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Die Gegenkraft und ihre Geschichte: Carl Schmitt, Reinhart Koselleck und der

Bürgerkrieg
Author(s): JAN-FRIEDRICH MISSFELDER
Source: Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte , 2006, Vol. 58, No. 4 (2006), pp.
310-336
Published by: Brill
Stable URL: https://www.jstor.org/stable/23898734

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JAN-FRIEDRICH MISSFELDER

Die Gegenkraft und ihre Geschichte


Carl Schmitt, Reinhart Koselleck und der Bürgerkrie

Revolution war Krise, Krise war


Bürgerkrieg, Geschichte war Krise
als Bürgerkrieg.
Nicolaus Sombart

The article explores the relationship between the German historian Reinhart Kosel
leck (1923-2006) and the German jurist Carl Schmitt (1888-1985). Itfocuses espe
cially on how Koselleck's doctoral thesis „Kritik und Krise" (1959) approaches
Schmitt's 1938 study on Thomas Hobbes (1938). Both scholars are contextualized
in the intellectual and académie milieu of Heidelberg in the early 1950s.

I.

Im bislang erfolgreichsten Buch aller Zeiten, Joanne K. Rowlings „Harry


Potter"-Reihe, darf der Gegenspieler des Titelhelden lange Zeit nur hin
ter vorgehaltener Hand und am besten gar nicht beim Namen genannt
werden.1 Wer von Lord Voldemort spricht, verweist auf ihn unter „You
know-who" oder „He who must not be named". Der auf diese Weise
Gebannte war einstmals ein mächtiger Mann. Als größter Magier sei
ner Zeit hatte er die Zauberwelt in eine Art Bürgerkrieg gestürzt und an
den Rand der Vernichtung getrieben, war nun aber ins Nirgendwo ei
nes ungewissen Exils vertrieben worden. Und doch vermag er auch als
Phantom oder Phantasma noch weiterhin Angst und Schrecken zu ver
breiten. Seine Macht ist letztgültig noch nicht gebrochen, dies kommt
schon durch das Namensverbot zum Ausdruck. Wer vom Bösen also
reden will, ohne es wieder heraufzubeschwören, muß seinen Namen
vermeiden.2
Auch die Geistesgeschichte der frühen Bundesrepublik kennt -
gleichwohl in kleinerem Maßstab - ihren Lord Voldemort. Als der
Suhrkamp Verlag die erstmals 1959 erschienene Dissertation Reinhart
Kosellecks „Kritik und Krise. Eine Studie zur Pathogenese der bürger
lichen Welt" im Jahre 1973 als Band 36 der schwarzen Reihe stw neu
auflegte, ließ er einen Ausschnitt aus einer lobenden Rezension auf den

1 Eine erste Fassung des vorliegenden Textes ist auf einem Intensivseminar zum The
ma „Alte und neue Lesarten Carl Schmitts" vorgetragen worden, das Ruth Groh und Dieter
Groh im Februar 2005 in Konstanz veranstalteten. Den Teilnehmerinnen und Teilnehmern
dieser Veranstaltung danke ich für vielfältige Anregungen und Kritik. Weitere Hinweise
verdanke ich Katharina Böhmer, Sebastian Bott, Alexander Cammann, Rüdiger Graf, Phi
lipp Gut, Jens Hacke, Steffen Marius, Matthias Pohlig und Aline Steinbrecher.
2 Vgl. zur Namenspolitik bei „Harry Potter" M. Maar, Warum Nabokov Harry Potter
gemocht hätte, Berlin 2002, S. 60, 121, 143.

© Koninklijke Brill NV, Leiden ZRGG 58, 4 (2006)


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Die Gegenkraft und ihre Geschichte 311

Buchrücken drucken. Der Verlag gab als Quelle „Das historisch


sche Buch" an. Schlägt man jedoch die entsprechende Ausgabe
zensionsorgans auf, so findet man die Besprechung von Koselleck
signiert mit „Carl Schmitt".3 1973 jedoch, auf dem Höhepunkt
„intellektuelle[n] Gründung der Bundesrepublik"4 nach dem Bruc
1968, schien es dem durch édition suhrkamp und Suhrkamp-Kultur
rell aktiv an dieser Bewegung teilhabenden Verlag nicht opportu
Lob eines eigenen Autors durch einen verfemten Rezensenten singen
lassen. Also verschwieg man seinen Namen: Carl Schmitt, der L
Voldemort der alten Bundesrepublik. Man muß diese kleine Ane
nicht Uberbewerten, kann sie aber gleichwohl als Symptom jener Ne
entierung der geistigen Landschaft im Umfeld von 1968 versteh
dem ein Bezug auf die belasteten intellektuellen Väter nur unte
schweigen mancher Vaterschaft möglich war. In dieser Hinsicht
die Konstellation Schmitt/Koselleck/Suhrkamp vielleicht emblem
eine verdeckte Spur der Geistesgeschichte der Bundesrepublik a
ich im folgenden gleichwohl nur implizit folgen möchte.5

3 C. Schmitt, Rezension zu: R. Koselleck, Kritik und Krise. Ein Beitrag zur Pa
nese der bürgerlichen Welt, Freiburg/München 1959, in: Das Historisch-Politische
(1959), S. 301 f. Es trifft demnach keineswegs zu, daß das Buch dort von einem „ano
writer" besprochen wurde, wie Jan-Werner Müller behauptet. Vgl. J.-W. Mül
Dangerous Mind. Carl Schmitt in Post-War European Thought, New Häven and
2003, S. 106. Vgl. aber D. van Laak, Gespräche in der Sicherheit des Schweigen
Schmitt in der politischen Geistesgeschichte der frühen Bundesrepublik, Berlin 19
274, Anm. 181.
4 Vgl. C. Albrecht u.a. (Hg.), Die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik. Eine
Wirkungsgeschichte der Frankfurter Schule, Frankfurt/Main u.a. 1999.
5 Die Geschichte der Schmitt-Rezeption ist durch van Laaks Studie vor allem in personen
und institutionengeschichtlicher Hinsicht aufgearbeitet. Vgl. hierzu auch B. Rüthers,
Kontinuitäten. Zur Wirkungsgeschichte von Carl Schmitt in der Bundesrepublik Deutsch
land, in: Rechtshistorisches Journal 13 (1994), S. 142-164 sowie die kritische Besprechung
von J. Habermas, Carl Schmitt in der politischen Geistesgeschichte der Bundesrepublik, in:
ders., Die Normalität einer Berliner Republik. Kleine Politische Schriften VIII, Frankfurt/
Main 1995, S. 112-122. Differenzierte Arbeiten zur inhaltlichen Rezeption in den einzelnen
Disziplinen sind erst in Ansätzen greifbar. Vgl. als Überblick Müller, A Dangerous Mind
(wie Anm. 3); auch R. Mehring, Das Politikum der Krise. Geschichtstheorie nach Carl Schmitt,
in: Neue Rundschau 111/3 (2000), S. 154-167; W. E. Scheuerman, Unsolved Paradoxes:
Conservative Political Thought in Adenauer's Germany, in: J. P. McCormick (Hg.): Confronting
Mass Democracy and Industrial Technology. Political and Social Theory from Nietzsche to
Habermas, Durham/London 2002, S. 221-242; zur Rezeption in der Rechtswissenschaft F.
Günther, Denken vom Staat her. Die bundesdeutsche Staatsrechtslehre zwischen Dezision und
Integration 1949-1970, München 2004; U. K. Preuss, Political Order and Democracy: Carl
Schmitt and His Influence, in: C. Mouffe (Hg.), The Challenge of Carl Schmitt, London/New
York 1999, S. 155-179; zur Rezeption in der politischen Philosophie Ansätze, vor allem zu
Hermann Lübbe und Jürgen Habermas, bei A. D. Moses, The „Weimar Syndrome" in the
Fédéral Republic of Germany. The Carl Schmitt Réception by the Forty-Fiver Generation of
Intellectuals, in: S. Loos/H. Zaburowski (Hg.), Leben, Tod und Entscheidung. Studien zur
Geistesgeschichte der Weimarer Republik, Berlin 2003, S. 187-207. Vgl. dazu auch die De
batte um Schmitts Einfluß auf die Frankfurter Schule generell E. Kennedy, Carl Schmitt und
die „Frankfurter Schule". Deutsche Liberalismuskritik im 20. Jahrhundert, in: Geschichte
und Gesellschaft 12 (1986), S. 380-419; A. Söllner, Jenseits von Carl Schmitt. Wissen

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312 Jan-Friedrich Missfelder

Statt dessen soll die mögliche Vaterschaft zw


selleck beim Namen genannt werden. Dies sol
mit Enthüllungspathos geschehen. Denn daß be
hung stehen, konnte schon dem Leser von Kos
lich werden. Er dankt in seinem Vorwort „Herrn Professor Dr. Carl
Schmitt, der mir in Gesprächen Fragen stellen und Antworten suchen
half."6 Diese Gespräche fanden in den frühen 50er Jahren in Heidelberg,
aber bewußt abseits des universitären Betriebes statt.7 Koselleck war nach
zweijähriger Kriegsgefangenschaft im Jahre 1947 zum Studium nach
Heidelberg gekommen,8 Schmitt reiste in den folgenden Jahren öfter für
einige Zeit dorthin, weil sich seine Frau Duschka in Heidelberg einer
Krebsbehandlung unterziehen mußte.9 Nicolaus Sombart, der Schmitt
schon aus seiner Jugendzeit in Berlin kannte,10 berichtet von der Exis
tenz eines Kreises von Studenten, in deren Gesprächen Schmitt
„[ojmnipräsent, wenn auch physisch abwesend" gewesen sei. Manchmal
war er aber auch anwesend, und dann sei er „von außerordentlicher Lie
benswürdigkeit" und „in seinen Äußerungen und Urteilen mild und ver
söhnlich"11 gewesen.12 Koselleck bildete neben Sombart, dem späteren
Soziologen Hanno Kesting sowie dem Juristen Roman Schnur den inner
circle um Schmitt in Heidelberg.13 Schmitts Position in diesem akademi
schen Umfeld war durchaus ambivalent. Einerseits litt er sehr unter sei

schaftsgeschichtliche Richtigstellungen zur politischen Theorie im Umkreis der „Frank


furter Schule", in: Geschichte und Gesellschaft 12 (1986), S. 502-529; U. K. Preuß, Carl
Schmitt und die Frankfurter Schule: Deutsche Liberalismuskritik im 20. Jahrhundert. An
merkungen zu einem Aufsatz von Ellen Kennedy, in; Geschichte und Gesellschaft 13(1987),
S. 400-418; M. Jay, Les extrêmes ne se touchent pas. Eine Erwiderung auf Ellen Kennedy:
Carl Schmitt und die Frankfurter Schule, in: Geschichte und Gesellschaft 13 (1987), S.
542-558.
6 R. Koselleck, Kritik und Krise. Eine Studie zur Pathogenese der bürgerlichen Welt,
Frankfurt/Main 71992, S. XII. Im Gespräch mit Manfred Hettling und Bernd Ulrich wies
Koselleck erneut auf die Nähe seiner Dissertation zu Schmitt hin. Vgl. M. Hettling/B.
Ulrich, Formen der Bürgerlichkeit. Ein Gespräch mit Reinhart Koselleck, in: dies. (Hg.),
Bürgertum nach 1945, Hamburg 2005, S. 40-60 (schon in Mittelweg 36, Bd. 12 (April/
Mai 2003), S. 62-82), bes. 54-56. Vgl. allgemein zum Verhältnis von Koselleck und Schmitt:
N. Olsen, „Af alle mie lasrere har Schmitt vaeret den vigtigste". Reinhart Kosellecks intel
lektuelle og personlige relationer til Carl Schmitt, in: Historisk Tidsskrift 104 (2004), S.
30-62 (mit englischer Zusammenfassung).
7 Vgl. N. Sombart, Rendezvous mit dem Weltgeist. Heidelberger Reminiszenzen 1945
1951, Frankfurt/Main 2000, S.193-216; auch Müller, A Dangerous Mind (wie Anm. 3), S.
104-106.
8 Vgl. I. Nagel, Der Kritiker der Krise. Über den Historiker Reinhart Koselleck, in:
Neue Zürcher Zeitung vom 8. Januar 2005.
9 Vgl. Sombart, Rendezvous mit dem Weltgeist (wie Anm. 7), S. 204.
10 Vgl. N. Sombart, Jugend in Berlin 1933-1943. Ein Bericht, Frankfurt/Main 1991, S.
249-276.
11 Sombart, Rendezvous mit dem Weltgeist (wie Anm. 7), Zitate S. 193 und S. 203.
12 Zum Verhältnis zwischen Sombart und Schmitt vgl. van Laak, Gespräche (wie
Anm.3), S. 266-271.
13 Vgl. Olsen, Reinhart Kosellecks intellektuelle og personlige Relationer til Carl
Schmitt (wie Anm. 6), S. 37 f. Vgl. allgemein zu Schmitt in Heidelberg: van Laak, Gesprä
che (wie Anm. 3), S. 186-192.

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Die Gegenkraft und ihre Geschichte 313

nem Lehrverbot und seinem Ausschluß aus der akademischen Szene


dererseits gefiel er sich durchaus in der esoterischen Rolle einer „Geg
universität in einer Person"14, die er gerade für die Gruppe um Somb
Kesting und Koselleck spielen konnte. Die institutionelle Veranke
dieser Form einer akademischen Gegenkultur war ausgesproc
schwach, aber auch bewußt als Gegenmodell zum universitären Le
inszeniert. Leitmodell dieser esoterischen Kommunikationsform war eben
nicht die akademische Hierarchie von Student bis Professor, sondern eine
abgeschlossene Plattform privater Freundeskreise, Gesprächsrunden und
Debattierklubs einiger weniger Eingeweihter.15 Man kann diese Kom
munikationskultur mit Wolfgang Eßbach als die „häretische Linie" bür
gerlicher Intellektuellenassoziationen kennzeichnen, da sie sich aus ei
nem „ecclesiastischen Dispositiv" eines Gegensatzes von Konformität
(„sichtbare Kirche") und Geheimnis („unsichtbare Kirche") herleiten lie
ße.16 Für Schmitt bedeutete diese Form der esoterischen Kommunikation
neben der von ihm ebenfalls extensiv gepflegten Briefkultur die einzige
Möglichkeit, an wissenschaftlichen Diskussionen teilzunehmen und eine
Art quasi-akademische „Lehre" auszuüben.
Die Dissertation „Kritik und Krise", die 1954 bei Johannes Kühn ein
gereicht wurde, entstammt ebenfalls unmittelbar dem intellektuellen Kon
text solcher Kommunikation mit dem Mann aus Plettenberg. Als die Ar
beit schließlich 1959 als Buch erschien, wurde sie in der Regel gemein
sam mit Hanno Kestings Dissertation17 rezipiert. Beide Werke vereint
eine ähnlich gelagerte Fragestellung - etwas verkürzt gesagt beginnt
Kesting in seiner Untersuchung chronologisch dort, wo Koselleck aufhört
- ebenso wie die Umstände ihrer Entstehung in der unmittelbaren Umge
bung von Carl Schmitt. Zeitgenössischen Rezensenten fiel diese doppelte
Parallelität durchaus auf. Während Kurt Schilling im „Archiv für Rechts
und Sozialphilosophie" noch konstatierte, eine mögliche Filiation beider
Arbeiten von Schmitt her sei „für den Leser nicht so wichtig"18, wollte der

14 M. Lauermann, Carl Schmitt - jenseits biographischer Mode. Ein Forschungsbericht


1993, in: B. Wacker (Hg.), Die eigentlich katholische Verschärfung... Konfession, Theo
logie und Politik im Werk Carl Schmitts, München 1994, S. 295-319, hier S. 313.
15 Vgl. Rüthers, Kontinuitäten (wie Anm. 5), S. 151 f. Systematisch hierzu D. Morat,
Techniken der Verschwiegenheit. Esoterische Gesprächskommunikation nach 1945 bei
Ernst und Friedrich Georg Jünger, Carl Schmitt und Martin Heidegger, in: M. Föllmer
(Hg.), Sehnsucht nach Nähe. Interpersonale Kommunikation in Deutschland seit dem 19.
Jahrhundert, Stuttgart 2004, S. 157-174.
16 W. Eßbach, Intellektuellengruppen in der bürgerlichen Kultur, in: R. Faber/C. Holste
(Hg.), Kreise - Gruppen - Bünde. Zur Soziologie moderner Intellektuellenassoziation,
Würzburg 2000, S. 23-33, hier S. 26 f.
17 H. Kesting, Geschichtsphilosophie und Weltbürgerkrieg. Deutungen der Geschichte
von der französischen Revolution bis zum Ost-West-Konflikt, Freiburg/München 1959.
18 K. Schilling, Rezension zu: R. Koselleck, Kritik und Krise, ein Beitrag zur Pathoge
nese der bürgerlichen Welt, Freiburg 1959 und H. Kesting, Geschichtsphilosophie und
Weltbürgerkrieg, Deutungen der Geschichte von der französischen Revolution bis zum
Ost-West-Konflikt, Heidelberg 1959, in: Archiv für Rechts- und Sozialphilosophie 46
(1960), S. 147-153, hier S. 147.

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314 Jan-Friedrich Missfelder

junge Jürgen Habermas in seiner ausführli


cher im „Merkur" durch Koselleck und Kes
Carl Schmitt, ein so denkender Spezialist,
Auf diese Einschätzung wird in anderem K
men sein.
Die Hinweise auf Kosellecks Beziehung zu Schmitt im Anschluß an
Habermas sind denn auch vielfältig, doch oftmals recht pauschal. Dirk
van Laak behandelt in seiner breiten Rezeptionsgeschichte Schmitts in
der frühen Bundesrepublik Koselleck nur kursorisch und geht auf das
Verhältnis von „Kritik und Krise" zu Schmitt nicht näher ein.20 Andere
konstatieren eher allgemein, daß diese Arbeit „owes much to his
influence"21 oder referieren Kosellecks Thesen im anderen Kontext:
„Carl Schmitt sprach 1950 in bezug auf Bruno Bauer von der ,Schick
salhaftigkeit, die für die deutsche Geistesgeschichte der beiden letz
ten Jahrzehnte mit den Worten Kritik und Krise verbunden ist.'
Reinhard [sie!] Koselleck ging diesen Worten neun Jahre später in
seinem Beitrag zur Pathogenese der bürgerlichen Welt nach."22 Ka
Palonen liest „Kritik und Krise" schon als ersten Schritt hin zur spä
ren Konzeption der Begriffsgeschichte und weist ausschließlich in d
ser Perspektive auf den Einfluß Schmitts, vor allem seines „Nomos d

19 J. Habermas, Verrufener Fortschritt - verkanntes Jahrhundert. Zur Kritik der Ge


schichtsphilosophie, in: Merkur 147 (1960), S. 468-477, hier S. 477. Dieser Satz ist in d
Neuauflage des Textes unter leicht geändertem Titel getilgt. Vgl. J. Habermas, Zur Krit
an der Geschichtsphilosophie, in: ders., Philosophisch-politische Profile, 3., erweiter
Auflage Frankfurt/Main 1981, S. 435-444. Vgl. auch van Laak, Gespräche (wie Anm. 3
S. 274, Anm. 182; Müller, A Dangerous Mind (wie Anm.3), S. 106 und S. 266, Anm.
sowie S. Schlak, Moral als Beute. Die Karriere der Ressentimentkritik, in: Merkur 665/
666 (2004), S. 906-913, bes. S. 912 f. Schmitt scheint sich der kritischen Stoßrichtung v
Habermas' Besprechung durchaus bewußt gewesen zu sein. Schon bevor er dessen Rez
sion von Koselleck und Kesting gelesen hatte, apostrophiert er diesen in einem Brief an
Armin Möhler in Anspielung auf den häßlichsten, verschlagensten und verlogensten all
Griechen in der Ilias als „Thersites". Vgl. C. Schmitt, Briefwechsel mit einem seiner Sch
ler, hg. von A. Möhler in Zusammenarbeit mit I. Huhn und P. Tommissen, Berlin 1995,
287.
20 Vgl. van Laak, Gespräche (wie Anm. 3), S. 224 f.; S. 225, Anm. 77; S. 274 u.ö. Van
Laak legt den Akzent eher auf die Schmitt-Rezeption in Kosellecks Theorie asymmetri
scher Gegenbegriffe, die Schmitts Freund-Feind-Unterscheidung prominent diskutiert,
sowie in seinen Überlegungen zur Rolle des Raumes in der Geschichte. Vgl. R. Koselleck,
Zur historisch-politischen Semantik asymmetrischer Gegenbegriffe, in: ders., Vergangene
Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt/Main 31995, S. 211-259; ders.,
Raum und Geschichte, in: ders., Zeitschichten. Studien zur Historik, Frankfurt/Main 2000,
S. 78-96; vgl. auch die Besprechung der 2. unveränderten Auflage von van Laaks Studie
(2002) durch Wilfried Nippel vom 22.9.2004 <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/
rezensionen/2004-3-162>.
21 Moses, The „Weimar Syndrome" (wie Anm. 5), S. 194. In diesem Sinne auch jüngst
S. Schlak, Die Goldene Promotion, in: Ästhetik und Kommunikation, Heft 129/130: My
thos Bundesrepublik (2005), S. 81-85, bes. S. 82 f.
22 J. Manemann, Carl Schmitt und die Politische Theologie. Politischer Anti-Monothe
ismus, Münster 2002, S. 306, Hervorheb. im Original; das Referat von Kosellecks Thesen
findet sich ebd., S. 306-312.

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Die Gegenkraft und ihre Geschichte 315

Erde", hin.23 Eine genauere inhaltliche Genealogie wird - sowe


sehe - nirgends detaillierter unternommen. Zwar stellt Klaus-M
Kodalle nach einer kurzen Zusammenfassung der Schmitt'sehen
sen zu Thomas Hobbes fest, daß auch Koselleck „von dieser Darstel
lung im Kern nicht ab[weicht]".24 Auch Heiner Bielefeldt verweist in
einer Diskussion von Schmitts Verhältnis zum politischen Liberalis
mus in einer Fußnote darauf, daß Koselleck „den von Schmitt im
Hobbes-Buch von 1938 entwickelten Gedanken von der Selbstauflö
sung des Leviathan systematisch und historisch weiter[führt]".25 Erst in
jüngerer Zeit ist Kosellecks Buch explizit als Schmitt-Rezeption dis
kutiert worden. In einem längeren Rezensionsartikel zur englischen
Übersetzung von „Kritik und Krise" und Habermas' „Strukturwandel
der Öffentlichkeit" weist Anthony La Volpa auf die Nähe von Kosellecks
Buch zu Schmitts „Leviathan" hin. Koselleck habe dessen „basic plot
line"26 weiter ausgearbeitet. Ganz ähnlich stellt Jan-Werner Müller fest,
daß „Kritik und Krise" „came closest to being a direct élaboration of
Schmitt's 1938 Leviathan".21 Für William Scheuerman schließlich sei
Kosellecks „central argument [...] taken directly from Schmitt's 1938
study on Hobbes and his 1940s writings on international law".28 Diese
Hinweise auf Schmitts Hobbes-Studie von 1938 legen demnach eine
detailliertere Analyse der Beziehung zwischen „Kritik und Krise" und
dem „Leviathan" Schmitts nahe.
Es stellt sich also die Frage, inwiefern Kosellecks Buch in der Tat
die Thesen Schmitts aus der Zeit des Nationalsozialismus ausarbeitete.
In der Tat zitiert Koselleck Schmitts Hobbes-Buch nur an zwei eher
wenig signifikanten Stellen.29 Es zählt in jedem Fall nicht zu den zen

23 Vgl. Κ. Palonen, Die Entzauberung der Begriffe. Das Umschreiben der politischen
Begriffe bei Quentin Skinner und Reinhart Koselleck, Münster u.a. 2004, S. 56-59.
24 K.-M. Kodalle, Thomas Hobbes - Logik der Herrschaft und Vernunft des Friedens,
München 1972, S. 21.
25 H. Bielefeldt, Kampf und Entscheidung. Politischer Existentialismus bei Carl Schmitt,
Helmuth Plessner und Karl Jaspers, Würzburg 1994, S. 51, Anm. 134. Ähnlich auch: G.
Maschke, Zum „Leviathan" von Carl Schmitt, in: C. Schmitt, Der Leviathan in der Staats
lehre des Thomas Hobbes. Sinn und Fehlschlag eines politischen Symbols. Mit einem
Anhang sowie einem Nachwort des Herausgebers, Stuttgart 32003 [1938], S. 179-244, hier
S. 208.
26 A. La Volpa, Conceiving a Public: Ideas and Society in Eighteenth-Century Europe,
in: Journal of Modern History 64 (1992), S. 79-116, hier S. 85.
27 Müller, A Dangerous Mind (wie Anm. 3), S. 106, Hervorheb. im Original.
28 Scheuerman, Unsolved Paradoxes (wie Anm. 5), S. 234. Vgl. im selben Sinne auch
Olsen, Reinhart Kosellecks intellektuelle og personlige Relationer til Carl Schmitt (wie
Anm. 6), S. 39 f. Ganz ähnlich auch Mehring, Politikum der Krise (wie Anm. 5), S. 159,
der darüber hinaus auf den Einfluß von Schmitts Studie zu „Donoso Cortés in gesamteuro
päischer Interpretation" hinweist.
29 Vgl. Koselleck, Kritik und Krise (wie Anm. 6), S. 24 f, Anm. 65 und 70. Im Inter
view mit Manfred Hettling und Bernd Ulrich im Jahre 2002 gab Koselleck an, während
seiner Heidelberger Studienzeit zwar Schmitts Schriften aus den 20er Jahren rezipiert,
sich für die Arbeiten aus der NS-Zeit aber nicht interessiert zu haben, also auch für den
„Leviathan" nicht. Vgl.: Hettling/Ulrich (wie Anm. 6), S. 56.

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316 Jan-Friedrich Missfelder

tralen Referenzen des Buches; andere Schriften


tatur" oder der „Nomos der Erde" nehmen bre
ist wohl die Bemerkung aus der Danksagung K
gewisser Hinsicht auch rezeptionsgeschichtlic
ser habe ihm in Gesprächen die richtigen Frag
bei der Suche nach Antworten unterstützt.30 Eine methodisch bewußte
intellectual history im Sinne des Versuchs einer Rekonstruktion von
Transfers von Ideen, vor allem aber auch im Sinne der Analyse von
Kommunikationszusammenhängen wird beide Dimensionen gleicher
maßen berücksichtigen: einerseits soll die eben nicht nur ephemere
Korrespondenz von „Kritik und Krise" und dem „Leviathan" nachge
zeichnet werden, andererseits muß den spezifischen Modi des kommu
nikativen Transfers besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden.
Es kann dabei natürlich in keiner Weise um eine Denunziation von
„Kritik und Krise" ebenso wie seinem Autor gehen, indem eine Art von
Kontamination mit Schmitt en detail nachgewiesen wird. Eine solche
Tendenz verfehlte vollkommen die politische Stoßrichtung von Kosel
lecks Buch. Noch soll gefragt werden, ob Koselleck mit seinen Thesen
eigentlich recht hatte.31 Dieser Beitrag versteht sich vielmehr als Re
konstruktion der historischen Ausarbeitung Schmitts in „Kritik und Kri
se" im Sinne eines Stückes Wissenschaftsgeschichte.32 Durch eine soi
30 Auch der Briefwechsel zwischen Koselleck und Schmitt setzte erst im Jahre 1953 ein,
also kurz vor dem Einreichen der von „Kritik und Krise" als Dissertation. Schmitts Nachlaß
verzeichnet insgesamt 52 Briefe Kosellecks an Schmitt seit 1953, aber nur 3 Antworten.
Vgl. Nachlaß Carl Schmitt. Verzeichnis des Bestandes im Nordrhein-Westfälischen Haupt
staatsarchiv, bearbeitet von D. van Laak und I. Villinger, Siegburg 1993, S. 94 und S. 199.
31 Vgl. für beide Tendenzen M. Schwartz, Leviathan oder Lucifer? Reinhart Kosellecks
.Kritik und Krise' revisited, in: Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte 45 (1993),
S. 33-57. Die mangelnde Stichhaltigkeit von Schwartz' Kritik an Koselleck kann hier nicht
im einzelnen nachgewiesen werden. Es sei nur darauf verwiesen, daß seine letztlich ideolo
giekritische Volte gegen Kosellecks Auffassung des Status von Empirie und Theorie dessen
Intention vollkommen verfehlt. Nach Schwartz habe Koselleck an anderer Stelle selbst Feh
ler eingestanden: „'Das eine oder das andere' in isolierter Form, so hat Koselleck später
selbst gesehen, ist für die Forschung umsonst.'" (ebd., S. 36, Hervorheb. J.-F.M.). Im hier
zitierten Text steht das genaue Gegenteil: „Parteilichkeit und Objektivität verschränken sich
dann auf neue Weise im Spannungsfeld von Theoriebildung und Quellenexegese. Das eine
ohne das andere ist für die Forschung umsonst." (R. Koselleck. Standortbindung und Zeit
lichkeit. Ein Beitrag zur historiographischen Erschließung der geschichtlichen Welt, in: ders.,
Vergangene Zukunft, S. 176-207, hier S. 207, Hervorheb. J.-F.M.). Dem ist nichts hinzuzu
fügen. Der Vorwurf einer tendenziell undemokratischen politischen Grundierung von
Kosellecks Werk bis in die 70er Jahre hinein findet sich auch bei Olsen, Reinhart Kosellecks
intellektuelle og personlige Relationer til Carl Schmitt ( Anm. 6); vgl. für eine abgewogenere
Kritik an Koselleck Scheuerman, Unsolved Paradoxes (wie Anm. 5), S. 237-240.
32 Dies muß die Bedeutung des Buches nicht schmälern, sondern verschiebt sie nur. So
hat z.B. Henning Ritter in seiner Würdigung Kosellecks zu dessen 80. Geburtstag, davon
gesprochen, „Kritik und Krise" sei „selbst eine Quelle geworden, eine Fundstelle für die
eindrucksvollsten und gewagtesten Äußerungen der Zeit, die zur Revolution führten." Vgl.
H. Ritter, Der Bogen ist immer gespannt. Erfahrung und Gerechtigkeit: Dem Historiker
Reinhart Koselleck zum 80. Geburtstag, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 23.4.2003.
Daß sich der Quellenwert von „Kritik und Krise" aber nicht in seiner Funktion als Stein
bruch erschöpft, soll dieser Beitrag auch zeigen.

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Die Gegenkraft und ihre Geschichte 317

che vergleichende Lektüre soll darüber hinaus eine These zur wiss
soziologischen Signifikanz der Schmitt/Koselleck'sehen Positionen
muliert werden, die sich nicht im Nachweis einer bloßen Überein
mung erschöpft.

II.

„Kritik und Krise" hätte nach Kosellecks ursprünglichem Plan eigent


lich „Dialektik der Aufklärung" heißen sollen, bis der Autor von der
Existenz eines gleichnamigen Werkes erfuhr.33 In der Tat bildet die
Philosophie der Aufklärung den Hauptgegenstand der Untersuchung.
Die Narration entwickelt eine vergleichsweise gerade Linie vom Ende
der europäischen Religionskriege (ausgehend nicht von Hobbes, son
dern vom radikalprotestantischen Dichter und Soldaten Théodore
Agrippa d'Aubigné) über die Philosophie und Gesellschaftsentwick
lung der Aufklärungsepoche bis zum Endpunkt 1789. Die Grundthese,
die Entstehung des Staates sei verbunden gewesen mit der notwendi
gen Ausgrenzung eines ,,moralische[n] Innenraum[es]"34, in dem sich
die fundamentale Kritik der Aufklärung habe ansiedeln und die Krise
des Staates auslösen können, wird untergründig gestützt durch eine The
se zur sich verändernden Zeitwahrnehmung in dieser Epoche.
Insofern weist „Kritik und Krise" nicht nur auf Schmitt zurück, son
dern auch auf den späteren, vornehmlich an den Temporalstrukturen
der Geschichte interessierten Koselleck voraus.35 War nämlich die Ent
stehung des Staates an die rückwärtsgewandte Erinnerung an die bluti
ge Dissoziation des christlichen Europa in den Religionskriegen ge
bunden, wandte die aufklärerische Kritik den Blick mehr und mehr nach
vorn, um als Utopie schließlich einen „politisch ungedeckten Wechsel
auf die Zukunft"36 auszuschreiben, der schließlich durch die Französi
sche Revolution eingelöst wurde. Diese Utopisierung des Zeitlichen fin
det in der Entstehung der Geschichtsphilosophie statt, die von Koselleck
als Säkularisierung christlicher Eschatologie gefaßt wird.37 Damit ent
33 Vgl. Müller, A Dangerous Mind (wie Anm. 3), S. 107. Im Vorwort zur 2. Auflage
spricht Koselleck selbst explizit von der Dialektik der Aufklärung als Gegenstand seiner
Studie: „Die Dialektik der Aufklärung entspringt - mit anderen Worten - nicht nur ihr
selbst, sondern mehr noch der geschichtlichen Situation, in der sie sich entfaltet." (R.
Koselleck, Kritik und Krise. Ein Beitrag zur Pathogenese der bürgerlichen Welt, Freiburg/
München 21969, S. VIII).
34 Koselleck, Kritik und Krise (wie Anm. 6), S. 30.
35 Koselleck betont in seinem Vorwort zur Taschenbuchausgabe von 1973 selbst diese
Perspektive auf den „immanenten zeitlichen Ablauf (ebd., S. X). Vgl. hierzu auch syste
matisch und weiterführend Mehring, Politikum der Krise (wie Anm. 5), S. 160 f.
36 Ebd., S. 157.
37 Vgl. Koselleck, Kritik und Krise (wie Anm. 6), S. 7 und passim. Diese Denkfigur
basiert wohl weniger auf der Grundannahme von Schmitts politischer Theologie, alle prä
gnanten staatsrechtlichen Begriffe seien säkularisierte theologische Begriffe (vgl. C.
Schmitt, Politische Theologie. Vier Kapitel zur Lehre von der Souveränität. Berlin 61993,
S. 43) als vielmehr auf den Thesen Karl Löwiths. Dieser hatte argumentiert, „daß die mo
derne Geschichtsphilosophie dem biblischen Glauben an eine Erfüllung entspringt und

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318 Jan-Friedrich Missfelder

steht für Koselleck ein immer größeres M


Ort des geschichtsphilosophischen Denkens
kungsmacht. Da sich jenes nur im moralisc
kann, muß es einen ,,hohe[n] Gerichtshof
vor dem der per definitionem nicht-moralisc
Akteure der kritischen Vernunft sind daher
dem moralischen Innen heraus operieren
ventikel, Geheimbünde, Gesprächskreise, L
think tanks einer unpolitisch politischen B
vom Staat zugestandenen moralischen Inne
ner Mentalreservation gegenüber diesem S
Koselleck folgt hier ziemlich genau den T
than".39 Auch für Schmitt ist die Entstehung
der Ansatzpunkt für politische Kritik am Lev
gen jene Gruppen, die an ihm nicht teilhaben
Potential; der moralische Innenraum als Geheimnisraum besetzt das
Arcanum als politische Größe um. Jetzt ist es nicht mehr arcanum imperii,
sondern das staatlich nicht besetzbare Gewissen der „Stillen im Lande"40,
die sich in Freimaurerlogen und Geheimbünden aller Arten gleichsam
als NGO's des Absolutismus organisieren. Sie sind es, die nach Schmitt
„das Verhältnis zwischen Öffentlich und Privat, Haltung und Gesinnung,
auf den Kopf [stellen]".41 Dies geschieht mittels einer ,,kleine[n],
umschaltende [n] Gedankenbewegung"42, die für Schmitt bei Spinoza ein
setzt.43 Hier wird die Hierarchie zwischen staatlichen Schutzpflichten und
daß sie mit der Säkularisierung ihres eschatologischen Vorbildes endet." (K. Löwith, Welt
geschichte und Heilsgeschehen. Die theologischen Voraussetzungen der Geschichtsphilo
sophie, Stuttgart 31953, S. 11 f) Löwith war zur fraglichen Zeit Professor in Heidelberg;
„Weltgeschichte und Heilsgeschehen", 1949 zuerst auf englisch erschienen, war überdies
von Kosellecks Freund Hanno Kesting übersetzt worden. Löwith und Schmitt sind sich
gleichwohl in der Stoßrichtung ihrer Argumentation durchaus nahe. Vgl. zu diesem Zu
sammenhang R. Mehring, Karl Löwith, Carl Schmitt, Jacob Taubes und das „Ende der
Geschichte", in: Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte 48 (1996), S. 231-248.
38 Koselleck, Kritik und Krise (wie Anm. 6), S.6.
39 Vgl. R. Schnur, Die französischen Juristen im konfessionellen Bürgerkrieg des 16.
Jahrhunderts. Ein Beitrag zur Entstehungsgeschichte des modernen Staates, Berlin 1962,
S. 71: „Aber diese aus dem konfessionellem Bürgerkrieg entstandene Kluft zwischen Po
litik und Gewissen bereitete schon, wie vor allem Carl Schmitt und Reinhart Koselleck
gezeigt haben, das Ende des absoluten Staates vor." Vgl. dagegen Nagel, Kritiker der Kri
se (wie Anm. 8): „Bei sorgfältigster Lektüre von .Kritik und Krise' entdeckt man freilich
auch, wie präzis sich Koselleck von Carl Schmitt absetzt: Er denkt den Staat von Hobbes
aus, nicht auf Donoso Cortés hin." Unklar bleibt, was das heißen soll.
40 Schmitt, Leviathan (wie Anm. 25), S. 92. Warum Schmitt hier zur Charakterisierung
der unpolitisch-politischen Bewegungen eine Selbstbeschreibung der Pietisten heranzieht,
ist nicht wirklich ersichtlich.
41 Ebd.
42 Ebd., S. 88.
43 Für Schmitt vollführt Spinoza diese Umschaltbewegung „aus der jüdischen Exis
tenz heraus" (ebd., S. 88 0- Auf den massiven Antijudaismus des „Leviathan" kann an
dieser Stelle nur hingewiesen werden. Vgl. hierzu ausführlich: R. Groh, Arbeit an der
Heillosigkeit der Welt. Zur politisch-theologischen Mythologie und Anthropologie Carl

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Die Gegenkraft und ihre Geschichte 319

individuellem Gewissensvorbehalt umgekehrt. War dieser bislang


politischen Feld ausgeschlossen, so avanciert er nun zum „formge
de[n] Grundsatz"44 politischen Denkens und Handelns. Aufkläreri
Kritik kann sich nun in politisch relevanter Weise auf die unpoliti
Moralität berufen. Die deutsche und französische Aufklärung bes
in diesem Modell daher einen ganz spezifischen Platz. Sie wird in
ster Linie nicht als Bewegung oder Denkrichtung sui generis an
siert, sondern in ihrer Funktion für die politische Entwicklung der e
sprechenden Staaten. Für Koselleck besteht hierin gar der methodi
Imperativ seiner Untersuchung:
„Es werden Gedankenbewegungen nachvollzogen, aber nur so weit, u
ihren politischen Akzent sichtbar werden zu lassen; und es werden di
tuationen geklärt, in denen die Gedanken konzipiert wurden und auf
sie zurückgewirkt haben, aber nur so weit, um die politische Sinnfällig
der Ideen herauszupräparieren."45

Diese Funktionalisierung des Philosophischen für das Politische läßt sic


noch präziser fassen. Koselleck faßt das Politische ausschließlich als Sta
lichkeit: „Das Thema bleibt die Geschehenseinheit der Aufklärung
absolutistischen Staat. Jeder Denkakt und jede Tat soll uns auf di
Ereignis verweisen."46 Es geht demnach letztlich um die Analyse der R
von Aufklärung in Bezug auf den absolutistischen Staat. Da Aufklä
im politischen Kontext dieses Staates aber nicht wirksam sein kann, k
sie sich politisch nur als Geschichtsphilosophie artikulieren. Letzt
beschreibt Koselleck daher die Koppelung von Geschichtsphiloso
und politischer, d.h. staatlicher Krise - ihre dialektische „Identität"47
immanente zeitliche Ablauf dieser Untersuchung erfüllt sich im
weis der jeweiligen Besetzung eines moralischen Innenraumes, der
solcher ebenso wie der absolutistische Staat konstant bleibt. Beide sind
untrennbar aufeinander bezogen und bilden den notwendigen strukturel
len Rahmen für die Artikulation geschichtsphilosophischer Positionen. Das
definitionsgemäß Unpolitische, der moralische Innenraum des Individu
ums, wird durch geschichtsphilosophische Besetzung zur politischen Waffe.

„Das politische Geheimnis der Aufklärung bestand darin, daß alle ihre Begrif
fe, der indirekten Gewaltnahme analog, nur unsichtbar politisch waren. In der
politischen Anonymität der Vernunft, der Moral, der Natur, usw. lag ihre po
litische Eigenart und Wirksamkeit. Unpolitisch zu sein ist ihr Politicum."48

Schmitts, Frankfurt/Main 1998, S. 25-63, bes. S. 27-30 und passim; M. Gangl, Gesell
schaftliche Pluralität und politische Einheit. Zu Carl Schmitts politischer Theorie, in: ders./
W. Bialas (Hg.), Intellektuelle im Nationalsozialismus, Frankfurt/Main u.a. 2000, S. 88
119, bes. S.97-102; R. Gross, Carl Schmitt und die Juden. Eine deutsche Rechtslehre,
Frankfurt/Main 2000, S. 268-284.
44 Schmitt, Leviathan (wie Anm. 25), S. 88.
45 Koselleck, Kritik und Krise (wie Anm. 6), S. 4.
46 Ebd., S. 5.
47 Ebd., S. 9.
48 Ebd., S. 123.

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320 Jan-Friedrich Missfelder

Der Staat, der dieser unpolitischen Politik s


kann für Koselleck nur der absolutistisch
fisch negativer Weise an die Existenz des m
bunden ist. Dies erklärt auch, warum der E
analysierten Entwicklung in der Französis
ist. Hier endet der absolutistische Staat, de
der geschichtsphilosophischen Kritik aus d
des machtlosen Denkens heraus ist. Für Kos
dies ein notwendiger Einschnitt, weil sich
nach 1789 radikal verändert. Nach der Revolution nimmt die morali
sche Kritik als bürgerliche Utopie ihre Rolle nicht mehr in gleicher
Weise wahr, denn die Revolution kann als Versuch der Verstaatlichung
von Geschichtsphilosophie verstanden werden.
Dies markiert einen entscheidenden Unterschied zu Schmitt. Schmitt
differenziert zwischen dem Leviathan und dem Staat:

„Die Unterscheidung von Innen und Außen wurde für den sterblichen Gott
die Krankheit zum Tode. Sein Werk aber, der Staat, überlebte ihn als eine
gut organisierte Exekutive, Armee und Polizei, mit einem Verwaltungs- und
Justizapparat und einer gut arbeitenden, fachlich gebildeten Bürokratie."49

Dieser gleichsam entseelte Staat funktioniert nur noch als Maschine,


die die Funktionen des einstigen Leviathan auch nach 1789 perpetuiert.
Der hieraus entstehende „Gesetzespositivismus" hat die Brücken zum
ursprünglichen Staatszweck abgebrochen; neue indirekte Gewalten er
setzen die alten, soziale Bewegungen und Gewerkschaften bilden als
„Gesellschaft" das neue Gegenmodell zum Staat. Und wieder sind es
für Schmitt vor allem Juden, die hiervon profitieren, nicht nur Fried
rich Julius Stahl, sondern auch ,,[d]ie jungen Rothschilds, Karl Marx,
Börne, Heine, Meyerbeer".50 Die Unterscheidung zwischen Staat als
Maschine und Leviathan als sterblichem Gott dient Schmitt vor allem
dazu, die existentielle Funktion des Leviathan zu betonen.
Dies endlich führt zum Ausgangspunkt seines Modells, zur Hobbes
Exegese. Für Schmitt hat Hobbes in seinem Hauptwerk eine spezifi
sche zeitgenössische Theorie der Entstehung des modernen Staates ent
worfen. Das entscheidende an dieser Theorie ist, daß Staatsentstehung,
Staatszweck, Staatsform und Staatssymbolik in einem organischen, oder
besser: mechanischen Bild konvergieren, für das der Name „Leviathan"
ebenso wie das berühmte Frontispiz der Erstausgabe von Hobbes' Werk
gleichermaßen einstehen. Alle lassen sich - so Schmitts These und Ar
gumentationsverfahren - auf eine gemeinsame Formel beziehen: „Der
Staat ist nach Hobbes nur der mit großer Macht fortwährend verhinder
te Bürgerkrieg."51 Dies bedeutet, daß der Bürgerkrieg für Hobbes als
das Paradigma nicht nur der Staatsentstehung, sondern auch - das Wort

49 Schmitt, Leviathan (wie Anm. 25), S. 99.


50 Ebd., S. 108.
51 Ebd., S. 34.

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Die Gegenkraft und ihre Geschichte 321

„fortwährend" läßt es anklingen - der dauerhaften Existenz des St


darstellt. Historisch beruht dieser nach Hobbes auf einer Ursachenana
lyse des bellum omnium contra omnes seit der Mitte des 16. Jahrhun
derts. Diese identifiziert die Ausdifferenzierung der christianitas in kon
fessionelle Großgruppen als entscheidenden Motor der Friedensstörung
und der Instabilität der Machverhältnisse.52 Die politische Ordnung war,
so ließe sich zuspitzen, nicht mehr durch die religio als vinculum
societatis zu integrieren, sondern setzte sich selbst als Staat an ihre Stel
le. Es geht darum, Legitimitätsansprüche konfessioneller und adliger
Gewalten so weit wie möglich auszuschalten, um einen dauerhaften,
gleichwohl beständig gefährdeten Frieden zu garantieren. Dieser im
Leviathan neu konstituierte Souverän ist daher - wie Schmitt sagt -
nicht mehr defensor pacis, sondern selbst creator pacis.53 Die Erfah
rung der Dissoziation der Gesellschaft entlang konfessioneller Markie
rungen legte einen Staatsbegriff nahe, der Legitimität nicht länger über
religiöse Wahrheit bestimmte. Schmitt faßt diese neuartige politische
Funktion des Staates für Hobbes zusammen: „Für Hobbes kommt es
darauf an, durch den Staat die Anarchie des feudalen, ständischen oder
kirchlichen Widerstandsrechts und den daraus fortwährend neu entbren
nenden Bürgerkrieg zu überwinden."54 Dies geht mit einem Entzug der
religiösen Legitimierung politischer Herrschaft einher, den Schmitt spä
ter in „Hamlet oder Hekuba" als „Entthronung der Theologen"55 cha
rakterisiert. Der Staat ersetzt als sterblicher Gott den christlichen Gott
als legitimatorische Referenz, er vereint wie im Titelkupfer von Hobbes'
Leviathan weltliche und geistliche Herrschaft in einer souveränen Per
son.56 Diese Deutung der Entstehung des modernen Staates „als Vor
gang der Säkularisation", wie der Schmitt-Schüler Ernst-Wolfgang Bö
ckenförde schreibt, hat historiographisch Schule gemacht.57 Sie findet
sich nicht nur in neueren, auch internationalen Publikationen zur Ge
schichte der Beendigung der Religionskriege,58 sondern eben auch schon
in „Kritik und Krise": „Während die religiösen Parteien ihre Energien
aus Quellen bezogen, die außerhalb der fürstlichen Machtbereiche la
gen, konnten sich die Fürsten nur gegen sie durchsetzen, wenn sie das
Primat des Religiösen brachen."59
52 Vgl. nur W. Reinhard, Geschichte der Staatsgewalt. Eine vergleichende Verfas
sungsgeschichte Europas von den Anfängen bis zur Gegenwart, München 220 00, S. 119.
53 Schmitt, Leviathan (wie Anm. 25), S. 50.
54 Ebd., S. 113.
55 C. Schmitt, Hamlet oder Hekuba. Der Einbruch der Zeit in das Spiel, Stuttgart
1985 (1956), S. 65.
56 Vgl. hierzu H. Bredekamp, Thomas Hobbes, Der Leviathan: Das Urbild des mo
dernen Staates und seine Gegenbilder, 1651-2001, 2., stark veränd. Aufl. Berlin 2003.
57 Vgl. E.-W. Böckenförde, Die Entstehung des Staates als Vorgang der Säkularisati
on, in: ders., Recht, Staat, Freiheit. Studien zur Rechtsphilosophie, Staatstheorie und
Verfassungsgeschichte, Frankfurt/Main 1991, S. 92-114.
58 Vgl. z.B. unter explizitem, wenngleich kritischem Bezug auf Schmitt O. Christin, La
paix de religion. L'autonomisation de la raison politique au XVIe siècle, Paris 1997, S. 11-14.
59 Koselleck, Kritik und Krise (wie Anm. 6), S. 13.

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322 Jan-Friedrich Missfelder

Entscheidend an dieser Figur ist aber di


krieges für das Bestehen des Staates. Die P
besteht nach Schmitt darin, daß sie einerse
nach Abschluß des Unterwerfungsvertrage
zeptionell ausschließt und es daher nur m
gierter und distanzierter Weise" anzugehör
politischen und kulturellen Bedingungen d
Reproduktion des Lebens absteckt".60 Auf d
den moralischen Innenraum als den ,,unb
zustandes, der in den formvollendeten Staat h
Hobbes-Lektüre konstituiert sich dieser moralische Innenraum als Un
terscheidung zwischen faith und confession, zwischen innerem Glau
bensvorbehalt und äußerer Bekenntniskonformität. Für Hobbes besteht
hierin die notwendige Bedingung der Möglichkeit einer Entthronung
der Theologen. Er diskutiert diese Unterscheidung zwischen Innen und
Außen im Kontext des Wunderglaubens. „Da die Gedanken frei sind,
hat ein Privatmann immer die Freiheit, die Taten, die für Wunder aus
gegeben worden sind, in seinem Herzen zu glauben oder nicht zu glau
ben, [...]. Gilt es aber diesen Glauben zu bekennen, so muß sich die
private Vernunft der öffentlichen unterwerfen, das heißt dem Statthal
ter Gottes."62 Schmitt redet hier dann Klartext: „Wunder ist das, woran
die souveräne staatliche Gewalt als ein Wunder zu glauben befiehlt."63
Es scheint hier keine politische Integration qua religiöser Wahrheit mehr
geben zu dürfen; Hobbes umgeht diese scheinbare Notwendigkeit in
der „typisch dezisionistischen Wendung"64 zur Wert- und Wahrheits
neutralität des souveränen Staates.65 Eben hier setzt Schmitts Kritik an.
Die Notwendigkeit, dem Individuum einen moralischen Innenraum zu
zugestehen, bedeutet für Schmitt schon den Anfang vom Ende des Le
viathan. Wichtig ist dabei, daß nicht die Existenz von Glaubens- und
Gewissensfreiheit als solche als „Bruchstelle"66 der Hobbes'sehen
Staatskonstruktion gedeutet wird, sondern ihre notwendige Aufnahme
in das politische System. Schmitt konstatiert in seinem „Leviathan"
demnach eine paradoxale Situation: die Notwendigkeit eines morali
schen Innenraums für die Entstehung des souveränen, säkularen Staa
60 G. Abel, Stoizismus und Frühe Neuzeit. Zur Entstehungsgeschichte modernen Den
kens im Felde von Ethik und Politik, Berlin/New York 1978, S. 271.
61 Koselleck, Kritik und Krise (wie Anm. 6), S. 30.
62 T. Flobbes, Leviathan oder Stoff, Form und Gewalt eines kirchlichen und bürgerli
chen Staates, hg. und eingeleitet von Iring Fetscher, Frankfurt/Main 1984, S. 340.
63 Schmitt, Leviathan (wie Anm. 25), S. 82.
64 Ebd.
65 Daß Hobbes gleichsam als integrative Residualformel ein „Jesus is the Christ" in
sein Modell installiert, wird von Schmitt nicht nur ignoriert, sondern bewußt umgedeutet.
Vgl. zu Schmitts absichtlicher Fehllektüre Groh, Arbeit (wie Anm. 43), S. 52-63; auch R.
Mehring, Esoterische „Hinweise"? Marginalien zum Feindbegriff und „anthropologischen
Glaubensbekenntnis", in: ders. (Hg.), Carl Schmitt: Der Begriff des Politischen. Ein koo
perativer Kommentar, Berlin 2003, S. 188-204.
66 Schmitt, Leviathan (wie Anm. 25), S. 84.

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Die Gegenkraft und ihre Geschichte 323

tes legt zugleich den „Todeskeim"67 in ihn hinein. Ob man daraus


theokratischen Impetus folgern muß - ,,[d]er absolutistische Levia
war Schmitt nicht absolutistisch, nicht fundamentalistisch genug"
steht dahin. Vielmehr verweist diese paradoxale Figur auf eine K
stante Schmitt'sehen Staatsdenkens, das den Staat vor allem als Or
nung der Ausnahme begreift. Dies läßt sich wiederum an der Rezep
der Schmitt'sehen Hobbes-Interpretation bei Koselleck beobachten
Auch für Koselleck „ist der Staat seinen eigenen Bedingungen e
gen".69 Während Schmitt also gleichsam in einer melancholischen
te der Dekonstruktion avant la lettre70 den Selbstwiderspruch der
lichkeitsbedingung des Staates konstatiert, diagnostiziert Kosell
seine historische Konstellation. Das aus der Krise der Religionsk
konstruierte Staatsverständnis ist ohne die Krise nicht denkbar.

„Die Notwendigkeit, einen dauerhaften Frieden herbeizuführen, veranlaßt


den Staat, dem Individuum einen Binnenraum zu konzedieren, der die sou
veräne Entscheidung so wenig beeinträchtigt, daß er vielmehr unabding
bar für sie wird. Im Maß jedoch, als die moralische Neutralität, die die
souveräne Entscheidung auszeichnet, verfällt, geht dem absolutistischen
Staat seine spezifisch situationsgebundene Evidenz verloren."71

Diese spezifisch situationsgebundene Evidenz beruht auf der Evidenz


der Situation der Krise des Religionskrieges. Der Staat, der das konfes
sionelle Moment aus seiner Selbstbeschreibung ausschließt, ist genö
tigt, beständig wieder darauf zu rekurrieren, um seine eigene Legitima
tion als Produkt eben jener Krise zu sichern. Allgemeiner formuliert
bedeutet dies, daß die Souveränität ihre eigene Möglichkeitsbedingung
beständig von neuem leugnen und konzeptionell ausschließen muß. Der
Staat existiert als dauerhafte, „fortwährende" Antwort auf die Krise der
Religionskriege und als solche gleichsam als „Schwellenordnung"72 ei
nes auf Dauer gestellten Ausnahmezustandes.73 In dem Moment jedoch,
in dem diese Krise nicht mehr als akute Gefahr wahrnehmbar ist, ver
ändert sich auch der Status des Bürgerkrieges im Verhältnis zum Staat.
So registriert Koselleck bei seinem Durchgang durch die Protagonisten

67 Ebd., S. 86.
68 Groh, Arbeit (wie Anm. 43), S. 43.
69 Koselleck, Kritik und Krise (wie Anm. 6), S. 154.
70 Vgl. zu Schmitts dekonstruktiver Methode allgemein R. Mehring, Carl Schmitt zur
Einführung, Hamburg 1992, S. 72 f.; auch William Scheuerman spricht von Schmitts
„deconstruction of liberal democracy" (Scheuerman, Unsolved Paradoxes (wie Anm. 5),
S. 222 f., Hervorheb. im Original).
71 Koselleck, Kritik und Krise (wie Anm. 6), S. 30.
72 Vgl. zu diesem Begriff G. Agamben, Homo sacer. Die souveräne Macht und das
nackte Leben, Frankfurt/Main 2002.
73 Dieses Staatsverständnis unterscheidet Schmitt und mit ihm bis zu einem gewissen
Grad Koselleck von Hobbes, der das Interregnum als Moment des Ausnahmezustandes mit
Hilfe des Leviathan überwinden will. Vgl. H. Bredekamp, Von Walter Benjamin zu Carl
Schmitt via Thomas Hobbes, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 46 (1998), S. 901
916, bes. S. 909.

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324 Jan-Friedrich Missfelder

von Kritik und Krise deren sich langsam wa


gerkrieg und damit zum Staatszweck als seiner
rung. Für Pierre Bayle z.B. verhinderte die E
krieg die Übertragung seines kritischen Impetu
tionärer Absicht: „Erfasse der Fortschritt einm
sei es sicher, daß die Übel eines Bürgerkrieges,
größer seien als die Übel, die er beseitigen so
Wohltaten' eines Bürgerkrieges wollte Bayle
Jahrhundert später kehrt der moralische Rig
Staatszweck um:

„Was für den Absolutismus die Unterordnung der Moral unter die Politik
das Ordnungsprinzip, das den Bürgerkrieg beendete und niederhielt, so wur
de für Turgot gerade dieses Prinzip zum Fanal des Bürgerkrieges selber.
[...] Mit der Berufung auf das die Menschen wie Fürsten in gleicher Weise
bindende Gewissen verbindet Turgot eine doppelte Feststellung. Gegen die
Stimme des Gewissens handeln, moralisch ungerecht sein, heißt schon den
Bürgerkrieg rechtfertigen und zugleich ihn heraufzubeschwören."75

Turgots Imperativ blieb noch die Verhinderung des Bürgerkrieges durch


moralische Kritik am Souverän. Im Verlaufe des späten 18. Jahrhun
derts kehrt sich jedoch die Bewertung des Bürgerkrieges selbst um, in
dem der Staat mehr und mehr als treibende Kraft eines Bürgerkrieges
begriffen wird, dem die Kritik eine eigene, moralische Gewalt entge
gensetzen muß, die ihrerseits eine totale Umwertung des Bürgerkriegs
begriffs vornimmt: „Der Bürgerkrieg ist ein unschuldiges Ereignis. Er
führt zwar zu Gewalttätigkeiten und Mord, aber sein Wesen wird be
stimmt durch die politische Kritik."76 Aus diesem Grund wird die Re
volution von 1789 eben auch nicht mehr als Bürgerkrieg, sondern viel
mehr als politische Verwirklichung der bürgerlichen Utopie wahrge
nommen.77 Die Erinnerung an die konfessionellen Bürgerkriege als Le
gitimation des souveränen Staates ist vollständig erloschen.
Der Bürgerkrieg bildet also zusammenfassend bei Schmitt wie bei
Koselleck das Paradigma des Staates, an ihm kann Entstehung, Funkti
on und Zweck, Alpha und Omega des Leviathan bemessen werden.78

74 Koselleck, Kritik und Krise (wie Anm. 6), S. 93.


75 Ebd., S. 130.
76 Ebd., S. 151.
77 Roman Schnur diskutiert aus dieser Perspektive den Unterschied zwischen Revolu
tionstheorien und einer zu entwerfenden Theorie des Bürgerkriegs. Während erstere die
geschichtsphilosophische Unterfütterung der revolutionären Selbstwahrnehmung repro
duziere, sei die Theorie des Bürgerkrieges eher phänomenologisch ausgerichtet und neh
me „Verhaltenslehren" von Menschen in Bürgerkriegssituationen in den Blick. Vgl. R.
Schnur, Zwischenbilanz: Zur Theorie des Bürgerkrieges. Bemerkungen über einen ver
nachlässigten Gegenstand, in: ders., Revolution und Weltbürgerkrieg. Studien zur Ouverture
nach 1789, Berlin 1983, S. 120-145, bes. S. 124-129.
78 Dies gilt zumindest für Schmitt nicht nur historisch, sondern auch staatsrechtlich,
wie z.B. schon aus seiner Position im Prozess „Preußen kontra Reich" 1932 deutlich wird.
Schmitt hatte hier den Preußen-Schlag als legitimes Mittel zur Abwendung eines Bürger

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Die Gegenkraft und ihre Geschichte 325

Der Staatszweck, die Befriedung des Politischen durch Ausklamme


des Religiösen, führt zur Bildung eines moralischen Innenraums, in de
die situationsgebundene Evidenz des Staates nicht mehr evident ist, w
dieser nicht mehr an die Situation des Bürgerkrieges gebunden ist
erscheint unausweichlich:

„In dem Augenblick, in dem die Unterscheidung von Innen und Außen aner
kannt wird, ist die Überlegenheit des Innerlichen Uber das Äußerliche und
damit die des Privaten über das Öffentliche im Kern bereits entschiedene
Sache. Eine öffentliche Macht und Gewalt mag noch so restlos und nach
drücklich anerkannt und noch so loyal respektiert werden, als eine nur öf
fentliche und nur äußerliche Macht ist sie hohl und von innen her bereits
entseelt."79

Das Private ist das Politische. Es kann sich aber definitionsgemäß nicht
öffentlich artikulieren, sondern verbleibt im Zustand der kritischen La
tenz. Diese Latenz ist es, die den Staat von innen, das ihm zugleich sein
einziges Außen ist, ausgehöhlt hat. Diese kritische Bewegung findet
ihren Ausdruck einerseits im „bellum omnium contra omnes der Ge
lehrtenrepublik"80, andererseits aber auch im Arcanum eines beredten
Schweigens:
„Wenn aber wirklich die öffentliche Macht nur noch öffentlich sein will,
wenn Staat und Bekenntnis den innerlichen Glauben ins Private abdrän
gen, dann begibt sich die Seele eines Volkes auf den .geheimnisvollen
Weg', der nach innen führt. Dann wächst die Gegenkraft des Schweigens
und der Stille."81

Diese Gegenkraft besteht in der Polarität zwischen öffentlich konformem


Schweigen und privater, flüsternder Kritik. Sie kann nicht nur Krisen,
sondern, wie Koselleck vorgeführt hat, auch Revolutionen auslösen.

III.

In seinen „Erfahrungen der Zeit 1945/47" zitiert Carl Schmitt sich selbst
falsch: „Im Sommer 1938 erschien in Deutschland ein Buch, in dem es
heißt: ,Wenn in einem Lande nur noch die von der staatlichen Macht
organisierte Öffentlichkeit gilt, dann begibt sich die Seele eines Vol
kes auf den geheimnisvollen Weg, der nach Innen führt; dann wächst
die Gegenkraft des Schweigens und der Stille.'"82 Die Abweichung von
der oben zitierten Stelle aus dem „Leviathan" ist gering, doch signifi

krieges gerechtfertigt. Vgl. W. Pyta/G. Seiberth, Die Staatskrise der Weimarer Republik
im Spiegel des Tagebuchs von Carl Schmitt, in: Der Staat 38 (1999), S. 423-446 und S.
594-610; G. Seiberth, Anwalt des Reiches. Carl Schmitt im Prozeß Preußen contra Reich
1932, Berlin 2001; D. Blasius, Weimars Ende. Bürgerkrieg und Politik 1930-1933, Göt
tingen 2005, S. 115-117.
7'' Schmitt, Leviathan (wie Anm. 25), S. 94.
80 Koselleck. Kritik und Krise (wie Anm. 6), S. 156.
81 Schmitt, Leviathan (wie Anm. 25), S. 94.
82 C. Schmitt, Ex captivitate salus. Erfahrungen der Zeit 1945/47, Berlin 22002, S. 21.

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326 Jan-Friedrich Missfelder

kant. Während Schmitt 1938 den reinen Öffent


tes als notwendige Selbstbeschränkung einer
fentlich sein will", charakterisiert hatte, wende
nach der Erfahrung der Zeit 1933-45, ins Tot
insinuiert er, einen Totalitätsanspruch auf di
geübt, der keinen Raum für Gegenöffentlichke
den Rückzug in den rein privaten Innenraum g
logeten wie Günter Maschke haben schon den
Widerstandswerk gegen die nationalsozialistisch
in dem Schmitt eine eigene Version des totalen
des NS habe gegenüberstellen wollen.83 Insofern
logetische Tendenz von „Ex captivitate salus", d
deutung seiner Beurteilung des Öffentlichkeits
nimmt. Man kann diese Zitatverfälschung auf
pretieren. Versteht man das ursprüngliche Zi
zur Durchsetzung [des] Anspruches im Einsa
tel"84 im Sinne eines Zugriffs auf die Seelen
haltung, so erscheint die Zitatfälschung nach
tuationsspezifisch gezielte[r] Desinformatione
eine „Figur der Selbstentlastung"86 zu sehe
Schmitts Selbstzitat auf seine Rolle und Funktion im NS inklusive der
antisemitischen Invektiven im „Leviathan". Man kann aber auch mit
Günter Meuter einen Schritt weiter gehen und beiden Zitatvarianten die
gemeinsame Intention zu Grunde legen, „das wahre Innere zum politi
schen Prinzip des Öffentlichen zu machen".87 Hier öffnet sich ein Weg,
der über die engere selbstapologetische Funktion von „Ex captivitate
salus" hinausführt. Eine solche Lesart wird unter Umständen auch durch
den Teil des Zitates gestützt, den Schmitt nicht verändert hat. Beide Zi
tatvarianten zielen nämlich auf Situationen, in denen die Gegenkraft des
Schweigens und der Stille wächst. Es gilt daher abschließend, die spezi
fisch politische Funktion des Schweigens und der Stille im Kontext von
1938 und 1945ff herauszuarbeiten.
Der Begriff des Schweigens nimmt im oben skizzierten Modell von
Aufstieg und Fall des Leviathan eine zentrale, gleichwohl ambivalente

83 Vgl. Maschke, Zum „Leviathan" von Carl Schmitt (wie Anm. 25), passim. Die Fra
ge, inwieweit Schmitt im „Leviathan" implizit Strukturprobleme des NS-Staates verhan
delt, muß hier außen vor bleiben. Vgl. hierzu nur H. Rottleuthner, Leviathan oder Behemoth?
Zur Hobbes-Rezeption im Nationalsozialismus und ihrer Neuauflage, in: Archiv für Rechts
und Sozialphilosophie 69 (1983), S. 247-265, bes. S. 254-259; D. Dyzenhaus, Leviathan
in the 1930s: The Réception of Hobbes in the Third Reich, in: McCormick (wie Anm. 5),
S. 163-191, bes. S. 177 f.
84 R. Mehring, Vergangenheitsbewältigung bei Carl Schmitt, in: Bialas/Gangl (wie
Anm. 43), S. 120-134, hier S. 125 und Anm. 19.
85 G. Meuter, Der Katechon. Zu Carl Schmitts fundamentalistischer Kritik der Zeit,
Berlin 1994, S. 192.
86 Groh, Arbeit (wie Anm. 43), S. 137.
87 Meuter, Katechon (wie Anm. 85), S. 192, Hervorheb. im Original.

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Die Gegenkraft und ihre Geschichte 327

Rolle ein. Es ist Grundbedingung für das Entstehen des Staates als
und wahrheitsneutrale Instanz zur Beendigung des konfessionellen
gerkrieges. Schmitt belegt diese in „Ex captivitate salus" mit dem
rühmten Appell des Alberico Gentiii aus dem späten 16. Jahrhun
„Silete, theologi, in munere alieno!"88 Hier wird dem Schweigen
systemdifferenzierende Kraft zugemessen. Durch das Schweigen der T
ologen auf dem Gebiet der Politik wird eine Unterscheidung zwis
religiöser und politischer Kommunikation und damit zwischen re
sem und politischem System möglich, die als Säkularisierung die Grun
lage für die friedensstiftende Funktion des Staates darstellt. Der Aussc
der theologischen Kommunikation aus dem Feld des Politischen b
für Schmitt die notwendige Bedingung der Überwindung des (konfess
nellen) Bürgerkrieges und für den Entwurf eines nicht-diskrimin
den Kriegsbegriffs.89 Zugleich ist das Schweigen der Theologen
politisch beredt als Voraussetzung für die Entstehung eines nicht-poli
schen Raumes. In diesem Moment wird aber zugleich die Ambiv
des politischen Schweigens deutlich. Im Zuge der Säkularisierung
religiösen Kommunikation wird aus dem konfessionellen Innenraum e
moralischer Innenraum, der das Forum für politisch weiterhin sc
gende, doch moralisch beredte und letztlich politisch wirksame K
bildet. Dies ist die Gegenkraft des Schweigens und der Stille, die Schm
im „Leviathan" entwirft und die Koselleck in „Kritik und Krise" histo
risch verorten wird. Schweigen ist - das sollte der „Leviathan" zeigen -
politisch von außerordentlicher Brisanz, weil es den Raum für Kritik öff
net. Insofern ist das verfälschte Selbstzitat in „Ex captivitate salus" beides:
Selbstentlastung und esoterische Selbstbehauptung zugleich.
Im modernen Zeitalter der Neutralisierungen und Entpolitisierungen
ist diese Struktur durchaus noch präsent. Dies gilt letztlich bis in die Ge
genwart. Der Appell des Alberico Gentiii ist für Schmitt gerade nicht
verhallt, denn er bekennt: „Ich höre ihn heute noch rufen."90 Nur hat auch
hier der Mechanismus der Säkularisierung gegriffen. Nicht mehr die The
ologen sind zum Schweigen aufgefordert, sondern die Juristen - „Silete
jurisconsulti!"91 - oder genauer: die letzten Vertreter jenes europäischen
Völkerrechts, die den Staat des Leviathan begründet haben, also letztlich
nur noch Schmitt selbst:

88 Schmitt, Ex captivitate salus (wie Anm. 82), S.70. Schmitt weist hier seine Quelle
nicht nach. Das Zitat findet sich bei A. Gentiii, De iure belli libri très. The Photographic
Reproduction of the Edition of 1612, Oxford 1933, S. 92. Das Gentili-Zitat gehört zu den
zentralen Referenzen in Schmitts gesamtem Werk. Vgl. für weitere Verwendungen auch
C. Schmitt, Der Nomos der Erde im Völkerrecht des Jus Publicum Europaeum, Berlin
31988, S. 91 f. und S. 129-131, dort auch mit Nachweis.
89 Vgl. Schmitt Nomos der Erde (wie Anm. 88), S. 131.
90 Ebd. Vgl. auch C. Schmitt, Der Begriff des Politischen. Text von 1932 mit einem
Vorwort und drei Corollarien, Berlin 72002, S. 15: „Das Wort Silete theologi!, das ein
Jurist des Völkerrechts am Beginn der staatlichen Epoche den Theologen beider Konfessi
onen zugerufen hat, wirkt immer noch weiter."
91 Schmitt, Ex captivitate salus (wie Anm. 82), S. 75. Vgl. zu dieser Stelle auch die subtile
Deutung bei G. Marramao, Die Säkularisierung der westlichen Welt, Frankfurt/Main 1999, S. 78 f.

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328 Jan-Friedrich Missfelder

„Das sind zwei merkwürdige Schweigebefehle


einer Epoche. Am Anfang steht eine Aufforde
von den Juristen ausgeht und an die Theologen
richtet ist. Am Ende steht eine an die Juristen g
reinen, das heißt restlos profanen Technizität.
hang der beiden Schweigebefehle hier nicht er
heilsam, sich daran zu erinnern, daß die Lage am
weniger grauenhaft war, als sie am Ende ist."92

Die Lage am Anfang wie am Ende der Epoche is


grauenhaft, sondern sogar strukturell äquivalent
- von Schmitt als Situationen des Bürgerkriegs
nellen Bürgerkrieg zu Beginn der Epoche des Lev
bürgerkrieg an ihrem Ende. So spricht Schmitt
1945 von Karl Mannheim gehaltenen Radiovortr
latenten Weltbürgerkrieg" und expliziert daran
logie: „Denn in mancher Hinsicht wiederholt sic
ten Parolen und in globalen Dimensionen, die A
den konfessionellen Kriegen des 16. und 17. Jah
auf kolonialem Boden ausgetragen wurde."93 Au
einer Bürgerkriegssituation, die er aber gleichs
Wesen des Bürgerkrieges gehört die Unterwerf
des Feindes."94 Obwohl Schmitt nicht formell A
Prozesse war, sah er sich doch genötigt, sich im
NS zu rechtfertigen. Dies bedeutete für ihn ein
vermeintliche Siegerjustiz und machte damit die
lich, in der er sich seiner Selbstwahrnehmung n
Daß sich die Welt mit dem Ende des 2. Weltkr
des globalen Weltbürgerkriegs befand, gehö
der intellektuellen Kultur der deutschen Rechten
hatte Schmitt in einem Aufsatz in der Marine-Rundschau seine Lehre
vom diskriminierenden Kriegsbegriff97 auf die aktuelle Welt- und Kriegs
lage angewandt. Im Zuge des amerikanischen „Pan-Interventionismus"
werde der klassische Staatenkrieg in einen planetarischen Krieg neuen
Typs verwandelt:

„Sobald die Diskriminierung anderer Regierungen in der Hand der Regie


rung der Vereinigten Staaten liegt, haben diese das Recht, die Völker ge

92 Schmitt, Ex captivitate salus (wie Anm. 82), S. 75.


93 Ebd., S. 13 f.
94 Ebd., S. 57. Vgl. auch Mehring, Vergangenheitsbewältigung (wie Anm. 84), S. 130.
95 Vgl. J. W. Bendersky, Carl Schmitt at Nürnberg, in: Telos 72 (1987), S. 91-107.
96 Vgl. D. van Laak, „Nach dem Sturm schlägt man auf die Barometer ein..." Rechts
intellektuelle Reaktionen auf das Ende des „Dritten Reiches", in: WerkstattGeschichte
17 (1997), S. 25-44, bes. S. 34.
97 Vgl. C. Schmitt, Die Wendung zum diskriminierenden Kriegsbegriff [1937/38], in:
ders., Frieden oder Pazifismus? Arbeiten zum Völkerrecht und zur internationalen Politik
1924-1978, hg., mit einem Vorwort und mit Anmerkungen versehen von Günter Maschke,
Berlin 2005, S. 518-597.

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Die Gegenkraft und ihre Geschichte 329

gen ihre Regierungen aufzurufen und den Staatenkrieg in einen Bürger


zu verwandeln. So wird der diskriminierende Weltkrieg zum totale
globalen Welt-Bürgerkrieg. Hier liegt das Geheimnis der auf den ersten
so unwahrscheinlichen Verbindung des westlichen Kapitalismus mit
östlichen Bolschewismus. Von beiden Seiten her wird der Krieg, ind
global und total wird, aus dem zwischenstaatlichen Krieg des bisherig
ropäischen Völkerrechts in einen Welt-Bürgerkrieg verwandelt."98

Nach Kriegsende schließlich wurde der Begriff vor allem durch


Jüngers Schrift „Der Friede", die in den letzten Kriegsjahren als
skript kursiert hatte, aber erst 1946 im Druck erschien, popular
Auch Jünger begreift den Weltkrieg hier nicht mehr nur als einen „
gang zwischen Völkern und Staaten, zwischen Nationen und Ra
sondern in noch weit höherem Maße als einen Weltbürgerkrie
der den Planeten nochmals in zwar geheimere, doch um so sch
chere Fronten spaltete."100 Er griff den Begriff dann nicht nur im „
gang" von 1951 wieder auf, sondern vor allem auch in seinem C
cio zum Ost-West-Konflikt „Der Gordische Knoten" von 1953.10
ger greift hier auch den bei Schmitt schon angedeuteten Gedan
ner strukturellen Äquivalenz von Kapitalismus und Kommunism
beginnenden Kalten Krieg wieder auf. Auch hier findet sich die
zite Parallelisierung dieses Konfliktes mit den konfessionellen B
kriegen der Frühen Neuzeit:
„Es besteht eine Deckung des Bürgerkrieges mit der Ost-West-Begegn
die nicht zufällig ist, sondern auf Verwandtschaft beruht. [...] Von
aus erfahren die Formen sowohl des Bürgerkrieges als auch der Ost

98 C. Schmitt, Die letzte globale Linie [1943], in: ders., Staat - Großraum - N
Arbeiten aus den Jahren 1916-1969, hg., mit einem Vorwort und Anmerkungen v
von Günter Maschke, Berlin 1995, S. 441-452, hier S. 446. Der Text beruht auf einem
längeren Vortrag in spanischer Sprache unter anderem Titel, den Schmitt am 1.6.1943 in
Madrid hielt. Vgl. C. Schmitt, Strukturwandel des Internationalen Rechts [1943], in: ders.:
Frieden oder Pazifismus? (wie Anm. 97), S. 652-700.
99 Vgl. zu den Entstehungs- und Editionsumständen U. Reinhold, Ernst Jünger: „Der
Friede" - ein Beitrag zum Frieden?, in: S. Bock u.a. (Hg.): Die Waffen nieder! Schriftstel
ler in den Friedensbewegungen des 20. Jahrhunderts, Berlin 1989, S. 110-119. Allgemein
auch H. Seferens, „Leute von übermorgen und von vorgestern". Ernst Jüngers Ikonogra
phie der Gegenaufklärung und die deutsche Rechte nach 1945, Bodenheim 1998, S. 77-83.
Der Begriff scheint allerdings auch schon vorher vereinzelt gebraucht worden zu sein. So
schreibt z.B. Thomas Mann am 30. Dezember 1940 an Hendrik van Loon: „In diesem
Welt-Bürgerkrieg gibt es keine Nationen mehr, sondern nur noch Parteigänger der Ge
meinheit und solche des (relativen) Menschenanstandes." (in: Th. Mann, Briefe 1937-1949,
hg. von E. Mann, Frankfurt/Main 1963, S. 172).
100 E. Jünger, Der Friede, in: ders., Sämtliche Werke, Bd.7: Essays 1. Betrachtungen
zur Zeit, Stuttgart 1980, S. 193-236, hier S. 198.
101 Schmitt antwortet auf diesen Text in der Festschrift für Jünger von 1955 mit einer
eigenen Deutung des Ost-West-Konfliktes, die die Weltbürgerkriegsproblematik ausblen
det und eher auf den Gegensatz zwischen Land und Meer abhebt. Vgl. C. Schmitt, Die
geschichtliche Struktur des heutigen Welt-Gegensatzes von Ost und West. Bemerkungen
zu Ernst Jüngers Schrift „Der Gordische Knoten", in: ders., Staat - Großraum - Nomos
(wie Anm. 98), S. 523-551.

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330 Jan-Friedrich Missfelder

Begegnung ihre Prägung, die sie scharf abhebt


nung europäischer Staaten und ihren Konflikten
von den eigentlichen Religionskriegen absehen

Von Jünger her kann der Begriff des Weltb


ein Theorem verstanden werden, das versuch
mit der nationalsozialistischen Erfahrung in
torischen Kontext einzuordnen, in dem der
dikale Variante in den ideologischen Ausein
Französischen Revolution"103 erscheint. Diese Pe
rem des Weltbürgerkrieges für eine Darstellu
Jahrhunderts als ideologischen Konflikt zwis
ologischen Positionen, der seine höchste Zusp
Ost-West-Konflikt, bzw. im Gegensatz zwisc
munismus findet, wie sie später neben der S
Sinne vor allem von Ernst Nolte vertreten worden ist.104 Eben diese Be
tonung der ideologischen Dimension eines weltumspannenden Konf
liktes findet sich auch schon in Hanno Kestings Bestimmung des Be
griffes vom „Weltbürgerkrieg." Kesting erkennt hier „das Eindringen
der Geschichtsphilosophie in die zwischenstaatliche Politik" mit fata
len Folgen:
„Wie im europäischen Bürgerkrieg diskriminiert sie auch hier den politi
schen Gegner, indem sie ihn als einen .Verbrecher' im strengen, strafrecht
lichen Sinne des Wortes abstempelt. [...] Von beiden Seiten löst sich der
Krieg im bisherigen Sinne auf, und mit ihm die für die Art des Krieges, für
seine Lokalisierung und Begrenzung, wichtigen Unterscheidungen - die
Unterscheidung zwischen Feind und Verbrecher, von Soldat und Zivilist,
von Front und Hinterland und von Kriegführenden und Neutralen."105

Schon Jünger hatte angemerkt, daß sich die „Unterscheidung zwischen


Bewaffneten und Wehrlosen"106 im Weltbürgerkrieg auflöse; abgese
102 Ε. Jünger, Der Gordische Knoten, in: ders., Sämtliche Werke, Bd.7: Essays 1. Be
trachtungen zur Zeit, Stuttgart 1980, S. 375-479, hier S. 422.
103 van Laak, Rechtsintellektuelle Reaktionen (wie Anm. 96), S. 34. Für Jürgen Habermas
ist diese Geschichtsdeutung aus dem Theorem des „Weltbürgerkriegs" heraus noch in sei
ner Paulskirchenrede zum 50. Jahrestag der deutschen Kapitulation virulent und kritik
würdig: „Aus der Perspektive eines Kampfs des liberalen Westens gegen den Bolschewis
mus erscheint das NS-Regime nur als eine, wie immer auch radikale oder entartete Vorhut
des sich selbst behauptenden okzidentalen Bürgertums." (J. Habermas, 1989 im Schatten
von 1945. Zur Normalität einer künftigen Berliner Republik, in: ders., Die Normalität
einer Berliner Republik, S. 167-188, hier S. 172).
104 Vgl. vor allem E. Nolte, Der europäische Bürgerkrieg 1917-1945: Nationalsozialis
mus und Bolschewismus, Frankfurt/Main 1987; ders., Deutschland und der Kalte Krieg,
München 1974; vgl. zur ideologiegeschichtlichen Einordnung, allerdings nur unter impli
zitem Bezug auf den Begriff des „Weltbürgerkriegs" A. Doering-Manteuffel, Ernst Noltes
„Deutschland und der Kalte Krieg" im zeitgenössischen Kontext der frühen siebziger Jah
re, in: T. Nipperdey/A. Doering-Manteuffel/H.-U. Thamer (Hg.), Weltbürgerkrieg der Ideo
logien. Antworten an Ernst Nolte. Festschrift zum 70. Geburtstag, Berlin 1993, S. 315-329.
105 Kesting: Geschichtsphilosophie (wie Anm. 17), S. 248.
106 Jünger, Der Gordische Knoten (wie Anm. 102), S. 421.

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Die Gegenkraft und ihre Geschichte 331

hen davon kommt Kestings Bestimmung aber wie reiner Carl Sc


daher. Kesting setzt hier dessen Lehre von der Wendung zum dis
nierenden Kriegsbegriff bis in die Terminologie hinein um. Für Sch
erscheint die Ideologisierung des Krieges als Säkularisat der Fe
stimmung durch die konfessionelle Wahrheitsfrage. Insofern ist
tuation „am Anfang und am Ende der Epoche" in formaler Hin
gleich: die Welt befindet sich in der Situation eines diskriminier
Krieges, der als konfessioneller oder als Weltbürgerkrieg einen b
denden Leviathan nötig macht. In der Tat scheint das Theorem
„Weltbürgerkrieges" auch für die Gruppe um Koselleck eine zen
Rolle gespielt zu haben.107 Zusammen mit Kesting und Nicolaus Som
plante er die Herausgabe eines „Archivs für Weltbürgerkrieg und Ra
ordnung", das das Weltbürgerkriegsparadigma historiographisch fru
bar machen sollte.108 Koselleck selbst begreift seine Analysen in
tik und Krise" explizit als Beitrag zur Analyse der „gegenwärtigen W
krise", die „im Horizont eines geschichtsphilosophischen, vorwi
utopischen Selbstverständnisses"109 entstanden sei. Schmitt wird
ner Rezension noch deutlicher. Koselleck analysiere „die Weitertreib
der Kritik zur Krise als Weg zu einem neuen Bürgerkrieg, der gesch
philosophisch als .Revolution' konstruiert und legitimiert wurde
Legitimation, die sich bekanntlich bis in den heutigen Weltbürge
hinein behauptet."110 Jürgen Habermas' Frage nach der Art, wie Sch
die heutige Lage beurteile, dürfte demnach auf der Erkenntnis beru
daß Kosellecks und Kestings Bücher eben auch Kommentare zum
orem des „Weltbürgerkrieges" darstellten.111 In der Tat kann „
107 Dies gilt für die Schmitt-Schule allgemein. Vgl. nur R. Schnur, Weltfrieden
und Weltbürgerkrieg 1791/92 [1963], in: ders., Revolution und Weltbürgerkrieg (w
77), S. 11-32. Noch 1980 befürchtet Schnur das „Fortschreiten des Bürgerkrieges h
Weltbürgerkrieg, wo es nicht einmal mehr Asyle, sondern allenfalls Fluchtpunkte
[Schnur: Zwischenbilanz (wie Anm. 77), S. 144], Ähnlich auch B. Willms, Weltb
krieg und Nationalstaat. Thomas Hobbes, Friedrich Meinecke und die Möglichk
Geschichtsphilosophie im 20. Jahrhundert, in: Der Staat 22 (1983), S. 499-519.
108 Vgl. Sombart, Rendezvous mit dem Weltgeist (wie Anm. 7), S. 268-276. So
nimmt für sich und seine Mitstreiter in Anspruch, „den Begriff , Weltbürgerkrieg
erfunden zu haben." (ebd., S. 272 f.)
10' Koselleck, Kritik und Krise (wie Anm. 6), S. 1.
110 Schmitt, Rezension zu „Kritik und Krise" (wie Anm. 3), S. 302. Vgl. a
Scheuerman, Unsolved Paradoxes (wie Anm. 5), S. 234-237.
111 Vgl. auch unter Hinweis auf Kestings Dissertation J. Habermas, Nachholende Re
volution und linker Revisionsbedarf. Was heißt Sozialismus heute?, in: ders.. Die nachho
lende Revolution. Kleine Politische Schriften VII, Frankfurt/Main 1990, S. 179-204, bes.
S. 185: „Der Ausdruck ,Weltbürgerkrieg' übersetzt den .internationalen Klassenkampf
aus der Sprache der Gesellschaftstheorie in die Sprache einer hobbistischen Machttheorie.
Carl Schmitt hat diese Denkfigur mit einem geschichtsphilosophischen Hintergrund ver
sehen: danach soll das mit der Französischen Revolution selbst zur Herrschaft gelangte
geschichtsphilosophische Denken, mit seinem utopistischen Sprengsatz der universalisti
schen Moral, die Antriebskraft bilden für einen von intellektuellen Eliten angezettelten
und schließlich von innen nach außen gestülpten, auf die internationale Bühne projizier
ten Bürgerkrieg. Zur Zeit des ausbrechenden Ost-West-Konfliktes ist dieser Ansatz zu
einer Theorie des Weltbürgerkrieges ausgebaut worden." Eine ganz ähnliche Perspektive

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332 Jan-Friedrich Missfelder

und Krise" in doppelter Hinsicht als ein We


werden. Zum einen analysiert Koselleck do
politisch-politischen Moral, die für sich in
von staatlicher Politik allgemein gültige m
Horizont eines Weltbürgertums zu machen
überstaatlich gedachten, moralisch begrün
sophisch legitimierten Weltbürgertums m
Schmitt'schen Idee eines moralisch begrün
Kriegsbegriffes für aktuelle Konfliktlagen
erscheinen dann als Weltbürgerkriege, we
Absolutheitsansprüchen konträrer Ideologie
politisch, sondern moralisch und geschich
sind. Es ist das Weltbürgertum, das Weltbürg
Koselleck hat durch seinen Hinweis auf die „g
ganz zu Beginn des Buches gleichsam selbs
im Sinne der Totalitarismustheorie geliefer
Daneben verweist die Präsenz des Weltbü
Prämisse von „Kritik und Krise" auch auf d
Kosellecks Buch im Kontext eines esoterischen Kommunikationszu
sammenhangs. Schmitt hatte sich nach eigenen Angaben nach den Nürn
berger Verhören in die Sicherheit des Schweigens zurückgezogen.114
Dieses Schweigen beinhaltete die äußere Konformität gegenüber der
jungen Bundesrepublik, die nicht sein Staat war, eröffnete aber gleich
falls einen privaten Rückzugsraum, in dem politische Diskussionen zwi
findet sich auch in Kosellecks Artikel „Revolution" in den „Geschichtlichen Grundbegrif
fen". Er zitiert und kommentiert hier Rosa Luxemburg: „'Der Kampf um den Sozialismus
ist der gewaltigste Bürgerkrieg, den die Weltgeschichte gesehen.' Auch in leninistischer
Perspektive werden ,Weltrevolution' und .Weltbürgerkrieg' deckungsgleich." (R. Kosel
leck, Art. „Revolution", in: ders./O. Brunner/W. Conze (Hg.), Geschichtliche Grundbe
griffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Bd. 5, Stutt
gart 1984, S. 653-788, hier S. 783).
112 Vgl. auch Sombart, Rendezvous mit dem Weltgeist (wie Anm. 7), S. 273: „Welt
bürgerkrieg verweist auf Weltbürgertum."
113 Koselleck, Kritik und Krise (wie Anm. 6), S. 1. Im Vorwort zur zweiten Auflage
von 1969 modifiziert Koselleck die tagespolitische Aktualisierung seines Buches leicht.
Wohl unter dem Eindruck von Gleichgewicht des Schreckens und Vietnamkrieg weitet er
seine Analyse global aus: „Unter der Drohung gegenseitiger atomarer Vernichtung haben
die Weltmächte Randzonen ihrer Interessengebiete herausgeschnitten, innerhalb derer die
Bürgerkriege - mit dem Schein gegenseitiger Entlastung - umgrenzt werden und so legiti
miert werden sollen. [...] Nicht mehr der alte Staat ist die Gegenposition zu diesem Bür
gerkrieg, sondern zunächst der ganze Globus, dessen neue Geschichten sich erst in der
Zukunft abzeichnen." [Koselleck, Kritik und Krise, Vorwort zur zweiten Auflage (wie
Anm. 33), S. VIII]. Vor diesem Hintergrund wäre dann auch der Begriff des Weltbürger
tums einer Revision zu unterziehen, die Koselleck allerdings nicht explizit unternimmt.
Bernard Willms folgert aus dieser Situation hingegen die geschichtsphilosophische Not
wendigkeit des neuzeitlichen Nationalstaats als einzigem Verhinderer des fortgesetzten
Weltbürgerkrieges. Vgl. Willms, Weltbürgerkrieg und Nationalstaat (wie Anm. 107), bes.
S. 514-519.
114 Vgl. C. Schmitt, Antworten in Nürnberg, herausgegeben und kommentiert von Hel
mut Quaritsch, Berlin 2000, S. 40.

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Die Gegenkraft und ihre Geschichte 333

sehen Eingeweihten und Freunden möglich waren.115 Daß Schm


ne Strukturanalyse dieser Lage im „Leviathan" selbst schon als B
zur esoterischen Kommunikation begriff, bestätigt er in einem Brie
Armin Möhler vom Dezember 1948: „Daß mein ,Leviathan' voller
terik ist, habe ich Ihnen schon gesagt; erinnern Sie sich nur a
, Waschzettel' oder an die Schlußsätze des Vorwortes."116 Vor allem
unveröffentlichte - und wohl auch nie für eine Veröffentlichu
stimmte - „Waschzettel", auf den Schmitt hier anspielt, ist signifik
In diesem Text, der in einem Brief vom Juni 1945 an Ernst Jünger
liefert ist, aber auch dem oben erwähnten Brief an Möhler beilag, w
der Leser vor „dem grossen Leviathan" als einem „durch und d
esoterische[n] Buch" gewarnt. Dieser solle sich nicht in „Arcana
gen, sondern warten, „bis Du in gehöriger Form eingeführt un
lassen wirst".117 Liest man den „Waschzettel" mit dem Brief an
zusammen, so wird deutlich, daß Schmitt den „grossen Leviatha
Thomas Hobbes und sein eigenes Buch hinsichtlich ihrer ,,immanent
Esoterik"118 gleichsetzt.119 Die esoterischen Thesen des „Leviathan",
welche sie der „Waschzettel" qualifiziert, gelten 1938 nicht we
als nach dem Zusammenbruch 1945. Denn das gesamte Dokume
zwar auf den 11.7.1938 datiert, wird aber ,,[b]estätigt Juni 1945
mit dem Kommentar versehen „Sieben Jahr' sind rum!"120, nun
reflexiv gewendet.
Denn die politische Kommunikation, in die Schmitt nach Krie
de eingebunden war, reproduzierte letztlich exakt jene der Gehe
sellschaften des Ancien Régime, nur unter umgekehrten politischen
zeichen. Schmitt hatte notgedrungen die Seiten gewechselt. Ha
1938 noch diese Geheimbünde mit ihrer esoterischen Kommunikation
für den Tod des sterblichen Gottes verantwortlich gemacht, so gehörte
er nun selbst zu den „Stillen im Lande", die politische Kritik aus dem
115 Vgl. Morat, Techniken der Verschwiegenheit (wie Anm. 15), passim; auch van Laak
(wie Anm 3), Gespräche, S. 70-133.
116 Schmitt, Briefwechsel mit einem seiner Schüler (wie Anm. 19), S. 37 f.
117 E. Jünger/C. Schmitt, Briefe 1930-1983, hg., kommentiert und mit einem Nachwort
von H. Kiesel, Stuttgart 1999, S. 193; Schmitt, Briefwechsel mit einem seiner Schüler
(wie Anm. 19), S. 38 f. Zur Interpretation des gesamten „Waschzettels" vgl. Groh, Arbeit
(wie Anm. 43), S. 137-141.
1,8 Jünger/Schmitt, Briefe (wie Anm. 117), S. 193; Schmitt, Briefwechsel mit einem
seiner Schüler (wie Anm. 19), S. 38. In diesem Sinne versteht Schmitt wohl auch die
letzten Satz seines Vorwortes zum „Leviathan": „Der Name des Leviathan wirft einen
langen Schatten; er hat das Werk des Thomas Hobbes getroffen und wird wohl auch auf
dieses kleine Büchlein fallen." [Schmitt, Leviathan (wie Anm. 25), S. 6] Vgl.: zu einer
tiefergehenden Deutung dieser Stelle mit Blick auf die Schmitt'sche Namensmystik und
ihren inhärenten Antisemitismus Groh, Arbeit (wie Anm. 43), S. 139-141.
119 Es ist also nicht unmittelbar aus dem „Waschzettel" selbst ersichtlich, daß Schmitt
„einen möglichen Leser vor diesem Buch [seinem Buch Uber Hobbes' Staatslehre]" [Groh,
Arbeit (wie Anm. 43), S. 137] warnt. Die Rede vom „grossen Leviathan" machte so kaum
Sinn.
120 Jünger/Schmitt, Briefe (wie Anm. 117), S. 193; Schmitt, Briefwechsel mit einem
seiner Schüler (wie Anm. 19), S. 39.

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334 Jan-Friedrich Missfelder

Schutz der Mentalreservation gegenüber de


heraus üben konnten. Als argumentatives
rung konnte das Theorem des „Weltbürge
Schmitt und mit ihm für Koselleck eine M
Verschaltung von Ancien Régime und eigen
Die „Gegenkraft des Schweigens und der Sti
im Kontext der neuen Bundesrepublik nich
tential verloren. 1949 preist Schmitt in ein
Kraft der nicht-oppositionellen Negation".121
der alten politischen Eliten in den neuen S
dem von Schmitt im „Leviathan" angebote
deraufbau und staatliche Erneuerung beruhte
dem Intermezzo der Entnazifizierung - not
Innenraums, auf den man bei äußerer Loyalität
Eine Einsicht in die hier entwickelten Ideen
ein Arkanum gewonnen werden.123 „Kritik u
auf einer esoterischen Lektüre (Schmitts)
(Hobbes'). Mehr noch: Die esoterischen Gesprä
und Kleinstakademien, in deren kommunikati
die Entstehung von „Kritik und Krise" zu v
damit zumindest theoretisch jenes kritisch
politischen Bewegung, das strukturell von
schrieben worden war. „Kritik und Krise" ist d
auch eine Apologie der eigenen Entstehung

IV.

Neben der Schmitt-Filiation hat Koselleck vor allem seine Diagnose


der „Hypokrisie"124 einer sich selbst der Kritik verpflichtenden Aufklä

121 C. Schmitt, Glossarium. Aufzeichnungen der Jahre 1947-1951, hg. von E. Freiherr
von Medem, Berlin 1991, S. 272.
122 Dies wird z.B. deutlich an einem Memorandum an alle Ehemaligen der Deutschen
Arbeitsfront, das deren ehemaliger Reichsamtsleiter Otto Wetzel 1957 herausgab: „Milli
onen Deutsche tragen heute ein doppeltes Gesicht. Sie haben als fleißige Bürger des Staa
tes in allen Berufen mitgeholfen, das Wirtschaftswunder zu ermöglichen, verhalten sich
auch loyal gegen die Gesetze, sympathisieren mit Parteien oder Kirchen oder sonst der
Demokratie wohlgefälligen Einrichtungen, aber im Grunde ist dies nicht ihr Staat, nicht
ihre Verfassung, für die sie sich bis zum Letzten einsetzen und aufopfern würden." [zit. n.
van Laak, Rechtsintellektuelle Reaktionen (wie Anm. 96), S. 36 f.]
123 Dies entspricht auch dem Schmitt von Nicolaus Sombart zumindest partiell zuge
schriebenen Wahrheitsbegriff: „Die Wahrheit ist das, was man nie aussprechen kann und
darf. Sie ist ihrer Natur nach ,geheim'. [...] Darüber in der Öffentlichkeit zu sprechen, ist
ein Sakrileg. Sie ist das streng gehütete Geheimnis-Monopol einer kleinen Zahl von .Ein
geweihten', der Zugang zu ihr .Initiation', der nicht jedem gewährt wird. [...] Was er
[Schmitt, J.-F.M.] die tiefe geistesgeschichtliche Bewußtheit nennt, ist die Partizipation
an einem esoterischen Wissen, zu dem er allein den Schlüssel hat. Er fühlte sich als Ge
heimnisträger, als .Eingeweihter' im gnostischen Sinn." [Sombart, Jugend in Berlin (wie
Anm. 10), S. 257 f.] Vgl. auch Rüthers, Kontinuitäten (wie Anm. 5), S. 149 f.
124 Koselleck, Kritik und Krise (wie Anm. 6), S. 82 u.ö.

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Die Gegenkraft und ihre Geschichte 335

rung starke Kritik und den Verdacht eines undemokratischen


mus' eingetragen.125 „Kritik und Krise" wird in dieser Hinsicht
lem gegen Jürgen Habermas' fast zeitgleich erschienenen und t
tisch durchaus ähnlich gelagerten „Strukturwandel der Öffentlic
negativ profiliert.126 Gleichwohl bezieht sich der Vorwurf der Hyp
sie argumentationslogisch vor allem auf die Unfähigkeit einer u
tisch kritischen Aufklärung, sich ihrer eigenen politischen Pot
und Implikationen bewußt zu werden. Hypokrisie bedeutet vor
Mangel an Selbstreflexivität. Gleichwohl durchzieht das gesamte
ein melancholischer Ton; der Staat sieht sich in Kosellecks Erzäh
einer beständig sich selbst verleugnenden, in diesem Sinne hypo
schen Attacke ausgesetzt, der er nichts entgegensetzen kann, w
auf seiner eigenen Existenzbedingung beruht. Hieraus aber ein
demokratische Haltung des Autors im Gefolge Schmitts ableite
wollen, erscheint verfehlt. Denn es wird deutlich, daß Koselleck
gen Schmitt - gleichfalls eine vorhypokritische Situation skizzier
das Potential einer kritischen Haltung dem absolutistischen St
genüber in eine produktive Position umzusetzen in der Lage is
Locke-Kapitel entwirft Koselleck das Szenario einer kritischen Ö
lichkeit, die staatliches Handeln im Medium öffentlicher Kommunika
tion einer beständigen Beobachtung unterwarf.127 Entscheidend ist aber,
daß Locke für Koselleck diese unpolitische und gleichwohl kritische
Öffentlichkeit als „Bei-, Neben- oder Zuordnung"128 zur Politik begriff,
ohne zerstörerisch zu wirken. Daß diese Öffentlichkeit letztlich doch
den „entscheidenden Einbruch in die absolutistische Ordnung"129 be
deutete, gehört zur Ironie des Staates ebenso wie zu seiner Tragik. Ge
gen Schmitt jedoch hält Koselleck hier die Möglichkeit eines fragilen
Gleichgewichts von Staat und Gesellschaft aufrecht, die nicht in den
zerstörerischen Sog der aufklärerischen Hypokrisie gerät.
Doch auch in wissenssoziologischer Hinsicht erscheint eine Histori
sierung der Konstellation Schmitt/Koselleck angebracht. Die Bundes
republik war nicht der Leviathan, der sich dem Weltbürgerkrieg
entgegenstemmte. Sie war vielmehr qua Westintegration fest eingebun
den in den Ost-West-Konflikt und seine ideologische Polarisierung. Dies
bedeutet gleichwohl nicht, daß der Mechanismus der Selbstauflösung
des Leviathan in Schmitts Wahrnehmung nicht auch auf diesen Staat
anwendbar gewesen wäre. Schließlich war ihm die Situation am Ende
125 Vgl. Schwartz, Leviathan oder Lucifer? (wie Anm. 31); Olsen, Reinhart Kosellecks
intellektuelle og personlige Relationer til Carl Schmitt (wie Anm. 6).
126 Vgl. zum Verhältnis beider Bücher instruktiv La Volpa, Conceiving a Public (wie
Anm. 26).
127 Auf die Bedeutung des Locke-Kapitels hat insbesondere Carsten Dutt in seiner In
tervention „Reinhart Koselleck und Carl Schmitt. Richtigstellungen aus gegebenem Anlaß"
auf der Marbacher Schmitt-Editoren-Tagung „Partisanen-Post" am 10.3.2006 gegen
Schwartz und Olsen hingewiesen.
128 Koselleck, Kritik und Krise (wie Anm. 6), S. 48.
129 Ebd., S. 46.

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336 Jan-Friedrich Missfelder

der Epoche des modernen Staates nicht weni


fang. Vor allem aber war Koselleck mit „Krit
his master's voice. Zu vielfältig sind letztlich
Buch eingegangen sind; sie reichen von Schm
hin zu Karl Jaspers.130 Vor allem aber bewahrt
als historische Studie davor, ein Wiedergän
1938 zu sein. Es besteht eben ein zentraler Unterschied zwischen einer
denunziatorisch gefärbten und prognostisch offenen Beschreibung ei
nes politischen Mechanismus und der präzisen Diagnose seiner histori
schen Konstellation. So ließe sich das Buch gerade über das zentrale
Locke-Kapitel mit Hermann Lübbe auch als ein Stück liberaler Schmitt
Rezeption lesen, in dem die Krise des absoluten Staates letztlich durch
die Kritik des beginnenden Liberalismus ausgelöst wird.131 In diesem
Sinne wirkte der breite Strom bundesrepublikanischer Schmitt-Rezep
tion, in die auch Koselleck eingeordnet werden muß, faktisch eher den
Intentionen des Alten in Plettenberg entgegen: ,,[V]iel Konservatives,
aber kein Hauch von rechtem Untergrund. Auf diesen Pfaden hat Carl
Schmitt die politische Kultur der Bundesrepublik gewiss nicht destabi
lisiert."132
Nicolaus Sombart sieht im schmittianischen Freundeskreis von Hei
delberg nicht ohne Selbstironie „das wohl bekannte, altvertraute, ur
deutsche Dreigestirn von Faust, Mephisto und Wagner"133 reproduziert.
Ihm selbst als Faust, Kesting als Mephisto stellt er Koselleck als den
„Wagner des Zweiten Teils" gegenüber, der „im Talar von Doktor Faust,
zu Amt und Würden gekommen, im Kreise der Honoratioren unserer
Gesellschaft [sitzt], ein richtiger deutscher Professor im alten Sinne von
Gelehrsamkeit und Respektabilität [...], menschenfreundlich und wür
dig, letzter Repräsentant vielleicht einer Humanwissenschaft, für die
der Mensch noch etwas gilt."134 Es ist dies das Gegenbild zum ,,letzte[n]
bewußte[n] Vertreter des jus publicum Europaeum"135, der auf die Ge
genkraft seines Schweigens setzt. Koselleck hat als Historiker dieser
Kraft ihr schließlich auch die eigene Historizität vor Augen geführt.

130 Vgl. hierzu auch F. W. Graf, Die Macht des Schicksals entschuldigt gar nichts.
Auch eine Theorie des Partisanen: Wie Reinhart Koselleck die Geschichte überlistet, in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 1. November 1999.
131 Vgl. explizit H. Lübbe, Carl Schmitt liberal rezipiert, in: H. Quaritsch (Hg.),
Complexio Oppositorum. Über Carl Schmitt, Berlin 1988, S. 427-445, bes. S. 431 mit
Anm. 14; auch in: ders., Die Aufdringlichkeit der Geschichte. Herausforderungen der
Moderne vom Historismus zum Nationalsozialismus, Graz u.a. 1989, S. 309-322.
132 Habermas, Carl Schmitt in der politischen Geistesgeschichte der Bundesrepublik
(wie Anm. 5), S. 118.
133 Sombart, Rendezvous mit dem Weltgeist (wie Anm. 7), S. 266.
134 Ebd., S. 267.
135 Schmitt, Ex captivitate Salus (wie Anm. 82), S. 75.

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