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DIE TOTALE ERINNERUNG.

MUSIK
UND GEDÄCHTNIS IM YOUTUBE-
ZEITALTER
Simon Reynolds
DIE TOTALE ERINNERUNG

• Kulturelle Datenmenge nicht mehr an physisches Material gebunden  Steigerung der


Kapazitäten

• Technischer Fortschritt ermöglicht unkomplizierte Verbreitung (z.B. das Handy)  Was


einmal im Netz ist, bleibt meist auch dort

• Expansion des menschlichen Gedächtnisses vs. Mangelnde Verarbeitungsfähigkeit


DIE TOTALE ERINNERUNG
• Internet ermöglicht dauerhaften Zugriff  Zunahme von Gegenwärtigkeit der Vergangenheit

• Durchdringung des Alltags mit „Altem“

• Bereits vor dem Internet “zu viele“ Informationen, allerdings größtenteils außer Reichweite
DIE TOTALE ERINNERUNG
Vergleich zwischen 70ern und der Gegenwart

• 70er Jahre:
• „Verfallsdatum“ von Musik  Streichung aus Sortiment
• Anfänge der Plattensammler-Kultur
• Beschränkung auf Bestand im örtlichen Laden
• Möglichkeit der Überspielung von Platten aus dem Freundeskreis oder aus
Bibliotheken
DIE TOTALE ERINNERUNG
• Gegenwart

• Kostenloser Zugang zu allem, was jemals aufgenommen wurde

• Zugang zu weiterführenden Informationen via Wikipedia / Google

• Beispiel Fernsehen: Vintage-Fernsehen  Präsenz der Vergangenheit


DIE TOTALE ERINNERUNG
• Veränderung im Verhältnis zu Raum und Zeit im YouTube-Zeitalter

• Youtube als Feld kultureller Praktiken


•  
• „Remediation“:

• Abhängigkeit von Mainstream-Unterhaltungsindustrie (Musikpromos, Major-Labels, Fernsehsender und


Hollywood)
 
• „Post-Broadcasting“
• Übewindung des Zeitalters eines kulturellen Mainstreams  „Ära der Nischen“
• Merkmale der „Post-Moderne“  Bearbeitung, Veränderung des Mainstreams (Fan-Fiction, Mashups, „Culture
Jamming“)
DIE TOTALE ERINNERUNG

• Youtube aus musikalischer Perspektive


• Sammelbecken auch für Nieschenmusik  Ersatz für
Hardcore-Fanszene (Sammler, Kopierer, usw.)
• Youtube als Audio-Mediathek (Standbilder statt Video,
• Download als MP3 möglich  Raubkopie
• „öffentliche Bibliothek“  lückenhaft, desorganisiert
DIE TOTALE ERINNERUNG
• Leichterer Zugriff als auf analoge Schallplattensammlung
• Youtube tauscht Qualität gegen Bequemlichkeit
• Youtube mehr „vollgestopfter Dachboden als Archiv 
Unordnung
• „Abschweifen“ als implizites Ziel (Seitenleiste mit
Vorschlägen)  Rückggang der Konzentrationsfähigkeit
DIE TOTALE ERINNERUNG
• “ordentliche“ Kultur-Datenbanken als Alternative zu Youtube
• z.B. Britische Nationalbibliothek: öffentliche, ethnographische
Sammlung von Musik (28 000 Aufnahmen, 2000 Stunden traditionelle
Musik

• Youtube als „vollkommene Erfüllung des Web 2.0“


• „Unsterblichkeit“ aller Videos
• Paradoxe Mischung aus Geschwindigkeit und Stillstand
• „verlängerte Gegenwart“ > jüngste Vergangenheit
DIE TOTALE ERINNERUNG

• Laut Musikindustrie: Aktuelle Musik weniger gefragt als


ältere Musik
• Trend ab den 2000er Jahren, im Gegensatz zu den 90ern
• Trotz Niedergang des Musikeinzelhandels steigende
Nachfrage nach älterer Musik (höhere Hürden für nicht-
aktuelle Veröffentlichungen)  Erklärungsansatz Online-
Händler
DIE TOTALE ERINNERUNG
• Ältere Musik ist der aktuellen Musik sowohl quantitativ als
auch qualitativ überlegen

• Vergangenheit steht in Konkurrenz zur Gegenwart


DIE TOTALE ERINNERUNG

• Long-Tail-Theorie“ (Chris Anderson)

• Die Tyrannei des Raumes wird durch das Internet überwunden


• Physisch: Internet > Einzelhandel
• Zeitlich: Veränderung des Kaufverhaltens

• Grundsätzlicher Wandel von analog zu digital 


Begünstigung von Raubkopien (MP3)
DIE TOTALE ERINNERUNG

[…] Der Unterschied zwischen CD und MP3 ist vergleichbar mit


frisch gepresstem Orangensaft und Saft, der aus Konzentrat
hergestellt wurde. (Bei diesem Vergleich wäre Vinyl wohl
wahrscheinlich frisch gepresster Saft.) Das Konvertieren der
MP3s ähnelt diesem Konzentrationsprozess und wird auch aus
dem gleichen Grund gemacht: Es ist viel billiger, das Konzentrat
zu transportieren, da es ohne Wasser viel weniger Platz braucht
und weniger wiegt. Den Unterschied schmecken wir aber alle.“
LITERATUR
• Simon Reynolds: Die totale Erinnerung. Musik und Gedächtnis im YouTube-Zeitalter. In:
Tilman Baumgärtel (Hg.): Texte zur Theorie des Internets. Berlin (Reclam) 2017, S.342-357.