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4 638 Freunde?

S. 53, Kompetenz

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Der Freund
Er war älter als sie. Aber das machte Therese ausgebleicht und hoch stand, weil es nie jemand
nichts. mähte. Er lag auf dem Rücken, die Hände unter
„Das Kind ist weit über sein Alter hinaus“, pflegte dem Kopf, und schaute sie an.
ihre Mutter zu sagen. Vielleicht war das der Grund „Na?“, sagte Bull. „Hast du Mundharmonika ge-
dafür, dass Therese keine Freundin in ihrer Klasse spielt?“, fragte Therese.
hatte. Bull war mindestens vierzehn. Er ging nicht Er zog das Instrument aus der Hosentasche und
mehr in die Schule. Möglicherweise ging er auch spielte noch einmal.
darum nicht, weil er einfach keine Lust hatte. Bull „Willst du?“, fragte er dann und hielt es ihr hin. „Das
war das zuzutrauen. Bull! kann ich nicht", sagte Therese. „Probier’s.“ Therese
„Warum heißt du Bull? Wieso hat deine Mutter dich schüttelte den Kopf. Bull stand auf. Er war lang und
Bull genannt?“ Bull hatte gelacht. „Den Namen hab dünn und hatte breite Schultern. „Wohnst du hier
ich mir selber gegeben.“ „Und wie heißt du echt?“ irgendwo?“, fragte Therese. Er zeigte hinter sich.
„Rumpelstilzchen“, hatte Bull gesagt. Normalerwei- Da waren die Häuser, die sie die Silos nannten.
se hätte ja Therese einen Jungen wie Bull über- „Wohnmaschinen“ hatte die Mutter gesagt. „Die
haupt nicht kennengelernt. In ihrer Gegend waren sind nicht mal alt. Aber das Gesindel, das da lebt,
die Jungen anders. Entweder sie gingen in die lässt alles verkommen.“ Therese ging zu ihrem
Schule oder sie arbeiteten irgendetwas. Rad.
Bull machte nichts. Jedenfalls nichts von dem, was „Lässt du mich mal fahren?“, fragte Bull. Sie brach-
man meinen sollte. Nichts von all den vielen Din- te es nicht fertig, Nein zu sagen. Dann hatte sie die
gen, die Erwachsene für vernünftig halten. ganze Zeit Angst, dass er nicht zurückkommen
Als Therese Bull zum ersten Mal sah, lag er im würde. Er kam aber. Von da an trafen sie sich fast
Gras. Sie hatte ihrem Vater das Essen in die Gärt- jeden Tag. Sie saßen da, aßen Sonnenblumenker-
nerei gebracht. Die Gärtnerei war am Stadtrand. ne und wetteten, wer die Schalen am weitesten
Therese fuhr mit dem Fahrrad hin. Sie machte das spucken konnte.
gern. Bull spielte Mundharmonika oder er ahmte Tiere
Immer blieb sie eine Weile dort. Im Frühjahr konnte nach. Sprang rum wie ein Affe, hüpfte wie ein Kän-
man die Pflänzchen in den Glasbeeten förmlich guru und machte den Stier mit gesenkten Hörnern.
wachsen sehen. Von Tag zu Tag waren sie ein Therese hatte nie so gelacht. „Woher hast du die
bisschen größer geworden. Therese nahm dann Sonnenblumenkerne?“, fragte sie einmal.
eine Hand voll Erde und fühlte die Wärme der Son- Da guckte er bloß und drückte ein Auge zu. There-
ne darin. Jetzt war Herbst. Da blühten Felder voller se versuchte, nicht daran zu denken, dass sie aus
Astern in leuchtenden Farben. Und die Dahlien der Gärtnerei stammen mussten. Vielleicht war es
standen auch noch bis zum ersten Nachtfrost. The- ja auch nicht wahr. Ein andermal fragte sie, was er
rese hockte sich zu ihrem Vater ins Treibhaus und denn werden wolle. Bull machte einen Handstand.
sah zu, wie er aß und dabei auf einem Zettel Preise „Wieso?“, meinte er. „Na ja, du brauchst doch einen
ausrechnete. Viel sprachen sie nie miteinander. Beruf." „Ich werd Seifenblasenfabrikant“, sagte Bull.
Höchstens, dass der Vater fragte, ob in der Schule Am nächsten Tag brachte Therese Seifenblasen
alles gut gegangen war. mit. Sie hatten so viel Spaß, dass sie fast verges-
„Ja“, sagte Therese dann. Sie wartete, bis er auf- sen hätte, nach Hause zu fahren.
gegessen hatte, packte den Teller und das Besteck Mit Bull war alles anders, leichter, fröhlicher. Ganz
in Zeitungspapier und stopfte alles in die Strohta- einfach war alles mit Bull. Daheim hatte Therese
sche. „Tschüs!“, sagte sie. nichts von ihm erzählt. Die hätten das doch nicht
Aber manchmal hörte ihr Vater das schon nicht verstanden.
mehr. Als Therese ihn eines Tages von ihrem Fenster-
An dem Tag, an dem Therese Bull traf, drangen platz im Klassenzimmer auf dem Schulhof sah,
zuerst die Fetzen einer Melodie zu ihr hin. Dann erschrak sie. Er schien da nicht hinzupassen. Sie
sah sie ihn draußen vor der Gärtnerei, wo das Gras erinnerte sich, ihm gesagt zu haben, in welche

© Ernst Klett Verlag GmbH, Stuttgart 2012 | www.klett.de Erstellt für: Leben leben 1
Alle Rechte vorbehalten | ISBN 978-3-12-695250-7 Autorin: Anita Rösch
Von diesem Arbeitsblatt ist die Vervielfältigung für den eigenen Unterricht gestattet.
Für inhaltliche Veränderungen durch Dritte übernimmt der Verlag keine Verantwortung. Seite 1 von 2
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Schule sie ging. Aber was wollte er hier? Wollte er „Hast du nichts Wärmeres anzuziehen?“, fragte
sie abholen? Am Schluss der Stunde war er nicht Therese.
mehr da. „Werd mir schon was besorgen“, sagte Bull. „Bull!“
„Mein Wollschal ist weg!“, sagte da Brigitte. „Der hat Therese packte ihn am Arm. „Bleib ein anständiger
hier im Flur gehangen. Bei den anderen Sachen. Mensch“ – Bull grinste –, „willst du doch sagen,
Mein gelber Wollschal. Den hat einer geklaut.“ oder?“
„Spinn doch nicht“, sagte Doris. Dann rannten sie Therese ließ ihn stehen. Sprang aufs Fahrrad und
alle durcheinander und suchten. Die Lehrerin such- fuhr weg. Am nächsten Tag fehlte der Janker. Jo-
te auch. Therese wusste, dass sie den Schal nicht chens dicker, grauer Janker, der im Flur der Schule
finden würden. Und sie fanden ihn nicht. Mittags an einem Haken gehangen hatte. Die aufgeregten
konnte Therese nichts essen. Ihr war schlecht vor Kinder und Lehrer summten um Therese herum wie
Enttäuschung und Zorn. Zum ersten Mal war sie ein Bienenschwarm. Nein, dachte sie immer wieder.
schon vor Bull bei der Gärtnerei. Nein! „Ist dir nicht gut?“, fragte jemand.
„Hallo", sagte er. „Ich hab Brombeeren.“ „Das war Therese gab keine Antwort. „Soll ich dich heimbrin-
gemein von dir!“ Therese musste es gleich aus- gen?“ Therese schüttelte den Kopf.
sprechen. „Du hast einen Wollschal weggenom- Dann war sie daheim, und etwas später saß sie auf
men. Bei uns in der Schule!“ Sie sah ihn an und dem Fahrrad und fuhr zur Gärtnerei. Bull war nicht
hoffte, es möge sich herausstellen, dass er un- da. Erst als sie wieder herauskam, sah sie ihn. Der
schuldig war. Aber Bull grinste bloß. Und die Art, Janker stand ihm gut. „Gib her!“, sagte Therese.
wie er grinste, sprach für sich. „Gib die Jacke her!“ „Bei dir piept's wohl!“ Bull
„Gib ihn zurück“, sagte Therese. „Bitte, gib ihn mir. sprang einen Schritt zurück. „Du hast sie gestoh-
Ich häng ihn hin, dann ist er einfach wieder da.“ len“, sagte Therese. „Was geht es dich an?“, sagte
„Du bist ja verrückt“, sagte Bull. „Ich klaue doch Bull. „Gib sie her oder ich sag, dass du es warst.“
nicht!“ „Das machst du nie!“ Bull lachte.
Therese brachte ihrem Vater das Essen. Und wenn „Ich zähl bis drei“, sagte Therese. Dann fuhr sie,
sie wirklich Unrecht hatte? Wenn er es nicht gewe- und während des ganzen Weges dachte sie sich
sen war? Entschuldigungen für Bull aus. Dass er arm war.
Lieber Gott, dachte Therese, mach, dass er es nicht Dass seine Mutter sich nicht um ihn kümmerte.
gewesen ist. Dass er keinen Vater hatte. Und dass er aus dem
Als sie hinauskam, konnte sie Bull nicht finden. Sie Silo kam. Aber dazwischen schossen immer wieder
rief ein paar Mal nach ihm, dann stieg sie auf ihr die anderen Gedanken. Dass er es trotzdem nicht
Fahrrad. Ein Stückchen Ast fiel von einem Baum durfte. Weil kein Mensch das Recht hat, einem
auf sie herab. Oben saß Bull. anderen etwas wegzunehmen. Als Therese in die
„Gelb ist meine Lieblingsfarbe!“, schrie er. Er ist Straße einbog, in der die Lehrerin wohnte, war sie
mein Freund, dachte Therese, als sie am Abend ganz ruhig. Sie klingelte und wartete, bis aufge-
nicht einschlafen konnte. Er wird es nicht wieder macht wurde. „Therese?“ Die Lehrerin wunderte
tun. Sie wollte, dass alles so wurde, wie es gewe- sich. „Ich weiß, wer die Sachen genommen hat“,
sen war. Bull war wie immer, am nächsten Tag und sagte Therese.
am übernächsten. Aber Therese musste sich an- Und sie dachte, dass sie es schnell hinter sich brin-
strengen, um fröhlich zu wirken. Es wurde jetzt gen wollte. Noch bevor sie anfangen würde zu wei-
Winter. In einer der Nächte waren die Dahlien erfro- nen.
ren. Gina Ruck-Pauquèt: Der Freund, In: Die schönsten Freundschafts-
geschichten, hrsg. von H. Westhoff, Ravensburger Buchverlag,
Ravensburg 1987, S. 61–67

© Ernst Klett Verlag GmbH, Stuttgart 2012 | www.klett.de Erstellt für: Leben leben 1
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