Sie sind auf Seite 1von 3

Universität Stuttgart.

WiSe 17/18
Forschungskolloquium Prof. Dr. Catrin Misselhorn 1) Wie sollen wir unsere gebrauchsfertigen Beschreibungen und Formalisierungen der
Vorbereitung: Tom Poljanšek Bewegung des Senkbleis interpretieren? [302]
2) Wie sollen wir die späteren Beschreibungen unseres Modells verstehen, innerhalb
Adam Toon: The Ontology of theoretical Modelling: Models as make-believe derer wir anzunehmen scheinen, dass es ein Objekt gibt, auf welches unsere
Beschreibung zutrifft? [303]
Problemstellung: Die Beschreibungen, die Wissenschaftler zur Modellierung konkreter 3) Die Theorie soll in der Lage sein, zu erklären, dass wir etwas über unser Modell des
Systeme verwenden, treffen häufig auf kein reales System zu. Dennoch reden wir oft so, springenden Senkbleis lernen können. [303]
als würde es Objekte geben, auf welche diese Beschreibungen zutreffen. Wie sollen wir Eine mögliche Antwort auf diese Fragen: Zwar gibt es kein konkretes Objekt, auf welches
solche Redeweisen verstehen? unsere Beschreibungen zutreffen, wohl aber ein anderes, abstraktes Objekt (Ronald Giere)
Argumentationsziel: Viele Ansätze versuchen diese Frage durch die Behauptung zu
beantworten, dass die wissenschaftlichen Beschreibungen sich auf abstrakte oder Gieres Ansatz: Unsere Beschreibungen und Formalisierungen definieren ein abstraktes
Objekt, auf welches diese Beschreibungen zutreffen
fiktionale Entitäten beziehen, bezüglich derer sie gelten. Toons Ziel: Eine „Make-Believe“-
Theorie der Modelle entwickeln, die bezeichnete Redeweisen erklärt, ohne die Annahme “Talk about our model might then be understood as talk about this abstract object and
abstrakter oder fiktiver Objekte nötig zu machen. learning about the model a matter of discovering its properties.” [303]

Thomson-Jones‘ Einwand: Abstrakte Objekte sind nicht raumzeitlich, deshalb können sie
1. Introduction: Theoretical Modelling [301] keine raumzeitlichen Eigenschaften besitzen
Toons Beispiel: Wir wollen die Bewegung eines am Ende einer Feder springenden Senkbleis
Die Alternative: Modelle sind nicht abstrakte, sondern fiktionale Entitäten, bezüglich derer
vorhersagen. Was tun wir? Wir modellieren das springende Senkblei als harmonischen die Beschreibungen gelten. Allerdings: Was genau sind fiktionale Entitäten?
Oszillator:
Toons Vorschlag: „Make-Believe“-Theorie wissenschaftlicher Modelle in Anlehnung an
“In doing so we make a number of assumptions: we take the bob to be a point mass m Walton, die nicht die Behauptung einschließt, dass theoretische Modelle fiktionale
subject only to a uniform gravitational field and a linear restoring force exerted by a Entitäten darstellen. Grundidee: Es gibt keine Objekte, auf die unsere Beschreibungen
massless frictionless spring with spring constant k attached to a rigid surface.“ [302] zutreffen (Abschnitt 3). Dennoch soll diese Theorie erklären, inwiefern wir etwas über
Modelle lernen können (Abschnitt 4) und wie wir gegenständliche Rede über theoretische
 Mit Nancy Cartwright kann man dies eine „gebrauchsfertige Beschreibung“ (‘prepared
Modelle zu verstehen haben (Abschnitt 5). [303]
description’) des springenden Senkbleis nennen [302]
2. Models as make-believe [304]
Eine solche Beschreibung ist selbstverständlich falsch, sofern eine vollständige Beschreibung
beispielsweise den Luftwiderstand, die Masse der Feder, usw. berücksichtigen müsste.
2.1 Waltons Theorie:
 Im Unterschied zu physischer Modellierung bezeichnet Toon diese Vorgehensweise als “According to Walton, representations function as props in games of make-believe. […]
theoretische Modellierung In Walton’s terminology, in this game the tree stumps are props and the convention that
the children establish by their agreement that stumps ‘count as’ bears is a principle of
Physischer Modellierung: Man baut ein konkretes, physisches Modell (z.B. einer Brücke), um
generation. Together, props and principles of generation make propositions fictional. To
aus dessen Eigenschaften Rückschlüsse auf das Zielsystem zu ziehen.
say that a proposition is fictional, on Walton’s theory, is to say that there is a prescription
to imagine it. The fact that the proposition is fictional is a fictional truth.” [304]
Theoretische Modellierung: Es gibt kein konkretes, physisches Objekt, auf welches unsere
theoretischen Annahmen zutreffen.
 Was in einem “make-believe”-Spiel fiktional ist kann von dem abweichen, was
Mitspieler de facto imaginieren. Fiktionale Wahrheiten besitzen insofern „eine gewisse
 Dennoch sprechen wir über physische und theoretische Modelle häufig in ähnlicher
Art von ‚Objektivität‘“ [304], sodass Mitspieler sich bezüglich dessen täuschen können,
Weise. Wir tun so, als würde es auch bezüglich der theoretischen Modellierung ein
was in einem Spiel fiktional ist.
konkretes Objekt geben, auf welches unsere Beschreibungen zutreffen [302]
2.2 Models [305]
Toons drei Schlüsselfragen:
“I believe we may regard scientific models as representations, in Walton’s sense. [Frage: Gibt es Limitationsbedingungen dafür, dass man sich etwas von einem konkreten
Models, I think, function as props in games of make-believe. […] In each case, however, Objekt vorstellen kann? Also etwa: Stellt Euch vor, die St. Pauls-Kathedrale ist ein Muffin
the model represents in virtue of prescribing us to imagine things. Where a model Rezept. Stellt Euch vor, Tom ist ein formloser Nebel. Sind dies noch Walton-
represents an actual system, it does so by prescribing imaginings about that system; in Repräsentationen der St. Pauls-Kathedrale, von Tom?]
Walton’s terminology, it makes propositions about the system fictional.” [305]
“However, recall that, on Walton’s theory, to say a certain proposition is fictional is not
 Ein Modell, welches ein konkretes System repräsentieren soll, schreibt uns vor, was to say that it is true in some fictional world; it is merely to say that there is a prescription
wir über dieses konkrete System imaginieren sollen. to imagine it.”

Drei Verdeutlichungen:  Zu sagen, dass x fiktional in S ist, ist gleichbedeutend mit der Aussage, dass in S die
Vorschrift gilt, sich x vorzustellen.
1) Zu behaupten, dass etwas fiktional ist, besagt nicht, dass es falsch ist.
2) Es gibt wichtige Unterschiede zwischen „Make-believe“-Spielen bei Modellen und “On the account I propose, then, there is no object that satisfies the prepared
„Make-believe“-Spielen in der Kunst. descriptions and equations of motion that scientists write down when they model a
3) Toon möchte (wie Walton) nicht unsere alltägliche Verwendungsweise des Begriffs system.” [307]
„Repräsentation“ analysieren.
Abgrenzung von Ansätzen, die fiktionale Entitäten annehmen, auf welche die
“[T]he propositions a model makes fictional need not be true nor even empirically Beschreibungen zutreffen sollen:
adequate. I think this is as it should be: many bad models, which fail to meet
standards of truth or empirical adequacy, still represent their objects, and our “Fictional entities arise from works of fiction containing passages such as this (from
theory of representation must be able to accommodate them.” [305f.] Dracula):
The Count smiled, and as his lips ran back over his gums, the long, sharp, canine teeth
3. Re-interpreting theoretical modeling [306] showed out strangely.
Intuitively, it seems that such passages are about someone called Count Dracula. If we
Wie sollen wir die gebrauchsfertigen Beschreibungen und die Formalisierungen der Bewegung say ‘Dracula has long teeth’ it appears we assert something true of that person. In light
in unserer theoretischen Modellierung des Senkbleis verstehen? of this, some argue that we must grant that Count Dracula does exist in some sense,
perhaps as a form of abstract or Meinongian non-existent entity.” [307]
Toons Vorschlag: Genau so, wie Walton sich Werke der Fiktion vorstellt.
 Toon lässt zunächst offen, ob Passagen der bezeichneten Art tatsächlich die Existenz
“Consider the following passage from The War of the Worlds: fiktionaler Entitäten implizieren. Sein Argument ist vielmehr, dass theoretische
The dome of St. Paul’s was dark against the sunrise, and injured, I saw for the first time, Modelle, die auf gebrauchsfertige Beschreibungen und Formalisierungen beruhen,
by a huge gaping cavity on its western side. nicht mit Passagen über fiktionale Entitäten zu vergleichen sind, sondern mit
Clearly, this is not a description of St. Paul’s Cathedral […]. Nevertheless, on Walton’s fiktionalen Passagen, die sich auf reale Objekte beziehen (wie die St. Pauls-Kathedrale
view, the passage still represents St. Paul’s; St. Paul’s is an object of The War of the im The War of the Worlds Beispiel).
Worlds.” [306]
„There is no pressure on us to postulate a fictional, damaged, St. Paul’s for this passage
 Die zitierte Passage schreibt uns vor, uns bezüglich der aktuellen St. Pauls-Kathedrale to represent; the passage simply represents the actual St. Paul’s. Similarly, on my
vorzustellen, dass sie ein Loch in der Seite besitzt. account, our prepared description and equation of motion do not give rise to a fictional,
idealised bouncing spring since they represent the actual bouncing spring.” [307]
Toons Anwendung auf das Beispiel der Feder: Unsere gebrauchsfertigen Beschreibungen und
Formalisierungen sind keine Beschreibungen der aktuellen Feder. Nichtsdestotrotz  Theoretische Modelle stellen also Vorstellungsvorschriften im Hinblick auf
repräsentieren sie aber diese Feder (im Sinne Waltons), sofern sie uns vorschreiben, was konkrete, physische Objekte dar, die sie folglich Walton-repräsentieren.
wir uns bezüglich dieser vorstellen sollen. [306]
Prägnante Selbstbeschreibung von Toons Ansatz:
“Using Walton’s terminology, we may say that our prepared description and equation
of motion make it fictional that the bob is a point mass […] and so on. However, recall “Both Giere’s account, and those that take models to be fictional entities, offer an
that, on Walton’s theory, to say a certain proposition is fictional is not to say that it is indirect, two-stage view of scientific modelling: prepared descriptions and equations
true in some fictional world; it is merely to say that there is a prescription to imagine it.” of motion define an abstract or fictional entity, which, in turn, represents […] the
system being modelled []. By contrast, I propose a direct view. Our prepared
description and equation of motion represent the bouncing spring directly, by
prescribing imaginings about it []. Thus, my view is not that our prepared description 5. Theoretical Modelling Talk [311]
and equation of motion prescribe us to imagine an idealised bouncing spring system,
which then represents the actual system in some way. Rather, I claim that our 5.1 Talk about what is ‘true in the model’
description and equation prescribe us to imagine things about the actual system: we
imagine of the actual bob that it is a point mass and of the actual spring that it is Aussagen bezüglich unseres Modells erweisen sich, angewendet auf das modellierte, aktuelle
massless, and so on.” [307f.] System als falsch.

[Frage an Toons Ansatz: Was ist der Unterschied zwischen der Vorstellung einer “I propose the following analysis: when the student says ‘the bob oscillates sinusoidally’,
idealisierten, springenden Feder und der Vorstellung dieser konkreten Feder als […] she claims that, given the prepared description and equation of motion, one is
masselos, usw. (Ich stelle mir eine idealisierte (z.B. masselose) Feder vor vs. Ich stelle mir supposed to imagine that the bob oscillates sinusoidally. This statement is true and its
von dieser konkreten Feder vor, dass sie keine Masse besitzt.)] truth depends only on the prepared description and equation of motion and the relevant
rules of generation; it does not depend upon the existence of any object that really does
Ein Problem von Toons Ansatz: Er bezieht sich nur auf die Modellierung konkret existierender oscillate sinusoidally.” [311]
Systeme.
 Wir meinen also nicht unmittelbar, was wir sagen, wenn wir Aussagen dieser Art über
“At this point, however, I want to emphasise that the account I have described is Modelle von realen Objekten formulieren. Wenn wir also sagen „Die Feder hat keine
intended to apply only to prepared descriptions and theoretical laws scientists Masse“, meinen wir eigentlich „Wir sollen uns vorstellen, dass die Feder keine Masse
formulate when they model some actual system. There may be other passages, also hat“
appropriately called ‘descriptions of missing systems’, that cannot be interpreted in this
way.” [308] Wieso sprechen wir dann überhaupt so? Wieder Walton: Wir nehmen verbal an „Make-
Believe“-Spielen teil [312]
4. Learning about theoretical models
“When the student says ‘the bob oscillates sinusoidally’, for example, she pretends to
Unterscheidung primärer und implizierter fiktionaler Wahrheiten: assert that the bob oscillates sinusoidally. In doing so, she indicates that pretending in
this way is appropriate in games authorized for the teacher’s model. It is appropriate
“Primary fictional truths are those that are generated directly by the props together with because the model makes it fictional that the bob oscillates sinusoidally. The student
the relevant principles of generation. […] Implied fictional truths are generated indirectly asserts that this is the case by pretending in the way that she does.” [313]
by other fictional truths.” [309]
Frage an Toons Ansatz: Wieso bedürfen wir dann überhaupt noch der Bezugnahme auf
 Analog können wir bezüglich der erzeugten fiktionalen Wahrheiten zwischen den konkrete Objekte? Könnten wir nicht einfach sagen: Wir tun so, als gäbe es ein Senkblei mit
Prinzipien der direkten Erzeugung und den Prinzipien der Implikation unterscheiden. diesen und jenen Eigenschaften.

Wie lernen wir etwas über Modelle? Über theoretische Modelle können wir etwas lernen, 5.2 Other talk about models: Giere’s ‘theoretical hypotheses’ [313]
sofern wir durch Anwendung der Prinzipien der Implikation implizierte fiktionale
Wahrheiten in Erfahrung bringen können (alternative Redeweise: indem wir etwas darüber Theoretische Hypothesen: Vergleiche zwischen dem theoretischen Modell und dem
lernen, was in der Welt des Modells fiktional ist), die aus den primären fiktionalen Zielsystem (Beispiel: ‘the system is similar to the model in certain respects and degrees’)
Wahrheiten folgen.
Problem: Müssen wir nicht zumindest in Aussagen wie dieser zwei verschiedene Entitäten
Wie genau sehen die Prinzipien der Implikation aus? annehmen, die Modellentität und die real existierende Entität?

“I believe that principles of implication are more difficult to specify explicitly and will  Toon: Auch hier haben wir es mit „Make-Believe“-Spielen zu tun, allerdings nicht mit
vary from case to case. (To take an obvious example, it seems we make different offiziellen, sondern mit inoffiziellen „Make-Believe“-Spielen.
inferences in models based on classical and quantum mechanics.)“ [310]
“Walton’s notion of unofficial games allows us to understand theoretical hypotheses as
Wieso führt Toon zusätzlich die Rede von der Welt eines Modells ein? acts of pretence. Our theoretical hypothesis invokes an unofficial game in which it is
fictional that there exists both the bob and an entity called ‘the model bob’ which,
 Die Rede von der Welt eines Modells erlaubt es, dass verschiedene Beschreibungen fictionally, has all the properties attributed to the bob by the model.” [314]
dieselbe fiktionale Welt eines Modells erzeugen können [310]