Sie sind auf Seite 1von 4

§ 1 Privatrecht und Öffentliches Recht

I. Das innerstaatliche Normensystem Bundesrecht: (1) An der Spitze des Bundesrechts steht die Verfassung, das
I. Das innerstaatliche Normensystem
Bundesrecht:
(1) An der Spitze des
Bundesrechts steht die
Verfassung, das
Grundgesetz (GG) vom
23.5.1949 – nur mit
qualifizierter (2/3)
Mehrheit abänderbar
(2) im Rang danach folgen die Bundesgesetze der
Legislative (Bundestag und Bundesrat), z.B.
Bürgerliches Gesetzbuch (BGB) oder
Handelsgesetzbuch (HGB) – mit 50% + x Mehrheit
änderbar (sog. einfache Parlamentsgesetze)
(3) und die bundesrechtlichen Rechtsverordnungen der Exekutive
(Bundesregierung), die nur bei einer nach Inhalt, Zweck und Ausmaß
begrenzten Ermächtigung des Parlaments möglich sind, vgl. Art. 80 GG –
so ermächtigt der Gesetzgeber etwa in § 6 Abs. 1 Straßenverkehrsgesetz
den Bundesminister für Verkehr, die Teilnahme am und die Zulassung von
Personen sowie Kraftfahrzeugen zum Straßenverkehr durch die
Straßenverkehrsordnung, die Fahrerlaubnisverordnung und die
Straßenverkehrszulassungsordnung zu regeln
(4) sowie das sonstige Bundesrecht der Körperschaften, Anstalten und Stiftungen des Bundes, z.B.
Satzungen der Sozialversicherung (Kranken-, Unfall-, Pflege-, Rentenversicherungsträger).

Alle Rechte bei: Dr. Gernot Wirth

BR HWS 2016/17

(16) Landesrecht(e):

(1) Landesverfassung, z.B. Baden-Württemberg (BW) vom 19.11.1953 (2) Gesetze der Landesparlamente, z.B. des Landtags
(1) Landesverfassung,
z.B. Baden-Württemberg
(BW) vom 19.11.1953
(2) Gesetze der Landesparlamente, z.B.
des Landtags BW (einfache
Landesgesetze), etwa Polizeigesetz BW
(3) und Rechtsverordnungen der Landesregierungen, ebenfalls
nur bei einer nach Inhalt, Zweck und Ausmaß begrenzten
Ermächtigung durch die Landesgesetzgeber möglich, wie bspw.
die Gaststätten(„sperrzeit“)verordnung BW, welche von der
Landesregierung BW auf Grund der gesetzlichen Ermächtigung
im Gaststättengesetz erlassen wurde
(4) sowie das sonstiges Landesrecht der Körperschaften, Anstalten und Stiftungen des Landes,
bspw. Satzungen von Gemeinden/-verbänden oder Hochschulen.
Hierarchie: Bundesrecht Bundesrecht hat, soweit es kompetenzgemäß erlassen wurde, gemäß Art. 31 GG Vorrang vor
Hierarchie:
Bundesrecht
Bundesrecht hat, soweit es kompetenzgemäß erlassen wurde,
gemäß Art. 31 GG Vorrang vor (den) Landesrecht(en):
Landes- recht Baden- Württemberg
Landes-
recht
Baden-
Württemberg
Landes- recht Bayern , …
Landes-
recht
Bayern
,
Landes- recht Thüringen 2
Landes-
recht
Thüringen
2

II. Abgrenzung Privatrecht und Öffentliches Recht

Öffentliches Privatrecht Recht Beschäftigt sich mit dem Aufbau und der Organisation des Staates sowie dem
Öffentliches
Privatrecht
Recht
Beschäftigt sich
mit dem Aufbau
und der
Organisation des
Staates sowie dem
Verhältnis zu
seinen Bürgern
Regelt die
Rechts-
beziehungen der
Bürger
untereinander

Die Frage, ob Öffentliches Recht oder Privatrecht vorliegt, ist dabei nicht nur von akademischer Natur, sondern hat erhebliche praktische Auswirkungen:

Rechtssetzungskompetenz

Wer ist zum Erlass der Rechtsquelle ermächtigt?

Im Öffentlichen Recht noch echte Kernkompetenzen der Länder, sog. Polizei-, Kommunal- und Kultushoheit.

Aber Länder auf dem Gebiet des Privatrechts eigentlich nur noch bezüglich der Materie des Nachbarschaftsrechts.

Rechtsweg

Vor welchen Gerichten ist das Recht durchzusetzen?

Verwaltungsgerichte

und Sonderverwaltungsgerichte

(Sozialgerichte, Finanzgerichte)

Ordentliche Gerichte

(Amts-/Landgerichte)

Handlungsmöglichkeiten

Handlungsmöglichkeiten

Bürger können grundsätzlich nur Mitteln des Privatrechts, aber nicht mit Mitteln des Öffentlichen Rechts handeln!

Bürger können grundsätzlich nur Mitteln des Privatrechts, aber nicht mit Mitteln des Öffentlichen Rechts handeln!

Der Staat kann dagegen beide Wege beschreiten,

Der Staat kann dagegen beide Wege beschreiten,

z.B., wenn er für den Bau einer Umgehungsstraße ein Grundstück benötigt:

z.B., wenn er für den Bau einer Umgehungsstraße ein Grundstück benötigt:

Mit den Mitteln des Öffentlichen Rechts

= Enteignung

unter den Voraussetzungen des Art. 14 GG.

Mit den Mitteln des Privatrechts

= Kauf

nach § 433 BGB.

Die Unterscheidung, ob Öffentliches Recht oder Privatrecht vorliegt, ist zuweilen recht schwierig:

(1) Subordinationstheorie = Öffentliches Recht liegt vor, wenn zwischen den Beteiligten ein Über-/Unterordnungsverhältnis besteht (frühere „Obrigkeitsverwaltung“):

versagt im Verhältnis zwischen Eltern und minderjährigen Kindern gemäß §§ 1626 ff. BGB oder zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern gemäß §§ 611 ff. BGB, da dort trotz Über-/Unterordnung dennoch Privatrecht gegeben ist,

oder auch auf dem Gebiet der gesamten „Leistungsverwaltung“, bei der der Bürger kein „Bittsteller“ mehr ist, da ihm einklagbare und durchsetzbare Ansprüche aus dem Öffentlichen Recht gegen den Staat zustehen, bspw. auf ALG II oder BAFöG.

(2) Sog. modifizierte Subjektstheorie = Öffentliches Recht, wenn durch die betreffende Rechtsnorm mindestens ein Träger öffentlicher Gewalt ausschließlich berechtigt und verpflichtet wird (also i.d.R. eine Behörde beteiligt sein muss):

versagt ebenfalls, wenn Private eigentlich hoheitliche Befugnisse als sog. „Beliehene“ wahrnehmen (bspw. ein Bezirkschornsteinfegermeister die Schadstoffmessung von Kleinfeuerungsanlagen oder ein Prüfingenieur beim Technischen Überwachungsverein die Fahrzeuguntersuchung),

dann liegt dennoch Öffentliches Recht vor!

(3) Daher am besten „Kombinationstheorie“: Öffentliches Recht liegt vor,

wenn der Staat oder eine von ihm speziell beauftragte oder ermächtigte Privatperson, welche die hoheitliche Aufgaben als vom Staat Beliehener wahrnimmt, beteiligt ist

und die betreffende Rechtsnorm dabei ausschließlich für die Anwendung durch solche Träger öffentlicher Gewalt und nicht für (sonstige) Private geschaffen ist,

bspw. staatlich eingesetzte,

nicht aber selbstständig agierende Verkehrshelfer („Schülerlotsen“).