, die der Kategorie
der Primärgruppe zugeordnet werden können. Die Formen der Assoziation waren
stabil, auch wenn ihre Einheiten nomadisch und mobil waren. Personen lebten in
kleinen, lokalen Gemeinschaften, deren Gewerbe landwirtschaftlich und mit manu-
ellem Werkzeug bestellt wurde.

»The older publics, in being local communities, largely homogeneous with one ano-
ther, were also, as the phrase goes, static. They changed, of course, but barring war, ca-

96 John Dewey: PiP, S. 25.


97 John Dewey: PiP, S. 97.
Die Konstitution von Öffentlichkeit 61

tastrophe and great migrations, the modifications were gradual. They proceeded slowly
and were largely unperceived by those undergoing them.«98

Der Staat als »distinctive and secondary form of association, having a specifiable
work to do and speficied organs of operation« spielt im alltäglichen Leben keine
Rolle: »The state, even when it despotically interfered, was remote, an agency alien
to daily life.«99 In seiner Rekonstruktion der Geschichte der amerikanischen Gesell-
schaft hat Dewey in diesem Beispiel natürlich den amerikanischen Staat vor Augen.
Es sei jedoch angemerkt, dass nach Dewey viele Formen eines Staates möglich sind
und es für ihn keine fest umrissene Idee eines Staates oder eine apriorische Regeln
für einen guten Staat gibt. Auch seine Verwendung der Begriffe ›Staat‹, ›Regierung‹
und ›Beamte‹ ist eher ungewöhnlich:

»The words ›government‹ and ›officers‹ are taken functionally, not in terms of some
particular structure which is familiar to us that it leaps to the eyes when these words
are used. Both words in their functional meaning are much wider in application than
what is meant when we speak, say of the government and officers of Great Britain
or the United States. In households, for example, there have usually been rule and
›heads‹; the parents […] have been officers of the family interest. […] The same sort of
remark applies to the use of the ›states‹, in connection with publics. The text is concer-
ned with modern conditions, but the hypothesis propounded is meant good generally.
So to the patent objection that the state is a very modern institution, it is replied that
while modernity is a property of those structures which go by the name of states, yet
all history, or almost all, records the exercise of analogous functions. [Hervorhebungen
im Original]«100

Der Hinweis auf die spezielle Verwendung der Begriffe Deweys ist sinnvoll insofern,
als dass bereits an dieser Stelle klar wird, dass Dewey den Anspruch hat, eine Öf-
fentlichkeitstheorie zu entwerfen, die nicht an den modernen demokratischen Staat
gebunden ist. Der Staat ist eine politische Struktur mit bestimmten Funktionen.
Im Falle der Geschichte der USA war der Staat dabei zunächst eine Struktur, die
im Hintergrund des direkten, lokalen Gemeinschaftslebens stand. Diese politische
Struktur ist zwar demokratisch, jedoch nicht das Produkt einer demokratischen Idee
und eines Handelns, das genau auf diesen demokratischen Staat abzielte:

98 John Dewey: PiP, S. 139.


99 John Dewey: PiP, S. 97.
100 John Dewey: PiP, S. 66.
62 Die Konstitution von Öffentlichkeit

»American democratic polity was developed out of genuine community life, that is, as-
sociation in local and small centers where industry was mainly agricultural and where
production was carried out mainly with hand tools. It took form when English politi-
cal habits and legal institutions worked under pioneer conditions. […] The township
or some not larger area was the political unit, the town meeting the political medium,
and roads, schools, the peace of the community, were the political objectives. The
state was a sum of such units, and the national state a federation – unless per chance a
confederation – of states.«101

Das Leben in lokalen Gemeinschaften macht die Bildung von Öffentlichkeit zu-
nächst nicht notwendig. Die Gemeinschaft teilt Werte, Normen und Ziele in di-
rektem Austausch miteinander. Handlungsfolgen stammen aus gemeinsamen Hand-
lungen und werden direkt erlebt. Erst die Vergrößerung zu Gemeinschaften führt
indirekter Betroffenheit von Handlungsfolgen und damit zum Bedarf von Rege-
lungen.

»Immediate contiguity, face to face relationships, have consequences which generate a


community in interests, a sharing of values, too direct and vital to occasion a need for
political organization. Connections within a family are familiar; they are matters of
immediate acquaintance and concern. The so-called blood-tie which has played such a
part in demarcation of social units is largely imputed on the basis of sharing immedia-
tely in the results of conjoint behavior. What one does in the household affects others
directly and the consequences are appreciated at once and in an intimate way. […]
Special organization to care for them is superfluity. Only when the tie has extended to
a union of families in a clan and of clans in a tribe do consequences become so indirect
that special measures are called for. The neighborhood is constituted largely on the
same pattern of association that is exemplified in the family.«102

»Intrusions from non-political internal occurrences, industrial and technological,


and from external events, borrowings, travel, migrations, explorations, wars« führen
schließlich zu einer Vernetzung von Gemeinschaften: »The new era in human relati-
onships in which we live is one marked by mass production for remote markets, by
cable and telephone, by cheap printing, by railway and steam navigation. […] The
actual new world has been generated in the last hundred years.«103 Handlungsfolgen
werden durch bessere Technik weiter, umfassender und nachhaltiger und erzeugen

101 John Dewey: PiP, S. 111.


102 John Dewey: PiP, S. 39.
103 John Dewey: PiP, S. 141.
Die Konstitution von Öffentlichkeit 63

somit den Bedarf nach Regulierung. Der technische Fortschritt führt zu einem Zeit-
alter, das Dewey »machine age« nennt und das gleichzeitig ein »new age of human re-
lationships« bedeutet. Allein die Tatsache, dass Handlungen ausgeweitet werden und
Folgen nun auch Personen indirekt betreffen, kann aus Privathandlungen öffentliche
Handlungen machen, ohne dass sich die Handlung als solche ändert. Die Folgen
betreffen nun auch Personen, die an der Handlung nicht beteiligt waren. Diese Per-
sonengruppen können dann eine Öffentlichkeit konstituieren, die eine Regulierung
der Folgen in ihrem Interesse anstrebt. Die Interessen können dabei, je nach Folge,
unterschiedlicher Art sein und müssen keineswegs auf einen demokratischen Staat
abzielen und setzen ihn auch nicht voraus.
Während Gemeinschaft (community) zentral für die Identifikation ihrer Mit-
glieder mit einander und in deren Selbstverständnis ist und auf der Basis der ge-
teilten Werte und Zielsetzungen aktiv von den Mitgliedern gestaltet wird, werden
Personen passiv durch ihre Betroffenheit zu einer potentiellen Öffentlichkeit, ohne
dass sie zwingend Werte teilen oder einander auch nur kennen. Die aktive Ausgangs-
situation der Gestaltung des Gemeinschaftslebens wird zu einer passiven Betroffen-
heit als Grundlage für die Konstitution einer Öffentlichkeit. Diese Konstitution ist
also ihrer Natur nach immer eine Reaktion auf einen Sachverhalt und durch viele
Faktoren erschwert: Wissen die Betroffenen um ihre eigene Betroffenheit? Kennen
sie andere Betroffene? Gibt es Elemente, die die Betroffenen neben der Betroffenheit
miteinander teilen, wie etwa räumliche Verbundenheit, eine gemeinsame Geschich-
te, geteilte Werte, die die Konstitution erleichtern? Wissen sie, wie die Folgen regu-
liert werden können und wer der richtige Ansprechpartner für die Regulierung ist?
Klar ist zudem, dass den indirekten Folgen des ›Maschinenzeitalters‹ anders be-
gegnet werden muss als den direkten Folgen des Gemeinschaftslebens. Die Prak-
tiken einer bloßen Gemeinschaft reichen hier nicht mehr hin: »We have inherited, in
short, local town-house practices and ideas. But we live and act and have our being
in a continental national state.«104
Während also die »statischen« Öffentlichkeiten den amerikanischen Staat in sei-
ner politischen Struktur teils intendiert, teils unintendiert hervorbrachten, müssen
sich Öffentlichkeiten nun im Rahmen dieses Staates konstituieren und sich zu ihm
verhalten. Gleichzeitig haben die Änderungen der Lebensumstände »mobile and
fluctuating forms of associations«105 erzeugt, die die Konstitution von Öffentlichkeit
stark erschweren: »How can a public be organized, we may ask, when literally it does

104 John Dewey: PiP, S.113.


105 John Dewey: PiP, S. 140.
64 Die Konstitution von Öffentlichkeit

not stay in place?«106 Gleichzeitig verhindert die »social liquidity«107, dass Personen
ihr Verhalten im Kontext von öffentlichen Handlungen, Strukturen und öffent-
lichen Folgen einordnen.108
Dewey formuliert drei große Herausforderungen, die eine Öffentlichkeit mei-
stern muss, die auch in der heutigen Gesellschaft ungemindert aktuell sind: Wie
kann sich eine Öffentlichkeit zunächst finden? Handlungsfolgen müssen erkannt
und bekannt werden, damit sich indirekt Betroffene finden können. Bereits 1927 von
Dewey als »größtes Problem« der Öffentlichkeit benannt, scheint sich die Problema-
tik der Findung einer Öffentlichkeit in der heutigen, hochkomplexen und stark ver-
netzten Gesellschaft weiter verstärkt zu haben. Wie kann sich eine durch Betroffen-
heit von Handlungsfolgen definierte Öffentlichkeit in einer Gesellschaft finden, in
der die Folgen von Handlungen kaum mehr zu überblicken und einzuschätzen sind?
Neben der ersten Herausforderung, Handlungsfolgen abzuschätzen, sieht De-
wey ein weiteres Problem und die zweite Herausforderung der Konstitution einer
Öffentlichkeit darin, dass die Medien ihrer Aufgabe der Wissensverbreitung und
Aufklärung nicht nachkommen. So schreibt er den Medien eine zentrale Rolle in
der Entwicklung der Öffentlichkeit zu. Hatte Dewey damals die Printmedien und
das Radio im Fokus, deren Aufgabe es ist, die Bevölkerung zu informieren, zu bilden
und Wissen zu verbreiten und die zudem das Medium bieten, öffentliche Diskurse
auszutragen, so haben in der heutigen Gesellschaft das Fernsehen und vor allem das
Internet immens an Bedeutung gewonnen. Deweys Kritik, dass die Medien zu Wer-
bezwecken, Propaganda und dem Eindringen in die Privatsphäre genutzt werden,
ist auch heute zutreffend. Die Verbreitung von Informationen und Wissen ist ande-
rerseits notwendige Bedingung dafür, dass sich eine potentielle Öffentlichkeit über-
haupt in ihrer Betroffenheit erkennen und dann konstituieren kann. Meinungsfrei-
heit, Freiheit der Forschung, öffentliche Kommunikation sind weitere von Dewey
ausgemachten Bedingungen für die Konstitution einer Öffentlichkeit. Der medialen
Aufgabe der Verbreitung von Information wird in diesem Kapitel noch keine Be-
achtung geschenkt, da es zunächst darum geht, die Konstitution von Öffentlichkeit
aus sich heraus in den relevanten angewendeten Mechanismen zu begreifen. Die
Medien fungieren dabei als externer Faktor bzw. als Vorbedingung. Die Bedeutung
der Medien wird an späterer Stelle genauer betrachtet, wenn Öffentlichkeiten des 21.

106 John Dewey: PiP, S. 140.


107 Jason Kosnowski: John Dewey and the Habits of Ethical Life. The Aesthetics of Political Organizing in a
Liquid World, Lanham: Lexington Books, 2010, S. 162.
108 Kosnowski beschreibt das Bild einer verlorenen »›map‹ individuals use to guide their journeys through
both their moral and social environment«. (Jason Kosnowski: John Dewey and the Habits of Ethical
Life. The Aesthetics of Political Organizing in a Liquid World, Lanham: Lexington Books, 2010, S.162.)
Die Konstitution von Öffentlichkeit 65

Jahrhunderts vorgestellt werden, die Online-Plattformen zur direkten Informations-


verbreitung nutzen, ohne klassische Medien zu bemühen (III.2).
Als eine dritte große Herausforderung für eine funktionierende Öffentlichkeit
betrachtet Dewey die Apathie der indirekt Betroffenen selbst. Dieses Problem findet
in den moderneren Begriffen der Privatisierung und Entpolitisierung, die die Kritik
an der Entwicklung der Öffentlichkeit begleiten, eine gewisse Entsprechung.109
Zunächst sei die Konstitution von Öffentlichkeit im Sinne Deweys anhand die-
ser drei Herausforderungen beschrieben. Die zahlreichen Lücken in Deweys Kon-
zeption und Beschreibung, insbesondere was Bewältigungsoptionen und -strategien
für die Herausforderungen angeht, werden in Ansätzen durch Studien, sozialwissen-
schaftliche und psychologische Perspektiven und eigene empirische Analysen gefüllt.
Ziel ist es, die formel- und lückenhafte Konzeption Deweys zum einen zu vervoll-
ständigen, zum anderen sie vom Beginn des 20. Jahrhunderts in die Gesellschaft
des 21. Jahrhunderts zu überführen, um deren Anwendung auf Phänomene und
gesellschaftliche Prozesse der Gegenwart zu ermöglichen.

3.1. Die Herausforderungen


Den Ausgangspunkt der Öffentlichkeitstheorie Deweys bilden vollzogene Hand-
lungen, die entweder Folgen nach sich ziehen, die nur die an der Handlung di-
rekt Beteiligten beeinflussen, oder aber auch Personen beeinflussen, die an dieser
Handlung nicht direkt beteiligt waren. Die Öffentlichkeit wird dabei gebildet von
eben jenen Personen, die von den Folgen indirekt betroffen sind. Die Aufgabe ei-
ner Öffentlichkeit ist, diese Folgen zu regulieren. Dies kann durch die Schaffung
spezieller Ämter, Institutionen und Regeln erreicht werden, Dewey selbst äußert
sich nicht spezifisch. Zunächst aber »schläft« diese Öffentlichkeit, zunächst müssen
sich die Betroffenen als solche erkennen und dann beginnen, ihre Öffentlichkeit zu
konstituieren. Der Entwicklungsprozess dorthin umfasst verschiedene Stationen, die
spezifische Herausforderungen beinhalten.
Folgen müssen zunächst bekannt werden, Betroffenheiten nach intersubjektiv
bestimmten und anerkannten Kriterien herausgefunden werden, eine Organisation
muss stattfinden, mediale Verbreitung des Themas und der entstehenden Öffent-
lichkeit muss gewährleistet werden, und mögliche Öffentlichkeitsteilnehmer müs-
sen mobilisiert werden. Deweys Theorie erscheint in ihrer Formalität überraschend
aktuell darin, auch solche Probleme zu umfassen, denen sich Öffentlichkeit auch
in einer hochkomplexen und ausdifferenzierten Gesellschaft gegenübergestellt sieht.

109 Axel Honneth: Das Recht der Freiheit, Berlin: Suhrkamp, 2011, S. 517.
66 Die Konstitution von Öffentlichkeit

Jede neue Öffentlichkeit beginnt als unorganisierte Öffentlichkeit. Ihr gegenüber


stehen bereits etablierte, organisierte Öffentlichkeiten, die Institutionen ausgebildet
haben. Die neue Öffentlichkeit, die sich angesichts bestimmter Folgen bildet, hat
nun das Ziel, diese Folgen systematisch zu regulieren. Die Regulierung kann nicht
von den in die Handlung involvierten Handlungsbeteiligten selbst erbracht werden.
Warum? Dewey geht von zwei Voraussetzungen aus: Zum einen handeln Personen
in ihrem eigenen Interesse, zum anderen können sie nur beschränkt Folgen abschät-
zen. Es bedarf also im Regelfall solcher, die sich melden und anderen zur Kenntnis
bringen, dass sie von Folgen betroffen sind, damit dies überhaupt den Handelnden
bewusst wird. Die neue Öffentlichkeit muss nun entweder eigene Vertreter schaffen,
Institutionen oder Regeln ausbilden, um die Folgen zu kontrollieren, oder aber eine
bereits bestehende Gruppe muss neue Funktionen übernehmen. Je besser etabliert
die bereits bestehenden Öffentlichkeiten sind, desto schwerer ist es für die neue Öf-
fentlichkeit, sich zu organisieren, da die neue Öffentlichkeit zum einen den alten
Institutionen opponiert, zum anderen aber auch diese Institutionen nutzen muss,
um die gewollten Veränderungen einzuleiten.

3.1.1. Folgen, Folgenerkenntnis, Folgeneinschätzung


Deweys einziges Kriterium der Unterscheidung zwischen privat und öffentlich bil-
det das Ausmaß der Folgen von Handlungen. Betreffen die Folgen einer Handlung
(transaction) nur die direkt an ihr Beteiligten, so ist die Handlung privater Natur.
Werden jedoch weitere, an ihr Unbeteiligte von den Folgen betroffen, so ist diese
Handlung eine öffentliche. Es gibt also keine Sachverhalte, die an sich als privat
oder öffentlich einzustufen wären. Die Kategorisierung hängt vielmehr von der Zeit,
kontingenten Umständen und dem (Problem-)Bewusstsein der potentiell Betrof-
fenen ab. Dies sei dargelegt am Beispiel der deutschen Umweltbewegung. So macht
Theobald Werner in der Analyse der geistigen Grundlagen der Umweltbewegung
vier verantwortliche Faktoren aus, die zu einer Politisierung der Umweltprobleme
und -diskussionen geführt haben und dann auch zur Entstehung ökologischer Neuer
Sozialer Bewegungen führten:

»1. Das Thematisieren der Umweltprobleme durch Massenmedien.


2. Die Bereitschaft der Öffentlichkeit Umweltprobleme als besonders wichtige poli-
tische Aufgabenbereiche einzustufen.
3. Das mit dieser Bereitschaft korrespondierende, verstärkte Aufgreifen der Problema-
tik seitens der politischen Parteien und Institutionen. Und
4. die theoretische Integration der Umweltprobleme in einem breiteren Interpretati-
onskontext bzw. die Entwicklung einer vereinheitlichten, systemaren Sicht von vorab
Die Herausforderungen 67

bekannten Teilproblemen, was vor allem seitens der entstehenden Umweltwissen-


schaften geleistet wurde.«110

Diese vage Beschreibung zeigt sehr deutlich die Forschungslücke in der empirischen
wie auch theoretischen Forschung: Wie kommt es zu einem allgemeinen Problem-
bewusstsein und warum kommt es zu einem bestimmten Zeitpunkt dazu? Warum
werden Umweltsachverhalte plötzlich als problematisch eingestuft? Woher kommt
die Bereitschaft, diesen Problemen Priorität vor anderen zu geben?
Bemerkenswerterweise sind diese Fragen für Dewey nicht von zentraler Bedeu-
tung. Es reicht, dass Folgen als problematisch empfunden werden. Warum dies ge-
schieht oder warum zu dies zu einem bestimmten Zeitpunkt passiert, ist nahezu
irrelevant. Es genügt, dass sich Menschen als von den Folgen betroffen einschätzen
und eine Regulierung der Folgen anstreben. Dewey beschreibt allerdings die Krite-
rien jener Folgen, aus denen sich heraus Öffentlichkeiten bilden können:

»Transactions between singular persons and groups bring a public into being when
their indirect consequences – their effects beyond those immediately engaged in them
– are of importance. Vagueness is not eliminated from the idea of importance. But at
least we have pointed out some of the factors which go to make up importance: name-
ly, the far-reaching character of consequences, whether in space or time; their settled,
uniform and recurrent nature, and their irreparableness. Each of these matters involve
questions of degree.«111

Folgen müssen also von weitreichenden Charakter sein, ob im Raum oder in der
Zeit. Zudem sind sie bestimmter, gleichförmiger oder wiederkehrender Natur oder
irreparabel. Diese Einschätzung erfolgt in einem kommunikativen Aushandlungs-
prozess. Dabei geht Dewey von einem zweistufigen Prozess aus: Zunächst müssen
Folgen erkannt werden, was wiederum voraussetzt, dass das Stadium des bloßen
Erleidens von Folgen überwunden wird:

»An inchoate public is capable of organization only when indirect consequences are
perceived, and when it is possible to project agencies which order their occurrence. At
present, many consequences are felt rather than perceived; they are suffered, but they
cannot be said to be known, for they are not, by those who experience them, referred
to their origins. It goes, without saying that agencies are not established which canalize

110 Theobald Werner: Mythos Natur. Die geistigen Grundlagen der Umweltbewegung, Darmstadt: Wissen-
schaftliche Buchgesellschaft, 2003, S. 14f.
111 John Dewey: PiP, S. 64.
68 Die Konstitution von Öffentlichkeit

the streams of social action and thereby regulate them. Hence the publics are amoro-
phous and unarticulated.«112

In einem zweiten Schritt muss dann eine Einschätzung der Folgen als regulierungs-
würdig stattfinden. Der Wunsch nach Regulierung kann aufgrund der positiven
oder negativen Effekte der Handlung entstehen. Dies ist insofern ein spannender
Punkt, als in der allgemeinen Bewegungsforschung Unzufriedenheit als Entste-
hungsmotor von Bewegungen angenommen wird. Es ist ein erster Hinweis darauf,
dass Deweys Öffentlichkeitskonzeption das Potential hat, als theoretischer Überbau
von Bewegungs- und Protestforschung brauchbar zu sein113, und diese Forschung
wiederum wertvolle Erkenntnisse für die Konstitution von Öffentlichkeit zutage
fördern könnte.
Gleichzeitig ist Deweys Begriff jedoch umfassender und hat noch andere Di-
mensionen. Dewey entwirft in Democracy and Education das Beispiel des Schusters.
Der Schuster ist Experte seines Fachs, er hat das nötige Wissen und die nötigen Res-
sourcen, um Schuhe herzustellen. Er kann die Füße derjenigen ausmessen, für die
er Schuhe herstellt. Trotzdem kann nur der Träger der Schuhe entscheiden, ob und
wie die Schuhe passen; er wird als Träger automatisch zum Experten für die Pass-
form und Bequemlichkeit der Schuhe – durch das eigene Tragen. Er kann daher ein
Urteil darüber fällen, was dem Schuster nicht möglich ist. Nun bildet der Träger der
Schuhe sicher keine Öffentlichkeit. Wird das Beispiel jedoch ergänzt durch Deweys
These, dass die an einer Handlung Beteiligten sich nicht gleichzeitig um die Folgen
dieser Handlung kümmern können, da sie nicht in der Lage sind, alle diese Fol-
gen zu erkennen, so erhält die Beziehung zwischen Handelnden und Öffentlichkeit
eine organische Dimension. Handelnde und Öffentlichkeiten könnten in ständigem
Austausch und einer Wechselwirkungsbeziehung stehen, die durchaus von rezipro-
ker Anerkennung geprägt sein kann.
Bevor der zweistufige Prozess näher erläutert wird, soll kurz auf die flexible Defi-
nition von privaten und öffentlichen Sachverhalten anhand des Kriteriums der Fol-
gen hingewiesen werden. Diese formale und gleichzeitig äußerst offene Definition
führt zu einer hohen Anwendbarkeit der Öffentlichkeitstheorie Deweys, da diese
zweckrationale, technische Definition nicht an normative Implikationen gebunden
ist. So ist das Erkennen und Einschätzen von Folgen nicht an spezifische Regie-
rungsformen, soziale und moralische Normen gebunden. Im Falle von Verletzungen

112 John Dewey: PiP, S. 131.


113 Zur Kompatibilität von Deweys Öffentlichkeitskonzeption mit Neuen Sozialen Bewegungen siehe
Teil II: Sozialwissenschaftliche Perspektiven.
Die Herausforderungen 69

moralischer Normen, aus denen sich etwa eine Öffentlichkeit konstituiert, ist nicht
bestimmt, welcher Art diese moralischen Normen zu sein hätten.
Was in einer gesellschaftlichen Situation aufgrund der Verletzung moralischer
Normen als öffentlich verstanden werden kann, kann in einer anderen gesellschaft-
lichen Situation aufgrund anderer moralischer Normen als privat eingestuft werden.
Um die Definition in der Praxis anzuwenden, ist immer eine Bezugnahme auf gel-
tende Normen notwendig. Wie diese Normen jedoch beschaffen sein müssen, bleibt
unbestimmt. Das öffnet die Konzeption zum einen für Gesellschaften aller Art. Die
Konstitution von Öffentlichkeit ist nicht an demokratische Voraussetzungen gebun-
den. Die Werte, auf die sich in der Konstitution von Öffentlichkeit bezogen wird,
müssen keineswegs demokratischer Natur sein oder dem entsprechen, was als Kon-
sens der westlichen Welt gilt.
Um den ersten Schritt des zweistufigen Prozesses besser zu verstehen, soll zu-
nächst von aktualen Folgen ausgegangen werden. Es sei bereits darauf hingewie-
sen, dass auch potentielle Folgen zu Öffentlichkeiten führen können; dies ist ein
anspruchsvoller Prozess, auf den in der Typenunterscheidung von Öffentlichkeiten
näher eingegangen wird.
Das Erkennen von Folgen kann anhand von Deweys zweiseitigem Erfahrungs-
begriff erklärt werden: passiv im Erleiden, aktiv im Tun. Erfahrung beginnt im Mo-
ment der Passivität. Durch das Erleiden wird die Handlungs- und Situationsroutine
unterbrochen und es setzt Reflexivität ein. Diese Reflexivität erlaubt die Überwin-
dung des passiven Erleidens hin zum Wahrnehmen und Erkennen der Folge.114 Das
aktive und das passive Moment sind dabei Aspekte eines Handlungsprozesses.
In ihre Momente gegliedert, umfasst eine Erfahrung bereits auf individueller
Ebene die Struktur der Untersuchung, die Dewey auch als allgemeines Vorgehen in
unsicheren Situationen beschreibt:

1.  Es gibt eine unbestimmte, objektiv verworrene Situation.


2.  Die Situation wird, abhängig von der Einschätzung, als problematisch emp-
funden.
3.  Es wird eine Problemlösung bestimmt.
4.  Mittels symbolischer Prüfung und rationalem Diskurs wird der Aufweis der
Problemlösung geführt. Diese Überprüfung besteht darin, die Bedeutungen der
Ideen in ihrem Verhältnis zu bestimmen. Sobald eine Hypothese angenommen

114 Pettenkofer baut auf dem Erfahrungsbegriff nach Dewey die soziale Konstitution eines Protestteil-
nehmers auf. Vgl. Andreas Pettenkofer: Radikaler Protest: Zur soziologischen Theorie politischer Bewe-
gungen, Frankfurt: Campus, 2010, S. 133-180.
70 Die Konstitution von Öffentlichkeit

wird, wird sie in Beziehung zu anderen begrifflichen Strukturen gesetzt, bis sie
schließlich in einer Form ist, die ein Experiment erlaubt.
5.  Dabei haben Tatsachen und Bedeutungen einen operationalen Charakter und
stehen als Klärung des Problems sowie als Lösungsvorschlag im Verhältnis zuei-
nander.115

Es findet also eine starke Irritation statt, die Routinen durchbricht. Aus ihr entsteht
reflexive Distanz und mit dieser ergeben sich über Problembestimmungen und -lö-
sungen neue handlungsleitende Situationsdeutungen. Dieser Prozess kann auf indi-
vidueller Ebene stattfinden, aber auch im intersubjektiven Prozess, aus dem dann
geteilte Betroffenheit und die Konstitution von Öffentlichkeit erwachsen kann. De-
wey unterscheidet drei Formen der menschlichen Anpassung an die Umwelt: 1. »ac-
commodation«: die passive Anpassung an die jeweilige Situation, das Handeln wird
nach der Situation ausgerichtet. 2. »adaption«: Es findet keine Anpassung an die
Umwelt statt, sondern es wird aktiv auf die Umwelt eingewirkt, um diese den Zielen
gemäß umzugestalten. 3. »adjustment«: Es findet weder eine Anpassung statt noch
eine Einwirkung, stattdessen stehen die Ziele und Werte selbst zur Disposition.116
Die Handlungszusammenhänge und -auswirkungen in den statischen, lokalen
Gemeinschaften der Pionierzeit waren verhältnismäßig leicht zu überblicken und er-
kennbar. Handlungen und Strukturen waren weniger interdependent und komplex
in ihren (potentiellen) Folgen, und die Personen, die in den Gemeinschaften lebten,
hatten zudem unterschiedliche Rollen innerhalb dieser Gemeinschaft, so dass Folgen
und Sachverhalte von ihnen natürlicherweise aus unterschiedlichen Perspektiven be-
trachtet und eingeschätzt werden konnten.
In der »neuen, mobilen« Gesellschaft zu Deweys Lebzeiten waren die Hand-
lungszusammenhänge und Strukturen interdependent und komplex.

»But the machine age has so enormously expanded, multiplied, intensified and com-
plicated the scope of indirect consequences, has formed such immense and consoli-
dated unions in action, on an impersonal rather than a community basis, that the
resultant public cannot identify and distinguish itself. And this discovery is obviously
an antecedent condition of any effective organization on its part.«117

115 Diese Darstellung ist gekürzt übernommen aus Martin Suhr: John Dewey zur Einführung, Hamburg:
Junius Verlag, 2005, S. 97ff.
116 Dirk Jörke: Demokratie als Erfahrung: John Dewey und die politische Philosophie der Gegenwart, Wies-
baden: Westdeutscher Verlag, 2003, S. 77.
117 John Dewey: PiP, S. 126.
Die Herausforderungen 71

Dies führt zu Deweys zeitgenössischer Kritik, dass Folgen erlitten, jedoch nicht
wahrgenommen werden. Es kommt nicht zum Erkennen von Ursache-Wirkungs-
Beziehungen, einer Prognose und dem Einschätzen von Folgen sowie dem Entwi-
ckeln einer Problemlösung. Öffentlichkeiten bleiben »schlafend« und es findet keine
Folgenregulation statt.118 Das Problem des Erkennens von Folgen haben von Ro-
derich von Detten, Feen Faber und Martin Bemmann an der Unberechenbarkeit
der Umwelt, bestimmt von folgenden Faktoren, zutreffend charakterisiert. Probleme
bestehen in

»der Komplexität und den Interdependenzen natürlicher Entitäten und Ökosystemen,


die Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge oft unsichtbar machen;
den beschränkten Möglichkeiten, ›Natur‹ und in ihr stattfindende Prozesse empirisch
zu fassen und zu verstehen;
des angesichts zunehmender Informations- und Wissensmassen stetig wachsenden
›Nicht-Wissens‹ der als Experten angesehenen Berater und Entscheidungsträger;
der Vielfalt und des Wandel von Ideen, Meinungen und Überzeugungen in den ver-
schiedenen Gesellschaften weltweit vorhanden ist und politische wie wirtschaftliche
Entscheidungen maßgeblich beeinflussen;
und schließlich die anthropologische Grundkonstante, die Zukunft nicht voraussehen
zu können.«119

Personen, die in einer hochkomplexen und ausdifferenzierten Gesellschaft leben,


verfügen nur in wenigen Ausnahmefällen über die perspektivische Rollenvielfalt, die
den Personen der Pionierzeit unterstellt wird. Vielmehr sind sie selbst in ihrem Wis-
sen und in ihrer Rolle stark spezialisiert. Das Erkennen von weitreichenden Folgen
und Zusammenhängen ist dadurch erschwert. Das eigene Handeln wird als entkop-
pelt von gesellschaftlichen Strukturen und Zusammenhängen erfahren. Das Aus-
maß der eigenen Handlungen wird nicht in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext
gestellt und auch die Auswirkungen der gesellschaftlichen Strukturen auf das eigene
Leben werden nur schwer und nicht in ihrem ganzen Ausmaß wahrgenommen.
Die Einordnung von Assoziationen dieser »liquid world« als intermediäre Instanz
zwischen dem Individuum und der Gesamtgesellschaft, die Kosnowski vornimmt,
hilft das Potential von Assoziationen für die Konstitution von Öffentlichkeit zu ent-
decken. Kosnowski hat dabei vor allem das demokratische Potential von Assozia-
tionen vor Augen: »not only would they [associations, A.d.V.] assist individuals in

118 Siehe dazu John Dewey: PiP, S. 131.


119 Roderich von Detten, Feen Faber, Martin Bemmann (Hrsg.): »Einleitung«. In: Unberechenbare Um-
welt: Zum Umgang mit Unsicherheit und Nicht-Wissen, Wiesbaden: VS Verlag, 2013, S. 8.
72 Die Konstitution von Öffentlichkeit

intellectually and emotionally ›finding‹ the public, but also they would encourage
democratic conceptions of political legitimacy«120.
Über das Agieren in Assoziationen kann, folgt man Kosnowski, dem Einzelnen
der Zusammenhang zwischen dem eigenen Handeln und (politischen) Makrostruk-
turen vermittelt werden. Aus diesem Bewusstsein heraus können Folgen erkannt
werden. Auch Öffentlichkeiten können als intermediäre Institution fungieren und
das Bewusstsein der Teilnehmer für weitere und allgemeinere Handlungszusammen-
hänge und Strukturen schärfen. Dies kann die Themenverbreiterung erklären, die
Öffentlichkeiten durchlaufen können. Insofern vermitteln intermediäre Instituti-
onen zwischen dem Individuum und der Gesellschaft. Die Vermittlung erfolgt rezi-
prok, von oben nach unten und von unten nach oben. Die intermediäre Institution
dient dabei der Sinn- und Wertevermittlung.121 Dies führt zum zweiten Schritt, den
Dewey beschreibt: dem Einschätzen von Folgen.
Um Folgen einschätzen und bewerten zu können, muss auf geltende Werte und
Normen rekurriert werden. Die Klassifizierung von Folgen als wünschenswert oder
nicht wünschenswert setzt eine Vorstellung von Werten und einen Bezug auf sie
voraus. Die Vermutung liegt nahe, dass Untersuchungen nach Dewey immer ein
solches moralisches Moment beinhalten, wenn Dewey selbst diese Werte auch in-
haltlich unbestimmt lässt und die Untersuchung formal bedenkt und konzipiert. In
jeder Untersuchung gibt es Annahmen, die ohne Hinterfragung akzeptiert werden.
Solche Annahmen umfassen auch moralische Überzeugungen, auf die, oft ohne ex-
pliziten Verweis, rekurriert wird.122

3.1.2. Das Problem der Apathie


Das zweite Hauptproblem der Öffentlichkeit ist die Apathie:

»It may be urged that the present confusion and apathy are due to the fact that the
real energy of society is now directed in all non-political matters by trained specialists
who manage things, while politics are carried on with a machinery and ideas formed
in the past to deal with quite another sort if situation. […] Perhaps the apathy of the
electorate is due the irrelevant artificiality of the issues with which it is attempted to

120 Jason Kosnowski: John Dewey and the Habits of Ethical Life. The Aesthetics of Political Organizing in a
Liquid World, Lanham: Lexington Books, 2010, S. 163.
121 Vgl. dazu: Thomas Luckmann (Hrsg.): Moral im Alltag: Sinnvermittlung und moralische Kommunika-
tion in intermediären Institutionen, Gütersloh: Verlag Bertelsmann Stiftung, 1998; darin insbesondere
Gabriela B. Christmann: »Ökologiegruppen als intermediäre Institution«, S. 103-142.
122 Vgl. dazu: Anna Ruth Putnam: »Democracy and Value Inquiry«. In: John R. Shook (Hrsg.): A
Companion to Pragmatism, Oxford: Wiley and Sons, 2006, S. 281.
Die Herausforderungen 73

work up factitious excitement. Perhaps this artificiality is in turn mainly due to the
survival of political beliefs and machinery from a period of time when science and and
technology were so immature as not to permit of a definite technique for handling
definite situations and meeting specific social needs.«123

Gewohnheiten, Belanglosigkeiten im politischen Betrieb und das Bestimmen der


politischen Kandidaten durch Parteigelder haben, folgt man Deweys pessimistischer
Zeitdiagnose, Gleichgültigkeit und Verachtung in der Öffentlichkeit hervorgebracht.
Dies wird verstärkt durch den Umstand, dass die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit
auf nicht-politische Dinge gelenkt wird (wie Unterhaltung) und die öffentlichen
Fragen von Verwaltungsspezialisten beantwortet werden. Diese Situation ist durch
die steigende Komplexität von Gesellschaften und dem daraus entstehenden Bedarf
an Experten mitverursacht. Zudem wurden die Ideen, nach denen Politik betrieben
wird, als Lösungen für Probleme der Vergangenheit erdacht und können nicht mehr
adäquat auf Probleme einer modernen und komplexen Gesellschaft angewandt wer-
den.
Entpolitisierung und Privatisierung bilden in modernen komplexen Gesell-
schaften ein nicht zu unterschätzendes Problem. Es soll an dieser Stelle jedoch bereits
darauf hingewiesen werden, dass es trotz dieser Phänomene der Apathie einen Zu-
wachs an Neuen Sozialen Bewegungen gibt, in denen sich Personen fallbezogen auf-
grund von eigener (potentieller) Betroffenheit engagieren. Die aus der Betroffenheit
entstehende Motivation scheint diesen Phänomenen entgegenzuwirken und macht
daher deutlich, dass die Kenntnis von Handlungsfolgen, strukturellen Zusammen-
hängen und des eigenen Handlungs- und Wirkungsspielraums für das Erkennen der
eigenen Betroffenheit zentral ist. Dieser Zusammenhang wird im folgenden zweiten
Teil durch eigene sozialwissenschaftliche Forschung näher beleuchtet.
Nachdem hier die Konstitution von Öffentlichkeit theoretisch und in enger An-
lehnung an Deweys The Public and Its Problems dargestellt wurde, soll im Folgenden
eine sozialwissenschaftliche Analyse von Öffentlichkeitskonstitution unternommen
werden, mit dem Ziel, zentrale Konstitutionsmechanismen herauszuarbeiten. So soll
in der Entwicklung erster Thesen den Lücken in Deweys Konzeption begegnet wer-
den, um diese Konzeption mithilfe sozialwissenschaftlicher Studien aus unserer Zeit
zu erweitern.

123 John Dewey: PiP, S. 123f.


II. Sozialwissenschaftliche Perspektiven
Im vorangegangenen Kapitel konnte Deweys Öffentlichkeitstheorie als eigenstän-
dige Theorie von seiner Demokratietheorie ebenso wie von anderen demokratischen
Öffentlichkeitstheorien abgegrenzt werden. Der lückenhafte Konstitutionsprozess
von Öffentlichkeiten wurde, seinen Herausforderungen folgend, dargelegt. In die-
sem Kapitel soll der Konstitutionsprozess um sozialwissenschaftliche Thesen ergänzt
und erweitert werden.
Dies soll auf zwei Arten geschehen: Es werden eigene Forschungsthesen aufge-
stellt, die in exemplarischer Auswertung von Primärquellen Sozialer Bewegungen
entstanden sind, und es werden andere sozialwissenschaftliche Studien zitiert, die
hilfreiche, empirische Ergebnisse zur Konstitution von Sozialen Bewegungen bereit-
stellen.
Es wird dabei nicht die Auffassung vertreten, dass Deweys Öffentlichkeitskonzep-
tion eine Theorie Sozialer Bewegungen ist. Gleichwohl ist festzustellen, dass Soziale
Bewegungen durchaus die theoretischen Kriterien von Öffentlichkeiten nach Dewey
erfüllen und sich Deweys Öffentlichkeitskonzeption in hohem Maß anschlussfähig
an die Protestforschung der Neuen Sozialen Bewegungen zeigt. Sie hat das Poten-
tial, jenen theoretischen Rahmen zu bieten, den die sonst in der Öffentlichkeits-
forschung noch immer maßgebende Habermaß’sche Theorie des Strukturwandels
der Öffentlichkeit nicht leisten kann.
Deweys Konzeption umfasst jedoch weitere Formen von Assoziationen, die über
das Potential einer Öffentlichkeit verfügen und nicht in die Kategorie Sozialer Be-
wegungen fallen. Ein paar seien exemplarisch aufgelistet:

»social groups, mainly religious and fraternal, which are value protective; special in-
terest groups, mainly income protective, such as labor, business, and professional as-
sociations, which compete among themselves; political interest or pressure groups;
mainly special interest groups, which endeavor to influence governmental decisions
more or less directly; public interest groups, which tend to have broader concerns,
such as consume or environmental advocacy; governmental pressure groups, which
are particularized bureaus, committees, and other entities with a concentrated self-
protective mode of activity; and potential interest groups, which may arise among
underprivileged persons when conditions of awareness and leadership are developed.«1

1 Henry J. Merry: Five-Branch Government: The Full Measure of Constitutional Checks and Balances,
Urbana: University of Illinois Press, 1980, S. 25.

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2017


A. Götz, Kritik der Öffentlichkeiten,
DOI 10.1007/978-3-658-17732-4_3
76 Sozialwissenschaftliche Perspektiven

Henry J. Merry spezifiziert hier sechs Interessengruppen, die Konsumenten und


Lieferanten umfassen. Diese Aufzählung soll exemplarisch darstellen, welche Asso-
ziationsformen es geben kann, die fallbezogen auch als Öffentlichkeit agieren, ohne
jedoch in die Kategorie Soziale Bewegung zu fallen.
Während bestimmte öffentliche Assoziationen bereits über Interpretationsrah-
men verfügen, die zum Erkennen und Einschätzen von Folgen genutzt werden kön-
nen und deren Teilnehmer bereits fest in sie eingebunden sind, müssen in Sozialen
Bewegungen diese Interpretationsrahmen erst geschaffen werden. Oft genutzt wer-
den dafür Methoden, die unter dem Begriff Frameanalyse (auch Rahmenanalyse)
zusammengefasst werden. Frames sind Interpretationsrahmen, auch Interpreta-
tionsschemata genannt, die dem Individuum als Organisationsprinzip für Erfah-
rungen, Situationen und Sachverhalte dienen. Basierend auf dem sozio-kognitiven
Konzept Erving Goffmans2 entwickelten David A. Snow und Robert D. Benford
in den 1980er-Jahren das Framing-Konzept3, das in seinen einzelnen Frames über
eine hohe Kompatibilität zu Deweys Herausforderungen der Konstitution von
Öffentlichkeit verfügt4. Die Framinganalyse nach Snow und Benford dient in der
sozialwissenschaftlichen Forschung zu Sozialen Bewegungen noch immer als the-
oretischer Bezugspunkt, Erkenntnisinstrument und Rahmen. Gleichwohl hat eine
Weiterentwicklung der Framinganalyse stattgefunden. Für die Zwecke dieser Arbeit
soll jedoch aufgrund der hohen Kompatibilität mit Dewey auf das Konzept von
Snow und Benford zurückgegriffen werden. In der Entstehung einer Sozialen Be-
wegung bestimmen Snow und Benford drei kommunikative Aufgaben als essentiell.
Das Problem muss definiert werden (diagnostic frame): »Diagnostic framing involves
identification of a problem and the attribution of blame or causality.«5 Es findet
eine Prognose des Problems statt und ein Lösungsvorschlag wird erabeitet (prognostic
frame): »The purpose of prognostic framing is not only to suggest solutions to the
problem but also to identify strategies, tactics, and targets.«6 Die dritte Aufgabe um-
fasst die Handlungsmotivation (motivational frame): »rationale for action that goes

2 Erving Goffman: Frame Analysis: An Essay on the Organization of Experience, New York: Harper &
Row, 1974.
3 David A. Snow, Robert D. Benford: »Ideology, Frame Resonance and Participant Mobilization«. In:
International Social Movement Research, 1, 1988, S. 197-217.
4 Eine Frameanalyse mit ähnlichen Begrifflichkeiten (Kollektive Bedeutungsmuster) wurde von Fried-
helm Neidhardt entwickelt. (Friedhelm Neidhardt, Christiane Eilders, Barbara Pfetsch: Die Stimme
der Medien im politischen Prozeß: Themen und Meinungen in Pressekommentaren, Berlin: Wissen-
schaftszentrum Berlin für Sozialforschung, 1998.)
5 David A. Snow, Robert D. Benford: »Ideology, Frame Resonance and Participant Mobilization«. In:
International Social Movement Research, 1, 1988, S. 200.
6 David A. Snow, Robert D. Benford: »Ideology, Frame Resonance and Participant Mobilization«. In:
International Social Movement Research, 1, 1988, S. 201.
Sozialwissenschaftliche Perspektiven 77

beyond the diagnosis and prognosis. […] Participation is thus contingent upon de-
velopment of motivational frames that function as prods to action.«7
Doch bevor einige Forschungsergebnisse in Bezug zu Deweys Öffentlichkeits-
konzeption gesetzt werden, werden zunächst zwei Öffentlichkeiten vorgestellt und
erste eigene Thesen vorgestellt.
Ziel der Untersuchung realer Öffentlichkeiten war es, die formale und skizzenar-
tige Beschreibung der Konstitution von Öffentlichkeit nach Dewey mit empirischen
Beispielen und Thesen zur Bewältigung der genannten Herausforderungen zu füllen
und gleichzeitig einen Eindruck davon zu bekommen, ob Deweys Konzeption vom
Anfang des 20. Jahrhunderts auch auf Öffentlichkeiten in komplexen Gesellschaften
Anwendung finden kann, wie sie seit den 1960er-Jahren entstanden sind und die
oft als atomisiert, ausdifferenziert und stratifiziert umrissen werden. Dewey selbst
beschreibt Öffentlichkeiten ja zunächst fast mythisch in der amerikanischen Pionier-
gesellschaft, aus der heraus sich die Vereinigten Staaten Amerikas entwickelt haben.
Die Untersuchung von realen Öffentlichkeiten nach 1945 erlaubt es, die Konstitution
von Öffentlichkeiten in ausdifferenzierten, demokratischen Staaten zu betrachten.
Untersucht wurden Öffentlichkeiten, die sich dadurch auszeichnen, dass sie (a)
themenspezifisch sind und (b) von Personengruppen gebildet werden, die sich als
von bestimmten Sachverhalten betroffen erleben und sich aktiv an der Konstitution
einer Öffentlichkeit beteiligen, um als Korrektiv diese Sachverhalte zu verändern. Als
paradigmatisch in diesem Sinne können die Neuen Sozialen Bewegungen gelten, die
sich seit den 1970er-Jahren in der Bundesrepublik Deutschland formierten, da sie
eine bis dato kaum bekannte Form von Öffentlichkeit repräsentieren. Zu den Neuen
Sozialen Bewegungen zählen neben der Frauen-, Friedens- und Umweltbewegung
auch zahlreiche kleinere, weniger prominente Bewegungen wie die städtischen so-
zialen Bewegungen, die Dritte-Welt-Bewegung oder auf bestimmte Minderheiten
oder Missstände fokussierte Bürger- und Menschenrechtsbewegungen.
Deweys Definition von Öffentlichkeit als jener Personengruppe, die durch die
Folgen der Handlung anderer indirekt betroffen ist und durch die Ausbildung von
Institutionen versucht, eine Regulierung zu schaffen, beschreibt zugleich exakt jene
Personengruppen, die sich in den Neuen Sozialen Bewegungen ab den 1960er-Jahren
organisierten. Dort fanden sich neben dem politischen Stammpublikum politisch
Interessierter auch Personen, die nur aufgrund eigener Betroffenheit Interesse zei-
gen und die themenspezifisch fluktuieren8. Gerade in der Ökologie wurden in den

7 David A. Snow, Robert D. Benford: »Ideology, Frame Resonance and Participant Mobilization«. In:
International Social Movement Research, 1, 1988, S. 202.
8 Friedhelm Neidhardt (Hrsg.): Öffentlichkeit, öffentliche Meinung, soziale Bewegungen, Opladen: West-
deutscher Verlag, 1994.
78 Sozialwissenschaftliche Perspektiven

1970er- bis 1990er-Jahren viele (potentielle) Folgen erstmals erkannt und als regulie-
rungswürdig eingestuft. Bereits bestehende Öffentlichkeiten hatten hier keine Funk-
tionen, Zuständigkeiten oder Amtspersonen, die als Vertreter der neu entstehenden
Öffentlichkeiten hätten dienen können. Insofern Öffentlichkeit hier nicht demo-
kratietheoretisch als Vorstufe eines demokratischen Staates verstanden wird, sondern
normativ schwächer als Kollektivakteur, der mit anderen Akteuren kooperiert, kann
die Entstehung der ökologischen Bewegungen beispielhaft für die Entstehung neuer
Öffentlichkeiten in einem demokratischen Staat stehen.
Das gemeinsame Element all der Öffentlichkeiten, die die Neuen Sozialen Be-
wegungen ausmachen, sind neuartige Formen der Partizipation, die sie transportie-
ren9; sie verändern den Prozess der politischen Willensbildung durch das Einfordern
einer Mitbestimmung »von unten«. Der Einfluss der Neuen Sozialen Bewegungen
ist so bedeutsam, dass manchen die Bundesrepublik Deutschland geradezu als
»Bewegungsgesellschaft«10 gilt. Jedenfalls konstatiert Pippa Norris, dass, während
konventionelle Formen der politischen Partizipation immer weniger Zuspruch fin-
den, das Engagement in den (inzwischen nicht mehr ganz) Neuen Sozialen Bewe-
gungen nicht abnimmt11.
Seit den 1980er-Jahren hat sich in der Politischen Soziologie das Feld der Protest-
forschung, das die Neuen Sozialen Bewegungen zum Gegenstand hat, zu etablieren
begonnen. Das Ziel der Protestforschung ist meist eine Rekonstruktion der Entste-
hungs- und Entwicklungsgeschichte bestimmter Neuer Sozialer Bewegungen12. Der
Forschungsstand gilt allerdings noch immer als disparat13; zudem fehlen übergreifen-
de Analysen.
Neben quantitativen Studien hat sich die Protestereignisanalyse etabliert, die eine
nach einheitlichen Kriterien erfolgte statistische Aggregation erfasster Einzelproteste
als Methode nutzt. Ein interpretativ oder hermeneutisch verfahrendes Vorgehen,
das sich auf rein bewegungseigenes Datenmaterial stützt und so ein Verstehen der
Konstitution aus der Bewegung selbst heraus ermöglicht, hat bisher kaum Anwen-

9 Dieter Rucht (Hrsg.): Protest in der Bundesrepublik: Strukturen und Entwicklungen, Frankfurt: Cam-
pus, 2001.
10 Roland Roth, Dieter Rucht (Hrsg.): Die sozialen Bewegungen in Deutschland seit 1945: Ein Handbuch,
Frankfurt: Campus, 2008.
11 Pippa Norris: Democratic Phoenix: Reinventing Political Activism, Cambridge: Cambridge University
Press, 2002.
12 Eine ausführliche Darlegung der Umweltbewegung findet sich bei Jens Ivo Engels: Naturpolitik in
der Bundesrepublik: Ideenwelt und politische Verhaltensstile in Naturschutz und Umweltbewegung 1950-
1980, Paderborn: Schöningh, 2006. Zur Geschichte der 1968-er z.B. Ingrid Gilcher-Holtey: 1968: Eine
Zeitreise, Frankfurt: Suhrkamp, 2008.
13 Roland Roth, Dieter Rucht (Hrsg.): Die sozialen Bewegungen in Deutschland seit 1945: Ein Handbuch,
Frankfurt: Campus, 2008.
Sozialwissenschaftliche Perspektiven 79

dung gefunden. Dies lässt sich durch die oft noch unüberschaubare Datenlage, die
privaten, noch sperrfristunterliegenden Sammlungen und eine noch immer bruch-
stückhafte Archivierung erklären. Auf der Suche nach Öffentlichkeiten, die sich für
die Zwecke dieser Arbeit eignen, konnte eine breite Materialbasis erarbeitet werden,
die es nun erstmals ermöglicht, ein solches Verfahren für den Forschungsgegenstand
der Neuen Sozialen Bewegungen fruchtbar zu machen. Es wird auf diese Weise mög-
lich, erste Thesen über die Konstitution von Öffentlichkeit und die in diesem Prozess
relevanten Mechanismen zu entwickeln, ohne dass – wie in der Protestereignisana-
lyse – der Umweg über deren massenmediale Aufbereitung gegangen werden muss.
Als eine der wohl einflussreichsten und wirkmächtigsten Neuen Sozialen Be-
wegungen kann die ökologische Bewegung gelten14. Unter ökologischer Bewegung
oder Umweltbewegung wird dabei ein Netzwerk nicht-staatlicher Gruppen und
Organisationen verstanden, deren Ziel es ist, durch Einwirkung auf politische und
gesellschaftliche Verhältnisse die Ausbeutung und Zerstörung der natürlichen Le-
bensgrundlagen zu unterbinden15. Das Themenspektrum ist dabei breit und reicht
von Atomenergie, Klimaschutz, Walderhaltung, Umweltgiften im Alltag, Müllent-
sorgung, Meer-, Luft- und Landverschmutzung, klassischem Landschafts- und Na-
turschutz bis hin zu Fragen der Gentechnik.
Die ökologische Bewegung gilt als viel beforscht, oft bereits zu Zeitpunkten, in
denen es noch keine überschaubare Datenlage und Archivierung gab. Im Fokus der
Forschung stand zumeist der Versuch einer Rekonstruktion der Protestereignisse, der
Verlaufsgeschichte der Bewegung16 und der Bewegungsstrukturen17. Eine Analyse der
Mechanismen, die für die Konstitution von ökologischen Öffentlichkeiten relevant
waren, ist jedoch bisher ausgeblieben.
Die Mechanismen, die in der Konstitution von Öffentlichkeit genutzt werden
und für den Erfolg oder das Scheitern der Zielsetzungen einer Öffentlichkeit ent-

14 Karl-Werner Brand, Detlef Büsser, Dieter Rucht: Aufbruch in eine andere Gesellschaft: Neue soziale Be-
wegungen in der Bundesrepublik, Frankfurt, New York: Campus, 1983; Dieter Rucht: Modernisierung
und neue soziale Bewegungen: Deutschland, Frankreich und USA im Vergleich, Frankfurt: Campus,
1994.
15 Dieter Rucht: Modernisierung und neue soziale Bewegungen: Deutschland, Frankreich und USA im
Vergleich, Frankfurt: Campus, 1994.
16 Beispielhaft Jens Ivo Engels: Naturpolitik in der Bundesrepublik: Ideenwelt und politische Verhaltensstile
in Naturschutz und Umweltbewegung 1950-1980, Paderborn: Schöningh, 2006; Jochen Roose: Die Eu-
ropäisierung von Umweltorganisationen: Die Umweltbewegung auf dem langen Weg nach Brüssel, Wies-
baden: Westdeutscher Verlag, 2003; Karl-Dieter Opp: »Aufstieg und Niedergang der Ökologiebewe-
gung in der Bundesrepublik«. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 36,
1996, S. 350-379.
17 Beispielhaft Dieter Rucht (Hrsg.): Protest in der Bundesrepublik: Strukturen und Entwicklungen,
Frankfurt: Campus, 2001.
80 Sozialwissenschaftliche Perspektiven

scheidend sind, wurden bisher in der deutschen Öffentlichkeitsforschung und Pro-


testforschung nur marginal behandelt. Gerade die Untersuchung dieser Mechanis-
men eröffnet aber neue Verstehenshorizonte für die Konstitution von Öffentlichkeit
allgemein.
Zunächst soll über die Analyse zweier Öffentlichkeiten ausgearbeitet werden,
welche Mechanismen in der Konstitution von Öffentlichkeit zentral sind. Dewey
selbst gibt einen Hinweis auf die essentielle Funktion der Moralisierung in der Kon-
stitution von Öffentlichkeit. Wie bereits in der Einleitung erwähnt, beschreibt er
in seinem Vorwort der Wiederauflage von The Public and Its Problems aus dem Jahr
1946 die Kampagne, die in den USA geführt werden musste, um das amerikanische
Volk davon zu überzeugen, in den Zweiten Weltkrieg einzutreten: Es mussten die
überlegenen moralischen Ansprüche der Kriegspolitik dargelegt werden. Diese mo-
ralische Rahmung des Krieges half, der Apathie der Bürger entgegenzuwirken und
sie zur Konstitution einer Öffentlichkeit zu motivieren, die einen Kriegseintritt be-
fürwortete und bereit war, dessen praktische Folgen zu tragen. Nennt Dewey die
Moralisierung auch nicht explizit als Bedingung für eine erfolgreiche Entwicklung
von einer demokratischen Öffentlichkeit, so scheint sie doch Funktionen aufzuwei-
sen, die zur Lösung der genannten Herausforderungen beitragen können.
Die exemplarische Auswertung ist angelehnt an die Grounded Theory-Methodo-
logie und erlaubt dabei neben der Berücksichtigung der Moralisierung als Mecha-
nismus auch, den Blick für andere Mechanismen offen zu halten, die eventuell erst
in einer modernen und komplexen Gesellschaft relevant werden. Auf eine vorherige
begriffliche theoretische Bestimmung wird, dem Forschungsleitfaden der Grounded
Theory folgend, verzichtet. Die begrifflichen Bestimmungen der zu analysierenden
Mechanismen erfolgen durch die Analyse des primären Textmaterials. Gleichwohl
werden in einem zweiten Schritt die Mechanismen und ihre begriffliche Bestim-
mung in Bezug zu gängigen Begriffsdefinitionen gesetzt und gegebenenfalls weiter
präzisiert, um so eine erweiterte Anwendbarkeit der Ergebnisse zu ermöglichen und
die Ergebnisse in die gegenwärtigen philosophischen und soziologischen Diskurse zu
gliedern und anschlussfähig zu machen.
Mittels eines theoretical sampling nach Anselm L. Strauss18 konnten zwei Öffent-
lichkeiten bestimmt werden, deren Datenmaterial für eine exemplarische, rekon-
struktiv verfahrende Dokumentenanalyse geeignet ist. Für die Ziele dieser Analyse
müssen neben Rahmenkriterien, die für eine spätere Zusammenführung der Öffent-
lichkeitstheorie Deweys erforderlich sind, und neben der aus dem empirischen Ma-

18 Anselm L. Strauss, Juliet M. Corbin: Grounded theory: Grundlagen qualitativer Sozialforschung, Wein-
heim: Beltz, PsychologieVerlagsUnion, 1996.
Sozialwissenschaftliche Perspektiven 81

terial generierten Theorie auch forschungspraktische Kriterien Anwendung finden:


die Kriterien

(a) des Öffentlichkeitsortes (lokal, regional, überregional, deutschlandweit,


international),
(b) des erreichten Erfolges in der Umsetzung der Bewegungs-Ziele (erfolglos,
teil-erfolgreich, erfolgreich),
(c) der thematischen Weite,
(d) der Zusammenarbeit und Solidarisierung mit anderen Bürgerinitiativen und
Bewegungen,
(e) der gewählten Umsetzungswege (juristischer, politischer, aktionaler Weg),
(f ) der Repräsentation von politischen Richtungen (linksorientiert, neutral,
konservativ),
(g) der Repräsentation religiöser Institutionen (keine, geringe, starke
Repräsentation),
(h) der Folgen, die reguliert werden sollen (potentielle, aktuale).

Um das breite Spektrum der ökologischen Bewegung analysieren zu können, wur-


den vor dem Hintergrund dieses Kriterienkatalogs in einer Voranalyse gemäß des
Prinzips der kontrastierenden Fall- bzw. Materialauswahl (Glaser/Strauss) zwei diffe-
rierende Teilbewegungen bestimmt. Zum einen die Bewegung zur Startbahn West;
sie entstand aus ökologischen Bürgerinitiativen und politisierte sich innerhalb kurzer
Zeit, indem sie Fragen der demokratischen Mitbestimmung in den Fokus rückte;
zweitens die Coordination gegen Bayer-Gefahren (CBG); sie blieb lokal bis regio-
nal ausgerichtet und beschränkte sich durchgängig auf einen ausschließlich ökolo-
gischen Aspekt, und zwar auf die Umweltfolgeschaden des Pharmakonzerns Bayer.
Die ausgewählten Öffentlichkeiten sind heterogen genug, um erste Thesen über
die Konstitution von Öffentlichkeit im Allgemeinen zu ermöglichen; gleichzeitig
sind sie in den Schlüsselkommunikationsmedien homogen genug, um die Mate-
rialien relational zu analysieren, d.h. interdiskursive Strukturen herauszuarbeiten.
Diese Kommunikationsmedien umfassen Flugblätter, Plakate und Periodika. Zu-
dem wurden, sofern vorhanden, Protokolle und Diskussionspapiere ergänzend be-
rücksichtigt. Das Datenmaterial war zugänglich über die Archive von Unten (Archiv
Exzess Frankfurt), das Stadtarchiv Mörfelden-Walldorf sowie über das bewegungs-
eigene Archiv der Coordination gegen Bayer-Gefahren. Im Folgenden werden die
ausgewählten Bewegungen in knapper Form vorgestellt.
Untersuchung zweier Öffentlichkeiten 83

4. Untersuchung zweier Öffentlichkeiten

4.1. Die Bewegung Startbahn West


Seit 1962 plante die Betreibergesellschaft des Frankfurter Flughafens,19 den Flughafen
um ein neues Empfangsterminal sowie eine neue Startbahn, die Startbahn 18 West,
zu ergänzen. Als Begründung wurde die immense Belastung des Flughafens als eu-
ropäisches Luftdrehkreuz angeführt. Aufgrund der umliegenden Autobahnen sowie
des amerikanischen Militärstützpunkts in Flughafennähe wurden Teile des südwest-
lich gelegenen Bannwalds als Baugelände ausgewählt. Dies sollte eine Rodung des
Waldes ebenso wie eine Ausdehnung des Frankfurter Flughafens auf nicht mehr zum
Stadtgebiet gehörendes Gelände nach sich ziehen.
Im Dezember 1965 beantragte die FAG die Genehmigung für den Bau der vier
Kilometer langen Startbahn, die im Mai 1966 vom Hessischen Landtag beschlos-
sen wurde. Nach der politischen Freigabe begann die FAG mit der Planung der
Startbahn. Im März 1968 erließ der Verkehrsminister den dazugehörenden Plan-
feststellungsbeschluss, der 44 Anfechtungsklagen zur Folge hatte. Auf das 1972 be-
gonnene Planstellungsverfahren der neuen Startbahn folgten über hundert Klagen
vor hessischen Verwaltungsgerichten, eingereicht von Startbahn-West-Gegnern, die
sich in ersten Bürgerinitiativen zusammengeschlossen hatten. Die Klagen waren
zumeist verwaltungsrechtlicher Natur. Die tatsächliche Ablehnung der Startbahn-
West-Gegner hatte jedoch ökologische Gründe, wie eine absehbare Absenkung des
Grundwasserspiegels, Luftverschmutzung, Fluglärm, ebenso wie Befürchtung einer
militärischen Nutzung des Flughafens durch die NATO und die USA.
Zunächst wurde schwerpunktmäßig die Regulierung auf juristischem Wege an-
gestrebt. Innerhalb der nahezu zehn Jahre, die der Rechtsstreit dauerte, gewannen
weitere Aktionsformen immer mehr an Gewicht. Im Mai 1981 wurde im Flörsheimer
Bannwald eine erste Hütte als Informations- und Treffpunkt für Interessierte errich-
tet. Das in den Folgemonaten errichtete Hüttendorf umfasste 60 Hütten und eine
Hüttenkirche und wurde zu einer zentralen Aktionsform der Bewegung Startbahn
West. Es war dauerhaft von Demonstranten bewohnt und zentraler Treffpunkt für
geplante Aktionen. Im Laufe des Jahres 1981 bis zu seiner Räumung im Herbst 1981
war das Hüttendorf heftig umkämpft von Polizei und Teilnehmern der Bewegung
Startbahn West.
Im Oktober 1981 endete die gerichtliche Auseinandersetzung mit einer Ent-
scheidung des Hessischen Verwaltungsgerichtshofs für den Bau der Startbahn West.
Gleichzeitig wurden andere Aktionsformen wie etwa Demonstrationen und Groß-
kundgebungen am Flughafen und in umliegenden Städten immer stärker und grö-

19 Flughafen Frankfurt/Main AG, im Folgenden mit FAG abgekürzt.


84 Untersuchung zweier Öffentlichkeiten

ßer mit zumeist mehreren Tausend Demonstranten. Neben klassischen Demonstra-


tionen zu Fuß gab es Fahrradtouren zum Flughafen, die die Terminals blockierten,
aber auch Skilanglauf-Demonstrationen, um die Aufmerksamkeit auf den Wald als
Naherholungsgebiet zu lenken. Zudem wurde parallel der politische Weg in Form
eines Volksbegehrens gewählt, das schließlich mit 220.000 Unterschriften im Rah-
men einer Großdemonstration mit 120.000 Demonstranten in Wiesbaden dem Hes-
sischen Landtag übergeben wurde. Es gab zudem Flugblatt- und Plakataktionen, von
der Bewegung herausgegebene Zeitungen, Radiosendungen und Pressemitteilungen.
Die vielen unterschiedlichen Aktionsformen der Bewegung Startbahn West lassen
sich durch die große Vielfalt unterschiedlicher Gruppierungen erklären: viele orts-
ansässige Bürgerinitiativen, die politisch nicht zu verorten waren; parteigeführte und
parteinahe Gruppen; Umweltverbände und -gruppen; kirchliche Gruppierungen;
Gewerkschaften. Diese Gruppierungen und teilweise auch Einzelpersonen waren
zwar lose vernetzt, agierten jedoch bis auf abgestimmte Großaktionen eigenständig.
Begann der Protest ursprünglich als ökologischer Protest gegen das Fällen des
Bannwaldes, so unterlag die Bewegung schnell einer starken Politisierung. Neben
Forderungen nach demokratischer Mitbestimmung wurden Forderungen nach So-
lidarisierungen mit der Friedens- und Anti-AKW-Bewegung immer lauter. Zentral
in der Bewegungsgeschichte war die Auseinandersetzung mit staatlicher Gewalt. Die
Erlebnisse mit Polizeigewalt wurden im Verlauf des Protests über die Jahre immer
relevanter. Diese gewalttätigen Zusammentreffen wurden von den Teilnehmern
der Bewegung Startbahn West innerhalb der Bewegung ebenso diskutiert wie die
häufigen Rechtsstreite zwischen Einzelpersonen aus der Bewegung und der Polizei.
Nachdem sowohl der juristische Weg gescheitert, als auch das Volkbegehren abge-
lehnt worden war, begann die Errichtung der Startbahn West, die schließlich 1984
in Betrieb genommen wurde. Die Bewegung reagierte darauf mit weiterem Protest
und der Fortsetzung der Sonntagsspaziergänge, die seit Anfang der 1980er-Jahre wö-
chentlich stattfanden. Bis zum Jahr 1987 fanden regelmäßig Demonstrationen statt.
Diese fanden erst ein Ende, als bei einer Demonstration anlässlich des Jahrestags der
Räumung des Hüttendorfs ein Demonstrant mit einer Waffe auf anwesende Poli-
zisten schoss, neun von ihnen verletzte und zwei erschoss. Mit dieser Gewaltaktion
brach die Bewegung recht abrupt auseinander.20

20 Ausführliche Darstellungen der Bewegung Startbahn West finden sich bei Wolf Wetzel: Tödliche
Schüsse: eine dokumentarische Erzählung, Münster: Unrast, 2008; Sandra Tauer: »Bürgerprotest beim
Ausbau des Frankfurter Flughafens: der Bau der Startbahn 18 West«. In: Archiv für Frankfurts Ge-
schichte und Kunst, Bd. 67, 2001, S. 311-341. Darstellungen aus Teilnehmersicht finden sich bei Horst
Karasek: Das Dorf im Flörsheimer Wald. Eine Chronik gegen die Startbahn West, Darmstadt: Luchter-
hand Verlag, 1981; Volker Luley: Trotzdem gehört uns der Wald! von einem, der auszog das Fürchten zu
Die Bewegung Startbahn West 85

Zugang zum Datenmaterial ist über das Archiv Exzess Frankfurt sowie das Stadt-
archiv Mörfelden-Walldorf gewährleistet. Die Voranalysen zeigen die folgenden
Periodika als besonders geeignet: »BI-Informationsdienst (ID)«, bestehend aus 30
losen Blattsammlungen, die in den Jahren 1981-1982 von einer Bürgerinitiative he-
rausgegeben wurden; die »BI-Info«, eine Zeitung, die von 1979 bis 1988 erschien
(Hrsg. Bürgerinitiative gegen Flughafenerweiterung Rhein-Main); das »Startbahn
Bulle-Tang«, von 1982 bis 1985 von der Ortsgruppe Walldorf herausgegeben, sowie
der »Umweltexpress. Zeitung für das Volksbegehren Keine Startbahn West«, die 12
Ausgaben aus den Jahren 1981-1983 umfasst und von der Arbeitsgemeinschaft Volks-
begehren herausgegeben wurde. Es werden zudem die Flugblätter »Hau ruck«, die
vom autonomen Block der Bewegung Startbahn West herausgegeben wurden, sowie
»Das Wort zum Sonntag«, ein Infoblatt, welches auf den sonntäglichen Demonstra-
tionen am Flughafen verteilt wurde, in der Analyse berücksichtigt. Ergänzt wird das
Material durch weitere Flugblätter, Plakate und Diskussionspapiere. Interessanter-
weise war der Zweck der genannten Schriften, die hier als Primärquellen dienen, den
Auswertungen nach nicht die Schaffung von Publizität oder alternativen Medien. Es
wurden nur am Rande in den bewegungseigenen Medien traditionelle Printmedien,
das Radio oder das Fernsehen angesprochen. Sie dienten vielmehr dazu, Inhalte in-
nerhalb der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, einander Argumentationshilfe zu
geben. Das Publikum der Periodika war damit die Öffentlichkeit selbst, das Ziel war
weniger die Aufgreifung der Inhalte von anderen Medien oder die Vergrößerung der
Öffentlichkeit. Die Periodika hatten einen starken Mobilisierungseffekt innerhalb
dieser Öffentlichkeit der Bewegung: Daten, Orte, Aktionen wurden verbreitet. Sie
dienten erst in zweiter Linie dem Austausch mit Öffentlichkeiten in anderen Städten
sowie dem überregionalen Austausch.

4.2. Coordination gegen Bayer-Gefahren


1978 gründete sich die Wuppertaler Bürgerinitiative gegen BAYER-Umweltgefähr-
dung als Reaktion auf Störfälle beim Bayer-Konzern, bei denen große Mengen
Salzsäure freigesetzt worden waren. Die Arbeit der Bürgerinitiative war zunächst
regional, bis sie dann ab 1979 nach einem weiteren Störfall erst überregional und
dann international wurde. 1983 entstand aus dieser Bürgerinitiative dann der ge-
meinnützige Verein Coordination gegen BAYER-Gefahren e.V. (im Folgenden mit
CGB abgekürzt)21, der bis heute fortbesteht und sich im Laufe der Jahre zu einem

verlernen, Offenbach: Saalbau Verlag, 1981; http://www.ig-oekoflughafen.de/, Datum des Zugriffs:


29.11.2015; http://autox.nadir.org/archiv/chrono/startb_chro.html, Datum des Zugriffs: 29.11.2015.
21 http://www.cbgnetwork.de/1.html, Datum des Zugriffs: 2.1.2016.
86 Untersuchung zweier Öffentlichkeiten

global agierenden Aktionsnetzwerk für Umweltschutz und soziale Anliegen entwi-


ckelte. Die CGB verfügt heute über ca. 1000 Mitglieder und Förderer22 und ist in
über 40 Ländern aktiv23. Ihr Motto ist: »Umweltschutz und sichere Arbeitsplätze –
weltweit!«.
1980 ging die Bürgerinitiative gemeinsam mit Greenpeace gegen Bayer vor, um
das Ausleiten von Giftabfällen (Dünnsäure) aus einem Leverkusener Bayer-Werk in
die Nordsee zu stoppen. Diese erste international abgestimmte Aktion führte schließ-
lich 1982 dazu, dass Bayer die Dünnsäureverklappung in die Nordsee einstellte.
Seit 1982 ist neben klassischen Protestaktionen wie dem Flugblätterverteilen und
Demonstrationen auch die Teilnahme an den jährlichen Aktionärsversammlungen
eine zentrale Aktionsform der CGB. Im Rahmen der Aktionärsversammlung wurde
1986 der Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre gegründet, der
eine Aktionärsvereinigung und Nichtregierungsorganisation ist. Heute beobachtet
der Verband gemeinsam mit 26 Mitgliedsorganisationen die Konzernaktivitäten
von Bayer, Adidas, Daimler, Deutsche Bank, RWE, Siemens, ThyssenKrupp und
weiteren börsennotierten Konzernen24 und nimmt an deren jeweiligen Hauptver-
sammlungen teil. Die Forderungen des Verbandes umfassen »mehr Umweltschutz,
die Einhaltung von Arbeits- und Menschenrechten, mehr Transparenz und einen
Stopp der Rüstungsproduktion«25. Durch den Besitz von Konzernaktien und die
übertragenen Stimmrechte von Aktionären nutzt der Verband das Aktienrecht, um
für ökologische, politische und soziale Belange zu kämpfen.
Die CGB nutzt das Aktionärsrecht auch, um auf der jährlichen Aktionärsver-
sammlung zu sprechen, Kritik an Bayer zu üben und eigene Gegenanträge einzu-
bringen, da ihre Aktionärsrechte auch das Recht auf Gegenanträge einschließen.26
Dafür werden immer wieder »Betroffene aus aller Welt« eingeladen, um sie »persön-
lich zu Wort kommen zu lassen«27.
1987 klagte Bayer aufgrund des immer wieder auf Aktionärsversammlungen ge-
äußerten Vorwurfs der »grenzenlosen Profitgier« gegen die CGB sowie wegen des
Nachsatzes auf einem Flugblatt: »Mißliebige Kritiker werden bespitzelt und unter

22 http://www.zeit.de/2000/37/200037_multis_langfassung.xml/komplettansicht, Datum des


Zugriffs: 2.1.2016.
23 http://www.cbgnetwork.org/cbgnetwork.php?id=30, Datum des Zugriffs: 2.1.2016.
24 http://www.kritischeaktionaere.de/ueberuns-selbstdarstellung.html, Datum des
Zugriffs: 2.1.2016.
25 http://www.kritischeaktionaere.de/ueberuns-selbstdarstellung.html, Datum des
Zugriffs: 2.1.2016.
26 Axel Köhler-Schnura, Achim Schmottlach: Bayer macht Kasse. Berichte über die Geschäfte des Bayer-
Konzerns, Stuttgart: Schmetterling-Verlag, 1991.
27 http://www.kritischeaktionaere.de/ueberuns-selbstdarstellung.html, Datum des Zugriffs: 2.1.2016.
Coordination gegen Bayer-Gefahren 87

Druck gesetzt, rechte und willfährige Politiker werden unterstützt und finanziert.«
Der jahrelange Rechtsstreit führte schließlich nach einer Beschwerde der CGB, dass
das vorherige Urteil des Kölner Oberlandesgerichts das Grundrecht auf freie Mei-
nungsäußerung verletze, zum Bundesverfassungsgericht. Das Bundesverfassungs-
gericht entschied zugunsten der CGB, dass die Äußerungen des CGB durch die
Meinungsfreiheit gedeckt seien.28 Seitdem kam es immer wieder zu weiteren Rechts-
streitigkeiten zwischen der CGB und dem Bayer-Konzern.
Die CGB versteht sich als »Gegenmacht als Politik von unten« zur Bayer AG, an
der exemplarisch die Politik und die Aktivitäten von börsennotierten, international
agierenden Großkonzernen beobachtet und kritisiert werden. Die CGB tut dies un-
ter der Zielsetzung

»Konzernpolitik transparent und Mißstände in den Werken in aller Welt publik zu


machen; Betroffenen zu helfen, Widerstand zu organisieren, Verbesserung zu erkämp-
fen und Alternativen zu erarbeiten; Umweltschutz, Menschenrechte und soziale Si-
cherheit bei BAYER durchzusetzen.«

Zentral in der Arbeit der CGB ist neben eigenen Aktionen die globale Zusammenar-
beit mit anderen Nichtregierungsorganisationen und gemeinnützigen Vereinen, die
Unterstützung von lokalen Protestaktionen von Anwohnern und Bayer-Angestellten
sowie die Hilfe für Geschädigte, die unter ökologischen Folgen und Gesundheits-
schäden durch hohe Belastungen oder Nebenwirkungen bzw. schädigende Effekte
von Bayer-Produkten leiden.
Die CGB nutzt neben ihrer eigenen Website29 zur Informationsverbreitung auch
eigene Periodika wie den englischsprachigen »Keycode Bayer« und das deutsch-
sprachige »Stichwort-Bayer«. »Stichwort-Bayer« erscheint seit 1983 viermal im Jahr,
zu Beginn noch unter dem Namen »rundbrief«. Dieses Periodikum bildete das zu
analysierende Datenmaterial. Es werden dabei exemplarisch Ausgaben von 1983 bis
1990 untersucht. Der Umfang der Ausgaben variiert zwischen 8 und 30 Seiten. Das
Material wird vom Archiv der Coordination Bayer bereitgestellt.

28 http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13679575.html, Datum des Zugriffs: 2.1.2016.


29 http://www.cbgnetwork.de/, Datum des Zugriffs: 2.1.2016. Die Website ist auf deutsch, englisch,
spanisch, französisch und italienisch aufrufbar.
Auswertungsvorgehen 89

5. Auswertungsvorgehen

Per Zufallsauswahl wurden die zu analysierenden empirischen Materialien be-


stimmt. Bei diesen wurde eine rekonstruktive Dokumenten- und Artefaktanalyse
der darin enthaltenen sprachlichen und diskursiven Formen durchgeführt. Die von
Dewey beschriebene Herausforderung des Erkennens und Einschätzens von Folgen,
der Mobilisierung von Öffentlichkeitsteilnehmern und der Verbreitung von Wissen
über Sachverhalte und Zusammenhänge dienten im Auswertungsverfahren als For-
schungsfragen.
Ziel der Analyse war es, erste Thesen zu bilden, wie reale Öffentlichkeiten diesen
Herausforderungen begegnen. Ein besonderer Schwerpunkt wurde dabei auf Moral
und Moralisierung gelegt. Dieser Fokus folgt dem Hinweis Deweys auf die Funkti-
onen von Moralisierung in der Konstitution von Öffentlichkeit.
In der Dokumenten- und Artefaktanalyse wurden Elemente der Grounded
Theory-Methodologie verwandt. So folgte die Auswertung einem dreistufigen Ko-
dierungsprozess. Die ständig wechselnden Stufen umfassen die Kodierung, vorläu-
fige Hypothesenbildung und die Hypothesenüberprüfung am Datenmaterial. Der
Kodierungsprozess wurde jedoch nicht bis zur Bildung von konzeptueller Reprä-
sentativität durchgeführt. Die Anwendung von Elementen der Grounded Theory-
Methodologie erlaubte die Analyse interdiskursiver Beziehungen, zu denen die Mo-
ralisierung gezählt werden kann. Durch die Forschungsperspektive rückten zudem
Formen dokumentarischer Materialität (Institutionen, Regelungen, Techniken und
Sitten) in den Blick, die den Diskurs entscheidend mitprägen. Die für die Methodo-
logie charakteristische Offenheit ermöglichte so das Entdecken von Mechanismen,
die erst in einer hochkomplexen Gesellschaft relevant werden.
In der ersten Phase der Auswertung wurde Glaser und Strauss insoweit gefolgt,
als dass »zu Beginn […] mehr gesammelt als kodiert und analysiert« wurde und
erst in späteren Projektphasen »das Gewicht [sich] schrittweise versch[o]b[]«, so-
dass »gegen Ende des Forschungsprojekts die Arbeit vor allem im Analysieren« be-
stand30. So verschob sich in der zweiten Phase der Schwerpunkt auf das Kodieren
und Analysieren des Materials. Dabei wurde versucht, die Befunde der ersten Unter-
suchungsphase nicht zu berücksichtigen, um subsumptionslogische Fehlschlüsse zu
vermeiden. Im zweiten Schritt der Untersuchung wurde das Material in neuer Tiefe
analysiert. Während in der Grounded Theory-Methodologie der Kodierungsprozess
dabei von der zunächst offenen, später weiter zu präzisierenden Forschungsfrage be-
stimmt wird, war der in dieser Arbeit verwandte Auswertungsprozess stets an den

30 Barney G. Glaser, Anselm L. Strauss, Axel T. Paul: Grounded Theory: Strategien qualitativer Forschung,
Bern: Huber, 2010, S. 79.
90 Auswertungsvorgehen

von Dewey genannten Herausforderungen orientiert. Die Forschungsfrage nach den


Mechanismen zur Bewältigung dieser Herausforderungen bestimmte die detaillierte
Auswertung der Daten der bereits festgelegten Öffentlichkeiten. So wurde in der
Phase des offenen Kodierens ein möglichst breites und facettenreiches Material in
Hinblick auf die Mechanismen, insbesondere auf den Aspekt der Moralisierung hin,
untersucht. Ziel des Kodierungsprozesses war die Bildung erster Konzepte über den
Mechanismus und seine Funktionen. In der Phase des axialen Kodierens wurden
jene Konzepte und hypothetisch theoretische Verbindungen zwischen diesen Kon-
zepten einer Prüfung unterzogen. Zuletzt wurde in der Phase des selektiven Kodie-
rens neues Datenmaterial gewählt. So konnte das bereits ausgewertete Material über-
prüft und teilweise re-kodiert werden. Hier wechselten sich Phasen der Feinanalyse
einzelner Daten mit Phasen der Hypothesenbildung ab. Die Auswertung wurde mit
der Bildung von Kategorien über Kernkategorien und Konzepte zu ersten Thesen
beendet und nicht bis zur endgültigen theoretischen Sättigung, wie sie die Grounded
Theory-Methodologie fordert, durchgeführt. Vielmehr wurden die Thesen in einen
sozialwissenschaftlichen Kontext gestellt und durch die Hinzunahme anderer sozial-
wissenschaftlicher Studien und Erkenntnisse gestützt und erweitert.
Thesen 91

6. Thesen

So konnte ein Eindruck davon gewonnen werden, ob die von Dewey genannten
Herausforderungen tatsächlich in der realen Konstitution von Öffentlichkeiten eine
Rolle spielen, und es konnten erste, ungeordnete Thesen gebildet werden, welche
Mechanismen im Konstitutionsprozess relevant sind. Dabei fiel auf, dass das Er-
kennen und Einschätzen von Folgen in der Konstitution von Öffentlichkeit eine
nur untergeordnete Rolle spielt. Die Sachverhalte und Folgen, aufgrund derer sich
Öffentlichkeiten konstituieren, werden verhältnismäßig selten offen in Frage ge-
stellt und diskutiert, sondern häufig als Kontextwissen der Öffentlichkeit oder als
impliziter Konsens in den Primärquellen vorausgesetzt. Als zentral erwies sich die
Ausbildung einer Öffentlichkeitsidentität, die über unterschiedliche Mechanismen
erreicht wurde.

6.1. Die Ausbildung einer Öffentlichkeitsidentität


In der Untersuchung des Materials, welches aus Primärquellen der jeweiligen Öf-
fentlichkeiten bestand, wurde auffällig, dass eine der aus der Kodierung gewonnen
Kernkategorien die Identität der Öffent-
lichkeit selbst war. In der Konstruktion
von Öffentlichkeit muss eine »Öffent-
lichkeitsidentität« gebildet werden, die
schließlich auch zu einer Kollektividenti-
tät für die Öffentlichkeitsteilnehmer wer-
den kann. Diese Identitätsbildung erweist
sich als zentrales stabilisierendes Element
in der Konstitution von Öffentlichkeit.
Die Bildung einer CGB-Identität findet
statt über Distinktionen der Öffentlich-
keit gegenüber Ideologien wie Totalitäts-
ansprüchen, der Politik sowie politischer
(Makro-)Strukturen und anderen Inte-
ressengruppen (Lobbying). Die Identi-
tätsbildung der CGB steht zudem immer
im Verhältnis zum Bayer-Konzern. Die
von der CGB beanspruchten Werte wie
Wahrheit, Mitbestimmung und eine ega-
litäre Öffentlichkeitsstruktur werden in Abb. 1  Das Titelblatt der Sonderausgabe des
Stichwort: BAYER, 5.Jg. 1987
ablehnendem Bezug zu dem Bayer-Kon-
zern unterstellten Werten und Normen
gebildet.
92 Thesen

Abb. 2  Selbstbeschreibung und Aufforderung der Kritischen BAYER-


Aktionäre, 5. Jg. Juni 1987, Nr. 3, S. 7.

Zugleich gibt es, wie sich an den untersuchten Dokumenten ablesen lässt, ein
hohes Maß an Selbstreflexion der CGB-Teilnehmer in Bezug auf Handlungen der
Öffentlichkeit ebenso wie in Bezug auf das (sich wandelnde) Selbstverständnis der
Teilnehmer. So finden immer wieder die Politisierungsprozesse der Teilnehmer Er-
wähnung, die diese im Engagement innerhalb der Öffentlichkeit durchlaufen. Auch
die Forderungen der Öffentlichkeit und das Handeln der Öffentlichkeit sind dau-
erndes Thema im öffentlichkeitsinternen Diskurs. Die Befunde erlauben die These,
dass Identitätsbildung in einem hohen Maß über Selbstreflexion der Teilnehmer als
Öffentlichkeit erlangt wird. Die Selbstreflexivität, die in beiden Öffentlichkeiten zu
finden ist und sich in zentralen Fragen wie »Wer sind wir?«, »Wofür stehen wir ein?«,
»Welche Mittel wollen und können wir vertreten?« widerspiegelt, weist auf weitere
interessante Forschungsfragen hin: Kann das hohe Maß an Selbstreflexivität auf den
in der ökologischen Bewegung recht hohen Bildungsgrad des Teilnehmermilieus
zurückgeführt werden und ist damit eine Besonderheit dieser Bewegung? Oder ist
Selbstreflexivität ein allgemeines Merkmal von Öffentlichkeiten?
Die Ausbildung einer Öffentlichkeitsidentität 93

Die Ausbildung einer Öffentlichkeitsidentität durch Selbstreflexivität wirkt sta-


bilisierend in der Konstitution von Öffentlichkeit und kann als Kollektividentität
zum handlungsmotivierenden Faktor der Teilnehmer werden. Dieser Aspekt von
Öffentlichkeitsidentitäten als Kollektividentität beschreibt eine besondere Qualität
einer Öffentlichkeit.
Während die CGB eine Identität ausbildet, die durch Vereinsgründung einen
institutionellen Rahmen gewinnt, besteht die Öffentlichkeit der Bewegung Start-
bahn West aus vielen unterschiedlichen Strömungen, die Sympathisanten, moderate
Protestteilnehmer der Sonntagsspaziergänge, religiöse Gruppierungen, organisierte
Nachbarschaften und den autonomen bzw. schwarzen Block umfasst. Diese Band-
breite an Strömungen erschwert die Ausbildung einer Öffentlichkeitsidentität, und es
kommt zu gruppenweise zersplitterten Identitätsbildungen. Die ausgebildeten Iden-
titäten stehen in engen Verhältnissen, die sich durch stete Bezugnahme aufeinander
in den von der Öffentlichkeit verwandten Medien sowie durch häufige Solidaritäts-
aufrufe untereinander zeigen. Sie sind verbunden durch einen schwachen, jedoch
gemeinsamen Interpretationsrahmen der Bewegung Startbahn West. Die einzelnen
Gruppierungen gestalten diesen Interpretationsrahmen gemeinsam über eine geteilte
Face-to-face-Ebene, die die Praxis der sonntäglichen Protestspaziergänge annimmt.
Zugleich werden auf den gemeinsamen Veranstaltungen Flugblätter und Periodika
verteilt: Es kommt also zum persönlichen Austausch und der Verbreitung von öf-
fentlichkeitsinternem Wissen und geteilten Handlungsmotivationen in Form von
inhaltlichen Argumenten, Plänen und Handlungsaufforderungen, die mithilfe von
Solidarität und Unterstützung begründet werden. Gleichzeitig werden so Termine
und Veranstaltungen bekannt gemacht. In den Periodika findet eine Themenverbrei-
terung über Umweltthemen und das immer drängendere Problem der Konfronta-
tion mit der Staatsgewalt, der Polizei, statt. Die während der Sonntagsspaziergänge
verteilten Flugblätter und Periodika sind dabei ein zentrales öffentlichkeitsinternes
Medium für die Identitätsausbildung der Öffentlichkeit und ihrer Splittergruppen.
Besonders sei hier auch das »Wort zum Sonntag« erwähnt, ein jeden Sonntag er-
scheinendes Flugblatt, das auf den Sonntagsspaziergängen verteilt wurde.
Die aneinander gekoppelten Identitätsbildungen innerhalb der Bewegung Start-
bahn West zeigen die komplexe Struktur, die eine Öffentlichkeit annehmen kann.
Dewey selbst äußert sich nicht zu den unterschiedlichen Organisationsformen und
Strukturen von Öffentlichkeiten. Auch berücksichtigt er in The Public and Its Pro-
blems nicht das Phänomen der Ausbildung einer Öffentlichkeitsidentität. Dem soll
in dieser Arbeit begegnet werden, indem aufgrund der Forschungsergebnisse im
dritten Teil Qualitäten von Öffentlichkeiten unterschieden werden. Diese Quali-
täten beschreiben Öffentlichkeiten als instrumentell, also mit einer schwach ausge-
bildeten, zweckorientierten Identität, sowie als sinnstiftende Kollektividentität, die
über das zweckorientierte Handeln der Öffentlichkeit hinausreicht und für die Selb-
94 Thesen

stidentifikation der Öffentlichkeitsteilnehmer zentral wird. Die unterschiedlichen


Identitätsausbildungen innerhalb von Öffentlichkeiten weisen auf das interessante

Abb. 3  Undatierter Flyer: Die Verurteilung von Gewalt, ein Solidaritätsausspruch


sowie die Rechtfertigung des Protests.
Die Ausbildung einer Öffentlichkeitsidentität 95

Forschungsfeld der (reziproken) Anerkennungsverhältnisse von Gruppierungen hin,


die gemeinsam eine Öffentlichkeit konstituieren.31

6.2. Moralisierung
Der Diskurs und die Identitätsbildung sind in beiden hier als Beispiel gewählten
Öffentlichkeiten stark moralisiert, es konnten dabei unterschiedliche Formen der
Moralisierung unterschieden werden32:

1.  die explizite Verwendung von im allgemeinen Sprachgebrauch moralisch


konnotierten Begriffen (»Die ›kritischen Aktionäre der BAYER-Coordinati-
on‹ überführten BAYER 1982 öffentlich einer Lüge.«; »Umweltverbrecher«);
2.  die ironische Verwendung von im allgemeinen Sprachgebrauch moralisch
konnotierten Begriffen (»Die BAYER-Öffentlichkeitsabteilung sorgte dafür,
dass die ganze Nation von dieser ›Wohltat‹ erfuhr und das BAYER-Image
im schönsten Glanz erstrahlte. Doch hinter den Kulissen gab es bereits 1975
keine ›Selbstlosigkeit‹ des Konzerns.«);
3.  die implizite Bezugnahme auf allgemeine Werte, die in der Öffentlichkeit als
vorausgesetzter Konsens gelten;
4.  die explizite Bezugnahme auf allgemeine Werte, die in der Öffentlichkeit
als vorausgesetzter Konsens gelten (»GEGEN BETON-, ATOM- und RÜ-
STUNGSPOLITIK! FÜR LEBEN UND UMWELT! FÜR DEN FRIE-
DEN!«);
5.  die Skandalisierung, der Bruch mit geltenden moralischen Werten;
6.  Ethische und soziale Fragen (CBG als Vertreter von Arbeitnehmerinteressen
und als Opfervertreter);
7.  Wertzuschreibungen (Wert der Natur; »Leben des Baumes«);
8.  Moralisierung von im allgemeinen Sprachgebrauch nicht ausschließlich mo-
ralisch konnotierten Begriffen (Wahrheit, Informationsverbreitung);
9.  offene moralische Verurteilungen (»Sklaverei«; »Mord«; »Illegale Men-
schenversuche«; »Umweltgefährdungen«; »Als einer der größten Chemie-

31 Über die Rolle von Anerkennung innerhalb von Protestgruppen siehe Axel Honneth: Kampf um An-
erkennung, Frankfurt: Suhrkamp, 1994, S. 256-273. Pettenkofer unternimmt den Versuch, auf Hon-
neth basierend Missachtung als Protestgrund in der soziologischen Theorie politischer Bewegungen
zu etablieren: Andreas Pettenkofer: Radikaler Protest. Zur soziologischen Theorie politischer Bewegungen,
Frankfurt: Campus, 2010.
32 Zum besseren Verständnis der dargelegten Thesen werden Schlüsselzitate und -ausdrücke dazuge-
schrieben. Ein genauer Textnachtnachweis ist kaum möglich, da es sich beim untersuchten Material
um sogenannte »Graue Literatur« handelt. Für ein besseres Verständnis der Quellen sind daher exem-
plarisch Flyer und Textausschnitte abgedruckt.
96 Thesen

Konzerne der Welt ist BAYER maßgeblich


mitverantwortlich für Umweltverseuchung,
für die Schädigung der menschlichen Gesund-
heit durch Umweltgifte und auch politischen
Machtmissbrauch.«).

Auffällig ist die Ersetzung von wirtschaft-


lichem Vokabular durch moralisch konno-
tierte Begriffe. So werden in dem seit 1983 vier-
mal im Jahr erscheinenden »rundbrief«, später
»Stichwort Bayer«, Personen des Bayer-Kon-
zern zumeist nicht namentlich oder in ihren
konkreten Funktionen genannt, sondern als
»die Verantwortlichen« bezeichnet. In einigen
Fällen findet auch eine Ironisierung statt (»Die
Herren der Vorstandsetage«). Diese sprach-
liche und, damit einhergehend, auch weltan-
schauliche Abgrenzung des neuen öffentlichen
Diskurses ist beachtenswert in zweierlei Hin-
sicht: Zum einen ist es ein Hinweis darauf,
dass die Konstitution einer Öffentlichkeit mit
der Installation eines gemeinsamen Interpre-
tationsrahmens einhergeht. Im Falle der CGB
und der Bewegung Startbahn West sind dies,
der These nach, moralische Interpretationsrah-
men. Sie stehen in einem funktionalen Bezug
zu objektiven Handlungsproblemen, geben
kollektiven Sinngehalt und haben – zumindest
für die Gruppierung – normative Geltung.
Abb. 4  Immer wieder erscheinende Anzeige
mit der Aufforderung, Aktionärsrechte zu
übertragen. Hier beispielhaft entnommen dem
BAYER-KURIER, 2.Jg., Nr. 2, 1984, S. 3.

Der Geltungsanspruch kann zwischen der Gesamtgesellschaft und einzelnen sozi-


alen Gruppen variieren.
Der Interpretationsrahmen ist intern konsistent strukturiert und durch allgemein
geltende Regeln verbürgt. Er ist auf einer latenten, tiefenstrukturellen Ebene ange-
siedelt und nur begrenzt verfügbar. Im Fall der untersuchten Öffentlichkeiten findet
Moralisierung 97

Abb. 5  Undatierter Flyer: Demonstrationsaufruf an Frauen.

eine starke Abgrenzung zwischen dem Eigenen statt, dem Guten, das selbstreflexiv
bestätigt und kollektiv verstärkt wird, und dem Fremden, der durch Moralisierung
98 Thesen

abgewertet wird. Es wird daher die These vertreten, dass diese gezogene Grenze und
die unterschiedliche Beobachtung seiner selbst als Öffentlichkeit und des Interes-
sengegners der latente Rahmen ist, der ständig reaktiviert wird. Mittelbar können
der Staat in Formen von Polizei, Rechtsprechung und Politik sowie auch die Pres-
se wohl als weitere Gegner hinzukommen. Der Interpretationsrahmen steht dabei
im Gegensatz zu singulären Deutungen, Einstellungen und Meinungen. Er hat den
Status relativer Autonomie. Trotz des funktionalen Bezugs auf objektive Handlungs-
probleme ist der Interpretationsrahmen autonom und konstituiert damit eine eigene
Dimension sozialer Wirklichkeit. Dadurch lässt sich die Stabilität von Interpreta-
tionsrahmen erklären, der Interpretationsrahmen bleibt daher entwicklungsoffen.33
Die Etablierung eines geteilten Interpretationsrahmens korreliert mit der Bildung
einer Öffentlichkeitsidentität.
Zum anderen deuten solche neu geschaffenen Interpretationsrahmen auf ein
mögliches Problem in der externen Kommunikation von Öffentlichkeiten hin. Be-
ziehen sich die Akteure der Kommunikation auf nicht kompatible Deutungsmuster
(moralisch – wirtschaftlich), so ist lösungsorientierte Kommunikation bis hin zu
möglichem reziproken Anerkennen der Akteure und ihrer Anliegen stark erschwert
bis unmöglich. Auch die Geltungsansprüche der Akteure können variieren: Der mo-
ralische Appell kann an den Akteur, der wirtschaftlich argumentiert, mit univer-
sellem Anspruch gestellt werden. Die wirtschaftlichen oder politischen Deutungs-
muster hingegen haben den Stellenwert von Partikularinteressen. Der universelle
Anspruch des moralischen Appells verfügt daher über das Potential wirtschaftliche
und politische Diskurse zu sprengen. Dies bietet gleichzeitig eine mögliche Erklä-
rung dafür, dass es in dieser Art von Diskursen oft zu einer scheinbaren Integration
von moralischen Gesichtspunkten und Perspektiven kommt.
Die Benennung Führungskräften der Bayer AG als »Verantwortliche« lässt Spiel-
raum und erzeugt eine neue Dimensionen in den Funktionen der Benannten: Sie
sind verantwortlich: wirtschaftlich, rechtlich, moralisch. Gleichzeitig erlaubt die feh-
lende Namensnennung eine Dämonisierung, die »Verantwortlichen zeigen kein Ge-
sicht«, sie verstecken sich hinter ihren Türen. Die Öffentlichkeit der CGB hingegen
ist in ihrer Selbstdarstellung offen, sie zeigt Gesicht, nennt sich auf Flugblättern und
Periodika namentlich. Diese Sichtbarkeit wird als moralisch gut eingestuft, dient so
der moralischen Erhöhung der Öffentlichkeit und der eigenen Einordung in den
geteilten Interpretationsrahmen.

33 Die Kriterien eines Interpretationsrahmens sind entnommen aus Michael Meuser, Reinhold Sack-
mann: »Zur Einführung: Deutungsmusteransatz und empirische Wissensoziologie«. In: Michael
Meuser, Reinhold Sackmann (Hrsg.): Analyse Sozialer Deutungsmuster: Beiträge zur empirischen Wis-
senssoziologie, bremer soziologie texte, Band 5, Pfaffenweiler: Centaurus-Verlagsgesellschaft, 1992, S.
19.
Moralisierung 99

Auffällig ist der Unterschied


der CGB zur Öffentlichkeit der
Bewegung Startbahn West. Wäh-
rend die CGB weitestgehend auf
Namensnennungen der Gegen-
seite verzichtet, ist die Bekannt-
machung und Dämonisierung
einzelner Personen in der Bewe-
gung Startbahn West bemerkens-
wert. Die namentliche Nennung
einzelner Politiker (beispielsweise
des damaligen Verteidigungsmini-
sters) und einzelnen Gruppen be-
kannter Polizisten zieht sich durch
die unterschiedlichen Periodika
und Flugblätter. Die These ist,
Abb. 6  Undatierter Flyer aus den frühen 1980er Jahren: dass die Nennung der Personen
Ein auf den damaligen hessischen Ministerpräsidenten Hol-
diese aus ihrer Rolle reißen und
ger Börner (SPD) zum Protestlied umgedichteter Schlager.
als Gesamtpersönlichkeit sichtbar
machen soll. Die genannten Personen wurden somit in ihrer Gesamtpersönlichkeit
bewertet, bzw. moralisch angegriffen.
Moralisierung erweist sich als zentral in der Konstitution von Öffentlichkeit.
Indem ein moralischer Interpretationsrahmen installiert wird, können (über-)kom-
plexe Zusammenhänge als Täter-Opfer-Zusammenhänge und die Einschätzung
von Akteuren als gut und böse moralisch interpretiert und bewertet werden. Dies
erleichtert das Einschätzen von komplizierten und interdependenten Folgen und
Sachverhalten. Zugleich schafft der Bezug auf als allgemein angenommene Werte
und Normen einen breiten Konsens innerhalb der Öffentlichkeit ebenso wie in der
externen Kommunikation. Zuletzt sei angemerkt, dass der Wertebezug gleichzeitig
der Urteilslegimitation dient.34

Bemerkenswert ist das Spannungsfeld zwischen Moral und (Selbst-)Reflexivität


einer Öffentlichkeit. »Wahrheiten« können in der modernen Gesellschaft nicht ein-
fach postuliert werden bzw. einfach gelten, sondern werden reflektiert. Dies macht

34 Für einen Überblick über philosophische Arbeiten, die Moral und Ökologie zum Thema haben und
in der Regel versuchen klassische oder neuere Moraltheorien auf die Ökologie anzuwenden und so
bestimmte Handlungsweisen zu legitimieren, Grenzen auszuloten und Werte zu bestimmen siehe:
Karl Ott: Umweltethik zur Einführung, Hamburg: Junius Verlag 2014; Angelika Krebs (Hrsg.): Natu-
rethik: Grundtexte der gegenwärtigen tier- und ökoethischen Diskussion, Frankfurt: Suhrkamp, 1997.
100 Thesen

Moral als Mechanismus prekär, da auch ein einfaches Freund-Feind-Schema durch


Reflexivität gefährdet ist. Die deutsche Umweltbewegung setzt sich aus einem Mi-
lieu zusammen, das in der Regel über eine hohe Bildung verfügt. Die untersuchten
Öffentlichkeiten agieren selbstreflexiv, setzen damit »althergebrachte Wahrheiten«
aufs Spiel. Es lässt sich also die These aufstellen, dass hier Räume der Reflexivität ge-
schaffen werden, allerdings andere Räume wieder der Reflexivität entzogen und wer-
tende Zuschreibungen fixiert werden (z.B. der verantwortungslose Bayer-Vorstand,
die geldgierige FAG). Reflexivität und Moralisierung werden als Mechanismen zur
Konstitution von Öffentlichkeit genutzt.

6.3. Wahrheit als moralische Macht


Eine eigene Unterkategorie von Moralisierung bildet »Wahrheit« als moralische
Macht (»Denn nichts fürch-
ten die Verantwortlichen bei
Bayer mehr als die Wahr-
heit.«). Erklärtes Ziel der
CGB ist die Verbreitung von
»Wahrheit«, darüber legiti-
miert sich diese Öffentlich-
keit wesentlich. Wahrheit ist
dabei als Zugänglichmachung
zurückgehaltener oder ver-
borgener Information ver-
standen. Informationsverbrei-
tung ist eines der zentralen
Handlungsmotivationen der
Öffentlichkeitsteilnehmer.
Sie sehen sich im Auftrag
der Wahrheitsvertretung und
Abb. 7  Ausschnitt eines undatierten Flyers: Die Gegenüber- -verbreitung. Wahrheit wird
stellung der »Falle« und der »Wahrheit«. dabei ein Wert an sich zuge-
sprochen. Dieser Rekurs auf
Wahrheit enthält auch christliche Elemente, indem ihr zugesprochen wird, dass sie
sich von allein durchsetzen und sich zeigen werde. Es gibt viele Anleihen der christ-
lichen Metaphorik (»Apostel«; David-Goliath-Vergleiche; »Wahrheitsauftrag«). Die
immer wieder auftauchende christliche Metaphorik, teils bereits in einen Erlösungs-
glauben übergehend, ist ein interessantes Phänomen von Öffentlichkeiten in stark
säkularisierten Gesellschaften, besonders unter dem Aspekt, dass die untersuchten
Öffentlichkeiten sich selbst nicht explizit als christlich oder religiös verstehen und
Wahrheit als moralische Macht 101

beschreiben. Vielmehr findet eine implizite Sakralisierung der Öffentlichkeit und


von deren Zielen statt. Es sei an dieser Stelle auf die Untersuchungen Pettenkofers
verwiesen, die sich auch mit den religiösen Zügen und sektenhaften Formen von
Protestgruppen auseinandersetzen.35
Als These festzuhalten bleibt, dass »Wahrheitsverbreitung« eine Handlungsmo-
tivation der Teilnehmer darstellt und zugleich als Auftrag der Öffentlichkeit ein-
geschätzt wird, also als zentrales Element der Identitätsbildung der Öffentlichkeit
dient. Dabei wird eine durchaus naive und ideologische Wahrheitsvorstellung ver-
treten: Wahrheit setzt sich durch, Wahrheit als Waffe. Indem Wahrheit moralisch
konnotiert, teleologisch verstanden und als Macht begriffen wird, kann eine gleich-
sam universal legitimierte Gegenmacht zum Bayer-Konzern, der wirtschaftlich in
der mächtigeren Position ist, genauso wie zu politischen Akteuren oder der FAG
gebildet werden.

6.4. Betroffenheit
Die Teilnehmer der untersuchten Öffentlichkeiten nehmen sich selbst als Betroffene
wahr. So steht im Impressum des ersten erschienen Rundbriefs der CGB: Ȇber den
mangelnden Umweltschutz, zu geringe Produktionssicherheit. Über die Gefährdung
der Verbraucher und die Vernichtung von Arbeitsplätzen. Vor allem über den Wi-
derstand und die Gegenwehr der Betroffenen und anderer Interessierter.« Gleichzei-
tig erfolgt der Versuch, weitere Betroffene zu erreichen und zu mobilisieren. So bot
der CGB in den 1980er-Jahren die kostenlose Untersuchung von Personen an, die
vermuteten, durch ein Bayer-Holzschutzmittel geschädigt worden zu sein.
Neben aktualer Betroffenheit als Geschädigte von Produkten, Medikamenten,
dem Verlust des Arbeitsplatzes, umfasst Betroffenheit auch potentielle Betroffenheit.
Personen empfinden sich dabei als von Gefährdungen betroffen, ohne dass diese
bereits zu konkreten Folgen geführt haben. Gleichzeitig kann unterschieden werden
zwischen objektiver oder faktischer Betroffenheit, beispielsweise in Form von ge-
sundheitlichen Auswirkungen von Medikamenteneinnahme oder Auswirkungen auf
die Umwelt, und subjektiv empfundener Betroffenheit, beispielsweise moralischer
Betroffenheit in Bezug auf die Konzernpolitik. In den Auswertungen konnten zwar
diese Formen der Betroffenheit herausgearbeitet werden. Innerhalb der Öffentlich-
keit blieben aber gerade die Formen subjektiver Betroffenheit teilweise latent, es
fanden zudem keine Hierarchisierungen von Betroffenheiten statt. Die Betroffenheit
eines Einzelnen blieb somit in vielen Fällen unbestimmt. So wurde beispielsweise

35 Andreas Pettenkofer: Radikaler Protest: Zur soziologischen Theorie politischer Bewegungen, Frankfurt:
Campus, 2010, S. 180ff., insbesondere S. 185ff. sowie S. 243ff.
102 Thesen

von zwei Privatpersonen, die sich als Teil der Bewegung Startbahn West begriffen,
über vier Monate eine Plakatwand an einer vielbefahrenen Straße im Rhein-Main-
Gebiet gemietet und mit dem Spruch beklebt: »betrifft: Startbahn betroffen: wir
alle.« Inwiefern jeder von der neuen Startbahn betroffen sein sollte, wurde nicht
konkretisiert. Die eigene Betroffenheit sollte so in der persönlichen Auseinander-
setzung mit dem Thema selbst bestimmt werden. Die Kategorie der Betroffenheit
geht eng einher mit der folgenden Kategorie der Generalisierung, die ihrerseits zur
Konstruktion von Betroffenheit genutzt wird.

6.5. Generalisierung
Neben der Moralisierung ist die Generalisierung ein weiterer Mechanismus zur Kon-
stitution von Öffentlichkeit. Partikulare Sachverhalte (beispielsweise der Flughafen-
ausbau Startbahn West) werden in allgemeinere Kontexte gesetzt. Dies erlaubt das
Ansprechen einer größeren Menge Menschen als Betroffene. Zudem findet eine Ka-
tegorienerweiterung statt, von kleineren Anfangskategorien zu immer allgemeineren
Kategorien. Gerade an der Bewegung Startbahn West ist dies gut zu beobachten.
Die zentralen Kategorien zu Beginn der Konstitution dieser Öffentlichkeit waren die
Umwelt (»Wald«; »Bäume«; »Umweltschäden«; »Absenkung des Grundwasserspie-
gels«; »Luftverschmutzung«), Tiere (»Wald ist Lebensraum«) und Menschen (»Flug-
lärm«, Minderung der Lebensqualität). Im Laufe der Jahre wurden die Kategorien
immer allgemeiner: Hessen als Wirtschaftsstandort (Dienstleistungssektor; »Dreh-
kreuz Frankfurt«; »Jobmaschine Frankfurt«); Polizei(-gewalt); militärische Nutzung
des Flughafens (Militärstandorte im Rhein-Main-Gebiet) bis schließlich hin zu all-
gemeinen Kategorien wie Fortschritts- und Wachstumskritik; Rechtsstaatlichkeit
(Fairness von juristischen Verfahren; parlamentarische Kontrolle; Gerichtsverfah-
ren); Demokratie (politisches Engagement als Pflicht eines Bürgers; Mitbestim-
mung; Repräsentation); Systemkritik (Kapitalismuskritik). Diese Themenerweite-
rung erklärt in Teilen ebenfalls die starke Reichweite dieser Öffentlichkeit auch auf
Länder- und schließlich Bundesebene. Eine weitere Teilerklärung bietet die starke
Vernetzung und Solidarisierung mit anderen Neuen Sozialen Bewegungen, insbe-
sondere der Anti-Atomkraft-Bewegung und in Teilen auch der Friedensbewegung.
Die untersuchten Öffentlichkeiten generalisieren Betroffenheit und konstruieren
dabei in einem Aushandlungsprozess Betroffenheiten, die oft nicht objektiv feststell-
bar sind, wie etwa bei komplexen Themen wie dem Klimawandel. Dies hat bereits
Beck in seiner Konzeption der Risikogesellschaft festgestellt: Risiken werden demo-
kratisiert, so seine These.36

36 Ulrich Beck: Risikogesellschaft: Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt: Suhrkamp, 1986.
Generalisierung 103

Abb. 8  Undatierter Flyer: Demonstrationsankündigung und -aufforderung.

Generalisierung kann mit den vielen unterschiedlichen Strömungen, die in der


Bewegung Startbahn West zusammengefasst werden, in Verbindung gebracht wer-
den. Diese Strömungen beginnen bei Sympathisanten, die bei den sonntäglichen
Spaziergängen mitlaufen, und reichen über mäßig organisierte Gruppen bis hin zum
autonomen, gewaltbereiten »schwarzen Block«. Während auch religiöse Gruppie-
rungen Teil dieser Öffentlichkeit waren, waren Versuche von politischen Parteien,
ihrerseits Teil der Bewegung Startbahn West als Öffentlichkeit zu werden, nur teil-
weise erfolgreich. Dies zeigt sich an den wenigen, isolierten parteilichen Flugblättern,
die innerhalb der anderen Flugblätter und Periodika wenig Erwähnungen fanden,
und an der kritischen Auseinandersetzung innerhalb der Öffentlichkeit Bewegung
Startbahn West mit den politischen Parteien (SPD, CDU, FDP, teilweise auch den
Grünen), die sich im Laufe der 80er-Jahre verstärkt (»Wählt keine Startbahnpar-
104 Thesen

Abb. 9  Undatierter Flyer aus dem Jahr 1982: Vernetzung der Bewegung
Startbahn West mit der Friedensbewegung.

tei!«). Rechte Gruppierungen stoßen auf offene Ablehnung der Öffentlichkeit in


Form von klar kommunizierter Distanzierung vieler unterschiedlicher Gruppen in
Flugblättern und Periodika.
Sichtbar ist die Menge und Vielfalt der Gruppierungen der Bewegung Startbahn
West unter anderem an den vielen unterschiedlichen Periodika. Das in der Öffent-
lichkeit gegen die Startbahn West vertretene breite Spektrum an Gruppierungen
unterschiedlicher Art steht im deutlichen Gegensatz zur CGB, die verhältnismä-
ßig geschlossen nach außen agiert. Die vielen unterschiedlichen Strömungen er-
Generalisierung 105

schwerten zudem das Entstehen eines gemeinsamen Interpretationsrahmens, da auf


verhältnismäßig wenig Konsens und Kontextwissen zurückgegriffen werden konnte.
Dies hat zur Folge, dass der gemeinsame Interpretationsrahmen hier relativ schwach
bleibt und nicht zu einer sinnstiftenden Kollektividentität der gesamten Öffentlich-
keit führt. So lassen sich auch die unterschiedlichen gewählten Aktionswege der Öf-
fentlichkeit Bewegung Startbahn West erklären, die neben konventionellen Protest-
formen wie Unterschriftsammlungen und Massenkundgebungen unkonventionelle
Protestformen umfassen, wie etwa Straßenkrawalle, gewaltförmige Aktionen, Platz-
besetzungen, Menschenketten; es seien aber auch die verfahrensförmigen Einsprüche
und verwaltungsrechtlichen Klagen genannt.37 Es kam innerhalb der Öffentlichkeit
zu Radikalisierungen einzelner Gruppen, insbesondere des autonomen Blocks. Der
Radikalisierung einzelner Gruppen und den daraus folgenden gewalttätigen Akti-
onen wurde mit unterschiedlichen Einstellungen begegnet, die das gesamte Spek-
trum von Zustimmung über Sympathisierungen bis hin zu kritischen Stimmen und
kompletter Ablehnung umfassen.
1987 schließlich wurde während einer Demonstration von einem Teilnehmer
einer militanten Gruppe der Bewegung Startbahn West auf anwesende Polizisten
geschossen, von denen zwei an ihren Verletzungen starben. Die Öffentlichkeit Be-
wegung Startbahn West brach daraufhin auseinander. Es lässt sich die These aufstel-
len, dass diese gewalttätige Aktion in der Reaktion der Öffentlichkeitsteilnehmer
nicht mehr innerhalb eines gemeinsam geteilten Interpretationsrahmens stattfand.
Der Rahmen zerbrach. Die einzelnen Gruppierungen innerhalb der Öffentlichkeit
waren nun hinsichtlich ihrer Bereitschaft zu Gewalt so weit auseinander, dass dies
nicht mehr innerhalb eines Interpretationsrahmens geteilt werden konnte. Zudem
war die Öffentlichkeit zu diesem Zeitpunkt bereits geschwächt, da die Startbahn
gebaut und in Betrieb genommen worden war, das erklärte Ziel der Öffentlichkeit
also nicht erreicht worden war.
Insgesamt lässt sich nach einer exemplarischen Auswertung des Datenmaterials
feststellen, dass die folgenden Mechanismen in der Konstitution von Öffentlichkeit
zentral sind:

• die Ausbildung eines gemeinsamen Interpretationsrahmens,


• die daraus folgende Schaffung einer Öffentlichkeitsidentität (die schwach
oder stark ausgeprägt sein kann),

37 Ein Überblick über unterschiedliche Protestformen findet sich bei Dieter Rucht: »Zum Wandel po-
litischen Protests in der Bundesrepublik: Verbreitung, Professionalisierung, Trivialisierung«. In: Vor-
gänge: Zeitschrift für Bürgerrechte und Gesellschaftspolitik, Jg. 40, H. 4, Dezember 2003, S. 7.
106 Thesen

• Moralisierung in Korrelation zur Installation eines gemeinsamen Interpreta-


tionsrahmens,
• die Konstruktion von Betroffenheit sowie
• die Generalisierung von Sachverhalten und Themen (im Sinne einer The-
menverbreiterung).

Es wurde eine funktionale Beschreibung durch den Begriff »Mechanismen« gewählt,


besonders im Hinblick auf die von Dewey genannten Herausforderungen, denen
durch diese Mechanismen begegnet werden kann. Alternativ ist auch der Begriff von
Mustern denkbar ebenso wie die These aufgestellt werden kann, dass es sich bei der
Beschreibung um Phasen in der Konstitution von Öffentlichkeit handelt oder die
Muster zumindest stark mit einzelnen Konstitutionsphasen korrelieren.
Es wird die These vertreten, dass Moralisierung für die Konstitution von Öffent-
lichkeit von besonderer Relevanz ist. Das Erkennen und Einschätzen von Folgen,
was Dewey als eines der Hauptprobleme von Öffentlichkeit benannte, scheint in der
Konstitution der beiden untersuchten Öffentlichkeiten durchaus eine übergeord-
nete Kategorie zu sein, jedoch nicht in einer für die Konstitution problematischen
Weise. Folgen und Sachverhalte gelten als regulierungswürdig, sie werden erkannt
und verbreitet. Die Einschätzung findet über naturwissenschaftliche, umweltwis-
senschaftliche sowie implizit und explizit moralische Argumentationen statt. Teils
werden Argumente nicht ausgeführt, sondern als Kontextwissen und Konsens vo-
rausgesetzt. Das Erkennen und Einschätzen von Folgen scheint daher zwar zentral
zu sein, nicht jedoch öffentlichkeitsgefährdend.
Auch die Apathie, als zweites großes Problem von Dewey benannt, scheint we-
niger problematisch zu sein als erwartet. Vielmehr zeigt sich ein Engagement inner-
halb der Öffentlichkeiten, das von ursprünglicher Betroffenheit eine Themenaus-
weitung durchläuft und schließlich oft als Selbstzweck und Selbstverwirklichung der
Teilnehmer empfunden wird. Dies bietet auch eine Erklärung für die teils fehlende
Verhältnismäßigkeit von Sachverhalt und Protest (wie im Fall der Erschießung zwei-
er Polizisten). Die eigene Identität wird über die Teilnahme an der Öffentlichkeit
konstruiert, das Engagement in der Öffentlichkeit wird als Selbstverwirklichung
empfunden.
Diese ersten, ungeordneten Thesen über die relevanten in der Konstitution von
Öffentlichkeit verwandten Mechanismen bieten Hinweise auf weitere, anschlie-
ßende Forschungspotentiale.

6.6. Weitere Studien


Moralisierung erweist sich auch in weiteren Studien als zentrales Element in der
Konstitution von Öffentlichkeit. Die Moralisierung von Themen- und Gegenstands-
Weitere Studien 107

bereichen kann die Abschätzung von Folgen und Kausalattribuierungen erleichtern38


und dient der Vereinfachung komplexer Sachverhalte39. Der Rekurs auf allgemein
geltende Werte dient der Legitimation von Urteilen und versucht so, einen breiten
Konsens zu erreichen. Die Moralisierung von Themen und Gegenstandsbereichen
kann zudem dem Problem der Apathie entgegenwirken und als Mittel zur Mobi-
lisierung von Öffentlichkeit genutzt werden. Moralisierung von Themen kann
potentielle und tatsächliche Folgen als wünschenswert oder nicht wünschenswert
klassifizieren. Moralische Einstellungen bilden die Grundlage dafür, wie Folgen von
Einzelpersonen und der Öffentlichkeit eingeordnet werden.
Die kommunikative Konstruktion von Moral wurde in einem groß angelegten
Forschungsprojekt von Jörg Bergmann und Thomas Luckmann untersucht40, in dem
die Elemente und Formen moralischer Kommunikation untersucht wurden. Von
besonderem Interesse sind die Aufsätze von Gabriela Christmann, die im Rahmen
dieses Forschungsprojekts moralische Kommunikation in Ökologiegruppen anhand
von teilnehmenden Beobachtungen untersuchen. Doch zunächst soll vorgestellt
werden, was Bergmann und Luckmann unter Bezugnahme auf Luhmanns System-
theorie und Erving Goffmans Interaktionssoziologie unter moralischer Kommuni-
kation verstehen:

»[Wir] sprechen […] im folgenden von moralischer Kommunikation dann, wenn in


der Kommunikation einzelne Momente der Achtung und Mißachtung, also der so-
zialen Wertschätzung einer Person, mittransportiert werden und dazu ein situativer
Bezug auf übersituative Vorstellungen von ›gut‹ und ›böse‹ bzw. vom ›guten Leben‹
stattfindet.«41

Diese Definition von moralischer Kommunikation eröffnet eine neue Dimension


des Mechanismus der Moral in der Konstitution von Öffentlichkeit, die in den vor-
gestellten Thesen der zwei untersuchten Öffentlichkeiten noch wenig Erwähnung
gefunden hat. In der moralischen Kommunikation kommt es zu »sozial wertenden
Stellungnahmen«, die sich auf Personen oder Handlungen beziehen und den Ruf
der genannten Personen verbessern oder verschlechtern können. Der moralisierende

38 Friedhelm Neidhardt (Hrsg.): Öffentlichkeit, öffentliche Meinung, soziale Bewegungen, Opladen: West-
deutscher Verlag, 1994, S. 19.
39 Tillmann Sutter: Medienanalyse und Medienkritik. Forschungsfelder einer konstruktivistischen Soziologie
der Medien, Wiesbaden: VS Verlag, 2010.
40 Jörg R. Bergmann, Thomas Luckmann (Hrsg.): Kommunikative Konstruktion von Moral: Struktur und
Dynamik der Formen moralischer Kommunikation, Opladen: Westdeutscher Verlag, 1999.
41 Jörg R. Bergmann, Thomas Luckmann (Hrsg.): Kommunikative Konstruktion von Moral: Struktur und
Dynamik der Formen moralischer Kommunikation, Opladen: Westdeutscher Verlag, 1999, S. 22.
108 Thesen

Achtungs- oder Missachtungserweis kann auf direkte oder indirekte Weise durch
moralisierende Parolen oder moralisch konnotierte Begriffe erfolgen, wie etwa durch
Andeutungen oder ironische Kommentare.42
Bereits in den vorangestellten Thesen wurden als Moralisierungsarten die Ver-
wendung von moralisch konnotierten Begriffen ebenso wie Ironie vorgestellt. Dass
der Mechanismus der Moralisierung auf die Wertschätzung des oder der Handeln-
den abzielt, wurde an die offene, theoriefreie Grounded Theory-Methodologie an-
gelehnt, jedoch nicht erarbeitet. Moralische Kommunikation in Form von mora-
lischen Urteilen wird gebildet durch »Akteursbezug« und »Wertbezug«. Gleichzeitig
muss eine Wahlmöglichkeit des Handelnden gegeben sein: Er muss die Möglichkeit
und Fähigkeit haben, zwischen unterschiedlichen Handlungsoptionen zu wählen.
Diese Definition besitzt eine hohe Anschlussfähigkeit an Deweys Beschreibung von
moralischen Situationen, die er in Theory of the Moral Life vorstellt: Eine moralische
Situation setzt voraus, dass die Handelnden in der Situation frei über ihre Hand-
lung entscheiden können.43 Die Handlung legt dabei den Charakter des Handeln-
den offen und prägt ihn gleichzeitig. Die Entscheidung, sich beispielsweise in einer
Öffentlichkeit zu engagieren, bedeutet, wendet man Dewey an, dass man sich selbst
engagiert, dass man ein Mensch ist, der für einen Sachverhalt Verantwortung über-
nehmen will, der auch eine bestimmte Art zu leben wählt, die mit seinen Entschei-
dungen einhergeht. Er setzt sich auseinander mit seinen Handlungszielen und den
dazu eingesetzten Mitteln. Das Engagement kann zu einer inneren Transformation
führen, indem er sich selbst in anderen und neuen Handlungsräumen wahrnimmt
und positionieren muss.
In moralischen Kommunikationssituationen können Personen in ihrem Ruf
angegriffen werden. Dies erklärt, warum Handelnde zumeist nicht distanziert am
Geschehen teilnehmen, sondern sich »in der Gesamtheit der Person« betroffen füh-
len.44 Diese stark affektive Komponente von Moralisierung macht auch plausibel,
dass Teilnehmer in Öffentlichkeiten ein hohes Engagement aufweisen können und
die Arbeit in der Öffentlichkeit zum identitätsbildenden Element werden kann. Als
Beispiel sei hier die Handlungsmotivation der »Wahrheitsverbreitung« genannt, die

42 Jörg R. Bergmann, Thomas Luckmann (Hrsg.): Kommunikative Konstruktion von Moral: Struktur und
Dynamik der Formen moralischer Kommunikation, Opladen: Westdeutscher Verlag, 1999, S. 21.
43 Es werden jedoch im Umkehrschluss nicht alle Handlungen, die unter freier Entscheidung ausgeführt
werden, auch moralisch bewertet. Siehe dazu: John Dewey: Theory of Moral Life. In: John Dewey: The
Middle Works of John Dewey, Vol. 5, 1899-1904: Ethics, 1908, Carbondale: Southern Illinois University
Press, 2008, S. 187.
44 Über die Kopplung persönlicher Identität und Moral vgl. Ernst Tugendhat: »Die Rolle der Identität
in der Konstitution der Moral«. In: Wolfgang Edelstein, Gertrud Nunner-Winkler (Hrsg.): Moral
und Person, Frankfurt: Suhrkamp, 1993, S. 33-47.
Weitere Studien 109

innerhalb der Öffentlichkeit moralisierend wirkt und damit die Öffentlichkeit und
ihre Teilnehmer moralisch aufwertet.
Ein weiterer bedenkenswerter Aspekt, den Bergmann und Luckmann erwähnen,
ist der durch Moralisierung unter den Beteiligten entstehende »Bekenntnisdruck«,
der mit dem Versprechen von Gemeinschaftserfahrung und Solidarität einhergeht.
Auch dies ist ein wertvoller Hinweis darauf, wie eine Öffentlichkeitsidentität ent-
stehen kann und was eine Handlungsmotivation der Teilnehmer bilden kann. In
relativ abgeschlossenen sozialen Gruppen kann es so zu »hemmungslosen und unge-
schützten Moralorgien« kommen. Dies bietet einen möglichen Erklärungsansatz für
Phänomene starker Radikalisierung innerhalb von Öffentlichkeiten, beispielsweise
der Radikalisierung des autonomen Blocks der Öffentlichkeit Bewegung Startbahn
West, die in immer heftigere Gewaltaktionen mündete. Pettenkofer beschäftigt sich
mit dem Phänomen der Radikalisierung anhand zweier Beispiele45: den chinesischen
Studentenprotesten von 1989, bei denen Teilnehmer dieser Öffentlichkeit unter Le-
bensgefahr weiter auf dem Platz des Himmlischen Friedens demonstrierten sowie
der RAF in Westdeutschland. In beiden Fällen wurde das persönliche Risiko in Form
von Verhaftungen auf sich genommen, ohne dass dadurch die Chance auf Erfolg
des jeweiligen Anliegens erhöht worden wäre. Auf Pettenkofers Erklärungsansatz der
Identitätskarriere wird im Kapitel zu Öffentlichkeit als sinnstiftende Kollektividen-
tität näher eingegangen.
Doch zunächst soll auf Christmanns Forschung zu moralischer Kommunikati-
on in Ökologie-Gruppen eingegangen werden46. Erste Hinweise auf die Relevanz
von Moralisierung für ökologische Gruppen und Bewegungen bieten die in der
gesprochenen Kommunikation innerhalb von lokalen Segmenten der Ökologiebe-
wegung ausgemachten drei moralisierenden Aktivitäten in Arbeitstreffen: das Sich-
Entrüsten, das Sich-Beklagen und das Sich-Mokieren. Die Moralisierungsobjekte
sind dabei zumeist abwesende Dritte. Das Thema Umwelt selbst wird dabei als mo-
ralisch anerkannt oder durch Negativbeschreibungen von Personen (»Dreckschleu-
der«) moralisch gerahmt. Dramatisierungen (»Weltuntergang«, »Ökokatastrophe«)
und eine Täter-Opfer-Beziehung sind ebenfalls zentrale Mechanismen, die unter die
Kategorie der Moralisierung fallen. Besonders häufig zeigen sich Moralisierungen
von typisierten Personenkollektiven wie der Produzenten, Händler, Konsumenten,

45 Andreas Pettenkofer: Radikaler Protest: Zur soziologischen Theorie politischer Bewegungen, Frankfurt:
Campus, 2010, S. 160ff.
46 Gabriela B. Christmann: »›Sich-Beklagen‹ in Ökologiegruppen«. In: Jörg R. Bergmann, Thomas
Luckmann (Hrsg.): Kommunikative Konstruktion von Moral: Struktur und Dynamik der Formen mora-
lischer Kommunikation, Opladen: Westdeutscher Verlag, 1999, S. 151-173.
110 Thesen

Politiker und Verwaltungsbeamten.47 Gerade das »Sich-Beklagen«, zeigt sich als sta-
bilisierender Faktor innerhalb der Gruppe und als Abgrenzung nach außen. Gleich-
zeitig dient es der Formulierung von Kollektivinteressen und der Forderung nach
Durchsetzung eben dieser Interessen. Zuletzt sei der Motivationsaspekt benannt:
Aus der als »kaputt« empfunden Umwelt folgt die Motivation, sich für die »Heilung«
einzusetzen.48
In der amerikanischen und australischen Forschung findet seit geraumer Zeit
eine starke Auseinandersetzung mit Mechanismen der Konstruktion von Öffent-
lichkeit statt. Dabei ist hier besonders die Forschung zum »Storytelling« von Inte-
resse, das oft im Rahmen von Onlinekampagnen untersucht wird. Über gezieltes
Storytelling sollen sich Personen mit einem Thema identifizieren und mobilisiert
werden. Storytelling wird zudem genutzt, um Gemeinschaftsgefühl und Solidari-
tät auszubauen, Unterstützer zu behalten und öffentliche Unterstützung zu gene-
rieren, jedoch auch um gewältige Aktionen der Öffentlichkeit zu rechtfertigen und
die jeweiligen Gegenpartien zu diskreditieren.49 Dabei wird eine Story in Form von
Kausalbeziehungen erzählt und weniger mit rationalen Argumenten50. Die Story ist
klassisch mit Protagonisten in Anfang, Mittelteil und Schluss aufgeteilt, wobei der
Schluss oft als Handlungsaufforderung offen bleibt. Ariadne Vromen und William
Coleman haben in der Zusammenfassung der Forschungsliteratur vier Kriterien des
erfolgreichen Storytelling ausgemacht:

» – Emotional identification of the story recipient with the issue, to mobilize partici-
pation.
– A shared sense of community on the issue, to build solidarity; ›people over power‹.
– Moral urgency for action, rather than technical persuasion, to resolve the issue and
effect social change.
– Secure public and political support by neutralizing countermovements.«51

47 Gabriela B. Christmann: Ökologische Moral: Zur kommunikativen Konstruktion und Rekonstruktion


umweltschützerischer Moralvorstellungen, Wiesbaden: Deutscher Universitätsverlag, 1997, S. 118.
48 Gabriela B. Christmann: »›Sich-Beklagen‹ in Ökologiegruppen«. In: Jörg R. Bergmann, Thomas
Luckmann (Hrsg.): Kommunikative Konstruktion von Moral: Struktur und Dynamik der Formen mora-
lischer Kommunikation, Opladen: Westdeutscher Verlag, 1999, S. 173.
49 Ariadne Vromen, William Coleman: »Online Campaigning Organizations and Storytelling Strate-
gies: GetUp! in Australia«. In: Policy & Internet, Special Issue: Online Collective Action and Policy
Change, 5, 1, 2013, S. 79.
50 Francesca Polletta, Pand Ching, Bobby Chen, Beth Gharrity Gardner, Alice Motes: »The Sociology of
Storytelling«. In: Annual Review of Sociology, 37, 2011, S. 111.
51 Ariadne Vromen, William Coleman: »Online Campaigning Organizations and Storytelling Strate-
gies: GetUp! in Australia«. In: Policy & Internet, Special Issue: Online Collective Action and Policy
Change, 5, 1, 2013, S. 81.
Weitere Studien 111

Gerade das Element der Moralisierung ist dabei zentral. Der Mechanismus des Sto-
rytelling wird im Verlauf der Arbeit näher erläutert, insbesondere im Zusammen-
hang mit Öffentlichkeiten im 21. Jahrhundert, die beispielhaft an den Onlineplatt-
formen Change.org und Twitter näher diskutiert werden.
In diesem Kapitel über die Konstitution von Öffentlichkeit sollte der Werde-
gang von Öffentlichkeit in Hinblick auf die von Dewey identifizierten Herausforde-
rungen der Folgenerkennung und -bewertung sowie der Apathie diskutiert und in
einen breiteren Forschungsrahmen gestellt werden. Deweys theoretische Beschrei-
bung wurde dabei um sozialwissenschaftliche Perspektiven ergänzt, die zum einen in
Form von eigener empirischer Forschung zu zwei Öffentlichkeiten bestand und zum
anderen in der Hinzunahme weiterer sozialwissenschaftlicher Studien, mithilfe derer
die Mechanismen zum Meistern jener Herausforderungen besser verstanden werden
können. Es zeigte sich, dass es für die Konstitution von Öffentlichkeit elementar ist,
einen eigenen Interpretationsrahmen zu installieren und eine Öffentlichkeitsidenti-
tät auszubilden. Der dabei zentral verwandte Mechanismus zeigte sich in der Mo-
ralisierung. Auf die Relevanz dieses Mechanismus wird in der Auseinandersetzung
mit Öffentlichkeiten im 21. Jahrhundert erneut eingegangen. Im folgenden Kapitel
findet jedoch zunächst eine theoretische Typisierung von Öffentlichkeiten statt so-
wie eine Unterscheidung zweier Qualitäten, über die Öffentlichkeiten verfügen. In
diesen theoretischen Rahmen werden die zwei empirisch untersuchten Öffentlich-
keiten der CGB und der Bewegung Startbahn West eingeordnet.
III. Die Weiterentwicklung der Öffentlichkeitskonzeption Deweys
7. Spezifische und allgemeine Öffentlichkeiten

Dewey verwendet Begrifflichkeiten nicht immer trennscharf. Den Begriff des Staates
(state) benutzt er beispielsweise, teils ohne genaue Kennzeichnung, in drei Weisen:
als politische Struktur mit bestimmten Funktionen; als modernen Staat und als ame-
rikanischen Realstaat. Der Begriff der Demokratie (democracy) meint mal die Idee
sozialer Demokratie, mal Demokratie als politische Struktur. Diese Vorgehensweise
erschwert das Verstehen der Thesen von The Public and Its Problems, und der Text
wirkt auf den ersten Blick teilweise widersprüchlich. Beginnt man jedoch, den Text
mit dem Wissen um die unterschiedlichen Bedeutungen der Schlüsselbegriffe syste-
matisch neu zu lesen, lassen sich diese Widersprüche auflösen.
Auch Deweys Begriff der Öffentlichkeit (the public) weist so viele Dimensionen
auf, dass sich das Unterfangen lohnt, diese in Typen zu unterscheiden. Dewey selbst
tut dies nicht explizit. Schöpft man jedoch das Potential der rein theoretischen De-
finition aus, nutzt die historische Rekonstruktion von Öffentlichkeiten und unter-
scheidet die Auslöser für die Konstitution von Öffentlichkeiten, so kann man nicht
nur zwei Typen von Öffentlichkeiten unterscheiden – die allgemeine und die spe-
zifische Öffentlichkeit – sondern auch zwei Qualitäten – die zweckrationale oder
instrumentelle Öffentlichkeit und die Öffentlichkeit als sinnstiftende Kollektivi-
dentität. Die Qualitäten fallen in die Kategorien von Cooleys Sekundär- und Pri-
märgruppen. In einem nächsten Schritt können die Typen von Öffentlichkeit mit
politischen Konzeptionen verbunden werden. Dewey tut diesen Schritt, indem er
die demokratisch strukturierte Öffentlichkeit einführt. Dieser noch nicht aktualen
demokratisch strukturierten Öffentlichkeit nähert sich Dewey zwar inhaltlich kaum.
Wohl aber benennt er Bedingungen, die zur Entstehung einer solchen Öffentlichkeit
notwendig sind. Mithilfe dieser Typen und Qualitäten lassen sich nicht nur Deweys
Beispiel-Öffentlichkeiten kategorisieren, sondern auch die in dieser Arbeit verwand-
ten empirischen Beispiele von Öffentlichkeiten analysieren.

7.1. Spezifische Öffentlichkeiten


Um sich der spezifischen Öffentlichkeit zu nähern, soll noch einmal die sehr formale
Definition einer Öffentlichkeit nach Dewey rekapituliert werden: Eine Öffentlich-
keit wird gebildet von jenen Personen, die von den Folgen einer Handlung anderer
indirekt betroffen sind. Ihr Ziel ist es, die Folgen, ob positiv oder negativ, zu regulie-
ren: »The public consists of all those who are affected by the indirect consequences of

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2017


A. Götz, Kritik der Öffentlichkeiten,
DOI 10.1007/978-3-658-17732-4_4
114 Spezifische und allgemeine Öffentlichkeiten

transactions to such an extent that it is deemed necessary to have those consequences


systematically cared for.«1
Damit sich eine Öffentlichkeit konstituieren kann, müssen zunächst Folgen er-
kannt werden. Das Erkennen und Abschätzen von Folgen kann dem Irrtum und
der Täuschung unterliegen wie jede menschliche Wahrnehmung. Ob diese Folgen
regulierungswürdig sind, muss im intersubjektiven Prozess ausgehandelt werden. Als
wegweisende Kriterien gelten weite Reichweite in Raum und/oder Zeit, Reprodu-
zierbarkeit (bestimmer, gleichförmiger und wiederkehrender Natur) und Irreparabi-
lität. Der Grad dieser Kriterien muss in jedem Fall neu bestimmt werden. Beispiele
für Handlungen von öffentlichem Interesse sind nach Dewey etwa der Arztbesuch
(Prüfung und Lizenzierung des Arztes); der Verkauf von Grundeigentum (Registrie-
rung durch öffentliche Vertreter und Rechtsvorschriften); Sexualität und Intimbezie-
hungen (Legalisierung von Ehe zur Gesellschaftserhaltung durch Kinder). Im Falle
unabsehbarer Folgen müsste sich auch hier zur Absicherung gegen mögliche Fol-
gen eine (potentielle) Öffentlichkeit bilden. Werden Folgen als regulierungswürdig
eingestuft, so erzeugt dies ein gemeinsames Interesse der indirekt Betroffenen, die
somit eine Gruppe bilden, die hinreichend von bestehenden Gruppen verschieden
ist. Diese Gruppe ist die neu entstehende Öffentlichkeit. Ob Assoziationen zu einer
Öffentlichkeit zusammenfinden, hängt von der zeitlichen und räumlichen Nähe zu-
einander ab.
Aus dieser Definition folgt zunächst, dass es unzählige Öffentlichkeiten gibt, die
sich zu unzähligen Folgen konstituieren mit dem alleinigen Ziel, diese Folgen zu
regulieren. Die Öffentlichkeit agiert also als fallbezogen entstehender Kollektivak-
teur. Sind die Folgen zur Zufriedenheit der Öffentlichkeit reguliert, so besteht kein
Grund für die Öffentlichkeit weiter fortzubestehen. Gleichzeitig kann die Regula-
tion der Folgen eigene beabsichtigte und unbeabsichtigte Folgen haben und diese
wiederum können bei Erkennen der Folgen eine eigene Öffentlichkeit hervorrufen.
Diese Art von Öffentlichkeiten sollen spezifische Öffentlichkeiten genannt werden.
Jörke nutzt für diesen Öffentlichkeitstyp den Begriff der flexiblen Öffentlichkeit.
Die Begründung für diesen Begriff ist bei Jörke jedoch die bei Dewey spezifische
Unterscheidung zwischen öffentlichen und privaten Sachverhalten2, die eben nicht
wie bei republikanischen, liberalen und prozeduralen Theorien streng definitorisch
unterschieden sind. Erst die Folgen einer Handlung und manchmal sogar nur das
quantitative Ausmaß entscheiden, ob ein Sachverhalt als öffentlich einzustufen ist.
Diese Begründung für den Begriff flexibler Öffentlichkeiten wird hier erweitert

1 John Dewey: PiP, S. 15f.


2 Dirk Jörke: Demokratie als Erfahrung. John Dewey und die politische Philosophie der Gegenwart, Wies-
baden: VS Verlag, 2003, S. 208.
Spezifische Öffentlichkeiten 115

durch ein zweites Argument: Die Öffentlichkeit entsteht sachverhaltsbezogen und


ist in ihrem Dasein abhängig von diesem Sachverhalt, sie ist eben nicht allgemei-
ner Natur. Es gibt nicht eine Öffentlichkeit mit immer denselben Teilnehmern, die
unterschiedliche Themen und Probleme diskutieren und eine öffentlich Meinung
bilden. Auch die Art der Konstitution und der Organisation einer Öffentlichkeit ist
flexibel:

»Roughly speaking tools and implements determine occupations, and occupations


determine the consequences of associated activity. In determining consequences, they
institute publics with different interests, which exact different types of political beha-
vior to care for them.«3

In dieser Typenunterscheidung wird Jörke beim Argument der Flexibilität zuge-


stimmt. Es soll jedoch der Fokus auf der Sachverhaltsbezogenheit liegen, daher wur-
de der Begriff der spezifischen Öffentlichkeit in Abgrenzung zur allgemeinen Öf-
fentlichkeit gewählt. Der Sachverhalt ist nicht nur entscheidend für die Mittel und
Formen der sich zu ihm bildenden Öffentlichkeit, er ist auch zentral für die Dauer,
die eine Öffentlichkeit besteht. Ist der Sachverhalt allgemeiner Natur oder auch ein
potentiell die Allgemeinheit betreffender Sachverhalt, so konstituiert sich eine all-
gemeine Öffentlichkeit, deren Ziel es unter anderem ist, langfristige und juristisch
institutionalisierte Regelungen, gerade auch für potentielle Folgen von Sachverhal-
ten allgemeiner Natur, zu finden. Dies hat zur Folge, dass die Öffentlichkeit selbst
eine rechtliche Institutionalisierung durchläuft, wohingegen sich eine spezifische
Öffentlichkeit mit der Regelung eines spezifischen Sachverhalts beschäftigt. Dabei
verfügt die spezifische Öffentlichkeit in der Regel nicht über einen eigenen rechtlich
institutionalisierten Rahmen. Gleichwohl kann sie durch rechtliche Institutionen
für ihre Zwecke nutzen.
Die Öffentlichkeit selbst ist nicht notwendigerweise demokratisch. Weder müs-
sen die äußeren Umstände, in denen sich eine Öffentlichkeit konstituiert, demo-
kratisch sein, noch muss die Konstitution selbst demokratischer Natur sein. Diese
Offenheit des Öffentlichkeitsverständnisses ermöglicht zum einen, die Entstehung
von Öffentlichkeiten in nicht-demokratischen Gesellschaften zu analysieren. Zum
anderen macht sie die Betrachtung von Öffentlichkeiten möglich, die den hohen
normativen Kriterien, zumal der demokratischen Öffentlichkeitstheorie nach Ha-
bermas, nicht genügen. Nutzt man die Konzeption spezifischer Öffentlichkeiten in
modernen, demokratischen Gesellschaften, so werden Öffentlichkeiten mit hoher
Wahrscheinlichkeit demokratisch geprägt sein:

3 John Dewey: PiP, S. 69.


116 Spezifische und allgemeine Öffentlichkeiten

»Singular human beings exist and behave in constant and varied association with one
another. These modes of conjoint action and their consequences profoundly affect not
only the outer habits of singular persons, but their dispositions in emotion, desire,
planning and valuing.«4

Wird also eine Person in einer demokratischen Gesellschaft sozialisiert, so ist diese
Person, wenn sie selbst eine Öffentlichkeit mit anderen konstituiert, von einem de-
mokratischen Wertesystem geprägt. Die konstituierte Öffentlichkeit befindet sich
also mit hoher Wahrscheinlichkeit innerhalb dieses Normsystems.
Folgt man weiter nur der Definition, ohne die demokratische Gesellschaft und
ihr Normsystem zu beachten, so müssen auch die Ziele einer Öffentlichkeit nicht
zwingend von demokratischen Werten geprägt sein. Die Definition von Öffentlich-
keit hat keinen eigenen normativen Wert, auch ihre Ziele sind nicht zwingend nütz-
lich oder gut: »The public, moreover, cannot be identified with the socially useful.«5
Ein theoretisches Beispiel soll dazu dienen, eine genauere Vorstellung von spe-
zifischen Öffentlichkeiten zu bekommen: In einem kleinem Dorf namens Schwan-
hausen leben 50 Einwohner. Das Leben im Dorf ist eng miteinander verstrickt, Wis-
sen und auch Emotionen werden geteilt. Das Dorf hat gemeinsame Werte. Es liegt
an einem großen See und jeden Sonntagmorgen versammelt sich das Dorf am See,
um gemeinsam schwimmen zu gehen. Dies hat im Dorf lange Tradition. Das Wap-
pen des Dorfes ist ein Schwan, auch dies hat in Schwanhausen lange Tradition. Das
Tier gilt als Glücksbringer.
Am anderen Ende des großen Sees liegt das Dorf Herrendorf. Beide Dörfer lie-
gen viele Kilometer auseinander, so dass es zu nahezu keiner Interaktion der Dörfer
kommt. In Herrendorf beginnen zwei Brüder eine neue Färbemethode zu entwi-
ckeln, die Stoffe schwarz färbt. Die frisch gefärbten Stoffe waschen sie am großen See
aus. Dieser Vorgang führt dazu, dass das Wasser des Sees immer trüber wird. Sogar
die Schwäne, die im See schwimmen, bekommen langsam einen Grauschleier. Den
Menschen in Herrendorf ist dies gleichgültig, Schwäne haben für sie wenig Bedeu-
tung, auch nutzen sie den See nicht zum Schwimmen. Sie empfinden den Sachver-
halt des verschmutzten Sees als Folge des Stofffärbens nicht als problematisch.
In Schwanhausen stellt man jedoch mit immer größer werdender Empörung fest,
dass die Schwäne langsam grau werden und auch die Bewohner des Dorfes nach je-
dem sonntäglichen Schwimmen gräulich aussehen. Sie werden also von den Folgen
des Stofffärbens indirekt betroffen. Zunächst wundern sich die Bewohner ob ihrer
eigenen sonntäglichen Graufärbung und der der Schwäne. Schließlich finden sie

4 John Dewey: PiP, S. 69.


5 John Dewey: PiP, S. 44f.
Spezifische Öffentlichkeiten 117

heraus, dass die graue Farbe des Sees auf das Stofffärben der Brüder in Herrendorf
zurückzuführen ist. Das Dorf Schwanhausen wurde also von den Folgen indirekt be-
troffen und strebt nun die Kontrolle dieser Folgen an. Die Bewohner konstituieren
sich also als Öffentlichkeit zur Handlung des Stofffärbens der Brüder. Das erklärte
Ziel der Öffentlichkeit ist es nun, wieder einen sauberen See zu haben. Sie wollen
also dem Stofffärben unter der Nutzung des Sees ein Ende setzen.
Offen ist, wie sie dies erreichen möchten. Das Dorf Schwanhausen ist nicht de-
mokratisch strukturiert. Es gibt einen Dorfältesten, der von allen respektiert wird
und die wichtigsten Entscheidungen im Dorf trifft. Er wurde jedoch nicht demo-
kratisch gewählt, sondern entstammt der Familie, die seit vielen Jahrzehnten tradi-
tionsbedingt den Dorfältesten stellt. Das Ziel kann nun auf viele denkbare Arten
umgesetzt werden: Der Dorfälteste könnte in das Gespräch mit den Brüdern aus
Herrendorf treten. In diesen Gesprächen könnten die Brüder anbieten, ab jetzt ihre
Stoffe nur noch im Fluss zu waschen, der nicht an Schwanhausen vorbeifließt. Der
See wäre wieder sauber, die Schwäne und Bewohner wieder weiß. Denkbar wäre
auch, dass der Dorfälteste sich entscheidet, zwei junge Dorfmitglieder nachts loszu-
schicken mit dem Ziel die Produktionsstätte der Brüder zu zerstören und die Brüder
durch Gewaltandrohungen einzuschüchtern, so dass diese in Zukunft keine Stoffe
mehr färben. Schwanhausen könnte auch entscheiden, weitere Dörfer am See zu fin-
den, die sich vom grauen Wasser betroffen fühlen, mit diesen Dörfern eine größere
Öffentlichkeit zu bilden und gemeinsam mit diesen Dörfern eine Vorgehensweise zu
beschließen. Zwar verfügt Schwanhausen über keine Handelsbeziehungen mit Her-
rendorf, andere Dörfer am See jedoch schon. In der größeren Öffentlichkeit könnte
also beschlossen werden, diese Handelsbeziehungen als Druckmittel einzusetzen.
Die größere Öffentlichkeit könnte es auch für notwendig halten, eine dauerhafte
Regelung für die Benutzung des Sees zu finden und somit eine politische Organisa-
tion zu bilden, die über das Gebiet regiert.
In allen vier Fällen – dem Gespräch zwischen dem Dorfältesten und den zwei
Brüdern, der Zerstörung der Produktionsstätte, dem Zusammenschluss mit anderen
Dörfern und der Androhung des Abbruches von Handelsbeziehungen sowie durch
die Konstitution einer gemeinsamen politischen Organisation über das Gebiet –
wäre das Ziel der Öffentlichkeit erreicht, sofern das Ergebnis dieser Handlungsop-
tionen ein wieder sauberer See wäre. In diesem sehr vereinfachten ersten Beispiel
sollen folgende zentrale Elemente klar werden: In der Entstehung der Öffentlichkeit
gibt es keinen zwingenden Rückbezug auf demokratische Werte. Die Entstehung
und Struktur der Öffentlichkeit ist nicht zwingend demokratisch. Die Öffentlich-
keit kann demokratische Strukturen haben oder diese entwickeln, es ist jedoch nicht
notwendig, um eine Öffentlichkeit nach Dewey zu bilden. Die gebildete Öffent-
lichkeit ist nicht gekoppelt an einen Nationalstaat. Sie verhält sich im Beispiel auch
nicht als Gegen- oder Suböffentlichkeit zu einem Nationalstaat. Im Beispiel selbst
118 Spezifische und allgemeine Öffentlichkeiten

wird gar nicht von einem Nationalstaat ausgegangen, in dem sich die Dörfer be-
finden. Damit wird Dewey gefolgt, dessen Ausgangspunkt die amerikanische Pi-
oniergesellschaft ist, aus der sich erst im Laufe der Zeit ein Nationalstaat bildete.
Die Regulation des Problems findet nicht über einen Dritten (also einen Staat, der
eingreift und beispielsweise ein Gesetz zum Gewässerschutz erlässt) statt. Dies ist erst
dann eine Option, wenn es einen Nationalstaat gibt, auf den zurückgegriffen wer-
den kann. Die Entscheidung, ob der Sachverhalt ein öffentlicher ist, wird in beiden
Dörfern intersubjektiv bestimmt. Was für Schwanhausen aufgrund geteilter Werte
und Traditionen ein Problem darstellt, zu dem es eine Öffentlichkeit bildet, bleibt in
Herrendorf ein privater Sachverhalt. Zuletzt weist das Beispiel auf die Parteilichkeit
des Dorfes hin. In einem möglichen Aushandlungsprozess dieses Beispiels ginge es
keineswegs um objektive Tatsachen oder darum, möglichst objektiv und legitim zu
einem Schluss zu kommen. Das Dorf vertritt als Kollektivakteur sein Interesse, be-
stimmte Folgen systematisch zu regulieren.
Die Regulierung kann nicht von den in die Handlung involvierten Primärgrup-
pen erbracht werden. Dewey geht von zwei Voraussetzungen aus: Zum einen han-
deln Personen in ihrem eigenen Interesse, zum anderen können sie nur beschränkt
Folgen abschätzen. Es braucht also jene, die sich als Betroffene in einer Öffentlich-
keit organisieren. Doch auch die Betroffenen können die Folgen nur beschränkt
einschätzen, ebenso wie sie nur beschränkt einschätzen können, welche Folgen die
Regulierung des Sachverhalts haben kann. Dewey zeigt dies anschaulich am Beispiel
eines amerikanischen Wählers, der Alkohol als schädlich ablehnt:

»the voter may by personal predilection or inherited belief incline towards magnifying
the scope of local governments and inveigh against the evils of centralization. But he is
vehemently sure of social evils attending the liquor traffic. He finds that the prohibito-
ry law of his locality, township, county or state, is largely nullified by the importation
of liquor from outside, made easy by modern means of transportation. So he becomes
an advocate of a national amendment giving the central government power to regulate
the manufacture and sale of intoxicating drinks. This brings in its train a necessary ex-
tension of federal officials and powers. Thus today, the south, the traditional home of
the states’ rights doctrine, is the chief supporter of national prohibition and Volstead
Act. It would not be possible to say how many voters have thought of the relation
between their professed general principle and their special position on the liquor que-
stion: probably not many.«6

6 John Dewey: PiP, S. 132.


Spezifische Öffentlichkeiten 119

Die Regulierung des Imports von Alkohol hat die Ausweitung von föderalistischen
Strukturen zur Folge, was der Wähler eigentlich ablehnt, jedoch ohne die Kenntnis
des Zusammenhangs dieser zwei Dinge die Ausweitung der föderalistischen Struk-
turen unterstützt. An anderer Stelle beschreibt Dewey so die Entstehung der ameri-
kanischen Demokratie. Während das Beispiel des Stofffärbens in Schwanhausen sehr
überschaubar ist, sind die Folgen von Handlungen in einem bestehenden, modernen
Staat sehr viel komplexer, umfassender und interdependenter:

»Indirect, extensive, enduring and serious consequences of conjoint and interacting


behavior call a public into existence having a common interest in controlling these
consequences. But the machine age has so enormously expanded, multiplied, intensi-
fied and complicated the scope of the indirect consequences, has formed such immen-
se and consolidated unions in action, on an impersonal rather than a community basis,
that the resultant public cannot identify and distinguish itself. And this discovery is
obviously an antecedent condition of any effective organization on its part. Such is
our thesis regarding the eclipse which the public idea and interest have undergone.
There are too many publics and too much of public concern for our existing resources
to cope with. The problem of a democratically organized public is primarily and es-
sentially an intellectual problem, in a degree to which the political affairs of prior ages
offer no parallel.«7

Diese Textstelle ist interessant in zweierlei Hinsicht: Zum einen unterscheidet De-
wey selbst zwischen Öffentlichkeiten und demokratisch organisierter Öffentlichkeit,
was die These stützt, dass eine Öffentlichkeit nicht per se demokratischer Natur ist,
wovon in vielen Dewey-Interpretationen ausgegangen wird. Zum anderen zeigt das
Zitat, dass viele spezifische, themenbezogene Öffentlichkeiten die Konstitution einer
größeren Öffentlichkeit mit (allgemeinem) Charakter verhindern können. Die Öf-
fentlichkeiten engagieren sich dann als fallbezogene Kollektivakteure, ohne jedoch
zu erkennen, dass die jeweiligen Fälle interdependent sind und ihnen gemeinsame
Ursachen und Entstehungskontexte zugrunde liegen. Die Öffentlichkeiten versu-
chen, Einzelfolgen zu regulieren, ohne den eigentlichen Verursacher auszumachen
und den Entstehungskontext der Folgen zu kennen. Bevor nun auf die demokratisch
strukturierte Öffentlichkeit als Konzept eingegangen wird, wird zunächst der zweite
Typ einer Öffentlichkeit vorgestellt: die allgemeine Öffentlichkeit.

7 John Dewey: PiP, S. 126.


120 Spezifische und allgemeine Öffentlichkeiten

7.2. Allgemeine Öffentlichkeit


Folgen von Handlungen können unterschiedlich viele Personen betreffen. Im Bei-
spiel Schwanhausen-Herrendorf war dies eine verhältnismäßig kleine Gruppe von
Dorfbewohnern, die von den Folgen einer konkreten, nachvollziehbaren Handlung
betroffen waren. Sie bildeten die spezifische Öffentlichkeit. Der moderne National-
staat ruft einen weiteren Typ der Öffentlichkeit hervor. Der Nationalstaat verfügt
über rechtliche Strukturen und Institutionen, die die gesamte Bevölkerung betref-
fen. Zunächst soll dabei, Dewey in seiner Beschreibung des amerikanischen Staates
folgend, von einem demokratisch verfassten Staat ausgegangen werden. Dewey be-
schreibt die Entstehung dieser Strukturen und Institutionen als zu großen Teilen
nicht intendierte Folgen von Regulationshandlungen spezifischer Öffentlichkeiten.

»Those indirectly and seriously affected for good and for evil form a group distinctive
enough to require recognition and a name. The name selected is The Public. This
public is organized and made effective by means of representatives who as guardians
of custom, as legislators, as executives, judges, etc., care for its special interest by me-
thods intended to regulate the conjoint actions of individuals and groups. Then and
in so far, association adds to itself political organization, and something which may be
government comes into being: the public is a political state.«8

So allgemein wie diese Strukturen und Institutionen sind, so allgemein ist die Öf-
fentlichkeit, die sich zu ihnen konstituiert. Es zeigt sich an dieser Stelle erneut eine
der grundlegenden Annahmen Deweys: Nicht nur schaffen Öffentlichkeiten durch
die Regulierung bestimmter Sachverhalte (un-)intendiert einen Staat, sondern auch
der Staat bringt aufgrund seines Daseins automatisch eine potentielle Öffentlichkeit
hervor. Gleichzeitig ist die allgemeine Öffentlichkeit in einem modernen Staat selbst
rechtlich institutionalisiert und verfügt über eigene Öffentlichkeitsmedien, wie etwa
Printmedien, das Fernsehen und Radio, denen die für die allgemeine Öffentlichkeit
konstitutive Rolle der Informationsverbreitung zukommt.
Die Aufgaben der allgemeinen Öffentlichkeit umfassen neben der Regulation
von aktualen Folgen, die die allgemeine Öffentlichkeit betreffen, vor allem die Regu-
lation potentieller Folgen, die durch Handlungen innerhalb der staatlich-rechtlichen
Strukturen hervorgebracht werden können. Die allgemeine Öffentlichkeit kann ei-
nen institutionalisierten Umgang mit Ungewissheit installieren. So kann dem »un-
bestimmten und unabgeschlossenen Grundcharakter der Welt«9 begegnet werden,

8 John Dewey: PiP, S. 35.


9 James T. Kloppenberg: »Demokratie und Entzauberung der Welt: Von Weber und Dewey zu Ha-
bermas und Rorty.« In: Hans Joas (Hrsg.): Philosophie der Demokratie, Beiträge zum Werk von John
Allgemeine Öffentlichkeit 121

den Dewey, wie Kloppenberg herausstellt, der Welt zuschreibt: »jede Erkenntnis
[ist] ungewiss, alle Autoritätsansprüche [sind] suspekt und jeglicher Wahrheitsan-
spruch [muss] sich der gründlichen Hinterfragung durch demokratische verfasste
Forschungsgemeinschaften unterziehen […] Dewey selbst, weder Nihilist noch Ver-
fechter sozialer Kontrolle, bestand auf den wertegebundenen und interpretativen
Grundcharakter allen Strebens nach Erkenntnis.«10
Auch die staatlich-rechtlichen Strukturen selbst unterliegen der Kontrolle der
allgemeinen Öffentlichkeit. Die allgemeine Öffentlichkeit verfügt damit über das
Potential, die staatlich-rechtlichen Strukturen in einem immerwährenden experi-
mentellen Prozess zu entwickeln und die staatliche Regierung als ihr Organ zu nut-
zen. Alle politischen Formen sind dem stetigen Wandel unterworfen.
Doch Deweys Zeitdiagnose ist pessimistisch: »The unfitness of whatever public
exists, with respect to the government which is nominally its organ, is made manifest
in the extra-legal agencies which have grown up. Intermediary goups are closest to
the political conduct of affairs.«11
Neben diesen nationalstaatlichen Öffentlichkeiten gibt es Öffentlichkeiten, die
sich aufgrund von trans- und internationalen Folgen bilden. Dewey erläutert dies
am Beispiel des Ersten Weltkrieges:

»The spread of the war seemed like the movement of an uncontrolled natural catastro-
phe. The consolidation of people in enclosed, nominally independent, national states
has its counterpart in the fact that their acts affect groups and individuals in other
states all over the world. The connections and ties which transferred energies set in
motion in one spot to all parts of the earth were not tangible and visible; they do not
stand out as do politically bounded states. But the war is there to show that they are
real, and to prove that they are not organized and regulated. It suggests that existing
political and legal forms and arrangements are incompetent to deal with the situation.
For the latter is the joint product of the existing constitution of the political state and
the working of non-political forces not adjusted to political forms. We cannot expect
the causes of the disease to combine effectually to cure the disease they create. The
need is that the non-political forces organize themselves to transform existing political
structures: that the divided and troubled publics generate.«12

Dewey, Frankurt: Suhrkamp 2000, S. 54.


10 James T. Kloppenberg: »Demokratie und Entzauberung der Welt: Von Weber und Dewey zu Ha-
bermas und Rorty.« In: Hans Joas (Hrsg.): Philosophie der Demokratie, Beiträge zum Werk von John
Dewey, Frankurt: Suhrkamp 2000, S. 54.
11 John Dewey: PiP, S. 119.
12 John Dewey: PiP, S. 128.
122 Spezifische und allgemeine Öffentlichkeiten

Die Tatsache, dass es Folgen quantitativen und qualitativen Ausmaßes gibt, dass
mehrere Staaten oder gar die globale Weltbevölkerung von ihnen betroffen sein kann,
schafft transnationale Öffentlichkeiten und eine globale Öffentlichkeit, die sich zu
diesen aktualen und potentiellen Folgen konstituieren. Diese Öffentlichkeiten sind
allgemeiner Natur, denn alle Handlungen, deren Folgen potentiell diese Menge an
Menschen betreffen können, sollten von diesen Öffentlichkeiten kontrolliert wer-
den. Gleichzeitig ist die Konstitution dieser Öffentlichkeiten äußerst schwierig, weil
gerade weitreichende und umfassende Folgen oft nicht auf einen Verursacher zu-
rückgeführt werden, da sie zum einen unterschiedliche Ausformungen annehmen
können und zum anderen zeitlich versetzt auftreten können. Wie komplex Folgen
eines Sachverhalts sich in einer globalisierten Welt darstellen können, beschreibt De-
wey anhand der Auswirkungen des Ersten Weltkriegs auf amerikanische Bauern:

»The plight of the farmer since the war has created a domestic political issue. A great
demand was generated for food and other agricultural products; prices rose. In addi-
tion to this economic stimulus, farmers were objects of constant political exhortation
to increase their crops. Inflation and temporary prosperity followed. The end of active
warfare came. Impoverished countries could not buy and pay for foodstuffs up to even
pre-war level. The taxes were enormously increased. Currencies were depreciated; the
world’s gold supply centered here. The stimulus of war and of national extravagance
piled up the inventories of factories and merchants. Wages and the prices of agricultu-
ral implements increased. When deflation came it found a restricted market, increased
costs of production, and farmers burdened with mortgages lightly assumed during the
period of frenzied expansion.«13

»The farming population could hardly have acted with knowledge of the consequences
of the fundamental relations in which they were implicated. They could make a mo-
mentary and improvised response to them, but they could not manage their affairs in
controlled adaption to the course of events.«14

Zwar erscheint Dewey dieses Beispiel im Vergleich zu den Folgen des Ersten Welt-
kriegs in Europa unbedeutend, »but it shows the ramifying consequences of our
intricate and interdependent economic relations, and it shows how little prevision
and regulation exist.«15

13 John Dewey: PiP, S. 129.


14 John Dewey: PiP, S. 130.
15 John Dewey: PiP, S. 119.
Allgemeine Öffentlichkeit 123

»It is rather that the public itself, being unable to forecast and estimate all con-
sequences, establishes certain dikes and channels so that actions are confined within
prescribed limits, and insofar have moderately predictable consequences.«16
Während es unzählige aktuale spezifische Öffentlichkeiten gibt, die sich um die
Regulierung von Folgen bemühen, hat noch keine Konstitution von allgemeinen
Öffentlichkeiten stattgefunden. Die Tatsache, dass es unzählige spezifische Öffent-
lichkeiten gibt, die eine Regulierung von Folgen anstreben ohne zu erkennen, dass
diesen Folgen eine verursachende staatlich-rechtliche Struktur zugrunde liegt, er-
schwert die Konstitution einer allgemeinen Öffentlichkeit. Das Erkennen von trans-
nationalen und globalen Folgen ist die größte Herausforderung einer allgemeinen
Öffentlichkeit, die transnational und global agieren soll.
Neben der Unterscheidung von allgemeinen und spezifischen Öffentlichkeiten
lohnt es sich, die Qualität von Öffentlichkeiten näher zu betrachten und zu erläu-
tern, wie diese sich auf die Teilnehmer einer Öffentlichkeit auswirkt. Im Folgenden
werden Öffentlichkeiten in instrumentelle Öffentlichkeiten und sinnstiftende Kol-
lektividentitäten unterschieden.

7.3. Qualitäten einer Öffentlichkeit


Durch die Einführung zweier unterschiedlicher Qualitäten von Öffentlichkeit rückt
die Perspektive der Öffentlichkeitsteilnehmer in den Fokus. Personen konstituieren
eine Öffentlichkeit mit dem Ziel, bestimmte Folgen zu regulieren. Rein definitorisch
ist eine Öffentlichkeit zunächst einmal eine Interessengruppe. Beginnt man jedoch,
sich mit realen Öffentlichkeiten auseinanderzusetzen, stellt man schnell fest, dass für
die Teilnehmer einer Öffentlichkeit diese oft weit mehr ist als eine bloße Interessen-
gemeinschaft. Vielmehr wird die Öffentlichkeit oft zum zentralen Bezugspunkt der
eigenen Identität. Innerhalb der Öffentlichkeit kommt es zur Bildung neuer Werte
und Normen; Teilnehmer beginnen sich zu politisieren. Es sollen daher zwei Quali-
täten von Öffentlichkeit unterschieden werden, anhand derer die Dimensionen von
Öffentlichkeiten für das Leben der Teilnehmer klar werden.

7.3.1. Instrumentelle Öffentlichkeit


Die Teilnehmer einer Öffentlichkeit haben immer eine Gemeinsamkeit: ihre Betrof-
fenheit von einer Folge, zu der sie sich als Öffentlichkeit konstituieren. Zunächst
also finden sich die Teilnehmer zweckhaft zur Verfolgung eines bestimmten Ziels zu-
sammen. Die Organisation als instrumentelle Öffentlichkeit ist daher in der Theorie

16 John Dewey: PiP, S. 44f.


124 Spezifische und allgemeine Öffentlichkeiten

zunächst voraussetzungsarm. Im Beispiel des Dorfes Schwanhausen reicht das Ziel,


wieder einen sauberen See zu wollen. Hier beruht das Ziel auf dem hohen Wert,
der (weißen) Schwänen zugesprochen wird, und der Tradition des sonntäglichen
Schwimmens. Wollen sich andere betroffene Dörfer anschließen, so reicht es, dass
sie dasselbe Ziel verfolgen. Dieses Ziel ist hinreichende Schnittmenge der Werte und
Normen, die in den jeweiligen Dörfern vertreten werden. Die Diskussion der zu
diesem Ziel verwendeten Mittel ist voraussetzungsreicher.
Die Teilnehmer agieren in der Rolle als Betroffene. Damit lässt sich die Qualität
der instrumentellen Öffentlichkeit als Sekundärgruppe nach Cooley begreifen: Die
Öffentlichkeit ist nicht zentral für die Identität ihrer Teilnehmer, sie agieren in der
Öffentlichkeit innerhalb ihrer Rolle oder Funktion. Die Gruppe agiert zweckorien-
tiert und sachlich, sie ist nicht emotional geprägt, im Gegensatz zu Primärgruppen.
Beispielhafte Sekundärgruppen wie Kindergärten, Schulen, Betriebe, politische Ver-
einigungen und (Sport-)Vereine basieren auf formalen Vereinbarungen. Im Fall der
Öffentlichkeit wird dieses Kriterium nicht immer dauerhaft erfüllt. Erst im Prozess
der Konstitution einer Öffentlichkeit werden die formalen Vereinbarungen ausge-
handelt. Instrumentelle Öffentlichkeiten können zudem über sehr viel mehr Teil-
nehmer verfügen als es Gruppenmitglieder einer Primärgruppe geben kann. Dies
kann zu einer gewissen Unübersichtlichkeit für die einzelnen Teilnehmer führen.
Für instrumentelle Öffentlichkeiten und Öffentlichkeiten als sinnstiftende Kollek-
tividentität gilt dasselbe Verhältnis wie für Sekundär- und Primärgruppen: Instru-
mentelle Öffentlichkeiten können sich im Lauf der Zeit zu sinnstiftenden Kollekti-
videntitäten wandeln und umgekehrt. Zudem sind Öffentlichkeiten vorstellbar, die
durchaus über Merkmale beider Gruppen verfügen.
Personen, die sich selbst als betroffen von einem Sachverhalt ansehen, verbindet
zunächst nichts als diese Betroffenheit:

»Persons are joined together, not because they have voluntarily chosen to be united in
these forms, but because vast currents are running which bring men together. Green
and red lines, marking out political boundaries, are on the maps and affect legislation
and jurisdiction of courts, but railways, mails and telegraph-wires disregard them. The
consequences of the latter influence more profoundly those living within the legal
local units than do boundary lines.«17

Die Regulierung eines Sachverhalts als das verbindende Glied einer Öffentlichkeit
ist das Merkmal einer instrumentellen Öffentlichkeit. Kollektive Identität ist hier

17 John Dewey: PiP, S. 107.


Qualitäten einer Öffentlichkeit 125

(noch) nicht ausgebildet, sie muss spezifischer sein als die als die gelungene Integra-
tion einer sozialen Einheit:

»Kollektive Identität konstituiert soziale Einheiten eines bestimmten Typs, nämlich


soziale Gemeinschaften mit definierten Mitgliedschaften und einem geteilten kol-
lektiven Selbstbild, geteilten Überzeugungen und Aspirationen. Dabei sind ›geteilte‹
Überzeugungen nicht nur faktisch übereinstimmende, sondern solche, die auch im
Bewusstsein dieser Gemeinsamkeiten getragen werden. Und kollektive Aspirationen,
die sich beziehen auf die Zukunft der Gemeinschaft. Nicht alle sozialen Einheiten
sind Träger solcher Formen kollektiver Identität – bloße temporäre Koalitionen für die
Verfolgung übereinstimmender oder komplementärer individueller Ziele zum Beispiel
nicht.«18

7.3.2. Sinnstiftende Kollektividentitäten


In der Betrachtung realer Öffentlichkeiten, zeigte sich schnell, dass Öffentlichkeiten
für die jeweiligen Teilnehmer oft weit mehr sind als reine Interessengruppen. Sie sind
relevant für die Konstruktion der Identität der Teilnehmer und werden zu zentralen
Teilen des Lebens. In Teil II wurde empirisches Material realer Öffentlichkeiten ex-
emplarisch analysiert. Einige der Ergebnisse sollen zur Darstellung dieser Öffentlich-
keitsqualität jedoch noch einmal an dieser Stelle Erwähnung finden.
Während der Konstitution von Öffentlichkeit müssen bestimmte Herausforde-
rungen gemeistert werden. Notwendig ist dafür, dass die Öffentlichkeit eine gewisse
Stabilität erlangen kann. Es zeigte sich in den exemplarischen Auswertungen, dass
die Konstruktion einer Gruppenidentität für die Stabilität der Gruppe und die Mo-
tivation der Teilnehmer, in der Öffentlichkeit engagiert zu sein, zentral ist.
Es entstehen Beziehungen zwischen Teilnehmern, in der Organisation der Öf-
fentlichkeit findet ein enger, persönlicher Austausch statt. Es werden gemeinsam In-
teressen und Ziele entwickelt und die Öffentlichkeit verfügt über eine eigene soziale
Struktur. Je mehr sich Teilnehmer in der Öffentlichkeit engagieren, umso mehr wird
die Öffentlichkeit zur direkten Bezugsgruppe und damit prägend für die Konstruk-
tion der Identität. Anhand dieser Beschreibung zeigt sich die Verwandtschaft zum
Konzept der Primärgruppe nach Cooley, anhand der Dewey das Gemeinschaftsleben
beschreibt. Während Assoziationen physisch und organisch sind, hat das Gemein-
schaftsleben eine moralische Qualität, es wird »emotionally, intellectually, conscious-
ly sustained.«19 Gemeinschaft existiert, wo immer es eine vereinigte Tätigkeit gibt,

18 Bernhard Peters: Die Integration moderner Gesellschaften, Frankfurt: Suhrkamp, 1993, S. 117.
19 John Dewey: PiP, S. 151.
126 Spezifische und allgemeine Öffentlichkeiten

deren Folgen für alle an ihr Beteiligten als gut empfunden werden, wo die Ver-
wirklichung dieses Guten von allen in der Gemeinschaft angestrebt wird, weil es als
gemeinsames Gut gilt.
Konstitutiv für die Entstehung einer kollektiven Identität sind dabei moralische
und expressive Kommunikation20. Innerhalb einer Gemeinschaft nach Dewey wer-
den Bedürfnisse an gemeinsame Bedeutungen geknüpft und zu Wünschen geformt.
Die geteilte Bedeutung erzeugt einen allgemeinen Willen oder ein soziales Bewusst-
sein und macht so aus einer vereinten Tätigkeit eine Gemeinschaft:

»Über direkte und persönliche Kommunikation innerhalb der Öffentlichkeit wer-


den neue Deutungs- und Handlungsmuster geschaffen. Voraussetzung dafür ist eine
grundlegende Irritation, ein Durchbrechen von Routinen und Gewohnheiten. Nur
so kann die notwendige reflexive Distanz entstehen, um neue Situations- und Hand-
lungsdeutungen zu schaffen«21.

Diese Deutungs- und Handlungsmuster prägen nicht nur die materielle Struktur der
Öffentlichkeit, sondern verändern auch die Teilnehmer selbst. Die Konstitution ei-
ner Öffentlichkeit, die eine sinnstiftende Kollektividentität ihrer Teilnehmer bietet,
steht in ständiger Wechselwirkung mit der internen Transformation der Teilnehmer.
Die Idee, dass sich Veränderung nicht nur auf äußere Strukturen, sondern auch auf
das Innenleben der Teilnehmer erstreckt, steht in pragmatischer Tradition. So zeigt
die essentielle Sozialität des individuellen Selbstverständnisses, wie von Mead darge-
stellt, die radikale Möglichkeit der inneren Transformation.
Pettenkofer stützt mit Meads Argumenten über die Sozialität des Selbst das so-
ziologische Konzept der Karriere, um die radikale Wandelbarkeit von Handlungs-
orientierungen und versucht die daraus folgende »Entstehung stabil abweichenden
Verhaltens«22 zu erklären. Der Begriff der Karriere ist dabei wie folgt definiert: »Sub-
jectively, a career is the moving perspective in which the person sees his life as a
whole and interprets the meaning of his various attributes, actions, and the things
happen to him.«23 Mithilfe dieses Konzeptes soll erklärt werden,

20 Bernhard Peters: Die Integration moderner Gesellschaften, Frankfurt: Suhrkamp, 1993, S. 105.
21 Andreas Pettenkofer: Radikaler Protest: Zur soziologischen Theorie politischer Bewegungen, Frankfurt:
Campus, 2010, S. 137.
22 Andreas Pettenkofer: Radikaler Protest: Zur soziologischen Theorie politischer Bewegungen, Frankfurt:
Campus, 2010, S. 136.
23 Everett C. Hughes: Institutional Office and the Person, in: American Journal of Sociology, 42, 1937,
409f. Zitiert nach Andreas Pettenkofer: Radikaler Protest: Zur soziologischen Theorie politischer Bewe-
gungen, Frankfurt: Campus, 2010, S. 146.
Qualitäten einer Öffentlichkeit 127

»wie Handlungsmuster, deren Entstehung und Stabilisierung man zunächst für un-
wahrscheinlich halten kann, soziale Wirksamkeit erlangen; diese Erklärungen ver-
weisen jeweils darauf, dass sich diese Muster, vermittelt über Prozesse des Wandels
personaler Identitäten, in Individuen verankern. […] Die Berücksichtigung solcher
Karrieren des Identitätswandels können aber helfen zu erklären, warum in manchen
Fällen Gruppen existieren, die bestimmte ›Interessen‹ sehen und aufwändig verfolgen;
aber auch warum in Protestbewegungen Handlungsmuster wirksam werden, die nicht
dem Modell zweckrationaler Interessenverfolgung entsprechen und die eine Abkopp-
lung des Protests von der Gelegenheitsstruktur befördern können.«24

Wie radikal diese innere Transformation der Teilnehmer sein kann, zeigt ein Beispiel
riskanten Engagements, das Pettenkofer im Rahmen der sozialen Konstitution von
Protestteilnehmern näher erläutert: Bette und Schimank untersuchen das Phänomen
der RAF unter der Annahme, dass durch die Erzeugung von Handlungsgründen, die
eine Fortsetzung garantieren, Prozesse stabilisiert werden und damit die Kontinuität
von Engagement25.

7.4. Demokratisch strukturierte Öffentlichkeit


Werden in einem nächsten Schritt die Typen und Qualitäten mit Deweys Demokra-
tiekonzepten verbunden, lassen sich demokratische strukturierte Öffentlichkeiten
skizzieren. Interessant ist dabei insbesondere der Typ einer demokratisch struk-
turierten allgemeinen Öffentlichkeit, der für seine Teilnehmer eine sinnstiftende
Kollektividentität darstellt. Er erlaubt es, den Bogen zu Deweys Idee einer Großen
Gemeinschaft zu schlagen, die über die Struktur einer komplexen modernen Ge-
sellschaft verfügt und gleichzeitig die Nähe und identitätsstiftende Kraft einer Ge-
meinschaft bietet: Schafft es eine Große Gesellschaft unter den Bedingungen einer
komplexen modernen Gesellschaft, die Synthese aus Demokratie und Differenz zu
erschaffen, entsteht eine Große Gemeinschaft (Great Community) – die Verwirkli-
chung der Idee sozialer Demokratie.
Wird also der Typ einer allgemeinen Öffentlichkeit, der über die Qualität einer
sinnstiftenden Kollektividentität verfügt, mit Deweys Demokratietheorie verbun-
den, so erhält die demokratisch strukturierte allgemeine Öffentlichkeit eine tiefe

24 Andreas Pettenkofer: Radikaler Protest: Zur soziologischen Theorie politischer Bewegungen, Frankfurt:
Campus, 2010, S. 146.
25 Karl-Heinrich Bette, Uwe Schimank: »Eigendynamiken der Abweichung: Doping und Terrorismus
in Vergleich«. In: Jürgen Gerhards, Ronald Hitzler (Hrsg.): Eigendynamik und Rationalität sozialer
Prozesse, Opladen: Westdeutscher Verlag, 1999, S. 316-335.
128 Spezifische und allgemeine Öffentlichkeiten

normative Dimension: Sie ist die Verwirklichung der Idee des Gemeinschaftslebens
selbst, das dem Ideal des Wachstums und der (Selbst-)Entfaltung folgt.
Die Große Gemeinschaft wurde von Dewey selbst als unerreichbares Ideal an-
gesehen. Inwiefern durch eine Metastruktur der Öffentlichkeiten trotzdem Schritte
zu diesem Ideal gemacht werden können, soll im Kapitel zu den Elementen einer
Metastruktur diskutiert werden.
In The Public and Its Problems äußert sich Dewey nur vage darüber, wie eine de-
mokratisch strukturierte Öffentlichkeit aussehen könnte:

»The prime condition of a democratically organized public is a kind of knowledge and


insight which does not yet exist. In its absence, it would be the height of absurdity to
try to tell what it would be like if it existed. But some of the conditions which must
be fulfilled if it is to exist can be indicated. […] An obvious requirement is freedom of
social inquiry and distribution of its conclusions.«26

Neben Freiheit der sozialen Forschung muss es demnach freie Publikationsmöglich-


keiten geben: »There can be no public without full publicity in respect to all conse-
quences which concern it.«27

26 John Dewey: PiP, S. 166.


27 John Dewey: PiP, S. 167.
Öffentlichkeiten in 2015 129

8. Öffentlichkeiten in 2015

Zuvor wurde die Konstitution von Öffentlichkeit zum einen theoretisch nach De-
wey diskutiert und zum anderen wurden durch eigene exemplarische empirische
Analysen der Öffentlichkeiten CBG und Bewegung Startbahn West zentrale Mecha-
nismen im Konstitutionsprozess identifiziert und thesenartig vorgestellt. Diese The-
sen wurden zudem durch die Hinzunahme weiterer sozialwissenschaftlicher Studien
gestützt, erweitert und in den aktuellen soziologischen Diskurs eingebettet. Daran
anschließend wurden zwei Typen von Öffentlichkeiten unterschieden: spezifische
und allgemeine Öffentlichkeiten. Während Dewey selbst nicht explizit zwischen Ty-
pen von Öffentlichkeiten unterscheidet, ist es zum besseren Verständnis und zur
Ausarbeitung seiner Öffenlichkeitskonzeption durchaus sinnvoll, nicht nur Typen
zu unterscheiden, sondern auch Qualitäten, über die Öffentlichkeiten verfügen kön-
nen. Wie bereits dargelegt, kann eine spezifische Öffentlichkeit über die Qualität
einer instrumentellen Öffentlichkeit verfügen ebenso wie sie zu einer sinnstiftenden
Kollektividentität ihrer Teilnehmer werden kann. Auch eine allgemeine Öffentlich-
keit kann, je nach Fall, entweder eine nur instrumentelle oder darüber hinaus auch
eine sinnstiftende Qualität innehaben. Wie bereits an den empirischen Beispielen
der untersuchten Öffentlichkeiten gezeigt wurde, sind auch Mischformen möglich
und bilden wohl durchaus die häufigste Form, und zwar aufgrund der unterschied-
lichen Einstellungen zur Öffentlichkeit, die die Teilnehmer – von sympathisierenden
Gelegenheitsteilnehmern bis hin zum »harten Kern« einer Öffentlichkeit – einneh-
men.
Zentral für die Qualität einer Öffentlichkeit scheinen zum einen der gemeinsame
Interpretationsrahmen und zum anderen der Aufbau einer gemeinsamen Öffent-
lichkeitsidentität zu sein. Die untersuchten Öffentlichkeiten wurden als historische
Beispiele ausgesucht. Anhand der Öffentlichkeit Bewegung Startbahn West konnten
die Herausforderungen innerhalb des gesamten Lebenszyklus einer Öffentlichkeit
näher beleuchtet werden. Dabei wurde die These gebildet, dass der tatsächliche Bau
und die spätere Inbetriebnahme der Startbahn West, deren Verhinderung das er-
klärte Ziel der Öffentlichkeit gewesen war, zentraler Faktor für die Abnahme der
Öffentlichkeitsteilnehmer war, obwohl diese weiterhin Betroffene blieben. Eine
zweite These wurde entwickelt, dass das Schießen eines Öffentlichkeitsteilnehmers
auf Polizisten, das zwei Todesfälle zur Folge hatte, für die Auflösung der Öffentlich-
keit entscheidend war. Bereits vorher gab es ein immer weiter auseinander driftendes
Verhältnis zu dem gewalttätigen Protest innerhalb der Öffentlichkeit, der immer
schwieriger in einem geteilten Interpretationsrahmen unterzubringen war. Die Tö-
tung zweier Menschen sprengte durch die miteinander nicht mehr kompatiblen Re-
aktionen schließlich den Interpretationsrahmen dieser Öffentlichkeit.
130 Öffentlichkeiten in 2015

Die CGB wurde als Beispiel für eine dauerhaft existierende Öffentlichkeit ana-
lysiert, die durch die Vereinsbildung zu einer rechtlich institutionalisierten Öffent-
lichkeit wurde. Auch hier erscheinen der gemeinsame Interpretationsrahmen sowie
die Ausbildung einer Öffentlichkeitsidentität als zentral für das lange Bestehen dieser
Öffentlichkeit. Analysiert wurden in beiden Fällen Flugblätter und Periodika, die
als Mittel zum Aufbau und zur Festigung dieser zentralen Faktoren genutzt wurde.
Nicht untersucht werden konnten die Funktion und die Wirkungsmacht von Be-
ziehungen, Gesprächen und Aktionen auf Face-to-Face-Ebene. Gleichwohl ist die
Face-to-Face-Ebene für eine Primärgruppe, die eine sinnstiftende Kollektividentität
darstellt, essentiell. Verfügt eine Öffentlichkeit über eine feste Öffentlichkeitsidenti-
tät, so bildet dies einen stabilisierenden Faktor in der Konstitution sowie im Fortbe-
stehen der Öffentlichkeit. Inwiefern heutzutage das Internet und Onlineplattformen
zur Konstitution von Öffentlichkeiten und zur Herausbildung einer Öffentlichkeit-
sidentität genutzt werden können, soll in diesem Kapitel untersucht werden.
Die Entwicklung des Internets seit den 1990er-Jahren hat, besonders im ersten
Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts, zu rasanten und dramatischen gesellschaftlichen
Veränderungen geführt. Kommunikations- und Interaktionsformen wurden durch
mediale Interfacesituationen erweitert. Kommunikationsteilnehmer müssen nicht
räumlich anwesend sein, die zeitlichen und räumlichen Beschränkungen von Kom-
munikation nehmen ab: Es kommt zu ortsungebundener Kommunikation28, die die
enge Beziehung zwischen räumlicher und sozialer Nähe aufhebt.29 Das Internet än-
dert mithilfe von E-Mails, Foren, Sozialen Plattformen und Neuen Sozialen Medi-
en die Formen von assoziierten Verhalten. Während Dewey in seiner Beschreibung
einer Gemeinschaft hauptsächlich von Face-to-Face-Beziehungen ausging, schafft es
nun das Internet, Beziehungen zu ermöglichen und herzustellen, die in einer Welt
ohne Internet nicht möglich wären. Personen, die sich von etwas betroffen fühlen,
können im Internet weitere Betroffene finden. Mithilfe des Internets können die
Informationen über Folgen schneller verbreitet werden und eine größere Anzahl von
Menschen erreichen als es die klassischen Medien vermochten.
Gleichzeitig erzeugt das Internet selbst eine riesige potentielle und aktuale Öf-
fentlichkeit durch seine alle Menschen umfassenden Auswirkungen. Diese teilweise
zueinander widersprüchlichen Öffentlichkeiten zeigen sich immer wieder in den

28 Zur Idee, dass das Internet selbst einen immateriellen Ort darstellt, siehe Hubertus Niedermaier,
Markus Schroer: »Sozialität im Cyberspace«. In: Alexander Budke, Detlef Kanwischer, Andreas von
Pott (Hrsg.): Internetgeographien – Beobachtungen zum Verhältnis von Internet, Raum und Gesellschaft,
Stuttgart: Franz Steiner Verlag, 2004, S. 125-141.
29 Jennifer Kreß: »Zum Funktionswandel des Sozialraums durch das Internet«. In: sozialraum.de (2)
Ausgabe 2/2010. URL: http://www.sozialraum.de/zum-funktionswandel-des-sozialraums-durch-das-
internet.php, Datum des Zugriffs: 30.10.2015, Kapitel 4.1.
Öffentlichkeiten in 2015 131

Forderungen nach strengerer Regulierung des Internets auf der einen und Netzneu-
tralität auf der anderen Seite.
Diese Erweiterung von Kommunikation ist insbesondere im Hinblick auf Öf-
fentlichkeiten und ihre Konstitution von Interesse. Während in den untersuchten
Öffentlichkeiten der CGB und der Bewegung Startbahn West mediale Kommuni-
kationsformen wie Periodika und Flugblätter untersucht wurden, sollen in diesem
Kapitel Internetkommunikationsformen wie E-Mails, Online-Plattformen und Mi-
kroblogging-Services als Kommunikationsformen zur Konstitution von Öffentlich-
keiten näher vorgestellt werden. Dies soll auch unter der Fragestellung geschehen, ob
und inwiefern sich mit diesen Kommunikationsformen die oben dargestellten Typen
und Qualitäten von Öffentlichkeit konstituieren lassen, und über welches Potential
sie für die Konstitution von Öffentlichkeiten verfügen. Dafür werden exemplarisch
die zwei sozialen Netzwerke Change.org und Twitter betrachtet.
Über die Website Change.org30 können Petitionen gestartet werden. 2007 wurde
sie von Ben Attray und Marc Dimas als Social Business mit dem Ziel gegründet,
Menschen die Möglichkeit zu geben, ihr direktes Umfeld zu verändern. Zunächst
versuchten sie dies über soziales Fundraising, ein Freiwilligen-Netzwerk und die Or-
ganisation von Bloggergruppen. Nachdem sich keiner der drei parallel verfolgten
Wege als effektiv erwiesen hatte, wurde der Fokus der Website auf kollektive Akti-
onen und Bürgerbeteiligungen in Form von Petitionen gelegt. Das Ziel der Website
ist nunmehr die gegenseitige Unterstützung und die Herbeiführung eines gesell-
schaftlichen Wandels durch Petitionen.
2015 existiert die Plattform in über 20 Sprachen und findet Nutzung in über 196
Ländern. Change.org verfügt über 100 Millionen weltweit registrierte Nutzerinnen
und Nutzer mit einem Wachstum von ca. 3 Millionen Nutzern monatlich (Stand
2015). In Deutschland gibt es ca. 3,5 Millionen Nutzer. Sie ist damit die weltweit
größte Petitionsplattform.
Insgesamt wurden über die Plattform bisher 1,2 Millionen Petitionen gestartet.
Pro Monat kommen über 30.000 neue Petitionen hinzu, in Deutschland 400. Welt-
weit gesehen, ist pro Stunde eine Change.org-Petition erfolgreich, in Deutschland
ist es eine alle vier Tage. Hat der/die Petitionsstarter/in ihr Ziel erreicht, verbucht
Change.org die Petition als erfolgreich.31

30 Neben Change.org gibt es einige andere Online-Petitionsformen wie Openpetition (im deutschspra-
chigen Raum), Campact oder Avaaz (im englischsprachigen Raum). Avaaz sei jedoch insofern von
Change.org abgegrenzt, als Avaaz anders organisiert ist, da die meisten Petitionen dort von einem
Team vorgeschlagen werden und es auch Spendenaufrufe und organisierte Demonstrationen gibt.
31 Alle Zahlen sind der Website Change.org entnommen: https://www.change.org/impact; https://
www.change.org/about; Datum des Zugriffs: 3.11.2015.
132 Öffentlichkeiten in 2015

Hören sich diese Zahlen zwar zunächst beeindruckend an, entsprechen sie je-
doch nur, je nachdem welche der Zahlen man der Rechnung zu Grunde legt, einer
Erfolgsquote von 1,2 Prozent bzw. 2,4 Prozent. Trotzdem lohnt es sich, das Konzept
und Potential der Plattform näher zu betrachten.
Jeder der registrierten Nutzer kann bei Change.org eine Petition starten. Diese
Petition muss den Community-Richtlinien entsprechen: Sie darf keine hasserfüllten
Aussagen enthalten; keine Gewalt darstellen oder zu ihr aufrufen; der Nutzer darf
sich nicht als eine andere Person ausgeben; die Privatsphäre anderer Personen darf
nicht verletzt werden; es darf niemand eingeschüchtert werden; es darf keine extreme
Anschaulichkeit in der Petition enthalten sein; die Petition muss dem Kinderschutz
entsprechen (nur Kinderbildveröffentlichungen von Erziehungsberechtigten); die
Petition darf kein Spamming enthalten; sie muss sich an geltendes Recht halten.32
Die Community-Richtlinien erlauben eine relative Offenheit der Themen, sie rich-
ten sich dabei nach der jeweiligen staatlichen Gesetzeslage und berücksichtigten
auch die kulturellen Normen.
Die Petitionen haben eine große Bandbreite und reichen von der Forderung nach
der Freilassung von Journalisten (»Free Jason«, einem US-Journalist in einem Ge-
fängnis im Iran), über die Forderung nach dem Ende der Lebensmittelverschwen-
dung von Supermärkten (»WhattheFork«, gerichtet an Wholefoods und Walmart in
den USA) bis hin zur Forderung nach der Einstellung des Transports von Jagdtro-
phäen (eine deutsche Petition gerichtet an die Lufthansa). Die Petitionen sind, je
nach Anliegen, an unterschiedliche Institutionen adressiert. Sie können adressiert
sein an die »Verursacher« (z.B. die Krankenkasse, die nicht für eine Behandlung
aufkommen will; die Schule, die es nicht erlaubt, dass auch Mädchen in der Fuß-
ballmannschaft mitspielen dürfen) oder an Institutionen, die für die Regelung be-
stimmter Sachverhalte oder die Einhaltung bestimmter Gesetze verantwortlich sind.
Die Petitionen umfassen Einzelfälle (Übernahme der Behandlungskosten von Seiten
der Krankenkasse) und können bis hin zur Schaffung neuer Gesetze oder gar Insti-
tutionen reichen. Sie sind zudem nicht an Nationalstaaten gebunden: Jedes Change.
org-Mitglied kann jede Petition unterschreiben, in welchem Land auch immer sie
eröffnet wurde und an wen sie sich richtet. So kann die Öffentlichkeit selbst in-
ternational zusammengestellt sein und kann auch inter-, trans- und supranationale
Ziele verfolgen. Es können sich also auf diese Weise nicht-nationale Öffentlichkeiten
bilden.
Die Plattform Change.org entspricht bei einer ersten Betrachtung in vielem
jenem, was eine Metastruktur der Öffentlichkeiten sein könnte. Metastruktur der
Öffentlichkeiten meint eine Art Baugerüst, das Öffentlichkeiten zur ihrer Konstitu-

32 https://www.change.org/policies/community, Datum des Zugriffs: 3.11.2015.


Öffentlichkeiten in 2015 133

tion nutzen können. Gleichzeitig bietet eine Metastruktur den Rahmen, innerhalb
dessen die Konstitutionen stattfinden.
Sie erlaubt es Einzelnen, ihr Anliegen einer großen Menge an Menschen in einer
E-Mail vorzutragen. Schließen sich Menschen diesem Vorhaben an, so entsteht eine
zielgerichtete Öffentlichkeit zu diesem Sachverhalt. Über die Motivation von Per-
sonen, ihre Unterschrift für ein Anliegen zu geben, kann nur spekuliert werden: Es
kann Mitgefühl sein, eigene Betroffenheit, Betroffenheit im Bekanntenkreis, der An-
spruch, in einer Gesellschaft zu leben, in der bestimmte Dinge sanktioniert werden,
und vieles andere mehr. Gemeinsam haben die Motivationen, dass sie offenkundig
stark genug sind, das Anliegen eines Einzelnen durch die eigene Unterschrift zu un-
terstützen. Doch bevor eine genaue Analyse des Netzwerks stattfindet, soll zunächst
ein weiteres soziales Netzwerk kurz vorgestellt werden.
Twitter ist ein soziales Netzwerk, auf dem Nachrichten mit bis zu 140 Zeichen
versendet und gelesen werden können, die sogenannten Tweets. Registrierte Nutzer
können Tweets lesen und senden, unregistrierte Nutzer können Tweets jedoch nur
lesen. Jeder registrierte Nutzer hat eine sogenannte Timeline, in der chronologisch
die Tweets all jener Nutzer gezeigt werden, denen dieser Nutzer folgt. Tweets wer-
denoft mit sogenannten Hashtags versehen, die es ermöglichen, über die Suchfunk-
tion von Twitter Tweets zu bestimmten Themen und Personen zu finden.
Twitter wurde 2006 von Jack Dorsey, Evan Williams, Biz Stone und Noah Glass
entwickelt und verfügt im Jahr 2015 über 320 Millionen aktive Nutzer pro Monat
weltweit. Twitter gibt es in 33 Sprachen. Seit der Gründung wurden über 500 Milli-
arden Tweets versendet, pro Tag sind es 500 Millionen versendete Tweets weltweit.33
Genutzt wird Twitter von Privatpersonen, Personen des öffentlichen Lebens, Fir-
men, Medien und Institutionen. Tweets können ohne Adressat gesendet werden,
ebenso wie sie durch die Hinzunahme von »@Nutzername« an konkrete Personen
geschickt werden können und dann in der Timeline der adressierten Person erschei-
nen. Die Möglichkeit, jeden Nutzer auf Twitter persönlich kontaktieren zu können,
ermöglicht technisch gesehen eine vollkommen hierarchiefreie Kommunikation
zwischen den Nutzern.
Über Twitter ist eine Verbreitung von Informationen möglich, ohne dass klas-
sische Medien zwischengeschaltet sind. Gerade in Krisensituationen wird Twitter
daher zur Echtzeit-Verbreitung von Informationen genutzt und ist damit somit zu
einem Schlüsselmedium für Revolutionen und Protestbewegungen geworden. Die
Bezeichnung Twitterrevolution wird für verschiedene Revolutionen und Proteste
verwendet, am bekanntesten wohl für den Arabischen Frühling (die tunesische Re-

33 Alle Zahlen und Angaben sind entnommen von: https://about.twitter.com/company, Datum des
Zugriffs: 15.10.2015.
134 Öffentlichkeiten in 2015

volution 2010-11 sowie die ägyptische Revolution 2011).34 Doch auch das Forschungs-
interesse an Twitter im politischen Betrieb gewinnt an Bedeutung, ob von einzelnen
politischen Akteuren oder von Kollektiven in Zeiten von Wahlkämpfen genutzt. Am
Beispiel von Mitgliedern der Labour Party im House of Lords35 oder während der
Wahlen am Beispiel Spaniens 201136.
Es gibt, besonders im anglo-amerikanischen Raum, bereits eine breite wissen-
schaftliche Auseinandersetzung mit normativer (deliberativer) Demokratietheorie
und Online-Partizipationsformen37, die über Medien wie Change.org und Twitter
stattfinden. Dabei werden, insbesondere im Rahmen von partizipatorischen Demo-
kratiekonzeptionen, Öffentlichkeiten im digitalen Raum mit dem Ziel untersucht,
theoretische Konzepte zum Online-Engagement zu finden und diese mit einer De-
mokratietheorie zu verbinden. All jene Konzepte der letzten zwanzig Jahre argu-
mentieren, dass die jüngere Generation einen individuell motivierten, sachverhalts-
spezifischen Aktivismus der klassischen, medienorientierten Politik vorzieht.38 Dies
folgt oft auch der Annahme, dass junge Menschen vielfach meinen, ihre Teilnahme
an Politik, beispielsweise in Form von der Teilnahme an politischen Wahlen, mache
keinen Unterschied und führe zu keinen Veränderungen.
Der Diskurs über den Online-Aktivismus erforscht unter anderem auch die The-
se, ob Online-Aktivismus dem als Apathie, Entpolitisierung oder auch als Privati-
sierung beschriebenen Phänomenen entgegenwirken kann. Online-Plattformen wie
Change.org erfreuen sich wachsender Popularität, es gibt jedoch noch keine Studien
darüber, welche Haltung Nutzer solcher Plattformen gegenüber der »klassischen«

34 Einen umfassenden Überblick über die Literatur zur Rolle von Twitter in Revolutionen und Protesten
geben Richard Buettner, Katharina Buettner: »A Systematic Literature Review of Twitter Research
from a Socio-Political Revolution Perspective«. In: 49th Annual Hawaii International Conference on
System Sciences. Kauai, Hawaii: IEEE, 2016. doi:10.13140/RG.2.1.4239.9442.
35 Ana Adi, Kristofer Erickson, Darren G. Lilleker: »Elite Tweets: Analyzing the Twitter Communica-
tion Patterns of Labour Party Peers in the House of Lords«. In: Policy & Internet, 6, 1, 2014, S. 1-27.
36 Pablo Aragón, Karolin Eva Kappler, Andreas Kaltenbrunner, David Laniado, Yana Volkovich: »Com-
munication Dynamics in Twitter During Political Campaigns: The Case of the 2011 Spanish National
Election«. In: Policy & Internet, 5, 2, 2013, S.1 83-206.
37 Ein einführender Überblick, insbesondere über die unterschiedlichen Theoriemodelle, findet sich
in Vanessa Liston, Clodagh Harris, Mark O’Toole: »Bridging Normative Democratic Theory and
Internet Technologies: A Proposal for Scaling Citizen Policy Deliberations«. In: Policy & Internet, 5,
4, 2013, S. 462-484. Über das Verhältnis von Gesellschaft und Internettechnologien siehe auch: Jens
Hoff, Christian Elling Scheele: »Theoretical Approaches to Digital Services and Digital Democracy:
The Merits of the Contextual New Medium Theory Model«. In: Policy & Internet, 6, 3, 2014, S. 241-
267. Über die Einführung von Online-Petitionsformen in der amerikanischen Politik: David M.
Anderson, Michael Cornfield (Hrsg.): The Civic Web: Online Politics and Democratic Values. Boulder:
Rowman & Littlefield Publishers, 2002.
38 Deen Freelon: »Online Civic Activism: Where Does It Fit?« In: Policy & Internet, 6, 2, 2014, S. 192.
Öffentlichkeiten in 2015 135

Politik der parlamentarischen Demokratie einnehmen. Es bleibt also zunächst bei


der Diskussion, über welches politische Potential Online-Plattformen verfügen. Von
Dewey her kommend, stellt sich die Frage, ob das Internet die Kommunikations-
formen so stark verändert hat, dass es zu einer Veränderung des assoziierten Verhal-
tens gekommen ist und sich damit die Quantität, das Wesen und der Einflussbereich
indirekter Betroffenheit radikal verändert hat.
Dewey schätzte von seinem historischen Standpunkt aus das Potential neuer
Technologie generell als so stark ein, dass sie die Form von assoziiertem Verhalten
und damit von Öffentlichkeiten verändern könne. In der anglo-amerikanischen For-
schung zu Sozialen Bewegungen wird das Internet neben anderen Mechanismen als
»digital tool« verstanden. Freelon bietet eine übersichtliche Darstellung39 von Phä-
nomenen in der Konstitution von Öffentlichkeit, die er »Activism Goal Categories«
nennt:

• Symbolische Aktion / »slacktivism«: z.B. das Ändern des Profilbildes in sozi-


alen Netzwerken; Autoaufkleber, Buttons
• Agenda-Setting / externe Aufmerksamkeit: es erscheint ein Artikel über die
Bewegung in den Medien; Entscheidungsträger diskutieren die Bewegung in
den sozialen Medien
• Framing: Medien oder die Bevölkerung übernehmen die von der Bewegung
genutzten Interpretationsrahmen
• Individuelle Transformation: Teilnehmer der Bewegung erlernen neues Wis-
sen und neue Fähigkeiten
• Anziehen und Gewinnen neuer Teilnehmer
• Organisation kollektiver Aktionen: die Bewegung plant und führt aktivi-
stische Aktionen durch
• Spenden: z.B. Geldspenden oder Sachspenden
• Politisches Agenda-Setting: die Legislative entscheidet sich für eine Politik,
die von der Bewegung angestrebt wird
• Wandel der Politik: z.B. die von der Bewegung angestrebte Politik wird in der
Politik diskutiert
• Durchsetzung der Politik: die von der Bewegung angestrebte Änderung der
Politik wird schließlich durchgesetzt
• Strukturelle Veränderungen in der Politik: z.B. die Umsetzung der von der
Bewegung angestrebten Politik führt zu strukturellen Veränderungen im po-
litischen System, die eine größere Einflussnahme der Bewegung erlauben

39 Deen Freelon: »Online Civic Activism: Where Does It Fit?« In: Policy & Internet, 6, 2, 2014, S. 194.
136 Öffentlichkeiten in 2015

Das Internet selbst bildet dabei keine eigene Kategorie, wird aber in der Umsetzung
aller Kategorien als digital tool genutzt. Im Rahmen von Change.org ist besonders
die erste Kategorie der symbolischen Aktion von Interesse, die oft neben »Slack-
tivism« auch als »Clicktivism« bezeichnet wird. Umfasst das in »nicht-digitalen«
Öffentlichkeiten beispielsweise Autosticker oder Buttons, so werden im digitalen
Raum die folgenden Aktionen darunter verordnet: das Ändern des Profilbildes in so-
zialen Netzwerken; der »Like-Button« in sozialen Netzwerken; das Favorisieren von
Tweets oder das erneute Senden eines Tweets (Retweeten); das Unterschreiben bei
Online-Petitionen. Im bisherigen Diskurs wird diese Form der Partizipation oft mar-
ginalisiert und als »Feel-good-« oder »Easy«-Aktivismus eingestuft. In dieser Arbeit
wird hingegen die These vertreten, dass der sogenannte Clicktivism40 tatsächliche,
ernsthafte und legitime politische Akte bezeichnet, die als eigene Form der digitalen
politischen Partizipation einzuordnen sind. Dabei wird Halupkas sieben Kriterien
des Clicktivism gefolgt:

»Situated online. Clicktivism is a political act situated in a digital environment.


An impulsive gesture. A clicktivist action is an impromptu response to an existing po-
litical Object. While the act may occur after a time of contemplation, it is characteri-
stically spontaneous.
Noncommittal. A clicktivist act is disposable, requiring no further commitment to the
campaign following the initial action.
Does not draw upon specialized knowledge. Clicktivism is an extension of the minimum
skill set required to engage in a digital environment. This includes the navigation of,
and interaction within, online environments.
Easily replicated. A clicktivist action must be simple enough to be reproduced by the
general population.
Engages a political object. Clicktivism, as a responsive act, must engage an established
political Object. This differentiates it from those acts that draw upon the Cause as
point of engagement.
An action performed. Clicktivism is the act perpetrated by the individual. In this way,
it is independent of the campaigns that it supports, and of broader political ideology.
[Hervorhebungen im Original]«41

40 Im Folgenden wird der Terminus Clicktivism genutzt. Slacktivism wird dabei als expressive Erweite-
rung des Begriffs verstanden. Dies folgt der Nutzung von Max Halupka: »Clickitivsm: A Systematic
Heuristic«. In: Policy & Internet, 6, 2, 2014, erste Fußnote. Zwar werden die Begriffe Clicktivism und
Slacktivism oft abwertend als minderwertige Form zu klassischen Aktivismus verwendet; in dieser
Arbeit wird jedoch der Verwendung Halupkas gefolgt.
41 Max Halupka: »Clicktivism: A Systematic Heuristic«. In: Policy & Internet, 6, 2, 2014, S. 124f.
Öffentlichkeiten in 2015 137

Diese Verortung im aktuellen Diskurs über Online-Partizipationsformen soll helfen,


ein erstes analytisches Verständnis für die Rolle von Change.org und Twitter für die
Konstitution von Öffentlichkeiten zu entwickeln.
Twitter und Change.org eignen sich als Plattformen, auf denen den von De-
wey benannten Herausforderungen in der Konstitution von Öffentlichkeit begegnet
werden kann. Doch bevor erläutert wird, wie dies geschieht, sei angemerkt, dass der
Aufbau der Plattformen über eine hohe Kompatibilität mit Deweys Definition von
privat/öffentlich verfügt. Die Plattformen geben nicht kategorisch vor, was auf ihnen
als öffentlicher Sachverhalt publiziert und versendet wird. Der Einzelne entscheidet,
was er als öffentliches Anliegen einstuft und zu was er eine Öffentlichkeit bilden
möchte. Er versucht dann in einem zweiten Schritt, Teilnehmer zu mobilisieren,
indem er Folgen bekannt macht und diese innerhalb eines Interpretationsrahmens
als regulierungswürdig einstuft.
Hier zeigt sich das große Potential, über das die untersuchten Plattformen ver-
fügen: die Bekanntmachung von Folgen ohne die Zwischenschaltung klassischer
Medien. Hat eine Person ein Anliegen, so kann sie über Twitter oder Change.org
direkt Unterstützer und Öffentlichkeitsteilnehmer generieren. Gleichzeitig können
sich über die Plattformen Betroffenen finden und organisieren.
Die jeweiligen Handlungsrahmen unterscheiden sich jedoch deutlich: Twitter
ist eine offene Plattform. Ein Tweet kann prinzipiell von jedem kommentiert wer-
den und jeder kann angeschrieben werden (dies ist nur durch die Blockfunktion
beschränkt, mit der ein Nutzer einem anderen User die Kontaktaufnahme sperren
kann). Durch das erneute Posten des Tweets kann ein immer breiteres Publikum
erreicht werden. Die Tweets können dabei auch von der Person, die ihn retweetet,
kommentiert werden. Gleichzeitig kann über die Benutzung von Hashtags eine
Diskussion in Gang gesetzt werden, die einen gemeinsamen Interpretationsrahmen
schaffen kann. Diese Diskussion ist dabei jedoch keineswegs, wie man vielleicht zu-
nächst erwarten würde, herrschaftsfrei. Die Person muss über einen Zugang zum
Internet verfügen und gleichzeitig über das Wissen, Twitter zu nutzen – die basalen
Fähigkeiten, lesen und schreiben zu können, sind dabei schon vorausgesetzt. Die Su-
che nach Tweets zu einem Thema findet über die verwendeten Hashtags statt, dabei
kommt es durch den von Twitter verwandten Algorithmus zu einer Hierarchisie-
rung der gesandten Tweets. Der Algorithmus filtert dabei unter anderem nach Zeit,
Anzahl der Follower der Person, die den Tweet sendet, Häufigkeit des Retweetens,
Häufigkeit der Favorisierungen des Tweets. Es lassen sich jedoch, bis auf den Faktor
Zeit, alle anderen Faktoren ausschalten, indem »Anzeigen aller Tweets« als Auswahl-
option genutzt wird.
Trotzdem sind Zugangsbarrieren und hierarchische Strukturen bei Twitter flacher
als in den klassische Medien, es kann also eine sehr viel breitere Masse aktiv am Dis-
kurs teilnehmen als das in klassischen medialen Strukturen möglich ist.
138 Öffentlichkeiten in 2015

Dies zeigte sich beispielsweise an der Sexismusdebatte, die Anfang 2013 unter dem
Hashtag »#Aufschrei« auf Twitter geführt wurde.42 Nach einem im Stern veröffentli-
chen Artikel über den FDP-Politiker Rainer Brüderle, in dem er sexuell übergriffigen
Verhaltens und des Sexismus einer Journalistin gegenüber beschuldigt wurde, began-
nen auf Twitter unter dem Hashtag »#Aufschrei« Betroffene ihre eigenen Erlebnisse
mit sexistischem Verhalten zu twittern. Innerhalb weniger Tage kamen unter diesem
Hashtag nahezu 60.000 Tweets zustande, wobei Retweets wie auch Tweets, die de-
battenkritisch waren oder andere Tweets diskreditierten, mitgezählt sind.
Die Twitterdebatte wurden von den klassischen Medien aufgenommen, es kam zu
zahlreichen Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln, Radio- und Fernsehbeitragen sowie
Talkshows zum Thema Sexismus. Ziel der Initiatorinnen – es handelte sich vor allem
um Frauen – war es, eine Debatte über Alltagssexismus in Gang zu bringen und zu
zeigen, wie virulent und verbreitet sexistisches Verhalten ist. Diese nicht koordinierte
unterscheidet sich auch insofern von den anderen bisher dargestellten Öffentlich-
keiten, als kein genau definiertes Ziel verfolgt wurde, sondern ein Bewusstsein für
Sexismus und sexuelle Belästigung geschaffen werden sollte. Inwiefern dies erreicht
wurde, bleibt offen. Das Beispiel zeigt jedoch, dass Twitter durchaus ein geeignetes
Medium ist, um Betroffene sich als Betroffene erkennen und finden zu lassen. Die
Publikmachung von eigenen sexistischen Erlebnissen, die als sexistisch benannt wur-
den, schaffte einen losen Interpretationsrahmen, der wiederum neue Betroffene er-
zeugte, die eigene Erlebnisse so erst als sexistisch kategorisierten. Gleichzeitig konn-
ten die Betroffenen Twitter in der Folge zu ihrer Selbstorganisation nutzen. Ob diese
Debatte jedoch eine Öffentlichkeit nach Dewey darstellt, ist schwer zu entscheiden.
Es scheint, dass zwar ein Erkennen von Betroffenheiten stattfand, es kam jedoch zu
keiner wirklichen Konstitution einer Öffentlichkeit kam, da das Bekanntmachen der
eigenen Erlebnisse im Mittelpunkt stand und es kaum planmäßige andere Aktionen
und Ziele gab. Zudem fand keine Institutionalisierung der Öffentlichkeit statt, was
zwar keine notwenige Bedingung einer Öffentlichkeit nach Dewey ist, wohl aber ein
verlässliches Kriterium dafür, dass es zu einer Konstitution von Öffentlichkeit kam.
Während auf Twitter die Verbreitung von Folgen oder Informationen ein stark
kommunikativer Prozess ist, an dem sich jeder Nutzer beteiligen kann, ist Kommu-
nikation über Change.org sehr viel eingeschränkter. Wird eine Petition eröffnet, so
wird diese, einem Auswahlalgorithmus folgend, an eine Nutzergruppe per E-Mail
geschickt. Gleichzeitig wird die Petition auf die Website Change.org gestellt und ist

42 Ein Interview mit den Initiatorinnen der Debatte: http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/


aufschrei-interview-zur-sexismus-debatte-auf-twitter-a-879729.html, Datum des Zugriffs: 2.9.2015.
Es sei auch auf den von den Initiatorinnen eingerichteten Blog verwiesen, auf dem u.a. Sexismuser-
lebnisse gesammelt werden: http://alltagssexismus.de/, Datum des Zugriffs: 2.9.2015.
Öffentlichkeiten in 2015 139

dort offen einsehbar. Während also auf Twitter ein Aushandlungsprozess über den
Interpretationsrahmen und die Einstufung der Regulierungswürdigkeit von Folgen
und Sachverhalten stattfindet, ist die Interaktion auf Change.org beschränkter. Das
Anliegen (und dessen Regulierungswürdigkeit) wird in einer E-Mail vorgestellt, und
dieses Anliegen können Nutzer dann durch ihre Unterschrift unterstützen. Es un-
terliegt keinem interaktiven Aushandlungsprozess. Auch der Interpretationsrahmen
wird vom Petitionssteller vorgegeben und ist nicht verhandel- oder entwickelbar.
Gleichzeitig ist fraglich, wie stark und verbindend ein solcher Interpretationsrah-
men sein kann, bezieht er sich doch nur auf ein singuläres Anliegen, ist oft wenig
differenziert und kann zunächst nur in einer E-Mail kommuniziert werden. Er kann
kaum zum Aufbau einer Öffentlichkeitsidentität genutzt werden. (Bereits in Teil II
Sozialwissenschaftlichen Perspektiven wurde das Storytelling als Mechanismus zur
Generierung von Öffentlichkeitsteilnehmern vorgestellt.) Der Aufbau einer kol-
lektiven Öffentlichkeitsidentität über E-Mail und E-Mail-Verteiler ohne oder mit
nur geringer Möglichkeit der Nutzer, miteinander zu kommunizieren, ist schwer
realisierbar43 und ebenso nur schwer durch die Teilnehmer verifizierbar: dargestellte
Öffentlichkeitsidentität bleibt konstruiert und unter Umständen eine bloße fixe Idee
einiger Teilnehmer und des Initiators sein.44
Sowohl Twitter als auch Change.org bieten jedoch die Möglichkeit, dass Betrof-
fene sich finden, die geographisch weit voneinander entfernt sind und in vor-digi-
taler Zeit kaum zusammengefunden hätten. Auch können Folgen, die geographisch
beschränkt bekannt sind, aus der Sicht der Betroffenen ohne die Zwischenschaltung
klassischer Medien weithin bekannt gemacht werden. Dies erlaubt das Zusammen-
finden von Betroffenen und Gruppen, die medial nicht repräsentiert sind, und stellt
so zugleich eine Möglichkeit dar, den Diskurs der klassischen Medien zu beeinflus-
sen und um nicht repräsentierte Perspektiven zu erweitern. Die Kommunikation auf
den beiden Plattformen hingegen ist unterschiedlich: Während auf Twitter weitest-
gehend vertikale Kommunikation stattfindet, ist die Kommunikation auf Change.
org stark top-down45 bzw. hierarchisch geprägt.

43 Siehe dazu Anastasia Kavada: »Between Individuality and Collectiveness: Email Lists and Face-to-
Face Contact in the Global Justice Movement«. In: International Journal of E-Politics, 1, 1, 2010,
S. 41-56, sowie Melissa Wall: »Social Movements and Email: Expressions of Online Identity in the
Globalization Protests«. In: New Media and Society, 9, 2, 2007, S. 258-277.
44 Marc Eaton: »Manufacturing Community in an Online Activist Organisation«. In: Information,
Communication and Society, 13, 2, 2010, S. 174-192.
45 Vgl. Die Top-Down-Kommunikation von GetUp!, siehe dazu Ariadne Vromen, William Coleman:
»Online Campaigning Organizations and Storytelling Strategies: GetUp! in Australia«. In: Policy &
Internet, Special Issue: Online Collective Action and Policy Change, 5, 1, 2013, S. 76-100.
140 Öffentlichkeiten in 2015

Es sei angemerkt, dass in der Konstitution von Öffentlichkeiten zumeist viele


unterschiedliche Strategien verfolgt werden: Neben klassischen Mitteln wie De-
monstrationen und Aktionen wird etwa seit 2010 vermehrt stark auf digitale Stra-
tegien gesetzt. Diese umfassen viele soziale Medien, neben den bereits vorgestellten
Medien zum Beispiel auch Facebook, Youtube, Instagram. Öffentlichkeiten nutzen
dabei unterschiedliche Medien parallel, können so also die Nachteile der einzelnen
Plattformen ausgleichen und deren Vorteile anliegengerichtet einsetzen.
Während Twitter gerade in Krisen- und Revolutionszeiten tatsächlich zur Or-
ganisation von Demonstrationen und zur Verbreitung von Informationen genutzt
wird, hat Change.org durch das Unterschreiben einer Petition eher symbolischen
und apellativen Charakter. Dies liegt unter anderem darin begründet, dass die Pe-
tition selbst nicht mit einem Rechtsanspruch und dessen Durchsetzung verbunden
ist, und stellt auch den Unterschied zum E-Petitionsportal dar, das zur Ergänzung
der klassischen Petition eingeführt wurde, um Petitionen beim Petitionsausschuss
des Bundestags einzureichen. Eingereichte Petitionen werden dort dann darauf ge-
prüft, ob ihr Anliegen sich im Sinne eines allgemeinen Interesses verstehen lässt /
ob sich in ihrem Anliegen ein allgemeines Interesse artikuliert, oder ob sie privater
bzw. privatrechtlicher Natur sind. Wird ein allgemeines Interesse in ihnen erkannt,
werden sie in einem Forum veröffentlicht. Teil des Registrierungsprozesses ist beim
E-Petitionsportal des Bundestages eine Identitätsprüfung. Finden sich in diesem Fo-
rum mit zur Zeit ca. 1,6 Millionen registrierten Nutzern (Stand: 2015) innerhalb von
vier Wochen 50.000 Unterstützer, so kann der Initiator der Petition sein Anliegen
öffentlich dem Petitionsausschuss vortragen, sofern dieser eine öffentliche Anhörung
nicht mit einer Zweidrittelmehrheit ablehnt.46
Auch die EU bietet neben der klassischen, an das Parlament gerichteten Petiti-
on die Option der Europäischen Bürgerinitiative, die online mit der Aufforderung,
einen Rechtsakt vorzuschlagen, an die Europäische Kommission gerichtet werden
kann. Die Petition braucht mindestens eine Million Unterschriften aus mindestens
sieben EU-Mitgliedsstaaten, die jeweils eine Mindestanzahl an Unterschriften vor-
weisen müssen. Die EU-Mitgliedsstaaten müssen dabei über ein zertifiziertes On-
line-Sammelsystem verfügen.47 Die erste Bürgerinitiative, die alle Auflagen erfüllte,
war im Jahr 2013 die Initiative »Right2Water«48, die u.a. forderte, Wasser und sani-
täre Grundversorgung als Menschenrecht gesetzlich zu verankern. 2014 entschied
die Kommission jedoch nach dem öffentlichen Vortrag der Petition, dass allgemeine

46 http://politik-digital.de/news/online-petitionen-sinnvolle-buergerbeteiligung-oder-ueberschaetzter-
klick-aktivismus-141549/, Datum des Zugriffs: 13.12.2016.
47 http://politik-digital.de/news/online-petitionen-sinnvolle-buergerbeteiligung-oder-ueberschaetzter-
klick-aktivismus-141549/, Datum des Zugriffs: 13.12.2016.
48 http://www.right2water.eu/de, Datum des Zugriffs: 2.1.2016.
Öffentlichkeiten in 2015 141

Konsultationen eingeleitet werden sollen, um einen besseren Zugang zu hochwer-


tigen Wasser in der EU zu schaffen. Es wurde nicht, wie gefordert, eine neue Ge-
setzesvorlage erarbeitet und vorgelegt.49 Die Petition fand jedoch Gehör im Euro-
päischen Parlament, das 2015 die Kommission aufforderte, das Menschenrecht auf
Wasser und sanitäre Grundversorgung gesetzlich zu verankern.50
Anhand der beiden Kurzvorstellungen zeigen sich klar die Vorteile von Chan-
ge.org. Um bei einer Change.org-Petition zu unterschreiben, reicht es aus, eine E-
Mail-Adresse zu besitzen. Es findet keine Identitätsprüfung statt. Dies erlaubt es
allen, die sich von den Folgen bzw. dem Sachverhalt als betroffen erachten, sich mit
einer Unterschrift zu engagieren. Die geringe Barriere erleichtert das Engagement
und erweitert den Kreis der Unterstützer maßgeblich und zeigt sich so als Vorteil in
globalisierten Gesellschaften. Gleichzeitig birgt diese niederschwellige Barriere eine
große Fälschungsgefahr ebenso wie die Gefahr von Mehrfachunterschriften. Um sich
auf dem staatlichen E-Petitionsforum registrieren zu können, muss man eine Adresse
in Deutschland angeben. Dies schließt nicht nur Personen ohne festen Wohnsitz
aus, sondern auch all jene, die betroffen, jedoch nicht in Deutschland ansässig sind.
Zugleich sind Petitionen des E-Petitionsforums durch den Adressat des Petitionsaus-
schusses auf politische Anliegen beschränkt, das Ziel ist immer eine Entscheidung
des Bundestags bzw. des Petitionsausschusses sowie des Europäischen Parlaments
bzw. der Europäischen Kommission. Die Kategorien ›Privat‹ und ›Öffentlich‹ sind
dabei festgelegt und finden ihre entsprechende Anwendung in der Beurteilung der
Petitionen in Einzelpetition und öffentliche Petition (in der E-Petitionsplattform
des Bundestags). Der Petitionsausschuss wendet dabei eigene Kriterien an zu Unter-
scheidung in Einzelpetitionen und öffentliche Petitionen.
Die Themenoffenheit von Change.org erlaubt jedoch immer neue Bewertungen
von privaten und öffentlichen Sachverhalten und entspricht damit der Deweyschen
Definition von öffentlich/privat, die eben nicht auf einer festgelegten Unterschei-
dung basiert, sondern im Einzelfall ausgehandelt wird. Zudem ist es auf Change.
org möglich, eine Vielzahl von Regulierungsbestrebungen zu fordern: Das Spektrum
reicht von Gesetzesänderungen oder dem Bau eines Zebrastreifens, der Wiederauf-
nahme einer Fernsehsendung bis hin zur Änderung der Rezeptur eines Produkts.
Auch der Adressat der Petition ist frei bestimmbar – vom Bundestag über Unter-
nehmen bis hin zu Gruppen und Einzelpersonen. Die Plattform zeigt sich dabei als

49 Siehe dazu die Mitteilung der Kommission über die Europäische Bürgerinitiative »Wasser und sani-
täre Grundversorgung sind ein Menschenrecht! Wasser ist ein öffentliches Gut, keine Handelsware«:
http://ec.europa.eu/transparency/com_r2w_de.pdf, Datum des Zugriffs: 2.1.2016.
50 http://www.right2water.eu/de/node/532, Datum des Zugriffs: 2.1.2016.
142 Öffentlichkeiten in 2015

höchst flexibel und weist Elemente einer denkbaren Metastruktur von Öffentlich-
keiten auf.

8.1. Elemente einer Metastruktur der Öffentlichkeiten


Inwiefern können die dargestellten Onlineplattformen Twitter und Change.org
nützlich sein für eine Metastruktur der Öffentlichkeiten, die die Konstitution von
Öffentlichkeiten rahmt und eine mögliche Art des Aufbaus der Öffentlichkeiten
nahe legt? Gerade weil Öffentlichkeiten Dewey folgend nicht zwingend an einen
Nationalstaat gekoppelt und daher der Nationalstaat nicht immer eine (politische)
Metastruktur bietet, lohnt es sich, nach Alternativen zu schauen, die ein Grund-
gerüst für die Konstitution von Öffentlichkeiten bieten könnte. Das Grundgerüst
muss dabei möglichst flexibel sein, um zu gewährleisten, dass sich Öffentlichkeiten
unterschiedlicher Typen und mit unterschiedlichen Qualitäten bilden können.
Gleichzeitig muss möglich sein, dass variierende Adressaten dieser Öffentlichkeiten
angesprochen werden können. Dies ist bei dem staatlichen E-Petitionsforum bei-
spielsweise nicht der Fall, da ausschließlich der Weg über den Bundestag hin zu einer
politischen Lösung gegangen werden kann. Was ist also das Potential der vorgestell-
ten Onlineplattformen?
Change.org zeigt als digitale Metastruktur geeignete Elemente, um zur Konsti-
tution von Öffentlichkeiten nach Dewey beizutragen. Deweys Definition von Öf-
fentlichkeit als Gesamtheit all jener Personen, die von den Folgen der Handlungen
anderer indirekt betroffen sind und sich organisieren, um diese jeweiligen Folgen zu
regulieren, fügt sich gut ein den Aufbau der Plattform. Durch die Themenoffenheit
ist es allen Nutzern freigestellt, zu bestimmen und zu artikulieren, wovon sie sich
betroffen fühlen und welche Folgen sie als regulierungswürdig einstufen. Der Begriff
regulierungswürdig wird von Dewey neutral verwendet, er beinhaltet die Sicherung
von als positiv eingestuften Folgen ebenso wie die Vermeidung oder Verhinderung
oder auch Begrenzung von Folgen, die als negativ eingestuft werden. Das Anlie-
gen kann in einigen Fällen sogar recht schlicht als »Feedback« paraphrasiert werden,
beispielsweise wenn die Wiederaufnahme von Produkten oder Fernsehsendungen
gefordert wird. Es wurde bereits an anderer Stelle das Beispiel Deweys vom Schuster
und dem Schuhträger vorgestellt: Der Schuhträger verfügt über eine Sichtweise und
ein Wissen, das dem Schuster nicht zugänglich ist. Ähnlich kann es sich mit Öffent-
lichkeiten und ihren Adressaten verhalten. Durch die eigene Betroffenheit besitzt die
Öffentlichkeit ein Wissen, über das die Adressaten ihres Anliegens nicht oder nicht
im gleichen Maße verfügen. Neben den eher trivialen Beispielen der Wiederaufnah-
me eines Produkts oder einer Fernsehsendung kann dies durchaus zu einem Wis-
sensgewinn der Adressaten und der Gesellschaft führen und damit unter Umständen
Elemente einer Metastruktur der Öffentlichkeiten 143

zu neuen Forschungsergebnissen oder der Berücksichtigung von schlecht oder nicht


repräsentierten Minoritäten in politischen Entscheidungen.
Change.org verfügt über essentielle Elemente einer Metastruktur der Öffentlich-
keiten: Die Plattform erlaubt eine Einzelfallbestimmung von privaten und öffent-
lichen Sachverhalten; sie ist offen für alle Themen, zu denen sich Öffentlichkeiten
konstituieren wollen; sie erlaubt Informationsverbreitung von Folgen und Sachver-
halten und trägt so zum Erkennen der eigenen Betroffenheit und damit zur Generie-
rung von Öffentlichkeitsteilnehmern bei. Zudem haben die Öffentlichkeiten meist
ein konkretes, überprüfbares Ziel, was mit Deweys Vorstellung der Regulierung
eines Sachverhalts kompatibel ist.
Die direkte Beteiligung an einer Öffentlichkeit ist auf Change.org auf eine Un-
terschrift beschränkt. Es kann jedoch über den E-Mail-Verteiler, den man durch
eine Unterschrift automatisch erhält, und über den beispielsweise Folgeschritte oder
Erfolge der Petition kommuniziert werden, auch zu anderen digitalen und nicht-
digitalen Aktionen aufgerufen werden. Somit können darauf basierend auch über
andere Plattformen oder über die Face-to-Face-Ebene ein gemeinsamer Interpretati-
onsrahmen und eine Öffentlichkeitsidentität aufgebaut werden. Dies führt zu einem
weiteren essentiellen Element einer Metastruktur. Eine Metastruktur muss ermög-
lichen, dass sich Öffentlichkeiten tatsächlich konstituieren können. In der Analyse
der Öffentlichkeiten der CGB und der Bewegung Startbahn West wurde die These
aufgestellt, dass ein gemeinsamer Interpretationsrahmen und eine Öffentlichkeitsi-
dentität zentral für die Konstitution einer Öffentlichkeit und ihr Fortbestehen sind.
Eine Metastruktur muss also zulassen, dass ein Interpretationsrahmen geschaffen
und eine Identität aufgebaut werden kann. Dazu muss es einen Raum geben, ob
digital oder nicht-digital. Digital könnte dies durch die Installierung eines Diskus-
sionsraums geschehen, in dem vertikale Kommunikation ermöglicht wird. Beide
Online-Plattformen, Twitter und Change.org, fungieren bereits als Informations-
kanal, auch ermöglichen sie die (wenn auch eingeschränkte) Publizität von Folgen,
Forschungsergebnissen und anderen Informationen.
Sowohl Twitter als auch Change.org weisen ein weiteres zentrales Element einer
Metastruktur von Öffentlichkeiten auf: Sie bieten einen Rahmen, in dem sich Öf-
fentlichkeiten schnell und unkompliziert fallbezogen bilden können und sich genau-
so schnell und unkompliziert wieder auflösen können.
Eine Metastruktur muss jedoch noch mehr leisten, als Kommunikationsstruk-
turen für die Konstitution von Öffentlichkeiten bereit zu halten. Sie muss gleich-
zeitig einen Rahmen bieten für die externe Kommunikation von Öffentlichkeiten,
also für den Austausch und Diskurs zwischen Öffentlichkeiten, aber auch zwischen
Öffentlichkeiten und Adressaten, die sowohl die »Verursacher selbst« als auch jene
Gruppen und Institutionen umfassen, die in die Regulierung der Sachverhalte in-
volviert sind. Zuletzt muss auch das Ansprechen der Öffentlichkeiten an nicht be-
144 Öffentlichkeiten in 2015

teiligtes Publikum möglich sein, um so eine Generierung neuer Öffentlichkeitsmit-


glieder zu ermöglichen.
Die Metastruktur muss dabei eine friedliche Koexistenz von Öffentlichkeiten,
allgemeinen und spezifischen Typs, gewährleisten. Es müssen also institutionalisier-
te Formen der Konfliktlösung existieren. Gleichzeitig muss die Metastruktur selbst
nur einen Rahmen bieten, selbst inhaltlich also möglichst leer bleiben, um so eine
größtmögliche Themenvielfalt von Öffentlichkeiten zuzulassen. Die Regelung der
Koexistenz von Öffentlichkeiten bedarf eines Minimums an Normen und Wer-
ten, die in der Konfliktlösung verfolgt und auch befolgt werden. Inwiefern dieses
Spannungsverhältnis zur gleichzeitigen Themenoffenheit von Öffentlichkeiten aus-
gehalten oder gar gelöst werden kann, ist theoretisch kaum zu bestimmen. Eine
Metastruktur muss zudem freie Forschung ermöglichen, nur so können Folgen und
kausale Zusammenhänge erkannt werden, die wiederum die Voraussetzung bilden
für die Konstitution von Öffentlichkeit.
Nach der langen Auflistung von Elementen, über die eine Metastruktur verfügen
muss, soll nun erwähnt werden, was nicht beinhalten muss: die Kopplung an Na-
tionalstaaten. So wie Öffentlichkeiten von Nationalstaaten theoretisch entkoppelt
sind, muss auch die Metastruktur solcher Öffentlichkeiten keine nationalstaatliche
Metastruktur sein. Zwar gewährleisten in der Praxis demokratische Nationalstaaten
viele der metastrukturellen Elemente, die Beispiele der Onlineplattformen zeigen
jedoch, dass eine Metastruktur auch jenseits von Nationalstaaten möglich ist.
Wird die Metastruktur mit Deweys Demokratietheorie verbunden, so zeigt sie
das Potential, in der Verwandlung der Großen Gesellschaft einer modernen komple-
xen Gesellschaft über neue Kommunikationsformen zu einer Großen Gemeinschaft,
der Verwirklichung der Idee sozialer Demokratie, ein zentraler Faktor zu sein. Die
Metastruktur leistet dann die Integration vielfätiger Öffentlichkeiten in ein Ganzes.
Zusammenfassung 145

9. Zusammenfassung

Diese Arbeit hat den Versuch unternommen, John Deweys The Public and Its Pro-
blems nicht im Rahmen seiner Demokratietheorie als Genese einer demokratischen
Gesellschaft zu lesen, sondern als eigenständige Öffentlichkeitstheorie zu etablie-
ren. Dies geschah angesichts von Phänomenen von Öffentlichkeiten, auf die nor-
mativ-demokratische Öffentlichkeitstheorien schwer anwendbar sind. Zu Beginn
wurden die zahlreichen Öffentlichkeiten vorgestellt, die sich über Petitionen auf
Online-Petitionsplattformen konstituierten, um den Transport und Import von
Großwildjagdtrophäen zu beenden, nachdem eine Großwildjagd auf einen Löwen
in Zimbabwe in den anglo-amerikanischen Medien stark kritisiert worden war. Di-
ese Öffentlichkeiten wiesen kaum die Merkmale normativer Öffentlichkeitstheorien
auf, in denen Öffentlichkeit als soziale Sphäre verstanden wird, innerhalb derer sich
die freie und ungezwungene Meinungsbildung der Mitglieder eines demokratischen
Staates vollzieht. Zwar fand im Falle der dargestellten Öffentlichkeiten ein medialer
Diskurs über Großwildjagd und deren moralische Legitimität statt; die Forderung
nach dem Ende des Transports von Großwildjagdtrophäen war jedoch nicht die öf-
fentliche Meinung, die innerhalb einer spezifischen diskursiven Kommunikations-
struktur entstand und diverse normativ anspruchsvolle Kriterien erfüllte. Vielmehr
war es die Forderung einzelner Personen, die sich moralisch betroffen fühlten und
eigene Petitionen auf Online-Petitionsplattformen einstellten, denen sich in kür-
zester Zeit hunderttausende Menschen anschlossen und so Öffentlichkeiten als fall-
bezogene Kollektivakteure schufen. Diese Öffentlichkeiten suchten zu großen Teilen
den direkten Kontakt mit Fluggesellschaften über offene Petitionsbriefe und nutzten
somit auch nicht die Kanäle und Strukturen, auf die normativ-demokratische Öf-
fentlichkeitstheorien bezogen sind und die durch bestimmte politische und staatli-
che Strukturen gesichert werden.
Die Öffentlichkeiten wurden vielmehr von all jenen gebildet, die sich betroffen
fühlten, unabhängig von deren Staatsbürgerschaft oder dem Staat, in dem sie lebten.
Online-Petitionsformen erlauben grundsätzlich die Unterschrift aller. Solche trans-
nationalen Öffentlichkeiten sind also entkoppelt von nationalstaatlichen Strukturen,
und auch der Adressat der Öffentlichkeiten war hier nicht ein Staat, sondern es
waren international agierende Unternehmen und Fluggesellschaften. Das Ziel der
Öffentlichkeiten war es dabei nicht, eine kollektive Entscheidung zu treffen, die
durch eine adäquate Verarbeitungskapazität und sachliche wie thematische Kompe-
tenz begründet ist; ihr Ziel war schlicht die Regulierung eines Sachverhalts, den sie
aufgrund moralischer Betroffenheit ablehnten.
Um diese Öffentlichkeiten erfassen zu können, bedarf es, wie gezeigt wurde, ei-
ner normativ weniger anspruchsvollen Öffentlichkeitstheorie. John Deweys Defi-
nition von Öffentlichkeit als Zusammenschluss all jener, die von den Folgen der
146 Zusammenfassung

Handlungen anderer indirekt betroffen sind und eine Regulierung dieser Folgen
anstreben, scheint diese Öffentlichkeiten intuitiv zu erfassen. Es wurde daher der
Versuch unternommen, auf der Grundlage von The Public and Its Problems die zen-
tralen Merkmale einer Öffentlichkeitstheorie nach Dewey zu erarbeiten. Öffentlich-
keit nach Dewey ist dabei keine moderne rechtlich-politische, staatliche Gemein-
schaft, sondern sie wird als fallbezogen entstehender Kollektivakteur verstanden,
der als Problemlösungsmechanismus fungiert. Die Konstitution von Öffentlichkeit
kann prinzipiell immer und überall stattfinden, unabhängig von bestimmten demo-
kratischen Regierungsformen, die eine demokratische diskursive Kommunikations-
struktur sichern. In der Konstitution gibt es zudem keinen notwendigen Rückbezug
auf demokratische Normen. Dennoch zeigte sich in der Betrachtung realer Öffent-
lichkeiten, dass ein Rückbezug auf demokratische Normen durchaus die Regel ist.
Neben der Entkopplung der Öffentlichkeit von demokratischen Regierungs-
formen steht die Entkopplung der Öffentlichkeit von einem Nationalstaat. Zwar
bringt der Nationalstaat durch seine Strukturen und Institutionen automatisch eine
Öffentlichkeit hervor, die sich konstituieren kann. Die Konstitution von Öffentlich-
keit ist definitorisch jedoch nicht an einen Nationalstaat gebunden und bildet auch
nicht zwingend eine geschlossene Öffentlichkeit aller Staatsbürger, die vor- oder an-
tiinstitutionell verortet wird und ein Gegengewicht zu staatlichen und politischen
Elementen bildet. Die theoretische Entkopplung von Staat und Öffentlichkeit er-
öffnet das Potential und ist der große Vorzug von Deweys Öffentlichkeitskonzepti-
on: Sie kann zur Beschreibung und Analyse von trans-, supra- und internationalen
Öffentlichkeiten, wie beispielsweise transnational agierenden Sozialen Bewegungen,
genutzt werden.
Deweys Annahme, dass sich Öffentlichkeiten aus Betroffenheiten heraus konsti-
tuieren, kann darüber hinaus angesichts von Phänomen wie Privatisierung und Ent-
politisierung neue Verstehenshorizonte in der Analyse von realen Öffentlichkeiten
eröffnen: Die Rückbindung an Motive und reale Überzeugungen sind bei Dewey
durch die notwendige Beziehung von Zwecksetzungen und tatsächlichen Hand-
lungsbedingungen gegeben. Dies erlaubt die Erklärung von Öffentlichkeiten in Ge-
sellschaften, in denen es eine große Anzahl von Personen gibt, die sich nur fallweise
in Öffentlichkeiten engagieren.
Die Betroffenheit wird dabei fallweise intersubjektiv bestimmt; dies folgt De-
weys Definition, dass es keine statische, begrifflich trennscharfe Grenze zwischen
Öffentlichem und Privatem gibt, sondern dies immer neu fallweise intersubjektiv
bestimmt werden muss. Die Kategorisierung hängt von kontingenten Umständen
und dem (Problem-)Bewusstsein der potentiell Betroffenen ab. Betroffenheit wird
dabei intersubjektiv und in ständigem Bezug auf geteilte soziale, moralische und
politische Normen erkannt. In seiner Öffentlichkeitskonzeption bestimmt Dewey
diese Normen jedoch kaum.
Zusammenfassung 147

Wird sich auf demokratische Normen bezogen, so kann Deweys Öffentlichkeits-


konzeption eine tiefe normative Dimension erlangen, die ihre Umsetzung in der
Idee der sozialen Demokratie als demokratische Große Gemeinschaft findet. Die
Legitimation nach demokratischen Normen ist jedoch keineswegs notwendig, son-
dern Deweys formal-funktionale Definition von Öffentlichkeit macht auch jenseits
demokratischer Wertsysteme anwendbar. Sie umfasst theoretisch auch Öffentlich-
keiten in nicht-demokratischen Gesellschaften und für Öffentlichkeiten, die weder
demokratisch organisiert sind noch Ziele demokratischer Natur verfolgen. So stellt
Dewey fest, dass öffentliches Handeln mit sozial sinnvollem Handeln nicht gleich-
zusetzen ist. Dies folgt unter anderem aus seiner Konzeption und Einbringung von
Betroffenheit als konstitutivem Merkmal einer Öffentlichkeit – ein Merkmal, das
Deweys Konzeption von anderen normativen Öffentlichkeitstheorien unterscheidet,
bei denen durch ein legitimes Verfahren der Bildung von öffentlicher Meinung Ob-
jektivität gewährleistet werden soll.
Die Konstitution von Öffentlichkeit kann, folgt man Dewey, ein konfliktbehaf-
teter Prozess sein: Sie umfasst Konflikte zwischen »alten« und »neuen« Öffentlich-
keiten, die um die Zuständigkeit der Regulierung von Sachverhalten kämpfen, sowie
die Konflikte zwischen Öffentlichkeit und dem Adressaten der Zielsetzung, also den-
jenigen, die direkt in der öffentlichen Handlung involviert sind.
Nach der Ausarbeitung der zentralen Merkmale einer Öffentlichkeit nach Dewey
sollte Deweys Konzeption durch die Beschreibung des Konstitutionsprozesses einer
Öffentlichkeit näher dargestellt werden. Damit sich eine Öffentlichkeit konstitu-
ieren kann, müssen zunächst Folgen und Sachverhalte bekannt sein. Die Verbrei-
tung von Informationen fällt (in den heutigen Gesellschaften der westlichen Welt)
vor allem in den Zuständigkeitsbereich der Medien. Diese These Deweys wurde in
der Arbeit wenig besprochen, da der Fokus auf der Konstitution von Öffentlichkeit
lag, die über eigene empirische Untersuchungen aus der Öffentlichkeit verständlich
werden sollte. Folgen müssen erkannt und dann als regulierungswürdig eingestuft
werden. Erst dann kann eine »schlafende« Öffentlichkeit beginnen, sich zu konsti-
tuieren. Dafür muss sie die Herausforderung der Apathie meistern: Personen müs-
sen sich selbst als betroffen einschätzen und dann diese Betroffenheit als so wichtig
einstufen, dass sie sich als eine Öffentlichkeit organisieren. Um die Prozesse und
Mechanismen in der Konstitution von Öffentlichkeiten besser zu verstehen, wur-
den zwei reale Öffentlichkeiten mithilfe der rekonstruierenden Dokumenten- und
Artefaktanalyse analysiert. Angelehnt war dieses Verfahren an die Grounded Theory-
Methodologie, welche unter anderem als theoretical sampling in der Auswahl der zu
analysierenden Öffentlichkeiten Anwendung fand. Es wurde dabei aufgezeigt, dass
Deweys Öffentlichkeitstheorie als theoretischer Rahmen für die Protestforschung
und Forschung Neuen Sozialen Bewegungen über ein großes Potential verfügt. Ex-
emplarisch analysiert wurden die Bewegung Startbahn West, die von den 1970er bis
148 Zusammenfassung

1990er Jahren im Rhein-Main-Gebiet gegen den Ausbau des Flughafens kämpfte,


sowie die Coordination gegen Bayer-Gefahren, die sich nach Störfällen des Bayer-
Konzerns zusammenfand und bis heute besteht.
Besondere Berücksichtigung fand in der Analyse der Mechanismus der Mo-
ralisierung, den Dewey selbst im Nachwort von The Public and Its Problems ein-
führt. Auch in den entwickelten Thesen erwies sich Moralisierung als ein zentraler
Mechanismus in der Entwicklung eines geteilten Interpretationsrahmens und des
Aufbaus einer Öffentlichkeitsidentität. Dabei konnten unterschiedliche Arten von
Moralisierung ausgemacht werden: die explizite Verwendung von im allgemeinen
Sprachgebrauch moralisch konnotierten Begriffen, die ironische Verwendung von
im allgemeinen Sprachgebrauch moralisch konnotierten Begriffen, die implizite Be-
zugnahme auf allgemeine Werte, die in der Öffentlichkeit als vorausgesetzter Kon-
sens gelten, die explizite Bezugnahme auf allgemeine Werte, die in der Öffentlichkeit
als vorausgesetzter Konsens gelten, die Skandalisierung und der Bruch mit geltenden
moralischen Werten, Ethik, Fragen des guten Lebens und Wertzuschreibungen, Mo-
ralisierung von im allgemeinen Sprachgebrauch nicht ausschließlich moralisch kon-
notiertem Begriffen und nicht zuletzt offene moralische Verurteilungen.
Indem ein moralischer Interpretationsrahmen installiert wird, können komplexe
Zusammenhänge als Täter-Opfer-Zusammenhänge sowie die Einschätzung von Ak-
teuren als gut-böse moralisch interpretiert werden. Dies erleichtert das Einschätzen
von komplizierten und interdependenten Folgen und Sachverhalten. Moralisierung
kann also in der Herausforderung des Erkennens und Bewertens von Folgen ein zen-
traler Mechanismus werden. Zugleich schafft der Bezug auf allgemeine Werte und
Normen einen breiten Konsens innerhalb der Öffentlichkeit. Ebenso können diese
Werte zur Grundlage für die externe Kommunikation der Öffentlichkeit werden.
In der Konstitution von Öffentlichkeit wird zudem eine Öffentlichkeitsidentität
ausgebildet. Diese kann schwach-instrumentell sein oder aber auch zu einer sinnstif-
tenden Kollektividentität der Öffentlichkeitsteilnehmer werden. Die Herausbildung
einer Öffentlichkeitsidentität erweist sich als zentrales stabilisierendes Element der
Öffentlichkeitskonstitution. Auffallend in der Herausbildung von Öffentlichkeitsi-
dentitäten ist, dass dies immer in der Distinktion zu etwas stattfindet, ob zu Ideo-
logien, politischen Strukturen, staatlichen Institutionen oder Unternehmen. Die in
der Öffentlichkeit vertretenen Werte und Normen werden in ablehnendem Bezug
zu eben diesen Akteuren gebildet.
Zugleich fällt ein hohes Maß an Selbstreflexion der Öffentlichkeitsteilnehmer
in Hinblick auf sie selbst ebenso wie auf die Handlungen der Öffentlichkeit auf.
Es scheint, dass die Identitätsbildung einer Öffentlichkeit in hohem Maß über die
Selbstreflexion der Teilnehmer als Öffentlichkeit erlangt wird. Während sich die Re-
levanz eines gemeinsamen Interpretationsrahmens in Ansätzen auch in Deweys Kon-
zeption zeigt, wenn er von geteilten Werten und Normen spricht, findet die Ausbil-
Zusammenfassung 149

dung einer Öffentlichkeitsidentität bei Dewey keine Berücksichtigung. Gleichwohl


ist dies ein interessantes Forschungsgebiet, nicht zuletzt durch das Spannungsfeld,
in dem Selbstreflexion und Moralisierung zu einander stehen. In der Selbstreflexion
nehmen sich die Teilnehmer der untersuchten Öffentlichkeiten als Betroffene wahr.
Gleichzeitig wird versucht, weitere Betroffene zu finden und zu mobilisieren. Betrof-
fenheit umfasst dabei neben aktualer Betroffenheit auch potentielle Betroffenheit
sowie moralische Betroffenheit, die sich unter Umständen in Empörung zeigt. Be-
troffenheit zeigt sich dabei als konstruiert, und zwar in dem Sinne, dass sie intersub-
jektiv bestimmt und ausgehandelt wird. Dies funktioniert unter anderem über den
Mechanismus der Generalisierung. Partikulare Sachverhalte werden in allgemeinere
Kontexte gesetzt. Dies erlaubt das Ansprechen einer größeren Menge Menschen als
Betroffene. Zudem durchlaufen beide untersuchten Öffentlichkeiten eine Themen-
erweiterung hin zu allgemeineren Themen, die so auch größere Betroffenheiten ver-
ursachen und eine große Anzahl potentieller Öffentlichkeitsteilnehmer schaffen.
Insgesamt lässt sich nach einer exemplarischen Auswertung des Datenmaterials
feststellen, dass die folgenden Mechanismen für eine Konstitution von Öffentlich-
keit zentral sind: die Entstehung eines gemeinsamen Interpretationsrahmens, die
daraus folgende Ausbildung einer Öffentlichkeitsidentität (die schwach oder stark
ausgeprägt sein kann), Moralisierung in Korrelation zur Installation eines gemein-
samen Interpretationsrahmens, die Konstruktion von Betroffenheit sowie die Gene-
ralisierung von Sachverhalten und Themen (im Sinne einer Themenverbreiterung).
Die These, dass es schwach und stark ausgeprägte Öffentlichkeitsidentitäten gibt,
weist auf eine lohnende Unterscheidung der Qualitäten von Öffentlichkeiten hin.
Im Anschluss an die sozialwissenschaftlichen Erkenntnisse zur Konstitution von Öf-
fentlichkeiten erfolgte daher eine Typen- und Qualitätenunterscheidung von Öf-
fentlichkeiten.
Diese Unterscheidung findet sich nicht in The Public and Its Problems, sondern
wurde eingeführt, um die vielen Dimensionen des Begriffs der Öffentlichkeit zu
erschließen. Die Typen- und Qualitätsbildung wurde anhand der theoretischen De-
finition von Öffentlichkeiten, der historischen Rekonstruktion der Gesellschaftsbil-
dung der USA und der unterschiedlichen Sachverhalte, die zur Konstitution von
Öffentlichkeiten führen, vorgenommen.
Es konnten zwei Typen von Öffentlichkeit unterschieden werden: die spezifische
und die allgemeine Öffentlichkeit. Neben dieser Typenunterscheidung fand eine
Qualitätenbestimmung in zweckrationale bzw. instrumentelle Öffentlichkeiten und
sinnstiftende Kollektividentität statt. Diese Qualitäten beruhen auf Cooleys Unter-
scheidung in Primär- und Sekundärgruppen, die Dewey zur Unterscheidung von
Assoziationen nutzt. Die Typen und Qualitäten können dann in einem nächsten
Schritt mit politischen Konzeptionen verbunden werden: Die demokratisch struk-
turierte Öffentlichkeit wird eingeführt. Es seien an dieser Stelle kurz die Typen von
150 Zusammenfassung

Öffentlichkeit rekapituliert. Die Typenunterscheidung basiert auf den Folgen bzw.


dem Sachverhalt, zu dem sich eine Öffentlichkeit konstituiert. Das Ausmaß der Fol-
gen bzw. des Sachverhalts ist entscheidend für die Mittel und Formen der sich dazu
bildenden Öffentlichkeit. Es entscheidet auch über die Dauer des Bestehens der
Öffentlichkeit. Ist der Sachverhalt allgemeiner Natur oder auch ein potentiell die
Allgemeinheit betreffender Sachverhalt, so konstituiert sich eine allgemeine Öffent-
lichkeit, deren Ziel es unter anderem ist, langfristige und juristisch institutionalisier-
te Regelungen, gerade auch für potentielle Folgen von Sachverhalten allgemeiner
Natur, zu finden. Dies hat zur Folge, dass die Öffentlichkeit selbst rechtlich insti-
tutionalisiert ist, wohingegen sich eine spezifische Öffentlichkeit mit der Regelung
eines spezifischen Sachverhalts beschäftigt. Dabei verfügt die spezifische Öffentlich-
keit nicht hinreichend über einen rechtlich institutionalisierten Rahmen. Die De-
weyschen Öffentlichkeiten selbst sind nicht notwendigerweise demokratisch – we-
der müssen die äußeren Umstände, in denen sie sich konstituieren, demokratisch
sein, noch muss die Konstitution selbst demokratischer Natur sein. Dies hat zum
einen das Potential, die Entstehung von Öffentlichkeiten in nicht-demokratischen
Gesellschaften analysieren zu können. Zum anderen macht es die Betrachtung von
Öffentlichkeiten möglich, die den hohen normativen Kriterien, beispielsweise der
demokratischen Öffentlichkeitstheorie nach Habermas, nicht genügen.
Der moderne Nationalstaat ruft einen weiteren Typ der Öffentlichkeit hervor.
Der Nationalstaat verfügt über rechtliche Strukturen und Institutionen, die die
gesamte Bevölkerung betreffen. So allgemein, wie diese Strukturen und Instituti-
onen sind, so allgemein ist die Öffentlichkeit, die sich zu ihnen konstituiert. An
dieser Stelle zeigt sich erneut eine der grundlegenden Annahmen Deweys: Nicht
nur schaffen Öffentlichkeiten durch die Regulierung bestimmter Sachverhalte (un-)
intendiert einen Staat, sondern auch der Staat bringt aufgrund seines bloßen Daseins
automatisch eine potentielle Öffentlichkeit hervor. Die allgemeine Öffentlichkeit ist
in einem modernen Staat selbst rechtlich institutionalisiert und verfügt über eige-
ne Öffentlichkeitsmedien, wie etwa Printmedien, das Fernsehen und Radio, denen
die für die allgemeine Öffentlichkeit konstitutive Rolle der Informationsverbreitung
zukommt. Die Aufgaben der allgemeinen Öffentlichkeit umfassen neben der Regu-
lation von aktualen Folgen, die die allgemeine Öffentlichkeit betreffen, vor allem die
Regulation potentieller Folgen, die durch Handlungen innerhalb der staatlich-recht-
lichen Strukturen hervorgebracht werden können. Daneben stehen Folgen, die ein
solches quantitatives und qualitatives Ausmaß haben, dass die Bevölkerung mehrerer
Staaten oder gar die Weltbevölkerung von ihnen betroffen sein kann. Diese Folgen
führen zu allgemeinen Öffentlichkeiten, die dauerhaft Strukturen und Kanäle insti-
tutionalisieren, um potentielle und aktuale Folgen dieser Art zu regulieren.
Während es unzählige aktuale spezifische Öffentlichkeiten gibt, die sich um die
Regulierung von Folgen bemühen, hat noch keine Konstitution von allgemeinen
Zusammenfassung 151

Öffentlichkeiten stattgefunden. Die Tatsache, dass es unzählige spezifische Öffent-


lichkeiten gibt, die eine Regulierung von Folgen anstreben, ohne zu erkennen, dass
diesen Folgen eine verursachende staatlich-rechtliche Struktur zugrunde liegt, er-
schwert die Konstitution einer allgemeinen Öffentlichkeit. Auch das Erkennen von
transnationalen und globalen Folgen ist die größte Herausforderung einer allgemei-
nen Öffentlichkeit, die transnational und global agieren soll. Die Unterscheidung in
spezifische und allgemeine Öffentlichkeiten erfolgte hier idealtypisch, in der Realität
können spezifische Öffentlichkeiten durchaus von stabiler Dauer sein und auch bis
zu einem gewissen Grad auch rechtlich institutionalisiert. Daneben lohnt die ideal-
typische Bestimmung unterschiedlicher Qualitäten, durch die die Perspektive der
Öffentlichkeitsteilnehmer in den Fokus gerückt wird.
Für instrumentelle Öffentlichkeiten und Öffentlichkeiten als sinnstiftende Kol-
lektividentität gilt das Verhältnis wie für Sekundär- und Primärgruppen – instru-
mentelle Öffentlichkeiten können sich im Lauf der Zeit zu sinnstiftenden Kollekti-
videntitäten wandeln und vice versa. Die Unterscheidung ist jedoch idealtypisch zu
verstehen: reale Öffentlichkeiten weisen, je nach Perspektive der Teilnehmer, zumeist
Merkmale beider Gruppen auf. Werden schließlich die Typen und Qualitäten mit
dem politischen Konzept von Demokratie verbunden, so entsteht eine demokra-
tische strukturierte Öffentlichkeit. Interessant ist dabei insbesondere der Typ einer
demokratisch strukturierten allgemeinen Öffentlichkeit, der für seine Teilnehmer
eine sinnstiftende Kollektividentität darstellt. So kann ein Bogen zu Deweys Idee
einer Großen Gemeinschaft geschlagen werden, die über die Struktur einer komple-
xen modernen Gesellschaft verfügt und gleichzeitig die Nähe und identitätsstiftende
Kraft einer Gemeinschaft bietet.
Zentral für die Qualität einer Öffentlichkeit scheinen zum einen der gemeinsame
Interpretationsrahmen und zum anderen der Aufbau einer gemeinsamen Öffentlich-
keitsidentität zu sein. Untersucht wurde dies anhand von Periodika und Flugblättern
der Öffentlichkeiten Bewegung Startbahn West und Coordination gegen Bayer-Ge-
fahren. Relevant sind für den Aufbau eines gemeinsamen Interpretationsrahmens
und einer Öffentlichkeitsidentität jedoch insbesondere Face-to-Face-Beziehungen
und -Begegnungen. Doch auch die durch das Internet veränderten Kommunika-
tions- und Interaktionsformen beeinflussen die Konstitution von Öffentlichkeiten
im 21. Jahrhundert: Kommunikationsteilnehmer müssen nicht räumlich anwesend
sein, die zeitlichen und räumlichen Beschränkungen von Kommunikation neh-
men ab. E-Mails, Foren, Soziale Plattformen und Neue Soziale Medien ändern die
Formen von assoziiertem Verhalten. Während Dewey in seiner Beschreibung einer
Gemeinschaft hauptsächlich von Face-to-Face-Beziehungen ausging, schafft es nun
das Internet, Beziehungen zu ermöglichen und herzustellen, die in einer Welt ohne
Internet nicht möglich wären. Personen, die sich von etwas betroffen fühlen, können
im Internet weitere Betroffene finden. Mithilfe des Internets können die Informati-
152 Zusammenfassung

onen über Folgen schneller verbreitet werden und eine größere Masse an Menschen
erreichen als es die klassischen Medien vermögen.
Unter der Fragestellung, ob und inwiefern sich mit diesen Kommunikations-
formen die Typen und Qualitäten von Öffentlichkeit konstituieren lassen, und über
welches Potential sie für eine Metastruktur von Öffentlichkeiten verfügen, wurden
dann exemplarisch zwei soziale Netzwerke, Change.org und Twitter, näher betrach-
tet. Sowohl Twitter als auch Change.org eignen sich als Plattformen, mithilfe derer
den von Dewey benannten Herausforderungen in der Konstitution begegnet werden
kann. Auch die Definition Deweys in privat / öffentlich zeigt eine Kompatibilität
mit dem themenoffenen Aufbau der Plattformen. Beide Plattformen können zur
Bekanntmachung von Folgen und zur Generierung von Öffentlichkeitsteilnehmern
genutzt werden.
Das große Potential dieser Plattformen liegt unter anderem darin, dass sie es
Betroffenen ermöglichen, sich unabhängig von deren geographischen Standorten
und ohne die Zwischenschaltung klassischer Medien zu finden und zu organisie-
ren. Dies erlaubt das Zusammenfinden von Betroffenen und Gruppen, die medial
nicht repräsentiert sind, und stellt so zugleich eine Möglichkeit dar, den Diskurs
der klassischen Medien zu beeinflussen und um nicht repräsentierte Perspektiven zu
erweitern. Twitter und Change.org verfügen damit über Elemente einer Metastruk-
tur von Öffentlichkeiten: Sie erlauben eine Einzelfallbestimmung von privaten und
öffentlichen Sachverhalten; sie weisen eine hohe Themenoffenheit auf; sie erlauben
Informationsverbreitung von Folgen und Sachverhalten und tragen so zum Erken-
nen der eigenen Betroffenheit und damit zur Generierung von Öffentlichkeitsteil-
nehmern bei.
In dieser ersten Annäherung an Deweys Öffentlichkeitstheorie zeigte sich an
vielen Stellen das noch nicht ausgeschöpfte Potential, über das die Theorie verfügt
und welches einen gesamten Forschungshorizont eröffnet, mithilfe dessen aktuelle
Öffentlichkeiten im 21. Jahrhundert neu verstanden werden können.
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