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# 13/2010 # 1/2010 # 1/2010 # 50/2010 # 130/2010

ISSN 1863-1134

Antiziganismus
Heft der Flüchtlingsräte 2010

IMPRESSUM
Das Heft der Flüchtlingsräte erscheint bundesweit
einmal im Jahr und wird herausgegeben von den
Flüchtlingsräten von Baden-Württemberg, Bayern,
Berlin, Brandenburg, Bremen, Hamburg, Hessen,
Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nord-
rhein-Westfalen, Saarland, Sachsen, Sachsen-An-
halt, Schleswig-Holstein, Thüringen und dem
Arbeitskreis Asyl Rheinland-Pfalz.

Das Heft der Flüchtlingsräte erscheint gleichzeitig


als gemeinsame Sonderausgabe der folgenden
Zeitschriften: Hinterland (13/10) Bayern, Gegen-
wehr (1/10) Hessen, Human Place (1/10) Mecklen-
burg-Vorpommern, Der Schlepper (50/10) Schles-
wig Holstein, Flüchtlingsrat (130/10) Niedersach-
sen, Rundbrief (1/10) Baden-Württemberg.

Titel: Joakim Eskildsen aus „Die Romareisen“


Redaktionsadresse:

Bayerischer Flüchtlingsrat
Hinterland Redaktion
Augsburgerstraße 13
80337 München

Tel: 089/ 762 234


Fax: 089/ 762 236

Verantwortlich: Matthias Weinzierl


Redaktion: Andrea Böttcher, Friedrich C. Bur-
schel, Dorothee Chlumsky, Florian Feichtmeier,
Lan-Na Grosse, Stefan Klingbeil, Angelika von
Loeper, Christoph Merk, Till Schmidt, Frauke
Sonnenburg, Sigmar Walbrecht, Kai Weber,
Aktionstag gegen Abschiebungen | 8. Mai 2010 Bastian Wrede

Namentlich gekennzeichnete Beiträge müssen nicht


Durch ein Rückübernahmeabkommen mit dem Kosovo sind bis zu 15.000 Menschen, unbedingt die Meinung der Redaktion wiedergeben.
darunter knapp 10.000 Roma von Abschiebung bedroht. Besonders Roma kehren in
katastrophale Bedingungen zurück – sie haben keine Zukunftsperspektive und ihre Kontakt: redaktion@hinterland-magazin.de
körperliche Unversehrtheit ist in Gefahr. Gestaltung: Matthias Weinzierl
Druck: Ulenspiegel Druck GmbH,
Deutschlands Flüchtlingspolitik ist vornehmlich durch Abschottung, Ausgrenzung und Birkenstraße 3, 82346 Andechs
Diskriminierung gekennzeichnet. Dies wollen wir nicht länger hinnehmen und rufen Auflage: 6.000 Stück
zum Protest auf!
www.hinterland-magazin.de
Nach einer weitgehenden Zentralisierung der Abschiebebehörden ist seit dem 1.
Januar 2010 das Regierungspräsidium Karlsruhe für die Entscheidung von „aufent-
Das Heft der Flüchtlingsräte wird
halts-beendenden Maßnahmen“ in ganz Baden-Württemberg, für die Organisation gefördert durch:
und Durchführung der Abschiebungen für ganz Süddeutschland zuständig.
Europäischer Flüchtlingsfonds (EFF),
Abschiebungen in den Kosovo laufen über den nahegelegenen Baden Airpark, abge- UNO-Flüchtlingshilfe,
schottet von der Öffentlichkeit. Der längst überfällige Protest formiert sich nun in einer Pro Asyl,
Kampagne gegen Abschiebungen, die ihren Höhepunkt in einer Demonstration am 8. KED
Mai in Karlsruhe finden wird.
Danke: Rom e.V. Köln, Rüdiger Benninghaus, Iris
Kommt zahlreich! Wer bleiben will soll bleiben! Biesewinkel, Herbert Heuß, Kenan Emini, Projekt
Roma Center Göttingen e.V., Hilke Ohsoling

Demo 8. Mai 2010


14.00 Uhr in Karlsruhe
Eigentumsvorbehalt:
Diese Zeitschrift ist solange Eigentum des Absenders, bis
Weitere Infos: sie dem Gefangenen persönlich ausgehändigt worden ist.
Zur-Habe-Nahme ist keine persönliche Aushändigung im
www.aktionbleiberecht.de | info@aktionbleiberecht.de | Sinne des Vorbehalts. Wird die Zeitschrift dem Gefange-
nen nicht ausgehändigt, so ist sie dem Absender mit dem
http://deportationairpark.blogsport.de/ Grund der Nichtaushändigung in Form eines rechtsmit-
telfähigen Bescheides zurückzusenden.
roma und sinti 35 bildung
4 Deutschland mit Kinderaugen
Zur Lage im Kosovo Interview mit Enisa Kunert, deren Familie nach 68
Stellungnahme des Zentralrates Montenegro abgeschoben wurde Bildung muss die Menschen im Herzen treffen
Deutscher Sinti und Roma Von Bastian Wrede Ein Gespräch mit Alexander Diepold, dem
Von Romani Rose Vorsitzenden des Vereins Madhouse gGmbH
37 Von Dorothee Chlumsky
5 Fremd im eigenen Land
Das Heft der Flüchtlingsräte 2010 stellt sich vor Sinti und Roma in Niedersachsen 71
Hinterland Redaktion nach dem Holocaust Aktion 302
Vom Verein für Geschichte und Leben der Sinti Gesicht zeigen für das Bleiberecht von Roma
6 und Roma in Niedersachsen e.V. Von Volker Maria Hügel
Der blinde Fleck im Bewusstsein Europas
Bilder und Eröffnungsrede einer Ausstellung kosovo 72
Von Joakim Eskildsen und Günter Grass Kinder des Windes
41 Tanzprojekt fördert Selbstbewusstsein von
antiziganismus Vertreibung, Blei und Straflosigkeit Flüchtlingskindern in Sachsen-Anhalt
Der Krieg und die Tragödie der Roma im Kosovo Von Frauke Sonnenburg
12 Von Dirk Auer
Eine Geschichte des Hasses iran
Ein geschichtliches Panorama des Antiziganismus 43
Von Markus End Verdammt, vertrieben, abgeschoben 73
Zur Lage zwischen Flucht und Abschiebung Den Henkern in die Hände
16 Von Karin Waringo Der fast vergessene Widerstand gegen das Regime
Schützt uns vor „Zigeuner“-Bildern Von Human
Warum Sinti & Roma keine „Zigeuner“ sind ns-verfolgung
Von Wilhelm Solms 75
47 „Höchste Zeit das Feld der
20 Niemals und nirgendwo wieder Appeasement-Politik zu verlassen”
„Sinti und Roma, die haben eine Mentalität ...“ Rede zum Gdenken an die NS-Opfer Ein Gepräch mit Dr. Sasan Harun-Mahdavi, lang-
Antiziganistisches im Bremer Lokalfernsehen Von Romani Rose jähriger Aktivist der exiliranischen Opposition
Von Polypol Von Till Schmidt
gekämpfte kämpfe
24 wohlfahr t
Ein Konsens vom Biertisch bis ins Amt 52
Der Ausgrenzung entgegentreten – Eine Rede „Wir bleiben hier – alle!” 80
Von Sevim Dagdelen 1993 kämpfen Roma auf dem Gelände der KZ- Die besondere Art der „Wohlfahrt“
Gedenkstätte in Dachau gegen ihre Abschiebung Eine Polizei-AG in Südhessen befreit einen
27 Von Agnes Andrae Landkreis von unerwünschten AusländerInnen
Im Kosovo herrscht Selbstjustiz Von Carolin Simon-Winter
Interview mit Djevdet Berisa, Mitbegründer und romantik
Vorsitzender des Vereins Romane Aglonipe dublin II
Von Sigmar Walbrecht 56
Citizens of Planet Paprika 82
29 Die Haltbarkeit linker „Zigeunerromantik“ Am Rande des Rechts
Angewiesen auf die Hilfe der eigenen Leute Von Steffen Greiner Die Problematik der Dublin-II-Verordnung
Interview mit Matthäus Weiß, dem Vorsitzenden Von Dominik Bender
des Landesverbands der Sinti und Roma in betteln
Schleswig-Holstein nachgehakt
Von Andrea Dallek 60
Europa macht Jagd auf bettelnde „Zigeuner“ 86
abschiebung Maßnahmen gegen bettelnde Roma Slowenien humaner als Bayern
Von Karin Waringo Familie Avdija erhält nach langem Kampf Asyl
30 Von Stephan Dünnwald
Verwaltungsakt oder Antiziganismus? 64
Die Abschiebung von Roma aus Deutschland „Bettel-Mafia bedrängt Kirchgänger“
Von Bastian Wrede Die bürgerliche Presse geht mir auf die Nüsse
Von Caspar Schmidt
3
Zur Lage im Kosovo
Stellungnahme des Vorsitzenden des Zentralrates Deutscher Sinti und Roma zur geplanten Abschiebung von mehr
als 10.000 Roma aus Deutschland in den Kosovo. Von Romani Rose

Vor zehn Jahren, nach dem Ende des Kosovo-Kriegs, Weise auf Rückkehrer vorbereitet, abgesehen davon,
sind Roma, Ashkali und Kosovo-Ägypter fast vollständig dass Kinder der Roma-Minderheit in den Schulen nicht
durch die Kosovo-Albaner vertrieben worden. Jetzt, ein akzeptiert werden.
Jahrzehnt später, beabsichtigt die Bundesregierung, ent-
gegen der nachdrücklichen Warnungen von internatio- Weder die neue Verfassung des Kosovos, noch die
nalen Institutionen und Organisationen, fast 10.000 neue Gesetzgebung schützen wirksam die Minderheiten
Roma in den Kosovo abzuschieben. des Kosovo – Bosniaken, Kroaten, Gorani, Roma, Ash-
kali, Egyptians und andere; vielmehr sind einige der
Trotz anders lautender Auskunft der Bundesregierung, neuen Gesetze problematisch für sie. Durch das neue
gibt es nach wie vor täglich Gewalt gegen Roma im Gesetz für die lokale Selbstverwaltung im Kosovo etwa
Kosovo. Alle internationalen Organisationen und Insti- wurde die proportionale Beteiligung von Minderheiten
tutionen berichten über diese alltägliche Bedrohung im öffentlichen Dienst abgeschafft.
von Minderheiten, insbesondere Roma. Es steht für den
Zentralrat Deutscher Sinti und Roma außer Zweifel, Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma wandte sich
dass die beabsichtigte Abschiebung von tausenden von an die verantwortlichen Internationalen Organisationen,
Roma in den Kosovo zu neuen scharfen Spannungen den UNHCR, die Europäische Union, den Europarat
Foto: Frauke Sonnenburg
zwischen den Minderheiten und den Kosovo-Albanern und die OSCE, um seiner Sorge um eine neue Spirale
führen wird, die die Sicherheit der betroffenen Familien der Gewalt im Kosovo Ausdruck zu verleihen. Ich
Romani Rose ist extrem gefährden werden. appelliere an die Bundesregierung und die Länderregie-
Vorsitzender des rungen, der Sicherheit der betroffenen Menschen Vor-
Zentralrats Deut- Für die abgeschobenen Familien gibt es im Kosovo rang zu geben und keine Minderheitenangehörigen in
scher Sinti und buchstäblich nichts: Es gibt weder eine Infrastruktur auf den Kosovo abzuschieben!
Roma. 13 Mitglieder der Seite der Kosovarischen Regierung, noch gibt es
seiner Familie wur- Arbeits- oder Wohnmöglichkeiten. Roma, Ashkali und Die Lage im Kosovo ist für Angehörige der Roma nach
den in NS-Vernich- Kosovo-Ägypter besaßen in der Regel Häuser im Koso- wie vor katastrophal und – entgegen der Lageberichte
tungslagern ermor- vo; unmittelbar nach dem Krieg zerstörten Kosovo- der Bundesregierung – nach wie vor von direkter
det. Albaner tausende von Bedrohung gekennzeichnet.
Häusern, oftmals ganze Weder die neue Verfassung des Kosovos Es kommt immer wieder zu
Dörfer, um jede Rückkehr noch die neue Gesetzgebung schützt ethnisch motivierter Gewalt
der Vertriebenen unmög- wirksam die Minderheiten gegen Minderheiten, die
lich zu machen. In den von den kosovarischen
Städten wurden die Häuser Polizeibehörden nicht
entweder zerstört oder von erfasst werden, sei es, weil
Albanern besetzt. Für zurückkehrende Familien ist es die Opfer begründete Angst vor Repressalien haben
schlichtweg unmöglich, ihr Eigentum wieder in Besitz oder die kosovarische Polizei bei solchen Straftaten
zu nehmen – jeder Versuch würde mit unmittelbarer schlicht nicht tätig wird. Die jüngsten Berichte der
Gewalt beantwortet werden. Ein auch nur annähernd OSZE, des UNHCR und auch der UNMIK-Bericht vom
funktionierendes Rechtswesen gibt es im Kosovo nicht. September 2009 bestätigen diese Lageeinschätzung. Es
ist daher unverantwortlich, angesichts der ohnehin wie-
Besonders für die Kinder der betroffenen Familien ist der gespannten Lage zwischen den verschiedenen
eine Rückkehr in den Kosovo eine Katastrophe. Seit Nationalitäten und Ethnien im Kosovo jetzt – wie beab-
fast zehn Jahren leben die Familien in Deutschland, sichtigt – mehrere tausend Menschen abschieben zu
viele Kinder sind hier geboren und sprechen weder wollen.
Albanisch noch Serbisch, für sie ist Deutsch ihre Mut-
tersprache. Das Schulsystem im Kosovo ist in keiner

4
Das Heft der Flüchtlingsräte 2010
stellt sich vor
In Mitrovica leben Roma seit über zehn Jahren auf von
Schwermetallen extrem verseuchtem Gelände; mit der
Folge schwerer Gesundheitsschäden. Weder die inter- 300 Seiten hätten es locker werden können.
nationale Gemeinschaft, noch die Regierung des Koso- Wenn die Flüchtlingsräte gemeinsam Artikel
vos haben Anstrengungen unternommen, die Zustände sammeln, fehlt es der Redaktion an Auswahl
in den Lagern von Mitrovica zu ändern, die der Men- nicht. Zumal das Thema Antiziganismus
schenrechtskommissar des Europarates als schwerwie- unerschöpflich ist. Die Verfolgung und Ver-
gendstes humanitäres Menschenrechtsproblem in Euro- nichtung von Sinti und Roma, über Jahr-
pa bezeichnete. Dieses Beispiel zeigt, dass es im Koso- hunderte hinweg, die antiziganistischen
vo keinerlei Entwicklung gibt, die eine Rückkehr für Kontinuitäten, bis ins Heute hinein, und die
Minderheitenangehörige möglich erschienen lässt. In aktuellen Abschiebungen in den Kosovo
jüngster Zeit sind vielmehr erneut Roma-Familien könnten ganze Bibliotheken füllen – und
gezwungen, in diesen Lagern Unterkunft zu suchen, machen wütend. Leider mussten wir, die
darunter auch abgeschobe- Hinterland-Redaktion, die diesmal mit der
ne Familien aus Deutsch- Im Kosovo gibt es keinerlei Entwicklung, Federführung für das gemeinsame Heft der
land. Roma können im die eine Rückkehr für Minderheitenange- Flüchtlingsräte betraut war, das Material auf
Kosovo bis heute nicht in hörige möglich erscheinen lässt 86 Seiten zusammendampfen. Viele lesens-
ihre Heimatgemeinden werte Artikel fanden im Heft leider keinen
zurückkehren, weil ihre Platz. Einige Meinungen aber, sind aus
Häuser zerstört oder von Überzeugung nicht vertreten, wenn es sich
Albanern besetzt sind. auch um Meinungen handelt, die innerhalb
der Debatten virulent sind. Unser Anliegen,
Deutschland hat aufgrund des Völkermords an über nicht nur dem Rassismus, sondern auch
500.000 Sinti und Roma während der Nazi-Zeit in Euro- dem Positivrassismus entgegenzutreten, führt
pa eine besondere Verantwortung gegenüber verfolgten sich auch auf dem Felde des Antiziganismus
Minderheiten und gegenüber Vertriebenen. Diese fort. Beiträge, die auf eine positive Umwid-
besondere Verantwortung hat sich jetzt gegenüber den mung antiziganistischer Vorurteile abzielen,
Roma zu beweisen, die aus ihrer Heimat im Kosovo im sind deshalb nicht in diesem Heft. Eine wei-
Rahmen ethnischer Säuberungen vertrieben wurden tere problematische Argumentation ist uns
und deren Abschiebung aus Deutschland zurück in den aufgefallen: Sinti und Roma hätten, so ist oft
Kosovo sie einer unmenschlichen Situation aussetzen zu lesen, viel mehr zu leiden, als diese oder
würde. jene Opfergruppe. Das mag schon richtig
sein. Dennoch halten wir das ins Verhältnis
Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma appelliert an setzen von Opfergruppen und die Aufteilung
die Bundesregierung und die Regierungen der Länder, in mehr oder weniger Benachteiligte für kei-
das Rückführungsabkommen mit dem Kosovo auszuset- nen guten Gedanken. Ein Konkurrenzver-
zen und den in Deutschland seit zum Teil weit über hältnis der Ressentiments schadet in Summe.
zehn Jahren lebenden Minderheitenangehörigen aus Wichtig war uns auch, nicht nur ÜBER Sinti
dem Kosovo dauerhaften Aufenthalt zu gewähren, und Roma zu berichten, sondern ebenso
sowie die Regelungen für den Aufenthalt der aus dem Sinti und Roma Öffentlichkeit zu verschaf-
Kosovo vertriebenen Menschen schnell zu korrigieren! fen. Das ist uns weit weniger gelungen, als
Hierzu gehört vor allen Dingen die Änderung der Fri- wir uns das gewünscht haben, aber dennoch
sten für die Bleiberechtsregelung, um den langfristig konnten einige Sinti und Roma als AutorIn-
geduldeten Menschen endlich eine gesicherte Perspek- nen und GesprächspartnerInnen gewonnen
tive in Deutschland zu verschaffen. werden. Dies wäre nicht möglich gewesen,
ohne die gute Zusammenarbeit der Flücht-
Darüber hinaus fordert der Zentralrat die Fraktionen lingsräte Niedersachsen, Schleswig-Holstein,
des Deutschen Bundestages auf, eine Anhörung zur Baden-Württemberg, Sachsen-Anhalt, Hes-
Sicherheitslage der Roma und anderer Minderheiten im sen und Bayern. Wir wünschen den LeserIn-
Kosovo anzusetzen. Auch sollen dabei die Erkenntnisse nen, im Namen aller Flüchtlingsräte, viel
der Bundesregierung über die Eigentumsverhältnisse im Kurzweil mit diesem Heft.
Kosovo, die Rückgabe von besetzten Häusern und die
Entschädigung für die über 14.000 zerstörten Häuser Ihre Hinterland Redaktion
der Minderheiten erörtert werden.<
P.S.: Kritik und Anmerkungen zu diesem
Heft der Flüchtlingsräte bitte an:
redaktion@hinterland-magazin.de
Der blinde Fleck im Bewusstsein Europas
Rede von Günter Grass zu Ehren von Cia Rinne und Joakim Eskildsen im Oktober 2009.
Ihr Bildband „Die Romareisen“ gewährt überwältigende Einblicke in den Alltag von Roma.

Bilder von Joakim Eskildsen

Zwei junge Menschen, Cia Rinne und Joakim Eskildsen, haben. Die gezeigten Fotografien erlauben es dem
haben sich zu Beginn dieses Jahrhunderts auf den Weg Betrachter, Augenschein zu nehmen von einer Lebensart,
gemacht. Sie bereisten Ungarn, Rumänien, Rajasthan in die – so viel Geschichte ihr auch anhaftet – dennoch
Indien, Griechenland, Frankreich, Russland und Finn- nicht von gestern, sondern von heute ist.
land. Sie brachten Fotos und Erfahrungen mit, die sie in Diese Bilder erzählen vom Volk der Roma, das, ver-
dem Bildband „Die Romareisen” niedergeschrieben streut in alle Welt, am Rand der jeweils ungastlichen

6
Griechenland - Vor Dionysias Baracke. Zur linken Dionysias Tochter Marina. Nea Zoi, Aspropyrgos, Attika

Länder lebt – Europa betreffend als größte Minderheit. ten Fotografien fordern dazu auf, hinzublicken –, ist
Überall, von Portugal bis in die baltischen Staaten, sind ihnen eine seit Jahrhunderten eingeübte Missachtung
sie einerseits anwesend, andererseits wie nicht vorhan- gewiss.
den. Und überall geschieht wenig bis nichts, das ihre Wir, die wir uns als aufgeklärt erachten und endlose
Bedürfnisse und Rechte als Bürger der jeweiligen Staaten Pädagogik-Debatten führen, lassen nicht zu, dass die
sichern könnte. Wo man hinblickt – und die hier gezeig- Sprache der Roma, die die einzig gesamteuropäische ist,

7
Ungarn – Oláh OHóné und Barkóczi Sándomé. Ibolya út, Hevesaranyos

in Schulen unterrichtet wird. Selbst als Opfer des Völker- zugestanden wurde.
mordes, der von uns Deutschen zu verantworten ist, gel- Gewiss, wir schätzen und genießen die Musik der
ten sie als Opfer zweiter Klasse. Noch im Rückblick ist es Roma und Sinti als virtuose Zigeunermusik. Den Liebha-
beschämend, wie lange es gedauert hat, bis ihnen, deren bern klassischer Musik ist, wenn sie Brahms oder Bartok
Angehörige in Auschwitz-Birkenau, Treblinka, Sobibor hören, der unverwechselbare Klang dieser Musik im Ohr.
vergast wurden, endlich auch in Berlin eine Gedenkstätte Liebhabern der Literatur fallen Lenaus Gedichte ein und

8
Russland – Schanna Suchanowa und Zemfira (Ruska Roma). Gorelowo Krasnelski – Bezirk St. Petersburg

Lorcas Zigeunerromanzen. Und auch die hier ausgestell- Manch einen, den unsere eingefuchste Sesshaftigkeit
ten Fotografien vermitteln selbst dort, wo sie als Hinter- und das damit verbundene Einerlei bedrückt, mag sich
grund Müllhalden oder den Schrott unserer Wegwerfge- gelegentlich wünschen, Angehöriger des sogenannten
sellschaft spiegeln, einen ästhetischen Reiz, weil die „fahrenden Volkes” zu sein. Doch all das und weitere
jeweils abgebildeten Menschen, gleich ob jung oder alt, romantische Annäherungen können nicht darüber hin-
von einprägsamer Schönheit sind. wegtäuschen, dass die auf unserem Kontinent lebenden

9
Russland – Ladaka und Ramon (Kotliari). Wodstroi, Oblast Wolgograd.

Roma und Sinti - es mögen geschätzt an die 20 Millionen Roma und Sinti. Es gibt Gründe für diese Ungenauigkeit.
sein - der blinde Fleck im Bewusstsein Europas sind. Ob hierzulande oder in Tschechien, in der Slowakei,
Günstigenfalls belächelt man sie, empfindet ihre allerorts in Europa wagen es viele Roma und Sinti nicht,
Eigenart als exotisch, will aber dennoch ihre besondere sich kenntlich zu machen. Ihre Erfahrung weiß von Ver-
Existenz, ihren grenzüberschreitenden Eigensinn, nicht letzungen, die ihren Familien zugefügt wurden, als sie
wahrhaben. Sie sind für uns das Fremde an sich. kenntlich, das heißt registriert waren; zum Beispiel
Ich sprach eben noch von geschätzt 20 Millionen damals, als sie nach deutschem Recht als rassisch min-

10
antiziganismus

Griechenland – Nea Zoi, Asptopyrgos, Attika.

Die Romareisen:
Ungarn Indien Grie-
derwertige Zigeuner galten, auf Listen geführt, erfasst, Selbst als Tote werden die Roma ausgegrenzt. Ihr Leid chenland Rumänien
schließlich deportiert und hunderttausende von ihnen ste- spricht sich, wenn überhaupt, leise aus, doch unverkenn- Frankreich Rußland
rilisiert oder in Konzentrationslagern ermordet wurden. bar ist die ihrem Volk auferlegte Trauer. Sie findet Aus- Russland Finnland
Und abermals weiß man nicht die genaue Zahl. druck in den Fotografien von Joakim Eskildsen und ist von Cia Rinne und
Waren es fünfhunderttausend oder, wie einige Historiker selbst dort absehbar, wo Kinder spielen, junge Mädchen Joakim Eskildsen,
meinen, „nur” hundertfünfzigtausend? sich in Szene setzen.< 415 Seiten, Steidl

11
Antiziganistische
Narren
gesehen 2008 bei
einem Faschingsum-
zug in Uffing
(Bayern) Foto: Hinterland-Archiv

Eine Geschichte des Hasses


Hinter den drohenden Abschiebungen von Roma aus Deutschland öffnet sich ein geschichtliches Panorama des
Antiziganismus. Von Markus End

Die drohende Abschiebung von etwa 10.000 aus „Zigeuner“. Nachdem die UÇK mit Hilfe der NATO
dem Kosovo geflohenen Roma öffnet exemplarisch den Kosovo erobert hatte, nahm sie eine „ethnische
den Blick auf die ganze Tragweite des modernen Säuberung“ vor, bei der neben anderen Minderhei-
Antiziganismus und viele Facetten dieser weitrei- ten auch um die 100.000 Roma vertrieben wurden.
chenden Vorurteils- und Diskriminierungsstruktur. Der UÇK war es also – wie allen AntiziganistInnen –
Davon ausgehend soll hier auf einen zentralen egal, ob dies verbreitete Vorurteil, das zur Rechtfer-
Aspekt, nämlich den soziologischen Hintergrund der tigung des Unrechts herangezogen wurde, zutraf
langen Geschichte des Antiziganismus, eingegangen oder nicht.1 Die Roma wurden in der überwiegen-
werden. den Mehrzahl aus dem Land getrieben oder mussten
fortan in von der UNO geschützten Flüchtlingslagern
Die meisten kosovarischen Roma lebten vor dem leben. Ein Großteil der Roma floh nach Serbien und
NATO-Angriff auf die Bundesrepublik Jugoslawien Mazedonien, Zehntausende suchten in Westeuropa
1999 in separaten Stadtvierteln in eigenen Häusern, Asyl. Die dort Ankommenden entsprachen bereits
verfügten teilweise über einigen Wohlstand, einen stärker dem Stereotyp: Heimat- und obdachlos
verhältnismäßig hohen Bildungsgrad und gingen gemacht und vertrieben, bedienten sie auf den
Berufen aller Bereiche nach. Sie entsprachen somit ersten Blick das Vorurteil des „umherziehenden und
nicht dem gängigen Stereotyp vom „umherziehen- heimatlosen Zigeuners“. Mittellos gemacht schienen
den“, „armen“, „ungebildeten“ und „arbeitsscheuen“ sie das Vorurteil vom „armen Zigeuner“ zu bestäti-

12
antiziganismus

gen, auf öffentliche Hilfe angewiesen wurden sie in „bettelnde“ „Flut“ aus dem Osten zu halten, für „hei-
den Augen einer antiziganistisch eingestellten Mehr- matlose“ „Schmarotzer“, wie es im schlimmsten Fall
heitsgesellschaft zu „Schmarotzern“. An diesem Vor- heißt. Wie überhaupt schon die NationalsozialistIn-
gang lässt sich sehr gut aufzeigen, wie der Antiziga- nen dazu kamen, Menschen als „Zigeuner“ zu ver-
nismus sich „seine Zigeuner“ nicht nur in der Vorur- folgen und zu vernichten?
teilskonstruktion, sondern auch in der Realität selbst
schaffen kann und schafft.
Konstruktion antiziganistischer Vorurteile:
„Nichtsesshaftigkeit“ bedroht nationale Identität
Bild: Rom e.V.
Roma drohen im Kosovo antiziganistische Übergriffe
Dafür ist eine Vorurteilsstruktur verantwortlich, die
Dabei ist wichtig festzuhalten, dass das Vorurteil der seit über 500 Jahren das „Wissen“ der Mehrheitsge-
Realität vorausging. In Deutschland, beispielsweise sellschaft über vermeintliche „Zigeuner“ konstruiert
in Köln, wurde die Stimmung gegen die Roma, die und strukturiert. Die Stabilität und Langlebigkeit die-
aus dem Kosovo geflohen waren, seit 2002 von ser Vorurteilsstruktur hängt damit zusammen, dass
regelmäßigen Hetzkampagnen gegen „Klau-Kids“ sie eng mit der Entwicklung sozialer Strukturen ver-
oder „Bettel-Banden“ ange- knüpft ist, die auch heute
heizt, wobei nie vergessen Die Quelle des Antiziganismus sind noch die Gesellschaften prä-
wurde, auf die Zugehörigkeit die sozialen Verhältnisse und nicht gen. Die Ursachen des Antizi-
zu einer „mobilen ethnischen die vermeintlichen „Eigenschaften“ ganismus liegen also in den
Minderheit“ hinzuweisen. von „Zigeunern.“ sozialen Verhältnissen der
Nun sollen bis zu 10.000 Mehrheitsgesellschaften
Roma in den Kosovo abge- begründet und nicht in den
schoben werden, obwohl alle vermeintlichen „Eigenschaf-
maßgeblichen internationa- ten“ von „Zigeunern“ oder
len Organisationen, die vor auch nur in der gegenwärti-
Ort sind, sagen, dass Roma gen sozialen Situation man-
dort antiziganistische Übergriffe sowie Ausschluss cher Roma. Das Beispiel Kosovo hat gezeigt, dass
von Arbeitsmarkt, Gesundheitsversorgung und Bil- die Realität für die AntiziganistInnen zweitrangig ist,
dungssystem erwarten. Eine mögliche historische dass sie sogar imstande sind, Menschen so zuzurich-
Verantwortung der BRD – in Anbetracht der Tatsa- ten, dass sie irgendwann dem Stereotyp entspre-
che, dass auch im Kosovo Roma von verschiedenen chen.3
faschistischen Gruppen, zwischen 1943 und 1944
aber auch direkt von der SS, verfolgt und in Kon- Die Bedrohungsvorstellung durch die angebliche
zentrationslagern interniert worden waren2 – wird Nichtsesshaftigkeit der „Zigeuner“ beispielsweise
weiterhin in der Öffentlichkeit ignoriert. Dies könn- steht in engem Zusammenhang mit der Durchset-
te als eine spezifische Form der Schuldabwehr inter- zung der Territorial- und später der Nationalstaaten
pretiert werden. Der nun unabhängige Staat Kosovo in Europa. Dabei wurden feste Grenzen und eine
ist aus den Strukturen jener Organisation entstanden, eindeutige nationale Identität sehr wichtig. Diese
die vor gut zehn Jahren die Vertreibungen betrieb Entwicklung war jedoch schon immer ambivalent
oder zumindest billigte und förderte. Warum nun ein und uneindeutig. In manchen Staaten finden sich
Meinungsumschwung bezüglich Roma stattgefunden mehrere „Nationen“, manche „Nationen“ waren
haben sollte, hat noch niemand schlüssig darlegen lange Zeit auf mehrere Staaten aufgeteilt. Das Kon-
können. zept selbst ist in sich widersprüchlich: Einerseits soll
erst der Staat die Staatsbürgerschaft verleihen, ande-
Alle diese Hintergründe sind relevant, um die politi- rerseits sollen die Nationen aber bereits Tausende
sche Dimension der Abschiebungen von aus dem Jahre vorher existiert haben. „Blutrecht“ und
Kosovo geflohenen Roma aus der BRD zu erfassen. „Bodenrecht“ werden miteinander vermischt. Diese
Ambivalenzen werden nun in der Vorstellung der
Ungeklärt bleibt aber die Frage, wie die UÇK über- Mehrheitsgesellschaft unter anderem den „Zigeu-
haupt erst auf die Idee kam, die Roma aus dem nern“ zugeschrieben.
Kosovo zu vertreiben. Wie überhaupt die deutschen
Medien auf die Idee kamen, die ankommenden Ein Beispiel dafür ist das Stereotyp der „Spionage“,
Flüchtlinge für eine bedrohliche „stehlende“ und die von „Zigeunern“ angeblich immer wieder betrie-

13
antiziganismus

ben wird. Bereits auf dem Reichstag des Heiligen den zu zentralen Tugenden der europäischen
Römischen Reichs von 1498 in Freiburg wurde den Gesellschaften. „Zigeuner“ werden in den antizigani-
„ziegeunern“ unterstellt, dass sie „erfarer, usspeer stischen Vorstellungen der Mehrheitsgesellschaft
und verkundschafter der christen lant“4 seien. Ein wiederum zum scheinbar vormodernen Gegenpol
Vorwurf, den Tobias Port- stilisiert. Ihnen wird genau
schy, der im nationalsoziali- „Fleiß“ und später „Produktivität“ das vorgeworfen, nicht zu
stisch besetzten Burgenland werden zu zentralen Tugenden arbeiten und trotzdem zu
die Deportationen der Roma der europäischen Gesellschaften. leben, indem sie sich wie
organisierte, 450 Jahre später „Zigeuner“ werden in den „Parasiten“ am Leib der
in seiner Schrift zur „Zigeu- antiziganistischen Vorstellungen „Wirtsgesellschaft“ – oder mit
Bild: Rom e.V.
nerfrage“ wieder aufgreift. der Mehrheitsgesellschaft zum nationalsozialistischen Termi-
Die Figur des „Spions“ hat scheinbar vormodernen ni ausgedrückt am „Volkskör-
also eine lange Tradition. Sie Gegenpol stilisiert. per“ – nähren.
steht genau für die unterstell-
te Infragestellung der natio- Auch diese Stereotype sind
nalen Ordnung bzw. im 15. Jahrhunderte alt: ein „Mandat
Jahrhundert noch der religiös wider die Zigeuner“ von 1590
geprägten staatlichen Ord- hält bereits fest, dass sie ein
nung. Während „treue Staats- „diebisch Volck“ seien, dem
bürger“ oder „Untertanen“ zu sich andere „müssiggänger“
Ihrem „Land“ halten, verrät der „Spion“ das Land, in anschließen würden und die „die unterthanen,
dem er lebt an ein anderes, in dem er nicht lebt. sonderlich uffm Lande, höchlich beschweren“.5
Folglich gehört er weder so richtig in das eine Land, Heutzutage ist die Vorstellung von „Bettel-Roma“,
noch so richtig in das andere Land, vielmehr ist er wie es das Boulevard-Blatt „B.Z.“ in Berlin ausge-
eine ambivalente Figur, die verfolgt werden muss. drückt hat und vom „Holt die Wäsche rein, die
Zigeuner kommen“, wie es auf dem Lande heißt, so
Die „Zigeuner“ repräsentieren dabei also einen weit durchgesetzt, dass von „kulturellem Gedächt-
angeblich vormodernen Gegenpol zu dieser territo- nis“6 gesprochen werden könnte. In Ungarn etwa
rial- und nationalstaatlichen Homogenisierung. In wird die angebliche „Zigeunerkriminalität“ von wei-
der Vorstellungswelt des Antiziganismus ignorieren ten Teilen der Rechten als eines der größten Proble-
sie die staatlichen Grenzen und lassen sich nicht in me des Landes angesehen.
die angeblich fest verwurzelten nationalen Identitä-
ten einteilen. Werden sie verfolgt und beseitigt, wird Auch hier tauchen beide oben erwähnten Funktio-
auf diese Art und Weise symbolisch die „nationale nen wieder auf: Zum Ersten benötigt der Stolz auf
Ordnung der Welt“ wieder hergestellt. Das heißt im die eigene „ehrliche Arbeit“, auf den „Fleiß“ zur
Klartext, dass sich eine nationale Identität in Abgren- Abgrenzung die Vorstellung von der „zigeunerischen
zung zu „den Zigeunern“ herstellen lässt. Anderer- Faulheit“, die von der eigenen „ehrlichen Arbeit“
seits macht es all jenen, die sich nicht so eindeutig lebt. Wenn diese – wie in Krisenzeiten – nicht dazu
mit der Nation identifizieren, klar, dass sie potentiell führt, dass die Volkswirtschaft rund läuft, werden
mit Verfolgung zu rechnen haben, weil sie sich folglich unter anderem „die Zigeuner“ dafür verant-
„zigeunerisch“ verhalten. So wird der Vorwurf des wortlich gemacht. Zum Zweiten werden auch hier
„vaterlandslosen Gesellen“ zu einer offenen Dro- Drohungen an all jene ausgesprochen, die sich ver-
hung. meintlich „zigeunerisch“ verhalten. In vielen Diskur-
sen werden Begriffe wie „Asoziale“, „Bettler“ und
eben „Zigeuner“ beinahe synonym verwendet, wie
Zugeschriebener „Müßiggang“ sich das ja auch schon im oben zitierten Text aus
als Gefahr für den „Volkskörper“ dem 16. Jahrhundert andeutet, in dem festgestellt
wird, dass sich den „Zigeunern“ andere „müssiggän-
Auf eine ähnliche Art und Weise entstehen die Ste- ger“ anschließen würden.7
reotype der „zigeunerischen Faulheit“ und der
„Zigeunerkriminalität“. Diese Vorstellungen stehen in
engem Zusammenhang mit der Durchsetzung der
Arbeitsgesellschaft in Europa seit dem sechzehnten
Jahrhundert. „Fleiß“ und später „Produktivität“ wer-

14
antiziganismus

Vorurteilsstruktur in die Kritik an den Markus End hat Politikwissenschaft, VWL und Geschichte
Abschiebungen einbeziehen studiert. Er promoviert am Zentrum für Antisemitismusfor-
schung in Berlin zu Semantiken des Antiziganismus. Mit
Eine ähnliche Analyse lässt sich für viele andere zen- Kathrin Herold und Yvonne Robel hat er den Sammelband
trale Stereotype des Antiziganismus vornehmen: So „Antiziganistische Zustände. Zur Kritik eines allgegenwärti-
verwenden beispielsweise patriarchale Vorstellun- gen Ressentiments“ herausgegeben (Unrast-Verlag, Münster
gen einer tugendhaften Weiblichkeit, die sich dem 2009).
Mann unterzuordnen hat, als Gegenbild die Vorstel-
lung der triebgesteuerten hochsexualisierten „Zigeu-
nerin“ à la Carmen, die die Männer um den Verstand
bringt und so ihre Vorherrschaft bedroht.8

Wenn diese Hintergründe der Vorurteilsstruktur des


modernen Antiziganismus unbeachtet bleiben, kann
es leicht passieren, dass eine Kritik an Abschiebun-
gen von Roma in den Kosovo zu kurz greift. Indem
sie nur kritisiert was ist, aber nicht wie und unter
welchen Bedingungen es geworden ist und reprodu-
ziert wird. Die soziale Situation der geflohenen
Roma, die gegenwärtige Situation in der BRD und die
Stimmung in der Bevölkerung und in den Medien,
die Verweigerung der Verantwortungsübernahme für
nationalsozialistische Verfolgung durch die Innenmi-
nisterkonferenz, die drohende Verfolgung und sozia-
le Exklusion im Kosovo, alle diese Aspekte müssen
als geprägt durch die Vorurteilsstruktur, die
Geschichte und die Praxis des modernen Antiziga-
nismus begriffen und analysiert werden.<

1
Vgl. den Text von zugelassen werden 6
Siehe u. a. Ass- stische Ethik und der
Dirk Auer in diesem und ihm doch eigen mann, Jan 1992: Das Geist des Kapita-
Heft sind, werden dem kulturelle Gedächtnis. lismus, in: Ders.
Objekt zugeschrieben, Schrift, Erinnerung (Hg.): Zigeuner:
2
Vgl. Fings, Karo- dem prospektiven und politische Iden- Geschichte und Struk-
la/Lissner, Cordula/ Opfer.“ Horkheimer, tität in frühen Hoch- tur einer rassistischen
Sparing, Frank 1992: Max und Adorno, kulturen. München. Konstruktion. Duis-
“ ... einziges Land, in Theodor W. 1969: burg, S. 11-35.
dem Judenfrage und Dialektik der Aufklä- 7
Diese Analysen 8
Vgl. Eulberg,
Zigeunerfrage gelöst.” rung. Philosophische basieren im weitesten Rafaela 2009: Doing
Die Verfolgung der Fragmente. Frankfurt Sinne auf zwei zen- Gender and Doing
Roma im faschistisch am Main, S. 196. tralen Texten: Macie- Gypsy: Zum Verhält-
besetzten Jugoslawien jewski, Franz 1996: nis der Konstruktion
1941 – 1945. Köln, S. 4
Zitiert nach Wip- Elemente des Antizi- von Geschlecht und
43. permann, Wolfgang ganismus, in: Giere, Ethnie. In: End, Mar-
1997: „Wie die Zigeu- Jacqueline (Hg.): Die kus; Herold, Kathrin
3
„Wenn Mimesis ner“. Antisemitismus gesellschaftliche Kon- und Robel, Yvonne
sich der Umwelt ähn- und Antiziganismus struktion des Zigeu- (Hg.): Antiziganisti-
lich macht, so macht im Vergleich. Berlin, ners: Zur Genese sche Zustände. Zur
falsche Projektion die S. 50. eines Vorurteils. Kritik eines allgegen-
Umwelt sich ähnlich. Frankfurt am Main, wärtigen Ressenti-
[…] Regungen, die 5
Zitiert nach ebd., S. 9-28 und Hund, ments. Münster, S.
vom Subjekt als des- S. 55. Wulf D. 1996: Das 41-66.
sen eigene nicht Zigeuner-Gen. Rassi-

15
Titel

Schützt uns vor „Zigeuner”-Bildern!

16
antiziganismus

Warum die Sinti und Roma keine „ZigeunerInnen“ sind. Von Wilhelm Solms

„Warum darf man eigentlich nicht mehr ,Zigeuner’ wurden. Damit verband sich die Vorstellung, sie hätten
sagen?“ Wer heute noch die Frage stellt: macht deut- keine Religion, weshalb sie auch als „HeidInnen“
lich, auch weiterhin „Zigeuner“ sagen zu wollen. betrachtet wurden, und seien MagierInnen und Teu-
felsbündnerInnen. In Norddeutschland wurden sie
Die Antwort darauf könnte lauten: Der Name „Zigeu- auch „Tater“ (= Tataren) genannt, weil der Einfall der
ner“ ist erstens eine Fremdbezeichnung – „im Volk tatarischen Horden in Schlesien im 13. Jahrhundert
wurden sie Zigeuner genannt“, heißt es in mehreren noch in Erinnerung war. Gegen Ende des Jahrhunderts
Chroniken aus der Zeit ihrer Einwanderung. Zweitens wurden sie verdächtigt, „Spione der Türken“ zu sein,
wird er als Schimpfwort ver- und deshalb auf den Reichsta-
wendet – in Lexika werden als Das Feindbild des/der „ZigeunerIn” gen für vogelfrei erklärt.
„Synonyme“ unter anderem stand schon fest bevor die Sinti
„Tagedieb“, „Gauner“ und „Drk- in Mitteleuropa ankamen. Im 16. und 17. Jahrhundert war
cksack“ genannt. Und drittens die vorherrschende Meinung,
passt der Name auf die heute dass die „Zigeuner“, die sich,
lebenden Angehörigen dieser weil sie sich nirgends nieder-
deutschen Minderheit nicht. lassen durften, dem damals
Denn diese sind keine „Fahren- rasch anwachsenden Heer der
den“, die „herumzigeunern“ und ein „freies“ oder gar Fahrenden angeschlossen hatten, kein „fremdes Volk“,
„lustiges Zigeunerleben“ führen, sondern schon seit sondern ein aus Deutschland und den Nachbarländern
Jahrzehnten zu mehr als neunzig Prozent sesshaft und „zusammengerottetes“ „diebisches Gesindel“ seien.
schon deshalb keine „Zigeuner“. Damit kamen auch die vulgären Etymologien auf -
„Zigeuner“ bedeute „Zig oder ziehe einher“ oder „Zieh-
Dagegen ist die Eigenbezeichnung „Sinti und Roma“ Gauner“ - die nicht zutreffen, da das Wort „Zigeuner“
keine „neue Bezeichnung“, sondern wird seit dem 14. in ähnlichen Formen auch in anderen Sprachen auf-
Jahrhundert durch mehrere Zeugnisse belegt. Als taucht.
„Sinti“ bezeichnet sich die Volksgruppe, die Anfang des
15. Jahrhunderts nach Deutschland und in die Nach- Sinti, Roma und Jenische als Feindbild
barländer eingewandert ist. Als „Roma“ bezeichnen
sich die in ost- und südosteuropäischen Ländern In der Literatur der Reformationszeit werden Fahrende
lebenden Volksgruppen und als „deutsche Roma“ die- oder Vaganten mit Landstreichern oder Vagabunden
jenigen, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts aus Rumä- gleichgesetzt, die nicht nur faulenzen und betteln, statt
nien und anderen osteuropäischen Ländern hierher zu arbeiten, sondern auch lügen, betrügen, stehlen,
gekommen sind. rauben und morden. Die gleichen Bilder finden sich
bereits in den Bettlerordnungen des 15. Jahrhunderts,
Geschichte des Begriffs „Zigeuner“ in denen einheimische Bettler beschrieben werden.
Demnach stand das Feindbild des „Zigeuners“ schon
Dass man mit dem Begriff „Zigeuner“ vorsichtig umge- fest, bevor die Sinti in Mitteleuropa ankamen, wurde
hen muss, ist auch eine Frage der gedanklichen und dann auf sie übertragen und blieb, als die anderen
sprachlichen Korrektheit: Das Wort „Zigeuner“/“Zigeu- Fahrenden wieder sesshaft wurden, an ihnen hängen.
nerin“ hat im Lauf der sechshundertjährigen Geschich- Seither gelten alle Sinti und Roma, auch wenn sie
te der Sinti in Deutschland völlig verschiedene Bedeu- längst sesshaft sind, als Fahrende, und seither werden
tungen angenommen, die bis heute verwechselt oder alle Fahrenden, auch wenn sie keine Roma sind, wie
vermischt werden. Überwiegend wurde den als die Jenischen, „Zigeuner“ genannt.
„Zigeuner“ Bezeichneten jedoch jeweils eine Fülle
negativer Merkmale zugeschrieben. Nach der Entdeckung ihrer Herkunft aus Indien im
Jahr 1782 setzte sich der „Zigeunerforscher“ Grellmann
Bei ihrer Einwanderung zu Beginn des 15. Jahrhun- mit der These durch, die „ZigeunerInnen“ würden von
derts galten die „Zigeuner“ vor allem wegen ihrer dun- der untersten indischen Kaste, den „Sudern“ oder
klen Hautfarbe als ein aus Ägypten stammendes Volk, „Paria“, abstammen. Er beschrieb sie als ein primitives
weshalb sie als „Ägypter“ (engl. „Gypsy“) bezeichnet „orientalisches Nomadenvolk“, das „unehrlich und

Bild: Rom e.V.

17
antiziganismus

unrein“ sei und eine Vorliebe für Aas und Menschen- Rassisch festgeschriebene Eigenschaften
fleisch habe. Den Männern sagte er nach, dass sie fau-
lenzten und sich am Branntwein berauschten, und den In Zigeunermythen des späten Mittelalters wurde ver-
Frauen, dass sie halbnackt herumliefen, auf „Wollust“ breitet, dass die „Zigeuner“, wie die Tartaren, aus der
aus seien und „Unzucht“ trieben. Unterwelt kämen oder von Kain abstammten. In
Legenden und Märchen wurde erzählt, die „Zigeuner“
Zur literarischen Tradition des „Zigeunermythos“ hätten Maria und Joseph auf der Flucht nach Ägypten
das Nachtquartier verweigert und die Kreuznägel Chri-
Dagegen wurden in der Romantik und darüber hinaus sti geschmiedet, weshalb sie von Gott und der Jungfrau
auch schöne Bilder geschaffen, die die „Zigeuner“ ver- Maria zu ewiger Wanderschaft verflucht worden seien.
klären, wie das unschuldige Naturkind, die verführeri-
sche Tänzerin, der Zaubergeiger, der edle Räuber- Die ethnische Dämonisierung der „Zigeuner“ blieb
hauptmann und die Bohème, die von „Zigeunerfreun- nicht auf das späte Mittelalter beschränkt, sondern
den“ bis heute bewundert werden. Diese tragen wurde durch die Volksliteratur, durch Märchen, Sagen,
Bild: Rom e.V.
jedoch, indem sie die „Zigeu- Schwänke und Witze verbreitet
ner“ verklären, ebenfalls zu Die gängigen Bilder von den und fand auch in mehreren
ihrer Ausgrenzung bei. Sie wur- „Zigeunern” gehören zum kulturellen Erzählungen der Romantik Ein-
den den verzerrenden Bildern Erbe, auf das die Deutschen, gang. Die „fahrenden Zigeu-
früherer Epochen auch nicht „das Volk der Dichter und Denker”, ner“ werden in den Schriften
entgegen-, sondern zur Seite so stolz sind. von Luther und in Sprichwör-
gestellt. In den Dichtungen der tersammlungen, Schwänken
Romantik begegnen uns auch und Fasnachtsspielen der
nicht nur junge, schöne und Reformationszeit als Bettler,
zauberhafte, sondern ebenso Diebe und Betrüger verurteilt,
alte, hässliche und hexenhafte während sie in Grimmelshau-
„Zigeunerinnen“. sens Schelmenromanen ungleich positiver als listige
Gauner und Abenteurer porträtiert werden.
Die hier aufgezählten Merkmale, durch die die „Zigeu-
ner“ dämonisiert, kriminalisiert, bestialisiert und War die Figur des „Zigeuners“ vor 1770 nur eine Ran-
romantisiert wurden, sind allesamt rassistisch, da sie derscheinung, so haben sich danach die feindlichen
die Eigenschaften eines Individuums durch die Zuge- „Zigeuner“-Bilder – ebenso wie rassitische Bilder von
hörigkeit zu einer Ethnie oder „Rasse“ determinieren. „JüdInnen“ – schlagartig vermehrt und verschärft. In
Trotzdem sind die gängigen Bilder von den „Zigeuner“ den Dramen des Sturm und Drangs tritt eine hässliche
keineswegs aus der Luft gegriffen. Sie gehören zum alte „Zigeunerin“ auf, die dem Helden aus der Hand
kulturellen Erbe, auf das die Deutschen, „das Volk der liest. Dabei wird ihre Wahrsagekunst nicht als prophe-
1
Andere Fahrende, Dichter und Denker“, so stolz sind. tische Gabe bewundert, sondern als ein mit List aus-
die ebenfalls „Zigeu- geführter Betrug parodiert. Die schöne „Zigeunerin“
nerInnen“ genannt Solange diese Bilder in unseren Köpfen festsitzen, der Romantik ist mit einer Ausnahme keine „echte“
wurden, sind zwar nutzt es wenig, zu Toleranz und Nächstenliebe aufzu- „Zigeunerin”, sondern entweder die Tochter einer
ebenfalls erfasst, rufen. Deshalb soll hier gezeigt werden, dass sie unre- „Zigeunerin“ und eines Freiherrn oder Grafen oder ein
zwangsweise festge- alistisch und obendrein, ob sie die Sinti und Roma ver- „zigeunerhaftes“ Wesen, das aus einem hohen Haus
setzt und in Einzel- zerren oder verklären, menschenverachtend sind. abstammt, als kleines Kind von fahrenden Gauklern
fällen eingesperrt oder „Zigeunern“ entführt und dann dressiert wurde
oder hingerichtet, Die Dichter haben sich für ihre Darstellung von wie Goethes Mignon. Diese „zigeunerhaften“ Figuren
aber nicht als Grup- „Zigeunerfiguren“ nicht mit der realen Lebensweise der heben sich durch Reinheit und Tugendhaftigkeit von
pe planmäßig Sinti und Roma befasst, sondern ausschließlich aus dem schmutzigen und lasterhaften „Zigeunervolk“ ab.
ermordet worden. So schriftlichen, vor allem literarischen Quellen geschöpft.
hat es keinen, wie Der junge Goethe hat beispielsweise für das „nächtli- In der Literatur des Realismus steht häufig das „Zigeu-
Bundesratspräsident che Zigeunerlager“ im „Götz von Berlichingen“ auf nerkind“ im Mittelpunkt, das zu einem sesshaften,
Peter Müller 2008 Cervantes und Wieland zurückgegriffen, die Romanti- tüchtigen und tugendhaften Mitglied der bürgerlichen
fälschlich behaupte- ker haben Goethes Porträt der „zigeunerhaften“ Mig- Gesellschaft erzogen werden soll, was meistens schei-
te, „Völkermord an non kopiert, die Autoren des Biedermeier und des tert, aber manchmal dank der unendlichen Geduld des
den Jenischen“ gege- Realismus haben Züge von Goethes Mignon und Mig- väterlichen Erziehers gelingt. In Werken von Löns,
ben. nons romantischer Schwester kombiniert. Hesse und Friedrich Georg Jünger aus den zwanziger

18
und dreißiger Jahren, als nicht mehr die Assimilierung,
sondern die Ausgrenzung der „Zigeuner“ auf der
Tagesordnung stand, leben die „Zigeuner“ nicht mehr
im Dorf oder am Stadtrand, sondern fern der Zivilisa-
tion in der Heide oder im Wald.

Der literarische „Zigeuner“-Mythos


- eine ergänzende Komponente

So sind in verschiedenen Epochen verschiedene Vor-


urteile über Sinti und Roma in die Literatur eingegan-
gen: Erst die Dämonisierung der Einwanderer aus dem
Nahen Osten, dann die Kriminalisierung der Fahren-
den und seit der Aufklärung die Herleitung der ihnen
Bild: Rom e.V.
aufgezwungenen oder angedichteten Merkmale aus
ihrer „Rasse“. Da diese Vorurteile durch die Literatur
am Leben geblieben sind, haben sie einander nicht Wilhelm Solms
abgelöst, sondern sich zu einem todbringenden Feind- ist pensionierter Professor für Neuere deutsche Litera-
bild addiert. tur an der Universität Marburg und Vorsitzender der
Gesellschaft für Antiziganismusforschung.
Während die Sinti – sie leben seit über 600 Jahren in
Deutschland – und Roma in Westeuropa längst sesshaft Letzte Buchveröffentlichungen:
sind und bürgerliche Berufe ausüben, gelten sie noch
Bild: Rom e.V.
immer als „fremdes Volk“, „Fahrende“ und „NomadIn- „Die Moral von Grimms Märchen“ (1999); „‚Kulturlo-
nen“, die mit Kuh- oder Schafherden durch die Länder ses Volk’? Berichte über ‚Zigeuner’ und Selbstzeugnisse
ziehen. Oder als „moderne NomadInnen“, die, so defi- von Sinti und Roma (2006)“;
niert der „Rassenhygieniker“ Robert Ritter diesen
Begriff, in der Industriegesellschaft auf Beute gehen. „‚Zigeunerbilder’.
Ein dunkles Kapitel der deutschen Literaturgeschichte.
So wurden die Sinti und Roma während des Natio- Von der Frühen Neuzeit bis zur Romantik“ (2008).
nalsozialismus als „Parasiten des Volkskörpers“ hal-
luziniert und nicht als „Zigeuner“, sondern unter Zahlreiche Beiträge zu: Goethe, Literatur des 19. Jahr-
dem Namen „Zigeuner“ verfolgt und ermordet.1 hunderts, Gegenwartsliteratur, Märchenforschung,
Antiziganismus.
In schulischen Lesebüchern, in Editionen von „Zigeu-
nermärchen“, in Tatort-Krimis und auf Musikfestivals
werden nach wie vor exotische Bilder von „Zigeunern“
verbreitet, die lachen, singen oder weinen, sich prü-
geln oder umarmen und die Engel oder Hexen,
Clowns oder Verbrecher darstellen, nur ja keine nor-
malen Menschen.

Die Umbenennung von „Zigeuner“ in „Sinti und Roma“


genügt freilich nicht, um den Antiziganismus zu über-
winden, sie wäre aber ein erstes Zeichen des Respekts
gegenüber den Sinti und Roma.<

19
„Sinti und Roma, die haben eine Mentalität ...“
Zur gewaltsamen Wirkung von Sprache und (bewegten) Bildern. Eine Auseinandersetzung mit zwei anti-
ziganistischen Reportagen bei Radio Bremen TV im Winter 2009/2010. Von der Gruppe polypol

Gleich in zwei TV-Beiträgen ging die Redaktion von buten Sofortige Benennung des „Problems“
un binnen1 den Ursachen von „Anwohnerärger“2 im Bre-
mer Stadtteil Huckelriede nach: Ein Reporter begab sich Beim ersten, offenbar nicht zu Missverständnissen führen-
Ende Oktober 2009 erstmals vor Ort, um die Sorgen von den Buten un binnen - Beitrag vom 27.10.2009 weiß man,
BürgerInnen zu hören, auf deren Drängen ein „Krisen- die Problem-Verursachenden eindeutig zu benennen:
stab“ – zusammengesetzt aus bremischen Behördenvertre- „Roma und Sinti aus Rumänien und Bulgarien.“ (bb1)
terInnen – eingerichtet wurde. Diese Information stamme vom Ortsamt, welches zudem
festgestellt hätte, dass in dem Haus 60 Personen leben, die
Als dieser nicht die erhoffte Veränderung erzielte, sendete dort, so der Reporter, „auf Matratzen lagern“. (bb1) Auf-
1
Buten un binnen Buten un binnen am 1. Dezember erneut. Dieser zweite gelistet werden sodann Beobachtungen und Vorwürfe von
ist eine Fernsehsen- TV-Beitrag ist allerdings nicht mehr im Online-Archiv des 5 engagierten NachbarInnen: Zu viel Leben, das auf der
dung, die von der Senders abspielbar.3 Aufgrund der „Gefahr, missverstan- Straße stattfindet, aufgestapelter Sperrmüll und von
öffentlich-recht- den zu werden“, wie ein Sprecher des Senders gegenüber zunehmender Lärmbelästigung ist die Rede.
lichen Rundfunkan- einer Journalistin verlauten ließ, wurde er aus dem Archiv
stalt Radio Bremen genommen.4 „Waschen tun sie sich in der Telefonzelle ...”
produziert wird und
das Regional- und Bloß Missverständnisse? Die Filmaufnahmen wollen nicht so recht die passende
Lokalmagazin für Bebilderung der beschriebenen unhaltbaren Zustände lie-
die Freie Hansestadt Als wir in der ersten Dezemberwoche unsere Kritik an der fern. Das extra frühmorgens angerückte Kamerateam
Bremen (Bremen Berichterstattung von Buten un binnen öffentlich mach- kann keine in Autos nächtigenden Menschen, so einer der
und Bremerhaven) ten, ein Mitarbeiter des Europäischen Zentrums für Antizi- zentralen Vorwürfe, antreffen. Der eingangs vom Reporter
darstellt. ganismus daraufhin Beschwerde gestellten Frage, warum denn
beim Rundfunkpresserat ein- Er zuckt mit den Schultern diese Menschen in Autos schlie-
reichte, verschiedene Einzelper- und fügt hinzu: „Das sieht sehr fen, wird im weiteren Verlauf
sonen kritische Briefe an die nach Betteln aus.“ nicht mehr nachgegangen. Dafür
Redaktion schickten und erfährt das interessierte Fernseh-
schließlich in der taz ein Beitrag über den zweifelhaften publikum von der Frau des Friseurladens von Gegenüber:
Journalismus bei Radio Bremen erschien – waren wir da „Waschen tun sie sich in der Telefonzelle oder eben auf
etwa alle nur einem Missverständnis aufgesessen? der Straße.“ (bb1) Ein weiterer Nachbar, gefragt, wovon
die Bewohner des Hauses denn lebten, schildert seine
„Ich kann Ihnen versichern, dass unserer Redaktion Anti- Beobachtung: „Ich sehe öfter Lieferwagen, wo hinten auf
ziganismus vollkommen fremd ist“, hieß es in der Antwort die Ladefläche 10, 12, 14 Frauen geladen werden, sage ich
der TV-Abteilungsleiterin auf unsere E-Mail. mal. Die springen da drauf mit Kindern auf dem Arm.“ Er
zuckt mit den Schultern und fügt hinzu: „Das sieht sehr
Besser hätte sie den Kern des Konflikts nicht formulieren nach Betteln aus.“ (bb1) Wer mag hier noch Zweifel
können. Bei der Redaktion von Buten un binnen scheint haben? So sieht „organisiertes Betteln” aus! Wie sonst soll-
es tatsächlich keinerlei Bewusstsein darüber zu geben, ten im überfüllten Haus „lagernde“ Roma schließlich ihren
was antiziganistische Zuschreibungen und Stereotype Unterhalt verdienen? Der/die FernsehzuschauerIn versteht
sind. Gleichzeitig war ihr Reporter in der Lage, eben diese die Schilderungen des Nachbarn, kann sie sich sogar bild-
par excellence medial zu (re)produzieren. Könnte das ein lich vorstellen, so wie ja auch der Nachbar sich eben
Zeichen dafür sein, wie innewohnend und „normal“ der lediglich ausmalt, was „die“ machen.
Mehrheitsgesellschaft ihre eigenen Vorstellungen von
„Zigeunern“5 sind? Welche Funktion haben diese in dem
vermeintlichen Nachbarschaftskonflikt?

20
Die Lage soll beruhigt werden nicht beachtet. Vieles weist daraufhin, dass die Bewohne-
rInnen einkommensschwach sind. Warum Armut und
Um der Sachlage weiter auf den Grund zu gehen, spricht soziale Not, verbunden mit eingeschränktem Zugang zu
der Reporter mit dem Vermieter. Dieser sieht aufgrund Arbeitsverträgen, Bildung und den damit verbundenen
bestehender Mietverträge keine Lebensperspektiven in solcher Art
Veranlassung gegen seine „[...] Da kommen Kinder. und Weise medial reißerisch „ver-
MieterInnen vorzugehen. Als Sie sind weder im Kindergarten kauft“ werden, kann man mit
nächstes spricht der Reporter mit noch in der Schule.” schlechtem Journalismus erklä-
einer Person, die im Mehrfami- ren. Jedoch nur, wenn man aus-
lienhaus einen Mietvertrag hat. blendet, dass „das Problem“
Die Kamera nähert sich einem Mann, der neben dem vor bereits eindeutig personifiziert wurde. Es sind wieder mal,
dem Haus aufgeschichteten Sperrmüll steht und die Stim- die vom Reporter vermeintlich politisch korrekt betitelten
me aus dem Off stellt ihn vor: „die Nachbarn erzählen, „Sinti und Roma aus Rumänien und Bulgarien“. Es sind
dies sei der Sippenchef“. (bb1) Der Mann zeigt seine Mel- also die, so vermittelt der Beitrag, die im Müll leben, die
debescheinigung und erklärt, dass er Arbeit habe, in sich nicht anpassen, ihre Kinder nicht zur Schule, statt-
einem Hähnchenmaststall. Er weist die Vorwürfe von sich, dessen die Frauen mit den Kindern zum Betteln schicken.
die Menschen würden im Haus schlafen, nicht im Auto.
Doch da hat das Kamerateam quasi nebenbei etwas ent- Während die NachbarInnen der Bürgerinteressengemein-
deckt. Gezeigt werden durchs Bild laufende Kinder, deren schaft allesamt als individuelle und damit bürgerliche Sub-
Köpfe unkenntlich gemacht wurden: „Da kommen Kinder. jekte mit Namen präsentiert werden, werden die Bewoh-
Sie sind weder im Kindergarten noch in der Schule“. So nerInnen des Mehrfamilienhauses durch die Fremdzu-
der Kommentar, der bei uns eine weitere Frage aufwirft: schreibungen (Beobachtungen, Vermutungen) zu Objek-
Seit wann gibt es Kindergartenpflicht in Bremen? ten konstruiert. Exemplarisch und besonders feindlich
wird eine Person als der „Sippenchef“ präsentiert. Diese
Der Beitrag endet mit der Ankündigung, dass Innen- und Bezeichnung ist in der medialen Berichterstattung „über
Sozialbehörde nun versuchen, „mit einem Krisenstab die Roma” häufig anzutreffen.7 So oder so ähnlich bezeichne-
Lage zu beruhigen“, die Bebilderung hierzu, ein Polizei- te Personen erscheinen als selbst ernannte „Anführer”. In
auto, das durch die Nollendorfer Straße fährt. In welcher der so konstruierten Figur kommt zum Ausdruck, dass
Form die ressortübergreifende Arbeitsgruppe tätig ist, dar- man es mit einer Gruppe zu tun habe, die sich den Geset-
über wird in einem ebenfalls zum Thema erschienenen zen der eigenen, der nationalstaatlichen und demokrati-
Artikel des Weser Kurier durch den Ortsamtsleiter infor- schen Gemeinschaft entzieht. Obwohl im Beitrag keine
miert: Die Polizei fahre regelmäßig Streife, das Bildungs- Straftaten benannt werden können, wird ein illegales,
ressort überprüfe die Schulpflicht der Kinder. Sozialres- irgendwie kriminelles Verhalten quasi unterstellt, dem fol-
sort, Baubehörde und Ausländerbehörde seien ebenfalls gerichtig auch nur mit staatlicher Kontrolle beizukommen
involviert. Ebenfalls geplant sei, die Feuerwehr wegen ist.
Brandschutzgefahr um Hilfe zu ersuchen. Ein stattliches
Aufgebot, könnte man denken, aber, man versuche ja Historisch-theoretischer Exkurs
schließlich, so der Ortsamtsleiter, „eine Lösung im Interes-
se der Bürger zu finden.“6 Aus welcher Tradition kommen die hier transportierten
„Zigeunerbilder“? Roswitha Scholz zieht in ihrer Analyse
Rassistische Konstruktionen zur Funktion des Antiziganismus, beziehungsweise des
„Zigeunerstereotyps“ innerhalb der bürgerlich-kapitalisti-
An dieser Stelle eine erste Zusammenfassung der Pro- schen Arbeitsgesellschaft den Schluss, „dass der ‚Zigeuner‘
blemlage, wie wir sie zu diesem Zeitpunkt aus dem medi- in der rassistisch-asozialen Konstruktion gewissermaßen
alen Informationsangebot zu ermitteln vermögen: In einer der Allerletzte [ist], der noch unter den Überflüssigen über-
Straße in Bremen leben in einem Mehrfamilienhaus Men- flüssig ist. Er stellt somit das abschreckende Beispiel
schen auf sehr beengtem Wohnraum. Der Müllcontainer schlechthin für den Normalen dar;“8. Damit will sie einer-
ist offenbar zu klein, die Vorschriften der hiesigen Behör- seits darauf verweisen, dass Antiziganismus unter den Ras-
de bezüglich Sperrmülllagerung und -abholung wurden sismustypen häufig vergessen wird. Anderseits zeigen Aus-

21
bildung und Entwicklung des „Zigeunerstereotyps“ im gieren einige der StraßenbewohnerInnen mit Alarmiertheit,
Laufe der vergangenen Jahrhunderte eine enge Verkoppe- mit Empörung und vor allem mit Abwehr.
lung antiziganistischer und kapitalistischer Strukturen. Der
Verweis auf den vermeintlich faulen, sich der Disziplinie- „Dann hat man die Nase irgendwann gestrichen voll.“
rung durch geregelte Lohnarbeit entziehenden „Fremden“
wurde immer wieder bedient, um Am 1.12.2009 geht Buten un
Normen durchzusetzen. Derart „Das ist kleinste Kriminalität und binnen erneut mit dem Thema
will, so zeigen historische Beispie- keine verwertbare Straftat dabei.“ auf Sendung. Die ZuschauerIn-
le, „das Zigeunerstereotyp nicht nen sollen nun offenbar darüber
von außen kommende Feinde informiert werden, wie die
abwehren, sondern die eigenen Behörden in der Lösung des
Reihen von jenen säubern, die der bürgerlichen Arbeits- „Problems“ vorangekommen sind. Einer der Nachbarn
moral unfähig und unwillig zu begegnen scheinen.“9 bringt die Stimmung der Interessengemeinschaft auf den
Punkt: „Wenn man das den ganzen Tag sieht, dieses Pro-
Für die Nationalsozialisten galten Roma und Sinti und blem, denn es ist ein Problem, dann hat man die Nase
andere, die sie als „Zigeuner“ definierten, gemeinsam mit irgendwann gestrichen voll.“ (bb2) Eine Frau wird gefragt,
beispielsweise Obdachlosen, Prostituierten, Fürsorgeremp- ob sie die Gefahr einer „Hetzkampagne“ sehe. Dies wird
fängern, Alkoholikern, unsteten Gelegenheitsarbeitern als verneint, vielmehr müsse man „jetzt einfach endlich ein-
„Asoziale“ und „Gemeinschaftsfremde“.10 Die auf rassisti- mal etwas tun“. (bb2)
scher Totalerfassung basierenden Ermordungen mehrerer
hunderttausend Roma und Sinti durch Erschießungen und Antiziganismus ein heikles Thema
in Gaskammern ist jedoch darüber hinaus Ausdruck einer
in die Tat umgesetzten Ideologie, die in der als „Zigeuner“ Die nächste Sequenz: NachbarInnen und Behördenspre-
verfolgten Gruppe eine unabwendbare und darum auszu- cherInnen haben sich zu einer gemeinsamen Sitzung in
löschende Gefahr für den „deutschen Volkskörper“ aus- der Gaststätte „Keglerheim“ versammelt. In einzelnen
machte. Wortbeiträgen wird über bislang Unternommenes berich-
tet und es werden geplante Gespräche angekündigt, unter
In dem im Beitrag zum Ausdruck gebrachten Konflikt geht anderen mit BewohnerInnen des Hauses. Ein Sprecher
es lediglich um das Begehren einer Bremer Bürgergemein- der Polizei formuliert auf Nachfrage des Reporters die
schaft nach Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung. Essenz der bisherigen polizeilichen Ermittlungen: „Das ist
Die Roma, die neuen NachbarInnen, könnten als Ausdruck kleinste Kriminalität und keine verwertbare Straftat dabei.“
einer Krise gelesen werden. Sie werden mit Armut, gesell- (bb2)
schaftlichem Verfall und Rechtsverstößen assoziiert und sie
kündigen vielleicht auch den eigenen Wohlstandsverlust Die NachbarInnen stellt all dies nicht zufrieden, weshalb
im Zuge weltweiter Krisenveränderungen an. Darauf rea- sie der Reporter nun fragt: „Lässt sich das Problem noch

2
„Anwohnerärger in gemacht. im Text mit (bb2) wieder erschaffenen schen von ihm ausge-
Huckelriede“ ist Titel gekennzeichnet. und weitererzählten hen kann. Ein bloßes
des Beitrags vom 3
„Anwohner im Vorstellungen und Ersetzen des Begriffs
27.10.2009. Anzuse- Widerstand“, 4
Anna Glas: „Aus Bilder der Mehrheits- durch „Sinti und
hen unter www.radio- 1.12.2009. Den Ver- Tradition unverdäch- gesellschaft. Die Roma“ ist immer
bremen.de/fernse- fasserInnen dieses tig“, taz, 23.12.2009. Anführungszeichen dann trügerisch,
hen/buten_un_bin- Textes liegt eine Auf- Im Folgenden (taz) sollen unsere Distanz wenn die Vorstellun-
nen/video10558- nahme vor, die auf zu diesem Begriff gen und Bilder über-
popup.htm. Im Fol- Anfrage bei Radio 5
Dieser wie auch deutlich machen, wis- nommen werden und
genden werden die Bremen kostenpflich- das weibliche Format send um die verlet- einfach weiter pau-
Zitate mit (bb1) im tig zu bestellen ist. ist Produkt der über zende Wirkung, die schal über „die ande-
Text kenntlich Zitate hieraus werden Jahrhunderte immer für manche Men- ren“ gesprochen wird.

22
lösen?“ „Diese Sinti und Roma die sind immer ein Clan sen weg, das kann da die einzige Schlussforderung sein. polypol ist ein
gewesen. Die können sich nicht auseinander reißen und Zusammenschluss
Wohnungen beschaffen. Da wollen die ja gar nicht hin. Nachdem Kritik an den Beiträgen öffentlich geworden ist, einer Handvoll
Die wollen zusammen sein.“ (bb2), weiß eine zu berich- gibt Buten un binnen zu bedenken, es mit einem „heiklen Menschen aus der
ten und eine ebenfalls ältere Dame erklärt: „Ich wohne Thema“ zu tun zu haben, jedoch: „Relevante Themen wer- bremischen anti-
hier über 70 Jahre in der Straße, aber sowas haben wir den nicht tabuisiert“ und Buten un binnen sei „aus Tradi- rassistischen
noch nie gehabt.“ (bb2) Der Beitrag endet damit, dass die tion unverdächtig, dumpfe Vorurteile zu verbreiten“(taz). Bewegung, die seit
NachbarInnen, enttäuscht und frustriert den Nachhaus- einigen Jahren in
eweg antreten. Sich als mutig darzustellen, weil vermeintliche Tabus nicht Kontakt mit Roma
gescheut würden, ist im Zusammenhang mit Rassismus- stehen, die sich
Das Experten-Hearing vorwürfen häufig anzutreffen. Antiziganismus hat jedoch seit einigen Jahren
genauso wenig wie Rassismus oder Antisemtismus mit gegen Abschie-
Im Buten un binnen Studio werden an diesem Abend die Tabubruch zu tun. Es geht nicht darum ein generelles Kri- bungen und
ausgestrahlten Bilder live ausgewertet. Die Moderatorin tikverbot negativer Verhaltensweisen von Menschen zu andere Widrigkei-
befragt dazu den Reporter zu seinen Einschätzungen. Der erteilen. Im vorliegenden Fallbeispiel basiert die „Ankla- ten selbst organi-
gibt zu bedenken: „Was da passiert ist legal“, denn, „das ge“ jedoch auf Zuschreibungen, die verallgemeinert wer- sieren
sind EU-Bürger“, woraus er den Schluss zieht: „da muss es den. Weil diese Vorstellungen von jener vermeintlichen polypol@gmx.net
schon ziemliche Anforderungen geben um die Menschen „Mentalität“ seit Jahrhunderten kulturell weitergegeben
da raus zu ekeln aus den Häusern.“ (bb2) Die Aussage des wurden und viele Roma durch anhaltende Verfolgungen
Polizeisprechers interpretiert er unter Bezugnahme auf und Diskriminierungen fortwährend ins gesellschaftliche
dessen Gesichtsausdruck: „Ich glaube schon, dass die Abseits gedrängt werden, sind diese in den Köpfen der
Polizei davon ausgeht, dass da kriminelles Potential ist.“ Mehrheitsgesellschaft so präsent und so „wirklich“.
(bb2)
Jeder Stimmungsmache wie der von Buten un binnen, die
Das ist schließlich allen Beteiligten von Anfang an klar gerade deshalb so bedrohlich ist, da sie an anderen Orten
gewesen. Alle Versuche, „das Problem“ zu lösen, schlagen auch aktuell immer wieder in offen artikulierten Hass,
aus Sicht des Reporters dennoch fehl, denn: „Sinti und physische Gewalt und Morde umschlägt, muss konse-
Roma, die haben eine Mentalität. Die wollen in der Grup- quent entgegengetreten werden. Es ist höchste Zeit (den
pe, dem Clan auch zusammen sein.“ (bb2) Damit hat sich medialen) Antiziganismus als solchen immer wieder zu
der Reporter als selbsternannter Experte, indem er seinen benennen und zu bekämpfen. In Bremen hat sich in Folge
eigenen Beitrag noch einmal kommentieren darf, unver- der TV-Berichte eine Gruppe von Roma, Sinti und ande-
hohlen zum Sprachrohr der Interessengemeinschaft ren Interessierten getroffen, die gemeinsam weitere Akti-
gemacht und bringt die Botschaft auf den Punkt: Eine ver- vitäten zu dem Thema initiieren will. Dieser Artikel ist
mittelnde Lösung gibt es nicht und zwar aufgrund der auch Ausdruck der dort geführten Diskussionen.<
unveränderlichen Eigenschaften der „Anderen“. Sie müs-

6
Maren Beneke: sismus gegen Roma ganistische Zustände. „Asoziale“ im Natio-
„Streit um Lärm, Müll und Sinti im vereinig- S. 32. (Herv.h. i. O.) nalsozialismus, in:
und Leben auf der ten Deutschland. Sedlaczek u. a.
Straße“, Weser Kurier, Münster, Unrast, 9
Wulf D. Hund, Das (Hgs.): „Minderwer-
31.10.2009; im Fol- 2002, S. 117ff. Zigeuner-Gen, in: tig“ und „asozial“.
genden werden die Ders.: Rassismus: Die Stationen der Verfol-
Zitate hieraus im Text 8
Roswitha Scholz: soziale Konstruktion gung gesellschaft-
mit (WK) gekenn- Antiziganismus und natürlicher Ungleich- licher Außenseiter,
zeichnet. Ausnahmezustand. heit, Münster, 1999, S. Zürich, 2005. S. 52.
Der „Zigeuner“ in der 85.
7
Änneke Winckel: Arbeitsgesellschaft, in:
Antiziganismus. Ras- End u.a.(Hg.), Antizi- 10
Wolfgang Ayaß:

23
antiziganismus

Ein Konsens vom Biertisch bis ins Amt


Der antiziganistischen Ausgrenzung entgegentreten – auf der Straße und im Parlament.
Von Sevim Dagdelen

1995 entschied das Amtsgericht Bochum, dass Historische Kontinuitäten


Vermieter/innen vorgeschlagene Nachmieter/innen ableh-
nen können, wenn es sich bei den Vorgeschlagenen um Diese Denkweise und der damit verbundene Umgang
„Zigeuner“ handelt. Der urteilende Richter begründete mit Sinti und Roma hat eine bis ins Mittelalter reichende
seine Entscheidung damit, dass „diese Bevölkerungsgrup- Tradition. So wurden Sinti und Roma als „vogelfrei“
pe traditionsgemäß überwiegend nicht sesshaft“ sei. Des- erklärt und konnten ungestraft ermordet werden. Der
halb gehöre sie aus VermieterInnensicht “so offensichtlich Antiziganismus fand seinen bisherigen Höhepunkt im
nicht zu den durchschnittlich geeigneten Mietern mit Völkermord an vermutlich einer halben Million europäi-
zutreffender Zukunftsprognose”. Außerdem urteilte der scher Sinti und Roma. Nach 1945 ging es mit der staat-
Richter, dass sich eine Mieterin, die Sinti oder Roma als lichen Verfolgung nahtlos weiter – oftmals auch in per-
NachmieterInnen vorschlägt, selbst für eine weitere Nach- soneller Kontinuität. So konnte Hermann Arnold, der
mieter/innensuche disqualifiziere. Der Zentralrat der deut- nachweisbar grausame und oft tödliche Menschenversu-
Foto: privat
schen Sinti und Roma legte gegen das Urteil bei der che an Roma vorgenommen hatte, sein rassistisches
Kommission für Menschenrechte Menschenbild vom volksschädi-
Sevim Dagdelen beim Europarat Beschwerde ein. bei Polizeikontrollen gelten sie schon genden „asozialen Zigeuner“
ist Mitglied des Diese beschloss im Juni 1997, sich allein aufgrund ihres Aussehens als als vermeintlicher „Zigeuner-„
Deutschen nicht mit der Eingabe des Zentral- „verdächtig.“ und „Asozialen-Experte“ bis in
Bundestages und rats zu beschäftigen, da sie „unzu- die 1980er Jahre in seinen
Sprecherin für lässig“ sei. Denn der Zentralrat Publikationen in der Bundesre-
Migration und wäre ja nicht selbst vom Urteil betroffen und das Urteil publik vertreten. Andere kamen bzw. blieben in den
Integration der erstrecke sich nicht auf alle Sinti und Roma in der „neuen“ Polizeiapparaten. Kein Wunder also, dass die
Linksfraktion im Bundesrepublik. Die Entscheidung des Bochumer Amts- seit 1899 existierende Sondererfassung von Sinti und
Bundestag gerichts, die immer noch Bestand hat, ist nur eines von Roma auch nach 1945 weiterging. Dabei dienten die in
vielen Beispielen für den Antiziganismus in Deutschland der Nazizeit angelegten Akten des Reichssicherheits-
seit 1945. hauptamtes zu ihrer weiteren „Strafverfolgung“. Wer in
der Nazidiktatur als „Zigeuner“, „Landfahrer“, „ZN“
Ein anderes Beispiel sind die rassistischen Äußerungen (Zigeunername) oder „HWAO“ (Person mit häufig wech-
des stellvertretenden Landesvorsitzenden des Bundes selndem Aufenthaltsort) erfasst wurde, wird heute im
Deutscher Kriminalbeamter (BDK) in Bayern. Der schrieb Polizeijargon als „MEM“ (mobile ethnische Minderheit)
über Sinti und Roma im Oktober 2005 in dem Polizei- „kategorisiert“. Dagegen müssen Sinti und Roma bis
Fachblatt, sie fühlten sich als „Made im Speck der Wohl- heute für die Anerkennung als Verfolgte des Naziregimes
fahrtsgesellschaft“ und nähmen die „Legitimation für und um Entschädigungsleistungen kämpfen.
Diebstahl, Betrug und Sozialschmarotzerei aus dem
Umstand der Verfolgung im 3. Reich“. Das Oberlandesge- Das antiziganistische Denken und Handeln beträchtli-
richt Brandenburg befand diese Äußerungen als nicht cherTeile der deutschen Mehrheitsgesellschaft wird nach
volksverhetzend und von der Meinungsfreiheit gedeckt. wie vor von staatlicher Seite unterstützt, forciert und
Der UN-Ausschuss zur Beseitigung von Rassismus (CERD) legitimiert. Und zwar gerade von Vollzugsbehörden, wie
entschied hingegen, dass die Veröffentlichungen von „dis- zum Beispiel der Polizei. Sinti und Roma werden regel-
kriminierender, beleidigender und diffamierender Natur“ mäßig in Bahnhöfen und anderen stark frequentierten
seien, die „besonders schwer wiegen, wenn sie von Orten kontrolliert. Bei Polizeikontrollen gelten sie schon
einem Polizeibeamten gemacht werden, dessen eigentli- allein aufgrund ihres Aussehens als „verdächtig“. Dieses
che Aufgabe die Hilfe und der Schutz für die Bürger“ sei. so genannte Racial Profiling trifft Schwarze sowie Sinti
Der Vorsitzende des BDK, Klaus Jansen, rechtfertigte und Roma. In den USA hat die Bekämpfung von Racial
demgegenüber die Äußerungen im besagten Artikel als Profiling die Bürgerbewegung und Universitäten erreicht,
„Text“ über „die Kriminalitätsbelastung in Deutschland“. in Deutschland wird die Praxis totgeschwiegen.

24
antiziganismus

Antiziganismus ist ganz eindeutig kein Problem irgendei- die differenzierte Auseinandersetzung mit besonders
ner rechten Randgruppe. Den einschlägigen Umfragen betroffenen Gruppen.
seit den frühen 1960er Jahren zufolge sind Sinti und
Roma in der Bundesrepublik mit Abstand die unbeliebte- Diskriminieren mit System
ste aller Gruppen. 58 Prozent der Deutschen lehnten sie
im Jahr 2002 als Nachbarn ab, wie das American Jewish Die Auseinandersetzung im Hinblick auf Sinti und Roma
Committee ermittelte. Genauso bedenklich sind auch die ist besonders mangelhaft. Das mag daran liegen, weil
Ergebnisse einer 2006 durchgeführten repräsentativen man sich dann mit der institutionalisierten Politik der
Umfrage des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma. Abweisung und Abschreckung unerwünschter Menschen,
Danach gaben 76 Prozent der befragten Sinti und Roma wie Asylsuchender, hätte auseinandersetzen müssen.
an, dass sie Opfer von Diskriminierung am Arbeitsplatz Oder dem so genannten Racial Profiling der Polizei. Den
geworden sind. Knapp 46 Prozent gaben an, dass bei strukturellen Rassismus auf staatlicher Ebene, in den
Behörden oder der Polizei ihre Zugehörigkeit zu den Behörden, nimmt dieser Aktionsplan gegen Rassismus
Sinti und Roma erfasst wurde. Über 90 Prozent der noch nicht einmal in den Blick. Diskriminierende und
Befragten befürchteten aufgrund einseitiger Berichterstat- ausgrenzende Gesetze und Vorschriften stehen nicht zur
tung eine Zunahme von Vorurteilen. Diskussion.

Sündenböcke für reale soziale Probleme anbieten Während ein großer Teil der Roma und Sinti unter
Geheimhaltung ihrer Identität lebt, führt für die „gedul-
Gerade die Medien tragen bei allen Unterschieden und deten“ Roma und Sinti der unsichere Status zu einer
Differenzierungen wesentlich zur Verbreitung und weite- besonderen Marginalisierung. Insbesondere die Tatsache,
ren Manifestation antiziganistischer Zuschreibungen bei. dass sie von der Abschiebung bedroht sind und nur ein-
Ein Beispiel ist das Medienecho auf die 106 Roma im geschränkte Rechte haben, wirkt sich auf die zum Teil
Görlitzer Park in Berlin. Die Berliner Boulevardzeitung hoch traumatisierten Familien aus. Besonders die Kinder,
„B.Z.“ schrieb über „Bettel-Rumänen“, deren Kinder „mit wie die von der UNICEF in Auftrag gegebene Studie
ihren kleinen verdreckten Händen Berliner auf der Stra- „Zur Lage von Kindern aus Roma Familien in Deutsch-
ße um Geld bitten“ (19. Mai 2009). „BILD“ bezeichnete land“ darlegt, haben so kaum Chancen, in dem Land, in
sie als „lästige Autoscheiben-Wischer“, die „tagelang in dem sie aufwachsen, gleichberechtigt zu leben. Im Saar-
Dreck und Müll hausten“ (20. Mai land haben Kinder aus gedul-
Die an vielen Stellen vorgenommene
2009). Im Tonfall sind die deten Flüchtlingsfamilien kein
Reduzierung von Rassismus auf den
Beschreibungen der Boulevard- Anrecht, die Schule zu besu-
so genannten Rechtsextremismus ist
presse anschlussfähig an den chen. In Hessen sind sie nicht
nicht haltbar.
„Asozialendiskurs“ insbesondere schulpflichtig.
in der Nazizeit. Aber: Auch die
„taz“ berichtete von Roma, die im Bethanien „hausen“, Untersuchungen, die 2003 vom Open Society Institute im
kulturell „fremd“ sind und „Berlin überfordern“ Rahmen des European Union Monitoring and Advocacy
(29.5.2009). Program (EUMAP) durchgeführt wurden, ergaben, dass
nur die Hälfte der Kinder von Roma und Sinti in
Die Bundesregierung hat weder gegen den Rassismus Deutschland zur Schule gehen. Von denen, die eine
und Antiziganismus ein Konzept, noch bezogen auf die Schule besuchen, gehen wiederum bis zu 80 Prozent auf
soziale Gleichberechtigung. Die Koalition aus CDU und Förderschulen. Besonders auf den übermäßig hohen
SPD hat zwar im Oktober 2008 einen Nationalen Anteil der Kinder der Roma und Sinti in Förderschulen
Aktionsplan zur Bekämpfung von Rassismus, Fremden- muss hingewiesen werden. Auch ein Report des Europe-
feindlichkeit und Antisemitismus verabschiedet. Die Vor- an Roma Rights Center (ERRC) und des EU Monitoring
lage hierfür geht auf die 3. Weltkonferenz gegen Ras- and Advocacy Program (EUMAP) aus dem Jahr 2004 ver-
sismus zurück, die vom 31. August bis zum 8. September weist auf die alarmierende Bildungssituation von Roma
2001, unter Leitung der Hochkommissarin für Menschen- und Sinti in der Bundesrepublik Deutschland.
rechte der Vereinten Nationen, in Durban/Südafrika statt-
fand. In ihrer Abschlusserklärung haben die Konferenz- Viele Sinti und Roma sind von mehreren zum Teil sich
teilnehmer/innen ihre Sorge darüber zum Ausdruck überschneidenden Problemen betroffen: fehlende
gebracht, dass weiterhin schwer wiegende Formen von Schreib- und Lesekenntnisse, fehlende oder für den
Rassismus, insbesondere auch gegen Roma und Sinti, Arbeitsmarkt zu geringe Deutschkenntnisse, fehlender
existieren. Doch im Nationalen Aktionsplan fehlt in der oder in Deutschland nicht anerkannter Schul- oder Aus-
Beschreibung rassistischer Phänomene in Deutschland bildungsabschluss, fehlende Berufserfahrung oder für

25
antiziganismus

den Arbeitsmarkt zu geringe branchenspezifische Kennt- den. Es ist nicht hinnehmbar, dass eine „unterschiedliche
nisse und Fertigkeiten im Ausbildungsberuf, rechtliche Behandlung im Hinblick auf die Schaffung und Erhal-
Probleme beim Zugang zum Arbeitsmarkt wegen des tung sozial stabiler Bewohnerstrukturen und ausgewoge-
fehlenden Flüchtlingsstatus, antiziganistische Ressenti- ner Siedlungsstrukturen sowie ausgeglichener wirtschaft-
ments und Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt von licher, sozialer und kultureller Verhältnisse“ nach § 19
Seiten der Arbeitgeber/innen und Kolleg/innen. Abs. 3 zulässig ist. Sie öffnen Diskriminierungen im
Wohnbereich Tür und Tor. Dagegen sollen das Ver-
Wie dem Antziganismus entgegentreten? bandsklagerecht und die Beweislastumkehr gelten. Das
Verbandsklagerecht würde die Möglichkeiten auch des
Es sind erhebliche Anstrengungen erforderlich, um die Zentralrates Deutscher Sinti und Roma verbessern.
effektive Teilhabe der Sinti und Roma, insbesondere am Immer wieder gehen Beschwerden von Menschen bei
kulturellen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Flüchtlingsräten und Opferberatungsstellen ein, die gel-
Leben, zu gewährleisten. Hier ist es notwendig durch tend machen, dass sie ohne ersichtlichen Grund und
Fördermaßnahmen im sozialen und Ausbildungsbereich offenbar allein aufgrund ihres Aussehens durch die Poli-
Voraussetzungen für die gleichberechtigte Partizipation zei kontrolliert, diskriminiert und gedemütigt werden.
von Sinti und Roma zu ermöglichen. Der soziale Anpas- Und es kommt auch immer wieder zu Fällen von unzu-
sungsdruck muss genommen, stattdessen müssen spe- lässiger und/oder unverhältnismäßiger staatlicher Gewalt-
zielle Angebote im sozialen und schulischen Bereich anwendung durch die Polizei, die jedoch nur selten zu
bereit gehalten werden, die ihnen jederzeit alle Partizipa- einer befriedigenden Aufklärung geführt werden. So
tionsmöglichkeiten eröffnen. Es muss soziale Sicherheit wurde etwa in der Anhörung des UN-Menschenrechtsra-
geschaffen werden. Dazu gehört die Abschaffung des tes, am 2. Februar 2009, auf die „exzessive Gewalt“
dreigliedrigen Schulsystems. Der prekären Beschäfti- bestimmter Strafverfolgungsbehörden in Deutschland
gungssituation muss durch einen gesetzlichen Mindest- verwiesen. Die Einrichtung einer unabhängigen Kommis-
lohn entgegentreten, Hartz IV abgeschafft und eine sozi- sion zur Untersuchung rassistischer Polizeigewalt und
ale, repressionsfreie Grundsicherung eingeführt werden. Repression könnte zumindest ein wenig Abhilfe schaf-
Die Bedürfnisse der Menschen sind statt der Profite in fen.
den Mittelpunkt zu stellen.
Wie von der Europäischen Kommission gegen Rassismus
Es bedarf auch wirksamer Antidiskriminierungsmaßnah- und Intoleranz (ECRI) empfohlen wurde, sollte eine
men. Durch entsprechende Sanktionsmechanismen kann nationale Stelle zur Überwachung von Rassismus einge-
klar gemacht werden, dass - ähnlich wie bei Vorbildern richtet werden. Das könnte, nach dem Vorbild der Euro-
aus dem Bereich der Geschlechterdiskriminierung - bei päischen Kommission gegen Rassismus und Intoleranz
rechtlich relevanten Handlungen, wie z. B. bei Stellen- (ECRI), eine Kommission aus unabhängigen Sachverstän-
ausschreibungen und Wohnungsangeboten, diskriminie- digen sein, die periodisch Berichte über die Lage rassisti-
rendes Verhalten nicht akzeptiert wird. Dabei geht es vor scher Diskriminierung in Deutschland erarbeitet und
allem darum, die im Völker-, Europa- und Verfassungs- darauf basierende Empfehlungen an Bund und Länder
recht verankerten Diskriminierungsverbote durch gesetz- abgibt. Dabei muss letztlich die Streichung rassistischer
liche Bestimmungen zu ergänzen, die sowohl direkte, als Sonderregelungen wie bspw. der Residenzpflicht und
auch indirekte Diskriminierungen erfassen und auf Pri- des Asylbewerberleistungsgesetzes auf der Tagesordnung
vatpersonen unmittelbar und mittelbar wirken. Es sind stehen. Aber auch der Umgang mit besonders schutzbe-
institutionelle und organisatorische Vorkehrungen zu tref- dürftigen Flüchtlingen und anderen Gruppen, wie den
fen, die der Umsetzung und Weiterentwicklung der Sinti und Roma.<
jeweiligen rechtlichen Maßnahmen dienen und durch
öffentliche Information, Aufklärung und Erziehung zur
Sensibilisierung der Bevölkerung beitragen.

Diskriminierungsopfer müssen endlich auch in Deutschland


das Recht erhalten, sich wirksam wehren zu können

Die Rechte der Einzelnen dürfen nicht den Interessen


der Wirtschaftsverbände und der Unternehmen geopfert
werden. Benachteiligungen aufgrund der sozialen Her-
kunft müssen als Diskriminierungstatbestand in das All-
gemeine Gleichbehandlungsgesetz aufgenommen wer-

26
antiziganismus

Im Kosovo herrscht Selbstjustiz


Djevdet Berisa floh 1992 vor dem sich abzeichnenden Bürgerkrieg in Jugoslawien und dem dort herrschenden
antiziganistischen Klima nach Deutschland. Er ist Mitbegründer und Vorsitzender des Vereins Romane Aglonipe
e. V., in dem Roma aus Niedersachsen organisiert sind. Ein Interview von Sigmar Walbrecht

ker“. Und was hat er Die antiziganistische Dis- hätten oder geplündert
gemacht? Ohne, dass er kriminierung ist definitiv hätten. Das hat es sicher-
sich bei mir angemeldet schlimmer als die im lich in Einzelfällen gege-
hat, ist er zu mir nach damaligen Jugoslawien. ben. Aber wenn sich
Hause in die Wohnung Man muss sich klar jemand schuldig gemacht
gekommen, um zu sehen, machen: Nach dem Krieg hat, dann soll er vor ein
wie ich lebe. Er hat die leiden die ärmsten Men- ordentliches Gericht
Wohnung gesehen und hat schen am meisten. Schon gestellt werden. Aber jetzt
sich nicht mehr gemeldet. vor dem Krieg wurden die herrscht Selbstjustiz, die
Wohl weil er sich dachte, Roma diskriminiert, doch sich hauptsächlich gegen
dass wir Nomaden seien, nach dem Krieg wurden die Roma richtet.
Foto: privat
die ständig umziehen und Schuldige gesucht, und die
Herr Berisa, haben Sie in ihre Miete nicht bezahlen. Schuldigen sind dann die, Es gibt Stimmen, wie z.B. die
Deutschland konkrete Dis- die den Minderheiten Karl Kübel Stiftung, die im
kriminierungserfahrungen Wie war die Situation der angehören. Als ich nach Kosovo u.a. im Bildungsbe-
gemacht, weil Sie Roma Roma im damaligen zwölf Jahren, die ich in reich für Roma aktiv ist, die
sind? Jugoslawien? Deutschland war, wieder sagen, dass die Roma auch
nach Belgrad kam, habe zum Teil eine Mitschuld an
Ich habe hier mit meiner Jugoslawien war von 1945 ich gesehen, dass die ihrem gesellschaftlichen
Frau und unserem Kind bis zu den späten 80er Roma dort in der Gesell- Ausschluss tragen, da sie
zwar ständig nur mit Jahren wie eine Bruder- schaft nicht willkommen z.B. die Bildung vernachläs-
einer Duldung gelebt, als schaft aufgebaut. Nur lei- sind und von der gesell- sigen...
Roma wurden wir der wurde nicht so schaftlichen Teilhabe aus-
zunächst aber nicht bemerkt, dass Rassismus geschlossen sind, sich Die Roma sind ja zehn,
sonderlich diskriminiert. herrschte. Bis ein, zwei kaum wehren können. Ins- zwölf Jahre massiv diskri-
Als ich um die Jahrtau- Jahre vor dem Bürgerkrieg besondere die Roma, die miniert worden. Die Kin-
sendwende nach Hanno- war er nicht so offensicht- auf Mülldeponien leben der haben natürlich keine
ver kam, habe ich erste lich. In der Schule wurde müssen. Ich denke, dass Lust zur Schule zu gehen,
konkrete Diskriminie- ich schon mal als „Scheiß 80% der Roma, die in Ser- wenn sie ständig bespuckt,
rungserfahrungen Zigeuner“ beschimpft. bien oder im Kosovo leben, geschlagen und vertrieben
gemacht, da ich bei der Aber immerhin konnten ständig unterdrückt sind. werden. Auf der anderen
Wohnungssuche meistens die Roma zur Schule Die Regierung macht gar Seite können die Eltern
erwähnt hatte, dass ich gehen. Viele haben von nichts, sie sagt, dass es gar nichts machen. Die
Roma bin. So wurde mir den 60er bis zu den 80er gewichtigere gesellschaftli- Roma leben in fast hun-
einmal nur deshalb eine Jahren eine gute Bildung che Probleme gebe. Doch dertprozentiger Armut. Sie
Wohnung vorenthalten. erhalten, weil sie zum Bei- dort ist die Hölle los. Eini- können ihre Kinder nicht
Als ich zur Besichtigung spiel auch durch den Staat ge, die, jetzt abgeschoben in die Schule begleiten
einer anderen Wohnung mit Stipendien unterstützt wurden, berichteten mir, und auf sie aufpassen.
gegangen bin, habe ich wurden. dass sie sich nicht trauen Mehrere Mädchen wurden
dort auch wieder gesagt, alleine rauszugehen, weil in der Schule vergewaltigt
dass ich Roma bin. Der Was erwartet Roma, wenn sie Angst haben müssen, und keiner sagt etwas.
Vermieter sagte gleich: sie in den Kosovo zurück- angegriffen zu werden. Wenn die kosovarische
„Bei Euch gibt’s viele Musi- kehren? Den Roma wird vorgewor- Regierung wenigstens
ker.“ Ich sagte nur: „Ja, fen, dass sie mit den Ser- etwas gegen die Diskrimi-
aber wir sind keine Musi- ben zusammengearbeitet nierung in der Schule

27
antiziganismus

unternehmen würde, im Kosovo ständiger Dis-


dann wäre es die Schuld kriminierung ausgesetzt
der Roma, wenn die Kin- sind, wo sie in Armut
der nicht zur Schule leben, jetzt im Winter dort
gehen. Aber so, wenn frieren. Dazu brauchen
sogar hundert Prozent der die Roma in Deutschland
albanischen Eltern sagen: aber ein Recht auf Schule,
„Wir wollen nicht, dass Recht auf Arbeit, auf ein
unsere Kinder zusammen Leben in Sicherheit und
mit Roma, oder auch Ser- Würde. Gemeinsam mit
ben, in die Schule gehen“, anderen Flüchtlingen sind
dann kann man das nicht wir für ein Bleiberecht.
behaupten. Selbst der koso- Die Menschen, die hierher
Foto: Stephan Dünnwald
varische Innenminister kommen, sind nicht aus
behauptet, die Roma seien Lust und Laune hergekom- Was erwartet abgeschobe- en und Bulgarien. Angeb-
an ihrem gesellschaft- men. Alle Flüchtlinge hier ne Roma im Kosovo? lich soll dort für Roma
lichen Ausschluss selbst sind dem gleichen Problem keine Gefahr mehr beste-
Schuld, da sie sich nicht ausgesetzt: Ein Kampf um Die Menschen kommen hen. Aber sie sitzen dort
an der Schulbildung oder ein sicheres Leben in dort an, haben kein Dach mit berechtigter Angst,
der Bildung für den Deutschland. Mit der über dem Kopf und die in denn es schert sich nie-
Arbeitsmarkt beteiligen. Sie Selbstorganisation der Deutschland aufgewachse- mand darum, ob sie dort
sollen sich in keinster Roma bin ich allerdings nen und sozialisierten Kin- am Leben bleiben oder
Weise integrieren wollen. nicht zufrieden, denn das der können kaum an schu- nicht.
Doch wie können sie sich Problem ist, dass viele lischer Bildung teilhaben,
integrieren, wenn sie nicht wissen, was man da sie in der Regel kein Haben Sie Kontakte zu
außerhalb der Städte woh- machen kann, ihre Mög- albanisch sprechen. Sie Roma, die abgeschoben
nen? Obwohl die Roma seit lichkeiten nicht ausschöp- werden abgeschoben in worden sind?
700 Jahren im Kosovo fen. Wir wissen in der eine totale Perspektivlosig-
leben, werden sie als Regel nicht, welche Gesetze keit, in ein Nichts. Zudem Ja, im Kosovo, in Tsche-
Fremde gesehen. Es gibt existieren, welche recht- sind die Roma im Kosovo, chien, aber auch mit den
zwar Förderprogramme lichen Möglichkeiten es aber auch in anderen Län- Roma in Italien, wo ihre
der kosovarischen Regie- gibt, sich zu wehren, wel- dern, in die sie abgescho- Diskriminierung auch
rung für Roma, doch letz- che Politiker man gut ben werden, zum Beispiel ziemlich grausam ist. Die
tendlich kommt davon, ansprechen kann. Eine in Tschechien, rassistischer Menschen sind dort in
wie so oft, nichts bei den große Unterstützung sind Diskriminierung und Ver- einem Lager zusammenge-
Betroffenen an. dabei beispielsweise die folgung ausgesetzt. pfercht, mit Stacheldraht-
Flüchtlingsräte in ganz Sie werden beispielsweise zaun, es darf niemand hin-
Welche Forderungen stellt Deutschland oder Organi- auf offener Straße geschla- ein und niemand hinaus.
Romane Aglonipe? sationen wie Amnesty. Vie- gen, grundlos verhaftet Es werden ihre Fingerab-
len Roma ist leider aber oder es wird behauptet, drücke genommen. Teil-
Wir fordern, dass die auch nicht bewusst, wie das Elend, in dem sie weise erinnert es uns an
Roma, die schon länger als ernst die Lage ist, in der leben, sei selbstverschul- das Dritte Reich. Verfol-
vier, fünf Jahre hier leben, sie sich befinden.< det. gung und Diskriminierung
sich einigermaßen inte- hat für Sinti und Roma
griert haben, die Kinder in In welche Länder wird noch nach dem Ende des Natio-
die Schule gehen, die abgeschoben? nalsozialismus nicht aufge-
Eltern sich um Arbeit hört. Hier in der Bundesre-
bemühen, eine faire Chan- Es gibt im Grunde genom- publik Deutschland wer-
ce bekommen, hier zu men kein Land, wohin sie den die Menschen nicht
bleiben. Das heißt, dass sie nicht wieder abgeschoben erschlagen wie in anderen
hier an der Gesellschaft werden. Vor allem sind Ländern, aber sie sind
mitwirken können, die das der Kosovo und immer noch Gefahren aus-
Kinder normal aufwach- Tschechien, aber auch gesetzt. Die Diskriminie-
sen können und nicht wie nach Rumänien, Jugoslawi- rung ist im alltäglichen

28
antiziganismus

Angewiesen auf die Hilfe


der eigenen Leute
In Schleswig-Holstein leben über mehrere Städte verteilt knapp 3.000 Roma. In einigen Städten, insbeson-
dere in Lübeck, schon seit Jahrzehnten als deutsche Staatsbürger. Wohl hunderte Roma-Flüchtlinge sind
durch das Abschiebeabkommen zwischen der Bundesrepublik und dem Kosovo von der Abschiebung
bedroht. Mit Matthäus Weiß, Vorsitzender des Landesverbandes der Deutschen Sinti und Roma in Schles-
wig-Holstein, sprach Andrea Dallek über die Situation der Roma in Deutschland und im Kosovo.

Leben zu merken. Es wer- bes Jahr bleiben müssen. tikerInnen nichts Konkre- warten ersteinmal ab, wie
den Menschen verfolgt, Um das zu vermeiden, tes unternommen wird. sich das hier weiter ent-
einfach weil sie Roma verschwinden die Men- Ganz im Gegenteil: So ist wickelt und ob sie tatsäch-
sind. Es gibt zwar Antidis- schen ohne Papiere von beispielsweise die Aufnah- lich eine Chance haben in
kriminierungsgesetze, aber der Bildfläche. Trotzdem me des Minderheitenstatus Schleswig-Holstein zu blei-
ich habe das Gefühl, diese versuchen sie zu den Sinti der Sinti und Roma in die ben. In Italien habe ich
Gesetze gelten nicht für und Roma, die hier schon Landesverfassung seit Jah- beispielsweise von der
die Roma. Denn jedem länger leben, Kontakte ren immer wieder abge- Praxis sogenannter Schlep-
Land, das die Roma herzustellen. Die Familien lehnt worden. Auch die per erzählt: Sie schleusen
abschiebt ist es egal, was helfen sich untereinander. Flüchtlingsunterkunft in sie hierher und saugen
mit den Abgeschobenen HelferInnen besorgen Neumünster ist ein treffen- den Menschen ja den letz-
dort passiert. Das gilt auch Essen oder vermitteln des Beispiel, dort leben ten Tropfen Blut aus. Sie
für die Bundesrepublik Unterkünfte. Auch mein die Insassen unter men- schmeißen die Menschen
Deutschland. Büro ist daran beteiligt. schenunwürdigen Umstän- irgendwo raus. Halb erfro-
Roma ohne Papiere sind den. Sie sind auch schon ren, nichts Vernünftiges
Die zuständige oberste Lan- von Schleswig-Holstein deshalb oft total hilflos, mehr an, halb verhungert.
desbehörde in Schleswig- weiter nach Frankfurt, Ber- weil sie kein Deutsch Und dann muss man
Holstein spricht von „nicht lin, Düsseldorf, Köln oder sprechen. sehen, wie man die Leute
mehr als 30 ausreisepflichti- Osnabrück gefahren, weil unterbringt. Und das ist
gen Roma“, die gegebenen- dort Familien wohnen, bei Wie sieht Ihre Tätigkeit für das, was ich zur Zeit tat-
falls von diesem Kosovo- denen sie irgendwie unter den Landesverband aus? sächlich mache. An man-
Rücknahmeabkommen kommen können. Viele chen Tagen kann ich gar
betroffen wären... wollen weiter nach Skan- Seit eineinhalb Jahren nicht mehr schlafen, weil
dinavien, aber hier in reise ich beispielsweise ich Sachen machen muss,
Das ist nicht ganz richtig. Deutschland leben viele nach Tschechien, in den womit ich mich selber und
Es existiert eine hohe Sinti und Roma, hier exisi- Kosovo, nach Rumänien meine eigene Familie in
Dunkelziffer, da sich die, tieren wichtige Unterstüt- oder Jugoslawien und Schwierigkeiten bringe.
die keine Aufenthaltsge- zungsstrukturen. So erhof- kläre die Roma vor Ort Wir sind froh, dass unsere
nehmigung oder Ähnliches fen sie sich natürlich, auf, was mit ihnen pas- Arbeit finanziell gefördert
besitzen, nicht melden ersteinmal unterzukom- siert, wenn sie herkom- wird. Bloß direkte Unter-
können. Denn wenn sie men, vor allem die Winter- men und keine Papiere stützung bekommen wir
sich ohne Papiere melden, monate zu überbrücken haben. Sie haben ja hier kaum.<
werden sie entweder und dann irgendwie weder Unterkunft noch
sofort verhaftet oder in ein weiterzukommen, ohne Essen oder sonst etwas.
Lager - sie müssen dort dass sie abgeschoben oder Dann überlegen sich die
mit sieben, acht Personen verhaftet werden. Die Leute natürlich, ob sie hier
in einem kleinen Raum Roma sind einfach auf sich herkommen, ob sie sich
leben - gesteckt, wo sie und die Hilfe ihrer eige- hier verhaften lassen und
dann drei Monate, vier nen Leute angewiesen, da dann von ihren Familien
Monate, vielleicht ein hal- von den Parteien und Poli- getrennt sind. Die meisten

29
Foto: Archiv

Im Regen stehen
gelassen
Elvira und ihren
Verwaltungsakt oder Antiziganismus?
Söhnen fehlt es an
allem, seitdem sie in Die Abschiebung von Roma aus Deutschland am Beispiel von Einzelfällen. Von Bastian Wrede
eine fremde und
feindliche Umge- Bis zu 10.000 Roma-Flüchtlinge aus dem Kosovo sind in Zwar wurden die Roma in Europa über Jahrhunderte
bung abgeschoben Deutschland momentan von Abschiebung in das Kosovo, diskriminiert, als „Zigeuner“ im Nationalsozialismus zu
wurden. nach Montenegro oder Serbien bedroht. Sie sollen gehen, Hunderttausenden verfolgt und ermordet. Diese
nicht weil sie Roma sind, sondern weil sie als Flüchtlinge Geschichte jedoch scheint für die aktuellen Verwal-
nur geduldet waren, solange man sie nicht zurückschicke tungsbezüge vollkommen ohne Belang zu sein. Von
konnte. Da die Republik Kosovo nun als sicher gilt und „Zigeunern“ spricht hier keiner mehr, und als „Antizi-
deren Regierung sich offiziell bereit erklärt hat, auch ganistInnen“ möchten weder die MitarbeiterInnen der
Roma-Flüchtlinge zurückzunehmen und zu „reintegrie- Ausländerbehörden noch die InnenministerInnen von
ren“, sind die Roma zur Ausreise verpflichtet. Wenn sie Bund und Ländern erscheinen.
nicht freiwillig ausreisen, dann erfolgt die Abschiebung.
Ist die Rede vom Antiziganismus und der historischen
Folgt man der Darstellung von Politik und Behörden, han- Verantwortung der deutschen Gesellschaft für die
delt es sich um gewöhnliche Verwaltungsakte. Betroffen Roma wirklich angebracht? Um diese Frage zu beant-
davon seien sowieso nur diejenigen, die wegen schlechter worten, ist es notwendig, die Distanz zu verringern
Integration kein Bleiberecht nach der Altfallregelung und von der Abschiebepolitik im Ganzen auf die Ein-
bekommen hätten, zum Beispiel StraftäterInnen. Zusätz- zelfälle zu fokussieren. Dazu drei aktuelle Falldarstel-
lich wird auf den Rechtsschutz durch die Verwaltungsge- lungen:
richte und den Schutz für besondere Einzelfälle durch die
Härtefallkommissionen verwiesen.

30
abschiebung

Elvira G. aus Wolfenbüttel

Elvira G. ist in Deutschland aufgewachsen. Die heute


22-jährige alleinerziehende Mutter lebte 20 Jahre lang
in Deutschland, bevor sie im Juni 2009 aus Wolfenbüt-
tel abgeschoben wurde. Mit ihr abgeschoben wurden
ihre damals drei- und vierjährigen Kinder Tuana und
Djafer sowie Elviras ehemaliger Lebensgefährte, der
Vater der beiden Kinder. Von letzterem hatte sich Elvi-
ra zwei Jahre zuvor getrennt, nachdem er sie mehrfach
verprügelt und sogar mit einem Messer bedroht hatte.
In Deutschland hatte sich Elvira G. auch mit gericht-
licher Hilfe wirkungsvoll gegen die Bedrohung zur
Wehr setzen können.

Die gemeinsame Abschiebung setzte Elvira G. der


Gefahr erneuter Gewaltanwendung durch ihren Ex-
Freund aus, da Elvira im Kosovo keine Familie mehr Die gegenwärtige Situation
hat, bei der sie Schutz suchen könnte. Im Kosovo such-
te Elvira G. mit ihren Kindern Zuflucht in Pec und Inzwischen hat Elvira G. im Kosovo ein kleines, seit
kam bei alten Bekannten ihrer Mutter in einer Roma- langem leer stehendes Haus gefunden, in dem sie nun
Siedlung unter. Dort konnte sie allerdings nur für mit ihren Kindern wohnt. Die Einrichtung besteht aus
wenige Tage bleiben, da die Familie keine drei zusätz- einem Ofen, für den sie sich nur selten Brennholz lei-
lichen Personen ernähren sten kann, und einer dünnen
konnte. Sie stand nun buch- „In der halben Stunde, die ihr die Poli- Matratze. Eigentlich ist es mehr
stäblich auf der Straße. Ohne zei zum Packen gab, hatte Elvira ganz eine Ruine als ein richtiges
Sozialhilfe oder medizinische vergessen, Winterkleidung für die Kin- Haus, aber nach Monaten im Albtraum ohne
Versorgung übernachtete sie der mitzunehmen.“ Freien ist das besser als gar Erwachen
mit ihren Kindern im Wald nichts, zumal der Winter auch Elvira G. ist in
oder manchmal für ein oder im Kosovo empfindlich kaltes Deutschland aufge-
zwei Tage bei fremden Leuten, die Mitleid mit ihnen Wetter mit sich bringt. In der halben Stunde, die ihr die wachsen - jetzt sitzt
hatten. Zweimal kamen fremde Männer zu ihr, Polizei damals in der Nacht der Abschiebung zum Pak- sie mit ihren Kindern
geschickt von ihrem Ex-Freund, die ihr drohten, er ken gab, hatte Elvira ganz vergessen, Winterkleidung in einer klammen
werde sie umbringen, wenn sie nicht zu ihm zurück- für die Kinder mitzunehmen. Der kleine Djafer leidet Ruine und versteht die
komme. an chronischer Bronchitis, auch Tuana ist ständig Welt nicht mehr
erkältet. Zweimal schon war Elvira G. mit Djafer im
Der „Abschiebeminister 2009“ hat das letzte Wort örtlichen Krankenhaus, aber die Behandlung kostet
Geld, und wer nichts hat wird weggeschickt. Geld
Der Fall erregte in den regionalen Medien einiges Auf- bekommt die alleinerziehende Mutter im Kosovo aber
sehen, und der Landkreis Wolfenbüttel, der die nicht. Sozialhilfe gibt es nur, wenn die Kinder regi-
Abschiebung angeordnet hatte, erklärte sich schließlich striert sind, und dazu bräuchte sie die Unterschrift des
bereit, Elvira G. nach Möglichkeit aus dem Kosovo Vaters. Selbst mit den 70 Euro Sozialhilfe, die sie maxi-
nach Deutschland zurück zu holen. Dieses Vorhaben mal bekommen könnte, wären ihre Probleme nicht
scheiterte jedoch bislang am Widerstand des nieder- annähernd gelöst, denn es fehlt an allem – insbeson-
sächsischen Innenministeriums. Innenminister Schü- dere an Brennholz, Kleidung, Medikamenten, Lebens-
nemann, nicht umsonst Träger der Auszeichnung mitteln. So bleibt sie auf die unregelmäßige Unterstüt-
„Abschiebeminister 2009“, verteidigte in seiner Rede zung aus Deutschland und auf Almosen ihrer Nach-
vor dem Niedersächsichen Landtag im August letzten barn angewiesen, auch der Flüchtlingsrat Niedersach-
Jahres die Abschiebung als „rechtmäßig und in keiner sen hat ihr Geld geschickt. Was Elvira G. bleibt ist die
Weise zu beanstanden“, für eine Wiedereinreise sehe er Hoffnung, dass man ihr irgendwann doch erlauben
„rechtlich keine Möglichkeit“. wird, nach Deutschland zurückzukommen, wo sie sich
Zuhause fühlt, wo ihre Mutter und ihre Geschwister
leben, und wo auch ihre Kinder eine Zukunft hätten.

31
abschiebung

Serdana B. aus dem Emsland Familie mit Gelegenheitsarbeiten, wie dem Sammeln
und Verkaufen von Altmetall oder Brennholz über
Serdana B. ist 16 Jahre alt. Sie wurde im September Wasser.
2009 aus dem Landkreis Emsland in das Kosovo abge-
schoben. Im April 2008 flüchtete sie ohne ihre Eltern Rapide Verschlechterung der psychischen Situation
aufgrund von geschlechtsspezifischer Verfolgung aus
ihrer Heimat. Sie lebte in der Familie einer Stiefschwe- Die Abschiebung rief in Serdana Erinnerungen an
ster ihrer Mutter, wo sie zum traumatische Erlebnisse im
ersten Mal seit Jahren, vielleicht „Serdana sei nur gekommen, Kosovo aus ihrer Vergangen-
zum ersten Mal überhaupt, ein um in Deutschland zu heiraten.“ heit wach, und ihre psychi-
ruhiges und friedliches Leben sche Situation verschlechterte
kennenlernte. Im Juni 2009 sich rapide. Sie lebte zurük-
feierte sie ihren sechzehnten Geburtstag – die erste rich- kgezogen und war kaum ansprechbar, hatte Alpträu-
tige Geburtstagsfeier, an die sie sich erinnern konnte, me und Depressionen. Zweimal versuchte sie, sich
denn im Kosovo lebte sie seit ihrer Kindheit in ver- umzubringen. Mehrfach meldete sich der Bruder der
schiedenen Flüchtlingslagern, immer unter ärmsten Pflegemutter verzweifelt beim Flüchtlingsrat Nieder-
Bedingungen und immer nur auf Zeit. sachsen und erklärte, er mache sich Sorgen um das
Mädchen und könne für sie keine Verantwortung
Aber das Glück währte nur kurz, denn Serdanas Asyl- übernehmen.
antrag wurde abgelehnt, nicht aus inhaltlichen Grün-
den, sondern weil bei einer Anhörung nicht sie selbst, Rückkehr nach Deutschland
sondern nur ein Mitarbeiter des Jugendamts des Land-
kreis Emsland als gesetzlicher Vertreter erschien. Dieser Im Januar 2010 ergab sich eine Möglichkeit für Serd-
erklärte vor dem Bundesamt für Migration und Flücht- ana B., auf illegalem Wege wieder nach Deutschland
linge (BAMF), ohne überhaupt ein Wort mit Serdana B. einzureisen. Allen Risiken zum Trotz entschloss sie sich
über ihre Fluchtgründe gewechselt zu haben, Serdana sofort, diese Reise zu machen und zurück zu ihren
sei nur gekommen, um in Deutschland zu heiraten. Pflegeeltern zu fliehen.

Allein in das Kosovo Inzwischen ist Serdana wieder im Emsland angekom-


men. Der Flüchtlingsrat Niedersachsen hat dafür
Am 28. September 2009 um 5.00 Uhr morgens gesorgt, dass sie zunächst einmal die Möglichkeit
erschien die Polizei bei den Pflegeeltern und brach- erhält, ihre traumatischen Erlebnisse in einer Psycho-
te Serdana zum Flughafen nach Düsseldorf. Ein Eil- therapie aufzuarbeiten. Das BAMF hat bereits erklärt,
antrag gegen die Abschiebung der unbegleiteten dass ein weiteres Asylverfahren durchgeführt wird. Es
Minderjährigen blieb erfolglos, vor allem weil der bleibt zu hoffen, dass Serdana sich mit der Unterstüt-
Verfahrenspfleger sich weigerte, der von den Pfle- zung ihrer Pflegefamilie stabilisieren und über die
geeltern beauftragten Rechtsanwältin eine Voll- Ereignisse der vergangenen Jahre im Kosovo reden
macht zu erteilen. Auch der Hinweis darauf, dass kann. Dafür braucht sie vor allem Zeit. Der Flücht-
Serdanas Eltern zwischenzeitlich nach Belgien lingsrat Niedersachsen wird Serdana B. auch weiter-
geflüchtet seien und sie im Kosovo vollkommen hin unterstützen und darauf achten, dass sie ein faires
allein wäre, konnte den Landkreis Emsland nicht Verfahren bekommt.
umstimmen. Dort berief man sich auf einen veralte-
ten Eintrag im kosovarischen Melderegister, um zu Elvis A. aus Fuldatal / Kassel
belegen, dass Serdanas Eltern sich dort aufhielten –
eigene Nachforschungen hielt man nicht für not- Der 27-jährige Elvis A. ist nach einer ersten Abschie-
wendig. bung in das Kosovo, ähnlich wie Serdana B., im Janu-
ar 2010 illegal wieder nach Deutschland gekommen.
Am Flughafen in Pristina wurde Serdana von Er hatte allerdings weniger Glück und wurde bereits
einem eiligst informierten Bruder der Pflegemutter am 9. Februar 2010, nach einigen Wochen in Abschie-
abgeholt, der mit seiner Familie in Subotica im Nor- behaft, erneut nach Pristina abgeschoben. Durch die
den Serbiens lebt. Diese Familie kümmerte sich um Abschiebung wurde er von seiner Frau Gjulijeta T. und
Serdana, hatte aber kaum die finanziellen Mittel, seinen Söhnen Muhamed (1,5 Jahre) und Yassin (10
um sie zu versorgen. Das Ehepaar hat selbst sechs Monate) getrennt, die seit seiner ersten Abschiebung in
minderjährige Kinder, der Stiefonkel hält seine Göttingen leben.

32
Elvis A. kam 1999 in der Folge des Kosovo-Krieges mit
seinen Eltern nach Deutschland. Er war gut integriert
und hatte eine Arbeitsstelle, die es ihm, Gjulijeta T. und
den Kindern ermöglicht hätte, ohne Sozialhilfebezug
zu leben. Im Gegensatz zu Gjulijeta T., die eine Auf-
enthaltserlaubnis nach § 104a AufenthG besaß, hatte
Elvis A. allerdings nur eine Duldung. Für eine Aufent-
haltserlaubnis nach der Altfallregelung war er knapp
zwei Monate zu spät nach Deutschland eingereist. Spä-
testens mit ihrer geplanten Hochzeit würde aber auch
Elvis eine Aufenthaltserlaubnis erhalten. Nach Roma-
Tradition waren sie sowieso schon länger verheiratet.
Nur die letzten Dokumente aus dem Kosovo fehlten
noch zur formellen Hochzeit in einem deutschen Stan-
desamt.

Plötzliche Abschiebung

Am 25. Mai 2009 stand spät abends plötzlich die Poli-


zei vor der Tür. Als Elvis A. nicht sofort öffnete, wurde
die Wohnungstür kurzerhand aufgebrochen, und die Angriffen geschützt zu werden, und Gjulijeta T. und Getrennt vom Amt
hereinstürmenden Polizisten führten Elvis A. vor den seine Söhne auf ihn warteten, entschloss er sich, illegal Gjulijeta und die
Augen seiner Frau und Kinder ab. Gjulijeta T. wurde nach Deutschland zurückzukehren. Kinder warten in
mit Muhamed und dem knapp einen Monat alten Yas- Göttingen auf die
sin noch in der Nacht auf die Straße gesetzt, da ihr Wieder in Deutschland: Sofortige Anordnung Rückkehr von Elvis
Name nicht im Mietvertrag stand. Eine Nachbarin einer erneuten Abschiebung
nahm sich der geschockten und hilflosen jungen Mut-
ter an. Am nächsten Morgen wurde Elvis A. in den Im Januar 2010 war Elvis A. wieder in Deutschland.
Kosovo abgeschoben. Drei Tage später kamen die letz- Als er sich bei der Ausländerbehörde in Kassel anmel-
ten Papiere für die Hochzeit. dete, wurde er sofort in Abschiebehaft genommen.
Sowohl die Durchführung eines neuen Asylverfahrens
Im Kosovo: Entschluss zur Rückkehr nach Deutschland als auch eine Petition beim Hessischen Landtag wur-
den binnen kürzester Zeit abgelehnt. Auch ein Eilver-
Im Kosovo ging Elvis A. zuerst nach Gnjilane. Hier fahren beim Verwaltungsgericht Kassel konnte die
musste er feststellen, dass sein Elternhaus vollständig Abschiebung nicht stoppen, da der Richter keinen
zerstört war. Er übernachtete einige Zeit bei einer rechtlichen Grund für einen Verbleib von Elvis A. in
anderen Roma-Familie im Ort. Albanische Nachbarn, Deutschland sehen konnte. Ein fachärztliches Attest,
die der Familie von Elvis A.s Kollaboration mit den Ser- das die Traumatisierung Gjulijeta T.s durch die
ben vorwarfen, erkannten Elvis und bedrohten ihn Abschiebung belegte, erklärte er zum Gefälligkeitsgut-
mehrfach. Später wurde er von achten, die Trennung der
albanischen Jugendlichen verprü- „Wie er in Serbien überleben soll, weiß Kleinkinder von ihrem Vater
gelt und musste im Krankenhaus er noch nicht. Sicher ist nur, dass er wurde bagatellisiert. Es
notdürftig versorgt werden. Für zurück zu seiner Familie nach Deutsch- wurde entschieden, dass
eine angemessene medizinische land möchte.” man es der jungen Familie
Behandlung reichte sein Geld zumuten könne, zu warten
nicht, und eine Krankenversiche- bis Elvis im Kosovo ein
rung hatte er nicht, da er sich nicht als kosovarischer Visum zur Familienzusammenführung erhält. Dass
Staatsbürger registrieren konnte. Wegen der fehlenden Elvis A. als Abgeschobener einer Einreisesperre unter-
Anmeldung wurde auch die Anzeige, die er bei der liegt, die erst dann befristet werden kann, wenn meh-
kosovarischen Polizei erstatten wollte, nicht aufgenom- rere tausend Euro für die Erstattung der Abschiebungs-
men. Stattdessen teilte man ihm dort mit, dass Roma im kosten bezahlt wurden, erwähnte der Richter nicht.
Kosovo nicht willkommen seien. Da es für Elvis A. im
Kosovo auch nach einigen Monaten keinerlei Möglich- Am 9. Februar 2010 wurde Elvis A. mit einem Sam-
keiten gab, seinen Unterhalt zu sichern oder vor melabschiebungsflug aus Baden-Baden nach Pristina

33
abschiebung

abgeschoben. Jetzt teilt er sich ein Zimmer mit einem durchgeführt wurde, ist auch in den Schicksalen von
Bekannten und dessen Frau in Serbien. Im Kosovo Elvira G., Serdana B. und Elvis A. spürbar. Von ihr sind
konnte er aus Angst vor Verfolgung nicht bleiben. Wie die zynischen Entscheidungen getragen, die Ehepaare
er in Serbien überleben soll, weiß er noch nicht. Sicher trennen, weil ihre Ehe nicht anerkannt wird, Menschen
ist nur, dass er zurück zu seiner Familie nach Deutsch- aus ihrer Heimat verbannen, weil sie nicht nützlich
land möchte. genug sind und Roma zu einer Existenz als „Zigeune-
rIn“ zwingen, nur weil es rechtlich möglich ist.
Die Liste der Einzelschicksale ist lang
Die Abschiebung von Roma-Flüchtlingen aus dem
Die Liste der Einzelschicksale abgeschobener Roma Kosovo ist ein Verwaltungsakt und als solcher antizi-
ließe sich beliebig verlängern: Der 25-jährige Sead, der ganistischer Gewaltakt, da er Roma entwurzelt und
kein Bleiberecht erhielt, weil er dreimal in zehn Jahren heimatlos macht, sie einem Leben im Elend aussetzt
die Residenzpflicht verletzt hatte; der 14-jährige Kujtim, und sie so als „ZigeunerInnen“ identifiziert. Die
der nach der Abschiebung versuchte, sich umzubrin- Abschiebungen vollziehen sich als gewaltsame Depor-
gen; der 26-jährige Faruk, der schon seit 3,5 Jahren tationen, denen die Selektion nach wirtschaftlichen
allein im Kosovo ist und seitdem seine Tochter nicht und kulturellen Kriterien vorausgeht. Die Empörung
mehr gesehen hat ... über solche Deportationen und der Kampf für ein
bedingungsloses Bleiberecht für die Roma in Deutsch-
Alle Abgeschobenen berichten - wie auch UNHCR, der land sind Ausdruck des zivilgesellschaftlichen
EU-Kommissar für Menschenrechte und unzählige Bewusstseins, dass es angesichts der historischen deut-
Flüchtlings- und Hilfsorganisationen - von der Diskri- schen Verantwortung für die Verfolgung und Vernich-
minierung und Ausgrenzung der Roma im Kosovo, von tung der Roma unerträglich ist, tausende Roma
Armut, Arbeitslosigkeit und Gewalt. Viele dieser behördlichen Schikanen, kulturellem Anpassungs-
Berichte sind der Bundesregierung, den Landesregie- druck, täglicher Angst vor Deportation und letztlich
rungen und den Planenden und Ausführenden der einer Existenz im Elend auszusetzen.
Abschiebungen bekannt. Dennoch gehen die Abschie-
bungen weiter.
Spendenaufruf: Für die Vorbereitung der Familienzusam-
Antiziganismus ohne AntiziganistInnen menführung sammelt der Unterstützerkreis
von Gjulijeta jetzt Spenden. Es wird u.a. Geld für die Erstat-
Diese Ignoranz gegenüber dem Leiden der Menschen, tung der Abschiebungskosten, Reisekosten und die Eheschlie-
gegenüber der qualitativen Besonderheit jedes einzel- ßung in Serbien benötigt. Spenden bitte an:
nen Schicksals und gegenüber der spezifischen Situa- Flüchtlingsrat Niedersachsen e.V.
tion der Roma in Europa ist es, die das antiziganisti- Konto 8402 306 - Postbank Hannover eG –
sche Moment in den Abschiebungen von Roma sicht- BLZ 250 100 30 - Zweck: Gjulijeta und Elvis
bar macht. Die Roma werden nicht durch den Finger-
Bastian Wrede zeig von AntiziganistInnen zu „Zigeuner“ erklärt, son-
ist Mitarbeiter beim dern durch ihre Abschiebung in die Barackenlager und
Flüchtlingsrat auf die Müllhalden des Balkans. Der Verwaltungsakt
Niedersachsen. der Abschiebung identifiziert die Roma mit dem Bild
Schwerpunkt seiner von den „Zigeuner“ und zwingt sie in eine Existenz,
Tätigkeit ist die Situ- die dem Vorurteil entspricht. Einmal so gebrandmarkt,
ation der Roma- sehen sie sich im Kosovo, in Serbien oder Montenegro
Flüchtlinge in der direkten, alltäglichen antiziganistischen Diskrimi-
Deutschland sowie nierung durch die Mehrheitsbevölkerung ausgesetzt.
im ehemaligen Jugo-
slawien. Für Pro Um zu funktionieren, benötigt der Antiziganismus
Asyl führt er keine hasserfüllten AntiziganistInnen, sondern die
momentan ein Pro- „Kälte des bürgerlichen Subjekts“ (Adorno), die aus
jekt zur Recherche Menschen Gegenstände von Verwaltungsakten oder
der Schicksale abge- wirtschaftlichem Kalkül macht. Diese Gefühlskälte, mit
schobener Roma der im Nationalsozialismus die Identifizierung, Verfol-
durch. gung und Ermordung hunderttausender Roma als
„Zigeuner“ oder „Zigeuner-Mischlinge“ organisiert und

34
abschiebung

Deutschland mit Kinderaugen


Enisa Kunert (16) ist Roma. Mit sechs Jahren wurde sie von dem deutschen Ehepaar Kunert aus Nordhorn
adoptiert. Die Kunerts hatten sich damals schon jahrelang intensiv um Enisa und Familie gekümmert.
Auch nach der Adoption hatten Enisa und ihre Adoptiveltern ständigen Kontakt mit Enisas Geschwistern
und ihrer Mutter. Vor fünf Jahren wurden ihre leiblichen Eltern und ihre Geschwister dann plötzlich nach
Montenegro abgeschoben. Letztes Jahr hat Enisa sie dort besucht. Das Gespräch führte Bastian Wrede

delt als andere Deutsche.


Wie Ausländer halt. Man
bekommt nicht so schöne
Sachen zu hören.

Aber direkte Diskriminie-


rung Durch typische antizi-
ganistische Vorurteile, also
in Bezug auf Klauen und
ähnliches, hast Du noch
nicht erlebt?

Nein, das habe ich noch


nicht erlebt. Ich habe
eigentlich noch gar nicht
gehört, dass das wirklich
jemand sagt. Ich kann mir
Grundlage von „Antiziga- Hattest Du schon einmal „Zigeuner“ zusammen, das das schon vorstellen, und
nismus” ist die Meinung, das Gefühl, als Roma direkt man sehr oft hört. Viele habe es auch im Internet
dass alle Roma „Zigeuner” oder indirekt mit diesen Menschen finden auch gelesen – aber man sollte
seien und dass alle „Zigeu- Vorurteilen gemeint zu sein nichts dabei, sie sagen, das sich mal die Häuser der
ner” bestimmte Eigenschaf- und wie empfindest Du Wort ist nun mal auch Teil Roma anschauen, die sind
ten und Verhaltensweisen das? der deutschen Kultur – man sehr sauber. Manchmal
teilen. Enisa, kennst Du könne ja Zigeunerschnitzel sauberer als die der Deut-
diese typischen Vorurteile, Wenn man schlecht über und Zigeunersoße nicht schen. Also diejenigen die
und was denkst Du darü- Roma spricht, und ich einfach umbenennen. Was das sagen, wissen wahr-
ber? dabei bin, finde ich das hältst Du davon und was scheinlich gar nicht,
natürlich nicht so toll. Da bedeutet dieses Wort für wovon sie reden.
Ja, ich kenne schon so ein sage ich aber dann auch dich?
paar: dass sie gewalttätig meine Meinung dazu, man Deine leiblichen Eltern und
sind, dass sie klauen, dass sollte das nicht so stehen Ich finde es nicht gut, Deine Geschwister wurden
sie unsauber sind und lassen, finde ich. Ich selbst wenn man das zu anderen vor fünf Jahren nach Mon-
dass sie lügen. Halt solche erlebe das schon öfters. sagt. Da fühlt man sich tenegro abgeschoben, wäh-
schlechten Sachen. Und Früher, als ich in der Schu- irgendwie verletzt. rend Du selbst als Deutsche
ich finde das überhaupt le war, da haben die ande- hier bleiben durftest. Wie
nicht toll, weil alles was ren gesehen „Oh, die ist Hast Du selbst schon einmal hast du die Abschiebung
wir sind, sind auch die glaub ich nicht deutsch“, Diskriminierung Durch sol- deiner Familie erlebt?
Deutschen – also das und dann wird man auch che Vorurteile erlebt?
hängt von jedem Einzel- ein bisschen anders Ich war da in der Schule,
nen ab, das kann man behandelt. Ja. Von den Vorurteilen damals war ich glaube ich
nicht so zusammenfassend habe ich ja eben schon in der fünften Klasse, und
sagen. Viele dieser Vorurteile hän- erzählt, und in der Schule dann kam meine Adoptiv-
gen ja eng mit dem Wort wird man anders behan- mutter und hat mich abge-

35
abschiebung

holt. Ich wusste ja noch Ja. Vor allem meine In Montenegro nicht. Sie Nun gibt es ja schon seit
gar nicht, was passiert ist. Geschwister erleben das möchten so gerne wieder einiger Zeit Berichte im
Dann bin ich mit nach dort von anderen Jugend- nach Deutschland kom- Fernsehen und in Zeitun-
Hause gekommen und lichen. Die waren hier men. Das ist bis heute gen über die Situation der
dann saßen da alle, auch ausgegrenzt und dort sind noch immer ihr Zuhause. Roma in den ehemaligen
Verwandte von mir, und sie auch wieder ausge- Dafür würden sie alles jugoslawischen Staaten.
haben geweint. Und grenzt. Dort werden sie tun. Sollte man da nicht anneh-
meine Adoptivmutter hat auch runter gemacht weil men, dass die Bundesregie-
die ganze Zeit irgendwel- sie Roma sind. Das haben Wie siehst Du heute die rung darüber informiert ist?
che Leute angerufen. Da sie alle schon erlebt. Politik und die Ausländer-
habe ich schon gemerkt, behörde, die für die Ja, das ist schon merkwür-
dass irgendwas passiert ist, Hast Du das Gefühl, dass Abschiebung Deiner Familie dig. Es wird immer ver-
und dann hat mein Vater das Alltagsleben in Bezug verantwortlich sind? sucht Öffentlichkeitsarbeit
mir das erklärt. Ich hab auf Diskriminierung für zu machen, aber nach
mich dann erstmal hinge- Roma hier in Deutschland Am Anfang war ich total zwei Wochen ist das wie-
setzt und eine halbe Stun- einfacher ist als in Montene- sauer. Aber jetzt bin ich der vergessen. Vielleicht
de gebraucht, bis ich das gro? eigentlich nur noch trau- wollen die Politiker sich
realisieren konnte. Ich war rig. Wenn ich darüber das nicht anschauen oder
ja auch noch ziemlich jung Ich glaube schon, dass es nachdenke, wie sie das sie wollen nicht registrie-
und konnte das nicht ver- hier einfacher ist. Einer- gemacht haben, würde ich ren, dass es dort so
stehen. Das war sehr seits wegen der Gesetze, am liebsten deren Familien schlecht aussieht. Ich weiß
schlimm für mich, weil ich andererseits weil die Men- einfach mal so wegschick- nicht, wie man das überse-
auch wusste, dass ich schen hier sensibler sind en – damit sie mal wissen, hen kann.
meine Familie nicht so im Umgang mit Vorurtei- wie das ist. Denn ich glau-
schnell wieder sehen len. Ich denke auch, dass be, die wollen sich gar Du meinst, es wird einfach
werde. Das war sehr sie hier bessere Chancen nicht vorstellen, wie das übersehen, wie schlecht es
schlimm sich das vorzu- haben, auf Hilfe zurückzu- für die Menschen ist. Das den Roma dort geht?
stellen, auch wie sie dort greifen. interessiert sie anschei-
überhaupt leben können nend gar nicht. Ja. Manche Leute schalten
und so. Deine Brüder sind in wahrscheinlich einfach
Deutschland aufgewachsen, Die Bundesregierung hat weg und denken, das ist
Wie ist es Deiner Familie einer wurde sogar hier kürzlich geäußert, dass sie halt normal für die.
dann nach der Abschie- geboren. Hast Du mit ihnen eine spezielle Bleiberechts-
bung in Montenegro ergan- darüber gesprochen, wie es regelung für Roma, auch Wie ist es für Dich zu sehen,
gen? für sie ist, jetzt in Montene- vor dem Hintergrund der dass das Schicksal Deiner
gro leben zu müssen? NS-Verbrechen an Hundert- Familie, die abgeschoben
Nicht so gut. Meine Adop- tausenden von Roma, nicht wurde und in Montenegro
tivmutter konnte es noch Sie haben es nicht akzep- für notwendig hält. Was ausgegrenzt und diskrimi-
hinkriegen, dass meine tiert, dass sie dort leben hältst Du von dieser Aussa- niert wird, von Deinen Mit-
Familie irgendwo unter- müssen und verstehen ge der Bundesregierung? menschen in Deutschland
kommt. Dann waren sie auch nicht, warum sie „übersehen“ wird?
ganz viele unter einem Deutschland verlassen Die Bundesregierung hat
Dach, da hatten sie erst mussten. Sie versuchen anscheinend gar keine Das ist ganz schrecklich
ein Haus, und dann hatten viel, um wieder zurück zu Ahnung, was dort in Mon- für mich. Ich kann nicht
sie Schulden – und letz- kommen. Es ist traurig tenegro passiert. Vielleicht verstehen, dass sie das so
tendlich wohnen sie jetzt sehen zu müssen, dass läuft irgendetwas schief gar nicht berührt. Ich ver-
in einer Baracke und sie man selbst wieder zurück mit den Berichten, die sie suche viel mit meinen Mit-
arbeiten hart für eigentlich fahren kann, aber sie dort bekommen. Die müssten menschen zu reden und
gar nichts. gefangen sind. doch eigentlich mal schau- sie umzustimmen, aber
en, wie es da tatsächlich das klappt leider nicht
Haben Deine Eltern oder Glaubst Du, dass Deine Brü- aussieht. immer.<
deine Geschwister Dir von der irgendeine Zukunftsper-
Diskriminierungs-Erfahrun- spektive haben?
gen in Montenegro erzählt?

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Bis zur Fertigstellung von Wohnungen durch die Stadtverwaltung Leer lebten die Sintifamilien in Wohnwagen am Rand der
Stadt. Alte Sintizza in den 1960er Jahren. Foto: Privatbesitz

Fremd im eigenen Land


Sinti und Roma in Niedersachsen nach dem Holocaust.

Ein Ausstellungsprojekt des Vereins für Geschichte und Leben der Sinti und Roma in Niedersachsen e.V.

Im Jahr 2003 konnte im niedersächsischen Landtag die mit Opfer fielen. Die Ausstellung endete mit der Befreiung der
Landesmitteln geförderte Ausstellung „Aus Niedersachsen Überlebenden aus dem KZ Bergen-Belsen und gab nur einen
nach Auschwitz. Die Verfolgung der Sinti und Roma in der kurzen Ausblick auf die Zeit nach 1945.
NS-Zeit“ eröffnet werden. Bis heute ist sie in mehr als 35 Schon bald wurde an die InitiatorInnen der Ausstellung der
niedersächsischen Kommunen in Rathäusern, Kirchen und Wunsch herangetragen, sich in ähnlicher Form mit der Nach-
Schulen unter starker Beachtung der Bevölkerung gezeigt kriegszeit auseinanderzusetzen. Als ein daraufhin entwickel-
worden. Die Ausstellung thematisierte erstmals die Diskrimi- ter Forschungsansatz, der auch von SchülerInnen geführte
nierung und Verfolgung von Sinti und Roma auf dem Gebiet lebensgeschichtliche Interviews mit den Nachkommen der vom
eines Bundeslandes, dem heutigen Niedersachsen, und den Holocaust betroffenen Generation enthielt, von der Stiftung
versuchten Genozid, dem fast 900 niedersächsische Sinti zum „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ für förderungs-

37
Bis zur Fertigstellung von Wohnungen durch die Stadtverwaltung Leer lebten die Sintifamilien in
Wohnwagen am Rand der Stadt auf dem Gelände der städtischen Müllkippe. Familie Wolpers vor
ihrem Wohnwagen Mitte der 1960er Jahre. Foto: Privatbesitz

1961 fand sich am


Rand der Gemeinde
Wennigsen ein Hal- würdig befunden wurde, entstand in einjähriger Arbeit eine Dokumenten, Fotos und ihren Lebenserinnerungen.
teplatz für Sinti. neue Ausstellung „Fremd im eigenen Land. Sinti und Roma in Nur so konnte es gelingen, den Nachkriegsalltag der Sinti
Foto: Jochen Mellin Niedersachsen nach dem Holocaust“. Erstmals im Histori- und Roma darzustellen, der auch nach der Befreiung
schen Museum Hannover gezeigt von Oktober 2009 bis Ende gekennzeichnet war von weiter bestehende Diskriminierung
Januar 2010, haben etwa 15.000 BesucherInnen die Ausstel- und Ausgrenzung durch die Behörden und die (Mehrheits-
lung gesehen. Weitere Ausstellungsorte in Niedersachsen wer- )Bevölkerung. Außerdem gab es weiterhin oft willkürliche
den sich anschließen. Die AusstellungsmacherInnen hatten und demütigende Behandlung von Polizei Ordnungsämtern
sich von Anfang an um eine enge Zusammenarbeit mit dem und die Zuweisung menschenunwürdiger Lagerplätze, ver-
„Niedersächsischen Verband Deutscher Sinti e.V.“ bemüht bunden mit polizeilicher Erfassung und Überwachung. Selbst
und wurden von zahlreichen Sinti-Familien aus ganz Nieder- die rassistische „Zigeunerwissenschaft“ existierte nur wenig
sachsen großzügig unterstützt, durch Bereitstellung von verändert weiter und trug mit dazu bei, dass bei der „Wieder-

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Halteplatz für Sinti und Roma in Laatzen 1979. Foto: Wilfried Sauer

Wohnwagen der
Familie Laubinger
auf Privatgelände in
gutmachung“ der NS-Opfer Sinti und Roma lange Zeit diskri- che, dem Romanes, der Tradierung eigener Wertvorstellungen Hannover-Stöcken,
minierende Einschränkungen und bürokratische Schikanen und kultureller Deutungsmuster reicht diese eigenständige 1950er Jahre. Foto:
erleben mussten, die sie als „zweite Verfolgung“ empfanden. kulturelle Prägung bis hinein in die Bereiche Musik, Hand- Privatbesitz
Kein Wunder, dass sich viele von ihnen wie Fremde in einem werk und Artistik. Beispiele gelungener gesellschaftlicher Prä-
Land fühlten, das ihre Familien doch zum Teil seit Jahrhun- senz durch kulturelle Projekte wie das Radio „Latscho Dibes“,
derten als ihr eigenes Land, ihre Heimat betrachtet hatten. die Sinti-Jazz-Festivals und die durch zivilgesellschaftliches
Thematisiert werden in der Ausstellung aber auch die Schwie- Engagement ermöglichte Restaurierung eines „Zigeunerwa-
rigkeiten, die es einer Minderheit bereitet, in einer Mehrheits- gens“ in Hildesheim kommen dabei ebenso zur Sprache wie
gesellschaft eine eigenständige Kultur aufrechtzuerhalten gescheiterte Schul- und Wohnprojekte.
oder zu reaktivieren, nachdem diese in der NS-Zeit schweren Verschiedene Aktivitäten wie der Hungerstreik auf dem
Schaden gelitten hatte. Neben der Pflege einer eigenen Spra- Gelände der KZ-Gedenkstätte Dachau, eine Gedenkkundge-

39
Sintizza in der Charlottenstraße in Linden-Süd, aufgenommen von Wilhelm Hauschild am 24. Juli 1961

Josef Laubinger
(Geige) mit Gitarri- bung in der KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen und der in Göt- Roma-Flüchtlinge konnte in der Ausstellung nicht dargestellt
sten aus der Ver- tingen abgehaltene III. Welt-Roma-Kongress rückten Ende der werden, stattdessen haben Diskussions- und Vortragsveran-
wandtschaft beim 1970er/Anfang der 1980er Jahre den nationalsozialistischen staltungen unter Einbeziehung u. a. des Niedersächsischen
Musizieren auf einer Völkermord an den Sinti und Roma und deren Situation im Flüchtlingsrats, von Roma-Initiativen und engagierten kirch-
Festivität, 1960er Nachkriegsdeutschland in das Bewusstsein der deutschen lichen Gruppen die Hardliner-Politik des niedersächsischen
Jahre. Foto: Privatbe- Öffentlichkeit und führten zur Selbstorganisation auf natio- Innenministers Schünemann kritisiert.
sitz naler und regionaler Ebene. Das sich in Berlin im Bau Wer daran interessiert sein sollte, die Ausstellung zu zei-
befindliche Denkmal für die im Nationalsozialismus ermor- gen, kann per E-Mail über die Adresse Wolf-Dieter.Mech-
deten Sinti und Roma bildet durch die damit verbundene ler@Hannover-Stadt.de Kontakt aufnehmen und die Konditio-
symbolkräftige Anerkennung der Schuld an den NS-Verbre- nen besprechen. Die Ausstellung umfasst in der Basisversion
chen einen großen Erfolg der Bürgerrechtsbewegung. 25 Ausstellungstafeln in der Größe 80x100 cm und fünf
Die aktuelle Situation der von Abschiebung bedrohten, Medienstationen mit lebensgeschichtlichen Interviews.<

40
kosovo

Vertreibung, Blei und Straflosigkeit


Unter den Augen der NATO-Soldaten, die gerade noch einen Krieg geführt hatten, um „ethnische Säube-
rungen“ zu stoppen, wurden 1999 zehntausende Roma aus dem Kosovo erneut vertrieben. Vom Europe-
an Roma Rights Centre wurde dies als die „größte Katastrophe für Roma seit dem Holocaust“ bezeichnet.
Von Dirk Auer

Der Krieg der NATO gegen Serbien wurde mit humanitä- Roma-Gemeinschaft ganze 80 unversehrt geblieben. Die
ren Argumenten begründet: Ethnische Säuberungen müs- meisten Roma flohen nach Serbien, Montenegro oder
sten gestoppt werden, notfalls militärisch. Für Roma Mazedonien. Viele versuchten, von dort aus in die west-
schien das nicht zu gelten. Während sich die internatio- europäischen Länder zu gelangen. Schätzungen zufolge
nale Aufmerksamkeit nach Kriegsende auf die Rückkehr wurden von den ehemals etwa 150.000 im Kosovo
der etwa 1,5 Millionen AlbanerInnen konzentrierte, lebenden Roma zwei Drittel aus dem Land getrieben,
begannen albanische ExtremistInnen unter den Augen zusammen mit SerbInnen und anderen ethnischen Min-
der bereits stationierten NATO-Soldaten mit der Vertrei- derheiten.
bung der im Kosovo verbliebenen Minderheiten, vor
allem der SerbInnen und Roma. Bis heute straflos

Erneute ethnische Säuberungen Dass sich die Vertreibungen ausgerechnet unter den
Augen des weltweit größten Militärbündnisses abspielen
Straßenzüge und ganze Stadtteile wurden geplündert, konnten, mag viele Gründe haben: Eine falsche Lageein-
gebrandschatzt und niedergerissen. Alles begann mit schätzung, Überforderung, eine unklare und uneinheitli-
direkten oder indirekten Drohungen oder Einschüchte- che Mandatierung des Nachkriegseinsatzes oder auch
rungen, Steine wurden geworfen, bis plötzlich Männer Verständnis für die vormals „Unterdrückten“, denen man
mit schwarzen Masken auftauchten, die, das Gewehr im ja schließlich zu Hilfe geeilt war. Ebenso bestürzend wie
Anschlag, die Roma aufforderten, ihre Häuser zu verlas- die Ereignisse selbst, ist, dass es nie einen ernsthaften
sen. Die Frist betrug oft nur wenige Stunden, so dass die Aufarbeitungswillen gegeben hat. Für die Vertreibungen,
meisten nur mit dem Notwendigsten entkommen konn- die Morde und Vergewaltigungen des Sommers 1999 ist
ten. Nicht selten kam es auch zu Misshandlungen, Folter von der UN-Verwaltung UNMIK kein/e einzige/r TäterIn
und Vergewaltigungen. vor Gericht gestellt worden. Auch das Kriegsverbrecher-
tribunal in Den Haag hat keine einzige Anklage erhoben,
Auf diese Weise sind im Sommer 1999 und den darauf weil es sich von vornherein nur für Verbrechen vor und
folgenden Monaten in ganz Kosovo die Häuser der während des Krieges zuständig erklärte. Anfragen des
Roma angegriffen worden: Das Wohnviertel Moravska European Roma Rights Centre, die Zuständigkeit des
Mahala in Prishtina, welches sich in guter Wohnlage International Criminal Tribunal for the former Yugosla-
einen Hang entlangzog, wurde vollständig zerstört, alle via (ICTY) auf Gewaltverbrechen gegen Minderheiten
Bewohner wurden vertrieben. In Obiliç sind alle 700 auszuweiten, die nach dem 10. Juni 1999 stattgefunden
Häuser zerstört worden, die BewohnerInnen flohen nach haben, sind ohne Antwort geblieben.
Mazedonien. In Peç sind von den 1.600 Häusern der

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kosovo

Auch gibt es bis heute keine offizielle Entschuldigung – Das Internationale Rote Kreuz forderte in einem Brief an
weder von der kosovarischen Regierung, die sich zum den damaligen Chef der UN-Verwaltung, Sören Jessen-
großen Teil aus ehemaligen UÇK-Mitgliedern zusammen- Petersen, die sofortige Evakuierung der Lager. Von der
setzt, noch von der Internationalen Gemeinschaft selbst, größten medizinischen Tragödie im Kosovo war die
die ja in vielen Fällen tatenlos zusah, wie die Häuser der Rede. Trotz einiger Todesfälle, die vermutlich auf die
Serben und Roma zerstört wurden. Auch große Teile der Bleibelastung zurückzuführen sind, verging ein weiteres
albanischen Bevölkerung entschuldigen oder relativieren Jahr. Erst jetzt begannen die internationalen Medien über
bis heute das Unrecht der Vertreibung damit, dass Roma die Situation in den Lagern zu berichten. Der UN-
an der Seite der SerbInnen schwere Verbrechen began- Sondergesandte Kai Eide sprach im Herbst 2005 in
gen hätten. einem Bericht an den damaligen UN-Generalsekretär
Kofi Annan von einer Schande für die Internationale
Die „Kollaborationsthese“ als Anlass zu Verfolgung, Gemeinschaft.
Vertreibung und Diskriminierung
Auch wenn inzwischen mit dem Wiederaufbau der alten
Zwar gibt es Berichte, wonach Roma sich an Plünderun- Romska Mahala begonnen wurde und die ersten Fami-
gen albanischer Häuser beteiligt haben sollen. Tatsäch- lien nach Süd-Mitrovica zurückgekehrt sind, wiegt die
lich handelt es sich aber um Einzelfälle. Und: Wie lässt Tatsache schwer, dass acht Jahre lang trotz des Wissens
sich durch die trotzdem weit verbreitete „Kollaborations- um die extremsten Belastungen für die Gesundheit meh-
these“ erklären, dass auch diejenigen Roma und Ashkali rere hundert Menschen ihrem Schicksal überlassen wur-
nicht verschont wurden, die vor dem Krieg an der Seite den. Und Mitrovica ist kein Einzelfall: Verheerend waren
der AlbanerInnen standen? In der Stadt Vushtrii, etwa 10 die Zustände ebenfalls lange Zeit in Plementina, einem
Kilometer südlich von Mitrovica gelegen, haben bis 1999 Lager gerade einmal 15 Kilometer von der Hauptstadt
mehrere Tausend Roma gelebt, davon die Hälfte Ashkali. Prishtina entfernt und laut Rotem Kreuz das Schlimmste
Vor allem die Ashkali waren gut in das Leben der Stadt in ganz Europa. Dasselbe Bild bietet sich auch in Lepo-
integriert. Viele hatten eine Ausbildung absolviert und savic, ganz im Norden des Kosovo, wo etwa 700 Men-
übten die unterschiedlichsten Berufe aus. Ihre Kinder schen seit Jahren in armseligen Baracken hausen.
schickten sie in albanische Schulen, sie waren Mitglieder
in albanischen Vereinen. Einige RepräsentantInnen der Negative „Normalisierung“
Ashkali standen sogar auf Seiten der UÇK. Doch auch in
Vushtrii brannten die Häuser – 1999 und dann erneut Die Entwicklung seit Kriegsende kann, wenn man so
während der zweiten großen Vertreibungswelle 2004, als will, als eine Art negative „Normalisierung“ bezeichnet
die deutschen Behörden der Auffassung waren, dass die werden, es ist die Umwandlung jahrhundertealter Roma-
Sicherheitssituation von Ashkali befriedigend sei und Viertel in Ghettos, wie sie sonst auch aus anderen osteu-
bereits die ersten Abschiebungen angeordnet hatten. ropäischen Ländern bekannt sind – Ghettos mit Men-
schen, die ursprünglich relativ gut integriert waren. Und
Lager und Ghettos dies alles vor dem Hintergrund, dass jedes Jahr Geld-
mengen in Milliardenhöhe für Demokratie, den Aufbau
Eine besondere Tragödie der kosovarischen Nachkriegs- der Ökonomie und die Durchsetzung und Einhaltung
geschichte spielte sich in der Stadt Mitrovica ab. Bis zum von Menschenrechten und rechtsstaatlichen Prinzipien in
Krieg lebten hier 8000 Roma in der Romska Mahala, den Kosovo fließen. Die Situation der Roma hat sich
einem der ältesten und größten Roma-Viertel auf dem nach der und durch die Intervention der Internationalen
Balkan. Nach der Zerstörung durch albanische Extremi- Gemeinschaft nicht gebessert – im Gegenteil.
stInnen und der Vertreibung ihrer 8000 BewohnerInnen
Dirk Auer richtete das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR im Nordteil Gab und gibt es deshalb keinen Aufschrei, weil sich die
lebt als freier Korre- der Stadt Flüchtlingslager ein, kaum 500 Meter von einer Öffentlichkeit schon so sehr an das Bild von in Well-
spondent in Sofia, stillgelegten Blei-Mine entfernt. Schon damals bestand blechhütten lebenden „ZigeunerInnen“ gewöhnt hat?
von wo aus er über der Verdacht, dass das Gelände stark bleiverseucht sein Zeigt sich hier vielleicht die Beharrlichkeit des Bildes
die verschiedenen könnte. Im Jahr 2000 wurde das durch erste Messungen von „ZigeunerInnen“ als einer nicht-sesshaften, verelen-
Länder des Balkans bestätigt. Vier Jahre vergingen, bis MitarbeiterInnen der deten Gruppe von AnalphabetInnen, für die Vertreibung
berichtet Weltgesundheitsbehörde WHO erneut die Lager besuch- und das Leben im Slum weniger dramatisch sind – weil
www.balkanbiro.de ten und extrem hohe Bleiwerte im Blut der BewohnerIn- sie es ja schließlich gewohnt sind?<
nen feststellten. 60 Kinder unter sechs Jahren hatten
damals bereits eine schwere Bleivergiftung.

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Kein Weg zurück
Foto: Karin Waringo

Die Regierung im Kosovo strebt nach Unabhängigkeit. Die internationale Gemeinschaft macht Minder-
heitenschutz zur Auflage. Doch den Aufnahmeländern ist mehr daran gelegen, Roma aus dem Kosovo
schnellstmöglich dorthin wieder abschieben zu können. Folglich sind viele Seiten daran interessiert, die
Bedrohung von Roma im Kosovo kleinzureden. Chachipe1 ist eine internationale Lobby-Organisation, die
hier im Interesse der Kosovo-Roma gegenhält. Ein Bericht zur verzwickten Lage zwischen Flucht und
Abschiebung. Von Karin Waringo

Zehn Jahre ist es her, dass die Roma aus dem Kosovo ver- men mit den Serben, als deren Kollaborateure sie galten,
trieben wurden. Wie viele Roma vertrieben wurden, ist zur Zielscheibe von Racheakten und ethnisch motivierter
heute schwer zu ermitteln, da es weder glaubhafte Infor- Gewalt. Ihre Siedlungen, die zum Teil schon seit Jahrhun-
mationen über die Zahl der Roma vor dem Krieg gibt, derten bestanden, wurden abgebrannt und geplündert,
noch umfassende Statistiken über die Zahl der Flüchtlin- ihre BewohnerInnen unter Androhung von Gewalt ver-
ge. Unmittelbar nach Kriegsende sprachen Roma-NGOs trieben, Frauen wurden vergewaltigt, Männer verschleppt
von 100.000 bis 150.000 vertriebenen Roma. Die Zahl der und ermordet. Dutzende von Personen gelten bis heute
im Kosovo verbliebenen Roma ist unbekannt, dürfte aber als vermisst. Die meisten Menschen flohen damals in die
bei knapp 10.000 Personen liegen. Nachbarländer, wo sie oftmals monatelang in Zelten oder
Unmittelbar nach dem Krieg wurden die Roma, zusam- Bretterverschlägen ausharren mussten und zum Teil bis

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Auch in den kommenden Jahren herrschte Gewalt und ein
Klima der Angst. Im August 2005 besuchte ich zum ersten
Mal den Kosovo. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Studen-
tenführer Albin Kurti, der als einer der Wortführer der
Unabhängigkeitsbewegung gilt und bis heute den Abzug
der internationalen Organisationen fordert, eine neue
Welle der Gewalt angekündigt, die noch schrecklicher
werde als die Pogrome des Vorjahres. Ziel dieser Andro-
hungen war es, die internationale Gemeinschaft zu einer
raschen und bedingungslosen Anerkennung der Unab-
hängigkeit des Kosovos zu bewegen, eine Forderung, die
bis heute aktuell ist, wobei es immer wieder zu Angriffen
auf Fahrzeuge und Einrichtungen der internationalen
Organisationen kommt.

Unabhängigkeit an Rückkehr der Roma gebunden

Nach Ende des Krieges und mit der zunehmenden Diskus-


sion um die Unabhängigkeit des Kosovos eröffnet sich für
die Regierungen der Aufnahmeländer eine willkommene
Möglichkeit, sich der unliebsamen Flüchtlinge zu entledi-
gen. Ende 2003 einigten sich die Vertreter der UN-Zivil-
verwaltung mit Vertretern der Übergangsregierung des
Kosovos auf die so genannten Kosovostandards, eine Liste
von Bedingungen, die erfüllt werden müssen, bevor über
eine Unabhängigkeit des Kosovos verhandelt werden
kann. Unter diesen acht Standards ist auch die Rückkehr
der Flüchtlinge, die in der Resolution des UN Sicherheits-
Foto: Karin Waringo
rats, die nach Ende des Kosovokriegs angenommen
heute ausharren. Die, die es sich leisten konnten, gingen wurde, festgeschrieben ist:
in den Westen. Wie dramatisch diese Flucht verlief, zeigt
ein Beispiel: Am 16. August 1999 kamen 105 Roma aus „Die Mitglieder aller Gemeinschaften müssen die Möglich-
dem Kosovo ums Leben, als ihr Boot auf der Fahrt von keit haben, voll und ganz am wirtschaftlichen, politischen
Montenegro nach Italien im Mittelmeer versank. und gesellschaftlichen Geschehen im Kosovo teilzuneh-
men, und dürfen nicht aufgrund ihrer ethnischen Zuge-
In den kommenden Jahren kam hörigkeit in ihrer Sicherheit und
es immer wieder zu Gewalt „Alle Flüchtlinge und Binnenvertriebe- Wohlbefinden gefährdet sein. Alle
gegen Roma – sogenannten ne, die nach Kosovo zurückkehren wol- Flüchtlinge und Binnenvertriebe-
„Zwischenfällen“. Ein grausamer len, müssen in der Lage sein, dies in ne, die nach Kosovo zurückkeh-
Höhepunkt waren die pogrom- Sicherheit und in Würde zu tun.“ ren wollen, müssen in der Lage
artigen Ausschreitungen im sein, dies in Sicherheit und in
Jahre 2004, nachdem kosovari- Würde zu tun.“
sche Medien eine Meldung verbreitet hatten, wonach
KosovoSerben am Ertrinken von drei albanischen Jungen Obwohl diese Forderung im Grunde genommen positiv
mitschuldig gewesen sein sollen. Mehr als 4.000 Personen, ist, da sie nicht nur auf die Rechte der Vertriebenen, son-
mehrheitlich Serben, aber auch Roma und Ashkali wurden dern auch generell auf die Einhaltung der Menschenrech-
damals vertrieben. 800 Häuser wurden zerstört. Die OSZE te im Kosovo besteht, hat sie gerade für die Roma des-
beklagt in einem kürzlich erschienenen Bericht, dass die aströse Folgen. Tatsächlich erscheint es plötzlich so, als ob
Verantwortlichen für diese Ausschreitungen nicht ange- die Minderheiten nach Kosovo zurückkehren müssten,
messen zur Rechenschaft gezogen wurden. In der Tat damit der Kosovo seine Unabhängigkeit erhält. Flüchtlin-
wurde nur gegen knapp 400 Personen überhaupt Ankla- ge, die ich in Mazedonien getroffen habe, erklärten, sie
ge erhoben, während etwa 50.000 Personen an den seien Teil eines internationalen Experiments – ein Gefühl,
Pogromen teilgenommen hatten. das einen bis heute nicht loslässt, wenn man Erklärungen
von PolitikerInnen liest, wonach Roma in den Kosovo

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kosovo

zurückkehren müssten, damit der Kosovo multiethnisch Alternativgrundstück mit dem Argument angeboten
wird. wurde, ihre zerstörten Häuser befänden sich in einer
Schutzzone um ein serbisch-orthodoxes Kloster und
Ende 2007 verabschiedete die kosovarische Regierung könnten daher nicht wieder am gleichen Ort aufgebaut
zwei Dokumente: Die sogenannte „Readmission Policy“, werden. Tatsächlich aber wurde dort, wo einst Ashkali
d.h. die Politik zur Wiederauf- lebten, ein albanischer Friedhof
nahme der Flüchtlinge, und die Wie eine solche Lösung aussehen angelegt, was wohl der Haupt-
„Reintegration Strategy“, die Stra- könnte, sagt freilich niemand grund ist, weshalb man an ihrer
tegie zu ihrer Wiedereingliede- Rückkehr nicht interessiert ist.
rung. Beide Dokumente wurden Weder Arbeit noch politische
damals von der UN-Zivilverwal- Rechte
tung als wichtiger Schritt gepriesen, um einen umfassen-
den Rahmen für die Wiederaufnahme abgeschobener Der Kosovo gilt als das ärmste Land Europas. Fast die
Flüchtlinge zu schaffen, wobei man dazu sagen muss, Hälfte seiner überaus jungen Bevölkerung ist arbeitslos.
dass die Dokumente offensichtlich maßgeblich von Ver- Lediglich der Bausektor boomt, sowie Teile des Dienstlei-
treterInnen der internationalen Gemeinschaft vorbereitet stungssektors, der von der Präsenz der internationalen
und der Kosovoregierung nur noch zur Unterschrift vor- Gemeinschaft lebt. Im Zuge des Krieges und des anhal-
gelegt wurden. tenden Privatisierungsprozesses haben die meisten Roma
ihre Arbeitsplätze bei öffentlichen Betrieben und Verwal-
Begrenzte Aufnahmekapazitäten tungen verloren. Heute macht ihr Anteil an den Beschäf-
tigten von öffentlichen Betrieben weniger als 0,5 Prozent
Die Reintegrationsstrategie, die im Oktober 2007 von der aus, mit Ausnahme der Müllabfuhr, wo die Roma mit
kosovarischen Regierung verabschiedet wurde, beruht auf 13,73 Prozent der Beschäftigten eindeutig überrepräsen-
einer Haushaltsplanung für die Rückkehr von bis 5.000 tiert sind. Auch die internationalen Organisationen
Personen jährlich. Beim Lesen dieses Dokuments wird beschäftigen kaum Roma. Wenn überhaupt, sind diese
allerdings sehr bald klar, dass es vor allem aus politischen zumeist in Projekte eingebunden, die direkt oder indirekt
Willensbekundungen besteht, für die es weder die institu- mit der Rückkehr von Flüchtlingen verbunden sind, was
tionellen Voraussetzungen gibt, noch entsprechende zu Spannungen innerhalb der Gemeinschaft führt. Die
Haushaltsmittel zur Verfügung stehen. So heißt es bei- meisten Roma leben von Gelegenheitsjobs und von den
spielsweise, dass die Arbeitsmarktlage im Kosovo nach Hilfslieferungen der internationalen Organisationen. Mehr
wie vor sehr angespannt sei und sich durch die Rückkeh als jede andere Bevölkerungsgruppe des Kosovos sind sie
der Flüchtlinge weiter verschärfen könnte. Es heißt auch, auf die Überweisungen von Verwandten aus dem Ausland
dass weder die Regierung, noch die Kommunen in der angewiesen.
Lage seien, allen Bedürftigen Wohnraum zur Verfügung zu
stellen. Faktisch bleibt es dabei, dass RückkehrerInnen Unter den Befürwortern der Unabhängigkeit des Kosovo Karin Waringo
lediglich eine vorläufige Unterbringung für die ersten sie- hört man immer wieder, dass der Kosovo ein sehr fort- ist promovierte
ben Tage angeboten wird. Danach müssen sie selber schrittliches rechtliches Rahmenwerk habe, das auch Politologin und
schauen, dass sie eine Lösung finden, wie ein Vertreter einen weitgehenden Schutz der Minderheitenrechte Expertin für Süd-
des kosovarischen Sozialministeriums anlässlich der gewährleiste. Wir haben mehrfach und bereits während osteuropa. Sie ist
Abschiebung einer größeren Gruppe von Personen, Ende der öffentlichen Beratungen um die neue Verfassung des Vorsitzende der
September 2009 mitteilte. Kosovo, die nach der Unabhängigkeitserklärung verab- Menschenrechtsve-
schiedet wurde, darauf hingewiesen, dass die Rechte der reinigung Chachi-
Wie eine solche Lösung aussehen könnte, sagt freilich nie- kleinen Minderheiten keineswegs garantiert sind. In der pe, die sich für die
mand. Viele Häuser von Roma wurden nach ihrer Zerstö- Tat sind viele Bestimmungen der Verfassung, die sich auf Rechte der Roma
rung nicht wieder aufgebaut, noch wurde alternativer so genannte Minderheitenrechte beziehen, wie etwa mut- einsetzt.
Wohnraum bereitgestellt. Die Aufbauprojekte, die von der tersprachlichen Unterricht oder auch die Möglichkeit, die http://romarights.word-
internationalen Gemeinschaften gefördert werden, kon- eigene Muttersprache im Umgang mit der Verwaltung zu press.com/
zentrieren sich sehr stark auf Kosovo-Serben, deren Rük- benutzen, an Machbarkeitskriterien gebunden und hier
kkehr von der Regierung in Belgrad lautstark gefordert hängt es zuletzt vom politischen Willen der zuständigen
und gefördert wird. Kommunen sind oftmals nicht bereit, Behörden ab, ob sie diese Bestimmungen umsetzen. Die
zurückkehrende Roma oder Ashkali aufzunehmen. Dies Roma sind hierbei nicht nur zahlenmäßig benachteiligt,
wird am Beispiel eines von der EU-Kommission geförder- sondern auch dadurch, dass sie keine politische Unter-
ten Rückkehrprojektes in Rudesh bei Pec im Nordwesten stützung haben. Das sieht man z.B. daran, dass das Koso-
des Kosovos klar, wo den ehemaligen BewohnerInnen ein voamtsblatt in den zwei offiziellen Sprachen und Englisch,

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kosovo

sowie zusätzlich in Türkisch und Bosnisch erscheint, nicht ne, Urosevac und Kosovska Mitrovica. Internationale
aber in Romanes, obwohl die Zahl der Personen, die Organisationen wollten diese Informationen nicht bestäti-
Romanes sprechen, vermutlich auch heute noch größer ist gen. Allerdings teilte uns ein langjähriger Mitarbeiter einer
als die Zahl derer, die eine der beiden anderen Sprachen dieser Organisationen informell mit, dass es in der Ver-
sprechen. Der Punkt mag für gangenheit immer wieder zu
Außenstehende zweitrangig In den vergangenen Jahren ist nichts Zwischenfällen gekommen sei,
erscheinen. Allerdings ist abseh- gemacht worden, um eine Rückkehr dass die Roma jedoch Angst hät-
bar, dass das Romanes, das ein der Roma und anderer kleinerer Min- ten, über diese Zwischenfälle zu
wesentliches Element der Iden- derheiten zu ermöglichen berichten.
tität der Roma darstellt, heute im
Kosovo vor dem Aussterben Während der Vorbereitung dieses
steht. Beitrages erreichte mich der Anruf eines Mannes aus
Obilic. Er verließ den Kosovo, nachdem er angegriffen
Ein weiterer wesentlicher Punkt ist, dass man weder den und seine Frau vergewaltigt wurde. Dies geschah weder
Roma noch den anderen kleinen Minderheiten die Mög- 1999, noch 2004, sondern vergangenes Jahr. Sein Asylan-
lichkeit lokaler Selbstverwaltung zugestanden hat, die trag wurde abgelehnt, weil er keine Beweise vorlegen
man den Kosovoserben garantierte. Angesichts der Tatsa- konnte. Zur Polizei war er nicht gegangen, weil er Angst
che, dass Konflikte gerade in den Kommunen auftreten, hatte.
ist es vollkommen unverständlich, dass es auf kommuna-
ler Ebene keine festgeschriebenen Quoten für Minderhei- Keine Abschiebungen in den Kosovo!
tenvertreterInnen gibt und die Posten für stellvertretende
BürgermeisterInnen – die auch für Sicherheitsfragen Ich komme wieder auf meinen Anfang zurück, die Ver-
zuständig sind – jeweils nur den VertreterInnen der größ- treibung der Roma aus dem Kosovo. Diese Vertreibung
ten lokalen Minderheit vorbehalten sind, was in der Regel war kein Teil der Kriegshandlungen. Sie erfolgte erst nach
die Serben sind. dem Krieg, als der Rückzug der jugoslawischen Armee ein
Machtvakuum hinterließ, in das die internationale
Roma von Gewalt bedroht Gemeinschaft viel zu zögerlich und vollkommen unvor-
bereitet einsprang.
Als wesentliches Argument für die so genannte Rückfüh-
rung von Roma gilt, dass sich ihre Sicherheitslage weitge- In den vergangenen Jahren ist nichts gemacht worden, um
hend normalisiert habe und keine nennenswerten, eth- eine Rückkehr der Roma und anderer kleinerer Minder-
nisch motivierten Angriffe auf Roma verzeichnet worden heiten zu ermöglichen. Die internationale Gemeinschaft
seien. Das Problem ist, dass es keine objektive Bestands- hat ihre Politik weitgehend an den Interessen der kosova-
aufnahme über die Sicherheitslage im Kosovo gibt. Diese rischen Elite und der Regierung in Belgrad ausgerichtet.
ist allzu offensichtlich politisch gefärbt und auch hier zeigt 2005 wies der UN-Sonderbeauftragte Kai Eide darauf hin,
sich wieder, dass die Roma keine Lobby haben, die auf dass die kleineren Minderheiten im Kosovo drohten, wei-
ihre Probleme hinweist. Was für uns erschreckend ist, ist ter an den Rand gedrängt zu werden. Er fügte hinzu, dass
die Feststellung, dass die internationalen Organisationen sie in einigen Fällen bereits assimiliert wurden. Trotzdem
sich inzwischen weitgehend auf die Berichte der Kosovo- geschah nichts, um diesen Prozess aufzuhalten.
polizei stützen, wenn sie über so genannte „Zwischenfäl-
le“ berichten. Die Gewalt gegen Roma wird bagatellisiert Roma in den Kosovo abzuschieben ist zynisch und blind.
und in Nachbarschaftskonflikte oder Verwicklung in Im Kosovo gibt es niemanden, der auf sie wartet. Als
Schwarzmarktgeschäfte umgedeutet. Unsere Forderung an Kriegspartei und Teilnehmer der internationalen Friedens-
die internationalen Organisationen einen unabhängigen mission hat Deutschland eine besondere Verantwortung
Bericht über diese Zwischenfälle zu erstellen, lief ins gegenüber diesen Menschen, die durch den rassistischen
Leere. Das Einzige, was wir bisher erreicht haben, ist, dass Völkermord an Sinti und Roma während des Zweiten
einige Zwischenfälle im Bericht des UN-Generalsekretärs Weltkriegs noch um eine historische Dimension erweitert
an den Sicherheitsrat erwähnt wurden, wobei keine Aus- wird.<
sagen über mögliche Hintergründe getroffen werden. In
der Vergangenheit wurden solche Berichte systematisch Dieser Artikel ist auf Grundlage einer Rede von Karin
ausgeklammert. Waringo, gehalten in Göttingen und Berlin am 29. und
30. Oktober 2009, entstanden.
Nachdem wir unseren Bericht veröffentlicht hatten, erhiel-
ten wir weitere Meldungen über Zwischenfälle in Gnjila- 1 http://romarights.wordpress.com

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ns-verfolgung

Niemals und nirgendwo wieder


Rede von Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, zum Anlass des
Gedenktags für die Opfer des Nationalsozialismus, Januar 2010, Landtag Sachsen-Anhalt

Vor nun mehr 65 Jahren, am 27. Januar 1945, befreite siger Friedhof. Für die wenigen Überlebenden ist
die Rote Armee die letzten Überlebenden des Ver- „Auschwitz“ gleichbedeutend mit qualvollen Erinne-
nichtungslagers Auschwitz-Birkenau. Wir gedenken rungen, die sich unauslöschlich in das Gedächtnis
heute all jener Menschen, die der nationalsozialisti- eingebrannt haben. Und auch das Bewusstsein und
schen Herrschaft zum Opfer fielen: weil sie als Sinti, die Identität unserer künftigen Generationen wird
Roma oder Juden geboren worden waren, weil sie geprägt sein von dem schrecklichsten Verbrechen,
behindert oder krank waren, weil sie eine andere dass die Geschichte der Menschheit kennt.
politische oder religiöse Überzeugung vertraten, weil
sie sich zur ihrer Homosexua- Die Aufarbeitung des Jahr-
Es gibt unter uns kaum eine Familie,
lität bekannten oder weil sie zehnte lang geleugneten Holo-
die mit dem Namen „Auschwitz“ nicht
sich in den besetzten Staaten caust an unserer Minderheit
den Verlust von Angehörigen
Europas gegen den national- wie auch das Aufzeigen der
verbindet.
sozialistischen Terror zur Wehr ideologischen und personellen
setzten. All diese Menschen Kontinuitäten aus der NS-Zeit
verbindet das erlittene Unrecht, und ihr gemeinsames waren von Anfang an zentraler Bestandteil unseres
Vermächtnis gilt es auch künftig zu bewahren. politischen Engagements. Vor allem ging – und geht –
es uns darum, uns endlich vom Stigma des Fremden
Der Name Auschwitz ist zum Symbol geworden auch zu befreien und das Bewusstsein zu schärfen, dass
für den systematischen Völkermord an den Sinti und Sinti und Roma seit Jahrhunderten in Deutschland
Roma im nationalsozialistisch besetzten Europa. Es sowie in den anderen europäischen Ländern behei-
gibt unter uns kaum eine Familie, die mit dem matet sind, deren Geschichte und deren Kultur sie
Namen „Auschwitz“ nicht den Verlust von Angehöri- mit geprägt haben.
gen verbindet. Das ehemalige Lagergelände von
Auschwitz-Birkenau ist für uns in erster Linie ein rie-

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ns-verfolgung

Antiziganistische Klischees sind im kollektiven Bewusst- mussten ihre Geschäfte aufgeben oder wurden als
sein der Mehrheitsgesellschaft verwurzelt Arbeiter und Angestellte von ihren Arbeitsplätzen ver-
drängt. Der NS-Staat erließ zahlreiche diskriminieren-
Die Auseinandersetzung mit den gegen unsere Min- de Sonderbestimmungen, die Sinti und Roma in
derheit gerichteten Stereotypen bildet einen Kernbe- ihrem Alltag immer stärker einschränkten.
reich unserer Arbeit. Wir wollen aufzeigen, dass die
Lebenswirklichkeit unserer Menschen grundsätzlich So durften Sinti und Roma in manchen Städten nur
von jenen antiziganistischen Klischees unterschieden zu festgesetzten Zeiten und in wenigen ausgewählten
werden muss, die seit Jahrhunderten im kollektiven Geschäften einkaufen. Die Benutzung von Straßen-
Bewusstsein der Mehrheitsgesellschaft verwurzelt sind bahnen oder Zügen war ihnen verboten. Vermieter
und die auch die Nazi-Propa- wurden unter Druck gesetzt,
Unseren Überlebenden verweigerte
ganda gezielt aufgegriffen und keine Mietverträge mit Sinti
der deutsche Staat die moralische und
verbreitet hat. und Roma abzuschließen und
rechtliche Anerkennung.
bereits bestehende zu lösen.
Tatsächlich waren Sinti und Krankenhäusern wurde die
Roma bereits lange vor der so Behandlung von Sinti und
genannten „Machtergreifung“ Roma untersagt. In Minden
der Nationalsozialisten als Nachbarn und Arbeitskolle- etwa ließ die Stadtverwaltung Schilder aufstellen mit
gen in das gesellschaftliche Leben und in die lokalen der Aufschrift: „Zigeunern und Zigeunermischlingen
Zusammenhänge integriert. Viele hatten im Ersten ist das Betreten des Spielplatzes verboten“. Sinti- und
Weltkrieg in der kaiserlichen Armee gedient und Roma-Kinder wurden vom Schulunterricht ausge-
hohe Auszeichnungen erhalten. Obwohl sie damit schlossen oder – wie es beispielsweise in Köln oder
ihre Loyalität für ihr Vaterland unter Beweis gestellt Gelsenkirchen der Fall war – als so genannte „Zigeu-
hatten, wurden Sinti und Roma nach 1933 ebenso nerklassen“ getrennt unterrichtet. Auch aus der Wehr-
wie Juden vom Säugling bis zum Greis erfasst, ent- macht wurden Sinti und Roma ausgeschlossen.
rechtet, gettoisiert und schließlich in die Todeslager
deportiert. Der nationalsozialistische Staat sprach Sinti Verfolgung und Vernichtung von 1933 bis 1945
und Roma kollektiv und endgültig das Existenzrecht
ab, nur weil sie als Sinti oder Roma geboren worden Im Februar 1941 und im Juli 1942 ordnete das Ober-
waren, und zwar völlig unabhängig von ihrem Ver- kommando der Wehrmacht auf Drängen der Partei-
halten, ihrem Glauben oder ihrer politischen Über- kanzlei noch einmal den Ausschluss aller Sinti und
zeugung. Roma an, und zwar aus „rassepolitischen“ Gründen,
wie es ausdrücklich hieß. Trotz der Fürsprache vieler
Diese mit der so genannten Rasse begründete Poli- Vorgesetzter wurden Angehörige unserer Minderheit,
tik der Endlösung unterschied sich grundlegend von die noch kurz zuvor an der Front gekämpft hatten,
allen Formen der Verfolgung, der Angehörige unserer nach Auschwitz deportiert. Als sie dort eintrafen, tru-
Minderheit über Jahrhunderte hinweg ausgesetzt gen manche noch ihre Uniform oder ihre Auszeich-
waren. Nach Schätzungen fielen europaweit 500.000 nungen, wie sogar der Kommandant von Auschwitz,
Sinti und Roma dem Holocaust zum Opfer, einem Rudolf Höß, in seinen Aufzeichnungen vermerkte.
Verbrechen, das in seinem Ausmaß unvorstellbar
bleibt. Himmler, der als so genannter „Reichsführer SS“ beim
Vernichtungsprogramm der Nationalsozialisten eine
Am Beginn der Verfolgung im NS-Staat stand die Schlüsselrolle spielte, forderte bereits in seinem Erlass
systematische Entrechtung und Ausgrenzung. Die vom 8. Dezember 1938 die „endgültige Lösung der
berüchtigten „Nürnberger Gesetze“ wurden auf Zigeunerfrage“. Eine Schlüsselrolle bei der totalen
Anweisung von Reichsinnenminister Frick in gleicher Erfassung unserer Minderheit spielte die so genannte
Weise auf Angehörige unserer Minderheit angewandt „Rassenhygienische Forschungsstelle“ unter Leitung
wie auf jüdische Menschen. Sinti und Roma sowie von Dr. Robert Ritter, die 1936 in Berlin eingerichtet
Juden standen bald außerhalb jeder Rechtsordnung. worden war und die eng mit dem SS-Apparat koope-
rierte. Mit Unterstützung staatlicher und kirchlicher
Diese systematische Ausgrenzung betraf alle Bereiche Stellen führten Ritter und seine Mitarbeiter im gesam-
des öffentlichen Lebens. So wurden Sinti und Roma ten Reich genealogische und anthropologische Unter-
aus Berufsorganisationen wie der Handwerkskammer suchungen an Sinti und Roma durch. Sie zwangen
oder der Reichskulturkammer ausgeschlossen. Sie die Menschen, Auskunft über ihre Verwandtschafts-

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ns-verfolgung

verhältnisse zu geben, und vermaßen sie von Kopf Sinti und Roma gehörten neben Juden zu den ersten
bis Fuß. Die von Ritters Institut bis Kriegsende erstell- Opfern der industriellen Massentötungen in den neu
ten 24.000 „Rassegutachten“ bildeten eine entschei- errichteten Vernichtungslagern im besetzten Polen. Im
dende Grundlage für die Deportation der Sinti und November 1941 wurden etwa 5.000 österreichische
Roma in die Konzentrations- und Vernichtungslager. Sinti und Roma – ein großer Teil waren Kinder und
Jugendliche – in das Ghetto Lodz deportiert, wo die
Bereits wenige Wochen nach der Entfesselung des SS innerhalb des jüdischen Ghettos ein so genanntes
Zweiten Weltkriegs, am 21. September 1939, „Zigeunerlager“ einrichten ließ. Zuständig für die
beschloss die SS-Führung, dass alle deutschen Sinti Organisation dieser Transporte war Adolf Eichmann.
und Roma sowie Juden in das besetzte Polen depor- Anfang 1942 wurden die überlebenden Insassen des
tiert werden sollten. Als vorbereitende Maßnahme „Zigeunerlagers“ Lodz wie ihre jüdischen Leidensge-
untersagte ein Erlass Himmlers vom Oktober 1939 nossen nach Chelmno gebracht und unmittelbar nach
allen Angehörigen unserer Minderheit, ihre Wohnorte ihrer Ankunft in Gaswagen erstickt.
zu verlassen. Ein halbes Jahr später, am 27. April
1940, ordnete Himmler die Verschleppung von Der als „Zigeunerlager“ bezeichnete Abschnitt des
zunächst 2.500 Sinti und Roma in das so genannte Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau wurde
„Generalgouvernement Polen“ an. In Hamburg, Köln schließlich zum Zentrum des staatlich organisierten
und Hohenasperg bei Stuttgart wurden besondere Völkermords an unserer Minderheit. Im Anschluss an
„Sammellager“ eingerichtet. Im Mai 1940 starteten von den Auschwitz-Erlass Himmlers vom 16. Dezember
dort die ersten Deportationszüge in die Konzentra- 1942 wurden 23.000 Sinti und Roma aus fast ganz
tionslager im besetzten Polen. Für die Mehrzahl der Europa in die Todesfabrik nach Auschwitz deportiert,
verschleppten Männer, Frauen und Kinder war es davon über 10.000 aus Deutschland. Fast 90% unserer
eine Fahrt in den Tod. Sie fielen in der Folge dem Menschen fielen in Auschwitz-Birkenau dem Terror
Hunger und der Kälte, den Misshandlungen und und den mörderischen Lebensbedingungen im Lager
Krankheiten zum Opfer oder wurden von den Mord- zum Opfer oder mussten in den Gaskammern einen
kommandos der SS erschossen. qualvollen Tod erleiden.

Im besetzten Polen sind bisher über 180 Orte Der Name Auschwitz steht für die totale Entmenschli-
bekannt, an denen Sinti und Roma durch Exekutions- chung des Menschen durch den Menschen. Die an
kommandos der SS, der Polizei und der Wehrmacht der so genannten Rampe eintreffenden Frauen, Män-
ermordet wurden. Zu den Opfern zählten sowohl die ner und Kinder wurden zu Nummern degradiert, die
nach Polen deportierten deutschen Sinti wie auch die man ihnen auf den Arm – bei Säuglingen auf den
dort beheimateten Roma. Einer dieser Orte ist das Oberschenkel – tätowierte. Man raubte den Menschen
Dorf Szczurowa. Am frühen Morgen des 3. Juli 1943 den Namen und die Persönlichkeit; jeder Anspruch
umstellte ein Polizeikommando die Häuser der Roma- auf menschliche Würde wurde ihnen aberkannt. In
Familien. Die Menschen wurden aus ihren Betten den Augen der SS waren die Häftlinge bloße Arbeits-
gerissen, mit Leiterwagen zum Friedhof gefahren und sklaven oder Objekte medizinischer Versuche. Ihre
dort erschossen: 94 Männer, Frauen und Kinder. Ihre Ausbeutung war eine totale: bis hin zu den Goldzäh-
Leichen verscharrte man in einem Massengrab. Ihr nen und den Haaren der Ermordeten, die zentral
Hab und Gut wurde geraubt, ihre Häuser niederge- gesammelt und verwertet wurden.
brannt. Wie das Pfarrbuch ausweist, waren Sinti und
Roma seit Generationen in Szczurowa ansässig. Die letzte große Mordaktion an Sinti und Roma in
Auschwitz fand bei der so genannten „Liquidierung“
Das „Zigeunerlager“ in Auschwitz-Birkenau des „Zigeunerlagers“ am 2. August 1944 statt. In einer
einzigen Nacht wurden die letzten 2.900 Überleben-
Ein geografischer Schwerpunkt des Völkermords an den dieses Lagerabschnitts – zumeist Frauen, Kinder
den Sinti und Roma waren die besetzten Gebiete und alte Menschen – von der SS in die Gaskammern
Jugoslawiens, wo Einheiten der Wehrmacht an den getrieben. Niemand kann die Qualen ermessen, die
Massenerschießungen maßgeblich beteiligt waren. die Menschen erleiden mussten. Es ist die spezifische
Harald Turner, Leiter des Verwaltungsstabes beim Verbindung von menschenverachtender Ideologie
Militärbefehlshaber in Serbien, brüstete sich in einem und Barbarei, von kalter bürokratischer Logik und
Vortrag bei General Löhr am 29. August 1942: „Ser- mörderischer Effizienz, die in der Geschichte der
bien einziges Land, in dem Judenfrage und Zigeuner- Menschheit ohne Beispiel ist.
frage gelöst sind“.

49
ns-verfolgung

Antiziganismus nach 1945 gen aufmerksam machte, wurde ein Wandel eingelei-
tet. Träger dieser Emanzipationsbewegung waren die
Der Völkermord an unserer Minderheit wurde jahr- Kinder der Opfergeneration, die im Schatten von
zehntelang verdrängt und geleugnet. Es fand weder Auschwitz aufgewachsen waren.
eine politische noch eine juristische oder historische
Aufarbeitung dieses Verbrechens statt. Unseren Über- Eine wichtige Station in der Bürgerrechtsarbeit mar-
lebenden, die körperlich und seelisch von Verfolgung kierte der an Ostern 1980 in der Gedenkstätte Dach-
und KZ-Haft gezeichnet waren, verweigerte der deut- au durchgeführte Hungerstreik, über den in den
sche Staat die moralische und rechtliche Anerken- Medien bis in die USA sehr ausführlich berichtet
nung. wurde. Unser damaliger Protest richtete sich gegen
die verweigerte Anerkennung als Opfer des National-
Den Funktionsträgern aus dem ehemaligen Amt V sozialismus und gegen die ideologische wie personel-
des „Reichssicherheitshauptamtes“ gelang es nach le Kontinuität insbesondere in den Polizeibehörden,
Kriegsende, Schlüsselpositionen im neu aufgebauten die die rassistische Sondererfassung von Sinti und
Polizeiapparat zu besetzen. Dafür mussten sie ihre Roma auf der Grundlage der Aktenbestände aus der
maßgebliche Rolle bei der Organisation des Völker- Nazizeit fortführten. Im Februar 1982 wurde der Zen-
mords an den Sinti und Roma systematisch ver- tralrat Deutscher Sinti und Roma mit Sitz in Heidel-
schleiern oder verharmlosen. Um sich selbst zu entla- berg gegründet. Diese Dachorganisation vertritt seit-
sten, rechtfertigten die ehemaligen SS-Offiziere die her auf nationaler wie internationaler Ebene die Inter-
Deportationen von Sinti und Roma in die Vernich- essen der in Deutschland lebenden Sinti und Roma.
tungslager als vorgeblich „kriminalpräventiv“.
Diese Verfälschung der historischen Tatsachen, die Ein weiterer Meilenstein war die Eröffnung des Doku-
sogar Eingang in die Urteile höchster deutscher mentations- und Kulturzentrums deutscher Sinti und
Gerichte fand, war nicht nur eine Verhöhnung der Roma in Heidelberg mit der weltweit ersten Dauer-
Opfer, sie stellte die Prinzipien von Rechtsstaatlichkeitausstellung zur Verfolgung und Vernichtung unserer
und demokratischem Neubeginn radikal in Frage. Minderheit im NS-Staat im Jahre 1997. In seiner Eröff-
nungsansprache hat der dama-
Dass die ehemaligen Täter die Allein in Ungarn fielen im letzten Jahr lige deutsche Bundespräsident
Deutungsmacht über ihre mindestens sieben Angehörige unserer Roman Herzog die historische
Opfer erlangten, war eine ent- Minderheit dem rechten Terror zum Dimension der Vernichtung mit
scheidende Weichenstellung Opfer, ohne dass ein öffentlicher folgenden Worten ausgedrückt:
für die Rezeption des Völker- Aufschrei erfolgt wäre.
mords an unserer Minderheit „Der Völkermord an den Sinti
in der bundesrepublikanischen und Roma ist aus dem glei-
Nachkriegsgesellschaft. Diese chen Motiv des Rassenwahns,
war geprägt von einer nahezu mit dem gleichen Vorsatz und
bruchlosen Kontinuität rassisti- dem gleichen Willen zur plan-
scher Denkmuster über „Zigeuner“, die unmittelbar mäßigen und endgültigen Vernichtung durchgeführt
an die nationalsozialistische Rassenideologie anknüpf- worden wie der an den Juden. Sie wurden im gesam-
ten. Zudem gab es bis in die Siebziger Jahre hinein ten Einflussbereich der Nationalsozialisten systema-
kaum zivilgesellschaftliche Kräfte, die zu diesen staat- tisch und familienweise vom Kleinkind bis zum Greis
lich legitimierten Zerrbildern und der hierauf gegrün- ermordet.“
deten gesellschaftlichen Ausgrenzung unserer Minder-
heit ein wirksames Gegengewicht gebildet hätten. So Dieses Zitat ist Teil der Chronologie, die am nationa-
war die Wissenschaft an der Konstruktion rassistischer len Holocaust-Denkmal für die ermordeten Sinti und
Stereotype über Sinti und Roma auch nach 1945 maß- Roma am Berliner Reichstag angebracht wird. Das
geblich beteiligt. von dem international renommierten Künstler Dani
Karavan gestaltete Denkmal ist in seiner politischen
Die Selbstorganisation der Sinti und Roma Bedeutung kaum zu überschätzen. Im Herzen der
in Deutschland deutschen Hauptstadt gelegen, von wo der Holocaust
einst geplant und vorbereitet wurde, reicht die Sym-
Erst mit der politischen Selbstorganisation der Betrof- bolkraft dieses Denkmals weit über die Grenzen
fenen und der Gründung einer Bürgerrechtsbewe- Deutschlands hinaus.
gung, die seit Ende der Siebzigerjahre auf ihr Anlie-

50
ns-verfolgung

Aufarbeitung der Vergangenheit in besonderer Weise gegen Angehörige unserer Min- Romani Rose ist
derheit richtet. Vorsitzender des
Das Vermächtnis der Opfer der nationalsozialistischen Zentralrats Deut-
Menschheitsverbrechen kann nicht darin bestehen, Die jahrzehntelange Verdrängung der Vernichtung scher Sinti und
Schuld zu zementieren oder den nachgeborenen von Sinti und Roma ist eine wesentliche Ursache Roma. 13 Mitglieder
Generationen aufzubürden. Vielmehr sehe ich dieses dafür, dass die tief verwurzelten Stereotype über seiner Familie wur-
Vermächtnis in der besonderen Verpflichtung der Völ- unsere Minderheit kaum etwas von ihrer Wirkungs- den in NS-Vernich-
kergemeinschaft als Ganzes, diesen Abgrund von mächtigkeit verloren haben. Auch in der Berichterstat- tungslagern ermor-
Unmenschlichkeit niemals wieder zuzulassen. Das tung sind Sinti und Roma zuweilen einer Form der det.
Primat der universell gültigen Menschenrechte darf Darstellung ausgesetzt, die an längst überwunden
niemals und nirgendwo zugunsten kurzfristiger politi- geglaubte Denkmuster erinnert.
scher oder wirtschaftlicher Interessen geopfert wer-
den. Selbst Vertreter bürgerlicher Parteien scheuen in man-
chen Ländern nicht davor zurück, sich in populisti-
Erlauben Sie mir in diesem Zusammenhang noch scher Manier aus dem Arsenal tief verwurzelter antizi-
einige Anmerkungen zur gegenwärtigen geschichts- ganistischer Klischees und Zerrbilder zu bedienen,
politischen Diskussion. Die notwendige Auseinander- um auf Stimmenfang zu gehen. Dieses Schüren von
setzung mit dem Unrecht der SED-Diktatur darf nicht Vorurteilen um des eigenen politischen Vorteils willen
dazu führen, dass die historische Einmaligkeit des bereitet dem organisierten Rechtsextremismus und
Holocaust an den Sinti und Roma sowie an den seiner rassistischen Ideologie den Weg in die Mitte
Juden relativiert wird. Formulierungen wie jene von der Gesellschaft. Verschärft durch die Wirtschaftskrise
den „beiden deutschen Diktaturen“ verwischen die und die Suche nach Sündenböcken entsteht so ein
fundamentalen Unterschiede zwischen dem Vernich- gesellschaftliches Klima, das die Schwelle für Gewalt-
tungskrieg im nationalsozialistischen besetzten Euro- taten immer stärker sinken lässt. Allein in Ungarn fie-
pa, der im deutschen Namen begangen wurde und len im letzten Jahr mindestens sieben Angehörige
dem Millionen unschuldiger Männer, Frauen und Kin- unserer Minderheit dem rechten Terror zum Opfer,
der zum Opfer fielen, und dem nach 1945 begange- ohne dass ein öffentlicher Aufschrei erfolgt wäre.
nen Unrecht.
Die historische Verpflichtung ernst nehmen!
Selbstverständlich ist es notwendig und moralisch
geboten, der unschuldigen Opfer anderer diktatori- Menschen- und Minderheitenrechte sind unteilbar.
scher Regime würdig zu gedenken. Jedoch dürfen wir Wer den mörderischen Antiziganismus nicht ebenso
es nicht zulassen, dass Nazi-Täter, die später in die konsequent ächtet wie den Antisemitismus, wer ihm
Mühlen des stalinistischen Unrechtssystems geraten mit Passivität, Gleichgültigkeit oder Halbherzigkeit
sind, einseitig zu Opfern stilisiert werden. Mit ande- begegnet, der stellt nicht nur die Glaubwürdigkeit der
ren Worten: es muss eine klare Trennlinie geben zwi- europäischen Wertegemeinschaft von Grund auf in
schen der persönlichen Verstrickung in NS-Verbre- Frage, sondern verrät all das, wofür Auschwitz als
chen und den unschuldigen Opfern stalinistischer unsere gemeinsame historische Verpflichtung steht.
Verfolgung.
Gerade die Gedenkstätten und ihre Stiftungen, die In einer Zeit, in der ökonomische Zwänge und Ver-
einen elementaren Beitrag für unsere Erinnerungsar- wertungsdenken immer mehr Lebensbereiche beherr-
beit leisten, stehen hier in einer besonderen Verant- schen, ist es umso wichtiger, grundlegende Werte der
wortung. Menschlichkeit glaubhaft zu vermitteln. Ob uns dies
gelingt, ist möglicherweise von entscheidender
Verdrängung und Kontinuität Bedeutung für die weitere Entwicklung unseres
Gemeinwesens.
Umso erschreckender ist es, wenn wir uns die Men-
schenrechtssituation unserer Minderheit in vielen Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.<
europäischen Staaten über 70 Jahre nach der Entfes-
selung des Zweiten Weltkriegs durch Hitler-Deutsch- Gekürzte Fassung
land vergegenwärtigen. Wir erleben in der jüngsten
Vergangenheit nicht nur ein Erstarken rechtsextremer
Parteien und Gruppierungen, sondern auch eine dra-
matische Zunahme von rassistischer Gewalt, die sich

51
Bild: Archiv

„Wir bleiben hier – alle!”


Roma kämpfen für ein dauerhaftes Bleiberecht in Deutschland: Über 400 Roma demonstrierten 1993
auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte in Dachau gegen ihre Abschiebung. Von Agnes Andrae

Mehrere hundert Roma suchten vom 16. Mai bis 8. Congress. Ziel der Aktion war, ein dauerhaftes
Juli 1993 Zuflucht in der Versöhnungskirche auf Bleiberecht für Roma in Deutschland zu erlangen.
dem Gelände der KZ-Gedenkstätte in Dachau, um
sich gegen ihre bevorstehende Abschiebung zu Wir vollziehen die Aktion anhand eines Presse-
schützen. Organisiert wurde die so genannte spiegels der damaligen Agenturmeldungen nach.
„Roma-Fluchtburg” unter anderem von der Roma-
Union in Süddeutschland und dem Roma National

52
gekämpfte kämpfe

1993: Roma in Deutschland „Ich will hier keine Unruhen”

Die Zufluchtsuchenden waren zum größten Teil Zunächst baten 40 von ihnen um Kirchenasyl in
abgelehnte AsylbewerberInnen, die eine Abschie- der evangelischen Versöhnungskirche, die sich auf
bung nach Mazedonien oder andere Gebiete des dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers
ehemaligen Jugoslawiens befürchteten. befindet. Unterstützt wurden die Roma vom ehren-
Es gibt von staatlicher wie von kirch- amtlichen Arbeitskreis Asyl in
Mit dem Ausbruch des licher Seite kein Recht, den Aufenthalt Dachau und dem Münchener
Jugoslawienkrieges 1991 der Roma in der KZ-Gedenkstätte wei- Bündnis gegen Rassismus.
nahm auch die Zahl der ter zu dulden. Am Anfang waren die
Roma-Flüchtlinge aus den Zufluchtsuchenden vom
Krisengebieten zu. Dem Münchener Dekan der evan-
Kriegsausbruch und ihrer gelischen Kirche und dem
jahrhundertelangen Ausgren- Pfarrer der Versöhnungskir-
zung und Diskriminierung che willkommen geheißen
zum Trotz versagte die BRD die Unterzeichnung worden, der Protest verlief friedlich. Dies war auch
der UN-Resolution 62 vom 5.3.1992 zum „Schutz ganz im Sinne des Präsidenten der Roma-Union in
der Roma”. Diese Resolution hätte die Roma offi- Süddeutschland, Jasar Demirov, der laut dpa vom
ziell als „ethnische und kulturelle Minderheit” aner- 24.6.1993 sagte: „Ich will hier keine Unruhen”.
kannt. Darüber hinaus kam es durch den Ende Diese friedliche Zusammenarbeit der Protestieren-
1992 veranlassten so genannten „Asylkompromiss” den mit der Kirche sollte jedoch schnell vergessen
zu einer absehbaren Verschärfung des Asylrechts sein: Vom 9. bis 13. Juni fand unter dem Motto
in Deutschland. Die Möglichkeit, in Deutschland „Nehmet einander an” der evangelische Kirchentag
Asyl zu erhalten, sollte mit Hilfe einer Änderung auf dem Gedenkstätten-Gelände statt. Nach Been-
des Grundgesetzes im Juni 1993 erheblich einge- digung des Kirchentages sollte auch das menschli-
schränkt werden. Durch das so genannte „Rück- che Motto des Kirchentags rasch verblassen. Das
übernahmeabkommen” mit Rumänien von Novem- bayerische Innenministerium drohte mit polizei-
ber 1992 hatten die Roma zudem die Abschiebung licher Räumung und Abschiebung der mittlerweile
in ein Land zu fürchten, in dem ihre Diskriminie- über 400 Roma, falls diese die KZ-Gedenkstätte bis
rung aufs Schärfste betrieben wurde. zum 20. Juni nicht verlassen sollten. Die Kirche
unterstützte diese Forderung und befand in ihrer
Der Wege in die Pressemitteilung vom 18. Juni mit dem Titel „Wir
„Roma-Fluchtburg” haben unsere Möglichkeiten ausgeschöpft”, dass
„es von staatlicher wie von kirchlicher Seite kein
Im Vorfeld der Roma-Zuflucht in Dachau gab es Recht gäbe, den Aufenthalt der Roma in der KZ-
bereits einige Protestaktionen. Diese waren nur Gedenkstätte weiter zu dulden”. Jasir Demirovs
durch die verstärkte Aktivität der einzelnen Roma- Antwort darauf war, wie die Süddeutsche Zeitung
Flüchtlinge, ihrer Vereine und Unterstützerorgani- am 20.6.1993 schrieb, „Wir bleiben hier - alle.”
sationen möglich. Den Startpunkt dieser dichteren Lediglich Pfarrer Heinrich Bauer und Diakon Peter
Vernetzung stellt der weltweit beachtete Hunger- Klentzan standen weiterhin auf der Seite der
streik 1980 dar. Dabei protestierten zwölf Sinti und Roma.
Roma für eine Entschädigung ihres Leidens wäh-
rend des Zweiten Weltkriegs eine Woche lang auf Um die Öffentlichkeit zu beruhigen, die zuneh-
dem Gelände der KZ-Gedenkstätte in Dachau. mend empört auf die Aussagen der Kirche reagier-
Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre kam es te, folgte am 24. Juni ein Angebot des Landeskir-
zu Protestaktionen in Köln, Tübingen und Neuen- chenrats der Evangelischen-Lutherischen Kirche.
gamme. Ein weiterer Versuch der Besetzung des Den Roma sollte kein allgemeines Bleiberecht
ehemaligen Konzentrationslagers in Neuengamme ermöglicht werden, sondern ihr Problem sollte mit
1993 scheiterte jedoch. Laut einer dpa-Meldung Hilfe von „nochmalige(n) juristische(n) Einzelfall-
vom 17.5.1993 zogen mehr als 100 Roma von Neu- prüfung(en)”, wie es in der Pressemitteilung vom
engamme weiter nach Dachau und ließen sich 24. Juni heißt, gelöst werden. Dieses Angebot soll-
dort am 16. Mai auf einem Kornfeld vor der te aber nur für etwa 30 bis 40 der Betroffenen gel-
Gedenkstätte nieder. ten und hatte wenig Aussicht auf Erfolg, da viele
der Asylanträge der Roma in der Vergangenheit

53
gekämpfte kämpfe

bereits als „offensichtlich unbegründet” abgelehnt Protestmarsch durch Süddeutschland


worden waren. Die Roma und ihre UnterstützerIn-
nen lehnten das Angebot daher ab. Um ihren For- Die Protestaktion ging jedoch weiter. Einer dpa-
derungen Nachdruck zu verleihen, organisierten Meldung vom 8. Juli zufolge verließen bereits am
die Betroffenen zusammen mit anderen Gruppen 7. Juli etwa 250 Menschen in 35 Fahrzeugen das
am 3. Juli eine Demonstration in Dachau. KZ-Gelände. Sie zogen in Richtung Straßburg zum
europäischen Parlament. Sie wollten beim Europäi-
Beckstein greift durch schen Gerichtshof für Menschenrechte eine Klage
wegen politischer Verfolgung einreichen. Darüber
Der Protest sollte jedoch nicht mehr lange andau- hinaus waren Gespräche mit Vertretern des Euro-
ern. Nach 53 Tagen in der KZ-Gedenkstätte wurde parates und des Europäischen Parlaments über ein
er auf Geheiß des damaligen bayerischen Innenmi- dauerhaftes Bleiberecht geplant. An der deutsch-
nisters Günther Beckstein beendet. Am 7. Juli französischen Grenze in Kehl musste die Gruppe
wurde vom bayerischen Kultusministerium, das auf stoppen. Weil ihnen Ausweise oder Visa fehlten,
dem Dachauer Gelände das Hausrecht besitzt, bei durfte die Mehrzahl der Betroffenen die Grenze
der Innenbehörde Strafantrag gegen die Roma nicht passieren. Am 8. Juli meldete AFP, dass
gestellt. Einer AP-Meldung vom 8. Juli lässt sich bereits 300 französische Bereitschaftspolizisten auf
die Begründung entnehmen: „Der Zustand konnte die Gruppe der Roma warteten, um diese im
nicht länger geduldet werden. Die Kirchen haben Ernstfall von der Grenzüberschreitung abzuhalten.
sich am Ende ihrer Möglichkeiten gesehen.” Das Nach einigen Schwierigkeiten mit der Stadt Kehl
letzte Angebot der Kirchen, die Betroffenen nach und dem vergeblichen Versuch, die Grenze zu
genauer Feststellung ihrer Personaldaten und ihres überschreiten, mussten die Protestierenden die
Herkunftslandes in Stadt wieder verlassen. Am 16. Juli begannen sie
300 französische Bereitschaftspolizisten warte-
anderen kirch- einen Protestmarsch durch Süddeutschland und
ten bereits auf die Gruppe der Roma, um diese
lichen Einrichtun- zogen unter anderem durch die Städte Offenburg,
im Ernstfall von der Grenzüberschreitung
gen unterzubrin- Lahr, Herbolzheim, Freiburg, Villingen, Singen,
abzuhalten.
gen, wurde von Konstanz und Großschönach. Bereits in Kehl fan-
vielen Roma abge- den zahlreiche Gespräche statt, unter anderem mit
lehnt. Weil ihnen dem Generalsekretär des Europarates Peter Leup-
eine Anzeige recht und Ken Coates, dem Vorsitzenden des
wegen Hausfrie- Unterausschusses für Menschenrechte im Europa-
densbruchs droh- parlament. Diese und andere Parlamentarier sicher-
te, zogen die ten den Roma ihre Unterstützung zu. Eine Delega-
Roma vom Gelände auf den davor liegenden Park- tion von 260 Roma schaffte es schließlich nach
platz um. Sie kündigten einen Hungerstreik an, um Genf und protestierte dort gegen ihre drohende
Agnes Andrae der polizeilichen Räumung zu entgehen. Kurz vor Abschiebung.
studiert Soziale Ablauf der von Beckstein gestellten Frist um Mit-
Arbeit in München ternacht des 7. Juli '93 verließen die Roma den Und heute?
und arbeitet beim Parkplatz jedoch freiwillig, da die Polizei mit Per-
Bayerischen Flücht- sonalkontrollen drohte. Dies hätte eine sofortige Heute, 17 Jahre später, hat sich die Situation der
lingsrat Abschiebung von einigen Betroffenen zur Folge Roma in Deutschland wenig verbessert. Gegenwär-
gehabt. Den Abschluss machte eine Kundgebung tig sind etwa 10.000 Roma in Deutschland von der
am 8. Juli auf dem Marienplatz in München, die Abschiebung in den Kosovo bedroht. Das so
Jasir Demirov, laut einer dpa-Meldung vom selben genannte „Rückübernahmeabkommen” vom
Tag, mit den Worten „weniger eine Kundgebung November 2008 zwischen der deutschen und
als eine Abschiedsfeier” beschrieb. kosovarischen Regierung macht die Abschiebun-
gen rechtlich möglich. Das bedeutet für viele
Wie AP am 9. Juli meldete, machte Beckstein klar, Roma, in ein Land zurückkehren zu müssen, in
dass er ähnliche Protestaktionen in Zukunft bereits dem ihre Diskriminierung auch von staatlichen
im Ansatz verhindern und das neue Asylrecht kon- Stellen praktiziert wird.
sequent durchsetzen wolle.

54
Münchner Umkreis nach
Dramatischer Moment Kirchen, die uns für die
Durchführung weiterer
Herr Klentzan, bitte schil- Bild. Kirchenasyle geeignet
dern Sie die Eindrücke von schienen, also auch poli-
damals, die Ihnen am stärk- In den Medienberichten tisch agieren wollten. Wir
sten im Gedächtnis geblie- wird immer wieder deut- haben uns dann um die
ben sind. lich, dass die Betroffenen, Unterbringung und
die Kirche und die Unter- Betreuung der Menschen
Peter Klentzan: Die für stützerInnen teils unter- gekümmert. Viele sind
mich intensivsten Augen- schiedlicher Meinung aber nach Straßburg wei-
blicke lagen in dem Zei- waren. Wie haben sie das ter gezogen, wo sich der
traum vor und am Tag empfunden? Protest sozusagen zerbrö-
des Verlassens der selt hat.
Gedenkstätte. In der Die Gruppe veränderte
Gruppe der Zufluchtsu- sich, als Rudko Kawczyns- Wie sehen sie aus heutiger
chenden und der Unter- ki vom Roma National Sicht den Erfolg der
stützerInnen war ein Congress sich an den Pro- Aktion?
Kampf spürbar, ein ständi- testen beteiligte. Durch
ges Hin und Her, was sein Dazustoßen teilten Viele der Länder, aus
man tun solle. Dies war sich die Beteiligten: Die denen die Roma von
ein dramatischer Moment. Gruppe von Jasir Demirov damals stammten, sind
Was mir auch besonders von der Roma Union Süd- bald Mitglieder der EU
im Gedächtnis geblieben deutschland wurde domi- geworden oder waren es
ist, ist die Tatsache, dass niert von dem politisch bereits. Die Belange der
am Anfang etwa zwei erfahreneren und profes- Roma sind mittlerweile
handvoll Menschen in der sionellerem Rudko Kawc- zum Thema innerhalb der
Kirche Zuflucht suchten zynski. Erstere wollten EU geworden. Damals
und sich daraus ein riesi- das Angebot des Innenmi- war der Protest für viele
ges Zeltdorf mit etwa 400 nisteriums annehmen und eine Chance, so lange in
Beteiligten entwickelt hat. das Gelände unter der Deutschland zu bleiben,
Den starken Regen, der Bedingung verlassen, dass bis sich die Lage in ihrem
die Kirche und den keine Personalien kontrol- Heimatland zumindest
Gesprächsraum für einige liert würden, und dann etwas verbessert hat.
Zeit überschwemmte, weiter nach Straßburg zie- Zumindest konnte erreicht
werde ich auch nie ver- hen. Kawczynski wollte werden, dass die Belange
gessen. Die Menschen der Forderung, das Gelän- der Roma heute auf der
waren komplett durch- de zu verlassen, nicht Agenda der EU stehen
nässt und haben trotzdem nachgeben. Dadurch und das ist ganz gewiss
weitergemacht. Das Zeltla- waren natürlich auch die ein Erfolg, der auch durch
ger hat insgesamt die Unterstützergruppen die Roma-Zuflucht in
Gedenkstätte für kurze geteilter Meinung. Dachau angestoßen wor-
Zeit unübersehbar verän- den ist.<
dert: Aus einem Ort, an Wie sahen sie das Angebot
dem man der Toten des Landeskirchenrats der
gedenkt, wurde ein leben- Evangelischen-Lutheri-
diger Platz, auf dem Kin- schen Kirche, die Fälle im
der spielten und die Leute Einzelfall zu prüfen?
grillten. So habe ich die
Gedenkstätte nur einmal Das sollte nach meiner
erlebt. Wenn ich heute Meinung jeder Betroffene
daran zurück denke, ist für sich selbst entschei-
das ein fast unwirkliches den. Wir suchten im

55
romantik

Citizens of Planet Paprika

Shantel, Kusturica und die Haltbarkeit linker „ZigeunerInnenromantik“. Von Steffen Greiner

„Die Zigeuner in meinem Film überleben wie Insekten, zige Aussage des gebürtigen Bosniers, der sich als Jugo-
nach dem Prinzip der Selektion auf Grund von Farb- und slawe versteht und heute dem serbischen Nationalismus
Formschönheit der Flügel“, sagt: Regisseur Emir Kusturica ebenso nahe zu stehen scheint wie grenzenloser Toleranz,
1999 über seinen damals jüngst erschienenen Film die in diese Richtung geht. Zu untersuchen wäre, inwie-
Schwarze Katze, Weißer Kater.1 weit nicht doch im heutigen reflektiert-studentischen Bal-
kan-Trend Grundmuster ebenjener alten Stereotype zu fin-
Einen Artikel über den komplexen Zusammenhang von den sind, die Menschen gelebter Wirklichkeit entziehen,
Antiziganismus, „ZigeunerInnenromantik“ und Popkultur sie zu exotistischen Projektionsflächen machen und letzt-
mit Kusturica beginnen zu lassen, ist doppelt sinnvoll. lich – wie Kusturica – zu Schmetterlingen.
Nicht zuletzt seinen Filmen, insbesondere eben Schwarze
Katze, Weißer Kater, der mit bukolischen „Zigeunerhoch-
zeiten“ seinen Weg in den linksliberalen Filmkanon gefun- Wandel des „ZigeunerInnenbildes“
den hat, ist er zuzuschreiben, der sogenannte Balkan-
Hype: Rumänische Blaskapellen in bestuhlten Mehrzwek- Der sozialhistorische Blick macht diese Grundmuster
khallen, Gypsy Groove-Partys in den Mittelstädten, Miss deutlich. Die ersten Roma2 gelangen im frühen 15. Jahr-
Platnum im Feuilleton der FAZ. Zugegebenermaßen: Anti- hundert nach Mitteleuropa und treffen dort auf eine
ziganismus stellt man sich anders vor. Untanzbar. Und Gesellschaft in dynamischem Wandel, in Prozessen, aus
selbst im Bewusstsein, dass die Romantisierung des „lusti- denen die moderne bürgerlich-patriarchale Disziplinarge-
gen ZigeunerInnenlebens“ die Abwertung von Sinti, sellschaft hervorgehen wird. Eine Zeit der Widersprüche:
Roma, Jenischen gleich mitproduziert – mit Schmachtgei- Humanismus und Hexenverfolgung, Renaissance und Völ-
gen haben Shantels Beats doch kermorde in der Neuen Welt lie-
nun wirklich nichts mehr zu tun.
Im Hass gegen das „herrenlose gen zeitlich fast parallel. Dazu
Oder? Das ist der zweite Aspekt,
Zigeunervolk“ rebelliert das bürger- wird eine neue Form von Herr-
den Kusturicas Aussage mittrans-
liche Subjekt gegen das Eingesperrt- schaft und Macht etabliert, die
portiert – und es ist nicht die ein-
sein in einer neuen Hörigkeit. die alten Strukturen und Identitä-

56
romantik

ten umwirft. Mit der Rationalisierung des Lebens, der arbeitet3: Die invasierenden Aliens im modernen Science-
Erhöhung der Wissenschaft zur diskursiven Leitideologie Fiction-Film seien nicht zuletzt Spiegel der Ängste vor der
wird das Subjekt neu formuliert: Als Bürger, Citoyen, Auslöschung der Mehrheitsgesellschaft durch MigrantIn-
Bourgeois. Mit der Festigung dieser Positionen einher geht nen – das sind in seinem Untersuchungsfeld die kaliforni-
allerdings der Wandel in der Wahrnehmung der „Frem- schen Hispanos, die ihrerseits stark antiziganistisch aufge-
den“, der Roma: Standen sie zunächst als PilgerInnen laden sind. Von den prächtigen Raumschiffen dieser Filme
unter dem Schutz der Herrschaft, gelten sie bald als Sün- einmal ganz abgesehen – sind das nicht letztlich vielleicht
derInnen, als NachfahrInnen jener biblischen ÄgypterIn- ferne Echos der reich geschmückten Zigeunerwagen des Stefan Hantel
nen, die der Heiligen Familie auf ihrer Flucht die Hilfe Märchenbuchs? … besser bekannt als
verweigerten und nun zur Strafe keine Heimat finden. Shantel
Diese Umwandlung hat allerdings einen sozialen Kern: In Die Traditionslinie der „ZigeunerInnenromantisierung“
dem/der „ZigeunerIn“ spiegelt sich die frühbürgerliche
Abscheu vor dem/der arbeitsfähigen BettlerIn, dem/der Wenn also, wie eben dargestellt, der/die „ZigeunerIn“
deklassierten PlebejerIn und dem/der landlosen BäuerIn; gehasst wird, weil in diesem sich das bürgerliche Subjekt
Gestalten, die durch die neue Gesellschaftsform auftreten an ein verdrängtes Selbst erinnert, das missioniert (oder
und die zunächst sehr ähnlich beschrieben und verfolgt gleich ausgelöscht) werden muss, überhöht die Romanti-
werden, bis sich im Laufe der Jahrhunderte alle Stigmati- sierung den/die „ZigeunerIn“ mit der gleichen Begrün-
sierungen – Arbeitsscheu, Wanderdrang, Kriminalität - auf dung, der dennoch eine geistige Abwertung und Auslö-
die exotischste Außenseitergruppe übertragen. schung nicht fern liegt. Natürlich muss dabei unterschie-
den werden: Ich möchte mich hier auf eine Traditionslinie
Projektive Rebellionen gegen die moderne beziehen, die, das ist freilich diskussionswürdig, als eine Schwarze Katze –
Disziplinargesellschaft „linke“ konstruiert werden kann, als eine, deren politi- weißer Kater
sches und soziales Interesse über platte Exotismen hin- Kusturicas märchen-
Psychologisch kann das so gedeutet werden: Im Hass ausgeht, im Kontrast etwa zur Gestalt der Carmen oder hafte Projektionswel-
gegen das „herrenlose Zigeunervolk“ rebelliert das bür- Operetten, wie dem Zigeunerbaron. ten
gerliche Subjekt gegen das Eingesperrtsein in einer neuen
Hörigkeit. Antiziganismus erkläre sich daher aus der Konstruierten wir diese Traditionslinie, sie führte von der
Abspaltung fremd gewordener Selbstanteile – das ver- Romantik, in der die „ZigeunerInnenromantisierung“ als
drängte, unbewusste Eigene wird im als beunruhigend Reaktion auf die Verdiskursivierungen des Lebens im
erfahrenen Fremdsein des/der Anderen wachgerufen, ruft Zuge der Aufklärung stattfindet, über Franz Liszt (der etwa
eine Identifikation hervor und die westliche, dekadente Kultur
macht den/die AnderEn unfrei-
Wir haben den Heimatbegriff auf mit der Authentizität der „Zigeu-
willig zum Träger des Unbewus-
den Kopf gestellt und etwas Schönes, nerInnen“ anfachen will, selbst
sten, im Falle der „ZigeunerIn“:
Spannendes und Glamouröses wieder einen Zugang zur Natur
der heilen Welt, des hierarchie-
daraus gemacht. (Shantel) zu finden - natürlich auf einer
freien Naturzustands, gegen des- reflektierteren Ebene), und sei-
sen Verlockung der Antiziganismus vorgeht. Frühe Verfol- nen Zeitgenossen, dem Sammler „zigeunerischer Gedich-
gungen scheinen diese These zu bestätigen – es geht nie te und Märchen“ Heinrich von Wlislocki (Auf den Punkt
darum, dass Roma tatsächlich eine Gefahr der Ordnung gebracht: Der/die „ZigeunerIn“ ist indogermanischen
darstellen, es geht um Ansteckungsgefahr. Dass Sinti und Geblüts und sollte daher vom deutschen Volke adoptiert
Roma übrigens zwangsläufig als Träger dieses Wortes werden, damit es etwas über seine/ihre eigene Kindheit
„ZigeunerIn“ gedacht werden, ist eine Idee, die erst im erfahre, der der/die „ZigeunerIn“ nahesteht), bis hin zur
wissenschaftlichen Rassismus des 19. Jahrhunderts festge- Jahrhundertwende.
schrieben ist – weswegen auch in diesem Beitrag zwi-
schen dem Label „ZigeunerIn“ und real existierenden Die Bohéme als Sprengmeisterin der bürgerlichen Fesseln
Sinti, Roma und anderen Gruppen begrifflich getrennt
wird. In der Krisenzeit des Fin de siècle, kann sich der/die
„ZigeunerIn“ so sogar als wichtiger Antriebsmotor der
Wenn man sich demnach so einen Antiziganismus ohne modernen Gesellschaft fühlen; natürlich nicht in Gestalt
Roma vorstellt, einen strukturellen Antiziganismus analog von Sinti und Roma, sondern in Form der Bohème, die
zum strukturellen Antisemitismus, wird man sehen, dass ihren Namen von einer alten französischen Bezeichnung
antiziganistische Grundmuster sich heute dort halten, wo für ZigeunerInnen übernimmt (Bohémien = Böhme). Juli-
von Roma keine Rede mehr ist, beispielsweise bei der an Bab übersetzt den Begriff 1904 entsprechend mit „Kul-
Rede vom „faulen Arbeitslosen“ oder, wie Mike Davis aus- turzigeunerIn“: Ein merkwürdiger, störrischer Menschen-

57
romantik

schlag von exzentrischen KünstlerInnen, der sich von den tion bei uns ist die Frage nach Heimatgefühl geschichtlich
bürgerlichen Fesseln gelöst hat, manchmal freilich Alko- gleichgesetzt mit den ganzen negativen Erfahrungen aus
holexzesse und – Gott bewahre! – praktischen Anar- der Nazizeit. Aber auf der anderen Seite ist das Leben in
chismus auslebe – aber eben auch Gradmesser der urba- Städten wie Berlin, Frankfurt und Hamburg heute sehr
nen Freiheit. lebenswert. Wir sind eine kosmopolitische, demokratische
Gesellschaft, mit all ihren Abgründen, natürlich, und den-
Ob es Zufall sein mag, dass das ideologische Nachfolge- noch oder gerade deshalb sucht man identitätsstiftende
modell eben jener Bohème, der US-amerikanische Hipster Momente, die den nationalistischen Aspekt von Heimat
der 1950er Jahre, ebenfalls mit rassisierten Zuschreibun- überwinden. Bucovina Club ist die beste Antwort darauf.
gen fassbar wird? Ist es beim Bohémien der/die „Zigeune- Wir haben den Heimatbegriff auf den Kopf gestellt und
rIn“, die ein naheliegendes Rollenbild für Freiheit inner- etwas Schönes, Spannendes und Glamouröses daraus
halb des korsettsteifen bürgerlichen Umfelds bot, so gemacht.“4
beschreibt Norman Mailer in seinem einflussreichen Essay
von 1957 die neue Erscheinung (und so seinen Ausweg Nanu - Balkanmusik als Ersatz für Nationalstolz? Wo
aus einer als krisenhaft empfundenen Weißen Männlich- Kusturica die „ZigeunerInnen“ abfeiert, weil sie ihn diffus
keit) als white negro – als „weißen Neger“. Fakt ist jeden- irgendwie wieder in seine Kindheit und sein gesegnetes
falls, dass auch die Generation Land Jugoslawien versetzen, hört
der Hippies und Beatniks sich Kusturica, Shantel und irgendwie Shantel also „ZigeunerInnenmu-
stets gerne der „ZigeunerInnen- auch wir machen das ganz wie die sik“, weil er da endlich mal
romantik“ hingab, meist sogar in frühromantischen Dichter, entziehen Mensch in seinem geilen Kosmo-
identifikatorischer Absicht: Jimi die „ZigeunerInnen" dem wahren politInnenland sein darf, ohne
Hendrix etwa, der die Gypsys in Lebenund stellen sie in eine kindlich- dass ihm das die - wiedermal -
zahlreichen Liedern besingt magischeWelt, in ein jenseitiges Nazis verübeln? Die kulturelle
(damit nicht selten seine früh ver- „ZigeunerInnenreich.” Aneignung des/der „ZigeunerIn“
storbene Mutter meint) und sein als KosmopolitIn der Traumzeit,
letztes Album mit der Formation als ErlöserIn von Geschichte und
Band of Gypsys einspielte; eben- Schuldbewusstsein – und ergo:
so Bob Dylan oder Jim Morrison, Shantel als „White Gypsy“? Wo
dessen IndianerInnen-Faszination strukturell dem „Zigeu- Kusturica sich nach den Nationalismusvorwürfen, die mit
nerInnen-Mythos“ ebenfalls nahe steht. dem Film Underground auf ihn eingeprasselt sind, mit
Schwarze Katze, Weißer Kater eskapistisch in eine Mär-
„ZigeunerInnenmusik“ zur Neuentdeckung eines chenwelt stürzt, sucht auch Shantel offensichtlich eine
kosmopolitisierten Heimatgefühls heile Welt jenseits der Komplexitäten europäischer
Geschichte.
Von hier aus lässt sich dann wieder der Kreis schließen,
schließen wir auf zur heutigen Faszination, zu Beirut, Alter Wein in neuen Schläuchen
Gogol Bordello; zu „echten“ Roma-Bands wie Fanfare Cio-
carlia und Mahala Rai Banda. Zu Wort kommt Stefan Han- Trotzdem glaube ich nicht, dass die gesamte Begeisterung
tel, besser bekannt als Shantel, dessen Bucovina Club-Ver- für Balkan- oder speziell Roma-Musik auf Schuldverdrän-
anstaltung ebenso wie die gleichnamigen Compilations zu gung basiert – und das sicher nicht nur, weil ich mich
den Ausgangspunkten des Balkan-Hypes zu zählen sind. selbst irgendwie dieser Szene zugehörig fühle. Ich glaube
In einer Selbstdarstellung, erschienen im Rahmen eines vielmehr, dass der Balkan-Trend der letzten Jahre sich gar
„Global-Pop“-Specials der Spex, stellt sich der Frankfurter nicht von den „ZigeunerInnen-Romantisierungen“ der Ver-
DJ als Innovator vor, der die Vorherrschaft inhalts- und gangenheit unterscheidet, die, wie aufgezeigt wurde,
gefühlsarmer angloamerikanischer Musik gebrochen immer dann auftraten, wenn in einer bestimmten Gruppe
habe: „Die Musik, die ich auflege, ist Rock’n’Roll, nur dass das Gefühl von Zwang und Fesseln allzu groß geworden
sie nicht auf Rhythm & Blues basiert, sondern auf Anar- ist – sei es durch Aufklärung und Industrialisierung, durch
chie, Romantik und lokalen südosteuropäischen musikali- Degenerationsdiskurse im 19. Jahrhundert, sei es durch
schen Dialekten. Gleich der erste Bucovina-Abend ging die gesellschaftliche Militarisierung oder die Erkenntnis
damals von 0 auf 180 steil. Ein extrem breit gefächertes der eigenen Fehlbarkeit im 20. Jahrhundert - und kein
Lustig & Naiv Publikum hat sich auf eine Sache einigen können und anderes Ventil zur Verfügung stand, wo der Unmut an bür-
Ja, so ist es wohl, das den Bucovina Club kurzerhand zu einem Stück Heimat gerlicher Gesellschaft nicht in Verweigerung und Unge-
„Zigeunerleben”… erklärt.“ Denn, und man wird doch stutzig: „Heimat ist horsam, sondern in Projektion und Identifikation übersetzt
keine Region, sondern ein Gefühl. Für eine junge Genera- wird. Kusturica, Shantel und irgendwie auch wir machen

58
romantik

Antiziganismus und
das ganz wie die frühromanti- Kleinwagen, die es kaum abwar-
Romantik gehen parallele Wege.
schen Dichter, entziehen die ten kann, fröhlich loszuspielen?
„ZigeunerInnen“ dem wahren Jenes, das so prominent ist, dass
Leben und stellen sie in eine kindlich-magische Welt, in es auch den Titel des lesenswertesten Buchs über die
ein jenseitiges „ZigeunerInnenreich“. Mit der Konsequenz Roma-Musik des Balkans schmückt – Princes Amongst
der Auslöschung der Menschen letztendlich, auf die das Men von Garth Cartwright? Ein Buch übrigens, das Stere-
Bild projiziert wird - während in der wirklichen Welt wir, otype dekonstruiert, überraschende Perspektiven bietet – Carmen grüßt
der/die KünstlerIn selbst, zum Statthalter der Poesie und und dann im Untertitel, zu deutsch: Unterwegs mit Gypsy- electric gypsyland
Magie werden. Antiziganismus und Romantisierung gehen Musikern, dreist zugunsten des Klischees lügt: Der einzi-
parallele Wege. ge, der hier unterwegs ist, ist der Autor, der über den Bal-
kan reist, um Persönlichkeiten zu besuchen, die (fast ist
Auf den aktuellen Balkan-Trend übertragen hieße das: Es man versucht zu schreiben: „ganz normal“), in festen Häu-
ist nicht umsonst genau die Generation die Protagonistin sern wohnen.
des Hypes – und das lässt sich ja extraordinär gut ein-
kreisen auf weiße AkademikerInnen – die sich selbst Antiziganismus ganzheitlich wahrnehmen!
einem gewaltigen Zukunftsdruck ausgeliefert sieht, die
regelmäßig als Generation Krise, als Generation Prekariat Umso wichtiger sind Projekte wie diese Ausgabe von
durch die Diskurse und Quatschblätter geistert; es sind ja Hinterland. Die Beschäftigung mit Antiziganismus hat
nicht umsonst eben wir, die wir uns jenen Zwängen erge- innerhalb der deutschen Linken lange Zeit kaum Raum
ben, die mitspielen bei Bologna und Wir nennen es gefunden, obwohl reale Diskriminierung von Sinti und Fanfare Ciocarlia
Arbeit, die eben nicht real rebellieren, sondern letztend- Roma bis heute eine offensichtliche Tatsache ist. Ob es an Meister der Selbstver-
lich in diesem wilden Tanz beim Club Balkanska, beim der bequemeren Romantisierung lag, an der Idealisierung kitschung
Bucovina Club und den Balkan Beats, in diesen hilflosen von Wagenplätzen und unbürgerlicher Lebensweise? Wer
Folkloreimitationen hoffen, ein bisschen was von einer heute Antiziganismus kritisch betrachten will, darf nicht
kindlichen, unschuldigen Freiheit wiederzuerlangen, eine bei EU-Politik aufhören, sondern dort, wo reflektierte, 1
Radakovic, Z.:
Freiheit, die wir dann letztendlich, wiederum mit nichts politisch bewusste Menschen abends Schnurrbärte auf- ‚Den Balkan kann
anderem zu assoziieren in der Lage zu sein scheinen als schminken, um zu „authentisch feuriger“ (textlich übri- man ohne Ivo
mit - … gens häufig einem heteronormativen Kitsch verhafteter) Andric nicht begrei-
Roma-Blasmusik zu tanzen. Kusturica, Shantel und ihr fen’. Interview mit
Antiziganisitische Bilder leben in der gegenwärtigen künstlerischer Ausdruck sind das eine. Wir KonsumentIn- Emir Kusturica; in:
Popkultur auch bildlich fort nen aber sollten so langsam wissen, dass niemand auf Novo 39, März/April
dem Planeten Paprika lebt, wo es, wie Shantel auf seinem 1999
Das wäre die komplexere Beweisführung. Eine offensive- so betitelten letzten Album formuliert, keine Passkontrol-
re könnte so aussehen: Warum muss eigentlich das World- len und keine Hierarchie gibt. Niemand – und am wenig- 2
Ich folge hier der
Music-Label Putumayo seine Genre-Compilation Gypsy sten vielleicht die heutigen Roma.< Argumentation von
Caravan (2001) nennen? Gut, meinetwegen – warum sie Frank Maciejewskis
dann aber mit einem Cover ausstatten, das wirkt, als hätte Aufsatz: ‚Elemente
der in den 1960ern sehr gefragte „Zigeunerforscher“ Her- Steffen Greiner des Antiziganismus’;
mann Arnold, zu dessen wissenschaftlichen Leistungen studiert Kulturwissenschaft in Marburg. Texte und Nicht- in: Giere, J. (Hg.):
die Entdeckung des „Bastardisierungsgrades mitteleuropä- Texte zu Irrsinn und Körpern, Drehtüren und immer wie- ‚Die gesellschaftliche
ischer ZigeunerInnen“ gehörte, seinen Hang zur Naiven der: Pop (u. a. in testcard). Konstruktion des
Malerei entdeckt? Warum kommt selbst eine progressive, Zigeuners’, Frank-
jeglichen Ruf nach Authentizität in Frage stellende furt 1996.
Zusammenstellung wie Electric Gypsyland 2 (2006), die
Originale von u. a. dem Kocani Orkestar neben Remixe 3
Mike Davis: ‚Öko-
von Meta-Pop-Bands wie Animal Collective und Tunng logie der Angst. Los
stellt, nicht ohne das stereotypisierte Bild der hypersexu- Angeles und das
alisierten tanzenden Zigeunerin vom Typ Carmen aus? Leben mit der Kat-
Aus welchen Gründen hat ausgerechnet jenes Bandphoto astrophe’, München
besagter Fanfare Ciocarlia, ohnehin, unterstelle ich mal 1999.
(vielleicht ja zu unrecht?), Meister der Selbstverkitschung
als Marketingstrategie, längst seinen festen Platz in der 4
Shantel in: Spex
Ikonographie der aktuellen Strömung gefunden; jenes, September/Oktober
das eine Band auf Reisen zeigt, in einem alten, rostigen 2007

59
betteln

Europa macht wieder Jagd


auf bettelnde „Zigeuner“
Seit dem EU-Beitritt Rumäniens und Bulgariens haben Maßnahmen gegen bettelnde Roma wieder
Hochkonjunktur. Dabei bedient man sich gezielt antiziganistischer Motive, die durch diese Maßnahmen
weiter gestärkt werden. Von Karin Waringo

Eine junge Frau betritt die Eingangshalle des Pariser Ost- Tarja Halonen, die als Urheberin des „Europäischen
bahnhofs. Mit ihren langen schwarzen Haaren, die bis an Forums der Roma und Fahrenden“ gilt, nach Bukarest,
die Taille reichen, und ihrem knöchellangen Rock ist sie um dort mit ihrem Amtskollegen Traian Bascescu über
unschwer als „typische Zigeunerin“ zu erkennen. Binnen die Integration der Roma zu diskutieren. Medienberich-
weniger Sekunden schwirren Sicherheitskräfte von allen ten zufolge erklärte sie ihm, dass sie seine Einstellung
Seiten herbei und führen die Frau ab. Solche oder ähnli- über die allgemeine Freizügigkeit für Personen innerhalb
che Szenen wiederholen sich tagtäglich überall in Euro- der EU zwar schätze, die Präsenz rumänischer BettlerIn-
pa. Nach einer kurzen Ruhephase hat man bettelnde nen aber die finnische Bevölkerung und die Medien
Roma wieder als Thema entdeckt, mit dem man Stim- schockiert habe. Betteln sei in Finnland kein Beruf,
men einfangen und Einschaltquoten in die Höhe treiben dozierte die Präsidentin.
kann.
Während bei entsprechenden Maßnahmen gegen Roma
Ein Ausschnitt: In Italien war es eine Reihe medial aufge- ganz offensichtlich antiziganistische Motive mitwirken,
bauschter Straftaten, die zu einer regelrechten Hetzjagd die sie als eine Fortsetzung und Verlängerung von Maß-
auf Roma führte. Nach der brutalen Ermordung einer 47- nahmen erscheinen lassen, mit denen Roma seit Jahr-
jährigen Italienerin, die einem rumänischen Rom angela- hunderten in ganz Europa verfolgt und an den Rand der
stet wurde, ordnete die Regierung schärfere Maßnahmen Gesellschaft gedrängt werden, bemüht man sich den-
gegen sogenannte illegale EinwandererInnen an. Landes- noch darum, scheinbar objektive Kriterien vorzubringen,
weit durchforsteten BeamtInnen die sie als gerechtfertigt
Romalager und erfassten ihre „Bitte seien Sie kaltherzig!“ erscheinen lassen. Dieser
BewohnerInnen erkennungs- Münchner OB Christian Ude Rechtfertigungsdruck ergibt sich
dienstlich. Hunderte von Roma auch daraus, dass Bettelverbote
wurden des Landes verwiesen, vielerorts nicht mehr systema-
andere flüchteten, um einer tisch angewendet werden oder
Abschiebung zu entgehen. Im österreichischen Graz, das im Rahmen einer gesetzlichen Liberalisierung sogar auf-
der Bürgermeister in einem Zeitungsinterview als „Bett- gehoben wurden. Folglich erfindet man „erschwerende
lerhauptstadt Österreichs“ bezeichnete, denkt man inmit- Gründe“, die das Betteln der Roma als besonders gravie-
ten des Landeswahlkampfs über ein „sektorales Bettel- rendes Phänomen erscheinen lassen.
verbot“ nach. In Genf hat der Stadtrat vor wenigen
Wochen beschlossen, dass Roma, die mit ihren Kindern Vorwurf Nummer 1: Organisiertes Betteln
betteln oder diese zum Betteln „anleiten“, die Fürsorge
entzogen werden kann. Dem vorausgegangen war ein Ein Beispiel gibt der Münchner Oberbürgermeister Chri-
langer Kampf, bei dem bettelnde Roma zunächst mit stian Ude. Auf seiner Website fordert der Oberbürger-
Strafzetteln traktiert und ihre Einnahmen beschlagnahmt meister die MünchnerInnen auf: „Bitte seien Sie kalther-
wurden. zig!“ Die „Bettelei“ sei ein „angereistes Phänomen“. Ude
erläutert, „die Bettler kommen straff organisiert aus süd-
Zum Beispiel Menschenrechts-Musterstaat Finnland östlichen Beitrittsländern der EU und wollen mit häufig
effektvoll inszenierter Bedürftigkeit den schnellen Euro
In Finnland reagierte man pikiert, als sich kurz nach kassieren“.
dem Eintritt Rumäniens und Bulgariens in die EU, rumä-
nische Roma in den Straßen von Helsinki und anderen Belegt wird die These der „Organisiertheit“ oft mit dem
Städten niederließen und PassantInnen um Almosen Hinweis, dass die Roma mit Bussen oder Autos an ihren
baten. Im Juni 2008 begab sich die finnische Präsidentin „Einsatzort“ gebracht werden. So berichtet der Medien-

60
„Ich habe Hunger!” bettelnde Romani im Pariser Stadtbild

Foto: Karin Waringo

chef der Züricher Polizei, Marco Cortesi, dass die Roma Die ominösen Hintermänner
mit Bussen durch die Schweiz fahren. Die Polizeiin-
spektion Freilassing warnt: „Wie die Polizei festgestellt Ein spanischer Journalist der Zeitung „Diario de Navar-
hat, ist die Bettelei großteils organisiert. Kleinbusse brin- ro“, der sich eine Stunde lang, als „Bettler“ getarnt, vor
gen die Leute, die größtenteils aus osteuropäischen Län- der Kirche San Nicolás in Pamplona auf die Lauer legte,
dern stammen, in die Stadt, um ihnen im Nachhinein das berichtete dass „Vereinigungen“ in Gruppen, manche
Geld abzunehmen“. Die finnische Zeitung „Helsingin von ihnen in „Luxusautos“, zu ihren „Posten“ kommen
Sanomat“ meldet, dass die Bettler mit Minibussen über würden, um dann am Abend wieder zu verschwinden.
die baltischen Staaten nach Finnland gebracht würden. Der spanische Journalist will auch bemerkt haben, dass
Sie zitiert außerdem einen „Fall“, bei dem Ende Novem- sie sich „wie Mafiosi“ verhalten und einmal am Tag die
ber vergangenen Jahres, die Polizei in Österreich einen Gelder einsammeln.
Minibus aufgehalten habe, in dem insgesamt 27 Rumä-
nen eingezwängt gewesen seien. Der „Helsingin Sanomat“ berichtete im November 2007
über die Festnahme einer „kriminellen Bande“ im rumä-

61
betteln

nischen Birchis, die Roma nach Finnland gebracht habe. der europäischen Polizeibehörde EUROPOL zu Wort
Die Zeitung stellte empört fest, dass die „Bandenchefs ... kommen, der berichtete, dass die Kinder von ihren
Häuser, Autos, Gold und Bargeld [hatten].“ Sie errechne- Eltern gegen eine „Leihgebühr“ an „Clanchefs“ abgege-
te auch, dass allein die Überfahrt von Rumänien ein ben würden, die sie nach Westeuropa bringen und dort
lukratives Geschäft ist. Im Zusammenhang mit dem zur Straßenkriminalität zwingen würden.
österreichischen Fall, wo angeblich 27 Personen mit
einem Kleintransporter befördert wurden, schrieb sie: Keine Belege für „organisierte Banden“ und „Hintermänner“
„Nehmen wir mal an, dass jeder von ihnen 200 Euro für
die Überfahrt zahlen musste, dann hat der Reiseveran- Die Polizei hält sich ihrerseits mit Aussagen in dieser
stalter insgesamt 5400 Euro mit nach Hause genommen, Angelegenheit äußerst bedeckt. Gerade in Bezug auf
dafür dass er seine menschliche Fracht abgeliefert hat.“ Kernaussagen, wie beispielsweise die These, dass die
Bettelei organisiert sei, gibt es so gut wie keine Informa-
Vorwurf Nummer 2: Ausbeutung bettelnder Kinder tionen. Marion Thuswald, die sich im Rahmen ihrer
Diplomarbeit mit dem Phänomen der Bettelei beschäftigt
Dieser Vorwurf ging implizit den Maßnahmen voran, die hat und sich dabei besonders auf „Bettlernnen“ aus Ost-
in Genf, aber auch in Helsinki getroffen wurden. Zei- europa konzentrierte, stellt in einem Artikel fest: „Auf
tungsberichten zufolge beschloss eine genaue Definition von
Wenn wir nichts tun, wird es immer
man Ende 2007 in Helsinki, dass ‘Organisiertheit’ scheint bewusst
mehr, und, vor allem, schicken sie dann
es rechtmäßig sei, Roma die verzichtet zu werden. Einerseits
immer mehr ihre Kinder.
Kinder weg zu nehmen, wenn wird mit diesem Begriff im
sie mit ihnen betteln gingen. In öffentlichen Diskurs die Nähe
Luxemburg rechtfertigte die Poli- zum ‘organisierten Verbrechen’
zei ihr hartes Vorgehen gegen bzw. ein Ausbeutungsverhältnis
rumänische BettlerInnen damit, dass Inaktivität nur zu suggeriert, andererseits sieht die Polizei bereits drei Per-
einer Ausweitung des Phänomens führe. „Wenn wir sonen, die sich bewusst zum Betteln verabreden (auch
nichts tun, wird es immer mehr, und, vor allem, schicken Großmutter, Mutter und Tochter), als organisiert an“.
sie dann immer mehr ihre Kinder“, erklärte Kristin Marion Thuswald führt außerdem die Stellungnahme
Schmit von der städtischen Polizei: Sie fügte hinzu, die eines anzeigenden Beamten an, in der es heißt: „Der
Polizei könne das nicht akzeptieren, da die Kinder – als Verdacht der organisierten Bettelei liegt auch dann vor,
europäische Kinder – der Schulpflicht in Luxemburg wenn drei oder mehrere Personen in verabredeter Ver-
unterliegen würden. bindung der Bettelei nachgehen, ungeachtet dessen, ob
sie verwandt sind oder nicht“
Das Bemerkenswerte an diesen Berichten ist die Tatsa-
che, dass sie mit relativ wenig Fakten auskommen. Dort, Im Kommunalen Sicherheitsbericht der Stadt Esslingen
wo es diese Fakten gibt, stammen sie in der Regel von heißt es: „‘Organisiertes’ Betteln liegt vor, wenn das Bet-
der Polizei. So berichtete die Londoner „Times“ im Janu- teln nicht der Beseitigung einer Notlage einer einzelnen
ar 2008 über die angebliche Zunahme von Taschendieb- Person dient, sondern eine systematische Einnahme- und
stählen in der englischen Hauptstadt. Die Zeitung Gewinnerzielungsabsicht dahinter steht. Diese Bettelform
erwähnte unter anderem eine Hausdurchsuchung, bei geht oftmals einher mit Mitleid erregenden Demutsgesten
der 27 rumänische Roma, darunter 16 Kinder, in einem und -haltungen der bettelnden Personen.“ Allerdings
Vorort von London aufgegriffen worden waren. Hinter- wendet der Bericht einschränkend ein: „In der täglichen
grund dieses Artikels war ganz offensichtlich eine PR- Praxis gestaltet es sich äußerst schwierig, die Existenz
Aktion der Londoner Polizei. von ‘organisierter Bettelei’ nachzuweisen“. Der Grazer
Polizeidirektor, Helmut Westermayer, der offensichtlich
Im April vergangenen Jahres veröffentlichte die dänische von Politikern missbräuchlich mit der Aussage zitiert
Lokalzeitung „Kolding Ugavies“ einen Artikel, in dem sie worden war, 80 Prozent der Bettelei in Graz sei organi-
ihre LeserInnen vor der Rückkehr der „Sigøjnere“ in der siert, erklärte Anfang dieses Jahres: „Die Zahlen kann ich
Stadt und Umgebung warnte. Diese würden, so die nicht bestätigen, dafür müssten wir eine Statistik führen“.
Anschuldigung, falschen Schmuck verkaufen. Recher-
chen ergaben, dass die Zeitung lediglich einen Warnhin- Die Polizei kann keine Zahlen vorweisen, die belegen
weis der Polizei übernommen und mit Anekdoten aufbe- könnten, dass die Bettelaktivitäten von Roma „banden-
reitet hatte. Im Sommer berichteten österreichische mäßig organisiert“, und die Bettler von „kriminellen Ban-
Medien über die Ausbeutung rumänischer Romakinder den“ ausgebeutet werden.
durch Menschenhändler. Der Artikel ließ einen Experten

62
betteln

An Belegen fehlt es auch der Politik Europa jagt bettelnde Roma Karin Waringo
ist promovierte
Im Februar 2004 richtete der belgische Abgeordnete Fra- In mehreren Ländern hat die Polizei inzwischen Spezia- Politologin und
nçois-Xavier de Donnéa eine schriftliche Anfrage an den leinheiten eingerichtet, die sich auf „Zigeunerkriminalität“ Expertin für Süd-
Föderalen öffentlichen Dienst, dem das Ausländeramt spezialisieren. Dabei geht es sowohl um Diebstahl, osteuropa. Sie ist
untersteht, zum Thema „Kinderbettelei“. Er wollte wis- „Menschenhandel“, als auch „organisierte Bettelei“, die Vorsitzende der
sen, wie viele Erwachsene und Kinder in Belgien betteln allesamt vage definiert und miteinander gleichgesetzt Menschenrechtsve-
würden, wie viele Personen wegen Menschenhandels werden. So richtete die Polizei in Saint Denis, einem reinigung Chachi-
verfolgt würden und wie viele Kinder aus der Obhut Vorort von Paris, bereits 2004 eine Sondereinheit „Spar- pe, die sich für die
von Erwachsenen entfernt worden seien, die sie ausbeu- gator“ ein, das rumänische Wort für Dieb, deren Ermitt- Rechte der Roma
ten. lungen die Grundlage für mehrere Razzien in Baracken- einsetzt.
Obwohl der Innenminister zu keiner dieser Fragen auch lagern lieferten, in denen osteuropäische Roma leben. http://romarights.word-
nur ansatzweise Zahlen nennen konnte, wusste er, dass Die Kölner Polizei schuf das Sondereinsatzkommando press.com/
sich „hinter diesen Praktiken richtige Organisationen ver- „Tasna“, das sich auf jugendliche StraßendiebInnen aus
bergen“. Diese seien meist auf familiärer Basis organisiert dem ehemaligen Jugoslawien spezialisierte. Britische und
und würden ihre Landsleute in ihren Ländern rekrutie- rumänische PolizistInnen haben sich im Rahmen von
ren: „Der Organisator steckt die gesamten Einnahmen EUROPOL zu einem gemeinsamen Ermittlungsteam
der Aktivitäten ... ein“. zusammengeschlossen, das die „Ausbeutung rumänischer
Romakinder durch Mitglieder ihrer Gemeinschaft“ unter-
Auf die parlamentarische Anfrage des griechischen Euro- sucht.
paabgeordneten, ob die EU-Kommission „Zahlen oder
sonstige Angaben zu dieser Form des organisierten Ver- In einem Aktivitätenreport berichtet das rumänische
brechens [organisierte Bettelei]“ habe, antwortete der frü- Innen- und Verwaltungsministerium über eine Reihe
here Kommissar für Justiz, Freiheit und Sicherheit, Jac- gemeinsamer Polizeiaktionen, die im Sommer und Früh-
ques Barrot, im Februar dieses Jahres, die Kommission herbst 2007 in der Umgebung von Rom durchgeführt
habe eine allgemeine Studie über das Phänomen „Men- wurden. Wesentliches Ziel dieser Aktionen seien die
schenhandel“ initiiert, deren Ergebnisse noch im glei- Romalager, die Ausbeutung von minderjährigen Kindern
chen Monat vorliegen sollten. Außerdem würde die für kriminelle Zwecke und Prostitution in Rom gewesen.
Kommission eine weitere Studie initiieren, die sich spezi- Außerdem habe es Aktionen gegeben, „um die Personen
fisch mit dem Problem bettelnder Kinder befassen zu identifizieren, die betteln oder die Windschutzschei-
werde. ben von Autos in den Straßen waschen, sowie Obdach-
lose“. Im schweizerischen Bern richtete der Leiter der
EUROPOL beschreibt in ihrem Jahresbericht zum Thema Fremdenpolizei, Alexander Ott, im März vergangenen
Menschenhandel in der Europäischen Union lediglich Jahres das Pilotprojekt „Agora“ ein, das zum Ziel hatte
einen nicht näher identifizierten Einzelfall, aus dem sie „organisierte Bettlerbanden [zu] bekämpfen und von
schließt, dass die „Menschenhändler klare Gewinnerwar- Bern fernzuhalten. Bei einem landesweiten Treffen
tungen hätten, die zwischen 20 000 und 30 000 Euro pro beschlossen die Polizeivorsitzenden mehrerer Schweizer
Monat lägen, und dass in der Herkunftsstadt der Men- Kantone einen verstärkten Informationsaustausch zum
schenhändler in Rumänien vil- Die Polizei in Saint Denis hat eine Thema „Bettler“. Angedacht sei
lenartige Häuser gebaut worden Sondereinheit namens „Spargator“, auch der Aufbau einer gemein-
seien. In dieser Gegend würde nach dem rumänischen Wort für Dieb. samen Datenbank, wie sie
der Bau von Häusern, die mehr bereits für die „gitans“ (deutsch:
als 100 000 Euro kosten würden, Zigeuner) bestehe.
eine klare Botschaft abgeben,
dass sich Straftaten lohnen. Der Bericht ähnelt in verblüf- Mit dem Einsatz dieser Einheiten erhöht sich nicht nur
fender Weise den Aussagen des Experten für Menschen- der Druck auf die Menschen, die keine andere Überle-
handel. Auch der Jahresbericht zum Thema „organisierte bensmöglichkeit haben, als auf der Straße zu betteln. Sie
Kriminalität“ enthält kaum greifbare Informationen. Hier tragen außerdem zu einer gesellschaftlichen Stigmatisie-
heißt es lediglich. „Organisierte kriminelle Romagruppen rung aller Sinti und Roma bei, die als Volk von Bettlern
aus Rumänien beherrschen den Kinderhandel. In Fällen, und Dieben gebrandmarkt werden.<
in denen Kinderopfer identifiziert wurden, wurde festge-
stellt, dass sie kaum bereit waren, mit den Behörden zu
kooperieren“.

63
betteln

„Bettel-Mafia bedrängt Kirchgänger“


Wie mir die bürgerliche Presse auf die Nüsse geht. Von Caspar Schmidt

Der Antiziganismus-Ausgabe der Flüchtlingsräte zum Tütensuppen und eine „große Packung Traubenzucker“
Anlass verdient ein Journalist gesonderte Aufmerksam- auszumachen. Ein heißer Kandidat für den Journalisten-
keit: Jacob Mell. Der TZ-Reporter ist zur Stelle, wenn ein preis der Bayerischen Staatsregierung. Wenn da nicht
Skelett an der B 471 bei Karlsfeld gefunden, eine Rent- noch Jacob Mell wäre.
nerin im Egmatinger Forst ermordet, oder ein Hausmei-
ster 13 Jahre tot im Keller abhing. Mell ist kein Busch zu Boulevard-Magazine: Tummelplatz der Gartenzwerge
buschig, kein Sumpf zu sumpfig oder kein Kadaver zu
abgehangen, dass sich nicht noch eine interessante Story Die BILD unterscheidet sich von der SZ durch Zielgrup-
daraus schnitzen ließe. Und mit seinem Artikel „Bettel- pe und Jargon, da die BILD das ArbeiterInnen-Milieu
Mafia bedrängt Kirchgänger“ hat er eine Vorlage gelie- und Prekariat versorgt. In der Redaktion selbst sind aber
fert, deren kritische Würdigung in diesem Heft passend weder ArbeiterInnen noch Prekariat federführend. Die
gerahmt erscheint. Würde lediglich der Eindruck erwec-
kt, es ginge wirklich um seine Person, griffe die kaum
positive Darstellung Mells allerdings zu kurz: Mell ist ein
nachwachsender Charakter und austauschbar. Er kann
nicht besprochen werden, ohne zuvor ein Schlaglicht auf
das Bürgertum und die bürgerliche Presse geworfen zu
haben.

Zwischen Utopie und knallharter Recherche

In München interpretieren im Wesentlichen fünf Tages-


zeitungen das Weltgeschehen: SZ, TZ, AZ, BILD und
Münchner Merkur. In diesem Quintett gilt die SZ als die
Rosine, weil das liberale Bürgertum hier zu lesen
bekommt, was es gerne liest beziehungsweise schon
weiß. Die Kolumnen des SZ Chefredakteurs Heribert
Prantl erfreuen sich besonderer Beliebtheit, denn sie
kommen stets auf dem Urschleim der Aufklärung daher
und vermählen sich mit der christlichen Soziallehre auf
sanfte Weise. Wenn alle vernünftiger, liberaler und
menschlicher wären – ein bisschen mehr Heribert Prantl
eben – dann könnte die Marktwirtschaft ein Hort allge-
meiner Selbstentfaltung und Liebe sein. An Utopien und
Phantasie, das kann man der SZ-Redaktion lassen, fehlt
es ihr nicht. An staatstragender Verantwortungsübernah-
me ebenso wenig. Wer ein Jahr nur die SZ verfolgt, wird
am Jahresende 400 Angela Merkel-Zitate in sich aufgeso-
gen haben und noch nicht einmal sechs afrikanische
Präsidenten aufzählen können. Aber kritisch sein kann
man schon auch. Zum Beispiel beim Kommentieren
eines Hungerstreiks von Flüchtlingen: Ein SZ-Journalist
machte sich Anfang diesen Jahres dafür eigens auf den
Weg ins winterliche Hauzenberg und überprüfte – unter
der Maßgabe journalistischer Genauigkeit – ob die
Flüchtlinge im Lager auch ordentlich hungern. „Nein!“,
resümierte der SZ-Journalist. Im Lager waren noch Obst,
Foto: Andrea Huber

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betteln

leeren allenfalls Mülleimer und putzen blitzblank. Die wie sie hinter den Gardinen von Reihenhaus-Siedlungen
JournalistInnen der BILD werden aus bildungsbürger- gedeiht, bahnt sich Öffentlichkeit. Figuren vom Schlage
lichen Schichten rekrutiert; blitzgescheite Leute also, die Jacob Mells kommen zum Zug.
im Laufe ihrer BILD Karriere griffig formulieren lernen
und in jeder Werbeagentur mit Handkuss antreten könn- „Bettel-Banden bedrängen Kirchgänger“ – Wie alles begann
ten – sieht man von F. J. Wagner mal ab, den sie wohl
aus irgendeiner Pils-Stube gezogen haben. Die BILD An einem schönen Sommersonntag im Juli fühlten sich
muss folglich eine Schnittmenge der Meinungsmärkte einige Besucher der katholischen Jesuiten-Kirche St.
anbieten, sowohl ihrer bildungsbürgerlichen Redaktion Michael wohl derart „aufdringlich“ von ein paar Kindern
selbst, als auch der proletarischen LeserInnenschaft um Spenden gebeten, dass die Polizei alarmiert und dem
gerecht werden. Dass dabei nur ein schmales Spektrum gottlosen Treiben ein Ende gemacht wurde. Diese ver-
relevanter Information übrig bleibt, liegt auf der Hand. wies qua Amtsgewalt die Kinder des Feldes. Daraufhin
trat Jacob Mell auf den Plan, um den delikaten Fall für
Die Zeitungen AZ, TZ und der Münchner Merkur sind die TZ zu untersuchen. Bei seiner Recherche stieß der
Lokalblätter und aus einem anderen Holz. Hier diktiert Journalist freilich nicht auf Diskriminierung und Ausgren-
weder das Bildungsbürgertum, noch müssen Kompro- zung von Sinti und Roma im heutigen Europa sowie
misse gemacht werden. Das Kleinbürgertum befüllt die antiziganistische Kontinuitäten. Er stieß auch nicht auf
Spalten höchst selbst. Die ungeschminkte Hässlichkeit, die mangelnde Unterstützung der katholischen Kirche im
betteln

Nazi-Deutschland und nicht auf Pfarrer, die den Nazis Eine Polizei, deren AmtskollegInnen by the way zeit-
bereitwillig ihre Kirchenbücher öffneten, um auch noch gleich für Massenabschiebungen sorgen. Das Bild vom
„Ein-Achtel-Zigeuner“ nachzuweisen. Denn Mell war Bürger in Uniform, dem die eigenen Hände in Hand-
genug damit beschäftigt, den moralischen Anspruch die- schellen liegen, wird in der kleinbürgerlichen Textpro-
ser Kinder auszublenden, sie darüber hinaus zu dämoni- duktion häufig bemüht. Denn es leistet zweierlei
sieren und seinem eigenen Stand Redlichkeit anzudich- Wunschvorstellungen Vorschub. Zum einen ist darin der
ten. Das Ergebnis seiner Arbeit folgt in kommentierten Ruf nach einem starken Staat enthalten. Und zum ande-
Auszügen. ren, dass die bürgerliche Zivilcourage beziehungsweise
Wehrhaftigkeit gefordert sei.

„Dann schimpfen sie – und zeigen den Mittelfinger“ „Gegen die Bettel-Touristen aus Rumänien kann die
Münchner Polizei kaum etwas machen. Höchstens ihnen,
„Wenn sie sich unbeobachtet fühlen kichern sie – die Bet- wie gestern in der Michaelskirche, einen Platzverweis
tel-Mädchen, die im Eingang der Kirche St. Michael sit- aussprechen. 'Betteln in der Fußgängerzone ist verboten',
zen. Sobald ein Kirchgänger kommt, blicken sie zu ihm sagt Polizeisprecher Kania. Außerhalb der Fußgängerzo-
auf. Sie strecken ihm eine Karte entgegen. 'Kommen aus ne hat die Polizei so gut wie keine Handhabe gegen die
Rumänien. Brauchen Hilfe', steht darauf. Und wehe, sie organisierten Bettel-Banden.“
werden ignoriert. Dann schimpfen sie – und zeigen den
Mittelfinger“ Auftritt des Frauen-Beobachters

Das reicht gewiss, um die kärglichen moralischen Rest- Also begab sich Mell, vermutlich bewaffnet mit einem
bestände der TZ-LeserInnen zu zerstreuen. Die Kinder Helm, oder mindestens einem Mittelfinger-Abwehr-Gerät,
befinden sich – so wird gleich im ersten Satz deutlich – in die Regionen Münchens, wo anarchistische Zustände
in gar keiner Zwangslage, sondern lachen lustig in den herrschen: Bayer-, Sendlinger-, Leopoldstraße. Dort fand
Tag hinein. Mit ihrem arglistigen Spenden-Anliegen er auch ein paar Menschen, die in sein Zigeuner-Schema
behelligen sie obendrein „Kirchgänger“, die kraft ihrer passen sowie einen „Geschäftsmann“, der sich nicht nur
unterstellten Güte, in besonderem Maße als hilflose auf Geschäfte, sondern auch auf Beobachtungen spezia-
Opfer der skrupellosen Schmarotzer-Sphäre verortet wer- lisiert zu haben scheint. „In den letzten Tagen beobachte
den. Dass diese „Kirchgänger“ so gütig gar nicht sind, ich viele Frauen, die mit ihren Babys stundenlang auf
sondern Kindern die Polizei aufzwingen, wird nicht dem Gehweg sitzen“.
gegen sie selbst gerichtet, sondern soll – im Gegenteil –
Zeugnis ablegen, wie brutal die „Bettel-Mädchen“ wohl Nachdem Mell seine Eindrücke rund um die „Bettel-
vorgegangen sein müssen. Nicht zuletzt durch minde- Mafia“ vollständig breit getreten und sachkundige Zeu-
stens einen Mittelfinger. gen zu Rate gezogen hat, entlässt er die LeserInnen mit
einem Schlussakkord in Moll. Es wäre ja auch wirklich
Eine Bedrohung des Gemeinwohls ein Jammer, wenn die Werbeanzeige „Wiener Schnitzel
- und die Polizei ist machtlos vom Schwein“ ins Auge stäche, noch bevor eine Träne
vergossen und über die wahren Hintergründe berichtet
Mell begnügt sich in seinem Artikel nicht damit, das worden wäre.
angebliche Leid von Teilen der Mehrheit („Kirchgänger“)
durch eine Minderheit („Bettel-Banden“) schillernd aus- „Die Drahzieher karren die Frauen und Männer nach
zugestalten, sondern es muss – so schreibt es ein gestan- Deutschland [...] Von dem erbettelten Geld dürfen die
denes Ressentiment wohl vor – wenn schon nicht weni- armen Teufel nur einen Bruchteil behalten. Den Großteil
ger als die ganze Mehrheit sein, die unter der Minderheit behalten die Bosse, die alle zwei, drei Stunden die Ein-
zu leiden hat. Das will er mit einem Satzfetzen eines nahmen kassieren – mehrere hundert Euro kommen da
„Touristen aus Kiel“ belegen, der sich bei ihm ausweinen pro Tag zusammen. Viele Bettler sind aus einer Zwangs-
durfte: „Eine Unverschämtheit, hier die Leute so anzuge- lage heraus in München. Sie haben Schulden bei Kredi-
hen“. Den Verdacht, die „Weltstadt mit Herz“ verkomme thaien in der Heimat – und müssen so versuchen, das
augenblicklich zur ausgemachten Räuberhöhle und die Geld zurückzuzahlen. J. MELL“
Touristen könnten deswegen ausbleiben, legt Mell den
LeserInnen unmittelbar nahe. Mell und die „armen Teufel“

Mell ist sich natürlich Kleinbürger genug, um on-top die Die Dämonisierung von Roma im Artikel lässt den
angebliche Machtlosigkeit der Polizei ins Feld zu führen. Schluss zu, dass Mell den hier verwendeten Ausdruck

66
„Teufel“ kaum mehr bildlich meinen kann. Wenn „Bettel-
Mafia“, „Bettel-Mädchen“, „Bettel-Banden, „Bettel-Touri-
sten“ nämlich Babys quälen, ein falsches Spiel spielen,
Mittelfinger zeigen und den „Kirchgängern“ fies hinterher
lachen, sind das Zuschreibungen, die im Wort „Teufel“
geschmeidig kulminieren. Dass die „Teufel“ nicht nur
„Teufel“, sondern nebenbei auch arm sind, mochte Mell
zwar schon einräumen, aber nicht dem Bürgertum anla-
sten. Die bürgerlichen Mehrheiten, die bis heute Sinti
und Roma in ganz Europa ausgrenzen, sollen keine Ver-
antwortung haben. An ihre Stelle treten Phantasmagorien
von „Drahtziehern“ und „Kredithaien“.

Das Problem heißt Bürgerinnen und Bürger

Jacob Mells Artikel ist eine phänotypische Reinschrift


kleinbürgerlicher Wünsche und Ängste. Im Sinne von
„Das ist die Freiheit, die ich meine“ (Jörg Haider) wer-
den alte Ressentiments nahezu unverändert fortgeschrie-
ben. Das Bildungsbürgertum agiert zwar weniger tollpat-
schig, aber kann ebenso wenig aus seiner Haut. Die
Durchsetzung des bürgerlichen Klasseninteresses bleibt
ein Anliegen auch für SZ und BILD und die Sympathien
sind ähnlich verteilt. Der Steuerzahler, der Verbraucher,
der Besitzer, der Wähler, der Patriot, der Moralapostel,
der Träger der deutschen Tugenden. Sind diese Interes-
sen tatsächlich oder nur scheinbar bedroht, endet der
kritische Journalismus und die Ressentiment-Pflege
beginnt. Das feine Bürgertum als Kollektiv-Täter kommt
in keiner der angesprochenen Publikationen vor. Die
Opfer der bürgerlichen Einheit bleiben unverstanden.
Über sie wird zwar gerne berichtet. Nicht nur negativ:
Als Zeugen der bürgerlichen Moral dürfen sie jederzeit
ein Zitat beisteuern oder ein rühriges Bild abgeben. Aber
eine tatsächliche Opferperspektive, die eine uneinge-
schränkte Solidarität mit den Ausgegrenzten der bürger-
lichen Gesellschaft nach sich zieht, steht dem Wunsch
nach nationaler Nestwärme entgegen. So endet der kriti-
sche Journalismus am Rande seines Klasseninteresses
abrupt. Eine echte Parteinahme für die Opfer ist nicht zu
erwarten. <

1
TZ 13. Juli 2009

2
Wer einmal den Münchner Merkur aufgeschlagen hat
und danach noch an Basisdemokratie glaubt, muss
einen seltsamen Humor haben.

3
Heute noch fordert Romani Rose, Zentralrat deutscher
Sinti und Roma, die katholische Kirche solle endlich ihre
„Zigeunerseelsorge“ umbenennen, weil der Begriff
„Zigeuner“ eine „von Vorurteilen überlagerte Fremdbe-
zeichnung“ ist.

67
betteln

„Bildung muss die Menschen ins Herz treffen“


Alexander Diepold ist Diplom-Sozialpädagoge und Vorsitzender des gemeinnützigen Vereins Madhouse
gGmbH, der Münchener Familien ambulante Erziehungshilfe leistet und sich im Bildungsbereich für Sinti
und Roma einsetzt. Das Interview führte Dorothee Chlumsky.

Was sind in Ihren Augen die größten le acht Tote. Das ist ein großes Was kennzeichnet die Situation spe-
Probleme, denen sich Sinti und Problem. Die Miliz geht da durch ziell von Sinti-Kindern in Deutsch-
Roma in Europa gegenübersehen? und erschießt Leute und die Poli- land?
tik im Land schreitet nicht ein. Es
Es gibt in der EU im Moment fünf gab zwar Druck aus anderen Län- Wir arbeiten oftmals mit Kindern
Dimensionen, die Sinti und Roma dern, auch über Romani Rose, den zusammen, die stark in ihren
besonders betreffen. Erstens: Der Sprecher des Zentralrats deutscher Familien verhaftet sind, deren sozi-
Bereich, der nach wie vor sehr Sinti und Roma in Deutschland, aler Hauptbezugsrahmen der
hinterher hinkt, ist die Bildung. der immer wieder auf die Proble- Familienverband ist. Ich bin mehr-
Das hat seine Ursachen im Bil- me aufmerksam macht. Leider mals bei Situationen hinzugezogen
dungsknick im Nationalsozia- hatte das bis jetzt noch keine allzu worden, wo die Kinder nach den
lismus. Zweitens das Gesundheits- große Wirkung. Tests im Kindergarten unberechtig-
system. In ganz vielen Ländern terweise in die Förderschule
gibt es keine angemessene Und Ihre Organisation Madhouse geschickt worden sind. Die Eltern
Gesundheitsvorsorge. In Deutsch- gGmbH hat sich das Thema Bildung haben sich gewehrt und gesagt:
land ist dieser Bereich relativ gut, zum Schwerpunkt gesetzt? „Das kann doch nicht sein, unser
aber in anderen Ländern nicht. Kind ist zu Hause total aufge-
Drittens die politische Partizipa- Da setzen wir an. Unserer Ansicht weckt, kann überall mitreden und
tion, der Ausschluss aus politi- nach stehen Integration und Bil- die wollen jetzt mein Kind in die
schen und gesellschaftlichen Pro- dung sehr eng zusammen. Also: Sonderschule stecken?“. Da habe
zessen, keine Teilhabe daran zu Wenn Integration stattfinden kön- ich die Erzieherinnen gebeten, den
haben. Viertens die Wohnsituation. nen soll, müssen die Menschen Test mit dem Kind einmal bei sich
In osteuropäischen Ländern leben Bildung erfahren, damit sie sich zu Hause zu wiederholen. Das hat
teilweis noch ganze Familien in auch in den gesellschaftlichen Pro- man als Präzedenzfall mal durch-
verheerenden Wohnsituationen. zess eingliedern können. Hier in gezogen und gemerkt, dass ganz
Beispielsweise gibt es in Bulgarien Deutschland ist die Situation bes- andere Ergebnisse herauskommen.
ganze Lager von bis zu 30.000 ser als in vielen osteuropäischen Der Grund war, dass diese Kinder
Menschen auf einem Platz, die in Ländern, aber was zum Beispiel außerhalb des Familienverbandes
sich hermetisch abgeriegelt sind. passieren kann, ist, dass die Kin- viel von ihrer Sicherheit verloren
Da entstehen soziale Probleme der aus dem Bildungssystem fal- haben. Die stehen da vor fremden
und auch Kriminalität. Die Situa- len, wenn die Leute umziehen: Da Psychologen und Lehrern, werden
tion ist vergleichbar mit Slums. Die zieht eine Familie zum Beispiel ängstlich, stehen unter Druck,
fünfte Dimension ist die Frage, von Frankfurt nach München, mel- kommen total durcheinander. Sie
wie man Integrationsprozesse det sich aber nicht um. Dann fällt haben faktisch keine Sicherheit
sowohl durch die Mehrheitsgesell- hier gar nicht auf, dass die Kinder mehr im Hintergrund. Das ver-
schaft wie auch von der Volksmin- nicht in der Schule sind. Und fälscht die Ergebnisse. Die Erziehe-
derheit selbst fördern kann, so plötzlich haben wir zehn-, elfjähri- rinnen waren überrascht von den
dass diese auf gegenseitige Akzep- ge Kinder, die noch nie in der Unterschieden und fanden, man
tanz stoßen. Schule waren. Das ist nicht allein sollte im Schulamt und an den
die Verantwortung der Stadt, son- entsprechenden Stellen darauf auf-
Aus Ungarn flüchten zur Zeit dern hier wird auch die Verant- merksam machen, dass da unter
immer mehr, weil die Politik dort wortung der Familien bedeutsam. Umständen ein anderes Problem
nicht willens oder in der Lage ist, dahinterliegt, das gar nichts mit
sie vor antiziganistischer Gewalt Intelligenz zu tun hat. Da muss
zu schützen. Da gab es mittlerwei- man also genau hinschauen, um

68
betteln

nicht vollkommen falsche Ent- Bei den Erwachsenen haben wir das jüngste ist drei, das kann jetzt
scheidungen zu treffen. festgestellt, dass im Altersbereich in den Kindergarten und die Mut-
zwischen 28 und 50 Jahren viele ter soll arbeiten gehen. Auf mei-
Ist das nicht ein Dilemma, wenn die Analphabeten sind. Dieser Anal- nen Protest hin hat die Frau von
Kinder so stark in den Familien ver- phabetismus hat eine der großen der Arge gesagt, das sei ihr ganz
haftet sind - was ja auch in Ord- Ursachen im Bildungsknick des egal, sie habe ihre Richtlinien und
nung und gewünscht ist - und man Nationalsozialismus. Da wurden müsse das durchziehen. Da
sie andererseits befähigen müsste, die Kinder von den Schulen syste- bekomme ich das Gefühl, da ist
auch in einem Umfeld sicherer zu matisch weggeholt, durften nicht was nicht mehr in Ordnung. Das
werden, wo sie die Familie nicht mehr lesen und schreiben. Aber ist keine Form. Aber da gibt es
haben? auch als man ihnen nach dem Einflussnahmen und die betreffen
Nationalsozialismus erlaubt hat, sicher nicht nur Sinti, sondern die
Gerade bei kinderreichen Familien wieder zurück in die Schule zu anderen auch.
ist es häufig so, dass sie, wenn kommen, hat man keinen großen
zum Beispiel das erste und zweite Wert auf sie gelegt. Die, die den Was hat sich die Madhouse gGmbH
Kind schon in der Sonderschule Völkermord an den Sinti und zum Ziel gesetzt?
ist, und das dritte eigentlich auf Roma überlebt haben, waren
die Regelschule könnte, sagen: äußerst skeptisch, ob sie ihre Kin- Die eigentliche Idee damals war,
„Ich gebe lieber mein Kind dahin, der überhaupt noch in die Schulen Menschen im Erziehungs- und Bil-
wo es die Geschwister hat. Denn bringen sollten, weil sie perma- dungsbereich - Familien, die aus-
dann fühlt es sich sicher.“ Manche nent in der Angst gelebt haben, geschlossen waren - zu unterstüt-
achten natürlich darauf, dass Kin- die Kinder könnten wieder wegge- zen. Der Wohnbereich gehört da
der individuell nach ihrem Lei- holt werden. Diese Angst ist auch mit dazu. Wir haben dann mitbe-
stungsstand gefördert werden. heute bei vielen Eltern, die die kommen, dass es auch in Mün-
Außerdem funktioniert dieser Traumatisierung ihrer Eltern miter- chen viele Widerstände gibt. Wir
Mechanismus ja auch in beide lebt haben, immer noch da. Und müssen jetzt mit dem [Münchener
Richtungen, sodass viele Eltern, die gegenwärtige Diskriminierung Bürgermeister] Ude darüber spre-
deren erstes Kind beispielsweise von Sinti und Roma trägt leider chen, inwieweit es nicht eine
die Hauptschule besucht, versu- auch dazu bei, dass die Angst Möglichkeit gibt, auch für Sinti ein
chen, auch die anderen Kinder in weiterhin besteht. gewisses Budget an Wohnungen
die Hauptschule zu bringen. zur Verfügung zu stellen, damit
Vor welchen Hindernissen stehen wir die Familien unterbringen kön-
Wie ist denn die Ausbildungs- die Familien, wenn es um die Berufs- nen, beispielsweise wenn eine
situation der Eltern? bildung der Kinder geht? Familie aus irgendeinem Grund in
Not gerät. Wir versuchen dann, zu
Wir arbeiten oft mit Frauen zusam- Es gibt Familien, die haben eine erreichen, dass die Familie
men, die sehr jung, vielleicht mit klare Idee für ihre Kinder. Zum zusammenbleiben kann und nicht
15 oder 16, Mutter werden. Ihre Beispiel haben sie einen Gewerbe- auseinandergerissen wird.
Kinder können nur in dem Maß handel und wollen, dass ihre Kin-
gefördert werden, wie die Mütter der da einsteigen. Dann gibt es Gibt es Bildungsprojekte der Stadt,
selbst in der Lage sind, ihre Kinder einige, die ein Konzept im Kopf die Sie für sinnvoll halten?
schulisch zu unterstützen. Wenn hätten, dieses Konzept aber nur
die Mütter aber selbst nur die För- schwer realisieren können, weil Ja, da gibt es schon Einiges. Der
derschule besucht haben, gestaltet sie von öffentlicher Hilfe leben. Analphabetismus ist noch stark
sich die frühkindliche und spätere Denn durch diese ganzen Hartz- verbreitet. Deswegen werden jetzt
Bildung der Kinder eben sehr IV-Richtlinien wird soviel Einfluss über die Volkshochschulen Alpha-
schwer. Es gibt mittlerweile auch auf die Empfänger genommen, betisierungskurse speziell für Sinti
viele, die ihre Kinder in den Kin- zum Beispiel durch das umfassen- angeboten. Das sind Abendkurse
dergarten geben, weil sie es als de Sanktionsintrumentarium. Wir in kleinen Gruppen, die gut
Entlastung erleben. Aber es gibt haben gerade den Fall einer Mut- besucht werden.
auch noch einige, die das nicht für ter von sieben Kindern, eines ihrer
nötig halten und sie damit aus die- Kinder hat bereits ein Enkelkind. Unsere Einrichtung ist außerdem
sem - sagen wir mal normalen - Jetzt sagt die Arge, die Kinder sind für die europäischen Lernpartner-
Bildungsprozess ausschließen. zwar noch alle minderjährig, aber schaften ausgesucht worden. Wir

69
betteln

arbeiten mit Frankreich, Rumänien, rats war in Sachen Gedenkstätten-


Österreich und Schweden zusam- arbeit. Dann haben die Sinti
men, um auf die Frage der Bil- beschlossen, etwas eigenes zu
dung einzugehen und zu schauen, machen. Wir dachten: Wenn wir
wo man ansetzen muss und wo in das im Hasenbergl machen, dann
den Ländern die Schwierigkeiten bleiben wir wieder so versteckt.
liegen, was die Bildung angeht. Also müssen wir eine Skulptur
Wir wollen versuchen, ein einheit- machen, die wandert. Damit ande-
liches System herzustellen und das re Menschen sehen, dass wir auch
dann zu präsentieren und fortzu- was drauf haben. Also auch im
entwickeln. Es kann sein, dass im Sinne von Selbstwertstärkung und
nächsten Jahr noch Bulgarien und Selbstwirksamkeit. Das ist gut
Spanien dazukommen. Da geht es gelungen, hat im Rathaus Anklang
auch um die Frage, welche Kultur- gefunden, auch in verschiedenen
bereiche wie angliedern müssen, Sozialbürgerhäusern und in der
damit Bildung die Menschen auch katholischen Kirche. Was ich auch
an ihrem Herzen trifft. noch eine schöne Idee finde, die
Sinti besonders anspricht: Rumäni-
Auf der wissenschaftlichen Seite sche Roma haben den Auschwitz-
hat Mannheim eine bundesweite Überlebenden Hugo Höllenreiner
Umfrage zur Bildungssituation der eingeladen und seine Geschichte
Sinti in Deutschland gemacht, die in Romanes als Oper dargestellt:
diesen Herbst evaluiert wird und Ein junger Rom begegnet einem
von der wir uns einen aufschluss- alten und erfährt dessen Lebensge-
reichen Querschnitt erhoffen: Wie schichte. Das ist mal eine ganz
sieht die Bildungssituation inzwi- andere Art von Zeitzeugenbericht,
schen aus, wo sind Hinderungs- das finde ich eine schöne Idee.
gründe, wo sind Blockaden, wo Bei solchen Dingen, denke ich,
Fördermöglichkeiten. Die Länder müsste man viel mehr Kreativität
sind natürlich im Bildungsbereich entwickeln und schauen, wie man
hoheitlich geregelt. Ein bayeri- auf diesem Weg Menschen gewin-
sches Kultusministerium hat nichts nen kann.
mit dem Kultusministerium Baden-
Württemberg zu tun. Was die da Würden Sie sagen, die Bildungspoli-
schon geschafft haben, in Baden- tik in München ist in Bezug auf Sinti
Württemberg mit in die Schulpro- und Roma zufriedenstellend?
gramme zu bringen, das ist hier in
Bayern noch ein weiter Weg. Nein, sicher nicht. Wir haben
immer noch viele Kinder, die nicht
Was kann man gegen in Kindergärten sind, und immer
Antiziganismus tun? noch viel zu viele Sonderschüler.
Es ist besser geworden, aber es
Hier haben wir vor zwei Jahren sind immer noch viel zu viele. Ich
angefangen mit dem Projekt Wan- denke, dass die Schulen vielleicht
derskulptur: Sinti im Hasenbergl andere Angebote machen müssten,
zusammenzubringen mit Roma in um Menschen zu ziehen.<
Österreich, ein Projekt mit Künst-
lern. Das war eigentlich das erste
Projekt, das Roma und Sinti
zusammen gestaltet haben. Zuerst
wollten wir ein Mahnmal in Brau-
nau aufstellen, der Geburtsstadt
Hitlers. Das ging aber nicht, weil
es das Hoheitsgebiet des Zentral-

70
Fotos: Luciana Ferrando und Ulrike Löw

Aktion 302
Gesicht zeigen für das Bleiberecht: Münster widersetzt sich. Von Volker Maria Hügel

„Wir haben uns verpflichtet gefühlt, etwas zu tun, nicht Die Aktion 302 ist eine Initiative von amnesty international Volker Maria Hügel
untätig zu bleiben und uns den geplanten Abschiebungen Münster und der Gemeinnützigen Gesellschaft zur Unter- ist in der GGUA
zu widersetzen“, diese Maxime stand am Anfang der stützung Asylsuchender e.V. (GGUA). Die Abschiebung von organisiert und Vor-
Aktion 302. Zwei rote Sofas mitten in der Fußgängerzone, 302 Roma aus dem Kosovo soll verhindert und ein Bleibe- standsmitglied in
Blumen und ein Team von FotografInnen und Fotohelfe- recht für alle Roma erreicht werden. Denn es gilt der dop- der BAG Pro Asyl
rInnen, InfoständlerInnen und ModeratorInnen für Live- pelten historischen Verantwortung den Sinti und Roma
Interviews mit PassantInnen. Auf den Sofas ständig wech- gegenüber gerecht zu werden: zum einen Verfolgung und
selnd Menschen – von Abschiebung bedrohte Roma und Massenmord durch die Nazis und zum anderen der völ-
solidarische MünsteranerInnen, die für einen Fototermin kerrechtswidrige Angriffskrieg gegen Jugoslawien, in Folge
gerne Platz nahmen. Ein tolles Gewusel von Roma mit dessen viele tausend Roma, Ashkali und andere aus dem
ihren Kindern, Ablichtungswilligen und Interessierten. Kosovo vertrieben worden waren. Ein weiteres Argument
Nach 8 Stunden Aktion war es geschafft. Mehr als 302 Bil- waren auch die von NRW-Integrationsminister Armin
der waren „im Kasten“. In Anlehnung an die „Save me“- Laschet als unmenschlich bezeichneten Abschiebungen in
Kampagne sollten Menschen, die sich für ein Bleiberecht ein „Leben“ auf der Müllkippe. Und schließlich die inter-
der Roma aus dem Kosovo aussprechen wollten, dies nicht national unisono ausgesprochene Warnung vor den
nur mit einer Unterschrift tun, sondern ihr Gesicht und Abschiebungen in den Kosovo. Der Rat der Stadt Münster
ihren Namen zeigen und ein Statement dazu abgeben. hat unterdessen eine Resolution einstimmig verabschiedet,
die sich gegen die Abschiebung der Roma ausspricht.<

71
Kinder des Windes Foto: Auslandsgesellschaft Sachsen-Anhalt

Tanzprojekt fördert Selbstbewusstsein von Flüchtlingskindern in Sachsen-Anhalt. Von Frauke Sonnenburg

Mit großer Begeisterung waren die Mädchen aus der Cle- das EU-Logo, bei dem die Sterne mit Stacheldraht ver-
aringstelle für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge und bunden sind, aufgedruckt ist. Sie tragen weiße Masken, so
aus der Gemeinschaftsunterkunft in Magdeburg dabei, als dass sie gesichtslos erscheinen. Plötzlich stellt eine dieser
es darum ging, aktiv das Konzept „Die tanzende Romni“ gesichtslosen, maskierten Gestalten dem tanzenden Mäd-
Kontakt mit Leben zu füllen. Natürlich stand Tanzen für alle im chen einen Koffer vor die Füße. Das Mädchen ist verwirrt
zum Projekt des Vordergrund. Durch das gemeinsame Lesen des dem Pro- und will in den Koffer hineinschauen. Dann kommt eine
Flüchtlingsrates jekt zu Grunde liegenden Textes fanden die Mädchen zweite Gestalt und hängt ihr ein Pappschild mit der Auf-
Sachsen-Anhalt aber auch Zugang zu einem Teil ihrer eigenen Geschich- schrift FLÜCHTLING um den Hals. Das Mädchen versteht.
über Frauke te. So entstand in einem gemeinsamen Prozess das Tanz- Sie soll verschwinden.“
Sonnenburg theater „Verschwindet“, in dem nicht nur der Text gemein-
0391/5371281 sam erarbeitet sondern auch die Musik gemeinsam ausge- In den Schulen hat das Projekt ebenfalls durch den
akeff@web.de wählt wurde. Die Mädchen aus dem Kosovo, teils Min- Bericht der Mitwirkenden Einzug gehalten. So werden
derheitenangehörige der Roma und Kurdinnen aus Syrien, nicht nur die Mädchen integriert, indem sie über das Pro-
fanden so ihren ganz persönlichen Umgang mit dem jekt sprechen. Die Themen Flucht und Vertreibung, am
Thema Flucht und Vertreibung. Sie konnten sich mit ihrer Beispiel der Geschichte der Sinti und Roma dargestellt,
eigenen, aber auch mit der Kultur anderer Minderheiten finden so Eingang in den Schulalltag.
auseinandersetzen.
Mittlerweile konnte die Tanzgruppe bereits mehrere Auf-
Mittlerweile gibt es bereits die zweite Generation der „Kin- tritte in der Öffentlichkeit absolvieren. So war das Tanz-
der des Windes“. Das Stück hat sich weiterentwickelt und theater beim Auftakt zur Interkulturellen Woche in Sach-
geht auf die aktuelle Situation für Flüchtlinge vor den sen-Anhalt dabei, aber auch bei der letzten JOG-Konfe-
Toren Europas ein: „Ein Roma-Mädchen tanzt. In einiger renz anlässlich der Innenministerkonferenz in Bremen.<
Entfernung stehen Gestalten in blauen Kitteln, auf denen

72
Sachsen-Anhalt
iran

Visionäre Blicke
Die seit nunmehr 30
Jahren andauernde,
brutale Unterdrük-
kung der iranischen
Bevölkerung könnte
nun endlich fried-
lich beendet werden.
Jedoch nur, wenn
auch Deutschland
als wichtigster west-
licher Handelspart-
ner mitzieht.

Foto: privat, freigg. Bildmaterial der iranischen Opposition

Den Henkern in die Hände


Zur Lage im Iran und der vornehmen Zurückhaltung Deutschlands. Von Human

Der Iran erlebt derzeit die schlimmste Repressions- gen erst der Auftakt: „Wir haben die Sorge, dass
welle seit der Phase der Massenhinrichtungen nach diese Hinrichtungen nur der Anfang einer Welle
Beendigung des Krieges mit dem Irak 1988/89. von Hinrichtungen sein könnten für diejenigen, die
Schon damals, kurz vor dem zehnten Jahrestag der aufgrund ähnlich vage formulierter Anklagen zum
Revolution, exekutierte das Regime über 4.500 Tode verurteilt wurden“, so Hassiba Hadj Sahraoui,
politische Häftlinge. Seit den Massenprotesten im Direktorin des Nahost- und Nordafrika-Programms
Gefolge der Präsidentschaftswahlen im Juni 2009 bei Amnesty International.
sind mindestens 4.000 Menschen verhaftet worden,
von denen immer noch 200 in den Gefängnissen Medien und Politik schweigen sich aus
ausharren. Internationalen Menschenrechtsorgani-
sationen zufolge, wurden in Schauprozessen ver- Während das Atomprogramm des Irans durchaus
meintliche Anführer – aufgrund von erpressten Thema ist – wenn auch ohne bedeutende Konse-
oder durch Folter erzwungenen Geständnissen – quenzen – wird die tödliche Repressionswelle in
zu langen Haftstrafen oder zum Tode verurteilt. den deutschen Medien nur mit geringem Interesse
Am 28. Januar fanden die ersten Hinrichtungen wahrgenommen. Die Politik schweigt fast völlig.
statt. Mohammad Ali Zamani (37) und Arash Das steht im krassen Gegensatz zum letzten Som-
Rahmanipour (19) wurden für schuldig befunden, mer und den Protesten im Gefolge der Wahl vom
der monarchistischen Gruppierung „Anjoman-e 12. Juni: Iran auf allen Kanälen. Millionen auf den
Padeshahi-e Iran" (API) anzugehören und gehängt. Straßen Teherans, friedliche Demonstranten, prü-
Weitere Anklagepunkte waren „Propaganda gegen gelnde Milizionäre auf wackeligen Bildern via
das System“ und „Versammlung und Konspiration UMTS in die Welt übertragen. „Die westlichen
mit dem Ziel, die innere Sicherheit zu gefährden.“ Medien badeten in diesem Sommer schier in den
Bereits im Januar 2010 und November 2009 wur- Protesten“, befindet mit kritischem Blick auf die
den zwei kurdische Politiker, Ehsan Fattahian und eigene Zunft die Journalistin Charlotte Wiedemann.
Fasih Yasamani, hingerichtet. Derzeit sind rund 20 Aber das Interesse erlahmte schnell wieder.
zum Tode verurteilte Kurdinnen und Kurden in Obwohl die Repressalien im Iran eher zugenom-
den Gefängnissen inhaftiert. men haben und die Lage verzweifelter ist, herrscht
heute Schweigen bzw. Kleingedrucktes im bundes-
Für Amnesty International und iranische Men- deutschen Blätterwald. Ahmadinejad, eben noch
schenrechtsorganisationen sind diese Hinrichtun- der Schurke Nummer eins mit zweifelhafter Legiti-

73
iran

Human mität, wird wieder zum Verhandlungspartner im allem die mittelständische Industrie der Bundesre-
schreibt unter Pseu- Atomstreit. Außenminister Mottaki war auf der publik ist von den Auswirkungen der deutschen
donym, stammt aus Münchener „Sicherheitskonferenz“ Anfang Februar Beteiligung an den internationalen Sanktionen
dem Iran und ist in 2010 gern gesehen. gegen Iran betroffen, ihre Vertreter sind entspre-
der Flüchtlingssoli- chend beunruhigt.
daritätsarbeit in „Die westlichen Medien und die westlichen Regie-
Schleswig-Holstein rungen haben die iranische Demokratiebewegung Zwar hat Siemens angekündigt, momentan keine
tätig. erst an ihre Brust gerissen und dann genauso neuen Aufträge im Iran mehr annehmen zu wollen
schnell wieder fallen gelassen – beides aus zweifel- (gleichzeitig werden allerdings bestehenden
haften Motiven. Aber auch bei unabhängigen Gei- Geschäfte weiter gepflegt) und Bundeskanzlerin
stern ist das intellektuelle Interesse schnell erlahmt. Merkel kann sich vorstellen, über Sanktionen
Im Iran wird wieder gefoltert? Das ist nicht hip.” nachzudenken. Aber es ist kaum zu erwarten, dass
(Charlotte Wiedemann) Deutschland von seiner traditionellen Linie der
guten Beziehungen zum Iran abweichen wird.
Wirtschaftsinteressen leicht nachweisbar
Angesichts dieser mächtigen Interessenlage sind
Wegsehen passt vor allem zwei Gruppen gut in kritische Stimmen, wie etwa die der Vorsitzenden
den Kram: Zum einen dem Ahmadinedschad-Regi- der Iran-Delegation des Europäischen Parlaments,
me, welches durch die wieder aufgenommenen der Grünen-Abgeordneten Barbara Lochbihler, sel-
Atomverhandlungen und die beiseite geschobene ten:
Wahlkritik endlich die Anerkennung im Ausland
gefunden hat, auf die es seit dem 12. Juni wartet. „Viele Iraner und Iranerinnen erwarten von uns,
Darauf ist das Regime heute mehr denn je ange- dass wir nicht nur die Außenpolitik und das
wiesen. Die Lage im Inneren ist nicht nur politisch, Nuklearprogramm im Auge haben, sondern hinse-
sondern auch wirtschaftlich und sozial aufs Höch- hen und handeln, wenn es um die politischen Ver-
ste gespannt. hältnisse im Iran geht.”

Zum anderen der deutschen Wirtschaft. Zwar liegt Tödliche Route: Deutschland schiebt nach Italien
der Anteil des Irans am deutschen Exportgeschäft und Griechenland, diese Länder in den Iran ab
bei weniger als einem Prozent. Aber für den Iran
ist Deutschland der wichtigste Handelspartner Die Erwartungen der iranischen Opposition wer-
innerhalb der EU. Das hat Tradition. Die Deutsch- den bis auf Weiteres enttäuscht. Denn die guten
Iranische Handelskammer wurde – bezeichnender Wirtschaftsbeziehungen beinhalten, dass Deutsch-
Weise – im Jahre 1936 ins Leben gerufen und nach land sich in punkto Menschenrechtsverletzungen
dem Ende des Nazi-Regimes 1952 wiederbelebt. im Iran nicht zu weit vorwagt. Und folgerichtig
Ihr Vorsitzender ist heute Karl-Paul Drechsler, der gibt es weder eine Initiative der Bundesregierung
gleichzeitig Leiter des Iran-Geschäfts für den Sie- zur bevorzugten Aufnahme von Flüchtlingen aus
menskonzern ist. Die hart erarbeitete Position als dem Iran (wie dies beispielsweise die spanische
wichtigster Lieferant von Maschinen und Ausrü- und die irische Regierung als Reaktion auf die blu-
stungen will die deutsche Industrie nicht gerne tige Unterdrückung des friedlichen Protests im
aufgeben. Die Demokratiebewegung stört dabei. Sommer gemacht haben), noch einen bundeswei-
Mit den Worten des außenpolitischen Beratungsin- ten Abschiebestopp in den Iran. Nach der Dublin-
stituts, der „Stiftung Wissenschaft und Politik“ II-Verordnung werden Flüchtlinge in andere euro-
(SWP) gesprochen: päische Staaten zurückgeschoben, die nach dieser
Verordnung für das Asylverfahren zuständig sind –
„Der Atomstreit und die radikale anti-israelische zum Beispiel Griechenland oder Italien. Diese Län-
Politik der Regierung Ahmadinejad haben die der schieben rigoros in den Iran ab. Eine solche
Spielräume für Deutschlands Iran-Politik einge- Politik wird in keiner Weise dazu beitragen,
engt. Damit besteht die Gefahr, dass Deutschland irgendetwas im Iran zum Besseren zu verändern,
nicht mehr in der Lage ist, seine Strategie der eher im Gegenteil.<
‚Nicht-Ausgrenzung‘ Irans durchzuhalten. Das
aber würde den deutschen Handelsinteressen im
Iran und dem langfristigen Interesse an Energiesi-
cherheit widersprechen.“ Und weiter heißt es: „Vor

74
iran

Victory!
In den gegenwärti-
gen Protesten artiku-
liert sich die Hoff-
nung der iranischen
Gesellschaft.

Fotos: privat, freigg. Bildmaterial der iranischen Opposition

„Höchste Zeit das Feld der


Appeasement-Politik zu verlassen.“
Seit Jahren ist Dr. Sasan Harun-Mahdavi als Leiter der Jugendorganisation der Jebhe Melli in der exilirani-
schen Oppositionsarbeit aktiv. Als Kind erlebte er unmittelbar den Beginn der „Islamischen Revolution“.
Er berichtet vom Leben in der Islamischen Republik und kritisiert insbesondere die deutsche Iran-Politik
der letzten drei Dekaden. Das Interview führte Till Schmidt.

Herr Mahdavi, Sie kamen im Sep- an. Deshalb wurde er in die revolu- gesamte Macht an sich zu reißen. In
tember 1979, kurz nach der „Islami- tionäre Übergangsregierung berufen, einer Sitzung fragte mein Vater seine
schen Revolution“, mit Ihren Eltern wo er das Amt des Stellvertreters des klerikale Spiegelfigur, den heutigen
von Teheran nach München... Verteidigungsministers im Heeresbe- „Obersten Rechtsgelehrten“ Khame-
reich bekleidete. Die Gefolgschaft nei, warum denn die Mullahs andau-
Ja. Bereits vor der Revolution war von Khomeini hatte es damals ernd in den dem Verteidigungsmini-
mein Vater in verschiedenen Ämtern geschafft, alle Ämter auch von Mul- sterium unterstellten Fabriken Streiks
tätig, unter anderem auch als Ober- lahs, islamischen Klerikern, zu beset- initiierten, wo doch gleichzeitig
bürgermeister der heiligen Stadt zen. Es existierte eine Parallelstruk- immer gefordert werden würde, dass
Maschhad. Er hatte in den 60ern in tur mit dem Ziel – heute weiß man der Iran wirtschaftlich so unabhängig
Deutschland studiert und wie viele das – die weltlichen Regierungsmit- wie möglich werden müsse. Khame-
liberal denkende Iraner, die nicht glieder im Sinne der islamischen nei erwiderte: „Wir haben die Revo-
immer mit allem, was unter dem Ordnung zu überwachen und letzt- lution für den Islam und nicht für
Schah geschah, einverstanden endlich, nachdem sich das System die Fabriken gemacht!“. Dieses pro-
waren, gehörte er der von Ex-Pre- einigermaßen gefestigt hatte, alle grammatische Statement war die
mier Mossadegh gegründeten Volks- Ministerien und Institutionen zu Initialzündung für unsere Ausreise:
oppositionsgruppe der Jebhe Melli1 „säubern“, um anschließend die Mein Vater bat offiziell um Urlaub

75
indem er den Direktor des
Medienrates bestimmt. Er entschei-
det direkt über zentrale Dinge wie
den Einsatz der Streitkräfte oder
das Atomprogramm. So kann es
zwar durchaus personelle Verände-
rungen geben, doch die zentralen
khomeinistischen Ideologeme, wie
seine besondere Form des Antise-
mitismus2, massivste Unterdrük-
kung von Frauen,
Homosexuellen3, religiösen und
Mutig. IranerInnen gehen trotz ethnischen Minderheiten4 und
höchster Brutalität seitens der Mili- Oppositionellen5 oder der so
zen für einen „Regime Change“ auf genannte Revolutionsexport6, sind
die Straße.
somit institutionell festgeschrieben.

Der vorherige Herrscher im Iran, Schah


Mohammed Reza Pahlavi, wurde 1941
von den Briten eingesetzt und seitdem
vom Westen kontinuierlich unter-
und reiste mit meiner Mutter, meiner Wie funktioniert die Islamische stützt. Wie reagierten die westlichen
Schwester und mir nach Deutsch- Republik? Großmächte unmittelbar in der Phase
land ein. Trotz Warnungen aus dem der Revolution, als in den Massende-
Iran, reiste mein Vater kurze Zeit Die Verfassung ist so angelegt, monstrationen und Generalstreiks
später noch einmal für zwei Wochen dass alle Macht dem „Obersten Millionen Iraner den Sturz des Schahs
nach Teheran, um seine offizielle Rechtsgelehrten“ zufällt. Zunächst forderten?
Entlassung zu erbitten. Das stieß war das Ayatollah Ruhollah Khom-
natürlich auf Unverständnis bei sei- eini, jetzt ist das Ali Khamenei. Es In diesem Zusammenhang fand im
Gegenwehr nen weltlichen Vorgesetzten, die gibt zwar auf den ersten Blick eine Januar 1979 auf der Konferenz von
Steinwurf auf angesichts der beginnenden Repres- scheinbar demokratisch-republika- Guadelupe ein Treffen der west-
die motorisierte und sionswellen selbst gerade auf dem nische Gewaltenteilung, doch bei lichen Großmächte – Frankreich,
zum Losschlagen Sprung waren. Aber man muss das genauerem Hinsehen entpuppt sie USA, Großbritannien und Deutsch-
bereite Polizei so sehen: In den ersten Jahren dach- sich als reinste Fiktion. An einem land – statt, wo insbesondere die
te niemand, dass diese schreckliche Beispiel lässt sich das exempla- Entwicklung im Iran besiegelt wer-
Situation mehr als 30 Jahre fortbeste- risch verdeutlichen: Der oberste den sollte. Zweifelos ging es hier-
hen würde, sondern dass es nur Führer, Khamenei, ernennt bezie- bei primär um sicherheitspolitische
Anfangsschwierigkeiten der jungen hungsweise entlässt den Wächter- und geostrategische Interessen: Im
Revolution seien, die sie ins kurzzei- rat. Dieser wiederum bestimmt die Kontext des Kalten Krieges hatten
tige Exil zwängen. Man dachte, dass Zulassung von potentiellen Parla- die westlichen Großmächte natür-
demokratische Kräfte bald die Ober- mentariern oder den Präsident- lich Interesse, die Sowjetunion in
hand gewinnen würden. Doch schaftskandidaten, die selbstre- die Schranken zu weisen. Der US-
Demokratie innerhalb dieses totalitä- dend regimetreu sein müssen. Der amerikanische Politstratege und
ren Systems war damals wie heute oberste Führer selbst wird vom Sicherheitsberater des damaligen
eine Farce, ihre Fiktion dient zur Expertenrat, bestehend aus 86 Präsidenten Carters, Zbigniew
pseudodemokratischen Legitimierung Mullahs, bestimmt. Der Experten- Brzezinski, entwickelte hierfür das
und zur Stabilisierung des durch und rat wiederum wird vom Wächterrat Konzept, die Verbreitung der
durch diktatorischen Herrschaftssy- gewählt. Grundsätzlich sind dem sowjet-kommunistischen Ideologie
stems. Führer durch die Velayat-e Faqih, im Nahen und Mittleren Osten
die Herrschaft des „Obersten auch durch die Unterstützung isla-
Rechtgelehrten“, Judikative, Legis- misch-fanatischer Gruppierungen
lative und Exekutive unterstellt, zu unterwandern. Dafür schien
auch die so genannte vierte Khomeini ideal. Somit beschloss
Gewalt, die Medien, kontrolliert er, man auf Guadelupe, die Ausreise

76
iran

des bisher vom Westen unterstütz- Wie schätzen Sie die Anlass für die Massendemonstratio-
ten Schahs durchzusetzen, mit gegenwärtige Lage ein? nen ab Juni 2009 war ein derart offen-
dem Exilanten Khomeini direkten sichtlicher Wahlbetrug gegenüber
Kontakt aufzunehmen und dessen In der Islamischen Republik hat dem als Reformer geltenden Präsi-
Rückkehr zu ermöglichen. die Repression eine ganz andere dentschaftskandidaten Hussein Mus-
Dimension als unter dem Schah. savi. Wie kam es dazu, dass sich die
Und wie kam es dazu, dass die Sam- Dort wird im Namen des religiö- Protestbewegung nun für einen Regi-
melbewegung aus Oppositionellen sen Dogmas grundlegend in alle mewechsel einsetzt? Gegenwehr
verschiedenster politischer Strö- Lebensbereiche der Bevölkerung Demonstranten
mungen Khomeini zur revolutionä- eingegriffen: Das geht von Dass zunächst einmal überhaupt schlagen Bassidjis
ren Leitfigur auserkor? Zwangsverschleierung über die jemand auf die Straße gegangen in die Flucht
rechtliche Legitimation von Viel- ist, liegt daran, dass sich unter
Als designierte Leitfigur, die er ja und Zeitehen, bis zur prinzipiellen Ahmadinejad die Situation, zum
schon im Pariser Exil darstellte, rechtlichen Schlechterstellung von Beispiel durch die umfassenden
wo er – insbesondere von den Frauen. Massive Propagierung von Repressions- und Hinrichtungswel-
westlichen Medien - auch die dazu Märtyrertum und militantem Dji- len, Machtmissbrauch, Korruption
nötige Presseinfrastruktur zur Ver- had und die brutale Verfolgung oder der wirtschaftliche Ruin des
fügung gestellt bekam, konnte sich von Oppositionellen stehen auf Landes, noch einmal drastisch ver-
Khomeini nach seiner Rückkehr der Tagesordnung. Selbst banale schlimmert hat. Trotz eindeutiger
umso mehr als „Opfer“ der Dinge, wie die Erlaubnis zur Pro- Umfragewerte, die für Mussavi
Repression des inzwischen ausge- duktion von Nahrungsmitteln, sind sprachen, verkündete das Regime
reisten Schahs inszenieren. Er der islamischen Gesetzgebung quasi in einer Nacht- und Nebel-
konnte sich geschickt in Szene set- unterworfen. Eine solch anachroni- aktion noch in der Wahlnacht, als
zen und stilisierte sich in seinen stische Gesetzgebung kann natür- noch nicht alle Ergebnisse vorla-
flammenden Anklagen an den lich nur mittels totalitärer Herr- gen, das Endergebnis zugunsten
Schah und den westlichen Imperi- schaft und Gewalt aufrechterhalten Ahmadinejads. Die derart offen-
alismus - in der Regel in emotio- werden. Ganz bewusst wird ver- sichtliche Manipulation der Präsi-
nalstem sozialrevolutionären Jar- sucht, eine Stimmung des postre- dentschaftswahl brachte in den
gon gehalten - zum Heilsbringer. volutionären Ausnahmezustands Folgetagen Millionen IranerInnen
Die verblendete Masse folgte dem zur Legitimation der Gewalt beizu- trotz Demonstrationsverbots und
„charismatischen Führer“, der sich behalten. Zweifelos fördert Totali- zu erwartender massiver Brutalität
entgegen seiner Versprechungen tarismus die Resignation und den der Revolutionsgarden und der
neben seiner Funktion als religiö- Rückzug ins Private, wo ein Bassidji-Freiwilligenmiliz auf die
ser Führer letztenendes auch zum zumindest noch ansatzweise Straße. Anfänglich demonstrierten
politischen Führer machte: Er riss selbstbestimmtes Leben möglich sie für ihre verlorenen Stimmen.
auch die weltliche Macht an sich sein kann. Umso schöner ist es, So kam es auch: Unzählige Men-
und entledigte sich jedweder dass sich jetzt ein großer Teil der schen wurden verhaftet und gefol-
Opposition. Man unterschätzte ihn iranischen Bevölkerung erhoben tert. Zwei Oppositionelle wurden
total. Spätestens als der Schah hat und inzwischen offen einen hingerichtet, bei dutzenden Todes-
ungefähr ein Jahr vor der Revolu- „Regime Change“ fordert. Die urteilen steht die Vollstreckung
tion sämtliche zensierten Bücher Frage, die sich stellt ist nur, wie noch aus. Es wurden Schauprozes-
freigab, war es jedoch uneinge- friedlich das von statten gehen se gegen Reformpolitiker, Opposi-
schränkt möglich an Khomeinis könnte. Die Bevölkerung sehnt tionelle oder kritische Journalisten
programmatische Schrift „Der isla- sich auf jeden Fall nach nichts initiiert, die den Westen oder die
mische Staat“ zu kommen und mehr, als einer friedlichen Lösung, „jüdisch-zionistische Weltverschwö-
somit auch das Modell der Islami- doch die Machthaber haben durch rung“ als Drahtzieher der Proteste
schen Republik, für das im Refe- ihre brutale Gegenreaktion der entlarven sollten. Die Pressebe-
rendum vom März 1979 die über- letzten Wochen und Monate richterstattung wurde noch stärker
wältigende Mehrheit der IranerIn- gezeigt, dass sie nicht bereit sind als sonst eingeschränkt oder das
nen stimmte, zu durchschauen. sich friedlich dem Volkswillen zu Mobilfunknetz stillgelegt. Kurz: die
Aber die Euphorie war zu groß ergeben. Islamische Republik zeigte ganz
und die Emotionen überwogen die unverhüllt ihr wahres Gesicht und
Vernunft. ermöglicht einen klaren Blick auf
die Verhältnisse.

77
iran

Umfassende Sanktionen wegen des iranischer Güter. Selbst ein unilate- denn die Khamenei unterstehen-
Verdachts des Atombombenbaus rales Vorgehen wird – meist mit den iranischen Revolutionsgarden7,
würden dem Regime substantiellen dem Verweis auf die Notwendig- die durch ihre hohe wirtschaftliche
Schaden zufügen. Angesichts der keit eines Beschluss des Sicher- und politische Bedeutung wie ein
offensichtlichen Unfähigkeit der UN heitsrates (!) – abgelehnt. Als „Staat im Staate“ funktionieren,
oder EU, diese geschlossen durchzu- Beweis: Auch weiterhin bürgt der kontrollieren direkt und indirekt
setzen, wäre doch zumindest deutsche Staat mittels seiner Her- bis zu 70 Prozent der Wirtschaft.
Deutschland als wichtigster west- meskredite für deutsche Unterneh- Insbesondere im leicht und wir-
Viel zu tun in licher Handelspartner gefragt, oder? men im nicht vorhandenen Rechts- kungsvoll sanktionierbaren Roh-
Sachen Menschen- staat Iran und wirbt durch die stoff- und Energiesektor. Die häu-
rechte Der „kritische Eigentlich ist es Aufgabe der UN, staatlich finanzierte Außenhandels- fig als Gegenargument angebrach-
Dialog” stößt seit das Regime mithilfe von Sanktio- kammer in Teheran für deutsch- ten Bedenken bezüglich der Fol-
nunmehr 30 Jahren nen in Schlüsselbereichen derart iranische Wirtschaftskooperation. gen harter Sanktionen für die
an seine Grenzen. zu isolieren, dass es wie ein Kar- Es scheint, als hätte sich die deut- Bevölkerung greifen hier nicht
tenhaus in sich zusammenfällt. sche Regierung bereits mit der ira- mehr, zumal hier nicht auf dem
Ende 2006 gab es auch eine ein- nischen Atombombe abgefunden. Sektor humanitärer Güter eine
stimmig beschlossene Resolution Frau Merkel brüstet sich zwar Sanktion getroffen werden müsste.
des UN-Sicherheitsrates, die das immer damit „aus der Geschichte Es genügt die subventionierten
Regime der Islamischen Republik gelernt“ zu haben und in Sachen Benzinlieferungen an den Iran ein-
dazu aufforderte, ihr auf Nuklear- Menschenrechten „viel zu tun“, zustellen und die Auslandskonten
waffen zielendes Atomprogramm doch die deutsche Iran-Politik des Iran einzufrieren. Diese Taktik
auszusetzen. Das Regime ignorier- steht dem diametral entgegen. Sie führte bereits 1979 zum Sturz des
te diese und darauf folgende Reso- macht denselben Fehler wie ihre Schah. Die Bevölkerung des Irans
lutionen vollständig, wodurch For- Vorgänger seit 30 Jahren, die sich zieht heute „ein Ende mit Schrek-
derungen nach harten Sanktionen allesamt am Konzept des so ken einem Schrecken ohne Ende“
als weiteres Druckmittel und Straf- genannten „kritischen Dialogs“ des vor!
maßnahme sowohl von Teilen des früheren Außenministers Klaus
UN-Sicherheitsrats als auch inner- Kinkel orientierten. Doch wie Zahlreiche deutsche Firmen unter-
halb der EU immer lauter wurden. lange können wir uns diese „kriti- halten ja mit dem Regime seit Jahr-
Doch insbesondere Deutschland, scher Dialog“ genannte Appease- zehnten Handelsbeziehungen im
das doch eigentlich durch die ein- ment-Politik noch leisten? Wir wis- großen Stile. So bestritt etwa allein
seitige, iranische Abhängigkeit von sen, dass ein „Dialog“ mit diesem der Siemenskonzern (!) 2008 mit
seinen High-Tech-Gütern über Regime gar nicht möglich ist, erst rund 438 Millionen Euro knapp ein
hohes Druckpotential verfügt, Recht kein „kritischer“. Durch die Zehntel des deutsch-iranischen Han-
sperrt sich entgegen aller offiziel- deutsche Iran-Politik wurde die delsvolumens...
len Äußerungen faktisch gegen ein Islamische Republik stets funda-
geschlossenes Vorgehen von UN mental verharmlost. Dabei wären Siemens hat ja vor kurzem erklärt
oder EU, des größten Importeurs harte Sanktionen sehr effektiv, ab Mitte 2010 keine Neugeschäfte

1
Die Jebhe Melli ist der Ölwirtschaft ein. schwörungstheoretisch rung des Holocaust – Todesstrafe vor, deren
ein 1947 von Moham- Heute, 30 Jahre nach begründeten Vernich- als Vorwand für die Vollstreckung meist
med Mossadegh ge- der Machtübernahme tungsantizionismus, israelische Staatsgrün- öffentlichkeitswirksam
gründetes und mit Khomeinis, setzt sich gepaart mit Holocaust- dung – beschuldigt inszeniert wird.
Unterbrechungen bis die Jebhe Melli primär leugnung oder -relati- und die Vernichtung
heute aktives Bündnis für einen friedlichen vierung und antijüdi- des israelischen „Krebs- 4
Zum Beispiel die
aus Oppositionsgrup- Regimewechsel und schen Ressentiments, geschwürs“ (Ahmadi- Anhänger der Bahai-
pen und Parteien ver- eine Änderung der Ver- zusammen. Infolgedes- nejad) propagiert. Religion, deren Diskri-
schiedenster politischer fassung ein. sen wird für die Ver- minierung – sie dürfen
Strömungen. Ursprüng- breitung antisemiti- 3
Die khomeinistische etwa nicht an Univer-
lich trat die Jebhe Melli 2
Der khomeinistische scher Klassiker, wie der Auslegung der Sharia sitäten studieren – und
für die nationale Unab- Antisemitismus setzt „Protokolle der Weisen sieht beispielsweise für Verfolgung auch mittels
hängigkeit Irans und sich aus einem religiös von Zion“, gesorgt, „die homosexuellen verschwörungstheoreti-
die Selbstverwaltung aufgeladenen und ver- Juden“ der Inszenie- Geschlechtsverkehr die scher Argumentations-

78
iran

mit iranischen Partnern mehr dass ein Regime, das permanent bewusst werden. Harte Sanktionen
abzuschließen. Die laufenden zur Vernichtung Israels aufruft und - wenn schon nicht auf Beschluss
Geschäfte werden jedoch nicht seine Bevölkerung brutal unter- des UN-Sicherheitsrates, dann EU-
ausgesetzt. Wenn sich Siemens drückt, immer mehr Zeit gewinnt, weit oder wenigstens unilateral -
vollständig aus dem Iran-Geschäft um ein Atomprogramm zur Waf- sind meiner Meinung nach die ein-
zurückziehen würde, wäre das fenentwicklung zu unterhalten, ist zige verbleibende Möglichkeit,
natürlich gut, denn Siemens liefert vollkommen inakzeptabel. Da diese Gefahr friedlich zu bannen
- direkt oder indirekt – insbeson- prinzipiell jeder Unterzeichner des und einen israelischen Präventiv-
dere High-Tech-Güter wie Tele- Atomwaffensperrvertrags – darun- schlag, der, wenn sich nichts
Foto: privat
kommunikationsüberwachungsan- ter ist auch der Iran - über die ändert, nicht auszuschließen sein
lagen oder Turbokompressoren für gleichen Rechte verfügen sollte, wird, ganz und gar unnötig zu Dr. Sasan Harun-
das Atomprogramm, von denen spricht nichts dagegen, dass ein machen. Es ist höchste Zeit, das Mahdavi ist Leiter
das Regime abhängig ist. Der Han- Land Wissen und Technologie zur Feld der Appeasement-Politik auf der Jugendorganisa-
del mit dem Iran ist zwar ethisch- friedlichen Urananreicherung friedlichem Wege zu verlassen. tion der Jebhe Melli
moralisch falsch, doch eigentlich erlangt. Doch ein solches Regime, Auch zum Wohle der iranischen und ist aktiv in der
muss die entscheidende Initiative dessen Präsident apokalyptisch- Bevölkerung.< exiliranischen Oppo-
von der deutschen Regierung aus- messianische Fantasien hegt, das sitionsarbeit
gehen, um gleiche gesetzliche Vo- religiöses Märtyrertum, Selbstmor-
raussetzungen für alle Konzerne dattentate und den militanten Dji-
und Firmen vorzugeben. Sich nur had glorifiziert, den internationa-
durch Appelle darauf verlassen zu len Terrorismus unterstützt und
wollen, dass Firmen von sich aus den Holocaust leugnet, darf nicht
entsprechend handeln, ist kurz- in den Besitz eben dieser Techno-
sichtig beziehungsweise Augenwi- logie kommen. Das stellt die größ-
scherei. te Gefahr für die Sicherheit der
Region und der gesamten Welt
Je länger das Atomprogramm unbe- dar. Die iranische Atombombe
helligt ausgebaut wird, desto wahr- würde als starkes Druckmittel der
scheinlicher wird auch ein Präventiv- Mullahs fungieren und zu einem
schlag Israels – mit wohl dramati- globalen atomaren Wettrüsten –
schen Folgen ... insbesondere im Mittleren und
Nahen Osten – führen. Im Zuge
Ganz grundsätzlich hat jeder Staat der Maxime des Revolutionsex-
für die Sicherheit seiner Bevölke- ports ist es nicht auszudenken,
rung zu sorgen. Dass Israel da aus dass das Regime seine Technolo-
historischen und gegenwärtigen gie beziehungsweise atomare Waf-
Gründen sehr sensibel ist, ist ver- fen an Hisbollah oder Hamas
ständlich. Dass die G8 es zulassen, weitergibt. Dessen müssen wir uns

muster begründet wird. sind zum Beispiel der 6


Nach Angaben des Volksrepublik China gegenwärtigen Proteste
Krieg gegen den Irak Regierungsmitglieds eingenommen und - und in der Vergan-
5
Nach dem Errichten (1980-1988), Aufbau Emad-el-din Baghi 2008 346 Menschen genheit auch im Äuße-
der totalitären Herr- und Unterstützung der beträgt allein die Zahl hingerichtet hat. ren - zum Beispiel im
schaft innerhalb des Hisbollah (seit 1982), der Todesopfer der Iran-Irak-Krieg - mit
Irans, hat der weltweite der Anschlag auf das Revolution zwischen 7
Neben dem regulä- allen Mitteln zu vertei-
Export des Modells des jüdische Gemeindezen- 70.000 und 100.000. ren Militär, stellen die digen. Sie erfüllen
khomeinistisch-islami- trum in Buenos Aires Fakt ist, dass die Isla- Revolutionsgarden eine dabei auch planerische
schen Gottesstaates, die (1994) oder auch Ein- mische Republik nach weitere Militäreinheit oder wirtschaftliche
zweite politische Maxi- flussnahme auf gegen- Angaben von Amnesty dar, deren Ziel es ist, Funktionen. Die US-
me der Islamischen wärtige Krisenregionen, International in den die revolutionären Ide- Regierung stufte die
Republik, an Bedeu- wie dem Irak oder letzten Jahren stetig ale im Inneren - zum Revolutionsgarden
tung gewinnen kön- Afghanistan, zu lesen. Platz zwei der Hinrich- Beispiel bei der bruta- 2007 als terroristische
nen. In diesem Kontext tungsliste nach der len Unterdrückung der Vereinigung ein.

79
wohlfahrt

Die besondere Art der „Wohlfahrt“


In Hessen versucht eine Arbeitsgemeinschaft der Polizei, einen Landkreis von unerwünschten Ausländer-
Innen zu befreien. Von Carolin Simon-Winter

Die vom Landrat des Kreises Offenbach, P. Walter, und lungen. Die arabische Sprache konnten sie verstehen,
dem Polizeipräsidium Südosthessen ins Leben gerufene aber nicht schreiben.
Arbeitsgemeinschaft hat sich verpflichtet, im Namen der Im Sommer 2006 wurden sie buchstäblich über Nacht
„sozialen Gerechtigkeit“, den Kreis von „Gerissenen“, „von zu Kriminellen gemacht. Es war in der Nacht, in der die
Menschen mit hoher krimineller Energie“ zu befreien. Das AG-Wohlfahrt in die Wohnung der Familie eingedrungen
taten sie schnell, kompromisslos und sehr effektiv. Nun war und alles auf den Kopf stellte, nach nicht vorhande-
findet sich immer mehr Sand im Getriebe, die wohl aus- nen jordanischen Pässen suchte, alle über 14-jährigen mit
geklügelte Maschinerie kommt ins Stottern. auf das Revier brachte und den Vater und den ältesten
Als im Jahr 2006 die AG Wohlfahrt, die sich aus drei Sohn ins Gefängnis steckte. „Wir dachten, sie hätten sich
Polizeibeamten und einem Mitarbeiter der Ausländerbe- geirrt und alles würde sich aufklären“, so sagten die Kin-
hörde zusammensetzte, gegründet wurde, hatte sie einen der später zu mir. Dies war ein Trugschluss, stattdessen
klaren Auftrag. Sie sollte den Kreis von „Scheinasylanten“ war es der Beginn eines nun mehr als drei Jahre dauern-
befreien, um dem „Steuerzahler“ und den „wahrhaft den Alptraums.
Bedürftigen“ ihr Geld zu sichern. Eine „Gerechtigkeits- Ich habe diese Anfänge miterlebt, als die Familie plötz-
lücke“ sollte geschlossen werden. lich öffentlich diffamiert und kriminalisiert worden ist, als
Es war nicht schwer, die Täter zu ermitteln. Gab es sie in Presseberichten und Stellungnahmen als „Gerissene,
doch im Kreis 200 Personen, die sich als Palästinenser als Betrüger, als Straftäter“ bezeichnet wurde. Sie wurden
ausgaben und eigentlich, so die Annahme, Jordanier öffentlich verurteilt, ohne dass es je ein gerichtliches Ver-
seien. Für den Landrat sind die angeblichen Palästinenser fahren gegeben hat. Sie wurden verurteilt, weil eine
kein Einzelfall: „Hier handelt es sich um einen richtigge- Behörde, die sich Wohlfahrt nennt, das Urteil spricht. Das
henden Markt …“, und so wurden alle Palästinenser unter ist die moderne und subtile Form des Prangers und hat
einen Generalverdacht gestellt und es wurde schnell mit Rechtsstaatlichkeit nichts zu tun.
gehandelt. Bis Ende 2007 wurden 138 Personen erfolg- Ich habe miterlebt, wie Hassan, sein Bruder und sein
reich (!) abgeschoben. Ein paar fehlten noch, dann end- Vater in Abschiebehaft genommen wurden. Ich habe mit-
lich hätten sie vermelden können, dass sie ihrer „gesetz- erlebt, wie die Familie im November 2007 in einer Nacht
lichen Verpflichtung konsequent und in aller Entschieden- und Nebel-Aktion zur Abschiebung fertiggemacht, in
heit“ erfolgreich nachgekommen sind. Aber der Wider- Busse verfrachtet und ihnen die Kontaktaufnahme ver-
stand, der der AG- Wohlfahrt entgegengebracht wurde, wehrt wurde, weil ein Beamter die Batterien aus dem
weitete sich aus, gewann immer mehr Unterstützer aus Telefon genommen hatte. Wie Frau Khateeb und ihre Kin-
nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen und auch aus der durch die Flughafenhalle getrieben wurden, wie der
verschiedenen politischen Lagern. Der Widerstand for- Vater und einer der Söhne wie Schwerverbrecher umstellt
miert sich auch weiterhin, weil es zum einen wichtig ist, von Polizisten am Flughafen weggebracht wurden.
die Menschen zu unterstützen, die in die Fänge dieser AG Ich habe mit anhören müssen, wie die Beamten der
geraten sind. Er formiert sich aber auch, weil es um die Wohlfahrt über die Familie geredet haben, wie sie sagten,
Prinzipien unseres Rechtsstaates geht und die Sorge, dass dass bei Arabern nur der Mann weg muss, dann kommt
diese einem politisch motivierten Interesse nachgeordnet die Frau schon hinterher. Ich habe die Verzweiflung der
werden. (Alle in diesem Teil verwandten Zitate aus: Familie mit ansehen müssen, als sie den Vater aus dem
Carolin Gemeinsame Presseerklärung des Landrates des Kreises Gefängnis heraus abgeschoben haben, ohne dass er sich
Simon-Winter Offenbach und des Polizeipräsidiums Südosthessen vom verabschieden durfte. Erst als er im Flugzeug saß, durfte
ist Pfarrerin der Ev. 18. Februar 2008) er seine Frau anrufen. Das Gespräch wurde nach ein paar
Kirche in Hessen Beginnen wir mit den Menschen: Familie Khateeb lebt Sätzen dadurch unterbrochen, dass ein Beamter ihm das
und Nassau seit 18 Jahren in Dietzenbach. Vater, Mutter und 7 Kinder. Handy wegnahm und stattdessen Frau Khateeb ein paar,
Bis zum Sommer 2006 waren sie ganz normale Menschen, das Arabische nachäffende, Worte „hinterher schob“.
die hier ihre Heimat gefunden hatten. Die Kinder gingen Übrigens wurde nicht nur die Familie von der Abschie-
zur Schule, waren in Vereinen, hatten ihre Freunde, spiel- bung des Vaters nicht informiert, sondern auch die zustän-
ten, lernten und wuchsen heran. Das Herkunftsland ihrer dige Richterin des Verwaltungsgerichts wurde über die
Eltern und Großeltern, Palästina, kannten sie aus Erzäh- Aktion im Unklaren gelassen, und das, obwohl sie die

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Behörde des Kreises schriftlich aufgefordert hatte „etwai- Kurz vor Redaktionsschluss gab der
ge Vollzugsmaßnahmen vier Wochen vorher anzukündi- seit dem 01.März amtierende neue
gen.“ Landrat des Kreises Offenbach
Was hier geschehen ist, hat nichts mehr mit der Durch- bekannt, die AG Wohlfahrt auflösen
setzung von Recht und Gesetz zu tun. Das sind men- zu wollen. Die Ermittlungen gegen
schenverachtende, diskriminierende Willkürakte. Flüchtlinge, die sich illegal hier auf-
So etwas darf nicht sein! hielten, gingen jedoch weiter, ledig-
Aber auch aus juristischer Sicht ist das Vorgehen der AG lich die eigens gegründete Ermitt-
zumindest fragwürdig. Hassan, der älteste Sohn der Fami- lungsgruppe würde aufgelöst.
lie, studiert allen Widerständen zum Trotz Jura an der Uni
Frankfurt. Mittlerweile hat sich der Fachbereich solidarisch
erklärt und auch Professoren haben öffentlich Stellung
bezogen und für die Familie ein Bleiberecht gefordert.
Auch liegt dem Petitionsausschuss eine Stellungnahme
eines Staatsrechtlers vor, die der Argumentation der AG
Wohlfahrt widerspricht.
Aber nicht nur Stellungnahmen von externen Fachleu-
ten lassen die glatte Fassade bröckeln. Die AG Wohlfahrt
trägt selbst dazu bei, dass ihre Glaubwürdigkeit erschüt-
tert wird:
So behauptete z. B. die AG Wohlfahrt im November
2007, dass mit „laissez-passers“ keine „freiwillige Ausreise“
möglich sei. Im Herbst 2009 sagt derselbe Beamte, dass
die von der jordanischen Botschaft ausgestellten „laissez-
passers“ einem Pass mit Nationalitätsnachweis gleichwer-
tig seien. (Familie Khateeb hatte sich damals nach lan-
gem, inneren Ringen zu der „freiwilligen Ausreise“ ent-
schlossen, weil die AG Wohlfahrt ihnen das „Angebot“
gemacht hatte, Hassan könne sein Abitur machen, wenn
der Rest der Familie „ohne Ramba Zamba, ohne Presse
und so“ ausreisen würde. „Wir sind ja keine Unmen-
schen“, wurde uns lächelnd versichert.)
Die Liste der Ungereimtheiten ließe sich noch erwei-
tern. Sie liegt jetzt detailliert dem Petitionsausschuss des
Hessischen Landtags vor.
Ich hoffe, dass die Mitglieder des Petitionsausschusses die
Lage der Familie genau prüfen, damit eine menschliche,
aber auch gesellschaftlich relevante, Tragödie verhindert
werden kann.
Natürlich geht es um die Familie Khateeb - sie alle sol-
len hier bleiben. Es gibt für sie keinen anderen Ort, der
Heimat wäre. Aber es geht auch um unsere Gesellschaft.
Es geht darum, dass eine derart agierende Behörde ihre
Grenzen aufgezeigt bekommt. Daran wird gearbeitet und
es werden immer mehr, die ihre fachliche Kompetenz
dafür zur Verfügung stellen. Und die Herren der Wohlfahrt
helfen auch mit, indem sie ihre „Aufträge erfüllen“ und
dabei plumpe Diskriminierung und menschenverachten-
des Handeln nicht unterdrücken können, indem immer
mehr Ungereimtheiten auftauchen und sie sich in Wider-
sprüche verwickeln.
Sand ist im Getriebe; hoffen wir, dass er die Maschine-
rie zum Stehen bringt. Das wäre eine echte Wohltat für
unser Land.<

81
dublin II

Am Rande des Rechts


Die Problematik der Dublin-II-Verordnung. Von Dominik Bender

Die meisten Betroffenen und VerfahrensberaterIn- lich letztlich mit Hilfe des bundesweiten Vertei-
nen sind inzwischen gut informiert und wissen, dass lungssystems EASY (Abkürzung für: Erstverteilung
die Bundesrepublik Deutschland vor der materiel- von Asylbewerbern) ermittelt und im Rahmen einer
len Prüfung eines Asylantrages erst einmal prüft, ob Verwaltungsentscheidung nach § 22 Abs. 1 S. 2 i.Vm.
nach dieser Verordnung nicht vielleicht ein anderer § 46 Abs. 1 und 2 AsylVfG festgelegt. Der Ort der
Mitgliedstaat der Europäischen Union für die Prü- Äußerung des Asylersuchens spielt dabei nur dann
fung des Asylantrages zuständig sein könnte. Die eine Rolle, wenn die Außenstelle, an die sich die
RechtsanwältInnen und RichterInnen sind inzwi- oder der Asylsuchende gewendet hat, nach den Kri-
schen ebenfalls gut informiert und wissen, dass die terien des EASY-Verfahrens ohnehin zuständig wäre
Zu Unrecht konkrete gesetzgeberische Ausgestaltung des Ver- (vgl. § 46 Abs. 1 S. 1 AsylVfG).
Das hat die irische waltungs- und Gerichtsverfahrens zu Entscheidun-
Hauptstadt wahrlich gen nach der Dublin-II-VO, wie sie in den §§ 18, Dem EASY-Verteilungssystem liegen Kriterien wie
nicht verdient, das 27a, 31, 34a AsylVfG vorgenommen worden ist, Herkunftsländerschwerpunkte bestimmter Außen-
diese schändliche ernstzunehmende verfassungsrechtliche Bedenken stellen und die aktuelle Ausschöpfung der Aufnah-
EU-Verordnung aufwirft. So verwundert es auch nicht, dass das mekontingente der Bundesländer zugrunde. Famili-
ihren Namen trägt. Bundesverfassungsgericht seit September 2009 äre Bindungen bleiben grundsätzlich völlig unbe-
inzwischen acht Verfassungsbeschwerden zur Prü- rücksichtigt (Ausnahme: § 46 Abs. 3 S. 2 AsylVfG;
fung angenommen hat, die auf die Aussetzung von außerdem wird in Fällen, in denen es um die Kern-
Dublin-Überstellungen in den jeweiligen Fällen zie- familie geht, zuweilen von den Verteilungsstellen
len. Die Entscheidung über diese Verfassungsbe- außerhalb des EASY-Systems eine Lösung gesucht).
schwerden wird im Sommer dieses Jahres erwartet. Im Rahmen des EASY-Systems wird also davon aus-
gegangen, dass Asylsuchende letztlich unter Hin-
Was ist Dublin- II? nahme von Grundrechtseinschränkungen jedwede
Ortsfestlegung zu akzeptieren haben (vgl. auch § 55
Wer diese Frage beantworten will, dem hilft viel- Abs. 1 S. 2 AsylVfG). Wer schon einmal mit den
leicht zunächst ein Vergleich mit der innerdeutschen Betroffenen von Entscheidungen über die zuständi-
Rechtslage – aber auch nur „zunächst“. ge Außenstelle und Erstaufnahmeeinrichtung zu tun
hatte, der weiß, wie einschneidend diese Zustän-
Asylsuchende, die sich in Deutschland an eine digkeitsentscheidungen einerseits sind und wie
Außenstelle des Bundesamtes für Migrationund schlecht es andererseits um ihre gerichtliche
Flüchtlinge (BAMF) wenden, um dort einen Asylan- Angreifbarkeit bestellt ist.
trag zu stellen, können sich
diese aus den insgesamt 22 Die Dublin-II-Verordnung liefert die In ähnlicher Weise könnte
Außenstellen frei auswählen. Kriterien, in welchen EU-Mitgliedstaa- man auch die Funktion der
Damit ist aber nicht gesagt, ten sich Betroffene aufhalten dürfen. Dublin-II-VO erklären: Wo
dass das Asylverfahren auch Alle anderen EU-Staaten sind immer ein asylsuchender
in der ausgewählten Außen- dann tabu. Mensch in Europa erstmals
stelle durchgeführt wird und einen Asylantrag stellt oder
eine Unterbringung in der wo immer in Europa eine
angeschlossenen Erstaufnahmeeinrichtung stattfin- Person, die bereits in einem Mitgliedstaat einen
det. Welche Erstaufnahmeeinrichtung und Außen- Asylantrag gestellt hat, aufgegriffen wird, die
stelle des Bundesamtes zuständig sind, wird näm- Dublin-II-VO liefert die Kriterien und Verfahrensbe-

82
dublin II

stimmungen, nach denen festgestellt werden kann, Rechtliche Möglichkeiten


in welchem Mitgliedsstaat die oder der Betroffene
das Asylverfahren verfolgen darf und in welchem Zuletzt ist auch noch auf einen wesentlichen Struk-
Mitgliedsstaat sie beziehungsweise er sich folglich turunterschied zwischen dem EASY-System und der
(nur) aufhalten darf. Alle anderen Mitgliedsstaaten Dublin-II-VO hinzuweisen. Im Raum stehenden
sind dann „tabu“. Grundrechten, wie familiären Bindungen kann
überdies nach gewisser Zeit durch Korrekturent-
Wesentliche Unterschiede beider Systeme scheidungen (so genannte länderübergreifende
Umverteilung nach § 51 AsylVfG) Rechnung getra-
So sehr der Vergleich zwischen dem EASY-Verfah- gen werden. Die Dublin-II-VO ist von ihrer Genese
ren und der Dublin-II-VO dem ersten Verständnis und Struktur her völlig anders ausgerichtet: Sie
dienen mag, so sehr täuscht der Vergleich aber über erkennt die Tragweite der (endgültigen) europäi-
wesentliche Unterschiede dieser beiden Systeme schen Zuständigkeitsentscheidungen, billigt den
hinweg. Während die Außenstellen des Bundesam- Betroffenen ausdrücklich Rechtsbehelfe gegen die
tes sämtlich Verwaltungsuntergliederungen ein- und Zuständigkeitsentscheidungen zu (vgl. Art. 19 Abs.
derselben Bundesbehörde sind, haben die Asylbe- 2 S. 4 und Art. 20 Abs. 1 Buchst. e S. 5 D- II-VO)
hörden der EU-Mitgliedsstaaten nichts miteinander und benennt im Rahmen der einzelnen Zuständig-
zu tun. Während die Aner- keitsregelungen ausdrücklich
kennungspraxis dementspre- Asylsuchende erfahren nichts davon, Kriterien, bei denen sich gera-
chend innerhalb Deutsch- dass das Bundesamt in Wirklichkeit dezu aufdrängt, dass die
lands meistens ähnlich ist, einen anderen EU Mitgliedsstaat auf- Zuständigkeitsentscheidung
fällt sie in den verschiedenen gefordert hat, sich für das Asylver- kein vom Betroffenen unge-
Mitgliedstaaten der EU völlig fahren für zuständig zu erklären. prüft hinzunehmendes bloßes
unterschiedlich aus. So „Verwaltungsinternum“ sein
wurde beispielsweise im Jahr kann (vgl. zum Beispiel Art.
2007 in Österreich ca. 70 Pro- 6-8 und Art. 15, in denen die
zent aller tschetschenischen Pflicht zur Beachtung familiä-
Asylsuchenden ein Schutzsta- rer Bindungen konstituiert
tus eingeräumt, während die Anerkennungsquote in wird).
der Slowakei unter einen Prozent lag.
Nach alledem kann die Dublin-II-VO also zwar als
Als weiteres Beispiel kann auf die in krasser Weise Zuständigkeitsbestimmungssystem beschrieben
divergierende Abschiebepraxis europäischer Staa- werden; damit ist andererseits aber gerade nicht
ten, zum Beispiel in den Zentralirak, verwiesen wer- gesagt, dass sich die Personen, über deren weiteres
den: Teilweise haben europäische Staaten Rük- Schicksal die Regelungen der Dublin-II-VO ent-
kübernahmeabkommen mit der irakischen Regie- scheiden, nicht gegen die Zuständigkeitsbestim-
rung abgeschlossen und machen von diesen in mung gerichtlich zur Wehr setzen und sich dabei
erheblichem Umfang Gebrauch (so zum Beispiel nicht auch auf eine Vielzahl individueller Rechte
Schweden). Teilweise hingegen ist die Abschiebung berufen könnten.
irakischer Asylsuchender aus anderen Mitgliedsstaa-
ten der EU, zum Beispiel aus Deutschland, derzeit Tatsächliche Schwierigkeiten bei der Kontrolle von
grundsätzlich nicht möglich. Überstellungs-Entscheidungen

Hinzu kommt jüngst der Umstand, dass bestimmte Das Recht auf eine Kontrolle von Zuständigkeits-
Mitgliedsstaaten an den Außengrenzen der EU (zum beziehungsweise Überstellungs-Entscheidungen
Beispiel Griechenland und Malta) derart hohe nach der Dublin-II-VO ist aber nur dann etwas Wert,
Flüchtlingszahlen zu verzeichnen haben, dass die wenn von ihm auch tatsächlich Gebrauch gemacht
Kapazitäten ihrer Infrastruktur für Asylsuchende werden kann. Hier beginnen die eigentlichen
völlig überlastet sind und die Betroffenen zum Bei- Schwierigkeiten – oder besser gesagt: Widrigkeiten.
spiel in Obdach- und Einkommenslosigkeit leben,
sowie ohne jegliche gesundheitliche Mindestversor- Die erste tatsächliche Widrigkeit bei der Kontrolle
gung sich selbst überlassen sind – eine Problematik, von Überstellungs-Entscheidungen nach der
die innerhalb Deutschlands nicht auftritt. Dublin-II-VO ist, dass die Entscheidungen grund-
sätzlich ohne jegliche Information des Betroffenen

83
dublin II

vorbereitet werden. Das heißt: Asylsuchende, die, in Mit der baurechtlichen Parallelüberlegung ist
der für sie zuständigen Außenstelle, einen Asylan- zugleich auch noch die dritte tatsächliche Widrigkeit
trag gestellt haben, erfahren nichts davon, dass das angesprochen: Die Verwaltungsentscheidung, mit
Bundesamt im Hintergrund gar nicht eine Prüfung der Dublin-Überstellungen gegenüber den Betroffe-
des Asylantrages in Deutschland vorbereitet, son- nen bekannt gegeben werden, ist nämlich als so
dern dass es in Wirklichkeit einen anderen Mit- genannte Abschiebungsanordnung ausgestaltet, was
gliedstaat der EU aufgefordert hat, sich – zum Bei- – im Unterschied zur Abschiebungsandrohung –
spiel weil die oder der Betroffene illegal über die bedeutet, dass dem Betroffenen keine Ausreisefrist
Außengrenze des betreffenden Mitgliedstaates in gesetzt und damit auch keine Gelegenheit zur frei-
die EU eingereist ist – für das Asylverfahren für willigen Ausreise gegeben wird. Die Überstellung ist
zuständig zu erklären. Aufgrund dieses Zustandes damit zwingend als Abschiebung, das heißt als
der Desinformation sind die Betroffenen nicht in Durchsetzung der Ausreisepflicht durch Einsatz
der Lage, bestimmte für sie günstige Umstände, dass Dritter, durchzuführen.1
es z. B. nahe Familienan- Die Überstellung ist damit zwingend
gehörige in Deutschland als Abschiebung, das heißt als Durch- Rechtliche Schwierigkeiten bei
gibt, gegenüber dem setzung der Ausreisepflicht durch Ein- der Kontrolle von
Bundesamt vorzutragen. satz Dritter, durchzuführen. Überstellungs-Entscheidungen

Als würden die tatsächlichen


Die zweite tatsächliche Widrigkeiten die Betroffenen,
Widrigkeit bei der Kontrol- die VerfahrensberaterInnen und
Dominik Bender ist le von Überstellungs-Ent- die RechtsanwältInnen nicht
als Rechtsanwalt mit scheidungen nach der schon vor genug Probleme stel-
den Schwerpunkten Dublin-II-VO rührt daher, dass die Gesetzesvor- len, gesellen sich noch folgenreiche rechtliche
Ausländer- und schriften über das Verwaltungsverfahren (§ 31 Abs. Schwierigkeiten bei der Kontrolle von Zuständig-
Sozialrecht in 1 S. 4-6 und § 34a Abs. 1 AsylVfG) vom Bundesamt keits- und Überstellungs-Entscheidungen nach der
Frankfurt am Main in aller Regel so ausgelegt und angewendet werden, Dublin-II-VO hinzu.
tätig. dass der beziehungsweise die Betroffene von der
Überstellungsentscheidung des Bundesamtes erst in Im Zentrum steht dabei die Vorschrift des § 34a Abs.
den frühen Morgenstunden des Überstellungstages 2 AsylVfG. Dieser Paragraf normiert, dass die von
und unter Umgehung einer beziehungsweise eines Überstellungsentscheidungen betroffenen Men-
gegebenenfalls beauftragten Bevollmächtigten schen zwar gegen die Überstellungsentscheidung
erfährt. Klage erheben, aber nicht um Eilrechtsschutz nach-
suchen dürfen. Die Regelung würde, konsequent
Baurechtliche Parallelüberlegung angewandt, bedeuten, dass die Betroffenen ihre
Klage immer vom Ausland aus weiter verfolgen
Würde man diese Situation auf einen anderen müssten. Eine vorläufige Aussetzung der Überstel-
Bereich des Öffentlichen Rechts, nämlich das Bau- lungsentscheidung durch ein deutsches Gericht - so
recht, übertragen, wäre folgender Geschehensablauf dass der Betroffene den Ausgang des Klageverfah-
denkbar: Das Bauamt hält den Abriss eines seiner rens in Deutschland abwarten kann - , sieht das
Ansicht nach illegal errichteten Hauses für notwendig Gesetz nicht vor. Um noch einmal die oben gezoge-
und erlässt eine Abrissverfügung. Diese Abrissverfü- ne Parallele zu einer Abrissverfügung heranzuzie-
gung wird allerdings erst am Morgen des geplanten hen: Gäbe es eine entsprechende Vorschrift auch im
Hausabrisses an die Bewohner des Hauses bekannt Baurecht, dann könnten die betroffenen Hausbe-
gegeben, und zwar nicht durch die MitarbeiterInnen wohner nicht einmal einen Stopp des sofort voll-
des Bauamtes, sondern durch die MitarbeiterInnen ziehbaren Hausabrisses im Wege eines Eilverfahrens
des mit dem Abriss beauftragten städtischen Bauho- erreichen; sie wären einzig und allein darauf ver-
fes. Nach der Übergabe der Abrissverfügung wird wiesen, die Rechtmäßigkeit der Abrissverfügung in
sofort mit den Abbrucharbeiten begonnen. Was im einem Klageverfahren überprüfen zu lassen, zu des-
Baurecht mit großer Wahrscheinlichkeit zu einem sen Abschluss es mit an Sicherheit grenzender
Aufschrei von Betroffenen und RichterInnen führen Wahrscheinlichkeit erst nach dem Abschluss der
würde, gehört im Asylrecht seit Jahren zur ständigen Abrissarbeiten kommen wurde.
Verwaltungspraxis, die sich dabei auch durchaus auf
die Gesetzeslage berufen kann.

84
Ausblick 1
Im Aufenthalts-
recht gibt es übrigens
Vor dem Hintergrund der dargestellten Fragen und auch eine solche
Probleme, die die Dublin-II-VO aufwirft, darf mit Regelung, vgl. § 58a
Spannung den angesprochenen, im Sommer anste- AufenthG, die aber
henden Entscheidungen des Bundesverfassungsge- nur für extreme Aus-
richts entgegengesehen werden. Den Betroffenen nahmefälle, in
ist jedenfalls dringend zu raten, den Umstand, ob denen es zum Bei-
ein Dublin-Verfahren läuft, frühzeitig aufzuklären spiel um Terroristen
und möglichst schnell zu klären, ob nicht rechtliche oder „Haßprediger“
Schritte Erfolg versprechen könnten. Dabei ist es geht, gilt.
wichtig zu betonen, dass Erfolgschancen längst
nicht nur im Hinblick auf die vielbeachtete „Grie-
chenland-Problematik“ bestehen. Es sind stattdes-
sen zahlreiche andere Zielstaaten der Überstellung
und Fallkonstellationen denkbar, bei denen sich ein
Vorgehen lohnen kann.<

Angesichts der Tatsache, dass das Bundesverfassungsgericht


in mehreren Eilentscheidungen Dublin II-Abschiebungen
nach Griechenland ausgesetzt hat und Dublin II auch in
Europa immer umstrittener ist, hat das „Welcome to Europe”-
Netzwerk eine Kampagne initiiert, um für Deutschland eine
Ende aller Abschiebungen nach Griechenland zu erreichen
und damit einen Beitrag zum Ende des Dublin II-Systems zu
leisten. Weitere Informationen http://dublin2.info

85
nachgehakt

Slowenien humaner als Bayern!


Eine Roma-Familie aus dem Kosovo, 2005 mit großem Gewalteinsatz aus Bayern nach Slowenien abge-
schoben, erhält nach langem Kampf Asyl. Von Stephan Dünnwald

Im Frühsommer 2005 schrillten beim Bayerischen finanzierten Flüchtlingslager vor. Die Anwesenheit
Flüchtlingsrat die Alarmglocken. Familie Avdija, über von albanischen Flüchtlingen aus dem Kosovo wurde
Slowenien aus dem Kosovo geflüchtet, sollte im Rah- von der Familie als extrem bedrohlich erfahren, war
men eines Dublin II-Verfahrens nach Ljubljana abge- sie doch vor der Verfolgung durch Albaner geflüchtet.
schoben werden. Vorherige Abschiebeversuche waren Aber es gab auch Lichtblicke. Die Familie wurde von
Gezeichnet gescheitert, der letzte an einem Suizidversuch der der slowenischen Organisation Filantropija hervorra-
Familie Avdija, als Mutter, die schwer traumatisiert war und mehrfach gend betreut; mit ihrer Hilfe erhielt sie schließlich
sie von einer Delega- stationär behandelt werden musste. Die bayerischen auch eine Erlaubnis, aus dem Lager ausziehen zu
tion vom Bayeri- Behörden zeigten sich unbarmherzig, in ihrem Willen, können und fand eine kleine Wohnung. Das Asylver-
schen Flüchtlingsrat die Abschiebung der Familie um jeden Preis durchzu- fahren scheiterte, auch die Berufung wurde abge-
kurz nach ihrer setzen. Der Vater wurde in Abschiebehaft genommen, lehnt. Während der Fall vor das slowenische Verfas-
Abschiebung in die Mutter war in der Psychiatrie, die vier Kinder sungsgericht gebracht wurde, lebte die Familie in
Slowenien besucht wurden, nachdem sie mehrere Tage ohne Eltern im ständiger Angst vor der Abschiebung. Ein ehemaliger
wurde Lager verbracht hatten, schließlich in einem Kinder- Verfassungsrichter, Matevz Krivic, übernahm die
heim untergebracht. Die bayerische Rückführungsstel- ehrenamtliche Vertretung der Familie, dennoch schien
le scheute weder Kosten noch Mühen. Nachts wur- die Situation aussichtslos, als wir die Familie 2007 ein
den Vater und Kinder mit großem Polizeiaufgebot in zweites Mal besuchten. In Slowenien gibt es kaum
einen Transporter gepackt, die Mutter wurde von Anerkennungen in Asylverfahren, eine Abschiebung
einem zweiten Fahrzeug aus der Psychiatrie abgeholt. bei negativem Ausgang schien unausweichlich. Wäh-
Am Flughafen München erlitt die Mutter einen Anfall rend des Verfahrens erhielt die Familie keine staatli-
und brach auf dem Rollfeld zusammen, was die Kin- che Unterstützung, durfte aber zugleich nicht arbeiten
der und der Vater, noch im zweiten Fahrzeug, ohn- – eine verfahrene Lage.
mächtig mit ansehen mussten. Der Pilot der Adria Air-
ways, sonst nicht zimperlich bei Abschiebungen, Eine freudige Überraschung!
lehnte die Mitnahme der Mutter ab. Die Abschiebung
wurde abgebrochen, die Polizeibusse nahmen wieder So kam für uns die Nachricht völlig überraschend, in
Kurs auf Nürnberg. Doch nur vorübergehend, denn der uns mitgeteilt wurde, dass die Familie nun,
die Rückführungsstelle Nordbayern dirigierte kurz vor Anfang 2010 und fast fünf Jahre nach ihrer Abschie-
Nürnberg den Konvoi um: in Ingolstadt hatte man bung, doch noch Asyl bekommen hat. Wie viel Leid
einen Privatjet gechartert. Nach ein paar Stunden Haft wäre der Familie, vor allem den Kindern, erspart
in Ingolstadt wurde die Familie zum Flughafen geblieben, hätten die bayerischen Behörden etwas
gebracht und schließlich am späten Abend nach mehr Einsicht und ein Minimum an Mitgefühl für die
Ljubljana abgeschoben. Familie aufgebracht?<

Verfahrene Lage in Slowenien Die Geschichte, exemplarisch und dennoch kein Einzelfall,
Stephan Dünnwald wurde von uns dokumentiert: in der Null-Nummer des
ist Ethnologe, freier Erst im Nachhinein konnte der Bayerische Flücht- Hinterland Magazins, unter dem Titel „Nur ein Verwaltungs-
Journalist und lingsrat den Verlauf dieser Abschiebung dokumentie- akt: Die Abschiebung der Familie Avdija“, sowie in der
forscht derzeit in ren. Er entschloss sich, der Familie hinterher zu fah- Hinterland Ausgabe Nr. 5/2007 „Slowenien – Flüchtlings-
Mali. ren und den Fall zu recherchieren. In Ljubljana fan- schutz mit der Abrissbirne“.
den wir die Avdijas im brandneuen, von der EU

86
Baden-Württemberg Bremen Niedersachsen Sachsen

Flüchtlingsrat Flüchtlingsrat Bremen Niedersächsischer Flüchtlingsrat Flüchtlingsrat Sachsen


Baden-Württemberg
c/o Zuflucht Langer Garten 23 b Heinrich-Zille-Str. 6
Urbanstr. 44 - Ökumenische Ausländerarbeit e.V. 31137 Hildesheim 01219 Dresden
70182 Stuttgart Berckstr. 27
Tel: 05121/ 156 05 Tel: 0351/ 471 403 9
28359 Bremen
Tel: 0711/ 553 283 4 Fax: 05121/ 316 09 Fax: 0351/ 469 250 8
Fax: 0711/ 553 283 5 Tel: 0421/ 800 700 4
nds@nds-fluerat.org info@saechsischer-fluechtlingsrat.de
Fax: 0421/ 800 700 4
info@fluechtlingsrat-bw.de www.nds-fluerat.org www.saechsischer-fluechtlingsrat.de
www.fluechtlingsrat-bw.de fluechtlingsarbeit@kirche-bremen.de

Bayern Hamburg Nordrhein-Westfalen Sachsen-Anhalt

Bayerischer Flüchtlingsrat Flüchtlingsrat Hamburg e.V. Flüchtlingsrat NRW e.V. Flüchtlingsrat Sachsen-Anhalt e.V.

Augsburgerstraße 13 c/o W 3, 3. Stock Asienhaus Essen Schellingstr. 3-4


80337 München Nernstweg 32 Bullmannaue 11 39104 Magdeburg
22765 Hamburg 45327 Essen
Tel: 089/ 762 234 Tel: 0391/ 537 128 1
Fax: 089/ 762 236 Tel: 040/ 431 587 Tel: 0201/ 899 080 Fax: 0391/ 537 128 0
Fax: 040/ 430 449 0 Fax: 0201/ 899 081 5
kontakt@fluechtlingsrat-bayern.de akeff@web.de
www.fluechtlingsrat-bayern.de info@fluechtlingsrat-hamburg.de info@frnrw.de www.fluechtlingsrat-lsa-online.de
www.fluechtlingsrat-hamburg.de www.frnrw.de

Berlin Hessen Rheinland-Pfalz Schleswig-Holstein

Flüchtlingsrat Berlin e. V. Flüchtlingsrat Hessen Arbeitskreis Asyl Flüchtlingsrat


Rheinland-Pfalz Schleswig-Holstein e.V.
Georgenkirchstr. 69-70 Leipziger Str. 17
10249 Berlin 60487 Frankfurt c/o. Pfarramt für Ausländerarbeit Oldenburger Str. 25
im Kirchenkreis An Nahe und Glan 24143 Kiel
Tel: 030/ 243 445 762 Tel: 069/ 976 987 10 Kurhausstr. 8
Fax: 030/ 243 445 763 Fax: 069/ 976 987 11 Tel: 0431/ 735 000
55543 Bad Kreuznach
Fax: 0431/ 736 077
buero@fluechtlingsrat-berlin.de hfr@fr-hessen.de Tel: 0671/ 845 915 2
www.fluechtlingsrat-berlin.de www.fr-hessen.de office@frsh.de
Fax: 0671/ 845 915 4
www.frsh.de
info@asyl-rlp.org
www.asyl-rlp.org

Brandenburg Mecklenburg-Vorpommern Saarland Thüringen

Flüchtlingsrat Brandenburg Flüchtlingsrat Saarländischer Flüchtlingsrat e.V. Flüchtlingsrat Thüringen e.V.


Mecklenburg–Vorpommern e.V.
Rudolf-Breitscheidstraße 164 Kaiser-Friedrich-Ring 46 Warsbergstraße 1
14482 Potsdam Postfach 11 02 29 66740 Saarlouis 99092 Erfurt
19002 Schwerin
Tel: 0331/ 716 499 Tel: 06831/ 487 793 8 Tel: 0361/ 217 272 0
Fax: 0331/ 716 499 Tel: 0385/ 581 579 0 Fax: 06831/ 487 793 9 Fax: 0361/ 217 272 7
Fax: 0385/ 581 579 1
info@fluechtlingsrat-brandenburg.de fluechtlingsrat@asyl-saar.de info@fluechtlingsrat-thr.de
www.fluechtlingsrat-brandenburg.de kontakt@fluechtlingsrat-mv.de www.asyl-saar.de www.fluechtlingsrat-thr.de
www.fluechtlingsrat-mv.de

Flüchtlingssolidarität vor Ort!


Die Flüchtlingsräte

87
Flüchtlinge in den Städten, in den Dörfern und auf dem Land benötigen kompetente AnsprechpartnerInnen die Ihnen bei der Wah-
rung ihrer Rechte beistehen und die Öffentlichkeit über ihre schwierige Situation aufklären! Deshalb gibt es Flüchtlingsräte, bundesweit.
Fördern Sie Ihren regionalen Flüchtlingsrat mit einer Spende und helfen Sie mit, die unabhängige Flüchtlingssolidarität in Deutschland
zu sichern. Stichwort: „Flüchtlingshilfe vor Ort”

Baden Württemberg Bremen Niedersachsen Sachsen


Flüchtlingsrat Baden-Württemberg Zuflucht e.V. Niedersächsischer Flüchtlingsrat Sächsischer Flüchtlingsrat e.V.
BW-Bank Sparkasse Bremen Postbank Hannover Dresdner Volksbank Raiffeisen-
BLZ: 600 501 01 BLZ: 290 501 01 BLZ: 250 100 30 bank eG
Konto: 35 17 930 Konto: 11 83 05 85 Konto: 84 02 306 BLZ: 850 900 00
Konto: 332 379 1006
Bayern Hamburg Nordrhein-Westfalen
Bayerischer Flüchtlingsrat Flüchtlingsrat Hamburg Flüchtlingsrat NRW e.V. Sachsen-Anhalt
Bank für Sozialwirtschaft Postbank Hamburg Bank für Sozialwirtschaft Köln Flüchtlingsrat Sachsen-Anhalt e. V.
BLZ: 700 205 00 BLZ: 200 100 20 BLZ: 370 205 00 Sparda-Bank Berlin eG
Konto: 88 32 602 Konto: 293 02 200 Konto: 80 54 100 BLZ: 120 965 97
Konto: 8446270
Berlin Hessen Rheinland-Pfalz
Flüchtlingsrat Berlin Förderverein Hessischer Arbeitskreis Asyl Rheinland-Pfalz Schleswig-Holstein
Bank für Sozialwirtschaft Flüchtlingsrat e.V. Sparkasse Rhein-Nahe Förderverein Flüchtlingsrat SH e.V.
BLZ: 100 205 00 Sparkasse Fulda BLZ: 560 501 80 Evangelische Darlehnsgenossen-
Konto: 311 68 03 BLZ: 530 501 80 Konto: 75 schaft eG
Konto: 495 209 43 BLZ: 210 602 37
Brandenburg Saarland Konto: 383520
Flüchtlingsrat Brandenburg e.V. Mecklenburg-Vorpommern Saarländischer Flüchtlingsrat
Mittelbrandenburgische Sparkasse Flüchtlingsrat Kreissparkasse Saarlouis Thüringen
Potsdam Mecklenburg-Vorpommern BLZ: 593 501 10 Flüchtlingsrat Thüringen
BLZ: 160 500 00 VR–Bank eG Schwerin Konto: 200 630 986 SEB Leipzig
Konto: 350 10 10000 BLZ: 140 914 64 BLZ: 860 101 11
Konto: 34 90 03 Konto: 19 63 70 42 00