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Frieder Otto Wolf

Zu Stephan Schulmeisters Vorschlag für einen europäischen New Deal


Ansätze zu einer konstruktiven Kritik

Stephan Schulmeister, der Ökonom der Arbeiterkammer Wien, hat einen beachtenswerten
Vorschlag für eine alternative europäische Wirtschaftspolitik gemacht (Schulmeister 2010a).
Als reflektierter Keynesianer kann er punktgenau zeigen, wo der immer noch – trotz aller
Finanzcrashs und Wirtschaftskrisen – herrschende neoliberale Mainstream keineswegs zur
Krisenüberwindung beiträgt, sondern die (auch im Hintergrund der deutschen
Sonderkonjunktur) laufenden Krisenprozesse nur weiter verschärfen kann. Sein Vorschlag für
einen ‚europäischen New Deal‘ verdient daher ernsthafte Beachtung. Zugleich ist aber
festzuhalten, dass er für die qualitativen Anforderungen, wie sie sich aus der komplexen
Krisensituation der Gegenwart ergeben, geradezu wachstumsfetischistisch blind bleibt. Es ist
daher wichtig, die Zustimmung zu dem von ihm in der Tat überzeugend formulierten Einstieg
in einen Richtungswechsel der ‚Makropolitik‘ auf der europäischen Ebene von vornherein mit
einer genau differenzierenden Kritik zu verbinden, die allein aufzeigen kann, in welche
Richtung die dann folgenden Schritte gehen sollten.

Worin ich mit Stephan Schulmeister einig bin: Die sich in der gegenwärtigen komplexen
Krisenkonstellation zuspitzenden Probleme wie Staatsverschuldung, Massenerwerbslosigkeit,
soziale Polarisierung und ökologische Zerstörung sind das systematisch erzeugte Ergebnis
von über 30 Jahren neoliberaler Politik – in denen als ‚Lösung‘ der Akkumulationskrise, in
die sich die fordistische Regulationsform der Herrschaft der kapitalistischen Produktionsweise
hineingesteigert hatte, zum einen eine Verlagerung der Profite der großen Konzerne und
Banken in (letztlich immer nur umverteilende) Finanzgeschäfte und zum anderen eine
herrschaftliche Reaffirmation der Märkte (Deregulierung, Privatisierung, Vermarktlichung)
betrieben wurde. Und die Europäische Union als größter und stärkster – wenn auch
keineswegs als ‚dynamischster‘ – Wirtschaftsraum der Welt wäre der geeignete Raum für
einen nachhaltigen wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Kurswechsel. Ein europäischer
New Deal, der( wie sein historischer Vorgänger in den USA der letzten großen Depression)
als ein offener Prozess anzulegen wäre, könnte auch nach meiner Überzeugung den
notwendigen Kurswechsel einleiten – wie damals nicht als ein bloßes Reißbrettprojekt von
Technokraten, sondern als ein demokratisches Bündnisprojekt vieler gesellschaftlicher Kräfte,
deren Interessen von der neoliberalen Politik und der von ihr letztlich zugespitzten Krise der
Kapitalakkumulation negativ bis destruktiv betroffen sind.
Ich halte es allerdings für falsch, die gesellschaftspolitische Debatte auf die Problematik der
Wiederherstellung des Primats der Politik im Sinne einer ‚Rückkehr‘ zu einer politisch
regulierten Form des ‚Realkapitalismus‘ zu beschränken. Außerdem ist m.E. ein völliger
‚Realkapitalismus‘ ohne jede virtuelle und damit immer auch spekulative
Kapitalakkumulation letztlich undenkbar.
So unbestreitbar es ist, dass in Deutschland und in Europa gegenwärtig keine
Kräfteverhältnisse existieren, unter denen die Frage einer sozialistischen Transformation zur
Überwindung der Kapitalherrschaft tagespolitisch wirksam gestellt werden kann – und so
wenig nach meiner Überzeugung eine derartige sozialistische Transformation die
unübersehbaren anderen Krisenprozesse außerhalb der Krise der Kapitalakkumulation bereits
bewältigen würde -, ist doch die Frage unabweisbar, wie jetzt schon darauf hingewirkt werden
kann, dass jetzt schon die Voraussetzungen dafür geschaffen und verbessert werden, um die
erforderlichen Transformationsfragen tagespolitisch wirksam stellen zu können. Dabei ist
sicherlich die Frage der Überwindung der Kapitalherrschaft von entscheidender Bedeutung –
sie wird sich allerdings nicht mehr isoliert von der Überwindung der anderen
Herrschaftsverhältnisse angehen lassen, auf deren Komplizität sich die Kapitalherrschaft
eingerichtet hat – also von der imaginäre, aber doch vielfältig destruktiv praktizierten
‚Herrschaft über die Natur‘ über die herrschaftliche Prägung der Geschlechterverhältnisse bis
hin zur imperial ausgerichteten Hierarchie zwischen Menschen und Völkern.

Ein New Deal für Europa müsste im Sinne eines strategisch konzipierten Bündels von ersten
Schritten die dringlichsten Probleme, von denen die EU und ihre Mitgliedstaaten gegenwärtig
betroffen sind, gemeinschaftlich durch eine ökonomisch expansive Gesamtstrategie angehen
– und sich das dafür erforderliche Geld durch eine ‚große Kompression‘ (Krugman)
beschaffen: d.h. durch eine scharfe Besteuerung der durch die Polarisierung der Vermögen in
den letzten 30 bis 40 Jahren entstandenen Superreichen. Dazu bedarf es der positiven
Koordination der Besteuerung im EU-Raum (einschließlich des EWR und der Schweiz) –
sowie der Schließung der europäischen ‚Steuerfluchtoasen‘. Kleine aber wirksame Schritte,
die im EU-Raum unternommen werden könnten, wären auch die Einführung einer
Finanztransaktionssteuer,die konzertierte Durchsetzung von Abgaben auf Wertpapierdepots
und eines höheren Spitzensteuersatzes. Hierfür kann inzwischen auch durchaus an das
Eigeninteresse eines großen Teils der Betroffenen angeknüpft werden, denen aufgrund der
ggw.im Sinne neoliberaler Dogmen praktizierten kollektiven Sparpolitik eine massive
Entwertung zumindest der Staatsanleihen und auch anderer Anlageformen drohen würde.
Schulmeisters Vorschlag, fundamental wichtige Preise wie die für Erdöl oder für Geld (den
Zinssatz) nicht mehr durch (spekulative) Märkte bestimmen und damit fluktuieren zu lassen,
sondern durch demokratische Politik nachhaltig zu stabilisieren, kann als Einstieg in eine
Repolitisierung und damit auch wirkliche Demokratisierung der grundlegenden
ökonomischen Prozesse dienen.
Um dazu auf der Ebene der theoretischen Debatte beizutragen, werde ich im Folgenden die
von Stephan Schulmeister selbst zusammenfassend formulierten Hauptthesen (s. ) seines
Essays kommentieren. Dabei zeigt sich, dass der Kommentierungs- und
Differenzierungsbedarf bei seinen einleitenden und grundsätzlichen Thesen am
stärksten ausgeprägt ist, während ich mich bei seinen abschließenden politisch
konkreteren Thesen auf wenige Bemerkungen zu den Voraussetzungen ihrer Umsetzung
in die Praxis beschränken kann:
[Stephan Schulmeister] Ich möchte in diesem Papier folgende Thesen begründen und ihre
Bedeutung am Beispiel der Konsolidierung der Staatsfinanzen erläutern.
These 1: Die „gängigen“ Symptomdiagnosen und -therapien sind eingebettet in die
neoliberale Welt-Anschauung und damit Teil der langfristigen „Produktion“ der großen
Probleme Staatsverschuldung, Arbeitslosigkeit, Armut und Umweltverschlechterung. Die
Leugnung des „Gemeinschaftlichen“ („there is no such thing as society“), die
Diskreditierung des Staates als „Feind der Bürger“ (er ist auch „unser Verein“), die
Vernachlässigung der Investitionen in Infrastruktur, Bildung, Umwelt und in den sozialen
Zusammenhalt, all dies hat den Unternehmen und Arbeitnehmern schweren Schaden
zugefügt. Noch größer war der Schaden für die Produzierenden durch die „Ent-Fesselung“
der Finanzmärkte und damit durch die Verlagerung des Gewinnstrebens von real- zu
finanzwirtschaftlichen Aktivitäten.
fow: Fünf Punkte sind hier anzumerken:
1. „Weltanschauung“: Sicherlich ist der Neoliberalismus in seinem Kern von einer Ideologie
(der der herrschenden Klasse) geprägt; insofern kann er auch als Weltanschauung betrachtet
werden. Aber es würde die Realität des Neoliberalismus in der institutionalisierten
Wirtschaftswissenschaft unterschätzen, insbesondere seine Grundlagen innerhalb der
‚Neoklassik‘, wenn er rein ideologiekritisch behandelt und ohne Eingehen auf seine
wissenschaftsförmige Selbstdarstellung unwiderlegt gleichsam beiseite geworfen würde.
Das macht aber hier nichts weiter, da es hier zunächst um den Neoliberalismus als ein
expertokratisch verbreitetes wirtschaftspolitisches Paradigma geht, das in der Tat ‚wie eine
Weltanschauung‘ wirkt.
2. „Produktion“: Die Rede von der „langfristigen ‚Produktion‘ der großen Probleme“
verwischt einen wichtigen Unterschied: Den Unterschied zwischen den realen Prozessen, die
konkrete Lagen zum Ergebnis haben, die als ‚problematisch‘ bzw. als ‚krisenhaft‘
charakterisiert werden können, und ihrer Beschreibung als ‚Probleme‘, wie sie in bestimmten
wirtschaftswissenschaftlichen Theoriesprachen (einschließlich der volkswirtschaftlichen
Statistik und Gesamtrechnung) vorgenommen wird. Sicherlich beschreibt der Neoliberalismus
diese realen Lagen auf eine triftig kritisierbarer Weise, die zurückzuweisen ist – aber es gibt
doch reale Strukturen und Prozesse, die nicht nur subjektiv als krisenhaft wahrgenommen
werden, sondern die ganz objektiv einen blockierenden oder destruktiven Charakter
aufweisen. Der ‚Fordismus‘ ist nicht nur politisch und ideologisch in Schwierigkeiten
gekommen (was Jürgen Habermas damals als ‚Legitimitätsprobleme des Spätkapitalismus‘
gekennzeichnet hat); er hatte sich auch in reale Schwierigkeiten einer weiteren exponentiellen
(!) Fortsetzung der Kapitalakkumulation verstrickt, wie sie Robert Brenner
wirtschaftshistorisch wohl am besten analysiert hat. Den diesen objektiven Krisenmomenten
zugrundeliegenden Mechanismus, durch den das Kapital zu seiner eigenen Schranke wird, hat
m.E. Karl Marx in seiner Begründung für den Fall der Profitrate überzeugend beschrieben –
auch wenn sein Versuch der Verallgemeinerung dieses Mechanismus zu einer allgemeinen
Tendenz der kapitalistischen Entwicklung ihm nicht so gut gelungen ist. Der Neoliberalismus
bot dann die ideologische Rechtfertigung für den Versuch, zum einen die ‚great compression‘
(Krugman) zu beenden, wie sie seit dem New Deal Roosevelts die großen Vermögen
betroffen hatte (mit dem Resultat einer Verringerung des Einkommensabstandes zwischen
Armen und Reichen und einer Stärkung der kollektiven Verhandlungsmacht der
Lohnabhängigen) – und zum anderen neue Profitquellen im Bereich der deregulierten
Finanzmärkte zu erschließen (aber dabei nicht die Schwierigkeiten der Mehrwertproduktion
anzugehen, sondern sich darauf zu beschränken, den erwirtschafteten Mehrwert unter den
Kapitalbesitzern anders zu verteilen).
3. Die von Schulmeister aufgezählten ‚großen Probleme‘ sind in ihrer Realität von ganz
unterschiedlicher Art, auch wenn der Neoliberalismus sie – wie der gesamte Mainstream der
Wirtschaftswissenschaften – als auf derselben Ebene gelegen behandelt, nämlich auf der des
sog. ‚gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts‘.
In der gesellschaftlichen Wirklichkeit ist aber etwa Staatsverschuldung kein einheitliches
‚Problem‘: So ist in ihrer Beurteilung unbedingt zu unterscheiden, etwa gegenüber wem und
mit welchem Zeithorizont sowie zu welchem Zinssatz (langfristige Staatsanleihen zu
moderaten Zinsen bei den eigenen StaatsbürgerInnen sind etwas ganz anderes als kurzfristige
Darlehen von Banken oder gar flexibel gehandelte Derivat-Papiere in der Hand global tätiger
‚institutioneller Anleger‘, d.h. professionell operierender Spekulanten) die Schulden ‚des
Staates‘ bestehen; aber durchaus auch, von Seiten welcher staatlicher Instanzen – von der
Gemeinde bis zur nationalstaatlichen Zentralregierung oder transnationalen Agenturen –
derartige Schulden der öffentlichen Hand bestehen und wofür diese eingegangen worden sind
– zum Zwecke der Leistung von Schuldendiensten (ganz schlecht), für Kriegführung
(meistens sehr schlecht, selbst bei gewonnenen Kriegen), zur Förderung neuer Technologien
(Glückssache – wie das Beispiel EURATOM zeigt), oder aber zur Schaffung, Erhaltung oder
Erneuerung dringend benötigter oder zumindest nützlicher Infrastrukturen (meistens völlig
unproblematisch).
Erwerbslosigkeit (der offizielle Begriff der Arbeitslosigkeit ist ideologisch, insofern er alle
Gestalten der gesellschaftlich notwendigen Arbeit außerhalb der Erwerbsarbeit als nicht
existent unterstellt: Unbezahlte Arbeit haben auch die Arbeitslosen mehr als genug) ist für die
Kapitalakkumulation eigentlich kein Problem – allenfalls ihr mittelfristiger Effekt, dass im
nächsten Aufschwung nicht genug ‚unbeschädigte‘ Arbeitskräfte mehr zur Verfügung stehen
können, ohne dass dafür sofort Ersatz durch ‚Import‘ gefunden werden kann. Sie hat sogar für
die Kapitalseite den positiven Effekt, den Konkurrenzdruck auf den Lohn zu erhöhen und die
Solidarisierung der Lohnabhängigen zu erschweren bzw. ihre Gewerkschaften zu schwächen.
Aber sie ist ein existenzielles Problem für die Betroffenen, ein großes Problem für den
sozialen Zusammenhalt und ein schwieriges Problem für den Sozialstaat.
Armut, also relative Verelendung, ist unter der Herrschaft der kapitalistischen
Produktionsweise ohnehin endemisch – sofern nicht wirksam politisch etwas dagegen
unternommen wird, etwa durch eine makroökonomische Politik der Vollbeschäftigung, durch
eine aktive Lohnpolitik der Gewerkschaften mit Umverteilungseffekt, sowie etwa durch
gezielte Maßnahmen gegen Ausschließung aus der Erwerbsarbeit, gegen Lohndumping,
gegen die Prekarisierung von Lohnarbeitsverhältnissen und gegen ökonomische Risiken
aufgrund von Einschränkungen der Erwerbsfähigkeit. Das ist durchaus möglich, bedarf aber
einer beständig erneuerten Anstrengung, auch um, immer wieder neuen Gegenstrategien der
Kapitalisten wirksam zu begegnen. Der Kern des neoliberalen Paradigmas der
Wirtschaftspolitik liegt eben darin, diese Art von Gegenstrategien zu behindern und zu
verunmöglichen – so dass die Dominanz neoliberaler Politik immer zu einer Verschärfung
und Ausweitung der Armut einerseits und zu einer stark anwachsenden Polarisierung von
Armut und Reichtum geführt hat.
Umweltverschlechterung ist eine begriffliche Verharmlosung: Wir haben es gegenwärtig
zumindest in zwei Bereichen nicht mit bloßen quantitativ beschreibbaren
‚Verschlechterungen‘ auf einer kontinuierlichen linearen Skala zu tun, sondern mit
qualitativen und irreversiblen Entwicklungen, in denen die Menschheit als ein
‚erdgeschichtlicher Faktor‘ kritische Schwellen der Reproduktion der irdischen Biosphäre zu
überschreiten droht: im Bereich der drohenden Klimakatastrophe, sowie im Bereich des
galoppierenden Rückganges der Biodiversität. Daraus ergebe sich insbesondere dringliche
Anforderungen in Bezug auf die noch zur Verfügung stehende Zeit – ein wirksames Handeln
ist dringend geboten, noch bevor die Schwelle zur Katastrophe überschritten ist.
4. „Gemeinschaft“: Spätestens seit Ferdinand Tönnies ist bekannt, dass im Begriffsfeld von
Gesellschaft, Staat, Gemeinschaft, Gemeinwesen, Gemeinde, Kommune, bis hin zu
Kommunismus, Kommunitarismus und Etatismus allerlei Fallen und Probleme lauern. Hier
ist also zu untersuchen, von was Schulmeister hier überhaupt redet. Ich denke, er meint
jedenfalls keine vormoderne, im Rückblick romantisierte ‚Gemeinschaftlichkeit‘, aber auch
nicht einfach nur eine moderne ‚Staatlichkeit‘. Der abstraktere Begriff des Gemeinwesens, der
von unterschiedlichen Arten der ‚Vergesellschaftung‘ eingelöst werden kann, scheint eher das
zu treffen, wovon hier die Rede ist. Es ist gesellschaftstheoretisch und daher auch strategisch
wichtig, sich klar zu machen, dass dies weder ‚kommunitaristisch‘ auf einen von Personen als
solchen getragenen ‚überschaubaren‘ Zusammenhang reduziert, noch zwingend auf moderne
Staatlichkeit bzw. ein relativ verselbständigtes ‚politisches System‘ eingeengt werden kann.
Zumindest begrifflich und theoretisch sind auch komplexe, sachlich vermittelte und
demokratisch gesteuerte Gemeinwesen konzipierbar, die weder als staatlich, noch als
gemeinschaftlich zu charakterisieren wären. Das wird spätestens dann entscheidend, wenn der
Gedanke einer Vergesellschaftung bestimmter Reproduktionsprozesse konkretisiert werden
muss und etwa die Frage einer staatlichen oder ‚zivilgesellschaftlichen‘ Trägerschaft zu
klären ist. Perspektivisch wird es aber auch einfach unmöglich sein, Gedanken wie den des
‚Absterbens des Staates‘ oder der ‚herrschaftsfreien Gesellschaft‘ konsequent und klar zu
denken, ohne in dieser Hinsicht zu Klärungen zu kommen.
Gegenüber der neoliberalen Staatskritik reicht es nicht hin, einfach ganz im Gegenteil den
Staat schlicht zu affirmieren. Insbesondere der Frage, inwiefern der moderne Staat
unvermeidlich eine Herrschaftsstruktur ausprägt und sich derart ‚gegenüber der Gesellschaft
verselbständigt‘, kann sich eine kritische Theorie und Praxis nicht entziehen. Zwar gibt es
unbestreitbar blinde Flecken in den Herangehensweisen der liberalen, anarchistischen oder
auch der Staatskritik des offiziellen Marxismus – insbesondere im Hinblick auf ihre
Unterschätzung und Vernachlässigung von Politik als Dimension menschlicher Praxis, aber
die Frage des Funktionierens der Staatsapparate ganz unabhängig vom Handeln und Wollen
der BürgerInnen wirft doch Probleme einer Verselbständigung auf, denen nicht ausgewichen
werden kann – etwa in jedem Konjunkturprogramm als Frage der nachhaltigen
Wünschbarkeit der durch öffentliche Investitionen zu schaffenden Infrastrukturen. Denn nicht
nur die Vernachlässigung von Investitionen, sondern auch deren Fehlallokation (z.B. in der
zivilen Atomindustrie, in einem automobilzentrierten Verkehrssystem oder auch in einem
inflexibel hierarchisierten Bildungswesen) sorgt für ernsthafte Probleme und durchaus auich
für erhebliche Schädigungen.
5. Real- vs. Finanzwirtschaft: Gewiss gibt es hier auf der Ebene der empirischen
Verallgemeinerungen tragfähige Unterscheidungen – etwa zwischen rein spekulativ
operierenden Hedgefonds, Investmentbanken, Banken als Kreditvermittlern,
Großunternehmen, die wahlweise spekulativ, investiv, kreditvermittelnd oder eben
unternehmerisch (dienstleistend oder produzierend) tätig werden können, kleineren
kapitalistischen Unternehmen oder selbstarbeitenden Selbstständigen, die nicht als
kapitalistische Unternehmen fungieren. Und es ist auch – solange dann entsprechend
vorsichtig argumentiert wird – grundsätzlich nichts dagegen einzuwenden, zusammenfassende
Kategorien wie Realwirtschaft und Finanzwirtschaft zu verwenden. Aber das darf einfach
nicht dazu führen, dass übersehen wird, dass jedes kapitalistische Unternehmen immer auch
mit virtuellem Kapital, mit erwarteten Profiten, rechnet und rechnen muss – und zwar in Geld.
Grundsätzlich ist daher keine derart klare Linie zu ziehen – und zwar nicht nur auf der Ebene
der Großkonzerne: Jedenfalls für die Kapitaleigentümer rechnet sich überall ihre
Akkumulationsperspektive in erwarteten Geldflüssen und wird daher auch nicht allein in der
Produktion, sondern auch auf Absatz- und Finanzmärkten entschieden.
Eher tragfähig scheint mir da die keynessche Unterscheidung zwischen den fungierenden
Kapitalisten – zu denen auch das von Burnham und Shonfield herausgestellte Management
gehört, einschließlich derart mächtiger Figuren wie Josef Ackermann von der Deutschen
Bank – einerseits und den ‚Rentiers‘, den bloßen Kapitaleignern (die eine dem bloßen
Grundbesitzer analoge Rolle übernehmen) andererseits. Diese Unterscheidung ist
offensichtlich nicht identisch mit der zwischen „Real-„ und „Finanzkapital“. Gegenüber
dieser Unterscheidung ist aber die Frage zu stellen, warum das keynessche Programm der
‚Euthanasie des Rentiers‘ nicht durchgesetzt werden konnte: Liegt es an einer fehlerhaften
Umsetzung – dann wären diese Fehler künftig zu vermeiden (aber dafür müssten wir sie
kennen) oder ist es letztlich und langfristig mit der Herrschaft der kapitalistischen
Produktionsweise unvereinbar? Im letzteren Fall wäre es ein implizites Programm zur
Überwindung dieser Herrschaft, also ein Transformationsprogramm in eine andere
Produktionsweise – das dann besser explizit zu machen wäre, um es politisch gezielt und
demokratisch kontrollierbar betreiben zu können.
[Schulmeister] These 2: Diese Entwicklung war unvermeidlich. Denn der Neoliberalismus ist
die Ideologie im Interesse des Finanzkapitals, nicht des Realkapitals. Die Losungen gegen
Sozialstaat und Gewerkschaften haben die Unternehmer(vertreter) schon vor langer Zeit
dazu „verführt“, den Neoliberalismus als „ihre“ Ideologie zu „adoptieren“. Dies hat ihnen
sehr geschadet, besonders den Klein- und Mittelbetrieben. Gleichzeitig haben die
anwachsenden Probleme und ihre „Behandlung“ durch „sparpolitische“ Schwächung des
Sozialstaats und „Atypisierung“ der Beschäftigung das Verhältnis zwischen den
Sozialpartnern verschlechtert. Die Interessen des Finanzkapitals können sie nicht als ihren
gemeinsamen Gegner erkennen, weil (fast) jeder selbst Finanzkapital besitzt.
fow: Im Rückblick erscheint die Geschichte fast immer als unvermeidlich. In der historischen
Gegenwart kann aber auch das eher Unwahrscheinliche, aber doch auch Mögliche, durchaus
wirklich geschehen. Vermutlich wird dieser Effekt einer Scheins der Unvermeidlichkeit in der
Krise des ‚Fordismus‘ noch dadurch verschärft, dass damals als Alternative nur Varianten des
real existierenden Staatssozialismus gesehen wurden, der aber in Wirklichkeit schon länger
keine historische Alternative mehr darstellte.
Genauer betrachtet gab es in den 1970er Jahren aber zumindest drei Ansätze zu einer
gesamtgesellschaftlichen Alternative: eine modifizierte staatssozialistische Variante, die von
der chilenischen Volkseinheit über die portugiesische Nelkenrevolution bis zu den
Sandinisten Nicaraguas gereicht hat; eine Variante des zivilgesellschaftlichen und
basisdemokratischen Sozialismus, wie er zunächst in den meisten ‚westlichen‘
Basisbewegungen geherrscht hat (der dann in der sog. Alternativbewegung bzw. später in den
Erneuerungsprozessen der ‚solidarischen Ökonomie‘ seine mehr oder minder adäquate
Fortsetzung gefunden hat); sowie eine radikalreformistische Variante wie sie im Rahmen der
skandinavischen Sozialdemokratie in unterschiedlichen Abschattungen ausgearbeitet und
diskutiert worden ist, mit dem Meidner-Plan einer schrittweisen und
wirtschaftsdemokratischen Vergesellschaftung der Produktionsmittel als einer
herausgehobenen Zuspitzungsform.
Diese Alternativen sind allesamt seit den 1970er Jahren bis in die 1980er Jahre hinein
geschlagen und z.T. im Sinne einer paradoxen Wunscherfüllung ‚kleingearbeitet‘ worden –
nicht zuletzt auch deswegen, weil es ihnen nicht gelang, ein produktives Verhältnis
zueinander und damit auch kein langfristig angelegtes strategisches Konzept zu entwickeln.
Vor allem aber, weil sie weder dazu in der Lage waren, eine wirksame Politik der Einheit der
Arbeiterklasse auf dem Niveau ihrer gegenwärtigen Entwicklung, noch dazu, eine
glaubwürdige Bündnispolitik zwischen den ausgebeuteten und unterdrückten
gesellschaftlichen Kategorien zu entfalten oder gar dazu, die Einheit und die Bündnisse der
herrschenden Klassen ihrerseits zu spalten.
Eingedenk dieser historischen Erfahrungen ist es zwar ein notwendiger erster Schritt,
klassenanalytisch zwischen unterschiedlichen Gruppen von ‚KapitalbesitzerInnen‘ zu
unterscheiden, um sie politisch aufspalten zu können. Es wird aber kaum ausreichen, die
damalige Unterscheidung zwischen den ‚Monopolen‘ und den ‚einfachen Kapitalisten‘
wiederzubeleben. Es ist zwar wahr, dass große Konzerne über eine Option verfügen, ihr
Kapital über Finanzanlagestrategien zu reproduzieren, über die kleine und mittlere
Kapitalisten nicht in vergleichbarer Weise verfügen. Aber nicht nur Lohnabhängige sind
inzwischen etwa über Pensionsfonds in ihrer Reproduktion an die Finanzmärkte gebunden,
auch die Reproduktion der Privatvermögen der einfachen Kapitalisten erfolgt schon längst
nicht mehr nur über ihre im engeren Sinne unternehmerische Tätigkeit. Die Unterscheidung
zwischen Finanzkapital und Realkapital ist daher zwar analytisch durchaus relevant, sie reicht
aber nicht hin, um klassen- und bündnispolitische Orientierungen zu geben.
John Maynard Keynes hatte die anders ansetzende Unterscheidung zwischen
KapitaleigentümerInnen (polemisch zugespitzt als ‚Rentiers‘, deren ‚Euthanasie er
bekanntlich propagiert hat) und fungierenden KapitalistInnen (besonders verkörpert durch das
kapitalistische Management) gesellschaftspolitisch stark gemacht. James Burnham und Paul
Shonfield haben bereits in den 1940ern die im Hinblick auf diese Unterscheidung zu
beobachtende Verschiebung in den ökonomischen Machtverhältnissen zwischen
Kapitaleignern und Management zu einer ‚managerial revolution‘ bzw. zum Übergang zu
einer neuen historischen Gestalt des ‚Kapitalismus‘ überhöht: zum ‚organisierten
Kapitalismus‘ (und damit einen Alternativentwurf zu den Theoremen des
‚Monopolkapitalismus‘ bzw. des ‚staatsmonopolistischen Kapitalismus‘ vorgelegt).
Stephan Schulmeisters empirische Beobachtung, dass zwischen den UnternehmerInnen und
dem Personal ihrer professionellen Lobbyorganisationen eine signifikante ideologische
Differenz bestehen kann, ist sicherlich wertvoll. Sie reicht aber nicht hin, um die anhaltende
‚Popularität‘ des Neoliberalismus zu erklären – die übrigens nicht nur auf der
Unternehmerseite besteht, sondern durchaus auch unter im weitesten Sinne Lohnabhängigen:
und zwar nicht nur unter den erfolgreichen ‚AufsteigerInnen‘ unter den
‚ArbeitskraftunternehmerInnen‘, sondern auch unter den eher apathischen und entmutigten
‚VerliererInnen‘. Ich vermute, dass es ohne eine breitere Arbeit der Kritik an der
hegemonialen Gestalten von Gesellschafts- und Wirtschaftswissenschaften nicht gelingen
wird, die Hegemonie der Neoklassik als wissenschaftlicher Grundlage des Neoliberalismus zu
überwinden.
Ich möchte bezweifeln, dass es ausreichen wird, die „Interessen des Finanzkapitals“ als
„gemeinsamen Gegner“ zu erkennen, um die Hegemonie des Neoliberalismus zu
überwinden. Dafür bedarf es, denke ich, eines komplexeren Prozesses der Aufklärung, der
deutlich macht, dass der Neoliberalismus (und seine wissenschaftliche Grundlage, die
Neoklassik) nicht dazu in der Lage sind, die Versprechungen zu halten, die er nach allen
Seiten immer wieder macht, sondern im Gegenteil immer wieder für destruktive Prozesse
verantwortlich zeichnet, die den ökonomischen, sozialen und ökologischen Wohlstand für die
Mehrheit der Menschen verunmöglicht, beeinträchtigt und zerstört. In diesem Prozess der
Aufklärung wird es vermutlich nicht möglich sein, über die destruktiven Tendenzen zu
schweigen, die bereits in der Herrschaft der kapitalistischen Produktionsweise als solcher
begründet sind, unabhängig davon, ob sie neoliberal ‚entfesselt‘ oder etwa keynesianisch
‚reguliert‘ auftritt.
Dass auch die lohnabhängigen Mittelschichten – und das ist nicht fast jeder! –
Finanzmarktpapiere besitzen, bedeutet noch längst nicht, dass sie Finanzkapitaleigentümer
sind. Daher ist hier jedenfalls nicht das strategische oder taktische Hauptproblem zur
Entwicklung und Durchsetzung einer realistischen und wirkungsmächtigen politischen
Alternative zu suchen.

[Schulmeister] These 3: Eine Essenz des Finanzkapitalismus besteht darin, dass Finanzaktiva
„geschaffen“ werden, die keine realwirtschaftliche Deckung haben. Zunächst geschah dies
durch Aktienbooms, dann durch Kreditvergabe an nahezu mittellose „Häuslbauer“. Als der
„fiktive“ Charakter der Finanzforderungen durch den Verfall von Aktienkursen und
Immobilienpreisen offenbar wurde, begann sich der Staat als „Ersatzbank“ zu betätigen,
nahm Geld auf und gab es den richtigen Banken – das Problem unzureichender Deckung
wurde nur verschoben. Wenn nun EZB und EU durch Schaffung eines Rettungsfonds
Griechenland, und danach Portugal und Spanien und Italien beistehen, wird das Problem
weiter geschoben. Eine nachhaltige Lösung kann nur darin bestehen, dass die Staaten in die
Lage versetzt werden, ihre Schulden zu bedienen. Dies setzt ein stabiles und merkliches
Wirtschaftswachstum voraus, also eine Verlagerung des Gewinnstrebens von der Finanz- zur
Realwirtschaft, einen „New Deal“ als nachhaltigen „Anschub“ und eine Abkehr vom
„Weltbild“ der letzten Jahrzehnte.
fow: Schulmeister beschreibt zwar zutreffend den Mechanismus der ‚Finanziarisierung‘, des
Überganges von einer primär realwirtschaftlich orientierten Akkumulation des Kapitals zu
einer primär finanzwirtschaftlich vermittelten Umverteilung von Kapitalien und
Geldvermögen, sowie die dadurch erforderlich gemachte Rolle des Staates als lender of last
resort. Er geht aber nicht auf die Ursachen ein, die diesen Übergang zwar nicht
unvermeidlich, aber doch zumindest politisch naheliegend gemacht hatten: auf die
zunehmenden Schwierigkeiten, mit denen sich das fordistische Akkumulationsmodell in den
1960er Jahren konfrontiert sah: wachsender Widerstand der Lohnarbeiter des Kapitals gegen
ihre kapitalistische Ausbeutung, exponentielles Wachstum der sozial- und umweltpolitischen
faux frais dieser kapitalistischen Akkumulation, allmählich einsetzende Widerstände in dem
Globalen Süden gegen die einseitige Appropriation wichtiger Quellen von Energieträgern und
Rohstoffen, destruktive ökologische Rückwirkungen menschlicher, insbesondere industrieller
Eingriffe in die Biosphäre.
Demgemäß greift Schulmeisters Kritik etwa am Euro-Rettungsfonds nicht nur strategisch zu
kurz, sondern bleibt auch pragmatisch eher hinter den Erfordernissen zurück. Er greift
strategisch zu kurz, weil er die Problematik einer alternativen europäischen Makropolitik auf
die dauerhafte Gewährleistung von hohem Wirtschaftswachstum einschränkt, ohne sich den
Problemen zu stellen, die sich aus innerkapitalistischen ebenso wie ökologischen Gründen
einem derartigen dauerhaft hohen Wirtschaftswachstum entgegenstellen: Eine reale
Wirtschaftsbelebung und eine politisch vermittelte Vollbeschäftigung können nur erste
Schritte sein, um einen tiefer greifenden sozialökologischen Umbau (=selektives Wachstum,
selektive Schrumpfung, selektive Reproduktion) einzuleiten, durch den erst wieder eine
relative Stabilisierung der Ökonomie und konkrete Krisenlösungen in Reichweite rücken
werden – sofern es nicht darüber hinaus unabweisbar werden wird, auch noch Schritte in
Richtung einer gesellschaftspolitischen Transformation der in unseren Gesellschaften konkret
vorliegenden Artikulationen von Produktionsweisen einzuleiten (also etwa das Verhältnis von
öffentlicher Arbeit, Eigenarbeit und Erwerbsarbeit neu zu bestimmen. Eine Abkehr vom
neoliberalen Weltbild wird voraussichtlich nicht gelingen, wenn nicht eine tragfähigere
Alternative propagiert wird, als die Rückkehr zu einem (auch noch letztlich imaginären)
Realkapitalismus.
Aber auch ganz pragmatisch wird es nicht reichen, auf EU-Ebene einen schuldenfinanzierten
Wachstumsschub zu setzen, um die Mitgliedstaaten wieder in die Lage zu versetzen, ihre
Staatsausgaben solide zu finanzieren: Damit es nicht bei einem bloßen Strohfeuer bleibt,
müssen nachhaltig (auf dem Binnenmarkt wie auf den Exportmärkten) sich als nützlich und
günstig bewährende Produktionslinien ‚‘gefunden‘ werden – was neue Mechanismen der
selektiven Förderung erforderlich macht, welche dazu in der Lage sind, die gegnwärtigegn,
durchweg zu kleine dimensionierten europäischen Förderprogramme auszuweiten und
abzulösen, ohne deren grundsätzliche Selektivität zu verlieren(die allerdings an veränderten
Zielsetzungen auszurichten wäre). Darin liegt die Heruasforderung, nachhaltig für den
gesellschaftlichen Bedarf innerhalb und außerhalb Europas zu produzieren – und nicht nur für
die jeweils vorhandene geldwerte Nachfrage.

[Schulmeister] These 4: Die schwierigste Phase der großen Krise liegt nicht hinter uns,
sondern vor uns. Ein neuerlicher Rückgang der Aktienkurse bei gleichzeitig hoher
Arbeitslosigkeit, leeren Staatskassen und zunehmendem Zweifel an der realen Deckung der
Staatschulden wird ohne kluge Gegensteuerung dazu führen, dass alle Sektoren versuchen,
ihre Lage durch Sparen abzusichern: Unternehmer, Haushalte, Ausland und Staat. Das ist
der Stoff, aus dem ökonomische Depressionen gemacht sind. In einer solchen Situation muss
der Staat der Realwirtschaft nachhaltige Impulse geben, gleichzeitig aber auch seine
Finanzlage stabilisieren. Dafür gibt es nur einen Weg: Er muss den Einkommensstärksten,
insbesondere den Besitzern großer Finanzvermögen, spürbare Konsolidierungsbeiträge
abverlangen, und zwar nicht aus sozialen, sondern aus „technisch-makroökonomischen“
Gründen: Die „Finanzrentiers“ reagieren darauf nicht mit einer Einschränkung ihres
Konsums, sondern ihres Sparens.
fow Diese Feststellung über die gegenwärtige komplexe Krise ist vermutlich wahrer, als
Schulmeister dies selber denkt. Aber deswegen kann es nicht ausreichen, sich bloß auf die
Wirtschaskrise zu beschränken.
Schulmeisters strategischer Ansatz der Depressionsprävention bzw. die Maßnahme einer
scharfen, vielleicht sogar konfiskatorischen Besteuerung der ‚Rentiers‘ ist sicherlich richtig.
Schulmeister scheint aber zu unterschätzen, wie schwierig ihre Durchsetzung sein wird: Denn
diese Finanzrentiers werden auch auf derartige Versuche mit politischer Gegenmacht und
strategischer Phantasie, sowie auch mit taktischer Raffinesse reagieren. Vermutlich wird ihre
ernsthafte Besteuerung nicht leichter durchsetzbar sein als die von Keynes propagierte
‚Euthanasie des Rentiers‘.
[Schulmeister] These 5: Mit einem Teil dieser Mittel sollen jene Probleme energisch
angegangen werden, die in den vergangenen 20 Jahren vernachlässigt wurden. Dazu gehören
insbesondere die Verbesserung der Umweltbedingungen, von einer „generalstabsmäßigen“
thermischen Gebäudesanierung über die Erneuerung der Energieversorgung bis zur
Ökologisierung von Industrieprodukten wie der Förderung von Elektroautos (all dies würde
den Unternehmen zusätzliche Aufträge bringen). Ein weiterer Schwerpunkt besteht in
massiven Investitionen ins Bildungswesen (einschließlich Vorschulbereich), insbesondere zur
Verbesserung der Qualifikation von Kindern mit Migrationshintergrund und der
Bedingungen an den Universitäten. Den dritten Schwerpunkt bilden alle Maßnahmen zur
Stärkung des sozialen Zusammenhalts, von einer Verbesserung der Entfaltungschancen
junger Menschen (insbesondere im Bereich Wohnen und Arbeit) über eine aktive
Armutsbekämpfung bis zu einer Organisation der Altenbetreuung, welche den Standards
eines modernen Sozialstaats entspricht.
fow: Der Ausgangspunkt ist zweifellos gut gewählt: Die neoliberale Wende ist in der Tat mit
einer völlig skrupellosen Vernachlässigung der öffentlichen Infrastrukturen einhergegangen,
die gleichsam eine Bugwelle an verabsäumten Erhaltungs- und Reparaturarbeiten aufgebaut
hat, die jetzt dringlich und doch verspätet endlich zu erledigen sind. Davon sorgfältig zu
unterscheiden sind allerdings die Abbau- und Umbauerfordernisse, die sich auf die
Fehlentwicklungen der fordistischen Periode beziehen: etwa auf die ‚autogerechte‘ Stadt, das
automobilzentrierte Fernverkehrsnetz oder das auf eine zentralistische Versorgung
ausgerichtete Stromverteilungsnetz: Hier wird der Ab- und Umbau sicherlich Investitionen
und Arbeit erfordern – einmal durchgesetzt, wird hier aber sehr viel weniger zu investieren
und zu arbeiten sein.
Auch die Investitionen in das öffentliche Bildungswesen sollten – bei aller Notwendigkeit, die
destruktiven Effekte des in den letzten Jahrzehnten betriebenen ‚Kaputtsparens‘ und der
kommerziellen ‚Privatisierung‘ von Bildungsangeboten – in ihrer grundsätzlichen
Ambivalenz gesehen werden: Neben der Verbesserung der Bildungsangebote als solcher
stehen die nicht weniger wichtigen Erfordernisse der Integration von Bildung und Leben, d.h.
sowohl der Integration von Bildungsprozessen in das Familienleben, sowie in das eigene
Leben der Kinder und Jugendlichen, als auch der Integration von Bildungsprozessen in das
‚Arbeitsleben‘ der ‚Erwachsenen‘. Gerade wenn die Folgeprobleme von Arbeitsmigration und
des in den ‚Empfängergesellschaften‘ mehr oder minder tief verankerten Rassismus ernsthaft
angegangen werden sollen, wird dessen gleichsam bloß ‚schulische‘ Behandlung dafür
unzureichend bleiben.
Auch die Forderung, den sozialen Zusammenhalt zu fördern, ist unbestreitbar richtig. Sie
kann aber ohne nähere Angaben ziemlich wirkungs- und geradezu hilflos bleiben. Vor allem
wird es in dieser Hinsicht darum gehen, nicht durch ‚Betreuung‘ (sozialarbeiterischen oder
auch soziokulturarbeiterischen Zuschnitts) oder gar durch eine offen passivierende
‚Berieselung‘ (nach den Extremmodellen von DSDS oder ‚big brother‘) bloße
‚Gemeinschaftserlebnisse‘ zu verschaffen, die dann nur noch subaltern genossen werden – in
der Hoffnung, dadurch zumindest ein Bewusstsein von Gemeinschaftlichkeit zu schaffen.
Sondern vielmehr darum, die zarten und schwachen Ansätze von Zusammenhandeln und
Selbstorganisation zu finden und zu stärken, mit denen die Herrschaftsunterworfenen, die
Subalternen, in unseren Gesellschaften immer schon begonnen haben, ihre eigenen Gestalten
von Gemeinschaftlichkeit aufzubauen: in der Arbeit an dem ‚gemeinsamen Eigenen‘ (Carola
Möller).
Hier eröffnen sich, wie punktuell bereits vorliegende Erfahrungen aus dem Bereich der
‚solidarischen Ökonomie‘ umfangreich gezeigt haben (Clarita Müller-Plantenberg), auch neue
und schöpferische Möglichkeiten zu Kombination von Praktiken zur Lösung ganz
unterschiedlicher Probleme – von der sozialen Integration über die Generationen hinweg über
den Polylog im multikulturellen patchwork der Alltagskulturen und Weltanschauungen bis
hin zur Durchdringung des Alltagslebens mit einer selbstverständlichen Praktizierung der
Achtsamkeit gegenüber den Anforderungen ökologischer Nachhaltigkeit.
[Schulmeister] These 6: Es liegt im eigenen Interesse der Besitzer der (großen)
Finanzvermögen, in der jetzigen Situation spürbare Konsolidierungsbeiträge zu leisten, um
dem Staat eine nachhaltige Ankurbelung der Realwirtschaft zu ermöglichen. Für die
„Reichen an Geld“ (Rentiers) ist dies viel wichtiger als für die „Reichen an Realkapital“
(Unternehmer), da erstere den größten Teil der Staatsanleihen halten (direkt oder indirekt in
Form von Investitions- oder Pensionsfonds). Die „Deckung“ der Staatsanleihen besteht
nämlich im künftigen Wirtschaftswachstum und den daraus erfließenden Staatseinnahmen
sowie den dadurch vermiedenen Sozialausgaben.

fow: Schulmeisters Argument ist zwar der Sache nach zutreffend, aber es verfängt doch nicht:
Gerade für eingefleischte ‚Pyramidenspieler‘ wie die gegenwärtigen Akteure des
Finanzkapitals ist es eben leider noch sehr viel attraktiver, die ‚spürbaren
Konsolidierungsbeiträge‘ anderen zu ‚überlassen‘ und selber die erzielten Gewinne anderswie
zu sichern. Das traditionelle Argument vom Staat als „ideellem Gesamtkapitalisten“
(Friedrich Engels) bezieht sich doch gerade auf diese Notwendigkeit, den unmittelbaren
ökonomischen Akteuren selbst noch ihr mittelfristiges ‚Klasseninteresse‘ durch eine
‚Zwangsgesetz aufzuherrschen‘ (Karl Marx). In diesen Zusammenhang gehört eben auch, was
seit 2008 wieder zu beobachten ist: dass die Finanzmarktakteure, nachdem ihnen der
Steuerstaat (und damit in erster Linie die Angehörigen subalternen Klassen, die ihre
Steuerzahlungen nicht ‚abwälzen‘ können) aus der Patsche der Zahlungsunfähigkeit geholfen
hatte, genau so weiter machen wie vorher.
Die ‚Reichen an Geld‘ besitzen nämlich wirklich eine paradoxe Form des Reichtums, die jede
nur denkbare Form annehmen kann und daher auch in Crash und Krise individuell ganz
ausgezeichnet verdienen kann, selbst wenn das Gesamtvermögen dieser Gruppe galoppierend
schwinden sollte. Es gibt daher kein in individuelle Orientierungen übersetzbares
Gesamtinteresse dieser Rentiers – das vielmehr der Staat definieren und den Einzelnen
gegenüber durchsetzen muss. Das macht es jedenfalls gedanklich möglich, in diese staatliche
Definition von Gesamtinteressen auch diejenigen anderer Gruppen mit aufzunehmen – der
fungierenden kapitalistischen Unternehmer und grundsätzlich auch der subalternen Klassen.
Dadurch wird das so definierte Interesse aber keineswegs zum wirklichen Interesse der
Finanzmarktakteure. Es muss vielmehr mit Gewalt gegen sie durchgesetzt werden, was
entsprechende politische Kräfteverhältnisse voraussetzt – deren Aufbau also die zentrale
Aufgabe ist, deren Lösung nicht dadurch erleichtert wird, dass ein mittelfristiges Interesse
auch der Finanzmarktakteure an einem ‚soliden Verlauf‘ der doch strukturell krisenhaften
kapitalistischen Akkumulation imaginiert wird.

[Schulmeister] These 7: Wenn die „Reichen an Geld“ darauf bestehen, dass der Staat seine
Schulden an sie durch eine wachstumsdämpfende Verringerung der Staatsausgaben abzahlt,
dann verlangen sie eine logische Unmöglichkeit. Den Arbeitnehmern muss nämlich zuerst die
Chance gegeben werden, gemeinsam mit den Unternehmern die Schulden des Staates
gegenüber den „Reichen an Geld“ abzutragen. Wenn nicht, wäre ein partieller
Staatsbankrott, im „optimalen“ Fall eine gemeinsam von allen EU-Staaten koordinierte
Umschuldung (= Ausgleichsverfahren) unvermeidlich. Dann werden die „Finanzrentiers“
viel mehr verlieren als wenn sie jetzt kräftig zur Konsolidierung beitragen.

fow: Auch die Pyramidenspieler wissen, dass es eine logische Unmöglichkeit ist, dass bei
dem Spiel einige Gewinn machen, ohne dass andere kräftig verlieren. Das hält sie aber
keineswegs vom Spielen ab – allenfalls vom Einsteigen in eine Pyramide, deren
Zusammenbruch allzu nahe gerückt zu sein scheint. Schulmeister hat natürlich recht, wenn er
meint, dass die Armen als Lohnarbeiter des Kapitals ‚die Krise bezahlen‘ können müssen.
Aus der kurzsichtigen Perspektive des Kapitals – und erst recht der Finanzmarktakteure – geht
dies aber auch ganz anders als durch einen erneuten Aufschwung, der ihnen Erwerbsarbeit
und damit die Fähigkeit zur Zahlung von Steuern und Abgaben verschafft: auch an
Verelendung und Überausbeutung der Lohnabhängigen, ja sogar an der Ausplünderung
bankrotter Unternehmen, lässt sich hervorragend verdienen (und die dafür nötigen
Instrumente sind in den letzten Jahrzehnten eindrucksvoll modernisiert und verfeinert
worden).
Die Drohung mit Umschuldungen, also politisch durchgesetzten Schuldenstreichungen gehört
selbstverständlich zu dem Instrumentenkasten einer realistischen alternativen Makropolitik.
Zu erinnern ist hier etwa auch an die inzwischen versandete Kampagne zur
Schuldenstreichung für den Globalen Süden: Die damals entwickelten moralischen,
politischen und ökonomischen Argumente treffen grundsätzlich auch auf die gegenwärtigen
Staatsverschuldungsprobleme im Globalen Norden zu. Allerdings würde eine
Schuldenstreichung sich hier kaum als Ausnahmemaßnahme darstellen lassen – sie stünde in
offenem Widerspruch zu einem grundlegenden Prinzip der kapitalistischen Produktionsweise:
dem Prinzip des ‚possessiven Individualismus‘, der Unantastbarkeit des Privateigentums. Dies
hat schon William Shakespeare anhand von Shylocks berühmten ‚ein Pfund Fleisch‘ prägnant
dargestellt. Heute würde eine derartige Maßnahme vermutlich nur in einer tatsächlich
‚revolutionären‘ Situation durchsetzbar sein – in der allen politischen Kräften klar ist, dass die
Herrschenden nicht mehr so weiter machen können und die subalternen politischen Kräfte
sich zumindest darüber verständigt und geeinigt haben.
Gegenwärtig steht dem aber ein immer noch recht ungebrochener Alltagsnationalismus
entgegen, unterfüttert von einem unterschwelligen Rassismus: Warum sollen ‚wir Finnen‘
oder ‚wir Deutschen‘ den mittelmeerisch-südlichen Griechen oder Portugiesen ‚ihre
Schulden‘ streichen lassen? Schon gar diejenigen unter uns, die über Riesterrenten u.ä. an
Papieren ‚hängen‘, welche durch eine derartige Schuldenstreichung unvermeidlich entwertet
würden?
Solange dies deutlich erkennbar so bleibt, brauchen die ‚Finanzrentiers‘ keine Angst davor zu
haben, dass sich die Massen in den relativ reichen Ländern gegen sie wenden werden. Ein
Grund mehr für sie, weiterhin so weiter zu machen wie zuvor.

[Schulmeister] These 8: Das politische Haupthindernis für eine Stärkung der Realwirtschaft
besteht darin, dass Unternehmen/Unternehmer wie Arbeitnehmer auch (kleine) „Reiche an
Geld“ sind. In ihrer Eigenschaft als „Finanzrentiers“ werden sie sich gegen
Konsolidierungsbeiträge wehren (die großen wie SIEMENS ebenso wie die „kleinen
Sparer“). Sie begreifen nicht, dass ihre Beiträge als Teil einer expansiven Gesamtstrategie
ihnen selbst in ihrer Eigenschaft als Unternehmer oder Arbeitnehmer nützen würden.

fow: Genau dies ist aber ein Kernmechanismus der Herrschaft der kapitalistischen
Produktionsweise – dass es immer erst einmal von Vorteil zu sein scheint, sich selber zum
Komplizen der herrschenden Verhältnisse zu machen. Das damit verbundene Nichtbegreifen
begründet das schon längst gut begründete Paradoxon aller reformistischen Strategien, das
eben darin liegt, dass weder die Massen der Unternehmer und Selbständigen, noch die Massen
der ausgebeuteten und subalternen Klassen überhaupt eine Gesamtstrategie begreifen können.
Würden sie dazu aber in der Lage sein, dann würden sie sich auch mit gutem Grund fragen,
warum sie eine reformistische Gesamtstrategie wählen sollten, an deren Ende immer wieder
nur die Reproduktion der Kapitalherrschaft steht, und nicht gleich für einer revolutionäre bzw.
transformatorische Gesamtstrategie optieren sollten, an deren Ende die Überwindung dieser
Herrschaft steht. Da sie nicht dazu in der Lage sind, eine derartige strategische Gesamtwahl
zu treffen, können sie auch nicht die politische Kraft aufbringen, wie sie die reformistische
Strategie eigentlich erfordert.
Da in Wahrheit der Moment einer derartigen strategischen Gesamtwahl historisch niemals
auftritt, bedarf es konkreterer Handlungsvorschläge und Begründungen, um die Massen für
die politische Durchsetzung und praktische Unterstützung von wirtschaftspolitischen
Maßnahmen zu gewinnen. Dies kann immer nur in Konkurrenz zu den konkreten nächsten
Maßnahmen geschehen, welche die herrschenden politischen Kräfte betreiben und
vorschlagen. Schulmeisters Argument überspringt hier diese unumgänglich anzugehende
Aufgabe.
[Schulmeister] These 9: Ist der „Schock“ am Beginn einer Krise vorbei, so regieren die
Eliten mit dem Versuch, das Unangenehme zu verleugnen oder zu verdrängen. Gleichzeitig
steigt das Bedürfnis nach Sicherheit. Beides stärkt die Tendenz, zum „status quo ante“
zurückzukehren, also jene Bedingungen wieder herzustellen, welche vor der Krise herrschten.
Dieses paradoxe Verhaltensmuster – es haben ja eben diese Bedingungen zum Heranwachsen
der Krise beigetragen – steht einem Lernen aus der Krise entgegen. Die Abkehr der Eliten
von ihren unter „Schockeinwirkung“ gemachten Reformversprechen und der Übergang zu
„Wir machen weiter wie vorher“, verdeutlicht dieses Lernhemmung. Genau deshalb vertieft
sich die Systemkrise und verstärkt den „Leidensdruck“ – allerdings bei den sozial Schwachen
und nicht bei den (ökonomischen) Eliten, deren Nach-Denken eine Überwindung der Krise
ermöglichen würde. Überdies sind Tempo und Gründlichkeit des Lernens bei den
ökonomischen Eliten aus einem zweiten Grund schwach ausgeprägt: Es fällt ihnen besonders
schwer, sich von der alten Weltanschauung und den darauf basierenden Modellen zu lösen.
fow: Diese ‚lernpsychologische‘ Darstellung verharmlost das zu lösende Problem: Wenn wir
unter ‚Eliten‘ die Gesamtheit der Funktionsträger der herrschenden Klassen an den Börsen, in
den Unternehmen, in der ‚Zivilgesellschaft‘ bzw. in den ‚Staatsapparaten‘ im weitesten Sinne
begreifen, dann wird klar, dass sowohl die wirklichen Klasseninteressen der Herrschenden als
auch die konstitutiven ‚Grundnormen‘ bzw. ‚Funktionsimperative‘ der Staatsapparate dem
von Schulmeister geforderten „Lernen aus der Krise“ entgegenwirken. Erst in politischen
Prozessen, in denen diese Klasseninteressen wirksam durchkreuzt und diese ‚Grundnormen‘
und ‚Funktionsimperative‘ gebrochen werden können, wäre ein derartiges Lernen aus der
Krise möglich – womit wir wieder bei dem Paradoxon des Reformismus wären: dass er zu
seiner Durchsetzung als solcher eben die politischen Kräfteverhältnisse voraussetzt, wie sie
auch für eine revolutionäre Transformation erforderlich wären.
Wenn aber in Wirklichkeit, eine derartige strategische Wahl nicht stattfindet, kann der
Reformismus seine Plausibilität daraus gewinnen, dass in jeder Lage immer noch Vieles
weiter so verläuft und radikalere Veränderungen, die über die unmittelbar erforderlichen
Maßnahmen hinausgehen, nur schwer durchsetzbar sind. Herrschende Ideologien ebenso wie
revolutionäre oder reformistische politische Programme ringen dem gemäß immer wieder
darum, welche Bedeutung den konkreten Schritten beizulegen ist, die gerade durchgesetzt
werden konnten, und insbesondere darum, was die nächsten Schritte sein müssen, die im
Anschluss an sie zu ergreifen sind. Dies ist auch der eigentliche Eingriffspunkt von
Schulmeisters Thesen, an dem sie tatsächlich Unterstützung verdienen – wenn auch gleichsam
unter ‚Abschälung‘ ihres ‚reformistischen Überschusses‘:

[Schulmeister] These 10: In einer hartnäckigen Krise nimmt die Tendenz des „Rette sich wer
kann“ auch im Verhältnis der Länder zueinander zu. Mehrere Faktoren werden die
„Zentrifugalkräfte“ in der EU stärken: Die Länder haben umso weniger Möglichkeit, die
Folgen der Krise zu bekämpfen, je geringer ihr wirtschaftliches Entwicklungsniveau und je
„prekärer“ daher die soziale Lage der Menschen ist. Denn diese Länder zahlen für die
öffentlichen Schulden viel höhere Zinsen als die „reichen“ Länder wie Deutschland. Auch
sind die einzelnen EU-Länder durch ein „Gefangenendilemma“ quasi gelähmt: Betreibt jedes
einzelne Land eine expansive Politik, so fließen gut 50% der Impulse ins Ausland. Machen
alle EU-Länder dies gemeinsam, so stärken sie sich wechselseitig. Gleichzeitig muss die
expansive Gesamtstrategie in den Ländern mit (hohen) Leistungsbilanzüberschüssen und
relativ günstiger Lage der Staatsfinanzen stärker ausgeprägt sein als in den
„Problemländern“. Fazit: Gebraucht wird das Konzept eines koordinierten „New Deal“ für
Europa und ein „leadership“ der PolitikerInnen, dieses umzusetzen.

fow: Schulmeisters Gefahrendiagnose ist leider sehr realistisch. Eine idealistische


Postulierung europäischer Solidarität wird dagegen kaum helfen. Das von Schulmeister
beschriebene ‚Gefangenendilemma‘ einer pro-aktiven europäischen Makro-Politik wird sich
nur dadurch durchbrechen lassen, dass in wichtigen Mitgliedstaaten der EU – insbesondere in
Deutschland – alternative politische Bündnisse die Regierungsmacht übernehmen, welche
dazu bereit und in der Lage sind, auch gegen einen spekulativen Entrüstungssturm auf den
Weltfinanzmärkten innerhalb der EU den Primat der Politik durchzusetzen und als erster
Schritt dazu der Macht der Finanzmarktakteure konsequent und wirksam entgegen zu treten.
Wer dies aber ernsthaft versucht, muss zumindest auf die Möglichkeit vorbereitet sein, dass
von diesen dann keine wirksame Gegenmacht ausgeübt wird.
Ohne dass in Deutschland als der hegemonialen Macht innerhalb der EU eine Regierung
durchgesetzt wird, die ernsthaft auf einen sozialökologischen New Deal hinarbeitet, wird ein
derartig tiefgreifender Politikwechsel innerhalb der EU nicht durchsetzbar sein: Schulmeisters
Thesen müssen daher auch zwar nicht ins Deutsche übersetzt, aber doch in die Problematiken
der innerdeutschen politischen Kämpfe übertragen werden.
Dazu müssen wohl vorrangig drei Themen vertieft werden, die Schulmeister allzu
kavaliersmäßig pauschal behandelt: Das Thema der ökologischen Kriterien, zugespitzt im
strategischen Imperativ der Reduktion von ‚Umweltverbrauch‘, wie sie bereits bei den
allersten Schritten einer konzertierten Wirtschaftsbelebung innerhalb der EU anzulegen sein
werden, das Thema der alltagskulturellen Bekämpfung von Rassismus und Sexismus, aber
auch von Apathie und Resignation, wie sie dringend erforderlich sein wird, um reaktionären
Versuchen, sich auf diese Strukturen gegen eine Hegemonie emanzipatorischer Kräfte zu
stützen, durch eine breit angelegte demokratische Aktivierung präventiv begegnen zu können,
und schließlich auch das Thema der grenzübergreifenden Solidarität und
Ausgleichungsprozesse zwischen Zentrum und Peripherie, das nicht nur EU-intern, sondern
auch global aufgrund der Polarisierungsprozesse in den ‚neoliberalen Jahrzehnten‘ auf Sicht
eine strategische Herausforderung bilden wird.

Um diese Grundzüge eines politischen Handlungsprogramms wirksam in die Praxis


politischer Kämpfe in Deutschland und in der EU zu übertragen, wird es nicht genügen, dass
einzelne mehr oder minder charismatische „PolitikerInnen“ sich diese Fragestellungen
aneignen und entsprechende Thesen entwickeln und vertreten. Wenn es nicht gelingt, dass
sich politische Parteien und Parteienkonstellationen der Linken im weiten Sinne mit der
Aussicht auf demokratische Mehrheiten in einem Crossover-Prozess zumindest auf den
praktisch-politischen Einstieg in eine derartige Perspektive verständigen, dann wird die
Durchsetzung eines derartigen politischen Kurswechsels, zu dessen ersten Schritten
Schulmeister einen wichtigen Beitrag geleistet hat, innerhalb des politischen Systems der
deutschen ‚Parteiendemokratie‘ unmöglich bleiben.
Genau als Beitrag zu diesem Crossover-Prozess, dem sie Raum verschaffen, indem sie das
Argument der Alternativlosigkeit des in der Ökonomie herrschenden Denkens durch
realistische alternative Handlungsprogramme widerlegen, sind Schulmeisters Thesen zu lesen.
Das zwingt dann keineswegs dazu, auch die theoretischen, thematischen und methodischen
Beschränkungen zu übernehmen, die Schulmeister selber sich immer noch auferlegt.

Denn wir brauchen dringend eine breit in der gesamten Linken geführte Strategiedebatte
darüber, wie derartige gesellschaftspolitisch transformatorische Zuspitzungen geleistet
werden können, ohne die auch der von Schulmeister vorgeschlagene europäische New Deal
nicht mehr erreichen wird, als vorübergehend die Krisensymptome zu lindern und damit die
gefühlte Dringlichkeit politischer Veränderungen zu mindern. Dass dies auf dem Wege einer
„Konsolidierung der Staatsfinanzen“ mit dem Schwerpunkt auf der Seite der Struktur und des
Umfanges der Staatseinnahmen – und nicht auf der der Staatsausgaben – geschehen muss
halte ich für gut begründet, auch in einer längerfristigen strategischen Perspektive. Die
dringend zu führende Debatte bezieht sich dem gemäß nicht primär auf den Umfang der
Staatsausgaben, sondern auf ihren Inhalt (d.h. die Abgrenzung von investiven und
konsumtiven Ausgaben, die Problematik der Rüstungsausgaben, der konkrete Inhalt und
damit die Nachhaltigkeit von Investitionen) und ihre Verausgabungsformen(d.h. die
Finanzierung von transnationalen, zentralstaatlichen, regionalen, kommunalen oder auch
zivilgesellschaftlichen Trägern öffentlicher Aufgaben).

Für diese Debatte bieten sich drei Schwerpunkte an, die bei Schulmeister allerdings nur ganz
beschränkte Anschlussfelder finden:

a. Das ist zunächst der Reduktionsimperativ, wie er sich sowohl aus den ökologischen
Krisenprozessen (Insb. Klima und Biodiversität) als auch daraus ergibt, dass der
‚Globale Süden‘ mit gutem Recht erwarten kann (und muss), dass die
Belastungsverlagerungsprozesse gestoppt werden, durch die sich der ‚Globale Norden‘
immer noch insbesondere die ökologischen und stofflichen Folgen der eigenen
‚Grenzüberschreitungen‘ (im Sinne der ‚Grenzen des Wachstums‘) im Dienste der
Kapitalakkumulation vom Leibe schafft. Es kann nicht mehr darum gehen, einfach
Wirtschaftswachstum zu erzeugen, dies muss selektiv moduliert werden - nicht nur im
Sinne eines sozialökologischen Umbaus, also als politische Entscheidung darüber, was
schrumpfen, was sich auf gleichem Niveau reproduzieren und was gezielt wachsen
soll, sondern durchaus in dem verschärften Sinne, dass das Gesamtergebnis eine
signifikante Reduktion von Ressourcen (d.h. Stoff und Energie) Verbrauch sein muss.
b. Das ist dann, auch weil eine bloß technokratische Durchsetzung der nötigen
Reduktionen eine (schlechte) Utopie bleibt, zweitens der Imperativ der
demokratischen Aktivierung, durch die erst die breit verankerten kollektiven
politischen Subjekte und deren Bündniskonstellationen entstehen, um die
erforderlichen politischen Grundentscheidungen einzufordern und zu erkämpfen. Dass
politische Grundsatzentscheidungen auf der Ebene der EU getroffen und durchgesetzt
werden können, haben bereits die Großprojekte des europäischen Neoliberalismus
gezeigt, die sich jetzt schon nicht mehr rückgängig machen lassen: der Binnenmarkt,
der Euro und die Big-Bang-Erweiterung haben als ‚Globalisierungsverstärker‘ weit
über die EU hinaus wirksame Tatsachen geschaffen. Auch erfolgreiche wissenschafts-
und industriepolitische Gestaltungsprojekte unter Führung öffentlicher Instanzen hat
es in der EU schon gegeben – wenn auch mit einer den heute dringend erforderlichen
Ausrichtung auf eine ökologisch vertretbare Umstellung von Energieverbrauch,
Energieproduktion und –verteilung, sowie auf ein ökologisches
Stoffstrommanagement diametral entgegengesetzten Grundorientierung: Euratom hat
mit viel öffentlichem Geld die Umsetzung einer neuen Technologie in den Aufbau
europäischer Industrien gefördert; die EGKS hat als Montanunion die
weltmarktbezogene Modernisierung der europäischen Stahlproduktion, sowie der
Kohleförderung und –nutzung nach den eigenen Kriterien dieses industriepolitischen
Zentralprojektes ziemlich erfolgreich betrieben. Warum sollte es unmöglich sein,
vergleichbar ausgestattete und wirksame Institutionen für das Energiesparen, die
Verkehrsvermeidung, die Genderung von Infrastrukturen, den Umstieg auf nachhaltig
erneuerbare Energiequellen oder die Förderung der Biodiversität zu schaffen und
industriepolitisch wirksam zu machen?
c. Damit dies gelingt, sowohl die Bereitschaft zum Verzicht auf materielle Güter im
Tausch für immaterielle, soziale und kulturelle Möglichkeiten für ein besseres Leben,
als auch die Motivierung aus Apathie und Passivität zu neuem politischen
Engagement, ist drittens eine kulturelle Transformation in Gang zu setzen, durch die
der ‚Konsumismus‘ und ‚Besitzindividualismus‘ zurückgedrängt und neue Formen des
Genusses und der Sozialität entwickelt und auch hegemonial werden. Hierfür bildet
eine umfassende Arbeitszeitverkürzung eine zentrale Voraussetzung. Damit diese
Arbeitszeitverkürzung auch etwa die Marginalisierten und Prekären wirksam erreicht,
sind neben einer gesetzlichen und tariflichen Verkürzung der Normalarbeitszeit (mit
Priorität auf einer 5-Tage-Woche von 30 Stunden, um genderdiskriminierende Effekte
zu vermeiden) neue, spezifisch adressierte Formen der Arbeitszeitverkürzung in
Gestalt zweckgebundener bezahlter Auszeiten etwa für Bildung, Kinderbetreuung,
bürgerschaftliches Engagement, kulturelle Innovation und Pflege zu entwickeln und
im europäischen Maßstab umzusetzen. Als flankierende Maßnahme ist zugleich die
öffentliche Förderung und politische Einbeziehung von Organisationen und
BürgerInneninitiativen auf allen Ebenen auszubauen, einschließlich der Förderung der
unterschiedlichen Gestalten einer solidarischen Ökonomie.

Das Übergewicht, das die Bundesrepublik Deutschland – vor allem durch ihre
Dumpingstrategie, in begrenzterem Umfang aber auch durch die Aufrechterhaltung ihrer
technischen Überlegenheit in zentralen Industriebereichen – innerhalb der EU aufgebaut hat,
ist gegenwärtig ein unübersehbarer Krisenfaktor für den Zusammenhalt der EU. Deutschland
hat die PIIG-Länder in Grund und Boden konkurriert, deutsche Banken haben ihren
Regierungen viel Geld geliehen – und jetzt muss Deutschland jedenfalls in Grenzen die Mittel
dafür bereit stellen, diese Krise (die wirklich keine Krise des Euro ist) zu managen und aus ihr
herauszukommen. Darin liegt heute eine Chance: Die politische Krise der gegenwärtigen
Bundesregierung könnte dazu führen, dass es in Deutschland selbst zu einem wirtschafts- und
gesellschaftspolitischen Kurswechsel kommt. Und dies hätte dann europaweite Auswirkungen
– und wäre auch weltpolitisch ein Beitrag zu einer längst überfälligen Wende.
Die große Frage, die dem zugrunde liegt, muss allerdings gegenwärtig noch offen bleiben:
Sind die Kräfte der Linken – im weiten Sinne – in Deutschland dieser historischen
Herausforderung gewachsen?
Jedenfalls ist es dringend nötig, dass die strategische Debatte darüber, wie die komplexe
Krisenkonstellation der Gegenwart in Deutschland und Europa der Sache nach angegangen
werden kann, endlich breit geführt wird. Und dass sie auch theoretisch genau geführt wird:
denn überall dort, wo die Diskussion über auf der Hand liegende erste Schritte zur
Gefahrenabwehr (‚prevention‘) und Schadensminderung (‚mitigation‘) hinausgeht und mittel-
oder gar langfristige Perspektiven berührt, also wirklich über bloß taktische Fragen
hinausgeht und strategisch wird, bedarf es der theoretischen Klärung, wie weit wir es bloß mit
unseren eigenen Wünschen und Willen zu tun haben und wie weit wir unter prozessualen und
strukturellen Bedingungen handeln – und mit welchen materiellen Prozessen bzw. mit
welchen historischen Strukturen wir es zu tun haben.

Literatur

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<http://treiberagainstcapitalism.wordpress.com/2010/06/17/stephan-schulmeiser-mitten-in-
der-krise-ein-%E2%80%9Enew-deal-fur-europa/>

Berlin-Schöneberg, April 2011