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2005 23:14 Uhr Seite 48

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Die NORDISCHE ZEITUNG ist
die Stimme des Artglaubens. Sie wird
von der Artgemeinschaft – Germani-
sche Glaubens-Gemeinschaft we-
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Postfach 55709, 22567 Hamburg,
herausgegeben und verlegt und er-
scheint vierteljährlich.

Die Stimme des Artglaubens


Menschen unserer Art, die Beiträge
zur Entwicklung nordischer An-
schauungen auf religiösem, weltan-
schaulichem, kulturellem, erzieheri-
Im Einsatz für schem, gemeinschaftsbildendem,
künstlerischem und wissenschaftli-
 Lebensschutz, insbesondere Überleben unserer Art chem Gebiet geben wollen, steht sie
zur Verfügung.
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gemäßen Kultur zeichnete Beiträge nicht in jedem
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1. Das Menschenpaar in
Darstellungen der Volkskunst Germanixe+ Erbe in
Zahlreich sind die Werke der Volks-
kunst, die eine Darstellung des Men-
schenpaares enthalten. Die Art der Dar-
stellung ist verschieden; doch zeigen
Darye¬ungen auf
vier Hauptgruppen eine weitgehende
Ideenverwandtschaft und lassen sich
trotz äußerer Vielfalt auf die gleiche
Grundanschauung zurückführen.
bäuerlicem Sacgut
1. Die einfache Darstellung zeigt ledig-
lich Mann und Frau. Dabei ist zu beob-
achten, daß diese im allgemeinen nicht
nur nebeneinander stehen, sondern sich
an den Händen halten oder gar eng um-
schlungen sind. Diese Darstellung fin-
det sich vor allem auf hölzernen Back-
formen vom 17. bis zum beginnenden
19. Jahrhundert1 und auf bemalten
Spanschachteln aus der zweiten Hälfte
des 18. Jahrhunderts2.
Beide Gruppen stellen Gebrauchsge-
genstände dar, jedoch solche, die außer-
halb des Alltagsgebrauches der Ver-
wendung zu Fest und Feier vorbehalten
sind. In den Hauben- oder Mützen-
schachteln wurden die prächtigen Feier-
tagshauben aufbewahrt. Die Backfor-
men, vielfach Modeln genannt, dienen
auch heute noch der Zubereitung des
weihnachtlichen Festgebäckes.
Auf den Haubenschachteln tritt uns die
Darstellung des Motives sinnbildhaft
entgegen; allerdings nicht im Sinne ei-
ner schmuckhaften Dekoration, son-
dern als ausdruckshaftes Symbol des Bild. 2: Stickmustertuch aus der Winser Elbmarsch. (Niedersächsisches Volkstumsmuseum,
Verbundenseins von Mann und Frau zu Hannover.)
einer Einheit. Die mit Hilfe der Back-
formen hergestellten Weihnachtsge- So tritt uns hier das Menschenpaar als gel, die auf dem Baum oder zu seinen
bäcke unterstreichen diesen Sinn durch Träger des Lebens entgegen. Bewußt Seiten angeordnet sind (Bild 2). Es han-
ihr Zugehören zu dem jahreszeitlichen sind Mann und Frau zusammen darge- delt sich hierbei um eine Motivgestal-
Brauchtum. Denn zu keiner Zeit wäre stellt, als die Einheit, die allein Aus- tung, die aus zahlreichen Darstellungen
es sinnvoller, ein Gebäck in der Form gangspunkt des Kommenden sein kann. des Lebensbaumes bekannt ist, in denen
des Menschenpaares herzustellen als
gerade zu Weihnachten, der Zeit der 2. Die nächste Gruppe mit einer Dar-
Jahreswende, in der das Alte vergeht stellung des Menschenpaares zeigt die-
und aus der ewigen Substanz das neue ses zu den Seiten eines Baumes, der
Leben entsteht. durch Größe und Anordnung das be-
herrschende Mittelstück dieser Darstel-
lung bildet.
Mann, Frau und Baum ohne Hinzufü-
gung weiterer Motivteile finden sich
verhältnismäßig selten3. Immerhin ist
diese Darstellung beachtlich, weil sie
eine ganz klare Verbindung des Men-
schenpaares mit dem Baum zeigt, die
ohne ablenkende Zutaten das Wesentli-
che hervorhebt. In engem Zusammen-
hang hiermit steht eine Form des Moti-
ves, die an Stelle des Baumes einen
Zweig mit einem Blütensproß zeigt, der
sich zwischen dem Menschenpaar befin-
det und von diesem gemeinsam gehal-
ten wird (Bild 1).
Bild 1: Schüssel aus Mittelkirchen im Alten Dieser einfach gegliederte Motivaufbau
Lande. 1742. (Niedersächsisches erfährt dann mehrfache Erweiterungen. Bild 3: Lehne eines Stuhles aus der Umgebung
Volkstumsmuseum, Hannover.) Zunächst durch zwei gegenständige Vö- von Celle. 1860. (Bomann-Museum, Celle.)

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Kraft ist, dessen Früchte Jugendfrische


und Fortbestand gewähren6, wird zu ei-
nem Giftgewächs. Der Genuß seiner
Frucht bedeutet Verdammnis und Ver-
treibung aus dem Paradies, der alten
Heimat. Das Gesamtmotiv erscheint als
eine Darstellung des Sündenfalles.
Es ist durchaus fraglich, ob diese Dar-
stellung des Sündenfalles in der gedank-
lichen Vorstellung der Verfertiger der
betreffenden Gegenstände das allein
Maßgebliche gewesen ist, oder ob nicht
doch noch andere Vorstellungen in dem
Motiv zum Ausdruck kommen.
Zunächst erscheint es unwahrschein-
Bild 4: Tür eines bemalten Schrankes aus dem lich, daß ein Motiv, das einen ausge-
Gudbrandstal in Norwegen. sprochen negativen Inhalt wie den des
(In den Sandvigschen Sammlungen zu Sündenfalles hätte, die weite Ausdeh-
Lillehammer, Norwegen.) nung im Gesamtbereich der Bauern-
kunst hätte finden können, die diese
die Vögel als Geleittier des Helden Darstellung des Menschenpaares am
beim Zuge in die andere Welt und als Baum bis in die Gegenwart einnimmt.
Bild 6: Hölzerne Backform aus Celle.
Überbringer des Lebenswassers hervor- Ganz unmöglich wäre es aber gewesen, (Bomann-Museum, Celle.)
treten4. daß eine Verfallserscheinung wie der
Im Zusammenhang damit findet sich Sündenfall ausgerechnet unter dem
sinnbildhaften Gebäck der Weihnachts- schmückt hätten, wenn die mit diesem
häufig die Andeutung eines Brunnens Tier verknüpfte Bedeutung unheilvoll
an den Wurzeln des Baumes (Bild 2). zeit7 eine bevorzugte Stellung einge-
nommen hätte, da gerade dieses Fest ei- gewesen wäre. Die Schlange muß viel-
Auch in diesem Motiv wird die Überlie- mehr einen durchaus positiven Sinn ge-
ferung sichtbar, die für den Ursprung nen ausgesprochen lebensbejahenden
Sinn hat. Desgleichen hätten die jungen habt haben. Dies entspricht auch dem
der Darstellungen in der Volkskunst die Wesen der sonst an diesen Stellen ange-
gleiche ist wie für die Erzählung in der Mädchen ihre Stickmustertücher8 kaum
mit dem Motiv versehen, wenn sie ihm brachten Sinnbilder. Trägt die Schlange
Edda, in der es von der Esche Yggdrasil sogar einen Dreisproß, wird ihre Be-
heißt: immergrün steht sie am Urdbrun- nur die Bedeutung des Sündenfalles
beigemessen hätten. deutung als Träger und Mittler der Le-
nen5. benskraft besonders wahrscheinlich. In
Die am stärksten in Erscheinung tre- In diesen Darstellungen der Schlange diesem Sinn gewinnt sie auch in der Ver-
tende Ausgestaltung des einfachen Mo- muß noch etwas anderes zur Geltung bindung mit dem Baum, zu dessen Sei-
tives, das nur das Menschenpaar am gekommen sein. Auf bäuerlichen ten das Menschenpaar steht, besondere
Baum zeigt, erfolgt durch die Hinzufü- Stühlen ist sie häufig zu finden und bil- Beachtung. Die „Paradiesszene“ fand
gung der Schlange, die zumeist am det dort allein (Bild 3) oder paarig die eben deshalb die häufige Darstellung,
Stamm des Baumes angebracht wird Rückenlehne9. Vielfach trägt hier die weil hier eigentlich Dinge behandelt
(Bild 2). Dadurch tritt, rein äußerlich Schlange einen kronenartigen Drei- wurden, die in der völkischen Überlie-
gesehen, eine Veränderung des Motives sproß auf dem Kopf. In der gleichen Art ferung verankert waren. Der Baum als
ein. Aus dem Menschenpaar, das sonst finden wir sie auch an den Toren west- Sinnbild des sich ewig erneuernden Le-
nur als solches erschien, wird jetzt fälischer Bauernhäuser10. bens und als Schicksalsbaum, das Men-
Adam und Eva. Der Baum aber, der Es ist absolut undenkbar, daß die Bau- schenpaar als Träger des Lebens und
sonst ein Sinnbild lebensspendender ern Haus und Gerüst mit einem Tier ge- die Schlange mit der Lebensfrucht fü-
gen sich zu einem wesensgleich aufge-
bauten Motiv zusammen, das erst in der
christlichen Umdeutung seiner Einzel-
bestandteile einen anderen, einen nega-
tiven Sinn erhält.
Im Rahmen dieses Gesamtmotives fällt
die Heraushebung einer Umgrenzung
des Ganzen auf, die vierseitig11 oder, der
meist flächigen Zeichnung entspre-
chend, nur auf der Vorderseite erfolgt.
Dadurch wird zum Ausdruck gebracht,
daß ein besonderer Bezirk abgegrenzt
ist, eine andere Welt als die gewöhnli-
che, in deren Mittelpunkt der Baum
steht. Im Sinn der „Paradiesszene“ ist
dies natürlich das Paradies, im Sinne der
Überlieferung der Schicksalsgarten.
Die Darstellung auf einem bemalten
Schrank aus dem Gudbrandstal in Nor-
wegen (Bild 4) kennzeichnet die Ge-
schlossenheit dieses besonderen Bezir-
Bild 5: Kopfkissenbezug aus den Vierlanden. (Niedersächsisches Volkstumsmuseum, Hannover.) kes deutlich und hebt in der Umgren-

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Bild 7: Bemalte Mützenschachtel. Bild 8: Innenseite eines Klemmeisens aus Niedergörsdorf,


(Bomann-Museum, Celle.) Kreis Jüterborg-Luckenwalde. 1872. Privatbesitz.

zung ausdrücklich vier bastionsartige Menschenpaares, das hier durch den be- neunsprossigen des Stickmustertuches
Ecken hervor, die Schutz- und Ein- gleitenden Spruch deutlich als Liebes- besonders bemerkenswert sind.
gangsstellen dieser anderen Welt. paar gekennzeichnet ist.
Zwei Bäume treten uns
Die Umformung alten Geistesgutes in Häufig tragen brandenbur- aber auch in Verbindung
christlichem Sinn zeigt die Darstellung gische Klemmeisen, Ku- mit der Hochzeit entge-
auf einem Kopfkissenbezug aus den chenformen, die der Berei- gen. Vor schwedischen
Vierlanden (Bild 5). Das Menschenpaar tung des Fasnachtsge- Hochzeitshäusern wurden
hält ein Herz, aus dem ein Dreisproß bäckes dienen, links und in Uppland zwei mit die-
wächst. Zu den Seiten sind in der glei- rechts von einem Mittel- sem grünen Laub um-
chen Anordnung, in der sich sonst die stück je einen Baum (Bild wickelte Stangen aufge-
paarigen Vögel finden, zwei gegenstän- 8). Ausgesprochene Men- stellt (Bild 9). Die Spitzen
dige Engel angebracht. Diese zeigen in schendarstellungen sind dieser Bäume waren mit
der Haltung und in der Mitführung der mir hier in den Mittelfel- Kronen oder mit Sonnen-
Palmwedel die typische Form der be- dern noch nicht begegnet, darstellungen besetzt12.
kannten Segens- und Kinderbringer- doch weist der Spruch auf Letztere entsprechen den
engel, die in zahlreichen billigen einem solchen Eisen aus halben Sonnen an nieder-
Drucken Verbreitung gefunden haben. dem Fläming: MIN sächsischen Hausfronten,
Trotz dieser fremden Züge wird das HARTE UND DÜN niederbayerischen13 und
Motiv der überlieferungsgebundenen HARTE IS EN KLÜT- egerländer Hoftoren14, auf
Darstellung völlig eingefügt, so daß der KEN deutlich auf Mann brandenburgischen Oster-
Gesamtausdruck der gleiche bleibt. und Frau hin, an deren eiern, Dachziegeln15 und
3. Sahen wir bisher das Menschenpaar Stelle hier dieser Spruch anderen. – Diese Hoch-
zu den Seiten des Baumes, so tritt uns in gesetzt ist. zeitsmaien vor den schwe-
einer weiteren Gruppe eine Art Um- Auf dem Stickmustertuch dischen Häusern finden
kehrung entgegen, bei der Mann und (Bild 2) und auf dem auch Parallelen in
Frau das Mittelstück der Darstellung bil- Schrank (Bild 6), die das Bild 10: Hölzerne Backform Deutschland, wo z. B. im
den, während sich links und rechts je ein Menschenpaar mit der aus Luckenwalde. Schwarzwald gleichfalls
Baum befindet. Wiederum sind es vor Schlange am Baum zeig- zwei Bäume, Tannen, an
allem Backformen und Mützenschach- ten, befinden sich gleichfalls zwei stark denen weiße Bänder hängen, vor dem
teln, die das Motiv zeigen. hervorgehobene Bäume, von denen die Hochzeitshaus stehen16.
Wie auf den oben behan- Es erhebt sich nun die
delten Darstellungen (Bil- Frage, warum diese zwei
der 2 und 4) finden wir Bäume in Verbindung mit
auch hier (Bild 6) dem Menschenpaar er-
zunächst das Menschen- scheinen. Um eine orna-
paar in einem geschlosse- mentale Dekoration han-
nen Rahmen, und es sind delt es sich bei dieser Mo-
gleichfalls die vier Ecken tivgestaltung ebensowenig
betont herausgestellt. wie bei der Darstellung
Mann und Frau halten ge- des Menschenpaares zu
meinsam einen Kranz; zu den Seiten des einen Bau-
den Seiten befindet sich je mes. Daß im vorliegenden
eine Pflanze, die der zeit- Fall eine Lebensbaumdar-
genössischen Ausgestal- stellung vorliegt, wird aus
tung des Gesamtbildes dem Kucheneisen ersicht-
entsprechend belebt ge- lich, dessen beide Bäume
zeichnet ist. in Gefäßen stehen, so daß
Auf der Mützenschachtel ausdrücklich auch auf das
(Bild 7) zeigen sich diese Lebenswasser hingewie-
Pflanzen in klarer Baum- Bild 9: „Bröllopstänger“ (Hochzeitsstangen) aus Rosslagen, Schweden. sen ist. Dazu kommt, daß
form zu den Seiten des (Nach „Uppland i Nordiska Museet“, Stockholm 1926, Abb. 111.) diese Klemmeisen zur

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gemeinsame Darstellung Darstellungen des Men-


des Menschenpaares mit schenpaares sind uns
den beiden dazugehören- schon aus der Bronzezeit
den Bäumen betont wird. bekannt20. Sie haben mit
Vor dem Hochzeitshaus den Werken der Volks-
können selbstverständlich kunst die klare ruhige
nur die beiden Bäume ste- Haltung gemein, in der
hen, die aber zu den Seiten Mann und Frau dem Be-
der Tür angebracht sind, schauer entgegentreten.
durch die das Brautpaar in Das Menschenpaar wird
das Innere des Hauses ge- überall als große Einheit
langt. empfunden, in der beide
4. Sahen wir in den bisher Teile völlig gleichwertig
behandelten Darstellun- nebeneinander stehen.
gen das Menschenpaar al- Nirgendwo tritt eine Vor-
lein, zu den Seiten eines rangstellung des Mannes
Baumes oder als Mittel- hervor; die gemeinsame
stück zwischen zwei Bäu- Trägerschaft des neuen
men, so tritt uns in einer kommenden Lebens ver-
weiteren Gruppe das Men- bindet die beiden Teile
schenpaar im Baum entge- zu einem geschlossenen
gen. Ganzen.
Auf dem bereits mehrfach 5. Seit dem Mittelalter
erwähnten sehr motivrei- macht sich aber auch ein
chen Stickmustertuch anderes Denken be-
(Bild 2) sehen wir, daß merkbar. An die Stelle
Mann und Frau nicht nur der natürlichen Gemein-
Bild 11: Herrad von Landsberg, Hortus neben dem großen Haupt- schaft tritt nunmehr
deliciarum: Paradies. (Nach Josef Strzygowski, baum, sondern jeder noch ein Untertanenverhältnis
Spuren indogermanischen Glaubens, in einem Einzelbaum ste- zwischen Mann und
Heidelberg 1936, Abb. 193.) Bild 13: Holzplastik. Orslev-
hen. Diese Darstellung ist Kirche, Skelskr, Dänemark. Frau, deren Stellung zu-
keinesfalls eine Sonderer- Um 1300. (Nationalmuseum, einander im Sinn der ori-
Aussteuer der Braut gehören17, also mit scheinung. Auf einer bran- Kopenhagen.) entalischen Auffassung
der Hochzeit im Zusammenhang ste- denburgischen Backform beeinflußt wird. Ein
hen, ähnlich wie die Mützenschachteln. (Bild 10) finden wir Mann und Frau im Wort der syrischen „constitutiones apo-
Es muß also den Baumdarstellungen neunten Sproß eines Baumes. Hier han- stulorum“21 wird mehr und mehr gera-
auf diesen Gegenständen ein Sinn inne- delt es sich wiederum um eine Form für dezu Leitgedanke für die Beurteilung
wohnen, der mit den Hochzeitsmaien das Weihnachtsgebäck, so daß diese des Verhältnisses der beiden Ge-
vor den Brauthäusern übereinstimmt. Darstellung im Zusammenhang mit schlechter: „Ihr Weiber seid untertan
Es scheint mir, daß die Herausstellung dem Brauchtum der Jahreswende und euren Männern und haltet sie in Ehren,
von zwei Bäumen auf Mann und Frau der Lebenserneuerung steht. und mit Furcht und Liebe dient ihnen,
hinweist, deren Leben und Schicksal
nunmehr zusammengeht, was durch die In Verbindung mit den Darstellungen wie die ehrwürdige Sarah den Abraham
des Menschenpaares im Baum müssen ehrte, welche ihn nicht einmal beim Na-
solche genannt werden, die auf die Her- men anzureden wagte, sondern ihn Herr
kunft der Kinder aus einem Baum ver- nannte.“
weisen. Schon im Hortus deliciarum der Dem Norden ist dieses Denken völlig
Herrad von Landsberg (Bild 11) begeg- fremd, das erst durch die aus dem Süden
net uns ein dreisprossiger Baum, dessen
Sprossen jeweils einen Kinderkopf um-
schließen. Auf einen brandenburgi-
schen Hausspruch von 1776 n. ü. Ztr.
hängen in dem Baum zahlreiche
Wickelkinder18. Eine sinnesverwandte
Darstellung zeigt eine hölzerne Back-
form aus Elbing (Bild 12). Hier steht
eine Frau am Baum, welcher eines der
im Baum hängenden Wickelkinder in
die ausgebreitete Schürze fällt.
Diese Bäume umschließen das Leben.
Damit findet eine Auffassung ihren
Ausdruck, die uns bereits in dem Ge-
spräch Odins mit dem Riesen Vafthrud-
nir entgegentritt, in welchem es heißt19:
Lif und Lifthasir,
ihr Leben bargen sie
im Holze Hodmimirs;
Morgentau
Bild 12: Hölzerne Backform aus Elbing. wird ihr Mahl dort sein; Bild 14: Teil einer barocken Heiligenfigur aus
(Museum Elbing.) sie pflanzen die Völker fort. der Umgebung von Würzburg.

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kommende Priesterschaft ein- ten, daß dagegen das mit der


geführt wurde. In der kirchli- Hochzeit und mit dem Tod zu-
chen Kunst Deutschlands und sammenhängende Sachgut
Skandinaviens haben diese un- diese Darstellungen sehr häu-
germanischen, orientalischem fig trägt. Das bedeutet nun
Denken verbundenen Auffas- nicht, daß in der Kindheit und
sungen wiederholt ihren Nie- in der Burschen- und
derschlag gefunden. Bild 13 Mädchenzeit der Baum be-
zeigt eine dänische Holzplastik langlos sei oder überhaupt
aus der Zeit um 1300 n. ü. Ztr. nicht erscheine. Im Gegenteil,
und Bild 14 gibt den Ausschnitt er ist sogar recht oft zu finden,
aus einer barocken Heiligenfi- doch verdichtet sich sein Vor-
gur aus der Gegend von Würz- kommen in diesem Lebensal-
burg. Beide Darstellungen las- ter vor allem auf das von den
sen die Verrohung erkennen, Kindern und von der Jugend
die nunmehr in dem Verhältnis getragene Brauchtum.
zwischen Mann und Frau Weit bekannt, wenn auch in
durchgedrungen war. der Verbreitung noch keines-
Diese Plastiken könnten gera- wegs klargestellt, ist die Sitte,
dezu als eine Illustration zu bei der Geburt eines Kindes ei-
dem Worte Mohammeds ange- nen Baum zu pflanzen. Dieser
sehen werden: „Das Paradies Baum gilt als Schicksalsbaum,
der Frau ist unter den Fußsoh- sein Gedeihen und Vergehen
len ihres Mannes.“ Bild 15: Bemalte Schützenscheibe. 1734. (Museum Bad Reichenhall.) fällt mit der Entwicklung des
Leider finden sich auch verein- zu ihm gehörenden Menschen
zelt Darstellungen dieser Geistesart in 2. Der Baum im Brauchtum zusammen.
der bürgerlichen und bäuerlichen und Sachgut des Lebenslaufes Vielfach zeigt das Brauchtum der
Kunst. Eine Schützenscheibe aus Rei- Frühlingszeit eine Verbindung von
chenhall vom Jahre 1731 n. ü. Ztr. (Bild Aus zahlreichen Erscheinungsformen Kind und Baum. Als Beispiel sei das
15) trägt die Inschrift: „Ein Jeder Mann des Jahreslaufbrauchtums ist der Baum Brunnenreinigen in der Pfalz erwähnt,
der sein Weib die Hautt abziegt Von bekannt. Nichts erscheint daher natürli- in dessen Verlauf die „Bornmädchen“
Stundt auff in den Himmel fligt.“ In cher als die Vermutung, ihn auch in dem auf jeden Brunnen ein bänderge-
neun Bildern wird gezeigt, wie der Brauchtum anzutreffen, das mit dem schmücktes Bäumchen stecken. Hierin
Mann durch Prügel sein ungehorsames Lebenslauf verbunden ist. Denn beides kann man m. E. nicht das Absinken ei-
Weib zur Vernunft bringt, das sich zum Brauchtum ist aus den gleichen geisti- nes ehemals von Erwachsenen geübten
Schluß für die ihm erwiesene „Wohltat“ gen Voraussetzungen entstanden und Brauches zu einer Kinderspielerei er-
kniefällig bedankt. Diese Darstellung wird von den gleichen Menschen getra- blicken. Vielmehr erscheint es mir
entspringt einer ausgesprochen unwür- gen. durchaus sinnentsprechend, daß das
digen Denkungsart, die dem germani- Überblickt man den Lebenslauf in der Kind, der Träger der jungen Lebens-
schen Menschen von Haus aus fremd ist üblichen Reihenfolge Geburt – Hoch- kraft im Frühling, in der Zeit der erwa-
und die deshalb glücklicherweise auch zeit – Tod, zeigt es sich, daß Sachgüter, chenden Natur mit einem Brunnen-
nur in beschränktem Maß Eingang in die durch eine Baumdarstellung ausge- brauch, also mit dem Quellwasser selbst
die bäuerliche Lebens- und Darstel- zeichnet sind, in dem ersten Lebensab- in Verbindung steht, und daß es so als
lungswelt gefunden hat. schnitt des Menschen kaum hervortre- Sinnbild des Wachstums und der Le-

Bild 16: Der „Rosenbaum“ im Umzug der ledigen Jugend am Rosenbaumfest zu Schenkendorf, Bild 17: Kesselhaken aus Thedinghausen an der
Kreis Teltow. 10. Juli 1938. Weser. 1792. (Städt. Museum, Braunschweig.)

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Sommersonnenwende. Auch dieses


wird von der ledigen Jugend getragen.
Der mit Rosen durchsetzte Baum bildet
den Kern eines festlichen Umzuges um
das Dorf, zum Segen für Mensch und
Flur (Bild 16).
Den größten Umfang nehmen die
Baumdarstellungen auf den mit der
Hochzeit im Zusammenhang stehen-
den Sachgütern ein. Hierbei handelt es
sich vorwiegend um Stücke der Aus-
steuer und um Minnegaben. Diese
Geräte und Gegenstände gehören zu
den wichtigsten Trägern von Sinnbil-
dern. Unter ihrer Fülle fällt die klare
Zeichnung des Lebensbaumes beson-
Bild 18: Oberteil eines Schwingbockes aus der ders auf, der geradezu als eines der Leit-
Umgebung von Celle. (Bomann-Museum, Celle.) motive der sinnbildlichen Ausgestal-
tung dieser Arbeiten gelten kann.
benskraft den Baum mit sich führt und Die Ausführung der Lebensbaumdar-
auf den Brunnen setzt. stellung auf diesen Gegenständen ist
In der gleichen Richtung liegt das sehr verschieden. Doch handelt es sich Bild 20: Mädchengrab mit vier „Kassen“ aus
Auschmücken brandenburgischer bei diesen Abweichungen nur um un- Samleben, Braunschweig. Vor 1900.
Dorfkirchen durch die Konfirmanden tergeordnete Unterschiede, die teils
am Tage der Konfirmation. Diese stel- durch die bearbeiteten Materialien und auch die übrigen Aussteuergegen-
len vor den Türen der Kirche Bäum- die angewandten Techniken bestimmt, stände sind so eng mit der Hochzeit und
chen aus dem immergrünen Wacholder teils aber auch durch Einwirkungen des der Gründung eines neuen Hausstandes
auf und schmücken diese mit weißen zeitgenössischen Kunststiles hervorge- verbunden, daß es ganz selbstverständ-
Papierblumen. rufen sind. Das Klemmeisen (Bild 8) lich erscheint, auf diesen Dingen das
zeigte strenge klare Formen, während Sinnbild des Lebensbaumes anzubrin-
Vielerorts sind die heiratsfähigen Bur- der in Bild 17 wiedergegebene Kessel- gen.
schen und Mädchen Träger eines haken den Lebensbaum in der anmuti-
Brauchtums, in dessen Mittelpunkt der Was hier auf die Stücke der Aussteuer
gen Art des ausgehenden 18. Jahrhun-
Baum steht. So ist es im Kreis Teltow in der Braut zutrifft, bezieht sich in glei-
derts trägt. Dazu paßt sich die Zeich-
der Mark Sache der ledigen Dorfju- chem Maße auf die Minnegaben, die
nung dieses Sinnbildes in beiden Fällen
gend, einen Kronenbaum herzurichten. Geschenke der Burschen an ihre
der Formgebung des Gerätes stark an.
Die Burschen und Mädchen kommen Mädchen. Zu diesen Minnegaben ge-
Dies tritt auch besonders deutlich auf
zu nächtlicher Stunde zusammen und hören besonders Mangelbretter, Spinn-
dem Schwingbock (Bild 18) in Erschei-
bilden aus frischem Eichenlaub den wockenstäbe und -aufsätze, Binde-
nung, in dessen zum Pferdehals geboge-
Baum, der am nächsten Tag beim Ring- stöcke, Nadelkästen und andere Geräte
nen Oberstück der Lebensbaum einge-
reiten als Sinnbild des Lebens neben aus Holz.
fügt ist.
dem Strohmann, dem Sinnbild des Ver-
gehenden, auf dem Festplatz des Dorfes Diese äußeren Unterschiede sind für
steht. die inhaltliche Bedeutung der Darstel-
lungen ohne Belang, denn die entschei-
Gleichfalls in der Mark Brandenburg denden Motivteile, ein mehrsprossiger
beheimatet ist das Rosenbaumfest zur Baum und ein Gefäß, in dem dieser
steht, sind jeweils vorhanden.
Die drei Geräte, der Kesselhaken, der
Schwingbock und das Klemmeisen22
gehören in den Gebieten ihres Vorkom-
mens zur Aussteuer der Braut. Die Be-
deutung des Kesselhakens ist nament-
lich in Niederdeutschland weit über die
eines Gebrauchsgegenstandes hinaus-
gegangen und hat ausgesprochen sym-
bolische Formen angenommen23. Ge-
rade der Kesselhaken wirkt als ein heili-
ges Zeichen der Sippe; der Braut wurde
in Westfalen der Kesselhaken überge-
ben. Braut und Bräutigam reichten sich
ihre Hände über dem Kesselhaken und
bekräftigten so am Herdfeuer den Bund
für das Leben.
Was ist natürlicher, als daß ein Gerät
von dieser hohen Bedeutung mit dem
Lebensbaum als Zeichen des Wachsens Bild 21: Eisernes Grabkreuz aus Astfeld,
und Gedeihens versehen wird. Aber Braunschweig, 1840. (Landesmuseum
Bild 19: Teil eines Mangelbrettes aus Guben. nicht nur die Kesselhaken, sondern Braunschweig.)

54 Nordische Zeitung 3, 73. Jg. / 3805 n. St.


umbruch_3/05 05.07.2005 23:15 Uhr Seite 55

Bild 19 zeigt die Teilansicht ei- ren Ehe acht Söhne und drei
nes Mangelbrettes mit einer Töchter erwachsen sind. Von
schönen dreizehnsprossigen diesen sind zwei Söhne und
Lebensbaumdarstellung. An eine Tochter vor der Mutter
Stelle des sonst üblichen Hen- gestorben. Sie alle sind als
kelgefäßes ist hier ein Herz ge- Blüten an einem Baum dar-
treten, dem die gleiche Bedeu- gestellt, die Männer durch
tung als Behälter des Lebens- Tulpen, die Frauen durch Ro-
wasser und der Lebenskraft sen. Während die Lebenden
zukommt. In dem Herzen be- durch aufwärts gerichtete Blü-
finden sich hier drei Kreuze, in ten gekennzeichnet sind, wer-
denen eine Andeutung für die den die Toten durch geknickte
Lebenskreise von Mann, Frau Blüten hervorgehoben.
und Kind erblickt werden, So finden wir den Baum als
möglicherweise aber auch ein Sinnbild des Lebens, des auf-
Hinweis auf die drei heiligen steigenden und vergehenden
Frauen, die Nornen angenom- im Lebenslauf des Menschen
men werden könnte, deren von der Geburt bis zum Tod.
Kennzeichnung als Schick- Er ist Ausdruck eines Den-
salsfrauen im Zusammenhang kens, das jung und alt, das Ent-
mit einer sinnbildlichen Dar- Bild 22: Niedersächsische Ofenplatte. Um 1620. stehen und das Wiederverge-
stellung auf einem Hochzeits- (In den Museen zu Braunschweig, Celle, Brandenburg/Havel.)
hen im naturgegebenen Zu-
geschenk durchaus am Platze sammenhang umfaßt und das
wäre. Die gleiche Motivgestaltung se- DANNENBAVM ER BREITE SICH in dem sich immer wieder erneuernden
hen wir auf der wesensverwandten Dar- AVS WIE EIN PFAVE ER GRVNTE Baum ein Sinnbild der ewigen Substanz
stellung des aus dem Herzen sprossen- WIE EIN LORBERBAVM ICH erblickt, die die Kräfte für das neue
den Lebensbaumes auf dem bereits er- GIENG WIEDER VORVBER VND Werden enthält.
wähnten niedersächsischen Kopfkis- SAHE DOHIN SIEHE DO WAHR
Dr. Ernst Otto Thiele
senbezug (Bild 5). EHR DOHIN DO WAHR ER
Eine recht beachtliche Baumdarstel- DOHIN. Anmerkungen:
lung zeigten, etwa bis zur Jahrhundert- Neben dem Mann steht: 1 E. O. Thiele, Sinnbild und Brauchtum, Potsdam
wende, Gräber in der Braunschweiger QVODLVBET LICET 1937, Abb. 146–149.
und Holzmindener Gegend. Vier „Kas- und die Frau sagt: 2 Desgl. Abb. 143.
sen“ oder „Fackeln“ wurden bei der Be- ES IST NOCH VORABENT. 3 Z. B. auf einer Hochzeitsschüssel aus Issum (Deut-
erdigung dem Sarg vorangetragen und sche Volkskunst, Band III, Die Rheinlande, Mün-
dann auf das Grab gesteckt (Bild 20). Das heißt, er, der „Übermütige“, hat chen 1924, Abb. 129).
Die Bäumchen stehen an den vier nach dem Grundsatz „was gefällt, ist er- 4 K. v. Spieß, u. a. in: Bauernkunst, ihre Art und ihr
Ecken des Grabes und betonen dadurch laubt“, die Ehre der Frau angegriffen Sinn, Berlin 1935, S. 44.

die Umgrenzung eines nach den Him- und liegt nun tot am Boden. Über ihm 5 Die Edda, übertragen von Felix Genzmer II S. 76.
melsrichtungen orientierten Bezirkes, liegt sein zerbrochener Lebensbaum. 6 Snorri Edda, Gylfis Betörung, 26 (Thule XX, Jena
1925, S. 74).
ähnlich den vier bastionsartigen Ecken Eine wesensverwandte Darstellung des
7 Hans Strobel, Bauernbrauch im Jahreslauf, Leip-
in der „Paradiesszene“ auf dem norwe- Lebensbaumes findet sich auf einem zig 1936, Abb. zu S. 69. – Oskar v. Zaborsky, Urvä-
gischen Schrank (Bild 4). friesischen Grabstein von der Insel Föhr ter Erbe, Leipzig 1936, Abb. 281 und 288.
Vielfach finden sich auch heute noch (Bild 23). Der Stein gilt einer Frau, de- 8 Siegfried Lehmann, Niedersächsische Stick-
schmiedeeiserne Grabkreuze, nament- mustertücher, Hannover 1936, Abb. 1, 4, 58, 59.
lich auf dörflichen Friedhöfen, die mit 9 O. v. Zaborsky, a. a. O., Abb. 283–285 (aus Ost-
preußen).
Kreuzen im herkömmlich kirchlichen
10 Fr. Langewiesche, Sinnbilder germanischen Glau-
Sinn nichts rechtes zu tun haben (Bild bens, Eberswalde 1935, Abb. 166.
21). Sie gleichen vielmehr in ihrem 11 S. Lehmann, a. a. O. Abb. 66.
mehrsprossigen Aufbau Bäumen und 12 Uppland i Nordiska Museet, Stockholm 1926, S. 81.
zeigen in der Verwendung von Rad-
13 K. Th. Weigel und S. Lehmann, Sinnbilder in Bay-
kreuz, Sechsstern und Spirale ihr Zu- ern, Berlin 1938, Abb. 4, 9, 28.
gehören zu einer überlieferungsgebun- 14 Bruno Schier, Der germanische Einfluß auf den
denen Darstellungswelt, für die auf das Hausbau Osteuropas. In: Haus und Hof im nordi-
Grab des Toten der Baum in gleicher schen Raum, Leipzig 1937, Abb. 14.
Weise gehört, wie er bei allen anderen 15 E. O. Thiele, a. a. O., Abb. 30, 31 bzw. 17–20.
wichtigen Einschnitten des Lebens in 16 H. Retzlaff, Volksleben im Schwarzwald. Berlin
Erscheinung getreten war. 1937, Abb. 70.
17 E. O. Thiele, a. a. O., S. 57.
Wie stark mit dem Baum die Bedeutung
18 Desgl. Abb. 128.
des Lebens- und Schicksalsbaumes ver-
19 Thule II, Vafthrudnismal, 45.
bunden ist, wird aus der Darstellung auf
einer eisernen Ofenplatte aus Nord- 20 Herm. Schneider, Germanische Religion, Leipzig
1934, Tafel XI 4 (nach L. Baltzer, Hällristningar
westdeutschland ersichtlich (Bild 22). från Bohuslän, I).
Im Mittelpunkt des Bildes sieht man ei- 21 Elfriede Gottlieb, Die Frau ihn der frühchristli-
nen Mann und eine Frau und über ihnen chen Gemeinde, Berlin 1927, S. 21 (Constit. apost.
die Inschrift: VI 29).
22 E. O. Thiele, a. a. O. S. 57.
ICH GIENG FVRVBER VND SAHE 23 Paul Sartori, Westfälische Volkskunde, Berlin
EINEN VBERMVTIGEN DER 1922, S. 93. – Adalbert Kuhn, Märkische Sagen und
WVCHS IN DIE HÖHE WIE EIN Bild 23: Grabstein von der Insel Föhr. 1839. Märchen, Berlin 1937, S. 361.

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Die römische Welt


Es liegt nicht im Sinne dieser Arbeit, die
„Bekehrung“ einzelner Germanen, die
Die Chriyianisierung
als Soldaten, als Gefangene oder Gei-
seln im weiten Römerreich zerstreut
waren, zu beleuchten; es besteht auch
der Goten
nicht die Absicht, die christliche Mis-
sion unter abgesprengten und politisch Teil 1
unselbständigen germanischen Volks-
teilen zu untersuchen. Hier liegen die Das Christentum trat den Germanen als Helme in der Sonne, übten auf den
Gründe für den Erfolg dieser „Bekeh- ein Teil der römischen Kultur entgegen. schauenden Germanen dieselbe Wir-
rung“ zu offensichtlich. Sie sind allge- Das war eine Mischkultur aus aller Her- kung aus wie der ungeheure Pomp, den
mein menschlich und bestehen einer- ren Länder. Mit den Resten altrömi- die christliche Kirche in kluger Absicht
seits in der Neigung, sich der Umgebung schen Pflichtgefühls und altrömischer bei der Taufe des Frankenkönigs Chlo-
anzupassen, besonders dann, wenn Staatsauffassung im Beamtentum dowech verwandte. In Wirklichkeit hatte
diese an Bildung, Wissen und Gebaren paarte sich die orientalisch-despotische diese Kultur ihre Tiefe, die Einheit ihres
höher zu stehen scheint, andererseits in Kaiseridee, die die Proskinesis (1) ver- Wesens verloren. Sie war Schale, aber
dem geringen Widerstand, den vom langte; zu dem ausgeklügelten Dog- sie leuchtete. Die Männer jener Legion
Volkstum und Heimatboden losgelöste mengebäude griechischer Philosophie waren nicht mehr die römische Jugend
Menschen dieser Umgebung zu bieten gesellten sich mystisch schwärmerische zur Zeit Catos, sondern zusammenge-
vermögen. Dazu kam jene germanische Kulte aus Ägypten und Persien. Noch würfelt aus allen Provinzen des Mittel-
Untugend, die die Lehre einer zweitau- leuchteten die herrlichen Bauten des meeres, Mauren aus Nordafrika, semiti-
sendjährigen Geschichte noch nicht hat Mnesikles auf dem Akropolisfelsen un- sche Syrer und hispanische Kelten.
ausrotten können: die eigene Art, Sitten ter dem blauen Himmel Griechenlands, Aber mit dem stolzen Adler, der ihr vor-
und Brauchtum minder zu achten und aber unter den Menschenherzen zu sei- angetragen wurde, schritt die Erinne-
blind zu sein gegen die Gefahr der Auf- nen Füßen machten sich Knechtsgedan- rung an tausend Siege in allen Teilen der
nahme fremden Wesens. ken breit, die Schönheit eitlen Tand, Welt. Die spätrömischen Dichter wie
So war es im letzten Grunde die geistige Heldentum Sünde, und Mannesstolz Claudian waren an Gedankentiefe nur
und territoriale Trennung vom großen Hoffart nannten. lächerliche Nachahmer der klassischen
germanischen Lebenskreis, die der Ver- Zeit, und doch fehlte auch ihnen nicht
römerung und damit der Annahme ei- In dieses Chaos hatte sich das aus Vor- die stolze Gebärde und der tönende
nes Fremdglaubens den Boden berei- derasien kommende Christentum ein- Schwung der Sprache.
tete. Der Ubier, der Tunika und Toga gedrängt, hatte neue Lehren der jüdi-
trug, das römische Hemdgewand, „in schen Seele, aus der es entstammte, mit- Es wird von Geschichtsbetrachtern oft
der man das Schwert nicht ziehen gebracht, diese aber auf seinem langen der Fehler begangen, die römische Kul-
konnte“, wie die Goten spöttisch sag- Missionswege mit Ideen seiner helleni- tur jener Zeit als durch und durch ver-
ten, war germanischem Wesen ebenso stisch-römischen Umgebung innig ver- fault zu betrachten. Das Faule lag nicht
verloren wie der germanische Legionär, schmolzen. Im Anfang gestützt auf den im Einzelnen, sondern im Zusam-
der inmitten römischer Sklaven in den großstädtischen Pöbel und damit die menklingen von Erhabenem und
Katakomben vor dem christlichen Prie- politische und geistige Autorität revolu- Knechtischem, von Askese und wildem
ster kniete. Hier war die „Bekehrung“ tionär unterwühlend, hatte es sich nach Sinnengenuß, von der Freiheit des Ide-
das letzte Siegel, der entscheidende Ab- seinem Siege geschickt umgestellt, den alismus und engster geistiger Despotie.
schluß einer seelischen Lösung, die Staat als willkommenen Helfer für seine Die Kultur entsprach damit dem Bluts-
lange schon vorausgegangen war. Die Pläne benutzt und als Staatsreligion in gemisch jenes Völkerbreies. Wer emp-
Folge dieser Trennung vom eigenen jener Zeit, in der die großen „Bekeh- findet nicht die seltsamen Gegensätze
Glauben war, daß die meisten Germa- rungen“ der Germanenvölker began- jener Zeit? Dem Schakal auf dem Kai-
nen im Völkergemisch des Weltreichs nen, den reinen Herrschaftsgedanken in serthron, Konstantin, der fast alle seine
untergingen. Es ist unzweifelhaft, daß immer schärferer Form vertreten. Die- Verwandten heimtückisch ermorden
die Verluste, die das Germanentum da- ser Machstandpunkt verlangte im Ge- ließ und dennoch von der Kirche den
durch erlitten hat, Hunderttausende gensatz zu der mehr als ärmlichen Beinamen „der Große“ erhielt, folgte
von Volksgliedern betrug. Wiege dieser Religion auch äußerlich bald darauf der edle und kriegstapfere
Glanz und Pomp, eine aus den Massen Julian, der „letze Römer“.
Nicht mit diesen Fragen soll sich die Ar- herausgehobene Hierarchie, verlangte
beit beschäftigen, sondern mit der „Be- Kirchen, die mit den Tempeln der An- Das Wesen dieser seltsamen Kultur ha-
kehrung“ der großen Völkerwellen, die tike wetteifern konnten, ja sie übertref- ben weder Römer noch Germanen in je-
im 3. und 4. Jahrhundert aus dem ger- fen sollten, endlich ein Auftreten der ner Zeit empfunden. Rom glaubte an
manischen Kernraum des Nordens ge- höheren Priester, das seinen Eindruck seine Macht und kulturelle Überlegen-
gen Süden und Osten hervorbrachen auf die gläubigen Massen nicht ver- heit bis zum Untergang. „Barbaren“
und dort mit der Kultur Roms und dem fehlte. nannte man auch dann noch die blon-
Christentum zusammenstießen. Hier den Eroberer, als sie Kommandeure der
war der einzelne nicht mehr schutzlos So bot diese Kultur den Menschen, die Legionen waren und als Herren Italiens
fremden Einflüssen preisgegeben, hier zum erstenmal mit ihr in Berührung ka- die altrömischen Kunstwerke vor der
stand er auf dem Nährboden seines men, ein beinahe einheitliches Bild. Zerstörung durch die Römer schützten.
Volkstums. Es ist nach den Gründen zu Dieses Bild war Macht und Glanz! Die Prachtvolle Bauten entstanden in den
suchen, weshalb auch diese kraftvollen stolzen Bauten der oströmischen Städten, als die Goten die Grenzwälle
Völker dem Fremdglauben erlagen, da- Hauptstadt Byzanz mit ihren Tempeln an der Donau durchbrochen hatten, und
mit, nach großen geschichtlichen Lei- und Kirchen, dem weißleuchtenden Claudian begeisterte seine Landsleute
stungen, wie jene Einzelnen vom Schick- Marmor der Standbilder und Säulenhal- mit überschwänglichen Schilderungen
sal zerrieben wurden und, eine unge- len des Forums, eine in Reih und Glied der Siege seines Kaisers, die dieser nie
heure Tragik, spurlos verschwanden. ausgerichtete Legion, 8000 blitzende erfochten hatte.

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Aber auch die Germanen erkannten derfülle, die nur durch uralten Ge- genüber. Ein knechtisches Sichnieder-
Rom nicht in seinem Wesen. Sie sahen brauch in Dichtkunst und hoher Rede werfen, eine bedingungslose Unterord-
nur die leuchtende Schale, sahen Mar- zu erklären ist. Zwar fehlen gotische nung unter die Gottheit war dem Ger-
mor und Gold und ließen sich die Sinne Worte für Teufel, Schuldurkunde, Kir- manen undenkbar.
umnebeln von Weihrauch und Psalmen- che als Organisation, Kriegssold und Sein naturwaches Auge hatte auf See-
gesang. Dabei vergaßen sie ihr Heilig- Priester; aber wir werden dieses Fehlen fahrt und beim Ackerbau die kosmi-
stes, ihre Eigenart. Es ist erschütternd für die Höhe der gotischen Kultur nicht schen Gesetze zu durchdringen ver-
zu lesen, wie der große Theoderich seine allzusehr bewerten. sucht, lange, ehe die christliche Kirche
Goten ermahnt, sich das feinere römi- Wenn endlich Kirchenmänner ein alt- ein Forschen auf diesem Gebiete über-
sche Wesen und die römischen Wissen- germanisches Bauerntum bestreiten, so haupt zuließ. In der Bearbeitung man-
schaften anzueignen. Dieser kluge Fürst ist man im Zweifel, ob man sich mehr cher Metalle waren die Germanen den
eines der herrlichsten Völker, die diese über die Unwissenschaftlichkeit einer südlichen Völkern überlegen. Kunstge-
Erde betreten haben, glaubte mit sei- solchen Behauptung oder über das Ver- genstände der germanischen Bronze-
nem Volk eine Brücke zwischen römi- trauen auf die Leichtgläubigkeit der oder frühen Eisenzeit konnten an
schem und germanischem Wesen schla- Hörer wundern soll. Lehrt doch die Schönheit und künstlerischem Ge-
gen zu können, ein Ziel, das zum eignen Sprachforschung schon seit Grimm, daß schmack damals nicht übertroffen wer-
Untergang führen mußte. zu der ältesten gemeinsamen Schicht den. Ein einfacher Gebrauchsgegen-
der indogermanischen Sprachen Worte stand der Germanen, die Kleider-
Altgermanische Kultur wie „Pflug“, „Joch“ und die Bezeich- spange, drang schon um 1800 vor Be-
nung einer Anzahl von Getreidearten ginn unserer Zeitrechnung als nordi-
Die gotischen Völker, die im 3. und 4. gehören. Daß der Ackerbau die Haupt- sche Urfibel zu den Völkern des Südens.
Jahrhundert an den Ufern des beschäftigung der gotischen Männer
Schwarzen Meeres und im nördlichen war, beweist uns die gotische Sprache Zwei so verschiedene Kulturen, wie die
Balkan mit der römischen Welt in lange vor der Geburt des heiligen Bene- altgermanische und römische, in ihrem
Berührung kamen, werden heute noch dikt. Eine Fülle von bäuerlichen Be- Wert und ihrer Höhe aneinander mes-
von christlichen Theologen für kultur- zeichnungen tritt uns hier entgegen. Wir sen zu wollen, ist ein Versuch, der schei-
lose Barbaren gehalten. Was sie später erfahren aber noch mehr: manche aus tern muß. Wir können nur sagen, diese
an technischen Leistungen vollbrach- dem Bauernleben stammende Worte Kultur ist anders als jene, und wir kön-
ten: Schrift und Baukunst, Verwaltung haben im Sprachgebrauch eine allge- nen uns bemühen, diese Andersartig-
und staatliche Organisation, sei von Rö- meine Bedeutung erhalten. So heißt keit zu beschreiben. Es hat zu großen
mern übernommen; das innere sittliche vaurstwa zugleich der „Feldarbeiter“ Irrtümern geführt, daß unsere römisch
Werden, also die eigentliche Kultur, sei und der „Arbeiter“ überhaupt, und geschulten Humanisten in den germani-
dem Christentum allein zu danken. bauan bedeutet „das Feld bestellen“ schen Wäldern nach steinernen Bau-
und zugleich „wohnen“. denkmälern suchten, und, als sie nichts
Ein katholischer Kirchenfürst, der vie- fanden, ihren Ahnen die Kunst des Bau-
len Deutschen heute noch als Autorität Die Germanen der Völkerwanderung ens abstritten. Wir sehen diese Tatsa-
gilt, geht noch einen Schritt weiter: er waren wandernde Bauernvölker im chen heute mit anderen Augen an. Der
will den vorchristlichen Germanen auch wahrsten Sinne. Immer wieder klingt Baustoff des Nordens war das Holz, das
den Ausgangspunkt aller Kultur, den der Schrei nach Land zum Siedeln durch vergänglich ist, wenn Steine bleiben.
Ackerbau, aberkennen. Erst der heilige die Verhandlungen mit den römischen Einzelne Funde aber und Schilderun-
Benedikt und seine Jünger hätten sie Kaisern. Neu erworbenes Land wird so- gen der Sagas von stolzen Bauernhäu-
darin unterwiesen. Hier hat die vorge- fort unter den Pflug genommen. So sern und Fürstenhallen, die mit bemal-
faßte Meinung, die im Christentum das blühte das durch römische Mißwirt- ten Holzreliefs aus der Göttersage ge-
schlechthin Schöpferische, Einzigartige schaft verwüstete Bauernland Italiens schmückt waren, weisen auf hohe
und Unübertreffliche sieht, den Blick unter der Hand ostgotischer Bauern Fähigkeiten nordischer Baumeister und
getrübt und die Erkennung einer wieder auf. Künstler hin. Oder ist deshalb ein Volk
schlichten geschichtlichen Wahrheit un- an Gesittung tieferstehend, weil sein
Die Kultur jener Völker war deshalb
möglich gemacht. Recht „ihm eingeboren ist“, es deshalb
eine echte Bauernkultur, aber die Kul-
Ist es denn denkbar, daß schon im 3. tur nordischer Bauern. Neben der keines Gesetzbuches bedarf, während
Jahrhundert ein großer Teil des römi- Pflugschar lag das Schwert. Es genügte andere Völker ihre Gesetze auf Stein
schen Weltreiches mit Hunderten von ihnen nicht, in stumpfer Beharrlichkeit und Pergament geschrieben haben?
ummauerten Städten, mit den bestbe- dem kärglichen Boden jahraus, jahrein Die Kultur der germanischen Bauern-
waffneten Soldaten der Zeit, mit einer die bescheidene Ernte abzuringen. völker entsprang aus tiefstem germani-
Tradition der Kriegführung, wie sie bei- „Der Germane war immer aufbruchbe- schen Wesen, darum war sie eine hohe,
spiellos in der Geschichte ist, von einer reit“ (Neckel). Sein Denken war frei für sie hochstehend. Sie war jung, nicht
Horde von Wilden, die wahrscheinlich und in die Weite greifend. Wer gestern an Jahren - an Alter stand sie anderen
nur notdürftig in Bärenfelle gekleidet Bauer war, ist heute Seemann und wird gleich -, aber an Frische, Kraft und Ent-
waren, einfach über den Haufen ge- morgen Krieger sein. Diese Vielseitig- wicklungsmöglichkeit. Auch hierin ent-
rannt wurde? In jener Zeit wimmelte keit nordischen Wesens können die sprach sie dem weitschauenden nordi-
das Schwarze Meer von gotischen Se- nicht begreifen, die nicht das Blut jener schen Wesen. Die Kultur des Römerrei-
gelschiffen. Die hohe Kunst des Schiff- Goten mehr in sich fühlen. ches in jenen Jahrhunderten entsprang
baues und der Nautik war ja jahrhun- Dabei war der germanische Bauer eine dem Gemisch der Völker, die die Gren-
dertelang schon in den nordischen Mee- in sich ruhende Einheit. Sein Gott- zen des Imperiums bewohnten. Ihr ent-
ren gepflegt worden. Sollte das, was da- glaube und sein Handeln, seine Weltan- sprach als Teil des Ganzen die synkreti-
mals die christlichen Römer erstaunen schauung und Sitten waren eng mit sei- stische Religion (Harnack), die seit
machte, nicht auch jene deutschen nem Wesen verbunden. Wie der ausge- Konstantin „dem Großen“ zur einzig
Theologen nachdenklich machen? prägte Ehrbegriff die Beziehungen der herrschenden geworden war. Sie bot je-
Die gotische Sprache in der Bibelüber- Sippen und ihrer Glieder untereinander dem Volk im Reiche und jedem Stand
setzung des Ulfilas zeigt eine Gewandt- regelte, so war die Ehre auch Richt- das, was er suchte: den Massen der Skla-
heit, einen Wortreichtum und eine Bil- schnur des Verhaltens den Göttern ge- ven wie dem machtlüsternen Adel, dem

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fanatisch eifernden Orientalen, dem durchsegelten und die Inseln Kreta und orientalischen Seele mit ihrem düsteren
dogmatisierenden Griechen wie dem Rhodos plünderten. Glaubensfanatismus, niemals in der
weltentsagenden, mystischen Kelten. Es handelte sich bei diesen kühnen germanischen geboren werden konnte.
So mochte auch diese Kultur mit ihrer Fahrten nicht immer nur um Raub und Das lag nicht an der religiösen Kälte der
Religion in mancher Hinsicht den Mil- Ruhm, um verwegene Abenteuer der Germanen oder an der Minderbewer-
lionen des Imperiums entsprechen. Nie waffenfähigen Jugend, sondern oft auch tung heiliger Dinge gegenüber den
und nimmer aber den Germanen! um Züge des ganzen Volkes. Auf der im „weltlichen“ Gütern wie Staat, Volk
An dem Tage, an dem sie mit dem Über- Jahre 269 bei Saloniki gelandeten goti- und Sippe, wie es manche zu erklären
schreiten der römischen Grenze sich rö- schen Flotte befanden sich Tausende versuchten, sondern an der Achtung vor
mischer Weltanschauung und römi- von Frauen und Kindern. Das Ziel war der Überzeugung des anderen, im nor-
schen Sitten öffneten, wenn es auch nur auch hier: die Gewinnung neuen Lan- dischen Abstandsgefühl, das sich
in einem Teilbezirk ihrer Seele war, war des. scheute, im anderen das zu berühren,
ihre Einheit zerrissen. Der germani- was man im eigenen Herzen unberührt
Um die Mitte des 3. Jahrhunderts war wissen wollte.
schen Eiche wurde - ein Bild, das christ- das nördlich der Donau gelegene Da-
lichen Priestern so geläufig ist - die kien sicherer Besitz der Ost- und West- Höchst bedenklich aber war es, daß die
Krone abgeschlagen und ein neues Reis goten, die teils in lockerem Bündnisver- gotische Regierung die christliche Or-
aus fremdem Stamm aufgepfropft. Was hältnis miteinander standen, teils unter ganisation als solche in ihrem Staate ge-
Wunder, daß der Baum erkrankte. Die ostgotischer Herrschaft zu einem Reich währen ließ. Diese unterstand auch
Geschichte der Germanenvölker: Go- verschmolzen waren. In hundertjähri- nach der Besitzergreifung des Landes
ten, Vandalen, Langobarden und Fran- ger Entwicklung wurden nun die Ebe- durch die Goten der Metropolitange-
ken zeigt uns die erschütternde Tragik nen Ungarns und Rumäniens besiedelt, walt der römischen Kirche. (2) Damit
dieser Erkenntnis. die Vandalen aus der Theißniederung traten gotische Untertanen in enge,
verdrängt und, da die Römer jetzt im kaum überwachbare Beziehungen zu ei-
Süden erfolgreich Widerstand leisteten, nem feindlichen Land. Auf dem Konzil
Anfänge der zu Nikäa 325, das unter der Leitung des
Raum nach Osten und Norden gewon-
Christianisierung nen. Um 350 erstreckte sich das Reich Todfeindes der Goten, des Kaisers Kon-
Unter Kaiser Caracalla im Jahre 215 des großen Ostgotenkönigs Ermanarich stantin, stand, unterzeichnete die Ent-
wurden die Grenzen des römischen vom Schwarzen Meer bis zu den Esten schließung der Mehrheit auch ein Theo-
Weltreiches zum ersten Male von goti- am Gestade der Ostsee. Westlich von philus als „Bischof von Gotien“ mit.
schen Völkern erschüttert. Nach langer den Ostgoten wohnte unter eigenen Es ist möglich, daß zu diesen nach Blut
Wanderung, von der Mündung der Gaukönigen das befreundete Volk der und Gesinnung durchaus römischen
Weichsel aus an den großen Strömen Westgoten. Christengemeinden auf gotischem Bo-
entlang nach Süden ziehend, hatten sie Aus dieser Zeit stammen nun die ersten den schon einzelne übergetretene Go-
das Schwarze Meer erreicht. Schon ihre geschichtlichen Nachrichten über eine ten gehörten. So berichten die Kirchen-
ersten Vorstöße auf römisches Gebiet Berührung der Goten mit dem Chri- väter Athanasius von Alexandrien und
müssen die Verteidigung überrannt ha- stentum. Manche Kirchenhistoriker Cyrillus von Jerusalem schon von christ-
ben, denn wir hören schon wenige Jahre (Huber) sind der Meinung, daß das lichen Goten aus jener Zeit. (3) Die ei-
später, daß sie in den weiten Gebieten Christentum von der Apostelstadt Salo- gentliche „Bekehrungsarbeit“ aber er-
Südrußlands siedelten, und daß der Kai- niki aus schon im ersten Jahrhundert folgte erst zwei Jahrzehnte später durch
ser sich gezwungen sah, Jahrgelder an nach Sardika in Bulgarien und Sirmium, den „Gotenapostel“ Ulfilas.
sie zu zahlen. der westillyrischen Hauptstadt an der Ulfilas, einer der bedeutendsten Gei-
In den folgenden Jahrzehnten wurden Save, gedrungen war. In diesen beiden ster jener Zeit, erfreut sich bei fast allen
die Legionen unter ununterbrochenen bedeutenden Militär- und Verwaltungs- Geschichtsschreibern der höchsten Be-
Kämpfen aus Bessarabien und Rumä- städten des römischen Reiches ent- wunderung und Verehrung, soweit ihn
nien gegen die untere Donau zurückge- wickelten sich während des 2. Jahrhun- nicht einzelne christkatholische Eiferer
drängt, bis der sagenhafte König Ostro- derts in der einheimischen Mischbevöl- als arianischen Ketzer mit Verdam-
gota um das Jahr 250 mit gotischen kerung straff organisierte christliche mung und Hölle bedrohen. Die un-
Scharen auch diese überschritt und da- Zentralen unter Leitung von Bischöfen, schätzbare Tat der Schaffung eines
mit in altrömisches Kulturland ein- die ihre missionierende Tätigkeit bald großen gotischen Schriftwerkes, das uns
brach. Der Kaiser Decius selbst mit sei- auch nach den Städten jenseits der Do- durch einen Zufall erhalten wurde, und
nen besten Legionen trat ihm entgegen. nau erstreckten. die sprachlich schöpferische Leistung
Er fiel im Kampfe, und sein Heer wurde Als die Goten in die römische Provinz dieser Tat überstrahlt Leben und Wir-
völlig geschlagen. Vergeblich versuchte Dakien einrückten, fanden sie in den er- ken dieses Mannes so übermächtig, daß
sein Nachfolger, durch Geldsendungen oberten Städten zahlreiche solcher eine sachliche Kritik manchem als
Ruhe und Frieden zu erkaufen, aber die Christengemeinden vor. Man ließ sie ru- gehässige Herabsetzung erscheinen
gewaltig wachsende Volkszahl dieser hig gewähren; denn Duldsamkeit in re- wird. Wer aber vom nordisch-germani-
jugendfrischen Völker schäumte immer ligiösen Dingen war den heidnischen schen Blickfeld aus die Geschichte un-
wieder über die Grenzen. Zug auf Zug Germanen, und zwar allen Stämmen im seres Volkes betrachtet, hat frei und
stürmte gegen die beiden Provinzen Norden wie im Süden, etwas Selbstver- streng festzustellen, was eine geschicht-
südlich der Donau, Mösien und Tra- ständliches. Selbst christliche Ge- liche Gestalt für dieses Volk tat, und ob
kien. Bald wurden die südlichen Küsten schichtsschreiber der alten wie der ihr Wirken im Sinne der Erhaltung und
des Schwarzen Meeres von gotischen neuen Zeit geben diese Tatsache, oft Mehrung von Volkstum und Staat lag,
Seglern heimgesucht. Wir lesen mit Er- mit leisem Erstaunen, zu. Es erschien oder ob letzten Endes durch sie We-
staunen bei den römischen Schriftstel- den Goten wie den Isländern der Saga- sensheiligtümer und Kraftquellen der
lern, daß die Goten im Jahre 269 eine zeit als ein Widersinn, Menschen ledig- Volksseele zerstört wurden. Es fallen
Riesenflotte von über 1000 Segelschif- lich ihres anderen religiösen Bekennt- Schatten auf diesen Gotenapostel, die
fen im Dnjestr zum Kampf gegen By- nisses wegen zu verfolgen. Erst das keine noch so glühende Schilderung sei-
zanz rüsteten, in verwegener Fahrt den Christentum lehrte sie die Idee des Re- ner Bibelübersetzung verdecken kann.
Bosporus und das Ägäische Meer ligionskrieges, eine Idee, die wohl in der Ulfilas war das Werkzeug kluger römi-

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scher Politk zur Sprengung und Ver- les der Goten zum Christenum gelang, griffes schwielig gewordenen Hände
nichtung der gotischen Macht. Edmund diesen Teil seinem Volk zu entfremden, und die zur Handhabung der Pfeile ge-
Weber hat in seiner Schrift „Das erste ihn durch das mit Rom gemeinsame Be- schickten Finger langen weich nach
germanische Christentum“ in überzeu- kenntnis der Verrömerung anheimfal- Griffel und Feder, und die kriegerischen
gender Weise die Vorgeschichte und len zu lassen und Spaltung und Haß mit- Herzen wenden sich zur christlichen
Hintergründe der Missionstätigkeit des ten in das germanische Volk zu treiben. Sanftmut.“
Ulfilas beleuchtet. Es tut diesen Gedankengängen keinen Johannes Chrysostomus, nach dem
Ulfilas war, wie auch sein Nachfolger im Abbruch, daß sie von den alten Schrift- Tode des Kaisers Valenz Patriarch von
Bischofsamt, Selena, kein reiner Gote, stellern und Kirchenschreibern nicht Konstantinopel, legte in seinem Colle-
sondern ein Mischling. Der römische überliefert sind. Der Kaiser und sein gium goticum, in dem er gotische Söhne
Schriftsteller Photius überliefert uns, christlicher Patriarch haben keine Be- für die Mission unter ihren Volksgenos-
daß seine Vorfahren mütterlicherseits kenntnisse ihrer geheimsten Pläne hin- sen schulte, das Hauptgewicht auf die
im Jahre 267 bei einem Kriegszug der terlassen. Daß solche Gedanken aber in Beseitigung heldisch-kriegerischen Sin-
Goten nach Kleinasien aus dem Dorfe den Jahrhunderten der Kämpfe zwi- nes. In „unerreichbarer Beredsamkeit“
Sadagolthina bei der Stadt Parnassus in schen Germanen und Römern den rö- (Huber) (7) legte er den jüdischen Pro-
Kappadokien als Gefangene mitge- mischen Christen und der Kirche nicht pheten Jesaias (65, 25) vor den goti-
schleppt wurden, diese Gefangenen fern lagen, ist an zahlreichen Stellen schen Schülern aus: „Der Wolf und das
aber Christen gewesen seien. (4) So ist ausgesprochen. (6) Lamm sollen miteinander weiden, der
anzunehmen, daß Ulfilas einen heidni- Seit Tacitus seine „Germania“ geschrie- Löwe soll mit dem Ochsen Spreu fres-
schen, gotischen Vater, wahrscheinlich ben hatte, fühlte jeder Römer irgendwo sen, Staub soll der Schlange Speise sein;
aus vornehmem Geschlecht, und eine in einem Winkel seines Herzens die auf- sie werden weder Schaden noch Ver-
christliche, vorderasiatische Mutter steigende Überlegenheit der germani- derben bringen auf meinem heiligen
hatte. Er wurde nach dem Glauben der schen Welt. Neben den schwülstigen Ti- Berge, spricht der Herr!“ Wir glauben
Mutter christlich erzogen, und zwar raden über die Höhe der römischen dem heiligen Manne gern, daß ein
nach dem um 310 ausschließlich herr- Kultur gegenüber der der „Barbaren“ Löwe, der Spreu frißt, keinen „Scha-
schenden katholischen Bekenntnis. Auf werden immer häufiger tief pessimisti- den“ mehr tut, und daß gotische Krie-
der Krimhalbinsel, also auf ostgoti- sche Stimmen laut. „Wir Römer sind ger, die um Sündenvergebung flehend
schem Boden, von seinem Lehrer Theo- nur noch die Weiber, die Germanen die vor dem Priester knien, Rom und seiner
philus, dem „Bischof der Goten“, christ- Männer im Reich“, so hört man einen Staatskirche nicht mehr „verderblich“
lich geschult, sollte er Priester werden. Schriftsteller klagen. Allerdings mit waren.
Im Jahre 335 schickte ihn sein König we- bettelnden Mönchen und Wanderprie- Noch deutlicher aber wird der heilige
gen seiner Kenntnisse der griechischen stern konnte man die Größe der Zeit Ambrosius von Mailand, der, wie uns
und lateinischen Sprache als Dolmet- nicht mehr bestehen. Daß aber das un- sein Biograph Paulinus mitteilt, an die
scher mit einer Gesandtschaft an den aufhaltsame Vordringen der germani- Markomannenkönigin Fritigild, die
Hof des Kaisers Konstantin. Hier kam schen Kraft nicht nur an der Zahl, dem Christin geworden war, ein „herrliches
die Wendung. Wir finden den jungen unerschöpflichen Menschenreichtum Sendschreiben in Form eines Katechis-
Lektor kurze Zeit später nicht mehr im dieser Völker, auch nicht an der „Ge- mus“ schickte, „in dem er sie auch er-
Dienste seines Volkes, das ihn als seinen walt der Leiber“ der germanischen Bau- mahnt, daß sie ihren Mann bewege, mit
Vertreter zum Feinde gesandt hatte, ern lag, sondern tiefere Ursachen haben den Römern Frieden zu halten. Als sie
sondern als Günstling des römischen mußte, ahnten die Südländer wohl dun- dieses Sendschreiben erhalten hatte,
Kaisers und Vertrauten des Bischofs kel. Die gesunde „Diesseitsreligion“ bewog sie ihren Mann (wohl zur An-
Eusebius von Nikomedien in Kleina- der heidnischen Goten, die Ehre und nahme des Christentums. L.), und er er-
sien. Sozomenos schreibt in seiner Hist. Heldentum als Pole ihres Wesens hatte, gab sich samt seinem Volke den Rö-
eccl. II, 41, daß er „durch listige Überre- befähigte das Volk, das sie lebte, zu mern.“ Zweifellos mußte sich der ganze
dung“ verleitet worden sei, zunächst größeren Taten als die Religion der Stamm auf Befehl des überredeten Kö-
einmal das arianische Bekenntnis, also Liebe und des Leidens. Das Christen- nigs taufen lassen. Die Markomannen
die zur Zeit herrschende Staatsreligion, tum jener Zeit hatte das Minderwertig- kämpften damals, um 395, einen Kampf
anzunehmen. So blieb Ulfilas am Hofe keitsgefühl seiner proletarischen Ent- auf Leben und Tod mit Rom. Die „Be-
zu Konstantinopel, wo er vom Bischof stehung und Verbreitung noch nicht kehrung“ einer - allerdings einflußrei-
im kirchlich-christlichen Geiste weiter- ganz abgestreift. Das empfanden den- chen - Person, hatte bewirkt, ein germa-
geschult wurde. kende Christen. Deshalb war es, wenn nisches Volk um seine Freiheit zu brin-
Ist es verwunderlich, daß er sich dem Germanen sich taufen ließen, nicht al- gen. Auch wenn die Erzählung Legende
germanischen Wesen immer mehr ent- lein die Freude darüber, daß wieder eines überschwänglichen christlichen
fremdete, daß er sich in die Idee hinein- eine Anzahl Seelen vom Verderben ge- Geschichtsschreibers sein sollte, so
lebte, berufen zu sein, den Goten die rettet waren, die christliche Römer zu zeigt sie doch den Geist der Kirche und
„Heilsbotschaft“ zu bringen? Die klu- Hymnen begeisterte, sondern auch das der mit ihr verbundenen politischen rö-
gen Rechner am Kaiserhof, Konstantin siegreiche Bewußtsein, Kraftvolles er- mischen Macht.
und sein Patriarch Eusebius, wußten, weicht und Stolzes erniedrigt zu haben. Wir trauen einem Konstantin, der ge-
welche ungeahnten Aussichten sich für Menschen, die in Sündenschuld und stern fast alle seine Verwandten heim-
Imperium und Kirche boten, wenn es Staub sich winden, fühlen sich beleidigt, tückisch ermorden ließ, heute aber eif-
gelang, die kriegsmächtigen Gotenvöl- wenn andere neben ihnen aufrecht ste- rig darüber wachte, daß seine Soldaten
ker aus ihrem arteigenen Glauben zu hen. das Monogramm Christi auf den Schil-
entwurzeln, ihnen eine Religion aufzu- Begeistert schrieb der heilige den trugen, keine tiefen religiösen Er-
drängen, die Kriegsheldentum ab- Hieronymus an zwei gotische Mönche, wägungen zu. Seine Pläne waren kalt
lehnte, (5) Leiden und Dulden aber als die ihn wegen einer hebräischen Bibel- und klar. Trotz seiner Siege hämmerten
Gott wohlgefällig hinstellte und als stelle um Rat fragten: „Wer möchte es die Gotenstämme im Norden immer
höchstes Gebot die Feindesliebe pries. glauben, daß die barbarische Sprache von neuem wieder gegen die schon
Zum mindesten bestand die Ansicht, der Goten die hebräische Wahrheit zurückverlegten Grenzen des Reiches.
wenn die Abkehr wenigstens eines Tei- sucht? ... Die im Halten des Schwert- Alle Mittel mußten dem Kaiser dienen,

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die Gefahr zu bannen. Die mächtige wenn die Stämme sich vom Boden, den Die dem Germanen eigene scheue
Kirche, die 313 die Gleichberechtigung, sie seit Jahrhunderten bebaut hatten, lö- Zurückhaltung vor dem Glauben des
in Wirklichkeit aber schon sehr bald sten und auf die Wanderung gingen. Sie anderen, die durch Ausstoßung christli-
darauf die volle Herrschaft bekommen war im tiefsten Grunde die religiöse cher Sippenglieder keine richtige Be-
hatte, ging jetzt mit ihm Hand in Hand. Einheit. Man kann von einer Sippen- friedigung fand, suchte nach anderen
Der Plan gelang! Das Werkzeug, das seele sprechen, die im Blute ruhend den Wegen. Man ließ die verlorenen Glie-
ausersehen war, aus „Löwen Lämmer Einzelnen unbewußt leitet, ja zu Zeiten der gewähren. Aber auch dies brachte
zu machen“, erfüllte die ihm gestellte sogar Gestalt annehmen und einem Sip- keine innere Lösung des schweren Zer-
Aufgabe. pengliede warnend erscheinen kann, würfnisses. Der Frieden Midgards war
wie es Bernhard Kummer (Midgards verloren, und oft lösten die Christen, die
Untergang) und Wilhelm Grönbeck bei sich zu einer Gemeinde um ihren Bi-
Ulfilas Wirken den nordischen Isländern schildert. schof zusammenscharten, auch räum-
Es ist nicht anzunehmen, daß Ulfilas lich das Band der Sippe.
Wer den Sippenfrieden brach, hatte
von den geheimen Plänen seiner Lehr- Göttliches verletzt, war ein Verräter, Nicht selten wählten Germanen den
meister wußte, wenn er auch durch müt- war „Wolf im Weihtum“. dritten Weg zur Lösung: um die Einheit
terliches Blut und christliche Erziehung zu wahren, trat die ganze Sippe nach
inmitten eines noch zum größten Teile In jener Zeit, da Ulfilas wirkte, trat wohl dem Treubruch einzelner zur neuen
heidnischen Volkes diesem und seiner zum ersten Male an gotische Väter die Lehre über. So heilig war den Ahnen
germanisch-heidnischen Art entfrem- tiefernste Frage heran, die Jahrhun- das Band des Blutes!
det war. Wie es christlichen Fanatikern derte danach noch fromme Germanen
zu allen Zeiten erging, standen im Mit- aufs Tiefste erschütterte: wie erhalten Zum Bruch des inneren Friedens kam
telpunkte seines Wesens nicht mehr wir die heilige Einheit unserer Sippe, durch die Missionstätigkeit des Ulfilas
Volk, Sippe und Heimat, sondern ein wenn einzelne der Blutsbrüder am Hei- eine große außenpolitische Gefahr. Jen-
Glauben, der seinem tiefsten Wesen ligsten treulos wurden? Mit der An- seits der Donau, vom Schwarzen Meer
nach über die „engeren Lebenskreise“ nahme des fremden römisch-jüdischen bis zur Mündung der Theiß, stand der
Volk und Familie hinausging, diese als Glaubens war ja das Band zerrissen. Die Landesfeind, der Römer. Der Kaiser
„irdisch“, „weltlich“, daher letzten En- Abgefallenen nahmen am heiligen Blut- Konstantin, dem bei aller Heimtücke
des als sündhaft betrachtete, d. h. durch- opfer in der Halle unter dem Hochsitz und Grausamkeit große militärische
aus übervölkisch war. Das Wort „man nicht mehr teil, sie fehlten beim fröhli- und staatspolitische Tatkraft nicht ab-
muß Gott mehr gehorchen als den Men- chen, gemeinsamen Minnetrank der zusprechen sind, hatte durch eingrei-
schen“ erklang schon damals, wenn das Götter. fende Reformen im Heer und Beamten-
Christentum mit den Pflichten gegen tum die Widerstandskraft des schon er-
Volk und Vaterland in Widerspruch ge- Sie mußten ja fehlen, denn nach ihrem schlaffenden Imperiums wieder geho-
riet. Höher als seine Blutbindung an das Fremdglauben war ihnen Opferfleisch ben, hatte den Legionen Zuversicht und
Gotenvolk, die unbedingt Kampf gegen essen und Thors Minne trinken ein Kampffreude wiedergegeben und durch
das Imperium verlangte, erschien Ulfi- „Greuel“ geworden. Die Sippengenos- Verlegung der Residenz nach dem nach
las die Aufgabe, seinen Volksgenossen sen waren ja „Heiden“, und die Religion ihm benannten Konstantinopel der
das „Heil“ zu bringen. des Nazareners war voll der Verachtung Welt gezeigt, daß er die Hauptkraft des
und des Hasses gegen die Heiden. Mit Reiches hier an der bedrohtesten
Daß die Goten dann, mit Rom im glei- vollem Bewußtsein sollten sie, das ver- Grenze gegen die Goten einzusetzen
chen überstaatlichen Glauben verbun- langte die neue Lehre, die Blutsbande gedachte. Dadurch war es ihm gelun-
den, der offen die Einheit der gläubigen niedertreten. Das war ja ein hohes, dem gen, einzelne vorgeprellte Goten-
Herde verlangte, sich diesem Rom im neuen Gott Jahwe wohlgefälliges Werk stämme in einer Reihe glücklicher Ge-
Anfang innerlich, später auch politisch und wurde im „Himmel“ belohnt. fechte über die Donau zurückzudrän-
näherten, dünkte ihm unerheblich ge- gen und so die Niederlagen früherer
genüber dem Gewinn der Christianisie- Das furchtbare Wort der neuen Lehre: Kaiser wieder gutzumachen. Trotz zeit-
rung. Ulfilas sah auch dann noch nicht „So jemand zu mir kommt, und hasset weiliger Friedensverträge und sogar
das Unheil seiner Tat, als ihn der einmal nicht seinen Vater, Mutter, Weib, Kin- Waffenhilfe der Goten herrschten Haß
eingeschlagene Weg zur Zerreißung sei- der, Brüder, Schwestern und dazu sein und Kampfstimmung zwischen den bei-
nes Volkes und zum offenen Landes- eigen Leben, der kann nicht mein Jün- den Völkern.
verrat führte. ger sein“, tat damals wie tausend Jahre
später seine volkszerstörende Wirkung. Nun gingen christliche Priester unge-
Mit dreißig Jahren wurde Ulfilas vom hindert über die Donau hinüber und
römischen Patriarchen Eusebius zum An die Stelle der „nur irdischen, daher
vergänglichen“ Blutbindung trat die herüber. Sie unterstanden mit ihren go-
Wanderbischof geweiht und beauftragt, tischen Gemeinden kirchlich dem aria-
den Westgoten das Christentum zu Bindung „an die heilige Gemeinde der
Gläubigen“, in der „allzumal einer in nischen Patriarchen von Konstantino-
bringen. Damit begann eine Entwick- pel. Damit war nicht nur der inneren
lung, die den Staat der Westgoten in die Christo“ war, ob Grieche oder Jude,
Römer oder Germane. Verrömerung dieser gotischen Christen
schwersten inneren Wirren stürzte, ja Tür und Tor geöffnet, sondern es be-
ihn fast zum Untergang brachte. Die Was sollte die nun im innersten Wesen stand auch die Gefahr, daß bei den un-
Saat des christlichen römischen Kaisers erschütterte Sippe tun? Man konnte die ausbleiblichen inneren Gegensätzen im
und seines Oberpriesters ging auf. Treulosen aus dem heiligen Frieden Gotenvolk diese in den Römern die mit
Die Kernzelle des germanischen Volks- verstoßen. Man hat es getan, aber mit ihnen im gleichen Glauben Verbunde-
körpers war die Sippe. Das Heer trat unsicherem und zweifelndem Herzen. nen, Näherstehenden, ja ihre Beschüt-
nach Sippen geordnet zur Schlacht an, Trotz des Unfriedens, den der Abtrün- zer gegen die eigenen Volksgenossen
die Stämme siedelten, wenn sie Neuland nige der Sippe brachte, stand er noch in sehen mußten. Es ist das erschütternde
unter den Pflug nahmen und die Lose Blutsverbindung mit ihr; denn Blut war Bild, das wir in allen Jahrhunderten der
verteilten, nach Sippen. Die Blutsver- auch damals schon dicker als Taufwas- germanischen „Bekehrung“ sehen: Die
bundenheit der Sippe war dem Einzel- ser! Wenn Lebensgefahr ihm drohte, Heiden, die den alten Göttern treu blei-
nen die innere Heimat und bot ihm Frie- hielt die ganze Sippe wieder zu ihm, wie ben, wurden die Vertreter der Freiheit
den; das geschah in erhöhtem Maße, wir später sehen werden. und Selbständigkeit ihres Volkes,

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während die Abtrünnigen, die Christen, währen. So muß es seiner Beredsamkeit ste Gut, die völkische Freiheit, preisge-
römisches oder fränkisches Joch dem gelungen sein, eine beträchtliche Schar geben. Die neue Weltreligion, in deren
Kampf für die höchsten Volksgüter vor- von Abtrünnigen auf seine Seite zu Wesen es lag, die „Menschen herauszu-
zogen und damit zu Volksverrätern bringen. Die Beziehungen dieser Chri- erlösen aus allerhand Stamm, Nation
wurden. Felix Dahn schreibt in seiner sten zu den Römern wurden allmählich und Blut“, (9) war zum ersten Male in
„Urgeschichte der romanischen und so eng, daß ein Einschreiten im Inter- germanisches Volkstum eingebrochen.
germanischen Völker“ (7a): esse des Volksganzen erforderlich Auf dem Boden der Verrömerung, die
„Unter zwei Gesichtspunkten konnte, wurde. In dieser Zeit erstand dem Volk in den hundert Jahren der Grenz-
ja mußte auch der damalige Germanen- der Westgoten in dem Gaukönig berührung mit den Südländern allmäh-
staat einschreiten. Athanarich ein Führer, der den Beina- lich gewachsen war, hatte bei ihm das
men „der Große“ erhalten haben Christentum die letzten völkischen Bin-
Einmal, wenn die Christen mittelbar würde, wenn eine gotische Geschichts- dungen restlos beseitigt.
oder wenn sie zweitens unmittelbar den schreibung seine Taten überliefert
Staat bedrohten oder schädigten: beides Die Quellen, die über diese Ereignisse
hätte. und die folgende Zeit berichteten, näm-
taten sie fast ohne Ausnahme in jedem
Fall des Bekehrungsbetriebes. Athanarich war als König verantwort- lich die Akten des „heiligen Saba“ und
lich. Er klagte auf dem Gauthing die des „heiligen Nikeras“, sind in vielem
Nicht nur weigerten sie die Beiträge zu Christen wegen Sippen- und Landesver- durchaus unglaubwürdig, wie ja leider
den Götterfesten, Opfern, die, mit dem rat an. die zahlreichen „Vitae“ (Biographien)
Ding verbunden, zugleich staatliche Be- der christlichen Heiligen auch in späte-
deutung hatten und die Zusammen- Wir kennen die Einzelheiten der Ver-
handlungen und Entscheidungen auf rer Zeit als Geschichtsquellen kaum zu
gehörigkeit der Gaue im gemeinsamen benutzen sind. Mit wildem Haß schil-
Dienst der Stammesgötter zum Aus- diesem Gauthing nicht. Wir wissen nur,
daß keinem Christen ein Haar ge- dern sie diese ersten „Christenverfol-
druck brachten, - sie gingen angreifend gungen“ unter den Goten (348 bis 354)
vor. Der Eifer der fremden Priester und krümmt wurde. Inhalt der Anklage wa-
ren rein staatspolitische Erwägungen. und können sich nicht genug tun an
deren Neubekehrten schalt laut die al- Schmähungen der „blutdürstigen“ Hei-
ten Volksgötter „Götzen“, „Lügengöt- Die unter der Schirmherrschaft des rö-
mischen Kaisers und seiner Priester ste- den und des „Scheusals“ Athanarich.
ter“ (Galiuga guds), leugnete ihr Dasein Die frommen Schreiber und modernen
oder, häufiger, erklärte sie für böse Gei- hende Mission mußte als volkszer-
störende Gefahr verschwinden. Nacherzähler vergessen dabei ganz, daß
ster, Dämonen, Teufel. Sie verbrannten sie selbst oft mit Erstaunen die Duld-
die Haine und Holztempel, zerschlugen Vielleicht hatte man den Fremdgläubi- samkeit dieser Heiden erwähnen.
die Götterbilder der Heiden, besudel- gen die Wahl gelassen, zu Volkstum und
ten ihre heiligen Quellen, hemmten mit Wenn von den gotischen Christen die
Väterglauben zurückzukehren oder aus
Gewalt ihre Opfer. Rückkehr zu Volk und Väterglauben
dem Lande zu weichen.
verlangt wurde, so lag eine tiefe sittliche
Zweitens konnte aber auch unmittelba- Ulfilas wählte das Letztere. Er rief den Pflicht dieser Forderung zugrunde: die
rer Landesverrat der Christen kaum Schutz der Römer an, und zog, nachdem Einheit und Freiheit des Volkes in
ausbleiben: kam es zu Reibungen mit die Erlaubnis des Kaisers Konstantius schwerer Kampfzeit. Wir vermissen die-
den Heiden, so riefen selbstverständlich eingetroffen war, mit seiner Herde über sen sittlichen Gedanken völlig bei den
die Christen ihre Bekehrer, Freunde, die Donau ins Feindesland. Oft waren bald darauf erfolgenden ersten Heiden-
Glaubensbrüder, die Römer ins Land, gotische Stämme über die Donau ge- verfolgungen unter Theodosius (379 bis
auch um den Preis der Freiheit Schutz gangen, aber in Waffen als Eroberer 395), bei der viehischen Ermordung der
ihres Bekenntnisses erkaufend. Den oder als Hilfstruppen für den Kaiser bei heidnischen Philosophin Hypatia von
Römern aber - hieß der Imperator Ti- den häufigen Thronstreitigkeiten. Ulfi- Alexandria durch fanatisierte, christli-
berius oder Constantius (Konstantin las’ Christen aber gaben die Volksfrei- che Mönche und bei den Heidenab-
war 337 gestorben), betete er zum Jupi- heit auf und beugten sich friedlich unter schlachtungen unter dem Segen der Kir-
ter des Kapitols oder zu den Heiligen das Joch der Feinde. Sie wurden am che auf niedersächsischem und norwe-
oder zu keinem Gott - war immer und Fuße des „hohen Balkan“ in Bulgarien gischem Boden.
blieb ein Hauptvergnügen und Haupt- angesiedelt. Dort lebten die „Kleingo-
meisterstück der Staatskunst, Zwie- Die Glaubwürdigkeit der Heiligenak-
ten“ oder „Moesogoten“, wie sie ge- ten wird nicht erhöht durch die zahllo-
tracht unter den Germanen zu säen nannt wurden, als römische Untertanen
oder die stets üppig wuchernde zu för- sen Wundergeschichten. Der finsterste
noch lange Zeit, (8) beteiligten sich aber Aberglaube treibt seine Blüten. Da
dern, und in Unterstützung der nicht mehr an den folgenden großen
schwächeren Partei die stärkere zu ver- prallen die Waffen heidnischer Goten
Kämpfen ihres Volkes. an den Christen wirkungslos ab. Die
nichten, dann aber auch die Schützlinge
zu knechten. Ulfilas, der Bischof und Führer dieser Leiche des Märtyrers Niketas aber
Auswanderer, wurde von den römi- bleibt, obwohl sie wochenlang in der
Und nun war ja diese Schlauheit des schen Kaisern hochgeehrt. Mit Recht, Erde lag, wunderbar erhalten, ein
Völkermords vollends ein frommes, denn seine Tat hatte den verhaßten Go- Schicksal, das den Heiligenleichen häu-
Gott und den Heiligen wohlgefälliges ten einen schweren Verlust an Volks- fig in der Geschichte zustößt. So strömte
Werk geworden: die Vernichtung oder kraft zugefügt. Wenn aber Kaiser Va- die Leiche St. Severins, als man sie nach
Zwangstaufe der germanischen Hei- lenz, der die christliche Mission am fa- 6 Jahren aus der Erde grub, „die süße-
denschaft sicherte sowohl die Herr- natischsten betrieb und dessen Vertrau- sten Wohlgerüche“ aus (sie war nicht
schaft auf Erden als zugleich die ewige ter Ulfilas war, ihn „Moses der Goten“ balsamiert!), wie ein deutscher Kir-
Seligkeit im Himmel.“ nennt, weil er sein Volk vor den schreck- chengeschichtler im 19. Jahrhundert
Auch der Bekehrungsangriff des Ulfilas lichen Heiden ins „gelobte Land“ ge- seinen Lesern erzählt.
gegen die Westgoten brachte dem führt hatte, so ist diese Bezeichnung Wenn man aus solchem Wust den ge-
Volke Unheil, gebar aber den großen vom germanischen Standpunkt aus eine schichtlich wahren Kern herausschält,
Versuch des treuen und edleren Volks- mehr als zweifelhafte Ehrung. so ergibt sich Folgendes: Nicht alle ab-
teils, die Gefahr zu bannen. So hatte die christliche Minderheit das trünnigen Goten waren mit Ulfilas zu
Die Goten ließen den Apostel und seine Gesamtwohl des Volkes dem Fremd- den Römern übergegangen. Im Ver-
mitgebrachten Gehilfen lange ge- glauben geopfert und für sich das höch- trauen auf den Sippenschutz und auf die

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Gutmütigkeit und Duldsamkeit der Fridigern, ein Gaukönig wie Athana- ten milder geworden wären, nachdem
Volksgenossen waren viele zurückge- rich, geriet mit diesem in Streit. Die die Religion der Liebe über tausend
blieben. Man war vorsichtiger gewor- Gründe wissen wir nicht, wir erfahren Jahre unter abendländischen Menschen
den, hielt sich nach außen hin in seiner nur, daß jener mit den Römern befreun- geherrscht hatte. Leider widerspricht
christlichen Betätigung zurück und be- det war. Ob diese Freundschaft ehrlich die Geschichte dieser Erwartung.
tonte seine gute nationale Gesinnung. war, oder ob sie dem ehrgeizigen Teil-
Das Christentum hatte im Gaustaat Fri-
Gesinnungsheuchelei hat es auch da- fürsten nur dazu dienen sollte, innerpo-
digerns seinen „weltlichen Arm“ gefun-
mals schon gegeben! Die früher offenen litische Macht zu gewinnen, ob er schon
den. Es ließ nicht Ruhe, bis der, den es
Beziehungen zu den Römern wurden, vor dem offenen Kampf mit Athanarich
tödlich haßte, Athanarich, vernichtet
wie die Quellen erzählen, jetzt heimlich christlichen Versprechungen und Be-
war! „Unter Voraustragung des Kreu-
fortgesetzt, und der gute Zweck heiligte dingungen sein Ohr geliehen hatte, ist
zes“ erfochten jetzt Fridigern, die goti-
das Mittel manch frommen Betruges. ebenfalls nicht aus den Quellen zu erse-
schen Arianer und die zu ihrer Hilfe das
Von christlichen Goten verborgen, ar- hen.
Land überziehenden Legionen in offe-
beiteten im Stillen sogar einzelne Wer- Von Athanarich geschlagen, floh er ner Feldschlacht durch das Überge-
bepriester weiter. über die Donau zu den Landesfeinden. wicht römischer Waffen und vielleicht
Athanarich, der als Gaukönig für die Als Christ (12) kehrte er unter dem auch Menschenmassen den Sieg.
Durchführung des Thingbeschlusses Schutze römischer Legionen wieder Athanarich muß flüchtig mit wenigen
verantwortlich war und mit klarem zurück und wurde von diesen wieder in Getreuen das Land räumen, und alsbald
Blick das Weiterschwelen der Gefahr sein Amt eingesetzt. Jetzt zeigte es sich nimmt die Bekehrung immer größere
erkannte, sah sich nun zum Einschreiten offen, daß Christ sein und römische Ge- Verhältnisse an.“ (Dahn.)
veranlaßt. Er ließ den eifrigsten sinnung haben eins waren. Die zahlrei-
Wühler, den Priester Sansala, verhaf- Das Kreuz war Feldzeichen der Volks-
chen Priester, die ihm „Valenz mitgege-
ten. Doch gelang es diesem, auf römi- feinde und Landesverräter geworden.
ben“ hatten, begannen nun unter sei-
sches Gebiet zu entfliehen. Der Kampf zwischen den beiden
nem Schutze und unter den Waffen rö-
Gaukönigen war nicht mehr eine jener
Dann zog der König mit seiner engeren mischer Zenturien mit Feuereifer die
Fehden, wie sie so zahlreich in den Ger-
Gefolgschaft, „Räuber nennt sie der „Bekehrung“. So ist unzweifelhaft, daß
manenreichen jener kampffrohen Zei-
heilige Saba“ (Dahn), von Dorf zu Dorf dies die Bedingung für den schändli-
ten zwischen ehrgeizigen Stammesfüh-
und ließ die Einwohner vor einem auf chen Verrat, römische Waffenhilfe auf
rern tobten, sondern hatte eine andere,
einem Wagen mitgeführten kultischen gotischem Boden, gewesen war.
den Germanen, ehe sie das Christentum
Gegenstand (es ist aus den Quellen
Ist es verwunderlich, daß der Mann, kannten, durchaus fremde Bedeutung
nicht klar zu ersehen, worum es sich ge-
dem Leben und Freiheit seines Volkes bekommen. Er war Religionskrieg ge-
handelt hat) opfern und das Opfer-
über alles ging, König Athanarich, sich worden! Hinter dem christlichen Für-
fleisch essen. Wer sich weigerte, be-
nun entschloß, das tödliche Gift, das sten stand der eifernde Priester. Neben
kannte sich damit als Feind des Glau-
Christentum, unerbittlich zu zertreten, die Gefolstreue, die die gotischen Krie-
bens der Väter und als Freund der Rö-
daß er jetzt „aus Haß gegen die Römer ger an ihren König Fridigern kettete,
mer. Diejenigen, „die die volkstümliche
den Namen der Christen austilgen war der Glaubensfanatismus getreten.
Gottesverehrung vernichtet hatten“,
wollte aus seinem Volke“, wie eine Nicht mehr Waffenruhm allein war zu
(10) wurden bestraft. Ob es damals
kirchliche Quelle (13) in unbewußter gewinnen, sondern die von den Prie-
schon zu Todesurteilen kam, ist nach
Ehrlichkeit meldet? Aus Haß gegen die stern versprochene ewige Seligkeit in
Edmund Weber (11) zu bezweifeln. Das
Römer! Dieses Zugeständnis eines Jahwes Reich stand in Aussicht. Die
Verbrennen und Ertränken einzelner
staatspolitischen Grundes ist wichtig zu Heiden zu erschlagen, auch wenn sie
Christen ist wohl erst bei der zweiten
betonen, nachdem uns die „Christen- Volksgenossen waren, war ein Gott
„Christenverfolgung“ 369 bis 372 er-
verfolgungen“ der Geschichte unzäh- wohlgefälliges Werk.
folgt.
lige Male in sentimentaler Unwahrhaf-
Etwas Fremdes, durch und durch Un-
Christentum und tigkeit als Ausfluß heidnischer Grau-
germanisches war in die Herzen jener
samkeit geschildert worden sind. Ob es
Landesverrat sich um die Christenbekämpfung des
Goten eingezogen, die sich dort, wo sie
das Banner gewöhnt waren, das Kreuz
Im Jahre 366 flammte nach einer Zeit Kaisers Deokletian oder die des großen
vorantragen ließen.
der Ruhe und des Volksfriedens der Westgotenkönigs Athanarich, um die
Krieg mit den Römern wieder auf. „Katholikenverfolgungen“ der Vanda- Athanarich war aus Gau und Heimat
Athanarich schlug sich in drei Feldzü- lenkönige in Afrika oder um die Über- vertrieben, aber nicht vernichtet. Bald
gen gegen Kaiser Valenz so erfolgreich, fälle sächsischer Bauern auf fränkische erschien er an der Spitze der ihm treu
daß dieser sich gezwungen sah, Frieden Priester und Klöster handelte, in allen Verbliebenen wieder und zog in sein
zu schließen. Auf einer Donauinsel traf Fällen hatte man duldsam und Land ein. Seine „Gottlosigkeit“ war
der Kaiser des Ostreiches mit dem Ger- großmütig die fremde Sekte erst ge- noch immer nicht gebrochen, wie die
manenfürsten zusammen, da sich der währen lassen; als aber die tödliche Ge- kirchliche Quelle wehmütig bedauert.
stolze Athanarich, ein bezeichnender fahr für Staat und Volkstum erkannt Er verfolgte das Kreuz, eine Tatsache,
Zug, weigerte, römischen Boden zu be- war, der Hoch- und Landesverrat offen- die allerdings nach den Erfahrungen,
treten. sichtlich wurde, griff der Staat zur die er mit diesem Feldzeichen gemacht
Waffe. hatte, verständlich ist. In seinem eige-
Kaum hatte Athanarich Frieden mit
nen Gau war es unter dem Druck römi-
den Römern geschlossen, da entbrannte Die grausame Art des Kampfes ent-
scher Waffen zu zahlreichen Bekehrun-
der Kampf im eigenen Lande gegen sprach der Zeit. Sie war den Heiden so
gen gekommen. Wir wundern uns darü-
Volksgenossen, ein Kampf, der zeigte, wenig fremd wie den Christen. Die
ber nicht; wir wundern uns vielmehr
wie tief sich das römische Gift schon in Brandfackeln Neros unterscheiden sich
darüber, daß noch so viele seiner Goten
den germanischen Volkskörper einge- in nichts von den Scheiterhaufen der
den Göttern und dem Volkstum treu ge-
fressen hatte, und wie richtig Athana- christlichen Inquisition, und der Wahn-
blieben waren.
rich handelte, als er in staatsmännischer sinn jenes Kaisers war um nichts größer
Vorausschau die Fremdreligion be- als der eines Torqemada. Man hätte Über die Zustände im Lande nach der
kämpfte. höchstens erwarten müssen, daß die Sit- Rückkehr des Königs geben die Akten

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des heiligen Saba und Niketas Aus- des Menschen in der Gemeinde. Als die Verdammnis in der Hölle und wird
kunft. Obwohl sie von Haß gegen den Heiden antworten: „Herr, er hat nichts, dann in dem Flusse Musäus ertränkt.
verruchten Heidenkönig erfüllt sind, als was er am Leibe trägt“, d. h. also na- Seine Überbleibsel ließ später der römi-
entschlüpft den Erzählern doch man- mentlich keinen Grundbesitz, daher sche Dux der Grenztruppen auf kaiser-
ches Ereignis, das gleicherweise die keinerlei Einfluß in der Volksversamm- liches Gebiet bringen.“
Großherzigkeit und die Gutmütigkeit lung, spricht der König verächtlich: „ein Dr. Robert Luft
der gotischen Heiden gegenüber den solcher kann keinen Schaden anrich-
(Fortsetzung im nächsten Heft
Christen zeigt und manche christliche ten“ und begnügt sich, ohne ihn irgend
Schilderung von heidnischer Grausam- zu strafen, ihn aus dem Ding fortzuwei- Anmerkungen:
keit zu streichen zwingt. sen: nicht einmal aus dem Dorf, denn (1) Proskinesis = Kniefall und Anbetung.
sein Verbleiben wird vorausgesetzt. (2) Es tut dieser Tatsache keinen Abbruch, daß die
Ich kann diese Begebenheiten nicht Also nur die Einflußreichen, die Grund- amtliche Anerkennung der christlichen Kirche
besser erzählen, als es Altmeister Dahn besitzer, die staatsgefährlichen Christen erst durch das Toleranzedikt von Mailand 313 er-
in seinem Geschichtswerk tut, und führe verfolgt der König, nicht den Christen
folgte. Selbstverständlich hatte sich die hierarchi-
sche Gliederung schon vorher gefestigt. Der Bi-
deshalb seine Beschreibung wörtlich an: als solchen trotz herausfordernder schof von Sirmium hatte das Primat über die
Kühnheit. Das war im Jahre 370 oder Tochterkirchen von Dakien. Diese Beziehungen
„Wir erfahren, daß ohne irgendwelchen waren vor der Anerkennung nur geheim, dafür
Glaubenshaß die Heiden diese christli- 371. Zu Ostern 372 wird Saba allerdings aber um so gefährlicher.
chen Bekehrungen in der Sippe dulde- vom Könige durch Bewaffnete verhaf- (3) Der geschichtliche Wert dieser Angaben ist aber
ten, während ein anderer Teil der Sip- tet: aber wohl nur deswillen, weil er in gering.
penglieder bei dem Glauben der Väter dem Hause eines christlichen Priesters (4) Durch diese Gefangenen sollen nach Philostor-
Sansala (siehe oben), der sich aus dem gius Hist. eccles. II 5. viele Goten bekehrt worden
blieb: als nun von Staats wegen von den sein, da sich unter den Gefangenen auch christli-
Fürsten und Beamten Verzehrung von römischen Gebiet zurückbegeben che Priester mit befunden hätten.
Opferfleisch als Zeichen des Rücktritts hatte, weilte. Saba wird erst gefesselt, (5) Matth. 26. 52.: „Denn wer das Schwert nimmt, der
in das Heidentum den Getauften aufer- nachdem ihn die Hausfrau der Hütte, soll durchs Schwert umkommen.“
legt ward, entziehen sich sehr viele, wo sie übernachteten, aus leichterer (6) An dieser Stelle bedarf eine Bemerkung des Phi-
Haft heimlich befreit hat. Die Auffor- lostorgius Hist. eccles. II. 5. der Erwähnung, die
auch Priester, dem Martyrium durch die Absicht des Christentums, den Mehrwillen
Flucht zu den Römern. Ja, von Glau- derung, Opferfleisch zu genießen, be- des Volkes herabzusetzen, kennzeichnet: „Ulfilas
benshaß der Heiden und echtem Glau- antwortet Saba mit unflätigen übersetzte alle Schriften in ihre eigene Sprache,
Schimpfreden wider den König: „Ekel außer die Bücher der „Könige“, weil diese
bensmut der Christen ist so wenig die Kriegsgeschichte enthielten, dieses Volk aber,
Rede, daß sehr lange eine Täuschung und scheußlich sind die Speisen, wie das so kampffreudig war, mehr eines Zügels für
vorhält, welche die Gutmütigkeit der Athanarich selbst, der sie sendet.“ Ei- seine Kampfbegeisterung, als des Antriebes dazu
Heiden und die Gewissensverleugnung ner der Krieger des Königs empört über bedurfte.“
diese Beschimpfung seines Herrn, (7) Dr. Alois Huber, Geschichte der Einführung und
der Christen miteinander ersonnen ha- Verbreitung des Christentums in Südostdeutsch-
ben. Um die Beamten glauben zu ma- schleudert den Wurfspieß auf Saba: das land, Bd. 1 S. 289.
chen, die Getauften seien zurückgetre- Wunder, daß die Spitze diesen unschäd- (7a) Bd. 1, Seite 423.
ten, diesen aber durch Betrug das wirk- lich, „wie eine Wollflocke“ berührt, (8) Jordanis, Kap. 51, nennt sie „ein zahlreiches Volk,
liche Verzehren von Opferfleisch zu er- macht aber befremdlichermaßen auf aber arm und schwächlich“.
sparen und sie gleichwohl der Bestra- den König so wenig Eindruck, daß er (9) Offb. Joh., Kap. 5, Vers 9.
fung zu entziehen, lassen die Heiden nun die Hinrichtung des Christen be- (10) Sokrates, Hist. eccles. IV. 33.
von den Getauften in Gegenwart der fiehlt. Saba verlangt, dann müsse auch (11) Edmund Weber, „Das erste germanische Chri-
der christliche Priester mit ihm sterben, stentum.“ Leipzig, Adolf Klein.
Beamten Fleisch verzehren, das sie für
worauf ihm die Gefolgen des Königs (12) Aus Dankbarkeit dem Kaiser Valenz gegenüber
Opferfleisch nur ausgeben, während die wurde er Christ wie Sokrates Hist. eccles. IV. 33,
Christen wissen, daß es nicht Opfer- sehr richtig erwidern: „Nicht deine Sa- berichtet: … Es handelte sich wohl um eine vor-
fleisch ist! Diese nehmen also keinen che ist es, dies zu befehlen!“ Er verkün- hergehende Abmachung.
Anstand, ihren Glauben durch eine det vorher noch dem Herrscher ewige (13) Epiphanias: Adv. häreses, 1, 14.
Handlung zu verleugnen, die den Be-
amten als Rücktritt ins Heidentum gilt,
während sie dem Christengott gegenü-
ber sich darauf berufen, daß sie ja in
Wahrheit doch kein Opferfleisch genos-
sen. Diese bezeichnende Vorwegnahme
späterer „Jesuitenmoral“ dauert so
lange, bis der wackere Saba in echt
Der Laic, da+ germanixe
christlichem Eifer den Beamten den
frommen Betrug anzeigt. Allein die an-
deren Christen sind mit solcher Wahr-
Weihespiel
heitsliebe schlecht zufrieden, und sie
vertreiben den allzu Gewissenhaften, enn der Versuch unternommen scher Welt- und Lebensschau anzuse-
rufen ihn aber doch bald beschämt
zurück. Als nun König Athanarich auf
seiner Rundfahrt vor dem Dorfe ein-
W wird, dem Sinn des Mythos wie-
der um einen Schritt näher zu
kommen, und zwar über eine mythische
hen, wenn es ihm nicht ebenso ergangen
wäre wie den beiden andern, nämlich
nur bruchstückhaft uns überliefert wor-
trifft und frägt, ob es Christen enthalte, Untergründung des deutschen Mär- den zu sein, wenigstens mit ganz gerin-
wollen die gutmütigen Heiden abermals chens und eine weltanschauliche Er- ger Ausnahme. Diesem geschichtlichen
ihre Verwandten retten und schwören, schließung des germanischen Mythos, Schicksal des Laiches steht aber die Tat-
es sei kein Christ unter ihnen. Und die dann kann der Laich nicht außer Be- sache gegenüber, daß er Zeuge germa-
anderen Christen sämtlich lassen sich trachtung bleiben. Der Laich ist das ger- nischer Tiefenschau von keineswegs ge-
diese Beteuerungen gefallen: nur Saba manische Weihespiel, Festspiel und ge- ringerem Wert als Mythos und Märchen
tritt vor und bekennt mutig seinen wiß auch Jahrlaufspiel. Als solches wäre ist, wenn er diesen beiden gegenüber
Glauben. Der König fragt nach dem er nun von vornherein als ganz beson- heute auch keine „Volkstümlichkeit“
„Vermögen“, d. h. nach der Bedeutung ders bedeutungsvolle Quelle germani- besitzt. Volkstümlich ist er in seinem

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Ursprung vielleicht aber wesentlich ihn auch in das Leben seiner Schöpfer ihm gestaltet, unwandelbares: der Tod.
mehr als der Mythos selbst. eingeordnet. Er sagt: „Dieses Kunst- Und das andere Gesetz, ebenso unwan-
Wenn der Mythos die großen, dichteri- werk ist zugleich der Ausdruck eines delbar: das Gesetz des Lebens. Und die
schen Bilder einer germanischen Welt- Empfindens, das wir heute wohl am Lebenswerte sind in tiefstgeschaute
und Lebensschau vor uns aufstellt und ehesten als ein ,religiöses‘ bezeichnen Ordnung gebracht. Härte allein hält Li-
die Märchen diese Bilder in unendlicher würden. Es setzt eine gewisse An- nie. Weichheit und Schwäche führt
Aufteilung, Abwandlung und Verharm- dachtsstimmung voraus und erzeugt hinab. Und der Vater setzt Haus und
losung, angeblich in kindlicher Formge- eine solche. Es vertritt, sozusagen, den Hof nicht, weil sie als Sippengrundlage
bung, den Kindern weitererzählen, Kirchgang und die Kulthandlung, die mehr wert sind, denn ein einzelnes
steht der Laich zwischen ihnen wie der bei den arischen Völkern sich später Glied der Sippe und sie allein die Dauer
Jungmann zwischen Kind und Weltwei- wohl auch wirklich an den Laich ange- der Sippe sichern. Und der Bruder setzt
sem, oder wie zwischen Spiel und Ge- schlossen hat. ... Daß an der Stelle des das Schwert nicht, weil auch die Waffe,
danke die lebens- und blutvolle Tat. uns geläufigen ,Kultes der Götter‘ bei als das unerläßliche Mittel der Ehre und
Was unter arteigen weltanschaulicher den Ariern ursprünglich die Festesfeier des Lebensschutzes, mehr ist als ein Sip-
Führung an Welt- und Lebensgesetzen stand, hat wohl am überzeugendsten penglied. (Siehe: O. Schmidt in „Der
von reifender Weisheit erschaut und er- Leopold von Schröder nachgewiesen. – Schiffmann“.) Und sie können es sogar
kannt und im Märchen als wesens- Aber der Laich hat auch den Zweck, das gar nicht retten, aus Gesetz und aus Sit-
gemäße Nahrung der erwachenden Wissen des Volkes, seine Lehre von tenordnung. Denn Leben ist mehr als
Menschen- und Artseele vom Kinde so Mensch und Weltall, aufrecht zu erhal- das Leben eines Einzelnen. Der Liebste
durstig aufgenommen wird wie aus ei- ten und fortzupflanzen. – Der Laich er- kann es nur, und muß es. Er rettet, was
nem bereiten Becher, das wird im Laich setzt also auch die ,Religionsstunde‘ allein in seiner Hand mehr ist als Ein-
vom Jungmann und vom Mädchen mit oder richtiger die hohe Schule. Er ist das zelwesen, nämlich ein Stück zeugendes
dem Einsatz des ganzen Menschen ge- Stammesfest, in weiterem Umfange das Leben, ein Stück Ewigkeit. Der Liebste
spielt und im Gewande der Kunst ge- Nationalfest, und wir werden uns auch rettet in der Geliebten das Glied in der
lebt. Das ist die Eingliederung des Lai- die Olympischen Spiele der Hellenen ewigen Kette, ohne das die Kette nicht
ches in den Raum des Mythischen, sicht- als aus dem Laiche hervorgegangen vor- sein kann, wenn es gleich in ihr fast wie
bar in diesen drei Kunstformen. zustellen haben. Er ist der Ort und die ein Nichts verschwindet. – Wir erinnern
Zeit des großen, alle Kräfte anspannen- uns an den Satz Hüsings: „Der Laich hat
„Das Wort Laich kommt von laikan = den, kulturfördernden Wettbewerbes, auch den Zweck, das Wissen des
hupfen, springen. Altnordisch ist leika = ein Höhepunkt des Kulturlebens und Volkes, seine Lehre von Mensch und
tanzen. Aber nicht bloß Tanzgestaltun- der Keim zur Entwicklung aller Kul- Weltall, aufrecht zu erhalten und fort-
gen haben wir im Laich vor uns. Viel- turzweige“. zupflanzen“. Reiner kann die Quelle
mehr umfaßt der Laich eine Dreiheit germanischer Weltanschauung nir-
von Künsten. Die Handlung gewinnt Da anzunehmen ist, daß nur ein be- gends fließen.
hier nicht bloß Ausdruck durch Wort schränkter Teil des Leserkreises irgend
und Sprache, auch nicht bloß durch eine einen der Laiche aus der Anschauung Was dem Laich sein besonderes, volk-
rein musikalische Ausdeutung und kennt, ist es wohl angebracht, Inhalt haftes und mythisches Gepräge gibt, ist
ebensowenig in einer nur tänzerischen und Form eines solchen und zwar den- sein großartiger, zeitloser, allgültiger
Formung, sondern der Laich ver- jenigen, an dem das allgemein über den Stoff. Er ist nicht Philosophie und nicht
schmilzt die drei großen Kunstmittel Laich Gesagte am besten deutlich wer- Erzählung von Einzelschicksal. Sein
des dramatisch gestaltenden Wortes, den kann, den Laich vom Schiffmann in Thema ist das aller Mitspielenden. Ein-
der Musik und des Tanzes zu einer größter Abkürzung hier anzuführen. In mal wird es von allen in ihrem Leben ge-
neuen Einheit. – Der Laich gestaltet ein diesem Laich, der wie die Laiche über- spielt. Und nicht nur von denen im
und denselben Stoff in Wort, Gesang haupt, im Ring gespielt wird, steht in- Kreis, sondern von allen Generationen.
und Tanz gemeinsam; und erst aus der mitten des Kreises der jungen Paare der So im Laich „Schloß in Österreich“ mit
gemeinsamen Abstimmung dieser drei Tod als Schiffmann, ein junges seinem balladenhaften Ton auf mythi-
Künste aufeinander, aus dem Zwang Mädchen, das bittend vor ihm steht, im schem Untergrund, in dem über alles
und der Notwendigkeit, demselben Ge- Begriff, ins Reich der Toten hinüberzu- festlichen Laich „Die Hinde im Rosen-
danken gleichzeitig sowohl sprachlich fahren. Der Chor (als Reigen) bittet ihn, hag“, ferner im Laich der „Walberts-
als musikalisch als tänzerisch Ausdruck das Mädchen wieder „zu Lande gahn“ nacht“ (Walpurgisnacht) mit seinem
zu verleihen, entsteht hier in wechsel- zu lassen. Aber der Tod schweigt. Er schaurig-großartigen Stoff und Hinter-
weisesr Bereicherung und Ergänzung droht nicht. Und predigt nicht. Er grund und nicht zuletzt in der märchen-
das eigentliche Kunstwerk.“ (Otto weicht nur nicht. Da bittet das Mädchen haften „Jungfrau Maleen“.
Schmidt in „So zum Tanze führ’ ich seinen Vater, Haus und Hof zu setzen, Ist nun die Zeitlosigkeit des „Schiff-
Dich“, Verlag Volkstum und Heimat, und es damit zu retten. Aber der tut es mann“ bei keinem dieser Laiche so aus-
Kampen auf Sylt 1935). nicht. Es bittet den Bruder, sein Schwert geprägt und tragen sie auch fast allge-
zu setzen, um es zu retten. Der tut es mein mehr „mythologische“ Züge, so ist
Die Wiedergewinnung des Laiches, und auch nicht. Da bittet das Mädchen den
zwar nicht nur als mythische Kultur- ihnen doch allen eines gemeinsam: die
Liebsten, sein ganzes Leben zu setzen, volkhafte, die gebundene, die chorische
trümmer, sondern als heute spielbares sich ans Ruder zu verkaufen. Und vor
Fest- und Weihespiel verdanken wir Form. So kann der Laich noch nach ei-
ihm nun, der sich ganz dran gibt, muß ner ganz andern Richtung als der welt-
dem Volkstumsforscher Prof. Georg der Tod zurücktreten und das Mädchen
Hüsing. Er hat aus Kinderreim, Lied, anschaulichen eine große Wirkung tun:
„zu Lande gahn“ lassen – zum Leben. er kann zu der großen Anregung wer-
Märchen, Reigen und im Norden noch (Otto Schmidt: „Der Schiffmann. Ein
überliefertem, noch lebendigem den für das wirklich arteigene Thing-
Bekenntnis nordischer Geisteshal- spiel.
Brauchtum den Laich neu geschaffen. tung“, Verlag Herbert Stubenrauch,
Jedenfalls hat er aber eine Anzahl der Berlin 1935). Ehe er dies aber werden kann, muß von
wesentlichsten und bedeutendsten Lai- Allen der gleiche Weg zurückgelegt
che neu geformt. Er hat ihn als nicht nur Es ist keine Frage, der Sinn dieses Lai- werden, den die gegangen sind, die ihn
germanische, sondern schon indoger- ches liegt offener zu Tage als der fast al- zu neuem Leben weckten. Es war der,
manische Schöpfung nachgewiesen und ler Mythen und Märchen. Gesetz ist in zu erkennen, daß der germanische

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Mensch, wenn er von der Natur sprach, Die Behandlung des Laiches in diesem Sprüngen hinein treffen mußte, und
sich mit eingeschlossen fühlte, christli- Zusammenhang mußte sich aus ver- nach anderer Überlieferung beziehen
che Erziehung ihn aber zwang, sich von schiedenen Gründen auf einen Hinweis sich die 7 Sprünge auf die 7 Todsünden,
ihr auszuschließen, sich ihr gegenüber beschränken. Ich verbinde dies mit dem deren man also durch die Sprünge ledig
zu stellen, und daß es kein neues großes Wunsch, an Stelle einer eingehenderen werden wollte. Daher ist wohl zu beach-
germanisches Schaffen gibt ohne auf Arbeit die Schrift von Otto Schmidt ten, daß die alten Perser 9 Todsünden
diesen Standpunkt, volkhaft, zurückge- „Der Schiffmann, ein Bekenntnis nordi- kannten und bei entsprechenden Reini-
funden zu haben. scher Geisteshaltung“ in die Hand zu gungsbräuchen 9 Gruben verwendeten.
nehmen. Ferner gehören hierher das be- Diese und ähnliche auffällige Überein-
Wo Schaffen sein soll, ohne Hinterge- reits erwähnte „So zum Tanze führ’ ich stimmungen deuten wohl auf ein hohes
danken, da darf nicht anmaßendes Ta- Dich“ desselben Verfassers und als Alter und arische Abkunft der Neuner-
xieren sein, da muß Anschauung und grundlegendes Werk „Deutsche Laiche sprünge. Man könnte sich denken, daß
Ehrfurcht sein vor allem Leben als dem und Lieder“ von Georg und Emma Hü- es sich ursprünglich um Tilgung von
Strömen aus unergründbar und ewig sing (Verlag Eichendorff-Haus, Wien Sünden gehandelt hätte, die man mit
Seiendem, von der tastenden Wein- 1932). den genannten Leibesteilen begangen
ranke bis zur Kometenbahn. Wilhelm Schloz hatte, und die man ausheilte durch
Berührung mit der Erde; daraus würde
sich vielleicht auch die Vermischung des
Neunersprunges mit den Sonnwendfei-
ern erklären, bei denen heute dem

Der Neunersprung Feuer auch eine reinigende Kraft zuge-


wiesen wird.
Noch ursprünglicher handelte es sich
er Tanz ist heute unter dem Na- 7. Sprung: Aufhüpfen und Berühren um die Mondwende, was sich in der

D men „Die sieben Sprünge“ in ganz


Deutschland (auch Holland) be-
kannt, und wurde bei Festen (Hochzeit,
des Bodens mit dem linken Unter-
arme.
8. Sprung: Aufhüpfen und Berühren
Harzer Fassung durch das sich Umwäl-
zen und dreimalige Berührung des
Kopfes mit der Erde noch ausprägen
dürfte; darauf deutet auch der rückläu-
Fasnacht, Ostern, Pfingsten, Ernte, Kir- des Bodens mit dem rechten Unter-
mes und Aufnahme in den Bur- arme. fige 2. Teil des Neunersprunges, der also
schenbund) getanzt. kalendarisch die 3. Woche (zu 9 Näch-
9. Sprung: Aufhüpfen zur Hockstellung ten), die 3 Schwarzmondnächte und die
Könnt ihr nicht den Neunersprung, des Körpers und Berühren des Bo- folgende 1. Neunerwoche (des nächsten
Wollt ihr ihn nicht tanzen? dens mit dem Kopfe (Stirn), oder (je- Monats) umfaßt, sich um den Mond-
Wackres Mädel wart’ auf mich, der Bursche nach Belieben) Aufhüp- wechsel als Mittelpunkt gruppiert und
Bis ich komm’ und hole dich! fen mit Anschließen eines „Purzel- die 2., die Vollmondwoche, ausläßt.
Den ersten, den zweiten usw. baumes“, dabei Berühren des Bo- Daß damit auch Mythen in Verbindung
Darstellung: Die Sprünge werden in dens mit der Stirn, oder Aufhüpfen stehn, ist zum Teil bereits deutlich er-
verschiedenen Formen getanzt; eine mit anschließendem Handstande und kennbar, aber auf engem Raume nicht
Form sei hier beschrieben. Die Teilneh- Berühren des Bodens mit dem Kopfe. beweisbar.
mer bilden einen großen Kreis, in dem Bemerkungen: Da bisher jede in
sie sich mit Handfassung in Laufschrit- deutschvolkskundlichem Stoffe über- Die Weise, die wir gewählt haben,
ten nach links hin bewegen, unter Ab- lieferte Sieben als jüngere Verdrehung stammt aus Friedländer, 100 Volkslie-
singung des Vierzeilers, nach dessen einer älteren Neunzahl erweisbar ist der, wiedergegeben in Meyer, Tanz-
Ende alle stehn bleiben. Auf die Worte (vgl. 9 Schwaben, Neunmeilenstiefel spiele und Singetänze. Die Weise ist
„den ersten“ wird der erste Sprung von usw.), lag von vornherein der Gedanke ganz deutlich eine Spielform der Jubel-
Allen oder auch von den Burschen al- nahe, ja es war so gut wie selbstver- melodie zur Echternacher Springpro-
lein ausgeführt. Im letzteren Falle be- ständlich, daß die „säben“ Sprünge ur- zession, und sie hat unzählige nahe Ver-
gleiten die Mädel den Sprung mit Hand- sprünglich „negen“ (neun) Sprünge ge- wandte in unsern Volkstänzen, was
klatschen. Beim zweiten Singen wird wesen sein müssen. In Westfalen ist nun wohl für das hohe Alter der Weise ein
der erste Sprung wiederholt und der der Sprung mit Knie, Ellenbogen, Hand Beweis sein dürfte.
zweite hinzu gefügt, und so jedes Mal und Nase überliefert, es fehlen also die Emma und Georg Hüsing
der nächste. Vom neunten Sprunge ab Füße zur Neunzahl, und umgekehrt in
wird je der Letzte weg gelassen, so daß Schwaben die Hände: man hat also je
ein anderes Leibesglied weg gelassen,
Anmerkungen
am Schlusse, nachdem 16 mal der Vier-
zeiler gesungen wurde, nur wieder der um die gewünschte Siebenzahl zu erhal- Schon Franz M. Böhme (Geschichte des
erste Sprung übrig bleibt. ten. Die vollständige Reihenfolge lau- Tanzes in Deutschland, 1886, S. 155) hat
1. Sprung: Aufhüpfen und Stampftritt tet: Fuß, Knie, Hand, Ellenbogen, Kopf, erkannt, daß dieser Tanz „jedenfalls aus
links. und das ergibt einen Neunersprung. Im der Heidenzeit stammt und religiöse
Harz werden genannt: Ellenbogen, Bedeutung hat“. Er hat ihn als einen
2. Sprung: Aufhüpfen und Stampftritt
Knie, Hacken, Fußspitzen, Kopf, also Opfertanz der Germanen zur Frühlings-
rechts.
die richtige Neunzahl, wenngleich in feier gesehen und darauf hingewiesen,
3. Sprung: Aufhüpfen und Niederknien verderbter Reihenfolge und mit Zerle- daß er in Westfalen (wo der Sieben-
auf den linken Unterschenkel. gung des Fußes in Hacken und Spitze; sprung als einziger in Deutschland noch
4. Sprung: Aufhüpfen und Niederknien hier ist also die neben der Benennung ein Neunersprung geblieben war, so wie
auf den rechten Unterschenkel. „Siebnersprung“ überlieferte tatsächli- die Westfalen auch sonst vielfach am
5. Sprung: Aufhüpfen und Berühren che Neunzahl in falscher Weise wieder Alten festgehalten haben) zum ersten
des Bodens mit der linken Hand- hergestellt worden. Ostertag getanzt wurde. Soweit er
fläche. In einer westfälischen Abart, die am meint, daß der Tanz in christlicher Zeit
6. Sprung: Aufhüpfen und Berühren des Ostertage gespielt wurde, werden 7 meist am Erntefest und auf Kirmsen,
Bodens mit der rechten Handfläche. Gruben erwähnt, in die man mit seinen auch bei Hochzeiten zur Aufführung

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gebracht wurde, möchte ich dies aller- Während im Harz die zwei Siebensprin- burschen mit ihren Mädchen in der Na-
dings nicht auf eine christliche Verän- ger erst – dabei die Musik nachmachend tionaltracht regelmäßig zum Tanz ka-
derung zurückführen, sondern meine, – mit den Fingern auf den Boden klop- men, während dieses Tanzes immer
daß dieser Tanz – der unzweifelhaft eine fen, dann mit den Ellenbogen, dann mit aber nur zwei Paare tanzten vor oder
Verehrung der Mutter Erde beinhaltet den Knien, dann mit den Hacken und nach den Sprüngen, wobei sich beide
– eben auch bei anderen Gelegenheiten, endlich mit den Fußspitzen, sich dann Burschen gegenüberstellten und die
wo sie zu ehren war (natürlich bei der wälzten und dreimal mit dem Kopf auf Mädchen alleine außen weiter tanzten,
Ernte, aber auch sonst) getanzt wurde. den Boden schlugen, jauchzten sie im- tanzte man einige Takte Schottisch. In
Da während des Tanzes vom Tänzer ge- merfort: „Use siebespringer, use hoch- Grünendeich im Alten Land endete der
sungen wird: „Mach mir nur den Sie- tiet!“ Wenn der Siebensprung voll- Tanz mit dem Legen auf den Bauch,
bensprung, mach mir’ alle sieben, mach bracht war, rief alles: „Use Siebesprin- beim Blankeneser „Söbensprung“ tanz-
mir, daß ich tanzen kann, tanzen wie ein ger is noch am Leben.“ ten meistens auch nur ein oder zwei
Edelmann: `s ist einer...“, ist von man- Burschen, die die Beine nach links und
chen geschlossen worden, daß hier die Aenne Goldschmidt (Handbuch des rechts warfen; je schneller und ver-
höfische Sitte verspottet werden sollte, deutschen Volkstanzes, 4. Auflage, wickelter die Bewegungen, desto
indem in übertriebener Art und Weise 1981, S. 292) nimmt an, daß die Wurzeln größer war der Beifall der Zuschauer.
der Herr vor der Dame sich zunehmend des Siebensprunges tief hinab in alte Bei den meisten Fassungen wurden die
mehr verbeuge. Aber die Forscher sind Fruchtbarkeitsbräuche reichen und er Sprünge nach rückwärts wieder aufge-
sich einig, daß es sich beim Neun- bzw. sich als ursprünglich reiner Männertanz löst, indem man zuerst den siebten,
Siebensprung um einen ursprünglichen später zu einem Paartanz mit Geschick- dann den sechsten, dann den fünften
reinen Männertanz handelt, und in eini- lichkeitselementen und Werbecharak- Sprung usw. fortließ. Da man im Usin-
gen Landschaften (so Hessen-Nassau) ter entwickelt habe. Aber immer noch ger Land zu dem Tanz einen Text mit
hatte sich das noch bewahrt. Richard führten in der Regel nur die Burschen der Anrede „Hans Orem“ singt, wel-
Wolfram („Die Volkstänze in Öster- die Sprünge aus, auch im Paartanz, wo- cher vermutlich auf ein Lied zurück-
reich und verwandte Tänze in Europa“, bei den Mädchen die Aufgabe obliege, geht, das bereits im Jahre 1500 entstan-
1951, S. 66) verweist darauf, daß im An- durch ein sprödes, ablehnendes Verhal- den ist, ist auch daraus das hohe Alter
schluß an das Berühren des Bodens mit ten den Burschen zu immer weiteren ersichtlich. Oetke verweist auch darauf,
der Stirn die Tänzer sich teilweise rechts Sprüngen zu provozieren. Sie erklärt daß sich die Mädchen im Flachs wälzten
und links wälzen, ebenso wie man sich eindeutig: „Die Beteiligung der und um den Flachs herumsprangen, um
aus Gesundheitsgründen im Tau wälzt. Mädchen an den Sprüngen ist als Zer- dessen Wachstum zu fördern, ferner
Zu Pfingsten tanze den Siebensprung fallserscheinung zu werten.“ daß im Helgoländer Siebensprung mit
eine ganz in Laub gehüllte Maske, die den Worten „Wide, wide, wid“ unver-
sich zuletzt auch wälzt, was zu denken Sie erwähnt, daß der erste Teil des Sie- kennbar Anklänge an den Text des
gäbe. Ferner werde der Tanz bei Auf- bensprunges, ein Vortanz, aus den ver- „Wautreigens“ enthalten sind, mit de-
nahme in den Burschenbund getanzt. schiedenen Formen bestehen könne, nen Wodan geehrt wurde (a. a. O., S.
Zudem seien Tänze von Männern – wobei maßgebend dafür sei, ob es sich 279).
wenn es sich nicht um Scherz- oder Ge- um einen Paartanz oder um einen Män-
schicklichkeitstänze handele – meist be- nertanz handele. Typisch seien Paar- Er erwähnt ferner, daß – so wie der Sie-
deutungsvoll und von alter Herkunft. rundtänze oder ein gemeinschaftlicher bensprung die Fruchtbarkeit fördern
Die Zahl sieben (ebenso wie neun) gelte Kreisreigen als Vortanz. Im zweiten sollte – dies auch die Frauenhocktänze
als heilige Zahl. Hinzu kommt, daß teil- Teil folge die Tanzfigur in Sprüngen. Ich tun sollten. Da sie auch den Namen
weise sehr altertümliche pentatonische nehme an, daß dort, wo der Tanz als „Hasentanz“ und „Krötentanz“ tragen,
Weisen verwendet werden. Wie in Hes- Tanz zur Aufnahme des Burschen in die deute dies auf alte Fruchtbarkeitsvor-
sen-Nassau findet sich ein Männertanz Burschenschaft getanzt wurde, als Vor- stellungen hin; es geht um verschiedene
mit dem Namen „Sjauspringar“ in Nor- tanz ein Kreistanz der Männer, die sich Varianten, wobei die Viereckaufstel-
wegen (Söndfjord, Fana) ebenfalls als gegenseitig die Arme auf die Schultern lung sicherlich die ältere Fassung des
reiner Männertanz. Dort – wie auch in gelegt haben, gedient hat, es bei Hoch- Tanzes sei (a. a. O., S. 289 f.). In der
manchen Teilen Deutschlands – führen zeiten keine Vortänze gab, weil dort Rhön fand sich der Siebensprung unter
zwei Männer den Tanz aus, wobei sie im (wie in Norwegen, Harz) nur zwei Män- dem Namen „Kopphei“ und wurde an-
Harz im Abschluß dreimal den Kopf ge- ner tanzten. Auch Herbert Oetke („Der dernorts als „Schnittertanz“ oder „Ern-
gen die Erde stoßen. Gegen die Ver- deutsche Volkstanz“, 1982, Seite 29) tetanz“ bezeichnet. Zuweilen wurde der
spottung spricht auch der Vers aus der nimmt an, daß es sich um einen ur- Tanz auch nur von einem Mann getanzt
Umgebung von Bonn: „Da ist mancher sprünglich alten Männertanz handelt (Oetke, a. a. O., S. 331 f.). Da das Ern-
Edelmann, der die sieben Sprüng nicht und zitiert Gertrud Meyer, die 1908 aus- tefest in Mecklenburg „Wodelbier“
kann...“ Eine sinnvollere Form des Ge- geführt hat, daß in verschiedenen Ge- hieß, man dort den Siebensprung
sangs ist in den Bremer Kinder- und genden „nur zwei Männer, die sich bei tanzte, ist es möglich, daß auch der
Ammenreimen (1836) enthalten, wo es beiden Händen halten und zuerst rechts „Waultanz“ und der „Waulsang“, den
heißt: „Danz mi mal de seven Sprünge, um, dann links um tanzen“, den Tanz Rodenberg in seiner Chronik noch bis
danz mi mal de seven! Meenst dat ik ausführen. Er schreibt, daß der Sieben- um das Jahr 1825 von den dortigen
nich danzen kann? Kann danzen as en sprung „offensichtlich aus kultischer Ackerbürgern und Bauern ausgeführt
Edelmann. Spring hoch up!“ Böhme er- Handlung stammende Bewegungen“ erwähnte, der Siebensprung war (a. a.
wähnt dann noch zwei holländische Fas- (a. a. O. S. 78) enthält. Er erwähnt fer- O., S. 352).
sungen, die so lauten: „Hedde niet ge- ner, daß neben Hochzeiten „namentlich
hoord van den zeuvensprong, hedde bei landwirtschaftlichen Festen“ der Festzuhalten bleibt: Zumindest bei un-
niet gehoord van de zeuven? Ze zeggen, Siebensprung zum festen Bestand der serer Erntefeier sollte der Neuner-
dat ik niet dansen kann, ik kan dansen as Tänze gehörte (a. a. O. S. 224). Daß ur- sprung von zwei Männern getanzt wer-
eenen edelmann“. Ferner: „Ei, wie kan sprünglich nur zwei Männer tanzten, ist den, da wir in ihm den Rest eines alten
de zevensprong, ei wie kan ze tansen? Is noch aus der Form des Siebensprungs in Laiches erkennen dürfen.
der dan gen eene Mann, die de zeven Niblum zu sehen, wo es sich schon um
sprongen kan? Dat eene......“ einen Paartanz handelte, viele Friesen- Jürgen Rieger

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umbruch_3/05 05.07.2005 23:15 Uhr Seite 67

ine Schöpfung nordischen Geistes

E in der Dichtkunst ist die Ballade,


die bei allen germanischen Völkern
Die Ballade vom Ulinger im
gepflegt wurde. Sie behandelt vorwie-
gend tragische Sagenstoffe und gibt
Zeugnis von der heroischen Weltan-
schauung voll düsterer Ahnungen um
he‚ixen Kinderlied
Kampf und Untergang. Der mythische
Inhalt wird in ihr episch dargestellt,
aber nicht gleichmäßig und ruhig
fließend, sondern mit dramatischer
Spannung und Wucht, in Rede und Ge-
genrede.

Da diese Lieder auch gesungen wurden,


haben sie ihre eigenen Melodien und
Rhythmen erhalten, die zu feierlichen,
ursprünglich kultischen Chortänzen Und kämmte sich ihr goldnes Haar. Dadurch, daß der tragische Gehalt ver-
vorgetragen wurden. Und als sie damit fertig war, loren ging, sind Neuschöpfungen ent-
Da fing sie an zu weinen. standen, von denen auch unsere Ge-
Sie sind also universales Kunstwerk ge-
Der kam ihr Bruder Karl herein. gend eine hervorgebracht hat, die in-
wesen, aus dem sich sowohl die nordi-
Mariechen, warum weinest du? haltlich mit dem Stoff der Kinderbal-
sche Epik wie das nordische Musik-
lade nichts mehr gemein hat. Eine sol-
drama hätte entwickeln können, wenn Ich weine, weil ich sterben muß. che Kinderposse wird in Lorsch gesun-
nicht fremder Geist eingebrochen wäre Da nahm der Karl das Messer raus gen:
und die Entwicklung unterbunden Und stach ihr in das Herze.
hätte. Da kam die Mutter aus dem Wald. Mariechen saß auf einem Stein.
Wo ist denn mein Mariechen? Da ging die Türe klingelingeling.
Einige unserer Kinderlieder gehen auf Sie ist schon längst begraben. Da kam die Katz zur Tür herein
diese uralten Volksgesänge zurück. Da stand Mariechen fröhlich auf. Und fraß Mariechens Butterbrot.
Aber durch die Jahrhunderte und Jahr- Mariechen war ein Engelein. Da ging die Türe klingelingeling.
tausende haben sie vielfältige Umge- Der Karl der war ein Bengelein. Da kam die Mutter zur Tür herein.
staltungen erfahren. „Die Katz, die hat mein Butterbrot
Während die Kinder singend im Kreise gefressen!“
Ein Balladenstoff, der in einem Kinder- schreiten, wird jede im Lied beschrie- Da ging die Tür klingelingeling.
lied behandelt wird, gehört zur unheim- bene Handlung von einzelnen dazu be- Da kam die Mutter mit’m Besenstiel
lichen Sage vom Ulinger oder, wie er in stimmten Spielern dramatisch darge- Und schlug die Katz zur Tür hinaus.
Frankreich hieß, vom Ritter Blaubart. stellt. Rede und Gegenrede wird von
Der Inhalt ist kurz folgender: Ein Ritter Die Melodie aller dieser Lieder ist
diesen allein vorgetragen.
betört mit seinem Gesange eine Jung- gleich und deckt sich wiederum mit dem
frau, die dann von ihm entführt und ge- Der Stein, der am Anfang des Liedes er- Liede: Dornröschen war ein schönes
hangen werden soll. Schon elf Jung- wähnt wird, hat alte kulturgeschichtli- Kind. So sinnlos zuerst das besprochene
frauen hat er verlockt und getötet, aber che Bedeutung. E. M. Arndt schreibt Kinderlied erscheinen mag, so großartig
die zwölfte, Rautendelein oder Schön- darüber in seinen Erinnerungen, daß in ist der geistige organische Zusammen-
Ännelein, wird seine Rächerin. Als er Stralsund früher auf dem Markte der hang, in dem es steht.
sie ermorden will, erschlägt sie ihn mit sogenannte „Breite Stein“ dazu gedient Joseph Schopp
seinem eigenen Schwerte und reitet auf habe, feierlich Verlöbnisse zu verkün-
seinem Rosse heimwärts. In anderen den. In diesem Sinne ist er auch hier zu
Balladen wird auch sie getötet und der nehmen.
Mord dann von ihrem Bruder gerächt. Der tragische Schluß der Sage ist dem Heidenspaß
Kindergemüte unerträglich gewesen.
Das Motiv zu den Jungfrauenmorden ist
Der Märchenglaube des Kindes läßt die
der alte nordische Glaube an die Le-
benskraft reinen Blutes, insbesondere
Ermordete einfach wieder fröhlich zum E in Bauernbub führt eine Kuh durchs
Leben auferstehen und so die traurige Dorf und trifft unterwegs den Pfarrer.
die Vorstellung, daß das Blut unschuldi-
Situation sich in eine freudige verwan- „Na, wohin geht du denn mit deiner
ger Mädchen vom Aussatz heile. Wir
deln. Kuh?“ fragt er. „Naja, ich führ sie halt
brauchen uns nur an die mittelalterliche
zum Decken“, sagt der Junge. „Und da
Legende vom „armen Heinrich“ des In Bensheim dagegen schließt das Lied schicken sie ausgerechnet dich!“ sagt
Hartmann von Aue zu erinnern, der tragisch ab: der Pfarrer voll moralischer Bedenken.
auch nur durch das Blut einer reinen
Mariechen saß auf einem Stein. „Kann das denn nicht dein Vater ma-
Jungfrau gerettet werden konnte. Echt
Da fing sie an zu weinen. chen?“ „Nein, Herr Pfarrer das können
germanisch ist ferner der Glaube an die
Da kam ihr Bruder Karl herein. Sie nicht beurteilen, das kann über-
zauberhafte Macht des Gesanges.
Mariechen, warum weinest du? haupt nur der Stier.“
Schon im Gudrunlied gewinnt Horant
durch seine Zaubergesänge die Königs- Ich weine, weil ich sterben muß.
Da kam der Jäger aus dem Wald *
braut.
Und stach Mariechen in das Herz.
Aus der großen Ballade vom Ulinger Da fiel sie tot zu Boden. Warum zog Moses mit den Juden
hat sich eine kleine Kinderballade ent- Mariechen ist ein Engelein. durchs Rote Meer?
wickelt. Sie wird in Sonderbach i. O. fol- Da kamen ihre Eltern rein Weil er sich genierte, mit der Misch-
gendermaßen gesungen: Und fingen an zu weinen. poche durch die Stadt zu gehen.

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Maße möglich war, haben die Kelten,


wenn sie siedelten, einen almartigen
Unseren jungen Gefährten Weidebetrieb gehabt. Sie nützten die
Wiesen des Moränegebietes (Glet-
scherschutt) in Oberbayern (Starnber-
ger See, Roseninsel). Dichte Wälder bo-
ten ihnen außerdem ertragreiche Jagd-
gründe.
Au+ Deutxland+ Vorzeit: Unser Bild (Abb. 34) zeigt eine solche
Almwirtschaft, wie sie etwa in einem
Wiesental der Schwäbischen Alb be-
Die Bronzezeit standen haben mag. Frauen sind bei der
weidenden Rinderherde beschäftigt,
Männer kehren von der Jagd zurück. Im
Teil 6 Mittelgrund auf einer Wiesenkuppe er-
heben sich die halbkugeligen Hügelgrä-
ber. In der Ecke rechts unten zeigen wir
einen für die Kelten kennzeichnenden
Krug mit seinen Kerbschnittmustern,
die tief wie in Holz in den Ton gekerbt
worden sind. Solche Krüge kommen be-
sonders in Württemberg, der Rheinpro-
vinz, Rheinhessen und Starkenburg vor.
Was wir in Gräbern an bronzenen
Schwertern und Dolchen, Äxten und
Pfeilspitzen der Kelten fanden, unter-
scheidet sich mehr oder weniger nach
geschmacklichen und modischen Ge-
sichtspunkten von gleichen Funden im
Norden.
Bezeichnend für Süddeutschland dürfte
vor allem der mannigfache Schmuck der
Frauen sein.
Unser Bild (Abb. 35) zeigt drei keltische
Frauen auf der Landstraße im Gespräch
Abb. 34 und im Spiel mit ihren Kindern. Nicht
nur an den Armen tragen sie mehrfach
umlaufende und in Spiralen auslau-
Süddeutschland zur wölbten Hügeln. Solche Gräber lagen
fende Reifen. Die Frau in der Mitte un-
oft in Gruppen in großer Zahl, 30–40
Bronzezeit nebeneinander auf den Höhen der
seres Bildes hat einen besonders schö-
nen bronzenen Gürtelhaken, um den
Gegen Süddeutschland und das Rhein- Schwäbischen oder Fränkischen Alb.
Hals eine Bernsteinkette, ein kostbares
gebiet grenzten die Germanen an ein Schmuckstück, das weit aus dem Nor-
Die zu diesen Hügelgräbern gehören-
Volk, über dessen Zugehörigkeit lange den von der jütischen Insel, vielleicht
den Siedlungen aufzufinden, ist bisher
Zeit Zweifel bestanden haben. Wir kön- über Mainz, das schon damals ein Um-
noch selten geglückt. Da nun der Acker-
nen uns hier nicht auf die verschiedenen schlagplatz war, in die Schwäbische Alb
bau auf dem nicht sehr fruchtbaren
Ansichten einlassen; soviel nur können gewandert sein muß. Die sogenannte
Kalkboden nur in höchst bescheidenem
wir sagen, daß dieses Volk vielleicht
schon als keltisch, zumindestens urkel-
tisch anzusprechen ist. Jedenfalls saßen
in diesem Gebiet in der letzten Hälfte
des Jahrhunderts vor unserer Zeitrech-
nung die Ahnen der Kelten. Auch sie
gehörten der großen indogermanischen
Völkerfamilie an.
Es gab einmal eine Zeit, in der man al-
les für „keltisch“ hielt, in der man die
hohe Bronzekultur der Germanen als
keltischen Einfluß oder keltische Ein-
fuhr erklärte. Die Forschung hat heute
die Bodenständigkeit unserer germani-
schen Bronzekultur erwiesen.
Die Bronzezeit Süddeutschlands, die
wir rund von 1800–1000 vor üblicher
Zeitrechnung ansetzen, wird auch die
Hügelgräberbronzezeit genannt. Denn
die Kelten bestatteten ihre Verstorbe-
nen damals verbrannt oder unverbrannt
unter flachen oder halbkugeligen ge- Abb. 35

68 Nordische Zeitung 3, 73. Jg. / 3805 n. St.


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Radnadel, mit der die Bluse vor zusam-


mengehalten wird, ist zugleich ein in
Süddeutschland beliebtes Zierstück ge-
wesen. Es wurde von Frauen getragen,
wohl auch von Männern, denn die im
Norden übliche Gewandspange (Fibel)
fehlte im Süden.
***
Es ist immer gut, sich geschichtliche
Vorgänge auf einer Landkarte zu ver-
deutlichen; so prägt sich das Gelesene
am besten ein. Das gilt nicht nur für die
„geschriebene“ Geschichte, sondern
auch für die „schriftlose“ Vorge-
schichte.
Wie wir die Betrachtung der Jungstein-
zeit mit einer Karte abgeschlossen ha-
ben, ebenso wollen wir auch mit einer
Karte der Bronzezeit noch einmal auf
eine vereinfachende Weise veranschau- Abb. 36
lichen, wie die Siedlungsgebiete unseres
Vaterlandes im besonderen Hinblick Die germanischen Gebiete und die ihrer In den folgenden Ausgaben der Nordi-
auf die Landnahme der Germanen ver- Nachbarn sind wieder durch einge- schen Zeitung wird der hier an-
laufen ist. stellte Figuren und bezeichnende Ge- schließende Zeitraum von anderthalb
genstände angegeben. Jahrtausenden, die Eisenzeit, der
Wir sind am Ende unserer Wanderung Kampf um den Rhein und die große
Deutschland vor 3500 Jahren durch die Vorgeschichte. Wir gingen germanische Völkerwanderung in den
aus von der Jungsteinzeit, in der die An- ersten fünf Jahrhunderten nach übli-
Wenn wir auf unserer Karte (Abb. 36)
fänge unserer Volkswerdung liegen und cher Zeitrechnung bis zur Gründung
Deutschland in der Bronzezeit betrach-
schließen mit der Bronzeit, einer Blüte- des Deutschen Reiches in ähnlicher
ten, also vor rund 3500 Jahren, so sehen
zeit des germanischen Volkes. Weise behandelt.
wir auf den ersten Blick, wie sich die
Germanen im Laufe der Jahrhunderte Wir konnten immer nur in großen Zü- (Fortsetzung im nächsten Heft mit der Reihe:
von ihren Stammsitzen in Jütland, Süd- gen das weite Gebiet der Vorgeschichte „Aus Deutschlands Vor- und Frühzeit“)
schweden und Norddeutschland her im- durchstreifen, aus der unübersehbaren
mer weiter nach Osten, Süden und We- Mannigfaltigkeit des Stoffes einiges
sten ausgebreitet haben. Es ist leider Wichtige herausgreifen, davor verwei- Anmerkungen:
nicht möglich, diese Landnahme in len. Der Blick war dabei immer auf das * Weit über Deutschland hinaus genießt das Römisch-
ihren einzelnen Stufen (Phasen) auf ei- Erbe unserer Ahnen gerichtet. Germanische Zentralmuseum einen hervorragen-
ner einzigen Karte zu verzeichnen. den Ruf. Zuletzt wurden hier Funde des Südtiroler
Vielleicht ist es geglückt, daß manch Gletschermannes konserviert, peruanische Ent-
Wir bezeichnen die vorrückenden einer, dem die Vorgeschichte bisher deckungen eines Fürstengrabs restauriert und sogar
eine Außenstelle im chinesischen Xian eingerichtet,
Grenzen mit heutigen Städtenamen. fremd gewesen ist, nun einige große wo Experten aus Mainz bedeutende Metallfunde
Danach erreichten die Germanen um Leitlinien behält und sich zurechtfindet, unter die Lupe nehmen.
1200 vor üblicher Zeitrechnung etwa wenn er einmal Umschau hält in seinem Im Nordwestflügel des Kurfürstlichen Schlosses er-
eine Linie, die durch die Städte Bremen Heimat- oder Provinzialmuseum. Etwa wartet die Besucher eine nicht minder bedeutsame
– Magdeburg – Berlin – Stettin – Hil- in Bonn, Halle, München, Stuttgart, Palette spektakulärer Funde – eindrucksvoll wird
ein Bogen von der Steinzeit bis zum frühen Mittelal-
desheim – Naumburg – Leipzig – Des- Weimar, dem großen Museum in Berlin ter geschlagen.
sau beschrieben wird. Um 800 v. ü. Ztr. und der umfassenden Sammlung für
Öffnungszeiten:
haben sie bereits die Linie Emden – deutsche Vorgeschichte in Mainz, dem
Di. bis So. 10.00 bis 18.00 Uhr, Mo. geschlossen.
Osnabrück – Hildesheim – Naumburg – 1852 gegründeten Römisch-Germani-
Leipzig – Dessau – Berlin – Schnei- schen Zentralmuseum*, das die große Römisch-Germanisches Zentralmuseum
demühl – Danzig erreicht. Unaufhalt- Aufgabe hat, in Fundstücken und Forschungsinstitut für Vor- und Frühgeschichte
sam werden die Germanen in dem näch- mustergültigen Nachbildungen einen Kurfürstliches Schloß
sten Jahrtausend das während der annähernd vollständigen Überblick Ernst-Ludwig-Platz 2
Bronzezeit noch von Illyrern und Kel- über die deutsche Vorgeschichte zu 55116 Mainz
ten besetzte Gebiet überfluten. geben. www.rgzm.de

Abb. 37: Germanische Landnahme

Nordische Zeitung 3, 73. Jg. / 3805 n. St. 69


umbruch_3/05 05.07.2005 23:15 Uhr Seite 70

steht er es, die anderen Hunde gegen-


einander aufzuhetzen. Dann schürt er
solange, bis sie sich endlich in den Haa-
Unseren jüngyen Gefährten ren liegen. Und wenn sie sich dann so
abraufen, daß Blut fließt, dann tut der
Pudelmopsdackelpinscher auf einmal
ganz scheinheilig und sagt zu den an-
dern:
Der Pudelmop+- „Wie kann man nur so böse sein!“
In Wirklichkeit aber freut er sich und
denkt:
daqelpinxer „Na, das hab’ ich wieder gut gemacht!“
Der Pudelmopsdackelpinscher ist aber
auch sonst ein Hund, den man hassen

J eden Abend, wenn sich


die Dämmerung hernie-
dersenkt, kommt ein
Hund durch die Straßen un-
und verachten muß. Am wohlsten fühlt
er sich im Schmutze. Wo es eine Pfütze
gibt, da legt er sich mitten hinein. Er
wälzt sich am liebsten im Unrat. Sein
serer Vorstadt gelaufen. Nie- Fell ist über und über verschmutzt und
mand kennt ihn. Er ist fremd. ein furchtbarer Geruch zieht von ihm
Er hat keine Heimat und kei- weg. Aber gerade das gefällt ihm.
nen Namen. Seine Großel-
„Ich bin eben ein besonderer Hund!“ So
tern väterlicherseits waren
sagt er und erhebt stolz seinen Kopf.
ein Pudel und eine Möpsin,
seine Großeltern mütterli- Der Pudelmopsdackelpinscher ist auch
cherseits ein Dackel und noch in anderen üblen Dingen ein Mei-
eine Pinscherin. Seinen Va- ster. Im Bellen, zum Beispiel, da tut es
ter könnte man also einen ihm keiner gleich. Kläffen kann er so
Pudelmops und seine Mutter eine kommt, das frißt er zusammen. Hier laut in der Nacht, daß die Bewohner
Dackelpinscherin heißen. Und dem stiehlt er einem Bernhardiner einen ganzer Straßen davon wach werden.
Hunde selbst müßte man gerechter- Knochen weg, dort säuft er die Milch Auch im Beißen hat er es zu einer be-
weise die Rassebezeichnung geben: aus, die für die Katze bestimmt ist. Hier sonderen Kunstfertigkeit gebracht. Er
Pudelmopsdackelpinscher. frißt er ein Nest mit jungen Vögeln auf, wagt es zwar nicht, einen Gegner von
Dieser Pudelmopsdackelpinscher also dort klaut er einem Arbeiter das Früh- vorne anzugreifen. Nein, das wäre zu
ist es, der sich bei uns herumtreibt. stück. Wenn ihn die anderen Hunde we- gefährlich! Aber in dem Augenblick,
Wenn man ihn genauer ansieht, dann gen seiner Diebstähle zur Rede stellen wo der andere nicht aufpaßt oder ihm
kann man tatsächlich die Rassenmerk- oder wenn ihm einer der Menschen, die gar den Rücken zeigt, da wird er mutig.
male seiner Großeltern feststellen. Sein er bestohlen hat, einen Stein nachwirft, Da beißt er zu. Dann aber rennt er da-
gekräuseltes, schwarzes Haar erinnert dann tut er sogar noch beleidigt. von, so schnell er nur kann. Der Pudel-
an einen Pudel, sein riesiges Maul mit mopsdackelpinscher ist ein Feigling.
„Ich hab’ doch das Recht zum Klauen!“ Auf ihn allein paßt das Wort: feiger
den herabhängenden Lippen an einen sagt er und trollt von dannen.
Mops! Seine krummen Beine erinnern Hund.
an einen Dackel und eines seiner Ohren Der Pudelmopsdackelpinscher hat Seit Jahren treibt sich der Pudelmops-
an einen Pinscher! Also ein Pudelmops- keine Freunde, weder bei den Men- dackelpinscher, dieser Rassemischling,
dackelpinscher im wahrsten Sinne des schen noch bei den Hunden. Er ist ein in unserer Nähe herum. Wir haben ihn
Wortes! unleidlicher Bursche. Es gibt für ihn kennengelernt in seiner Niedertracht
Ebensowenig wie dieser Hund eine nichts Schöneres als den Streit. Von und Gemeinheit. Aber wir wissen es:
Heimat hat und irgendeinen Menschen morgens bis abends zankt er sich mit Eines Tages muß und wird sich sein
als seinen Herrn anerkennt, hält er sich den anderen herum. Er haßt den Frie- Schicksal erfüllen. Erst dann ist wieder
an eine Gesellschaftsordnung. Er küm- den. Am wohlsten ist es ihm, wenn es Ruhe und Ordnung in den Straßen un-
mert sich nicht um die Anstandspflich- Krach gibt. Und wenn kein Grund zu serer Stadt.
ten, die selbst Hunde zu erfüllen haben. Streitigkeiten vorhanden ist, dann ver- E. H.
Er geht nur seine eigenen Wege. Wenn
die anderen Hunde längst schlafen,
dann streunt er herum. Und wenn die
anderen Hunde mit Frauchen oder
Herrchen spazierengehen, dann schläft
er in irgendeiner Ecke.
Auch die Ernährungsfrage macht ihm
keine Sorgen. Wenn er sieht, wie andere
Hunde schön folgsam sind, damit ihnen
ihr Herr ja recht gute Mahlzeiten gibt,
dann muß er lachen.
„Ich hol’ mir mein Fressen schon
selbst“, sagt er und geht auf Raub aus. Spielanleitung:
Und stehlen kann er, das muß man ihm Die „Brunnenfrau“ kauert sich nieder und die Kinder springen singend herum.
lassen! Nichts ist vor ihm sicher. Überall Bei „zieh mich in den Brunnen“ muß die „Brunnenfrau“ laufen und versuchen
streicht er herum. Was ihm in den Weg einige Kinder zu haschen, die dann Brunnenfrauen sind.

70 Nordische Zeitung 3, 73. Jg. / 3805 n. St.


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Unser Märchen-Rätselbild gelt, daß die Kriterien für die Entschei-


dung gegen die Suitbert-Kirche nicht of-
fen gelegt worden seien, und verweist
auf die aktive Jugendarbeit, das inten-
sive Gemeindeleben, den sozialen
Brennpunkt und die seit 1961 um 43
Prozent gestiegene Katholikenzahl in
Überruhr.
In Steele denkt man schon weiter. Die
Eiberger Dreifaltigkeits-Kirche muß
zwar aufgegeben „aber nicht abgeris-
sen“ werden, sagt der stellv. Vorsit-
zende des Kirchenvorstands von St. Jo-
seph Steele-Horst, Heribert Staudinger.
Diese Josephs-Kirche steht, im Gegen-
satz zum gleichnamigen aber deutlich
kleineren Bau in Kray-Leithe, nicht auf
der Streichliste. Die Proteste der Gläu-
bigen kann er nachvollziehen. „Wo im-
Sechs Märchen, allbekannt, Erkennst sie heute nicht,
mer Bischof Hengsbach ein Neubauge-
sind im Bild verborgen. so doch gewißlich morgen.
biet sah, da mußte auch eine Kirche
hin“, sagt er. „Viele Leute haben da-
6. Hänsel und Gretel)
(1. Die Rabe – 2. Rotkäppchen – 3. Der gestiefelte Kater – 4. Die Bremer Stadtmusikanten – 5. Die Sterntaler –
mals Opfer gebracht und auch selbst
den Spaten in die Hand genommen, um
neue Kirchen zu bauen. Und jetzt sollen
Geistesfreiheit diese Gebäude weg.“
Das Herz Mariä in Altenessen trägt ein
In Fesseln kann der Deutsche Geist nicht leben, schwarzes Kleid. Beim Pfarrfest an der
Heßler Straße, traditionell eine fröhli-
Er gleicht dem Adler, der die Freiheit liebt. - che Angelegenheit, wurde der Kirche
Nur jenem Führer ist Unsterblichkeit gegeben, am Wochenende ein Trauerflor aufge-
steckt, Jugendliche trugen sie symbo-
Der Deutschen Menschen Geistesfreiheit gibt. lisch zu Grabe. Die Gemeinde hat Ap-
pelle an den Ruhrbischof geschickt, ihre
Erich Limpach Kirche zu verschonen. Pfarrer Hans
Ferkinghoff läßt seine Leute damit
nicht alleine, er hofft ebenso wie Dia-
kon Ewald Hillmann, daß die Kirche
und die „florierende Jugendarbeit“ er-
halten werden können. Joachim Mei-
Neue+ vom alten Feind nusch aus dem Pfarrgemeinderat ver-
weist auf die 2800 Nutzer, die die Pfarr-
bücherei im letzten Jahr gehabt habe.
Jugendleiter Raphael Dornebusch:
„Wir geben nicht auf.“
Das Ruhrbistum will bis zu kauft werden dürfen. Das könnte die
Gefühle vieler Katholiken verletzten“, Um ihren Bitten Nachdruck zu verlei-
122 Kirchen schließen so Lota. hen, marschierten die Altenessener am
Das sehen die Pläne vor, die das Bistum 25. Juni von St. Gertrud an der Rott-
im Zuge der geplanten Neugliederung Herz Mariä straße durch die Innenstadt zum Dom.
bisher in den einzelnen Stadt-Dekana- trägt schwarz Nicht als Demonstration, das wäre ja
ten vorgestellt hat. Von den rund 122 gar nicht so richtig katholisch. Schlim-
„überflüssigen“ Gebäuden sind bisher Die Kirchen-Streichliste des Bistums mer: als Bittprozession.
bereits 87 im Revier betroffen. Die Ent- für das Essener Stadtgebiet liegt vor, 25
scheidung für Duisburg-Hamborn, Gel- Kirchen stehen zur Disposition. Nun Aufblasbares Gotteshaus
senkirchen-Mitte und Dortmund-Mitte regt sich Protest, wehen gar schwarze
steht noch aus. Das Bistum will so die Fahnen – denn viele Gläubige hängen Die Kirche bläst die Backen auf. Mit
Hälfte der 30 Mio Euro jährlich an an ihrem Kirchbau. dem, was dann an heißer Luft ent-
Schlüsselzuweisungen einsparen. In Es ist unruhig in der Gemeinde St. Suit- weicht, kann man das erste aufblasbare
welchem Ausmaß Stellen von Mitarbei- bert Überruhr. „Seit einigen Wochen Gotteshaus der Welt füllen. In Esher in
tern gefährdet sind, sei noch nicht abzu- steht der katholische Teil von Überruhr der Grafschaft Surrey ist der vierzehn
sehen, erklärte Bistumssprecher Ulrich unter Schock“, schreibt Stephan Rie- Meter hohe Windbeutel auf der Kir-
Lota. Die Dekanate können innerhalb menschneider (38) von der Keveloh- chenmesse „ Christian Resources Exhi-
von sechs Wochen Einspruch erheben, straße. Auf der Internet-Homepage der bition“ schlecht zu übersehen. Der nicht
Bischof Felix Genn werde dann bis Pfarrgemeinde ist unter www.mariae- aufblasbare Pfarrer Chris Keating er-
Jahresende entscheiden. Die neu gebil- heimsuchung.de ein lebendiges Forum probt gerade die Belastbarkeit der Kan-
deten Pfarreien legen in Abstimmung entstanden, wo sich bisher 61 Christen zel, die sich ein wenig wulstig in die go-
mit dem Bistum fest, ob die Gebäude und Institutionen wie der Elternrat des tische Bauweise einzuzwängen sucht.
abgerissen oder verkauft werden. „Klar Suitbertkindergartens Luft gemacht ha- Auch Bänke, Orgel, Altar und Kreuze
ist nur, daß sie nicht an Muslime ver- ben. Stephan Riemenschneider bemän- lehnen sich behäbig windschief an die

Nordische Zeitung 3, 73. Jg. / 3805 n. St. 71


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schen Kirche, Thomas Krüger. So hät- hätten seit Anfang der neunziger Jahre
ten die Gemeinden in Westfalen nach nicht mehr alle Theologiestudenten
wie vor Probleme, alle Theologie-Stu- übernommen werden können. Er weist
denten unterzubringen. jedoch auch auf das Umfeld hin. „Theo-
Dramatisch ist die Situation in der ka- logie und Kirche haben nicht mehr den
tholischen Kirche. Dort herrscht seit Stellenwert wie früher.“
vielen Jahren Priestermangel und eine Wegen der drastisch sinkenden Studen-
zunehmende Überalterung des Klerus. tenzahlen fürchten manche theologi-
Etwa ein Drittel der Gemeinden hat schen Fakultäten um ihr Bestehen.
keinen eigenen Pfarrer. Viele Geistli- „Alle stehen wir unter großem Ein-
che sind für mehrere Gemeinden zu- spardruck“, sagt der Hamburger Pro-
ständig, Laien müssen Aufgaben wie fessor Hans-Martin Guthmann. Das
Beerdigungen übernehmen. Bundes- Theologiestudium ist seiner Ansicht
weit liegt die Zahl der neu geweihten nach reizvoll: „Die Spannbreite reicht
katholischen Priester pro Jahr nur noch von der Altorientalistik über Predigt-
bei etwa 130. lehre bis zur Familientherapie“, sagt er.
„Es geht nicht, daß wir unseren Glau- Allerdings müsse jeder Theologiestu-
ben nur mit Ehrenamtlichen weiterge- dent über das intellektuelle Wissen hin-
ben. Dafür sind fundiert ausgebildete aus auch eine spirituelle Kompetenz
Menschen nötig, schließlich ist das und Lebenspraxis entwickeln.
Pfarramt das wichtigste, das wir in der
„Theologen sind hoch qualifizierte Kul-
Kirche haben“, meint Hamburgs luthe-
turvermittler, geben weltanschauliche
rische Bischöfin Maria Jepsen. Geduld,
abgeschlaffte Tradition an. Kunsthisto- Werte weiter und sind in ethischen Be-
Anstrengung, Neugier und Kommuni-
riker werden Michael Gills Entwurf ei- langen unersetzbar“, meint der Kieler
kationsfähigkeit benötige ein guter Ge-
nes Tages den Beginn der Polyester- Hartmut Rosenau. Nur drei Kandida-
meindepfarrer. „Die Attentate vom 11.
Popmoderne nennen, die sich bisher in ten haben sich bei ihm zum nächsten Ex-
September und das Blutbad in Erfurt
Hüpfburgen verirrte. Rund 60 Personen amen angemeldet.
haben gezeigt, wie sehr wir als Kirche in
finden in der Heiße-Luft-Schloß-Kirche der Gesellschaft gebraucht werden. Ge- Die wenigen Theologiestudenten fin-
Platz, die in drei Stunden aufgeblasen ist rade heute gilt es, auf den Glauben hin- den fast überall paradiesische Bedin-
und nur 2700 Euro Miete pro Tag ko- zuweisen“, sagt die Theologin. gungen vor: kleine Seminare, gute Be-
stet. Noch predigt Chris Keahing aller- treuung durch die Professoren und
dings vor vollkommen leeren Bänken. Das Desinteresse junger Menschen am genügend Geld für Auslandsstipendien.
Vielleicht wartet er auch nur, daß ihn je- Pfarrberuf führt sie vor allem auf die
mand abholt, bevor ihm die Luft aus- schlechten Anstellungschancen der ver-
gangenen Jahre zurück, als die gebur-
geht.

Die Leere in den Fakultäten


tenstarken Jahrgänge und sozial enga-
gierte Anhänger der Friedensbewegung
die theologischen Fakultäten füllten
H andle so, daß Du überzeugt
sein kanny, mit Deinem
Handeln auc Dein Beye+
und für eine Theologenschwemme sorg- und Äußerye+ dazu getan zu
Die Kirchen haben ernste Nachwuchs- ten. Viele Bewerber fanden keine Stelle
sorgen: Es gibt zu wenig Theologiestu- haben, die Menxenart, au+
oder mußten sich eine teilen. Das hat zu
denten und damit zu wenig zukünftige Perspektivelosigkeit geführt. der Du hervorgegangen biy,
Pfarrer und Priester. An den Univer- beyand+- und entwiqlung+-
sitäten geht die Sorge um, daß nun theo- Diese Ansicht teilt Krüger: „In den sieb-
ziger und achtziger Jahren hatten wir fähig zu halten.
logische Fakultäten eingespart werden,
was das Problem noch verschärfen eine Boomzeit.“ Mit den zunehmenden Erwin Guido Kolbenhe¥er
würde. Finanzproblemen der Landeskirchen
In Deutschland ist die Zahl der evange-
lischen Theologiestudenten in den ver-
gangenen Jahren erfreulich gesunken.
Jetzt fürchtet die Kirche, in ein paar
Jahren ihre Pfarrstellen nicht mehr be- Nacricten
setzen zu können. „Mitte der achtziger
Jahre gab es in den westdeutschen evan-
gelischen Kirchen 14 000 Theologiestu-
denten. Heute sind es bundesweit
knapp 4000“, zählt der Leiter des theo- Du kamy, du gingy mit leiser Spur,
logischen Ausbildungs- und Prüfungs- ein flüct’ger Gay im Erdenkleid.
amtes in Kiel, Oberkirchenrat Michael Woher, wohin? Wir wiâen nur:
Ahme. Au+ Ewigkeit, in Ewigkeit.
Die Nordelbische Evangelisch-Lutheri- Wir trauern um unseren Sohn und Bruder
sche Kirche fürchtet, daß sie im Jahr
2008 mehr als 50 vakante Pfarrstellen
haben wird. Eine bundesweit verbrei- Ragin
tete Broschüre, von sechs Landeskir- Å 6.6.05 ˇ 23.6.05
chen produziert, soll um Pfarrer-Nach-
wuchs werben. „Ganz so dramatisch ist Petra und Març Müller
die Situation in anderen Landeskirchen Gerhild, Gunn-Heide, Wieland, Thoralf, Sonngard
nicht“, sagt der Sprecher der evangeli-

72 Nordische Zeitung 3, 73. Jg. / 3805 n. St.


umbruch_3/05 05.07.2005 23:15 Uhr Seite 73

unfall eine empfindliche Augenverlet-


Abxied von Franz Kehl zung. Es war ein herber Einschnitt in
das Leben eines jungen Mannes, doch
Franz ließ sich nicht niederdrücken. Er
Å 6.4.3732 ˇ 4.4.3805 hatte den Mut zu einem weitgehenden
Berufswechsel, er betrat den zweiten

A m vierten Tag im Ostermond starb


nach schwerer Krankheit und zum
Glück nicht allzulangem Leiden
unser Schriftführer Franz Kehl. Er hin-
war sein Lebensinhalt.“ Ein Grundton,
der aber auch sein (wie bei uns allen)
Menschliches und Allzumenschliches
überstimmte!
Bildungsweg und wurde Lehrer. Die
Anstellung in diesem Beruf brachte ihn
auf Schulen im nördlichsten Baden.
Dort an der Bergstraße, wo Baden und
terläßt einen Sohn und eine Tochter Die schmalen Lebensverhältnisse nach Hessen aufeinandertreffen, suchte und
sowie seine hingebungsvolle Lebensge- Ende des großen Krieges ließen die el- fand er schließlich auch seine Heimat im
fährtin. terliche Familie in die Heimat seiner volks- und heimattreuen Kreis. Eine
Franz, den wir schwäbisch sprechend Mutter ziehen. Zuerst nach Ottobeuren Heimkehr, die ihn als Krönung dann
kennen, wurde in Koblenz am Rhein ge- und schließlich nach Konstanz. Dort auch in unsere Glaubensgemeinschaft
boren – der Stadt am „Deutschen Eck“ war es auch, daß sich seine Umgangs- führte.
beim Zusammenfluß von Rhein und sprache vom Rheinischen zum Schwäbi-
Mosel, wo gegenüber auf hohem Felsen schen wandelte. Franz wurde ein mitarbeitender Ge-
die Veste „Ehrenbreitstein“ emporragt. fährte, sowohl in den heimatlichen Ge-
Konstanz war und ist ein Tor zur fährtschaften von Hessen und der Kur-
Oft spiegelt deren Weichbild in den Schweiz. So hatte der inzwischen heran-
Wassern dieser beiden Flüsse. pfalz, als auch in der Gesamtgemein-
gewachsene Franz das damalige Glück, schaft. Seiner Schriftführung wurde zu
Diese Eindrücke mögen es wohl gewe- einen Arbeitsplatz in einem schweizer Beginn schon gedacht.
sen sein, die seine Empfindungen im Le- Chemiewerk zu erhalten. Doch „Glück
ben zu einem Bewußtsen geformt ha- und Glas …?“ Bei ihm wurden zum Glas Unvergessen allen aber bleibt uns Franz
ben, welches sich zu dem einen schlich- die Laugen und die Säuren dieses Che- als Rupprecht unserer Julfeiern!
ten Satz verdichten läßt: „Deutsch sein miewerkes. Er erlitt bei einem Arbeits- R. G.

Gemeingermanischer ergänzter Futhark:

ABCDEFGH I JKLMNOPQRSTUVWXYZ ÄÖÜ


A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z Ä Ö Ü

Die Artgemeinschaft – Germanische Glaubens-Gemeinschaft we- FÖRDERER werden. Als Förderer bezahlen Sie einen Bei-
sensgemäßer Lebensgestaltung e.V. ist die größte heidnische Ge- trag nach Selbsteinschätzung, mindestens aber 55,– € im Jahr,
meinschaft Deutschlands (dazu noch Mitglieder in anderen ger- worin der kostenlose Bezug der Nordischen Zeitung, unseres
manischen Völkern) mit tiefreichenden Wurzeln. Sie wurde 1951 Gefährtschaftsbriefes und unserer Flugblätter, ferner der Neu-
gegründet und vereinigte sich 1965 mit der Nordischen Glaubens- erscheinungen der „Schriftenreihe der Artgemeinschaft“ ent-
gemeinschaft e.V., die 1928 gegründet worden war und sich 1954 halten ist.
in Nordisch-religiöse Gemeinschaft umbenannt hatte. Mit den be-
reits 1924 gegründeten Nordungen fand 1983 die Vereinigung  Wenn Sie keiner Bekenntnis- oder Religionsgemeinschaft an-
statt. In der Artgemeinschaft wird ferner das Gedankengut der gehören und sich neu binden wollen, das „Artbekenntnis“ und
1913 von Ludwig Fahrenkrog gegründeten Germanischen Glau- das „Sittengesetz unserer Art“ voll bejahen sowie überwiegend
bens-Gemeinschaft (GGG) fortgeführt und weiterentwickelt, nordisch-fälische Menschenart verkörpern, können Sie Antrag
nachdem diese 1957 ihre Tätigkeit eingestellt hatte, im Vereinsre- auf Aufnahme als MITGLIED in die Artgemeinschaft stellen.
gister gelöscht wurde, und die Reste ihrer aktiven Mitglieder zur Sie zahlen einen Monatsbeitrag (nach Selbsteinschätzung) in
Artgemeinschaft bzw. Nordisch-religiösen Gemeinschaft gekom- Höhe von mindestens 1 % des Nettoeinkommens. Mindestbei-
men waren. trag ist ein Betrag von 5,– € je Monat. Im Mitgliedsbeitrag ein-
geschlossen ist die kostenlose Lieferung der Nordischen Zei-
Wir können auf eine jahrzehntelange Erfahrung bei der Neuge- tung und des Gefährtschaftsbriefes, unserer Mitteilungen und
staltung eines uns gemäßen Glaubens verweisen, da wir die älteste Flugblätter, von Neuerscheinungen der „Schriftenreihe der
germanisch-heidnische Glaubensgemeinschaft mit durchgängigem Artgemeinschaft“ und der Reihe „Werden und Wesen der Art-
Wirken sind. Bei uns finden Sie nicht nur ein reges Gemeinschafts- religion“. Die Mitglieder der Artgemeinschaft sind gleichzeitig
leben auf den regelmäßig wiederkehrenden Gemeinschaftstagen, Mitglied im Familienwerk, das einen Familienlastenausgleich
sondern über die „Nordische Zeitung“, zwei Schriftenreihen, eine erstrebt, Beitrag: gestaffelt (von € 0,– bei drei Kindern bis
Buchreihe sowie Einzelschriften auch eine geistige Auseinander- € 95,– bei kinderlos jährlich, Ermäßigung möglich). Ferner ha-
setzung mit dem Christentum, Darstellung alter Bräuche und die ben Mitglieder einen Arbeitsdienst von 31/2 Tagen im Jahr in ei-
Durchformung eines arteigenen Glaubens. Wegen der großen nem unserer Gemeinschaftsheime zu leisten, bei Nichterfül-
Nachfrage sind von zahlreichen Veröffentlichungen, die wir her- lung für jeden nicht geleisteten Tag 50 € zu zahlen. Mit Eingang
ausgebracht haben, viele bereits vergriffen. Nur wenn Sie laufend Ihres Antrages auf Aufnahme werden Sie zunächst im Regel-
mit uns Verbindung pflegen, können Sie mithin sicher sein, auch fall ein Jahr als Anwärter bis zur endgültigen Entscheidung
alle neuen Veröffentlichungen von uns zu bekommen. über Ihre Mitgliedschaft geführt und haben in dieser Zeit be-
Sie haben neben Abrufen unserer Darstellung aus dem Internet reits die Beiträge zu zahlen, erhalten andererseits die für Mit-
(www.asatru.de) drei Möglichkeiten, mit uns in Verbindung zu glieder bestimmten Leistungen mit Ausnahme der Mitteilun-
bleiben, wozu Sie bitte den Vordruck in diesem Heft verwenden. gen. Die Entscheidung über Ihre Aufnahme fällt im Regelfall
erst, nachdem Sie einen unserer Gemeinschaftstage besucht
 Die am wenigsten verpflichtende ist, daß Sie die NORDISCHE haben, und sowohl Sie als auch wir feststellen konnten, ob wir
ZEITUNG für 18,– € einschließlich Versand jährlich bestellen. zueinander gehören. Wenn Sie aufgenommen wurden, haben
 Wenn Sie auch zu Tagungen eingeladen und über die gemein- Sie eine einmalige Aufnahmegebühr in Höhe von 30,– € zu
schaftsinneren Angelegenheiten im Bild sein wollen, aber nicht zahlen, wofür Sie die Mitgliedsnadel, nach unserer Wahl einige
aus einer Bekenntnis- oder anderen Religionsgemeinschaft noch lieferbare Schriften aus unseren Schriftenreihen und ei-
austreten oder sich noch nicht neu binden möchten, können Sie nen früheren Jahrgang der Nordischen Zeitung erhalten.

Nordische Zeitung im Internet: http://www.nordzeit.de/ · http://www.asatru.de/ · http://www.artgemeinschaft.org/ · E-Post: redaktion@nordzeit.de