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Wie Gott zu Menschen redet

Wie Gott zu

Menschen redet
Wilfried Sturm, Pfarrer, 1977-1984 Theologiestudium in Krelingen, Tübingen und
Erlangen, danach vier Jahre als Vikar und Pfarrvikar im Dienst der evangelischen
Landeskirche in Württemberg tätig, seit 1988 Dozent am Theologischen Seminar der
Liebenzeller Mission in den Bereichen Neues Testament, Dogmatik und Ethik. Wilfried
Sturm hält die Bibelarbeiten auf der diesjährigen DCTB-Hauptkonferenz in Dassel.

1. Gott redet! gang“ (Psalm 50,1). Das Reden Gottes


 Es ist geradezu ein „Echtheitszei- ist ein suchendes Reden, ein Reden, das
chen“ des biblischen Gottes, dass er ein die Gemeinschaft mit dem Menschen
Gott ist, der redet. Während von den zum Ziel hat. Dieses suchende Reden
toten Götzen gilt: „Sie haben Mäuler Gottes begegnet uns bereits auf den
und reden nicht ... und kein Laut kommt ersten Seiten der Bibel. Gott reagiert
aus ihrer Kehle“ (Psalm 115,5.7; vgl. auf den Sündenfall des Menschen nicht
1. Korinther 12,2), heißt es von dem mit Schweigen, sondern mit der Fra-
lebendigen Gott: „Gott, der Herr, der ge: „Wo bist du?“ (1. Mose 1,9). Unter
Mächtige, redet und ruft der Welt zu vom Menschen ist es oft so, dass man nicht
Aufgang der Sonne bis zu ihrem Nieder- mehr miteinander redet, wenn eine


Beziehung zerbrochen ist. Es ist das In englischen Übersetzungen wird
Wunder der suchenden Liebe Gottes, das Wort „vielfach“ auch wiederge-
dass er nach dem Sündenfall nicht geben mit „by diverse portions“ (in
aufhört, mit dem Menschen zu reden. verschiedenen Portionen, portions-
Sicher ist es auch ein Reden, das den weise) oder „in a fragmentary fashion“
Menschen zur Rechenschaft zieht, aber (in bruchstückhafter Weise). Damit
das eigentliche Ziel ist die Wiederher- verbindet sich der Gedanke, dass die
stellung der Gemeinschaft zwischen Offenbarung Gottes im Alten Testa-
Gott und Mensch. ment nicht abgeschlossen ist. Rudolf
Hermann Gurland, ein ehemaliger
jüdischer Rabbiner, der das Alte Testa-
ment auswendig kannte (!), hat diesen
2. Gottes Reden im Alten Sachverhalt mit einem treffenden Bild
beschrieben. Bevor er zum Glauben
Testament – vielfältig an Jesus Christus fand, schrieb er an
und „portionsweise“ einen Freund: „Es scheint mir immer,
als fehle der Heiligen Schrift [gemeint
Im Hebräerbrief lesen wir, dass Gott ist hier das Alte Testament] etwas
„vorzeiten vielfach und auf vielerlei – der Brennpunkt, in welchem sich alle
Weise geredet hat“ (Hebräer 1, 1). Der göttlichen Strahlen vereinigen. Das
Verfasser des Hebräerbriefes bezieht Gebäude ist prächtig, aber mir scheint
sich hier auf das Reden Gottes durch die Spitze oder Kuppel zu fehlen, die
die alttestamentlichen Propheten. „Auf es krönen muss! O Lieber, ich stehe am
vielerlei Weise“ meint, dass Gott sich auf Rande der Verzweiflung! Gott möge
verschiedene Weise geoffenbart hat. In sich meiner erbarmen.“1 Das führt uns
der Regel hat er zu den Propheten direkt zum nächsten Punkt:
gesprochen wie zum Beispiel zu Jeremia
(Jeremia 1, 4; 2, 1; 3, 6 und ähnliche).
Gott teilte sich da und dort aber auch
durch Visionen, Träume und Engel mit 3. Gottes Reden in Jesus
(zum Beispiel Daniel 7,1; Amos 7,1-9;
8,1-3; Sacharja 1,9.14; 2,2; 4,1.2 und Christus – letztgültig und
unüberbietbar
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ähnliche). Das Wort „vielfach“ (wörtlich:


„vielteilig“) deutet an, dass sich Gott im
Alten Testament nicht auf einmal, son- Für Hermann Gurland war das Reden
dern Stück um Stück offenbarte. Gottes im Alten Testament wie ein


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prachtvolles, jedoch unvollendetes


Gebäude, dem die Spitze oder Kuppel
fehlt. Nun sagt der Verfasser des He-
bräerbriefes: Die fehlende Spitze oder
Kuppel ist Jesus Christus. Er drückt
es so aus: „Nachdem Gott vorzeiten
vielfach und auf vielerlei Weise geredet
hat zu den Vätern durch die Propheten,
hat er in diesen letzten Tagen zu uns
geredet durch den Sohn ...“ (Hebräer 1,
1). In Jesus Christus ist die Selbstof-
fenbarung Gottes zu ihrem Abschluss
gekommen. Jesus Christus ist das letzt-
gültige, unüberbietbare Wort Gottes
an diese Welt. In Hebräer 1, 2 - 4 wird
das unterstrichen, indem uns dort die
ganze unüberbietbare Herrlichkeit und
Größe Jesu Christi wie ein Diamant
mit seinen verschiedenen Facetten vor
Augen gestellt wird. Zwei Facetten Hebräer, 1, 1 - 4
wollen wir uns genauer anschauen:
Zum einen wird Jesus als Abglanz Wärme erreicht. Zum anderen wird
(oder: Ausstrahlung) der Herrlichkeit Jesus als Ebenbild (oder: Abdruck) des
Gottes bezeichnet. Das heißt: Jesus Wesens Gottes bezeichnet. Im Griechi-
verhält sich zu Gott wie die Sonnen- schen steht hier das Wort „charaktär“;
strahlen zur Sonne, er ist – wie es im unser Wort „Charakter“ leitet sich
Nicänischen Glaubensbekenntnis davon ab. Dieses Wort meinte ur-
formuliert wurde – „Gott von Gott, sprünglich unter anderem die Prägung
Licht vom Licht, wahrer Gott vom einer Münze. Nun wurden in der An-
wahren Gott... eines Wesens mit dem tike auf Münzen gerne die Herrscher
Vater“. Wir mögen von Gott um unse- der jeweiligen Zeit mit ihren typischen
rer Sünde willen so meilenweit entfernt Gesichtszügen dargestellt (vergleiche
sein wie die Erde von der Sonne, aber Matthäus 22, 19 - 21), so dass das
in Jesus werden wir von Gott erreicht, Wort „charaktär“ mit der Zeit auch
so wie uns die Sonne durch die Son- die typischen Wesenszüge eines Men-
nenstrahlen mit ihrem Licht und ihrer schen (das, was wir unter „Charakter“

5
verstehen) meinen konnte. Jesus ist der
„Charakter“ Gottes! In ihm begegnen
uns die typischen Wesenszüge Gottes,
so dass Jesus sagen kann: „Wer mich
sieht, der sieht den Vater“ (Johannes 14,
9). Hier offenbart sich Gott in un-
überbietbarer Klarheit als der Gott, der
„will, dass alle Menschen gerettet werden
und sie zur Erkenntnis der Wahrheit
kommen“ (1. Timotheus 2, 4). Das
heißt: Klarer und deutlicher, als Gott
in Jesus Christus mit uns geredet hat,
kann er gar nicht mit uns reden. Alles
andere Reden Gottes, ob durch die
Schöpfung oder durch das Gewissen,
kann nur im Licht der Christusoffen-
barung recht verstanden werden. Schrift nur Bericht von dem Reden
Gottes sei, so dass wir das eigent-
liche Reden Gottes hinter der Schrift
zu suchen hätten. Wir haben in der
. Gottes Reden in der Schrift Jesus nicht „aus zweiter Hand“,
sondern es ist das Wunder der Schrift,
Heiligen Schrift – kein dass uns im geschriebenen Wort Jesus
Reden „aus zweiter selbst als der Gekreuzigte und Aufer-
standene vor Augen tritt. Johannes Seitz
Hand“ (1839 - 1918), maßgeblich beteiligt
Nun ist uns das Reden Gottes in Je- an der Gründung des Evangelischen
sus Christus nicht anders zugänglich Reichsbrüderbundes (heute Württem-
als durch das Zeugnis der Heiligen bergischer Brüderbund) und der Kar-
Schrift. Konnte Jesus von den Schrif- melmission, berichtet in seinen „Erin-
ten des Alten Testamentes sagen, dass nerungen und Erfahrungen“, wie ihm
sie von ihm zeugen (Johannes 5, 39), eine Frau erzählte, dass sie Christus
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so gilt dies erst recht von den Schriften schon siebenmal in leibhaftiger Gestalt
des Neuen Testamentes. Das Wort gesehen habe. Seitz antwortete darauf:
„Zeugnis“ darf jedoch in diesem Fall „Das wäre mir viel zu wenig, Christus
nicht so verstanden werden, als ob die siebenmal zu sehen. Ich kann ihn an

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Wie Gott zu Menschen redet

einem Tag siebenmal und mehr sehen seine Kraft als Wort Gottes aus dem
und so jeden Tag. So oft ich in meiner geschriebenen Wort. Adolf Schlatter hat
Bibel lese, sehe ich den wirklichen Hei- den Verkündigern des Wortes Gottes
land, keinen Pseudo-Heiland, keinen, ans Herz gelegt: „Die Hauptsache im
der sich in den Heiland verlarvt (das Gottesdienst ist nicht eure Meinung,
heißt verkleidet), sondern den Heiland, wie ihr sie etwa in der Predigt darle-
wie er leibt und lebt, in wirklicher gen mögt, sondern die Hauptsache
Gestalt. Ich weiß nicht, ob ich ihn ist und bleibt der Text. Schuld wird
noch schöner und größer sehen werde, nicht gelöst und Sterbende werden
wenn ich in die Tore der Stadt Gottes nicht aufgerichtet durch euer Glauben
eingehe, als er mir jetzt schon im Wort und Meinen; hier muss her: Also steht
Gottes entgegenleuchtet, und da werde geschrieben...“.5 Es ist die Verant-
ich nie betrogen.“ 2 wortung des Predigers, dass er auf die
Schriftgemäßheit seiner Verkündigung
achtet, es ist umgekehrt die Verantwor-
tung der Gemeinde, dass sie die Ver-
5. Zum Verhältnis von kündigung auf ihre Vereinbarkeit mit
den Aussagen der Schrift hin überprüft
gepredigtem und ge- (vergleiche Apostelgeschichte 17, 11:
schriebenem Wort „... und forschten täglich in der Schrift,
ob sich’s so verhielte“ ).
Gott redet nicht nur durch das ge-
schriebene, sondern auch durch das
mündlich gepredigte Wort. Von dem
Schweizer Reformator Heinrich Bullin- 6. Zur Frage eines außer-
ger stammt der Satz: „Die Predigt
des Wortes Gottes ist Wort Gottes.“ 3 biblischen Redens Gottes
Martin Luther hat es in seiner Schrift Wir begeben uns mit dieser Frage auf
„Wider Hans Worst“ zugespitzt: Ein ein weites Feld: Wie ist das mit „Geis-
Prediger solle (sofern er ein rechter Pre- tesleitung“, mit Eingebungen, mit
diger ist), nach seiner Predigt „trotzig einem so genannten „inneren Wort“?
sagen: Haec dixit Dominus. Das hat Wie gehen wir um mit Träumen, Vi-
Gott selbst gesagt.“ 4 Das heißt nicht, sionen und Prophetien? Ein Blick in
dass das gepredigte Wort in Konkur- die Kirchengeschichte zeigt, dass wir
renz tritt zu dem geschriebenen Wort, uns mit diesen Fragen auf ein Gebiet
vielmehr bezieht das gepredigte Wort wagen, wo links und rechts des Weges


Abgründe lauern. Offenbarung Gottes in Jesus Christus
Nun wollen wir nicht relativiert oder verdunkelt wird durch
in falscher Ängstlich- die Propagierung neuer und „weiter-
keit die Souveränität führender“ Erkenntnisse (verglei-
Gottes einschränken, che 2. Johannes 9, wo vor einem
indem wir dieses Gebiet „progressiven“, das heißt
von vornherein zur einem über die überlieferte
„Sperrzone“ erklären. Lehre von Christus hin-
Wir wollen aber auch ausgehenden, Christen-
nicht in überheblicher tum gewarnt wird).
Sorglosigkeit die „Ge- Wohl hat Jesus bei
länder“ verachten, die uns seinem Abschied
vor einem Absturz bewahren von seinen
wollen. Jüngern von
Ein erstes „Geländer“ lautet: einem zu-
künftigen
Reden des
Heiligen
a) Nicht über Geistes ge-
sprochen.
Christus hinaus Der Geist
Wenn Jesus Christus die letztgültige führt
und unüberbietbare Offenbarung Got- jedoch
tes ist, dann gibt es kein Reden Gottes, nicht
das uns mehr geben könnte, als uns in über
Christus gegeben ist. Die eigentliche Jesus
Problematik eines außerbiblischen Christus
Redens Gottes liegt nicht in der Form hinaus,
dieses Redens. Selbstverständlich sondern
kann Gott auch andere „Kanäle“ als Jesus
das geschriebene Wort benützen, um fasst das
sich dem Menschen mitzuteilen. Die Wirken
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Problematik beginnt dort, wo unter des Geistes


Berufung auf Eingebungen und Pro- wie folgt
phetien (oder auch auf ein Wirken zusammen:
des Geistes in anderen Religionen) die „Er wird mich


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verherrlichen; denn von dem Meinen dern glaubte auch, die Schriften des
wird er’s nehmen und euch verkündigen“ Alten Testamentes hinter sich lassen zu
(Johannes 16, 14; vergleiche 14,26). dürfen (nach dem Motto: „Was brau-
Sein Anliegen ist die Deutung und chen wir die erkaltete Lava vergangener
Entfaltung der Zeiten, wenn wir doch einen tätigen
Christus-Offen- Vulkan haben“). Man hielt sich nicht
barung. Jedes mehr an das Vorbild von Paulus und
vermeintliche Apollos, die sich in ihrer Verkündigung
Reden Gottes an die Schrift gebunden wussten (ver-
muss sich an der gleiche Apostelgeschichte 18, 28; 26, 22;
Offenbarung 28, 23). Wir finden ähnliche Tendenzen
Gottes in Jesus in der Reformationszeit wieder, wo
Christus messen selbst ernannte „Propheten“, in schwär-
lassen. Wenn uns merischer Betonung eines unmittelba-
Christus aber ren Redens Gottes, die Bibel abschätzig
– wie wir oben als „papierenen Papst“ bezeichneten.
gesehen haben Thomas Müntzer, der in der irrigen
– nur durch die Meinung, die Reformation gewaltsam
Heilige Schrift vollenden zu müssen, den Bauernauf-
gegeben ist, so stand unterstützte, konnte sagen: „Was
gilt es, ein zweites Bibel? Man muss auf einen Winkel
„Geländer“ zu kriechen und mit Gott reden.“6 Auch
beachten: heute begegnet uns da und dort die
Tendenz, Geist und Wort gegeneinander
auszuspielen, zum Beispiel wenn es in
b) Nicht über dem Werbeabdruck einer christlichen
Jugendzeitschrift zum Thema „Stille
die Schrift hinaus Zeit“ heißt: „Er (gemeint ist Jesus) hat
Paulus musste die Christen in Korinth, uns kein Buch, sondern den Heiligen
die sich mit ihren Geisterfahrungen Geist gegeben (Johannes 14, 15 - 19)“.
brüsteten, daran erinnern: „Nicht über Biblisch gesehen gehören jedoch Geist
das hinaus, was geschrieben steht!“ (1. und Wort zusammen. Das Wort der
Korinther 4, 6). Offensichtlich verachte- Heiligen Schrift ist geistgewirkt (ver-
te man in Korinth aufgrund – angeblich gleiche Johannes 6, 63; 1. Korinther
geistgewirkter – „höherer Erkenntnisse“ 2, 13; 2. Timotheus 3, 16; 2. Petrus 1,
nicht nur das apostolische Wort, son- 21; Hebräer 3, 7). Der Heilige Geist


hung in Wirklichkeit ärmer und leerer.
Hinzu kommt die Gefahr der Selbsttäu-
schung durch die fehlende Korrektur
durch das Wort der Schrift, womit wir
auf ein drittes „Geländer“ aufmerksam
gemacht werden:

c) Nicht Menschliches mit


Göttlichem verwechseln
Jede Berufung auf eine Eingebung des
Geistes, auf eine innere Stimme Got-
Epheser 1, 13 tes, steht prinzipiell in der Gefahr, dass
Gottes Reden und die Gedanken des
erinnert an die Worte Jesu (Johannes 14, eigenen Herzens miteinander verwech-
26). In Epheser 6, 7 wird das Wort Got- selt werden. Auf diese Gefahr macht
tes als “Schwert des Geistes” bezeichnet. uns Jeremia 23, 16 aufmerksam, wenn
Zu Recht haben die Väter von dem dort von den falschen Propheten gesagt
Wort als „vehiculum Spiritus Sancti“ wird: „Sie verkünden euch Gesichte aus
(Gefährt des Heiligen Geistes) gespro- ihrem Herzen und nicht aus dem Mund
chen. So wenig wir Jesus ohne das Wort des Herrn.“ Dem setzt Gott entgegen:
haben, so wenig haben wir auch den „Ein Prophet, der Träume hat, der er-
Geist ohne das Wort (vergleiche Apos- zähle Träume; wer aber mein Wort hat,
telgeschichte 10, 44; Galater 3, 2; Ephe- der predige mein Wort recht“ (Jeremia
ser 1, 13; 1. Petrus 1, 23). Das Motto
darf deshalb nicht lauten: „Je mehr
Geist, desto weniger Wort“, sondern es
muss lauten: „Je mehr Wort, desto mehr
Geist.“ Im Wort Gottes ist uns der ganze
Reichtum der Selbstoffenbarung Gottes
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erschlossen. Lassen wir das Wort Gottes


hinter uns zugunsten eines vermeintlich
„reineren“ und „direkteren“ Umgangs
mit Gott, so wird unsere Gottesbezie-

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23, 28). Hier wird unterschieden zwi- erkannt. Es mag auch sein, dass Gott
schen dem, was aus dem menschlichen einmal in außergewöhnlichen Situati-
Herzen kommt, und dem, was aus onen einen Traum benützt, um einem
dem Mund Gottes kommt. Wie aber Menschen Wegweisung zu geben.7
wollen wir unterscheiden zwischen den Doch darf dabei die Mahnung von
Wunschträumen unseres Herzens und Adolf Köberle nicht übersehen werden:
dem tatsächlichen Reden Gottes, wenn „Führung durch den Geist ist immer
wir unser Gespür für Gottes Willen nur gesund bei gleichzeitiger klarer und
nicht ständig schärfen am Wort der entschiedener Bindung an das Wort
Heiligen Schrift, das uns als objektiver Gottes.“ 8 Und in der Regel wird die
Maßstab gegeben ist? Wie oft hat sich Leitung des Geistes darin bestehen,
schon der eigene Starrsinn als Auftrag dass er uns an die biblischen Weisun-
des Geistes getarnt! Wie ist es auch gen erinnert. Im Übrigen gilt:
schon zur Verwechslung von Geist und
Erotik gekommen! Wer will uns noch
korrigieren, wenn wir uns erst einmal
darauf versteift haben, dass unsere d) Das Natürliche nicht
Ideen und Einfälle auf eine Eingebung
des Heiligen Geistes zurückgehen? Wie verachten
subjektiv und willkürlich kann auch Von Johann Albrecht Bengel stammt
die Deutung von Träumen und „Ein- meines Wissens der Rat: „Wenn du
drücken“ sein (zum Beispiel, wenn der gewöhnliche Mittel gebrauchen kannst,
Traum vom Absturz eines Flugzeuges so gebrauche keine ungewöhnlichen!“
durch Pilotenfehler auf den drohenden Das heißt, wo uns die Schrift klare
geistlichen Niedergang einer Gemeinde Weisung gibt, da sollten wir nicht
durch Versagen ihrer Leitung gedeutet nach Eingebungen, Prophetien oder
wird)? Damit soll die Möglichkeit einer Träumen Ausschau halten. Es wäre
Leitung durch den Heiligen Geist nicht töricht von Israel gewesen, angesichts
klein geredet werden, man denke an die reifer Getreidefelder auf Manna zu
biblischen Beispiele (vergleiche Lukas warten (vergleiche Josua 5, 12). Man ist
2, 27; 12, 11. 12; Apostelgeschichte 8, mitunter erstaunt, welche Bedeutung
29; 16, 6). Und mancher hat es ja schon Weissagungen zugemessen wird, die
selbst erlebt, wie er innerlich gedrängt bestenfalls eine Wiederholung von
wurde, jemanden anzurufen oder einen Schriftaussagen darstellen. Nun wird
Krankenbesuch zu machen, und darin man freilich auch immer wieder vor
im Nachhinein die Führung Gottes Fragen stehen, auf die uns das Wort

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der Schrift keine direkte Antwort gibt.
Da ist die Frage der Berufswahl, da ist
die Frage nach dem richtigen Ehepart-
ner, da ist das Angebot einer neuen
Arbeitsstelle. Doch auch in diesen
Fällen sollten wir zuerst die natürlichen
Mittel ausschöpfen. Dazu gehört die
nüchterne, verstandesmäßige Überle-
gung, dazu gehört die Wahrnehmung
von Fähigkeiten und Begrenzungen,
dazu gehört das Hören auf den Rat
erfahrener Christen. Vielleicht müssen
wir uns auch lösen von der perfektio-
nistischen Vorstellung, als ob es in jeder
Entscheidungssituation unseres Lebens
nur einen richtigen Weg gebe. Von e) Prophetie
Adolf Schlatter wird erzählt, dass er auf
die Frage eines angehenden Pfarrers, – auch heute noch?
welcher Ruf denn nun Gottes Wille sei Für manche scheint diese Frage mit 1.
– der Ruf in eine kleine Gemeinde auf Korinther 13, 8ff beantwortet zu sein.
dem Land oder der Ruf in eine Arbeit Spricht Paulus in diesem Abschnitt
auf dem Missionsfeld –, geantwortet nicht von einem Aufhören des prophe-
haben soll: „Beide!“ Gottes Ziel ist tischen Redens, wenn „das Vollkom-
nicht marionettenhafte Abhängigkeit mene“ erscheinen wird, und was soll
von Eingebungen, Weissagungen oder darunter anderes zu verstehen sein als
irgendwelchen (oft hinterfragbaren) der Abschluss der Offenbarung Gottes
„Zeichen“, auch nicht ein „orakelhaf- durch den neutestamentlichen Kanon?
ter“ Umgang mit dem Wort Gottes, Nun setzt jedoch Paulus „das Vollkom-
sondern geistliche Mündigkeit (ver- mene“ zeitlich gleich mit dem unge-
gleiche Epheser 4, 14). Das heißt, wir trübten Schauen Gottes „von Angesicht
sollen es immer besser lernen, aus einer zu Angesicht“, ein Ausdruck, der eher
tiefen Vertrautheit mit Gott heraus (die an die Vollendung denken lässt (verglei-
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aus der Kenntnis der Schrift entspringt) che 1. Johannes 3, 2). So wird man die
Entscheidungen zu treffen, die im Ein- Frage nach der Fortdauer von Prophetie
klang mit seinem Willen stehen (Ephe- von diesem Text her nicht einfach mit
ser 5, 17). Dennoch bleibt die Frage: einem Nein beantworten können. Sie

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Wie Gott zu Menschen redet

lässt sich allerdings genauso wenig mit 1.2; 1. Timotheus 1, 18). Ein Aufhören
einem einfachen Ja beantworten. Das dieser Aspekte wird man schwerlich
hängt damit zusammen, dass uns die biblisch belegen können. Doch gilt es
Prophetie im Neuen Testament in einer zu beachten, dass sich diese Aspekte
vielschichtigen Form begegnet. Nach teilweise auch in Predigt und Seelsorge
dem Epheserbrief hatten die (neutes- wiederfinden im Sinne einer Aktua-
tamentlichen) Propheten zusammen lisierung der biblischen Botschaft in
mit den Aposteln die Aufgabe, den die jeweilige Situation hinein. Es wäre
verborgenen Heilsratschluss Gottes zu daher eine Engführung, wenn sich die
offenbaren (Epheser 3, 3 - 6). Sie bilden Diskussion um die Prophetie nur auf
daher zusammen mit den Aposteln das ihre spektakulären Formen konzent-
Fundament der Gemeinde (Epheser 2, riert, als sei die Übernatürlichkeit das
20), das uns heute im Wort des Neuen Qualitätssiegel für das Reden Gottes.
Testamentes gegeben ist. Geht man von Konkret: Nicht das macht das Wesen
diesem Verständnis von Prophetie aus, der Prophetie aus, dass einem Men-
so wird man folgern müssen, dass mit
dem Abschluss der Offenbarung Got-
tes auch die Prophetie zu ihrem Ende
gekommen ist. In diesem Fall würden
die Weissagungen des Johannes in
der Offenbarung den Schlusspunkt
der Prophetie bilden. Nun begegnen
uns aber im Neuen Testament noch
andere Aspekte von Prophetie, wie
zum Beispiel in 1. Korinther 14, wo
das prophetische Reden einerseits mit
Erbauung, Ermahnung und Tröstung
in Verbindung gebracht wird (Vers 3;
vergleiche Apostelgeschichte 15, 32),
andererseits mit der Aufdeckung von
Sünde (Verse 24. 25; vergleiche Micha
3, 8). Weiter kann die Prophetie auch
die Ankündigung einzelner zukünf-
tiger Ereignisse oder die Berufung zu
besonderem Dienst zum Inhalt haben
(Apostelgeschichte 11, 27.28; 21, 11;13, Epheser 2, 20

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schen mit verblüffender Treffsicherheit derung verbunden: „Prüfet aber alles,
seine Sünde auf den Kopf zugesagt wird und das Gute behaltet“ (Vers 21). Dieses
(das könnte auch Hellseherei sein), Prüfen ist nicht nur notwendig, weil es
sondern dass ein Mensch – in der Regel Göttliches und Menschliches zu unter-
ganz unspektakulär – durch die Kon- scheiden gilt, sondern weil uns überna-
frontation mit dem Wort Gottes sich als türliche Phänomene auch in widergött-
Sünder erkennt und das Heil in Jesus lichen Zusammenhängen begegnen
Christus ergreift (vergleiche Apostelge- können. Gerade durch Imitierung und
schichte 2, 37 - 41). Solange dies ge- Pervertierung des Guten versucht der
schieht und solange Menschen immer Satan, seine Ziele zu erreichen (verglei-
wieder erleben, wie das Wort Gottes che 2. Korinther 11, 14). So warnt uns
ganz konkret in ihre Lebenssituation die Schrift vor falschen Aposteln (2.
hineinspricht und sie dadurch Stärkung Korinther 11, 13), vor falschen Prophe-
in ihrem Glauben an Jesus Christus ten (Matthäus 7, 15; Offenbarung 2,
und neue Ausrichtung auf ihn erfahren, 20; 16, 13), vor nachgemachten Wun-
solange besteht kein Anlass, ein Auf- dern (2. Thessalonicher 2,9). Selbst
hören des prophetischen Elementes zu das Echtheitskriterium göttlicher Pro-
beklagen. Nicht die Übernatürlichkeit, phetie – das Eintreffen vorausgesagter
sondern die Christusbezogenheit ist das
entscheidende Kennzeichen neutesta-
mentlicher Prophetie. Nicht das, was
Verwunderung auslöst, sondern „was
Christum treibet“ (Martin Luther),
macht ihr Wesen aus. Das führt uns zu
einem letzten „Geländer“:

e) Alles prüfen und das Ereignisse (5. Mose 18,20-22) – kann


Mittel der Verführung werden (5. Mo-
Gute behalten se 13,1-4). Gott lässt das zu, damit sich
Die Aufforderung, den Geist nicht unsere Treue zu seinem Wort bewähre
Das Fundament 2/2003

zu dämpfen (1. Thessalonicher 5,19), und festige, indem wir der Verführung
bedeutet keine kritiklose Offenheit widerstehen (5. Mose 13, 1.5). Dabei
gegenüber einem übersinnlichen Phä- können folgende Kriterien eine Hilfe
nomen. Vielmehr ist damit die Auffor- sein:

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Wie Gott zu Menschen redet

. Und wenn Gott


1. Ist Jesus Christus das Zent- schweigt?
rum, oder stehen Menschen
(„Apostel“, „Propheten“) mit Es mag Situationen in unserem Leben
ihren Sonderlehren im Vor- geben, in denen Gott zu schweigen
dergrund? scheint. Da schlagen wir unsere Bibel
2. Ist die Heilige Schrift alleinige auf, die Blicke gleiten über die Zeilen,
Autorität, oder wird sie relati- aber da ist kein Wort, das unser Herz
viert durch „Offenbarungen“ berührt. Wir öffnen erwartungsvoll
und „Weissagungen“, die der das Losungsbuch, wir hoffen auf einen
Schrift (bewusst oder unbe- Vers, der in unsere augenblickliche
wusst) gleichgestellt werden? Situation hineinspricht, aber weder
3. Ist man bereit, sich korrigieren Losung noch Lehrtext haben einen
zu lassen (1. Korinther 14, 29; Bezug zu unserer Lage. Wir machen
vergleiche Römer 12, 6), oder uns auf zum Gottesdienst, wir hungern
werden kritische Anfragen als nach einem Satz, der uns Kraft für die
ein „Betrüben des Geistes“ neue Woche gibt, und kehren – schein-
(oder gar als eine „Lästerung bar – so leer zurück, wie wir gekom-
des Geistes“) zurückgewiesen? men sind. Wir stehen fassungslos vor
4. Werden die Gemeindeglieder Geschehen wie „Erfurt“ und anderen,
in ihrer geistlichen Mündigkeit und Gott erscheint uns wie ein unbe-
gefördert oder in die Abhängig- teiligter Zuschauer. Nun könnte man
keit von Menschen geführt? darauf verweisen, dass wir auch in der
5. Welche Früchte sind erkennbar Bibel die Erfahrung eines scheinbaren
(vergleiche Matthäus 7, 16)? Schweigens Gottes finden. In Psalm
Wird die Gemeinde erbaut, 83,2 ruft der Liederdichter Asaf:
oder erweist sich die Betonung „Gott, schweige doch nicht! Gott, bleib
übersinnlicher Phänomene als nicht so still und ruhig!“ Man könnte
„Spaltpilz“, der zu Polarisie- auch daran erinnern, dass sich Schuld
rung und Zerstrittenheit führt? wie eine Mauer zwischen uns und
Gott schieben kann (Jesaja 59), dass
Gottes Schweigen auch Antwort auf
fehlende Bereitschaft zum Gehorsam
sein kann (1. Samuel 28, 6; vergleiche
Lukas 23, 9). Zuerst jedoch sollten wir
uns fragen: Redet Gott nur dann mit

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uns, wenn uns sein Wort unmittelbar Christus heißt, damit dieser allein
anspricht? Dürfen wir Gottes Reden der Weg, die Wahrheit und das Leben
abhängig machen von Gefühlsreak- sei.“9 Könnte das scheinbare Schwei-
tionen unsererseits? Wir wollen nicht gen Gottes nicht auch eine heilsame
Glaube und Erfahrung gegeneinander Wirkung haben, nämlich dass wir
ausspielen, aber wir wollen auch nicht unseren Blick neu ausrichten auf diese
Gottes Reden an unsere Erfahrung Mitte, wo Gott in unüberbietbarer
binden. Vielmehr wollen wir immer Klarheit und Deutlichkeit mit uns
wieder damit Ernst machen, dass Gott redet – wo er uns zuspricht, dass Chris-
durch Jesus Christus geredet hat und tus mehr gilt als unsere Sünden, wo er
dass dieses Wort nun – ganz unabhän- uns die Gewissheit schenkt, dass uns
gig von unserer Erfahrung – wie ein nichts von seiner Liebe scheiden kann,
helles Licht über unserem Leben steht. wo er uns tröstet mit dem Ausblick auf
Hans-Joachim Iwand, er war Mitte des die ewige Gemeinschaft mit ihm? Gott
vorigen Jahrhunderts Theologiepro- schenke es! 
fessor in Göttingen, schreibt: „Mit
seinem Schweigen umgibt Gott wie (aus: Sonderbeilage „Mission weltweit“ 6/2002,
eine undurchdringliche Finsternis jene Liebenzeller Mission)
eine helle, strahlende Mitte, die Jesus

Anmerkungen:
1
Zitiert nach: Hartmut Renz, Die Bedeutung der Judenmission für die Kirche, hrsg.
vom Evangeliumsdienst für Israel, o. J., S. 3
2
Johannes Seitz, Erinnerungen und Erfahrungen, 3. Aufl., Bad Liebenzell 1985, S. 173
3
Confessio Helvetica posterior (1566), zitiert nach: Otto Weber,
Grundlagen der Dogmatik I, 3. Aufl. Berlin 1977, S. 209
4
Zitiert nach: Karl Kampffmeyer (Hrsg.), Das teure Predigtamt. Gebete und
Weisungen für den Dienst am Wort aus dem Schatz der Kirche, 3. Aufl.,
Hamburg 1959, S. 37
5
Adolf Schlatter, Der Ruf Jesu. Predigten, Calw/Stuttgart 1913, S. 345
6
Zitiert nach: Klaus Bockmühl, Hören auf den Gott, der redet, Gießen 1990, S. 85
7
So berichtet zum Beispiel der Kirchenvater Augustin in seinen „Bekenntnissen“, dass
Das Fundament 2/200

seine Mutter vor seiner Bekehrung über seinen Lebenswandel so verzweifelt war, dass
sie meinte, nicht mehr mit ihm unter einem Dach wohnen zu können. In dieser
Situation empfing sie durch einen Traum die Botschaft, dass sich ihr Sohn bekehren
werde (Confessiones III, 11,19). Dass solch ein Ereignis eine Ausnahme darstellt und

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DCTB-Intern

zudem auf einer ganz anderen Ebene liegt als das zuvor erwähnte Traumbeispiel, muss
wohl nicht extra betont werden.
8
Adolf Köberle, Leben aus Gott. Von der Einübung im Christentum,
Hamburg 1962, S. 104
9
Hans-Joachim Iwand, in seinen Erläuterungen zu Luthers Schrift „Dass der freie Wille
nichts sei“, in: Martin Luther, Ausgewählte Werke, hrgs. v. H. H. Borcherdt und
Georg Merz, 3. Auflage, Ergänzungsreihe Band 1, München 1983, S. 294.

1