Sie sind auf Seite 1von 2

W+W-Disk.-Beitr.

1/98

Evolutionskritik update (2)


Zweite Folge von „Die richtigen Argumente gegen Evolution einsetzen“

Vor einem Jahr haben wir eine Liste von Aktualisierungen Ein weiterer wichtiger Aspekt zu dieser Frage ist die Klä-
verbreiteter Argumente gegen Evolution veröffentlicht (Dis- rung, ob eine behauptete Übergangsform sich innerhalb eines
kussionsbeiträge 1/97). Diese Mitteilung stieß auf überra- Grundtyps (entspricht einer geschaffenen Art) bewegt oder
schend große und – soweit es uns bekannt wurde – fast aus- zwischen eindeutig verschiedenen Grundtypen vermittelt. Im
schließlich auf positive Resonanz, trotz z.T. ernüchternder ersten Fall werden Übergangsformen auch im Schöpfungs-
Aussagen des Blattes – oder (auch) gerade deswegen? Daher modell erwartet. Fossilreihen, bei denen sich direkt von
soll nun ein zweiter Teil folgen. Wieder soll es darum gehen, Schicht zu Schicht die Formen in gewissen Grenzen ändern,
Argumente zu schärfen, Aktualisierungen vorzunehmen, fal- sind offenkundig Beispiele für Mikroevolution oder Variati-
sche Vorstellungen zu korrigieren und – wo möglich – besse- on innerhalb von Grundtypen (wobei ökologische Gründe für
re Argumente zu präsentieren. Es wäre schade, wenn an sich das Variieren vermutet oder nahegelegt werden können). Sol-
zutreffende evolutionskritische Argumente dadurch angreif- che Übergangsformen beweisen keine Makroevolution.
bar werden, daß sie teilweise falsche oder fragwürdige Aus-
sagen beinhalten. In diesem Sinne sind nachfolgende Klä- 2. Sprechen lebende Fossilien gegen Evolution?
rungsversuche zu verstehen. Zahlreiche heute lebende Arten oder Grundtypen sind auch
als Fossilien bekannt. Sie werden mit dem paradoxen Begriff
1. „Es gibt keine Zwischenformen.“ Dieses Argument „lebende Fossilien“ bezeichnet. Oft werden sie als Hinweise
besagt, daß größere Gruppen von Lebewesen (z. B. Vögel gegen Evolution gewertet, weil sie sich über große (ange-
und Kriechtiere oder Fische und Amphiben) sich so sehr un- nommene) Zeiträume hinweg nicht oder kaum verändert ha-
terscheiden, daß sie deutlich voneinander getrennt sind und ben. Dieses Argument hat jedoch kein starkes Gewicht, da
dadurch nicht leicht in eine evolutionäre Abstammungsreihe Evolutionstheoretiker diesen Befund in ihrem Denkgebäude
gestellt werden können – auch unter Berücksichtigung ausge- einigermaßen plausibel einordnen können. Denn nach der
storbener Formen, die als Fossilien bekannt sind. In einem Evolutionstheorie gibt es keinen Veränderungszwang. Wenn
antikreationistischen Buch stellt Jeßberger1 jedoch Dutzende ein Teil der Lebewesen sich lange Zeit nicht verändert, so
von Zwischenformen zusammen. Wer hat recht? wird das z. B. auf konstante Umweltbedingungen zurückge-
Zunächst ist die Behauptung, es gebe keine Zwischenfor- führt. Gleichzeitig, so wird argumentiert, habe sich ein Teil
men, anfechtbar. Denn es gibt tatsächlich zahlreiche Arten, der Lebewesen aber weiterentwickelt, der Teil nämlich, der
die Merkmale verschiedener größerer Gruppen in sich verei- unter veränderte Umweltbedingungen geriet (es kommen
nigen. Der berühmte Urvogel Archaeopteryx ist dafür wohl auch andere Gründe in Frage). Wie gut die evolutionstheore-
das bekannteste Beispiel, denn er besaß einerseits Federn tische Argumentation ist, kann nur von Fall zu Fall bei nähe-
(und andere Strukturen) als typische Vogelmerkmale, ande- rer Betrachtung beurteilt werden.
rerseits aber auch viele Merkmale, die für die meisten Repti- Die Tatsache, daß eine große Zahl lebender Fossilien be-
lien typisch, für Vögel dagegen untypisch sind oder bei heu- kannt ist, kann allerdings durchaus als ein Baustein gewertet
tigen Vögeln gar nicht vorkommen (z. B. eine lange werden, der im Rahmen der Schöpfungslehre verständlich ist,
Schwanzwirbelsäule, einen bezahnten Kiefer statt eines nämlich als Hinweis auf die Konstanz von Grundtypen.
Hornschnabels). Also handelt es sich um eine Zwischenform.
Dennoch – und damit kommen wir zum „springenden Punkt“ 3. „Die Entstehung neuer Arten wurde nicht nach-
– wird der „Urvogel“ heute von der Mehrheit der Evolution- gewiesen.“ Zur Beurteilung dieser Aussage ist eine wichti-
stheoretiker nicht als direkte evolutionäre Übergangsform ge Unterscheidung notwendig, nämlich zwischen „Arten“
zwischen Reptilien und Vögeln gewertet. Dafür weist er zu und „Grundtypen“ (diese werden im Rahmen des Schöp-
viele spezielle Merkmale auf, die in eine Abfolge Reptil fungsmodells als „geschaffene Arten“ interpretiert). Der Art-
Vogel nicht passen.2 begriff wird in der Biologie uneinheitlich gehandhabt, doch
Wichtig ist hier also eine begriffliche Unterscheidung von ist er fast immer deutlich enger gefaßt als der Grundtypbe-
Zwischenform (oder Mosaikform) als rein beschreibendem griff. Letzterer ist klar definiert3 (in Kürze: alle kreuzbaren
Begriff und (evolutionärer) Übergangsform als deutendem Arten, deren Mischlinge das Erbgut beider Eltern ausprägen,
Begriff. Die Existenz von Zwischenformen ist an sich neutral gehören zu einem Grundtyp). In der Regel gehören zu einem
bezüglich der Deutung der Entstehungsweise. Gott hat auch Grundtyp mehrere, oft hunderte von Arten („Biospezies“).
Zwischenformen (Mosaikformen) erschaffen, z. B. den „Ur- Zahlreiche Experimente und Freilandbeobachtungen haben
vogel“. Evolutionstheoretisch entscheidend ist, ob solche gezeigt, daß innerhalb von Grundtypen sehr wohl neue Arten
Zwischenformen als Bindeglieder (Übergangsformen) in eine durch natürliche Prozesse entstehen können.4 Artbildungs-
hypothetische evolutionäre Reihe eingepaßt werden können. vorgänge sind jedoch meistens mit Spezialisierungen ver-
Und das ist i. d. R. auch unter Evolutionstheoretikern minde- bunden (z. B. durch Anpassungen5 an spezielle Umweltbe-
stens umstritten.
3
Scherer S (1993) Typen des Lebens. Berlin. Dieses grundlegende
Buch sollte jeder schöpfungstheoretisch interessierte Biologe kennen.
1 4
Jeßberger R (1990) Kreationismus. Kritik des modernen Antievolutio- Vgl. Junker & Scherer (s. Anm. 2), Abschnitt III.5.1; Junker R (1996)
nismus. Berlin und Hamburg, S. 92-94. Evolution ohne Grenzen? Neuhausen-Stuttgart.
2 5
Genaues in: Junker R & Scherer S (1998) Evolution – ein kritisches Anpassung hat nichts mit Höherentwicklung zu tun, sondern kann als
Lehrbuch. Gießen, Abschnitt VI.13.5. schöpfungsbedingte „Überlebensstrategie“ gedeutet werden, die sich

DISKUSSIONSBEITRÄGE, BERICHTE,
INFORMATIONEN 1/98
dingungen) und haben nichts mit Makroevolution zu tun. Das kann der Eindruck entstehen, daß die Evolutionslehre natur-
heißt: Solche Vorgänge bewegen sich innerhalb des Grund- wissenschaftlich widerlegt sei. Auch hier ist eine differen-
typrahmens, so daß man sagen kann: Die Entstehung neuer zierte Argumentation angebracht. Eine strikte Widerlegung
Grundtypen wurde bisher nicht nachgewiesen. ist nicht möglich, da immer mit dem Argument begegnet
werden kann, daß heute noch Unverstandenes in Zukunft ge-
4. Die Evolutionstheorie ist keine wissenschaftliche klärt werden könne. Nicht die Frage „widerlegt oder nicht?“
Theorie. Hierbei handelt es sich um eine sehr pauschale Be- ist zu klären, sondern die Frage „wie gut passen die Daten
hauptung, die häufig von Kritikern formuliert wird. In dieser zur Theorie?“ oder: „Was spricht dafür und was dagegen?“
allgemeinen Form ist sie sehr fragwürdig, denn es muß ge-
sagt werden, was mit „Evolutionstheorie“ gemeint ist und 6. „Makroevolution ist aus wahrscheinlichkeitstheo-
was unter „wissenschaftlich“ verstanden wird. Zu ersterem: retischen Gründen unglaubhaft.“ Diese Aussage trifft
Die Evolutionslehre als Gesamtanschauung macht Aussagen zu, wird aber sehr häufig in einer anfechtbaren Weise prä-
über einen mutmaßlichen vergangenen Ablauf, der als sol- sentiert. Beispiel: Der Evolutionsprozeß wird mit einer Af-
cher nicht direkt untersuchbar ist. Sie ist damit am ehesten fenhorde verglichen, die – ohne etwas zu beabsichtigen – auf
mit einer geschichtlichen Rekonstruktion vergleichbar, wie Schreibmaschinen herumhackt und auf diese Weise etwas
sie auch in den historischen Wissenschaften anhand von Do- Vernünftiges zuwege bringen soll. Auf diese Weise wird kein
kumenten der Menschheitsgeschichte vorgenommen wird. In sinnvoller Text entstehen. Genausowenig wird durch die Ex-
diesem Sinne ist die Evolutionstheorie als wissenschaftlich zu plosion einer Druckerei ein Buch produziert werden. Ver-
bezeichnen, eben als „geschichtswissenschaftlich“. Dies gilt gleiche dieser Art sind jedoch fragwürdig, weil der Evoluti-
entsprechend auch für die Schöpfungslehre. An dieser Stelle onsprozeß (soweit aus der Mikro-Evolutionsforschung be-
ist wichtig, zwischen empirischen, historischen und philoso- kannt) mit solchen Vorgängen nicht ohne Weiteres ver-
phischen Wissenschaften zu unterscheiden. gleichbar ist. Auf Details kann hier nicht eingegangen wer-
Würde aufgrund der Tatsache, daß Makro-Evolution den, doch sei darauf hingewiesen, daß im Rahmen der Evo-
nicht direkt beobachtbar und erforschbar ist, die Evolution- lutionslehre der Faktor „Auslese“ (Selektion) eingeschaltet
stheorie pauschal als unwissenschaftlich eingestuft werden, ist, der bei den o.g. Vergleichen fehlt. Evolutionstheoretiker
so träfe dies auf jede historische Wissenschaft zu – folglich behaupten nicht, daß quasi auf einen Streich (wie bei der ex-
auch auf die Schöpfungslehre, denn deren grundlegende plodierenden Druckerei) schon ein komplexes Lebewesen
Aussagen beziehen sich ebenfalls auf nicht beobachtbare aus seinen molekularen Bestandteilen entstehen soll.
(sondern geoffenbarte und geglaubte) Tatsachen. Der Evolu- Dennoch ist dieses Argument von Wert. Denn es ist
tionstheoretiker glaubt, daß die Entstehung und Entfaltung möglich (und diese Mühe muß man sich machen!), behaup-
des Lebens durch natürliche Prozesse erklärbar ist, und dar- tete evolutionäre Abläufe so weit in Teilschritte zu untertei-
auf aufbauend versucht er Wissenschaft zu betreiben. Schöp- len, daß diese nicht mehr verkleinert werden können. In die-
fungstheoretiker bauen ihre Rekonstruktion der Geschichte sem Fall muß die nächste Stufe tatsächlich auf einen Schlag
des Lebens auf dem geoffenbarten Wort Gottes. überwunden werden. Es muß dabei sichergestellt werden,
Die Evolutionstheorie besteht aus Teiltheorien, die auf daß in einer postulierten Evolutionsreihe keine auslesbaren
experimentellen Studien oder Freilandbeobachtungen basie- Zwischenschritte mehr eingeschaltet werden können. Dann
ren (empirischer Bereich, der Bereich der Mikroevolution). kommen wahrscheinlichkeitstheoretische Berechnungen zum
In diesem Bereich, der den Hauptteil der praktischen Arbeit Zuge, und nach heutigem Wissen kann gezeigt werden, daß
ausmacht, ist die Evolutionstheorie zweifellos naturwissen- Makroevolution tatsächlich extrem unwahrscheinlich (nicht:
schaftlich. Die Zusammenfügung und Ausdehnung dieser widerlegt, s. o.!) ist.8
Teiltheorien auf Makroevolution überschreitet allerdings die- Reinhard Junker
sen empirischen Bereich und versucht ihn in ein welt-
anschauliches Gebäude einzuordnen. Die Gewinnung der Weitere Exemplare dieses Blatts können kostenlos angefordert werden
bei: SG WORT UND WISSEN, Rosenbergweg 29, D-72270 Baiersbronn,
Einzelbausteine erfolgt durchaus nach allgemein anerkannten Tel. 0 74 42 / 8 10 06 (Fax 8 10 08), oder bei W+W-Medienstelle,
naturwissenschaftlichen Regeln, die auch Vertreter der Heimgarten 2163, CH-8180 Bülach.
Schöpfungslehre für sinnvoll halten. Auch in dieser Hinsicht Für Kosten bei Abnahme größerer Mengen wird eine Spende erbeten:
sind – was die Vorgehensweise betrifft – Evolutions- und Sparkasse Hagen BLZ 450 500 01, Kto. 128 041 660; Postfinance CH-
Schöpfungslehre vergleichbar.6 4040 Basel, Kto. 80-76159-5.
Internetadresse: http://www.wort-und-wissen.de
Studiengemeinschaft WORT UND WISSEN, 1998 – kopieren erlaubt!
5. Ist die Evolutionstheorie wissenschaftlich wider-
legt? Angesichts der Tatsache, daß wesentliche Aussagen
der Makro-Evolutionslehre effektiv kritisiert werden können
und hin und wieder von ihren eigenen Vertretern als unbe-
wiesen oder sogar schwach begründet herausgestellt werden7, xitätszuwachs mit der Zeit erfolgt; und es gibt keine empirischen Be-
lege, daß dies geschieht. Trotzdem sind eukaryontische Zellen kom-
plexer als prokaryontische Zellen, Tiere und Pflanzen sind komplexer
im mikroevolutionären Rahmen abspielt, d. h. auf der Basis vorgege- als Protisten usw. Diese Zunahme der Komplexität könnte das Ergeb-
bener Strukturen und vorgegebener Flexibilität, ohne Notwendigkeit nis einer Reihe von großen Übergängen sein, welche Änderungen in
der Entstehung neuartiger Strukturen. der Informationsspeicherung sowie Informationsweitergabe mit sich
6
Nähere Begründungen der hier sehr knapp gehaltenen Ausführungen brachten.“
8
finden sich in: Junker & Scherer (s. Anm. 2), Kapitel I.1 sowie in: SG Junker & Scherer (s. Anm. 2), Abschnitt IV.7.4; eine ausführliche
Wort und Wissen, Schöpfung (o)der Evolution? Neuhausen-Stuttgart, Diskussion und Auseinandersetzung mit Einwänden findet sich in: S.
Kapitel 3. Scherer (1996) Entstehung der Photosynthese. Grenzen molekularer
7
E. Szathmáry & J. Maynard Smith schreiben beispielsweise (in: Na- Evolution? Studium Integrale. Neuhausen-Stuttgart. Populärwissen-
ture 374 [1995], 227) zusammenfassend: „Aus theoretischen Gründen schaftlich aufbereitet ist diese Thematik in: R. Junker: „Design-
ist nicht zu erwarten, daß innerhalb evolutionärer Linien ein Komple- Signale.“ Bibel und Gemeinde 4/97, S. 296-302.

STUDIENGEMEINSCHAFT WORT UND WISSEN