TREPPEN

GEFLÜSTER
Texte aus dem
Eobanus-Hessus-Schreibwettbewerb
2011 − 2014

1

Veranstalter des Wettbewerbes:

Förderer und Unterstützer:

2

TREPPENGEFLÜSTER
Preistexte aus dem
Eobanus-Hessus-Schreibwettbewerb
2011 − 2014
Herausgegeben vom
Förderverein Humanistenstätte Engelsburg e. V.

3

www.hessus.eburg.de

Erfurt 2014
Herausgeber: Förderverein Humanistenstätte Engelsburg e. V. Erfurt
Auflage: 300 Stück
Alle Rechte liegen bei den Autorinnen und Autoren
Druck: Druckhaus Gera, www.druckhaus-gera.de
Satz und Gestaltung: Thomas Putz
Korrektur: Sabine Spitzer, Stefan Schütz
ISBN: 978-3-944919-08-9

4

Inhalt
Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
Jurypreise 2011
LAURA CATERINA ZIMMERMANN: Stopp, Milano! . . . . . . . . . . . 11
STEVE KUSSIN: Die Trägheit des Herzens . . . . . . . . . . . . 18
USCHI V. SCHMIDT: Cognac. Aus dem Tagebuch einer Vatersöhnin . . 21
NORMAN LAUTERBACH: Der zerstückelte Mensch . . . . . . . . . . . 27
Jurypreise 2012
JAKOB ZWIEBLER: Spanien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36
ANNA SIEBERT: Jankovs Bude . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43
ANN-KATHRIN ROTH: Treppengeflüster . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48
Jurypreise 2013
STEVE KUSSIN: Tiramisu . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52
JÖRG ENGELMANN: Kopfsteinpflaster . . . . . . . . . . . . . . . . 58
ANNE BÜTTNER: Nicht, worauf es ankommt . . . . . . . . . 63
Jurypreise 2014
MAXIMILIAN LUDWIG: Der Fotograf, Die alte Lästerei . . . . . 69
RONNY RITZE: Der Krake mit dem Erdbeerhut . . . . . 72
ANNE BÜTTNER: Ein anderes Wort für komisch . . . . . . 77
Schülerförderpreise 2011
ANNA SIEBERT: Jeanne . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85
NADINE KELLNER: Unsichtbares Keuchen . . . . . . . . . . . . . . . 89
Schülerförderpreise 2012
RICCARDA KIEL: Tintenklecksendes Säkulum . . . . . . . . . . . 93
JUDITH BERNET: Die Tänzerin . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96
ROMINA SCHMIDT: Nur für uns . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98
Schülerförderpreise 2013
NATHALIE LAUTERBACH: Die kleine Elster . . . . . . . . . . . 103
ROMINA SCHMIDT: Drabbles . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106
KONSTANTIN F. PETRY: Mein lieber Charly . . . . . . . . . . . . . 108

5

Schülerförderpreise 2014
LARA MAIBAUM: Fort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113
LUISA BROCK: Vom Gehen und Bleiben . . . . . . . . . . . . . . . 119
KONSTANTIN F. PETRY: Schöne Welt, Schlaflos . . . . . . . . . . . 122
Zu den Autorinnen und Autoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124

6

Vorwort
Schreibwettbewerbe sind wichtige Instrumente der Literatur- und
Autorenförderung. Sie bieten jungen Schreibenden die Möglichkeit,
die eigene Texte (oft erstmals) »aus der Hand« zu geben und von einer
Instanz außerhalb des Familien- oder Freundeskreises bewerten zu
lassen. Das kann mit Stolz und Enthusiasmus verbunden sein, aber
auch mit Unsicherheit und Enttäuschung, gerade dann, wenn der
eigene Text am Ende nicht zu den preisgekrönten zählt. Trotzdem ist
es wichtig, ja notwendig, als junger Autor oder junge Autorin diesen
Schritt zu gehen, eine Rückmeldung zu den Texten einzuholen und
sich mit anderen auszutauschen. Im »stillen Kämmerlein« sind in der
Regel der Weiterentwicklung des eigenen Schreibens Grenzen gesetzt.
Neben Schreibwettbewerben bieten Lesebühnen, Schreibwerkstätten,
Internetblogs oder Literaturzeitschriften gute Möglichkeiten nach
draußen zu gehen. Thüringen bietet dabei eine gute Infrastruktur für
die Förderung von junger Literatur. Die größeren Städte, wie Erfurt,
Weimar, Gera oder Jena verfügen über regelmäßige offene Lesebühnen oder Poetry Slams, bei denen eigene Texte einem interessierten
Publikum präsentiert werden können. Auch gibt es mehrere Autorenund Schreibwerkstätten, wie die jährlich stattfindenden Werkstätten
auf der Burg Ranis, in der Sommerakademie Böhlen oder im Rahmen
des Erfurter Textil-Festivals. Raum für Veröffentlichungen eigener
Texte bieten die kontinuierlich erscheinenden Zeitschriften hEFt für
literatur, stadt und alltag und Palmbaum. Aktuelle Informationen
zu diesen Angeboten können auf der Internetseite des Thüringer
Literaturrates nachgelesen werden.
Der Eobanus-Hessus-Schreibwettbewerb ist neben dem Literaturforum Hessen-Thüringen der zweite große Wettbewerb für junge
Literatur in Thüringen. Seit nunmehr fast 15 Jahren können sich an
ihm junge Schreibende aus Thüringen im Alter von 15 bis 35 Jahren
beteiligen. Viele der bisherigen Preisträgerinnen und Preisträger
haben sich inzwischen auch in der überregionalen Literaturszene

7

etabliert, wie Franziska Wilhelm, Clara Ehrenwerth, Stefan Petermann oder Peter Neumann. Mit dieser inzwischen vierten Anthologie
des Wettbewerbes präsentieren wir die preisgekrönten Beiträge aus
den Jahren 2011 bis 2014. Bei der Auswahl wurden sowohl die JuryPreise als auch die Schülerförderpreise berücksichtigt. Damit geben
hiermit insgesamt 19 junge Autorinnen und Autoren aus Thüringen
Einblicke in ihr literarisches Schaffen.
Wir möchten uns an dieser Stelle herzlich bei der Jury bedanken, die
nun schon über viele Jahre den Wettbewerb fachkundig und mit viel
Engagement begleitet. Der Jury gehörten in den vergangen vier Jahren
Ingrid Annel, Alexander Platz, Stefan Schütz, Sabine Spitzer und
Monique Weinert als kontinuierliche Mitglieder, sowie die jeweiligen
Vorjahrespreisträger Jörg Engelmann, Ann-Kathrin Roth, Stefan
Petermann und Laura Zimmermann als einmalige Mitglieder an.
Ein besonderer Dank gilt auch den Förderern und Sponsoren, ohne
deren Unterstützung der Wettbewerb nicht stattfinden könnte,
namentlich der Landeshauptstadt Erfurt, dem Thüringer Ministerium
für Bildung, Wissenschaft und Kultur, der Buchhandlung Hugendubel Erfurt, der Sparkasse Mittelthüringen, der Universität Erfurt
sowie den Medienpartnern Thüringer Allgemeine, Radio F.R.E.I. und
hEFt.
Wir hoffen, dass der Eobanus-Hessus-Schreibwettbewerb auch in
den kommenden Jahren noch viele junge Autorinnen und Autoren in
ihrem Schreiben animieren, begleiten und unterstützen wird.

Ralf-Dieter May
Vorsitzender des Fördervereins
Humanistenstätte Engelsburg e. V.

Thomas Putz
Projektkoordinator

8

Jurypreise 2011 – 2014

9

10

Laura Caterina Zimmermann
Stopp, Milano!
Als sie an meiner Tür klingelte, war ich gerade aufgestanden, hatte
die Kaffeemaschine eingeschaltet und Musik. Jazz, weil heute Sonntag
war, und ich glaube, sie fand mich seltsam, weil Jazz lief, als ich die Tür
öffnete. Aber das war einmal, mich seltsam finden, gegenüber hundert
Situationen, in denen ich sie seltsam gefunden hatte, in meinem Leben
und hoffentlich noch weiteren hundert, in denen ich sie seltsam finden
würde.
Ich nahm an, meine Zeitung würde kommen oder dass jemand
falsch geklingelt hatte, aber es war Katharina und es gab niemanden
mit dem ich weniger gerechnet hätte als mit ihr. Ihre Haare waren
viel kürzer als letztes Mal, als wir uns gesehen hatten. Sie stand in
meiner Wohnungstür und lächelte einfach, hatte ein dunkelblaues
Kleid an, das fast schwarz war, eine Stofftasche um die Schulter und
eine Bäckertüte in der rechten Hand.
»Kann ich reinkommen?« fragte sie. Ich ging einen Schritt zurück
und nickte ihr zu, sagte: »Du weißt ja, wo die Küche ist, nimm dir
gerne Kaffee, ich bin duschen.« Ich ging ins Badezimmer und schaute
minutenlang in den Spiegel, rieb mir die Augen und versuchte, einen
klaren Gedanken zu fassen, musste begreifen.
Als ich zurück in die Küche kam, stand sie in der offenen Tür und
die Sonne, die zum Fenster herein schien, machte ihre Haare heller
und ihr Lachen strahlender. Plötzlich war Frühling. Zwei Eierbecher
standen auf dem Tisch und Frühstücksteller. Ich hatte das älteste
T-Shirt angezogen, das ich finden konnte, in der Hoffnung, sie würde
es vielleicht wieder erkennen, weil ich wusste, dass es manchmal kein
schlimmeres Gefühl gibt, als dass sich alles verändert hat.
Katharina saß auf dem Stuhl und schaute mich mit großen
gespannten Augen an. Ich setzte mich, nahm einen Schluck Kaffee
aus meiner Tasse und sagte: »So?« Sie überlegte nicht lang und zuckte
sofort mit den Schultern, lächelte verlegen und sagte dann: »Was hast
du vor heute?« Sie wartete nicht auf meine Antwort, sprach weiter:
11

»Ich habe Geburtstag und dachte, wir können vielleicht was erleben.
Ich dachte, wir frühstücken und sprechen über alte, schöne Dinge und
dann gehen wir raus. Wir könnten den Turmberg nach oben laufen,
eine Runde durch den Wald drehen, dann kommen wir wieder her
und du kochst für mich. Und dann können wir in die Oper gehen. Ich
meine, ich stell’ es mir so vor, dass wir einfach den ganzen Tag schöne
Dinge machen.«
Ich muss sie wohl ganz schön verwirrt angestarrt haben, sie grinste
mir ins Gesicht und berührte meine Schulter, streckte ihren Arm
über den Tisch und berührte meine rechte Schulter mit der Hand.
Ich räusperte mich und konnte mich nicht zwischen Wut und Glück
entscheiden, sagte mit fester Stimme: »Wie stellst du dir das vor? Du
klingelst, nachdem wir uns über ein Jahr nicht gesehen haben, und
sagst, wir könnten mal eben einen Tag glücklich sein?« Sie nickte
einfach. »Ich bin sicher, dass es ein toller Tag wird. Hast du gesehen,
dass draußen vor deinem Haus Tulpen blühen? Sag mal, willst du das
Mohnbrötchen? Ich erinnere mich daran, dass du sie gerne magst.« Ich
fand sie total irre und nickte. »Ich hab auch Erdbeermarmelade mitgebracht, die von meiner Oma. Erinnerst du dich? Du hast mal gesagt,
dass du sie liebst. Ich glaube aber, dass du das nur gesagt hast, weil
du gehofft hast, dass ich mich daran mal erinnern werde.« Ich schüttelte den Kopf und dachte, dass ich noch nie irgendetwas gesagt hatte,
damit sich jemand anderes einmal daran erinnert, aber ich fand es
irgendwie schön, dass sie mir das zutraute.
Katharina seufzte und wollte weiter sprechen, aber ich legte den
rechten Zeigefinger auf meine Lippen und deutete ihr, still zu sein.
Ich wollte nicht, dass sie weiter sprach und sie schaute erst kurz etwas
verstört drein und dann auf ihren Teller. Ihr Blick blieb lange so
gesenkt, ich hätte sie gern gerüttelt und geschüttelt, dann entschied
ich mich, mutig zu sein, nahm mir das Mohnbrötchen und öffnete das
Marmeladenglas mit einem Knacken.
»Na, wenn du meinst«, sagte ich langsam. »Wie geht es dir?« Sie
lächelte wieder, hatte das schönste Lächeln der Welt. Sie antwortete
nicht und ich sagte: »Weißt du was? Wir werden nicht auf den Turmberg klettern. Ich weiß was Besseres, wir fahren jetzt mit dem Auto
irgendwohin, hast du bis morgen Zeit?« Und sie nickte und stand auf,
12

ging in mein Zimmer, kam Sekunden später mit einem großen Buch
wieder herein. Als sie es auf den Tisch legte, erkannte ich meinen Atlas.
Sie schlug die Mittel- und Südeuropa-Karte auf und sagte: »Ich kreise
mit dem Finger und dann sagst du irgendwann Stopp.« Sie schaute
mich erwartungsvoll an, schob ihren Teller beiseite und sagte »Auf
die Plätze, fertig, los!« und begann mit dem ausgestreckten Zeigefinger zu kreisen, ich las die ganzen Namen der Städte, über die ihr
Finger hinweg flog. »Du musst die Augen zumachen, los!«, sagte sie.
Ich schloss die Augen, sagte »Stopp« und sie sagte: »Milano!«
»Die restlichen Brötchen nehmen wir als Proviant mit«, sagte sie
nach dem Essen. »Ich stell mir immer beim Butterstreichen vor, wo
ich die Brötchen essen werde. Wie wird es dort aussehen? Schön? Was
werde ich denken, was sagen? Werde ich glücklich sein oder unglücklich?«
Ich fand es anstrengend, ihr zuzuhören, ich dachte daran, wo ich
schon überall mit ihr gewesen war. In Holland, Amsterdam, ein
Wochenende Amsterdam. Mein Auto wurde uns aufgebrochen, nichts
geklaut, weil es nichts zum Klauen darin gegeben hatte. Berlin, in
Berlin waren wir Freunde besuchen. Jeder hat Freunde in Berlin, das
ist das Gute an dieser Stadt.
Bei meinen Eltern waren wir auch einmal. Dorthin hätte ich sie
niemals mitnehmen dürfen, weil meine Mutter nie mehr aufgehört
hat, nach ihr zu fragen. In der ersten Zeit, nachdem Katharina weggegangen war, hatte ich meine Eltern nicht besucht. Ich ging auch nicht
ans Telefon, wenn meine Mutter anrief. Ich dachte, wenn ich es nicht
erzählen muss, dann ist es vielleicht auch nicht wahr. Wenn meine
Eltern über uns reden, sich vorstellen, wie wir Herbstspaziergänge
machen oder Urlaubspläne, dann existieren wir weiter, Katharina und
ich, zusammen.
»Ich mag Raststätten«, sagte ich, um mich am Gespräch zu beteiligen. Dann packte ich ein zweites T-Shirt ein und einen Pullover, der
Frühling hatte ja gerade erst begonnen. »Können wir?«, fragte ich, und
sie fragte entgeistert: »Was?« »Na losfahren«, antwortete ich und erinnerte mich an tausend Missverständnisse.
Wir nahmen jede Menge CDs mit, so viele CDs, dass wir den ganzen
Sommer in Mailand hätten verbringen können. Dabei wussten wir
13

nur einfach nicht, wie es sein würde, wir beide in einem Auto, stundenlang, nachdem wir uns ein Jahr nicht gesehen hatten, und deshalb
wussten wir erst recht nicht, welche Musik wir dann nötig hätten.
Im Auto schwieg sie das erste Mal für längere Zeit, so dass ich
sie in Ruhe von der Seite betrachten konnte. Schließlich schlief sie
ein. Ich erinnerte mich an die Rückfahrt von Berlin, damals, als sie
mitten auf der Autobahn aussteigen wollte, im Stau und trampen, bei
jemand anderem mitfahren bis nach Hause, weil sie meinte, wir hätten
nicht mehr dasselbe Ziel vor Augen. Dabei war mein Ziel immer nur
gewesen, sie zu halten, für mehr hatte es nie gereicht, sonst wäre sie
schon viel früher gegangen.
Das erste, was Katharina sagte, als sie erwachte, war: »Es tut mir
leid.« Ich erschrak, weil ich nicht mit diesen Worten gerechnet hätte,
mit keinen Worten vom Beifahrersitz gerechnet hätte.
»Ist schon gut«, sagte ich, wollte mich nicht an vergangene Momente
erinnern, lieber nach vorne schauen, den Autos vor uns folgen, immer
weiter Richtung Süden, immer weiter.
Wir fuhren den ganzen Tag und hörten Musik, schauten aus dem
Fenster, sagten nicht viel. Irgendwann hielt ich an einem Parkplatz,
wir wechselten die Plätze, sie fuhr. Ich weiß nicht, worüber sie den
ganzen Nachmittag nachdachte, ich dachte über mich nach. Wie
es mir ergangen war und dass ich doch irgendwann ganz glücklich
war ohne sie, bis heute morgen, bis sie vor meiner Tür stand. Ich war
Katharina losgeworden, endlich, aber etwas würde wohl immer da
sein und sobald ich ihr Lächeln sehe, wieder brennen in mir.
Irgendwann waren wir in der Schweiz. Katharina sagte: »Früher
dachte ich, die Schweiz bestände nur aus einigen Häusern, in meiner
Vorstellung war die Schweiz ein kleines Bergdorf. Ein Kinderbuch war
daran schuld. Ich habe immer schon geglaubt, was in Büchern steht.«
Ich lachte, wollte ihr die Haare aus dem Gesicht streichen, sie sah so
trotzig aus, so schön trotzig. »Wollen wir anhalten? In ein Dorf fahren
und dort so tun, als wäre das allein die Schweiz? Wir können doch
hier irgendwo übernachten, lass uns hier übernachten und morgen
weiterfahren.« Sie wartete keine Antwort ab, nahm schon die nächste
Ausfahrt und ich nickte nur, war müde vom Schweigen und einverstanden.
14

Wir fuhren durch einige Dörfer, die uns nicht gefielen, wir wollten
die echte Schweiz, mit Bergen und Tälern, ein Dorf für Stadtkinder,
idyllisch und märchenhaft, an einem Hang gelegen, mit Kühen und so.
Eine Stunde fuhren wir noch so durch den Abend, dann waren wir
da. Katharina sagte das. »Wir sind da.« Sie hatte ein Haus entdeckt,
an dem ein Schild nach draußen gehängt worden war. »Zimmer frei!«
stand dort in schnörkeliger Schrift, das Haus war ziemlich groß, mit
dunklem Holz verziert an der Fassade, mache Latten waren rot angestrichen, das Dach hing weit nach unten. »Ja, so hab’ ich mir die
Schweiz vorgestellt.« In diesem Moment nahm ich mir vor, ihr die
Städte der Schweiz zu zeigen, Zürich, Basel, auf dem Heimweg, ich
wollte ihr diese Idylle nicht lassen.
Wir gingen in die Pension hinein und mussten an einer großen
Kuhglocke läuten, damit jemand in den Flur kam. Es kam mir unwirklich vor, mit Katharina hier zu stehen, es roch nach altem Holz, Katharina war nicht mehr als ein Schatten hier. Jemand schaltete das Licht
an, es war ein Mann mit einem langen, weißen Bart und ich dachte an
Heidi und den Peter, dachte, das kann doch jetzt nicht wahr sein.
Wir bekamen das schönste Zimmer, weil wir die einzigen Gäste
waren. Der alte Mann bot uns Abendessen an, wir bekamen ein
großes Holzbrett mit einem geräucherten Schinken, ein großes Stück
Käse und Brot, ein großes Messer. Wir sollten den Rest einfach in die
Küche stellen, seine Frau würde das dann wegpacken, sagte er noch.
Und gute Nacht.
Katharina stellte das Holzbrett auf die Fensterbank. »Das ist der
schönste Ausblick, den ich je hatte! «, sagte ich. Man sah Schnee auf
den Bergen in weiter Ferne, vor uns das Tal, grüne Wiesen in der
Dämmerung, ein kleines Dorf mit rauchenden Schornsteinen. »Das
ist also die Schweiz«, sagte Katharina nachdenklich und ich zwickte
sie in die Seite. Sie ging nicht darauf ein, nahm Kissen vom Bett und
setze sich auf das Fensterbrett. »Hast du keinen Hunger?«, fragte sie
und machte mir Platz.
Es wurde immer dunkler im Zimmer, während wir aßen, weil nur
das Licht von draußen zu uns hereinkam und weniger wurde. Katharina stellte das Brett auf den Boden und rückte näher zu mir hin.
»Wie war es ohne mich das ganze Jahr?«, fragte sie leise und ich
15

hasste sie kurz dafür, fand die Frage unmöglich und antwortete
trotzdem ruhig. »Schrecklich, am Anfang war es schrecklich, dann
hab’ ich immer weniger an dich gedacht und irgendwann ging es mir
gut. Ich habe ein Mädchen kennen gelernt, sie ist großartig, mal sehen,
was daraus wird, im Moment sieht es nicht gut aus, aber das ist egal,
weil ich jetzt weiß, dass es weitergeht. Das ist das Wichtigste.« »Sieht
sie aus wie ich?«, fragte Katharina. »Nicht im geringsten«. Ich freute
mich, das sagen zu können. »Sie sieht ganz anders aus als du. Sie ist
auch ganz anders als du.«
Katharina küsste mich. Ich weiß nicht, ob das aus Trotz geschah. Es
fühlte sich kurz seltsam an, wie wenn man etwas isst, was man sehr
gerne mag, aber schon lange nicht mehr gegessen hatte. Ein kurzes
Innehalten, Nachschmecken und dann merken, doch, es schmeckt
wie immer. Ich erinnerte mich schlagartig an ihre Zunge, an den
Geschmack ihres Mundes, ich hielt mich an ihren Schultern fest, weil
sich alles drehte.
Sie legte ihren Kopf in meinen Schoß, ich streichelte ihre Haare,
ihre Ohren, schaute aus dem Fenster und war sehr glücklich. »Warum
bist du weggegangen?«, fragte ich sie. Sie antwortete nicht. Irgendwann atmete sie immer gleichmäßiger, sie war eingeschlafen, ich trug
sie in das große Bett und legte sie unter die Decke. »Alles Gute, Katharina«, flüsterte ich leise.
Als ich aus der Küche zurückkam, lag sie noch genau so da, wie
ich sie hingelegt hatte. Ich dachte, wenn sie immer so ein Vertrauen
gehabt hätte wie heute den Tag über, wären wir vielleicht auch hier
heute, aber alles wäre leichter zu begreifen, leichter zu fassen, ich hätte
weniger Angst.
Ich legte mich unter die Decke und zog Katharina in meinen Arm.
Sie roch wie immer, die Decke roch nach Federn und altem Holz,
trotzdem frisch gewaschen. Das Bett war hart, so wie alte Menschen
das gerne haben, man spürte die Federn in der Matratze. Mir war
das recht, ich wollte mir diesen Moment so präzise wie möglich
einprägen.
Ich lag noch lange wach, konnte nicht schlafen, Katharina rührte
sich nicht in meinem Arm. Nur einmal begann sie, im Schlaf zu sprechen, ich verstand nichts von dem, was sie sagte, aber sie war sehr
16

aufgeregt. Ich drückte sie noch fester, sie beruhigte sich schnell. Ich
dachte daran, dass sie einmal gesagt hatte, dass man nachts, wenn
man aus schlechten Träumen geweckt und festgehalten wird, wirkliche Intimität spüren kann. Und nur dann, weil diese im Alltag längst
verloren gegangen sei. Aber all dies hatte nichts geholfen, am Ende war
ich allein und sie war weg.
Ich wachte auf, die Sonne schien ins Zimmer und blendete mich.
Als ich mich an das Sonnenlicht gewöhnt hatte, sah ich, dass Katharina nicht mehr neben mir lag. Ich schaute auf die Uhr, es war noch
früh am Morgen, ich ging duschen. In der Küche stand das Frühstück
bereit, Käse, Wurst, wie am Vorabend, und Müsli, ich nahm mir eine
Tasse Kaffee und setzte mich ans Fenster, wartete auf Katharina.
Aber sie kam nicht. Später ging ich ins Dorf und suchte dort nach
ihr, ich entdeckte einen schönen Park, einen Supermarkt, einen
Bahnhof. Ich fand keine Spur von Katharina, auch am Auto hatte
sie keine Nachricht hinterlassen. Ich wusste längst, dass ich sie nicht
finden würde. Ich war allein und sie war weg. Dann fuhr ich nach
Hause.

17

Steve Kußin

Die Trägheit des Herzens
Es war ein schamlos ehrlicher Montag – und ich mochte Montage
noch nie leiden, sie erinnerten mich an gute Vorsätze. Meine Freundin
trat ans Bett und sagte, »dass sie jemanden kennen gelernt habe und
deswegen die letzte Woche nicht nach Hause gekommen sei, wenn
man das noch ein Zuhause nennen dürfe, und dass ich wenigstens
hätte anrufen können, damit sie wüsste, dass sie mir fehlte«, aber ich
ließ mich davon nicht beirren und erwiderte ganz cool: »Sorry, ist
mir entgangen, hab geschlafen, war ziemlich fertig – ist schon wieder
Juni?« – »Es ist Montag«, antwortete sie daraufhin. »Na, das hilft
mir jetzt weiter«, sagte ich und drehte mich auf die andere Seite. Da
fing sie wieder zu quatschen an, »dass sie nämlich jemanden kennen
gelernt habe, wie sie schon gesagt habe, und dass der ein Künstler
sei, und zwar ein richtiger, der auch mal Künstlerisches mache, und
dass seine Schwermut viel attraktiver sei als mein Gleichmut und dass
sie deswegen jetzt zu ihm gehen werde und ich nicht auf sie warten
brauche, weil sie nie mehr zurückkommen wolle, und dass ich ein
Loser sei und dass …« Und dann redete sie vermutlich noch unendlich
lange weiter und stand wie abwartend in der Tür – liebte mich wohl
immer noch und hatte nur Probleme, es richtig auszudrücken –, aber
da kramte sich in meinem Gehirn ein uraltes Lied zu Tage, das Opa
Hugo immer im Garten gesungen hatte:
Ich weiß, das Leben ist lang,
aber Kopf hoch: Es geht vorbei.
Es ge-eht vorbei.
Es geht vorbei.
Irgendwie muss ich darüber eingeschlafen sein, und als ich wieder
aufwachte, war sie weg. Da hatte ich Lust, mal wieder aufzustehen,
und musste außerdem pinkeln, was der eigentliche Grund war. Ich
habe noch eine Futterdose verdrückt und bin dann nach draußen, um
18

mal zu schauen, was die Uni so macht, aber ich bin gleich noch mal
nach oben gegangen und hab mir lange Sachen angezogen, weil der
Schnee überall hüfthoch lag. Auf dem Campus hab ich dann irgend
jemanden gefragt: »Wie spät ist es eigentlich?«, und er hat mir gesagt,
dass es »genau 12 nach 12« sei, und ich hab gesagt: »Was, kacke, so
früh und ich bin schon auf den Beinen?« Und da hat er mich gefragt,
»wann ich denn normalerweise aufstehen würde«, und ich hab geantwortet: »Mittwochs.« Anschließend bin ich direkt zum Prüfungsamt
hingegangen und wollte mich anmelden, aber die haben mir gesagt,
»dass ich ein Jahr zu spät und darum, weil ich mich auch nicht auf
die Schreiben gemeldet habe, bereits exmatrikuliert sei. Da gebe es
auch keine Möglichkeit, die Prüfungen nachzuholen, immerhin habe
ich längst die zulässige Semesterhöchstzahl überschritten und damit
auch keinen Anspruch auf eine sachgemäße Beendigung meines
Studiums. Aber ich könne ein anderes Studium aufnehmen und darin
abschließen, doch sei …« Doch mein Gehirn hörte schon gar nicht
mehr richtig hin, denn mir trat wieder das uralte Lied von Opa Hugo
in die Ohren:
Ich weiß, das Leben ist lang,
aber Kopf hoch: Es geht vorbei.
Es ge-eht vorbei.
Es geht vorbei.
Irgendwie bin ich dann wieder in meinem Bett aufgewacht. Ich bin
dann erst mal zur Bank und wollte schauen, wie viel Geld ich noch
auf dem Konto habe, aber ich hatte kein Konto mehr. Darum habe
ich mich auf den Bürgersteig gesetzt, weil ich Hunger hatte, und habe
so getan, als hätte ich kein Geld und brauchte welches, was ja auch
stimmte. Meine Exfreundin kam dann mit ihrem Neuen vorbeigelaufen und er sah tatsächlich sehr schwermütig aus, das muss ich
schon zugeben, und hat auch immer gedankenvoll zu Boden geschaut.
Meine Ex hat uns einander vorgestellt, »er sei also ihr neuer Freund,
der Künstler, ich wisse schon, von dem sie erzählt habe, ein Genie,
ein wahres Genie sei er, doch die Welt zu dumm, um es zu erkennen.
Wie das eben so sei. Und sie hätten sich jetzt eine Einbauwohnung in
19

Berlin besorgt, wo sie hingezogen seien und wo es ganz toll sei.« Und
dann sagte sie zu ihm, »er solle auch einmal etwas sagen, etwas so ganz
Geistreiches und Erfrischendes solle er sagen, etwas voller Esprit«, und
da hat er zum ersten Mal aufgeschaut und ich konnte seine melancholischen Augen sehen, und er sagte im unerwartet feinen Timbre: »Die
Welt«, ja, das war, was er sagte, »Die Welt«, hat er gesagt und das war’s
dann, aber er hatte es wirklich sehr künstlerisch und weltschmerzend
gesagt, da verstand ich, warum sie ihn mir vorgezogen hatte. Und wir
haben uns dann noch ein Weilchen unterhalten und es war ganz nett,
aber dann bat ich mir zehn Sekunden Stille aus und atmete sehr tief
ein und aus und ein und machte dann eine sehr künstlerische Geste
mit dem rechten Arm und sagte dann sehr gehaltvoll, wie ich finde,
»Der Mensch«, und da haben sie nur mit dem Kopf geschüttelt und
sind wortlos weitergegangen und meine Ex hat noch zurückgerufen:
»Das musste ja jetzt sein. Ob ich wohl gar keinen Anstand besäße,
ob ich das wohl auch noch witzig fände, wann ich denn endlich
erwachsen werde, da wär …« Da war wie von selbst das Lied von Opa
Hugo mir ins Gehirn gestiegen und ich konnte es singen und sang es
auch laut und stundenlang und so vertieft, dass ich gar nicht merkte,
wie sich alles Geleut umher darüber echauffierte und manch einer mit
Gehstock oder Faust auf mich einhieb und manch eine mit Schimpfwort und Verwünschung auf mich einhieb und fünf Emos mich zu
Boden knüppelten, weil ich sie zu sehr deprimieren würde, wodurch
ich meine linke Niere verlor und zwei Jahre an der Dialyse hing, und
wie mir eine Krankenschwester und wohl, weil sie glaubte, dass ich
bald sterben würde, das Ja-Wort abrang und mich zum Altar führte
und ihre große Liebe nannte und zwei Jahre darauf die Scheidung
einreichte und mich den größten Fehler ihres Lebens nannte und mit
dem Kind fortging:
Ich weiß, das Leben ist lang,
aber Kopf hoch: Es geht vorbei.
Es ge-eht vorbei.
Es ge-eht.

20

Uschi V. Schmidt

Cognac.
Aus dem Tagebuch einer Vatersöhnin
Die ersten, noch leeren Seiten eines neu begonnenen Tagebuches haben
etwas Einschüchterndes. Selbst bei diesem achten Tagebuch fühle ich
wieder, also zum achten Mal, die Schuld, dieses reinweiße Papier zu
beflecken. Die ersten Seiten sollten makellos sein. Am besten, man
ließe sie leer. Da das nicht möglich ist, sollten sie zumindest mit etwas
Besonderem gefüllt werden. Der eigene Anspruch, das ist es, was sie
so bedrohlich macht. Man wünscht sich die Einleitung zu diesem
Lebensabschnitt, wie die Ouvertüre einer Sinfonie, die Ahnung von
etwas Großem, das noch folgen wird und schon in Motiven erkennbar
ist. Man will also beginnen, die Füllerkappe ist gezogen, man zögert,
dann zögert man noch etwas länger, die Tinte trocknet bereits und
dann ist es zu spät, der erste Strich ist getan und man weiß genau:
schon habe ich das Material, das alles hätte werden können, verdorben.
Es ist geschehen und die Einleitung dieser Chronik des aktuellen
Lebensabschnitts wird gestellt durch eine Einleitung über Einleitungen. Wäre dies also nicht mein Tagebuch, das achte und letzte
Tagebuch einer Vatersöhnin, dann wäre es vielleicht das frühe Skizzenbuch eines später berühmten Künstlers oder zumindest noch gut
zum Blumen pressen.
Ich bin mir vollkommen sicher, dass dieses achte Tagebuch auch
mein letztes sein wird, denn ich fühle mich sehr krank und tue nichts,
diesen Umstand zu ändern. Vielmehr habe ich ihn wohl erst durch
meinen Lebensstil bewirkt, dann gefestigt und verschlimmert, und
arbeite nun hartnäckig, ihn beizubehalten. Es ist eine alltägliche Sache,
die vielleicht jeder kennt: Man weiß, dass die Flut kommt, dass einem
bald das Wasser bis zum Hals stehen wird, aber man bewegt sich
dennoch nicht, völlig gleichgültig gegenüber dem eigenen Untergang,
selbst wenn dieser gewiss ist. Die Panik kommt erst in der Sekunde
vor dem Schicksal, etwa der Diagnose von Lungenkrebs oder Leberzirrhose, und bis dahin lebt und genießt man. Die Antwort auf alle
21

Vernunftgründe lautet stets, dass man rauchend auch achtzig Jahre
alt werden kann, während einer, der auf seine Gesundheit acht gibt,
morgen beim Fahrradfahren unter die Räder eines LKW kommt. Das
Ergebnis ist Sorglosigkeit angesichts einer vermeintlich ungewissen
Zukunft, die eigentlich Gewissheit ist. Doch es sollte eigentlich anders
sein: Die Aussicht eines möglicherweise fernen, aber möglicherweise
auch unmittelbar nahen Endes sollte nicht größtmögliche Lässigkeit sein, sondern größtmögliche Panik. Ich bin mir dessen also vollkommen bewusst, bin mir meiner Trägheit, der entsetzlichen, typisch
menschlichen Trägheit bewusst, und da bin ich, die Außenseiterin,
doch wieder wie alle anderen und bewege mich nicht, obwohl mir
das Wasser bis zum Hals steht. Sprichwörtlich, denn ich liege schon
wieder den halben Tag in der Badewanne. Ja, ich kann sogar noch die
Komik an der Situation sehen: Das Wasser steht mir bis zum Hals.
Galgenhumor. Schon als Kind empfand ich mein Leben als eine Art
Tragikkomödie, weil für alle Beobachter und deshalb auch für mich
so komisch ist, was eigentlich traurig sein sollte, und dann, wenn man
eigentlich betroffen zu Boden blicken sollte, weil es eine fast nicht
ganz unansehnliche Frau schon in jungen Jahren dahinrafft, da lacht
das Publikum in meinem Fall nur, weil es mir im Abgang von der
Bühne noch gelingt, den fallenden Vorhang abzureißen.
Immer öfter habe ich Kopfschmerzen. Ein Tier lebt in meinem Kopf.
Es ist eingeschlossen, will raus, kratzt verzweifelt gegen die vordere
Schädeldecke. Ich kann es nicht loswerden. Nur manchmal, da schläft
es, dann ist alles gut. Es hat allerdings einen leichten Schlaf. Ich kann
es nicht loswerden. Es stirbt nicht, es wird jedenfalls nicht verhungern,
es frisst an meinem Hirn, fast wie bei Prometheus der Adler, und ich
werde dümmer, stündlich.
Ich habe meine Medizin gefunden, und wie die meisten bekämpft
sie nur die Symptome, nicht die Ursache. Wie denn auch, liegt diese
doch Jahre zurück. Die Medizin heißt Hennessy Extra Old Cognac
und ich brauche sie täglich und täglich mehr. Sie legt das Tier schlafen.
Mein Leben verbringe ich zum Großteil in der Badewanne, nein, nicht
gefüllt mit Cognac, doch steht ein Glas auf dem Rand, daneben ein
Aschenbecher, doch eigentlich asche ich immer ins Wasser. Es ist
keine Neuigkeit, dass Trunkenheit ungeschickt macht. Beim Baden
22

schreibe ich Tagebuch, seit kurzem mit wasserfestem Stift. Trotzdem
eine schreckliche Sauerei. Ich bin vielleicht der einzige Mensch, der
dreckiger aus der Wanne steigt, als hinein. Dann klebe ich von Asche,
Haarstoppeln und Cognac. Der Alkohol und die Wärme machen
müde, doch an der Schwelle zum Schlaf kommen oft die besten
Gedanken, die ich festhalte. Bei nochmaligem Lesen ein paar Tage
später wirkt trotzdem immer alles, wie das Gefasel einer Irren.
Die letzte Nacht verbrachte ich in meiner Bar. Zwar gehört sie nicht
mir, aber so oft und lange, wie ich dort sitze, ist sie doch wieder mein
Besitz – daher kommt auch das Wort: Wenn man die Nacht über auf
einem Stück Land saß, hat man es besessen. Jedenfalls saß ich letzte
Nacht in dieser Bar und da kam so ein Kerl zu mir. Ein besseres Wort
gibt es nicht, es war ein Kerl. Er sah aus, als hätte ihn ein Künstler aus
Bewunderung und Hingabe an die natürliche Hässlichkeit, welche
dem Menschen so eigen ist, aus Sülze aufgetürmt. Der Sülzkopf mit
der schwülstigen Lippe – ich sah das, als er trank, und mir wurde
fast schlecht –, der setzte sich einfach neben mich, glotzte aus seinen
Schweinsaugen wie von einer Fleischertheke herab und fragte mich
dann: »Na, Kleine, wie heißt du?« Da tat ich, als wäre ich der Sprache
nicht mächtig – welche Sprache sollte das auch sein? die vom Planeten
Hackepeter? – und sagte nur »Cognac!« Zu meinem Unglück fasste
er dies als Aufforderung auf, mir etwas zu trinken auszugeben, und
bestellte – und hier entschied er, dass ich nicht mündig war, mir etwas
auszusuchen, entschied also, was ich trinken würde –, er bestellte mir
ein Glas Rotwein. Er hielt sich dabei sicher für sehr stilvoll, obwohl er
selbst nur Bier trank. Ich sah dann dem Barmann lange in die Augen,
ohne Ausdruck, der sah zurück, ohne Ausdruck, und sagte dann:
»Ein Cognac also.« Da fiel mir auf, dass »Cognac« das einzige Wort
ist, das ich je in dieser Bar gesprochen hatte. Ich trank stumm, wollte
den Presskopf neben mir vergessen, doch er ließ mich nicht, lehnte
sich nach vorn, schob sich gleich über die Theke und in mein äußeres
Gesichtsfeld, da lag er fast vor mir, wie ein Tablett Aufschnitt, und
mir war so schlecht. Wenn du schon, dachte ich, so verdammt dünner
werdendes Haar hast, warum musst du es dann noch so verdammt
kurz rasieren? Du siehst aus wie ein schlecht gerupftes Huhn! Alles an
ihm war so fleischig, so real. Das Tier war wach.
23

Die Szene erinnerte mich daran, dass ich als Kind bei dem Anblick
und bei dem Wort »Eisbein« fast erbrochen hätte, weil es wirklich so
aussah, als wäre es das Bein von einem Tier und eiskalt. Wie man nur
eiskaltes Bein essen kann, fragte ich mich. Daran war so eine glasige,
durchsichtige Fettschicht, die zitterte, während man das Fleisch
schnitt. Ich weigerte mich, es zu essen, und mein Vater bekam einen
seiner häufigen Anfälle, warf den Teller – samt allem, was ich vielleicht noch hätte essen wollen, Sauerkraut und Kartoffeln – auf den
Küchenboden neben den Mülleimer und es war an mir zu putzen. Bei
anderer Gelegenheit fanden sechs Tagebücher ihren Weg ins Kaminfeuer. Übertroffen nur von dem Tag, als das Tier geboren wurde, das
verdammte Tier, in dem Moment, als die Wucht eines Schlages mich
gegen die schwere Kommode warf.
Als ich mich so erinnerte, entging mir, dass Sülze neben mir die
ganze Zeit geredet hatte, gerade wohl etwas gefragt hatte und mich
nun erwartungsvoll ansah. Die Frage hatte ich nicht gehört, und selbst
wenn, hätte ich nichts geantwortet außer vielleicht »Cognac«, doch er
missverstand mein Schweigen als Schüchternheit und legte mir, wohl
vertrauen erweckend gemeint, aber doch nur Ekel erregend intim, die
schweißnasse Hand auf den nackten Unterarm. Da verblasste plötzlich sein öliges Lächeln. Er sah auf seine Hand und merkte wohl, wie
sehr mein Arm klebte, als wäre ich mit Honig bestrichen. Er löste
seine Hand – meine Haut zog er mit sich, wie beim Pflasterabreißen –
und roch daran. Da verzog er die Mundwinkel und ihm entwich ein
lang gezogenes »Widerlich!« Ich wusste natürlich, was er meinte, denn
ich stank nach Alkohol und Zigaretten, wie ein Obdachloser. dass
ihm das erst jetzt auffiel. Den Rest des Abends verbrachte ich allein.
Es ist ja nicht so, dass ich insbesondere Männer nicht mag, ich mag
Menschen allgemein nicht. Behauptet das nicht jeder? Bei mir liegt der
Fall anders, weil ich so androgyn aussehe, wie mir immer wieder versichert wird, weil ich beim zweiten Hinschauen dann aussehe wie eine
Lesbe, wegen meiner Annie-Lennox-Frisur und meines Kleidungsstils –
das Hemd in die Jeans gesteckt, flache dunkle Lederschuhe –, und aus
irgendeinem Grund glaubt die Allgemeinheit, dass man, wenn man
Männer nicht ausstehen kann, automatisch auf Frauen stehen müsste,
aber die kann ich genauso wenig leiden. Ich habe sie mir angesehen
24

und fand nicht eine, die ich gern berührt hätte oder irgendetwas
sonst. Rein äußerlich hat mich etwas am Menschen an sich immer
enttäuscht, so unvollkommen und improvisiert. Vom Charakter gar
nicht zu reden.
Als ich mich später in meine Wanne zurückzog und David Bowie
hörte, dem ich übrigens auch sehr ähnlich sehen soll, kehrte dieser
Abend wie ein übler Geschmack zurück und verdarb mir meine Zigarette. Ich lag lang ausgestreckt, trieb auf dem Wasser, die Arme über
der Brust gekreuzt, wie ein Pharao im Sarkophag. Während ich also
an die Decke starrte und ganz Mumie war, fiel mir auf, dass ich schon
Wochen, vielleicht Monate mit keinem Menschen mehr gesprochen
hatte, außer mit dem Barkeeper, und dass ich kein Wort gesagt hatte
außer »Cognac«. Das Telefon schwieg schon seit bald einem Jahr.
Früher hatten mich Freunde oft angerufen, manchmal sogar Postkarten geschrieben. Vorne zusammengewürfelte Felsen und Gras an
Irlands Küste, schwarz-weiß, hinten die Information über das bestandene Diplom oder die baldige Heirat. Und ich antwortete nie, auch
gab es von mir nichts Neues zu berichten – außer dass ich mittlerweile
dreiunddreißig war, oder auch nur irgendwas, das neben diesen tollen
Neuigkeiten nicht vollkommen erbärmlich hätte wirken müssen. Viel
erlebte ich nicht in dieser Badewanne mit meinem einzigen Geliebten
Hennessy. Irgendwann im Laufe meines Schweigens wurden die
Anrufe und Karten seltener und blieben irgendwann völlig aus. Das
war vor vielleicht zwei Jahren. Ich habe also keinen Kontakt mehr
zu allen Menschen, die mich kannten, keiner weiß, was ich gerade
tue – nichts – und wie es mir geht – bestens – und ich weiß nichts
von anderen. Es ist, als wäre ich aus der Welt herausgefallen, und als
gäbe es nur noch mich allein, oder nur noch mich und Hennessy. Ich
existiere allein im sozialen Vakuum der Badewanne. Mein Gott, ich
könnte genauso gut tot sein.
Während ich das dachte und in der Mumienhaltung trieb, fiel mir
auf, wie sehr der längliche Umriss, den die Duschvorhangstange und
der obere Rand der Fliesen bildeten, einem Grab ähnlich sah, in dem
ich lag und nach oben zur Rasenkante aufschaute. Die Wanne, der
Sarg. Die Wände, das Grab. Ich bekam plötzlich Atemnot, zuckte
zusammen, als hätte jemand einen laufenden Föhn in die Wanne
25

geschmissen, und mir gingen ein paar Volt durch den Leib, ich wollte
mich aufrichten und konnte nicht, weil der Rand so glitschig war
und strampelte stattdessen sinnlos herum wie ein ertrinkendes Tier,
verschluckte mich, glaubte wirklich, ertrinken zu müssen, immer
panischer, immer schneller. Es hörte erst auf, als ich den Duschvorhang zu fassen bekam und mich daran aus der Wanne zog. Dann fiel
ich wie ein Fisch auf den kalten Boden und hustete lange neben den
Scherben des Cognacglases.
Es ist mir völlig klar, dass ich mein Leben ändern muss. Nicht mehr
in der Badewanne übernachten, kein Cognac mehr, vielleicht sogar
das Rauchen aufgeben. Bis jetzt habe ich allerdings nur die Duschvorhangstange entfernt.

26

Norman Lauterbach

Der zerstückelte Mensch
»Der Andere besitzt ein Geheimnis: das Geheimnis dessen, was ich bin«
(Sartre: Das Sein und das Nichts)
Neugier. Ein drittes Auge – unsichtbar. Ein Blick durch den Spion.
Was sie sieht, ist, was sie sehen will. Heinrich. Er zieht sich die Schuhe
an. Dieser Mann ist für sie ein Rätsel. Sie mutmaßte vor zwei Wochen
bei einer Tupperware-Party, eine Etage tiefer, bei der verdrießlich
dreinschauenden Frau Köhler, dass er vermutlich am Gymnasium
arbeitet und Lehrer für Biologie ist. Das leitete sie aus der Tatsache
ab, dass er stets einen langen, grünen Mantel trägt, eine braune, vollgepackte, lederne Aktentasche hat und ihrem ehemaligen Mathematiklehrer Herrn Lenk zum Verwechseln ähnlich sieht. Ihrer Meinung
nach ist er etwa Mitte vierzig, soweit sie das einschätzen kann, ungefähr eins neunzig groß – wobei nicht unerwähnt bleiben sollte, dass
sie die Entfernung des Mondes einmal auf dreitausend Kilometer
schätzte. Frau Köhler rümpfte die Nase. Seine Augen sind grün-braun,
eine Mischung, die ihr noch nie zugesagt hat. Sie sucht eher den blauäugigen Typ, mit blondem Haar, braun gebrannter Haut und einem
durchtrainierten Körper, womit sie sich nahtlos in die endlose Reihe
derer einfügt, die dasselbe wollen. Behäbig nimmt Heinrich den Schuhanzieher von der Wand, den er eigenhändig und unter Protest seiner
Nachbarin neben seiner Tür, an einer extra dafür angefertigten Leiste
aufhängt. Seine Schuhe stehen vor der Tür in einem alten Schuhregal.
Sie sind immer frisch geputzt und auf Hochglanz poliert. Drei gleiche
Paare. »Wie kann jemand drei gleiche Paar Schuhe besitzen?«, sagte
sie und verdreht dabei ihre Augen. Sie beugte sich nach vorn und fing
an zu flüstern, so, als könnte sie Heinrich hören. »Vorgestern habe
ich gewartet, bis er das Haus verlassen hat, und habe mir die Schuhe
mal angesehen«. Frau Köhler rümpfte nochmals die Nase und wippte
nervös mit ihrem linken Bein auf und ab. Denn angeblich könne man
ja an den Händen und den Schuhen eines Mannes seinen Charakter
27

erkennen, dass sagte zumindest ihre Großmutter Agathe – und die
müsse es schließlich wissen, war sie doch dreimal verheiratet. Die
Schuhe sind von der Firma Lugner & Co in Österreich. Davon hat sie
noch nie gehört. Hier endete ihre Ausführung. Frau Köhler, die nicht
den Eindruck gemacht hatte, dass sie das Thema sonderlich interessierte, pries fortan verschiedene Tupperdosen, in denen so exotische
Sachen wie Spargel oder Gurken aufbewahrt werden können. Ihre
Recherchen waren damit aber noch nicht am Ende angelangt. Als ihr
ältester Sohn am nächsten Morgen das Haus verließ, um seine dritte
und hoffentlich letzte Lehrstelle als Maler und Lackierer anzutreten,
begab sie sich auf Zehenspitzen in sein Zimmer, machte den Monitor
seines im Dauerbetrieb befindlichen Computers an, musste mit Schrecken feststellen, dass ihr Ältester offenbar eine Neigung für extrem
übergewichtige Damen hat, und gab den Namen Lugner & Co in die
Suchmaske ein, die zwischen den Schenkeln dieses kräftigen Mädchens
das gröbste verdeckte. Das war eindeutig geschmacklos. Prompt stieß
sie auf das Paar Schuhe ihres Nachbarn und konnte nicht glauben,
dass ein Paar dieser Schuhe 179 Euro kostet. »179 Euro für Schuhe?
Unseren Lehrern geht es eindeutig zu gut.« Ihr Urteil war somit gefällt
und so fest und unverrückbar wie der Stahlbeton, der ihre Wohnung
beherbergt. Arrogant ist er und das ist noch milde ausgedrückt. Zuerst
der Schuhanzieher und jetzt dieser offensichtliche Versuch, allen zu
zeigen, dass er etwas Besseres ist.
Der Bus der Linie 3 fährt um Punkt 7:17 Uhr ab. 7:07 Uhr trifft
in der Regel Heinrich am Ort des Geschehens ein. Seine Auftritte
sind eigentlich immer dieselben. Mit lang gezogenen Schritten, die
aussehen, als überquerte er riesige Löcher in der Erde, bleibt er unvermittelt an einem Laternenpfosten stehen und sieht sich die Flyer an, die
achtlos an jedes freie erreichbare Stück angeklebt sind. Irgend jemand
muss dauerhaft damit beschäftigt sein, neue Flyer anzubringen. Ein
Lächeln fliegt über seine Lippen. Der Interessanteste schien ihm
heute die Bitte einer Frau zu sein, die Augen nach einer roten Katze,
die auf den Namen Erwin hört, offen zu halten. Ein liebes zutrauliches Tier, welches unter nicht näher bekannten Umständen seinem
Frauchen entwischt ist. Um genau zu sein, waren diese Umstände
sehr wohl bekannt. Wie jeden Morgen ging die gute Frau an den
28

Briefkasten, um die Tageszeitung zu holen. Ihr heiß geliebter
Ehemann, dessen Neigung zum Alkohol einer ausgewachsenen Sucht
gewichen ist, hatte tags zuvor aus Wut über die nörgelnden Kommentare seiner enttäuschten Ehefrau der Tür einen Tritt versetzt. Seitdem
war der Schließmechanismus seiner Aufgabe nicht mehr gewachsen.
Der Hausmeister war informiert, befand sich aber noch bei seiner
»Freundin«, einer stadtbekannten Prostituierten. Als sie nun wie jeden
Morgen die immer gleichen Meldungen schwarz auf weiß lesen wollte,
vergaß sie den defekten Schließmechanismus und gab ihrem Kater
Erwin die lang ersehnte Chance, seinem eingepflanzten Verlangen
nach Freiheit nachzugehen. 50 Euro erhält der ehrliche Finder. Heinrich mochte Katzen schon immer. Sie sind nicht so anhänglich wie
Hunde, so devot und ohne jeden Anspruch. Katzen kann man nicht
kontrollieren, so wenig wie Menschen. Neben ihm steht wie jeden
Tag um diese Zeit Mathilda und starrt in den Himmel, der so blau
und klar aussieht, als hätte man ihn gerade durch die Autowaschanlage gejagt. Sie stemmt ganze 1,60 m in ihre abgewetzten Stiefel und
wartet darauf, dass Heinrich sie anspricht. Sie ist verliebt in ihn. Das
ist nicht das erste Mal, dass sie sich in einen Menschen verliebt, mit
dem sie noch nie ein Wort gewechselt hat, es entspricht eher der Regel.
Sie denkt: »Er macht’s einfach nicht … scheinbar interessieren ihn
diese Papierfetzen wieder mehr als mich … ach, du meine Güte, da ist
wieder dieser Junge … welche Monster verpassen ihm so einen Rucksack, der kann kaum aufrecht laufen …« Für den heutigen Tag hatte
sie sich ernsthaft vorgenommen, ihn anzusprechen, vorausgesetzt, er
kommt ihr nicht zuvor. Stattdessen lässt sie sich ablenken. »Warum
trägt er immer diesen alten Mantel … sieht aus, als hätte er ein Stück
Wiese an …« Seit einem Jahr fahren sie jeden Morgen mit dieser Linie.
Meistens steigt er vor ihr ein, und obwohl sie sich mehrmals absichtlich vordrängelte, um auf sich aufmerksam zu machen, schaffte er es
auf ominöse Weise, immer wieder als erster im Bus zu sein. Heute
hat sie ihr rotes Kleid an. »Ich bin so schwer zu übersehen wie eine
Leuchtreklame.« Dritte Reihe, links. Heinrichs Platz. Sie, genau
hinter ihm. Mathilda würde sich auch neben ihn setzen. Zu dieser
Zeit ist der Bus aber so leer, dass jeder der Passagiere zwei Plätze für
sich in Anspruch nehmen kann. Sein Hinterkopf, wenn sie einmal das
29

Vergnügen hat, ihn sehen zu dürfen, da er immer diese alten, aus der
Mode gekommenen Hüte trägt, sagt ihr, dass er ein ruhiger, gewissenhafter Mann ist, der in den angebrachten Momenten – und bei diesem
Gedanken wurde ihr ganz warm um die Hüften – sehr leidenschaftlich sein kann. Wie immer man solche Attribute von einem Hinterkopf abliest, Mathilda kann es. Neulich hatte sie eine Reportage über
Japaner gesehen. Dort sei es ein ungeschriebenes Gesetzt, die Plätze
der Reihenfolge nach zu besetzen. Das heißt, selbst wenn nur fünf
Passagiere in den Bus einsteigen, werden sie sich ungefragt nebeneinander setzen, so dass gerade einmal drei Reihen voll sind. Mathilda
fand, dass sei eine ausgezeichnete Idee, und vor gar nicht langer Zeit
fragte sie den verdutzt dreinschauenden Fahrer, ob er es nicht genauso
halten wolle. Doch schien der Herr etwas unpässlich zu sein, da er ihr
nicht einmal antwortete und stattdessen ihre Fahrkarte sehen wollte,
welche er bisher noch nie zu sehen verlangte. Das nahm sie als Zeichen
seines Widerwillens gegen neue Vorschläge. Nicht wissend, dass seine
Verstimmung aus einer Kollision seines Hundes mit einem »dämlichen langhaarigen Nichtsnutz und seinem gemeingefährlichen scheiß
Motorrad« resultierte. Seitdem lag sein vierbeiniger Freund Manni im
Sterben. Nachdem sie zwei Tage Augen kullernd schmollte, stopfte sie
eine Flasche Brandy – ein Geschenk ihrer letzten, leidvollen Bekanntschaft – in ihre rissige Ledertasche und gab sie dem diesmal sanftmütig lächelnden Fahrer, dessen Hund sich gegen alle Vermutungen
erholt hatte. Somit war das Kapitel für sie erledigt und für den Fahrer
sowieso.
Drei Stationen später bewegt sich die Masse wie eine Horde Zombies
zum nächsten Anlaufpunkt. Mit großen Schritten reiht sich Heinrich
ein, dicht gefolgt von Mathilda. Man wird das Gefühl nicht los, hier
an einem Hauptort des Gewimmels zu sein. Heinrich überblickt die
Köpfe. »In sieben Minuten fährt die Bahn in Richtung Süd-Ende. Der
Coffee-Shop ist mindestens hundert Meter entfernt und niemand steht
an, so wie es scheint, aber man weiß es eben nicht …« Er entschließt
sich dagegen. Ein kleiner Junge, dessen Rucksack an ihm hängt, als
hätte man ihn für irgendwas bestraft, steht neben Heinrich und kann
nicht glauben, was er da sieht. Da sind Nasenlöcher, in der seine Hand
verschwinden könnte. Wenn er zur Seite blickt, kann er durch die
30

Brillengläser einer alten Frau mit Barthaaren am Kinn die Umrisse
des riesigen Kopfes verschwommen sehen. Der Mantel sieht aus, als
wäre er aus Moos, und die monströsen Hände, die aus den Ärmeln
fliehen, umklammern den Griff seiner Ledertasche, als wollte er sie
erwürgen. Eine junge Frau macht sich bemerkbar, indem sie in ihr
mobiles Telefon schreit, er wäre ein verdammtes Arschloch. Kurz sieht
es so aus, als würde sie ihr Telefon auf den dreckigen Boden werfen,
tut es dann aber doch nicht. »Was glotzt dieser dumme Arsch so!«
Damit war Heinrich gemeint, der nichts ahnend eine Taube beobachtet, die hinter dem Mädchen einen halben Döner zerlegt. »Dieser
Wichser, dieser dumme Wichser«. Die Haare aus ihren Zopf haben
sich teilweise gelöst und liegen in wilden Schlangenlinien in ihrem
braunen Gesicht. Alle haben sie gesehen und gehört. Aber niemand
nimmt davon Notiz. Sie geht in Richtung Treppe, die zum Bahngleis
4 führt, und verschwindet wütend in einer Ecke. Ein übergewichtiger
Mann mit Zigarre im Mundwinkel geht an ihnen vorüber und hinterlässt eine Rauchwolke. Seine Hosen sind zu kurz, findet der Junge
und wundert sich darüber, wie man rauchen kann. Ihre Augen sind
so dunkel wie eine sternenlose Nacht, als sie allein in der Ecke steht.
Mit einem kräftigen Zug hat sie das ganze Päckchen leer geschnieft.
Ein bitterer Klumpen Schleim rinnt ihr die Kehle hinab. Entschlossen
schluckt sie ihn runter. Als der Junge sich von diesem Anblick löst,
bemerkt er, dass der Riese verschwunden ist. Er blickt sich um und
findet ihn schnellen Schrittes in Richtung Coffee-Shop gehen. Er freut
sich bereits, ihn rennen zu sehen, wenn die Bahn kommt.
Sonja freut sich auf die Uni. Nicht unbedingt, weil sie so erpicht
darauf ist, den halben Tag in Mathematik- und Physikvorlesungen
zu verbringen und dabei der Frage nachzugehen, ob die Katze noch
lebt oder nicht, sondern sie freute sich vielmehr auf den Weg zur Uni.
Denn den sollte sie heute das erste Mal auf vier Rädern begehen. Ihren
vier Rädern wohlgemerkt. Sie ist sich sicher, in dem für sie besten
Universum gelandet zu sein. »So viele Entscheidungen … und nur
eine falsche dabei … plumps, bist du in einem anderen Universum
und machst die Klos sauber.« Sandra, ein Mädchen aus wohlverzogenem Hause und seit neuestem ihre Mitbewohnerin, fragte vorwurfsvoll: »Willst du echt mit dem Auto fahren, obwohl du kostenlos die
31

Bahn benutzen kannst und zehn Minuten eher da bist?« Sonjas lapidares »klar« war ihr als eingefleischtem Greenpeace-Anhänger und
Träger des grünen Ordens, den sie und drei weitere Wurzel fressende
Naturfreaks sich selbst verliehen haben, überhaupt nicht klar. Ein
grüner Skoda, Baujahr ’96 mit 97.000 Kilometern auf dem rostigen
Buckel braucht keine vernünftigen Argumente. Klar, sie musste einen
Umweg in Kauf nehmen, musste durch die lang gezogene Unterführung am Hauptbahnhof, vorbei an den menschenüberfluteten Straßenbahnhaltestellen, aber letztendlich war sie allein dafür verantwortlich, wo sie wann sein würde. Das macht sie ihrer Meinung nach
ein ganzes Stück freier. Sie fährt die Straße entlang und atmet die
mit Abgasen geschwängerte Luft ein, als wäre sie gerade dabei, durch
einen Luftkurort zu fahren. Neben den üblichen Gerüchen von angebranntem Dönerfett, den Gesprächsfetzen der Menschen, die sich an
den Straßenrändern sammeln, als sähen sie einem Autorennen zu, den
Studenten und Schülern, die an den Haltestellen warten und deren
Anzahl so groß ist, dass sie die Straße regelrecht überfluten, bringt sie zu
dem Urteil: »Arme Schweine!« Sie denkt an eine aufgeplatzte Tomate
bei diesem Anblick, bevor sie in den Spiegel sieht und beschließt:
»Ich bin schön.« Etwa 150 Meter Luftlinie entfernt steht Heinrich an
dem Coffee-Shop hinter einer russischen Familie, die aus dem Nichts
erschienen ist und nun versucht, einen Kaffee, zwei belegte Baguettes
und eine Sprite zu bestellen, wobei die Sprite es als erstes schafft, in
dem schwerfälligen Versuch einer Konversation zu einem Punkt der
Einigung zu gelangen. Der Sohn Dimitri, ein groß gewachsener 16jähriger Bursche, dessen Kopf voll ist mit Dingen wie Fußball, Internetpornos und dem Geldbeutel seiner senilen Großmutter, sieht Heinrich an und kommt nicht umhin festzustellen, dass er aussieht wie
ein Nazi. Er tippt seiner in einer Schweißwolke stehenden Mutter
auf die Schulter und sagt auf Russisch: »Sieh mal, hinter dir steht ein
Nazi.« »Diese Russen könnten wenigstens versuchen, unsere Sprache
zu lernen … dieser Junge sieht aus, als hätte er den Erdball auf seinen
Schultern. Wie kann man nur einen so ovalen Schädel haben?« Sie
zupfte ihr rotes Kleid zurecht. »Fett bin ich, fett. Wenn ich diese Röllchen sehe … aber morgen ist Schluss … da gibt’s nur noch Sport …«
Mathilda ist nervös. Natürlich hat sie nichts gegen ovale Köpfe und
32

auch nichts gegen orientalische oder sonst welche Sprachen. Sie ist
genervt, da dieser unhöfliche Kerl vor ihr mit seinem riesigen grünen
Mantel und diesem lächerlichen Hut die Frechheit besitzt, sie einfach
nicht wahrzunehmen. Was soll sie machen? Ihm ihre Möpse zeigen
und sagen: »Wie nun, wird’s was?« Sie ist sauer, oh ja, sauer! Auf sich,
auf diesen Wildfremden, der sie keines Blickes würdigt, und wenn sie
schon dabei ist, auf die ganze verdammte Welt. Dimitri nimmt derweil
sein Baguette und seine Sprite entgegen, die Schwester bekommt ihren
Kaffee und die Mutter redet unentwegt ins Leere. Kurz darauf macht
Mütterchen kehrt und krallt sich das vergessene Baguette, welches auf
dem Tresen liegt. Heinrich steht inmitten ihrer Wolke. »Ein olfaktorisches Spektakel.«
Der Junge sieht lächelnd auf die Uhr. Offenbar sind all die Ermahnungen, Bestrafungen und sonstigen Erziehungsversuche bei ihm
in der Tatsache gemündet, dass er mit Vorliebe Menschen beobachtet, denen etwas misslingt. Die Straßenbahn ist schon in Sichtweite. Die üblichen Schubsereien beginnen, böse Blicke von unten
nach oben, zur Seite und wieder nach unten. Hier regiert das Recht
des Größeren, dessen, der mehr Platz einnimmt und nicht verdrängt
werden kann. Ein paar alte Leute nutzen den Umstand, in einer
Gesellschaft zu leben, die ihnen, wenn auch wenige, so doch vereinzelte Vorteile bringt, schamlos aus und drängeln sich stur durch die
Massen hindurch. Streift sie ein böser Blick, so haben sie immer noch
den Bonus, uralt zu sein, von der Gesellschaft ausgeschlossen und
kurz davor, dem Herrgott persönlich die Hand zu schütteln. Also lässt
man sie murrend gewähren. Indessen blickt der Junge, der ein Gefühl
dafür entwickelt hat, wann es brenzlig und für ihn sehenswert wird,
auf seine Uhr, auf der ein paar lächelnder Würmer mit grünen Hüten
und Regenschirmen die Gegenwart anzeigen – unermüdlich im
übrigen. Er zählt die Sekunden. Jetzt dreht sich sein riesiger Schädel,
der aussieht wie ein Findling, so unübersehbar einsam und groß. Er
bemerkt, so sieht es zumindest aus. Aber er bewegt sich nicht. Die
Enttäuschung darüber ist kaum in sein Bewusstsein getreten, da sieht
er eine Frau, die aussieht wie eine wandelnde rote Chilischote. Sie
rennt los. Ihr gewaltiger Vorbau lässt einen verträumten Studenten
an reifes Obst denken. Ein Handy, so groß wie ein Elefantenkopf, das
33

McDonalds-Zeichen, ein Mädchen schleckt sich den Ketchup von den
Fingern, Frauen, starrende Männeraugen, alles gleich, nur ausweichen …
»Dieser verdammte Mistkerl hat mich nicht mal angesehen, das
nächste mal, das nächste Mal … wenn ich zu spät komme, steht diese
Kuh wieder vor meinem Schreibtisch …« Ein Schnapsladen, nackte
Frauen, kühle, abgestandene, ekelerregende Unterführungsluft und dieses
Geräusch, wenn die Bahn anfährt und nicht mehr anhält. Mathilda
schlägt gegen die Scheibe, hinter der der Junge mit dem viel zu großen
und schweren Rucksack steht und sie angrinst. »Kleiner Scheißer!«
Heinrich hat seinen Kaffee. Die Bedienung, ein hübsches Mädchen,
mit etwas viel auf den Hüften, einem silbernen Ring in der Nase und
zu großen Hosen, aus denen Männershorts zum Vorschein kommen,
denkt: »Ich hasse diesen Job.« Sie beschließt, ihren Abschluss nachzuholen, irgendwann. Als Heinrich geht, sieht sie ihm nach und befindet,
er könnte sich ein bisschen modischer kleiden. »Sieht aus wie ’n Förster,
der Typ.« Sonja biegt in die Unterführung ein, sie dreht das Radio
lauter, Radiohead, ihre Lieblingsband. Das Fenster kurbelt sie hoch.
Ein kalter Wind dringt in ihre kleine Welt und bringt den Geruch
von kaltem Rauch und Urin mit sich. Bahnhofsgeruch. »Quantenmechanik hat auf mich die gleiche Auswirkung wie die zichmilliarden Neutrinos, die gerade durch meine Fingerspitze donnern … Ein
Atomkern in einer Turnhalle, soviel zum Thema Kollisionsgefahr …
ein Lichtjahr Blei, um eins von den Dingern aufzuhalten …blöd …
diese aufgeplatzte Tomate …« McDonalds, Menschen, Tauben auf
den überfüllten Mülleimern. »Es ist mit Sicherheit eine Fangfrage, ich
meine, wer sperrt schon eine Katze in eine Box und wartet darauf, dass
Giftgas entweicht, nachdem sich ein Atomkern entschlossen hat zu
zerfallen?« Mathilda friert. Ihre Brustwarzen sind so groß wie FünfCent-Münzen. Albert, 19 Jahre alt und gerade dabei, das An-derWand-Lehnen zu perfektionieren, bekommt einen Ständer. »Und …
nun zufrieden? Da hat er seinen Kaffee und schlürft dran, als wär’s
Salzsäure … steht ja auch drauf, dass er heiß ist. Nein … heute nicht …
zu spät, morgen ist auch noch ein Tag … Scheiße nochmal.« In acht
Minuten fährt die nächste Bahn. »Wenigstens bekommt man dann
einen Platz.« Heinrich schmeckt der Kaffee. Er denkt: »Vielleicht
ein Kaffeevollautomat.« In diesem Moment hat er das Gefühl, eine
34

Schlange zwängt sich durch seine Beine. Er sieht nach unten. »Erwin?«
Dieses Wort bekommt dem eigensinnigen Kater nicht, er rennt auf die
Straße. »Blödes Vieh … komm her!« Sonja ist in Fahrt, ihr dauert das
alles viel zu lange. Sie zieht das Lenkrad nach links, fährt am Bus vorbei
und singt: »I don‘t belong heeeere.« Mathilda sieht, wie Heinrich der
Katze hinterher jagt. »Viel zu groß und viel zu behäbig«, war das einstimmige Urteil aller 128 Menschen, die diesem Ereignis beiwohnten. Er
machte Bewegungen wie ein Krake. Sein Mantel lag schwer in der Luft.
Der Hut fiel zu Boden. Sein Haar lag wirr auf seinem großen Kopf.
Mathilda wusste in dem Moment, dass sie ihn nie ansprechen würde.
»Vielleicht passen wir einfach nicht zusammen.« Und plötzlich, nicht
wie, sondern direkt aus dem Nichts, gab es einen dumpfen Knall.
Die Zeit. Eine Konstante. Aber sie kann sich dehnen. Menschen
bemerken das zuweilen. Sie bilden sich ein, sie können die Zeit beeinflussen. Aber die Zeit entschließt, wann wer wie lange verweilt. Dieser
Moment war verdammt lang. Zuerst sah Sonja die rote Katze hinter
dem Bus vorkommen, »süß, gehört aber nicht auf die Straße.« Ihr
linker Fuß bewegt sich im Zeitlupentempo auf das Bremspedal. Dann
jemand, der aussieht, als springe er über nicht vorhandene Pfützen.
Der Fuß drückt das Bremspedal durch. Die Trägheit der Körper wird
spürbar. Alles will seinen Impuls erhalten, will weiter in die vorgegeben Richtung. Der Wackel-Elvis macht eine lange, tiefe Verbeugung. Ein Meer aus grün, ein Hut, ein spärlich behaarter Kopf, ein
dumpfer Aufprall, ein aufgewirbelter Marionettenkörper, und dann,
natürlich, das Bild von Sandra: »Wieso fährst du mit dem Auto …«
Einen infinitesimalen Augenblick ist alles starr. Eine Aneinanderreihung von Unbeweglichkeiten. Die Ledertasche ist zerrissen, Blätter
flattern umher wie riesige, weiße Ur-Schmetterlinge. Sonja hat Angst.
Sie denkt nicht in diesem Moment. Ihre Schließmuskeln versagen. Mit
nasser Hose steigt sie aus. Der Dämon Zeit beschließt, das normale
Tempo wieder aufzunehmen. Eine Frau in Rot schreit hysterisch. Das
Erkennen folgt. Ihr Professor. In blutigen Einzelteilen liegt er auf der
Straße. Seine Augen schließen sich, er denkt: »Das war’s«. Neben
ihm sinken die Blätter zu Boden. Vier Katzen sind darauf zu sehen.
Darunter steht in großen schwarzen Lettern: Die Katze ist weder tot
noch lebendig – sie ist beides zugleich.
35

Jakob Zwiebler

Spanien

Es ist Spanien und die Diktatur ist schon eine Weile in Gang, vielleicht also ist es 1940; hier aber ist noch nicht viel geschehen, denn
jenes Dorf in den Pyrenäen, in dem ich lebe, ist das abgeschiedenste.
Ihr kennt es bestimmt nicht; es ist nicht bekannt geworden durch
meine Anwesenheit und auch später nicht durch meine Abwesenheit. Ich habe nicht viel geschrieben, noch weniger veröffentlicht, und
was veröffentlicht worden ist, das ist nicht gut. Darum bin ich auch
überrascht gewesen über den Anruf des Sicherheitsbeamten, der mir
mitteilte, dass meine Schriften, obwohl sie nicht gut seien, mich in
Probleme gebracht hätten, denn sie würden einigen Ansichten widersprechen, die zur Zeit in Spanien die richtigen sind. Gut, sagte ich,
und was nun? Nur keine Sorge, sagte beruhigend der Sicherheitsbeamte, wir schicken jemanden vorbei, der sich um Sie kümmert. Und
legte auf.
Ich sage, ich war überrascht gewesen, aber doch eigentlich nicht über
den Inhalt des Gesprächs, denn sicherlich sind mir meine Schriften
wohl bekannt, und auch die Ansichten der Diktatur sind mir bekannt
und ich weiß, dass da einiges hervorschaut, wenn man sie übereinander legt. Aber dass sie es mir gesagt hatten, dass es sich so verhält,
das wunderte mich, noch dazu ein Anruf! Ich habe erst seit wenigen
Monaten das Telefon, ich glaube, es gibt nur zwei andere im Dorf, die
eines haben, und ich freue mich jedes Mal, wenn es klingelt, und ich
weiß noch genau, wie oft es geklingelt hatte, als der Sicherheitsbeamte
anrief, war es erst das zweite Mal gewesen, und groß war darum meine
Freude, und sie blieb es auch noch eine Weile, nachdem er aufgelegt
hatte, erst danach begann ich, mich zu wundern. Vielleicht hatten
sie sich nur vergewissern wollen, dass ich auch zuhause bin? Es ist ja
ein weiter Weg hier hinauf, den wollten sie nicht umsonst machen.
Dann ist es doch ärgerlich, dass ich abgenommen hatte, denn wenn
nicht, hätten sie vielleicht gedacht, ich wäre nicht da, und wären
36

nicht gekommen; aber ich glaube, ich hätte trotzdem abgenommen,
auch wenn ich das alles gewusst hätte, denn, wie gesagt, es war erst
der zweite Anruf gewesen, der erste war außerdem nur ein Klingeln
gewesen und nichts weiter, da war niemand am anderen Ende gewesen,
der gesprochen hatte, und jetzt weiß ich wenigstens, dass das Telefon
funktioniert.
Gewiss, ich hatte, wie alle anderen, überlegt, das Land zu verlassen.
Zeit hatte ich genug gehabt, ich war nicht von erster Wichtigkeit
gewesen für die Diktatur, es hatte eine ganze Menge anderer gegeben,
die vor mir an der Reihe waren. Ein oder zweimal hatte ich auch angefangen, meinen Koffer zu packen, aber wohin hätte ich denn gehen
sollen? Sagte ich mir und packte alles wieder aus. Es lag vielleicht auch
am Geld, ich hätte mir etwas borgen können, aber ich borge nur, wenn
es sein muss, und ob es so war oder nicht, das wusste ich nicht mit
Sicherheit, erst als der Anruf kam, da wusste ich es.
Es gibt keine Polizei im Ort, nur einen sanftmütigen Ordnungshüter, der nebenbei, wenn er entlang der einzigen Straße spazieren
geht, nach dem Rechten sieht und zögerlich zu schlichten sucht, wenn
etwa zwei Nachbarn sich wegen eines umgefallenen Baumes streiten.
Wegen dem muss ich mir keine Sorgen machen, er hat ja nicht einmal
eine Pistole oder irgendein andres Instrument derart, das mich, mit
sicherer Hand in den Rücken gehalten, zum Mitkommen hätte
bewegen können. Wahrscheinlich weiß er gar nicht Bescheid, er ist ja
kein
Amtsträger, und was er an richterlicher Autorität besitzt, ist ihm allein
durch Zuverlässigkeit, Redlichkeit und unerschütterliche Objektivität
zugekommen, nicht durch die richtigen politischen Ansichten. Es ist
also, denke ich, bevor sie kämen, sich nach meinem Haus erkundigten,
an die Tür klopften, sie einschlügen, wenn ich nicht antwortete, und
mich mit sich nähmen, noch ein wenig Zeit.
Da klopft es, ich erschrecke, aber sie können es noch nicht sein, und
darum gehe ich zur Tür und mache auf. Es ist Miguel, der Bäckermeister, oder wenigstens glaube ich es, denn da sein Laden am andern
Ende des Dorfes liegt und ich nicht jeden Tag den Hang hinauf und
hinunter laufen will, um frische Brötchen zu haben, stattdessen lieber
einen Jungen bezahle, dass er es für mich tut, kenne ich ihn nicht,
37

den Bäckermeister; aber er trägt einen Korb mit Brötchen im Arm
und sagt, ich bin Miguel, der Bäckermeister, der kleine Guillermito ist
heute krank und darum bringe ich die Brötchen selbst. Ich habe kein
Geld in den Taschen, aber er hat ohnehin ein freundliches Gesicht
und darum bitte ich ihn herein.
Wahrhaftig, ich weiß nicht, woher mir der Gedanke kommt oder
die Absicht, ihn auszuführen, jedoch es wird mir mit einem Mal
bewusst, dass wir nun zu zweit sind in meinem Haus, die Sicherheit
aber sucht nur einen. Da sitzen wir schon beieinander auf meinem
Sofa, ich habe, wie es scheint, mein Geld verlegt und kann es nicht
finden, und habe für die Zeit des Wartens eine Flasche Wein auf den
Tisch gestellt, mein bester Wein ist das, den ich mir für eine besondere Gelegenheit aufgehoben habe, das ist sie vielleicht nicht, aber es
ist die letzte; und er will gern trinken, aber nicht allein, das Brot, sagt
er, muss auch nicht gleich bezahlt sein, und so setze ich mich zu ihm
und wir trinken gemeinsam. Ein angenehmer Mensch, denke ich, der
viel lacht und gern erzählt, der lang und mühsam arbeitet und wie es
scheint, wenig hat, aber er ist zufrieden; kurzum, ich mag ihn sehr,
sonst würde ich ihn wohl doch hinauswerfen, so aber halte ich ihn bei
mir und hole sogar noch eine zweite Flasche Wein, den zweitbesten,
und als endlich das Klopfen an der Tür unser Erzählen unterbricht,
sage ich, als wüsste ich nichts, ich werde einmal nachsehen, wer es
ist, während ich in Wirklichkeit aus einem Fenster, unbemerkt von
ihm und der Sicherheit, das Haus verlasse. Da nun die Sicherheitsbeamten, die zu dritt und ungeduldig vor der Tür stehen, keinen Einlass
erhalten, treten zwei zurück und der dritte rennt sie ein, finden den
Weg ins Innere und nehmen ihn mit, der hier wohnt. Das höre ich
nur aus der Ferne, denn ich bin bereits auf dem Weg zum Haus des
Bäckermeisters.
***
Seit einigen Monaten führe ich nun das Leben des Bäckermeisters
Miguel und ich habe es gut; ich stehe früh auf und habe ständig Husten
wegen des Mehls, das ich Tag für Tag einatme, wenn ich backe, aber
ich habe ein sicheres Einkommen, ein kleines Haus, und die Leute
achten mich und freuen sich, wenn sie zu mir in die Bäckerei kommen,
38

denn ich habe für alle ein freundliches Gesicht und weiß von jedem,
ohne dass er es sagen müsste, was er haben will und wie viel.
Zu Anfang war es nicht leicht; was wusste ich denn vom Backen?
Aber Miguel war zu meinem Glück ein sehr ordentlicher Mensch
und hatte von allem, obwohl er selbst es sicher nicht brauchte, ein
Rezept, fast sage ich, mir da gelassen. Dennoch musste ich sehr früh
aufstehen am nächsten Tag, Miguel stand für gewöhnlich um halb
fünf auf, jedenfalls zeigte es so sein Wecker an, der neben dem Bett
stand, ich aber stellte ihn auf um drei, um auch mit Sicherheit alles
fertig zu haben, wenn am nächsten Tag die frühsten Kunden in meine
Bäckerei kämen. Und es gelang mir, und so überstand ich den ersten
Tag, und wirklich war das Brötchenbacken der schwierigste Teil, und
das Verkaufen danach sehr leicht, dass ich die Preise nicht wusste, fiel
nicht auf, denn die Leute kauften alle seit vielen Jahren ihre Brötchen
bei Miguel, wie ich ja auch selbst meine Brötchen seit vielen Jahren
bei Miguel gekauft hatte, und keiner fragte noch, was er zu zahlen
hatte. Freilich gab es manche an jenem ersten Tag, denen die Brötchen zu hart waren oder zu weich oder schlecht gesalzen, und die, die
sich beklagten und nun nicht mehr kommen wollten, kamen doch
alle bald wieder, denn für sich selbst backen, das wollten sie nun auch
nicht, und zudem dauerte es nicht lang, da war alles so gut, wie es
früher gewesen war, oder vielleicht noch ein wenig besser, und ich
musste auch nicht mehr um drei aufstehen, sondern stellte den Wecker
wieder auf halb fünf.
Und keiner wunderte sich, dass es nicht Miguel war, der im Laden
stand und sie bediente; ich trug die Bäckermütze Miguels, seine
Schürze und selbst seine Schuhe, obwohl sie mir zu groß waren. Für
sie war ich der Bäckermeister, und wenn sie mit mir sprachen, nannten
sich mich mit seinem Namen. Dann wand ich mich ab und lachte
heimlich darüber, wie einfältig die Leute sind, dass sie ohne weiteres
annehmen und es gar nicht prüfen, ob es jeden Tag der Gleiche ist,
der in ihres Bäckermeisters Kleidern steckt; die meisten sehen nicht
einmal hin.
Nichtsdestoweniger war es ein großes Glück, dass Miguel in seinem
Haus allein wohnte, denn wie wäre eine Ehefrau zu täuschen gewesen
oder vielleicht eine alte Mutter, die, wenn sie auch nicht mehr so
39

gut sah, sicherlich doch an allen möglichen Kleinigkeiten ihren
Sohn erkannt hätte oder eben einen, der es nicht war; nein, das wäre
doch unmöglich gewesen, glaube ich, zumal ich zu jener Zeit noch
keine Übung darin hatte, Miguel zu sein. Es war aber nicht so, dass es
nicht einmal ein Zweifeln gegeben hätte. Nach einigen Tagen kam ein
Freund zu mir, vielleicht ein sehr guter Freund, jedenfalls, nachdem
ich ihn besser kennengelernt hatte, fiel es nicht schwer, mir vorzustellen, dass Miguel ihn gern gehabt hatte. Aber wie er mich das erste
Mal sah, nachdem er geklopft und ich ihm geöffnet hatte, und ich
ihm unbestimmt höflich zunickte, da ich nicht wusste, wer er war
und in welchem Verhältnis ich zu ihm stand, ging doch eine kleine
Verlegenheit über sein Gesicht und ein Grübeln; aber ich trug die
Kleider Miguels, und hatte noch das Mehl im Gesicht von der Arbeit
in der Bäckerei. Und ich sagte, weil er schwieg, ich habe einen Wein
im Keller, gerade bin ich fertig mit der Arbeit und will trinken, aber
nicht allein, so kommst du mir gerade recht. Und da lachte er und war
überzeugt und ließ es zu, dass ich den Arm um seine Schulter legte
und ihn hinein führte; ich musste ja doch Miguel sein, denn sicherlich bittet man keine Gäste in eines andern Mannes Haus. Und von da
an wurde mir alles sehr leicht. Wenn vielleicht meinem Auftreten in
der ersten Zeit noch die Sicherheit gefehlt hatte, so hatte sie sich doch
bald eingestellt, denn das Leben im Dorf, ich wusste es ja, vollzog
sich mit der äußersten Regelmäßigkeit und auch Miguel hatte sehr
regelmäßig gelebt, und so wusste ich schon nach einigen Wochen wer
mich mittwochs um fünf am Nachmittag besuchen kam, und wo ich
jeden zweiten Sonntagabend verabredet war zum Kartenspielen. Im
übrigen war an dieser Einteilung nichts auszusetzen, Miguel hatte es
gut verstanden, sich die häusliche Ruhe und das lustige Beisammensein in der Waage zu halten, und nur einige kleine Änderungen waren
nötig, die ich freilich nach und nach nur vornahm. Und so ging alles
seinen Gang.
***
Eine Weile schon bemerke ich, dass etwas vor sich geht. Wenn ich am
Morgen meiner Arbeit nachgehe und fleißig bin, ist alles gut, sicher,
ich trage die Müdigkeit in meinem Gesicht, an den kurzen Schlaf
40

gewöhnt man sich nun einmal nie in letzter Konsequenz, wie lange
man es auch versucht, aber dann ist es doch schön, mit seinen Dingen
eine Weile ganz allein zu sein, mit den Gefäßen und den Blechen und
dem großen Ofen, während es draußen still und dunkel ist und alles
noch schläft. Aber wenn der Teig fertig ist und ich nur noch warten
muss, bis die Brötchen aufgegangen sind, und auch danach, nachdem
ich sie herausgezogen habe und zunächst vor dem Ofen zum Abkühlen
lasse, bevor dann die ersten Leute in meinen Laden kommen, habe ich
eine Weile Zeit um zu sitzen und nachzudenken, und dabei kommen
mir Erinnerungen, von denen ich nicht weiß, wem sie gehören. Aber
ist es denn verwunderlich, ich bin doch schon seit vielen Jahren
Miguel, der Bäckermeister, und manchmal frage ich mich, ob ich es
nicht immer gewesen bin. Ich fühle mich wohl in meinem Haus und
weiß, wo alles seinen Platz hat, auch ohne Licht finde ich mich leicht
zurecht, ich bin angesehen und auch beliebt im Dorf, ich habe einige
gute Freunde, denen ich vertraue, und die andern haben wenigstens
nichts gegen mich. Und sicherlich habe ich doch auch nichts Schlechteres verdient.
Dann aber geschieht es wieder, dass ich aufschrecke wie aus einem
Traum, und mit einem Mal fällt mir ein, dass ich dies alles, nun, ich
möchte nicht sagen, erschlichen habe, denn das würde sicherlich des
vielen Mühens nichts gerecht, das ich gerade in der ersten Zeit auf
mich nahm; und tat ich es denn nur für mich? Es war doch nötig
für das ganze Dorf, dass immer jemand da war, der die Brötchen
verkaufte. Das denke ich mir und komme wieder zur Ruhe, ohnehin
weiß ich ja, wenn ich nur einmal ernsthaft darüber nachdenke, dass
es nicht stimmen kann, dass es nicht möglich ist, dass niemand etwas
gemerkt hätte, dass es niemandem aufgefallen wäre, wenn mit einem
Male ein anderer sich für Miguel den Bäckermeister ausgegeben hätte.
Dann lache ich über mein frühmorgendliches Beklommensein, das
auch immer seltener wird.
Eigentlich, denke ich mir, als ich eines Abends die Zeitung aufschlage,
kann ich doch sehr zufrieden sein. Ja sicher, ganz jung bin ich nicht
mehr, aber auch noch nicht alt, die Arbeit macht mir noch Freude,
und die Zeitung lese ich nur, um mich zu zerstreuen, und nicht weil
ich politische Sorgen habe. Da gibt es ja immer noch so viele, denke
41

ich und schüttele den Kopf, hier steht es auch wieder. Diesmal, lese ich,
geht es um den Schriftsteller Felipe Eduardo Castro, der vor einiger
Zeit nach einer langjährigen Haftstrafe das Land verlassen hatte und
nun in Belgien ein neues Buch herausgebracht hat, das ohne große
Umstände mit einem wichtigen belgischen Literaturpreis ausgezeichnet worden ist. Eigentlich ist es schade, denke ich, dass wir so
viele hinausgeworfen haben, und manche vielleicht ohne Grund. Bald
sind die besten alle weg und keiner ist mehr hier, der gute Bücher
schreibt. Aber was kümmert’s mich, ich habe ja doch zum Lesen keine
Zeit. Ich lege die Zeitung auf den Nachttisch, stelle den Wecker und
lege mich ins Bett, damit ich am nächsten Morgen ausgeschlafen bin,
wenn ich die Brötchen backe.

42

Anna Siebert

Jankovs Bude
Der Tag, an dem wir Jankovs Bude ausräumen, ist ein Dienstag.
Obwohl ich Jankov nicht kenne, sind meine Mutter und ich erstaunlicherweise seine einzigen Verwandten. Jankovs Bude ist ein Appartement irgendwo in der Innenstadt, siebenundzwanzig rote Ampeln
und achtunddreißig Querstraßen von unserer Wohnung entfernt. Ich
habe Jankov noch nie gesehen. Mit dem Auto ist die Fahrt durch die
Stadt eher der eines behäbig schaukelnden Schiffes ähnlich. Grellglänzender Stahl überall in den Gassen reflektiert die wabernde Hitze,
die die schmutzigbraunen Häuserfassaden abstrahlen. Der Verkehr
schwimmt in zähen Sommerwogen unter dem Himmel, der, antennenweise in Stücke geschnitten, blau und nichtssagend zwischen
mürrischen Dächern hängt. Im Fahren denke ich darüber nach, dass
der Blick des Städters, mein Blick, nur ungefähr zehn Prozent Himmel
erfasst, frage mich, was das bedeutet. Bäume und Rasenflächen haben
sich im Laufe der Jahre mit der Präzision eines Kostümbildners an
ihre Umgebung angepasst, verstecken außerirdisch fremd anmutendes
Grün unter den staubbraunen Exkrementen der atmenden Stadt.
Weil der Himmel nicht einstauben kann, hält er sich bedeckt.
Sperlinge, Stare, Amseln, einst Stimme und Herz der Lüfte, geifern
auf Gehwegen und Plätzen kreischend und schrill nach den achtlos
hingeworfenen Brotkrumen Passierender. Der Wagen vor uns lässt
eine lärmende Schulklasse die breite Straße überqueren.
Der Himmel sagt nichts, er hat die Sprache verloren.
Meine Mutter und ich reden die ganze Fahrt über nicht miteinander.
Nicht aus Ärger, sondern weil wir nichts wüssten, über das wir uns
unterhalten könnten. Jankov ist tot, denke ich, und der Gedanke
klingt irgendwie seltsam, als wäre mir das bis jetzt gar nicht bewusst
gewesen. Jankov ist tot, das fühlt sich so fremd und unwirklich an.
Jemand, den ich niemals kannte, stirbt und fehlt, sollte fehlen –
wem?
43

Aus dem Autofenster heraus ist der Himmel mittlerweile gar nicht
mehr zu erkennen. Ich öffne das Fenster, um Frischluft herein zu
lassen, vor uns schmilzt der Verkehrsstrom zu einem zähfließenden
Magmagemisch aus Blech, Stahl und Schweiß zusammen. Draußen
ist es beinahe so heiß wie im Wagen und einer plötzlichen Regung
folgend halte ich den Arm aus dem Fenster, als versuchte ich, nach
dem Fahrtwind zu greifen. Vergeblich.
»Jan Jankov« steht in verblichenen Serifenlettern auf dem Klingelschild.
Meine Mutter und ich tragen leere Umzugskartons sieben Stockwerke
nach oben. Ich stoße die angelehnte Haustür mit der flachen Hand
auf. Dämmrige Wärme, der Geruch nach abgestandenem Fußbodenbelag und Staub, so viel Staub, stülpen müssen. Die engen Wände
der Wohnung drängen sich aneinander, drohen, mich zu erdrücken.
Überall stehen Regale voller Plunder, die Decke so nah, dass ich mir
vorstelle, mich aufzurichten, mit dem Kopf durch die Enge der Deckenplatten, das Dach zu stoßen, dem Himmel entgegen. »Um Himmels
Willen, hast du das ganze Zeug gesehen?«, fragt meine Mutter aus
einem, irgendeinem Winkel der Wohnung. In Jankovs Bude zweigen
die Zimmer zellenartig vom Flur ab, links Bad, Schlafzimmer, Stube,
rechts Küche und Vorratskammer. Meine Mutter hat sich ein Tuch
um das Haar gebunden und reißt einen ozeanblauen Sack nach dem
anderen von der Rolle ab. Zwischen ihren Augen hat sich feiner Staub
in die Falten der Haut gesetzt. Die Wohnung steht voller Schränke,
Kiefern-, Eichen-, Buchenholz; alles steht durcheinander, nebeneinander, aufeinander. Ledergebundene Gedichtbände neben Groschenromanen, eingeweckte Pflaumen, deren Gesichter eingefallen aussehen
wie Großväter auf Stapeln alter Zeitschriften aus aller Welt. Ein rostiger
Schiffsanker lehnt an der Tür zum Schlafzimmer und träumt dornröschengleich schlafend von der lichtgefluteten Weite endloser Ozeane.
Zigarrenschachteln, alte Münzen, Tonkrüge, Vasen, getrocknete Veilchen, Silberbesteck, eine Staffelei, längst vergilbte Jahreskalender,
U-Bahn- Fahrkarten, Schlüssel, ein dreibeiniges Schaukelpferd –
über dem blinden Kommodenspiegel kokettiert ein Strohhut fransig
mit den spärlichen Lichtstrahlen, die wie seltene Gäste zaghaft durch
trübe Fensterscheiben lugen.
44

Jankovs Wohnung ist ein riesiges Museum auf dem Kopf einer
Stecknadel. Zwischen Bergen von Gartenzeitschriften grabe ich einen
verstaubten Globus aus – auf dem gibt es ein russisches und ein osmanisches Reich und einen Staat namens Abessinien. Meine Mutter
knotet einen weiteren Sack zu, stellt ihn zu den vielen anderen in den
Flur und ich frage mich, ob Jankov auch manchmal in seiner eigenen
Wohnung zu ersticken glaubte. Irgendwo zwischen mit Regalwänden
und grauen Fotografien gepflasterten Wänden kommt eine tickende
Uhr aus dem Takt. In Jankovs Wohnung gehen die Fenster zur Straße,
sie lassen sich nur ankippen, und draußen liegt die Hitze ebenso grau
und schwer über der atemlosen Stadt wie in Jankovs Räumen.
Meine Mutter ist zum Arbeiten in die Stadt gekommen. Aufgewachsen in dörflicher Einöde wusste sie, wie eine Kuh zu melken ist,
wo man die besten Walderdbeeren findet, und hasste das. »Was, das?«,
habe ich meine Mutter einmal gefragt. »Alles. Das Dorf, den Hof,
das Land. Die Menschen«, sagte sie. Meine Mutter ist dem Gerede
entflohen, dem Vater, der sie verheiraten wollte mit dem Familienbetrieb, sie wollte Sängerin, Kunstmalerin, Krankenschwester werden,
berühmt, raus, irgendetwas, und strudelte in den gefräßigen Schlund
der Großstadt hinein.
Sie steht in Jankovs Küche und trinkt Wasser aus einer großen
Kunststoffflasche, sie wirkt erschöpft und müde und auf eine seltsame
Weise alt. »Wenigstens liegt es zentral«, sagt sie und deutet mit einem
Kopfnicken ins Nichts. »Wie ein einziger Mensch nur so viel Zeug
ansammeln kann …« Meine Mutter seufzt und trägt den letzten Sack
nach draußen. Wie lange sind wir schon hier? Ich weiß es nicht.
Als ich wieder im Flur stehe – es ist jetzt bedeutend leerer hier –, fällt
mein Blick auf den einzigen verlorenen Zettel an der improvisierten
Pinnwand. Jemand – Jankov? – hat eine Adresse darauf geschrieben,
die Schrift malt kleine, gerade, sehr ordentliche Linien und beinahe
hätte ich den Schlüssel, der von einer ledernen Schnur ebenfalls an
der Pinnwand hängt, übersehen. »Was ist das?«, frage ich meine
Mutter, doch die ist bereits die Treppe runter mit den Säcken, einigen.
Ich weiß, dass sie es nicht wissen wird, dass sie es vielleicht, wahrscheinlich, gar nicht wissen will, dass sie genug hat. Genug von all
45

den leblosen Dingen, die verlorene Worte aus staubigen Regalfächern
und Schubladen wispern. Genug von der Botschaft, die Jankovs Bude
mantraartig ausstrahlt und die hier so erschreckend realistisch, glaubwürdig beinahe scheint. dass es nämlich innen meist genauso grau ist
wie außen. Oder andersherum. Ich weiß es nicht. Weiß nicht, ob das
am Ende wirklich einen Unterschied macht.
Am Mittwoch fahre ich allein durch die Stadt. Die Nacht hat keine
Kühle, keine Erleichterung gebracht; erbarmungslos tanzt Sonnenstaub über den brennenden Stadtstrudel und ich irre durch flirrende
Straßen und Gassen. Jankovs Adresse gehört zu einem hohen Haus
mit neunzehn Stockwerken. Wie die Nadel einer Sonnenuhr ragt
es aus der Innenstadt heraus, als deute es auf irgendeinen Punkt am
blassen Himmel. Der Portier wirft mir einen seltsamen Blick zu, als ich
nach Jankov frage, ich zeige den Schlüssel. »Immer hoch«, sagt er und
deutet auf den Treppenschacht, dessen Dunkel langfingrige Schatten
auf die schmutzigen Wände zeichnet. Während meine Schritte die
Höhenmeter in sich hinein fressen, frage ich mich, was ich eigentlich
erwarte, was ich suche. Ich finde keine Antwort. Ganz oben, am Ende
der Treppe taucht eine bucklige Holztür aus dem Nichts auf.
Meine Finger suchen in der Hosentasche nach dem Schlüssel, der
findet ein Vorhängeschloss, silbrig glänzend, ich weiß nicht warum,
aber in diesem Moment bin ich mir sicher, irgendetwas gefunden
zu haben. Etwas, was ich unbewusst immer gesucht und doch nie
vermisst habe, in diesem Moment, den das Schloss braucht aufzuspringen, ahne ich das. Drehen, Klacken, Knarzen – das Hinterdertür
zieht mich wie ein Magnet, lässt mich ohne Grund stolpern, taumeln.
Ich taumle ins Freie.
Auf kaum fünfzehn Quadratmetern Hochhausdach nicken Gräser,
Vergissmeinnicht und Gänseblümchen mit den Köpfen, der Sonne
entgegen. Drei säuberlich angelegte Gemüsebeete fügen sich ordentlich in die Feldsteinovale, aus deren Ritzen für einen kurzen Moment
noch der vorwitzige Kopf einer Eidechse hervorblinzelt. Obstbüsche
und bunt blühende Bäumchen in großen Blumentöpfen verbergen die
filigranen Nestgeflechte dutzender Vögel und eine weiß gestrichene
46

Parkbank dirigiert ein Kletterrosengeflecht um sich herum. Goldschimmernde Sonnenflecken auf dem Rasen, meine Füße gleiten wie
von selbst aus den schwarzen Schuhen, alles scheint ungeheuer unwirklich. Schwalben treiben auf zartgliedrigen Luftstößen vorbei – fünfzehn Quadratmeter dauern sechs Schritte –, meine Hände greifen das
kühle Metall der Dachumzäunung, im Rücken den Zauber. Jankovs
Zauber. Ich stehe auf dem Dach des Hochhauses, neunzehn Stockwerke, der Zeiger einer Sonnenuhr. Ich stehe und unter mir glüht,
brennt so fern der heiße Atem der Stadt.
Manchmal träume ich, dass sich Gassen und Straßen netzartig um
mich herum zusammenziehen. Mir träumt, Häuser wüchsen, Pilzen
gleich, aus dem Boden, wüchsen in den Himmel, wüchsen gegeneinander und schlössen sich um mich.
Manchmal träume ich, wie ich im Strudel versinke, ersticke am toten
Atem der Stadt, bewegungslos eingezwängt im steinernen Grab. In
diesem Moment, frisches Gras unter den Füßen, hoch über der in der
Ferne verstummten Stadt, vermisse ich Jankov das erste Mal. Jankov
ist tot, denke ich, und mir fehlt, was ich nie besaß. Ich fühle mich
gefangen, wie meine Mutter, in einem Traum, den ich zu träumen
vergaß, und um mich herum verstummt die Welt. Der Tag, an dem
ich Jankovs Garten finde, ist ein Mittwoch und über mir ist nichts als
das leuchtende Blau des Himmels.

47

Ann-Kathrin Roth

Treppengeflüster
Ich wusste, es war eine Frage der Zeit, sagt der Casting-Star. Eine
Wiederauferstehung darf nicht länger als drei Tage dauern.
Komm mal mit. Ich will dir was zeigen.
Komm rein. Sieh dich um. Der Raum ist groß, und die geschwungene Treppe ist alt. So alt wie die hohe Decke, nach der sie sich streckt
und die sie niemals erreichen wird. Halt das Bild fest. Kannst du das?
Ich weiß, dein photographisches Gedächtnis ist der Chip im Technikmantel deiner Digitalkamera. You got a one-chip-mind, und Drähte
in rot und blau connecting your ears. Es wird schon gehen.
Was ich dir zeigen wollte. Du weißt schon. Die Nummern wollte
ich dir zeigen. Weil sie schön sind, neurotisch romantisch und verbeult
und verbogen und ich dachte, vielleicht gefällt dir das. Vielleicht
gefällt es dir genug, dass du mir gehörst, bis der Schlag, der Schlag der
Zuschlag der Tür, bis er aussetzt.
Die Nummern stehen Schlange auf der Treppe. Eine Tür als Ziel
jenseits der Stufen. Sie hat zwei große Flügel und in den linken ist
eine kleinere Tür gesägt, eine Katzenklappe, mansized, die zweimal
zuschlägt, wenn eine Nummer den Raum hinter der Tür verlässt und
die nächste hineingeht. Nummern halten sich nicht gegenseitig Türen
auf. Übergabe des Staffelholzes erst auf der ersten Stufe. Ready, Set,
Show.
Nummer 53 legt eine Hand auf das breite Holzgeländer und wippt
von den Fußballen auf die Zehenspitzen wie eine Ballerina. Sie hofft,
dass am Ende 53 die Nummer sein wird, die zählt.
Today’s the day, hat sie heute Morgen zu ihrer Mutter gesagt (bitte
frag nicht, frag mich nicht, es ist ein Spiel, wenn du fragst, verlieren
wir beide) und die Mutter hat die Besteckschublade mit der Hüfte
geschlossen und gesagt: Ich verstehe dich nicht.
Nummer 53 legt ein Bein auf das Treppengeländer und schmiegt
eine Wange an die Wade.
Alles was du sagst ist Casting, Styling, Photo-Opportunity, hat die
48

Mutter gesagt. Ich hab dir so viele schöne Worte beigebracht, als du
in deinem Kinderstühlchen gesessen und dir den Brei in die Haare
geschmiert hast. Warum benutzt du sie nicht?
Sorry, ich muss los. Bye, Mum.
Die Treppenstufen sind eng, enger, je weiter links man steht, und
beim Beinwechsel rutscht Nummer 53 von der Kante. Jemand fängt
sie auf, jemand mit dunklen Haaren an den Unterarmen und einer
Brandblase auf der Innenseite des kleinen Fingers. Die Brandblase
platzt auf und hinterlässt einen nassen Fleck auf dem Top von Nummer
53.
Tut mir leid.
Was denn?
Dass ich meine Sekrete auf deinem Oberteil verteilt habe.
Nummer 53 leckt ihren Zeigefinger und drückt ihn auf die Stelle,
an der sie unter dem dunklen Stoff seines Shirts eine Brustwarze
vermutet, gleich unter dem Klebeschild mit den Ziffern fünf und vier.
Jetzt sind wir quitt.
Solange du nicht fragst, kann ich dir mehr Geschichten erzählen.
Also frag mich bitte nicht, ich bin noch nicht fertig.
Siehst du die Menschen mit den Kameras und den Schaumstoffknüppelmikrofonen? Ausgebildete Emotionsspürhunde.
Erzähl uns eine Geschichte, sagen sie. Über deine Kindheit.
Und es ist nicht fair, denkt Nummer 505, dass Großeltern die besten
Geschichten erzählen, nur weil sie den Krieg überlebt haben.
In unserem Dorf, möchte Nummer 505 sagen, gab es einen Löschwasserteich, in dem wir Kinder badeten, und die Soldaten auf dem
Rückzug von der Front warfen ihre Waffen hinein, bis die Gewehrläufe wie Äste aus dem Wasser ragten. Wir fischten die Munition
mit Angeln aus dem Teich. In diesem Jahr hat mein Bruder mir sein
Fahrrad geschenkt, weil man Beine braucht, um in die Pedale zu
treten.
Als ich klein war, sagt 505, bin ich sonntagmorgens früh aufgestanden, wegen der Cartoons. Die Cartoons wurden abgesetzt, da bin
ich nicht mehr aufgestanden. Sechs Tage sind genug, er fehlt mir fast
gar nicht, der Sonntag fehlt mir nicht, meine ich.
Die Reporterin sieht sie an. Das ist schön, sagt sie, sehr niedlich,
49

kannst du singen oder irgendwas Interessantes?
I want to be the black space between stars.
Ein schlechter Satz für eine Klotür. Zu wenig Innuendo. Langweilig.
Nummer 342 hat ihn gelesen, als er, auf dem geschlossenen Klodeckel
sitzend, mit einer weiblichen Nummer vor sich auf den Knien, den
Kopf in den Nacken lehnte, um ein Stöhnen aus seiner Brust zu lassen.
Der Satz stand ganz oben, fast schon auf der Kante der Tür. Nummer
342 hat wieder nach unten gesehen und der Blondine, die ihm mit
einer Pinzette die Haare aus der Brust riss, hing der eingestochene Satz
I want to be a star von den Schlüsselbeinen wie ein Collier.
I want to be a star.
I want to be a black space.
Treppengeflüster:
Ich veranstalte heute selbst ein Casting. Ich caste einen Ersatz für
meine Putzfrau und dann caste ich den Nachbarsjungen für die Rolle
des neuen Liebhabers. Aber ich denke, der Postbote wird es werden.
Der Postbote oder die Putzfrau.
Früher war es einfacher. Als man noch eine feste Rolle hatte. Seit das
Casting wichtiger ist als der Film, weiß man nicht mehr, was man sein
soll. Casting killed the video star. Wir machen uns da drin zum Affen
und am Ende ist es ein Buchhalter, den sie suchen. Kannst du meine
Hände halten? Ich darf mir nicht die Augen reiben. Sie werden so
lichtmüde unter den Scheinwerfern. Der Abdeckstift ist nicht tränenfest. Augenringe passen nicht zu Lidschatten.
Bist du bereit? Mit der nächsten Nummer schleichen wir uns durch
die Tür.
Hinter der Tür ist ein Raum und in dem Raum sind alle scheinwerferblind. Nur die Kameralinsen nehmen mehr wahr als Licht und
Schmerz. Die Nummern können die Jury nicht sehen, die Jury sieht
die Nummern nur auf Monitoren. Hundert Monitore für hundert
Kameras. Nur der Schall durchbricht die Lichtmauer.
Hier, nimm die Sonnenbrille. Ich kann dir nichts zeigen, wenn du
nicht siehst. Wie gut, dass du mich hast. Hinter der Lichtmauer sitzt
die Jury an ihrem Tisch. Die Monitore sind in die Tischplatte eingelassen. Siehst du den Mann, der da in der Ecke sitzt? Der mit dem
langen weißen Bart und dem Notizblock? Das ist ein Wissenschaftler.
50

Er untersucht die Frage, ob Castingshows die Evolution ersetzen. Er
schläft.
Den Auftritt der Nummer überspringen wir, man sieht so viele
Nummern, die Shakespeare rückwärts rappen und dabei mit vollen
Weingläsern jonglieren.
Das war scheiße, sagt der Juror ganz links, mein Katze at home mit
drei Beine could have done better.
Eigentlich ist er Bayer und hat das Englisch-Deutsch-Kauderwelsch
an der Volkshochschule gelernt, Kurs Castingdeutsch. To cast heißt
werfen, und sein Job ist, alles wegzucasten, bis am Ende irgendwas
übrig bleibt. Wichtig ist, auf der richtigen Seite der Lichtmauer zu
bleiben.
Du bist ein Verschwendung von space and oxygen. Get out.
Rumms. Schlägt die Tür hinter der Nummer zu. Rumms. Die
nächste Nummer imitiert Mariah Carrey und versucht dabei, gut
auszusehen. Die zwei männlichen Juroren beugen sich tiefer über den
Monitortisch.
Bam! Die zwei Türflügel knallen unter Scheinwerferklirren in den
Raum. Wanna-be-Mariah quietscht, der Evolutionsforscher wird wach,
die Jury versteckt sich unterm Tisch. Komm mit, hier in der Ecke
passiert dir nichts. Nummern stürmen den Raum, die Zahlen auf den
Klebeschildern auf der Brust geschwärzt. Sie werfen die Scheinwerfer
um, reißen die Lichtmauer ein, zerren die Juroren unterm Tisch hervor
und kleben ihnen Klebeschilder über die Münder. Frauen tanzen mit
Highheels auf dem Monitortisch, bis Glas knirscht. Drei Männer
schmieren schwarze Farbe an die Wände, jemand hat sich ein Mikro
gekrallt und singt We will rock you. Dann sind sie wieder weg.
I want to be a black space steht schwarz an der Wand.
Hör auf zu zittern, es ist vorbei. Gib’s zu, es hat dir gefallen. Die
Castingrevolution war fällig und du warst dabei und …
Hey, was war das? Revolutionsromantik? Schon gut, du weißt, ich
liebe dich. Ich wünsche mir, dass du mich auch liebst.
Nur eins musst du wissen:
Ich habe das Drehbuch geschrieben. Und ich habe die Revolution
gecastet.

51

Steve Kußin

Tiramisu
Kapitel I: Der Beschluss
Benjamin Südkind hatte beschlossen, seinem Leben ein Ende zu setzen.
Das Wann, Wo und Womit waren dergestalt und das Motiv so ganz
und gar Fleisch geworden, dass Benjamin Südkind den 25. Oktober
2007 unmöglich überleben konnte. – Als würde ich mich bereits daran
erinnern.
Tatsächlich aber trennten Benjamin Südkind noch sieben Tage von
dem Tag, an dem er sterben würde. Er nahm sich diese Zeit, er war
nicht in Eile. Eilige Menschen begingen unvernünftige Taten, wie er
wusste: Sie zeugten Kinder mit den falschen Partnern, sagten ja oder
nein zu den falschen Gelegenheiten und sprangen letztlich von den
falschen Brücken. – Das ist doch keine Art! – Er musste sich sicher sein,
absolut sicher.
Es gab einen zweiten Grund zu warten: Die Furcht zu versagen. dass
ein überstürzter Selbstmordversuch ihm misslänge und ihn zurückließ
in diesem Trauerspiel, das sie Leben nannten. Die Halbherzigen, die
Ewigaltgewordenen.
Nein. Benjamin Südkind wollte nicht überleben, und er wollte
nicht gerettet werden. Er würde sich nicht einfach in seinem Zimmer
aufhängen, so dass die Eltern im Wohnzimmer darunter vom umfallenden Stuhl aufgeschreckt würden und die Mutter aus einer bösen
Ahnung heraus ins Zimmer ihres Sohnes nachsehen ginge, ihren Sohn
an der Decke zappelnd vorfinden und hysterisch nach dem Vater rufen
musste: »Tu doch was, Harald, tu doch was!« – worauf man den Sohn
losschneiden und ins Leben zurückholen und mit ihm viele und lange
Gespräche führen würde. Solch eine Abfolge wäre Benjamin Südkind
zutiefst peinlich gewesen, denn es gab nichts Armseligeres als einen
Menschen, der nicht einmal genug Verstand und Willenskraft besaß,
sich das Leben zu nehmen, wo er doch schon einmal den Mut aufgebracht hatte, sich dafür zu entscheiden.
52

Benjamin Südkind wusste, dass ihn keine Zweifel beschleichen
würden, und, so viel sei vorgemerkt: Damit behielt er recht.
Kapitel II: Das Motiv
Zunächst: Er hatte keinen Grund. Objektiv betrachtet, hatte
Benjamin Südkind keinen Grund, sich das Leben zu nehmen. Um
diesen Umstand ganz unmissverständlich abzubilden, muss von dem
Menschen selbst und dem Leben erzählt werden, das dieser Mensch
führte.
Benjamin Südkind war in geregelten Verhältnissen aufgewachsen,
lange Zeit in einer intakten Familie, dann in einer intakten Stieffamilie. Seine Mutter war halbtags angestellt, sein Halbgeschwister
zählte fünf Jahre, andere Geschwister hatte er nicht. Benjamin Südkind
studierte 300 Kilometer vom Heimatstädtchen entfernt etwas Zeitgemäßes, um später einmal gutes Geld zu verdienen. In seiner Stadt
nickte und lächelte er mehr Gesichtern zu, als er Namen und Begegnungen zuordnen konnte. Einige der Namensträger waren Benjamin
Südkinds Freunde.
Sein Studium war manchmal anstrengend, aber meistens nicht,
und so blieb ihm genügend Zeit für grillen, Volleyball, Fotografie,
Freundin, lesen und nachdenken, was seine Hobbys waren.
Benjamin Südkind hatte schon mehrere Großeltern und Haustiere
beerdigt. Die Abschiede hatten ihn berührt, aber auch nicht mehr.
Benjamin Südkind hatte keine Feinde, keine Schulden, wurde strafrechtlich nicht verfolgt und musste keine universitären oder beruflichen oder, allgemeiner gesprochen, keine biografischen Herausforderungen fürchten. Kurzum: Er war so unschuldig und sorgenfrei wie
man heutzutage überhaupt sein kann. Und so führte er sein ganz
normales Leben eines ganz normalen 21-jährigen mitteleuropäischen
Studenten, und genau das war es, was ihn so unzufrieden machte.
***
Mir geht es gut, das steht auch gar nicht zur Diskussion. Ich habe nie gesagt,
dass es mir schlecht geht, warum also fragen Sie danach? Nein, es geht
mir ausgezeichnet! Nur manchmal, und in letzter Zeit immer öfter, da …
53

… das Gefühl, tausend Meinungen, Erinnerungen und Menschen in mir
zu haben, aber kein einziges Ich. Das ist doch im höchsten …
… frage, um was ich betrogen wurde mit jedem Satz, der auf einem »das
macht man so« oder »das war schon immer so!« geendet …
…, ob ich nicht auch ein ganz anderer Mensch hätte werden können. Ein
Ich-Mensch.
Ein Mensch mit einer Stimme statt tausen- …
… der Weg, den ich gehe, ist kein besonderer. Das Ziel, das ich verfolge,
ist kein besonderes. Die Verhältnisse, in denen ich lebe, sind im höchsten
Maße unbefriedigend: Sie geben mir alles, was ich brauche, um meinen
Weg bis zum Ende zu gehen, außer einen Grund, dies zu wollen. Und
dann beginne ich, mich zu fragen, ob all das, was ich tue, wirklich zu dem
führt, was ich will – und ob all das, was ich will, wirklich das …
Kapitel III: Das Rätsel
Doch Benjamin Südkind würde nicht einfach gehen, ohne sich zu
verabschieden. Das wäre unhöflich, und unhöflich sein war nun wirklich nicht seine Art. Außerdem gab es da noch diese eine Sache, die er
ihnen sagen musste.
Aber nicht in einem Brief! Nein, nicht einmal in Worten. Geredet
hatte er sein ganzes Leben lang, und was hat es ihm gebracht? Nein,
reden wollte er nicht mehr, die Menschen hörten sowieso nie zu. Lieber
wollte er der Nachwelt ein kleines Rätsel hinterlassen. Dieses Rätsel
nun war der dritte und vielleicht der entscheidende Grund, noch eine
Woche zu warten. Denn alles, was Benjamin Südkind im Laufe dieser
letzten Woche tun würde, musste Bestandteil des Rätsels werden.
Jedes seiner künftigen Worte würde, sobald sie seinen leblosen Körper
entdeckt hatten, noch einmal ganz neu bewertet werden. Ein »Bis die
Tage!«, wie er es oft zum Abschied gegeben hatte, konnte plötzlich
kein einfaches »Bis morgen!« mehr bedeutet haben. In jeder Unlustbekundung, in jeder morgendlichen Mattheit der Zunge, in jedem
zugestoßenen Malheur der nächsten Woche würde man ein Zeichen
gesehen haben wollen. Jede Erregung würde als Ursache diskutiert,
jeder Streit als ausschlaggebend vorgeschlagen werden.
– Aber genau dazu darf es nicht kommen! –
54

Benjamin Südkind beabsichtigte, die nächste Woche der glücklichste Mensch auf Erden zu sein. Nun, vielleicht nicht der glücklichste,
das wäre übertrieben, aber zumindest doch sehr glücklich. Weiterhin
wollte er noch einige Details in sein Rätsel einarbeiten, welche der
Nachwelt Kopfschmerzen und böse Ahnungen bereiten sollten, denn:
Seine Tat musste aus ihrer Sicht absolut irrational bleiben!
Da wäre beispielsweise das Treffen mit der Referatsgruppe am
Dienstag. Er hatte die Texte bereits gelesen und seinen Teil des Handouts ausgearbeitet: Marx, dialektischer Materialismus. Nach dem
Treffen musste er nur noch seinen Schreibtisch entsprechend arrangieren. Dann wäre da der Einkauf am Vorabend. Wie immer würde
er für eine ganze Woche einkaufen, weil ihm ständige Kleineinkäufe
zeitraubend erschienen. Dazu käme das Gespräch mit dem Dozenten
am frühen Nachmittag des 25. Oktober, in dem er seine Hausarbeit
benotet zurückbekäme, die, wie immer, keinen Grund für Selbstmord liefern konnte. Vor der Tat selbst wollte er zwei Dinge tun:
Erstens wollte er zum Volleyballtraining gehen, so wie jeden anderen
Donnerstag auch. Auf dem Heimweg würde er sich in der Videothek
einen Pornofilm ausleihen. Er hatte schon länger eine Videothekskarte,
einen Porno hatte er sich nie zuvor ausgeliehen, aber im Moment hielt
er diese Idee für die beste seines Lebens. – Niemand leiht sich in der
Videothek einen Pornofilm aus und bringt sich anschließend um!
Natürlich durfte er nicht zu viele Details ins Bild einfügen, es würde
aufgesetzt, überladen wirken. Es ging um die Nuance von Hässlichem,
Dämonischem. Nur ein kleines Wenig, gerade genug, um eine flüchtige Vorstellung davon zu vermitteln, dass das Leben jedes Einzelnen
vollkommen sinnfern und verzichtbar war, und dass es genauso wenig
Grund zu sterben gab, wie zu leben.
Kapitel IV: Die Woche
Die Woche verging wie im Flug. Benjamin Südkind begegnete der
hohen Geschwindigkeit von Tag- und Nachtwechsel weder mit Freude
noch mit Furcht, sondern mit neutraler Wahrnehmung. Im Großen
und Ganzen war die Woche bisher gut verlaufen. Er war nicht anders
als sonst gewesen, vielleicht nach außen ein wenig freudiger, aber nicht
55

verdächtig freudig. Er konnte nun sein Tagewerk beginnen, sein letztes
Tagewerk auf Erden.
Um 10:30 Uhr erhielt Benjamin Südkind eine SMS, in der sinngemäß stand, dass seine Freundin mit ihm Schluss mache, dass es ihr
leid tue, dass es nicht seine Schuld sei, aber dass sie über vieles nachgedacht habe.
Um 15:10 Uhr nahm Benjamin Südkind den Anruf seiner Mutter
entgegen, die mit ihm reden müsse, aber persönlich, ob er am
Wochenende nach Hause kommen könne oder sie zu ihm, und die
ihm schweren Herzens dann doch endlich am Telefon gestand, wie sie
Benjamin Südkind im Alter von zwei Monaten adoptiert hatte.
Um 18:50 Uhr setzte Benjamin Südkind zu einem Block an und
verdrehte sich bei der Landung das Kniegelenk, so dass er vom Trainerassistenten zum nächsten Krankenhaus gefahren werden musste.
Um 20:40 Uhr stahl sich Benjamin Südkind mithilfe eines Rollstuhls aus den Fängen einer überfürsorglichen Stationsschwester
Hannelore Küffert.
Um 21:30 Uhr blieb Benjamin Südkind mit seinem Rollstuhl in
der Tür zum Ab-18-Bereich der Videothek stecken. Eine Vaterfigur
schickte seine Familie zur Kasse vor, ein Angestellter gesellte sich dazu
und sie klemmten Benjamin Südkind zwischen sich und trugen ihn
die Regale des Fleisches entlang – nicht lange jedoch, denn Benjamin
Südkind wusste, sich schnell zu entscheiden.
Um 22:40 Uhr sammelte ein LKW Benjamin Südkind auf einer
wenig befahrenen Landstraße auf und nahm ihn 13 lange Kilometer
mit, während der Kraftfahrer Harry, gebürtig in Köln, aufgewachsen
in Stuttgart, die Piste sein Zuhause, dreimal verheiratet, viermal
geschieden – »einmal von meinem Beruf, hö-hö, ich war nämlich mal
Zahnarzt, hö-hö, aber das hat mich kaputt gemacht irgendwie« –, von
seinem Leben erzählte. Dann kamen sie an, mitten im Nirgendwo,
und Benjamin Südkind bedankte sich bei dem Fahrer und verließ den
Wagen. Harry half ihm in den Rollstuhl. Die Rücklichter des LKW
verschwanden in der Nacht und Benjamin Südkind dachte an Tiramisu, wie gern er jetzt Tiramisu gegessen hätte.
In dem Haus hinter den Bäumen gab es kein Tiramisu. In dem Haus
hinter den Bäumen gab es gar nichts, da gab es nur seine Vorrichtung,
56

und dann noch den Staub, und dann noch die Stille. Und die Bäume
davor, wenn man die dazuzählte.
Da saß er erstmal eine Weile so rum. Dann stand er auf, und stand
eine Weile so da. Dann kam ein Auto und wollte ihn mit in die Stadt
nehmen, und er sagte: »Nein danke«, und dann: »Na gut!«
Das ist eigentlich alles.

57

Jörg Engelmann

Kopfsteinpflaster
Aus innerer Unruhe stand Jirko M. von seinem Schreibtisch auf und
öffnete das Fenster. Frische Luft sollte in sein Arbeitszimmer strömen.
Als sich die Gaslaternen in der Nerudagasse entzündeten, fing es leicht
zu regnen an. Er starrte auf die offene Straße und bekam den einen
oder anderen Regentropfen auf seiner Nasenspitze zu spüren. Allmählich fasste er klarere Gedanken.
Den Großteil des Tages hatte Jirko M. angespannt vor seiner
Schreibmaschine zugebracht, in deren Walze seit Stunden ein unbeschriebenes, weißes Blatt Papier steckte. Nicht eine Idee, kein einziges
Wort erschien ihm wertvoll genug, um festgehalten zu werden.
Das Regenwasser floss in den Rinnstein am Straßenrand. Gemeinsam
mit dem Licht der untergehenden Sonne und mit dem der Straßenlaternen brachte es die Pflastersteine zum Glänzen. Menschen mit Hüten
und Schirmen eilten hastig durch die Gasse. M. Musste schmunzeln,
als er einen hageren Mann erblickte, der sich mit einer Aktentasche
unter dem Arm hektisch Richtung Schlossberg fortbewegte. Dabei
blickte sich der Unbekannte beständig um, und zwar so, als wären
ihm unsichtbare Häscher auf den Fersen.
Der fremde Mann machte den Eindruck, als würde er den Regen
überhaupt nicht wahrnehmen. Als der Herr mit seiner Mappe Jirko
M. am Fenster erblickte, zuckte er krankhaft zusammen und rutschte
mit seinen Lackschuhen auf dem nassen Kopfsteinpflaster aus, so
dass einige Bücher, darunter auch ein Reiseführer über Weimar, aus
der Ledermappe purzelten. Sichtlich gekränkt durch das neugierige
Verhalten seines Beobachters, sammelte der Magere seine nass gewordenen Bücher mit zitternden Händen ein und verdoppelte seinen
ohnehin schon schnellen Gang.
M. konnte sich ein lautes Lachen nicht verkneifen, denn der Fremde
wirkte durch seinen langen schwarzen Mantel, mit dem ins Gesicht gezogenen Hut, durch die große Ledermappe und wegen seiner schlaksigen
58

Beinchen wie ein Insekt, das jäh aufgeschreckt worden war und nun
in wilden Zickzacklinien durch den Raum irrte.
Als sich Jirko M. zur Schreibmaschine wendete, richtete sich sein Blick
erneut auf die leere Seite, so dass ihm mulmig zumute wurde. Wie
sollte er dieses Papier jemals füllen? Lustlos setzte er sich an seinen
Schreibtisch zurück und ließ das Fenster geöffnet. Wie schon so viele
Stunden zuvor saß Jirko M. nervös auf seinem Stuhl und ließ einen
recht unproduktiven Zeitraum verstreichen.
Gegen halb Elf fegte eine lärmende Horde von Burschenschaftlern durch die Gasse Richtung Schlossberg. Aufgeschreckt durch
dieses Getöse, trat M. erneut ans Fenster und blickte auf zwei von
den Jugendlichen herab, die Plakate mit unerfreulichen Botschaften
am gegenüberliegenden Haus anbrachten. Die Verbindungsbrüder
schienen allesamt betrunken zu sein, und mühten sich dabei mit
Pinsel und Leimfässchen sichtlich ab. Jirko M., der dieses äußerst
gesetzlose Verhalten missbilligte, forderte die milchbärtigen Männer
mit erhobenem Zeigefinger auf, sofort aufzuhören, und drohte mit der
Polizei. Die Jungen bekamen es mit der Angst zu tun und ließen von
ihrem Vorhaben ab. Zügig schritten sie von dannen. Zwar hatten sie es
geschafft, ein böswilliges Pamphlet an die Hauswand zu kleben, doch
es wurde glücklicherweise innerhalb weniger Minuten von Wind und
Regen in den Rinnstein gerissen.
Obwohl der schwache Lichtkegel der Gaslaterne eine klare Sicht in
die Nacht erschwerte, versuchte Jirko M., dem Fetzen Papier, der sich
auf einer langen Reise durch die Nerudagasse bergab Richtung Kleinseitener Ring befand, mit fast zugekniffenen Augen zu folgen. Dabei
hielten die trüben Wassermassen das kleine Plakat fest umschlungen
und knüllten es mit jedem Meter, den es zurücklegte, zu einer
kleinen Papierkugel zusammen. Auf seinem Weg streifte das hinunterkullernde Bällchen das verrottende Kerngehäuse eines Apfels, zwei
lädierte Kronkorken sowie ein stark oxidiertes Zweihellerstück, das
seit seinem Verschwinden aus der Brieftasche eines österreichischen
Offiziers die Farbe des Rinnsteins angenommen hatte. Kurz vor der
Kirche St. Niklas wurde es dann vom breiten Reifen eines Automobils
überrollt.
59

M. rieb sich seine brennenden Augen. Allmählich wurde ihm
wieder bewusst, dass er die Reise der Kugel von seinem Zimmer aus
beobachtet hatte und noch immer am offenen Fenster stand. Er fühlte
sich merkwürdig und hatte die absonderliche Empfindung, er selbst
wäre gerade die Gasse nach unten gekullert. Aufgeregt atmete er ein
und aus. Dann ballte er seine rechte Hand zu einer Faust und tippte
damit zerstreut mehrere Male auf dem Fensterbrett herum. Mit seiner
Linken griff er nach der Taschenuhr, öffnete ihren Deckel und blickte
auf das Ziffernblatt: Mittwoch, dritter Juli, ein Uhr früh. Dann beugte
er sich leicht aus dem Fenster heraus: Weißes Licht aus der Laterne, leise
zischend, ruhig ackernd. Nachlassender Regen, Wind aus nordwestlicher
Richtung.
Das nasse Straßenpflaster glitzerte noch immer im Licht der Laterne.
Seine marmorähnliche Struktur zog M.s Aufmerksamkeit auf sich.
Stein für Stein steckte geordnet im Boden, die Zwischenräume aus
festgetretenem Sand. Mit jedem neuen Zucken der Gasflamme warf
das Licht unterschiedliche Schattierungen auf den Straßenbelag.
Die grauen und schwarzen Strukturen des Pflasters verschwammen
plötzlich ineinander, als würde man zu lange auf echtes schottisches
Tweed-Gewebe starren. M. kam es so vor, als schienen die Steine zu
tanzen. Nach und nach lösten sie sich aus ihrer gewohnten Formation und türmten sich zu einem Steinhaufen auf. Jirko M., der dieses
Erlebnis seiner Übermüdung zuschrieb, verließ seinen Standort nicht,
sondern beobachtete weiter: Als wären unsichtbare Hände am Werk,
stapelten sich die losgelösten Pflastersteine zunächst zu einem Haufen
und ordneten sich dann zu einer neuen Form, die dem menschlichen Körperbau ähnelte. Das Wesen, welches sich aus den Steinklötzchen zusammengesetzt hatte, richtete sich nun langsam auf und
versuchte sich fortzubewegen, wobei es dumpf klimperte. Mit seinen
starren Gliedmaßen schleppte es sich Richtung Karlsbrücke, wobei
es mehrere Male stolperte, in sich zusammenfiel, sich aber jedes Mal
wieder schnell zusammenbaute.
Jirko M. war sich nicht mehr sicher, ob er das alles bloß träumte.
Erneut rieb er sich die Augen, weil er seit dem unbeholfenen Marsch
des Pflasterstein-Wesens aufgehört hatte zu blinzeln. Der Schmerz
60

seiner Augen verschaffte M. die nötige Gewissheit, noch immer wach
und nicht, wie vermutet, vor seiner Schreibmaschine eingeschlafen zu
sein. Jirko M. bekam es mit der Angst zu tun. Er blickte sowohl auf
das große Loch in der Straße als auch auf den davoneilenden Steinmenschen. Aufgeregt zog er sich seinen Mantel an und setzte seinen
Hut auf, um ihm zu folgen.
Bei St. Niklas war der steinerne Mann erneut zusammengebrochen,
hatte sich mehrere Male zusammengesetzt und war trotzdem wieder
gegen die Kirche gelaufen. Jirko M., dem der Regen und aufkommender Nebel sehr gelegen kamen, hielt einen großen Abstand zum
Steinwesen, indem er sich in der Zámeckágasse verborgen hielt. Dabei
fiel ihm auf, dass es wohl blind und sehr dumm zu sein schien, weil
es nun schon zum fünften Mal gegen die Kirchenmauer geprallt war.
Nachdem der Pflasterstein-Mann aus seinen Fehlern gelernt hatte,
richtete er sich erneut auf und tastete sich vorwärts zum Kloster St.
Thomas. Anschließend lief er die gesamte Letenskástraße entlang
und ging danach über die Davelskástraße zur Moldau. Vom Rudolfssteg aus betrachtete Jirko M. das entschlossene Verhalten des Wesens,
durch das Wasser zu waten, um zu einem Strompfeiler der sich im Bau
befindenden Franz-Ferdinand-Brücke zu gelangen. Auf seinem Weg
ging das Steinwesen unter und war erst dann wieder zu erkennen, als
es den zweiten Pfeiler hochkletterte. Ohne Rast wuchteten sich die
lebendig gewordenen Pflastersteine die frei stehende Stütze hinauf, die
von einem provisorischen Holzgerüst umgeben war. Als er auf dem
Pfeiler angekommen war, verlor der Steinmensch völlig unerwartet
seine magischen Kräfte und zerfiel in seine einzelnen Bestandteile, die
sich sofort ins Mauerwerk der Brücke integrierten.
Jirko M. kam es vor, als wären die vielen Steinchen glücklich darüber,
ihren alten Standort in der Nerudagasse verlassen zu haben, denn sie
schmiegten sich ohne Zwischenräume aneinander, so dass sie wie die
Granitblöcke aussahen, die für die Brücke bestimmt waren. Anstatt
dass sich M. den Kopf darüber zerbrach, warum die Pflastersteine aus
seinem Viertel geflohen waren, freute er sich für die vielen Steinwürfel
und über das geheimnisvolle Erlebnis des frühen Morgens.
61

Als M. um halb fünf endlich in seiner Wohnung ankam, zog er
seinen Mantel aus, legte den Hut zurück auf die Ablage und wollte
schon das Fenster schließen, als er den Hageren mit der Ledermappe
die Nerudagasse hinunter spurten sah. Jirko M. lehnte sich aus dem
Fenster und wies den Fremden von weitem in angemessener Lautstärke auf das Loch in der Straße hin. Der Mann mit dem schwarzen
Mantel blieb abrupt vor der ausgehöhlten Stelle stehen, starrte in die
Grube und danach zu M. Wäre er nicht gewesen, so wäre der Dürre
infolge seines zügigen Schritts trotz des Lichts der Gaslaternen in die
Grube gefallen.
Als Zeichen des Dankes tippte der Dürre seinen Hut nicht nur an,
sondern zog ihn sogar, sodass sein kurzes, mit Pomade geglättetes
schwarzes Haar zum Vorschein kam. Geschwind und etwas lausbübisch lächelte er Jirko M. an. Nachdem er sich mit einer freundlichen
Geste von M. verabschiedet und einen großen Bogen um das Loch in
der Straße gemacht hatte, trabte der Unbekannte leise von dannen,
wobei er nun nicht mehr hektisch ging, sondern seltsamerweise das
träge und starre Gebaren des Pflastersteinmenschen nachahmte.

62

Anne Büttner

Nicht, worauf es ankommt
»Albert. Mein schöner Albert.« Sein sanfter Kuss auf ihre Stirn lässt
Dolores aufblicken. »Ich habe die Zeit vergessen, oder? Aber du siehst
ja, was heute wieder hier los ist.« Entschuldigend deutet sie auf ihre
Unterlagen – stapelweise Zeitungen und Prospekte, die dem Raum
einen vergilbten Muff aufzwängen. »Komm. Setz dich noch einen
Moment.« Weil der Heizkörper, auf den sie dabei zeigt, nicht zum
Sitzen gedacht und das Bett heute ihr Schreibtisch ist, nimmt er auf
dem Stuhl daneben Platz. Er schaut sich um. Obwohl seine Sehstärke
keine mehr ist, nimmt er jede noch so kleine Veränderung im Zimmer
wahr. Abgesehen von den Stiefeln auf dem Fensterbrett und einem
Strauß Wiesenblumen, der aus ihrer Handtasche zu wachsen scheint,
ist das von Dolores entworfene Bühnenbild dasselbe wie tags zuvor.
Nageletui, Toupierkamm und Zahnbürste liegen auf dem Frisiertisch,
Broschen und Ketten in der Schatulle unter dem Bett. Der Seifenspender verteidigt sein krustiges Revier auf der Fernsehkommode, in
der Dolores Kostüme verstaut, für die im Schuhschrank kein Platz
mehr ist. Der Kleiderschrank dient ihr länger schon als Tresor für ihre
Unterlagen. So oft es ihr einfällt, breitet sie diese im Raum aus, um sie
dann mit der Raffinesse einer Hütchenspielerin zu sortieren. Bisher ist
es ihm nicht gelungen, ein System zu erkennen. Trotzdem ist er sicher,
dass sie eins hat.
Mittwoch, Juli, April, Wirtschaftsteil, Montag, Schnäppchen, Inserate … er hat keine Eile. Es beruhigt ihn, ihr beim Sortieren der Unterlagen zuzusehen, die sie, wie sie sagt, vor Feierabend noch für den
Herrn Direktor erledigen will. Die Art der Beschäftigung ist nicht,
worauf es ankommt. »Albert!« Als hätte er das Zimmer eben erst
betreten, strahlt Dolores ihn an. »Bist du schon lang da?« –»Erst einen
Moment«, antwortet er, während er seine linke Hand über den Bettschreibtisch unter ihre arbeitslose Rechte schiebt, wo sie hingehört.
»Ich wollte dich nicht stören. Bürotag, hm?« Weil sie die Lösung nicht
weiß, nickt sie schulterzuckend. »Wie schön du bist! So ein schöner
63

Mann, mein Albert. Gleich, als ich dich das erste Mal sah, war es
um mich geschehen.« Ausgerechnet an seinem ersten Tag im Café war
ihm das Missgeschick passiert. Obwohl Dolores ihm schwor, dass sein
Stolpern und das koffeinhaltige Ergebnis auf ihrer Bluse sie aus der
langweiligsten Verabredung ihres Lebens befreit hätten, glaubte er ihr
erst, als sie ihn zum Dank auf ein Stück Bienenstich einlud.
»Wenn ich einmal heiraten sollte, dann nur dich, hab ich immer
gedacht. Und das hat doch geklappt. Oder etwa nicht«, fügt sie
ausnahmsweise rhetorisch an, während sie auf den Ring blickt, den
sie ihm fünfzig Jahre zuvor angesteckt hat. Ihrer liegt, seit er zu groß
für ihren Finger ist, auf dem Schränkchen am Kopfende ihres Bettes.
Dahinter das gerahmte Hochzeitsbild, das er dazugestellt hatte. Die
Ärzte meinten, es sei gut, besondere Erinnerungsstücke an deren üblichen Aufenthaltsorten zu platzieren.
»Dolores und Albert. Albert und Dolores. Wie schön das ist. Wie
schön das klingt. Findest du nicht auch? «
Er nickt. Ja, das findet er wirklich. So wirklich, dass es schmerzt.
»Schau, was ich uns mitgebracht habe.« Er ist froh, den Stoffbeutel
beim Betreten ihres Zimmers an die Garderobe gehängt zu haben. So
kann er sich unbemerkt der wässrigen Verräter entledigen, bevor diese
sich ihren Weg über seine Wangen bahnen. Erst als er sicher ist, dass
seine Stimme nur mehr des Alters wegen brüchig klingt, dreht er sich
zu Dolores um. Gerade rechtzeitig, bevor aus ihrem ungeduldigen
Blick ein ängstlicher wird. Sie mag es nicht, wenn er ihr den Rücken
zuwendet und sich wortlos an Dingen zu schaffen macht, die sie nicht
sehen oder benennen kann. »Sieh mal hier!« Ungeschickt nestelt er das
Papier, das »Kuchen wie bei Großmutter« verspricht, von einem Pappteller, auf dem zwei Stück Bienenstich gehaltvolle Schatten werfen.
»Den magst du doch so gern. « Ihr Lächeln verdankt er, wie er inzwischen weiß, ihrem Stammhirn, das mit einer Ausschüttung neurochemischer Stoffe auf den Du des noch warmen Kuchens reagiert. »Den
mag ich«, wiederholt sie und kann riechen, dass es stimmt. »Wie heißt
der gleich noch mal?« »Bienenstich, Dolores. Der Kuchen heißt Bienenstich.« Er hebt ihr ein Stück puddinggefülltes Zuhause auf den Teller.
Seit die Muster sie zu sehr ablenken, lässt er das gute Geschirr zuhause.
Stattdessen nimmt er das einfarbige vom Gemeinschaftswagen,
64

der auf dem Gang vor ihrer Tür steht. Das Geschirr ist nicht, worauf
es ankommt.
»Gnädige Frau – es ist angerichtet. Darf ich bitten?« Dolores’ untertitelsuchender Blick erinnert, dass in ihrer Welt kaum noch Platz für
Gesten ist. In einem für die Kürze seiner Sätze entschädigendem Ton
übersetzt er ihr seinen angewinkelten Arm. »Komm. Nimm meinen
Arm. Wir setzen uns an den Tisch am Fenster. Siehst du?«
Dolores nickt. Wenn sie nur weiß wohin, kann sie allein gehen. dass
sie sich dennoch bei ihm unterhakt, macht ihn glücklich. »Du siehst
wunderschön aus, Dolores. Als wärst du auf dem Weg in die Oper.
Und zwar nicht in den Rang, sondern auf die Bühne!« Auch wenn sie
nur elegante Kleidungsstücke besitzt, ist Stil in ihrem Stadium eher
Zufall. Optisch machte es keinen Unterschied, ob sie ihre Garderobe
allein zusammengestellt hat oder jemand behilflich war – therapeutisch schon.
Fünf, vielleicht sechs Jahre, schätzte man damals nach der Abschlussuntersuchung, bis sie ihr Urteilsvermögen verloren haben würde. Nicht
nur in Kleiderfragen. Den ganzen Weg vom Diagnostikzentrum zurück
hatte sie geschwiegen, sich nur, so eng es ihr im Gehen möglich war, an
seinen Arm geschmiegt. Am Abend stand ihr Entschluss fest. Sie beide
wussten, dass sie früher oder später in die Irre geführt würde. Und in
genau die wollte sie, wie sie um Humor bemüht anfügte, keinesfalls
bunt gescheckt und wild gemustert gehen, was wohl geschähe, überließe sie sich selbst oder ihm die Wahl ihrer Garderobe. Er hoffte, das
Versprechen, das sie ihm abnahm, nie einlösen zu müssen. Wie er in
einer lauen Sommernacht einsehen musste, hatte diese Hoffnung nicht
das Zeug zur Realität. Gerade noch so brachte der Nachbar seinen
Wagen zum Stehen, als Dolores in Morgenmantel und Pantoletten nur
eine Abblendlichtweite entfernt plötzlich auf die Straße lief. Dolores
verstand die Sorge nicht. Sie sei lediglich etwas in Eile, da sie sich
um die Weihnachtseinkäufe kümmern und den Truthahn bestellen
müsse. Froh, dass sie einwilligte, sich fahren zu lassen, brachte der
Nachbar sie, sobald sie im Auto saß, nach Hause. Im Gegensatz zu ihr,
wusste er ja, wo das war. Dort angekommen wunderte sich Dolores
nur, warum ihr geliebter Mann zerzaust in der Diele stand, statt zu
schlafen. Die darauffolgenden Tage verbrachte er mit Telefonaten,
65

dem Datieren vorausgefüllter Anträge und mit Kofferpacken. Es
graute ihm vor dem Moment, da der Reißverschluss zugezogen wäre.
Er hatte gelesen, dieser Augenblick sei das Schlimmste. Wenn Furcht
den Blick düstert, Angst die Bewegungen lähmt und Flehen die
Stimme entkräftet. Er wollte so nicht fühlen, aber insgeheim hatte er
auf dieses Flehen gehofft. Dolores aber flehte nicht. Dolores war ganz
aufgeregt. Als ihr nicht einfallen wollte warum, hatte er mit ihr noch
einmal die Broschüre angeschaut, in der genau so ein Zimmer abgebildet war, wie das, in dem sie jetzt saßen, woran jedoch nur noch der
Grundriss erinnert.
»Du Verrückter.« Vergnügt zwackt sie seinen Handrücken. »Einfach
hier reinschleichen. Mein Chef würde Dir was erzählen. Wärst du
nicht mein Albert, würde ich sofort nach ihm rufen.« Er hat keinen
Grund, an ihren Worten zu zweifeln. »Einen schönen Kuchen hast
Du da ausgesucht. Wie nennt der sich noch mal?« »Bienenstich. Freut
mich, dass er schmeckt. Und der Kaffee«, fragt er, demonstrativ an
seiner geleerten Tasse nippend, »ist der denn auch gut?« »Ja. Der auch.
Ja.« Ihn nachahmend nimmt sie eilig den ersten Schluck.
»Dolores?« Bevor auch dieser Gedanke unter einer Eiweißlawine
begraben wird, will er an ihrem Glück teilhaben. Denn so sieht sie
aus: glücklich. Er wartet zwei Momente. Den ersten, für die ihrem
Alter übliche, den zweiten für die ihrer Krankheit typische Reaktionszeit. »Dolores? Woran denkst Du?« Vielleicht hat sie ihn vorher wirklich nicht gehört. »Ach, ich muss gerade an … herrje … wie heißt er
noch gleich … ein feiner Kerl, aber ein grauenhafter Trauzeuge …«
Als Daumen und Mittelfinger den Versuch einstellen, den Namen
aus ihrer Stirn zu streichen, verrät er ihn ihr. »Georg? Ja. Mag sein«,
willigt Dolores ein, wobei sich die Partie zwischen ihren Augen um die
einzige Falte entspannt, die er an ihr nicht mag, aber immer häufiger
sieht. Obwohl ihm die nächsten Sätze allzu vertraut sind, hört er zu
und nutzt, wenn er sicher ist, dass Dolores die Antwort weiß, jede
Chance, nachzufragen. Und dann erzählt sie ihm und sich, was der
noch zugängliche Fundus ihres Gedächtnisses hergibt; nimmt ihn
mit in die Kulisse von einst: Kostüme, Maske, Bühnenbild – bis auf
Namen ist an alles gedacht. Als stünden sie in diesem Moment tatsächlich vor dem Altar und warteten, dass Georg endlich mit den Ringen
66

erschiene. Als befürchtete sie noch immer, dass die Hochzeit wegen
dieses unverbesserlichen Schürzenjägers verschoben werden müsste.
Als hätte sie Georg den ebenso attraktiven wie liebenswerten Grund
seiner Verspätung nicht längst verziehen. Und dann sagt er, was er
immer sagt, wenn Dolores’ Erinnerung endet. dass es nicht an ihr liege,
dass ihrer beiden besten Freunde sie nie mehr besuchen werden. dass
auch er wünschte, sie könnten wie früher zu viert ins Lichtspielhaus
gehen oder mit den Rollern an den See fahren, wie sie es vorschlägt.
Bevor er ihr erneut den traurigen Grund verrät, hasten Dolores’ Blicke
schon in Richtung Bettschreibtisch. »Du musst sicher wieder an die
Arbeit? « »Heute ist wirklich viel los. Entschuldige. Kommst Du später
wieder? Ja? Albert?« Er nickt. Er weiß, dass sie ihn meint. Der Name
ist nicht, worauf es ankommt.

67

Maximilian Ludwig

Der Fotograf
Während die Sonne sich in jede Fassade einbrennt, während die Kinder
ihre Eishörnchen wie fragile Pokale behutsam durch die Fußgängerzone tragen und ihre Eltern wie in einer Prozession in die klimatisierten
Kaufhäuser marschieren, während sich die Leute an den Bushaltestellen die Hitze des Mittags von der Stirn wischen, steht er an der
Straßenecke und sieht durch die zitternde Luft den Mimikspielen zu.
Glimmende Autos fahren an ihm vorbei, hinaus aus der Stadt zum
Badesee. Drin sitzen die, die mit der Sonnenwonne nicht umgehen
können, die, die Angst haben, auf dem Bürgersteig festzubacken wie
ausgetrocknete Frösche. Denn die Sonnenstrahlen haben längst jeglichen Schatten verbrannt. Nur in wenigen, schwer erreichbaren Ecken
konnten sie sich verstecken und bieten noch Schutz. Schutz vor der
Sonne, Schutz vor dem Entdecktwerden.
Hier steht der Fotograf. Er öffnet sein Objektiv und setzt auf ein
Motiv an. Junge Mädchen stehen an der Ampel und fuchteln an ihren
laschen schwarzen Strähnen herum. Sie unterhalten sich, tonlos für
den Fotografen, zu weit weg. Er drückt auf den Auslöser. Kaum hat er
diese festgehalten, folgt er schon wieder anderen Gesichtern, bunten
Hosen, schnellen Schritten. Im Supermarkt der Eindrücke ist die
Auswahl groß. »Sie sparen 30 Prozent.« Alles kann, nichts muss. Man
kann das Produkt anschauen solange man will. Aber anfassen wird
er es nie. Er nimmt den Fotoapparat in die Hand. Die Qualität eines
Motivs lässt sich erst im Bildausschnitt wirklich klären. Sollte er es
zurück ins Regal legen? Vielleicht liegt noch etwas Interessanteres bei
der reduzierten Ware. Die Straßenkreuzung vor ihm ist ein langer
Gang im Supermarkt. Aber besser noch als das Industriefleisch aus
dem Kühlregal zu nehmen, ist selbst auf die Jagd zu gehen.
Er schaut sich um – Ist er auch gut versteckt? Vielleicht hat der Fotograf Angst, entdeckt und angesprochen zu werden. Er ist doch Fotograf. Er steht doch nur hier. Er ist doch nur die Suchmaschine, die im
richtigen Moment auf den Auslöser drückt. Und mit jedem Drücken
68

des Auslösers entfernt sich der Fotograf einen Schritt mehr von den
Motiven. Er hält sie fest ohne sie auch nur zu berühren. Er berührt
nicht und er selbst ist unberührbar. »Ich will nicht, dass das zwischen
uns steht. Ich will, dass der Fotoapparat zwischen uns steht.« »Für mein
Familienalbum fotografiere ich Unbekannte. Ich mache die Unbekannten zu meiner Familie. Schauen Sie, das waren Sie als Kind …«
Willkommen zu Hause.
Diese Stimmen hört er nicht. Denn der Fotograf ist beschäftigt. Da
vorne ist eine alte Frau gestürzt und einige Passanten eilen ihr zur
Hilfe, mit erschrockenen Gesichtern in den Händen. Jetzt muss alles
ganz schnell gehen, er darf den perfekten Augenblick nicht verpassen.
Sofort setzt der Fotograf sein Bildgewehr an, zielt, legt den Finger auf
den Auslöser und … hört das Geräusch der sich öffnenden Blende,
noch bevor er den Auslöser hinunter gedrückt hat. Er senkt den
Apparat und dreht sich um. Für einen kurzen Moment sieht er die
kurzen schwarzen Haare und den leicht geöffneten Mund seines Fotografen, dessen Apparat ihn fast bis zur Unkenntlichkeit maskiert. Für
einen kurzen Moment lässt der Schreck Täter und Opfer, Jäger und
Gejagten, Fotografen und Fotografierten gemeinsame Zeit verbringen.
Sie sind atemlos, als fühlten sie einander, die Überlegenheit, die
Verletztheit. Dann dreht sich der Fotograf um und rennt weg. Das
angeschossene Motiv liegt noch für einen weiteren Moment leblos am
Straßenrand, ehe es realisiert, was so eben passiert ist. Es spürt den
Schmerz der Wunde. Ein tiefer Schuss hat seinen unsichtbaren Körper
sichtbar gemacht, festgehalten auf dem Foto eines Unbekannten, festgehalten für sehr lange, schlimmer noch: für immer.
Schließlich rappelt es sich auf und wird fast wieder zum Fotografen.
Das fotografierende Motiv folgt dem Fotografierenden. Als es jedoch die
Fußgängerzone erreicht, muss es sich eingestehen, dass eine Verfolgung
des unbekannten Fotografenobjekts in der eisbeschmierten, schweißklebrigen Menschenmenge aussichtslos ist. Heftig blutend lässt sich das Motiv
auf einer von Tauben bekoteten Bank im Schatten eines Shopping-Centers
nieder. Es beschleicht ihn der Gedanke nun selbst Teil eines Albums zu
sein. Direkt neben den anderen Motiven. Ganz nah. Ein Gedanke, der die
Wunde heftig entzündet. Sein Körper stößt den Apparat ab. Mit diesem
Organ wird das Motiv nicht mehr leben können.
69

Die alte Lästerei
Der Chef kommt mit einem neuen Packen Ordnern und Heftern und
einer Liste dazu – »Bringen Sie das bitte heute noch in die Lästerei«
oder »Das muss heute noch raus in die Lästerei«.
Die alte Lästerei – du erinnerst dich – eine faltige Hausfrau mit
schlecht blondierten Haaren hatte sie eröffnet und rauchte aus ihrem
breiten Froschmaul vor der Hintertür im Innenhof dieser alten
ergrauten weißen Baracke mit dem türkis-hellblau abgesetzten Band
unter dem Flachdach. An ihren Händen hatte sie je sechs Finger –
damit konnte sie Fünf gerade sein lassen und einen weiteren Finger in
die Wunden anderer Menschen legen.
Die Lästerei lief gut, viele Leute brachten ihre Wäsche dorthin, um
sie wieder rein waschen zu lassen, Gardinen wurden gebleicht. Sie lag
am Rande vom Gewerbegebiet, viele Leute kamen vorbei auf dem Weg
zum Supermarkt. Die Frauen standen Schlange in ihren Leggins und
den milchkaffeefarbenen Pullovern, auf die ihre schlecht blondierten
Haare fielen. Manche hatten sie mit schwarzen, drahtigen Spangen,
die fast wie Büroklammern aussahen, notdürftig zusammengesteckt,
um den schwarzen Ansatz zu verstecken. Vielleicht waren einige von
ihnen wirklich ursprünglich einmal blond gewesen, doch durch das
Rauchen (und den Besuch der Lästerei) wurden ihre Lungen und
Haare schwarz und ihre Zähne gelb, die Haut graustichig und faltig.
Was ist wohl aus der Lästerei geworden? Ob es sie immer noch gibt?
Und was ist aus der Frau geworden, die sie betrieb?
Manchmal siehst du sie noch an der Bushaltestelle stehen oder vielleicht glaubst du das nur und es ist ihre Schwester. Die Lästerschwestern waren in letzter Zeit viel in den Zeitungen, sie hatten den KruppKonzern in den Ruin getrieben, nachdem sie ihn von ihrem ehrenwerten Vater geerbt hatten. Manchmal denkst du noch an ihn, wenn
du das Bild ansiehst, das du aus der »Bild« ausgeschnitten und dir in
einem Rahmen mit schwarzem Band über der Ecke auf den Nachttisch
gestellt hast. Du hast eine so wichtige Rolle in seinem Leben gespielt,
hast als Affäre seine Ehe zerstört, ihm ein Viertel seines Vermögens
und zwanzig Prozent an der Firma gekostet, seine Kinder haben sich
von ihm abgewendet und später wart ihr auch noch verheiratet. Du
70

hättest wissen müssen, dass er an Krebs sterben würde, dann hättest
du ihn nicht so früh verlassen und dich von ihm scheiden lassen. Nun
ja, er war zum Schluss halt ein alter klappriger Mann mit hohen Versicherungsprämien, einem erstklassigen Haus und Autos in der Garage,
die er nicht mehr fahren konnte, die zu teuer waren, um mit ihnen
zu fahren. Er war ein nackter, faltiger Frosch, mit dürren Gliedmaßen, zahnlos – ein Säugling, der nur noch dies an deinem Körper
tun konnte. Du vermisst ihn trotzdem, zum Beispiel, wenn du deinen
Kontoauszug liest. Oder bei H&M in der Schlange stehst, zwischen
den Frauen mit den schlecht blondierten Haaren.

71

Ronny Ritze

Der Krake mit dem Erdbeerhut
Peter geht auf die Straße. Er muss es tun. Es ist warm und vielleicht
hilft ihm der Anblick einer hübschen Frau über die schlimmste Unruhe
hinweg. Vor dem Haus hält sich der alte Schulze an seinem Besen
fest. Er scheint mit dem verdammten Ding verwachsen zu sein. Jeden
Tag steht er da, immer an derselben Stelle. In den drei Monaten, die
Peter schon hier wohnt, hat er den Alten und seinen Besen noch nie
in Aktion gesehen. Die letzte Woche, in der er sich in seine Wohnung
eingeschlossen hatte, nicht mitgerechnet. Doch immer steht der alte
Schulze auf seinen Besen gelehnt vor dem verflixten Haus und unterhält sich mit Nachbarn. Der arme Besen. Schulze wiegt mindestens
zweihundertvierzig Pfund. Peter nickt den beiden zu. Das Gesicht
des Alten verwandelt sich zu einem Fragezeichen. »Na Koslowski, wo
haben wir denn das Auto gelassen?« Oder: »Na, haben wir es ein wenig
übertrieben mit der Musik die ganze Woche?!«
Peter wird zu einem Ausrufezeichen: Jetzt nicht! Er biegt nach
links ab, in die entgegengesetzte Richtung. Seine Fäuste graben in
die Taschen der Cordhose. Die Luft ist aufdringlich geschwängert
von Frühlingsduft, Abgasen und Vogelkacke und genau genommen,
ja genau genommen ist es unerträglich warm. Oder es kommt ihm
so vor. Eigentlich müssten einem die bepflanzten Rabatten auffallen,
die Magnolien und Mandelbäume, Farbtupfer, die viele Menschen
so lustig stimmen. Er starrt auf den Asphalt, der endlich trocken
ist, bleiern und durchzogen mit Rissen. Seine Lunge und das Herz
pumpen. Seine Schritte sind hart und ruckartig. So weit ist er in dieser
Stadt noch nie gelaufen.
Saskia tütet für einen Bauarbeiter Bockwürste ein. Peter schaut
noch zu Boden, bevor er den Kiosk betritt. Bloß keine Fragen. Und
wenn, sollte ihm etwas einfallen. Der Baumeister bedankt sich überfreundlich und hinterlässt sogar ein sattes Trinkgeld, der Sack. Als der
Typ endlich abzischt, taucht Peter im Spiegel hinter Saskia auf. Er lässt
sich den Beinahherzinfarkt nicht anmerken: Sein Gesicht scheint aus
72

Asphalt geformt zu sein.
»Heute mal zu Fuß?!« Saskia dreht sich bereits um und greift nach
den Zigaretten. Ihr Lächeln wirkt wie Kaffee.
»Nein, danke, heute nicht. « Peter kramt nach Kleingeld in der Brusttasche. Saskias Frage klang besorgt und er hat Schweiß auf der Stirn.
Warum auch?! Da war sie, dieselbe Frage, die ihn seit vierzehn Tagen
das Hirn häckselt. Warum auch sind sie nicht einfach die Umleitung
gefahren? Es waren zwei Kilometer mehr. War er wirklich Schuld? Er
hatte niemandem etwas getan. Das Auto war Schrott, sonst war nichts
passiert.
Ihre Hand hält auf halber Höhe inne; vorsichtig schaut sie in das
Spiegelbild. »Kein Auto, oder keine Kippen?«
»Beides. Keine Zigaretten und auch heute mal kein Auto. Dafür
eine Zeitung und ein Wasser.«
»Okay«, sagt sie und streicht ihre Ohren hervor. »Ein zukünftiger
Nichtraucher. Willkommen im Klub!«
Wann wird er sie nach einem gemeinsamen Abend fragen? Seit drei
Monaten knabbert er an der Formulierung. Jetzt scheint er ihr ein
Stück nähergekommen zu sein. Alles oder nichts. Mit einem, der kein
Auto fährt, wird sie vielleicht ohnehin nichts anfangen wollen und
dann weiß er, wo er sie einzuordnen hat. »Es ist ein Versuch«, sagt er.
Saskia hält ihre gedrückten Daumen in die Höhe. »Du schaffst das,
ich glaube an dich.«
Während die Münzen auf die Ablage klimpern, fließt sein Atem
ruhig. Seine Augen bleiben kurz in ihren haften. Nichtraucher schmecken tausendmal besser, möchte er sagen und antwortet: »Lieb von
dir.«
»Bis morgen?« Ihre Stimme ist vorsichtiger denn je.
Er nickt. Bevor er den Laden verlässt, dreht er sich um. »Ja, klar.
Wieso fragst du?«
»Na, du warst jetzt lange nicht da.« Ihre Blicke wandern an der
Kasse umher. »Ne Woche, glaub ich.«
Ach ja, die Woche, fast hat er es vergessen. Die Tage hatten sich
wie ein Nikotinkaugummi gedehnt, um schließlich zu einem harten,
bitteren Klumpen zu werden. »Hab außerhalb gearbeitet. Morgen
wieder, klar.«
73

Er tritt nach draußen und hält die Hand über die Stirn. Ob es ein
Morgen gibt, steht noch in den Sternen. Zunächst einmal kümmert
er sich um den Wirbelsturm, der seine Brust zerreißt. Er atmet mit
gespitzten Lippen aus und muss in Richtung Innenstadt. Seine Füße
rauschen dahin, über den Rücken fegt Nordwestwind.
Normalerweise würde die Fahrt sein Gesicht kühlen. Er würde beide
Fenster herunterlassen, schneller darf er hier ohnehin nicht, und das
Autoradio laut stellen. Er würde es nicht übertreiben mit der Musik, so
wie er es die letzten Tage zuhause gemacht hatte, um sich abzulenken.
Er würde aber einen anderen Film schauen. Die Typen würden darin
keine Rolle spielen. Das Mädchen, das eine zutrauliche Taube füttert.
Der Fahrradkurier, der angehalten hat, um hechelnd das Handy zu
lesen. Der bärtige Typ, der zwischen zwei Häusern kauert. Der umgeschmissene Müllcontainer mit den Aufklebern würde unwichtig sein.
Das geplatzte Abflussrohr neben der Boutique. Oder der Turnschuh,
den jemand an eine Laterne gebunden hat. Alles würde draußen
vorbeifliegen.
Warum nur hat er sich hinter das Steuer gesetzt und ist durch die
Baustelle gefahren? Er hatte geahnt, dass etwas aus dem Ruder laufen
würde. Doch irgendwie wollte er vor den anderen auch nicht albern
dastehen. Immerhin kannten die sich schon seit Jahren, er ist erst
vor kurzem dazugekommen. Also hatte er vorgeschlagen, anstatt die
Umleitung in Kauf zu nehmen, einfach geradeaus zu fahren. Immerhin
war es mitten in der Nacht und zuvor im Klub hatte er so einiges an
Alkohol gehabt. Es würde schon schiefgehen.
Max, der Fahrer, hatte ein zweites Mal gesagt, dass er auf keinen Fall
durch die Baustelle fährt, auch, wenn dies der kürzere Weg war. Doch
Peter bestand darauf, dass es ein Kinderspiel würde, da es mitten in
der Nacht war. Um es zu beweisen, hatten Max und Peter die Plätze
getauscht. Peter umfuhr im Schritttempo Planierwalzen, Paletten voll
Pflastersteine und freigelegte Leitungen. Als sie schon fast wieder auf
der befestigten Straße waren, ging es plötzlich bergab. Er versuchte
gegenzulenken und krachte seitlich in einen Graben.
Der Platz ist überbevölkert. Diese Temperaturen locken Sonnenbrillen und luftige Kleider raus. An jeder Ecke lauern entspannte
Gesichter. Die Gastronomen haben die Uhren um- und die Stühle
74

rausgestellt und das Angebot zielt auf Sommertouristen. Bisher hatte
ihn die ganze autofreie Zone nur zum schnellen Einkaufen angelockt.
Jetzt sind seine Beine wie die des Knetmännchens, das er einmal im
Kindergarten gebastelt hat.
Auf einer einigermaßen schattigen Bank lässt er sich nieder. Er
schlägt die Zeitung auf, doch die Titelseite verschwimmt zugleich zu
einer Sprechblase. Er nimmt einen Schluck Wasser und erzwingt ein
paar Überschriften; die verdammten Nachrichten sind aber alle dazu
geeignet, ihn gleich wieder in ein Loch zu ziehen.
Vor dem Haus gegenüber wirbt ein mobiler Eisverkäufer. Der Kerl,
der verschiedene Geschmacksrichtungen in Waffeln abfüllt, arbeitet
rasend schnell. Seine Arme schwingen auf und ab und flimmern vierund fünffach in der Sonne. Den wasserförmigen Kopf bedeckt ein
Strohhut mit einer Banane und einer riesigen Erdbeere. Peter legt die
Zeitung zusammen und erhebt sich. Er atmet durch und geht auf den
Eisverkäufer zu. Der Krake mit dem Erdbeerhut fragt ihn, was es denn
sein soll.
Peter schnappt sich zwei Tüten, wirft dem Kraken das Geld in die
Tentakel und rennt zurück zum Kiosk.
Saskias Zähne strahlen, als er ihr von draußen durch die Scheibe
zuwinkt. Sie dreht das Schild auf »Geschlossen« und stellt sich zu
ihm.
»Ich brauch das jetzt«, erklärt er.
»Die Summe aller Süchte ist gleich«, sagt sie und nimmt ihm ein Eis
ab. »Wenn du wirklich aufhörst zu rauchen, kannst du mit zehn Kilo
mehr rechnen.«
Sie schweigen in der Mittagssonne, das Eis tropft auf den Bordstein.
Ihre Blicke kleben aneinander. Am Morgen nach dem Unfall in der
Baustelle hatte er im Internet nach dem Gesetzestext gesucht. Ein
Jahr Fahrverbot! Anschließend hatte er sich auf seiner Couch einer
nie gekannten Lähmung hingegeben. Wie sollte er ohne Führerschein
klarkommen? Die Stunden wurden zu einem Einheitsbrei aus Helldunkel. Irgendwann schaute er in seinen Briefkasten. Als darin das
Schreiben zur Anhörung der Polizei lag, gab er sein geliebtes Auto an
einen Händler. Dann ging er Lebensmittel für eine Woche einkaufen,
schloss sich in der Wohnung ein, kappte die Telefonleitung und drehte
75

die Musik laut. Die Wohnzimmerwände vibrierten vom Bass und in
seinem Kopf spielte er alle Situationen durch: Er könnte schwarzfahren
oder einen polnischen Führerschein kaufen. Dabei könnte er aber wohl
nie mehr richtig schlafen. Er könnte auch stehenbleiben, anfangen zu
trinken und sich ein Jahr lang den Hintern wundhocken. Führerscheinentzug ist wie eine Beinamputation, dachte er und begann leicht zu
zittern und zu schwitzen. Nein, so sollte es nie kommen!
Zwei Tage später sagte er sich: Vielleicht steht ihm das ja, die
fehlende Mobilität, und er sieht besser aus, wenn er zu Fuß unterwegs ist. Doch bald folgte auf diesen Gedanken der Befund, dass das
alles ebenfalls Quatsch war! Es war ein schmerzhafter kalter Entzug.
Und in der gegenwärtigen Gesellschaft sah man dabei nicht sexy aus.
Doch wenn es schon wehtun sollte, konnte er es auch richtig durchziehen. Also rauchte er zu allem Übel seine letzte Zigarette und sagte
sich: »Bitte alles noch einmal auf Anfang.« Als sei er wieder siebzehn.
»Zurückspulen. Klappe, und Action!«
Der alte Schulze hat das nächste Opfer gefunden, das den Tratsch
im und ums Haus noch nicht kennt. Als Peter sich nähert, zischelte
der Alte etwas hinter vorgehaltener Hand. Peter schenkt den beiden
einen schnöden Gruß aus dem Augenwinkel. Wie kann man sich den
ganzen Tag von Gerüchten ernähren?! Kein Wunder, dass der Alte
aufgeht wie ein Hefeteig. Peter betritt das Treppenhaus nicht, legt
seine Zeitung auf der ersten Stufe ab und dreht sich um. Der Dicke
erstarrt in seinem eigenen Schweiß, als Peter ihm den Besen abnimmt
und beginnt, die Einfahrt zu fegen.

76

Anne Büttner

Ein anderes Wort für komisch
Ausgerechnet auf unserem letzten Foto lachen wir nicht. Du nicht, ich
nicht und auch nicht Marie. Keine zusammengekniffenen, spaßbefeuchteten Augen oder vom Gelächter gekrümmten Oberkörper. Keine
luftgefüllten Wangen, nur ein Wort, nur einen Blick vom Losprusten
entfernt. Keine freigelachten Zahnreihen bei uns und auch kein freigelachtes Zahnfleisch bei Marie. Keine herausgestreckten Zungen oder
hochgezogenen Oberlippen, keine verdrehten Pupillen hinter viel
zu hässlichen Brillen, keine schiefgelegten Köpfe unter viel zu edlen
Hüten – nichts davon. Keine Ähnlichkeit mit uns; mit den Fotos an
unserem hundert Jahre alten Kühlschrank oder der speckigen Pinnwand im Flur – ebenso wenig wie mit denen am Badspiegel, an der
Wohnungstür oder im colaklebrigen, tabakkrümeligen Handschuhfach deines alten Corsa. Nicht gelacht haben wir vorher nur auf einem
Bild. Das allerdings gibt es zweimal: einmal in deinem Portemonnaie,
einmal in meinem. Da, wo besondere Bilder eben aufbewahrt werden.
Besonders schöne oder besonders seltene. Weil für unsere besonders
schönen alle Portemonnaies der Welt nicht gereicht hätten, haben wir
uns für das besonders seltene entschieden. Das, auf dem du nach mir
trittst, weil ich kurz zuvor deinen Superkipper kaputtgemacht habe.
Zwei unendlich lange Tage stand unsere Freundschaft damals auf der
Superkippe. Muss noch vor unserer Einschulung gewesen sein. Sonst
wäre Marie mit drauf und hätte in ihrem Portemonnaie auch ein
besonders seltenes Foto gehabt.
Und auch vom zweiten Bild auf dem keiner lacht wird sie, obwohl
sie dieses Mal mit drauf ist, keinen Abzug bekommen. Ebenso wenig
wie du. Nur ich als Fahrzeughalter habe einen.
Drei krisselige, nicht lachende, schwarzweiße Noch-Insassen meines
noch sechsscheibigen Dreitürers. Du und ich vorne, Marie mittig
auf der Rückbank – den Oberkörper vorgebeugt, den Kopf auf gleicher Höhe mit unseren. Mit der Fellkapuze, die ihr Gesicht wattiert
und ihren zottelbeschuhten Füßen, die sie auf der Mittelkonsole
77

abgestellt hat, sieht sie aus wie ein Yeti. Genau zwischen uns. Alles
wieder wie immer. Und trotzdem: Trotzdem das zwischen Marie und
mir – deiner, meiner und Maries Freundschaft wegen – geklärt war,
siehst du angestrengt aus. Konzentriert. So, als strengtest du dich an,
konzentriert auszusehen. Ich hingegen sehe gar nicht aus; nur aus dem
Fenster. Trinke ein Bier Richtung Pfand. Schnipse ein zigarettenes
Glühwürmchen in die Nachtluft. Um 2:31 Uhr vor fast genau fünf
Monaten.
Den Namen der Oberschwester kenne ich immer noch nicht.
Vermutlich heißt sie wie Oberschwestern eben heißen: Hannelore,
Irmtraud. Oder vielleicht Hildegard. Ja, wahrscheinlich heißt sie
Hildegard. Hildegard also hat gesagt, dass deine Eltern noch gar nicht
lang weg sind heute. Zehn Minuten früher, sagt sie, und ich wäre
ihnen noch begegnet. Glück gehabt. Ich will deine Eltern nicht sehen
und ihnen begegnen noch viel weniger. Ich könnte es ebenso wenig
ertragen wie sie. Am Anfang, als der Schock noch rechtfertigte und
schützte, haben sie mich mal besucht. Kam mir vor wie eine Ewigkeit,
dabei war es nicht mal eine halbe Stunde.
Eine nicht-mal-halbe Stunde, in der nicht gesprochen wurde – nur
gestarrt (dein Vater), geschluchzt (deine Mutter), geweint (deine Mutter
und ich), geschrien (deine Mutter, dein Vater und ich), gedrückt (dein
Vater deine Mutter und deine Mutter mich), geschlafen (ich), gegangen
(deine Eltern).
Seither bin ich ihnen nur noch zweimal über den Weg und dann
ganz schnell aus ihrem Blickfeld gerollt.
So richtig laufen kann ich zwar immer noch nicht wieder, aber
inzwischen ist wenigstens erkennbar, dass ich es vorhabe.
Außer für dich natürlich. Noch nicht. Die Prognosen sind besser als
du aussiehst. Woher ich das weiß? Hildegard hat es mir verraten. Bleibt
ja hoffentlich unter uns. Eigentlich darf sie mit mir gar nicht darüber
sprechen. Schließlich bin ich kein Angehöriger. Dass ich Betroffener
bin, zählt da nicht. Auch nicht, dass ich dich besser kenne als deine
Eltern oder sonst noch wer.
Ich hätte gewusst, welche der CDs du am liebsten magst und nicht
deine komplette Sammlung mitgebracht. Inklusive der schmierigen
Schnulzenscheibe hier, die dir inzwischen bestimmt auch peinlich ist.
78

War sie mir von Anfang an, deswegen hab ich dir nie gesagt, dass ich
die auch hab. Warum ich dir das ausgerechnet jetzt verrate? Weil ich
kein Geheimnis mehr vor dir haben will – auch kein noch so unbedeutendes. Trotzdem hoffe ich natürlich, dass es, wie alles andere, unter
uns bleibt. Hier. Die. Die Hörspiele – »Fünf Freunde«, super! Was
haben wir die gehört, damals! Julian, Dick und Ann, George und Tihimmy der Huuuu-huu-hund ...
Wie die Famous Five wollten du, ich und Marie auch immer sein.
Nur, dass wir eben zu dritt waren und auch bleiben wollten. Muss
ich dir ja nicht erzählen. Sowieso komisch, so mit dir zu sprechen.
Nein. Komisch ist es nicht, komisch ist das falsche Wort. Aber solang
das richtige mich noch nicht gefunden hat, ist es eben nur anders als
komisch.
»Passiv positiv«, »Lebenswertes Nebelleben«, »Weiter unter dem
Bewusstsein« … – haben sicher in sämtlichen Studien super abgeschnitten die Aufnahmen, was? Aber ernsthaft: Bringt das ganze
Forschungszeug irgendwas? Ich meine, hilft es? Merkst du irgendwas?
Hast du irgendetwas mitbekommen in den knapp fünf Monaten, die
inzwischen vergangen sind? Oder auch nur in den letzten Tagen?
Ganz einfaches Zeug nur? Zum Beispiel wo der Trockenstrauß hin ist,
der hier auf dem Rollschränkchen stand? Irgendwas musste ich doch
mitbringen. Das macht man so. Krankenhausgesetz.
Ich hab kurz überlegt, was mein Irgendwas sein könnte. An Infusionen komm ich nicht ran und Saft oder Schokolade machen keinen
Sinn. Ein Buch ebenso wenig. Lesen mochtest du nicht und vorlesen
mag ich nicht. Der Radiorekorder ist schon da und andere CDs als du
hab ich ja auch nicht.
Deswegen also der Trockenstrauß, der jetzt weg ist. Marie war es
ganz sicher nicht und dass eine der Schwestern den einfach entsorgt
hat, kann sich Hildegard nicht vorstellen. Also nehme ich mal an, dass
es deine Mutter war. Oder dein Vater auf Bitten deiner Mutter. Sie
käme bestimmt nie auf die Idee, dir einen Trockenstrauß hinzustellen.
Dafür fehlt ihr die Hoffnungslosigkeit. Nein. Lieber sieht sie zu, wie
du neben wöchentlich frischen Sträußen welkst. Keine Ahnung –
Blumen halt. Mit einer genaueren floristischen Bezeichnung könntest du sowieso nichts anfangen. War dir doch früher auch egal, wie
79

die Blumen heißen, die wir manchmal schnell noch aus dem stinkewässrigen Eimer an der Tankstelle mitnahmen oder die, die uns im
Blumenladen mit einem »Schaunse mal, recht so?« überreicht wurden,
wenn wir dort höchstens in Wert und Verpackung nie aber im Text
variierende Sträuße beauftragten. So ganz anders als deine Mutter
Woche für Woche Blumen für dich aussuchen wird. Ganz sicher wird
sie nicht irgendetwas Buntes, Freundliches für ihren komatösen sechsundzwanzigjährigen Sohn in »Papier reicht, danke« bestellen. Statt
gleichgültig entgegenzunehmen wird sie ganz gezielt wählen. Ganz
selbst, ganz bewusst entscheiden, welche der Blumen, aus denen du
dir nichts machst, die schönsten für dich sind. Mein Trockenstrauß
zählte offensichtlich nicht dazu. Deshalb ist er jetzt weg, haben sie ihn
entfernt. In deiner Anwesenheit. Vor deinen Augen. Als Sohn, nein da
natürlich nicht – aber als verlässlichen Zeugen scheinen deine Eltern
dich schon abgeschrieben zu haben.
Anders die Polizei, die sich regelmäßig nach dir erkundigt – wenn
auch in größer werdenden Abständen. Sie wollen dir Fragen stellen.
Die, die weder Marie noch ich beantworten konnten. Ausgerechnet du
sollst das können. Aber andere Zeugen gab es damals nicht. Nur dich,
Marie und mich. Und das Foto kurz vorher. Bis auf ein Schlingern
mehr und einen Baum kurz später, konnte auch ich mich nicht erinnern. Konnte nicht mal mehr sagen, warum du gefahren bist, obwohl
du mehr getrunken hattest als Marie und ich. Wenn auch nur ein
wenig, wie die Tests ergaben.
Nicht mal mehr die hast du mitbekommen. Warst gleich weg,
anders als Marie und ich. Hast dich verzogen, die Augen zugemacht:
Verschlossen vor allem, was war und nicht mehr sein wird.
Eine Geste nur, ich weiß. Eine leichte Berührung nur, dich spüren
zu lassen, dass alles gut ist oder irgendwann wird. Meine Hand auf
deiner Hand, an deiner Wange, auf deiner Stirn – egal ... Mein Kopf
an deiner Schulter – einen Moment nur ... Ich weiß das. Und so sehr
ich will, dass ich es kann, klappt es nicht. Kann ich es nicht. Kann es
seit fast fünf Monaten nicht mehr und werde es deswegen nie wieder
können. Selbst die kleinste Geste zu groß für mich. Zu groß für dich.
Ein Kopfnicken nur, ein Lächeln im passenden Moment: Nichts davon
wird es mehr geben. Nicht von mir für dich.
80

Ja, auch ich hoffe. Anders als deine Eltern zwar, aber auch ich hoffe,
dass du nicht mehr beatmet werden musst; dass all die Kanülen, Kabel
und Schläuche von dir entfernt werden. Denn nur so kann ich irgendwann auch um dich trauern. Genauso, wie ich es seit vier Monaten um
Marie muss. Lieber trauere ich mein Leben lang um dich, als dich dein
Leben lang zu hassen.

81

82

Schülerförderpreise 2011 – 2014

83

84

Anna Siebert

Jeanne
Der Großvater musterte die Katze auf eine Weise, mit der man auch
das Haltbarkeitsdatum eines alten Joghurtbechers überprüfen könnte.
Ein Skulletgestell wie dieses, plakativ bog er die dürren Vorderpfoten
nach oben, ist nicht gemacht zum Überleben.
Der Großvater sagte »Skullet« und nicht »Skelett«, er hatte eine
Metzgerei, und als mein Vater klein war, arbeitete mein Großvater
systematisch daraufhin, das Doppelte einer Schweineleiche zu wiegen,
aber nachdem er bei 110 Kilogramm angekommen war, verkaufte er
sein Geschäft. Er beerdigte meine Großmutter, die noch nicht meine
Großmutter war, weil ich noch nicht lebte, räumte das Haus auf und
schenkte seinem Sohn und dessen Frau zur Hochzeit das Dachgeschoss. Meine Mutter war in der Stadt aufgewachsen, sie kannte Tramlinien und Hotelrouten auswendig und als sie mit meinem Vater in das
Dorf zog, verlief sie sich, weil die Häuser durcheinander nummeriert
waren.
Das Dorf zieht sich wie ein langer Fadenwurm durch ein Tal, was
nach einem Fluss benannt ist. Für die Autofahrer auf der Landstraße
wirkt es wie ein merkwürdig verteilter Haufen Gehöfte, der vor langer
Zeit einem davoneilenden Riesen versehentlich aus der Hosentasche
fiel. Ich fahre nicht mehr oft in das Dorf, es passte meinem Urgroßvater und meinem Großvater und meinem Vater, aber ich muss wohl
irgendwann herausgewachsen sein, denn an meinem sechzehnten
Geburtstag zwickte es schon ganz gewaltig, wie eine Bluse, die mit der
Zeit an den Armen zu eng geworden ist.
Die Katze fand ich einige Jahre später, kurz nachdem mein Großvater neben dem Grab meiner Großmutter zwei weitere Grabsteine
aufstellte, auf denen die Namen meiner Eltern und das Datum des
Autounfalls standen. Zu dieser Zeit wohnte ich selbst schon in der
Stadt, aber ich kam noch oft zurück in die Dachgeschosswohnung um
Staub zu wischen und die Blumen zu gießen.
Es war Herbst und ich hatte Heckenlaub von den Gräbern meiner
85

Vorfahren gesammelt, als mein Blick und der eines halbverhungerten
Katzenjungens sich zwischen Ästchen und Stöckchen trafen. Ich
empfand kein Mitleid, warum auch; schließlich hatte ich viele Jahre
meines Lebens dem Werden und Vergehen unzähliger Kaninchen,
Hühner, Gänse und Lämmer achselzuckend und gleichgültig beigewohnt, vielmehr ging von dem Blick des Kätzchens in diesem Moment
jene unheimliche Faszination aus, die sich einstellt, wenn dir jemand
kilometerweit in die Seele starrt.
Ein Skulletgestell wie dieses ist nicht gemacht zum Überleben,
meinte mein Großvater nur, als er die frisch aus dem Gebüsch
gepflückte Katze begutachtete und ich sagte, das müsse sie auch nicht
sein; schließlich hätte sie ja nur ihn zu überleben und im Übrigen hieße
sie Jeanne d’Arc und würde ab jetzt mir gehören. Mit dieser Aussage
verbot ich meinem Großvater, die Katze zu ersäufen, zu erschießen
oder auszusetzen und sicherte ihr einen Schlafplatz unter der Garderobe sowie einen täglich widerwillig gefüllten Futternapf. Jeanne d’Arc
akzeptierte schweigend und humpelte souverän majestätisch auf ihren
knochigen Pfoten zum Gartentor hinaus. Natürlich, schien ihr Gang
auszudrücken, natürlich gehöre sie nicht mir, sondern ausschließlich
sich selbst. Ich blieb drei Tage in dem Dorf im Haus meines Großvaters, saß auf dem Fußboden neben der Garderobe und beobachtete
die Katze, die ihrerseits meine Anwesenheit gleichgültig zur Kenntnis
nahm. Jeanne d’Arc kam und ging und wenn sie mir einen Blick aus
kiwigrünen Katzenaugen zuwarf, tat sie das als jemand, der mein
Leben wie einen bereits geschauten Kinofilm zum zweiten Mal ansieht
und genauestens weiß, worauf alles hinausläuft.
Am Ende der Woche hielt ich es nicht länger aus, packte meine
Sachen und fuhr zurück in die Stadt. Ich hatte eine helle Altbauwohnung und manchmal rief mein Großvater abends an, wenn ich arbeitete und fragte meinen Anrufbeantworter wie es mir ginge, wann ich
daran dächte wiederzukommen, ob ich die Katze mitnähme. Er sagte
immer »die Katze«, niemals »Jeanne d’Arc«, ich hörte den Beantworter
ab, rief aber nie zurück. Zu der Zeit war ich am Theater, spielte in
Hamlet oder Maria Stuart oder den Physiker, ich war gut, erfolgreich,
hatte Geld. Zu Silvester küsste ich einen verheirateten Intendanten,
oder er küsste mich, es war vollkommen gleich. Die Welt drehte sich
86

um mich, das Schicksal arrangierte eine Symphonie um mich herum
und alles was ich tun musste war dem Schauspiel händeklatschend
zuzusehen. Mir war nur wichtig, dass sich die Welt drehte, immer im
Kreis, so, dass ich es fühlte und atemlos wurde von der Geschwindigkeit.
Die Stadt dehnt sich zwischen bewaldeten Hügelketten radial um
das Theater herum, an dem ich damals beschäftigt war. Übertrieben
krumme Altstadtwinkelgassen verschwimmen in den weiter entfernt
liegenden Schalen des Stadtatoms mit klinisch quadratisch angelegten
Villenvierteln und asymmetrischen Plattenbauten. Meine damalige
Wohnung lag im Kern, fünf Gehminuten vom Theater entfernt, in
einem dieser Häuser, die extra für Künstler und Intellektuelle reserviert scheinen. Die Außenfassade; eine gewollt heruntergekommene
Backsteinwand, auf der ein Graffitischriftzug für jeden, der es wissen
wollte oder nicht, die Schlechtigkeit der US-Regierung anprangerte.
Wir feierten oft dort, im vollkommen renovierten Innenleben meines
Backsteinpanzers, wir feierten das Leben und die Liebe und die Kunst,
die wir zu beherrschen glaubten; wir waren ein Haufen egoistischexzessiver, betrunkener junger Leute, aber wir waren Künstler und
wir hatten es geschafft. In dem Dorf meines Großvaters hatte alles
irgendwann einem Urgroßonkel, einer Tante, Cousine, oder Schwägerin gehört, die Dachgeschosswohnung war die meines Vaters, aber
die Kunst gehörte mir. Wir waren zu intelligent, Schönes einfach als
schön anzuerkennen, wir suchten Interpretationsansätze, Metaebenen,
Abstraktion und merkten nicht, wie das was wir taten, die Kunst, berechenbar wurde. Wie unser Leben ebenso berechenbar wurde, wie das,
was unsere Väter und Großväter auf ihren Dörfern geführt hatten. Im
Februar spielten wir Die Jungfrau von Orléans und ich schickte Theaterkarten mit der Post an meinen Großvater. Das Stück blieb sechs
Wochen auf dem Spielplan und immer war ein Platz im Publikum
sinnlos reserviert. Sechs Wochen lang wartete ich erfolglos auf den
Großvater, dann stellte ich fest, dass auch die Anrufe ausgeblieben
waren. Ich wollte lachen bei dem Gedanken, er könne auf diese Weise
versuchen, sich für meine Achtlosigkeit zu rächen, aber es gelang mir
nicht. Schließlich gab ich nach, packte wieder meine Sachen und fuhr
auf das Land, zu Besuch in dem Dorf, in dem das Haus meines Großvaters stand. Kurz bevor mich mit dem schiefen Ortseingangsschild die
87

Bedeutungslosigkeit verschluckte, dachte ich an meine Mutter, die eine
halbe Stunde lang mit zwei Koffern an jeder Haustür im Dorf geklopft
hatte, um herauszufinden, hinter welcher der Vater meines Vaters
wohnte. Ich konnte sie damals nicht verstehen, so, wie ich die Gründe,
die sie in das Dorf getrieben hatten, auch vorher nie verstehen konnte.
Das Gartentor ist ein kleines, rotes, schiefhängendes Holzgestell,
das man beim Öffnen mit einem Ruck nach oben ziehen muss, damit
es nicht an der Kante zwischen Rasenbeginn und Feldwegende festklemmt. Um die Ecke zur Haustür hin abbiegend wäre ich beinahe
über Jeanne d’Arc gestolpert, die mich mit beleidigter Verachtung wie
einen desertierten Soldaten empfing. Skulett, dachte ich. Mein Großvater musste sie gefüttert haben, trotzdem sah sie so mager und räudig
aus wie an dem Tag, an dem ich sie gefunden hatte. Im Haus meines
Großvaters mündet der Flur beinahe übergangslos in die Stube. Mein
Großvater sagte nie »Wohnzimmer«, er sprach von der »Stube«. Vielleicht aus Nostalgie, vielleicht aus Gewohnheit, denn unsere Stube
war eigentlich weder das Eine noch das Andere, sondern eher ein weitläufiger Flurabschnitt. Ein grüner Lehnstuhl verschluckte mit dem
Rücken zur Tür die Silhouette meines Großvaters. Er drehte sich nicht
um, als ich die Haustür öffnete und auch nicht, als ich sie aus alter
Angewohnheit laut in das Schloss fallen ließ.
Ich habe dir Theaterkarten geschickt, sagte ich. Das Ticken der
Wanduhr verschluckte die Stille und mit ihr meine unförmig im Raum
schwebenden Worte. Ich habe dir Theaterkarten geschickt, sagte ich und
merkte zu spät, dass ich schrie. Ich wollte mich entschuldigen, dafür,
dass ich nie angerufen oder ihn besucht hatte. Ich wollte ihn nach seiner
Befindlichkeit fragen, was so passiert sei im Dorf und ob er mich in der
Stadt besuchen wolle, doch ich tat es nicht. Nach einer Weile stand mein
Großvater auf und sah mich sehr lange schweigend an.
Ich weiß, sagte er. Ich weiß. Es war alles gesagt.
Ich fahre manchmal noch in das Dorf meines Großvaters und dann
treffe ich Jeanne d’Arc in dutzendfacher Reproduktion, obwohl ich
früher nicht einmal von der Existenz eines Katers gewusst habe. Mein
Großvater ist vor ein paar Jahren gestorben, sein Haus vermietet und
ich lebe noch immer in der Stadt. Vielleicht komme ich eines Tages
zurück.
88

Nadine Kellner

Unsichtbares Keuchen
Das Kreischen zerschneidet ihre Ohren als sie die Tür aufstößt.
Weg, nur weg.
Sie hetzt, gehetzt durch die Zeit, durch die Straßen – bergab, allein,
keuchend, inmitten der Flut. Die Flut drängt in dieselbe Richtung,
alle sind eins, ohne sie, alle zusammen eine reißende Strömung, ohne
sie.
Heim, nur heim.
Wenige Schritte und endlich bricht sie heraus, aus dem Strom,
endlich sickert frische Luft, dick wie Sirup, in ihre Lunge. Sie füllt
sich gierig und die Zeit tut einige Sekunden lang, als stünde sie still.
Ein kostbarer Moment der Ruhe.
Ruhe, weil sie endlich all die Stimmen um sie herum ausblenden
kann, weil sie sie endlich vergessen kann, ausblenden kann, so wie
man sie vergisst. So wie alle sie vergessen, ausblenden. Die Stimmen
sind tonlos wie ihre Stimme; die Flut ein Meer aus Gesichtern, die
formlos sind. Formlos und doch sichtbar. Nur sie ist unsichtbar.
Weiter.
Ihre Beine tragen sie davon, weg, quer über die Fahrbahn, wie
immer.
Wenn niemand einen sieht, dann auch kein Autofahrer.
Dann weiter, zu den eingepferchten Wegen, den verschlungenen,
engen Wegen, wie immer. Alles ist wie immer. Die Wege kommen
näher, der rettende Schatten streckt heimtückisch, gerissen seine
Krallen nach ihr.
Sie ergreift sie, dankbar, entflieht der grellen sichtbaren Welt
komplett. Doch nur kurz. Dann spürt sie ein Stechen im Nacken und
alle Hoffnungen zerplatzen wie Seifenblasen.
Plötzlich rast ihr Herz, hämmert, pocht und trommelt im Ohrenbetäubenden und Sinne trübenden Rhythmus ihrer Angst.
Schneller.
Sie hetzt, gehetzt durch ihn, gehetzt durch die Zeit, durch die Gassen.
89

Schneller!
Ihre Beine reißen sie davon, ihr Körper streift die Mauern, die
immer näher rücken, die sie zum Stolpern bringen wollen, sie erdrücken wollen, zerquetschen wie eine Fliege.
Sie spürt ihn, direkt hinter ihr, seinen heißen Atem. Sein Blick
brennt auf ihr, seine Schritte klatschen hinter ihr über den Boden. Sie
rennt schneller, hetzt, keuchend, innerlich schreit sie, weint sie. Innerlich.
Einen klanglosen Hilferuf hört Niemand, er ist zwecklos, sinnlos.
Eine Kurve und sie nimmt die andere Richtung, eine Abkürzung, eine
ihm unbekannte.
Er verpasst sie, rennt daran vorbei.
Sie war gerettet, für wenige Sekunden.
Aber sie wusste: Rettung war es, heimtückisch wie Mauern und
Schatten. Und doch war sie dankbar. Kurz. Denn wenige Sekunden
sind Nichts, wenn man keine Finger hat, nur unsichtbare, unwirkliche
Finger, nichts, um die Zeit zu halten.
Deshalb brach das Feuer vor ihren Augen aus, ihre Gedanken
brannten und ihr Herz entflammte erneut.
Von irgendwo her schwirrten höhnische Worte zu ihr.
»Im Sommer kann ein Waldbrand durch einen winzigen Funken
ausgelöst werden.«
Sie brannte. Sie rannte. Hetzte erneut, wie immer.
Allein, hilflos, unsichtbar.
Und rasselnder Atem rückte schon näher. Sie hetzte, voller Angst,
voller Flammen, doch niemand sah sie brennen, niemand außer ihm.
Sein irres Lachen zerrte an ihrem Denken, zehrte von ihrer Kraft;
machte sie wahnsinnig. Sie keuchte und atmete Sirup ein, sie hetzte
und musste dabei hindurch, durch den Sirup, und jeder Schritt war
dabei grauenvoller, schwerer, langsamer. Aber nicht für ihn. Er wurde
noch schneller.
Sie keuch-, nein, sie wollte keuchen, aber sie konnte nicht. Ihre Kehle
war zu, ein unsichtbarer Knoten darin, so unsichtbar wie sie, wie er,
und doch genauso grauenvoll.
90

Wie immer.
Sie kannte den Weg, kannte die Gassen, kannte ihn. Sie würde ihn
abhängen, wie immer. Sie musste!
Heim, nur heim!
Ihre Gedanken schrien und plötzlich war sie frei. Ihr Schrei hatte
die Luft zerrissen, ihre Angst für ein paar Sekunden zerfetzt.
Ein paar Sekunden sind Nichts... aber manchmal sind sie doch
etwas.
Sie war Nichts – niemand, gesichtslos, ohne Stimme, ohne Gestalt,
unsichtbar – aber manchmal war sie doch etwas ... vielleicht.
Und sie sah die Tür. Die blutrote Tür kam näher, wie schon der
Schatten, wie schon die Gassen, wie der rettende Weg.
Doch er würde ihr nicht folgen, durch die Tür; konnte nicht
hindurch. Niemals.
Sie hetzte, zerschnitt die Luft und wurde immer schneller. Schneller
als er.
Zwanzig Meter. Er loderte zornig noch immer hinter ihr. Wie
gieriges Feuer.
Zehn Meter. Er hetzte, flackerte angestrengt noch hinter ihr. Wie
eine Kerze im Wind.
Fünf Meter. Er war noch dort, nun weit hinter ihr, nur noch
Glimmen. Wie sterbende Glut.
Sie riss die Tür auf und hetzte hinein.
Sie keuchte; sprang der Wand entgegen, um zu stoppen. Die Tür
klatschte zu und er war weg. Ihre Hände zitterten, ihre Beine bebten,
ihre Augen suchten nach etwas.
Die Erleichterung verflog, wurde Vergangenheit bevor sie präsent
werden konnte.
Ihre Kette. Wo war sie?
Ihr Herz pumpte noch immer heftig das Blut durch ihre Adern,
klopfte laut gegen ihre Rippen.
Nicht in den Taschen, nicht um dem Hals, nicht mehr in der
Hand.
Verloren.
91

Draußen?
Ihr Kopf protestierte, ihr Körper rebellierte, als sie sich nur umsah.
Die Tür war blutrot.
Und zu. Dahinter war Nichts mehr. Wenn die Tür zu war, war er
immer weg.
Alles ist wie immer. Nichts bleibt Nichts, unsichtbar bleibt unsichtbar,
gerettet bleibt gerettet.
Ihre Hand zittert, dann reißt sie die Tür auf.
Nichts.
Wie immer.
Sie tritt hinaus, hetzt auf ein Glitzern zu, was sofort in ihr Auge fällt,
schnappt sich die Kette, hetzt zurück.
Die Tür klatscht zu und sie atmet erleichtert ein.
Wie immer, dachte sie sich und bahnte sich einen Weg in ihr
Zimmer.
Sie ließ sich fallen, auf ihr Bett, atmete tief durch. Eisige Luft, ohne
Sirup, ohne Süße, ohne Würze, einfach eisig. Ihre Hände wühlten sich
unter der Decke hindurch, fanden eine Dose mit Süße, krallten sie
gierig. Sie stürzte das Zeug und setzte sich wieder auf.
Plötzlich sieht sie aus dem Augenwinkel eine Bewegung.
Endlich entfährt ihr ein echter Schrei, ein schriller, endloser, wirklicher Schrei nach Hilfe.
Sie hatte ihn reingelassen. Entsetzt stürzt sie dem Boden entgegen,
springt wieder auf, stolpert, fällt wieder; rückwärts.
Schmerz durchfährt ihren Körper, das Leben kreischt hämisch,
lachte sie aus, hüllte sie in Sarkasmus, in Schönheit. Schönheit, fehl
am Platz, in Form von Glänzen, Glitzern, Farben. Scherben. Und
irgendwo darin eine Gestalt, geschmückt in der Farbe der tückischen
Haustür.
Und irgendwo in den Scherben ein Bild mit schwarzen Ecken.
Das Bild eines lächelnden Mannes, der ein sichtbares Mädchen im
Arm hatte.

92

Riccarda Kiel

Tintenklecksendes Säkulum
Schule, Klassenraum, Unterrichtsstunde
R.: »Ich schäme mich für meine Dummheit.«
M.: »Unsinn, du kannst kluge Matheaufgaben lösen.«
R.: »Darauf zähle ich nichts. Ich weiß gar nichts. Wo ich doch
jeden Tag Menschen vor mir stehen habe, die mir etwas beibringen
wollen.«
M.: »Warum willst du überhaupt was wissen? Um klug zu sein? Im
Gespräch mit andern? Um deinen Kindern einmal etwas beizu
bringen? Niemand geht in die Schule, weil er etwas wissen will,
sondern um die Voraussetzung für einen Beruf zu erlangen, den
sie brauchen, um sich finanziell abzusichern.«
R.: »Ja, pass auf. Denk das jetzt mal weiter. Nenn mir einen von den
fünfhundert Schülern, der hier sitzen will. Ich sage dir, jeder wird
woanders hinwollen.«
M.: »Und? Du könntest sie genauso gut in einen Bus setzen, der ins
Theater fährt, und alle würden am liebsten aussteigen. Und
weißt du, wo sie sich hin wünschen? Nach Hause, lustig Computer
spielen.«
R.: »Sicher. Und ich sag dir jetzt mal was. Ich bin bisher kaum klugen
Menschen begegnet und ich habe mich satt gesehen an den
Menschen hier. Momentan steht mir der Sinn, mit einem Schwarm
Pelikanen nach New York zu reisen und dort auf dreckigen Bars
zu tanzen. Und morgen wäre ich gerne eine Schwester im
Ursulinenkloster, die kleine Kinder in den Schlaf singt.
Verstehst du, was es heißt, jung zu sein? Verstehst du, was es heißt,
Entscheidungen für uns zu treffen, die vorschreiben, was wir wie
lange zu lernen und zu wissen haben? Pass auf, wie wir hier behandelt werden. Hör zu, wie sie mit uns reden. Sieh dir an, wie wir vor
ihnen sitzen. Da stehen achtmal fünfundvierzig Minuten Menschen
93

vor fünfundzwanzig Jugendlichen, die zuhören, jeden Tag, und ihnen
fällt nichts Besseres ein, als das da? Ist es überhaupt ein Ziel, aus uns
aufrechte und kluge Menschen zu machen? Ist es wirklich dreist, laut
zu sagen, dass hier unsere Zeit verschwendet wird?
Es wird hier so weit gebracht, dass wir für eine Woche wissen, dass
die Resorption durch die Darmwand ein aktiver Stofftransport ist, bei
dem Energie verbraucht wird und der durch Carrier-Proteine realisiert
wird, aber wo Kapstadt liegt, das zu wissen, wär’ wohl fein. Es ist nicht
dreist, weil es nur allzu oft festgestellt wird. Das einzige, was mich
mit großer Freude erfüllt, ist, dass es nun Monate sind, die ich zählen
kann. Ich zähle Monate in meinem Leben. Ich teile ein Gefühl mit
allen Menschen dieser Welt, die schon mal Monate gezählt haben.
Und jetzt will ich meinen eigenen Weg finden, und worauf stoße ich,
ich R.? Auf eine immer größer werdende Lust, mich selbst kennenzulernen. Und wie habe ich das vor? Indem ich die Perlen der Weltliteratur verspeise. Nur habe ich dabei das Gefühl, dass dieser sehnlichste
Wunsch nichts mehr als eine Sehnsucht bleiben kann. Als könnte ich
niemals alles nachholen und begreifen. Oh, glaub mir, ich werde alles
daran setzen, zu lernen. Ich will die großen Menschen vor mir deuten
und dabei mich selbst umschreiben. Nun habe ich die letzten zwölf
Jahre mit Lernen verbracht, und was sehe ich? Dass es mich, abgesehen
vom Lesenlernen, kein Stück auf diesem Weg vorangebracht hat. Es
tut mir leid, aber ich kann für all das unnütze Wissen keinen Respekt
aufbringen. Intelligenz hat nun wirklich nichts mit dem Faktenwissen,
dem zeitraubenden Auswendiglernen zu tun, oder? Oder, was? Bin ich
doof, seid ihr klug? Geht’s mir schlecht oder gut? Das treibt mich in
den Wahnsinn!
Weißt du was, in finanzieller Sicherheit zu leben, diesen Luxus habe
ich eigentlich längst abgelegt, ich würde nur das Nötigste beschaffen
und von der Hand leben.
Ich werde arm wie eine Kirchenmaus, weil mir kein Beruf Sinn zu
machen scheint. Ja, guck nicht so. Weißt du, was ich nicht verstehen
kann? Ich kann nicht verstehen, warum man nicht nach seinen eigenen
94

Vorstellungen leben kann, solange man nicht stiehlt oder tötet. Arzt,
ja, Arzt scheint mir ein nobler Beruf. Doch wie könnte ich mir so was
zutrauen? Er bringt doch allzu viel Schrecken mit sich. Herrgott, ich
muss raus hier. Manchmal glaube ich echt, in diesen Klassenräumen
kann man kaum atmen. Als wären Gedanken, die man nicht unter
freiem Himmel hat, nicht wahrhaftig.
Mir kommt es vor, als hätte ich die kindliche Leichtigkeit hinter mir
gelassen und wäre in nächster Zeit nicht fähig, sie mir zurückzuholen. Deshalb schäme ich mich auch ein bisschen. Vielleicht sollte
ich deswegen mal bei Gott nachfragen.
Überhaupt denke ich, wäre es klug, bei Gott anzufangen. Siehst
du, ich muss von ganz vorne beginnen. Obwohl ich zwölf Jahre in
einer Institution verbracht habe, die mir eine Hilfestellung hätte sein
sollen.«
M.: »Himmel ja, dann fang halt an. Du hast Ohren, die hören. Augen,
die sehen. Mir soll’s recht sein, was du mit ihnen anfängst. Im
Grunde gehst du doch weiter zur Schule oder etwa nicht?«
R.: »Was für eine Frage.«
M.: »Ja, was für eine Frage.«
Lehrer: »R. und M.! Jetzt haltet endlich eure Klappe. Bei der nächsten
Leistungskontrolle ist das Geschrei wieder groß.«
R.: »Finger in die Wunde.«

95

Judith Bernet

Die Tänzerin
Goldenes, verstaubtes Licht,
erfüllt die schwarze Bühne.
Noch still. Verharrt. Bewegt sich nicht,
doch fliegt beim ersten Tone.
Blutrot weht ihr Haar im Wind,
gespannt der ganze Körper,
sie lächelt, glücklich, wie ein Kind,
und spricht auch ohne Wörter.
Die Augen wasserblau und sanft,
voll Wagemut der Blick,
sie tanzt voll stiller, leichter Kraft,
und leicht fließt jeder Schritt.
Ihr Kleid sie kühlt, im Takt umspült,
der Harfentöne Glanz,
das Weiß die warmen Töne kühlt,
in fließend heißem Tanz.
Bald wirbelt sie, bald fliegt sie weit,
dann wird sie wieder still,
sie ist ein Vogel in der Zeit,
weil auch die Zeit verharren will.
Sie ist ein Spiel, wenn man sie sieht,
und spielt mit ihren Schauern,
denn in Musik sie weiter flieht,
Lächeln. Nie Bedauern.

96

Sie ist nur ein Moment von vielen,
der lächelnd weiterzieht,
Momente, die nur mit uns spielen,
wenn ungesehen die Zeit verfliegt.
Momente können niemals stehen,
sie können Lächeln geben,
so lass uns, wenn sie schließlich gehen,
lächelnd weiterleben.
Und ist die Bühne sonst auch leer,
bewundere und freue,
denn auf Tänzer folgen mehr,
und auf Momente neue.

97

Romina Schmidt

Nur für uns
Ich wünschte, die Polizeiwagen wären Kulissen aus einem Film. Ich
wünschte, die vielen Leute, die sich alle um eine Person drängen, wären
schlecht bezahlte Komparsen. Ich wünschte, die Person, die sich jetzt
durch die Menschen drängelt, wäre eine berühmte Schauspielerin in
ihrem nächsten Film. Ich wünschte, irgendwer wäre es. Nur nicht ich.
Hastig quetsche ich mich durch die Menge. Bis ich ihn erreicht habe.
Ich springe auf ihn zu und fasse ihn an den Schultern. Meine Blicke
finden seine lodernden Augen. Er bereut nichts, das sehe ich sofort.
»Warum!« Ich schreie ihn an. »Warum tust du mir das an?« Doch der
Mund meines Ex-Freundes bleibt verschlossen. Tränen rinnen meine
Wangen hinab. Ich zittere am ganzen Körper, als eine junge Polizistin
kommt, mich am Arm packt und einige Meter wegzieht. Zu dem
Tuch. Dem Körper in dem Tuch. Ich schüttle den Kopf, ich will das
nicht jetzt sehen. Ich will es gar nicht sehen. Doch sie redet auf mich
ein, immer und immer wieder, bis ihre Worte mich erreichen. »Du
schaffst das.« Nur widerwillig lasse ich mich führen. Dann stehen wir
neben dem weißen Tuch. Langsam lasse ich mich auf die Knie sinken.
Die Polizistin stellt sich auf die andere Seite. Sie schlägt einen Teil des
Tuches zurück und ich atme scharf die Luft ein. Marcus, mein bester
Freund, sieht aus, als würde er schlafen. In seinem Gesicht ist nichts
von dem zu sehen, was seinen restlichen Körper bedecken muss. Er
sieht nicht aus, als wäre siebenmal mit einem Messer auf ihn eingestochen worden. Zitternd strecke ich eine Hand aus und berühre seine
Wange. Er ist kalt, aber es erschrickt mich nicht so sehr. Es war nur ein
Beweis für das, was ich wusste. Mein bester Freund ist tot. Erstochen
von meinem Ex-Freund.
Wenn ich an die letzten Monate zurückdenke, erscheint es mir beinahe
logisch, dass etwas passiert. Aber ich hätte mir nie ausmalen können,
dass so etwas Scheußliches geschieht. Ich weiß noch genau, wann es
begann. An meinem 17. Geburtstag. Vor vier Monaten. Ich hatte nicht
98

viele Leute eingeladen. Zwei Mädchen, meinen Freund Josh natürlich und meinen besten Freund Marcus, den ich schon kenne, seit ich
denken kann. Es war eine gute Feier. Wir tranken, alberten herum
und hatten viel Spaß. Dann kam irgendwer, ich weiß nicht mehr
genau, wer, auf die Idee, Flaschendrehen zu spielen. Und natürlich
stimmten wir begeistert zu. Die ersten Runden waren auch gewöhnlich. Die üblichen peinlichen Fragen und sinnlose Aktionen. »In wen
bist du verliebt?« oder »Tanze auf der Straße«, nichts von Belang, nur
Lustiges. Doch dann zeigte die Flasche auf mich. Gedreht hatte ein
Mädchen. Mit einem Grinsen im Gesicht funkelte sie mich an. »Küss
Marcus, aber richtig.« Ich lachte. So etwas war nicht schlimm für
mich oder Marcus. Wir kannten uns schon so lange, wir hatten uns
schon oft geküsst. Ich hatte zwar einen Freund, aber Josh war sehr
gut mit Marcus befreundet und wir wussten, es würde ihm nichts
ausmachen … Wie wir uns täuschten. Wir standen beide auf, hielten
uns an den Händen und küssten uns. Es war ein schöner Kuss. Voller
Freundschaft und Vertrautheit. Nach etlichen Sekunden lösten wir
uns wieder und umarmten uns noch. Die Mädels klatschten Beifall.
Aber Josh starrte Marcus so intensiv und voller Wut an, dass mir eine
Gänsehaut die Arme hoch kroch. Wir setzten uns wieder und das Spiel
ging weiter. Aber mir fiel auf, wie angespannt Marcus war. Als die
Flasche das nächste Mal auf mich zeigte, er hatte gedreht, verlangte
er, dass ich ihn küssen soll. Als ob etwas dabei wäre. Ich meine, so
verliebt, wie wir waren. Doch ich dachte mir nichts dabei.
Zwei Monate später das Nächste. Josh und ich waren im Schwimmbad.
Ich wusste, dass auch Marcus da war, er trainierte immer dort mit
seinem Schwimmteam, aber ich sagte es Josh nicht. Ich hielt es für
besser, denn ich merkte, wie er in den letzten Monaten immer gereizter
gegenüber Marcus wurde. Mit Marcus traf ich mich auch immer
weniger, nur um Josh nicht zu verärgern … Auf einer abgetrennten
Bahn neben unserer trainierten Marcus und sein Team. Nach einer
Weile stieg Marcus aus dem Wasser und ich tat es ihm gleich. Ich
wollte ihn natürlich begrüßen. Als er mich sah, begann er zu strahlen.
Er umarmte mich kurz. »Hey Mia, wie großartig, dich mal wieder zu
sehen. Ich muss sagen, ich habe dich etwas vermisst.« Sein Gesicht nahm
99

einen traurigen Ausdruck an. Ich lächelte: »Ich dich auch, aber …«
Gerade wollte ich ihm sagen, dass ich mich wegen Josh von ihm fernhielt, als ich plötzlich zwei feste Hände auf meinen Schultern spürte.
»Lass sie in Frieden, Marcus.« Marcus schaute Josh etwas verwirrt an.
»Ich unterhalte mich doch nur mit ihr.« Josh ließ von meinen Schultern
ab und trat vor mich. Er war ein ganzes Stückchen größer als Marcus
und so, wie er sich vor ihm aufbaute, war es bedrohlich. »Ich sagte,
lass sie in Frieden.« – »Hey, komm runter«, meinte Marcus, der zwei
Schritte zurückgetreten war. Doch Josh kam Marcus nur noch näher.
Dann, mit einer plötzlichen Bewegung, packte er Marcus und schubste
ihn ziemlich gewaltsam ins Wasser. »JOSH!«, schrie ich und packte
ihn an seinen Schultern, doch er schüttelte mich nur ab. Ich rutschte
auf den nassen Fliesen aus und schlug mit dem Kopf auf. Kurz wurde
mir schwarz vor Augen und als ich wieder aufschaute, stand Josh nicht
mehr am Beckenrand. Langsam rappelte ich mich wieder auf und ging
zum Wasser. Dort tobte ein Kampf. Josh versuchte, Marcus mit aller
Kraft unter Wasser zu halten. Ich suchte mit Blicken die Leute auf
den anderen Bahnen ab. Sie alle nahmen kaum Notiz davon, hielten
es für ein spaßiges Gerangel zwischen zwei Freunden. Joshs Gesicht
war rot vor Wut und mit viel Kraft hielt er Marcus fest. »Hilfe!« Mein
Schrei war kaum zu hören. Doch ich konnte das nicht länger ansehen.
»HILFE!« Ein Bademeister kam mit langsamen Schritten auf mich
zu. »Was ist denn, Lady.« Ich zeigte mit zitternden Fingern auf das
Wasser. Der Mann reagierte sofort. Er sprang in das Wasser und zog
Josh beiseite. Sofort kam Marcus prustend nach oben getaucht. Sein
Blick war wütend auf Josh gerichtet. »Du Idiot!« Josh wurde von dem
Bademeister weiterhin festgehalten. Ich half Marcus aus dem Becken
raus. Zusammen verließen wir das Bad. Ich wartete nicht auf Josh. Ich
war mir nicht sicher, ob er Marcus wirklich umbringen wollte, aber so
sah es aus. Nach diesem Tag war ich kurz davor, Schluss zu machen.
Doch Josh säuselte sich wieder ein. Entschuldigte sich sogar scheinheilig bei Marcus, doch dieser nahm es natürlich nicht an. Und auch
hier wusste ich im Innersten, ich hätte es beenden sollen. Dann würde
Marcus vielleicht noch leben.

100

Während ich hier an Marcus’ Seite sitze, seine kalte Wange streichle
und vor mich hin schluchze, höre ich plötzlich Schritte hinter mir und
mit einem mal zwei feste Hände auf meinen Schultern. Wie damals im
Schwimmbad. Im meinem Nacken das kalte Gefühl einer Handschelle.
Seine Stimme ist ohne Emotionen, als er spricht. »Ich habe es für uns
getan, Mia. Nur für uns. Sonst hättest du dich in ihn verliebt.«
Das letzte Ereignis. Letzte Woche. Eine Party von einer gemeinsamen
Freundin. Ich vermied mittlerweile Begegnungen zwischen Josh und
Marcus. Doch da war es unvermeidlich. Wir waren alle drei eingeladen.
Die Stimmung zwischen ihnen war von Anfang an kritisch. Ich
wollte Josh nicht anstacheln, tanzte nur mit ihm und warf Marcus
immer wieder entschuldigende Blicke zu. Dann musste Josh auf die
Toilette und ein ruhiges Lied wurde gespielt. Ich stand alleine auf der
Tanzfläche, während sich die Pärchen aneinander schmiegten. Dann
sah ich Marcus vor mir. Lächelnd hielt er mir eine Hand entgegen.
Eine stille Aufforderung zum Tanz. Dankend nahm ich seine Hand.
Lehnte mich an ihn und gemeinsam tanzten wir dieses eine Lied. Vielleicht hatten wir uns zu lange in die Augen geguckt. Vielleicht standen
wir uns zu nah. Aber wir registrierten beide nicht, wie Josh wiederkam
und mit gefährlicher Genauigkeit Marcus ins Gesicht schlug. Marcus
taumelte und hielt sich seine Wange. Ich sah Blut aus seinem Mund
tröpfeln. Dann ging ich auf Josh los. »Du Idiot! Was tust du da!« Alle
hatten aufgehört zu tanzen und beobachteten stumm das Schauspiel.
Wieso unternahm keiner was? Ich versuchte, Josh zu schlagen, doch
er hielt meine Arme zusammen. Er war zu kräftig. Mit einem plötzlichen Ruck schubste er mich vor sich auf den Boden. Sein Blick war
kalt, aber da war noch etwas anderes … Enttäuschung? Dann verließ
er wortlos zwischen geschockten Gesichtern die Party. Die Gastgeberin kam auf mich zu. »Alles in Ordnung?« Ich sagte nichts. Ging zu
Marcus, der sich immer noch seine Wange hielt. Er nahm mich bei der
Hand und zusammen verließen wir die Party. Ich war Single.
Wir redeten viel über diese Party. Und wir wussten beide, wir halten
uns von Josh fern. Er meinte, er hätte schon länger diese Eifersucht von
ihm gespürt. Nur ich war blind vor Liebe gewesen. Ich erwiderte nichts
101

darauf. Ich wollte meine eigene Dummheit nicht auch noch bekräftigen.
Heute lauerte Josh in der Pause Marcus auf. An dem abgelegenen
Ort des Hofes, wo wir uns beide immer trafen. Marcus hatte früher
Pause, Josh war erst gar nicht zum Unterricht gegangen. Als ich an
diesem Ort ankam, lag Marcus bereits blutüberströmt auf dem Boden.
Josh schaute mich finster, mit erhobenem Messer, an. Dann lief er weg.
Und ich brach zusammen.
Die Polizei fand Josh schnell wieder. Sie verhafteten ihn. Die Schule
war geschockt. Und ich sitze hier und gestatte dem Mörder meines
besten Freundes, seine Hände auf meine Schulter zu legen und mir
seine Gründe anzuhören. Ich zittere am ganzen Körper, doch ich
schlage seine Hände nicht weg. Die Kraft habe ich nicht. »Ich habe es
nur gut gemeint für uns, Mia. Wirklich, nur gut gemeint. Bitte, glaub
es mir, vergib mir!« Das Zittern erstarrt. Ich höre seine abscheulichen
Worte, unfähig zu begreifen, dass ein Mensch so etwas gut meinen
kann. dass er meinen kann, ich könnte ihm vergeben. Mit einer
entschlossenen Bewegung stehe ich auf und schlage ihm ins Gesicht.
Jetzt hat meine Wut Kraft.

102

Nathalie Lauterbach

Die kleine Elster
Es regnet.
Normalerweise würde ich jetzt nicht durch die kalten, sterilen
Flure des örtlichen Krankenhauses gehen, sondern auf dem Fensterbrett sitzen, die Stirn gegen das kühle Glas gelehnt und der Welt dabei
zuschauend, wie sie hinter einem grauen Schleier versinkt.
Unaufhörlich würde der stete Rhythmus der prasselnden Tropfen
an meine Ohren dringen und mich langsam in einen Zustand der
Ruhe versetzen, in dem ich ungestört jedem Gedanken – und mag er
noch so ausschweifend sein – nachgehen konnte.
Nur langsam komme ich voran. Es scheint, als wollten meine Beine
mich nicht mehr tragen. Menschen gehen an mir vorüber, doch ich
beachte sie gar nicht. Ich bin gerade in meiner eigenen Welt. Und ich
bin darin ganz allein.
Das Feuer würde fröhlich im Kamin prasseln und der kleinen Hütte,
die meine Großmutter stolz ihr Eigen nannte, Wärme und ein Gefühl
der Behaglichkeit verleihen. Meine Großmutter selbst säße in ihrem
alten, durch die vielen Jahre des Gebrauchs schon ziemlich verschlissenen Sessel und wäre damit beschäftigt, mit dem Füller das dicke
Notizbuch zu füllen, das mein Großvater ihr zum fünfzigsten Hochzeitstag geschenkt hatte.
Ich ziehe meinen Mantel enger um mich, in der Hoffnung, ich
könnte damit die Kälte vertreiben, die mich zu verschlingen droht.
Ich gucke noch einmal in die Tüte in meiner Hand und vergewissere mich, dass das Notizbuch wirklich darin liegt. Wie könnte ich es
jemals vergessen? Sie braucht es noch … ganz sicher … sie muss.
»Geschichten«, hatte meine Großmutter einmal gesagt, »sind wie
Menschen. Nur dass sie Tinte statt Blut und Papier statt Knochen
haben. Und Worte … Worte sind ihre Gedanken. Ihre Gefühle. Ihr
Leben. Man muss sich ihnen mit viel Zuneigung, Geduld und Liebe
widmen, wie du es bei einem Kind auch machen würdest, sodass sie
schließlich, wenn sie vollendet sind …« »Was?«, hatte ich nachgehakt.
103

»Was ist dann?« Der Blick meiner Großmutter war zum Kamin gewandert und in ihren Augen hatten sich die tänzelnden Flammen widergespiegelt. »Dann sind sie etwas, das anderen viel Kummer, aber auch
viel Freude bringen kann. Es kommt ganz darauf an. In jedem Fall
sind sie. Und zwar ganz und gar«, war ihre Antwort.
Mein Blick kann sich nicht auf etwas fixieren, sondern huscht hin
und her, wie auf der Suche nach etwas, an dem er sich festhalten kann.
Dieses Etwas ist schließlich ein Bild. Ein Foto oder eine Kopie – was
von den beiden, war mir im Moment vollkommen egal – von Pablo
Picassos Taubenbild.
Im Garten meiner Großmutter war auch immer ein Vogel zu Gast.
Allerdings keine Taube. Er saß oft auf dem alten Eichenast. Anstatt
sich in sein kleines Nest zu flüchten, hockte er immer darauf, als
würde es auch ihm Spaß machen, dem Regen zuzuschauen und dabei
die Gedanken schweifen zu lassen.
Eines Tages hatte ich meiner Großmutter gesagt, dass ich die Elster
nicht mochte. Sie war ein gieriges kleines Biest, das sich nur allzu
leicht von schönen, glänzenden Sachen beeindrucken ließ. »Kannst
du es ihr denn verübeln?«, hatte meine Großmutter entgegnet. »Es ist
nur allzu leicht, sich von solchen Dingen blenden zu lassen. Außerdem
ist nichts daran verkehrt, sich an dem zu ergötzen, was dir Freude
bereitet. Und wenn dir das mit so etwas Einfachem gelingt, wirst du
dein Leben lang keine Schwierigkeiten haben, fröhlich zu sein.«
Ich habe auch eine Sache gefunden, die mir ein Leben lang einen
Grund gegeben hat, fröhlich zu sein. Doch jetzt fürchte ich, dass ich
sie verlieren werde. Ich richte den Blick wieder nach vorne und sehe
einen Arzt, der auf mich zustrebt. In seinem Gesicht kann ich bereits
die Antwort sehen, auf die eine Frage, die einfach nicht über meine
Lippen kommen will. Die Tüte entgleitet meinen zittrigen Händen
und ich höre ein dumpfes Geräusch, als das Buch darin auf dem Boden
aufschlägt. Doch es kümmert mich nicht. Es kümmert mich gar nichts
mehr. Ich bin gerade in meiner eigenen Welt – und sie stürzt ein.
Es regnet.
Es fühlt sich an, als würden mich die Tropfen auf die Erde niederdrücken. Als würde sich das Wasser um mich herum sammeln und mir
104

die Luft zum Atmen nehmen. Der Regen vermischt sich mit meinen
Tränen und rinnt mir kühl die Wangen hinab. Auf der Beerdigung
habe ich viele Gesichter voller Schmerz und Trauer gesehen. Doch
diese Leere, diese hoffnungslose, schwarze Leere scheint offenbar nur
an mir zu nagen. Ich stehe vor dem Grab. Ihrem Grab. Es besteht
nur aus einem schlichten, rein weißen Grabstein, in dem ihr Name
und ihre Lebensdaten eingraviert worden sind. Davor liegen mehrere
Blumen, hauptsächlich Rosen. Das zeigt, wie wenig die meisten doch
meine Großmutter gekannt haben. Bedächtig lege ich die mitgebrachte weiße Lilie auf die dornigen Blumen. Zwischen dem ganzen
Rot scheint sie beinahe zu strahlen. Rein und filigran sieht sie aus. Sehr
zerbrechlich.
Jetzt fehlt nur noch eins. Beinahe zögernd nehme ich das Notizbuch aus meiner Tasche und lege es vor die Lilie. Die letzten Nächte
habe ich damit verbracht, ihre Geschichten abzuschreiben. Der Schlaf
hatte sowieso nicht kommen wollen und so habe ich auf dem Fensterbrett gesessen, dick eingehüllt in die selbstgestrickte, flauschige Wolldecke meiner Großmutter, und Wort für Wort alles genau abkopiert.
Nach etlichen Versuchen hatte auch schlussendlich ein kleiner Verlag
Interesse an den Geschichten gezeigt und bald würde das Werk so
vieler Regentage, die Sonne, das Licht der Welt, erblicken. Ich habe
selbst eine Geschichte hinzugefügt. »Die kleine Elster« heißt sie, und
ich verstehe nun, was Großmutter einmal, vor dieser gefühlten Ewigkeit, gesagt hat. Eine Geschichte ist. Und diese, so kommt es mir vor,
ganz besonders.

105

Romina Schmidt

Drabbles
Gleichheit
Die Sonne scheint hinab auf den kleinen Spielplatz. Eltern sitzen auf
kleinen Holzbänken und beobachten ihre Schützlinge, die mit leuchtenden Augen ihre Abenteuer erleben.
Das Geschrei von Kindern umgibt die beiden, dennoch sind sie
in Stille gefangen, die niemand brechen mag. In diesem Moment
erzählen sich die beiden mehr als in jedem Gespräch. In ihrer Stille
versetzen sie Berge, bauen Schlösser, die im Himmel schweben, und
verschenken Schlüssel für Herzen. »Ich liebe dich«, sagt die Stille der
einen Person. »Ich liebe dich«, erwidert die andere Stille mit geflügelten Worten.
Zwei Mädchen sitzen auf Schaukeln und halten sich an den
Händen.
Wahr
Goldenes Licht auf jedem von uns. Wir laufen über den Sand, der
Sonne entgegen, die leise in das Wasser eintaucht. Das Meer umspielt
rauschend unsere Füße. Menschen fotografieren diesen Moment,
wollen ihn festhalten. Wir auch. Denn es ist schön. So einfach.
Ich entdecke die Sprüche im Sand. Sie sind überall, manche kaum zu
lesen. Mit gesenktem Kopf gehe ich an den Spuren entlang, murmele
leise die Wörter vor mir her.
»Was ich suche, ist hier an meinen Füßen, strömt durch meine
Hände, reibt an meine Wangen und gewinnt mein Herz.«
Der Blick auf das Meer, ein Lächeln auf den Lippen.

106

Himmlische Interpretation
Goethe im Himmel, schaut auf die Erde, beobachtet die verzweifelten
Schüler.
Ein Lehrer fragt seine Klasse: »Was möchte uns Goethe mit der
Alliteration ›bunte Blumen‹ sagen?«
Ein Schüler meldet sich. »Er möchte die Schönheit des Lebens
betonen. Bunt bedeutet Fröhlichkeit.«
Der Lehrer nickt zufrieden.
Goethe im Himmel runzelt die Stirn. Schiller kommt dazu. Schaut
auf die Erde. »Wieder Interpretationen?«
Goethe seufzt. »Wann verstehen die endlich, dass ›bunte Blumen‹
einfach nur ›verschiedenfarbige Blumen‹ bedeutet. Ich wollte doch nur,
dass der Leser die Abwechslung in der Landschaft vor seinem inneren
Auge sieht. Was ist überhaupt eine Alliteration?«
Schiller zuckt mit den Schultern.

107

Konstantin F. Petry

Mein lieber Charlie
Ich sitze hier in der Kammer und schreibe das hier, weil ich nicht weiß,
was ich sonst tun sollte. Auch sonst weiß ich vieles nicht: Wie ich
hierher gekommen bin, zum Beispiel. Hier zu sein, wirkt zu unwirklich, als dass es wirklich sein könnte, weshalb ich glaube, dass ich gar
nicht hier bin. Aber wo ich sonst bin, weiß ich auch nicht. Also sagen
wir am besten, dass ich hier in dieser Kammer bin. Und sagen wir,
damit es nicht so eintönig wird, dass da noch jemand ist.
Sagen wir: Du bist hier. Du sitzt neben mir auf deinem Bett und
schweigst. Ich blicke dich an. Deine Stimme habe ich noch nicht
gehört. Sagen wir mal. Du bist stumm. Genau, du bist stumm. Wir
sitzen hier zusammen aus Gründen, die wir beide nicht kennen. Ich
frage mich, ob dich das stört? Wie ich dich beschreiben soll – wie du
aussiehst, ist bestimmt etwas, das den potentiellen Leser dieses Textes
interessieren könnte, den ich aus purer Langeweile schreibe –? Lass
mich überlegen! Um das Seltsame dieses Ortes beibehalten zu können,
würde ich sagen, es wäre am besten, du wärst kein Mensch. Das würde
nebenbei auch noch erklären, dass du nicht sprechen kannst. Sagen
wir. Du bist ein Affe. Ich nenne dich Charlie. Du bist also ein Schimpanse. Wir verstehen uns gut, denn unser Zusammenleben ist geklärt:
Ich bin der Mensch und du bist der Affe. Ich kümmere mich ums
Essen und du sitzt einfach da. Von außen betrachtet, mag es seltsam
erscheinen, dass ich dich durchfüttere, aber wenn ich dich verhungern lassen würde, hätte ich ja niemanden mehr. Das spricht doch für
sich, oder etwa nicht? Das Essen besorge ich uns, mein lieber Charlie,
indem ich mit unserem Wärter rede. Ich weiß nicht, wieso ich ihn so
nenne, aber mir scheint es passend zu sein, denn ihr Tiere im Zoo seid
ja auch gefangen, genau wie wir, nicht wahr, mein Charlie? Ich sage
zum Wärter, dass wir etwas zu essen brauchen, und dieser antwortet,
das gehe klar, und gibt es mir. Dann kriegst du meine Banane und
ich dein Brot, was ein fairer Tausch ist, dass wir ja beide etwas vom
anderen bekommen. Wenn wir essen, essen wir gemeinsam, hier,
108

an dem Tisch, an dem ich gerade sitze und dies hier schreibe. Ich
blicke die Wand an, na ja, nicht wirklich, da ich mir ja, wie du weißt,
mein lieber Charlie, sicher bin, dass ich hier eigentlich gar nicht sein
kann. Ich habe es dir ja oft genug gesagt, als wir noch in dieser Zelle
zusammen eingesperrt waren, mein lieber Charlie, wie du dich sicher
noch erinnern kannst – jedenfalls hoffe ich das –, dass ich diesen Ort
und auch dich wohl erfunden habe, weil mir langweilig war.
Ich will dir berichten, was passiert ist, nachdem ich mich dazu
entschieden habe, dich aus diesem Gefängnis zu befreien. Du hattest
gerade deinen Hut aufgezogen, den ich dir ins Gefängnis habe schmuggeln lassen, damit ich mich, ich gebe es hier zu, mein lieber Charlie, an
diesem Anblick – du, mit Hut – erheitern und die schreckliche Lage, in
der wir uns beide durch mein Verschulden befanden, zu vergessen. Ich
weiß noch ganz genau, wie’s dann weiterging: Der Wärter kam heran
und las deinen Namen – »Charlie Chimp!«, rief er dabei aus – vor und
sagte. Du seiest endlich befreit. Ich stand auf und fragte: »Und ich?« –
»Sie müssen noch warten«, sagte er. »Noch sind Sie nicht befreit von
dem, was Sie getan haben.« Oft genug habe ich dir ja gesagt, dass ich
nicht weiß, was ich getan habe. Daran kannst du dich doch bestimmt
noch erinnern, nicht wahr, mein lieber Charlie? Also blieb ich nun
da, allein, vorerst, und du gingst. Traurig hast du mich angeblickt. Ja,
Charlie, ich sage es frei raus: Ich habe mich nach einem Menschen
gesehnt, doch in der Kammer war nur Platz für zwei! Und so habe
ich dich freigelassen, was ich für fair halte. Bedenke doch, mein lieber
Charlie, ich hätte dich auch töten können, anstatt dich freizulassen,
und habe es doch nicht getan – begreife es als eine Chance. Ich meine
es doch nur gut mit dir. Du bist frei. Hab deinen Spaß, mein lieber
Charlie, ich vergesse dich schon nicht.
Aber, mein lieber Charlie, ich will dir sagen, was sich in unserer
Kammer verändert hat. Zwei ganze Tage lang saß ich vor meinem
Schreibblock, auf dem ich auch gerade das hier schreibe, und grübelte,
was ich als nächstes machen wollte. Ich fragte mich natürlich zuerst,
ob ich dich nicht lieber zurückholen sollte, aber dann bedachte ich,
dass ich mit jemanden reden wollte. Ein Mädchen!, schoss es mir
durch den Kopf. Wieso eigentlich nicht?
Und so schrieb ich auf: Die Tür geht auf, der Wärter kommt rein.
109

»Hier ist Ihre neue Mitbewohnerin. Ich will kein Schreien hören.«
Und so frage ich das Mädchen, das übrigens blond und großbusig ist
und auf den Namen Hilde hört, danach, was sie getan hat. Natürlich
weißt du, mein lieber Charlie, dass ich schon längst wusste, weshalb
sie hier war – verdächtigt sei sie geworden, etwas gestohlen zu haben,
natürlich zu Unrecht, wie sie sagt, was aber egal ist. Mich interessiert
es nicht, ob sie es war oder nicht, deswegen weiß ich es auch nicht.
Als nächstes habe ich mich an den Tisch gesetzt. Sie hat sich aufs
Bett gelegt, mich gefragt – wie ich’s mir ausgemalt hatte. »Wieso bist
du hier?« »Weiß ich nicht«, habe ich natürlich gesagt. Ich weiß es
ja wirklich nicht. Dann habe ich mir gesagt, dass sie das gar nicht
wollte, dass sie mich nicht wollte, was meiner Meinung nach großzügig ist, schließlich könnte ich mit ihr ja alles machen, wie ich auch
mit dir, mein lieber Charlie, alles hätte tun können, was ich wollte.
Stattdessen aber habe ich mir gedacht, dass es viel interessanter wäre,
wenn ich mir selbst befehlen würde, mich in sie zu verlieben. Das ist
also die Ausgangsposition, mein lieber Charlie, Hilde will mich nicht
und ich will Hilde, habe mir aber selber aufgetragen, diese Position
nicht zu verändern. Alles bleibt so, wie es ist, einfach, weil sich für die
begrenzte Textlänge, die mir zur Verfügung steht – 10.000 Zeichen,
also höchstens drei Seiten – eine unglückliche Liebesgeschichte besser
eignet als eine glückliche. Ich habe es dir ja oft genug erzählt, mein
lieber Charlie, dass es bei einer guten Kurzgeschichte nicht darum
geht, die Welt so darzustellen, wie sie sein könnte, sondern darum,
ganz ehrlich, wie sie ist. Mag sein, dass ich mich hiermit selbst nicht
dran halte, aber das ist egal, einfach, weil ich darauf nicht abziele. Das
weißt du hoffentlich, mein lieber Charlie.
Meine Tage mit Hilde laufen immer gleich ab. Sie liegt auf dem
Bett und lackiert sich gelangweilt die Fingernägel, während ich ihr
andauernd Geschenke mache. Sie freut sich ja auch darüber, denke
ich. Jedenfalls bedankt sie sich immer ganz artig: »Danke … ahm,
wie heißt Du noch gleich?« Charlie, da wurde mir klar, dass ich von
Anfang an in dieser Geschichte einen Fehler gemacht hatte. Ich hatte
dir einen Namen gegeben und Hilde – ich weiß, dass das ein bescheuerter Name ist, aber als Barbara oder Annika hätte meine Hilde nicht
funktioniert – auch, der Wärter besitzt vielleicht keinen Namen, aber
110

immerhin eine Bezeichnung, aber ich selbst – wie hieß ich? »Ich bin
einfach ich«, war deswegen meine Antwort, weil ich keine Lust hatte,
mir einen Namen zu überlegen. »Also kann ich dich einfach Du
nennen?«, fragte sie mich. »Ja«, sagte ich. »Das wäre wohl das Beste.«
Damit ist beschlossen: Ich heiße Ich. Ein seltsamer Name, ich weiß,
aber es ist das einfachste. Der Wärter nennt mich nun auch schon so –
immer, wenn ich das Essen für Hilde und mich besorge, sagt er: »Na,
Herr Ich, was hätten Sie denn gerne?« Ich bestelle dann immer Brötchen und Croissants, denn die liebt Hilde fast genauso, wie du, mein
lieber Charlie, deine Bananen geliebt hast. Ich hoffe, dass dort, wo
du jetzt bist, viele Bananen für dich bereit liegen. Hilde und ich essen
nicht zusammen. Sie liegt auf ihrem Bett und isst, ich sitze dabei am
Tisch. Ich habe ihr meine Croissants gegeben, in der Hoffnung, dass
sie mir etwas von ihren Brötchen abgibt, aber das tut sie nicht. Mit dir
war das Zusammenleben viel einfacher gewesen, mein lieber Charlie,
aber es war ja meine freie Entscheidung, eine Figur zu erschaffen, in
die ich unglücklich verliebt bin. Damit es mir nicht so weh tut, habe
ich es Hilde verboten, dass sie sich verliebt, und, um diese Möglichkeit gänzlich auszuschließen, ihr die Möglichkeit, Liebe oder Lust zu
empfinden, genommen. Was das angeht, habe ich meinen Stolz! Wenn
ich sie nicht haben kann, so soll sie kein anderer haben, denke ich mir.
Du, mein lieber Charlie, weißt ja, wie ich das durchziehe. Übrigens
wärst du der einzige, dem ich sie gönnen würde. Aber du hättest gar
kein Interesse an ihr und das ist gut so, schließlich bist du ein Affe und
sie ein Mensch.
Langsam werde ich ihrer überdrüssig. Meine Liebe ihr gegenüber
droht zu erlöschen. Auch sehne ich mich nach Nähe. Ich werde sie
wohl auch so verschwinden lassen. Das nächste Mädchen – denn wo
ich dich als einen Freund habe, brauche ich keinen zweiten – wird
brünett sein, denke ich mir. Vielleicht könntest du mir in einem Brief
antworten, mein lieber Charlie, falls du denn lesen könntest, welcher
Name dir besser gefällt – Barbara oder Maria wären ganz passend,
denke ich. Gerade, wo ich dies schreibe, geht die Tür auf und der
Wärter kommt: »Hilde Hildstein«, sagt er. »Sie sind befreit.« Hilde
steht auf, Kaugummi kauend, sagt: »Bye, bis dann irgendwann«,
und verschwindet. Ich frage, wie immer: »Und was ist mit mir?« »Sie
111

müssen noch warten, Herr Ich. Noch sind Sie nicht befreit von dem,
was Sie getan haben.«
Wenn ich doch nur wüsste, was das ist. Hast du eine Ahnung? Vielleicht sollte ich mal wieder an Piet, den Papageien, schreiben – der war
vor dir mein Mitbewohner in der Zelle. Was meinst du dazu, mein
lieber Charlie?

112

Lara Maibaum

Fort
Der Raum, nachthimmeldunkel. Ein einziger weißer Lichtkegel
durchbricht die Schwärze, wie ein Scheinwerfer den Stuhl gerichtet.
Quinn stößt mich mit der flachen Hand gegen den Rücken und sagt
mir, ich soll mich auf den Stuhl setzen und still halten. Ich tue, was
er sagt.
Ein Reh, das im Angesicht des auf es zukommenden schnellen
Lichtes stehenbleibt und ein Blinzeln später zerschunden und blutüberströmt am Straßenrand liegt.
Er nimmt mein dünnes linkes Handgelenk, legt es auf die
Armschiene, befestigt es mit grauem Teppichklebeband, das er mehrmals herumwickelt, fest anzieht. Mit meinen Waden und Fußgelenken verfährt er auf die gleiche Art. Dann nimmt er seinen Gürtel
und behält ihn einen Augenblick in der Hand. Es kostet mich meine
ganze Selbstbeherrschung, still sitzen zu bleiben, während er mit dem
Gürtel in der Hand vor mir steht. Panik ist eine Art wildes Tier, dass
unter allem wächst, was man für selbstverständlich und gegeben hält,
und eines Tages plötzlich tobend hervorbricht, wie ein schlüpfender
Drache. Eine instinktgesteuerte Bestie.
Ich bewege mich nicht, wie verlangt. Ich will nicht wissen, was er
tut, wenn ich gegen seine Regeln verstoße. Er legt mir den Gürtel
um die Hüfte, dann um den Stuhl, zieht ihn fest. Quinn geht wieder
hinaus. Als er zurückkommt, verbirgt er mit einer Hand etwas hinter
seinem Rücken.
Wir sind allein.
Ich habe viel geweint. Geschrien. Um mich geschlagen. Das war
nicht ich. Das war der Drache. Ich beginne, zu beten, als ob es mehr
nützen würde denn mich zu beruhigen.
Beschütz mich vor dem Bösen.
Er nimmt mein Kinn zwischen die Finger. Quinn sieht mich direkt
an. Zwischen unseren beiden weißblassen Stirnen nur wenige Zentimeter Abstand. Ich kann ihn atmen hören.
113

»Das wollte ich sehen«, sagt er. »Ich wollte schon immer mal eine
wie dich sehen, die Angst hat. Jetzt kannst du nichts tun, hmm? Räch
dich an mir, aber in diesem Moment bist du in meiner Hand. Angst
ist wie ein Werkzeug, um Macht zu erschaffen. Aber sie ist nicht nur
das Werkzeug, sondern auch das Material, die Grundlage der Macht.
Angst ist nicht statisch. Du kannst sie formen, du kannst sie bearbeiten, wie du willst; du kannst sie gegen jedes Ziel einsetzen, sie ist
effektiver als alles, was man auf dem Markt kriegen kann. Das habt ihr
doch immer gut verstanden, nicht wahr?«
Beschütze mich vor dem Bösen, oh Himmel, bitte, bitte.
»Mach den Mund auf«, befielt er. Die Stimme eisern, automatisiert.
Ich stellte mir vor, wie er diesen Satz heute schon zum fünften Mal
sagte oder zum Zehnten. Jede der neun Personen vor mir weiß, was
jetzt folgt, ich weiß es nicht. Ich weiß nur um den Schaden, den es an
mir, in mir anrichten wird. Reicht nicht das Wissen? Kann ich nicht
diesen Part überspringen und in einer Stunde aus der Bewusstlosigkeit
in meiner Zelle aufwachen?
Beschütz uns vor dem Bösen.
»Ich wiederhole nicht wieder etwas«, sagt er. »Mund auf. Ganz
einfach.«
In diesem Augenblick weiß man um all die, welche vorher schon
einmal hier saßen, weiß man es alles. All die Reden, wie man vergisst,
wer man ist. Die Methoden, sich schnell ein Ende zu machen. Dennoch
verhält man sich so, als würde man nichts von alledem wissen. Alle
Personen, die einen gelehrt haben, sind nicht hier. Sie sind weit fort.
Sie sind nicht einmal in Gedanken zu erreichen, sind nicht mehr existent, wie die Dinosaurier, die bloße Erinnerung unerreichbar.
All die Mantras, die man flehend und betend immer und immer
wieder im Hinterkopf hin- und herdenkt, haben ihre Bedeutung
verloren.
Beschütze uns vor dem Bösen.
Fuck it.
Vielleicht hatten sie niemals eine Bedeutung. Vielleicht gewinnen
sie ihre Bedeutung erst durch die Situation, in der sie die letzte Hoffnung werden.
Und ich öffne meinen Mund.
114

Ein Reh, vor einem Scheinwerfer. Ein siebenundachtzig Stundenkilometer fahrendes Auto. Das Auto wird nicht bremsen. Nicht früh
genug. Das Reh reißt die Augen auf und denkt an das große gelbe
Licht, das große, gelbe, rasend helle Licht, und es erstarrt.
Er zieht seine Hand hinter dem Rücken hervor. Mir entfährt ein
Keuchen, der Drache will aufspringen, er will rennen, fort, fort, fort.
Quinn hat ein etwa zwanzig Zentimeter langes, gläsernes Rohr in der
Hand. Es hatte den Durchmesser eines Golfballes, an den Enden abgerundete Metallteile. Im Inneren des Rohres strömt ein blauer, fluktuierender Stoff in unregelmäßigen Windungen, wirbelndes Gas. In
den Kolonien ist das Gerät als Pavor bekannt, erwähnt immer hinter
vorgehaltener Hand. Der Name allein bringt Menschen dazu, auf die
Knie zu fallen.
Ich habe es gesehen.
Ich habe es selbst angewendet, unzählige Male. Ich kenne seine
Wirkung.
»Es wird geschehen, du kannst nichts dagegen tun«, sagt er unbeeindruckt. »Mich wird nichts davon abhalten, dieses hier auszuprobieren.«
Quinn greift mir mit einer Hand in den Nacken, mit der anderen
schiebt er langsam das Pavor zwischen meine geöffneten Lippen. Die
gläserne Oberfläche drückte auf meine zuckende Zunge, berührte
seine Zähne. Es ist kalt, wie gefrorenes Metall. Ich wusste nicht, dass
es so kalt ist. Ich keuche wie ein asthmatisches Tier. Jeder Muskel
meines Körpers spannt sich an, eine Katze, die zum Sprung ansetzt
und doch nicht springen kann.
Alles ist dar und klar und hat doch keine Bedeutung, alles ist so
gering, selbst mein eigenes Leben, alles wird fort sein, es wird keine
Rolle spielen.
Seine Augen glühen wie winzige Kohlestücke, als seine Finger zu
dem runden Metallkopf am Ende der Röhre wanderten. »Keine Sorge«,
höre ich ihn hämisch sagen. »Wir fangen ganz sanft an.«
Er drückt die Metallscheibe hinunter, ich sehe es, ohne es zu realisieren. Für einen Augenblick geschieht nichts.
Schwarz, als wären meine Augen zwei verbundene Glühbirnen,
zwischen denen jemand den Draht durchgeschnitten hat. Eine
115

gewaltige Kugel aus schwarzer Lava donnert auf mich herab. Ich will
schreien, aber meine Stimme ist verschwunden, mein Herzschlag nur
noch eine verblassende Erinnerung. Von mir gibt es nur noch den
Rest einer nackten Seele, um mich herum ein schwarzes glühendes
Flammenmeer. Die Kugel hebt sich. Sie ist aufgeladen. Blitze zucken
in meinem Kopf, ich will sterben, in der Lage, mich zu bewegen, zu
schreien, das Reh, das Licht, der Drache, Quinns Augen, es muss alles
nur eine Illusion sein, nur eine Illusion, es ist nicht echt, ich kann
nicht atmen, es ist eine Illusion.
Die Kugel explodiert in einem elektrischen Gewitter.
Fort.
Mein Gehörsinn ist etwas schneller wieder da als mein Augenlicht.
Quinn lacht hart. Er wartet ein oder zwei Minuten, bis ich meinen
unkontrolliert zuckenden Körper wieder beherrschen kann, dann
beginnt er wieder zu sprechen.
»Na los. Sag es.«
»Bitte«, flehe ich. »Gnade, bitte.«
»Braves Mädchen.« Er hebt meinen Kopf erneut ein, beinahe desinteressiert. »Ich könnte es noch einmal tun und noch einmal und noch
einmal, mit einem höheren Grad an Angst und Schmerzen, und, glaub
mir, ich würde es auch gerne tun, so lang bis du mir wimmernd die
Füße küsst. Aber das werde ich nicht. Das ist nicht in unserem Sinn.
In unserem Sinn ist, dass du erfährst, was du den Leuten angetan
hast.«
Ich versuche, an etwas zu denken. Dieses Etwas zerspringt in aberhundert kleine Scherben. Beschütze keine Ahnung wen. Ich kann an
nichts denken. Zum ersten Mal in meinem Leben kann ich an nichts
denken. Fort. Die Worte sind fort. Alles von Wichtigkeit ist fort.
Die Kugel hat es mit sich gerissen; alles ist gefallen.
Er bewegt den Pavor wieder ein wenig, er spielt, aber sein Daumen
liegt nicht mehr auf der gewölbten Metallscheibe.
Ich kann nicht mehr atmen.
»Ganz ruhig«, sagt er leise, als er es bemerkt. »Ich tue dir nichts.
Ganz ruhig.« Er spricht wie mit einem Tier, das stillhalten soll, damit
man es schlachten kann.
»Schau mir in die Augen.«
116

Ich schaue ihm in die Augen. Sie haben die Farbe von tief gefrorenen blauem Polareis. Er zeigt keine Regung, die über gelangweilte,
desinteressierte Routine hinausgeht, aber vorhin war da noch mehr, da
war eine Flamme, als er den Auslöser herunterdrückte.
»Ab jetzt wird es einfach«, sagt er, als er langsam mit einer Hand
beginnt, das Klebeband zu lösen. »Du warst brav. Du bekommst ein
paar Tage, um den Schock zu überwinden. Dann werden wir dich
zu deinen Leuten zurückschicken, und du wirst nach und nach ihre
Waffenstellungen, Barrikaden, Abschusscodes verraten. Ihr mögt in
der Überzahl sein, aber das System, dass ihr verteidigt, ist alt, krank,
verloren. Kurz gesagt – ihr seid die Bösen, Kleine. Wir sind die
Guten.«
»Warum?«, bringe ich hervor.
»Ihr habt meine ganze Familie umgebracht. Meine beiden kleinen
Kinder, meine Frau, meinen Bruder. Meine Freunde wurden in euren
Gefängnissen zu Tode gefoltert oder haben in euren Arbeitslagern
geschuftet, bis sie umfielen. Meine Eltern wurden von eurer Geheimpolizei abgeholt, aus der Welt gelöscht, und ich kann mich nicht mehr
an ihre Gesichter erinnern.«
Er hat den Pavor noch in der Hand.
Dann steckt er ihn fort.
Es ist vorbei. Es ist fort. Tränen rinnen mir über das Gesicht. Alles
fort, mein Charakter, meine Ängsten, Gebeten, Freuden, Schwüren,
Versprechungen, der Drache, fort.
Ich bin ein unbegangenes Schneefeld.
»Du hast mich um Gnade gebeten. Das nennt man Gerechtigkeit.
Mir ist klar, dass du davon noch nie gehört hast.«
Er löst den Gürtel, löst die Fußfesseln.
Als er vor mir steht, glaube ich, ihn schon sehr lange zu kennen.
Ich weine haltlos, bringe nicht mehr hervor als das eine Wort, danke,
erstickt und erleichtert.
Sooft habe ich Leute wie mich nun gesehen. Sie flehten mich auf
Knien um Gnade an. Sagten, ich solle ihre Familien nehmen, nicht
sie.
Ich habe ihnen nie Gnade gegeben.
Fort.
117

Auch das. Es ist fort.
Da sind nur Quinns Augen. Der Mann mit dem Gürtel in der
Hand. Ich weiß, ich werde ihn niemals vergessen. Ich werde seine
Augen sehen, wenn ich jemals wieder lachen, weinen, fliehen oder
fangen, lieben oder verlassen sollte.
Ich werde es nie wieder tun.
Polareisblau.
»Ich hoffe, deine Schatten werden dich und deinesgleichen eines
Tages nieder hetzten«, sagte er hasserfüllt und verlässt den Raum.

118

Luisa Brock

Vom Gehen und Bleiben
Es war still im Zimmer. Lukas mochte diese nächtliche Stille. Sie war
nicht tot. Man konnte das Leben spüren das sich hinter den Mauern
der Häuser schlafen gelegt hatte und ausruhte. Müde, aber lebendig.
Er blickte zum Fenster. Das gelbe Licht der Straßenlaterne fiel auf
die nasse Fahrbahn. Es hatte geregnet zwischen eins und zwei. Lukas
wusste das, denn ungefähr zu dieser Uhrzeit war ihm klargeworden
dass er in dieser Nacht keinen Schlaf mehr finden würde. Das war in
Ordnung. Es passierte öfter, war zwar nicht schön, beunruhigte ihn
aber nicht weiter. Es musste jetzt angenehm draußen sein nach dem
Regen. Nicht mehr so brütend heiß wie in den letzten Wochen. Vielleicht sollte er ein Stück gehen …
Der alte Mann schlug die Augen auf. Der Wecker warf die Uhrzeit
in roten Zahlen an die Decke. Mitten in der Nacht … Er seufzte. Je
älter er wurde desto eher wurde er wach. »Wie schwachsinnig eigentlich«, dachte er, »als ob ich heute mehr verpassen würde als früher.«
Heute würde er nicht mehr schlafen können. Er blickte auf den leeren
Platz im Bett neben sich.
Am Anfang hatte er sich jedes Mal erschrocken, wenn er wach
wurde und sie war nicht da. Oder er hatte überlegt, wo sie um diese
Uhrzeit sein könnte. Sie waren immer gemeinsam ins Bett gegangen.
Fünfzig Jahre lang. Nahezu jeden Abend. Am Morgen stand sie immer
zuerst auf.
Das Haus grenzte fast an den Wald. Nur eine große Wiese lag
dazwischen. Auf dieser Wiese könne man sehen wie der Morgen
geboren wurde, hatte sie einmal zu ihm gemeint. Und sie begrüßte
den Morgen immer. Jeden Tag war er davon aufgewacht. »Was machst
du?« – »Nach dem Rechten sehen«, hatte sie geantwortet. Immer.
Deswegen stand sie zuerst auf. Jeden Morgen. Fünfzig Jahre lang. Bis
vor einem halben Jahr. Er war fast überrascht dass die Sonne trotzdem
aufging. Obwohl sie nicht aufgestanden war, um sie zu begrüßen. Ja er
war fast erschüttert dass der Morgen begann, obwohl sie kalt und starr
119

dalag. Neben ihm. Im Bett. Er blickte aus dem Fenster. Zum Wald.
Zur Wiese. Nebelschwaden hatten sich gebildet und waberten als
unförmige Gestalten durch die Dunkelheit. Vielleicht sollte er nach
dem Rechten sehen.
Das Pfatschen seiner Schuhe auf der nassen Straße klang unglaublich
laut durch die Straßen. Diese Stadt war still. Es war zu spät, als das
noch jemand unterwegs hätte sein können. Doch auch wenn er früher
unterwegs gewesen wäre, Lukas bezweifelte das er nach Anbruch der
Dunkelheit noch viele Menschen angetroffen hätte. Eigentlich traf
man hier nie viele Menschen. Es gab keine Disko, aus der Betrunkene
laut grölend heimtorkeln, keine Bar, aus der enttäuschte Singles leise
heimschlurfen konnten. Es gab kein Kino, aus dem frisch Verliebte
kichernd und flüsternd hätten heimhuschen können. Eine Kneipe gab
es, aber die schloss mit dem letzten Gast und der blieb hier selten bis
nach neun. Diese Stadt war schon fast tot, fand Lukas. Er sehnte sich
nach Geschäftigkeit und Leben. Nach Menschen und Geräuschen
und Lichtern in der Dunkelheit. Nach dem Geräusch von Straßenbahnen und feiernden Fußballfans und der gedämpften Musik die aus
Nachtclubs schlug wenn jemand die Tür öffnete. »Hab Geduld«, sagte
er sich, »bald wirst du Lärm haben, wenn du nachts auf die Straße
gehst. Bald bist du hier weg.«
Der alte Mann hatte beschlossen noch einmal durch die Stadt zu
gehen. Es war noch Zeit bis sich der Morgen über der Wiese erheben
würde. Dann würde er dort sein. Aber bis dahin ging er noch einmal
die Straßen die ihm so vertraut waren. In denen er als Kind gespielt
hatte. Oft Verstecken oder Fußball. Manchmal Krieg. Mit Stöcken
und Steinen. Ein Ortsteil gegen den anderen. Er schüttelte den Kopf.
Wie dumm Kinder sein konnten. Als wären die Zeiten nicht kriegerisch genug gewesen. Deswegen hatte die Mutter immer über dieses
Spiel geschimpft. Aber Kinder dachten anders. Erst später hatte er sie
verstanden.
Lukas ging an seiner Schule vorbei. Die Fenster waren leer und
dunkel. Noch zwanzig Schüler weniger und sie würden dunkel bleiben.
In wenigen Stunden würden die Lichter angehen, müde Lehrer und
noch müdere Schüler würden in die Klassenzimmer strömen. Hier
120

begannen ihrer aller Geschichten. Einige von ihnen würden eine
Ausbildung machen, andere Studieren, in Betrieben der Umgebung
lernen, sich etwas aufbauen. Vielleicht würden einige sich selbstständig machen, ein Unternehmen im Tal gründen, hier arbeiten, hier
leben, hier sterben. Manche würden weggehen. Die meisten würden
weggehen. Lukas auch, da war er sicher. Die Menschen, das Wetter,
die Träume, die hier niemals Wirklichkeit werden würden. Es deprimierte ihn. Die Stadt starb, das spürte er. Ein Schiff das schon zu lange
auf See war. Lange würde es nicht mehr fahren und er hatte keine Lust
mit ihm unterzugehen.
Es war nicht immer einfach gewesen in der Stadt. Manchmal hatte
der alte Mann ans weggehen gedacht, aber er hatte hier seinen Platz.
Er hatte hier gespielt, gelernt, geliebt, geheiratet, hatte viele Menschen
gewonnen und verloren. Wie viele andere, denen die Stadt ein Zuhause
gewesen war. Aber sie hatte sich verändert im Laufe der Zeit, war älter
geworden, verschlossener und leerer. Es gingen mehr Menschen als
zurückkamen, starben mehr als geboren wurden. Sie wollten kein
Zuhause, sie wollten ihre Träume leben. Und die hatten eine andere
Kulisse. Wärmer, heller, lebendiger, mit mehr Firmen, die international erfolgreich waren, mehr Chancen, wie sie glaubten. Mehr Läden,
Nachtclubs, Theater … Er sah auf die Uhr. Wenn er den Morgen
beginnen sehen wollte, musste er zurück.
Lukas bog in die Straße zu seinem Haus ein. Bald würden seine
Eltern aufstehen und er wollte nicht erklären müssen wo er gewesen
war. Seine Mutter würde Frühstücksbrote schmieren. Drei Stück, eins
für sich, eins für Lukas und eins für seinen Vater. Dann würde sie ihre
graue Tasche nehmen und in die Bäckerei gehen, wo sie als Verkäuferin arbeitete. Wie immer. Vermutlich wusste sie genau was sie dort
tun würde, wie jeden Tag. Sein Vater würde zum Arbeitsamt gehen. Er
war Koch, eigentlich, aber mittlerweile tat er auch jeden anderen Job
damit das Geld reichte. Die Leute gingen einfach nicht mehr weg in
dieser Stadt. Sein Vater hatte das nicht kommen sehen, als er damals
seine Ausbildung anfing. Lukas glaubte zu wissen was kam, glaubte zu
sehen. Und was er sah war anders. Woanders.

121

Konstantin F. Petry

Schlaflos
(aus dem Zyklus »Nacht«)
Die Grillen zirpen monoton
wie das Rauschen
der Autobahn in der Ferne
Und ich lausche
dem minimalistischen Hymnus der Nacht

Schöne Welt
für Allen Ginsberg
Ewig umschlungen das Eins ineinander
egal wie zerbrochen es auch scheint das Ganze
das Leidende Zersprengte
auf den Straßen die Verstoßenen Weisen Heiligen
in den Bars die Buddhas der Tiefe des Glases mit rotunterlaufenen
Augen & einem im Tee verzweifelt für so viele schon verstorben
aufgegeben von der Welt
der heilen Welt der ewig heiligen Familie
verstoßen aufgegeben die die so heilig sind wie alle anderen
wie die gesunden Menschen in den gesunden Häusern mit den
gesunden Familien
die zerbrechen die sterben sich verlieren in einem Strudel der
wahnsinnigen Normalität
in der Anonymität Verfremdung
Digitalisierung Globalisierung Entmenschlichung
die folgt auf Schritt & Tritt mit unserer Begeisterung für die
Entweltlichung
& ihrer Kälte dem mechanischen Schritt
die lieblose Welt
122

hyperventilierend gestört wunderbar auf dem Sprung immer vernetzt
stets & ständig erreichbar zusammen wachsend
leidend wie eh & je das Ganze
ewig jeder gleich verflochten miteinander leer auf dem Sprung on the
run on the road irgendwohin sich betäubend
im Stahlgewitter der Öffentlichkeit
geistlos tief in jeder Pore
Oberflächenkratzen als Höchstes der Gefühle in der
Schlagzeilenemotionsmaschinerie
so viele Tatsachen keine Fragen
kein einziges menschliches Wort nur verfälschte Gefühle vor der
Werbepause
dem Blitzlichtgewitter des Kommerzes
alles ist kaufbar jeder ist käuflich alles ist wunderschön in der
Barbie-Plastik-Welt
alles käuflich jeder bezahlbar
in der Presslufthammersinfonie ohnmächtiger Akustikwellen
stöhnenden Fleisches
künstlicher Gesichter strahlend weißer Spiegelzähne
jeder ist schön jeder ist bezahlbar verfügbar freundlich gut reich
intelligent
jeder ist wunderbar alles ist großartig so wie es ist
alles käuflich jeder bezahlbar
niemand sagt ein falsches Wort alle sind so verständnisvoll
im Fernsehen im Radio überall
keiner der noch kritisiert keiner der dazwischenredet
keiner der auf die Nerven geht
alles geht seinen Gang im Gleichschritt
keiner weicht ab Gott an den eigentlich keiner mehr glaubt sei Dank
keiner weicht ab keiner sagt ein einziges Wort
jeder spricht & ist doch am Schweigen
wozu auch wenn man Gefühle so einfach fälschen kann
ein bisschen Drama auf dem Fernsehschirm
Feuer Hurrikane Amok-Lauf Krise & schon schrumpft das Hirn
ach wie schön
& alles geht wieder den gewohnten Gang
123

Zu den Autorinnen und Autoren
JUDITH BERNET, Jahrgang 1996, geboren in Ilmenau, lebt in Oehrenstock; zurzeit Schülerin
LUISA BROCK, Jahrgang 1998, geboren in Zella-Mehlis, besucht
derzeit das Heinrich-Ehrhardt-Gymnasium in Zella-Mehlis
ANNE BÜTTNER, Jahrgang 1980, Arbeit und Leben in Berlin und
Erfurt – bei Stau auch mal dazwischen; schreibt redaktionell und
literarisch; Veröffentlichungen in Zeitschriften, Magazinen und im
goldenen Buch der Familie; erste prämierte Kurzgeschichte 2008; seit
2012 Mitglied im Friedrich-Bödecker-Kreis Thüringen; www.annebuettner.de
JÖRG ENGELMANN: Jahrgang 1982, Studium der Philosophie und
Germanistischen Literaturwissenschaft in Dresden, lebt in Erfurt und
begeistert sich für Erzählungen von F. Kafka und R. Dahl; wäre sehr
gerne Zeppelin-Steward geworden
NADINE KELLNER, Jahrgang 1996, wohnt in Feldkirchen-Westerham,
derzeit Studium der Geschichte und Sprache/Literatur/Kultur in
München, arbeitet beim Studentenmagazin Philtrat; Veröffentlichungen: »Ein geflüsterter Name« im Preisträgerheft »Junge Hunde«
(aus der »Literaturtasche«) und demnächst »Dumpfe Augen« in der
Anthologie des zeilen.lauf-Wettbewerbs
RICCARDA KIEL, Jahrgang 1995, derzeit Studium der Sozialen Arbeit
in Kassel; u. a. 1. Preis beim Provinzschrei-Literaturwettbewerb (2010)
und Wartburgkreis-Talente-Preis (2013)
STEVE KUSSIN: Jahrgang 1984, geboren in Görlitz, lebt als freier
Autor und Schauspieler in Jena; Initiator der thüringenweiten Lesebühne Wir Auch und theater-improvisiert mit dem Rababakomplott;
Drehbuchförderung durch das Land Thüringen (2013), Stadtschreiber
124

in Ranis (2014); zahlreiche Veröffentlichungen in Anthologien und
Literaturzeitschriften, im Dezember 2014 erscheint sein erstes Buch
»Der ungebetene Gast«
NATHALIE LAUTERBACH, Jahrgang 1997, lebt in Bad Langensalza,
derzeit Schülerin am Friedrich-Ludwig-Jahn-Gymnasium Großengottern
NORMAN LAUTERBACH, Jahrgang 1977, lebt in Holzsußra, gelernter
Tischler und derzeit in der ambulanten Intensivpflege tätig; Veröffentlichungen im hEFt für literatur, stadt und alltag
MAXIMILIAN LUDWIG, Jahrgang 1991, geboren in Wuppertal, lebt in
Weimar; Veröffentlichungen: »Der Verkauf« in LEONID-Kulturmagazin (2012), »Der Fotograf« in möchte Magazin (2013); Lesungen auf
Lesebühnen in Erfurt, Leipzig, Jena
LARA MAIBAUM, Jahrgang 1999, wohnt in Gotha und geht dort auf
das Arnoldi-Gymnasium; Gewinn eines Preises beim Wettbewerb
Thüringer-Buchlöwe 2013 (Kategorie Lyrik) und Teilnahme am Poetry
Slam in Gotha
KONSTANTIN F. PETRY, Jahrgang 1997, geboren in Eisenach, lebt in
Weimar und geht hier derzeit in die 11. Klasse des Friedrich-SchillerGymnasiums
RONNY RITZE, Jahrgang 1980, Journalist, Inhaber des Niederburg
Verlags Stadtilm; hat bisher diverse Erzählungen in Anthologien veröffentlicht; www.ronnyritze.de
ANN-KATHRIN ROTH: Jahrgang 1989, geboren in Lauterbach, seit
2009 Studium der Rechtswissenschaften an der Friedrich-SchillerUniversität Jena. Veröffentlichungen unter anderem in der Anthologie
des OVAG-Jugendliteraturpreises 2009-2013, der Nagelprobe 19-21 und
der Open-Mike-Anthologie 2011

125

ROMINA SCHMIDT, Jahrgang 1997, wohnt in Neudietendorf und
macht gerade ihr Abitur
USCHI V. SCHMIDT, Jahrgang 1984, geboren in Erfurt, lebt in Jena;
Veröffentlichungen in Parsimonie, trashpool und hEFt für literatur,
stadt und alltag
ANNA SIEBERT, Jahrgang 1993, geboren in Erfurt, seit 2012 Studium
der Politikwissenschaft, Südosteuropastudien, Arabistik und Kaukasiologiein in Jena; Veröffentlichungen im hEFt für literatur, stadt und
alltag (2013) und als Preisträgerin des 30. Jungen Literaturforums
Hessen-Thüringen
LAURA Caterina ZIMMERMANN, Jahrgang 1988, geboren in Karlsruhe; Studium an der Universität Erfurt und an der Universität zu
Köln (Medienpädagogik und Interkulturelle Kommunikation)
JAKOB ZWIEBLER, Jahrgang 1989, wohnt in Erfurt; derzeit Austauschjahr in La Plata (Argentinien); Tätigkeit(en): Spazieren, Träumen,
Tango tanzen, vegan kochen, grundlos lachen, lesen, ins Kino gehen –
manchmal studiert er auch (Literaturwissenschaft)

126

Die Welt der Bücher!
Bei uns finden Sie die Riesenauswahl an Büchern,
Geschenkideen, DVDs, Kalendern und Spielen!

Hugendubel. Für jeden mehr drin.

Die Welt der Bücher 2x in Erfurt:
Anger 62, Thüringen Park - Nordhäuserstr. 73

127

Die Anthologie vereint die preisgekrönten Beiträge
des Eobanus-Hessus-Schreibwettbewerbes der Jahre
2011 bis 2014. 19 junge Autorinnen und Autoren
aus Thüringen geben darin einen Einblick in ihr
literarisches Schaffen.

www.hessus.eburg.de
ISBN 978-3-944919-08-9
128

Sign up to vote on this title
UsefulNot useful