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Manuskript

in Arbeit

Vom Ernst des Lebens

Christine Wirth
www.christine2006.npage.de
https://twitter.com/Yael2006

Arbeitsschritte:
Erstformatierung

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Kapitel 1

Knightsbridge, 1958

U m zwei Uhr nachmittags stand Rupert Taylor


Grayson unter einer erbärmlich tröpfelnden Dusche
in seinem Appartement in der Halkin Street und war gerade
aufgestanden. Nichts war schöner, als nach einer lauen
Nacht erst einmal den Schweiß und die Mühsal der
vergangenen Stunden abzuwaschen. Nicht dass er als
promovierter Taugenichts und angehender Professor für
englische Literatur das Nachtleben mit all seinen
„Verlockungen“ ausgekostet hatte; es gab Wichtigeres als
das, er war jung und hatte alle Zeit der Welt, die er am
liebsten zum Schlafen nutzte, nachdem sein Studentenalltag
eher turbulent verlaufen war. Eine dieser Turbulenzen
bestand darin, in Oxford Miles Mayhew kennengelernt zu
haben, der ihn mit schöner Regelmäßigkeit heimsuchte, und
zwar gerade dann, wenn er seine Ruhe haben wollte (und die
wollte er eigentlich immer).
Weniger zartfühlende, oberflächliche Zeitgenossen würden
Grayson für blutleer, zerstreut und lethargisch halten. Miles
Mayhew nicht. Schon auf der Uni war er wie eine Klette an
Rupert gehangen, während sich Professoren, Dozenten und
Kommilitonen einhellig fragten, was jemand an einem
Mauerblümchen wie ihm finden konnte, wenn man überdies
die Griechisch- und Lateindozenten in die Tasche steckte
mit seinem Wissen und in den abendlich stattfindenden
Zirkeln die Studenten verzauberte mit seinem poetischen
Gemüt.
Aber Miles war nicht nur klug und kultiviert, er besaß
auch ein großes Herz für Versager wie Rupert Grayson. Für
die hatte er ein Gespür, das so untrüglich war wie der dem

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Blitz folgende Donner. Heimlich mutmaßte Rupert, die
Basis ihrer Freundschaft bestünde aus der Berechnung, dass
in seiner unscheinbaren Gegenwart Miles’ vielfältige
Talente und sein properes, gesundes Aussehen noch
strahlender zur Geltung kamen, doch er tat ihm unrecht
damit. Dennoch konnte er sich dieses Eindrucks nicht
erwehren. Freunde hatte er aufgrund seiner Verschlossenheit
noch nie gehabt, und wenn, dann nur Klassenkameraden, die
seine Gutmütigkeit und Naivität früher oder später zu ihrem
Vorteil ausnutzten und ihn dann mieden wie die Pest.
Irgendwann würde auch Miles in Versuchung geführt
werden, da war er sich ziemlich sicher.
Seine Körperpflege wurde vom Klingeln der Türglocke
unterbrochen. Es wäre verständlich gewesen, hätte er den
Besucher warten lassen und darauf gehofft, dass er zu einem
günstigeren Zeitpunkt wieder käme, doch er rubbelte in aller
Eile sein störrisches Haar halbwegs trocken und schlang das
Handtuch um die Hüften, um triefnass über das
altehrwürdige Wohnzimmerparkett zu lavieren, auf das Mrs.
Simms, die Vermieterin, so stolz war. Flecken darauf
würden einen Kündigungsgrund bedeuten.
Die unverwechselbare, hünenhafte Silhouette des
Störenfrieds zeichnete sich vor der Milchglasscheibe der
Haustür ab; es war Miles. Als hätte er es vorausgesehen.
Außer einen Hausierer oder Vikar hatte er auch keinen
anderen erwartet, wenngleich der Kontakt seit ihrem
Studienabschluss sporadischer geworden war und auf kurz
oder lang ganz einschlafen würde, was Rupert nicht einmal
wirklich bedauerte. Er konnte eine Nervensäge sein, dieser
Mayhew.
Als Rupert öffnete, zwängte sich Miles gegen seine
Gewohnheit ohne Begrüßung, dafür mit einem Koffer
beladen an ihm vorbei in die Wohnung. Am Eingang musste
er den Kopf einziehen. Neben seiner stattlichen Figur, die
sich auf fast zwei Meter erstreckte, fühlte sich Rupert, der
ebenfalls recht großgewachsen war, in seiner entblößten

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Schmalbrüstigkeit wie der Zwerg aus dem Märchen.
Trotzdem war Miles sein bester Freund, und genauer gesagt
auch sein einziger.
„Bist du allein?“ Seine Stimme verriet den
Oxfordabsolventen, aber keinen Akzent. Den hatte er sich
abtrainiert auf der Universität. Rupert selbst war das trotz
aller Bemühungen nie gelungen.
„Selbstverständlich“, quakte er in breitestem
Surreydialekt, über den er sich insgeheim ärgerte, der aber
immer wieder durchbrach. „Hast du mich je in Gesellschaft
gesehen?“
Hektisch und seufzend fuhr sich Miles durch das dunkle
Haar, das er normalerweise mit Brillantine bändigte und um
das ihn Rupert nebenbei bemerkt beneidete.
Eigentlich hätte er nun eine kleine Spöttelei angebracht,
die des Freundes Ruf als Eremit untermauerte. Er unterließ
es. Irgendetwas schien nicht zu stimmen. Rupert bot ihm
eine Zigarette an, die er mit einer fahrigen Handbewegung
ablehnte. Sein graublauer Blick aus beseelten, großen Augen
durchbohrte ihn und wirkte zugleich merkwürdig unstet.
Rupert fühlte sich bemüßigt, Interesse zu heucheln und
schaffte es sogar, ein wenig schroff zu klingen, was ihm
umgehend leid tat.
„Was ist los? Hast du einen triftigen Grund, in aller
Herrgottsfrühe in meine Privatsphäre einzudringen?“
Der Wutausbruch des anderen imponierte Miles nicht über
die Maßen; da war er noch ganz der alte. „Paris“, sagte er
beiläufig an die Decke, als philosophierten sie über das
Wetter. „In einer Stunde fährt ein Zug. Wir werden viel
Spaß haben.“
Hätte Miles ihm eine Reise zum Mond offeriert, wäre
Ruperts Erstaunen nicht größer gewesen. Er starrte Miles mit
offenem Mund an. Daran, dass der es ernst meinte, bestand
kein Zweifel. Obwohl Miles einen sehr skurrilen Humor sein
eigen nannte, ahnte Rupert, dass er auf irgendeine Weise in

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der Klemme steckte und ihm in dieser Lage nicht nach
Scherzen zumute war.
„Ich muss mir das überlegen, Miles …“
„Verflixt, Rupert“, explodierte dieser, zum zweiten Mal
völlig gegen seine Gewohnheit. Rupert zuckte zurück. „Ich
habe keine Zeit für Überlegungen. Und ich habe dich nicht
gebeten, mitzukommen. Ich nehm’ dich einfach mit,
verstehst du? Ich hab nämlich kein Geld, um das Hotel zu
bezahlen!“
„Geld … sag’ das doch gleich“, murmelte Rupert, täppisch
zur Kommode stolpernd. Er wunderte sich, dass der
Zeitpunkt des Ausnutzens früher gekommen war als er
vermutet hatte und es nicht wenigstens subtiler geschah.
Miles Mayhew war der geborene Bonvivant und stammte
aus einer reichen und angesehenen Familie, deren Vorfahre
ein renommierter Politiker im 17. Jahrhundert gewesen war
und von dessen Ruhm die Mayhews heute noch in Gestalt
einer Villa in Belgravia zehrten; ein finanzieller Engpass
war gewiss nicht der Grund, weshalb er dermaßen aufgelöst
bei ihm hereinschneite. „Das kann ich dir geben, einen
Augenblick … ich möchte es aber wieder zurückhaben“,
fügte er hastig, wie um Entschuldigung bittend, hinzu.
„Sobald du dazu in der Lage bist, natürlich. Hat keine Eile
…“
Abrupt erhob sich Miles und stellte sich Rupert in den
Weg, der vor Schreck beinahe das Handtuch fahrenließ. Er
umfasste die nackten Schultern des Freundes (die steil
abfallenden Melancholikerschultern, wegen denen sich
Miles einmal geprügelt hatte. Rupert hätte froh und stolz
sein sollen, in Miles einen so glänzenden Verteidiger gegen
die berüchtigten Sticheleien von Burns und Pembroke
gefunden zu haben, doch stattdessen fühlte er sich
gedemütigt. Zu allem Überfluss hatte Burns ihm bei dem
Gefecht die Nase gebrochen, so dass Rupert stets von
Schuldgefühlen übermannt wurde, wenn er Miles ins
Gesicht sah) und sprach plötzlich sehr leise, als müsse er

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ihm ein Geheimnis einschärfen, das unter allen Umständen
eines bleiben sollte.
„Ich will kein Geld, das war ein Scherz. Ich will mit dir
nach Paris fahren, das ist keiner. Du warst noch nie dort,
oder? Siehst du. Ich tu’ dir einen Gefallen. Nie kommst du
raus aus deinem Loch. Das soll sich jetzt ändern.“
„Ich … das geht nicht. Die Bewerbungsschreiben … was
soll denn daraus werden?“, protestierte Rupert weinerlich,
seine Mundwinkel zogen sich unwillkürlich nach unten.
Miles unterschätzte häufig seine physische Kraft; wie ein
Schraubstock umklammerte seine Hand Ruperts mageren
Oberarm. Sich bewusst werdend, dass er ihm wehtat,
lockerte er den Griff. Auf seiner Stirn standen
Schweißperlen, die Rupert erst jetzt bemerkte. Eine
Haarsträhne, die ihm in die Stirn gefallen war, klebte auf
seiner makellosen Haut, und er wischte sie mürrisch zur
Seite.
„Auf der Uni versauern kannst du dein ganzes restliches
Leben noch. Das ist die Gelegenheit, Rupert! Sei kein
Spielverderber!“
„Habe ich Geburtstag?“ Jetzt wurde er doch neugierig,
oder tat zumindest so. Anders würde er Miles nicht
abwimmeln können. Außerdem schien ihn tatsächlich etwas
zu bekümmern. Die gehetzte Art war nicht typisch für den
sonst so in sich ruhenden Miles.
„Zieh dir was an, pack’ ein paar Sachen zusammen und
frag nicht lang. Tickets habe ich gelöst, mehr kannst du im
Moment nicht verlangen. Keine Sorge, ich komm’ für alles
auf.“
Jetzt nahm er doch eine Zigarette aus dem offen
daliegenden Etui und zündete sie an. Er inhalierte so heftig,
dass sich in seinen Wangen Löcher bildeten. Rupert wagte
keine Widerrede mehr. Es war Irrsinn, ohne Nachricht an
Mrs. Simms oder seine Eltern das Land zu verlassen, aber in
Miles’ Augen trat ein abweisend glasiger Ausdruck, der ihm
sagte, dass weiteres Intervenieren zwecklos sei. Tief Luft

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holend und mit dem für ihn charakteristischen Gezappel,
wandte er sich um und öffnete den Wandschrank, um Miles’
Aufforderung Folge zu leisten. Währendessen fühlte er
beschämt den Blick des Freundes auf sich, als würde er sich
in seinen Rücken einbrennen. Sowie er sich angekleidet und
umgedreht hatte, bemerkte Rupert, dass Miles betont
gelangweilt seine Fingernägel inspizierte und das offenbar
schon eine ganze Weile getan hatte. Vermutlich bildete sich
Rupert zuviel ein. Manchmal war er schon ein wenig
paranoid, das musste er sich selbst eingestehen. Er war
einfach zu oft allein. Eventuell würde ein wenig
Abwechslung gar nicht schaden. Sonst wäre er eines Tages
ein schrulliger, alter Junggeselle, der sich die Abende mit
Patiencen legen vertrieb. Bis auf alt war er ohnehin schon
nahe davor. Aber was war eigentlich so verwerflich daran?
„Paris liegt in Frankreich, nicht?“ sagte er im Versuch,
Miles zur Konversation zu bewegen. Schweigsamkeit kannte
er nicht an ihm, und die Stille lastete unheimlich in dem
kleinen, vollgestopften Raum. Wie aus einer anderen Welt
blickte Miles zu ihm auf und blinzelte.
„In Frankreich“, wiederholte Rupert unsicher lachend.
„Glaubst du wirklich, wir haben dort Spaß? Ich spreche kein
Französisch. Du?“
„Es genügt“, sagte Miles, sein Ton war barsch. Barscher
als der von Rupert vor einigen Minuten. Doch verglichen
mit Ruperts ‚Schroffheit’ klang sogar das Fräulein vom Amt
sauertöpfisch.
Als er gewahr wurde, dass er unhöflich reagiert hatte,
zwang er sich zu einem Lächeln. „Entschuldige. Ich bin ein
bisschen nervös, weil ich Angst hatte, einen Korb von dir zu
kassieren. Es bedeutet mir viel, dass du mitkommst (als hätte
er – Rupert – eine Wahl gehabt!). Natürlich werden wir Spaß
haben, Rupert (er verachtete den laxen Umgangston in
Oxford und hatte weder Rupert noch sonst einen
Kommilitonen „alter Knabe“ genannt). Weißt du nicht, was
das heißt, Paris?“ Er breitete die Arme aus, womit ein Stück

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der alten Heiterkeit zurückerobert wurde, mit der sich Miles
in geselliger Runde gerne schmückte. Rupert fühlte sich
etwas besser. „Wein, Weib und Gesang. Und die Liebe, die
vor allem. In Frankreich weiß man noch zu leben. Es wird
dir gefallen.“
Rupert warf einen bedeutungsvollen Blick auf den
chaotisch gepackten Koffer.
„Wie lange bleiben wir denn?“
Langsam erhob sich Miles, um das im Übereifer falsch
zugeknöpfte Hemd seines Freundes korrekt zu schließen. Er
ging bedächtig zuwerke und ohne Scheu, als sei diese fast
intime Handlung für ihn eine Selbstverständlichkeit, so wie
der große Bruder dem kleinen, noch ungeschickten, die
Hosenträger fixiert.
Ruperts Adamsapfel hüpfte, als ihm der herbe Duft von
After Shave in die Nase stieg, gepaart mit Miles’ Atem, der
unter dem Zigarettenrauch verräterisch nach
Pfefferminzbonbons roch. Hatte Miles getrunken? Das war
nicht seine Art. In den Jahren von Oxford hatte er den Ruf
eines Abstinenzlers genossen, das einzige Manko, womit
man ihn hatte aufziehen können.
Er schniefte. Irgendwie kam er sich nun doch völlig
überrumpelt vor. Spontaneität lag ihm nicht, genauso wenig
wie das Neinsagen. Wenn er doch bloß nicht so schwach
wäre und sich durchsetzen könnte! Es gegen Miles nicht zu
können, war zwar keine Schande, kränkte sein ohnehin
geringes Selbstwertempfinden jedoch empfindlich.
Miles’ volltönende Stimme senkte sich zu einem
Brummeln, als er zum guten Schluss fast liebevoll Ruperts
Krawatte zurechtzupfte.
„Drei Wochen halt’ ich dich aus. Dann kannst du
verlängern, wenn’s dir gefällt. Und das wird es, darauf wette
ich.“
Wie lange er selbst bleiben wollte, ließ er offen. Als sie
schließlich mit Sack und Pack das Appartement verließen,
fiel Rupert etwas ein.

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„Ich bin noch nüchtern und meine Eltern muss ich
anrufen…“
„Das kannst du unterwegs“, schnitt Miles ihm das Wort
ab, auf einmal hatte er es wieder sehr eilig.
Rupert mochte naiv und gelegentlich blauäugig sein;
dumm war er nicht. Für Miles war Paris kein Urlaub, soviel
stand fest.

~*~

Während der Zugfahrt von London nach Dover verfiel


Rupert in grüblerisches Schweigen, da Miles, der ihm
gegenübersaß, keinerlei Anstalten machte, eine Unterhaltung
in Gang zu bringen, sondern sich sofort hinter „Krieg und
Frieden“ verschanzte, als sei ihm Ruperts Anwesenheit
unangenehm. Hin und wieder legte er das Buch auf sein
Knie und schaute Rupert prüfend an, jedoch nur für
Bruchteile von Sekunden, so dass Rupert keine Zeit blieb,
sich ein interessantes Thema auszudenken, solange Miles’
Aufmerksamkeit ihm und nicht Tolstoi gewidmet war. Die
Luft kam Rupert stickig vor, er öffnete das obere Fenster
und schloss es gleich darauf wieder, als ihm die Zugluft den
Atem nahm. Miles hatte überhaupt nicht reagiert.
Widerstrebend versuchte Rupert, es ihm gleichzutun und
griff nach einem Buch, das er in aller Eile in seine Tasche
geworfen hatte, doch Emily Brontë gelang es nicht, ihn von
seinem Unwohlsein abzulenken. Im Gegenteil, durch das
Ruckeln und seiner ungünstigen Sitzposition verschlimmerte
sich das flaue Gefühl im Magen.
Endlich räusperte er sich und nahm seinen ganzen Mut
zusammen. Da der Freund den Anlass der Reise nicht zur
Sprache brachte, würde er versuchen, es unverfänglicher
anzupacken. Seinen Dank dafür, dass Miles für alle Kosten
aufkam, hatte der mit einer lässigen Handbewegung
entkräftet.

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„Warum willst du ausgerechnet mich mitnehmen? Du hast
so viele andere Bekannte. Die hätten sich bestimmt mehr
gefreut. Und eigentlich kennen wir uns gar nicht besonders
gut.“
Abermals senkte Miles das Buch. In seine Augen trat ein
verschmitzter Ausdruck. Er konnte etwas Lausbübisch-
Verschwörerisches haben, trotz seiner Weltgewandtheit.
„Eben“, sagte er. „Alte Bekanntschaften langweilen mich.
Und Frohnaturen sowieso.“
Damit war das Thema abgehakt. Rupert seufzte. Immerhin
war Miles bisher ein unaufdringlicher Reisegefährte, fast zu
distanziert, fand Rupert. Sollte er nicht um das Wohlergehen
seines Begleiters bemüht sein wie der Gentleman, als der er
sich so gerne brüstete? Rupert hatte entdeckt, dass der Zug
über einen Speisewaggon verfügte, doch da er sich nicht
traute, Miles den Vorschlag zu machen, eine Kleinigkeit zu
essen, ohne für einen Vielfraß gehalten zu werden, blieb er
stumm und mit den Bewegungen des Zuges schwankend
sitzen. Ohne dass er es benennen konnte, hatte er das Gefühl,
sich daneben benommen zu haben. Als er elend aufsah,
nickte ihm Miles ermutigend zu. Missvergnügen oder gar
Mitgefühl schien er nicht zu kennen. Wahrscheinlich war es
schwer für einen so extrovertierten Menschen, sich in Rupert
hineinzuversetzen, der jetzt gerne einen Gin gehabt hätte,
um seine Bedenken bezüglich der Reise hinunterzuspülen.

Auf der Gangway zur Fähre nach Calais forderten die


Aufregung und sein unüberlegtes Handeln, das ihn innerlich
aufwühlte, ihren Tribut: plötzlich wurde ihm schwarz vor
Augen. Er strauchelte, grapschte nach dem Geländer und
kämpfte verzweifelt um seine Sinne, dieweil er das Gefühl
hatte, auf einer Rolltreppe zu laufen. Es gab kein Zurück.
Die Welt, die Rupert vertraut war, seine Bücher, sein
Zufluchtsort und alles, was ihm lieb und teuer war, Ruhe
und Geborgenheit in seinem Appartement, ließ er hinter

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sich, und das, davon war er überzeugt, für lange, lange Zeit,
wenn nicht gar für immer.
Alles, was er noch mitbekam, war Miles’ Arm um seine
Taille und ein überraschter Ausruf aus dessen Mund, bevor
seine Knie weich wurden wie Gummi und er in Ohnmacht
fiel.
~*~
Unaufhörliches Tätscheln auf sein Gesicht brachte ihn
wieder zu sich. Um dem auszuweichen, warf er den Kopf
zur Seite und stöhnte theatralisch. Miles oder irgendjemand
aus der um ihn herumstehenden, gaffenden Menge hatte ihn
in einen der Liegestühle an Bord verfrachtet und in eine
braune, kratzende Decke gewickelt. Die Hoffnung, schlecht
geträumt zu haben, zerplatzte jäh. Vor ihm hockte sein
Freund und stieß einen Stoßseufzer aus.
„Rupert! Alles in Ordnung mit dir? Mach das ja nicht noch
einmal! Ich war außer mir vor Sorge. Du bist doch nicht
krank?“
Er schickte sich an, aufzustehen, die Sensationslust der
Passagiere und des Fährenpersonals war ihm peinlich, zu
seinem Schreck lief er puterrot an. Sanft, aber bestimmt
drückte Miles ihn in den Stuhl zurück.
„Bleib liegen. Der Kapitän lässt dir einen Whisky bringen,
danach geht’s dir besser.“
„Oh Gott“, ächzte Rupert und versuchte den Kopf zu
heben, der immer noch schwirrte. Alles drehte sich, er
glaubte, in ein tiefes Loch zu fallen, aus dem es kein
Entrinnen gab. „Kein Whisky. Ich habe – habe nicht
gefrühstückt, das wollte ich dir noch sagen … seit heute
morgen.“
Eine adrette Blondine in Uniform kredenzte ihm ein Glas
Whisky, das er automatisch auf Ex leerte. Langsam und ein
wenig enttäuscht zerstreuten sich die Schaulustigen; es war
kalt an Deck. Der Wind zauste Miles’ Deckhaar, als er sich
aufrichtete und, die Fäuste in den Rücken stemmend, den
Blick über den Kanal schweifen ließ.
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„Ich hol’ dir was zu essen“, erbot er sich, sah Rupert aber
nicht an. Doch der hatte keinen Hunger mehr. Eher hätte er
sich in die schäumende Gischt am Heck der Fähre gestürzt
und wäre nach Dover zurückgeschwommen als einen Bissen
hinunterzuwürgen. Er hatte nicht gewusst, dass Heimweh so
schmerzhaft sein konnte.
„Mir ist kalt“, jammerte er. „Lass uns reingehen.“
Miles half ihm gegen seinen Willen auf und stützte ihn
fürsorglich, genauer gesagt hievte er den Freund fast fünf
Zentimeter über den Boden zum trockenen Unterstand.
„Bald sind wir drüben auf dem Festland“, tröstete er Rupert,
der ihm noch blasser schien als sonst und auf dessen Gesicht
sich hektische Flecken abzeichneten, die er als Indiz einer
schwerwiegenden Magenverstimmung deutete. Kein
Wunder, dass er so schmächtig war wie ein Grashalm, wenn
er mit seinem Sinn fürs Unpraktische und dem
stundenlangen Brüten über Lektüre selbst die
Nahrungsaufnahme vergaß. Im Stillen wettete Miles, dass
Rupert noch nicht einmal ein Spiegelei braten konnte. Na ja,
er würde ihm noch so manches beibringen müssen …
Körperliche Nähe trug nicht gerade zu Ruperts
Entspannung bei. Berührungen machten ihn nervös, er
konnte es nicht verhindern. Überdies schmeichelte ihm
paradoxerweise Miles’ Aufmerksamkeit mehr als die
Prügelei es seinerzeit getan hatte, und so konnte er sich nicht
entschließen, was ihn mehr aufregte: Miles’ starke Präsenz
oder seine beinahe aufopferungsvolle soziale Ader, die sogar
für Rupert da war.
Als sie sich auf einer Bank niederließen, zauberte Miles
ein Sandwich aus seiner Tasche und reichte es Rupert.
„Du musst was essen“, meinte er entschlossen. „Oder ich
lass’ dich wieder nach Dover zurückpaddeln. Wenn du sonst
irgendwas brauchst in Zukunft, scheu’ dich bloß nicht, es
mich wissen zu lassen. Falsche Bescheidenheit hat schon so
manchen Idiot Kopf und Kragen gekostet.“

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Der Rest der Überfahrt verlief ohne weitere Zwischenfälle.
Der Himmel klarte auf, und mit dem durchbrechenden
Sonnenstrahl fasste Rupert ein Quentchen Hoffnung, dass es
doch nicht so übel sei, auf Reisen zu gehen. Nach dem
Imbiss belebte ihn ein wenig Unternehmungsgeist, seine
bleichen, eingefallenen Wangen röteten sich in diffuser
Vorfreude. Mit Miles an seiner Seite wäre er für jegliche
Unannehmlichkeiten gewappnet. Außerdem war es ja nicht
so, als entführte man ihn. Er konnte jederzeit zurück, Miles
hatte es versprochen.
„Glaubst du, es gibt hübsche Mädchen in Paris?“ fragte er
verschämt kichernd und knuffte Miles linkisch in die Seite.
„Bestimmt“, antwortete Miles geistesabwesend, doch man
hörte ihm die Freude über Ruperts schlagartige
Verwandlung an. „Ich hab gehört, die sollen hübscher sein
als unsere.“ Er vergrub sich wieder in seinem Tolstoi und
beachtete Rupert nicht mehr, der sich bis zum Ende der
Fahrt mit Däumchendrehen begnügen musste und schon
wieder von Gewissensbissen geplagt wurde.

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Kapitel 2

D as erste, das Rupert an Frankreich feststellte und


am Abend verdrießlich in sein Tagebuch notierte, war
die übertriebene, nach seinem Dafürhalten sogar gekünstelte
Art. Alles, was die Franzosen machten, musste laut, grotesk
und schrill sein. Der Empfang der Fähre zum Beispiel.
Keiner der Leute dort kannte irgendjemand auf dem Schiff,
und trotzdem umringten sie die Ankommenden wie lang
Verschollene, schmatzten einzelne von ihnen ab und
begrüßten sie mit unverständlichem Singsang, der wild und
wie entfesselt hin und her flog. Als ein zahnloser Greis
Rupert in einem - zumindest in seinen Ohren - wenig
freundlich klingendem Ton ansprach und ihm dabei feine
Speichelfäden ins Gesicht schleuderte, nickte er artig und
hakte seine Finger in der Gürtelschlaufe von Miles’ Mantel
fest, ehe die Menge ihn von ihm fortgerissen hätte.
Unwillkürlich fragte sich Rupert, ob alle Franzosen nichts
Besseres zu tun hatten, als den lieben langen Tag am Quai
zu stehen oder ob aber die Ankunft einer prominenten
Persönlichkeit bevorstand.
Mit mondäner Gelassenheit winkte Miles einem Taxi, das
wie reserviert auf sie zuschoss. Dienstbeflissen stieg der
Fahrer aus und half ihnen unter einem Redeschwall des
Willkommens mit dem Gepäck. Aus seiner Servilität hätte
man schließen können, dass Miles die Prominenz sei, die
erwartet wurde. Ganz so unzivilisiert waren sie also doch
nicht, die Franzmänner. Keiner sollte Rupert
Voreingenommenheit nachsagen, und so ließ er sich sogar
zu einem schüchternen Grinsen an die Adresse des Fahrers
hinreißen. Der Kerl redete und redete, es schien ihn nicht zu
stören, dass er keine Antwort erhielt; Miles war wieder
einsilbig geworden, nachdem er dem Fahrer die Zieladresse

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mitgeteilt und mit ihm einige Höflichkeitsfloskeln
ausgetauscht hatte.
~*~
Ebenso wie seine Bewohner zeigte sich Paris laut, schrill,
grotesk und zudem auch noch schmutzig. Der Taxifahrer
jagte seinen Wagen hupend und wie ein angestochenes
Schwein über die breiten Chausseen, auf denen ohne Sinn
und Regeln der Verkehrsordnung getrotzt wurde. Sein
rasanter Fahrstil verursachte Rupert erneut Übelkeit.
Mehrmals wurde er im Fond gegen Miles geschleudert, der
ihn nachsichtig lächelnd gerade hinsetzte.
Ganz nach Miles’ exklusivem Geschmack hatte er dem
Fahrer eines der teuersten Hotels in der Innenstadt genannt.
Ehrfürchtig folgte ihm Rupert durch die vergoldete Drehtür
über den spiegelblanken Marmorboden, auf den er zunächst
vorsichtig den Fuß setzte, um sicherzugehen, nicht
auszurutschen. In den Ecken des hohen Foyers luden
polierte, von exotischen Pflanzen und Palmen flankierte
Ledermöbel zum Verweilen ein. Eine junge Frau saß mit
überkreuzten Beinen in einem Sessel und las konzentriert in
einem Modejournal. Schnell wandte Rupert den Blick ab
und schloss zu Miles auf, der sich nach einer kurzen
Schäkerei mit dem dürren Portier im Hotelregister als Victor
Mason eintrug. Verdutzt zog ihn Rupert am Ärmel.
„Was soll das? Du bist doch nicht …“
Miles legte den Finger über die Lippen. „Scht. Du wirst
mich ab jetzt so nennen. Und so tun, als ob du mein Bruder
wärst. Ab heute heißen wir beide Mason, hast du das
verstanden?“
Rupert ging auf, dass der Name „Mason“ eine
Verballhornung ihrer beider Nachnamen war. „Victor“
lautete Miles’ zweiter Name, nach seinem Vater, so stand es
in seinem Abschlusszeugnis. Obwohl er nicht den leisesten
Schimmer hatte, was Miles mit einem Pseudonym
bezweckte, fand er Gefallen an dem Spiel. Er hatte gar nicht
gewusst, dass Miles eine so ausgeprägt kindliche Seite hatte.
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„Mir soll’s recht sein, Vic.“
Mit dem Kinn auf eine gläserne, messinggefasste Zelle
deutend, flüsterte Miles: „Der Portier sagt, du kannst dort
drüben telefonieren. Sag’ deinen Eltern, du seiest auf
Anraten deines Arztes auf Klettertour in den Schweizer
Alpen oder auf Kur in Bad Kissingen. Auf keinen Fall
erzählst du ihnen von mir, und dass du aus Paris anrufst.
Lass dir irgendwas einfallen, das sie dir glauben.“
Wie ein geprügelter Hund schlich Rupert zum Telefon.
Nichts würden sie ihm glauben, dazu kannten sie ihn zu gut.
Er war ein schlechter Lügner, der sich sofort verriet. Und er
hatte keinen Arzt. Eigenartig auch, dass Miles nicht erwähnt
werden wollte. Gut, seine Eltern mochten ihn nicht
besonders, hielten ihn für einen schlechten Einfluss auf den
tugendhaften Sohn, aber war das jetzt nicht übertrieben?
Was sollte er sagen?
Als er hinter der Glaswand den Hörer abnahm, wurden
seine Finger feucht, sein Atem ging schwer. Miles wartete,
er hatte ihn genau im Visier. Rupert fiel ein, dass er keine
Ahnung hatte, wie die Auslandsvorwahl für Britannien
lautete. Und überhaupt. Wenn er jetzt die Stimme seiner
Mutter hören musste, die über den Kanal an sein Ohr drang,
konnte er für nichts garantieren. Morgen würde er einen
Brief schreiben, das wäre am besten. Auf diese Weise hätte
er Zeit, sich seine Worte genau zu überlegen.
Miles versicherte er, dass alles geklärt sei. Er schien doch
nicht ganz so miserabel zu flunkern: jedenfalls bekundete
Miles keinerlei Skepsis.
Der Page, ein flinker, drahtiger Bursche um die Zwanzig
mit sonnengebleichtem Blondhaar, das durch den
Garçonschnitt sein ovales, leicht gebräuntes Gesicht betonte,
bestand darauf, ihre Koffer zu tragen, obwohl er viel zu
schmächtig wirkte, um die beiden schweren Taschen
hochzuwuchten. Er schaffte es dennoch und erntete ein
anerkennendes Zwinkern von Miles, das er mit einem

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Strahlen quittierte und dabei sehr weiße, furchteinflößend
lange Zähne entblößte.
Im Lift übte er sich im Smalltalk; sein Englisch war
beinahe perfekt.
„Sie sind zum ersten Mal hier? Die Stadt wird Ihnen
gefallen. Alle Touristen mögen Paris, besonders zu dieser
Jahreszeit. Ich komme aus Nîmes. Südfrankreich. Mein
Onkel hat mich hergebracht. Zuerst wollte ich nicht, aber
jetzt, nach zwei Jahren, bin ich froh, dass er so hartnäckig
war. Man lernt viele interessante Leute kennen, und manche
sind sehr spendabel. – Hier steigen ja ziemlich reiche Leute
ab, Politiker, Sänger ... Schauspieler auch. Ich habe ein
Autogramm von Gene Kelly, wollen Sie es sehen?“ Ohne
eine Antwort abzuwarten, nestelte er in seiner Uniformjacke
herum und drückte es Rupert in die Hand.
„Toll“, kommentierte Rupert lahm, indem er auf das von
beneidenswerter Vitalität strotzende Porträt starrte. Der
irische Name ließ ihn an ein Mitglied der Sinn Fein-Partei
denken, wenngleich die Kostümierung irgendwie deplaziert
anmutete. Vielleicht wollte er nicht erkannt werden.
Miles wölbte tadelnd die Brauen.
„Heben Sie es gut auf. In ein paar Jahren hat es sicher
beachtlichen Wert.“
Der Page nahm das vom vielen Herumzeigen zerfledderte
Foto an sich und neigte geringschätzig den Kopf ob soviel
Gleichgültigkeit, während seine vollen Lippen einen
Schmollmund andeuteten. Anscheinend war es nicht das
gewesen, was er hatte hören wollen. Die grünen Augen
hinter schweren Lidern verdunkelten sich, und er wippte
schweigend auf den Fußballen.
„Ein gutaussehender Mann und einmaliger Tänzer“,
versuchte Miles die Situation zu retten. „Er war phantastisch
in Urlaub in Hollywood. Aber fast noch besser als
d’Artagnan.“
Die Miene des Pagen hellte sich auf. „Sie haben seine
Filme gesehen?“

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„So gut wie alle“, bestätigte Miles. „Er ist unglaublich
vielseitig. Gute Entertainer gibt es nicht viele, aber Gene
Kelly gehört definitiv dazu.“
„Ich habe auch ein Autogramm von Marlene Dietrich“,
sprudelte der Page hervor. „Aber das hängt zuhause in einem
Rahmen. Wenn Sie möchten, bringe ich es morgen mit – wir
sind da. Ich wünsche einen angenehmen Aufenthalt,
Messieurs.“ Er stellte die Koffer an der Tür ab und wies
einladend in die weitläufig geschnittene Suite. Miles gab
ihm Trinkgeld, soviel, dass Rupert an diesem Tag beinahe
zum zweiten Mal ohnmächtig wurde. Das gesamte
Vermögen der Mayhews oder zumindest Miles’ Erbanteil
musste offenbar für diesen sonderbaren Urlaub verprasst
werden, ganz so, als hätte Miles eine absurde Wette mit sich
selbst geschlossen.
Ein furchtbarer Gedanke schlich sich in sein Gehirn, den
er fast nicht auszudenken wagte. Was, wenn dieser Urlaub
Miles’ endgültig letzter war? Womöglich hatte man eine
unheilbare Krankheit diagnostiziert und seine Eltern ihm den
letzten Wunsch gewährt, der darin bestand, eine andere
Kultur kennenzulernen? Aber wäre Miles dann so
unbeschwert? Doch es würde seine Geheimnistuerei um den
Grund der Reise erklären. Aber auch seine Unbeschwertheit,
die – soweit Rupert es beurteilen konnte – weder gekünstelt
wirkte noch als Ablenkungsmanöver gedacht war?
Eigentlich würde Rupert aufgesetzte Fröhlichkeit doch
erkennen, oder? Gott, er wusste sehr wenig über den
Menschen, den er für seinen Freund hielt. Aber was wusste
er überhaupt über die Menschen?
Vom Wechselkurs des Francs war ihm ebenfalls nichts
bekannt. Der Page bedankte sich mit dem Lüpfen seiner
Kappe und stopfte die Scheine eilig in die Jackentasche, als
hätte er Angst, Miles könnte seine Großzügigkeit bereuen.
„Wie heißen Sie?“ Miles’ Frage klang weder aufdringlich
noch anzüglich. Irgendwie gelang es ihm, immer den
richtigen Ton zu treffen. Der Page fühlte sich geschmeichelt,

18
das war ihm anzusehen. Ein wenig verlegen spielte er mit
den Knöpfen seines Kragens, ohne dass es ihm bewusst war,
da er zu Miles aufsah, der ihn um einen Kopf überragte.
„Delaroche, Monsieur. Julien Delaroche.“
„Victor“, stellte sich Miles seinerseits vor und streckte ihm
die Hand hin, die der Page umgehend ergriff und herzlich
schüttelte. „Hätten Sie Lust, für uns nach Feierabend ein
wenig den Fremdenführer zu spielen? Natürlich nur, wenn es
Ihnen passt. Ich würde mich sehr freuen – genau wie mein
Bruder Rupert. Wir lassen uns nicht lumpen, Julien.“
Der Page nahm Rupert beiläufig aus den Augenwinkeln
wahr, sah auf die Uhr und nickte dann. „D’accord. Ich habe
in drei Stunden Dienstschluss. Ich warte hier auf Sie.“
Rückwärts entfernte er sich und nickte beiden noch einmal
zu, ehe er beschwingt und leise pfeifend den Flur hinunter
ging.
Neugierig durchstreifte Miles die Suite, in der die Farben
Creme, Braun und Weiß in dezenten Schattierungen
vorherrschten. Die hohen Decken waren mit Stuckleisten
und an die Rokokozeit erinnernden Reliefs verziert,
geschmackvolle Drucke von bekannten Gemälden hingen an
den Wänden. Erleichtert stellte Rupert fest, dass die Betten
durch ein Nachtschränkchen getrennt waren und nicht - wie
in Suiten üblich, in denen normalerweise Ehepaare logierten
- direkt nebeneinander standen.
Seufzend ließ er sich auf das Bett nahe dem Fenster fallen,
durch das der Lärm der Straße zu hören war. „Miles.“
Der Freund wandte sich um, er war ganz in die
Inspizierung des Badezimmers vertieft gewesen. „Ja?“
„Ich … ähm … ich wollte dich fragen …“ Plötzlich
übergoss ihn heiße Röte, er sah zu Boden und verstummte.
Falls Miles tatsächlich krank war, hätte er bald niemanden
mehr, der sich ein bisschen um ihn scherte. Oh, er
verabscheute seinen Egoismus, und konnte doch nicht
anders. Obendrein war das Thema von so delikater Natur,
dass es ihm schwerfiel, die richtigen Worte zu finden, ohne

19
taktlos zu erscheinen. Sie waren nicht so gut befreundet, als
dass man über alles reden könnte. Vielleicht wäre Miles
peinlich berührt von Ruperts Indiskretion und würde ihn
umgehend wieder nach Hause schicken. Inzwischen war er
aber bestrebt, Miles nicht alleine zu lassen in dessen
schweren Stunden. Eventuell brauchte er jemanden, der ihm
beistand, wenn es hart auf hart kam. Weshalb seine Wahl auf
ihn gefallen war, blieb ihm zwar rätselhaft, aber er würde
einen Todkranken nicht enttäuschen. Schließlich hatte er
seine Ehre.
„Was? Raus damit.“ Er näherte sich dem Bett und setzte
sich neben ihn, wobei er ihn halb besorgt und halb
interessiert musterte. Rupert schluckte, immer noch den
Blick auf den teuren Perserteppich zu ihren Füßen geheftet.
„Nichts“, murmelte er so unglücklich, dass Miles ihm den
Arm um die Schulter legte und ihn kurz und impulsiv an sich
drückte. Rupert gab einen erstickten Laut von sich, den
Miles falsch interpretierte.
„Heimweh? Hast du bald vergessen. Du nimmst das Leben
viel zu ernst. Warte, bis Julien uns die Stadt zeigt.
Inzwischen werden wir mal prüfen, was die Küche zu bieten
hat. Komm. Unten gibt es ein Restaurant.“
~*~
Appetit hatte er zumindest, und das nicht zu knapp. Rupert
dagegen machte schon nach dem zweiten Gang schlapp;
Muschelsuppe und Austern als Hors d'oeuvre waren seinem
Magen dann doch zu exotisch, und so verspürte er wenig
Lust auf das Hauptmenü, das in einem nicht näher
definierbaren Fischsammelsurium schwamm. Miles sorgte
dafür, dass er sich vor dem Chefkoch nicht zu blamieren
brauchte, indem er Ruperts verschmähte Portion auf seinen
eigenen Teller häufte. Desgleichen ließ er die Creme Brulée
und den Käse nicht verkommen, die als Dessert serviert
wurden.
„Du brauchst dich nicht zu zieren. Ich lade dich ein“,
erinnerte er Rupert.
20
Der Bordeaux war köstlich. Dafür hatte sich Frankreich
gelohnt. Auf Befehl brachte der dienstbeflissene Kellner
eine weitere Flasche, da Miles registrierte, dass der Alkohol
Rupert ein wenig zugänglicher machte und seine Zunge
löste. Er prostete Miles zu.
„Ich bin gerne hier mit dir“, sagte er, um etwas Nettes zu
sagen, das Lallen in seiner Stimme war nur für Miles hörbar.
„Ich meine, wann hat man schon mal so eine Gelegenheit?
Ehrlich gesagt, war ich noch nie im Ausland. Und ich bin –
sehr froh, dass du mich begleitest“, fügte er ein wenig
widerstrebend hinzu, weil es sich so anhörte, als habe er
Miles zu dieser Tour überredet und nicht umgekehrt.
„Das dachte ich mir“, erwiderte Miles und lehnte sich
zurück, als der Kellner herbeisprang und das Feuerzeug
zückte, um die Verdauungszigarre anzuzünden. Seine Miene
drückte Belustigung aus. Darüber verunsichert zerknüllte
Rupert die Stoffserviette. Dennoch wirkte der Alkohol
soweit, dass er schließlich zu dem Punkt kam, der ihn quälte.
Allerdings brachte er seine Frage nur unter unpassend
albernem Glucksen hervor. Er setzte mehrmals an, um sie
verständlich zu formulieren und dabei nicht allzu pathetisch
zu klingen. Mit den Fingerspitzen malte er Kringel auf die
Tischdecke.
„Stell dir vor, ich habe vorhin gedacht … Na ja, das ist
dumm, ich weiß … dass du dir mit der Reise nach Paris
einen letzten Wunsch erfüllst …“
Jetzt war es heraus, vor Anstrengung, seinen benebelten
Verstand beieinanderzuhalten, keuchte er. Überraschung
zeichnete sich auf Miles’ Gesicht ab, doch er lachte nicht.
„Wie kommst du denn darauf?“ fragte er in einer Art, die
nicht ausschloss, dass Rupert nicht recht haben könnte. Auf
einmal bemerkte Rupert, wie attraktiv sein Gegenüber war.
Sein Blick glitt fast erschrocken über das dichte, nahezu
schwarze Haar, die faltenlose Haut, das energische,
glattrasierte Kinn und die beinahe feminin anmutende
Physiognomie, in der die schiefe Nase den Gesamteindruck

21
nur mäßig störte, ihr sogar das gewisse Extra verlieh. Die
Mischung aus Unschuld und Verletzlichkeit hinter einer eher
robusten Erscheinung rührte Rupert zutiefst; ein Hauch von
Beschützerinstinkt, der ihm fremd war, schnürte ihm die
Kehle zu. Es war lachhaft: Miles brauchte kein
Kindermädchen, hatte nie eines gebraucht. Er war es
gewohnt, sich alleine durchzuschlagen und auf niemanden
angewiesen zu sein, schon gar nicht auf Rupert, für den er
wahrscheinlich seit ihrer ersten Begegnung dasselbe
empfand wie dieser momentan für ihn.
Alle Heiterkeit war aus Miles gewichen, gespannt wartete
er auf die Begründung. Auch Rupert drückte der Wandel,
den seine Frage hervorrief, aber es lag ihm fern, einen
Rückzieher in dieser Sache zu machen. Endlich einmal
gelang es ihm, mit Miles ein Mann-zu-Mann-Gespräch zu
führen. Mulmig war ihm jedoch schon dabei, und er war
froh, seinem Magen nichts allzu Schweres zugemutet zu
haben.
„Vielleicht – vielleicht willst du dir einfach noch ein
schönes Leben hier machen von dem Rest, der dir noch
bleibt.“ Ohne es zu beabsichtigen, fasste er über den Tisch
nach Miles’ Händen, während seine Augen flehend an
seinem Freund hingen, der seinem Blick standhielt und
erstaunlich ernst antwortete.
„Sterben müssen wir alle mal. Wichtig ist, dass wir das
Beste draus machen, bis es soweit ist.“
„Aber du – hast doch noch Zeit?“
Miles grinste und tätschelte beruhigend Ruperts Hand, die
immer noch auf seiner lag und sich einen Moment lang
verkrampfte. „Wenn mich nicht gleich ein Auto da draußen
über den Haufen fährt, ja. Hast du gesehen, wie sie rasen, die
Franzmänner? - Mach dir keine Sorgen, ich bin nicht krank.
Und selbst wenn es so wäre, was könnte ich denn ändern?
Was würdest du ändern? Du würdest dich hinter deinen
Büchern verkriechen und Trübsal blasen. Am Ende wären
wir aber beide dort, wo alle hingehen, wenn sie abtreten

22
müssen. Eine hysterische Reaktion wäre eine ebenso törichte
wie sinnlose Vergeudung von Energie.“
„Aber man sollte schon etwas erreicht haben“, beharrte
Rupert leicht schwankend.
Miles faltete die Hände und verschränkte sie vor dem
Mund, während er Rupert unentwegt ansah. In diesem
Augenblick erkannte Rupert, dass ein guter Psychologe an
ihm verlorengegangen war, für den er sich als kopfloser, zu
Überspanntheit neigender Proband geradezu anbot. Hätte er
die Angelegenheit doch lieber auf sich beruhen lassen. Aber
Miles fand Gefallen daran, ihn ein bisschen zu triezen.
„Wieso denn? Wieso sich abstrampeln für etwas, für das
man nicht geschaffen ist?“
„Weil … na, weil es sich so gehört.“
„Rupert, Rupert ... Ist das deine eigene Meinung oder die
deiner Eltern? Du bist erwachsen, geh deinen eigenen Weg.
Ich hab nichts dagegen, wenn er in Büchern und Einsamkeit
liegt. Meiner wäre es aber nicht. Deshalb ist es ganz gut,
dass jeder selbst entscheiden kann. Ich will dir nur die
Augen öffnen und dir zeigen, dass es noch andere schöne
Dinge gibt außer in deiner eigenen Welt. Ich will nicht, dass
du nicht dorthin zurückkehrst. Wer wäre ich denn, dir das zu
verbieten? Vorher solltest du aber wenigstens über den
Tellerrand geschaut haben.“
Mit dermaßen philosophischen Betrachtungen hatte Rupert
nicht gerechnet, trotzdem fiel ihm ein Stein vom Herzen.
Geringstenfalls hatten sie seine Befürchtung, Miles sei
todkrank, wenn nicht widerlegt, dann doch weitgehend
gedämpft. Ein wenig besänftigt nippte er am Glas. Es wäre
eine Schande, den guten Tropfen stehenzulassen.
„Ich werde trotzdem unterrichten, sobald ich eine Stelle
habe.“
„Das verdient Respekt“, sagte Miles ohne den Funken von
Ironie.

23
Kapitel 3

G egen Abend und eine Stunde zu spät tauchte Julien


auf. Er war im Zivil und hatte sich ordentlich
herausgeputzt. Sein jetzt unbedecktes, zurückgestriegeltes
Haar glänzte und war länger, als es die derzeitige Mode
erlaubte. Das Burschikos-Kindliche, das ihm am Mittag
noch angehaftet hatte, war verschwunden. Auch Miles und
Rupert hatten sich stadtfein gemacht, doch Rupert, der sich
seit dem verspäteten Mittagessen nicht wohlfühlte und an
höllischen Kopfschmerzen laborierte, zupfte Miles am
Ärmel. Er hatte beschlossen, den forschen Franzosen mit
seinem lächerlichen Hang zu Filmstars nicht zu mögen.
Insgeheim hoffte er, Miles zum Bleiben zu bewegen.
Dumpfe Eifersucht kroch in ihm hoch, sowie er in das vor
Freude und Dienstgefälligkeit glühende, frische Gesicht des
Jungen blickte.
„Geht ihr allein“, raunte er seinem Freund matt zu. „Mir
ist nicht gut.“
„Wirklich?“ vergewisserte sich Miles in einem Tonfall,
der Rupert sofort verriet, dass seine Finte fehlschlagen
würde. „Schade. Aber wenn du meinst … nimm ein Aspirin
und leg’ dich ein bisschen hin. Wir sind nicht allzu lange
weg.“
„Pass auf dich auf“, brach es aus Rupert heraus, während
er ungestüm die Arme um Miles warf; selbst der Page hob
erstaunt die kräftigen Augenbrauen ob des unerwarteten
Gefühlsausbruchs. Engländer waren steif, traditionsbewusst
und in erster Linie Beherrscher ihrer Emotionen, so
jedenfalls sagte man, und bisher hatte in ihrem Hotel noch
keine Ausnahme die Regel bestätigt. Dieser hagere,
miesepetrige Rupert schien aus der Reihe zu tanzen; er
konnte ihm nicht böse sein und verbarg ein Lächeln.

24
Wahrscheinlich war diese Vorstellung für seine Verhältnisse
geradezu heißblütig.
„Ist alles gut, ich pass schon auf“, beschwichtigte Miles
Rupert. Er sprach so dicht an Ruperts Ohr, dass Julien ihn
nicht hören konnte. „Hast du Angst, du müsstest hier alleine
bleiben, wenn mir was zustößt? Dann komm doch einfach
mit.“
Mit zusammengekniffenen Lippen wich Rupert einen
Schritt zurück. Der Franzose musste ihn für eine schöne
Memme halten!
„Nein“, beschied er knapp, ehe er sich waidwund in die
Suite zurückzog und die Tür behutsam schloss, gegen die er
seine Stirn lehnte und in Selbstmitleid versank. In seinen
Gedanken konnte er das Gespräch erahnen, das jetzt
zwischen dem Boy und Miles stattfand.

„Ein komischer Kauz ist Ihr Freund“ – nein, Bruder,


korrigierte er - „Ach ja, man muss ihn so nehmen wie er ist,
aber manchmal kann er eine rechte Landplage sein. Ganz im
Vertrauen, Julien, er ist gar nicht mein Bruder … ich würde
mich in Grund und Boden schämen.“

Der Anfall von Schwermut ließ ihn zunächst apathisch


verharren. Nach einigen Minuten, in denen er vergeblich
versuchte, sich zu fangen, packte er sein Tagebuch und
Schreibzeug aus, ging zum Schreibtisch und verfasste
akribisch die Geschehnisse des Tages in seinem Journal, wie
es ihm von klein auf zur Gewohnheit geworden war. Später
fand er etwas Trost darin, die Zeilen durchzulesen,
wenngleich sein Bericht lediglich seine Gemütslage
widerspiegelte. Da er schon dabei war, schriftlich tätig zu
sein, machte er sich danach an den Brief an seine Eltern. Die
Niedergeschlagenheit und das Gefühl, ausgestoßen zu sein,
gingen mit ihm durch: in dramatischer Weise schilderte er
den Grund, weshalb er Hals über Kopf die Heimat verlassen
hatte. Nun, mit fast dreißig, habe er sich Gedanken über sein

25
bisheriges Leben gemacht und auf Anraten seines Arztes
eine Weltreise in Angriff genommen, da es nicht
ausgeschlossen sei, dass Rupert nicht mehr lange zu leben
habe, sie wussten ja um seine anfällige Gesundheit (was
gelogen war, doch ein sadistisches Vergnügen durchlief ihn,
als er diesen Satz niederschrieb). Und wenn er schon abtrat,
dann als erfahrener Mann, im Einklang mit sich selbst und
den vielen Menschen, die er auf seiner Erdumrundung
kennen und schätzen gelernt hatte.
Sein Vater wäre enttäuscht von ihm. Seit dem Tag seiner
Geburt sah er ihn in Cambridge unterrichten und einer
glorreichen Zukunft entgegengehen. Als einziger Sohn lag in
dieser Hinsicht eine schwere Bürde auf Rupert, aber er hatte
tatsächlich geglaubt, der Wunsch des Vaters sei auch sein
eigener. Nun erkannte er, dass er viel zu schüchtern war, um
vor einer Horde pickeliger Halbstarke Anglistik zu lehren.
Beim kleinsten Fehler würden sie ihn verlachen und
verspotten, und Rupert hatte nicht das Selbstbewusstsein,
darüber zu stehen oder gar den Rohrstock einzusetzen,
würde es nie haben.
Obwohl Miles ihm seine Pläne – die strenggenommen die
von Grayson senior waren – nicht auszureden versucht hatte,
hatte Rupert gespürt, dass er ihn zum Nachdenken anregen
wollte mit seiner letzten Bemerkung bei Tisch.
Den Freund erwähnte er wie gewünscht nicht. Er wollte es
sich nicht verscherzen mit ihm. Obendrein würde es Mum
und Dad beunruhigen, und er hing trotz allem mit zärtlicher
Zuneigung an ihnen. Allein die Nachricht, er würde sterben,
würde seiner Mutter schlaflose Nächte bescheren. Obwohl er
sich ein wenig gemein vorkam, änderte er den Inhalt des
Briefes nicht.
Es war noch recht früh am Abend, er hatte nicht vor, die
ganze Zeit auf Miles zu warten wie der gehörnte Ehepartner.
Den Brief in die Tasche steckend, schlurfte er durch die Tür
und hinunter ins Foyer. Die junge Frau war verschwunden,
zwei Portiers waren in ein Gespräch vertieft, vermutlich war

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es Zeit für den Schichtwechsel. Zu weit vom Hotel würde er
sich nicht entfernen, nur ein bisschen die Gegend erkunden.
Draußen atmete er tief ein. Der Eiffelturm, den man vom
Hotel aus sehen konnte, war beleuchtet, ein großartiges
Schauspiel. Einige Minuten lang stand er einfach nur da und
genoss den Anblick. Wie jemand, der kein bestimmtes Ziel
im Auge hat, schlenderte er die Straße entlang. Paris nahm
Miles mit offenen Armen auf, während ihm hier eine – wie
ihm schien – berechtigte Feindseligkeit entgegenschlug. Er
war nicht so offen, so lebenslustig wie die Franzosen und
Miles. Aber war er deshalb weniger liebenswert? Wieder
seufzte er. Rechter Hand von ihm blinkte ein elektrisches
Schild mit den Buchstaben Open über einem vergammelt
wirkenden, dunklen Bistro oder Café. Der englische
Schriftzug schließlich war es, der ihn dazu brachte,
einzutreten.
Dunkelheit empfing ihn, die lediglich von flackernden
Lichtern auf den runden Bistrotischen erhellt wurde. Ein
schöner Ort, um unsichtbar zu sein und Weltschmerz zu
nähren. Hoffentlich war tatsächlich noch geöffnet; außer ihm
befanden sich keine Gäste im Raum. Staubige Bouquets aus
Trockenblumen und ausgestopfte Tiere reihten sich in
grotesker Anordnung auf den Simsen vor den hohen,
bogenförmigen Fenstern dicht an dicht.
Ein Mann huschte eilfertig an seine Seite, kaum dass er
sich gesetzt hatte. Er war etwa in Ruperts Alter und von
schlanker Statur, was seine rastlosen Bewegungen
unterstrich. Sein glattes Haar war dunkelbraun und glänzte
wie Miles’. In dem fein geschnittenen Gesicht leuchteten
lebhafte Augen von undefinierbarer, dunkler Farbe, und um
das Klischee des Franzosen komplett zu machen, trug er
einen Oberlippenbart à la Adolphe Menjou. Fehlen nur noch
das Barett und das Baguette unter dem Arm, dachte Rupert
wider Willen amüsiert.
Eifrig wischte der Mann verbliebene Krümel vom Tisch.

27
„Bonjour, Monsieur. Was darf ich Ihnen bringen?“ Er
sprach kehlig und mit starkem Akzent.
Rupert zeigte auf etwas in der Getränkekarte.
„Alors … un thé avec du citron“, murmelte der Kellner
und kritzelte hurtig etwas auf seinen Notizblock. „Avec ou
sans sucre?“
„Bitte? – Nein, ohne alles, bitte.“
„Oh“. Einen schlauen Gesichtsausdruck präsentierend
klemmte der Kellner den Stift hinters Ohr. „Sie sind
Engländer. Neu in der Stadt oder Tourist? Ich habe Sie noch
nie hier gesehen, und ich kenne alle Leute hier im Umkreis.“
Ruperts Askese am Mittagstisch war nicht vergessen; sein
Magen knurrte vernehmlich.
„Gibt es noch etwas zu essen?“
Bedauernd kratzte sich der Kellner am Kopf. „Tut mir leid,
Monsieur, aber der Koch hat bereits Feierabend.“
„Das macht nichts“, versicherte Rupert, der auf keinen Fall
Umstände machen wollte. „Ich bin gleich weg, wenn Sie
schließen möchten.“
Als er nach seiner Jacke griff, die er über den Stuhl
gehängt hatte, hinderte der Kellner ihn daran. „Non, non. Ich
kann Ihnen nur keine warme Mahlzeit mehr anbieten.
Bleiben Sie, s’il vous plaît. Ich bringe Ihnen Ihren Tee.“
Zusätzlich zum heißen Schwarztee servierte er ein
Croissant. Als Rupert meinte, er habe es nicht bestellt,
winkte er ab und erklärte verlegen, dass es von heute morgen
übriggeblieben war und er es nicht übers Herz brachte, es
fortzuschmeißen. In seiner Küche sei das unüblich.
Außerdem beleidige es seinen Sinn für Wirtschaftlichkeit.
Freilich müsse Rupert es nicht bezahlen, aber es sei so gut
wie frisch aus dem Ofen. Das war übertrieben. Rupert war
trotzdem dankbar, seinen Hunger mit einer landestypischen
Kleinigkeit stillen zu können, das kam ihm sehr
weltmännisch vor. Still saß er da und sah verträumt und
kauend aus dem Fenster. Autos hupten, Nachtschwärmer
flanierten lachend und schwatzend vorbei. Einige wagten

28
sich ins Bistro, wurden jedoch von dem jungen Kellner, der
hinter dem Tresen die Gläser spülte, wortreich und wild
gestikulierend verscheucht.
Obwohl sich Rupert die Grobheit nicht erklären konnte,
unterließ er es, nach dem Grund zu fragen. Der Kellner
seinerseits war ebenfalls nicht auf Kommunikation aus. Er
hatte genug zu tun, nachdem er das Radio eingeschaltet
hatte, aus dem französische Chansons dudelten.
Schließlich hatte er seine Arbeit getan. Seine schmalen
Hände an der Schürze trocknend, kam er zu Rupert hinüber
und bot ihm eine Zigarette an. Rupert rauchte selten, aber er
wollte den Mann nicht vor den Kopf stoßen und nahm
dankend an. Ohne darum gebeten worden zu sein, zog der
Kellner einen Stuhl vom Nebentisch heran und stellte eine
Flasche Bourbon mit zwei Gläsern auf die Tischplatte.
„Bekümmert Sie etwas oder sehen Sie immer so traurig
drein?“
Die impertinente Geradlinigkeit, noch dazu von einem
Fremden, irritierte Rupert.
„Bitte? – Pardon?“
„Entschuldigen Sie. Ich habe mich noch gar nicht
vorgestellt, wie unhöflich von mir! Mein Name ist Thierry“,
entsann sich der Kellner den Regeln der Kontaktaufnahme.
„Das Café gehört mir. Ich hab’s vor fünf Jahren gekauft. Der
Vorbesitzer meinte, der Laden würde brummen, aber ich
hätte es besser wissen müssen. Hätte er ihn sonst
hergegeben, eh?“
„Wohl kaum“, nuschelte Rupert in sein schon leeres
Teeglas. Es erzeugte ein quietschendes Geräusch, als er mit
dem Finger darüber fuhr.
„Tant pis“, tat Thierry die Pechsträhne leichthin ab. „Es
kommen wieder bessere Zeiten. – Was ist mit Ihnen? Sind
Sie geschäftlich unterwegs?“
Rupert musste sich seine Fragen zweimal anhören. Zwar
besaß Thierry einen beachtlichen Wortschatz, die
Aussprache war allerdings gewöhnungsbedürftig. „Ich bin

29
privat hier“, sagte er. „Mit einem Freund. Er wollte mir ein
wenig Kultur beibringen.“
Der Kellner lachte, indes er beide Gläser bis zur Hälfte
füllte. „Die habt ihr nicht in England, c’est vrai! Aber ist das
ein Grund, den Kopf hängenzulassen? Jeder kann lernen.
Wenn ihr zurück seid, eröffnet ihr ein Lokal mit
französischen Spezialitäten. Darauf stehen die Leute. Exotik,
das Neue, Unentdeckte. Allemal besser als euer
druckergeschwärztes Fish and Chips.“
„Hm“, stimmte Rupert vage mit einem Schulterzucken zu.
Etwas an Thierry ermutigte ihn, mehr von sich preiszugeben,
ja sogar ungewöhnlich keck zu werden. Als sie anstießen,
lächelte er. „Rupert Grayson. Rupert. Ich komme ab jetzt
wahrscheinlich öfter vorbei.“
„Das würde mich sehr freuen, Rupert. In Zukunft solltest
du dich aber an die Öffnungszeiten halten. Ich habe
eigentlich schon lange geschlossen.“
~*~
Wie eigenartig. Er hatte einen Freund gewonnen. Es war
gar nicht so schwer gewesen. Beflügelt von seiner
„Eroberung“ suchte Rupert vor sich hinpfeifend wieder das
Hotel auf. Inzwischen hatte der Portier gewechselt; ein
Schrank von einem Kerl baute sich drohend hinter der
Rezeption auf. Er raunzte ihn an und verlangte seinen
Ausweis zu sehen. Rupert geriet ins Schwitzen. Sie waren
doch unter Pseudonym eingetragen. Wenn er bloß nicht zu
besäuselt war, sich nicht daran zu erinnern. Harte Sachen
wie Bourbon waren zwar nett gemeint, doch jedes Mal,
wenn man ihm Alkohol anbot, witterte er eine
Verschwörung dahinter. In diesem Fall zwischen Thierry
und dem Portier. Was natürlich Blödsinn war;
glücklicherweise fiel ihm der Deckname wieder ein. Aus
Rücksicht auf Ruperts notorische Zerstreutheit hatte Miles
einen leicht zu merkenden erfunden.

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„Mason“, krächzte er. „Sehen Sie bitte im Register nach.
Wir haben heute Mittag eingecheckt. Rupert und äh …
Victor.“
Brummend händigte ihm der Portier den Schlüssel aus. Er
war des Englischen nicht mächtig und darum von
vorneherein schlechtgelaunt. Wenigstens schien er Rupert zu
glauben.
Um zwei Uhr nachts waren die Hotelkorridore
vollkommen leer und vermittelten das Vakuum, in das
Rupert plötzlich erneut fiel. Alarmiert schlug er mit der
flachen Hand auf sein Revers; er hatte vergessen, den Brief
einzuwerfen. Typisch! Nun ja, Postmarken hätte er ohnehin
zu so später Stunde nicht mehr bekommen, also hatte es
auch noch bis Morgen Zeit.
Miles war noch nicht da, nur das herbe Parfüm des Pagen
hing wie ein flüchtiger Hauch in der Luft. Es fiel Rupert
schwer, sich keine Sorgen zu machen, überdies fühlte er sich
einsam.
Vielleicht hatte der Junge Blut geleckt, weil Miles so
unvorsichtig gewesen war, zu demonstrieren, dass Geld für
ihn keine Rolle spielte. Vielleicht schleppte er ihn zu seinen
Bandenkumpels, die ihm in einer dunklen, gottverlassenen
Ecke eins mit dem Knüppel überzogen, ihn ausraubten und
hilflos, vielleicht gar gefesselt und geknebelt, liegen ließen.
Er zwang sich, seine pessimistische Vision zu
unterdrücken und griff nach Sturmhöhe, um sich abzulenken.
Irgendwann sank er zur Seite und döste vor sich hin.

Eine halbe Stunde war vergangen, das Schlagwerk der


zierlichen Uhr auf der Kommode und das gleichzeitige
Knarren der Tür weckten ihn. Trotzdem stellte er sich
weiterhin schlafend.
Julien, der aufgeschlossen hatte, glitt als Erster herein,
gefolgt von Miles. Sie wirkten heiter, aber nicht betrunken.
Hatten einen schönen Abend gehabt, im Gegensatz zu ihm.

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Dass er Thierry kennengelernt hatte, entging ihm in seiner
aufkeimenden Missgunst.
„Au revoir“, raunte Julien. „Es war sehr schön.“ Er
schürzte die Lippen, und Miles beugte sich vor, um sich von
ihm auf rituell französische Art auf beide Wangen küssen zu
lassen. „Quatre fois“, erklärte Julien lachend, als Miles nach
dem zweiten Schmatz zurückwich. Ohne Scheu schlang er
die Arme um den größeren Mann und vervollständigte
seinen Abschied mit den fehlenden zwei Küssen. Miles
schien es richtiggehend zu genießen.
„Daran könnte man sich gewöhnen“, sagte er. „Bonne nuit,
Julien.“
Beim Hinausgehen winkte der Junge kokett.
Miles ließ sich auf das Bett fallen und betrachtete Rupert
in seinem Sessel, bevor er begann, seinen Schlips zu lösen
und die Schuhe auszuziehen.
„Schade, dass du nicht dabei warst. Sacre Coeur hätte dir
gefallen. Oh, und ich hab dir was mitgebracht.“
Er wedelte mit einen Bogen Papier vor Ruperts Nase und
raschelte damit, woraufhin ihm nichts anderes übrigblieb, als
seine Fassade vom schlafenden Ahnungslosen einstürzen zu
lassen. Langsam ein Auge öffnend nahm er das Blatt an sich.
Es zeigte eine wenig schmeichelhafte Zeichnung von Miles
im Profil, eher eine Karikatur denn eine Charakterstudie.
Der Unterkiefer stand aerodynamisch hervor und passte
kaum mehr aufs Papier, und seine Nase, die der Künstler mit
einem übertriebenen Haken ausgestattet hatte, erweckte den
Eindruck, als tropfe der Eiffelturm aus ihr.
Miles kicherte, als er Ruperts verblüfften
Gesichtsausdruck sah. „Ich konnte nicht Nein sagen, der
Kerl war zu drollig. Wollte mich unbedingt malen. Ist uns
sogar nachgerannt und bot es mir zu einem Sonderpreis an.
Julien war sauer, aber wir sind Touristen und dürfen uns das
erlauben, oder? Außerdem ist das doch eine nette Erinnerung
an unsere Reise.“
„Es ist scheußlich.“

32
„Gut, dass du das auch so siehst. Heb’ es trotzdem auf. Du
kannst es ja zuhause rahmen und aufhängen.“
Das war Ruperts Stichwort.
„Hat er sie dir gezeigt, die Hosenträgerin?“
Miles stutzte, er schien nicht zu verstehen, darum wurde
Rupert deutlicher: „Marlene Dietrich im Schrein.“ Zynismus
entsprach nicht seiner Art, doch er musste irgendwie Dampf
ablassen. Miles lächelte und legte die Hand auf Ruperts
Knie, schüttelte es neckend hin und her. Verbissen spannte
Rupert den Muskel an.
„Eifersüchtig? Das ist nicht dein Ernst jetzt. Nein, wir
waren nicht bei Julien. Er ist ein netter Junge, aber nicht so
nett. Lass uns schlafen gehen, ich bin müde.“ Er gähnte, zog
Rupert jovial auf die Füße und schob den schweren,
großgeblümten Vorhang zum Separee der Schlafstätte
zurück.
~*~
Direkt an der Straße war es laut, Laternen flackerten,
Hunde bellten, Autoreifen quietschten. Und der seltsame
Singsang, durchbrochen von wüstem Geschrei, schien aus
allen existenten und nichtexistenten Ecken zu schallen.
Ruhelos wälzte sich Rupert hin und her, fand keine
befriedigende Schlafposition auf der harten Matratze. Er
seufzte. Heimweh plagte ihn und die ungewohnte
Schlaflosigkeit, die wohl auf seine überreizten Nerven
zurückzuführen war. Hinter dem Nachtschränkchen
schnarchte Miles leise, er lag auf der Seite und rührte sich
nicht. Er hatte etwas von einem Teddybären, wie er da so
friedlich schlummerte.
Die Uhr im Wohnbereich gab keine Ruhe, Rupert hörte sie
drei schlagen, halb vier – und hätte sie zertrümmern
mögen… Schweiß durchtränkte sein Kopfkissen, er steckte
wimmernd den Kopf darunter und wünschte sich in sein
eigenes Bett. Wäre er doch zuhause, nach einem ausgiebigen
Spaziergang im Hyde Park stellte sich der Schlaf stets von
selbst ein.
33
Nach ein paar weiteren Minuten stieg Miles aus dem Bett,
entfernte den Stecker der Nachttischlampe und hob das
Schränkchen mitsamt Lampe hinüber zur Türseite, um das
Bettgestell nahe an Ruperts heranzurücken. All dies geschah
ohne Erklärung. Erstaunt beobachtete Rupert, wie er sich
wieder hinlegte, als sei nichts gewesen, das Gesicht ihm
zugewandt. Die Wärme, die sein Körper ausstrahlte, lullte
ihn bald ein, und er sank vor Erschöpfung traumlos in
Morpheus’ Reich.

34
Kapitel 4

A m nächsten Morgen erwachte er früh. Sein Arm


ruhte vertrauensvoll über Miles’ breitem Brustkorb,
der sich in tiefem Atemrhythmus hob und senkte. Pikiert und
erschrocken ob seiner ihm unbewusst ausgeführten
Dreistigkeit schnellte er hoch. Miles schlief immer noch, das
weiche Haar war ihm in die Stirn gefallen, er erinnerte jetzt
eher an einen kleinen Buben als an den nächtlichen Bär, der
vom Schlaf übermannt worden war. Rupert konnte nicht
umhin, ihm das Haar zurückzustreichen. Aus Eitelkeit,
gegen die selbst er nicht gefeit war, trug Miles es immer ein
wenig länger, als die Mode diktierte. Zu Studentenzeiten
hatte er es sogar schulterlang wachsen lassen, ganz nach
dem Vorbild des von ihm hochverehrten Dichters Oscar
Wilde. Die Professoren hatten allerdings gefürchtet, dass
dies Beispiel aufgrund von Miles’ Einfluss bei den
Studenten unter den jüngeren Kommilitonen Schule machte
und ihm gedroht, von der Uni zu fliegen, wenn er keinen
Friseur aufsuchte. Sein Vater hatte ihm danach ordentlich
die Leviten gelesen, und seitdem war ihr Verhältnis nicht
mehr dasselbe.
Dankbare Gefühle regten sich in Rupert, als er eine
Strähne von Miles durch die Finger gleiten ließ. Es war ihm
nicht mehr peinlich, dass er seinem Freund während der
Nacht sozusagen auf die Pelle gerückt war. Miles verstand
ihn, er hatte seine Schlaflosigkeit, sein Befremden in einem
unbekannten Land mit ungewohnten Gepflogenheiten nicht
lächerlich gemacht und als unmännlich verunglimpft, wie er
es eigentlich erwartet und verdient hätte. Stattdessen hatte er
ohne viel Aufheben einen Weg gefunden, ihn zu beruhigen,
ihm mitzuteilen, dass er nicht auf sich gestellt war. Gott sei
Lob und Dank für einen Freund wie Miles.

35
Ein Klopfen an der Tür riss ihn aus seinen Gedanken. Er
grapschte nach seinem Morgenmantel, der noch unten im
Koffer lag, zerrte ihn heraus und streifte ihn rasch über. Ein
Dienstmädchen rollte das Frühstück auf einem Teewagen
herein.
„Bonjour, Monsieur. Ça va bien? Kaffee ist in linker
Kanne, Tee in rechter.“
„Danke schön“, sagte Rupert und knotete linkisch den
Gürtel des Morgenmantels zu. „Ich weiß nur nicht, ob Sie
sich nicht in der Zimmernummer geirrt haben …“
„Mason, non? Ihr Bruder hat Zimmerservice angeordnet.“
„Oh. Dann … vielen Dank. Bekommen Sie Trinkgeld?“
Hastig wühlte er in den großen Taschen seines
Kleidungsstücks, die selbstverständlich leer waren.
Das Mädchen gluckste. „Nein, Monsieur. Ist alles in Preis
inbegriffen.“
Sie knickste charmant und eilte hinaus.
Unter der Tafelglocke überraschte Rupert ein üppiges
Frühstück mit frisch gepresstem Orangensaft,
weichgekochten Eiern, noch warmen Croissants (diesmal
blätterig auf der Zunge zergehend), Brot, Marmelade und
Käse.
„Hey hey hey!“ Noch im Pyjama näherte sich Miles und
schnappte sich ein dick mit Butter bestrichenes Croissant aus
Ruperts Hand. „Du mampfst mir ja alles weg! Kannst du
nicht Bescheid sagen, dass du den Weckdienst verlangt
hast?“
„Entschuldige. Ich hatte Hunger.“ Er war wirklich
zerknirscht, obwohl es nicht seine Absicht gewesen war,
Miles nichts übrigzulassen, wie dieser implizierte, zumal er
das Tablett ohnehin nicht alleine geschafft hätte.
„Ist schon in Ordnung.“ Beiläufig glättete er beim
Hinsetzen Ruperts rötlichbraunen Schopf, der mal wieder in
alle Himmelsrichtungen abstand wie ein Rasierpinsel. „Das
reicht doch für eine ganze Kompanie. – Wie geht’s deinem
Kopf?“

36
„Besser“, antwortete Rupert gerührt. Gestern hatte er nicht
danach gefragt. Er fragte auch nicht nach heute Nacht.
„Ich hab dich zuviel trinken lassen“, meinte Miles, diesmal
war es an ihm, Reue zu bekunden. „Ich vergesse immer, was
das Zeug anrichten kann. Besonders die französischen
Weine, die haben es wohl in sich.“
„Oh nein. Mach’ dir keine Vorwürfe. Ich bin selber groß.
Gestern hätte mir nichts Besseres passieren können. Mir
geht’s blendend.“
„Fein.“ Miles tupfte die Lippen mit der Serviette ab (sie
sahen samtig aus, fand Rupert, und erschauderte über den
blumigen Vergleich. Was war nur los mit ihm?) und knallte
sie achtlos auf den Teller. „Heute ist nämlich der richtige
Tag für ein wenig Stil. Wir gehen in den Louvre.“
„Und das Geschirr?“ Rupert deutete auf die Reste der
Mahlzeit, die den Anschein einer Fressorgie oder eines
Kindergeburtstags erweckte mit den zerklopften Eierschalen,
Bröseln, Obstresten und Teespritzern.
„Kannst du nachher spülen. Geh, Rupert, sei nicht
kindisch! Das holt das Mädchen wieder ab. Dafür wird sie
bezahlt. Manchmal könnte man glauben, du kommst vom
Land.“
~*~
Hätte Rupert das Museum mit einem Wort umschreiben
müssen, so hätte er es vermutlich als anstrengend
bezeichnet, denn der längliche Bau war riesig. Nach einem
halben Tag im Louvre hatten sie Plattfüße und immer noch
nicht alles gesehen.
Kunst hatte nach Ruperts Dafürhalten durchaus ihre
Berechtigung; er hatte zwar nicht das, was der Volksmund
„Kunstverstand“ nannte, aber er schätzte einige alte Meister,
unter ihnen El Greco und da Vinci. Darum freute er sich
besonders auf die Mona Lisa, die sich als bittere
Enttäuschung entpuppte. Das Gemälde war sehr viel kleiner,
als er es sich vorgestellt hatte, und die Farbe trister als auf
den Abbildungen, die man in Büchern und auf Drucken sah.
37
Wenn Rupert stehenblieb, um ein Bild genauer zu
betrachten, schlug Miles den Ausstellungskatalog auf und
las ihm den jeweiligen Erläuterungstext vor. Manches
ergänzte er aus dem Gedächtnis oder ließ den Katalog ganz
weg; er war sehr belesen, sein profundes Allgemeinwissen
setzte Rupert immer wieder aufs Neue in Erstaunen.
Allerdings begeisterte Miles sich mehr für Skulpturen. Vor
der filigran modellierten Büste eines Mädchenkopfes
verharrte er minutenlang, während er alles andere mit den
Augen eines Zweitbesuchers wahrgenommen hatte. Er
versank derart in den Anblick, dass Rupert ihn vorsichtig
anstieß. Wie aus einem Traum erwachend wandte sich Miles
ihm langsam zu.
„Wunderschön, oder? Dieser Kerl muss sie wirklich
geliebt haben.“ Ein Anflug von Schwermut ließ seine
Stimme tiefer und rauh klingen, er legte intuitiv den Arm um
die Mitte des Freundes, als bräuchte er seelischen und
physischen Halt, den ihm die Konfrontation mit der Plastik
raubte.
„Ein kleines Mädchen“, sagte Rupert. „Aber eigentlich
wird sie schon lange tot sein … schon komisch irgendwie.
Bist du okay? Wir sind schon viel zu lang auf den Beinen.
Besser, wir machen eine Pause.“
Miles schüttelte den Kopf. „Mir geht’s gut. Machst du
etwa schon schlapp? Wir wollten noch Oscar und Frédéric
unsere Aufwartung machen, hast du das vergessen?“
„Das ist viel zu weit. Du weißt, dass du mich in keine U-
Bahn kriegst! Morgen ist auch noch ein Tag!“
Miles hörte ihm nicht zu, sondern strebte bereits zum
Ausgang, den Rupert nie und nimmer oder erst als Greis
ausfindig gemacht hätte.
Die etwa sechs Kilometer vom Museum zum Père
Lachaise legten sie auf Schusters Rappen zurück; Miles
hatte einmal einen Klaustrophobieanfall von Rupert in der
Londoner U-Bahn miterlebt, er hatte keine Lust, einen
zweiten heraufzubeschwören. Dicht an dicht gedrängte

38
Menschenmassen jagten Rupert Angst ein, die sich zu
unkontrollierter Panik steigerte, und irgendwie konnte Miles
das verstehen, wenngleich er viel zu pragmatisch für solche
Attacken und psychisch stabil war. Außerdem war das
Wetter schön, die Sonne schien von einem wolkenlos blauen
Himmel.
Apfel– und Kirschbäume blühten in den Alleen und
spendeten wohltuenden Schatten, wenn nicht zwischen den
Buden und Cafés die Sonne ihre Rücken wärmte. Miles warf
seine Jacke über die Schulter und war am Abend
braungebrannt; sein dunkler Typus nahm schnell Farbe an.
Unterwegs tranken sie Kaffee in einem der unzähligen, die
Straße säumenden Bistros.
Julien hatte recht, sie hatten eine gute Jahreszeit erwischt.
Ein bisschen fühlte sich Rupert wie in den Flitterwochen; die
meisten Frischvermählten verbrachten sie in der Stadt der
Liebe, und das auch im Frühling. Der Gedanke erheiterte
ihn, und er lachte.
„Was ist so lustig?“ fragte Miles lächelnd. Plötzlich wurde
Rupert die Tragweite seiner Spinnerei bewusst; er
konstatierte, dass er mit gar niemand anderem hier sein
wollte als mit Miles. Nicht einmal ein liebes Mädchen
könnte seine geistreiche Gesellschaft ersetzen. Jäh errötete
er.
„Nichts. Gar nichts.“
Als hätte Miles Ruperts Verlegenheit nicht bemerkt, lehnte
er sich zurück und winkte einem Garçon. „Ist das nicht
herrlich?“ fragte er und verschränkte die Hände im Nacken,
während er auf den hinteren Stuhlbeinen wippte. „Ganz
Paris nur für uns. Und die vielen aufmerksamen netten
Leute hier.“
Der Kellner spurtete an und wurde großzügig von Miles
entlohnt. Danach spazierten sie weiter.
Vor dem Friedhof verkaufte eine alte Frau Blumen in
großen Körben. Miles ergatterte einen Riesenstrauß gelber
Lilien.

39
„Du bist verrückt, dass du diese Halsabschneiderei
unterstützt“, schimpfte Rupert mit einem Blick auf das
runzelige Gesicht des erfreuten Mütterchens, das eifrig die
Geldscheine nachzählte. „Du kennst doch gar niemanden
hier. Oder liegt deine Tante dort begraben?“
Anstatt eine Antwort zu geben, brach Miles eine Lilie und
steckte sie Rupert ins Knopfloch. „Du bist ein alter
Geizkragen“, explizierte er gutmütig, als sie die Laube
hinterm Portal passiert hatten. „Und gar nicht romantisch.
Komm. Ich hab mir einen Plan geben lassen, dann müssen
wir nicht lange suchen. Wo dir sowieso schon halb die Füße
abfallen.“
Das Grab des polnischen Komponisten übersahen sie um
ein Haar, da es unspektakulär im Durchgang lag. Lediglich
ein Engel aus weißem Marmor und das gemeißelte Konterfei
mit der Überschrift „A Fred Chopin“ verrieten, dass eine
berühmte Persönlichkeit hier ihre letzte Ruhestätte gefunden
hatte. Ehrfürchtig legte Miles eine Blume nieder.
„Chopins Herz hat man auf seinen eigenen Wunsch in
Warschau begraben“, erklärte er Rupert, den er tief
einatmend an seine Seite zog, gleichsam um die Feierlichkeit
hervorzuheben, die ihn angesichts des Monuments ergriffen
hatte. Es war eine ungezwungene Geste, doch Rupert
schluckte hart. „Das sind bloß die Knochen. Aber trotzdem –
ist das nicht ein einzigartiger Moment? Ich hätte die Kamera
mitnehmen sollen.“
„Ich wusste gar nicht, dass du ein Liebhaber von
klassischer Musik bist“, konnte sich Rupert nicht verkneifen.
Miles warf ihm einen schelmischen Blick zu, der
paradoxerweise gleichzeitig ein wenig traurig wirkte.
„Du weißt wenig über mich, Rupert.“
Die restlichen zweiundzwanzig Lilien gehörten Oscar
Wilde.
~*~
Ein frischer Wind kam auf, es dämmerte schon, als sie sich
auf den Weg zurück zum Hotel machten. Bei jedem Schritt
40
fürchtete Rupert, in der Gegend des Beckens
auseinanderzubrechen. Miles dagegen schien ein Besuch
seiner Kindheitsidole neu belebt zu haben; er schritt weit
und flott aus, so dass Rupert bald Seitenstechen bekam.
An einer der grün bemalten Verkaufsbuden, die teilweise
bereits im Schließen begriffen waren, besorgte er sich
Platten von Chopin, Verdi und Puccini. Die Vorliebe für
Klassik und Pflanzen hatte er auf dem College nie
herausposaunt. Sie zeigte eine andere Seite von Miles, eine
empfindsame, die Rupert nicht kannte, ihn ihm näherbrachte
und doch absonderlich war. Andererseits war Miles immer
für Überraschungen gut; das und seine Kompromisslosigkeit
waren es gewesen, was ihm bei Professoren den Ruf eines
Aufwieglers eingebracht hatte.
„Miles“, sagte er, vom Laufen ein wenig atemlos. „Ich bin
froh, dass wir noch zum Friedhof gegangen sind. Ich – ich
mag sie nicht so sehr, weißt du, überall der Moder und die
Sterblichkeit, aber – dieser ist tatsächlich etwas
Besonderes.“
In Miles’ Gesicht zuckte es, er sah unendlich bekümmert
aus. Am liebsten hätte Rupert ihn in die Arme geschlossen
und ärgerte sich, dass er sich nicht dazu überwand, denn er
hätte nie die routinierte Natürlichkeit, mit der Miles ihn
umarmte, und bestimmt nicht nur ihn. Aber Miles würde es
gerade jetzt vielleicht helfen.
„Findest du? Mich hat er sehr traurig gemacht. Ich will nie
wieder dorthin.“
Er hatte seine Eile falsch eingeschätzt. Nicht die Freude
über den Pilgertrip war es, sondern eine Flucht von dem Ort,
der ihm finster und abweisend erschienen war.
Möglicherweise hatte er sich mit dem Spontankauf der
Platten darüber hinwegtrösten wollen, wie andere
Unglückliche ihre Trauer und Wut in Alkohol ertränkten.
Aber im Hotel gab es gar kein Grammophon, jedenfalls
nicht in ihrer Suite, die sonst alles hatte, was das Herz
begehrte.

41
„Aber – aber … der Louvre – das war doch – hat dir doch
gefallen …?“ stammelte Rupert, der sich den schlagartigen
Stimmungsumschwung nicht erklären konnte.
Das durfte nicht sein, das war ganz und gar verkehrt. Miles
war Ruperts Anker, er durfte sich nicht gehenlassen so wie
er, darüber war er erhaben. Es kam keine Reaktion bis auf
ein Frösteln des anderen. Fieberhaft suchte Rupert nach
einer Lösung, den Freund aufzumuntern. Schließlich
schnippte er mit den Fingern.
„Ich alter Geizkragen lade dich ein“, sagte er und fasste
verwegen im Gehen Miles’ Schultern. „In der Nähe vom
Hotel habe ich gestern ein tolles Lokal aufgetrieben.“
„Du warst aus?“ Miles’ Ton klang, als fiele er aus allen
Wolken. Abrupt war er stehengeblieben.
„Hm.“ Rupert kratzte sich am Kopf. „Wenn du’s so
nennen willst. Ich dachte …“
„Du brauchst dich nicht zu rechtfertigen, ich find’s schön,
dass du dich amüsierst. Gut, lass uns noch was trinken
gehen, ich bin dafür.“
Der Unterschied vom ländlich anmutenden Friedhof mit
seinen imposanten Bäumen und Blumenanlagen – fast ein
Kosmos für sich – zu dem grauen Café in der grauen Straße
schmerzte buchstäblich in den Augen. Auf einmal hielt
Rupert seine Idee nicht mehr für so zündend; als Miles mit
skeptisch zusammengekniffenen Augen den Schriftzug über
der Tür entzifferte, wäre er am liebsten vor Scham im Boden
versunken.
„Bambi’s? Wohin bringst du uns denn? In einen
Kindergarten?“
„Drinnen sieht’s ganz gemütlich aus“, versicherte Rupert.
„Es war schon so dunkel, auf die Fassade hab ich nicht
geachtet.“
Nein. Das war wirklich kein Ort für jemanden aus
vornehmer, wenn nicht gar adeliger Familie. Miles mit seinem
ausgeprägten Sinn für Ästhetik konnte sich nicht wohlfühlen
in diesem Schmuddellokal, das für Rupert heimeligen Charme

42
ausstrahlte, weil es ihn an sein Zuhause erinnerte. Er schob
sich vor Miles und machte Anstalten, ihn aufs Trottoir
zurückzudrängen. „Bestimmt finden wir noch was
Passenderes.“
Miles starrte durch die schmutzige Glastür. „Warte.“
Mit einem aufgeregten Bimmeln der an einer Schnur
hängenden Messingglöckchen über der Tür wurde selbige von
innen aufgerissen, und Thierry erwartete sie breit grinsend auf
der Schwelle.
„Rupert, mon ami! Was für eine Freude! Hereinspaziert!“
Einen verdutzten Blick auf Rupert werfend, gehorchte Miles,
als sich sein Freund in Bewegung setzte und von Thierry
herzlich begrüßt wurde, indem er ihn viermal auf die Wangen
küsste wie einen alten, lang ersehnten Bekannten.
Wie gestern war der Raum leer, Staubpartikel flimmerten im
Licht der halbblinden Fenster, vor denen verwelkte Nelken
und präparierte Tierkadaver ein elendes Dasein fristeten.
Wenn es ein wenig systematischer und aufgeräumter gewesen
wäre, hätte das Café ganz nett sein können. Die verstaubte
Arche Noah fand Miles recht originell, doch die Nelken, die
einen abartig süßlichen Geruch verbreiteten, waren ein Fall für
den Mülleimer.
Mit großartiger Geste führte Thierry sie zu einem
Fensterplatz, dem besten Tisch, wie er beteuerte. Als er Miles’
Plattensammlung sah, die der auf einen freien Stuhl platzierte,
hellte sich sein Gesicht auf. „Monsieur! Sie hören Verdi? Oh,
ich liebe die Italiener! Drüben am Ausschank habe ich ein
Grammophon stehen. Gestatten Sie, dass ich Ihnen den guten
Giuseppe entführe?“
Kurz darauf schwebte das Vorspiel des 1. Aktes von La
Traviata über sie hinweg; Miles schloss die Augen und wölbte
in einer Art genussvoller Verzückung die Brauen. Fasziniert
und zu respektvoll, die zarte Orchestermusik mit banalem
Geschwätz zu entweihen, sah Rupert ihm eine magische Weile
lang ins Gesicht, ehe Thierry angewuselt kam und den
Bourbon mit drei Gläsern abstellte.

43
„Nein danke“, lehnte Miles auf Französisch ab. „Bringen Sie
mir bitte ein Glas Tee.“ Schüchtern, da er Angst hatte, Thierry
zu verärgern, schloss sich Rupert dem Wunsch an. „Und ein
Baguette mit Käse und Tomaten und einen kleinen Salat“,
fügte Miles hinzu und wandte sich an Rupert. „Was nimmst
du?“ Bevor er sich äußern konnte, fuhr Thierry ihm geradezu
panisch und abwehrend mit den Händen wedelnd in die
Parade.
„Oh non, non, non! Tut mir leid, Monsieur, die Küche ist
geschlossen.“
„Warum? Sie haben auf jedem Tisch eine Speisekarte liegen,
wie ich gesehen habe. Finden Sie es richtig, Ihre wenigen
Gäste an der Nase herumzuführen? Kein Wunder, dass hier
nichts los ist.“
Plötzlich ergoss sich ein weinerlicher Wortschwall
französischer Sprachkunst über Miles und Rupert, der Kellner
war trotz Ruperts verzweifeltem Kopfschütteln nicht zu
stoppen. Sein Lamento richtete sich an Miles, nachdem er
gewahr wurde, dass Rupert kein Wort verstand. Miles hörte
aufmerksam zu, ohne Thierry zu unterbrechen. Schließlich ließ
dieser sich ermattet auf den dritten Stuhl am Tisch fallen und
vergrub das Gesicht in den Händen. Seine schmalen Schultern
bebten.
Miles biss sich mitfühlend auf die Lippe, während er den
Franzosen taxierte und ihm ein Taschentuch reichte. Nach
einer kurzen Pause, in der sich Thierry etwas abgeregt hatte
und nicht mehr ständig schniefte, erklärte er Rupert dessen
Antwort.
„Er hat seit Monaten keine Gäste. Sein Schwager, der
Teilhaber ist und gekocht hat, verlor die Geduld und hatte
verdorbene Lebensmittel satt, die keiner bestellt hat, darum hat
er gekündigt. Also versucht er, seine Familie allein durch den
Getränkeausschank zu ernähren. Das ist aber nicht einfach,
wie wir ja sehen. Er hat sein ganzes Kapital in den Laden
gesteckt, aber jetzt wird er ihn wohl bald verkaufen müssen.“

44
„Wie schrecklich!“ rief Rupert aus. „Kann man da nichts
machen? Einen Kredit aufnehmen?“
„Hat er bereits versucht. Die Bank gewährt ihm keinen.
Würdest du das tun? Schau dir den Laden doch an.“
Rupert tätschelte Thierrys Arm, der zuckend auf der
Tischplatte lag. „Das tut mir wirklich sehr leid.“
„Ich habe zwei kleine Kinder“, schluchzte Thierry. „Und
meine Frau droht damit, mich zu verlassen, wenn sich die
finanzielle Lage nicht bessert! Was bleibt mir da übrig, als
mich zu besaufen? Tag und Nacht sitze ich in dem
verdammten Schuppen und warte auf Kundschaft.“
In düsterer Stimmung schenkte er sich das Whiskyglas
halbvoll. Plötzlich war alle Lebendigkeit aus ihm gewichen.
Miles konfiszierte die Flasche mitsamt Glas. „Es gibt bessere
Lösungen als das. Tun Sie’s nicht, Mr. – “
„Levant“, murmelte Thierry und sah mit trauerumflortem
Blick auf. „Meine Freunde nennen mich Thierry.“
„Angenehm. Ich bin Victor“, stellte Miles sich vor und
ergriff Thierrys Hand. „Ruperts Bruder.“
Thierrys Augen weiteten sich. „Sie sind Geschwister? Sacre
bleu, das hätte ich nicht vermutet.“
Nachdenklich schaute Miles an ihm vorbei. Vielleicht brütet
er über etwas, das Thierry aus der Patsche hilft, dachte Rupert
hoffnungsvoll. Er ist doch so klug, irgendetwas wird er sich
aus dem Ärmel schütteln. Doch der Freund schwieg. Als sie
ihren Tee getrunken hatten, legte er einen Betrag auf den
Tresen, der Thierrys Dienstleistung weit überstieg. Der
Inhaber zierte sich, es anzunehmen, aber Miles bestand darauf,
er wurde fast ausfallend ob soviel Sturheit. „Und wenn Sie
Ihren Kindern davon Süßigkeiten kaufen – behalten Sie es, in
Gottes Namen!“
Er war still und in sich gekehrt, als sie sich schließlich auf
den Heimweg machten. Im Hotel traute sich Rupert nicht
mehr, das Thema anzuschneiden.
~*~

45
„Ist es in Ordnung, dass das Bett so steht? Wir können es
wieder zurechtrücken, wenn du möchtest. Vielleicht macht
sich das Zimmermädchen so seine Gedanken …“
„Soll sie doch“, erwiderte Rupert hastig aus dem
Badezimmer. Er war so dankbar gewesen für Miles’ Nähe in
dieser grauenvollen ersten Nacht, dass er sie zumindest im
Urlaub nicht mehr missen mochte. Eine Weile war es
mucksmäuschenstill.
„Und du? Was denkst du?“
Im Nachthemd und mit Zahnpasta im Mund tappte Rupert
ins Separee. Miles hockte auf der Bettkante und machte ein
Gesicht, als müsse er Rupert eine Antwort abringen, die
beiden nicht gefiel. War da ein ängstlicher Ausdruck in seinen
Zügen? Welch eigenartiger Aspekt. Miles und verunsichert!
„Ich lese abends sowieso nicht mehr. Du kannst die Lampe
haben“, bot er vorsichtig an. „Ich … ich möchte, dass es so
bleibt.“
„Okay“, sagte Miles gedehnt. Damit war die Debatte vom
Tisch, und keiner von ihnen verlor zukünftig ein Wort darüber,
wie merkwürdig es anmutete, wenn sich zwei erwachsene
Männer ein Bett teilten.
Irgendwann, als er kurz aufwachte, fiel Rupert der Brief
wieder ein. Er hatte ihn schon wieder vergessen! Der Teufel
hole seine Zerstreutheit! So leise wie möglich krabbelte er aus
dem Bett, um sich eine Notiz oder einen Knoten ins
Schnupftuch zu machen und gleichzeitig einem dringenden
Bedürfnis nachzugehen. Da alles im Dunkeln geschah, stieß er
sich den großen Zeh an der Kommode und fluchte unterdrückt.
Nachdem er alles zu seiner Zufriedenheit erledigt hatte,
schlüpfte er wieder unter die Decke. Miles lag auf dem
Rücken, die Hände hinter dem Kopf verschränkt. Das Weiß
seiner Augen leuchtete im Scheinwerfer einer Straßenlaterne.
Er schlief nicht, und wenn doch, dann mit offenen Augen. Bei
Miles musste man auf alles gefasst sein. Rupert riskierte es,
ihn anzusprechen.

46
„Kannst du auch nicht schlafen? Ich muss ständig an den
armen Thierry denken.“
„So, musst du“, sagte Miles nur.
„Hast du kein Mitleid?“
„Nicht wirklich. Er hat sein Dilemma selbst verschuldet. Ein
windiger Kerl hat ihm die Bruchbude angedreht. Die hat
offenbar noch nie was abgeworfen, aber er hat sich
drankriegen lassen. Mit ein bisschen Menschenkenntnis wäre
ihm das nicht passiert. Man muss prüfen, was man kauft. Und
zwar Anbieter und Angebot.“
„Urteilst du nicht ein bisschen zu hart über ihn? Das hätte
jedem so gehen können außer dir.“
Die Matratze knirschte unter Miles’ Gewicht, als er sich
Rupert zuwandte und den Ellenbogen aufstützte. Den
folgenden Satz sprach er fast zärtlich aus, jedenfalls war er
Rupert nicht böse.
„Gib Ruhe und lass mich schlafen, du Schleimer.“

47
Kapitel 5

D ie nächsten Tage glichen dem Paradies, das Rupert


sich auf Erden nie erträumt hätte. Sie standen spät auf,
faulenzten in Straßencafés und am Seineufer und erkundeten
ausgiebig die Stadt, deren Sehenswürdigkeiten
augenscheinlich nie zur Neige gingen. Durch das schöne
Wetter gewann selbst Ruperts helle Haut eine leichte Tönung,
die ihn gesund und erholt aussehen ließ. Und er hatte
Gelegenheit, Briefmarken an einem Kiosk zu erstehen, ohne
dass Miles davon Wind bekam, der in der Zwischenzeit einen
neuen Film für die Weitwinkelkamera erwarb. Er war ein
leidenschaftlicher, mitunter waghalsiger Fotograf, wie Rupert,
der gelegentlich zu seinem Leidwesen als Modell herhalten
musste, erfuhr. Nichts war ihm und seiner Linse heilig. Kein
Preis war ihm zu hoch für ein lohnendes Motiv. Entweder
kletterte er in schwindelerregende Höhen auf Bäume oder den
Obelisken (man hatte die Polizei verständigt mit der
Begründung, ein Verrückter begehe Selbstmord), um einen
Platz aus ungewöhnlicher Perspektive abzulichten, oder er
legte sich rücklings auf den Steinboden für ein Foto von
Rupert - der sich mit gespreizten Beinen über ihn stellen
musste - unter dem Eiffelturm (Ruperts Lieblingsbild, obwohl
er es nie zugegeben hätte). Mitunter fragte er Passanten, deren
Hüte oder Kleidung ihm besonders gut gefielen, ob er sie mit
seiner Kamera festhalten durfte. Da er sehr höflich und
charmant war und sich die Leute zudem geschmeichelt
fühlten, konnten die wenigsten ablehnen.
Zuhause in England besaß er eine eigene Dunkelkammer
zum Entwickeln der Bilder, wie er Rupert stolz erzählte. Doch
da er auf unabsehbare Zeit in Paris war, brachte er die in
Nullkommanichts vollgeknipsten Filme in die
allgegenwärtigen Touristenshops und wartete mit kindlicher
Freude auf die Ergebnisse. Seine Begeisterung steckte Rupert

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an, und als er darum bat, es auch versuchen zu dürfen,
schenkte Miles ihm die Kamera und kaufte eine neue. Eine
einzige Bedingung war an das Geschenk geknüpft: er durfte
Miles nicht fotografieren. Das fand Rupert bedauerlich, und
manchmal gelangen ihm heimliche Schnappschüsse, die er
Miles jedoch vorenthielt, indem er sie gleich nach der
Abholung aussortierte.
Abends kehrten sie regelmäßig bei Thierry ein, der sich sehr
über seine langersehnten Stammgäste freute. Über die
wirtschaftliche Misere des Lokals wurde nicht mehr diskutiert,
da der gefühlsbetonte Thierry dank Miles’ oft
einschüchternder Art früher oder später in Tränen ausbrach.
~*~
Manchmal waren seine Kinder in der Gaststätte, ein Junge
und ein kaum dem Krabbelalter entwachsenes, goldgelocktes
Mädchen. Miles mit seiner Riesenstatur und seinem
eigenwilligen Humor, der auch äußerst albern sein konnte, zog
beide sofort in seinen Bann, und er tollte kläffend mit dem
kleinen François auf dem Boden herum, während Nini auf
seinem Rücken hing und kreischte vor Vergnügen.
Dass Thierry zu trinken begonnen hatte, war jedoch nicht zu
übersehen: er sah blass aus, war reizbar und oft übermüdet.
Miles hielt sich mit Vorwürfen zurück. Lediglich um der
Kinder willen redete er ihm ins Gewissen, aber Thierry winkte
apathisch ab und behauptete, er lege es darauf an, einem
gebrochenen Mann die letzte Freude zu missgönnen.
Auch Julien Delaroche, der Page, hielt Kontakt. Wie viele
Leute, denen er begegnete, hatte Miles ihn unbeabsichtigt
betört, so dass er in der Absicht, sich bei ihm zu profilieren,
drei Karten für die Oper reservierte, nachdem er von Miles’
Faible für klassische Musik gehört hatte.
Die Vorführung blieb Rupert unauslöschlich im Gedächtnis;
nicht weil eine Primadonna sang, sondern weil er Miles dort
zum ersten Mal überwältigende Gefühle zeigen sah. Bei einem
verstohlenen Seitenblick auf ihn entdeckte er Tränen in den
Augen des Freundes, die hemmungslos über seine Wangen
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liefen. Da er nicht wusste, wie er darauf reagieren sollte,
schaute er zu Boden. Julien knuffte ihn und hob fragend die
dunklen Augenbrauen, aber Rupert schüttelte nur den Kopf.
~*~
Nach etwa zwei Wochen saß Miles abends auf dem Bett und
starrte abwesend vor sich hin. Für die entsprechende
Untermalung sorgte Giacomo Puccinis Nessun Dorma;
Thierry hatte ihm das Grammophon geborgt, da er keinen Sinn
mehr darin sah, es im Bistro spielen zu lassen; das Radio
genüge seinen Ansprüchen, da er sich ja nicht nach dem
Musikgeschmack der nichtvorhandenen Kundschaft richten
musste.
In der Ahnung, den Freund quäle etwas, drückte sich Rupert
am Türrahmen herum. Endlich glaubte er, auf sich
aufmerksam machen zu müssen, bevor Miles an seinem
Kummer erstickte, und räusperte sich.
„Setz dich zu mir“, forderte Miles ihn auf, ohne den Blick
von der Wand zu wenden. „Wir müssen reden.“
Rupert hockte sich auf die Kante und blinzelte nervös.
„Etwas Ernstes?“
Ein wenig unsicher musterte Miles den anderen. Seine
Augen blickten unstet, fast so wie an dem Tag, als er Hals
über Kopf in Ruperts Appartement eingefallen war. „Du musst
dich entscheiden, ob du hierbleiben oder nach London
zurückgehen willst.“
Rupert schnappte nach Luft. „Jetzt schon? Du willst ... willst
du mich loswerden?“
Sehr behutsam griff Miles nach Ruperts Schultern und
massierte seine Schlüsselbeine mit den Daumen. Jetzt hielt
sein Blick Ruperts gefangen, Rupert wurde sogar ein wenig
schwindelig von dem intensiven Zusammentreffen. „Rupert.
Du weißt, dass dem nicht so ist und dass ich sehr gern mit dir
zusammen bin. Du bist ein angenehmer Begleiter und fragst
nicht viel. Das schätze ich sehr an dir, glaub’ mir. Die Leute
reden viel zu viel. Du nicht, das macht dich für mich zu etwas
ganz Besonderem.“
50
Es klang nicht einmal anbiedernd oder gar unehrlich, wie er
das sagte, und Rupert meinte, in einer Aufwallung von
Zuneigung zu vergehen.
„Das ist … ich weiß nicht, was ich sagen soll …“ flüsterte
er.
„Sag gar nichts, ich bin noch nicht fertig. Ich hab dir
versprochen, dass du gehen kannst, wann immer du willst.
Aber ich muss meinen Lebensunterhalt verdienen, wenn ich
hierbleiben will, und muss wissen, ob ich in dieser Hinsicht
mit deinem Schweigen rechnen kann. Das heißt nicht, dass ich
dir nicht vertraue ... es wäre mir sowieso lieber -“ Er seufzte
und machte eine kleine Pause, in der er Atem holte – „du
würdest dich entschließen, bei mir zu bleiben.“
„Das will ich“, nickte Rupert eifrig, erleichtert, dass er keine
Last war. „Wir suchen uns gemeinsam Arbeit, das wird schon
klappen. Du redest, und ich packe an.“
Von einer großen Bürde befreit, verpasste ihm Miles einen
kameradschaftlichen Backenstreich, Rupert vergalt ihn mit
einem übermütigen Hieb in Miles’ Bauch, nach dem Miles ihn
breit angrinste.
„So gefällst du mir.“
In der Nacht, als er annahm, dass Miles fest schlief, grub
Rupert für einen Moment in scheuer Dankbarkeit das Kinn in
Miles’ Schulterkuhle und schmiegte sich an seinen Rücken.
Wer hätte vor vierzehn Tagen noch gedacht, dass Miles ihm zu
einer Wahl verholfen hatte, die sein Leben zum Guten hin
änderte, ihn von selbstauferlegten Zwängen befreite? Und dass
er jemandem, den er mochte, wichtig war. Er am
allerwenigsten. Und Paris war wunderschön.
~*~
Gleich am nächsten Morgen wurde Julien in die
Arbeitssuche eingespannt. Seine Frühstückspause nutzend,
fläzte er sich in der Lounge und rauchte. Als er Miles und
Rupert auf sich zukommen sah, sprang er strahlend auf.
„Bleib sitzen“, sagte Miles und ließ sich neben ihm nieder.
„Ich muss dich um einen Gefallen bitten.“
51
„Gern. Um was geht’s?“
„Rupert und ich, wir haben beschlossen, ein wenig länger
hierzubleiben als wir geplant hatten. Nun ist Paris teuer, und
wir sind es außerdem nicht gewohnt, den lieben langen Tag
auf der faulen Haut zu liegen. Kurz, wir brauchen einen Job.
Du kommst jeden Tag mit vielen Leuten ins Gespräch. Hör’
dich doch ein bisschen um, ja? Vielleicht sucht Gene Kelly
zwei Statisten für sein nächstes Musical. Wir sind nicht
wählerisch.“
„Kein Problem“, erwiderte Julien dienstbereit. „Das mache
ich sehr gerne für euch. Je länger ihr hier seid, desto besser!
Schön, dass euch die Stadt so gut gefällt.“

An der Rezeption erkundigte sich Miles jeden Morgen nach


Post, was sehr seltsam war; war er doch inkognito
eingecheckt. Der Portier – diesmal wieder der dünne, nettere
mit den ausgehungerten, mönchischen Zügen – lächelte.
„Ja, Monsieur Mason, heute früh ist ein Telegramm für Sie
angekommen. Ich wollte es Ihnen aufs Zimmer bringen lassen,
aber das Mädchen wollte nicht stören.“
„Danke.“ Rasch schlitzte er das zusammengefaltete Papier
mit dem Finger auf. Während des Lesens erhellte sich seine
Miene. Rupert freute sich, wenngleich er den Grund für Miles’
gute Laune nicht erriet und keine indiskrete Frage stellen
wollte.
„Rupert“, betonte Miles bedeutungsvoll und zwinkerte ihm
zu. „Wir gehen zu Thierry.“
„Um diese Zeit?“
„Was hier drin steht, wird er so schnell wie möglich erfahren
wollen.“
Er gab sich sehr geheimnisvoll auf dem Weg zum
„Bambi’s“. Auf Ruperts Quengeln erklärte er lediglich, dass
sich Thierrys Leben ändern könne, wenn er es nur wollte.
Gespannt harrte Rupert der Dinge, die da kommen sollten. Er
hatte Miles unterschätzt, ihm insgeheim Gefühllosigkeit
vorgeworfen, dabei hatte er die ganze Zeit gegrübelt, wie dem

52
Barbesitzer zu helfen war. Und nicht nur das, er hatte
dementsprechende Schritte unternommen.
Thierry hockte trübsinnig hinterm Ausschank; als sie
eintraten, sah er mürrisch auf. In kürzester Zeit hatte sein
Verhalten von freundlich-zuvorkommend auf abweisend-
grollend umgeschaltet, da ihm klargeworden war, dass zwei
Stammgäste allein sein Bistro nicht retten konnten. Und es fiel
ihnen nicht ein, Werbung für ihn zu machen.
Der Alkohol, dem er immer öfter übermäßig zusprach, tat
sein Übriges, aus ihm einen Misanthropen zu machen. Es war
erschreckend, wie schnell eine Droge einen Menschen ins
Abseits spielen kann, sinnierte Rupert schaudernd. Bei dem
missvergnügten Blick, mit dem Thierry die beiden bedachte,
hätte Rupert, wäre er allein gewesen, schleunigst das Weite
gesucht. Miles ließ sich davon nicht beeindrucken. Er winkte
fröhlich mit dem Telegramm.
„Heute schließt du deinen Laden, Thierry!“
„Tu es fou!“ schleuderte Thierry ihnen entgegen. „Mach’
dich nur lustig über mich!“
„Das ist kein Scherz. Lies das.“
Miles hielt ihm das Telegramm unter die Nase, doch Thierry
verstand noch immer nicht. „Ich … lese … lese kein
Englisch“, druckste er schließlich hilflos herum.
Einen Augenblick war Miles über die Eröffnung verwirrt,
dann steckte er den Zettel in die Jackentasche. „Ich habe einen
Freund drüben in England“, sagte er. „Der ist Hotelier und
verspricht, dir ein paar Tipps zu geben …“
„Davon kann ich mir was kaufen“, unterbrach ihn Thierry
bitter. „Alle wollen es doch immer besser wissen als man
selber. Und zum Schluss ist man ärmer als eine Kirchenmaus.“
„Lässt du mich ausreden?“ fragte Miles liebenswürdig, als
wäre ihm Thierrys Unmut vollkommen gleichgültig. „Du
brauchst natürlich Mittel, um den Laden zu renovieren und
Lebensmittel zu besorgen. Die stelle ich zur Verfügung.“

53
Thierrys trübe Augen flackerten auf und füllten sich mit
Tränen, er nahm Miles’ Hände und drückte sie fest. „Das …
tust du?“
„In Zusammenarbeit mit dem Hotelier, ja. Der ist außerdem
Bankierssohn. Sein Papa hat dir einen Kredit gewährt, für den
ich bürge. Aber du musst etwas tun, und vor allem die Finger
vom Schnaps lassen. Benachrichtige deinen Schwager, er soll
uns helfen, die Bude auf Vordermann zu bringen, und nachher
wieder die Gerichte zubereiten wie vor deiner Flaute. Bei der
Instandsetzung werden Rupert und ich helfen, vielleicht
trommeln wir noch ein paar Leute zusammen. Je eher wir es
geschafft haben, desto schneller kannst du dein Café wieder
öffnen. Und wenn wir es gut gemacht haben und es
Atmosphäre hat, werden die Leute sich drum prügeln, bei dir
essen zu gehen. Dein Standort könnte nämlich nicht besser
sein.“
Beiden – Rupert und Thierry – blieb der Mund offenstehen.
„Darauf muss ich was trinken“, stotterte Thierry verdutzt.
„Cidre, meine ich.“
Miles stellte das Grammophon auf ein fleckiges, von
Spinnweben umwobenes Klavier in einer unbeleuchteten
Nische, während Thierry den Apfelwein holte. „Das muss
weg“, erklärte er. „Sicher ist es total verstimmt. Du spielst
doch nicht darauf?“
„Manchmal“, sagte Thierry, dessen Lebensgeister neu
entflammt waren. „Für mich selbst. Ich bin nicht so gut, aber
beruhigt meine Nerven. Nach Feierabend klimpere ich dann
ein wenig.“
Tadelnd fuhr Miles über die Klaviatur und betrachtete seinen
staubigen Finger. „Als der Jazz noch nicht erfunden war, oder?
Das Ding muss weg, so was ist überflüssiger Ballast.“
Thierry warf sich aufschreiend und schützend vor das
Instrument. „Non! Pas du tout! Das geht nicht!“
„Ab heute musst du Opfer bringen, Thierry“, insistierte
Miles unerbittlich, er konnte also auch ein Tyrann sein. Doch
so wie es aussah, brauchte Thierry eine harte Hand, um auf die

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Füße zu kommen. „Oder du lässt es korrigieren. Das kostet
aber Geld, das ich nicht bezahlen werde.“
„Ich kann es stimmen“, meldete sich Rupert schüchtern zu
Wort. Miles drehte sich um.
„Du kannst das?“
„Spielen auch. Chopin und Beethoven“, entgegnete er leise,
wobei er fürchtete, nach einem schrecklichen Aufschneider zu
klingen.
Erfreut lächelte Miles und winkte Rupert zu sich heran, mit
der anderen Hand zog er den Klavierhocker unter dem
Instrument hervor. „Warum hast du mir das nie gesagt?
Komm, setz’ dich. Spiel’ irgendwas.“
„Ich … ich weiß nicht, ob ich noch … es ist schon eine
Weile her.“
„Liest du Noten?“
Elend nickte Rupert; er hasste es, in den Mittelpunkt gestellt
zu werden, und den Gesichtsausdruck von Miles kannte er
inzwischen; er bastelte an einem Einfall. Auf dem
Notenständer lag die Partitur eines Chansons, das Rupert nicht
kannte. Miles bat ihn, es zu spielen. Zunächst irritiert von der
schrägen Tonlage, dann aber immer selbstbewusster, als
Thierry eifrig nickend bezeugte, dass die Melodie zu
identifizieren sei und mitsummte, griff Rupert in die Tasten.
Auch Thierry wurde mutiger; er bereicherte die Akkorde mit
einem passablen Tenor und wiegte sich im Takt hin und her.

Le vent m’apporte des bruits lointains


Devant ma porte j’écoute en vain
Hélas, plus rien
Plus rient ne vient
J’attendrai
Le jour et la nuit, j’attendrai toujours ton retour …

Als Rupert fertig war, klatschte Thierry Beifall, vor Rührung


hatte er wieder Tränen in den Augen. Miles sah sehr zufrieden
aus, er drückte anerkennend die Schulter des Freundes. „Du

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bist genial, Rupert. Ich kann gar nicht fassen, dass du mir
deine Qualitäten bisher mutwillig vorenthalten hast. Das bauen
wir aus.“
Die Konzentration auf das Spiel hatte Rupert einiges
abverlangt; er pustete sich eine Strähne aus dem Gesicht und
schnaufte. Sein Blick wanderte flehend nach oben zu Miles.
„Ich möchte nicht öffentlich spielen.“ Der klägliche Tonfall
reflektierte sein Unbehagen. Schon beim Gedanken an ein
kritisches Publikum wurde ihm schlecht.
Beruhigend zauste Miles sein Haar. „Warum nicht? Du
kannst es doch. Ob zwei oder mehr Leute zuhören, macht
keinen Unterschied, du wirst sehen. Wenn du dich erst daran
gewöhnt hast, ist es nicht mehr schlimm. Natürlich zwingt
dich keiner, aber einmal die Woche gepflegte Barmusik wäre
ein Anziehungspunkt. Überleg’ es dir. So was kommt an, und
du willst Thierry doch helfen?“
Rupert vergrub die Hände im Haar und seufzte. „Schon.“
Plötzlich stutzte Thierry.
„Un moment. Ihr seid Brüder und du wusstest nichts von
Ruperts Musikalität?“
Miles war um keine Ausrede verlegen, die wie aus der
Pistole geschossen kam: „Wir wurden im Knabenalter getrennt
und haben uns erst vor kurzem persönlich kennengelernt. –
Und jetzt zum geschäftlichen Teil, Mr. Levant.“
Während Miles mit Thierry bei einer Flasche Selters über
die Zukunft des Bistros debattierte, erforschte Rupert das
vernachlässigte Klavier. Es stimmte, er kannte sich aus, hatte
als Junge Stunden gehabt und sich nebenbei sehr für den
Instrumentenbau interessiert. In der Tat hatte er lange Zeit mit
der Möglichkeit geliebäugelt, Musik zu unterrichten anstatt
englische Literatur, für die er sich letztlich auf Wunsch des
Vaters hatte einschreiben lassen. Er hatte das, was man das
absolute Gehör nannte, und blühte richtiggehend auf, als er
sich des Klaviers annahm. Es war alt, aber noch brauchbar, da
selten benutzt. Mit der Zeit entwickelte er eine fast
menschliche Beziehung zu dem Instrument.

56
~*~
Spät am Abend beendeten Miles und Thierry fürs Erste die
ausschließlich in Französisch gehaltene Besprechung. Rupert
war dermaßen in seine Aufgabe vertieft, dass er erst
aufmerkte, als Miles ihn rief. Thierry wirkte erschöpft, aber
trotzdem optimistisch. Seine Augen funkelten. Beim Abschied
umarmte er Miles herzlich.
„Ihr seid ein Geschenk du ciel“, meinte er voller
Überschwang. „Ich brauche einfach jemanden, der mir hin und
wieder in den Hintern tritt. Und falls ich aufgeben will, darfst
du mich schlagen, Victor.“
„Ich bin nicht gewalttätig veranlagt“, lachte Miles. „Wenn es
dir gelingt, ein paar Helfer zu finden, ist schon viel gewonnen.
Und vor allem – heb’ den Alkohol für deine Kundschaft auf.“

„Dann ist das Lotterleben jetzt wohl passé“, mutmaßte


Rupert bedauernd auf dem Rückweg.
„Warum?“ Unmögliche Fragen zu stellen gehörte
eindeutig zu Miles’ Lieblingsbeschäftigung.
„Na ja … das hört sich alles nach einem Haufen Arbeit an.
Baugenehmigung bei der Stadt einholen, renovieren, ein
Lokal unterhalten …“
„Kümmere du dich um dein Klavier. Thierry wird viele
Helfer brauchen, aber die treiben wir schon auf. Sein
Schwager wird wieder kochen – allerdings zu unseren
Bedingungen. Sei doch froh, dass wir beschäftigt sind. In der
ersten Zeit kann uns Thierry wahrscheinlich kein Gehalt
auszahlen, aber wir sind doch nicht aufs Geld angewiesen.
Sieh’s als eine experimentelle Erfahrung.“
„Du willst wirklich einsteigen in das Geschäft? Und was
meinst du überhaupt mit ‚zu unseren Bedingungen’?“
Miles schmunzelte. „Wir werden britische Gerichte und
Gebäck servieren. Nicht viele, nur eine kleine, aber feine
Auswahl. Thomas schickt uns ein paar Rezepte, die Thierrys
Schwager lernen muss. Scones, Shortbread, Fish ’n Chips …
eine erlesene Wahl an Sherry und Brandy, vielleicht auch

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dieses scheußliche schottische Zeugs mit den
Hammeleingeweiden. Das wird der Renner, Rupert. Die
Leute mögen Exotik. Thierry ist einverstanden. Bleibt nur zu
hoffen, dass der Schwager nicht querschießt. Der scheint ein
ziemlich finsterer Geselle zu sein.“
Rupert boxte ihn grinsend in die Seite. Er hatte Thierrys
Vorschlag, den er Rupert am Abend ihrer ersten Begegnung
eher spaßeshalber unterbreitet hatte, ins Gegenteil verkehrt.
„Du bist ein Fuchs, Miles! Aber es könnte funktionieren.“
„Es wird, Rupert. Es wird.“

58
Kapitel 6

A ls das Sonnenlicht ihn weckte, war Miles schon


weg. Auf der Kommode fand er einen Zettel mit der
lapidaren Nachricht „Unterwegs in Sachen Bambi – M.“
Gemächlich duschte er und frühstückte, nachdem das
Zimmermädchen ihm frischen Tee gebracht hatte. Dann ging
er in die Stadt, um ein paar Filme abzuholen. Die Fotografie
war ein richtiges Hobby geworden, bei dem sie beide um
ausgefallene und seltene Motive wetteiferten. Den
Eiffelturm ablichten konnte jeder; eine sich sonnende
Eidechse auf Pont Neuf entdecken nicht.
Rupert freute sich darauf, die Fotos nach der Reise in ein
besonders schönes Album einzukleben. Doch irgendwie,
ohne dass er es gewollt hatte, war die Trennung von
Frankreich in weite Ferne gerückt. Er fühlte sich wohl und
auf einmal erwachsen, trotz der Tatsache, dass er und Miles
häufig wie Teenager herumalberten. Mit der Arbeit an
Thierrys Laden brauchte die Unbeschwertheit nicht
automatisch vorüber zu sein. Und Rupert musste zugeben,
dass dieses Zigeunerleben ihm sehr gut gefiel. Halb
amüsiert, halb entsetzt konstatierte er, dass er in der ganzen
Zeit, die sie hier waren, in kein einziges Lehrbuch geschaut
hatte.
Er nahm sich die Zeit, in der Lounge bei einem Café au
lait die Bilder zu betrachten. Es war nicht zu leugnen, dass
Miles den geübteren Blick hatte, doch Rupert war auf seine
weniger spektakulären genauso stolz. In dieser Sache
bestärkte ihn Miles, der meinte, ihre Fotos ergänzten sich
gegenseitig, und das sei gut, sonst wäre die Geschichte
langweilig. Auf einigen von Miles’ Aufnahmen war Rupert
gerade noch winzigklein am Bildrand oder halb hinter einem
Gebäude versteckt zu erkennen. Er machte eine Art
Suchspiel daraus, auf das Rupert mit großem Vergnügen

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einging, wenn sie ihre Fotos analysierten. „Entdecke Rupert“
wurde bald eine Art geflügeltes Wort zwischen ihnen, bei
dem sie in hemmungsloses Gelächter ausbrachen.
Versunken in seine und Miles’ Bilderwelt entging ihm,
dass er Gesellschaft bekam. Julien hatte sich lautlos neben
ihn gesetzt. Mit großem Interesse besah er sich die bisweilen
recht bizarren Motive. Erst nach ein paar Minuten realisierte
Rupert seine Anwesenheit. Seit der Einladung zum Turandot
hatte der quirlige Franzose einige Punkte auf Ruperts
Sympathieskala gutgemacht.
„Oh … guten Tag, Julien. Ich habe dich nicht kommen
sehen.“
Julien schob seinen Kaugummi geräuschvoll von der
linken in die rechte Backe und schlug die Beine auf dem
niedrigen Tisch übereinander. Es war eine seltsame
Angewohnheit von ihm, dass er sich selbst auf harten
Sitzmöbeln vorzugsweise lang streckte statt geradezusitzen.
Mit seinen etwas gelangweilt blickenden Augen blinzelte er
Rupert träge zu.
„Das macht nichts. Die Fotos sind superb. Ich bin ja schon
eine Weile in Paris, aber von diesen Blickwinkeln aus
könnte es genauso gut eine Stadt in einem völlig fremden
Land sein. Von dir?“
„Von Victor und mir“, berichtigte Rupert und zappelte ein
bisschen vor Freude über das Lob. Julien nickte vor sich hin,
ehe er einen leisen Seufzer ausstieß.
„Gene Kelly hat noch nicht angerufen. Ich halte aber
weiterhin die Augen offen, sag’ das Victor bitte.“
Plötzlich hatte Rupert eine Idee.
„Kennst du das Bambi’s?“
„Das Bistro an der Ecke? Natürlich. Jeder kennt Thierry.
Wahrscheinlich wird er schließen müssen, er meint, das
Geschäft liefe nicht gut. Man sieht’s ja auch, nie ist was los
dort. Schade. Ich mag ihn, er ist ein guter Kumpel. War nach
Feierabend öfter mit ihm was trinken. Manchmal auch im
Kino.“

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Aufgeregt setzte ihm Rupert Miles’ Plan auseinander, das
Geschäft mit einem neuen Konzept wieder aufzubauen.
Julien hörte konzentriert zu; er schien Thierry wirklich zu
mögen. Seltsamerweise waren sie sich bei genauem
Betrachten optisch sogar etwas ähnlich, wenngleich Julien
hell und Thierry dunkel war.
„Wir brauchen freiwillige Helfer, und ich fürchte, Thierry
findet nicht viele, die ohne Geld für ihn arbeiten. Du bist
handwerklich sicher sehr geschickt, oder? Und Kraft hast du
auch. An bestimmte Zeiten musst du dich nicht halten; du
kommst, wann du Zeit und Lust hast.“
Julien war Feuer und Flamme, nicht zuletzt deshalb, weil
er Miles nun doch einen Gefallen tun konnte, wenn das mit
der Arbeitssuche schon nicht hinhaute.
„Vielleicht kann ich meinen Onkel überreden,
mitzuhelfen. Er hat ziemlich viel Ahnung vom Renovieren.
Hat sein Haus ganz alleine aufgemöbelt und ist so was wie
ein verkappter Heimwerker. Thierrys Laden kennt er auch.“
Rupert rieb sich die Hände, insgeheim froh über seinen
Schneid, Julien um etwas gebeten zu haben, das dieser mit
Freuden aufnahm. Mit einer Absage hatte er allerdings auch
nicht wirklich gerechnet; schließlich ging es um Miles bzw.
Victor. „Fein.“
~*~
Jacques Fleury, Thierrys Schwager, war ein noch düsterer
dreinblickender Charakter, als Rupert befürchtet hatte. Er
stammte aus der Bretagne, was man ihm auf zehn Meilen
Entfernung ansah. Gedrungen, mit glutvollem Blick und
schwarzgelockten Haaren, die sich im Nacken kräuselten,
trug er einen grobmaschigen Fischerpullover und schäbige
Hosen. So rauh wie der Flecken Erde seiner Herkunft wirkte
der ganze Mann. Dennoch war er auf schroffe Weise
attraktiv mit seiner wettergegerbten Haut, seinen
dunkelblauen Augen und dem fast schon romantischen
Aufzug.

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Missbilligend an einer Zigarette saugend schlenderte er in
Thierrys Bistro auf und ab.
„Da ist viel zu tun“, stellte er zähneknirschend fest. „Ich
hätte nicht gedacht, dass du es so fix herunterwirtschaftest,
Thierry. Freilich, ein Leichtfuß warst du schon immer, aber
das … wie konntest du es nur so weit kommen lassen?“
„So schlimm ist es nicht“, wiegelte Miles ab, der mit ein
paar Brettern aus Palisander für die hüfthohe Vertäfelung
der Wände hereinkam und dann die karge, verstaubte
Dekoration in Kisten verstaute. Er war der einzige, der es
wagte, Jacques von Anfang an Paroli zu bieten.
Unverständliches vor sich hinmurmelnd begann Jacques,
gemeinsam mit Thierry die verblichenen, in Fetzen
herunterhängenden Tapeten abzukratzen, wie ihnen Miles
aufgetragen hatte.
„Vorsicht“, warnte ihn Thierry. „Victor spricht
Französisch so gut wie seine Muttersprache.“ Was noch ein
undeutlicheres Murmeln von Jacques’ vollen Lippen zur
Folge hatte. Rupert war dankbar für sein Klavier, so musste
er sich nicht mit diesem übellaunigen Kerl abgeben. Miles
war mit ihm in ein Musikgeschäft gegangen und hatte ihm
einiges besorgt, das er für seine Arbeit brauchte. Es musste
ein wundervolles Gefühl sein, so weltmännisch und begütert
zu sein wie sein Freund.
Gegen Abend trudelte Julien mit seinem Onkel ein. Unter
lautem Hallo und Küssen begrüßten sie Thierry, bevor dieser
sie dem Rest der Truppe vorstellte. Juliens Onkel hatte etwas
märchenhaft Geheimnisvolles an sich, sein durchtrainiertes
Äußeres prädestinierte ihn zu einem Dressman, wäre er
zwanzig Jahre jünger gewesen. Mit einem Gardemaß von
190 cm war er so groß wie Rupert, dabei langgliedrig und
sehr schlank. Sein an den Schläfen angegrautes Haar war
dunkel, ebenso seine Augen, die aus tiefen Höhlen alles
genau beobachteten. Der Mund war schmallippig und häufig
zusammengepresst, als versage er sich das Reden, das sein
Neffe mit vertraulichem Geplapper kompensierte. Was ihn

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zudem daran hinderte, zu oft den Mund zu öffnen, war die
Pfeife, ohne die man ihn selten antraf.
Wie Julien verstand und sprach er sehr gut Englisch, eine
Tatsache, die ihn bald zum Sprachrohr der französischen
Fraktion machte. Hinzu kam, dass sein Sachverstand in der
Tat außergewöhnlich war. Er wusste mit Hammer und
Bohrmaschine genauso gut umzugehen wie mit der
Organisation des gesamten Konzepts und arbeitete gründlich
und zuverlässig.
Zunächst setzten sie sich an einen Tisch, um Ideen zu
sammeln. Miles erklärte, dass sie nicht wild drauflos
fuhrwerken sollten, sondern sich erst einmal Gedanken um
die Umsetzung machen mussten, um ein Ziel zu haben, auf
das sie alle hinarbeiteten, das stärke den Gemeinschaftsgeist.
Psychologisch war er schwer auf Zack; überhaupt seine
ganze Art, mit Menschen unterschiedlicher Couleur
umzugehen, bewunderte Rupert.
„Wir brauchen ein Thema“, erläuterte er, mit Rücksicht
auf Rupert sprach er Englisch. „Irgendwas, worunter wir das
Bistro stellen und dementsprechend ausstatten. Da wir
britische Gerichte anbieten möchten, dachte ich an etwas,
das dazu passt. Irgendeine Idee?“ Erwartungsvoll schaute er
in die Runde.
„Die müsst ihr Engländer haben“, bemerkte Jacques
griesgrämig, dem die Vorgabe des Essens gar nicht gefiel,
von der er bereits unterrichtet worden war.
„Fünf-Uhr-Tee im Buckingham Palace“, schlug Julien vor
und erntete Gelächter. Miles notierte es.
„Gar nicht übel. Sonst noch was? Thierry?“
Der Angesprochene zuckte die Achseln. „Vergoldete
Kronleuchter will ich nicht haben“, maulte er. „Bin ich
Queen Victoria?“
„Queen Elizabeth“, korrigierte Julien keck, woraufhin die
sonore Stimme von Raoul Delaroche ihn freundlich
ermahnte. Seine Art zu sprechen und die tiefe Stimmlage
verlangten auf unaufdringliche Weise Gehör. Rupert war der

63
Mann ein bisschen unheimlich, doch da ihr Aufgabenbereich
unterschiedlich war, hatte er glücklicherweise in Zukunft
recht wenig mit ihm zu tun.
„Ich frage dich, weil es dein Laden ist.“ Auf einmal klang
Miles ungewohnt ruppig, als er auf Thierrys
Zwischenkommentar reagierte. „Vor allem du musst
dahinter stehen. Alles rundweg ablehnen ist einfach.“
Thierry schrumpfte am Tisch, gelobte jedoch, sich Mühe
zu geben. „Wenn die Kronleuchter nicht unentbehrlich sind,
wäre es ja zu überdenken …“
„Fischfang“, ließ sich Jacques zu einem Beispiel herab.
Julien zweifelte und wiegte den Kopf. „Ist das in England
populär?“
Miles schrieb es auf. „An der Küste, warum nicht?
Maritim. Gute Idee, Jacques. Weitere Vorschläge?“
Thierrys Schwager schob sein Barett tief ins Gesicht und
lehnte sich zurück, damit keiner sein heftiges Erröten sehen
konnte. Ratloses Schweigen machte sich breit, bis sich
Juliens jungenhafte Miene aufhellte. Schmeichelnd und
nachdrücklich zugleich umfasste er den Arm des
Bistrobesitzers.
„Thierry, wir beide gehen doch gerne ins Kino. Wir lieben
Filme, du genauso wie ich. Oder?“
„Soll ich jetzt ein Lichtspielhaus eröffnen? Mon petit
chéri, das wäre wahrlich ein Traum, aber viel zu aufwendig
und kostspielig.“
„Nicht doch! Aber du könntest dein Bistro wie eines
gestalten! Mit Bildern von Filmstars an den Wänden,
Aushangfotos, Plakaten und Artikeln aus Zeitschriften. Du
kennst doch meine Sammlung, ich leih’ sie dir! Und ein paar
Autogramme. Du musst mir aber versprechen, gut drauf
aufzupassen.“
Miles stach mit dem Bleistift in Juliens Richtung.
„Phantastisch, Julien! Das ist es! Würdest du das Zeug
morgen mitbringen?“

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„Es ist sehr viel“, gab Julien zu bedenken, obwohl er sich
kaum beherrschen konnte vor Aufregung darüber, Miles’
Achtung eingeheimst zu haben. „Mehrere Kisten.“
„Je mehr umso besser. Wir sortieren und stimmen ab, was
der Öffentlichkeit zuträglich sein darf, in Ordnung?“
Julien strahlte, als Raoul ihm stolz gegen den Strich über
das Haar fuhr, und auch die anderen schienen erleichtert und
mit dem Thema einverstanden. Filme begeisterten die
meisten, jung oder alt.
Mit neu entfachtem Eifer ging jeder seiner Verpflichtung
nach; Rupert reparierte das Klavier, Miles und die
Delaroches begannen mit den „Abrissarbeiten“ und die
beiden Inhaber inspizierten zunächst die kleine Küche, die
ebenfalls einige Sanierungen nötig hatte.
Rupert war froh, mit dem Instrument sozusagen
abgesondert von den anderen in einem Kokon eingesponnen
zu sein; von dem Sprachgewirr um ihn herum verstand er
kein einziges Wort. Zwar hatte er Französischunterricht
gehabt, doch die Sprache praktisch anzuwenden, war etwas
anderes. Wie immer hatte Miles auch in Bezug auf seine
Sprachkenntnisse untertrieben: er diskutierte so hitzig wie
ein Einheimischer, wenn er und Jacques, der sich nun
ebenfalls an der „Zerstörungswut“ im Gästeraum beteiligte,
nicht ganz einig waren. Thierry, der überall im Weg stand
und sich extrem schusselig anstellte (und somit Ruperts
vollstes Verständnis hatte), wurde schließlich dazu
verdonnert, für das leibliche Wohl seiner Gehilfen zu
sorgen, da er sie bei handwerklichen Angelegenheiten mehr
oder weniger beeinträchtigte.
Das allerdings tat er mit Inbrunst; kurz nach Mitternacht
rollten überall auf dem Boden Flaschen herum, über die die
Männer stolperten, bis Rupert sich ihrer erbarmte und sie
einsammelte, um sie nahe des Eingangs aufzureihen. Ihm
war aufgefallen, dass Miles nur Wasser trank, während sich
der erhöhte Alkoholpegel bei den anderen nach einigen

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Stunden bemerkbar machte. Der mürrische Jacques grölte
sogar ein Lied, das vom Meer erzählte.
Über ihre Beschäftigung vergaßen sie die Zeit. Julien stieß
einen erschrockenen Laut aus, als er zufällig seine
Armbanduhr konsultierte.
„Zut! Schon so spät! Ich muss gehen!“
Obwohl es ihnen schwerfiel, sich von der Arbeit
loszueisen, brachen die Männer auf.
~*~
Rupert ließ Miles’ offensichtliche Enthaltsamkeit keine
Ruhe, er fragte ihn im Hotel danach.
„Ich mag keinen Alkohol, das weißt du doch. Nun mach’
nicht so ein ängstliches Gesicht. Mir fehlt nichts,
Ehrenwort.“
Rupert ließ nicht locker. „Ich mache mir Gedanken, Miles,
das musst du verstehen. Manchmal benimmst du dich
befremdend, und ich … es wäre mir schrecklich, wenn du –
aus gesundheitlichen Gründen … oder vielleicht um noch
ein gutes Werk zu vollbringen, das alles für Thierry tust …“
Der Gedankengang erheiterte Miles, aber er verbiss sich
eine zynische Bemerkung, die den armen Rupert noch mehr
aufgewühlt hätte. Es war schon erstaunlich, dass er seine
Befürchtung überhaupt zur Sprache brachte, die Miles längst
vergessen hatte, wenngleich sie ihn offenbar seit ihrem
ersten Abend umtrieb.
Er bat Rupert zu sich und legte ihm den Arm um die
Schulter, während er in sein Gesicht sah, in dem der
Kaumuskel mahlte. Die intensiven blauen Augen waren
feucht, und Miles kramte ein Schnupftuch aus seiner
Hemdtasche, um sie vorsichtig zu trocknen. Anstandslos ließ
Rupert es geschehen, wenngleich er sich seiner Tränen
schämte. Wenigstens schien Miles nichts dabei zu finden;
von peinlicher Berührtheit in Anwesenheit eines weinenden
Mannes war nicht die Spur in seinem Verhalten, im
Gegenteil.

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„Mein lieber Rupert, ich argwöhne, wir müssen etwas
klarstellen. Erinnerst du dich, weshalb ich dich
mitgenommen habe nach Paris? Ich wollte, dass du ein
bisschen was siehst von der Welt. Ich wollte dich in meiner
Nähe haben, um dich besser kennenzulernen. Das hat sich
für uns beide gelohnt, oder? Ich unterstütze Thierry Levant,
weil er dein Freund geworden ist. Ich tue das alles für dich,
für niemanden sonst. Du hältst dich immer klein, meinst, du
seist nichts wert, aber das stimmt nicht. Du bist ein sehr
liebenswerter Mensch, mit unglaublichen Talenten, der es
verdient hat, ein bisschen Anerkennung zu finden. Und
selbst wenn du gar nichts könntest, würde das für mich
nichts ändern. Ich hab dich immer gemocht, vom ersten
Moment an. Aber ich wäre nicht so egoistisch, dich zu
zwingen, mir beim Sterben die Hand zu halten. Ich bin nicht
unheilbar krank, wenn es das ist, was dir Sorgen macht.“
Nur mäßig beruhigt nahm Rupert das Taschentuch an sich
und schneuzte.
„Aber warum bist du weggelaufen? Für mich sieht das
alles sehr nach einer Flucht aus. Einer Flucht vor der
Tatsache, dass dir nicht mehr viel Zeit bleibt. Wenn du
ehrlich wärst, würdest du mich verstehen. Der falsche Name,
keine Fotos von dir, der Verzicht auf Alkohol …“
So offen hatte er mit Miles noch nie geredet; er erschrak
ein wenig über sich selbst. Miles blieb die Gelassenheit in
Person.
„Ich weiß, wie viel es dir abfordert, darüber zu sprechen
und dass es dich interessiert, warum ich hierher wollte und
zuweilen eigenartig bin. Aber diese Frage werde ich dir
nicht beantworten. Es ist nicht der Grund, den du vermutest,
das ist alles, was ich dazu sagen kann. Wenn dir unsere
Freundschaft lieb ist, lass es gut sein.“
Heftig wandte sich Rupert ihm zu und schlang die Arme
um ihn, barg das Gesicht an seinem Hals. Die Anspannung
löste sich allmählich; er konnte spüren, wie seine Muskeln
erschlafften, es tat beinahe weh und doch so gut.

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„Wenn es bloß nicht das ist …“ murmelte er erstickt.
Miles hielt ihn fest, er wiegte sich sachte mit ihm wie eine
Mutter ihr bekümmertes Kind.
„Oh Rupert“, sagte er leise in Ruperts Haar. „Ich lüge
meinen besten Freund nicht an. Hättest du mir doch früher
gesagt, dass dich das so quält.“

68
Kapitel 7

G elegentlich schaute Thierrys Frau im Bistro vorbei,


um die schwer arbeitenden Männer mit belegten
Broten zu verköstigen. Rupert war hingerissen von ihrer
grazilen Erscheinung, von der ihr Bruder Jacques
verblüffenderweise gar nichts hatte. Sie versprühte einen
burschikosen, kindfraulichen Charme, mit dem sie jeden um
den kleinen Finger wickelte. Ihre dunklen Rehaugen bildeten
einen reizvollen Kontrast zu ihrem hellen, kurzgeschnittenen
Haar. Meist war sie in luftige Sommerkleider gewandet, die
ihre schönen Beine zur Geltung brachten. Jedem, den sie
zuvor noch nicht gekannt hatte, bot sie gleich am ersten Tag
mit festem Händedruck die vertrauliche Anrede an.
Auch sonst war Gisèle nicht zimperlich: Miles übertrug ihr
einige Aufgaben, an denen der unpraktische Thierry und
auch Rupert gescheitert wären, die sie jedoch souverän
meisterte.
Dennoch stellte Rupert schon nach kurzer Zeit eine
gewisse Antipathie zwischen ihr und Miles fest, eine Rupert
völlig unergründliche Regung. Wie konnte es sein, dass
jemand Miles hasste? Nun, „Hass“ war ein starkes Wort,
doch zumindest mied sie ihn, obwohl sie sich von ihm
einspannen, mitunter sogar herumkommandieren ließ.
Häufiger allerdings besuchte sie Rupert am Klavier, um mit
ihm zu plaudern. Dann schlug Ruperts Herz bis in den Hals,
und seine schwitzigen Hände rutschten überall herum.
„Wie schön deine Hände sind, Rupert“, sagte sie, sich über
das Klavier beugend. „Fast so schön wie Thierrys. Ich bin so
froh, dass ihr ihm helft. Besonders du. Ich mag es, wie du
arbeitest. Das alte Ding wird perfekt klingen, wenn du mit
ihm fertig bist. Gehst du an alles so gründlich heran?“

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„Victor hat das möglich gemacht“, parierte Rupert, die
versteckte Anzüglichkeit ignorierend. „Ohne seine
finanziellen Mittel und Kontakte sähe Thierry alt aus.“
Sie schmollte und spielte mit ihren Pumps, indem sie mit
dem rechten Schuh die Ferse des linken hinunterstreifte.
Rupert widmete sich seiner Arbeit; die anderen machten
Pause und waren zum Rauchen nach draußen gegangen. In
der Gaststätte herrschte eine dampfige Luft; das Wetter hatte
umgeschlagen. Paris lag unter einer Glocke aus Smog und
tropischer Schwüle.
Eine Saite löste sich surrend vom Stimmstock, und er
fluchte. Gisèle lachte.
„Was hast du eigentlich gegen Victor?“ erkundigte sich
Rupert wie nebenbei, während er die Saite entfernte und
seine volle Aufmerksamkeit darauf richtete. Jäh verstummte
das Lachen. Sie sah hinaus, wo Miles mit den Delaroches
auf der Straße stand und sich über irgendetwas amüsierte.
Sie waren der Kern und Miles am liebsten, da sie am
effektivsten arbeiteten und Selbstinitiative ergriffen, dieweil
man Thierry und Jacques instruieren musste. Zu Miles’
leichtem Verdruss waren beide tagsüber die Woche
beschäftigt; Raoul betrieb einen kleinen Buchhandel in der
Rue Caulaincourt, und Julien war mit seinem Job so gut wie
ausgelastet. Trotzdem kamen sie, so oft es ihre Zeit erlaubte.
Meist gemeinsam am Abend, um dann bis tief in die Nacht
zu handwerken, woran sie sichtlich Freude hatten.
Juliens Vorrat an Anekdoten über die Schrullen und
Spleens von Hotelgästen war unerschöpflich.
Wahrscheinlich gab er gerade eine zum Besten. Sein Onkel
und Miles lachten hinter der Fensterscheibe; Miles
schmauchte Raouls Pfeife, ein besonders großer
Freundschaftsbeweis. Rupert fragte sich, wie er das nur
wieder bewerkstelligt hatte. Raoul Delaroche strahlte in
seinen Augen noch mehr Unzugänglichkeit aus als Jacques,
und er tat nichts, um diesen Eindruck abzuschwächen. Bis

70
auf Miles sprach er selten mit jemandem, und Fragen
beantwortete er einsilbig.

„Er nimmt mir meine Familie weg“, antwortete sie


unumwunden, aus ihren sinnlichen, ungeschminkten Lippen
war alle Farbe gewichen, und eine steile Falte an ihrer
Nasenwurzel ließ sie um zehn Jahre altern. „Du solltest
Thierry hören, wenn er nach Hause kommt und erzählt.
Ständig Victor hier, Victor da … betrunken war er mir fast
lieber. Und die Kinder hat er auch schon geködert. Bald
mögen sie ihn lieber als Thierry und mich. Ich verstehe
nicht, wie du es mit ihm aushältst.“
Verwirrt und ein wenig entrüstet darüber, dass sie in den
Sündenbock für ihre Krise suchte, sah Rupert zu ihr auf.
„Aber – das liegt doch nicht an Victor! Ich meine, wenn ihr
Probleme habt in eurer Ehe, kannst du ihn nicht dafür
verantwortlich machen. Wir sind doch Fremde, was sollten
wir uns in euer Leben einmischen? Thierry hat uns gesagt,
dass ihr momentan ein paar Schwierigkeiten habt, aber wenn
der Laden erst wieder floriert, sieht es sicher ganz anders
aus.“
„Ach, vergiss, was ich gesagt habe. Ich bin ja nur eine
Frau und rede dummes Zeug. Außerdem ist Victor dein
Bruder, du musst ihn natürlich verteidigen. Ich hätte mir
denken können, dass du’s nicht verstehst.“
Sie rauschte in die Küche – nicht mehr als eine geräumige
Kochnische - um Getränke kaltzustellen. Wie betäubt starrte
Rupert ihr nach. Die gelockerte Saite schnitt wüst in seine
Fingerkuppe, als er sie wieder zu befestigen suchte; er
saugte an der Wunde, ohne den Schmerz zu realisieren. Die
Vorstellung, Miles habe einen Feind, oder besser gesagt,
Rivalen in Gisèle, war so abwegig, dass er in der nächsten
Minuten glaubte, sich das Gespräch eingebildet zu haben.
~*~
Es bürgerte sich ein, dass Rupert früher ins Hotel
zurückkehrte, da es für ihn weniger zu tun gab, sobald er das
71
Klavier gerichtet hatte, das nun geschützt unter einer Folie
die halbe Küche ausfüllte. Miles vertröstete ihn auf die
Feinarbeit. Mit Hammer und Säge stellte Rupert sich
nämlich nicht geschickter an als Thierry.
Anfangs litt sein Selbstwertgefühl darunter, doch Miles
versicherte ihm, dass er mit den Delaroches gut zurechtkam
und beide drei fleißige Arbeiter auf einmal ersetzten. Nicht
ohne Grund waren Thierry und Jacques in der letzten Zeit
nur noch sporadisch aufgetaucht, bis der grobe Teil der
Renovierungsarbeiten abgeschlossen war. Thierry
behauptete, sich nach modernern Küchengerätschaften
umzusehen, wozu er Jacques’ fachmännisches Urteil
benötigte.
Miles fand das in Ordnung, er trug Thierry seinen
Müßiggang nicht nach, solange er das Interesse an den
Fortschritten beibehielt. Und das tat er; spätestens abends
erschien er, um mit den dreien zu schwatzen, oft in Jacques’
Begleitung, der nach und nach auftaute und bestrebt war,
sich ins rechte Licht zu rücken.
Wenn Rupert ins Foyer kam, trank er dort in der Regel
einen Kaffee (inzwischen mochte er ihn fast ebenso sehr wie
seinen geliebten Tee) und grübelte über seine Zukunft. Es
stand für ihn mittlerweile fest, dass er nicht unterrichten
würde. Aber was dann? Konnte man das Leben mit Miles
einfach so weiterleben? In den Tag hinein, warten, was
derselbige brachte? Die Arbeit im Café war nicht von Dauer.
Er würde jedenfalls nicht zwischen Greta Garbo und Gary
Cooper-Plakaten kellnernd hin und herflitzen (obwohl ihm
das Porträt von Hedy Lamarr recht gut gefiel) und
Bestellungen in einer Sprache aufnehmen, die er nicht
verstand geschweige denn schreiben konnte. Und kochen?
War auch nicht seine Bestimmung. Zwar schaffte er es, sich
allein zu versorgen, aber das war’s auch schon und genügte
seinen kulinarischen Ambitionen voll und ganz.
Ratlos legte er sich aufs Bett. Er schlief nicht mehr so
häufig wie früher. Seit Miles mit ihm das Bett teilte, reichte

72
ihm auf wundersame Weise der Nachtschlaf. Dennoch döste
er hin und wieder vor sich hin. Vor allem, wenn er über
etwas nachdachte, geschah es, dass seine Gedanken
abdrifteten und ihn eine halbe Stunde kampfunfähig
machten.
Ein Hupkonzert unten auf der Straße ließ ihn auffahren.
Panik bemächtigte sich seiner. Er wusste um das chaotische
Fahrverhalten der Franzosen und hatte sich daran gewöhnt,
doch irgendetwas war anders.
Miles, durchzuckte es ihn wie unter einem Stromschlag, er
hastete zum Fenster und riss es auf, um sich hinauszulehnen,
wobei er mit dem Schlimmsten rechnete.
Unten stand Miles am Trottoir und betätigte von außen die
Hupe einer schwarzen DS 19 von Citroën, ein Modell, das
seit seinem Erscheinen vor drei Jahren das französische
Straßenbild maßgeblich prägte.
Er lachte übermütig in Ruperts Richtung.
„Komm runter, du Faulpelz! Wir machen eine Spritztour!“
Eilends strich Rupert die zerknitterte Hose glatt und
stürmte aus dem Hotel.
„Gekauft?“ fragte er atemlos, konnte sich aber der
Faszination des extravaganten Automobils nicht entziehen
und strich zärtlich über die lange, geschwungene
Motorhaube, die wie neu glänzte. „Du spinnst! Das muss ein
Vermögen gekostet haben!“
„Das hat es“, bestätigte Miles gutgelaunt. „Thierry, nicht
mich. Er hat sie mir geliehen, quasi als Belohnung für die
Mühe mit seinem Schuppen. Steig’ ein, wir entfliehen der
städtischen Hitze.“
Während der Fahrt kurbelten sie beide Fenster auf. Der
Wind kühlte ihre Gesichter; Rupert schloss die tränenden
Augen, während Miles sich in technischen Details und
neuartigen Finessen des Wagens erging. Doch alles, was
Rupert behielt, waren die Servolenkung und die
Hydropneumatik, die Unebenheiten im Asphalt oder auf
steiniger Fahrbahn weitgehend abfing, da sie die Karosserie

73
beim Start in der Schwebe hielt und erst nach dem
Abschalten des Motors wieder absenkte.
Tatsächlich war das Fahrgefühl etwas ganz Eigenes, ein
wenig wie auf Wolken. Rupert fragte nicht, wohin sie
fuhren. Seinetwegen hätten sie bis zum Ende der Welt
unterwegs sein können.
An einem Seitenarm der Seine hielten sie an. Die Straße
war in einen schmalen Weg übergegangen, hohe Gräser
wogten auf den Feldern, in denen Grillen hypnotisch zirpten.
Die Sonne stand tief, doch es würde noch lange hell sein, ein
typischer Nachmittag im Frühsommer. Überdies wehte eine
angenehme Brise, die die Stadt wenige Kilometer entfernt
vermissen ließ.
Als Rupert ausgestiegen war, stemmte er die Fäuste in die
Hüften, wedelte mit den Ellenbogen Luft in sein unter den
Schulterblättern verklebtes Hemd und füllte die Lungen
gierig mit selbiger. Miles hockte sich auf die Motorhaube
und zündete eine Zigarette an.
„Schön ist es hier“, meinte Rupert und streckte sich.
„Könnte man dort drüben auf dem malerisch gelegenen
Hügel nicht ein Haus bauen?“
Miles grinste. „Du bist ja doch romantisch.“
„Manchmal geht es mit mir durch“, gab Rupert kichernd
zu. Er schlenderte hinüber zu Miles, nahm ihm die Zigarette
ab und machte einen Zug, bevor er sie ihm hüstelnd
zurückgab. Dann krempelte er die Hosenbeine auf, um einer
kindlichen Anwandlung nachgebend im knietiefen Wasser
des Flusses zu waten. Es war nur lauwarm, aber das machte
nichts.
Nachdem Miles seine Nikotinsucht befriedigt hatte, suchte
er eine Stelle am Fluss, wo die Böschung nicht zu steil zum
Sitzen war und wartete, bis Rupert sich durch das Wasser
gekämpft hatte und ihm mit einem behaglichen Ächzen
Gesellschaft leistete. Miles öffnete eine Flasche Selters und
stellte sie mit einem „Cheers!“ zwischen sie hin.

74
Eine Weile sagte keiner von ihnen etwas, sie leerten die
Flasche in trauter Zweisamkeit, während Rupert die
unberührte Natur sehr stark an eine Szene aus Tom Sawyer
und Huckleberry Finn erinnerte. Der Vergleich von Miles als
der freiheitsliebende, unfügsame Huckleberry gefiel ihm.
Mark Twain hatte er immer gerne gelesen, denn der hatte
viel über den Charakter der Menschen zu erzählen gewusst,
auf amüsante Weise und nie moralinsauer.
Einzig bedauerlich war, dass Rupert nicht an die Kamera
gedacht hatte, um zum Beispiel die Libelle zu fotografieren,
die sich eben auf einem Schilfrohr graziös zitternd und bunt
schillernd niederließ.
Auf einmal wandte Rupert den Blick; er starrte Miles
geradezu entsetzt an.
„Was ist los?“ Miles klang alarmiert. „Sag’ doch! Stimmt
was nicht?“
„Ich glaube … ich habe heute Geburtstag!“
Miles erhob sich und ging zum Auto, wo er etwas vom
Rücksitz hervorzog. Mittlerweile stand Rupert konsterniert
auf und strich sich die nassen Hände an den Hosenbeinen ab.
Noch nie hatte er seinen Geburtstag vergessen, einen runden
auch noch! War das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen?
Jedenfalls war er ganz verdattert über seine Vergesslichkeit.
Miles überreichte ihm ein Päckchen, das sorgfältig in
Zeitungspapier gewickelt und mit Paketschnur
zusammengebunden war.
„Herzlichen Glückwunsch, Rupert“, sagte er.
Ein flaues Gefühl breitete sich in Ruperts Magen aus.
Irgendwie hatte Miles seine Spione arbeiten lassen: die DS,
der Ausflug, das Geschenk in seinen Händen – für ihn.
Überwältigt drückte er den Freund an sich.
„Wie hast du’s rausgefunden?“
„Ich hab eine Schwäche für dich. Und Leute, für die ich
eine Schwäche habe, interessieren mich. Dann muss ich alles
– wirklich alles – über sie wissen.“

75
Halb bestürzt und halb erfreut öffnete Rupert das
Päckchen, bei dessen Anblick doch die Freude überwog. Es
war ein gebundenes Heft mit sämtlichen Partituren der
Chopinwerke, von der Etüde bis zum Walzer. Doch
eingedenk der Tatsache, dass Miles ihm dies verehrte, um
ihm in Thierrys Bistro auf die Sprünge zu helfen,
verflüchtigte sich die Begeisterung rasch, obwohl er sich
bemühte, es nicht zu zeigen. Miles schien Gedanken lesen zu
können.
„Du musst sie nicht öffentlich spielen. Ich dachte nur, es
wäre schade, wenn du umsonst so viel Zeit in das alte
Klavier gesteckt hättest. Wenn es nicht zu viel verlangt ist,
würde es mich freuen, dich gelegentlich für mich spielen zu
hören.“
Schon wieder blinzelte Rupert vor Rührung, er wischte
sich derb übers Gesicht, um sich zur Räson zu bringen. „Das
mach’ ich gern. Vielen Dank, Miles.“
Mit zwei Flaschen Coca Cola, die Miles zusammen mit
einem zünftigen Picknickkorb im Kofferraum verladen hatte,
stießen sie auf Ruperts Ehrentag an.
„Noch einen Wunsch, Sir?“ dienerte Miles neckend in
Butlermanier, nachdem sie gegessen hatten.
„Ich möchte nie mehr zurück“, sann Rupert träge.
Das Musizieren der Grillen schläferte ihn ein, die Lider
wurden ihm schwer, und er hätte die Sträucher und Bäume
umarmen mögen vor Glückseligkeit. Es ließ sich schwer
beschreiben, doch ähnlich musste man sich im Vollrausch
fühlen. Leicht, frei, schwerelos und zu allen Schandtaten
bereit.
„Wäre das nicht wundervoll? Wir fahren weiter, nach
Südfrankreich, das soll sehr schön sein. Oder die Schweiz,
Italien … mir ist alles recht.“
Er hörte Miles lachen. „Und Thierrys Wagen? Was glaubst
du, wie schnell die Kameradschaft abkühlt, wenn man seine
Freunde beklaut? Und nicht nur das, wir hätten einen
internationalen Haftbefehl am Hals.“

76
„Ich bin betrunken von dem Zuckerwasser“, rechtfertigte
sich Rupert nicht ganz ernst. Sein Vorschlag war es jedoch
gewesen, und es enttäuschte ihn etwas, dass Miles nicht
wenigstens im Scherz darauf einging. „Und du hast nach
einem Wunsch gefragt. Das war er. Selbstverständlich war
das nicht ernst gemeint. Man wird doch wohl ein bisschen
träumen dürfen …“
„Apropos Ernst und Träumen“.
Jetzt verflog die ausgelassene Stimmung völlig, als hätte
man ein Fenster geschlossen und sie buchstäblich
ausgesperrt.
„Ach komm schon, muss der Tag so enden?“
In der Absicht, seinen Freund zum Albernsein zu
manipulieren, nestelte Rupert an den Kragenknöpfen von
Miles’ Hemd herum. Vielleicht war doch ein Schuss Whisky
in der Cola gewesen, er wurde richtig vermessen. Miles’
sonnengebräunte Haut sah verführerisch aus und roch gut.
Miles umfasste Ruperts Handgelenke.
„Hör’ mir mal zu. Ich habe dich und Gisèle beobachtet. Du
empfindest etwas für sie, oder? Das ist nicht richtig, Rupert.
Sie ist verheiratet … und somit tabu.“
„Zum Teufel mit Gisèle“, sagte Rupert stoisch. „Sie mag
dich nicht.“
„Vermutlich zu Recht. Sie ist so eifersüchtig auf mich wie
ich auf sie.“
Rupert stutzte. „Weshalb sollte sie auf dich eifersüchtig
sein? Erklärst du mir das genauer?“
„Sie hat Angst, dass ich ihr Thierry wegschnappe, weil ich
zu viel Zeit mit ihm verbringe. Und ich habe Angst, dass sie
dich mir wegschnappt, um sich an mir zu rächen. Nicht weil
Thierry sie langweilt oder sie plötzlich dich liebt. Sie will
mich verletzen, indem sie dir schöne Augen macht, und
verflixt, es gelingt ihr sogar.“
„Aber …“ Verwirrt schüttelte Rupert den Kopf. „Wir sind
doch offiziell Brüder! Glaubst du, sie ahnt etwas? Und
außerdem, das wäre doch - “

77
„ - nicht unmöglich, Rupert. Ich mag dich wirklich. Frauen
durchschauen so etwas schneller als Männer.“
Miles’ Ehrlichkeit war in dieser Hinsicht mehr, als Rupert
verkraften konnte; er schluckte so hart, dass es schmerzte.
Weit und breit war kein Mensch zu sehen.
„Miles“, begann er und versuchte, fest und bestimmt zu
klingen, aber der Name entrang sich als heiseres Quaken
seiner Kehle, als er sich aufrappelte und zum Wagen
zurückwich. Der Schlüssel steckte, wie er aus den
Augenwinkeln erkannte. Wenn er es bis dahin schaffte,
konnte er zurückfahren und war fürs Erste in Sicherheit.
Allerdings war er mit den europäischen Fahrgepflogenheiten
nicht vertraut. Allein das linksseitige Lenkrad würde ihn
durcheinanderbringen und im Stadtverkehr eventuell zu
einem Unfall führen, abgesehen davon, dass er durch seine
Verdächtigung in einem ohnehin erregten Zustand war. Ihm
wurde so übel, dass er meinte, sich übergeben zu müssen.
„Bitte tu’ mir nichts.“
Etwas verdutzt sah ihn der Freund an. „Was? Wo willst du
denn hin? He … was hast du vor? Verdammt noch mal!
Rupert!“ Der Ruf seines Namens fuhr schneidend und fast
schrill durch die teilnahmslos liebliche Natur. Rupert hätte
nicht gedacht, dass Miles’ eher tiefe Stimme zu einer solch
hohen Frequenz fähig war.
Flugs, da ihm dämmerte, was Rupert bezweckte, sprang
Miles auf und jagte hinter Rupert her zum Auto, der bereits
die Fahrertür aufgerissen hatte und halb auf dem Sitz hing.
In wilder Verzweiflung schlug er nach Miles, der ihn ohne
Schwierigkeiten aus dem Wagen zerrte. Rupert verlor die
Balance und stürzte. Schwer atmend blieb Miles am Auto
stehen und starrte auf Rupert, der das Gesicht in der
Armbeuge verbarg.
„Rupert“, wiederholte er, wobei er seiner Stimme einen
sachlichen Klang gab. „Du musst keine Angst haben vor
mir. Ich … mein Gott, wie kommst du denn darauf, dass ich
dir was antun wollte? Es tut mir leid, wenn ich den Eindruck

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bei dir erweckt habe … steh auf, bitte. Wir fahren zurück,
okay? Ich rühr’ dich nicht an, ich schwör’s dir. Das hab ich
nie vorgehabt.“
Zum Zeichen, dass er meinte, was er sagte, trat er mit halb
erhobenen Händen zu Rupert, der immer noch am Boden
lag. Sein Blick flehte um Vergebung und wirkte nun unter
wehmütig hochgezogenen Augenbrauen sehr unsicher.
„Rupert? Ist alles klar?“
Rupert schämte sich so sehr, dass er wünschte, die Erde,
auf der er lag, würde sich auftun. Er hatte seinen Freund
diskreditiert. Schlimmer noch, er hatte ihm etwas
vorgeworfen, das nicht ausgesprochen werden durfte. Selbst
wenn Miles diesbezüglich Neigungen haben sollte, so war er
doch ein Gentleman, und zwar der formvollendetste von all
den wenigen, die es noch gab. Und was genauso schlimm
war, vielleicht am ärgsten, war der von ihm selbst mutwillig
zerstörte Geburtstag, den Miles so liebevoll arrangiert hatte.
Er hatte das Gefühl, ihm nie mehr in die Augen sehen zu
können.
„Verzeih’ mir“, wisperte er. „Der Tag war wunderschön,
vielen Dank dafür. Und Gisèle ist mir wirklich egal.“
Rupert streckte die Hand aus, um sich von Miles in die
Vertikale helfen zu lassen. Der schelmische Ausdruck in
Miles’ Gesicht ließ ihn aufatmen, sein Herzschlag beruhigte
sich allmählich. Trotzdem rieb er sich verlegen den Nacken.
„Ich bin ein Idiot. Ich hab alles vermasselt, tut mir leid.“
„Ist schon gut“, sagte Miles. „Lass uns nicht mehr drüber
reden.“
„Vielleicht sollten wir doch weiterziehen“, überlegte Miles
auf der Rückfahrt. „Gisèle ist kein Umgang für uns.
Hinterher stürzt sie uns alle drei ins Verderben. Noch besser
wäre es, du würdest nach London zurückgehen.“
„Ich möchte bei dir bleiben“, erwiderte Rupert ungestüm
und zappelte auf dem Beifahrersitz herum. „Das ist mein
Wunsch, der einzige, den du jetzt wirklich ernst nehmen
solltest, wenn du mir einen erfüllen willst!“

79
„Außer Gisèle hast du noch kein einziges Mädchen
kennengelernt, obwohl du dich auf die hier so gefreut hast“,
bemerkte Miles, er klang etwas bekümmert, wenngleich er
sich nach wie vor um eine neutrale Stimmlage bemühte.
„Halte ich dich davon ab? Man kann ja nicht gerade
behaupten, dass es die Arbeit wäre.“
Rupert war brüskiert. Den Rest des Tages wollte er in
derselben Harmonie ausklingen lassen, die am Fluss zu
spüren gewesen war.
„Miles! Hör auf damit!“
~*~
Solange es für Rupert im Bambi’s nichts zu tun gab, kam
er sich tatsächlich ein wenig überflüssig vor. An die
Obliegenheit des Klaviers hatte er sich so gewöhnt, dass er
sie richtig genossen hatte. Doch beim Renovieren war er
eher hinderlich, das musste sogar er zugeben. Obendrein
wollte Miles ihn nicht mit Gisèle zusammenbringen, die fast
jeden Tag, in der Hoffnung, ihn zu sehen, ins Bistro kam,
und so hatte er frei.
Die Stunden bis zum Abend schlug er in Parks und Cafés
tot; mitunter trieb ihn die Hitze ins kühle Hotel, wo er sich in
der Lounge lümmelte.
Bei einer solchen Gelegenheit trabte Julien herbei, pflanzte
sich neben ihn hin und nahm die Mütze vom Kopf, um sie
zwischen beiden Händen zu kneten. „Salut! Ich seh’ dich gar
nicht mehr oft hier. Im Bistro fehlst du.“
„Ihr fehlt mir auch“, murmelte Rupert.
„Warum schaust du dann nicht wenigstens mal vorbei?
Besonders Gisèle würde sich freuen, sie fragt jeden Tag
nach dir.“
„Ja, darauf wette ich.“
„Hey“, lachte Julien und stieß ihm den Ellenbogen in die
Rippen. „Warum so sauertöpfisch? Sie ist ein verdammt
hübsches Mädchen! Und du ein prüder Engländer, wie er im
Buche steht. Ich hab gesehen, dass du sie auch magst. Was

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ist denn so schwierig, wenn zwei sich zueinander
hingezogen fühlen?“
Rupert konnte nicht glauben, wozu ihn Julien praktisch
durch die Blume aufforderte, und so vergewisserte er sich,
ihn richtig verstanden zu haben, indem er seinen Gedanken
laut aussprach. „Das wäre Ehebruch, Julien!“
Gespielt empört legte Julien den Finger auf Ruperts
Lippen. „Scht, schrei’ nicht so! Das muss doch nicht jeder
erfahren. Thierry erst recht nicht. Allerdings hätte er mal
einen Denkzettel bitter nötig. Er ist nicht so unschuldig, wie
er sich gibt. Die arme Gisèle hat es nicht leicht mit ihm. Sie
sollte ihm auch mal eins auswischen, wieso nicht mit dir?“
„Also, ich weiß nicht …“ Rupert schwankte, inwieweit er
Julien Glauben schenken sollte. Thierry ein Casanova? Das
passte gar nicht zu ihm. Aber solche Geschichten wollte
Rupert eigentlich auch nicht hören. Klatsch und Tratsch war
etwas für Waschweiber.
„Jetzt bist du platt, was? Gibt es das bei euch drüben auf
der Insel nicht? Nein, Rupert, sag’ nicht, dass ihr alle so
keusch und brav seid wie man hört. Oder seid ihr wirklich
nicht so scharf aufs schwache Geschlecht?“
„Du gehst mir auf die Nerven“, zischte Rupert plötzlich
gereizt. „Lass mich in Frieden!“ Er machte Anstalten,
aufzustehen. Julien hielt ihn zurück und legte besänftigend
die Hand auf sein Knie.
„Entschuldige. Ich wollte dich nicht verärgern, wirklich
nicht. Eigentlich bin ich wegen etwas ganz anderem hier. Du
hast doch sicher eure Fotos noch? Die, die ihr geschossen
habt, seit ihr hier seid?“
Rupert nickte, er konnte sich nicht vorstellen, worauf
Julien hinauswollte, der jetzt eine ungeheuer geheimnisvolle
Miene aufsetzte.
„Fein! Weißt du, ich habe mir folgendes gedacht: Mein
Onkel hat doch diesen kleinen Buchladen. Und er versteht
etwas von Fotografie. Ich möchte ihm gerne etwas von euch
zeigen. Darf ich? Ich hab gerade Mittagspause, es wäre

81
günstig, wenn du mich begleiten würdest. Dann könnten wir
danach eine Kleinigkeit essen gehen. Ich ess’ nicht gern
allein.“
Ein seltsamer Grund, doch da Ruperts Magen sich
meldete, erklärte er sich einverstanden.

82
Kapitel 8

R aoul Delaroches Laden war ein verwinkeltes, von


außen unscheinbares Gebäude, das innen genauso
eindrucksvoll wirkte wie er selbst, da es wahre Schätze
beherbergte. Bücher hatten schon immer eine unglaubliche
Anziehungskraft auf Rupert gehabt. Hier stapelten sich
Folianten, Sachbücher, Kataloge und antiquarische Romane
penibel nach Genre geordnet bis unter die Decke, zu der eine
mit den Regalen verbundene, bewegliche Leiter führte. Über
allem schwebte eine heimelige Mischung aus Staub, Kaffee
und Pfeifenduft.
Unwillkürlich fragte sich Rupert, ob Raoul all diese Bücher
gelesen hatte. Wundern würde es ihn nicht. Seine Theorie war,
dass Leute, die sehr viel lasen, selten den Mund aufmachten.
„Willkommen“, begrüßte ihn Raoul, er richtete das Wort nur
an Rupert, obwohl Julien ihn begleitete. „Ich freue mich, dass
Sie kommen konnten. (Das ‚du’ ging ihm merkwürdigerweise
bei Rupert nicht leicht von den schmalen Lippen.) Darf ich
Ihnen etwas zu trinken anbieten?“
Rupert sah zu Julien, der aufmunternd nickte. Er fühlte sich
täppisch ohne Miles, leicht irritiert und eigenartigerweise
schutzlos. Wollte der Mann wirklich nur die Fotos sehen?
Raoul verschwand hinter einem grünen Vorhang und
erschien gleich darauf wieder mit drei Tassen türkischem
Mokka auf einem zierlichen Silbertablett. Seine braunen,
abgrundtiefen Augen leuchteten kurz auf, als Julien die Fotos
auf die Theke legte.
„Das sind nur ein paar, Onkel. Ich kann mich schwer
entscheiden, welches mir am besten gefällt.“ Er wandte sich
Rupert zu. „Hast du das von den beiden rivalisierenden Katern
auf dem Cimetière de Montmartre? Ich glaube, das mag ich
am liebsten.“

83
„Sie sind alle außergewöhnlich atmosphärisch. Vor allem
die Landschaftsaufnahmen, und das ist etwas ganz
Besonderes. Viele professionelle Fotografen bekommen dieses
Licht nicht so hin wie Sie“, urteilte Raoul mit Kennerblick,
während er die Fotos gründlich durch eine Lesebrille
betrachtete. „Einzigartig. Wirklich ganz erstaunlich, Monsieur
Mason.“
„Merci“, stammelte Rupert. „Wir hatten sehr viel Spaß
dabei, sie zu schießen.“ Die letzte Bemerkung hätte er gerne
rückgängig gemacht. Wie überheblich sich das anhörte!
Doch Raoul lächelte ihn an, in seinen Blick trat eine Wärme,
die die Lachfältchen um seine Augen vertiefte. Er sah richtig
sympathisch aus, wenn er lächelte.
„Ohne Zweifel. Ecoutez, Monsieur, ich weiß nicht, ob
Julien Ihnen bereits erklärt hat, weswegen ich die Bilder sehen
wollte. Ich habe gute Verbindungen zu Verlagen, die eventuell
daran interessiert wären, Ihre Fotos als Bildband
herauszubringen. Damit könnten Sie und Ihr Bruder sich ein
kleines Zubrot verdienen. Es wäre nicht viel, aber eine
Schande, Ihre Kunst den Leuten vorzuenthalten. Unter meiner
Kundschaft sind viele Touristen, die gewiss Gefallen an diesen
Kostbarkeiten fänden. Einen Versuch ist es wert.“
Rupert wurde schwummerig, mit bebenden Händen stellte er
die Tasse ab und musste sich auf einen Stuhl hinter der Theke
setzen.
„Rupert!“ schrie Julien. „Alles in Ordnung? Soll ich Victor
anrufen?“
„Ich bin … ich bin ganz überwältigt …“ flüsterte Rupert,
während er Juliens besorgte Hand auf der Stirn abwehrte. „Das
ist furchtbar nett von Ihnen, Monsieur Delaroche.“
„Ich mache es in der Hoffnung, dass die Veröffentlichung
sich gut verkauft und ordentlich Profit auch für mich abwirft“,
erklärte Raoul augenzwinkernd, er war nicht im Mindesten
aufgebracht über Ruperts Schwächeanfall und tat so, als habe
er nicht stattgefunden. „Besprechen Sie sich mit Victor, und
dann reden wir noch einmal zusammen in aller Ruhe darüber.“

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Rupert war so aufgewühlt, dass er beim anschließenden
Mittagessen mit Julien keinen Bissen herunterbrachte und
stattdessen Kaffee in rauhen Mengen konsumierte. Julien
ärgerte sich ein wenig darüber, da er Rupert eingeladen hatte.
Er ärgerte sich auch, dass Rupert nichts von Victor erzählte,
nach dem er ihn auszufragen gehofft hatte. Verstockt bis zum
Gehtnichtmehr wich Rupert ihm ständig aus. Alles, was er
erfuhr, war, dass sie erst kürzlich voneinander wussten, da
man sie im Kindesalter getrennt hatte. Aber Julien war sich
nicht sicher, ob Rupert ihn da nicht anschwindelte; er bekam
ganz rote Ohren und schaute verlegen auf die Tischdecke, als
er das sagte. Außerdem klang es doch ziemlich absurd, wenn
man genauer darüber nachdachte.
„Du weißt nicht viel über Victor, oder? Mich würde es
wahnsinnig interessieren, was er so gemacht hat, bevor ihr
euch begegnet seid. Wie ist das überhaupt passiert? Wie hast
du davon erfahren, dass du einen Bruder hast?“
Rupert drehte das Glas in den Händen und wand sich
innerlich unter dem Verhör. Wenn er bloß nicht so ein
phantasieloser Lügner wäre! Miles hätte dem neugierigen
Jungen das Blaue vom Himmel heruntergelogen ohne
unglaubwürdig zu sein.
„Er tauchte plötzlich auf bei mir … und er wollte, dass wir
uns besser kennenlernen, darum sind wir nach Paris gefahren.
Um – mehr Zeit füreinander zu haben. Ich kenn’ ihn
tatsächlich erst einige Monate.“
Sich eine Zigarette anzündend geriet Julien ins Schwärmen.
„Du musst schrecklich stolz darauf sein, einen so patenten
und gutaussehenden Bruder zu haben. Verrückt, dass du so
lange nichts von seiner Existenz wusstest. Er ist großartig!
Thierry hat es gar nicht verdient, dass er sich soviel Mühe mit
ihm gibt. Nicht dass ich es ihm nicht gönne, aber – so
jemanden wie Victor trifft man im Leben nur einmal, und dann
sollte man ihn mit Respekt behandeln. Thierry hält alles für
selbstverständlich, was er für ihn tut.“

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„Du lässt dich aber auch nicht lumpen“, erkannte Rupert.
„Weder bei Thierry noch bei Victor und mir. Ich steh’ ewig in
deiner Schuld, wenn dein Onkel ein Buch mit unseren Fotos
herausbringt.“
„Er schafft das“, sagte Julien im Brustton der Überzeugung.
„Was Onkel Raoul sich vornimmt, beendet er auch. Siehst es
ja an mir. Ich wollte wirklich nicht hierher, und jetzt hab ich
das Gefühl, ich könnte in Paris alt werden.
Eure Fotografien sind aber auch wirklich gut. Ich hätte es
auch für jeden anderen getan, aber da Victor mich darum bat,
einen Job für euch aufzutun, ist es eine Ehre für mich. Du
brauchst dich nicht bis ans Ende deiner Tage bei mir zu
bedanken. Ich hoffe nur, dass Victor die Idee genauso gut
findet.“
„Bestimmt“, meinte Rupert zuversichtlich.
~*~
In der Tat war Miles mehr als angetan davon, ein Buch zu
veröffentlichen. Er erklärte sich sogar bereit, sich mit Rupert
zusammenzusetzen und kurze Texte zu einigen Fotos zu
schreiben, die sie mit Raoul gewissenhaft auswählten und
mehrmals prüften.
Bei Julien bedankte er sich mit einer original Filmrolle von
„Marokko“; er verriet nicht, wo er sie aufgetrieben hatte,
doch Julien weinte vor Glück und ernüchterte erst, als Miles
ihm erklärte, dass er einen Kinosaal brauchen würde, um sie
abspielen zu können. Als Blickfang hinter Glas im Bistro
machte sie sich gemeinsam mit einem Foto der Hauptakteure
Dietrich/Cooper dennoch besonders gut.

„Wir brauchen einen Künstlernamen. Ein Pseudonym“,


machte er Rupert eines Abends klar; er saß an der
Schreibmaschine, an der er wie eine erstklassige Sekretärin
zu tippen imstande war, während Rupert im Adler-Such-
System die Remington bediente, sobald er an der Reihe war,
weshalb er die Texte meist handschriftlich abfasste und sie
dann Miles aushändigte, damit der sie ins Reine tippte.
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„Wir haben doch schon andere Namen“, entgegnete
Rupert. „Noch ein neuer würde mich verwirren, Miles.“
„Ich fände es klüger, den Band unter einem Namen
herauszubringen.“
Rupert setzte sich aufs Bett und dachte nach. Er sollte
nicht zu exotisch klingen, aber auch nicht gewöhnlich.
Auf einmal schnippte Miles mit den Fingern.
„Wie wär’s mit R. V. Mason? Wie klingt das, hm?“
Als er sich den Namen durch den Kopf gehen ließ, musste
Rupert unwillkürlich grinsen. R.V. Mason, das war eine
Wortspielerei, wie sie zu Miles passte. „Sind wir Mason? –
Nein, Mayhew und Grayson.“
„Ist das gut?“ fragte Miles nochmals.
„Superb“, pflichtete Rupert triumphierend bei. „Das ist
es!“
Über ihren Künstlernamen amüsierten sie sich noch lange
und brachen in der Nacht ein paar Mal in unbändiges
Gelächter aus, ohne dass der eine den anderen fragen
musste, was denn so komisch sei.
Selbst Raoul, der nicht wissen konnte, dass sie nicht
wirklich Mason hießen und somit ihre eigene Identität
anzweifelten, lachte am nächsten Morgen schallend über das
gelungene Pseudonym, und das mochte bei ihm einiges
heißen. Er versprach, das Manuskript gemeinsam mit den
besten Fotos zu einem Verlag zu schicken und ihnen
Bescheid zu geben, sobald Näheres bekannt geworden war.
Da er und Miles sich ohnehin beinahe jeden Abend sahen,
dürfte bald damit zu rechnen sein.

Eine fiebrige Aufregung ergriff Rupert, als sie sich auf den
Weg zum Bambi’s machten. Thierry war mit der Familie ein
paar Tage weggefahren, so dass keinerlei Gefahr bestand,
dort auf Gisèle zu stoßen.
„Wir kommen groß raus!“ rief er und packte den Freund
am Arm. „Ich hätte das nie für möglich gehalten! Vielleicht

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verkauft sich das Buch so gut, dass man uns ins Radio
bringt!“
Miles lächelte ein wenig dünkelhaft auf ihn herunter.
„Langsam, Rupert. Erstens einmal ist es noch gar nicht
sicher, ob wirklich ein Buch daraus wird, zweitens verkauft
es sich – wenn es denn in Druck geht - wahrscheinlich nicht
so rasend, dass man dich zu Interviews bittet, und drittens
würdest du das gar nicht wollen.“
Zögernd stimmte Rupert zu.
„Nimm’s nicht so ernst“, riet Miles versöhnlich. „Wir
leben auch ohne Öffentlichkeitsarbeit ganz passabel. Oder
hast du einen Grund, dich zu beschweren?“
„Oh nein! Nein, ehrlich nicht. Du hast schon recht, es wäre
mir zuwider. So wie es ist, kann es meinetwegen bleiben.“
~*~
Inzwischen erstrahlte Thierrys Bistro bereits in neuem
Glanz. Die Tapeten hatte er persönlich ausgesucht; ein
kleingemustertes Rankenmotiv, von dem er glaubte, es sei in
England der dernier cri. Miles hatte nicht widersprochen,
wenngleich ihm zu ihrem Thema unifarbene Wände lieber
gewesen wären, um die Wirkung der künftig dort
angebrachten Plakate und Bilder nicht zu beeinträchtigen.
Die wenigen Bahnen, die bereits an der Wand hingen,
harmonierten wider Erwarten recht gut mit dem dunklen Holz
der Vertäfelung. Beim maßgenauen Tapezieren war Rupert
geschickter als der Rest der Männer, so dass Miles und er ohne
sie diese Aufgabe übernahmen.
Rupert genoss die Abende mit ihm. Es kam ihm sehr lange
vor, dass er Miles mehrere Stunden für sich alleine gehabt
hatte (die in der Nacht nicht mitgezählt, natürlich), seit sie
Thierry und die anderen jeden Tag trafen. Sie redeten nicht
viel, und trotzdem fühlte sich Rupert in Miles’ Gegenwart
privilegiert. Zwar war es nicht zu leugnen, dass der Vorfall an
seinem Geburtstag ihn einige Tage beschäftigt hatte, doch er
kam schließlich zu dem Schluss, unangemessen hysterisch
reagiert zu haben und hoffte, dass Miles ihm verzieh oder -
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besser noch – die unschöne Episode vergaß. Immerhin ließ
nichts in seinem weiteren Verhalten darauf schließen, dass er
Rupert etwas verübelte.
Sehr spät in der Nacht animierte Miles Rupert dazu, Kleister
und Pinsel wegzustellen, doch er verzichtete darauf, seine
Jacke zu holen, wie er es getan hätte, wenn sie sofort ins Hotel
zurückgekehrt wären.
Er ging zur Küche und warf die Schutzfolie über dem
Klavier mit einer eleganten Bewegung, die einem Magier zur
Ehre gereicht hätte, zur Seite.
„Spiel’“, forderte er Rupert auf, der sich ein wenig sträubte.
Er war müde und geschafft von der ungewohnt harten
körperlichen Arbeit. Es war keine unangenehme Müdigkeit,
denn dafür war er ja mit Miles zusammen, aber das war zu
viel. Außerdem wäre er dem Allmächtigen mehr als dankbar,
falls er seine von Muskelkater geschundenen Glieder in Kürze
heil ins Bett verfrachten konnte.
„Es ist halb zwei Uhr nachts“, beanstandete er. Bettelnd
wölbte Miles die Brauen; er hatte Worte gar nicht nötig, um
das zu erreichen, was er wollte. Die Bandbreite seiner Mimik
war faszinierend. Gerade jetzt sah er aus wie ein schmollender
und zugleich listiger kleiner Junge, und Rupert musste
einlenkend auflachen.
„Ein Stück, nicht mehr.“
Miles zog den Küchenstuhl heran und setzte sich rittlings
darauf. Jede Faser seiner Zwei-Meter-Statur schien
angespannt. Rupert war geschmeichelt. Vorsichtig, als hätte er
Angst, die Tasten zu zerbrechen, begann er mit der Etüde No.
3 in E-Dur; das ledergebundene Heft der Chopinpartituren
klemmte auf dem Notenständer. Er war erstaunt, wie leicht die
Musik kam und wie scharf seine Erinnerung an die Noten war,
obwohl er seit zehn Jahren nicht mehr gespielt hatte. Es war,
als flösse die Musik aus seinen Fingern ins Instrument ohne
sein Zutun. Bei einem flüchtigen Blick auf seinen Zuhörer
stellte er fest, dass dieser die Augen in tiefer Konzentration
geschlossen hielt. Ob Miles den Zauber so fühlte wie er?

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Über seine Virtuosität verblüfft, versuchte er ein weiteres
Stück, diesmal die Nocturne No. 10 in As-Dur. Was daraufhin
mit Miles geschah, war sonderbar. Er schauderte, öffnete die
Augen und seufzte. Sein Blick ging durch Rupert hindurch, es
war, als befände er sich in einer Trance. Rupert, dem es
ähnlich ging, konnte nicht aufhören zu spielen, und er richtete
die Aufmerksamkeit wieder auf sein Spiel.
Er zuckte zusammen, als ihn von hinten jemand berührte.
Miles’ Hände ruhten auf seinen Schultern, doch er zog sie
zurück und entfernte sich einen Schritt, sowie er Ruperts
Schrecken gewahr wurde. Rupert empfand leises Bedauern
und zudem eine Traurigkeit, die er in nebulöse Verbindung
mit Miles brachte.
„Bleib’ da“, sagte er leise, immer noch spielend. Kein
einziger falscher Akkord war ihm bisher entwischt.
„Ich störe dich“, wehrte Miles befürchtend ab. Langsam
schüttelte Rupert den Kopf. Als Miles wieder direkt hinter ihm
stand, lehnte er den Kopf zurück an Miles’ Bauch. Er konnte
blind die richtigen Akkorde greifen, eine Entdeckung, die ihn
fast ehrfürchtig vor sich selbst erstarren ließ.
Nach ein paar Sekunden tropfte Wasser in seinen Kragen.
Ein einziger Tropfen nur, doch er hatte einen großen Effekt,
sowie Rupert gedanklich geortet hatte, wo er seinen Ursprung
hatte. Miles hatte sich hinter ihn gestellt, weil er nicht wollte,
dass Rupert ihn weinen sah. Weinen vor Freude über diese
wunderbare, mitreißende Komposition. Nicht einmal ein roher
Bauerntölpel hätte sich in dieser Situation seiner Tränen
geschämt. Miles tat es; Miles, von dem er es am
allerwenigsten erwartet hätte.
In diesem Moment wurde ihm mit kristallener Klarheit
bewusst, dass er Miles in erster Linie für seine Sensibilität
bewunderte.
Er würde ihn immer achten, egal was passierte. Wie einen
Bruder, ihm zur Seite stehen, ihn unterstützen, seine Wünsche
und Hoffnungen erfahren. Und er wollte Gisèle wirklich nicht

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mehr sehen. Weil Miles doch verwundbarer war, als er nach
außen hin wirkte und zugab.
Er brachte das Stück fehlerfrei zu Ende und blieb stumm
sitzen. Im Bistro herrschte eine merkwürdige Atmosphäre, so
als sei es von der übrigen Welt abgeschnitten. Draußen war es
dunkel und still; selbst der Lärm der Autos war verstummt.
Miles atmete tief ein.
„Es ist eine Vergeudung, dass du so lange nicht am Klavier
gesessen bist“, resümierte er, sein Ton war heiter, als sei nichts
gewesen. „Ich möchte nicht wissen, wem und wie vielen da so
einiges entgangen ist.“
Rupert blickte auf. „Ich wusste nicht, dass ich es noch
kann“, flüsterte er. „Vielleicht bist du daran schuld. Keiner –
keiner hat mir bisher so zugehört, und ich hatte auch nie das
Bedürfnis, anderen vorzuspielen.“
Jäh fuhr ihm Miles durchs Haar, das Kompliment machte
ihn verlegen.
„Gehen wir, Rupert.“
~*~
Die Zeit mit dem Klavier und Miles wurde zu etwas
Rituellem und Rupert beinahe heilig. Gleich, wie viele sie
waren und wann die letzten gingen, er und Miles blieben
länger. Naturgemäß erweiterte Rupert sein Repertoire. Fast
alle Arrangements spielte er von Anfang an einwandfrei, selbst
das Impromptu, vor dem er in seiner aktiven Zeit als
lernwilliger Schüler stets zurückgeschreckt war, weil er sich
schon beim Durchlesen der Noten verhaspelte. Derlei Ängste
kannte er nun nicht mehr, und selbst, falls ihm ein Fehler
unterlief (was gelegentlich passierte, doch sie waren so gering,
dass nur er es bemerkte), würde das Miles’ Bewunderung für
sein Spiel nicht schmälern. Musik war das einzige, das ihn
äußerlich und innerlich gleichermaßen berührte. Mitunter
fühlte Rupert dasselbe. Eine unbeschreibliche Melancholie
griff dann von Miles auf ihn über, und er verlangte unbewusst
danach, ihn hinter sich zu haben, um den Kopf wie beim ersten
Mal an ihn zu betten. Dadurch schien auch Miles getröstet,
91
und bisweilen, in besonders intensiven Augenblicken,
vergaßen beide völlig ihre Umgebung. Dann gab es nur sie
und das alte Klavier, das wie von Zauberhand alleine spielte.
Beendet wurde jede Vorführung mit der Nocturne No. 10. Es
war Miles’ Lieblingsstück und wurde auch Ruperts. Miles
behauptete, danach schlafen zu können wie ein Stein. Das tat
er allerdings eigentlich immer, ob mit oder ohne Chopin.

Einmal jedoch schlief er sehr unruhig. Rupert, dem es sofort


auffiel, lauschte mit weitaufgerissenen Augen auf den
ungewohnt flachen Atem. Er zog sich die Decke über den
Kopf, aber es wurde nicht besser. Miles wälzte sich hin und
her und stöhnte, sprach sogar im Schlaf; etwas, das Rupert
ängstigte, da er feststellte, dass Miles nicht wach wurde und
trotzdem klar und verständlich immer wieder „Nein, bitte
nicht“, murmelte. Letztendlich hielt Rupert es nicht mehr aus;
er rüttelte ihn an der Schulter.
„Miles“, raunte er, und lauter, als der Freund nicht reagierte:
„Miles! Wach auf!“
Schlaftrunken hob Miles den Kopf. Über seinen
verdunkelten Augen lag immer noch ein Schleier. Es war nicht
ersichtlich, ob er Rupert erkannte.
„Du hast schlecht geträumt“, bedeutete Rupert ihm. „Ich hab
dich aufwecken müssen, tut mir leid. Willst du’s mir
erzählen?“
Ohne ein Wort nahm Miles Rupert keuchend in den Arm, er
hielt ihn fest, als wolle er ihn nie mehr loslassen. Lange
blieben sie so, bis Miles sich beruhigt hatte. Ruperts Herz
klopfte heftig, bevor er gegen Morgen schließlich
einschlummerte.

92
Kapitel 9

N achdem Julien und Raoul die Leisten neu angebracht


und selbst die Decke mit Stuck verschönert hatten,
konnte man sich der Innendekoration widmen. Miles drängte
auf neue, elegante Bugholzstühle, da aus den alten
Billigmodellen bereits die hässlich gelbe
Schaumstoffpolsterung hervorquoll. Doch was das betraf,
zeigte sich Thierry zuweilen störrisch und erstaunlich
sentimental; er hing an der unzeitgemäßen Einrichtung, die er
seinerzeit vom Vorbesitzer übernommen hatte.
„Ich komme dafür auf, Thierry“, erinnerte ihn Miles mehr
als einmal. Erst die Drohung, seinen Kredit zurückzuziehen,
brachte Thierry zur Vernunft. Doch er trauerte tagelang um die
präparierten Tiere, die seine Fenster geschmückt hatten und
nun Attrappen von Minifilmrollen und dreidimensionalen
Guckkästen Platz machen mussten, die sich Anfang des
Jahrhunderts großer Beliebtheit erfreut hatten.
„Die Viecher jagen kleinen Kindern Angst ein“,
argumentierte Miles; er wurde nie müde, für seine
Überzeugungen einzustehen, bis selbst der größte Skeptiker
angesichts der bestechenden Logik kapitulieren musste. „Nini
war ganz außer sich, als sie neulich den Hasen mit dem stieren
Blick entdeckt hat. Ich wette, die Arme konnte nächtelang
nicht schlafen. Außerdem haben sie absolut nichts mit
unserem Thema zu tun.“
„Es gibt doch Tierfilme“, begehrte Thierry auf, doch sein
Ton war schon nicht mehr so stur. „Schau, das Rehkitz, das ist
der Namensgeber meines Bistros. Du kannst es nicht einfach
wegwerfen. Sei nicht so herzlos!“
„Der Name muss sich ändern“, beharrte Miles. „Damit
lockst du niemanden hinterm Ofen vor. Höchstens Dreijährige,
und die sind noch nicht geschäftsfähig.“
„Mon dieu! Was bist du nur für ein Holzklotz!“

93
Thierry verdrehte händeringend die Augen.
Aber Rupert bemerkte, dass er es nicht so meinte und
insgeheim sehr froh um Miles’ Ideenreichtum und vor allem
glücklich mit der Umsetzung war, die sich von dem ehedem
muffigen Bistro zum jetzigen unterschied wie der Tag zur
Nacht. Der Gästeraum wirkte nun viel edler mit der
Vertäfelung und den Wandlampen im Jugendstil, und wenn
erst die Fenster geputzt waren, würde er noch einladender sein.
Es müsste mit dem Teufel zugehen, würde die Investition
nicht mit Kundschaft belohnt werden, die entweder
leidenschaftliche Kinogänger oder interessierte Anglophile
waren.
Neben Miles gebührte der Löwenanteil daran den
Delaroches. Sie waren bescheidene, hilfsbereite Leute, denen
zuviel Dankbarkeit peinlich war. Gerade ihre Zurückhaltung
imponierte Rupert, und er schalt sich dafür, Julien zu Beginn
ihrer Bekanntschaft als unreif verunglimpft zu haben.
Immerhin war es sein Tick für Filme gewesen, der dem Bistro
ein Gesicht geben würde.
~*~
Vom Kurzurlaub erfrischt kam Gisèle zum endgültigen
Saubermachen. Rupert begrüßte sie nicht mehr und weniger
herzlich als Miles. Offenbar hatte sie sich mit Thierry
ausgesprochen, das war zumindest positiv.
Ausgerüstet mit einer Armada an Putzmitteln, Lappen und
Besen hatte sie sich einen Kittel und ein Kopftuch
umgebunden, um dem Dreck der vergangenen Wochen
standesgemäß zu Leibe zu rücken. Miles hielt es nicht für fair,
ihr allein die Arbeit aufzuhalsen, und so schrubbten und fegten
er, Thierry und Rupert eifrig mit.
Die halbblinden Fenster und Spiegel zu reinigen war ein
großer Spaß; Rupert verglich es mit dem Erforschen neuer
Welten. Tatsächlich wurde es gleich sehr viel heller; es
blendete fast, als Rupert das Glas nachpolierte.
Eine wirkliche Überraschung war, dass man den Herd nicht
austauschen musste, wie Miles zuerst gemutmaßt hatte. Nach
94
einer gründlichen Überholung seitens Miles, der technisch
sehr versiert war, und einer anschließenden Desinfektion von
Gisèle funktionierte er tadellos und glänzte wunderschön in
weißem Email.
„Nächste Woche kommt die erste Lebensmittelsendung“,
erklärte Miles später im blitzblanken Café, das in der Tat nicht
wiederzuerkennen war.
Zur Feier des Tages teilte er sich mit Rupert ein Glas
Bordeaux, den Thierry seinen Helfern kredenzte. Gisèle war
früher gegangen, um die Kinder bei der Großmutter
abzuholen. „Hast du notiert, was ihr noch an Gerätschaft
braucht zum Kochen? Neue Töpfe, Mixer, Schneebesen?“
„Bien sûr“, entrüstete sich Thierry. „Schon vor Wochen.“
„Prima. Dann werden wir das Bistro Anfang August neu
eröffnen. Julien sieht sich nach den Flutlichtern für die Plakate
um, dann steht einem Neuanfang nichts mehr im Weg. Aber
erst müssen wir Jacques die englische Küche nahebringen.“
„Das wird schwer“, prophezeite Thierry schmunzelnd,
während er mit Miles anstieß.
Er blieb länger als sonst in seinem nagelneuen und
funkelnden Etablissement. Viel zu lang, dachte Rupert, der
seinem Klavierabend entgegenfieberte.
„Du hast es so schön gemacht“, lobte Thierry Miles, der
zufrieden auf einem der noblen, neuerworbenen Stühle wippte
und rauchte. „Alleine hätte ich es nie geschafft. Und ehrlich
gesagt, ich hätte nicht geglaubt, dass du es tatsächlich
durchziehst. Ich war oft unmöglich, dafür möchte ich mich
entschuldigen; auch für Jacques. Im Prinzip ist er auch froh,
dass es wieder aufwärts geht, er kann es eben nicht so zeigen.
Aber ich habe meine Lektion gelernt. Es ist gut, sich auf
andere zu verlassen. Danke an euch beide. Wenn ihr wollt,
stelle ich euch auf Lebenszeit als Garçons ein.“
„Du klingst eher, als wolltest du uns loswerden, jetzt
nachdem alles erledigt ist“, zog ihn Miles auf. „Freu’ dich
nicht zu früh; du wirst dich noch eine Weile mit uns

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rumschlagen müssen. Zumindest so lange, bis Jacques und du
ordentlich Fish ’n Chips zubereiten könnt.“
Allmählich wurde Rupert ungeduldig. Es war sehr spät;
Thierry schien im Bistro übernachten zu wollen, so sehr gefiel
es ihm.
Um Miles auf ihre geweihte Stunde hinzuweisen,
improvisierte Rupert ein wenig lustlos auf dem Klavier.
Vielleicht gelang es ihm, sich Thierry auf diskrete Art zu
entledigen. Doch der hüpfte plötzlich wie vom Hafer
gestochen vom Stuhl und strahlte, wobei er einen verstohlenen
Blick auf Miles warf.
„Weißt du was, Rupert? Ich habe eine Idee! Ich spiele
leidlich Akkordeon. Jetzt, da du das Klavier repariert hast,
könnten wir doch gelegentlich zusammen musizieren? Ich
glaube, die Gäste wären begeistert.“
Kaum hatte er den Vorschlag unterbreitet, huschte er in die
Vorratskammer und tauchte mit einem rot lackierten, teuer und
viel zu schwer für ihn erscheinenden Schifferklavier wieder
auf.
„Die Kinder lieben es, wenn ich spiele. Aber Gisèle nicht
mehr. Früher war sie ganz verrückt danach. Genauer gesagt
habe ich sie damit bezirzt.“ Verschwörerisch zwinkerte er
Rupert zu, als wolle er ihm sagen, er – Rupert – habe
bedauerlicherweise die Gelegenheit verpasst, aber dank seiner
Musikalität noch alle Chancen bei anderen, liebreizenden
Franzosenmädchen.
Er würgte einen amerikanischen Schlager im Radio ab und
setzte sich geschmeidig zu Rupert. „Alors, mon ami. Was
spielen wir?“
„Was du möchtest“, kapitulierte Rupert seufzend.
Unvermittelt begann Thierry eine eingängige Melodie zu
spielen. Da er heimatliche Klänge in Form von Chansons
bevorzugte, für die sich das Akkordeon bestens eignete, war
Rupert mit seinem Musikgeschmack so weit vertraut, dass er
ihn nach einigen Minuten begleiten konnte. Sogar er musste
zugeben, dass es ganz passabel klang, besser, als er es für

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möglich gehalten hätte. Thierry beherrschte sein Instrument.
Während er spielte, wechselte er Blicke mit den beiden
Engländern; in sein Gesicht war ein beseeltes Lächeln
eingegraben.
Sowie sie fertig waren, applaudierte Miles; sein Ausdruck
reflektierte Thierrys. „Phantastisch! Damit könntet ihr
auftreten! Das war famos, Thierry!“
Theatralisch verbeugte sich Thierry. „Zuviel der Ehre,
Monsieur Victor. Ich bin ein wenig eingerostet. Aber das
können wir ja ändern, nicht wahr, Rupert? Übung macht den
Meister. Du warst auch nicht übel.“
Gleichgültig zuckte Rupert die Achseln, Miles’
offensichtliche Euphorie, die hauptsächlich auf das Akkordeon
gemünzt war, verletzte ihn.
Thierry schaute auf die Uhr. „Ich werfe euch ungern raus,
aber wollt ihr nicht nach Hause? Es ist spät, und ich brauche
ausgeschlafene Mitarbeiter.“
~*~
Einsilbig und verschlossen machte sich Rupert bettfertig.
Miles fragte nicht nach dem Grund, obschon er wohl spürte,
dass den Freund etwas bedrückte. Als sie das Licht gelöscht
hatten, tastete er sich vor.
„Was ist los mit dir? Du bist heute so schweigsam. Hat dir
der Abend nicht gefallen? Wenn Thierry mitspielt, fokussiert
sich nicht die gesamte Aufmerksamkeit auf das Piano. Das ist
doch erfreulich für dich, oder? Ich dachte, du stehst nicht gern
im Mittelpunkt. Thierry dagegen scheint richtig aufzublühen.
Der geborene Maurice Chevalier. Ihr würdet euch perfekt
ergänzen.“
„Sicher“, brummelte Rupert. Er robbte an die äußerste Kante
des Bettes. Miles drang nicht weiter in ihn.

Am nächsten Morgen stand Rupert nach einer quälenden


Nacht früher auf als gewöhnlich. Miles schlief noch, die
Decke hatte er aufgrund der nächtlichen Schwüle halb
weggestrampelt.
97
Rupert bedachte die dunkle Haut seiner Nackenmuskulatur
und die Linie der Wirbelsäule mit einem fast zärtlichen Blick,
aber innerlich zerfraß ihn ein Gefühl, das ihm Angst machte.
Wie hatte Thierry es wagen können, sich derartig an Miles
heranzuschmeißen? Und wie hatte sein Freund zulassen
können, dass er sie um ihren Abend brachte? Die letzten
Stunden des Tages gehörten ihm und Miles, das wusste er
genau.
Zu so früher Stunde war nur das geschäftige Hotelpersonal
auf den Beinen. Hoffentlich begegnete er Julien nicht, der
wäre der Letzte, den er jetzt sehen wollte. Im
Badezimmerspiegel hatte er dicke Ränder unter seinen Augen
festgestellt. Neugierig wie er war, würde der Page
postwendend Morgenluft wittern.
Im Freien schützte er seine empfindlichen Augen mit einer
Sonnenbrille und schlug damit zwei Fliegen mit einer Klappe.
Frühstückshunger hatte er keinen. Er war seltsam ruhelos und
streifte etwa zwei Stunden ziellos durch die Stadt.
Nach einiger Überlegung kaufte er eine Metrokarte, worüber
er höchst erschrocken war. Er hasste U-Bahnen und
Menschenansammlungen im Allgemeinen, was tat er nur?
Neigte er plötzlich zu Masochismus, nur weil Miles an einem
Abend ausgebrochen war aus ihrer Routine? Aber er hatte es
doch genossen! Er hatte doch nur für Miles gespielt, und das
war der Dank dafür!
Unschlüssig drehte er die Karte hin und her, bis sie zwischen
seinen Fingern ganz feucht wurde. Wenn er das Geld nicht
verschleudern wollte (und er war zur Sparsamkeit erzogen
worden), musste er sie einlösen.
In der Hosentasche fand er einen zerknitterten Zettel mit
Thierrys Privatadresse, die Thierry ihnen in der Absicht, sie zu
sich nach Hause einzuladen, notiert hatte. Er spähte auf die
Uhr. Um diese Zeit war Thierry normalerweise im Bistro.
Wahrscheinlich war Miles auch schon da. Dass er sich Sorgen
um Rupert machte, glaubte er nicht. Er wollte ja immer, dass
er selbständiger wurde und nicht an seinem Rockzipfel hing.

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Tief durchatmend glättete er den Wisch. Er hatte keine
Ahnung, wohin er fahren musste, aber es war die einzige
Adresse, die er kannte. Auf gut Glück stieg er in eine Bahn,
wo er sich nah am Ausgang hielt, um das Fenster im Blick zu
haben. Solange er nach draußen sehen konnte, war es nicht
ganz so schlimm.
Ein älterer Herr tippte an seine Schulter.
„Wohin wollen Sie?“
Himmel, er sprach Englisch! Rupert verschluckte sich
beinahe. Durch den Blickwechsel bedingte Übelkeit stieg in
ihm hoch, als er sich seinem Retter zuwandte. „Hier hin“,
krächzte er und deutete auf den Fetzen Papier.
Der Mann studierte es. „Das ist im dreizehnten
Arrondissement. Sie sind völlig verkehrt, junger Mann. Diese
Bahn fährt ins siebzehnte.“
„Hel-helfen Sie mir? Ich muss dorthin, vielleicht könnten
Sie mir den Weg zeigen? Ich wäre Ihnen sehr verbunden.“
Der alte Franzose war ein Engel; er ließ sich nicht lange
bitten. Sicherheitshalber kaufte er Rupert eine Straßenkarte, in
der die Arrondissements verzeichnet waren und brachte ihn
auch zur richtigen Bahn.
„Junge Leute wie Sie sollten nicht alleine unterwegs sein“,
empfahl er sich mit einem Lüpfen seines Hutes. „Kommen Sie
gut an!“
Diese Bahn war deutlich voller als die erste; er erbeutete
trotzdem einen Sitzplatz und starrte hinaus, während er Augen
und Ohren schärfte, um die Erwähnung der Straße nicht zu
versäumen. Im Takt des Zuges schaukelte er leicht hin und
her, um sich mental abzuschotten. Wenn es bloß nicht mehr
weit war! Die Panik griff mit eiserner Faust nach seiner
Gurgel, und er meinte, ersticken zu müssen. Knoblauchartige
Ausdünstungen und Schweißgeruch von überall ließen seinen
Magen rebellieren. Ein paar Mal würgte er und lockerte seinen
Kragen, doch Gott sei Dank blieb die Attacke eines Anfalls
aus.
~*~

99
Die Gegend, in der die Levants ein kleines Einfamilienhaus
besaßen, war nicht die feinste, aber für Rupert fühlte sie sich
nach dem glücklich überstandenen Abenteuer wie eine
Heimkehr an, die Oase inmitten der Wüste. Jetzt brauchte er
nur noch die Hausnummer zu finden. Das musste zu schaffen
sein. Allerdings sank ihm der Mut, als er sich fragte, weshalb
er eigentlich dieses Husarenstück auf sich genommen hatte.
Na gut, Thierry würde sich freuen, aber was, wenn er
tatsächlich schon im Bistro war?
Bald kam das Häuschen in Sicht, gepflegt mit Vorgarten und
einem Klettergerüst für die Kleinen. Es sah verlassen aus.
Natürlich, die Kinder waren in der Vorschule oder bei
Thierrys Mutter, seit Gisèle im Bistro mithalf. Er sah sich um,
wagte es aber nicht, durch den Garten zu gehen und zu
klingeln. Wahrscheinlich hatte er sowieso Pech. Doch der
Gedanke, wieder die Metro zu benutzen, hielt ihn davon ab,
unverzüglich den Rückzug anzutreten. Er schluckte und ließ
die Arme hängen. Auf einmal sehnte er sich nach Miles.
Vielleicht sorgte dieser sich doch um Ruperts Verbleib; er
hatte gar keine Nachricht hinterlassen in seinem
Schmollwinkel.
„Rupert! Bist du’s wirklich? Na so eine Überraschung!“
Ihre Augen mit der Handfläche beschirmend eilte Gisèle ihm
auf den Gartenfliesen entgegen. Sie trug eine ärmellose Bluse
und einen Petticoat, der sich um ihre Beine bauschte. Sie sah
entzückend aus. „Wie kommst du denn hierher? Ich dachte, du
bist mit Victor bei Thierry?“
„Das … das sollte ich“, stotterte er. „Aber ich … wollte dich
sehen. – Entschuldige, ich hab – hab die Blumen vergessen.“
Sie kam näher und fasste seine Hände. „Ist das eine
Verabredung? Wie süß!“
War es das? Konnte sein. Trotz seines Gestammels waren
ihm die Worte nicht allzu schwergefallen, da er emotional
nicht bei der Sache war. Er liebte Gisèle nicht, und es
verwunderte ihn, wie er sich zu einer solchen
Kurzschlussreaktion hatte hinreißen lassen. Am besten, er

100
kehrte einfach wieder um. Aber die Metro … ein zweites Mal
würde er das nicht durchstehen; er zitterte jetzt schon wie
unter Schüttelfrost.
„Ich bin auf dem Weg in die Stadt“, plapperte sie. „Komm’
doch einfach mit, und wir trinken einen Kaffee.“
Ehe er wusste, was er tat, ging er aufs Ganze: er zog er sie
an sich und küsste sie derb auf den Mund. Gisèle reagierte
anders als erwartet: mit ihrer Handtasche, in der sie Blei zu
transportieren schien, holte sie aus und ohrfeigte ihn. Rote
Sternchen auf schwarzem Grund tanzten vor Ruperts Augen,
als er um sein Gleichgewicht rang. Er taumelte an den Zaun,
wo er sich gerade noch fing. Gisèle schnaufte.
„Du Schwein!“ rief sie außer sich. „Du glaubst wohl, alle
Französinnen seien Flittchen?! Ich hab dich ganz falsch
eingeschätzt, das kann ja nicht wahr sein…“
Entsetzt stellte Rupert fest, dass er sich während des Sturzes
übergeben hatte und blutete. Er blinzelte und merkte, dass sein
linkes Auge zugeklebt war. Gottlob hatte er wenigstens die
Sonnenbrille nicht mehr auf; in Augennähe brachten Scherben
selten Glück. Die Frau hatte ihn mit voller Wucht an der
Schläfe getroffen. „Gisèle“, winselte er. „Es tut mir leid, mir
geht es gar nicht gut … ich hab’s nicht so gemeint, das musst
du mir glauben. Bitte – kannst du mich ins Hotel
zurückbringen?“
Gisèle war keine, die echte Not nicht von Heuchelei
unterscheiden konnte; vorsichtig näherte sie sich ihm und
beäugte die Platzwunde. Sie fischte ein Taschentuch aus der
Handtasche und presste es kurzerhand mit überraschend
starkem Druck auf die blutende Stelle, während sie seinen
Kopf mit der anderen Hand aufrecht hielt. Zimperlich war sie
wirklich nicht.
„Um Gottes Willen, Rupert. Das Auto hat Thierry, wir
müssten mit der Metro fahren. Und in deinem Zustand … du
erschreckst ja die Leute. Leg’ dich erst hin. Keine Angst, die
Kinder sind nicht da. Ich werde einem Doktor telefonieren.“

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Energisch führte sie ihn ins Haus, die Wohnung war klein aber
sauber, er hatte Angst, alles mit dem Blut zu versauen.
„Nur keine Umstände“, wehrte er ab, doch sie ignorierte ihn
und gab ihm eine Beruhigungspille, nach deren Einnahme er
wegdämmerte.
~*~
Die kleine Operation, die der benachrichtigte Doktor an ihm
vornahm, indem er die Wunde nähte, bekam Rupert nur
verschwommen mit. Gisèle hielt fürsorglich seinen Kopf in
ihrem Schoß, aber er wäre ohnehin zu keiner Bewegung fähig
gewesen. Sein Wimmern ließ sie vermuten, er leide
Schmerzen, und so packte sie ihn fast gewaltsam am Schopf
und flüsterte in Französisch auf ihn ein. Die Worte klangen
beruhigend und melodisch. Er fühlte sich beinahe wie ein
Neugeborenes, das dem für ihn noch unverständlichen
Gebrabbel seiner Mama lauschte. Als der Arzt den letzten
Stich gemacht hatte, rollte Ruperts Kopf zur Seite.
Erstaunlicherweise trübte der heftig aufflammende, ziehende
Schmerz sein Wohlbefinden erst nach dem Eingriff. Die
Wirkung der Tablette ließ nach, und er glaubte, seine Schläfe
müsse im nächsten Moment explodieren. Gisèle redete ihm
weiter gut zu, aber es nützte nichts mehr. Wie eine gewaltige
Welle überspülte ihn die Panik, die er sich in der Metro
versagt hatte. Er war allein in einer fremden Umgebung, und
wahrscheinlich würde er hier mit einer penetrant nach Stall
riechenden Decke auf dem Sofa an einem Nervenanfall
dahingerafft werden, ohne Familie, ohne Freunde. Er
versuchte sich aufzurichten, konnte es aber nicht und wurde
noch nervöser. Durst hatte er ebenfalls, doch die schöne Frau,
seine Mutter, war nicht mehr da.
Plötzlich hörte er eine Tür und Stimmen
durcheinanderreden, jemand kniete an seinem Totenlager
nieder und streichelte sein Gesicht. Unter furchtbarer
Anstrengung öffnete er flackernd das nicht verbundene Auge.
Sowie er verstand, wer bei ihm saß, verebbte die Erregung,
und er konnte freier atmen. Miles’ Stimme war Balsam für
102
seine Seele, sanft und voller Verständnis drang sie in sein
Bewusstsein.
„Was machst du denn für dumme Sachen? Thierry und ich
haben dich überall gesucht. Du hast mir eine Scheißangst
eingejagt.“
„Miles … Gott sei Dank …“
„Du lieber Himmel“, entfuhr es Gisèle. „Er phantasiert!“
„Das werden die Medikamente sein“, begründete Thierry
sachlich Ruperts vermeintlichen Fauxpas und stellte sich
hinter seine Frau, wobei er ihre Schultern umfasste. Beide
starrten in grausiger Faszination auf Rupert. Miles fuhr fort,
ihn zu streicheln; seine Fingerkuppen modellierten meditativ
Ruperts Haaransatz nach. Rupert schloss die Augen. Er war
nicht mehr dem Tod nah. Blind griff er nach Miles, der seine
Hand einfing.
„Es tut mir leid“, flüsterte er. „Ich habe nicht geahnt, dass es
dich so kränkt.“ Er drehte sich zu den Levants um. „Leihst du
mir deinen Wagen, Thierry? Ich bring’ ihn ins Hotel zurück.“
„Lass ihn doch noch ein bisschen ausruhen. Uns stört’s
nicht, oder Gisèle? Er sieht ganz spitz aus. Sicher der Schock.“
„Ich bin okay“, wehrte Rupert ab und richtete sich mit
Miles’ Hilfe auf, der zustimmend nickte. „Es sieht
dramatischer aus als es ist.“
Der Gestank der Decke brachte Rupert fast um. Er hatte
nicht gewusst, dass Thierry in seiner Freizeit Reiter war. Keine
Minute länger wollte er in diesem Haus bleiben, wo er die
Schmach seiner frevelhaften Tat vor Augen hatte.
Thierry setzte sich in Bewegung, um ihn zusammen mit
Miles zu stützen.
„Dann fahr’ ich euch beide. Aber du musst versprechen, bei
ihm zu bleiben, Victor. Der Arme ist ja völlig verwirrt.“
Gemeinsam fuhren sie in die Innenstadt, Miles blieb im
Fond an seiner Seite, damit Rupert sich an ihn lehnen konnte.
Er war erschöpft, aber trotzdem glücklich. Was Gisèle ihnen
wohl erzählt hatte? Sicher nicht die Wahrheit, denn die rückte

103
weder ihn noch sie in gutes Licht. Zudem wäre Thierry dann
nicht so besorgt.
Was weiter geschah, die Rückfahrt und die Ankunft im
Hotel, war später in Ruperts Erinnerung nur noch
schemenhaft. Wie er in den dritten Stock gekommen war,
entzog sich komplett seiner Kenntnis.
Miles flößte ihm schluckweise ein Glas Wasser ein, wobei er
behutsam seinen brummenden Schädel anhob. Er war nicht
nur ein erstklassiger Psychologe, Fotograf und Schreiber, nein,
er verstand auch noch etwas von Krankenpflege.
„Bleibst du hier?“ fragte Rupert ängstlich. „Bitte geh’ nicht
weg.“
„Ich bin hier, bis du dich besser fühlst“, beschwichtigte ihn
Miles. „Du bist mir einer! Fährst mit der Metro, dabei weißt
du genau, dass das nicht gut ist für dich. Und dann kletterst du
noch auf einen Baum, um Kirschen für Gisèle zu pflücken und
holst dir eine Gehirnerschütterung. Du wolltest mir eins
auswischen, oder? Wegen Thierry und seinem gottverfluchten
Akkordeon.“
Rupert verlangte nach mehr Wasser, das wie ein kühlender
Strom durch seine brennende Kehle rann. Reumütig bestätigte
er Gisèles Lüge. Sie war nicht schlecht und gab ihm sogar den
Anstrich eines verwegenen Kavaliers.
„Ist es jetzt – wieder gut zwischen uns?“
Gerührt zupfte Miles an den vom Verband abstehenden
Haarspitzen. „Wie kommst du darauf, dass ich dir böse war?
Es ist doch meine Schuld. Ich hätte das wissen müssen. Du
glaubst gar nicht, was mir unsere Abende am Klavier
bedeuten. Trotzdem war es kindisch, was du getan hast.
Kindisch und gefährlich. Der alte Miles sollte dich dafür übers
Knie legen.“
„Ich möchte ein wenig schlafen“, murmelte Rupert. „Lass
mich nicht allein. Mein Kopf schmerzt höllisch.“
„Ich geb’ dir was gegen die Schmerzen“, sagte Miles und
löste ein Päckchen Aspirinpulver auf, das Rupert gehorsam
schluckte.

104
~*~
Spät am Nachmittag kam er allmählich wieder zu sich; die
Medizin hatte einen komatösen Schlaf zur Folge gehabt. Es
ging ihm etwas besser, doch als er aufstehen wollte, sank er
wie ein gefällter Baum aufs Kissen zurück. Miles lag neben
ihm, er war ebenfalls eingedöst. Sein ausgestreckter Arm ruhte
halb auf Rupert, und er realisierte ein Heftpflaster auf der
helleren Unterseite, das ihm schon früher aufgefallen war.
Damals hatte er es als Schutzmaßnahme einer kleinen
Verletzung abgetan; dass er es allerdings immer noch trug,
erstaunte ihn. Er nahm Miles’ Arm und legte ihn aufs Bett.
Seufzend wurde Miles wach. Seine Augen musterten Rupert
anteilnehmend, der sein Schweigen dazu nutzte, nach der
ominösen Schramme zu fragen. Einen Augenblick zuckte
Miles zusammen, seine Augen weiteten sich perplex. Er
erwiderte nichts, sondern sah Rupert weiter undurchdringlich
an. Am liebsten hätte dieser sich die Zunge abgebissen. Seine
Wissbegier war Miles unangenehm, das war mehr als deutlich.
„Entschuldige, ich hätte nicht - “
„Doch“, sagte Miles. Ist schon in Ordnung.“ Mit einem
Ruck streifte er das Pflaster von der Haut. Zum Vorschein kam
eine eingeritzte Zahlenkombination, auf die Rupert sich keinen
Reim machen konnte.
„Was ist das? Ein Studentenscherz? Davon hab ich aber
nichts mitbekommen. Bei den Mutproben war ich meistens
außen vor.“
„Ich bin gar nicht Miles Mayhew“, erklärte Miles ernst. „Ich
war siebzehn, als sie uns ins Lager brachten.“
Siedendheiß verwünschte Rupert seine Taktlosigkeit. Voller
Entsetzen verschloss er seinen Mund mit beiden Händen. Was
war sein vorübergehendes Elend verglichen mit einem so
grausamen Schicksal? Er konnte es gar nicht recht glauben,
was Miles da andeutete. Eine solche Vorgeschichte konnte und
durfte Miles nicht haben!
„Oh, Miles … das ist furchtbar!“

105
Er kroch zu ihm und wollte ihn an sich ziehen, doch Miles
richtete sich auf und schwang die Beine aus dem Bett. Sinnend
betrachtete er die Tätowierung.
„Meine Familie war in Auschwitz. Meinem Vater und mir
gelang die Flucht, aber er – hat es nicht geschafft. Er war zu
geschwächt von den Strapazen dort. Ich habe mich in einem
Heuwagen versteckt und es bis zum Hafen geschafft, wo man
die Kinder nach Großbritannien ausschiffte. Ich musste mich
jünger ausgeben als ich war, sonst hätte man mich
zurückgeschickt. Bis der ganze Papierkram erledigt war …
mein Gott! Als verhandle man über Menschenleben. Und ich
saß am Pier auf glühenden Kohlen. Bis zuletzt dachte ich,
niemand würde mich wollen in einem Land, in dem ich die
Sprache nicht beherrschte und das mir auch sonst so fremd
war.
Aber ich hatte Glück und wurde von den Mayhews
adoptiert, obwohl ich eigentlich viel zu alt war, um in eine
Familie eingegliedert zu werden. Aber sie hatten keine Söhne,
meine neuen Eltern, und waren jüdischer Abstammung. Das
hat mir den Hals gerettet.“
Rupert war wie gelähmt vor Schreck, der ihm durch Mark
und Bein gefahren war. Dazu verstörte ihn Miles’ Bericht, den
er ohne jegliche Gefühlsregung schilderte. Innerlich zeriss es
ihn beinahe, er schnappte nach Luft, brachte aber keinen Ton
heraus.
Als würde er den Aufruhr seines Freundes nicht bemerken,
fuhr Miles mit objektiv klingender Stimme fort:
„Mein wirklicher Name lautet Milos Kaminski. Komisch,
oder? Mein bester Freund kennt mich nur als Miles. Ich
komme ursprünglich aus der Tschechoslowakei. Dort habe ich
mit meinen Eltern und zwei Schwestern gewohnt, bis die
Nazis einmarschierten. Und nicht mal schlecht. Allerdings bin
ich recht gut entschädigt worden, denke ich. Mein jetziger
Vater hat mich gleich nach meiner Ankunft auf Oxford
gedrillt. Und du siehst ja, wie ich lebe. Paris zu zweit auf
unbestimmte Zeit, das kann sich nicht jeder leisten.“

106
Über die Schulter lächelte er Rupert an, doch er war nicht in
der Lage, die Traurigkeit in seinem Gesicht zu verschleiern,
obwohl er so tapfer berichtet hatte. Rupert setzte sich neben
ihn und legte den Arm um seine Taille und den Kopf an seine
Schulter. Worte, das spürte er instinktiv, waren fehl am Platz.
Doch er wollte Miles zumindest wissen lassen, wie sehr er mit
ihm fühlte.
„Meine Mutter war eine brillante Pianistin. Fast so gut wie
du. Chopin hat sie am liebsten gespielt. Vor dem Einschlafen
von uns Kindern. Deshalb hör’ ich dich so gerne. Manchmal,
wenn ich die Augen zumache, während du spielst, seh’ ich sie
richtig vor mir.“
Die Tränen liefen Rupert über die Wangen und benetzten
Miles’ Hemd. Er war sprachlos und suchte verzweifelt Miles’
Hand, der seine sachte drückte, wie um ihn zu begütigen statt
umgekehrt.
„Nicht weinen, Rupert. Das ist lange her. Das Pflaster hilft
mir, nicht jeden Tag daran zu denken. Irgendwann verblasst
die Erinnerung wie diese Zahlen da.“
„Du hattest vor kurzem einen Alptraum“, fiel es Rupert
wieder ein, seine Stimme war nur ein Hauch. Jetzt war das
Ganze plausibel: Miles’ Angst, sein Griff, mit dem er ihn
umklammert gehalten hatte. Vielleicht hatte er im Traum einen
Familienangehörigen schützen wollen. „Ich konnte dich nicht
aufwecken, obwohl ich es versucht habe. Ich wollte nicht mehr
darüber sprechen, weil ich dachte, es sei unwichtig. Aber ich
glaube nicht, dass man so ein Erlebnis je vergessen wird. Oh
Miles, wenn es etwas gibt … ich tue alles.“
„Sei einfach du selbst“, sagte Miles ohne sichtliche Regung.
„So wie bisher. Ich wollte es dir gar nicht sagen. Das geht
niemanden etwas an. Und fang’ bloß nicht an, mich zu
bemitleiden. So -“ Tatkräftig schlug er mit beiden Händen auf
seine Oberschenkel. „Ich gehe zu Thierry, sonst dreht er durch
ohne Hilfe. Und du bleibst schön liegen, verstanden? Du musst
dich schonen.“

107
Kapitel 10

atsächlich fiel es Rupert nach Miles’ Beichte


T schwer, ihn nicht zu bemuttern. Wie er schon früher
erkannt hatte, hatte Miles Fürsorglichkeit nicht nötig; sie war
ihm sogar lästig, wenn man zu plump agierte, doch Rupert
konnte nicht aus seiner Haut. Ständig musste er wissen, was
Miles machte, wie es ihm ging, und er wurde unruhig, sobald
sie länger als eine Stunde voneinander getrennt waren.
~*~
Eingedenk Miles’ Erzählung über seine Mutter verteidigte
Rupert ihre Klavierabende von nun an rigoros. Selbst mit
Jacques legte er sich an, der eher im Scherz behauptete, er
müsse Tag und Nacht im Bistro werkeln, bis sich ihm die
Anziehungskraft eines breiigen Porridges erschloss, über das
man haufenweise Zucker streute, um den Geschmack zu
verfälschen, der ohnehin nicht vorhanden sei.
Allerdings war Jacques selten zu Scherzen aufgelegt, so
dass man nie wirklich unterscheiden konnte, ob er eine
Bemerkung ernst meinte oder nicht.
„O làlà“, sagte er erstaunt, als Rupert ihn beinahe herrisch
ersuchte, das Lokal spätestens nach Mitternacht zu verlassen.
„Gibt es da ein Geheimnis, von dem keiner wissen darf, mein
kleiner Rupert?“
Um seine Worte zu unterstreichen und ihn zugleich zu
demütigen, packte er Rupert süffisant grinsend am Kinn und
hob es an. Seine veilchenblauen, funkensprühenden Augen
schienen ihn aufspießen zu wollen. Er erreichte sein Ziel: als
der körperlich Größere fühlte sich Rupert in der Tat erniedrigt.
„Lass ihn“, befahl Thierry. „Ich hab mit Victor darüber
geredet, das geht völlig d’accord. Es hat nichts zu bedeuten.
So wie sich die beiden plagen wegen uns, sollte man ihnen

108
noch viel mehr zugestehen. Das ist der kleinste Gefallen, den
ich ihnen tun kann, Jacques.“
„Ach, mit dem großen Victor gesprochen hast du. Der ist ja
quasi der Geschäftsführer, n’est-pas? Da hab ich natürlich
nichts zu melden.“
Mit einer rüden Geste ließ er Ruperts Kinn los und kratzte
ihn wie unabsichtlich dabei. Rupert ließ die Grobheit
unkommentiert und schickte sich an, weiterzutapezieren.
Miles war mit Monsieur Delaroche unterwegs; offenbar
zeigte ein Verlag reges Interesse an einer Publizierung ihrer
Fotos. Mit den Gedanken in Raouls Laden, in dem zur Stunde
vermutlich eine Geschäftsbesprechung stattfand, machte sich
Rupert an die Arbeit und summte ein Chanson, das er Thierry
vor längerem hatte singen hören. Der assistierte und gab sich
Mühe, Ruperts abwesenden Teampartner würdig zu vertreten.
„Er hat halt den Vorteil einer ungewöhnlichen Länge“,
entschuldigte er sich bei Rupert, wenn er eine Bahn
verhedderte, die sich dann nicht selten einringelte und
aneinanderpappte. „Das macht viel aus beim Renovieren.
Darum ist Raoul auch so geschickt, aber Victor natürlich der
ideale Heimwerker.“
„Victor, Victor save the Queen and Victory forever”, trällerte
Jacques im Hintergrund in einer Art Spottgesang. Miles war
ihm ein Dorn im Auge; von Anfang an waren Spannungen
zwischen den beiden zu spüren gewesen. Auch Jacques besaß
wie Miles ein perfektionistisches Wesen, doch ihm fehlten die
Wärme und die Umgänglichkeit, mit der Letzterer seine Pläne
verwirklichte, und er würde sie nie haben. Darum erklärte sich
Rupert seine Feindseligkeit als puren Neid. Für ihn war es am
leichtesten, Jacques zu ignorieren, denn mit gleicher Münze
konnte er es ihm nicht heimzahlen. Hohngelächter und das
Schlechtmachen anderer Leute verachtete er. Miles hätte in der
jetzigen Situation vermutlich nach der Wilde-Maxime
gehandelt „Liebe deine Feinde – nichts verärgert sie mehr.“

109
„Du machst es ganz gut“, tröstete Rupert Thierry. Er war
entschlossen, sich von dem rauhbeinigen Kerl nicht
provozieren zu lassen.
„Du und dein blödes Engländergesicht“, schimpfte Jacques
plötzlich wüst. „Ich kann’s nicht mehr ertragen! Überall seh’
ich’s, selbst wenn du gar nicht da bist! Ich wünschte, ihr hättet
nie französischen Boden betreten!“
Verblüfft blieb Rupert der Mund offenstehen, als Jacques
den Pinsel in den Eimer schleuderte. Der Kleister spritzte hoch
auf und lief an den Wänden und der Leiter herunter, auf der
Rupert balancierte.
„Jacques!“ mahnte Thierry, indem er die Hände schlichtend
auf und ab bewegte. „Was soll das? Bist du von allen guten
Geistern verlassen? Victor und Rupert sind unsere Freunde!“
„Deine Freunde!“ blaffte Jacques. „Ich wollte sie nie hier
haben! Siehst du nicht, dass Rupert hinter Gisèle her ist?! Er
tut so unschuldig, aber in Wirklichkeit hat er es faustdick
hinter den Ohren!“
„Das stimmt nicht. Du magst mich nicht, darum geht’s“,
verwahrte sich Rupert. Sein Ton war sachlich und nicht zu
laut, um etwaige Skepsis zu erregen. Miles wäre stolz auf ihn.
„Und wenn du etwas Persönliches mit mir zu besprechen hast,
können wir das nach Feierabend klären, okay?“
Eine kurze Weile, die Rupert wie die Ewigkeit schien,
maßen sie sich mit Blicken. Jacques’ Stirn, auf der eine Ader
anschwoll, war umwölkt, er kochte innerlich, das war ihm
anzusehen. Erbärmlich, wenn ein Mann seine Emotionen nicht
wenigstens zügeln konnte. Thierry schaute hellhörig zwischen
ihnen hin und her. Die Geschichte mit Gisèle kaufte er seinem
Schwager nicht ab; er wusste um den nahezu argwöhnischen
Drang, mit dem Jacques über Gisèle wachte, als sei sie immer
noch das kleine Mädchen, das seines brüderlichen Schutzes
bedurfte. Um diesen Mythos aufrecht zu halten, griff er
mitunter zu drastischen Mitteln, so wie eben jenes der
Untreue. Doch Gisèle liebte nur ihn – Thierry, trotz der Krise,

110
die sie gerade durchmachten. Im Urlaub an der Küste hatte sie
es ihm beteuert und auch gezeigt.
Von Jacques’ ewigem Genörgel und seinen Befürchtungen,
Gisèle sei Freiwild für andere Männer, ließ er sich nicht ins
Bockshorn jagen. In vieler Hinsicht war Thierry ein
Gemütsmensch, der nur das glaubte, was er sah. Zum Glück
für Rupert, denn ganz aus der Luft gegriffen war die These,
die Jacques da aufstellte, zumindest oberflächlich betrachtet ja
nicht.
Endlich wich Jacques aus, bückte sich und langte nach dem
Pinsel. „Bist ein Revolverheld, eh? Ich dachte, die gibt’s nur
im Amiland. Na gut, schließen wir Frieden.“
Aber er kam nicht zu Rupert, um ihm versöhnlich die Hand
zu reichen.
Etwas später platzte Miles mit Raoul im Fahrwasser ins
Bistro. Er war ganz außer Atem, packte Ruperts Mitte, der
immer noch auf der Leiter stand und stellte ihn nach einem
halben Schwung um sich selbst auf den blank gewienerten
Holzboden. Dann nahm er Ruperts Gesicht zwischen die
Hände und küsste ihn geradewegs und ungeniert auf den
Mund. Das Geräusch dröhnte in Ruperts Ohren, er wurde rot
bis unter die Haarwurzeln. Zugleich elektrisierte ihn die
Weichheit von Miles’ Lippen derart, dass er fast den Halt
verlor und froh war, dass Miles besitzergreifend den Arm um
ihn legte, als er sich grinsend den anderen zuwandte, die sie
neugierig umringt hatten.
„Ihr dürft uns gratulieren. Wir sind autorisierte Schriftsteller,
Rupert und ich.“
„Formidable!“, freute sich Thierry und klopfte Miles auf die
Schulter. „Das sind tolle Neuigkeiten!“
„Das Buch geht mit einer Erstauflage von tausend in
Druck“, explizierte Miles Rupert aufgewühlt, wobei er ihn
mehrmals an sich presste und ihn dabei von den Füßen riss,
wie um sicherzugehen, dass Rupert ihn auch richtig verstand.
„Und es wird in sämtlichen französischen Buchhandlungen
ausliegen! Ist das nicht ein schönes Gefühl? Man sichert uns

111
dreizehn Prozent vom Erlös jeden Buches zu. Das ist ein
ungewöhnlich hohes Honorar. Raoul hat knallhart verhandelt
mit dem Burschen, du hättest ihn sehen sollen.“
Rupert nickte, in seinem Kopf drehte sich alles vor Glück.
Er sah Raoul an, der ihn feierlich beglückwünschte. „Es kann
gar nicht schiefgehen. Der Verlag ist sehr renommiert und
wird Ihr Buch über die Grenzen von Paris hinaus bekannt
machen. Dass die Verleger Vertrauen in die Verkaufskraft des
Werkes haben, ersieht man an der hohen Auflagenzahl. Sobald
es erhältlich ist, hätte ich mein Exemplar gerne signiert.“ Er
zwinkerte Rupert eigentümlich schalkhaft zu, während Thierry
Miles bestürmte, ihm ebenfalls ein Exemplar zu widmen. „Sie
haben Victor die große Gewinnspanne zu verdanken, nicht
mir. Ich würde es nie wagen, mich mit Monsieur Carton zu
streiten.“
~*~
Kurz bevor sie das Lokal abschlossen, tranken Rupert und
Miles gemeinsam eine Flasche Wein am Klavier. Rupert
amüsierte sich über Miles’ Grimassen, die er jedes Mal zog,
wenn er das Glas absetzte. Dennoch fühlte er sich verpflichtet,
Rupert beim Trinken Gesellschaft zu leisten.
„Ich weiß nicht, was die Leute daran mögen“, vertraute er
Rupert an. „Jede Sorte schmeckt scheußlich.“
„Du wirst dich dran gewöhnen müssen. Immerhin wohnen
wir im Land des Weines. Wenn du weiterhin abstinent bleibst,
beleidigst du deine Gastgeber. Außerdem muss der Tag
gefeiert werden, das macht man nun mal üblicherweise mit
Alkohol, ob es dir passt oder nicht.“
„Hm“, machte Miles vage. Sein Blick wanderte ins Leere,
als er über Ruperts Kopf hinweg das Fenster fixierte.
„Was hast du?“ Neben dem Klavier stieß ihn Rupert, der auf
dem Schemel hockte, flüchtig an die Wade.
„Au!“ Empörung markierend rieb Miles sich den
Unterschenkel, bevor er auf seine Fingernägel schaute und so
beiläufig wie möglich antwortete. „Thomas hat geschrieben.
Mein Hotelier aus Oxford.“
112
„Ich kenn’ ihn“, unterbrach ihn Rupert; von einer schlagartig
einsetzenden, befremdenden Gereiztheit befallen kribbelten
seine Beine. „Und?“
„Deine Eltern suchen dich, weil sie sich große Sorgen um
dich machen. Sie vermuten sogar, dass du in Paris bist und
planen eine Reise hier her.“
Rupert schnellte hoch. Sein Teint wurde abwechselnd bleich
und dunkelrot vor Scham, Miles beschwindelt zu haben. Und
er verteufelte das Gluckengehabe seiner Mutter. Gewiss war
die Initiative von ihr ausgegangen, nachdem Rupert ein
Vierteljahr nichts von sich hatte hören lassen. Eigentlich
erstaunlich, dass sie nicht gleich nach der Ankunft des Briefes
die Pferde scheu gemacht hatte. Er vermutete, dass sein Vater
ihn abgefangen und seine Frau nicht unnötig mit dem Inhalt
konfrontiert hatte. Ihm selbst dünkte er wahrscheinlich ganz
vernünftig.
„Das kann nicht sein! Die wissen doch gar nicht … ich hab
doch nicht …“
Miles’ Blick wurde streng, er hatte ihn noch nie so erlebt,
nicht aus eigener Erfahrung. „Was hast du ihnen am Telefon
gesagt?“
Er war noch nicht wütend, aber kurz davor. Rupert tat es
beinahe körperlich weh, Miles’ Unmut auf sich zu ziehen, und
das auch noch zu Recht.
„Nichts … nichts, was auf meinen Aufenthaltsort schließen
könnte. Nur dass ich auf Kur bin, so wie du es vorgeschlagen
hast.“
„Ich glaube, du lügst. Deine Eltern kommen ganz gut ohne
dich klar, es sei denn, du hast ihnen etwas erzählt, das sie in
Aufregung versetzt hat.“
Resignierend sank Rupert auf den Schemel zurück. „Ich
konnte nicht anrufen. Darum habe ich einen Brief geschrieben,
in dem ich ihnen mitgeteilt habe, dass ich auf Anraten meines
Arztes eine Weltreise unternehme. Ich habe nicht daran
gedacht, dass der Poststempel mich verrät.“

113
Miles betrachtete ihn ein wenig entgeistert. Von dem Brief
hatte ihm der Kommilitone geschrieben, doch er hatte nicht
geglaubt, dass es stimmte. Andererseits – wie sollten die
Eltern sonst von Ruperts Aufenthalt informiert worden sein?
„Ist schon gut, mach’ dich nicht fertig deswegen.
Allerdings werde ich Konsequenzen ziehen. Wenn man dich
findet, findet man auch mich. Wir müssen uns trennen,
Rupert.“
„Nein!“ Es war ein regelrechter Aufschrei. „Miles – wir
verlieren doch nichts, wenn ich ihnen noch mal schreibe.
Diesmal die Wahrheit. Meine Bewerbung kann warten, das
wird mein Vater einsehen. Ich erkläre ihnen, dass ich ein Jahr
Urlaub nehme, bevor ich den Ernst des Lebens antrete. Das
verstehen sie. Dich werde ich gar nicht erwähnen. Es wäre mir
nur lieb, wenn diese blöde Angelegenheit mit dem Arzt und
meiner eingebildeten Krankheit aus der Welt wäre, die hat sie
sicherlich beunruhigt.“
„Also gut. Ich werde aber früher oder später ohnehin weiter
müssen.“
„Mit mir“, insistierte Rupert fest. „Ich schreibe wirklich
nicht von dir, das verspreche ich. Bitte vertrau’ mir. Ich hab
dich auch nicht im ersten Brief erwähnt, obwohl zumindest
meine Mutter es wohl begrüßen würde, wenn sie wüsste, dass
ich mit dir unterwegs bin. Sie hält dich für einen sehr
vernünftigen jungen Mann.“
Zur Betonung seines Gelöbnisses führte er die
entsprechende Gestik des Überkreuzens über seiner Brust aus.
Miles lächelte und hob sein Kinn an, ganz anders als Jacques
am Nachmittag. Zugetan heftete er den Blick auf Rupert und
die frische, rötlich-violett schimmernde Narbe an dessen
Schläfe, das Souvenir an Gisèles Selbstverteidigung.
Eine Zartheit war in dieser Gebärde, die Rupert schier den
Atem raubte; er hoffte, er würde sie nicht durch eine
unbedachte Äußerung oder Bewegung zerstören.
„Hat dir schon jemand gesagt, was für hübsche Augen du
hast?“

114
Rupert senkte genant die Lider. Nicht weiter, Miles, bat er
inständig. Sonst weiß ich nicht, wie der Abend endet.
„Ich – ich spiele noch etwas, in Ordnung?“
Wie immer durchschaute ihn Miles. In dieser Hinsicht
konnte ihm Rupert nichts vormachen. Unheimlich war das.
„Das war kein Annäherungsversuch, Rupert. Nur eine
Feststellung.“
Du bist mir schon so nah wie niemand es je gewesen ist,
dachte Rupert im Stillen. Miles ließ ihn los, und er rückte auf
dem Stuhl zurecht, um die Nocturne zu beginnen.
~*~
Jacques britische kulinarische Genüsse beizubringen hatte in
der Tat etwas vom Ankämpfen gegen Windmühlen. Mit einer
Engelsgeduld verbrachte Miles Stunden bei ihm in der
sanierten Küche, die bereits von der Gesundheitsbehörde
grünes Licht erhalten hatte. Jacques verkündete grantig, dass
sich das wieder ändern würde, sobald der erste englische Fraß
öffentlich serviert wurde und die Gäste der Reihe nach mit
Koliken in Hospital überliefert werden müssten. Miles lachte
darüber und ließ sich nicht verdrießen, aber Rupert hegte seit
der offenen Kriegserklärung ihm gegenüber abgrundtiefes
Misstrauen gegen Jacques.
Als er mit Miles darüber reden wollte, winkte er ab.
„Solchen Kerlen muss man den Wind aus den Segeln
nehmen, indem man sie glauben lässt, sie befänden sich im
Recht. Nimm dir nicht zu Herzen, was er gesagt hat.
Intellektuell bist du ihm weit überlegen. Lass ihn reden und
scher’ dich nicht weiter drum. Es gibt Leute, die dich besser
kennen.“
„Er wirft mir eine Affäre mit Gisèle vor!“
„Ist das so falsch? Ich dachte, die hattest du gehabt“,
schmunzelte Miles. „Auf dem Kirschbaum.“
Rupert konnte nicht anders, er lachte ebenfalls, wenngleich
ihm nicht wirklich danach zumute war. In Zukunft würde er
vor Jacques Fleury auf der Hut sein. Kochen war sowieso
nicht seine Stärke.
115
Stattdessen half er Julien, die Bilder und filmischen
Devotionalien zu ordnen und ihren Platz an den Wänden zu
bestimmen. Es machte Spaß, sich durch die verschiedenen
Sammlungsstücke zu wühlen, und es war beachtlich, was
Julien alles zusammengetragen hatte. So jung wie er war,
konnte er sich ja noch nicht allzu lange mit Filmen
beschäftigen. Trotzdem erkannte selbst Rupert hier und da den
Wert eines Autogramms oder eines Schals, den angeblich
Audrey Hepburn letztes Jahr bei den Dreharbeiten zu Love in
the Afternoon getragen hatte. Als Julien es ihm mit hochroten
Wangen erzählte, wurde er angesichts des Enthusiasmus des
Jungen sogar etwas ehrfürchtig.
Natürlich musste Thierry sein Einverständnis zur Gestaltung
geben, und da er in der Welt des Seins und Scheins fast so
zuhause war wie sein Kumpel Julien, beteiligte er sich eifrig
beim Gestalten der Dekoration.
Ab und zu tauschten er und Julien kichernd wie Backfische
Erinnerungen an gemeinsame Kinoabende aus. Jedes Plakat,
jedes makellose Gesicht auf den unzähligen Fotos verknüpften
sie mit einer lustigen oder absurden Begebenheit.
Frauenporträts weckten besonders heftige Emotionen; die
jungen Männer schrien entzückt und affektiert zugleich auf,
während sie Handküsse mit gespreizten Fingern auf die Bilder
projizierten. Ein eher gelangweiltes „Ah, très magnifique!“
war das kärglichste Lob, das eine Rupert unbekannte
Leinwandschönheit mit apart breiten Backenknochen
einheimste.
Als sie ihn nach seinem fachmännischen Urteil fragten, hob
Rupert verlegen die Schultern. „Ich kenne sie nicht“, gestand
er. Beiden fiel der Unterkiefer herunter. Schließlich fasste sich
Thierry als Erster, indem er Julien anstupste.
„Er kennt Ingrid Bergman nicht“, tuschelte er ihm
erschüttert zu. „Kannst du das glauben?“
„C’est impossible - Unmöglich!“ rief Julien.
„Das nächste Mal kommst du mit uns“, bestimmte Thierry.
„Wirst es nicht bereuen. Kino ist eine feine Sache.“

116
„Besonders wenn Thierry mitten im Film einschläft und
schnarcht wie ein Elefant.“
Sie mochten sich, das war ihnen anzusehen. Ihr
gemeinsames Interesse schweißte sie umso mehr zusammen.
Plötzlich wünschte Rupert, Julien würde seinen Pagenjob
schmeißen und mit Thierry das Bistro führen. Er und Miles
würden es nämlich nicht tun, das war ihm klar.
Ruhelos wie sein Freund war, würde es ihn sicher doch bald
fortziehen von Paris. Miles brauchte Abwechslung,
Herausforderungen. Er war nicht so wie Rupert, der sich sehr
gut vorstellen konnte, mit diesen netten Menschen eine
Existenz aufzubauen, vielleicht sogar ein hiesiges Mädchen
kennenzulernen. Doch merkwürdigerweise war dieser
Gedanke so fern wie der Mond und kaum zu greifen.
Er würde die Zukunft nehmen, wie sie kam. Allein ohne
Miles war sie undenkbar. In seinen Tagträumen sah er Miles
und sich ein Haus in der Provence bewohnen, mit einem
großen Garten, in dem sie Gemüse anbauten.
Selbstverständlich wusste er, wie idealistisch, wenn nicht gar
dumm sein Denken war. Doch selbst Miles tat nichts, ihn
davon abzuhalten, die Zukunft in rosaroter Farbe zu malen. Im
Gegenteil, er schien Gefallen daran zu finden, Rupert unter die
Fittiche zu nehmen, ihn ein wenig wie einen Schüler zu
unterweisen und ihn zuweilen auch zu necken. Als er ihm von
dem Haus erzählte, wiegte er abwägend den Kopf und meinte,
es sei gar keine schlechte Idee.
Mädchen erwähnte er nicht mehr. Es war kein Thema
zwischen ihnen. Manchmal kam Rupert das verwunderlich
vor, aber da er nicht das Bedürfnis nach körperlicher Liebe
verspürte, reichte ihm Miles’ Gesellschaft voll und ganz.
~*~
Die Namenssuche für das neue Bistro, das nun offiziell ein
englisches Pub war, gestaltete sich recht schwierig. Thierry,
der an „Bambi’s“ hing, zeigte sich mit keinem Vorschlag
zufrieden und ging damit allen auf die Nerven.

117
„In zwei Wochen müssen wir uns einig geworden sein“,
brummelte Miles und rückte Cary Grant gerade.
Julien ließ den Blick durch den Raum schweifen.
Die Plakate und Fotos der Filmstars wurden von Leuchtern
angestrahlt, welche ein dezentes Licht über Tische und Stühle
warfen.
Palmen in großen Töpfen vermittelten ein Flair von
Casablanca. Vom Eingang durch den Windfang führte eine
kurze, sich vom ebenen Boden abhebende Brücke aus
Brettern, über die jeder eintretende Gast ins Bistro gelangte.
Seine Augen blieben an einem eindrucksvollen Porträt des
Schauspielers Laurence Olivier hängen, und er runzelte die
Stirn. Das Theater, in dem er auftrat, hieß …
„’Old Vic’!“ rief er fingerschnippend. Die anderen, bereits
erschöpft vom Suchen des passenden Namens, horchten auf.
„Als Reminiszenz an deinen Wohltäter, Thierry! Außerdem ist
es ein legendäres Schauspielhaus und auch Filmfans ein
Begriff!“
Das langersehnte, breite Grinsen erschien auf Thierrys
Gesicht, während er sein Oberlippenbärtchen liebkoste.
„Julien, petit, was täte ich ohne dich?! So nennen wir’s!“
Ein kollektives Aufatmen und vereinzeltes Applaudieren
war zu hören. Miles, dem der Vorschlag zwar schmeichelte,
meldete Bedenken an. „Der Name ist rechtlich geschützt,
Julien. Das gibt Ärger mit der britischen Behörde.“
Rupert schaltete sich ein. Er war begeistert von dem
Vorschlag und fand, Miles habe eine Ehrung in dieser Form
mehr als verdient. Das fertige Bistro hatte ihn weit über
zweitausend Pfund gekostet; obwohl er nie über Zahlen redete,
hatte Rupert die Rechnungen gesehen und addiert, und das war
bestimmt mehr, als das aufgenommene Darlehen ausmachte.
„Und wenn wir ein ‚e’ hinter das ‚Old’ setzen, wie in der
frühen Schreibweise?“
Der Vorschlag wurde allgemein gutgeheißen, und so blieb es
bei „Olde Vic“. Raoul, der die schönste Handschrift hatte,
entwarf ein wetterfestes Aushängeschild mit altenglischen

118
Lettern, während Thierry auf dem Trödelmarkt eines aus
Metall fand, das nach britischem Brauch direkt mit einer Kette
neben die Tür gehängt werden konnte und drei zechende Ritter
darstellte. Miles fand es kitschig, wurde aber überstimmt und
musste dulden, dass Raoul es unter dem Schriftzug befestigte,
der jedem ausnehmend gut gefiel.
In der Zeit, die ihnen bis zur geplanten Neueröffnung blieb,
testeten sie Gerichte und Spirituosen bis zum wortwörtlichen
Erbrechen. Neben Jacques musste auch Thierry an den Herd;
unter Miles’ drakonischer Aufsicht backten, kochten und
probierten sie die Spezialitäten der Speisekarte, die - mit
floralen Ornamenten umrahmt, welche das Jugendstilelement
der Einrichtung wieder einfingen - , ebenfalls aus Raouls
künstlerischer Feder stammte. Rupert, dessen Gaumen an
Porridge und Yorkshire Pudding gewöhnt war, wurde als
Testesser engagiert und unterzog die Gerichte einer
pedantischen Kontrolle. Oft war ihm abends übel vom
Durcheinanderessen, und Miles versorgte ihn mit einem
Magenbitter aus der Hausapotheke der Levants.
~*~
Fast jeden Tag notierte Rupert eine Seite in sein Tagebuch.
Anhand der Aufzeichnungen stellte er fest, wie
abwechslungsreich und bunt sein Leben geworden war, seit
Miles es dominierte. Er wusste nicht, ob er sich nach der alten
Lebensweise zurücksehnte oder die Erfahrung ein Gewinn
war. Minutenlang brütete er über dieser Frage, mit dem
Federhalter an seine Schneidezähne tippend. Es war nicht so,
dass er das Gauklerdasein vermissen würde, wenn er in sein
geordnetes Leben zurückkehrte, resümierte er schließlich. Die
augenscheinliche Flucht seines Freundes stürzte ihn allerdings
in Konflikte. Er wollte Miles nicht verlassen, um keinen Preis.
Das käme ihm wie Hochverrat vor. Innerlich beschloss er,
abzuwarten. Vielleicht hätte Miles eines Tages soweit
Vertrauen gefasst, dass er ihn einweihen würde in den Grund,
weshalb er mit ihm im Schlepptau der Heimat so abrupt den
Rücken gekehrt hatte.
119
Seine Eltern drängten sich in sein Gehirn. Wieder einmal
hätte er beinahe vergessen, ihnen zu schreiben. Dabei war es
dringend notwendig, ihnen reinen Wein einzuschenken, bevor
sie tatsächlich in Paris nach dem verschollenen Sohn
Ausschau hielten.
Er nahm Papier und Tintenfass und begann nach reiflicher
Überlegung, einen Brief ohne Ortsangabe und Datum zu
verfassen, den er vor wenigen Tagen nicht gewagt hätte,
abzuschicken:

Liebe Mum, lieber Dad,

Bitte vergesst meinen ersten Brief; er wurde in


Unbedachtsamkeit und gekränktem Stolz geschrieben. Einzig
wahr darin ist, dass ich mich für ein paar Monate ins
Ausland abgesetzt habe, um in Ruhe über meinen weiteren
Weg nachzudenken und Abstand zu haben von Ratschlägen
von Leuten, die es gut mit mir meinen, mich jedoch daran
hindern, eigene Entscheidungen zu fällen. Ich habe vor
wenigen Wochen meinen dreißigsten Geburtstag gefeiert
und muss selbst wissen, was gut für mich ist, und das ist erst
einmal die berufliche Auszeit, auch wenn sie euch nicht
schmecken sollte.
Nicht dass ich Unterstützung ablehne; ihr seid mir immer
gute Eltern gewesen, und ich hoffe, ihr werdet es weiterhin
sein. Eine intakte Familie zu haben ist etwas ungeheuer
Wertvolles, das weiß ich jetzt. Seid eurem plötzlich
abenteuerlustigen Sohn nicht gram; ich werde mich
bemühen, euch nicht zu enttäuschen und nicht
pflichtvergessen all deine Anstrengungen meinetwegen über
Bord werfen, Dad.
Es ist mir aber wichtig, euch zu versichern, dass es mir gut
geht und es mir an nichts mangelt. Ich lerne interessante
Orte und Menschen kennen und finde trotz allem Müßiggang
sinnvolle Aufgaben, die es mir möglich machen, mich über

120
Wasser zu halten. Das ist eine neue und aufregende
Erkenntnis, über die ihr euch mit mir freuen dürft.
Gleich auf der Fähre nach Calais bin ich einem
außergewöhnlich herzensguten und zuverlässigen Menschen
begegnet, der sich mir und meiner Hilflosigkeit annahm.
Sein Name ist Milos Kaminski.
Inzwischen sind wir gute, wenn nicht gar beste Freunde,
mir liegt sehr an ihm. Du wolltest doch immer, dass ich
engere gesellschaftliche Kontakte pflege, Mum. Ich lerne
viel von ihm und fühle mich tief in seiner Schuld. Es gäbe
etwas, das ich vielleicht für ihn tun kann, doch dazu
bräuchte ich eure Hilfe.
Kaminski ist zwar britischer Staatsbürger, stammt aber
aus dem slawischen Raum und wurde vor circa fünfzehn
Jahren mit den Eltern und zwei Schwestern nach Auschwitz
deportiert. Ihm gelang die Flucht, und er fand in England
ein neues Zuhause. Er weiß nicht, ob seine
Familienangehörigen das Lager überlebt haben, und falls
doch, sind sie sicher in alle Winde verstreut. Vielleicht leben
seine Schwestern und die Mutter ebenfalls in Großbritannien
oder den Vereinigten Staaten.
Du, Vater, hast doch gute Kontakte zum
Außenministerium und zur Botschaft. Ich hoffe, es ist nicht
zuviel verlangt, dich dort zu erkundigen, ob man Näheres
über den Verbleib der Familie herausfinden kann. Die
Namen der Frauen lauten Maria (Mutter), Lene und
Katjuscha. Wahrscheinlich ist der Familienname entweder
durch Heirat oder Assimilierung nicht mehr derselbe, aber
ich zähle auf dich. Würdest du meinen Freund persönlich
kennen, würdest du keine Sekunde zögern, ihm zu helfen.
Es würde mir viel bedeuten, denn eine Freundschaft wie
unsere gibt es gewiss nicht wie Sand am Meer.

In tiefer Dankbarkeit und Liebe,


Rupert

121
P.S. Eine Benachrichtigung auf dem Postweg im Falle
eines Ergebnisses erübrigt sich, da wir keine feste Adresse
haben und Kaminski und ich ohnehin wieder nach London
kommen werden.

Der Brief klang pathetisch, je öfter er ihn durchlas. Aber


einen besseren, formelleren zu schreiben, brächte er nicht
fertig. Außerdem waren die Empfänger seine Eltern, sie
sollten ruhig wissen, was ihn bewegte und dass er sich
verändert hatte. Und er tat es für Miles, dem er nicht nur etwas
schuldete. Er wollte es wenigstens versuchen für ihn.
Falls sein Vater erfolglos blieb, schadete es auch
niemandem. Denn dass er Miles nichts davon erzählen würde,
verstand sich von selbst. Wahrscheinlich würde er den Brief in
tausend Fetzen zerreißen und ihn als sentimentales Geschwätz
abtun. Die zweite Alternative war, dass er enttäuscht wäre,
wenn sich als sicher herausstellte, dass seine Familie spurlos
verschwunden war, und diese Vorstellung war Rupert fast
noch unerträglicher.
Rasch leckte er den Haftstreifen des Kuverts ab und machte
sich unverzüglich auf den Weg zum nächsten Briefkasten, ehe
er wankelmütig wurde und es sich anders überlegte.
Er hoffte nur, dass der elende Poststempel diesmal vom
Regen verwischt sein würde, falls seine Mutter von ihren
Plänen trotz seiner Nachricht nicht abzuhalten war.

122
Kapitel 11

K urz vor der Eröffnung des Olde Vic erschien ihr


Buch, das den bombastischen Titel „Paris für
Idealisten“ trug. Miles und Rupert wären mit einem weniger
prahlerischen zufrieden gewesen, doch Monsieur Carton, der
Verleger, war ganz stolz auf seinen Geistesblitz, und so hatten
sie ihm die Freude gelassen.
Raoul brachte ihnen einige Exemplare zum Signieren für
sich selbst, Freunde und die Kundschaft. Es war ein sehr
ansprechendes, aufwendiges Buch in dunkelgrünem Leder mit
der Ansicht des Eiffelturms von unten auf dem Cover, eines
ihrer gefälligeren Motive. Respektvoll schaudernd strich
Rupert über den Einband und die geprägten Buchstaben des
Titels. Obwohl nur ein Pseudonym darüberstand, war es ein
sehr eigenartiger Gedanke, etwas geschaffen zu haben, das
von wildfremden Menschen gekauft und im besten Falle
bewundert wurde.
„Warum habt ihr euch nicht wenigstens für ein Autorenfoto
auf der letzten Seite zur Verfügung gestellt?“ fragte Thierry
mit unverhohlener Enttäuschung, nachdem er unter
schwärmerischen Ausrufen das Buch durchgeblättert hatte.
„Ihr seid doch ein gutaussehendes Pärchen.“
„Sieh mal genau hin. Auf manchen Fotos kannst du Rupert
entdecken“, sagte Miles.
„Das war aber nicht so vereinbart“, beschwerte sich der,
konnte Miles, der den endgültigen Druck der Bilder bestimmt
hatte, aber nicht böse sein.
Auch Thierry nahm eine Handvoll Bücher ab, um sie im
Bistro auszulegen und interessierten Gästen zum Kauf
anzubieten, und selbst Jacques zeigte sich widerwillig
beeindruckt von der Auswahl der Fotos.
~*~

123
Gisèle fuhrwerkte die ganze Woche im Bistro herum, um
ihm mit weiblicher Intuition den letzten Schliff zu geben,
wobei Thierry fürchtete, sie nutze die Gelegenheit und
verstaue den Nippes, der sich daheim in ihrer Besenkammer
auf mysteriöse Art vervielfältigte, jetzt im Pub.
Allmählich entspannte sich Miles und erholte sich von den
Mühen des Umbaus; er war am zuversichtlichsten von ihnen
allen, dass das neue Konzept ein Erfolg werden würde.
Da das Olde Vic jetzt wieder in Thierrys Hand war, nahmen
er und Rupert das dolce far niente wieder auf. Manchmal
vertraute ihnen Gisèle trotz Ruperts Ausrutscher im
heimischen Garten für ein paar Stunden die Kinder an, mit
denen sie in der Stadt spazieren gingen oder einen Ausflug
zum nahegelegenen Schloss Versailles machten.
Zwischen Miles und der kleinen Nini entwickelte sich eine
besondere Beziehung. Sie sprach noch nicht, doch Miles fand
auf geheimnisvolle Weise einen Weg, mit ihr zu
kommunizieren. Überdies gelang es ihm jedes Mal, ihr
Greinen oder Schreien zu bremsen, indem er sie aus dem
Kinderwagen nahm und sie sich bäuchlings über die Schulter
legte. Meist schlief sie dann sofort ein. Wenn Rupert es
versuchte, steigerte sich das Greinen zu einem so
ohrenbetäubenden Gebrüll, dass er sie mit schmerzverzerrtem
Gesicht und ausgestreckten Armen Miles übergab.
Dann und wann ernteten sie verstohlene Blicke oder auch
offene Skepsis von Passanten, Miles oft mit der im Schlaf
wohlig sabbernden Nini und einem Handtuch zum Schutz
seines Hemdes über der Schulter und einhändig den sperrigen
Wagen lenkend.
Rupert schwelgte in der kontroversen Aufmerksamkeit mit
einem fast anarchistischen Vergnügen, das Miles zu seiner
Freude bei besonders kritisch schauenden Leuten ebenfalls
verspürte und es nicht lassen konnte, ihnen in akzentfreiem
Französisch und mit todernster Miene zu deklamieren, es sei
eine ganz erstaunliche Sache, beinahe ein Wunder, was die
moderne Forschung in der Medizin alles möglich mache.

124
Die Gesichter der Zuschauer wurden länger und länger,
manche drückten Abscheu, andere Unglauben, selten
Belustigung aus. Miles war es einerlei, er schaukelte Nini auf
der Schulter und schenkte Rupert ein konspiratives Lächeln.
Die Kinder liebten ihre englischen Onkel. Und wenngleich
Miles der heiße Favorit war, knüpfte vor allem der eher
schüchterne François zarte Bande zu Rupert. Die Barriere der
Sprache, der Rupert nicht mächtig war, stellte für François
kein Hindernis dar, und so zeigte er seine Zuneigung, indem er
bei jeder Begegnung sofort nach Ruperts Hand griff und ein
verschmitztes Grinsen zu ihm nach oben schickte.
Da er wenig Erfahrung mit Kindern hatte und sie für
verwöhnte, zerbrechliche Bälger hielt, war Rupert nicht allzu
erpicht auf feuchte Patschehändchen und klebrige
Zuckermünder. Doch François übte sich in erwachsener
Zurückhaltung und freute sich über Ruperts Führung in der
Stadt genauso wie über wilde Spiele mit Onkel Victor im
Bistro.
~*~
Je näher die Eröffnung rückte, desto kribbeliger wurden die
Beteiligten. Julien hatte sich freigenommen, um eventuell in
einen Kellnerfrack zu schlüpfen. Durch seine mannigfaltigen
Aufgaben im Hotel war Servieren kein Novum für ihn.
Genaugenommen war er der einzige neben Miles, der dem
großen Tag gelassen entgegensah.
Weil Thierrys Nerven nach ihrer Versicherung weniger
flatterten, sagten auch Miles und Rupert für den ganzen Tag
Unterstützung zu. Miles sollte Cognac für die Erwachsenen
auf Kosten des Hauses ausschenken, während Rupert dafür zu
sorgen hatte, dass die kleinen Bonbongläser in der Mitte jedes
Tisches gefüllt waren.
Jacques haderte wie gewohnt mit den seiner Meinung nach
faden Speisen und der Einsicht, dass alles von ihm abhinge. Es
war das erste Mal, dass Rupert ihn verzweifelt und an
Lampenfieber leidend erlebte. Was ihn selbst anging, so

125
konnte er den zweiten Faktor sehr gut nachempfinden: für den
Abend hatte Thierry ihn gebeten, das Piano zu spielen.
Endlich war es soweit. Punkt zwölf Uhr mittags zerschnitt
Thierry das Band vor der Tür im Beisein seiner Truppe und
erstaunlich vielen neugierigen Menschen. Reklame sei zu
teuer, hatte Thierry gemeint und sich eine Ankündigung in der
Zeitung erspart. Nichtsdestotrotz stürmten gleich bei der
Eröffnung einige Jugendliche und auch ältere Herrschaften in
das Olde Vic und bestaunten die ungewöhnliche Einrichtung,
bevor sie sich einen Platz suchten.
Vor dem Tresen hatte Thierry Barhocker aufgestellt; auf
einem davon saß Rupert mit mahlenden Kiefermuskeln,
während Miles neben ihm Position bezogen hatte, beruhigend
die Hand auf dessen Arm ruhen ließ und auf potentielle
Cognactrinker wartete.
Bald legte sich die Aufregung von Thierrys Angestellten;
alles lief wie am Schnürchen. Mit fortwährender Dauer
wurden sie lockerer. Miles plauderte sogar mit einigen Gästen
und wurde zum Star des Abends. Mehrere Touristen, die in
ihm den englischen Gentleman enttarnten, bestanden auf ein
Erinnerungsfoto vor der malerischen Kulisse eines
Pappaufstellers von Rhett Butler und Scarlett O’Hara im
Sonnenuntergang.
Zu jeder Stunde waren fast sämtliche Tische besetzt. Bei
Einbruch der Dämmerung wurde es eng im Bistro, so dass
Miles als Aushilfskellner mit Julien und Thierry eingespannt
wurde. Er bewegte sich elegant zwischen Stühlen, Tischen und
herumwandernden Gästen und verlor bei aller Hektik nie sein
gewinnendes, gleichmütiges Wesen; Rupert war sehr stolz auf
ihn.
Später schaltete Thierry das Radio aus und mimte
übertrieben gestikulierend den Conferencier für Ruperts
musikalische Vorführung. Schweißgebadet wischte sich
Rupert die Hände an den Hosenbeinen ab. Er hatte gehofft und
gebetet, Thierry möge es im Eifer des Gefechts vergessen
haben. Miles kehrte an seine Seite zurück und tätschelte

126
aufmunternd und flüchtig seine Wange. „Es wird gut“,
flüsterte er ihm zu. „Du kannst es, das weiß ich.“
Thierry hatte ihm eine Partitur bekannter Filmmusiken
zusammengestellt, die Rupert in den letzten Tagen gepaukt
hatte, bis ihm die Noten zu den Ohren herauskamen.
Zuerst klimperte er ein wenig linkisch herum, um sich und
seine vor Aufregung steifen Finger warmzumachen. Die
schlagartige, erwartungsvolle Stille im Raum irritierte ihn.
Hilfesuchend flog sein Blick zum Tresen, wo Miles ihm
zuzwinkerte.
Dermaßen ermutigt schlug er die ersten Takte von As time
goes by an, woraufhin das filmerprobte Publikum im
Wiedererkennungseffekt klatschte und pfiff. Er verdrängte die
Beklemmungen und stellte sich vor, nur für Miles zu spielen,
so wie er es gewohnt war.
Wie von selbst tanzten seine Hände über die Klaviatur,
untadelig und leicht wie Federn. Es folgte ein Querschnitt aus
Cole Porter-Musicals und –Songs, die Rupert mit einer
unaufdringlichen, sich in die Swingmelodien einfügenden
Singstimme komplettierte. Anfangs kostete es ihn enorme
Überwindung, doch er merkte, dass er die Leute begeisterte
und wurde mit jeder Nummer sicherer. Zudem liebte er diese
Art von Musik.
Die Gäste waren außer sich. Manche standen auf, um auf
dem Klavier ein paar Sous als Dankeschön zu hinterlassen.
Eine exaltiert wirkende Frau zog eine Rose aus dem Väschen
ihres Tisches und warf sie in Ruperts Richtung. Reichlich
wackelig in den Knien vor verebbender Anspannung stand er
auf und schüttelte verdutzt bekannte und unbekannte Hände,
die sich ihm entgegenreckten oder freundschaftlich-derb auf
seinen Rücken klopften.
Miles erwartete ihn am Tresen, ein leicht spöttisches
Lächeln zuckte um seine Mundwinkel, das seine Anerkennung
nicht verbarg. Er schob dem verausgabten Freund, den die
Euphorie um seine Fähigkeiten peinlich berührte, sein Glas zu.
Am liebsten hätte er sich zu Jacques in die Küche verkrochen,

127
um dem Trubel zu entkommen, und das mochte in der Tat
etwas heißen.
„Exzellent“, sagte Miles, ein Leuchten stand in seinen
Augen, als er ihn ansah. Jemand winkte ihm, er schnappte sich
den Papierblock und quittierte die Rechnung des Gastes. Zeit
für Rupert blieb ihm keine mehr.
Jetzt erst begann für Rupert der entspannende Teil. Er
seufzte und ließ sich von Julien Tee und ein Scone mit
Schlagrahm und Erdbeermarmelade bringen, das ein
schmerzhaftes Ziehen in seinem verkrampften Unterkiefer
auslöste. „Der Renner“, raunte Julien ihm zu. „Hoffentlich
geht uns der Teig nicht aus! Die Leute sind verrückt danach.
So wie auf dich und deine Vorstellung! Das war wirklich ganz
große Klasse, Rupert!“
„Danke“, entgegnete er ehrlich erfreut. Der Erwartungsdruck
war groß gewesen, aber Juliens Kompliment bedeutete ihm
viel. Alles war so unwirklich, dass er sich wie betrunken
fühlte, obwohl er keinen Tropfen angerührt hatte.
Als sie den letzten Gast verabschiedet hatten, lehnte er
ermattet an Miles’ breiter Brust und schluchzte vor
Erschöpfung und Glück. Es war ihm nicht einmal
unangenehm, dass sich die Überreizung auf diese Weise entlud
oder was die anderen über ihn dachten. Mochten sie ihn doch
für ein Sensibelchen halten, es war ihm alles gleichgültig in
seinem Zustand.
Er hatte etwas getan, was ihn fürchterlich geängstigt und
von dem er früher nie geglaubt hatte, dazu fähig zu sein,
geschweige denn die Kraft zu haben, es durchzustehen. Seine
kühnsten Träume handelten nicht davon, aber in der Realität
war es ihm wie durch ein Wunder gelungen. Das Springen
über seinen Schatten war belohnt worden. Niemand konnte
ihm das je nehmen.
Miles hielt ihn fest und zog über Ruperts Kopf hinweg mit
Thierry Tagesbilanz, der im Siegestaumel weder Rupert noch
irgendetwas um sich herum wahrnahm außer seinen
Gesprächspartner.

128
„Ist mit Rupert alles okay?“ fragte Julien schüchtern. Er war
dabei, mit Raoul die restlichen Gläser abzuräumen und
flanierte gerade vorbei. „Warum weint er? Er war der Joker
heute Abend, das war doch toll … wir sind alle unheimlich
stolz auf dich. Rupert? Tut dir was weh?“
Sachte stieß er ihn an, doch Rupert wischte nur schniefend
über sein tränennasses Gesicht. Miles beschwichtigte den
Jungen.
„Er ist in Ordnung, Julien, keine Angst. Es war nur ein
bisschen viel.“
„Das verstehe ich“, stimmte Julien zu. „Würde mich auch
umhauen, wenn ich ein so begnadeter Pianist wäre. Die
Zuhörer konnten gar nicht genug kriegen. Du solltest
professionell auftreten.“
Da Rupert nicht antwortete, fuhr er ihm scheu mit der Hand
über den zitternden Rücken und machte sich wieder an die
Arbeit. Sein Onkel bedachte ihn mit einem warnenden Blick,
den Julien arglos und ein wenig schnippisch mit einem
Schulterzucken vergalt.
„Quoi?“ zischte er, als er Raoul passierte. „Hab ich was
Verbotenes getan?“
„Pass auf, mit wem du sprichst“, versetzte Raoul scharf und
verpasste seinem Neffen einen Klaps auf den Hinterkopf.
Seine Stimme klang drohend, und Rupert, der das Gespräch
verfolgt und einiges verstanden hatte, vor allem aber durch
den rüden Ton aufmerksam geworden war, fragte sich, was
den sonst so sanftmütigen Raoul in Harnisch gebracht hatte.
„Ich habe alle eure Bücher verkauft“, teilte Thierry Miles
eben emphatisch mit. „Und Vorbestellungen aufgenommen!
Der Tag war wunderbar, ich kann euch gar nicht genug
danken! - Rupert, wie wär’s, wir singen gemeinsam in der
Oper? Das war natürlich ein Scherz, aber vielleicht können wir
deinen Auftritt irgendwann wiederholen, du hast viele Fans
gewonnen heute!“
Freudestrahlend wuschelte er Ruperts Haar. Dass der nicht
reagierte, beschäftigte ihn nicht weiter.

129
„Thierry …“ Jacques rauschte aus der Küche und stutzte, als
er Miles und Rupert in so inniger Umarmung erblickte.
Echauffiert und etwas Abfälliges murmelnd entledigte er sich
seiner verschmutzten Schürze. „Du hast versprochen, mir in
der Küche zur Hand zu gehen! Eine Sauerei ist das … wie soll
ein Mensch das alleine bewältigen?“
„Ach, Jacques“, hauchte Thierry wie im Traum. „Wir sind
wieder im Geschäft! Zum ersten Mal, seit ich den Laden
übernommen habe. Was ist ein bisschen Dreck dagegen? Geh
du nur nach Hause, ich kümmere mich darum.“
Im Hotel übermannte Rupert plötzlich der Drang, zu lachen.
Er lachte gegen seinen Willen, konnte aber nicht aufhören.
„Ich war gut“, meinte er und ließ sich in den Sessel fallen,
während er albern gluckste. Sein Zwerchfell schmerzte.
Trotzdem lachte er weiter wie unter einer zwanghaften Folter,
obwohl er lieber geheult hätte. Miles, der erkannte, dass
Ruperts Freude nicht echt war, lachte nicht.
„Du warst mehr als das. Du warst einmalig. Ich wusste gar
nicht, was für eine schöne Singstimme du hast.“
„Miles …“ Sein Ton klang flehend, er bekämpfte vergeblich
einen Schluckauf. „Lass mich das nie wieder tun.“
Miles hockte vor den Sessel und stützte die Hände links und
rechts auf die Lehnen.
„Ich habe dich nicht gezwungen“, erinnerte er ihn sanft.
„Ich hätte mich schrecklich blamieren können!“
„Das hast du aber nicht. Bist du kein bisschen stolz darauf,
dass du es geschafft hast und damit Thierry und den Gästen
einen unvergessenen Abend geboten hast?“
„Ich möchte mit dir nach Hause zurück“, bockte Rupert.
„Das hier ist kein Leben für mich. Ich brauche einen
langweiligen, geordneten Tagesablauf. Ich hab’s versucht,
aber es geht nicht. Ich bin nicht wie du.“ Er schlug die Hände
vors Gesicht. Bedächtig nahm Miles sie weg und zwang ihn,
ihm in die Augen zu schauen.
„Ich bin nicht freiwillig fortgegangen. Glaub’ mir, ich würde
gerne mit dir gehen, aber es ist unmöglich. Wenn du zurück

130
willst, halte ich dich nicht auf. Eine Weile wäre es schlimm für
mich, aber ich habe es versprochen.“
Von Miles’ Blick erweicht schüttelte Rupert den Kopf; nun
fluteten erneut Tränen seine Unterlider. „Ich verlass dich
nicht, selbst wenn du es mir befehlen würdest. Wir sind doch
Freunde.“
Miles überreichte ihm ein Taschentuch. Die schienen ihm
nie auszugehen. „Rühr’ dich nicht vom Fleck. Ich bin gleich
wieder da.“
Er brachte Rupert ein Schlafmittel, das er in der Apotheke
gegenüber besorgt hatte.
„Nur heute“, sagte er, als Rupert misstrauisch die
Packungsbeilage durchlas und sie resignierend beiseite legte,
da die Buchstaben anfingen zu flimmern. „Damit du ein wenig
Ruhe findest.“
~*~
Die nächsten Tage glichen dem ersten im Pub, dessen
Eigenwilligkeit schon binnen kurzem durch Mundpropaganda
im ganzen Viertel bekannt wurde.
Besonders Touristen kehrten gerne ins Olde Vic ein.
Hauptsächlich waren es Briten, aber auch Deutsche und
Belgier schätzten die Mischung aus viktorianischem Zeitalter
und Hollywood. Etwas so Exotisches hatten sie noch nie
gesehen. Viele knipsten so wild um sich, dass Thierry im
Scherz in Erwägung zog, eine Steuer fürs Fotografieren zu
erheben.
Thierry hatte beschlossen, an diesem Wochenende früher
Schluss zu machen, eine Pause hatten sie verdient nach der
anstrengenden Zeit.
„Sobald ich mir Angestellte leisten kann – und das wird in
Kürze sein - läuft der Laden ohne mich“, frohlockte er. „Nicht
dass es mir keinen Spaß macht, aber zuverlässige Mitarbeiter
braucht jeder Chef. Ihr wolltet ja leider nicht.“
Zu jedermanns Überraschung zog ausgerechnet Jacques die
Spendierhosen an. Da der Abend gerade erst begann, lud er die
gesamte Mannschaft ins Moulin Rouge ein.
131
„Nun seid ihr schon Monate hier und habt noch keinen
Cancan gesehen“, begründete er seine Freigiebigkeit. „Eine
Schande ist das doch! Und Julien kommt mit, weil er immer
noch grün ist hinter den Löffeln. Er glaubt immer noch, dass
Frauen nur weibliche Männer sind. Genauso gut kann er an
den Weihnachtsmann glauben.“
Damit zog er barsch an Juliens Ohr, der ihm das nicht
einmal übelnahm und kichernd davon hüpfte. Raoul war nicht
dabei, so genoss er Narrenfreiheit.
Warum das Etablissement seit Jahrzehnten so berühmt war
und beweihräuchert wurde, war Rupert ein Rätsel. Es war
stickig in dem grellrot beleuchteten, plüschigen Saal,
schwitzende Körper schmissen sich brutal an die Bühne, um
halbnackte Mädchen Beine und Hüften schwingen zu sehen
und ihnen obszöne Rufe zuzuwerfen, je derber, je besser. Die
Tänzerinnen mussten entweder ein dickes Fell haben oder
blind und taub sein.
Als er einen Blick auf Miles erhaschte, hob der
verständnislos die Achseln und machte Rupert Handzeichen,
dass er nach draußen oder zumindest in den hinteren Teil des
Saales gehen würde, wo die Luft erträglicher sei. Dort befand
sich außerdem ein Restaurant, doch Rupert verlor Miles aus
den Augen in dem Gewimmel aus Gliedmaßen und wurde
zurückgezerrt.
Thierry, den Miles im Vorfeld von Ruperts Platzangst
unterrichtet hatte, entpuppte sich als Retter in der Not, sowie
er Rupert verdächtig japsen hörte. Er packte ihn am Kragen
und schleifte ihn mit sich auf eine Art Loge.
„Hier kannst du viel besser sehen“, erklärte er. „Bloß halt
nicht unter die Röcke, das ist das einzig Negative.“
Rupert beobachtete das Publikum. Überwiegend waren
darunter adrett gekleidete Herren, auch Damen und vereinzelt
sogar Ehepaare. Tatsächlich war Gisèle auch eingeladen
gewesen, doch wie Raoul hatte sie dankend abgelehnt. Ganz
so schlüpfrig wie sein Ruf war das Moulin Rouge anscheinend

132
nicht, oder aber sie hatten das Programm vor Mitternacht aus
Rücksicht auf die jugendlichen Besucher entschärft.
In den hinteren Rängen wussten sich die Älteren zu
benehmen und betrachteten die Darbietung der Chorgirls aus
distanziertem Blickwinkel als Hintergrundunterhaltung.
Am Rand erspähte Rupert Miles; er saß auf einem mit
Plüsch überzogenem Sitzpodest. Vor ihm tänzelte Jacques von
einem Fuß auf den anderen. Vorne an der Bühne prüfte Julien
lachend und johlend wie ein Teenager die Unterröcke der
Mädchen.
„Der kleine Julien“, kommentierte Thierry etwas gönnerhaft.
Er war Ruperts Blick gefolgt. „Komischerweise hatte er noch
nie ein Mädchen, das ist eigentlich nicht zu begreifen.
Wahrscheinlich verbringt er zuviel Zeit mit mir oder seinen
Filmen. Jetzt wähnt er sich sicher am Ziel seiner heimlichen
Phantasien.“
Rupert lockerte seinen Schlips. Allmählich blockierten die
Atmosphäre und der Anblick der vielen Menschen seinen
Atem; der erste Vorbote einer Panikattacke. „Mir ist schlecht.
Ich muss an die frische Luft.“
„Ich begleite dich“, erbot sich Thierry. „Versäumen tut man
nichts. Die Show ist jedes Mal die gleiche.“
Draußen fühlte sich Rupert wie ein anderer Mensch. Thierry
zündete sich eine Zigarette an und lächelte ihm hinter dem
aufsteigenden Qualm und halbgeschlossenen Lidern zu.
„Man könnte direkt meinen, du hast etwas mit Julien
gemein. Du bist noch ziemlich unerfahren, oder?“
Die anzügliche Frage ignorierend wandte sich Rupert mit
vor Kälte hochgezogenen Schultern von Thierry ab. Er hatte
bemerkt, dass Miles sich ebenfalls unwohl fühlte. Vielleicht
hatte er sich Jacques entziehen können und wartete nun hier
irgendwo auf ihn. Thierry ließ sich nicht beirren. „Magst du
Gisèle? Du darfst ehrlich sein, ich verarge es dir nicht. Sie ist
hübsch und außerdem sehr klug. Aber du solltest dir keine
falschen Hoffnungen machen. Ich kenne sie praktisch mein

133
ganzes Leben lang. Sie wird mich nie wegen einem anderen
verlassen.“
Rupert hüstelte in seine Faust. „Ich weiß nicht, worauf du
hinaus willst“, murmelte er schließlich. Gleichmütig
zerdrückte Thierry die ausgerauchte Kippe mit dem Absatz
seiner schwarzen Lederschuhe.
„Ach ja, richtig. Du hast ja deinen Bruder.“
„Was soll das, Thierry? Willst du mich niedermachen, weil
deine Frau daran schuld ist?“ Nachdrücklich tippte er an die
Narbe auf seiner Stirn. „Gisèle ist nicht nur hübsch und klug,
sondern auch sehr rabiat. Eine harmonische Beziehung stelle
ich mir anders vor.“
„Sie hatte allen Grund, das zu tun“, entgegnete Thierry eisig.
„Sie hat mir erzählt, wie es wirklich war. – Keine Angst, ich
verrate es niemandem. Aber ich hätte Jacques damals ernster
nehmen sollen.“
„Du hast nichts zu befürchten. Ich finde Gisèle sehr
sympathisch. Aber was ich mir da geleistet habe, war ein
Fehler. Tut mir leid. Das ist gar nicht meine Art.“
Er streckte Thierry die Hand hin. Nach kurzem Zaudern
ergriff Thierry sie. „D’accord. Es tut mir auch leid, was ich
über dich und Victor gesagt habe. Ich bin sehr froh, euch beide
kennengelernt zu haben.“

134
Kapitel 12

K ünftig hielten sich Miles und Rupert an Thierrys Pub,


falls sie abends Lust verspürten, auszugehen.
Touristenfallen waren nichts für sie, das hatten sie einhellig
festgestellt. Viel gemütlicher und atmosphärischer war das
Olde Vic, in dem sie überdies als „Familienmitglieder“ stets
gerngesehene Gäste waren.
Thierry und auch Jacques hatten im Zuge des
überwältigenden Erfolgs des neuen Konzepts ihre Vorbehalte
aufgegeben und betrieben das Lokal mit Begeisterung, die
man selbst dem zugeknöpften Schwager ansah, wenn er sich
außerhalb seines Reiches, der Küche, blicken ließ und den
beiden Freunden einen Sherry ausgab.
Einmal, als Thierry sich zu ihnen an den Tisch setzte,
erklärte er mit Verschwörermiene, Miles hätte ein Wunder an
Jacques vollbracht. Noch nie hätte er so ausgeglichen und
freundlich gewirkt. Kam einmal ein schlechterer Tag, so
vertröstete er sich und seinen Teilhaber optimistisch auf den
nächsten.
~*~
Die Investition hatte sich bereits nach zwei Wochen bezahlt
gemacht. Miles’ Freund aus Oxford hielt Kontakt mit Thierry,
versorgte ihn zuverlässig mit Nahrungsmitteln, die es nur auf
der Insel gab, und freute sich darauf, seinen Partner
irgendwann persönlich kennenzulernen. Rupert fragte sich, ob
er den Grund für Miles’ Flucht auf den Kontinent kannte.
Immerhin schrieb er auch weiterhin an Miles, freilich unter
Verwendung des Pseudonyms. Aber er schien genau im Bilde
zu sein. Irgendwie ärgerte sich Rupert darüber und über Miles’
Schweigsamkeit, die er allerdings auch nicht wagte, mit
impertinenten Fragen zu durchdringen. Bestimmt kannte er –
Rupert – Miles mittlerweile viel besser als dieser schnöselige

135
ehemalige Kommilitone. Und dennoch wusste der mehr über
Miles als er.
An einem Abend kurz nach ihrem Besuch im Moulin Rouge
war das Olde Vic brechend voll; sie mussten sich gedulden, bis
ein Tisch für zwei frei wurde. Jacques gesellte sich zu ihnen,
wie er es häufig zu tun pflegte, da Thierry ihn gelegentlich in
der Küche ablöste. Das „blöde Engländergesicht“ schien
längst vergessen, denn er behandelte Rupert mit jovialer, aber
gekünstelter Kumpelhaftigkeit, fast ein wenig herablassend.
Was Miles betraf, standen die Dinge anders; es lag immer
Respekt für ihn in seinen dunkelblauen Augen, wenn er mit
ihm sprach. Meistens in Französisch; sein Englisch war
gebrochen und noch schwerer zu verstehen als Thierrys. Er
holte einen weiteren Stuhl, setzte sich darauf und rieb sich den
Nacken unter der schwarzen Mähne.
„Ich möchte euch sehr herzlich danken für euer Engagement.
Ihr habt ja gesehen, ich bin nicht einfach und vielleicht ein
bisschen grobschlächtig, aber ich meine es nie so. Merci
beaucoup. An euch beide.“
Damit erhob er sich schnell und schlängelte sich durch die
Tische davon, wobei er um ein Haar mit einem Gast
zusammenstieß.
Perplex schauten ihm die Freunde nach.
„Er hat was vor“, vermutete Rupert. „Vielleicht will er
Niederlassungen aufmachen und muss dazu eine Geldquelle
anzapfen. Deine ist ja nicht von schlechten Eltern.“
Miles wandte den Blick nicht von der Küchentür, hinter der
Jacques verschwunden war, bevor er kopfschüttelnd die
Serviette auf den Schoß legte, um gemütvoll sein Irish Stew zu
verzehren.
Kurz vor Feierabend um zehn Uhr rang Jacques verzweifelt
die Hände angesichts des Berges an Geschirr, der sich
angehäuft hatte. Thierry und er hatten keine Zeit gehabt,
zwischenzeitlich zu spülen, wie sie es sonst taten, wenn das
Pub nicht überfüllt war.

136
„Oh, Jacques, könntest du das übernehmen?“ bat Thierry.
„Ich möchte mir heute mir Gisèle einen schönen Abend im
Kino machen. Kann sie nicht enttäuschen, da wartet sie schon
lange drauf.“
Ohne die Antwort abzuwarten, schlüpfte er in seine Jacke,
legte die Finger an die Lippen und trat auf Zehenspitzen
hinaus.
„Daher also der Ausdruck ‚auf Französisch verabschieden’“,
bemerkte Rupert geistreich. Sie waren die letzten Gäste, da
Miles sich gewünscht hatte, Rupert wieder einmal auf dem
Piano spielen zu hören. Ein Wunsch, den Rupert ihm nur zu
gerne bewilligte. Seit der Eröffnung vermisste er diese
Momente.
Miles erhob sich. „Fair ist das nicht“, sagte er. „Ich helfe
ihm. Du kannst ja hierbleiben und dich ein wenig warm
spielen.“
Über diesen Vorschlag dachte Rupert kurz nach, er passte
nicht zu Miles. Er hätte nicht sagen können inwiefern, doch
etwas daran kam ihm eigenartig vor. Dennoch nickte er und
wechselte über ans Klavier. Es war ja sehr nobel von Miles,
dass er ihm die Spülhände ersparen wollte. Womöglich nahm
er an, mit verschrumpelten Fingern spielte er nicht mehr so
gut.
Der Gedanke ließ ihn schmunzeln. Er beugte sich über die
Tasten und spielte ein paar nichtssagende Akkorde. Jäh
unterbrach er sein Spiel und horchte er auf, als aus der offenen
Tür zwischen Sprachfetzen auch undefinierbare Geräusche
und ein Scheppern wie von Töpfen in die Gaststube wehten.
Leise näherte er sich der Küche. Hinter der Tür versteckte er
sich und lauschte atemlos dem folgenden, auf Englisch
geführten Dialog.

„Du hast dich überhaupt nicht für die Tänzerinnen


begeistert“, sagte Jacques, er stand dicht vor Miles, den Rupert
aus seiner Perspektive halb von hinten sah. Der kleinere
Franzose verschwand fast völlig hinter ihm. Doch seine

137
flinken Hände streiften abwärts über seine Hüften, hakten sich
an Miles’ Gürtel fest. Eigenartig apathisch wirkend, hinderte
Miles ihn nicht daran. „Du machst es lieber mit
deinesgleichen, eh? Ich habe es gewusst in dem Moment, als
ich dich gesehen habe.“
„Hör auf“, verlangte Miles, doch er neigte den Kopf in
einem Winkel, der es Jacques ermöglichte, mit einem
widerlichen Schmatzen spielerisch nach seiner Unterlippe zu
schnappen.
„Du willst es doch auch“, lächelte er. Jetzt begannen seine
Hände damit, die Gürtelschließe zu öffnen.
Schwer atmend stieß ihn Miles von sich. Mit einem Wehlaut
wich Jacques an die Spüle zurück, doch es war Miles’ Lippe,
die blutete; Jacques hatte einen Fetzen Haut abgerissen.
Er betupfte sie prüfend mit den Fingern und starrte darauf,
ehe er wieder Jacques ins Visier nahm. Rupert war dankbar
dafür, dass er sein Gesicht nicht sah.
„Lass mich in Ruhe“, flüsterte er. „Ich mag das nicht.“
Maliziös grinsend fuhr sich Jacques mit der Hand über den
feucht glänzenden Mund. „Hast du Bedenken wegen Rupert?
Deinem Bruder? Er ist gar nicht dein Bruder, hab ich recht?
Ihr treibt es miteinander, eh? Auch das ist mir nicht neu,
Victor. Es stört mich nicht. Ich will dich nur für diesen Abend
haben. Keine Angst, der kleine Rupert muss gar nichts
erfahren. Du hast ihn fortgeschickt für unser Rendezvous,
oder? Siehst du, ich habe es mir doch gedacht.“
„Jacques. Du verstehst das nicht.“ Inzwischen klang Miles’
Stimme völlig normal und kühl. „Ich kann nur einen
Menschen lieben, und das bist nicht du.“
„Sondern Rupert“, brauste Jacques auf. „Was seid ihr Briten
für ein prüdes, langweiliges Volk! So fad wie eure Küche!“
Rupert hatte genug gehört. Wie von Furien gehetzt rannte er
hinaus auf die Straße.
Im ersten Augenblick fehlte ihm die Orientierung, bis ihm
einfiel, dass das Hotel nicht weit war. Er musste seine Sachen
packen und abreisen, sofort!

138
Mit rudernden Armen lief er davon und beinahe in ein
wütend hupendes Auto, als er die Straße überquerte. Alles
dünkte ihm wie ein böser Traum, und dennoch passte es auf
unheimliche Weise ins Bild.
Miles’ Geheimnis war offenbart. Er liebte Männer! Unzucht
stand unter Strafe. Vermutlich hatte man ihn in flagranti
ertappt, so wie er gerade, und ihn angezeigt. Vielleicht sogar
einer, der auf ihn hereingefallen und naiv war, so wie er! Er
war das ideale Opfer, gutgläubig, hilflos und dankbar für jedes
Wort.
Seine Freundschaft, sein Mitgefühl, seine Gesten und
Andeutungen, und besonders die Eifersucht auf Gisèle, von
der er an seinem Geburtstag gesprochen hatte – all das kam
ihm nun wie Heuchelei vor. Demungeachtet war zumindest
letzteres ja so etwas wie ein verkapptes Geständnis gewesen.
Er hätte es ahnen müssen, wollte jedoch nicht daran glauben.
Sein gesamter Eindruck des gütigen, gewandten und
zungenfertigen Gentlemans, den er um Miles herum aufgebaut
hatte, stürzte ein. Lieber Gott, wie arglos er das Bett mit ihm
geteilt und darüber auch noch Verbundenheit empfunden
hatte!
Und Miles – wie musste er sich gequält haben in der ganzen
Zeit! Doch, es ließ sich nicht leugnen, er liebte ihn auch, aber
auf andere Art. Und gerade darum musste er verschwinden.
Um keine Versuchung mehr zu sein. Ohne es zu
beabsichtigen, hatte er Miles wochenlang gefoltert. Er hätte
ihn haben können, mehr als einmal. Miles war der Stärkere
von ihnen, psychisch und physisch. Gelegentlich hatte er
Rupert fast da gehabt, wo er ihn haben wollte. Außerdem
verfügte er über eine nahezu magische Anziehungskraft, von
der er sich nicht scheute, ausgiebig Gebrauch zu machen. Dass
er sie zum Zweck einer gewissen Abhängigkeit von sich
einsetzte, war Rupert gar nicht bewusst gewesen. In seiner
Vorstellung war Miles frei von allem Fehl gewesen, eine
Lichtgestalt inmitten einer tristen Welt.

139
In Windeseile warf er seine Habseligkeiten in den Koffer.
Geld hatte er nicht viel, doch da Miles großzügig seine
Ausgaben übernommen hatte, reichte es wohl noch für die
Heimreise. Als er fast fertig war, hörte er Schritte im Flur. Es
waren Miles’ Schritte, er kannte sie genau.
Der Schweiß brach ihm aus allen Poren, er wirbelte herum
und schmiss das Gepäck auf den Boden. Ein letzter Ausweg
blieb ihm noch, er entschied sich ohne Nachzudenken dafür.
„Rupert?“
Die Tür wurde aufgestoßen. Rupert kniff die Augen zu und
sprang vom Sims hinab in die Tiefe. Ein markerschütternder
Ruf hinter ihm war das Letzte, das er wahrnahm.
~*~
Von seinen eigenen Schreien wurde er wach. Bestialische
Schmerzen peinigten ihn. Es war, als risse man ihn an
sämtlichen Extremitäten bei lebendigem Leib und ohne
Betäubung auseinander.
Zu keiner Bewegung fähig lag er im Grünstück des
Vorgartens vom Hotel, und er schrie grauenvoll, wie ein
verendendes Tier. Eigentlich hatte er mit dem Tod gerechnet
oder wenigstens einer tiefen Bewusstlosigkeit, die ihn vor
dieser unsäglichen Qual bewahrte. Was dann aber einem
Versagen gleichgekommen wäre. Doch versagt hatte er jetzt so
oder so.
Vor lauter Elend und Marter bemerkte er Miles zunächst
nicht, der ihn in den Armen hielt und verzweifelt wiegte.
Hinter ihm hockte ein bleicher Julien mit schockgeweiteten
Pupillen; das Hotelpersonal und eine Menge Schaulustiger
umringten sie. Zwar konnte er verschwommen erkennen, wie
sie ihre Münder bewegten und einige aufgeregt gestikulierten,
doch außer ihm schien jeder den Ton ausgeknipst zu haben.
Schließlich gewann für eine Minute sein Verstand die
Oberhand; er hörte zu schreien auf und atmete flach durch die
Nase. Miles war bei ihm, er konnte seine weichen Haarspitzen
in seinem Gesicht fühlen und das leise, beschwichtigende

140
Wippen, mit dem er auch Thierrys Tochter ohne großen
Aufwand hypnotisierte.
Hatte man ihn zu ihm in die Hölle geschickt? Denn
woanders konnte er doch nicht sein. Nichts konnte schlimmer
sein als das, was er gerade durchmachte.
Etwas in seinem Inneren explodierte. Wieder brüllte er vor
Schmerzen.
Miles hielt inne. Mit seiner großen, starken Hand strich er
ihm das Haar zurück, das nass an seiner Stirn klebte, und
drückte die Nase an Ruperts Wange. Rupert erwiderte den
Druck, dann senkte er den Kopf und biss sich in Miles’ Revers
fest, um nicht zu schreien.
„Du brichst mir das Herz“, flüsterte Miles rauh, seine Lippen
streiften Ruperts Haar. „Was hab ich getan, dass du mir das
antust?“
„Weiter“, flehte Rupert undeutlich mit dem Stoff zwischen
den Zähnen. „Du musst mich … weiterbewegen … ich fühle
nichts … nur Schmerz. – Oh Gott, hilf mir.“
Er schluchzte auf. Was, wenn er gelähmt war, oder aber er
erst nach Tagen seinen Verletzungen erlag und die letzten
Stunden in dieser grässlichen Agonie verbringen musste? Am
liebsten hätte er wieder zu schreien begonnen, allein die
tragischen Mienen der Umstehenden und die Furcht, seine
Pein dadurch zu intensivieren, hielten ihn davon ab.
„Hilfe kommt gleich“, beteuerte Miles, das Schaukeln
wieder aufnehmend. Tatsächlich hatte nicht die leichte
Erschütterung die Schmerzen verursacht, denn er fühlte sich
ein wenig getröstet und sogar gelindert durch Miles’ Aktion,
ihn zu wiegen, die wohl eher automatisch erfolgte statt als
therapeutische Maßnahme gewertet werden konnte. „Es wird
alles gut.“
„Miles … mach’, dass es aufhört.“ Sein Kopf sank zur Seite,
während seine blutverschmierten, verklebten Finger sich in
Miles’ Jacke verkrampften. Er wünschte, er könnte
ohnmächtig werden, doch paradoxerweise hinderten ihn die
Schmerzen daran. Vom Donner gerührt riss er die Augen auf,

141
als ihm plötzlich klar wurde, was seine spontane Handlung
bedeutete. Er fröstelte, seine Zähne schlugen hart aufeinander
und verursachten ein Krachen in seinem Schädel. „Ich sterbe.“
„Bleib hier!“ Miles’ Stimme klang drängend, während er die
kalte Hand des Freundes in seine nahm und fast zerquetschte
vor Angst. „Du darfst mich nicht verlassen. Das verzeih’ ich
dir nie. Bleib bei mir! Der Krankenwagen ist unterwegs, du
musst noch ein bisschen durchhalten. Verstehst du mich?
Rupert - “
Als Rupert die Augen schloss, hörte er Julien wie durch
Watte sprechen. „Das kann er nicht überleben, Victor. Nicht
einmal ein kräftigerer Mann würde das.“
„Er kann“, widersprach Miles harsch und beinahe hitzig.
„Ich weiß er kann’s.“ Mechanisch fuhr er fort, Rupert zu
wiegen, der jetzt in gnädige Bewusstlosigkeit geglitten war.
„Es ist eine Tragödie“, sagte Julien leise und knetete
anteilnehmend Miles’ Schulter. „Kannst du dir denken, was
der Grund war?“
Stumm schüttelte Miles den Kopf; jetzt tropften Tränen auf
Ruperts ausdrucksloses, blasses Gesicht. Er horchte an seiner
Brust, um den Herzschlag zu prüfen. Er war da. Schwach, aber
vernehmbar.
„Ich frage ihn später. Manchmal – ist das Leben nicht
einfach für ihn, ich weiß nicht, warum er sich’s so
schwermacht. Aber ich hätte nie gedacht - “
Das Martinshorn und die Sirenen der eintreffenden
Rettungsfahrzeuge unterbrachen ihn. Wie auf Kommando
löste sich alles aus seiner Starre, die Menschenmenge löste
sich auf, um die Sanitäter nicht zu behindern, während das
Hotelpersonal sich für Fragen der Flics, der hiesigen Polizei,
wappnete. Viel zu berichten gab es nicht, doch jeder wüsste
gerne, weshalb der junge Engländer aus dem Fenster
gesprungen war. Überspannt hatte er ja auch auf jeden länger
verweilenden Hotelgast gewirkt; möglicherweise spielte er
schon seit geraumer Zeit mit dem Gedanken, sich das Leben

142
zu nehmen. In der Tat war keiner darüber wirklich überrascht,
obwohl natürlich geschockt.
Miles verhandelte mit den Ärzten. Man wollte ihn nicht
mitfahren lassen im Krankenwagen, doch er insistierte und
verschaffte sich schließlich mit erstaunlicher Unhöflichkeit
und der Androhung eines gerichtlichen Verfahrens das Recht,
Rupert zu begleiten.
Julien bat um sofortige Nachricht, sobald man Genaueres in
Erfahrung gebracht hatte, was Miles mit einem
geistesabwesenden Nicken versprach.

Bis zum Hospital wich er nicht von Ruperts Seite, der


wieder zu sich gekommen war und zwischen Wachen und
sekundenlanger Bewusstlosigkeit hin und herpendelte und sich
in den Phasen der geistigen Anwesenheit schier die Seele aus
dem Leib schrie.
Miles bat den Sanitäter, der in der Absicht, die Atmung zu
unterstützen, stoisch den Sauerstoff richtete, um ein
Schmerzmittel für ihn. Bedauernd schlug der die Bitte aus.
„Tut mir leid, Monsieur, er muss nüchtern sein für die OP.
Ich weiß, es klingt grausam, aber niemand hat Sie gezwungen,
hier zu sein. Für die Angehörigen ist es oft schlimmer als für
die Betroffenen. Das Schreien mäßigt die Schmerzen. Falls
Sie’s nicht aushalten, hätten Sie den Ambulanzwagen nicht
betreten dürfen. Und sagen Sie hinterher vor Gericht nicht,
man hätte Sie nicht gewarnt.“
Miles ließ den Blick nicht von Rupert. Seine Hand ruhte
leicht auf dessen Brustkorb, der sich im Versuch, die Lungen
mit Sauerstoff zu füllen, zuckend aufbäumte.
Die Angst zu ersticken musste schrecklich für ihn sein. Für
ihn war es schrecklich, dass er Rupert diese Angst nicht
nehmen konnte, denn anscheinend war sie nicht unbegründet.
Doch solange der Sanitäter nicht Alarm schlug oder sich sonst
auffällig verhielt, war vermutlich alles im grünen Bereich.
„Eine OP? Was muss da gemacht werden?“

143
„So wie es aussieht, sind beide Beine gebrochen, vielleicht
auch die Wirbelsäule. Das können wir erst im Krankenhaus
durch das Röntgenbild genau feststellen. Die Atemnot deutet
jedenfalls auf eine Rippenfraktur hin. Und vielleicht auch
innere Blutungen. Er hat Glück, dass er noch japst.
Normalerweise enden Sprünge aus dem dritten Stockwerk
tödlich. Oder Pech, je nachdem, aus welcher Warte man’s
betrachtet.“
Entsetzt ob der Diagnose und der makaberen
Sprücheklopferei massierte Miles seinen Kiefer. Die Stoppeln
seines ungewohnten Bartwuchses, den er jetzt erst registrierte,
juckten. In letzter Zeit hatte er sein Äußeres ein wenig
vernachlässigt. „Kann ich bei ihm bleiben?“
Der Sanitäter schmunzelte mitfühlend. „Nicht während des
Eingriffs. Aber wir brauchen Ihre schriftliche Einwilligung
dazu. Danach dürfen Sie soviel Zeit mit ihm verbringen, wie
Sie möchten.“
„Und wenn er stirbt?“ Das Wort kam wie Blei über seine
Lippen. Er entsann sich eines einprägsamen Erlebnisses
während seiner Studienzeit. Ein Kommilitone hatte eine
Blinddarmentzündung gehabt und war operiert worden. Ein
harmloser Eingriff, sollte man meinen. Doch er war unter den
Händen der Chirurgen während der Narkose gestorben.
„Na, na. Wer wird denn so pessimistisch sein? Ihr Bruder
mag nicht so robust sein wie Sie, aber das heißt doch nicht,
dass er nicht wieder gesund werden kann. Ich kenn’ diesen
Typ. Der ist meist zäher als er scheint.“
Miles antwortete nicht, er hielt den Kopf dicht über Ruperts
Brust und lauschte dem Röcheln seiner Lungen, dieweil er die
stressbedingte Falte über Ruperts Nase glättete. „Es wird
wieder gut“, wiederholte er sanft. „Nicht aufgeben, Rupert.“
~*~
„Ich bin reich“, hörte er Miles verzweifelt durch einen
Schleier sagen. „Ich zahle, was Sie wollen, wenn Sie ihn ohne
bleibende Schäden wieder zusammenflicken.“

144
„Sie bestechen mich“, antwortete eine körperlose,
sarkastische Stimme mit französischem Akzent. „Hören Sie,
Monsieur: wir tun alles, was in unserer Macht steht, um Ihrem
Bruder zu helfen, schließlich sind wir Ärzte. Dazu müssen Sie
uns aber unsere Arbeit tun lassen. Je weniger Sie sich
einmischen, umso schneller können wir die Notoperation
vorbereiten und durchführen.“
Rupert probierte den Kopf zu heben. Überall hingen
Schläuche in seinem Gesicht und seinen Armen. Wenn er doch
wenigstens kurz mit Miles reden könnte. Schnaufend machte
er Anstalten, sich dem transparenten, mit Wasserdampf
beschlagenen Ding auf seiner Mundpartie zu entledigen, das
ihm zudem die Sicht versperrte. Der Arzt wollte seine
Initiative vereiteln, doch Miles hielt seinen Arm fest.
„Einen Augenblick nur“, bettelte er.
Knurrend entfernte sich der Anästhesist. Rupert fasste nach
Miles, aber es gelang ihm nicht, sich auf ihn zu konzentrieren,
und er griff daneben. Die Qual raubte ihm jegliche Sinne bis
auf das Schmerzempfinden. Ein tröstendes Zischen von sich
gebend fing Miles seine Hand ein, in der dutzende von Nadeln
steckten. Rupert stöhnte. Die vielen Apparate und der strenge
Geruch nach Desinfektionsmitteln beunruhigten ihn. Nur
Miles’ Anwesenheit und irgendein piepsendes Gerät
verhinderten, dass sein Blutdruck in ungeahnte Höhen schoss.
„Was ist … wo bin ich?“
„Im Krankenhaus“, sagte er gewollt lebhaft, doch Rupert
bemerkte, wie schwer es ihm fiel, Zuversicht zu zeigen. Unter
seinen Augen lagen Schatten, als hätte er nächtelang kein
Auge zugetan. „Hab keine Angst, ich bin da und passe auf. Du
wirst eine Weile schlafen, und dann geht es dir besser.“
„Wirst du da sein? Auch wenn ich - nicht mehr aufwache, so
wie George? Wenn bloß die Schmerzen aufhören, dann ist es
mir egal. Ich war so dumm. Ich hab alles kaputtgemacht. Sag
meinen Eltern bitte, dass es mir leidtut. Und ich möchte“ - sein
Mund verzog sich zu einem bitteren Lächeln, das ihm
unwillkürlich entfleuchte – „nicht neben Mr. Wilde beigesetzt

145
werden, sondern daheim in der Familiengruft. Vorausgesetzt,
man will mich dort noch … als Selbstmörder.“
Miles schluckte, der plötzliche Druck seiner Hand tat Rupert
weh, aber er entzog sich ihm nicht, sondern schloss
angsterfüllt die schlaffen Finger um Miles’ Handrücken. Sie
schienen auf beklemmende Weise knochenlos und schmerzten
so abscheulich wie der Rest von ihm. Er versagte sich, seinen
Blick auf Wanderschaft gehen zu lassen. Einen appetitlichen
Anblick bot er ganz sicher nicht.
Miles war hart im Nehmen, es schien ihm nichts
auszumachen, einen Klumpen Matsch zu ermutigen. Er hob
Ruperts Hand zum Mund und liebkoste die Finger. Es war so
eine natürliche, innige Geste, dass Rupert die Tränen in die
Augen stiegen.
„Daran darfst du nicht denken. Du schaffst es, ganz sicher.
Meinetwegen. Ich will dich wieder spielen hören, diese Finger
übers Klavier laufen sehen wie anmutige Tänzer. Ich habe so
viele Menschen verloren, Rupert, ich will das nicht noch mal
durchmachen.“
Das Glitzern in Miles’ Augen war es, das Rupert den
Lebenswillen zurückgab. Gleich ob als Krüppel oder
körperlich Genesender, er wollte leben. Nicht nur um Miles’
Willen, der den Ausschlag zu dieser Entscheidung gegeben
hatte.
„Wir sehen uns dann“, wisperte er. „Mach’ dir keine Sorgen
um mich.“
Ein Pulk Ärzte kam herein und sedierte Rupert. Die
Schmerzen lösten sich auf, und er sank in eine tiefe Schwärze.

146
Kapitel 13

S ehr viel später erwachte er, obwohl er natürlich


jegliches Zeitgefühl verloren hatte. Genauso gut hätte es
fünf Minuten her sein können, dass er Miles zum letzten Mal
gesehen hatte.
Eine Maschine an seinem Bett überwachte pfeifend seine
Körperfunktionen, und eine über ihm schwebende Flasche
versorgte ihn mit Flüssigkeit. Er wunderte sich, wie er bei
diesem Lärm hatte schlafen können. Richtig, er war
narkotisiert gewesen! Schlagartig kehrte die Erinnerung
wieder. Langsam blinzelnd betrachtete er seine Umgebung;
das künstliche Licht tat in den Augen weh. Auf dem Tisch
neben dem Kopfende konnte er Blumen erkennen und einen
Brief, der sehr offiziell aussah. Ächzend beugte er sich vor,
um ihn zu lesen. Die Buchstaben flirrten und entwickelten ein
Eigenleben, sie hüpften kichernd aus der Linie, als er
versuchte, einen zusammenhängenden Satz zu bilden.
Missmutig legte er die Stirn in Falten und schloss erschöpft
die Augen.
„Die Bestätigung und das Honorar zum Verkauf der 500.
Ausgabe von Paris für Idealisten“, sagte eine weit entfernte
Stimme. „Raoul hat es vorbeigebracht, mit den besten
Wünschen. Die Rosen sind von Gisèle und Thierry, und der
Wiesenstrauß und die Pralinen von Julien.“
Unter Schmerzen drehte er den Kopf zur Seite. Miles saß
dort, er hatte sich ein wenig vorgebeugt. Beinahe hätte Rupert
ihn nicht erkannt. Seine sonst sehr schöne Stimme war ein
Krächzen, und er sah aus wie einer der Clochards unter den
Brücken der Seine. Seine Kleidung, auf die er soviel Wert
legte, war zerknittert, sein Kinn unrasiert und sein
normalerweise gepflegt glänzendes Haar strähnig.
Eine Aufmerksamkeit und Genesungswünsche von Jacques
fehlten, Rupert konnte sich denken, weshalb. Einem

147
Nebenbuhler schickte man keine Geschenke, sondern hoffte
auf eine Verschlechterung.
„Wie lange …?“ flüsterte Rupert. Eigentlich wollte er es gar
nicht wissen.
„Sieben Tage“, erwiderte Miles ebenso leise. „Wegen der
Schmerzen haben sie dich nicht aufgeweckt und dir
Beruhigungsmittel verabreicht.“
„Warst du … die ganze Zeit hier?“
„Ja.“
„Du solltest nach Hause und dich ausruhen.“
Miles strich über Ruperts Haar, hielt es zurück und sah ihm
direkt ins Gesicht. Seine graublauen Augen wirkten durch den
Schlafmangel noch größer und intensiver. „Du bist schwer
verletzt, ich kann dich nicht alleine lassen. Außerdem soll ich
die Schwester informieren, wenn du aufwachst, damit sie dir
etwas Morphium spritzt.“
Rupert wurde leicht nervös. Er realisierte, dass er verbunden
war. Sein linkes Bein steckte in Gips, und er selbst in einer Art
Korsett, das man im Bett an einem Gestell aufgebaut hatte.
Auch sein Arm war bandagiert. Die Finger beider Hände
konnte er nicht bewegen, da sie wohl ebenfalls ruhiggestellt
waren. Die stechenden Schmerzen, die ihn plötzlich
durchzuckten, lokalisierte er im Rückgrat. Um das zu fragen,
was er fürchtete, benötigte er mehrere Anläufe.
„Bin ich … bin ich gelähmt?“
Miles nahm seine umwickelten Hände in seine. Rupert
meinte, die frostige Kühle seiner Haut durch das
Verbandsmaterial zu spüren und schauderte zusammen. Miles’
Blick ließ ihn nicht los, doch er antwortete mit einer
Gegenfrage.
„Warum hast du’s getan?“
„Ich weiß nicht“, jammerte Rupert. „Werde ich wieder
gehen können, Miles? Ich wollte nicht, dass es so endet. Es
schien mir – die beste Lösung.“
„Wofür?“

148
„Bitte beantworte meine Frage. Sonst wäre ich lieber tot.
Was ist mit mir?“
Der Freund seufzte, er senkte die Lider, wie um sich zu
sammeln. Als er wieder aufsah, hatte sein Blick etwas
Distanziertes. Dennoch überwog die Sorge um Rupert.
„Ich kann dir nichts sagen. Die Ärzte wissen noch nichts
Genaues. Dein Bein ist mehrfach gebrochen, ebenso zwei
Rippen, der Arm und die Handgelenke. Die Milz und die
Leber hatten Risse erlitten, und die Wirbelsäule ist gestaucht.
Außerdem hast du sehr hohe Temperatur und ein Schädel-
Hirn-Trauma. Du bist nicht außer Gefahr, obwohl die
Operation gut verlaufen ist. Sie werden dich noch eine Weile
hierbehalten.“
„Heißt das …?“
„Wirklich dankbar kann ich erst sein, wenn das Fieber
gesunken ist. Deine Ärzte sagen, die Krise sei nach etwa zwei
Wochen überstanden.“
Das Hängegestell knarrte, als Rupert sich bewegte und vor
Schmerzen rote Sterne sah. Das Pfeifen und Piepen des
Apparates wurde laut und penetrant. „Ruf’ die Schwester …
bitte!“
Er tat es, und nach wenigen Minuten erschien eine
Krankenschwester mit dem Morphin. Sie sprach mit Miles auf
Französisch, lächelte Rupert zu und verschwand wieder,
nachdem sie ihre Pflicht erfüllt hatte.
„Was sagt sie?“ murmelte Rupert; das Mittel wirkte
unverzüglich. Er fühlte sich müde.
„Dass du Glück hattest und zäh bist. – Ich habe deine Eltern
benachrichtigt.“
Unter enormer Willensanstrengung öffnete Rupert die
Augen. „Warum?“
„Es schien mir richtig. Du lagst bis heute Morgen auf der
Intensivstation, ich wusste nicht, ob …“
Schluchzend brach er ab, während er zu Boden sah. Seine
breiten Schultern bebten, und er barg das Gesicht in den
Händen. Erschüttert rang Rupert die Müdigkeit nieder. „Miles.

149
Nicht … es ist doch in Ordnung. Ich bin dir deswegen nicht
böse!“
Jede Vorsicht vergessend umarmte Miles den Freund, indem
er ihn aufrichtete. Die Berührung schmerzte und ließ zugleich
ein Glücksgefühl durch Rupert strömen, das ihm sagte, dass er
kämpfen würde, um gesund zu werden. Und sei es nur, um für
Miles Klavier zu spielen.
„Ich hatte solche Angst, Rupert! Ich dachte, ich werde
wahnsinnig! – Ist es meine Schuld? Warum bist du
gesprungen? Du bist nicht selbstmordgefährdet, selbst wenn
sie’s behaupten, es stimmt nicht. Warum hast du’s getan? Hat
dir jemand Rauschgift verkauft? Du kannst mir alles sagen,
das weißt du doch. Dafür bin ich da.“
Jetzt weinte er hemmungslos; die Belastung der letzten Tage
und die Anstrengung, einen kühlen Kopf zu bewahren,
während sein Freund zwischen Leben und Tod schwebte,
hatten ihn überfordert.
„Du hast mir auch nicht alles gesagt“, sagte Rupert in Miles’
Hemdkragen. Er hätte ihn gerne physisch beschwichtigt, mit
seinem Haar gespielt, das immer noch schön war und nach
Brillantine duftete. Aber sein Zustand erlaubte es nicht. Er war
verpackt wie eine ägyptische Mumie.
Das Morphin bootete seine Scheu vor dem brisanten Sujet
aus. „Ich hab dich mit Jacques gesehen.“
Das Schluchzen verebbte. Miles’ Atmung, die Rupert als
sanftes, beruhigendes Pochen am Brustkorb gespürt hatte,
beschleunigte sich und traf ihn jetzt als schmerzhaftes Stoßen
an seinen Rippen.
„Mit Jacques? Wann?“
Rupert holte tief Luft. Sein Oberkörper reagierte mit einem
furchtbaren Ziepen, das ihm flüchtig das Bewusstsein raubte.
„Kurz vor … kurz bevor … ich gegangen bin.“
„In Thierrys Lokal? In der Küche?“
Seine Stimme war kaum zu vernehmen, doch er hielt Rupert
fest wie zuvor.

150
Kläglich äußerte Rupert einen Laut der Zustimmung, die
Stirn an Miles’ Schulter. Am liebsten hätte er sich in Luft
aufgelöst.
„Ich wollte dich nicht mehr quälen wie all die Wochen
vorher. Darum – hast du mich doch mitgenommen, weil du
dachtest – weil ich – dir gefalle. Ich hab es nicht verstanden,
Miles, und ich verstehe es immer noch nicht. Ich bin
langweilig, ich hätte dich gar nicht verdient. Ich hatte Angst,
weil ich Angst davor habe, dich aber nicht verletzen will. Es
war falsch, aber ich wusste nicht, wie ich es dir erklären
konnte. Ich bin nicht – oh, Miles, ich liebe dich auch, aber
nicht so, wie Jacques und du – in der Küche … als du sagtest,
du könntest ihn nicht lieben, weil - “
Er verhaspelte sich, das Morphin ließ ihn den Faden
verlieren, und er schämte sich schrecklich. Miles hörte ihm zu,
er war vollkommen ruhig. Als er sicher war, dass Rupert
nichts mehr zu sagen hatte, löste er sich von ihm.
Behutsam half er ihm in die vorgegebene, unbequeme
Haltung des Stangenkorsetts zurück.
„Warum hast du nicht auf mich gewartet, bevor du
gesprungen bist? Ich war hinter dir, eine Sekunde noch und
wir hätten diesen Irrtum aufklären können.“
Rupert stutzte. „Irrtum?“
„Du glaubst, ich begehre dich wie ein Mann eine Frau, habe
ich das richtig verstanden?“
Beschämt – auch über Miles’ unverblümte Wortwahl -
nickte Rupert.
„Dieses Licht ist furchtbar grell“, konstatierte er aus
heiterem Himmel, um das Thema in andere Bahnen zu lenken.
„Es tut richtig weh.“
Miles musterte ihn, bevor er seine Finger über Ruperts Stirn
und Augenbrauen legte. Die Dunkelheit vor seinen Augen war
fast wie ein Refugium. Es war besser, Miles während dieses
unzweifelhaft prekären Gesprächs nicht in die Augen sehen zu
müssen. Und er hatte nicht mehr diesen brennenden Schmerz
hinter den Lidern.

151
„Wenn es so wäre, müssten wir darüber reden. Und egal, ob
ich dich begehren würde oder nicht; aus diesem Grund musst
du dich nicht gleich umbringen. Ich muss zugeben, dass – es
mir manchmal schwerfällt, dir meine Zuneigung nicht in einer
Weise zu offenbaren, die dich erschrecken könnte. Aber ich
mag dich einfach, das ist alles. So bin ich. Es tut mir leid, dass
du mein Verhalten falsch interpretiert hast. Ich liebe dich,
Rupert, auf reine Art. Ich könnte dir nie etwas antun oder so
roh sein wie Jacques in der Küche während deiner
Beobachtung. Mir hat das selbst Angst eingejagt. Bitte
überdenke das, bevor du noch einmal so was Törichtes tust.
Damit hättest du mich verletzt, nicht mit deiner
Zurückweisung.“
Als er die Hand wegnahm, war Rupert eingeschlafen. Er
setzte sich auf den Besucherstuhl, der seit sieben Tagen sein
einziger Komfort war, und seufzte.
Die Lust auf einen Kaffee und eine Zigarette trieb ihn
schließlich doch aus dem Hospital. Nachdem er sich erfrischt
und rasiert hätte, würde die Welt eine andere sein. Überdies
wollte er Ruperts Eltern in seinem momentanen Aufzug nicht
unter die Augen treten. Er hatte es ohnehin nicht leicht bei
ihnen, man brauchte sie nicht unnötig provozieren.
Armer Rupert! Seine Verzweiflungstat ging ihm jetzt
doppelt so nahe. Wie leichtsinnig er mit dem Leben gespielt
hatte, und das alles aus einer unbegründeten Furcht heraus.
~*~
Zwei Tage darauf trafen Ruperts Eltern in Paris ein. Miles
hatte ihnen die Adresse des Krankenhauses genannt, die des
Hotels verschwieg er, so dass sie sofort ihren Sohn besuchten.
Miles empfing sie auf dem Korridor. Von früheren
Begegnungen kannte er die Graysons andeutungsweise; der
Vater, ein etwas untersetzter Choleriker mit wilden,
stechenden Augen, mochte ihn nicht, was auf Gegenseitigkeit
beruhte. Anders verhielt es sich mit Ruperts Mutter. Von ihr
hatte Rupert den hohen, schlanken Wuchs geerbt, jedoch nicht
ihr unkonventionelles, manchmal aufsässiges Wesen, mit dem
152
sie ihren tugendhaften Mann häufig vor den Kopf stieß. Was
die Sittsamkeit betraf, schlug Rupert mehr nach dem Vater.
Sie begrüßte Miles wie eine Schauspielerin mit flatternden
Handküssen, während sie ihm auf Absätzen entgegen
stöckelte, die sie fast auf Augenhöhe mit ihm emporhoben, als
sie keuchend vor ihm verharrte.
„Miles! Wie geht es Rupert? Mein armer Schatz!“
Miles hatte ihnen am Telefon von einem Unfall mit einem
angetrunkenen Autofahrer berichtet; die Wahrheit würde sie
umbringen.
„Heute sehr viel besser, Madam. Ich bin überzeugt, er wird
es schaffen. – Sir“, wandte er sich höflich grüßend an Grayson
senior, der ihm demonstrativ widerwillig die Hand gab. Beide
hatten Ruperts unglaublich blaue Augen, die Frau dunkler, der
Mann heller, fast opalisierend und durchdringender als
Ruperts.
„Wenn das mal nicht auf Ihr Konto geht“, knurrte er. „Sie
sind ein Tunichtgut. Schon immer gewesen. In Ihrem Beisein
erkenne ich meinen Sohn nicht wieder. Angeblich hat er einen
netten manierlichen Gentleman kennengelernt. Nun muss ich
auch noch feststellen, dass mein Sohn zum Lügner geworden
ist.“
„Rupert! Nun sei doch froh, dass er jemandem begegnet ist,
den er kennt und dem er vertraut! So ein Zufall, nicht wahr?
Seit wann sind Sie hier, Miles?“
Miles räusperte sich. Er musste aufpassen, dass er sich in
seinem Netz aus Halbwahrheiten nicht verstrickte. „Seit zwei
Wochen, Mrs. Grayson. Auf der Party eines gemeinsamen
Bekannten haben wir uns dann getroffen. An dem Abend, als
es … passiert ist.“
„Warum haben Sie den Kerl im Wagen nicht angezeigt?“
wetterte Grayson. „Wahrscheinlich waren’s am Ende Sie
selbst, der ihn zum Krüppel gemacht hat! Wäre Ihnen
durchaus zuzutrauen. Es wäre nicht das erste Mal, dass die
Gutgläubigkeit meines Sohnes ihm zum Verhängnis wird.“

153
Der Mann stellte Miles’ Geduld auf eine harte Probe.
Dennoch knirschte er nur mit den Zähnen und sagte nichts.
Graysons Jähzorn entgegenzutreten brachte nichts, er hatte es
schon mehr als einmal feststellen müssen.
Wieder schüttelte Yvette Grayson bekümmert den Kopf,
während sie den toten Fuchs um ihren Hals lockerte und ihren
Hut mit der Pfauenfeder abnahm. Seit ihrer letzten Begegnung
mit Miles war ihr Haar vollständig grau geworden.
Seltsamerweise machte es sie jedoch nicht alt.
„Wie sieht er aus?“ wollte sie wissen.
„Nicht schlimm“, beruhigte Miles sie. „Es war böse am
Anfang. Aber er schläft die meiste Zeit und hat jeden Tag
weniger Schmerzen.“
Da sich Mrs. Grayson so offensichtlich auf ein Wiedersehen
freute und darüber hinaus den Ernst der Lage verkannte,
verzichtete er darauf, auf die Medikamente hinzuweisen, ohne
die Ruperts Schmerzen unerträglich wären. Wirklich geheilt
wäre er frühestens in einem halben Jahr, prophezeiten die
Ärzte, und er hatte keinen Grund, ihre Diagnose anzuzweifeln.
So schlimm wie er gestürzt war, grenzte eine Rekonvaleszenz
dieser Zeit fast an ein Wunder.
„Das ist gut. Mein armer Liebling. Allein in einem fremden
Land! Wenn er dann auch noch leiden müsste … das wäre
wahrhaft zuviel verlangt!“
„Sobald es ihm besser geht, kommt er wieder nach Hause“,
bellte Mr. Grayson. „Und aus Ihrem Dunstkreis, Mayhew,
verschwindet er endgültig, dafür trage ich persönlich Sorge.“
Mrs. Grayson verpasste ihrem Mann einen Seitenhieb mit
der Handtasche. „Du bist unmöglich! Mr. Mayhew hat für
einen raschen Krankentransport gesorgt und sich um Rupert
gekümmert, seit er hier liegt. Vielleicht wäre er ohne ihn tot.
Ein wenig Dankbarkeit wäre zumindest angebracht.“
„Pah! Du liest keine Zeitung, Weib!“
Angriffslustig zupfte Mrs. Grayson an ihren
Spitzenhandschuhen.

154
„Ich weiß sehr wohl, weswegen du ihm gegenüber
Vorbehalte hast. Aber er hat unseren einzigen Sohn gerettet,
das wiegt für mich weit mehr als das. Und außerdem, Rupert:
ich dachte immer, du gibst nichts auf Verleumdungen, schon
gar nicht in der Zeitung.“
„Sie werden den Behörden nicht erzählen, dass ich hier
bin?“ forschte Miles argwöhnisch. „Das war unsere
Bedingung, Mr. Grayson. Ich hätte Ihnen sonst nicht unseren
Aufenthaltsort preisgegeben.“
„Nein, natürlich nicht“, schnauzte der. „Ich habe es
versprochen, und ein Gentleman hält sein Wort. Nun bringen
Sie uns schon zu Rupert, Mann, und seien Sie nicht kindisch!“

Rupert schlief, als sie eintraten.


Mrs. Grayson stieß einen entsetzten kurzen Schrei aus.
Mittlerweile war seine Haut dort, wo sie entblößt war, von
großflächigen Hämatomen bedeckt; ein Anblick, der sie abrupt
ernüchterte. Miles hatte nicht daran gedacht, dass sie das
schockieren könnte. Er bot ihr den Stuhl am Fenster an,
während Mr. Grayson kritisch um das Bett herumstiefelte.
„Sieht bös’ aus“, diagnostizierte er schließlich. „Wieder eine
Unaufrichtigkeit, Mayhew.“ Mit einer Zartheit, die seine
Worte Lügen strafte, streichelte er Ruperts gesunden Arm.
„Rupert. Kannst du mich hören? Dein Vater und deine
Mutter sind da“, raunte er ihm zu.
„Lassen Sie ihn schlafen, Sir“, bat Miles, der um Ruperts
Qualen wusste. Die Minuten, in denen er keine Schmerzmittel
benötigte, waren selten.
„Bin ich extra in dieses barbarische Land gekommen, um
meinem Sohn beim Schlafen zuzusehen?! Davon habe ich als
junger Vater genug gehabt! Mit dem Unterschied, dass man es
damals noch entzückend fand.“
Einigermaßen erholt näherte sich Mrs. Grayson. Sie setzte
sich an die Kante des Bettes und nahm Ruperts verbundene
Hand in ihre, wobei sie leise weinend die andere, ebenfalls
bandagierte Hand betrachtete.

155
„Sie sind nur gequetscht“, versuchte Miles sie aus dem
Hintergrund zu trösten, da er ihre Traurigkeit erahnte und sie
zu Beginn ebenfalls empfunden hatte. „Er wird seine Hände
wieder gebrauchen können wie vorher.“
„Er macht soviel mit seinen Händen“, klagte sie, als habe sie
ihn nicht gehört. „Haben Sie ihn je am Klavier gesehen? Wenn
seine Finger steif bleiben, wird er nie mehr derselbe sein. Es
ist das einzige, was er gut kann, sagt er. Und dieses grässliche
kalte Gestell, in dem er liegt, was ist das? – Mein armer
kleiner Rupert! Was hat man ihm nur angetan? Und dabei
klang sein Brief so optimistisch und fröhlich! Ich habe mich so
sehr gefreut über seine Veränderung!“
„Dass wir ihm die Auszeit zugebilligt haben, versteht sich
von selbst“, erklärte Mr. Grayson, wie um sich vor Miles zu
rechtfertigen, der laut Ruperts Brief überhaupt nichts darüber
wissen konnte, da er nicht einmal erwähnt war.
„Sir?“ Miles tat ahnungslos, was wiederum Mr. Graysons
Unmut entfachte.
„Na, das eine Jahr Urlaub, bevor er sich für einen Posten in
Cambridge bewirbt. So hatte ich das seinerzeit auch
gehandhabt. Man wäre ein Vollidiot, wenn man sich keine
Pause gönnen würde! Der Ernst des Lebens beginnt früh
genug.“

In diesem Moment gab Rupert ein Stöhnen von sich. Mrs.


Grayson starrte gebannt auf sein wächsernes Gesicht.
„Rupert, mein Schatz. Wir sind da, Mum und Dad.“
Langsam öffnete er die Augen. Zuerst fiel sein Blick auf
Miles, der mit auf dem Rücken gekreuzten Armen an der
Wand lehnte und durch nichts verriet, welch bedeutenden
Besuch er hatte. Er brauchte eine Weile, ehe er scharf sehen
konnte. Seine Mutter saß bei ihm, ihre Hand am Mund vor
Überraschung, ihn lebend anzutreffen.
„Sohn?“ Die schroffe Stimme seines Vaters vom anderen
Ende.

156
Er schluckte. Es war ihm unangenehm, dass sie ihn so sahen,
hilflos in einem Gestänge aufgebahrt. „Es tut mir leid“,
wisperte er. „Bitte verzeiht mir.“
„Oh, Rupert!“ Seine Mutter erhob sich und zerdrückte ihn
fast. „Was denn verzeihen? Es war ein dummer
Schicksalsschlag, nichts weiter! Jetzt musst du erst mal wieder
schnell gesund werden!“
„Über deine Nachricht haben wir uns sehr gefreut“, hob
Grayson senior nochmals hervor. „Stell’ dir vor, ich konnte
sogar deine Anfrage befriedigend lösen. Die Verwandten
dieses Milo Kaminski leben unter demselben Namen in New
York.
Eine Schwester ist offenbar verheiratet, aber wenn wir die
Mutter und die andere Tochter kontaktiert haben, wird es auch
kein Problem sein, sie aufzustöbern. Hat er dich denn noch gar
nicht besucht, dieser Mr. Kaminski? So wie du im Brief getönt
hast, seid ihr anscheinend ein Herz und eine Seele. Eigentlich
sollte er doch hier sein. Oder hat er Angst, sich bei dir
anzustecken? Na ja, es wäre nicht das erste Mal, dass du dir
falsche Freunde suchst. Dafür hast du scheinbar ein Talent.“
Vor lauter Aufregung vergaß Rupert die wieder einsetzenden
Schmerzen. Als er mit klopfendem Herzen den Raum nach
Miles absuchte, war er nicht mehr da.
„Vielen Dank für deine Mühe, Dad. Mum, danke für den
Besuch. Ich – bin sehr müde. Wenn ihr Miles auf dem
Korridor begegnet, schickt ihr ihn bitte zu mir?“
Sie fanden ihn nicht. Seine Mutter kehrte noch einmal
zurück, um es ihm auszurichten.
„Spurlos vom Erdboden verschwunden! Hoffentlich war er
nicht eine Halluzination von uns dreien.“ Verschmitzt
zwinkerte sie ihm zu.
„Er ist ein guter Junge. Was dein Vater über ihn sagt, meint
er nicht so. Er wäre nur manchmal gerne selber ein wenig Mr.
Mayhew.“
„Weiß er, weshalb Miles hier ist?“

157
Sie vollführte eine geringschätzige Handbewegung. „Ach,
du kennst doch die sensationsgierigen Schmierfinken von den
Zeitungen. In der einen hat er eine Bank überfallen, in der
nächsten eine junge, gutaussehende Witwe geschändet, in der
dritten einen Collegebuben verführt … gib nichts auf das leere
Geschwätz. Wenn du den Grund erfahren willst, solltest du ihn
selbst fragen. Er wird dir am ehesten mit der Wahrheit dienen
können.
Und jetzt gute Nacht, du musst dich schonen, und der Tag
war aufregend. Wir sehen uns morgen wieder. Nächste Woche
muss dein Vater leider abreisen. Aber du hast ja Mr. Mayhew,
der ein bisschen nach dir schaut.“
Sie küsste ihn auf die Stirn.
„Vielleicht ist er nicht mehr lange da“, mutmaßte Rupert
melancholisch. „Ich glaube, ich habe ihn vergrault.“
Die Auflösung seiner heimlich gestellten Anfrage musste
den Freund in einen emotionalen Tumult gestürzt haben.
Ursprünglich hatte er es ihm ganz anders beibringen wollen.
Es war ja sogar für ihn ein Schock, hatte er mit einem
positiven Ergebnis gar nicht wirklich gerechnet und innerlich
Miles’ Angehörige für tot erklärt.
Als er wieder alleine war, ließ ihm Miles’ rätselhafter
Abgang keine Ruhe; er klingelte nach der Schwester und
bekniete sie in seinem lückenhaften Französisch, nach Miles
zu suchen.
Trotz intensiver Fahndung blieb er unauffindbar, und Rupert
verdammte seine Bewegungsunfähigkeit. Er hätte mit beinahe
hundertprozentiger Sicherheit gewettet, dass Miles zu Thierry
gelaufen war und dort über seine Trinkfestigkeit hinweg dem
Sherry zusprach. Lange darüber hadern konnte er allerdings
nicht; bald schlief er ein.
~*~
Der nächste Morgen dämmerte. Eine Gestalt an seinem Bett
ließ ihn erzittern; aus den Augenwinkeln erkannte er lediglich
einen Schatten. Das Licht war aus. Als Miles bemerkte, dass

158
Rupert ihn nicht eindeutig identifizierte, änderte er seine
Position.
„Du bist verrückt“, meinte er. „Ich habe mich die ganze
Nacht vollaufen lassen. Und jetzt werde ich über dich
herfallen, deine Verbände mit den Zähnen einer nach dem
anderen vom Leib ziehen und dich mit Haut und Haar
vernaschen.“
Rupert schluckte. Angesichts seiner Machtlosigkeit in dem
Gestell und Miles’ leichter Whiskyfahne wäre das nicht
einmal völlig abwegig. Irgendwie schlummerte wohl doch
eine gleichgeschlechtliche Neigung in Miles.
„Ich wollte – etwas für dich tun. Das war wohl – nicht so
nach deinem Geschmack.“
„Rupert. Hab ich dir nicht gesagt, dass du dich nicht
einmischen sollst in meine Angelegenheiten?“
„Du musst diese Leute nicht finden, wenn es dir
widerstrebt“, wandte Rupert zaghaft ein, das Gestell
schaukelte nach links, als er versuchte, sich zur Seite zu
drehen und sich somit von Miles abzuwenden, um
Desinteresse zu signalisieren.
Miles’ Schritte dröhnten in seinem Kopf, als er nahe an das
Bett herantrat. Er stützte sich schwer auf die Matratze. Die
Trunkenheit hatte er einigermaßen unter Kontrolle, doch
Rupert durchschaute ihn. Er kämpfte mit sich und dem, was er
Rupert zu sagen hatte.
„Du fehlst mir“, sagte er. „Jede Nacht in diesem verfluchten
Hotel fällt mir die Decke auf den Kopf, weil ich deine
Anwesenheit vermisse. Doch, ich möchte diese Leute treffen,
wie kommst du darauf, ich wollte nicht? Sie sind meine
Familie, nicht ‚diese Leute’. Es ist nicht so, dass ich sie
vergessen habe. Ich will sie sehen. Mit dir. Wir reisen nach
Amerika. Was hältst du davon? Du warst noch nie dort, oder?
Ich auch nicht. Meiner Mutter gefällst du, das kann ich dir
jetzt schon sagen. Sie hat immer meinen fruchtlosen
Geigenunterricht bedauert.“

159
Rupert stieß ein erleichtertes Schnauben aus, das mit gutem
Willen als Auflachen bezeichnet werden konnte.
Ebenso befreit wie kühn beugte sich Miles über ihn und gab
ihm einen alkoholisierten Kuss auf die leicht geöffneten
Lippen, bevor er wieder verschwand und für die nächsten
Stunden unsichtbar blieb.

160
Kapitel 14

T äglicher Besuch verkürzte ihm die lange Zeit im


Korsett, das Rupert als eine himmlische Strafe seiner
unbedachten Tat akzeptierte, wenngleich es ihm zunehmend
vorkam wie eine Streckbank, die ihn auf Miles’ Körpergröße
zu trimmen versuchte.
Abgesehen von seinem treuen Begleiter, der eigentlich
immer da war, versuchten ihm seine französischen Freunde
den Krankenhausaufenthalt mit allen möglichen Mitbringseln
und Versprechungen zu versüßen.
Raoul präsentierte ihm bald das Honorar zum 1000.
verkauften Exemplar ihres Buches und brachte ihm dazu eine
Sonderedition mit, die jetzt auf dem Markt erscheinen sollte.
Miles hatte sie um einige Motive erweitert, die er mit Rupert
am Krankenbett ausgewählt hatte.
Als er sie nach Raouls Abschied durchblätterte, überwältigte
ihn die Schwermut. Würde er je wieder so unbekümmert in die
Kamera grinsen können wie auf dem Autorenfoto, auf das
Thierry bestanden und Miles zu einem Kompromiss bewegt
hatte, wenigstens einen der Fotografen abzulichten?
Er zweifelte daran und wäre vermutlich verzweifelt, wenn
Miles nicht gewesen wäre, der ihn auf andere Gedanken
brachte und ihm versicherte, dass er bald wieder der alte sein
würde, wenn er auf die kleinen Fortschritte achtete und nicht
der Vergangenheit nachtrauerte. Immerhin schmerzten seine
Hände nicht mehr. Die Brüche dort heilten am schnellsten.
Selbst die Ärzte waren verblüfft, mit welcher Akkuratesse die
Gelenke zusammenwuchsen.
~*~
In der vierten Woche kam ihn erstmals Jacques Fleury
besuchen. Verlegen knüllte er sein Barett und wagte es nicht,

161
Rupert direkt anzusehen. Unstet ging sein Blick durch das
sterile Krankenzimmer, auf dem lediglich die Blumen für
einen Farbklecks sorgten.
„Victor hat mir erzählt, dass du spioniert hast“, begann er, es
klang nicht verärgert, eher demütig. „Ich muss mich
entschuldigen, ich wollte niemanden kränken. Am wenigsten
dich. Du bist ein ganz besonderer Mensch, der Spott nicht
verdient hat, weil du … nun - so liebenswert bist und keiner
Fliege etwas zuleide tust. Trotzdem habe ich Lügen über dich
verbreitet. Wahrscheinlich hat sie mich gewurmt, deine
Makellosigkeit. Auch darum wollte ich Victor verführen. Ich
wollte dich eifersüchtig machen. Entschuldige bitte. Ich weiß
nicht, was da in mich gefahren ist.“
Nachtragend war Rupert nicht, zumal ihm Friedfertigkeit
weniger abverlangte als Hass. Und da er sich vorstellen
konnte, welche Überwindung Jacques die Beichte kostete,
verzieh er ihm beinahe augenblicklich.
~*~
Als er trotz regelmäßiger Besuche öfter über Eintönigkeit zu
klagen anfing, beschaffte Miles ein Fortbewegungsmittel in
Form eines Rollstuhls. Entgeistert starrte Rupert den
altertümlich anmutenden Stuhl an. Von der Streckbank zum
stachelbewehrten Folterstuhl.
„Ist das ein Scherz?“
„Morgen starten sie deine Therapie. Das bedeutet, du musst
dich wieder bewegen. Die Schwester hat mir gestattet, dich als
kleinen Vorgeschmack darauf ein wenig herumzufahren.“
„Miles“, protestierte Rupert, als der ihn kurzerhand, aber
sehr einfühlsam aus dem Bett hob und in den Rollstuhl setzte.
Eigenartigerweise fiel es ihm schwer, aufrecht zu sitzen; seine
Schultern sackten nach vorne. Es tat gut, sich nach so langer
Zeit in steifer Haltung zu krümmen. „Ich komme mir
bescheuert vor in dem Ding.“
„Und ich geh’ nicht mit dir aus, wenn du aussiehst wie
Robinson Crusoe. Hinterher hält man mich noch für Freitag.“
Auf altmodische Art und irgendwie bedrohlich wetzte Miles
162
ein Rasiermesser an einem Riemen, den er über den
Besucherstuhl gespannt hatte. Gelegentlich hatte eine
Schwester Rupert rasiert, doch aus Angst, ihn zu schneiden,
nie besonders gründlich. Miles musste das sehr gegen den
Strich gegangen sein; ungepflegte Bärte waren ihm zuwider.
Er ging zum kleinen Spiegel über dem Spülbecken der
Waschnische, hängte ihn ab und legte ihn Rupert mit der
Rückseite nach oben in den Schoß.
„Am besten hältst du den Spiegel. Dann kannst du mir
sagen, ob ich was vergessen habe.“
„Okay“. Er nahm den Spiegel auf, doch Miles hinderte ihn
zunächst daran, einen Blick hineinzuwerfen, indem er jäh
seinen Arm herunterdrückte, als sei ihm in letzter Sekunde
etwas eingefallen.
„Rupert“, sagte er leise. „Wann hast du dich zuletzt im
Spiegel betrachtet?“
„Hm … weiß nicht. Das muss vor meinem Unfall gewesen
sein“, erwiderte Rupert achselzuckend. „Wieso?“ Da er bereits
beim Sprechen den Spiegel seiner Funktion zuführte, schwieg
Miles und wandte sich diskret ab.
Was Rupert im Glas erblickte, war ein solcher Schock, dass
er zischend einatmete. Dieser Kerl da, bis zur Unkenntlichkeit
abgemagert, mit eingefallenen, rotumränderten Augen und
blau verfärbten Lippen, das war nicht er. Die Blutergüsse in
seinem Gesicht und am Hals waren nicht einmal das
Schlimmste. Die Ähnlichkeit mit einem monatelang
Verschollenen oder Schiffbrüchigen ließ sich nicht leugnen.
Mit der gesunden Hand betastete er die schärfer
hervortretenden Kanten seines Kiefers unter dem Bart und ließ
sie fassungslos zurücksinken. Miles’ Hände, die sich von
hinten auf seine Schultern legten, ließen ihn schreckhaft
zusammenfahren.
„Wir müssen nicht in die Stadt. Ich dachte nur, ein wenig
frische Luft täte dir gut. Fünf Minuten nur. Der Park unten ist
auch ganz schön.“

163
Rupert legte den Kopf in den Nacken und schaute zu Miles
auf. „Ich möchte aber raus“, hauchte er.
Die Rasur genoss Rupert wider Erwarten. Nach kurzer
Bänglichkeit schloss er die Augen und lauschte dem
kratzenden Geräusch, das die störrische Gesichtsbehaarung
verursachte. Miles war so vorsichtig wie ein professioneller
Barbier, der seit fünfzig Jahren nichts anderes tat, als fremden
Männern dank seiner Werkzeuge zu einem jüngeren Aussehen
zu verhelfen. Er hatte sich Ruperts Physiognomie genau
eingeprägt, was ihm jetzt zum Vorteil gereichte.
Bevor sie aufbrachen, stopfte er fürsorglich eine Decke um
Rupert.
~*~
Über einen Monat hatte Rupert keinen Grashalm gesehen
oder die Vielfalt der Welt außerhalb der Krankenhauswände
erlebt. Ehe er recht wusste, kündigte sich der Spätsommer mit
buntem Laub und rötlichem Efeu an. Er atmete die süßliche
Luft ein und fühlte sich wie Christoph Columbus, der einen
neuen Kontinent entdeckte.
Anders als versprochen, fuhr Miles ihn durch den Park zum
Olde Vic. Von weitem konnte man das Hotel erkennen und das
Fenster, aus dem Rupert sich gestürzt hatte. Es stand offen;
Miles hatte das Zimmer nicht gewechselt.
Thierry und Julien wuselten im Lokal zwischen zufriedenen
und winkenden Gästen hin und her. Als sie Rupert bemerkten,
hielten sie inne. Seine Kundschaft in den Wind schießend, stob
Thierry auf ihn zu und herzte ihn nach französischem Usus,
wobei er sich zusammenreißen musste, ihn in seinem
Überschwang nicht an sich zu pressen.
„Rupert! Wie schön, dich zu sehen! Victor meinte, ihr kämt
eventuell vorbei, aber ich hätte nicht damit – Ich bin tief
geehrt von deinem Besuch! Der bringt Glanz in meine Hütte.“
Rupert sah sich um. Eine rege, aber nicht hektische
Beschäftigung herrschte im Lokal, nur wenige Tische waren
frei. Mit dem britischen Konzept schien Miles selbst auf Dauer
einen Nerv getroffen zu haben.
164
Julien war ein bisschen zurückhaltender. Beide hatten ihn
häufig am Krankenbett besucht und sich an sein verändertes
Aussehen gewöhnt, doch in „normaler“ Umgebung wirkte
Rupert so hinfällig und kränklich, dass jeden Gesunden
Skrupel befielen.
„Du schaust gut aus“, log er.
„Heuchler“, sagte Rupert freundlich. In seinem Rollstuhl
fühlte er sich dreimal so schlecht, wie er an den Mienen seiner
Freunde ablas.
„Das wird wieder“, tröstete Julien. „Am wichtigsten ist, dass
du auf dem Weg der Besserung bist und wieder laufen lernst.
Darüber hab ich mir schreckliche Gedanken gemacht, als du
da unten im Vorgarten lagst. Gott sei Dank, dass alles recht
glimpflich verlaufen ist. Und die Krankenhauskost ist halt
einfach ein Fraß, aber zum Glück musst du nicht bis in alle
Ewigkeit davon leben. Und außerdem bist du ja jetzt hier.
Jacques hat extra für dich frische Scones im Ofen.“
Der kam auch unverzüglich herbei gerannt und überschüttete
Rupert mit Küsschen, Tee und Gebäck. Von Ressentiments
gegen englische Küche und den britischen Bürger im
Allgemeinen war nichts mehr zu spüren. Alle drei leisteten
ihnen einander am Tisch Gesellschaft und interessierten sich
für Ruperts weitere Behandlung.
„Und sobald du dieses Ding nicht mehr brauchst, laden
Julien und ich dich ins Kino ein“, bestimmte Thierry. „Ich hab
mich schlau gemacht, es gibt hier eines in der Nähe, das
amerikanische Filme zeigt. Sogar einen mit Ingrid Bergman in
der Hauptrolle. Und Gregory Peck. Der ist auch nicht zu
verachten, Rupert.“
Nach ihrem spendablen Kaffeekränzchen borgte sich Miles
Thierrys Wagen, der im Hinterhof parkte. Wie schon im
Hospital nahm er Rupert auf den Arm, um ihn vom Rollstuhl
ins Auto zu verfrachten.
„Lassen wir ihn hier?“ fragte er, mit dem Kinn auf den
Rollstuhl deutend. „Du verabscheust ihn, und ich kann’s dir
nicht verdenken.“

165
„Wenn du meinst … bin ich nicht zu schwer für dich?“
„Du bist ein Hüpfer, Rupert. Schon immer.“
Damit schlug er die Beifahrertür zu und stieg auf der
anderen Seite ein.
Ihr Ziel hieß Versailles. Miles liebte das verspielt anmutende
Schloss mit den Wasserfontänen im hektargroßen Garten. Für
eine Innenbesichtigung war es zu spät, doch der Garten war
jedem Bewunderer des Sonnenkönigs zugänglich.
Obwohl Rupert fürchtete, sein Gewicht könne Miles
schaden, gab es keine andere Möglichkeit, in den Park zu
gelangen als in dessen Armen. Er fühlte sich seltsam dabei,
aber vor allem angenommen und geschätzt. Jemand x-
Beliebigen hätte Miles diese Ehre nicht erwiesen. Seine
weitausgreifenden Schritte federten jede Erschütterung ab, der
Rupert im Rollstuhl unweigerlich ausgeliefert gewesen wäre
und die Schmerzen verursacht hätte.
Doch im Park, wo ihnen die übrigen Besucher hinterher
gafften, vergrub Rupert peinlich berührt das Gesicht an Miles’
Kragen, bis der Freund ihn am Brunnen abgesetzt hatte. Nicht
einmal ein winziger Schweißtropfen war auf seiner Stirn zu
sehen. Rupert war fast ein wenig beleidigt. War er tatsächlich
ein solches Leichtgewicht? Er beschloss, sich ordentlich
aufzupäppeln, sowie er alleine das Olde Vic aufzusuchen
imstande war. Jacques’ Scones waren köstlich, und auch
Herzhaftes bereitete er inzwischen passabel zu.
„Schön, oder?“ sagte Miles, den Blick auf die Fontäne in der
Mitte des Bassins gerichtet. „Wir haben gutes Wetter erwischt.
In letzter Zeit hat es nur geregnet.“
„Das tut mir leid“, murmelte Rupert unweigerlich;
überrascht schaute ihn Miles an, dann tätschelte er lachend
sein Gipsbein.
„Du bist doch nicht für das Wetter verantwortlich. – Mir tut
es leid, ich bin nicht gut im Smalltalk. Den überlasse ich lieber
Julien.“
Geduldig wartete Rupert. Er ahnte, dass Miles etwas auf
dem Herzen hatte. Hätte er nur einen Spaziergang geplant,

166
wäre der Rollstuhl mitgekommen; sie wären ein bisschen im
Park herumgeschlendert und anschließend wieder ohne viele
Worte zurückgefahren. Aber so – ohne Ruperts mobile Hilfe –
musste Miles etwas Besonderes vorbereitet haben. Denn durch
die gesamte Anlage würde er ihn trotz seiner Kraft nicht
tragen können.
Gedankenverloren zupfte Miles an einer Moosflechte herum.
Hinter in seine Stirn fallenden Ponysträhnen spähte er in die
Weite. Seine Hände klatschen lautlos aneinander.
„Wirst du mitkommen nach New York?“
„Natürlich“, sagte Rupert ein wenig erstaunt. „So war’s doch
abgemacht.“
„Ich war furchtbar betrunken an dem Tag“, begründete
Miles seine Vergewisserung, den Blick stur geradeaus. „Ich
hab nichts getan, was dich aufgeregt hat?“
„Nein“, schwor Rupert. Das stimmte nicht ganz, aber so wie
Miles implizierte, hatte er es nicht empfunden. Er war nicht
unverschämt, gedankenlos oder roh gewesen. Der brüderliche
Kuss, den sie ausgetauscht hatten, würde ihm immer Miles’
Wohlwollen versichern.
„Gut“, sagte Miles wie zu sich selbst. „Dann wäre die Reise
beschlossene Sache?“
„Warum fragst du, wenn du die Antwort schon weißt? Ich
hab dir die Suppe doch überhaupt erst eingebrockt, dann will
ich sie auch mit dir auslöffeln. Sehr zu freuen scheinst du dich
nicht auf ein Wiedersehen.“
Er klang sarkastisch, wenngleich er es nicht so meinte.
Endlich wandte sich Miles seinem Freund zu. Seine Miene
drückte die Gefühle aus, die in ihm tobten.
„Ich bin unsicher, Rupert. In fünfzehn Jahren kann sich
soviel ändern. Vielleicht nicht generell, aber ein Erlebnis wie
Auschwitz verändert die Menschen, die überleben. Es macht
sie hart und bitter. Meine Familie war nicht so. Aber was ist,
wenn sie es jetzt ist? Wenn meine Mutter mir Vorwürfe macht,
weil ich Vater nicht mit raufgezerrt habe auf den Heuwagen?“

167
Rupert schwieg bestürzt. An derlei Aspekte hatte er gar nicht
gedacht.
„Warst du denn anders, vorher?“ erkundigte er sich
schüchtern. Unbewusst massierte Miles Ruperts Oberschenkel.
Es war, als ob er an irgendetwas Halt brauchte. Die Frage
wühlte ihn auf, das war ihm anzumerken.
„Ich weiß es nicht. Mein Leben war nicht das, das ich jetzt
führe. Aber vielleicht war ich glücklicher ohne Bildung und
Wohlstand. Gemessen am durchschnittlichen Verhältnis waren
wir nicht arm, aber sehr viel ärmer als meine neue Familie.
Vermutlich hat mich das schon verändert. Ich war demütiger,
bescheidener und weniger oberflächlich. Vor allem war ich
glücklicher. Wahrscheinlich verstehst du das nicht, was soll’s?
Ich versteh’s selber nicht. Man entwickelt sich weiter, mit oder
ohne Auschwitz. Kinder sind allgemein unbeschwerter. Es soll
keine Entschuldigung sein.“
Rupert lehnte sich vor, um Miles ins Gesicht zu sehen. Die
Sonnenstrahlen hatten sein eigenes, durch die lange
Krankenzeit empfindlich gewordenes erhitzt. Er war so stolz
gewesen auf seine hart erarbeitete Bräune, die durch die
Erschöpfung und den Strapazen der letzten Wochen
buchstäblich verblasst war. Sein ohnehin matter englischer
Teint erwies sich bei der Zurückgewinnung als nicht gerade
hilfreich.
„Eine Entschuldigung wofür?“
Miles blies die Backen auf und ließ die Luft entweichen.
Sein langes Deckhaar wehte nach vorne, er strich es unwillig
zurück. Er wagte es nicht, Augenkontakt herzustellen. „Für
Alpträume, Bettnässen und Verantwortungslosigkeit.“
Erst einmal sagte Rupert nichts. Die beiden letzten Faktoren
könnte er widerlegen. Trotzdem war ihm klar, dass es mit
Floskeln nicht getan war.
„Lass uns gehen“, meinte Miles schließlich mit einem
prüfenden Blick gen Himmel. Rupert regte sich nicht.
„Selbst wenn du das alles hättest: ich würde dich nicht
weniger mögen“, resümierte er.

168
„Das ist sehr lieb von dir“, sagte Miles trocken, während er
Rupert hochhob und mit ihm zum Ausgang strebte.
Tief durchatmend fasste sich Rupert ein Herz. „Warum
kannst du nicht wieder nach England? Meine Mutter spricht
von Zeitungsartikeln, in denen sich Gerüchte hochschaukeln,
weil du quasi über Nacht verschwunden bist. Wäre es da nicht
besser, sich zu stellen und die Wahrheit mitzuteilen? Du bist
kein schlechter Mensch, dafür würde ich mich verbürgen.
Fehler machen doch alle mal, aber dafür gibt es die Chance,
sie wiedergutzumachen. Ich möchte dir helfen. Warum
erzählst du mir nicht, was der Grund ist für unsere Reise?“
Bedächtig setzte Miles ihn ab, den Arm noch stützend um
Ruperts Mitte, doch er ließ ihn linkisch auf seinem gesunden
Bein taumeln. Dummerweise konnte er nicht einmal die Arme
zum Erhalt des Gleichgewichts einsetzen; es tat weh, sobald er
sie auszustrecken versuchte. Miles entfernte sich weiter von
ihm. Einzig mit einer Hand hielt er ihn davon ab, auf die Erde
zu knallen. Durch die Bandagen an seinen eigenen Händen
war es Rupert nicht einmal vergönnt, nach Miles zu greifen. Er
musste sich darauf verlassen, dass er ihn nicht fallen ließ.
„Warum kannst du nicht gehen, Rupert?“
Verärgert hüpfte Rupert auf einem Bein auf ihn zu. Er
brauchte ihn doch, das wusste Miles genau. War seine Frage
dermaßen dreist, dass er ihn nun so im Stich ließ und damit
Ruperts Genesung riskierte? Gerade waren die Knochen am
Heilen, sie durften unter keinen Umständen wieder brechen.
Das wäre nicht nur ärgerlich, sondern auch äußerst peinsam.
„Ich falle doch“, schrie er panisch auf. „Bitte komm
zurück!“
Miles gehorchte. Bevor Rupert vollends die Balance verlor,
fand er sich in Miles’ Armen wieder. Ein wildes,
aufgebrachtes Schluchzen stieg in seine Kehle, das er an
Miles’ Jacke dämpfte, der ihm die Beine vom Boden schwang.
„Es war zu früh“, sagte Miles nachsichtig. „So wie es für
dich zu früh ist, laufen zu wollen. Wir brauchen beide Zeit. Ich

169
hätte es dir im Übrigen nicht nachgetragen, wenn du es nicht
mehr gekonnt hättest, das Laufen.“
Rupert verstand den Wink. Vielleicht würde er nie mit ihm
darüber reden. Was war so beschämend, dass man es für sich
behielt, fast daran zugrunde ging und dabei die übelsten
Verleumdungen in Kauf nahm?
~*~
Im Wagen überfiel Rupert das Gefühl, etwas versäumt zu
haben. Es war mehr eine Intuition, er konnte nicht näher
definieren, was es war, jedenfalls bat er Miles, rechts an den
Feldweg heranzufahren. Der tat es und schaltete den Motor ab.
Die DS neigte sich spürbar aber sanft dem Straßenbelag zu;
mit ihrer Hydropneumatik war sie ein Segen für Ruperts
geschundenen Körper. Er öffnete den Gurt; zur Sicherheit
hatte Miles ihn angeschnallt.
„Und?“ fragte Miles amüsiert, während er Rupert neugierig
fixierte. „Was gibt das jetzt? Ist dir der Gurt unangenehm? Das
muss leider sein, sonst hätte ich ein schlechtes Gewissen.
Schließlich bist du Invalide, wenn auch nur vorübergehend.
Oder musst du austreten? Brauchst du Hilfe bei irgendwas
oder schaffst du’s allein?“
Rupert rutschte quer über den Sitz. Ein stechender Schmerz
fuhr durch seinen Rücken, bis seine Nase Miles’ Jochbein so
nahe war, dass ihre Spitze es berührte. Mutiger werdend küsste
er ihn kurz auf die Wange und wich gleich darauf wie ein
überängstlicher Junge, der von seiner eigenen Courage
überrascht wird, zurück. Miles’ Haut war sehr weich und ein
wenig feucht; sie roch gut. Natürlich und etwas salzig durch
den Schweiß. Im Wagen war es dampfig; Ruperts erst kürzlich
überstandene Fieberattacken vertrugen keine Zugluft, und so
blieben die Fenster geschlossen.
Um Miles’ Mundwinkel zuckte es; Ruperts kleine Einlage
hatte ihm gefallen.
„Du bist nicht verantwortungslos“, stellte Rupert richtig.
„Du hast Verantwortung für mich übernommen. Ich hätte ohne
das nie erfahren, wie spannend es sein kann, Neues zu
170
entdecken. Oder anderen zu Erfolg zu verhelfen, so wie
Thierry. Ohne deine Zuversicht und Verantwortung wäre das
alles nicht möglich gewesen.“
Miles hatte die Hände nicht vom Lenkrad genommen. Jetzt
verzog er schmerzlich den Mund und betätigte die Kupplung.
„Ohne mich hättest du dir nicht um ein Haar das Genick
gebrochen.“
„Das war ganz allein meine Dummheit“, rief Rupert.
„Für die ich verantwortlich war!“
Empört über Miles’ Selbstanklage und den Zweifel über die
Eigenverantwortung schnappte Rupert nach Luft. „Ich bin
erwachsen, Miles!“
„Du bist ein Kind“, insistierte Miles. „Ein großes Kind in
einem erwachsenen Körper.“
Den Rest der Fahrt schaute Rupert stumm aus dem Fenster.
Auch Miles schien seiner Anschuldigung nichts mehr
hinzuzufügen zu haben. Der Ursprung seiner beschützenden
Art lag in seinen Erlebnissen, erkannte Rupert.
Die Schwachen, zu denen Miles in einer der
niederträchtigsten Epochen der Geschichte gehört hatte, zogen
ihn – einen äußerlich starken Mann – an, weil er auf diese Art
kompensierte, was man ihm und seiner Familie angetan hatte,
wobei er ohnmächtig hatte zusehen müssen. Darum hatte er
sich in Oxford für Rupert, der sich gegen die Streithähne nicht
hatte behaupten können, die Nase zertrümmern lassen.
Nachdem ihm dies aufgegangen war, war er Miles nicht
mehr böse. Trotzdem musste er Miles’ ungnädiges Urteil
seiner Person erst einmal verdauen, wenngleich er sicher war,
dass Miles es nicht negativ besetzt, ihm auf seine eigenwillige
Art sogar ein Kompliment gemacht hatte. Verglichen mit
Miles’ Lebenserfahrung war Rupert ja wirklich nicht mehr als
ein ABC-Schütze.
In Rupert hatte Miles gefunden, wonach er sein halbes
Leben gesucht hatte, nachdem er aus einer eigenen verzerrten
Sicht seine Familie nicht hatte retten können und nur an sich
selbst gedacht hatte. Für Rupert war es schwer, sich in diese

171
Lage hineinzuversetzen, doch er konnte sich durchaus
vorstellen, dass der Selbsterhaltungstrieb in einer extremen
Situation wie dieser am meisten zählte. Insofern waren Miles’
Selbstvorwürfe nach Ruperts Dafürhalten unbegründet. Jeder
hätte zuerst an die eigene Haut gedacht. Oder? Er war sich
unschlüssig. Geschwister hatte er nicht, doch der Gedanke an
seine Mutter in einer Gaskammer oder den Vater, der die
geglückte Flucht aufgrund physischer Unzulänglichkeiten
nicht durchstand, schmerzte tatsächlich.
Als sie angekommen waren, blieb Rupert sitzen. Er machte
keinerlei Anstalten, den Arm um Miles’ Nacken zu legen,
damit dieser ihm aus dem Wagen helfen konnte. Miles
verharrte neben der offenen Beifahrertür.
„Rupert! Schmollst du?“
Rupert sagte nichts. Stattdessen kaute er auf seiner
Unterlippe herum. Es war albern, wie er sich benahm, doch
Miles hatte ihn gekränkt und sollte es wissen. Da er weiterhin
vor sich hinstierte, holte Miles den Rollstuhl und lenkte ihn
direkt an den Autositz.
„Spring’ rein“, sagte er.
Rupert sah auf; in seinen Augen funkelten verletzter Stolz
und die Furcht, nichts weiter zu sein als ein weiteres
Lämmchen, das der gute Hirte Miles auf den rechten Weg
führte.
Er konnte nicht ohne Hilfe in das Ding gelangen, seine
Handgelenke waren noch nicht kräftig genug und schmerzten
bei der geringsten Belastung. Einen Moment lang maßen sie
sich mit Blicken, wobei Miles schließlich kapitulierte und
seinen senkte.
„Es tut mir leid, was ich vorhin gesagt habe. Es war nicht so
gemeint und völlig unbedacht. Ich bin ein bisschen
durcheinander durch die letzten Tage. Du bist kein Kind. Das
war ungehobelt von mir. Du bist mein bester Freund und wirst
es immer sein.“
Etwas besänftigt ließ sich Rupert in den Rollstuhl hieven.

172
Kapitel 15

D ie Bewegungstherapie war eine Tortur; Rupert hatte


nicht geglaubt, dass man ihn noch ärger foltern konnte
als mit dem Streckkorsett.
Um sechs Uhr morgens wurde er unbarmherzig geweckt; auf
Schmerzmittel musste er trotz Beschwerden weitgehend
verzichten. Eine rabiate Schwester packte ihn auf ein
Laufband zum „Warmwerden“ und „Lockern“, wo er unter
ständiger Beobachtung eine halbe Stunde vor sich
hinschnaufte. Danach stand Ballspielen auf dem Programm,
um seine Reflexe zu prüfen und die Armmuskeln zu stählen.
Darin war er recht gut, seine Ärzte zeigten sich zufrieden und
überrascht von seiner Leistung.
Das Bein machte Probleme. Nicht nur, dass es durch den
Gipsverband geschwächt war, auch der mehrfache Bruch
heilte sehr viel langsamer als die übrigen.
Miles, der Rupert nach wie vor täglich besuchte und
während der Therapie häufig anwesend war, empfand tiefes
Mitgefühl. Manchmal war Rupert vollkommen ausgelaugt,
verschwitzt wie nach einem Marathonlauf und litt unter
unkontrollierten Muskelzuckungen, die Tantalusqualen
verursachten. An solchen Tagen war er nur dankbar für Miles’
Hilfe, ihn ins Bett zu bringen, wo er augenblicklich einschlief.
Wenn er das Pech hatte und wach blieb, kam eine noch
aggressivere Schwester als die am Morgen und begann eine
brutal anmutende Massage, die Rupert nicht selten aufschreien
ließ, da sie keinerlei Rücksicht auf die vereinzelt noch
sichtbaren Hämatome der inneren Blutungen nahm.
Beim Zusehen litt Miles mehr als Rupert. Wenn es gar zu
schlimm wurde, verließ er fluchtartig den Raum.
Als Rupert nach einer Behandlung einmal vor Erschöpfung
nicht mehr ansprechbar war, beschloss Miles, etwas zu ändern.

173
Stundenlang sprach und feilschte er mit den leitenden
Medizinern um den Patienten, den er nun mit nach Hause
nehmen wollte. Zwar waren die Ärzte anfangs skeptisch, doch
sie ließen sich überzeugen, als die beiden Krankenschwestern
einstimmig sein Interesse an der Behandlung des Bruders
bestätigten und er sie ohne weiteres im eigenen Heim
fortsetzen könne, sofern sie regelmäßig zur Kontrolle im
Hospital aufkreuzten.
Nach letzten Anweisungen, dutzenden ausgefüllten
Formularen und Krücken für die ersten Schritte im Gepäck,
brachte Miles Rupert ins Hotel zurück. Der konnte sein Glück
kaum fassen; er konnte sich über die unverhoffte Freiheit gar
nicht beruhigen.
„Wir werden hart arbeiten“, warnte ihn Miles. „Müßiggang
wird nicht geduldet. Am Ende des Monats will ich dich
selbständig laufen sehen, ohne Krücken, ohne Hinken. Kein
Lamentieren und kein ‚Ich kann nicht mehr’, ist das klar?“
„Ich tu’ alles“, gelobte Rupert erleichtert.
~*~
Miles hatte nicht zuviel versprochen. Das Programm, das auf
der klinikeigenen Therapie basierte, war hart.
Er hatte gehofft, auf ein wenig Verständnis zu stoßen, wenn
ihn die Müdigkeit übermannte, doch Miles ließ das nicht
gelten. Nur wenn er sah, dass Rupert sich ernsthaft quälte,
machte er eine Pause oder ließ das Training bis zum nächsten
Tag ruhen.
Der Tagesablauf war wie im Hospital fast immer der
gleiche. Allein was die Disziplin des frühen Aufstehens betraf,
machte Miles Abstriche.
Sie frönten den langen faulen Vormittagen wie vor Ruperts
Fenstersturz, frühstückten gegen elf und begannen dann mit
einem kurzen Spaziergang, den Rupert halb auf Krücken, halb
auf seinen Begleiter gestützt bewältigte.
Obwohl er mit den Krücken recht geschmeidig hantierte,
war ihm Miles als Gehhilfe angenehmer, da der nur eingriff,
wenn Rupert nach einiger Zeit schwankte und das
174
Gleichgewicht zu verlieren drohte und ihm so – im Gegensatz
zu den Krücken – nicht vermittelte, beeinträchtigt sein.
Ansonsten hielt er sich unauffällig beobachtend neben ihm,
die Hände in den Hosentaschen vergraben oder eine Zigarette
rauchend, die er zur Seite schnippte, wenn er gebraucht wurde.
Ruperts eiserner Wille imponierte ihm, und er sparte nicht
mit Anerkennung, die seinen Freund anspornte, noch längere
Strecken zurückzulegen.
„Übertreib’ es nicht“, sagte er gelegentlich außer Puste vor
Anstrengung, mitzuhalten.
Am Abend kam der gemütliche Teil. Miles erwies sich als
sehr viel einfühlsamerer Masseur als die Betreuerinnen im
Krankenhaus. Er hatte spezielles Öl besorgt, mit dem er
Ruperts gesamten Körper verwöhnte, da es seine
überbeanspruchten Muskeln wärmte. Durch die ungewohnte
Art, sich fortzubewegen, hatte Rupert häufig Verspannungen
im Schulterbereich. Daran hatten die Schwestern keinen
Gedanken verschwendet. Es war schon fast ein Hohn, wie
Miles sich für seinen angeblichen Egoismus geißelte, während
im Dienst der Menschlichkeit Stehende das dringendste
Bedürfnis Kranker oder Verletzter übersahen.
Nach anfänglicher Scheu machte es Rupert nichts mehr aus,
sich auszuziehen und Miles’ sachte, aber energisch knetende
Hände auf der Haut zu spüren. Er hatte gefürchtet, Miles hege
finstere Wünsche, die er irgendwann an Rupert ausleben
würde, aber er blieb während der halben Stunde wohltuend
reserviert.
Dreimal die Woche ersetzte ein heißes Schaumbad die
Massage. Rupert fand das zwar auch sehr schön und
entspannend, freute sich aber insgeheim mehr auf die Tage
dazwischen.
~*~
Dank Miles’ liebevoller Pflege machte Rupert raschere
Fortschritte als in der unpersönlichen Atmosphäre eines
Krankenhauses.

175
An ihrem „freien“ Tag besuchten die beiden das Olde Vic,
wo sich ihre Freunde beeindruckt zeigten von Ruperts rasanter
Genesung und seines täglich besser werdenden Aussehens.
Während Miles mit François und Nini in der Stadt sein
Unwesen trieb, setzte sich an einem trüben Nachmittag Gisèle
an Ruperts Tisch. Er hatte sie lange nicht mehr gesehen; sie
beharrte auf einer Krankenhausphobie, weswegen sie ihm dort
nie einen Besuch abgestattet hatte.
Sie drückte sich an den Krücken vorbei auf die Eckbank, die
Rupert in Beschlag genommen hatte und dort still seinen Tee
trank.
„Salut“, begrüßte sie ihn und errötete ein wenig, oder
vielleicht hatte sie sich vor ihrem Zusammentreffen kräftig in
die Wange gekniffen. Die Palette der weiblichen Tricks war
bekanntermaßen unerschöpflich. „Schön, dass es dir wieder
besser geht. Es tut mir leid, dass ich nie da war, aber es hätte
mich bis in meine Träume verfolgt. Thierry hat dir doch
hoffentlich jedes Mal meine Grüße ausgerichtet?“
„Das hat er“, erwiderte Rupert. „Und ich trag’s dir nicht
nach, dass du nicht gekommen bist. Erstens wäre es mir
wahrscheinlich genauso gegangen an deiner Stelle, und
zweitens kennen wir uns gar nicht besonders gut.“
„Na ja.“ Sie druckste herum. „Immerhin bin ich wohl der
Grund für deine impulsive Tat … die du beinah mit dem
Leben bezahlt hast und mir trotz allem schmeichelt. Jede Frau
wäre geschmeichelt von so geballter Romantik. Könnte aus
der Feder eures Shakespeare stammen. Armer Rupert. Dabei
ist es nicht so, dass ich überhaupt nichts für dich empfinde.“
Er fing ihre Hand ein, die sie erhob, um ihm kokett über die
Wange zu streichen. „Ich glaube, das Thema ist abgehakt,
Gisèle. Ich möchte lieber nicht darüber reden.“
„Magst du mich denn gar nicht mehr? Bin ich kein bisschen
attraktiv?“ spreizte sie sich und sprang auf, um sich vor ihm zu
drehen. Verlegen blickte er weg. Die anderen Gäste im Lokal
befleißigten sich anerkennender Pfiffe. Sie lächelte ihnen zu,
winkte und setzte sich dann wieder.

176
„Die würden wissen, was sie an mir haben.“
„Du bist doch mit Thierry glücklich“, argumentierte er.
„Oder nicht?“
Mädchenhaft schob sie die Unterlippe vor und deutete einen
Schmollmund an. „Natürlich. Das heißt aber doch nicht, dass
ich nicht auch meinen Spaß haben kann.“
Juliens Bemerkung über Thierrys Affären fielen ihm wieder
ein; sie schienen ein offenes Geheimnis zu sein, von dem
sogar Gisèle Wind bekommen hatte. Besonders aufgebracht
wirkte sie nicht. Er bemühte sich, nicht allzu überrascht
auszusehen. Die lockere Art, mit Beziehungen zu jonglieren,
gehörte in diesem Land wohl zum guten Ton, und er hatte
keine Lust, sich als Spießer aufzuspielen, zumal ihn die
Privatangelegenheiten der Levants nicht interessierten.
Gisèle grinste.
„Jetzt bist du baff, nicht wahr?“
„Nicht wirklich. Julien hat gesagt …“
„Julien hat gesagt …“ äffte sie ihn nach. „Ausgerechnet der?
Das glaub’ ich dir nicht. Der würde sich nie denunzieren!
Obwohl … er tut immer so harmlos, aber in Wahrheit ist er ein
ganz raffinierter Bengel. Wenn Raoul wüsste, was sein Neffe
so treibt, hätte er ihn längst wieder aufs Land zurückgeschickt.
Ich glaube fast, Julien macht es, um ihm eins auszuwischen.
Raoul ist sehr streng mit ihm, strenger als die Eltern. Da
rebelliert man schnell in Juliens Alter.“
Seine Ohren rauschten und wurden rot.
„Ich weiß nicht, was du meinst.“ Er verkroch sich in sein
Teeglas und schlürfte geräuschvoll. Wenn sie ihn doch bloß in
Ruhe lassen würde. Seine letzte Bemerkung stachelte sie zum
Gegenteil auf. Allerdings legte sie es lediglich darauf an, ihn
zu schocken; ihre Stimme blieb ruhig, als referiere sie über das
Wetter.
„Sag’ bloß, du hast noch nichts gemerkt? Oh, Rupert, du bist
ein noch größeres Schaf als ich dachte. Julien und Thierry
schlafen miteinander. Darum hält sich seine Erfahrung mit
Mädchen in überschaubaren Grenzen. Jacques hofft immer,

177
dass er zur Besinnung kommt und das Ganze nur eine
postpubertäre Verwirrung ist, aber Thierry tut nichts, um dem
Knaben Einhalt zu gebieten. Er schwelgt in Juliens
Verliebtheit. Und unter uns: wer täte das nicht? Julien ist süß
und aufgeweckt. Die meisten Männer verlernen das mit der
Zeit.“
Vor Schreck, besonders aber irritiert vor der Kaltblütigkeit
ihres Tons, stieß Rupert das halbvolle Glas um. Mit einem
verärgerten Laut langte sie nach einer Serviette und betupfte
vergeblich die nasse Tischdecke.
„Zut! Kannst du nicht aufpassen, du Tolpatsch? Du hättest
mein Kleid ruinieren können!“
Er senkte die Stimme, während er sich ungläubig über den
Tisch lehnte. „Julien und Thierry … sind ein Paar?“
„Ja, verflixt, so ist das. Nun komm schon, mach nicht so ein
entsetztes Gesicht! Ihr Engländer habt das doch erfunden. Bei
gemeinsamen Kinoabenden ist es halt nicht geblieben, es ist ja
so schön kuschelig im Dunkeln. Und weißt du was? Ich bin
nicht sauer auf Thierry, und solange er keinem Rock hinterher
steigt außer meinem, auch nicht eifersüchtig. Er ist mir ein
guter Ehemann, einen besseren Vater für meine Kinder könnte
ich mir nicht wünschen. Ein Milchbubi wie Julien ist keine
Konkurrenz für mich. Du wärst eine ernstzunehmende für
Thierry.“
Kichernd verschanzte sie sich hinter ihrem Orangensaft und
nuckelte am Strohhalm. „Jacques meint, du und Victor seid
ähnlich veranlagt, für so was hat er einen sechsten Sinn. Das
wäre aber Inzest, oder? Würde jedoch erklären, warum ich
dich kaltlasse. Und Victor kann ich dann ebenfalls nicht
überzeugen. Schade eigentlich. Ihr seid beide nicht hässlich.“
„Wir sind … keine Brüder“, stammelte Rupert, den ihre
freimütige Eröffnung verwirrte.
„Na wenigstens das nicht.“ Sie stieß einen theatralischen
Seufzer aus. „Mach’ dir nichts draus, Rupert. Du bist sowieso
nicht mein Typ.“

178
Ungeschickt fasste er nach seinen Krücken. „Ich muss
gehen, Gisèle. War nett, mit dir zu plaudern.“
„He. Wolltest du nicht auf Victor warten? Der müsste jeden
Moment wieder kommen. Bei dem Sauwetter werden die
Kinder nicht länger draußen spielen wollen.“
~*~
Wie immer, wenn Rupert etwas beschäftigte, machte er
einen Spaziergang, um den Kopf freizubekommen.
Mehrmals glitschte er mit den Krücken auf dem regennassen
Trottoir aus, konnte sich aber rasch wieder aufrichten und
humpelte keuchend weiter. Er wusste selbst nicht, weshalb ihn
das Gespräch dermaßen aus der Bahn warf; schließlich hatte
Gisèle recht: derlei Neigungen waren ihm nicht neu. Wenn er
ehrlich war, hatte er sie ja am eigenen Leib erfahren. Weiter
als bis zu einem Kuss hatte die Erfahrung zwar nicht gereicht,
und es würde ihm nie einfallen, mehr zu erwarten, doch eine
Zukunft, die nur von Miles bestimmt wurde, schien ihm gar
nicht so fern, wie schon sein Hirngespinst des Hauses in
Südfrankreich bewiesen hatte. Also musste er einsehen, dass
Julien sich zu Thierry hingezogen fühlte und umgekehrt. Er
wäre ein Heuchler, wenn er das nicht wenigstens auf diffuse
Weise verstand.
Gisèle dauerte ihn schrecklich. Sie hatte sich zwar abgebrüht
gegeben, doch er ahnte, dass es sie erbitterte, nach all den
gemeinsam verbrachten Jahren mit einem scheinbar loyalen
Partner die zweite Geige zu spielen.
Wenn Thierry mit Julien zusammen war, entwickelte sich
etwas ganz Spezielles zwischen den zweien, das sogar er als
Außenstehender wahrnahm. Thierry veranschaulichte damit
seiner Frau, dass sie langweilig sei und seinen grundlegenden
Ansprüchen nicht genüge. Julien für den Spaß, Gisèle für die
Hausarbeit.
Nein, richtig war das nicht. Aber stand es ihm denn zu, sich
mit diesem Problem zu befassen? Er hatte genug mit seiner
Therapie am Hals, die ihn jeden Tag forderte. Dennoch ging
ihm das Dreiergespann nicht aus dem Sinn.
179
In der Lounge wartete Miles. Gisèle hatte ihn über Ruperts
vorzeitigen Aufbruch informiert. Da er diesem nicht das
Gefühl geben wollte, unter ständiger Aufsicht zu stehen, hatte
er sich in Geduld geübt und war mit Bauchgrimmen dorthin
zurückgekehrt, wo Rupert früher oder später ebenfalls
auftauchen musste.
Als er Rupert durch die Drehtür hinken sah, warf er seine
Zigarette in den überfüllten Aschenbecher, sprang auf und lief
ihm entgegen. Er nahm ihm die Krücken ab und zwang ihn,
ohne Hilfsmittel zum Lift zu gehen. Rupert konnte es, wenn er
wollte, doch seine Bequemlichkeit und die Angst vor plötzlich
auftretenden Schmerzen hinderten ihn häufig daran.
„Wo warst du?“ In der Abgeschiedenheit des Fahrstuhls
konnte er seine Sorge nicht mehr verhehlen. „Warum hast du
nicht auf mich gewartet oder bist wenigstens direkt ins Hotel
gegangen, ehe der Regen anfing? Klatschnass bist du! Was
glaubst du, wie schnell du wieder Fieber kriegst und ich dich
ins Krankenhaus zurückbringen muss! Du hättest dich
verirren, hinfallen und dir was brechen können! Mach das nie
wieder!“

Er ließ ihm ein Bad ein, das so heiß war, dass Rupert meinte,
darin zerfließen zu müssen wie in frisch ausgebrochener Lava.
Miles blieb unerbittlich, sobald er wehleidig jammernd
hochfuhr.
„Meine Haut schlägt Blasen! Es ist viel zu heiß!“
protestierte er, als er Miles’ Hand erneut auf seinem Kopf
fühlte, die seinen Oberkörper ins Wasser zurückdrückte.
Prompt klapperte er mit den Zähnen, während er unter einer
jähen Gänsehaut erschauderte.
„Gerade heiß genug, um die Erkältungserreger abzutöten“,
versetzte Miles. „Du bist selbst schuld, also hör’ auf zu
heulen!“
Nach dem Bad packte Miles ihn unverzüglich ins Bett. Es
überraschte Rupert, wie sehr er einen Schnupfen fürchtete.
Allerdings konnte er sich im Gegensatz zu Miles nicht an sein

180
hohes Fieber entsinnen, das ihn nach dem Sturz fast innerlich
verbrannt und ihn in Lebensgefahr gebracht hatte.
Er lag da und dachte nach, ohne zu einem befriedigenden
Ergebnis zu gelangen. Er hatte zu viele Hemmungen, sich des
Themas ausgiebig anzunehmen; selbst in Gedanken genierte er
sich, die unkonventionelle Beziehung der drei zu analysieren.
Miles las im Wohnbereich und hatte den Vorhang
zugezogen, um Rupert durch das Licht nicht zu stören.
Etwas später hörte Rupert die Tür; vermutlich ging Miles
hinunter in die Bar zu einem Schlummertrunk, den sie sich
dann und wann gönnten. Außerdem spielte dort jeden
Mittwochabend ein Pianist gepflegten Jazz. Nicht so gut wie
Rupert, betonte Miles, aber es genügte, solange dieser sich
noch schonen musste.
Obwohl er sich bemühte, stellte sich der Schlaf nicht ein.
Wäre er nicht so vermummt gewesen, hätte er sich ruhelos hin
und hergewälzt. Thierry, Julien und Gisèle spukten in seinem
Hirn herum.
Er begann, etwas Wirres zu träumen, an das er sich nach
einer Fünf-Minuten-Schlafphase nicht mehr erinnerte.
Aufgewühlt und orientierungslos hob er den Kopf und sah sich
um. Erst nach einigen Augenblicken erkannte er die mondäne
Einrichtung als die ihres Pariser Hotels. Einigermaßen
beruhigt sank er in die Kissen. Doch die Unruhe verließ ihn
nicht, er lauschte auf das Ticken und das halbstündige
Schlagen der nervtötenden Uhr auf der Kommode.
Erst als er erneut die sich öffnende Tür und ein Klirren des
Schlüssels vernahm, umhüllte ihn ein Gefühl der
Geborgenheit, das die Unruhe schließlich zügelte.
Wenige Augenblicke später kam Miles herein, die Knöpfe
des Pyjamas schließend. Das Quietschen der Matratze, das
entstand, als er sich hinlegte, ließ das Ticken der Uhr auf
wundersame Weise verstummen.
„Ich dachte, du schläfst längst“, sagte er. „Wenn ich gewusst
hätte, dass du wach bist, hätte ich dich zu einem Drink
eingeladen.“

181
Er knipste die Lampe aus. Die darauf folgende Stille, in der
die Geräusche der Stadt unter ihnen bereits als Einschlafhilfe
dienten, wurde nur von Ruperts gelegentlichen Seufzern
unterbrochen. Schließlich setzte Miles dem ein Ende, indem er
das Licht wieder anmachte.
„Nun gut. Was drückt dich? Falls es dein Ungehorsam ist:
ich vergebe dir. Obwohl ich manchmal glaube, du provozierst
mich mit Absicht, um zu testen, wie weit du gehen kannst.“
„Das tu’ ich nicht. Entschuldige bitte. Ich bin in vieler
Hinsicht eben doch noch ein Kindskopf, du hast schon recht.“
„Also, was ist es dann?“
Stockend und beinahe schamhaft berichtete Rupert von
Thierry und Julien. Angesichts der Vermutung, dass Miles ihr
Verhältnis wahrscheinlich gut nachempfinden konnte, war ihm
die Beichte doppelt so peinlich.
Miles ließ sie zunächst unkommentiert. Erstaunt oder
abgestoßen schien er nicht zu sein. Falls doch, so vertuschte er
es gut. Rupert drehte sich auf die andere Seite, um ihn
anzusehen. Während seines Monologs hatte er es nicht
gewagt. Sein Freund lag auf dem Rücken, die Arme im
Nacken verschränkt, und starrte an die Decke.
„Gisèle tut so, als sei es ihr vollkommen gleichgültig“,
erklärte Rupert leise. „Aber das glaube ich nicht. Sie tut mir
leid, Miles.“
„Bist du sicher, dass die beiden intim miteinander sind?“
Brüskiert von dem freimütigen Ausdruck zuckte Rupert
zusammen.
„Gisèle sagt es. Und ich glaube, sie führen eine sehr
ehrliche Beziehung. Na ja, sofern man das von einer solchen
behaupten kann. Immerhin hat er seine Zuneigung für Julien
nicht vor ihr verheimlicht.“
„Wenn sie es dir genauso erzählt hat wie du mir, dann sagte
sie ‚miteinander schlafen’. Was ist denn mit uns? Wir schlafen
auch zusammen, da wir das Bett teilen. Findest du das
verwerflich oder unmoralisch? Ich dachte bisher, du magst es.

182
Jedenfalls hast du sogar darauf bestanden, als ich dich fragte,
ob es in Ordnung sei.“
Rupert richtete sich auf. „Du weißt, dass das nicht dasselbe
ist. Wir sind in einem Hotelzimmer, wo keine andere
Möglichkeit besteht, als dicht nebeneinander zu schlafen. Und
ja, es gefällt mir, weil du ein Stück Heimat bist, das ich
anfangs vermisst habe. Julien und Thierry haben jeder ein
eigenes Zuhause mit eigenen Betten. Wenn Thierry eines
teilen sollte, dann mit seiner Frau. Und übrigens hat auch
Monsieur Delaroche das nicht verdient. Da besorgt er seinem
Neffen einen gutbezahlten Job, und der hat nichts anderes im
Kopf als seinen Spaß – mit Männern.“
Miles wandte ihm das Gesicht zu und grinste.
„Kommt da deine gewissenhaft sittliche Erziehung durch? –
Im Ernst, Rupert, damit solltest du dich nicht belasten. Gisèle
war dir bisher nicht gerade ein Freund. Mich wundert, dass du
dich ihretwegen so quälst. Und Raoul ahnt wahrscheinlich
sowieso etwas. Was könnte er aber daran ändern? Julien ist
zwanzig, er lässt sich nicht gängeln.“
„Nenn’ mich meinetwegen spießbürgerlich“, erwiderte
Rupert. „Aber sie sah nicht glücklich aus, als sie es mir gesagt
hat.“
Wieder herrschte Schweigen. Rupert glaubte schon, Miles
sei ins Reich der Träume unterwegs, als er den Faden des
Gesprächs wieder aufnahm. „Soll ich mit ihnen reden?“
„Mit wem?“
„Den abtrünnigen Chorknaben. Vielleicht ist ja alles nur
halb so wild, und Gisèle macht aus einer Mücke einen
Elefanten. Überdies möchte ich nicht, dass du dir deshalb die
Nächte um die Ohren schlägst.“
„Danke“, murmelte Rupert, er robbte an Miles heran und
spürte noch dessen Arm um seine Schulter, bevor er Knall auf
Fall einschlief.

183
Kapitel 16

E ilig hatte es Miles mit seinem Vorsatz nicht. Wichtiger


als ein klärendes Gespräch mit den Franzosen, das er
vielleicht aus Pietät scheute (Rupert wusste, dass dies nicht der
Fall war, redete es sich aber ein), war ihm Ruperts Therapie.
Es gab Momente, in denen Rupert sich einen weniger
disziplinierten Betreuer gewünscht hätte und Miles das auch
wissen ließ.
Doch seine Beschwerden prallten an ihm ab, und sowie er
drohte, ihn wieder ins Spital zu überweisen, wurde Rupert
seine Bequemlichkeit bewusst, von der er geglaubt hatte, sie
unter Miles’ Aufsicht besser entfalten zu können als bei den
mitleidslosen Krankenschwestern. Was sich jedoch als
Trugschluss herausstellte.
Im Großen und Ganzen war Miles verständig und mutete
ihm nicht zuviel zu, doch er war genauso ein ehrgeiziger
Mentor, der das Beste für seinen Schützling wollte. Da er sich
und Rupert das Ziel gesetzt hatte, bis zu einem bestimmten
Termin die Behandlung abgeschlossen zu haben, bekam das
süße Nichtstun nur kleine Chancen. Glücklicherweise vergaß
Miles es doch nicht ganz; Tiere und kleine Kinder zeigten sich
erst gelehrig und willig, wenn man ihnen die Übungen
versüßte. Erwachsene waren in dieser Hinsicht nicht viel
anders, dachte er, und sollte recht behalten.
Über Ruperts Fortschritte freute er sich mehr als Rupert
selbst.
Es war ein eigenartiges, aber auch angenehmes Gefühl für
Rupert, wenn er zwanzig Schritte ohne Hilfe zurückgelegt
hatte und dafür zur Belohnung einen Kaffee oder einen Imbiss
im nächsten Bistro spendiert bekam. Und da er geradezu
süchtig nach diesen kleinen Belohnungen wurde, strebte er
trotz seiner gespielten Meuterei an, Miles jeden Tag mit mehr
Selbständigkeit seinerseits zu überraschen. Alltägliche Dinge

184
wie der Gang zur Toilette oder das Anziehen hatten ihm
monatelang das Leben schwer gemacht. Damit sollte endlich
Schluss sein. Es wäre zum Lachen, wenn er nicht zur alten
Form zurückfinden würde nur aufgrund eines
Missverständnisses.
Die Krücken waren ihm ohnehin hinderlich und, wie er
festgestellt hatte, nicht ungefährlich. Vor allem auf häufig
frequentierten Plätzen und Promenaden musste er aufpassen,
dass er keinen Passanten aufspießte oder einen ungünstig auf
einer Erhebung parkenden Kinderwagen ins Rollen brachte,
dem Miles hinterher gerannt und einer aufgelösten Mutter
unter tausend Entschuldigungen wieder übergeben hatte.
~*~
Eines Morgens machten sie sich dann doch auf zum Olde
Vic. Da Thierry erst am späten Vormittag öffnete, blieb ihnen
genügend Zeit, in Ruhe zu sprechen. Miles zeigte keinerlei
Anzeichen von Nervosität; er hatte Rupert versprochen, nicht
dabei sein zu müssen, falls ihm die Angelegenheit zu nahe
ging. Im Vorfeld hatten sie sich geeinigt, Gisèle nicht zu
erwähnen.
Als Freunde und temporäre Angestellte des Inhabers
besaßen sie ein Duplikat des Hausschlüssels. Hinter dem
Windfang waren Julien und Thierry dabei, alles für den Tag
vorzubereiten. Im Radio schmachtete Elvis Presley, Julien
fegte die Ecken aus, während Thierry hinter dem Tresen das
Geschirr und Gläser auf übersehene Schmutzränder und
eventuelle Risse kontrollierte. Er lief ihnen beflissen entgegen.
„Bonjour, mes amis! Ihr wisst ja, Frühstück gibt es erst in
einer Stunde. Oder hattet ihr einfach nur Sehnsucht nach mir?“
„Weder noch, Thierry.“ Bereits an Miles’ Tonfall ließ sich
erahnen, dass etwas Ernstes in der Luft lag. In der Haut des
drahtigen Kellners hätte Rupert jetzt nicht stecken mögen.
„Bringst du uns Tee? Für vier, bitte. Rupert und ich haben
etwas mit euch zu besprechen.“
Besorgt zupfte Rupert den Freund am Ärmel. Er hatte nicht
miteingebunden werden wollen in das Gespräch und Miles
185
ausdrücklich darauf hingewiesen. Warum hielt er sich nicht an
die Vereinbarung?
„Klingt viel versprechend“, sagte Julien, während sich
Thierry ohne Umschweife in die Küche begab. Er setzte sich
zu den beiden an einen Tisch und strahlte. „Der Laden
brummt, Victor! Ich werde wohl meinen Job kündigen und
Thierry unter die Arme greifen müssen, damit er den täglichen
Ansturm bewältigen kann. Und ich lerne Deutsch,
Niederländisch, Spanisch und Amerikanisch, um mit jedem
Gast in seiner Heimatsprache zu kommunizieren.“
„Wunderbar“, nuschelte Miles mit der Zigarette im
Mundwinkel und riss ein Streichholz an der Schuhsohle an.
„So hab ich mir das vorgestellt.“
In trauter Runde tranken sie ihren Tee und schwatzten ein
wenig über die unglaubliche Verwandlung des einst tristen
Bistros. Vor der Tür tummelten sich einige Vorbeigehende,
sahen kurz auf die Uhr und schlenderten weiter, nachdem
Thierry sie auf die Öffnungszeiten aufmerksam gemacht hatte.
In seiner jetzigen Situation konnte er es sich leisten, seine
Gäste auf einen späteren Zeitpunkt zu vertrösten.
Miles stellte sein Glas ab und sah Thierry und Julien einer
nach dem anderen durchdringend an, bis Julien etwas
verunsichert losprustete. „Was ist denn? Hat die pingelige
Gesundheitsbehörde eine Beschwerde vorgebracht? Oder will
dein Hotelier uns nicht mehr beliefern?“
„Oh, nein“, sagte Miles. „Alles in Ordnung, mein Liebling.“
Verdutzt ob des Kosenamens schaute Julien zu Thierry, der
verständnislos die Achseln hob. Rupert saß wie auf glühenden
Kohlen; an seinen Seiten rann Schweiß hinunter.
„Hört zu.“ Verschwörerisch beugte sich Miles ein wenig
über den Tisch, als habe er Angst, Unbefugte könnten sie
belauschen. „Das Lokal läuft morgen auf den Tag genau
erfolgreich ein Vierteljahr unter neuem Namen. Rupert und ich
dachten, dass das ein guter Anlass zum Feiern im kleinen
Rahmen wäre. Nur Rupert, ihr und ich. Kommt morgen Abend
ins Hotel. Ich bestelle Champagner und Kaviar, und wir lassen

186
ohne Druck gemütlich auf uns zukommen, was sich ergibt.
Und kein Wort zu niemandem. Ihr schätzt doch Experimente?“
„Seid ihr nicht Brüder …?“ wandte Julien mit großen Augen
ein; Bedenken, das Miles mit einer nonchalanten
Schulterbewegung entkräftete. „Na und? Das soll uns nicht
daran hindern, ein bisschen Spaß zu haben. Hat’s noch nie und
wird es auch nicht. Es sei denn, euch stört es.“
Rupert stockte der Atem. Er machte ihnen einen Vorschlag,
dessen delikate Natur sie sofort erfassten. Triumphierend stieß
Thierry Julien ans Schienbein.
„Wir sind offen für alles“, versicherte er im selben Ton,
bemüht, seine Erregung zu kaschieren. „Wir könnten ja auch
schon heute vorbeikommen, wenn es keine Umstände macht,
was ist schon ein Tag mehr oder weniger. Ich hab nichts vor.
Du, Julien?“
Julien schüttelte den Kopf. „Darf ich dich küssen, Victor?
Als kleinen Aperitif? Ich meine, das ist ja wirklich – ein
großzügiges Angebot!“
Völlig überrumpelt hockte Rupert wie ein Stock neben
Miles, der sphinxhaft lächelte und leicht Ruperts Hand unterm
Tisch drückte, wie um ihm zu versichern, dass er keinen
Grund habe, sich zu ängstigen, solange Miles bei ihm war.
Doch es nützte nichts. Er fühlte sich übergangen, erniedrigt
und belogen. Von einer solchen Verabredung hatte er sich
gefürchtet. Hatte er nicht immer geahnt, dass er Miles nicht
trauen konnte? Geschah ihm ganz recht, dass er so übel
hereingelegt worden war. Er und seine verfluchte Naivität!
Als Juilen sich vorbeugte, um sein Vorhaben in die Tat
umzusetzen, stieß Miles ihn von sich, dass er mitsamt dem
Stuhl hinten überkippte, und sprang auf.
Entsetzt starrte Thierry auf den ächzenden Jungen am Boden
und half ihm im nächsten Moment auf eine Bank am Fenster.
Vor Schmerz runzelte Julien die Brauen und krümmte sich. Zu
allem bereit baute sich der kleine Thierry vor dem großen
Miles auf; das flinke Eichhörnchen forderte den mächtigen
Löwen heraus.

187
„Was soll das?! Du hast ihm wehgetan! Er wollte sich nur
bedanken!“
Miles atmete schwer, er hatte sich nicht wieder gesetzt. Jetzt
nahm er Rupert am Ellenbogen, um ihn ebenfalls zum
Aufstehen zu animieren. Wie betäubt von der unerwarteten
Wende der Ereignisse folgte Rupert, seine Gedanken fuhren
Achterbahn. Vor seinen Augen schwamm alles, und er
wünschte sich die Krücken herbei, die zuhause am Schrank
lehnten. Gottlob war Miles da, an den er sich unauffällig
klammerte. Jetzt, nach dieser unmissverständlichen Abfuhr,
durfte er es wohl riskieren, auf Tuchfühlung zu gehen.
„Was seid ihr für törichte kleine Jungs“, bedeutete ihnen
Miles, seine Stimme klang plötzlich scharf und schrill vor
Zorn. Durch die heftige Abwehr, mit der er sich Julien vom
Leib gehalten hatte, war sein Haar in die Stirn gefallen. Mit
der Rupert inzwischen vertrauten, ungeduldigen Geste wischte
er es zurück.
„Für weniger kommt ihr ins Gefängnis und macht euer
Leben kaputt! Und nicht nur eures, sondern auch das eurer
Familien. Wenn ihr schon meint, euch auf diese Art amüsieren
zu müssen, dann denkt wenigstens an sie. Thierry, du hast
Frau und Kinder! Noch sind sie zu klein, um zu verstehen, was
ihr Vater so treibt, aber wenn sie es erfahren und von der
Gesellschaft geächtet werden, sehen sie dich mit anderen
Augen! Und hast du Gisèle mal gefragt, wie sie darüber denkt?
Ist dir gar nie der Gedanke gekommen, es könne sie kränken?
Oder dass sie Angst hat, jemand wie ich oder Rupert plaudern
dein Geheimnis aus?
Uns zu vertrauen ist eine große Dummheit, denn wir sind
fremd und können uns jederzeit erlauben, damit zur Polizei zu
gehen und das Land unbehelligt zu verlassen.
Dasselbe gilt für dich, Julien, wenn dabei auch nur dein
eigenes Leben ruiniert wird. Du brauchst keine Angst zu
haben: meinetwegen kannst du deinem Hang weiterfrönen; du
hast keine Familie wie Thierry. Aber du verletzt deinen Onkel
Raoul, der soviel für dich getan hat. Wenn er nicht mehr

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schweigend darüber hinwegsieht und deine Eltern
benachrichtigt, ist dein Leben vorbei, bevor es richtig
angefangen hat. Vor allem: lass Thierry in Ruhe. Er gehört
Gisèle und den Kindern. Natürlich könnt ihr euch weiterhin
treffen, euch schöne Abende im Kino machen und einen
trinken gehen, aber auf rein freundschaftlicher Basis. Nicht so
wie bisher. Ihr werdet sehen, dass euch eine platonische
Beziehung ebensoviel geben kann, wenn nicht gar mehr.“
Im letzten Teil seiner Gardinenpredigt hatte er sich zum
Großteil gefangen; er war wieder ruhig, sein Atem ging
normal. Thierry und Julien sahen elend aus auf ihrem
Sünderbänklein. Fast konnten sie einem leid tun, Rupert hatte
ohnehin ein viel zu weiches Herz. Dennoch: auch Miles war
die Rede nicht leicht gefallen.
Endlich erhob sich Thierry wie in Trance und schenkte
jedem von ihnen ein Glas Whisky ein.
„Fang’ nicht wieder damit an.“ Miles nahm ihm die
Flasche weg, ließ es aber zu, dass er sein Glas auf Ex leerte.
„Es hätte so schön werden können“, lamentierte Thierry.
„Ich dachte, ihr hättet Verständnis …“
„Das habe ich, Thierry. Mehr als du denkst. Julien ist ein
hübscher Kerl. Aber du hast Gisèle, die tausendmal hübscher
ist und außerdem deine Frau. Sie liebt dich, und es kränkt sie,
dass du sie nicht für vollwertig erachtest, indem du mit Julien
flirtest.“
„Habt ihr mit Gisèle gesprochen?“
Gemäß ihrer Absprache schüttelte Miles den Kopf. „Nein.
Das war nicht nötig. Wenn du ihr mehr Aufmerksamkeit
schenken würdest, hättest du gesehen, dass sie unglücklich ist.
Sie will es nicht zeigen aus Angst, dich zu verlieren. Aber das
ist fast so dumm wie eure heimliche Liaison. Zeig’ ihr, dass du
sie liebst. Dass du dankbar bist für François und Nini. Kinder
wirst du mit Julien nämlich nie haben.“
Julien, der immer noch ein wenig den Eingeschnappten
markierte, lachte über diese auflockernde Bemerkung wider

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Willen auf. „Sehr scharfsinnig!“ sagte er, sein Ton klang
versöhnlich. „Das wäre aber wirklich das Letzte!“
Da Julien die Sache mit Humor nahm, entspannte sich auch
Thierry etwas, er zog den Mund in die Breite. Alles in allem
wirkte sein Lächeln unsicher, aber Miles schien etwas in ihm
angestoßen zu haben, das ihn berührte und über das er
ernsthaft nachdachte.
„Ich war Gisèle die letzten zwei Jahre kein guter Ehemann.
Und dich, Julien, habe ich davon abgehalten, mit Mädchen
auszugehen. Das war nicht rechtens, ich gebe es zu. Unsere
Freundschaft muss ja nicht zu Ende sein. Vielleicht ist ein
neuer Anfang gar nicht so verkehrt. In jeder Beziehung.“
Rupert atmete auf und löste seine verkrampften Finger, mit
denen er sich an Miles’ Jackenzipfel festgehalten hatte.
Erstaunlich, wie Miles die Situation von einer kitzligen in
die richtige manövriert hatte, ohne belehrend oder taktlos zu
agieren.
Sein Misstrauen reute ihn. Miles’ Ruf, der ihm bereits auf
dem College vorausgeeilt war, bewahrheitete sich immer
wieder. Er ging keinem Konflikt aus dem Weg und steckte
voller Überraschungen. In erster Linie aber war er das, was er
selbst gewiss vehement abgestritten hätte: ein
gerechtigkeitsliebender Philanthrop.
~*~
Der November in Paris stand dem Londoner in nichts nach;
grau und regnerisch hielt er Einzug und mit ihm eine gewisse
Melancholie der Menschen, vor der auch Miles und Rupert
nicht gefeit waren. Besonders Letzterer, dem die Schwermut
ohnehin im Blut lag, konnte es gar nicht glauben, wie schnell
die Zeit verflog. Im Frühjahr waren sie hier angekommen.
Über ein halbes Jahr logierten sie nun in diesem Hotelzimmer,
wobei Rupert fast die Hälfte davon im Krankenhaus gelegen
hatte. Er hatte das dumpfe Gefühl, etwas versäumt zu haben.
Manchmal rutschte er in ein Loch, aus dem Miles ihn nur
unter großer Anstrengung herauslocken konnte. Er ging mit
ihm in die Oper, ins Kino und in vornehme Restaurants wie
190
das Maxim’s, nur um Rupert zu zerstreuen. Tatsächlich halfen
ihm diese Vergnügungen über seine Trübsal hinweg. Wenn
auch nur für kurze Zeit, so war er doch dankbar, in Miles
einen verständigen Begleiter und Freund zu haben.
Durch den Wetterumschwung schmerzte sein Bein, und
wenn sie unterwegs waren, verübelte ihm Miles die Krücken
nicht, die Rupert streng genommen nicht mehr benötigte.
Doch er duldete keinen Schlendrian; bei Wind und Wetter
waren sie draußen, besuchten Raoul oder Thierry und Gisèle
mit Jacques in ihrem Heim. Die Levants hatten wieder
zueinander gefunden und turtelten so offensichtlich und
schamlos, dass Rupert mitunter rot wurde, wenn er sie
schmusen sah. Ihnen schien das trübe Wetter nicht aufs Gemüt
zu schlagen.
Julien hatte Konsequenzen gezogen und um Urlaub gebeten,
den er bei seinen Eltern verbrachte. Er brauche Abstand, sagte
er, um innerlich zu Thierry ein normales, freundschaftliches
Verhältnis aufzubauen. Das Argument war vernünftig, und so
hatte er Raouls Segen, für ein paar Wochen in seiner
südfranzösischen Heimat aufzutanken und sein bisheriges
Leben zu überdenken.
Von seinen Eltern, mit denen er gelegentlich
korrespondierte, hatte Rupert bei ihrem Krankenbesuch die
Adresse von Miles’ Angehörigen erhalten; nach einiger Zeit
fasste er sich ein Herz und schrieb an die Mutter. Seine
Handschrift war noch krakelig durch die Knochenbrüche, aber
mit gutem Willen lesbar.
Er erzählte von der Sorge Miles’, sie trage ihm den Tod des
Vaters nach. Es war verrückt, sich derart in Miles’
Privatangelegenheiten zu verbeißen, aber Rupert meinte, das
Recht dazu zu haben. Mittlerweile betrachtete er sich fast als
leiblicher Bruder. Demzufolge konnte ihm nicht gleichgültig
sein, ob Miles und seine Verwandten sich in gutem
Einvernehmen wieder sahen oder einander gram waren. Zu
guter Letzt legte er ein Foto von Miles bei, das er ohne dessen

191
Wissen geschossen hatte. Sie sollten wissen, wie es ihm ging
und wie gut er aussah.
Zwei Wochen später erhielt er Antwort. Aufgeregt presste er
den Briefumschlag unter seinem Mantel an die Brust und
bewahrte ihn in der Tasche auf, bis er Zeit und Ruhe hatte, ihn
ungestört zu öffnen, wozu er sich ins Badezimmer zurückzog
und auf den Toilettendeckel setzte.
Mrs. Kaminsky war außer sich vor Freude. Sie hatte den
Sohn ebenso wie den Vater tot geglaubt, darum hatte sie nie
Anstrengungen unternommen, ihn zu finden. Ruperts Brief sei
wie ein Geschenk des Himmels, er sei herzlich eingeladen, sie
baldmöglichst zusammen mit ihrem Sohn in New York zu
besuchen. Auch Miles’ Schwestern freuten sich sehr auf ihren
lang verschollenen Bruder und auf dessen hilfsbereiten
Freund, der weder Aufwand noch Mühe gescheut hatte, sie
wieder zusammenzuführen.
Ruperts Beispiel folgend hatte auch sie eine Fotografie der
Familie mit Lenes Ehemann beigelegt, sowie ein Porträt der
Geschwister, das die Wirren des Krieges in irgendeinem
Geheimfach überstanden hatte.
Zunächst betrachtete er das Foto jüngeren Datums. Alle drei
Frauen hatten dasselbe Haar wie Miles, dunkel und weich.
Entgegen Miles’ Befürchtung wirkten sie nicht verbittert,
sondern strahlten die charismatische Gelassenheit aus, die den
Kaminskis eigen schien.
Sein Blick blieb an der jüngeren Schwester Katjuscha
hängen. Sie war etwa Mitte bis Ende Zwanzig und trug einen
Bubikopf. Ihre Augen lächelten trotz der Tatsache, dass ihr
Mund es nicht tat; er hatte so etwas noch nie gesehen und
fühlte sich unerklärlicherweise davon irritiert und angezogen
gleichermaßen. Ihre innere Heiterkeit war so präsent, dass
selbst das Foto sie nicht rauben konnte.
Die Aufnahme von Miles und seinen Schwestern rührte
nicht minder starke Empfindungen auf. Sie war abgegriffen,
fleckig und brüchig, doch machten der schlechte Zustand und
das Motiv gerade ihren Charme aus.

192
Der etwa zehnjährige Milos saß in einem Korbsessel,
Katjuscha ein wenig linkisch auf dem Schoß, und grinste in
die Kamera. Zwar hatte Rupert ihn als Kind nicht gekannt,
aber er glaubte anhand der Momentaufnahme zu erkennen,
dass Miles trotz aller Schicksalsschläge von jeher ein Optimist
war. Lene stand mit feierlich ernstem Gesicht daneben und
ließ den Arm auf der Sessellehne beschützend über den
Geschwistern ruhen, so als ahne sie mit prophetischer
Weisheit die bereits aufziehenden Gewitterwolken des
unseligen Dritten Reiches.
Gerührt schluckte Rupert den Kloß im Hals und strich sachte
über das Porträt. Es musste der Familie einiges abverlangt
haben, es auf dem unsicheren Postweg über den Ozean zu
schicken.
Mit klopfendem Herzen legte er den Brief auf den
Wannenrand. Er barst fast vor Glück für Miles, zögerte
jedoch, ihn von seinem heimlichen Kontakt zu unterrichten.
Miles mochte es ja nicht, dass er sich einmischte.
Er steckte das Kuvert in seine Manteltasche, wo er es überall
mit sich herumtrug wie einen Schatz.
~*~
Etwa zur selben Zeit wurde Miles von einer Unruhe erfasst,
die Rupert rätselhaft war. Er forderte seinen Freund nicht mehr
zum Ausgehen auf; stattdessen zog er häufig alleine los und
kam erst nach Hause, wenn Rupert schon schlief. Mitunter traf
er sich mit Raoul, der sich nach Juliens Abschied etwas
umgänglicher zeigte. Abgesehen davon hatte er mit Miles
schon immer am besten gekonnt. Obwohl Rupert sich etwas
ausgeschlossen fühlte, tolerierte er Miles’ Veränderung ohne
Vorwürfe.
Doch als keine Besserung in Sicht war und Miles immer
einsilbiger wurde und auch nachts keine Ruhe fand, entschied
er, ihn aufzumuntern.
Sie saßen in einem Café. Miles ließ einen Espresso nach
dem anderen die Kehle hinunterrinnen. Noch kein einziges
Wort hatte er mit Rupert gewechselt, seit sie sich gesetzt
193
hatten. Er schaute in die Ferne zu den Fenstern und manchmal
durch Rupert hindurch, als sei er Luft.
Tief einatmend nestelte er in seiner Tasche nach dem Brief.
Es war riskant, aber vielleicht die einzige Möglichkeit, etwas
von dem Miles in ihm zu wecken, den er kannte. Schweigend
platzierte er ihn auf die Mitte des Tisches und nippte an
seinem Kaffee. Eine Weile geschah nichts; Miles war zu sehr
in Gedanken, um auf Rupert zu reagieren. Erst ein Rascheln
des Papiers, verursacht durch Ruperts Finger, lenkte seine
Aufmerksamkeit auf den Freund und schließlich widerwillig
auf das Schriftstück.
„Für mich?“ fragte er gleichmütig, um gleich darauf ein
wenig barsch zu werden. „Er ist an dich adressiert. Warum
gibst du unsere Adresse weiter? Ich hab dir gesagt, ich will
nicht, dass man unseren Aufenthaltsort erfährt. Kannst du
nicht einmal das tun, was man dir sagt?“
„Öffne ihn“, sagte Rupert leise.
Miles tat es, immer noch ungehalten. Als die Fotos aus dem
Umschlag flatterten, bückte er sich danach und erstarrte.
Langsam richtete er sich auf, seine Hand zitterte.
„Woher hast du das?“ flüsterte er mit belegter Stimme.
„Ein Brief ist auch dabei“, erklärte Rupert. „Deine Mutter
freut sich sehr auf dich. Sie ist Klavierlehrerin für
Privatstunden und besitzt einen Konzertflügel. Sie spielt
immer noch Chopin am liebsten.“
Er wusste nicht, weshalb er das sagte, es war völlig
unwichtig. Und doch löste die Bemerkung in Verbindung mit
den Fotos eine emotionale Aufwallung in Miles aus: er
flüchtete mit dem Brief in die Herrentoilette.
Perplex sah Rupert ihm nach, dann erhob er sich und folgte
ihm.
Er hatte sich in einer der Kabinen hinter den Pissoirbecken
eingeschlossen. Rupert rüttelte an jeder Tür; nur eine war
verriegelt.

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„Miles“, rief er gedämpft, während er die Klinke
hinunterdrückte. „Bitte mach’ auf. Ich dachte, es freut dich.
Wo du doch nicht sicher warst …“
Der Knauf drehte sich von innen, und Miles warf sich in
seine Arme. Er weinte bitterlich und barg das Gesicht an
Ruperts Schulter, die innerhalb von Sekunden nass bis auf die
Haut wurde. Unter der Heftigkeit torkelte Rupert auf seinem
gesunden Bein mit Miles in die Sicherheit der Kabine zurück,
wo ihm die Wand Halt gewährte.
Miles war völlig fertig. Er konnte sich nicht mehr beruhigen.
Sanft und wie selbstverständlich strich ihm Rupert mit beiden
Händen durchs Haar. Das schöne, glatte Haar, das Miles seit
ihrem Parisaufenthalt wachsen ließ und nur noch an
besonderen Tagen mit Brillantine zähmte; er verlor sich
regelrecht darin und schloss die Augen, um den Moment voll
auszukosten. Plötzlich war er der Erwachsene, und Miles der
Junge mit dem verletzten Herzen, der getröstet werden musste.
„Scht“, machte er. „Es ist doch alles gut, Miles.“
Miles hielt ihn umfangen, eisern und wie ein Ertrinkender.
Es tat trotzdem nicht weh. Miles brauchte ihn, das war ein
Gefühl, das alle Pein der Welt aufgewogen hätte.
„Deine Familie liebt dich. Du brauchst keine Angst zu
haben. Du hast nicht versagt. Sie hatten gedacht, du und dein
Vater wärt tot. Wie könnten sie dir böse sein? Kannst du dir
nicht vorstellen, wie groß ihre Freude war, als sie nach so
langer Ungewissheit erfuhren, dass du wohlauf bist? Sie sind
nicht wütend.“
„Die Fotos …“ schluchzte Miles. „Darf ich sie behalten?“
Rupert lachte spröde, es fiel ihm schwer, angesichts der
aufgeladenen Situation nicht mitzuweinen. „Es sind deine. Ich
nehm’ sie dir nicht weg.“
„Oh Rupert! Ich bin hysterisch, verzeih’.“ Mit dem
Handrücken trocknete er seine Tränen und die schwarzen
Wimpern, bevor er sich schneuzte. „Komm“, sagte er und
nahm Ruperts Hand. „Wir müssen feiern.“

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196
Kapitel 17

Im Olde Vic war alles leer. Den Montag hatte Thierry als
Ruhetag auserkoren; ein Luxus, den er sich gönnte. Miles
schloss die Tür auf und entkorkte hinter dem Ausschank einen
erlesenen Wein, der zu den teuersten auf der Karte gehörte.
Rupert meldete Bedenken an, doch Miles ließ sich nicht
beeinflussen. Falls Thierry ihn bezahlt haben wollte, wäre es
ihm ein Vergnügen.
Von den Flutlichtern schaltete er nur einen Teil an. Sie
verbreiteten ein schummriges Licht, das gegen den Nebel
draußen ankämpfte. Der Raum wirkte gemütlich und so
heimelig, dass Rupert wohlig fröstelte, als Miles mit dem
Wein und zwei Gläsern antanzte. Keiner von ihnen hatte das
Bedürfnis zu reden, und so genossen sie den teuren Rebensaft
in vollen Zügen.
Nach dem ersten Glas zog Miles Rupert auf die Füße.
„Spiel’“.
Es war das erste Mal seit seinem Unfall, dass Miles ihn
darum bat. Ein wenig unsicher setzte er sich auf den Schemel.
„Ich weiß nicht, Miles. Vielleicht kann ich es nicht mehr. Oder
meine Finger brechen.“
„Unsinn. Bitte. Tu’s für mich.“
Er stand hinter Rupert, wie früher. Ewigkeiten schien das
her, und doch so vertraut. Zaghaft schlug er einen Akkord auf
der Klaviatur an. Wieder kam die Musik von selbst in seine
Fingerspitzen und von dort in perfekter Harmonie auf die
Tasten. Er spürte, wie Miles seine Schulter umfasste, roh fast
und so, als müsse er sich mit Gewalt auf den Beinen halten.
Rupert spielte trotz einer Warnung in seinem Hinterkopf
weiter, er konnte gar nicht anders, es war wie ein Rausch.
Der Druck auf seinen Schultern ließ nach; als er aufsah,
entdeckte er Miles. Rittlings auf einem Stuhl sitzend

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beobachtete er den in sein Spiel Versunkenen. Um seine
Mundwinkel huschte ein wehmütiges Lächeln.
„Rupert“, sagte er sehr eindringlich, aber auch sehr
liebenswürdig. „Wir fahren nach Hause. Möchtest du Pate für
meine Tochter sein?“
Abrupt beendete Rupert den Walzer. Er musste sich verhört
haben. Heiße und kalte Kongestionen wechselten sich in
seinem Körper ab und fluteten die Adern, wo sie schließlich
gefroren.
„Was?“
„Es würde mich ehren, wenn du ja sagst.“
Mit offenem Mund wandte sich Rupert dem Freund zu, doch
er bekam keinen Ton heraus. Das musste ein Scherz sein!
Miles senkte den Blick, während er mit seinen Fingern spielte.
„Ich bin dir schon lange eine Erklärung schuldig. Das ist sie.
Ich bin Vater.“
„Nein!“ entfuhr es Rupert.
„Letzte Woche kam ein Telegramm. Von Claire. Meiner
Verlobten. Nun, wir sind eigentlich nicht verlobt … das ist der
Grund, weshalb ich fort musste. Ihr Vater war gegen die
Verbindung und hat mich wegen Notzucht angezeigt. Sie
stammt aus gutem Haus, und er wollte keinen Juden in der
Familie. Außerdem – bekam ich kalte Füße, als sie mir sagte,
dass sie ein Baby erwartet. Ich wollte die Verantwortung nicht
übernehmen. Aber inzwischen möchte ich es versuchen. Sir
Bellwood hat seine Klage zurückgezogen, nachdem er Claire
nun endlich glaubt und nicht mehr die Mär der Schändung
aufrecht hält. Er meint, es sei besser, einen Judenvater zu
haben als gar keinen. Weise Einsichten, wie ich finde.
Unsere Tochter heißt Fanny. Ich – habe sie noch nicht
gesehen, sie kam erst vor ein paar Wochen zur Welt. Würdest
du uns bei der Erziehung helfen? Sie muss dich lieben, Rupert,
oder sie ist nicht meine Tochter. Außerdem werden wir einen
Trauzeugen für die anstehende Hochzeit brauchen. Willst du?“
„Natürlich … ja“, stotterte Rupert fassungslos, Tränen traten
in seine Augen. „Mit Freuden!“

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~*~
Die Autorin

Christine Wirth lebt im Badischen.


Sie liebt Tiere, ihre Familie, alte Filme und Zwiebeln.

Dankeschön an
Mareike Unting und Daniela Hartmann für die freundliche
Unterstützung. Und natürlich an Nikky ~ fürs Dasein.

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