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Forschungskolloquium Prof. Dr.

Catrin Misselhorn
Floridi: The Logic of Information
Universität Göttingen
WS 2019/20
Präsentant: Tom Poljanšek

[Verwendungshinweise zum Handout: () verweisen meist auf Seitenzahlen, [] beinhalten meine


Kommentare, F. steht für Floridi]

II. Philosophy as Conceptual Design

Zusammenfassung (27-28):

(27) Argumentationsziele des Kapitels:

1) Philosophie („verstanden als die Untersuchung oder Wissenschaft von offenen Fragen
und ihren Antworten“) stellt eine Form des begrifflichen Designs dar.
2) Verteidigung des „Konstruktionismus“ als metaphysischer Ansatz und philosophische
Methodologie.
3) Aufweis, dass ein solcher Konstruktionismus mit dem Naturalismus zu versöhnen ist.

Hauptthese des Kapitels: Die platonische ‚Verwenderwissenstradition‘ muss komplementiert


(oder ersetzt) werden durch eine „konstruktionistische Herangehensweise an philosophische
Probleme im Allgemeinen und an Wissen im Besonderen“ (27).

“Epistemische Akteure wissen etwas, wenn sie in der Lage sind, dieses etwas zu bauen (nachbilden,
simulieren, modellieren, konstruieren, usw.) und die erhaltene Information mit dem korrekten
Relationsnetzwerk verbinden.“ (27) [ Verum-Factum-Prinzip]

 Akteure verfügen über Wissen, wenn sie Informationen nicht einfach nur passiv verwenden,
sondern sie aktiv und kreativ (poietisch) hervorbringen

[Was den Stimmungs- bzw. Selbstvermarktungswert von F.s Theorie angeht, findet sich bei
ihm eine grundsätzliche Präferenz für das Aktive gegenüber dem Passiven, für das Konstruktive
gegenüber dem Rezeptiven, für das Kollektive/Interaktive gegenüber dem Solipsistischen, für
das Praktische gegenüber dem Theoretischen, usw.]

1. Einführung: Vom Verwenderwissen zum Herstellerwissen (28-31)

Es gäbe in der Geschichte der Philosophie kritische begriffliche Weggabelungen, welche den
gesamten weiteren Verlauf der Ideengeschichte beeinflussen. Eine solche Weggabelung stelle
auch Platons Unterscheidung von episteme und techne dar, wobei Platon „unser Verständnis
menschlichen Wissens auf einen verwenderzentierten Ansatz, der das passive, mimetische
Empfangen von semantischen Informationen favorisierte, gegründet“ habe. (28) [Schätzt
Platon nicht die episteme im Sinne des reinen Wissens gerade höher ein als die techne im Sinne
der bloßen Kunstfertigkeit?]

1
[Von F. in diesem Zusammenhang verwendete Gegensatzpaare (vgl. v.a. (28)):

Wendungen mit negativer Konnotation Wendungen mit positiver Konnotation


Verwenderwissen (d.i. das Wissen Herstellerwissen (d.i. das Wissen desjenigen,
desjenigen, der etwas zu verwenden weiß) der etwas herzustellen weiß)
Propositionales Wissen Praktisches Wissen
Episteme (?) Techne (?)
Knowing-that Knowing-how & Knowing-of (!)
Theorie Praxis
Passiv abbildend Aktiv & kreativ herstellend
Repräsentationen als Kopien und Repräsentationen als Modelle und
Reproduktionen Konstrukte

Es wird nicht wirklich klar, um welche Unterscheidung es F. letztlich geht. Meist klingt es, als
wolle F. das knowing-how gegenüber dem knowing-that positiv in Szene setzen (vgl. 29).
Verwenderwissen scheint aber gerade knowing-how (ohne Ursachen- oder Erklärungswissen)
zu bezeichnen, nicht knowing-that (propositionales Wissen). Gleichzeitig betont F., dass
Herstellerwissen (auch) propositional sei, sofern es um ein Wissen über die Möglichkeit der
Herstellung und die zugrundeliegenden Ursachen geht. Wie ist das zu verstehen? Ich kann ein
Gift herstellen, eine Bombe bauen, eine DDoS-Attacke starten, wenn mir ein entsprechendes
Rezept oder Script zur Verfügung steht, ohne entsprechendes Ursachenwissen zu besitzen.
Besitze ich in einem solchen Fall Herstellerwissen oder Verwenderwissen? Vorschlag zur Güte:
F. kritisiert an der Unterscheidung von episteme und techne vor allem den Umstand, dass durch
sie die beiden Dimensionen (die rein Theoretische und die Praktisch-Konstruktive)
auseinandergerissen wurden (obwohl sie eigentlich eng zusammengehören).]

(29) Propositionales Wissen ist der Endpunkt, nicht der Anfang unseres Wissens. Unser Wissen
setzt bei der praktischen Informationsverarbeitung an. Ein Risiko der Bevorzugung des
propositionalen Wissens gegenüber dem praktischen bestehe darin, eine „epistemologische
Kultur passiver Informationsempfänger und –konsumenten zu befördern, statt eine Kultur
kritischer und proaktiver Informationsproduzenten und -gestalter“ (29, unten).

(30) F. identifiziert (und konstruiert) zwei Strohmänner, gegen die er seinen Konstruktionismus
abgrenzen will: a) Den „romantischen Idealismus“ und b) Den „postmodernen
Konstruktivismus“:

„Denn wenn die Wahl fälschlicherweise darauf reduziert wird, entweder

I) jederlei poietischen Wert unserer epistemischen Aktivität zu leugnen [sagt das der „romantische
Idealismus“?]
II) oder der externen Welt jede Existenz oder ontologische Unabhängigkeit abzusprechen [sagt das
der „postmoderne Konstruktivismus“?]

dann muss man nur einmal den Zug verpassen oder etwas Kaffee am Morgen verschütten, um wieder
ein wenig zur Vernunft zu kommen und zu realisieren, wer richtig und wer falsch liegt.“ (30)

[Dass da – auf diese raffinierte Widerlegung des Idealismus durch die alltägliche Erfahrung der
Widerspenstigkeit der Realität – die postmodernen Konstruktivisten und romantischen
Idealisten nicht selbst draufgekommen sind!]

Konstruktionismus demgegenüber sei „weder Realismus noch Konstruktivismus, sofern Wissen


weder beschreibt noch vorschreibt, wie die Welt ist, sondern es vielmehr einschreibt.“ [Das
2
klingt doch stark nach frühem bis mittlerem Bruno Latour: „Einschreibung“ von Realität,
Inskription statt Deskription und Präskription, usw. …]

2. Platons Fehltritt (31-35)

(31) Im Kratylos argumentiere Platon dafür, dass der Verwender eines Artefakts dieses besser
verstehe („knows“) als dessen Hersteller. Es bleibe jedoch unerklärt, wieso dem Hersteller
dieses Wissen fehle. Ebenso erscheine es verwunderlich, wie der Hersteller ein gutes Artefakt
herstellen könne, wenn ihm solches Wissen fehle.

(32) In der Politeia unterscheidet Platon drei Formen des Wissens von einem Artefakt:

„Dass es überhaupt bei jedem Dinge drei Wissenschaften gibt: die des Gebrauches, die der
Herstellung, die der Nachbildung [hier sind v.a. Künstler gemeint]?

Ja.

Nicht wahr, Tüchtigkeit, Schönheit, Richtigkeit eines jeden Gerätes, lebenden Wesens, Handelns
bezieht sich auf sonst nichts anderes als auf den Gebrauch, wofür ein jedes bestimmt ist, rühre es nun
von Menschen oder von der Natur her?

Ja, so ist's.

Mit großer Notwendigkeit folgt also daraus, dass der Gebrauchende von jedem Gegenstand
auch der Erfahrenste sein und dem Hersteller berichten muss, was er von dem Gegenstand,
den er gebraucht, gut oder schlecht für den Gebrauch macht.“ (Platon, Politeia, 601d)

 Das Verwenderwissen steht über dem Herstellerwissen. Platon habe das Herstellerwissen
auf „bloße wahre Überzeugung“ reduziert. F. gesteht allerdings zu, dass sich Platons Angriffe
primär gegen die Nachbildner (die Sophisten und Künstler) richte, die Kritik der Hersteller
erscheine nur als Kollateralschaden. Dies zeige sich besonders im Euthydemos, in welchem
Platon zugleich eine moderatere und komplexere Interpretation des Verhältnisses von
Hersteller- und Verwenderwissen vertrete (33):

„Aber vorher, sprach ich, haben wir doch dieses erwiesen, dass es uns nichts hülfe wenn auch ohne
weiteres, und ohne erst in der Erde zu graben, uns alles zu Gold würde, so dass, wenn wir auch die
Steine wüssten zu Gold zu machen, diese Erkenntnis uns nichts wert wäre. Denn wenn wir nicht auch
wüssten, das Gold zu gebrauchen, so würde es uns, wie sich gezeigt hatte, gar nichts nutz sein. Oder
erinnerst du dich dessen nicht? sprach ich.

Sehr wohl, sagte er, erinnere ich mich dessen.

Eben so wenig, wie es scheint, werden die übrigen Erkenntnisse uns zu etwas nutz sein, weder die
Erwerbkunst noch die Heilkunst noch sonst irgend eine, welche etwas hervorzubringen weiß, nicht
aber auch das zu gebrauchen, was sie hervorgebracht hat. Nicht so?

Er stimmte ein.

Ja, auch nicht einmal, wenn es eine Kunst gäbe unsterblich zu machen, ohne dass man wüsste die
Unsterblichkeit zu gebrauchen, so scheint, auch nicht einmal diese würde etwas nutz sein, wenn man
aus dem Eingestandenen schließen darf.

Über alles dieses kamen wir überein.

3
Einer solchen Erkenntnis also bedürfen wir, schöner Knabe, sprach ich, in welcher das Wissen
über das Hervorbringen und das Wissen über das Gebrauchen des Hervorgebrachten
zusammenfällt.“ (Platon, Euthydemos, 288e—289b)

 Platon erwäge hier die Möglichkeit eines Wissens, das sowohl Verwender- als auch
Herstellerwissen umfasse. Jedoch nehme Platon diese Möglichkeit einer Versöhnung von
Verwenderwissen und Herstellerwissen im selben Text unmittelbar wieder zurück:

„Weit gefehlt also, dass wir Kitharenmacher sein müssten, und nach einer solchen Erkenntnis
trachten. Denn hier ist bei demselben Gegenstand die hervorbringende Kunst für sich und die
gebrauchende auch für sich, jede abgesondert von der andern. Denn die Kunst, eine Kithare zu
machen, und die, sie zu spielen, sind ganz verschieden voneinander.“ (Platon, Euthydemos 289b-c)

(34) An dieser Stelle also betrete das Dogma der Trennung von techne und episteme die Bühne
[Und episteme soll nun Verwenderwissen bezeichnen!?]. Jedoch sei Platons Bevorzugung des
Verwenderwissens vor dem Herstellerwissen [techne!?] „praktisch unhaltbar“ und
„philosophisch unplausibel“. F.s Veranschaulichung: Wer ein Auto zu verwenden weiß, weiß
nicht dadurch schon, wie man es repariert. [Gegenfrage: Ist die Person, die ein Auto am besten
zu reparieren weiß, auch die beste Fahrerin? Allerdings scheint es F. hier wiederum vor allem
darum zu gehen, dass beide Formen des Wissens, techne & episteme, gewürdigt werden sollen
(„Plato was right in stressing the importance of both kinds of knowledge …“]

(35) „Sofern es bei Platon so scheint, dass

(i) alles, worauf es ankommt, ist, wie man Information verwendet und sie gegenüber dem
aktuellen, tatsächlichen Referenten einschätzt

erfordert das Verwenderwissendogma weiterhin

(ii) eine Form des externen Realismus in Bezug auf Information und [d.h. Informationen
werden gefunden, nicht gemacht]
(iii) eine Theorie, die unseren potenziell geräuschlosen Zugang zu diesem Wissen erklärt [d.i.
eine Theorie unseres (direkten) epistemischen Zugangs zu den Dingen an sich].“

3. Die Herstellerwissentradition (35-38)

(35) Die Alternative zu Platons Ansatz sei eine „konstruktionistische Philosophie der
Information“. Diese habe ihre Wurzeln in der Herstellerwissenstradition, welche sich ihrerseits
im Wesentlichen aus der aristotelischen Scholastik speise. (Weiterhin nennt F. als
Gewährsfiguren für die Herstellerwissenstradition Bacon, Vico, Hobbes, Kant und Peirce (den
amerikanischen Pragmatismus).)

Wissen über eine Sache zu besitzen heißt der Herstellerwissenstradition zufolge, in der Lage
zu sein, diese Sache hervorzubringen:

“If genuine knowledge is knowledge of the intrinsic nature of the object known (knowledge of the
ontology of the known), and if there is no innate acquisition of such blueprint, then knowing a
phenomenon, an artefact—or, in our case, gaining information and being able to account for it—
means being able to produce it and reproduce it, to assemble and disassemble it, to build and
dismantle it, to improve it, and answer questions about it, and all this for the right reasons.” (35) [
klingt eher praktisch]

4
“[W]e may be better off by analysing knowledge in terms of holding the information that such and
such is the case and being able to provide the correct account of why this is so” (36) [ klingt eher
theoretisch]

Während die Verwenderwissenstradition atemporal und solipsistisch verfahren könne,


erfordere die Herangehensweise der Herstellerwissenstradition trial and error und
kollaborative Wissensakkumulationsprozesse:

“The user’s knowledge approach can easily be atemporal and single-agent: it does not really matter
how many people are looking at the wall [Höhlengleichnis], or how many get out of the cave. The
maker’s knowledge approach, on the contrary, requires trial and error and time-consuming processes
of accumulation, so knowledge becomes a collaborative enterprise of growth and refinements in a
multi-agent system (humanity) across generations.” (36)

Konstruktionismus:

“Der Konstruktionismus behauptet, dass Wissen durch die Herstellung der richtigen Art von
semantischen Artefakten erworben wird; mit anderen Worten, durch Informationsmodellierung.“
(36)

4. Eine konstruktionistische Methodologie (38-39)

Die konstruktionistische Methodologie setze sich zusammen aus:

- Minimalismus
- Der Methode der Abstraktionsebenen
- Konstruktionismus

5. Minimalismus (39-41)

(39) Der Minimalismus bezeichnet eine proaktive Form (oder Ergänzung) von Ockhams
Rasiermesser (OR, kurz: bzgl. der Erklärungsleistung einer Theorie überflüssige Entitäten und
Annahmen werden ex post [ist das wirklich so!?] gestrichen), sofern er von vornherein Kriterien
bereitstellt, nach welcher eine Theorie/ein Modell minimalistisch konstruiert werden kann. Die
Grundidee ist, dass philosophische Fragen häufig vielschichtige Probleme darstellen, welche
einen Problemraum bilden (können), welcher sich in viele Unterprobleme einteilen und
auflösen lässt. Häufig helfe die Wahl eines Modells dabei, ein solches Problem zu lösen. F.
nennt drei Kriterien des Minimalismus, welche die Wahl angemessener Modelle für die Lösung
von (bzw. die Orientierung in) Problemen zu finden, erleichterten: Kontrollierbarkeit,
Implementierbarkeit, Vorhersagbarkeit.

1) „Ein Modell ist kontrollierbar, wenn seine Merkmale zweckmäßig modifiziert werden
können“ (39)
2) Implementierbarkeit bezeichnet den Umstand, dass ein Modell sich (durch die
Beschreibung begrifflicher Mechanismen, manchmal durch virtuelle Simulation, und
selten durch physische Realisierung) implementieren lässt.
3) Das Modell sollte (im Prinzip zumindest) vorhersagbar sein

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(40) Drei weitere Eigenschaften charakterisieren F. zufolge den Minimalismus:

1) Relationalität (Liminalismus): Veranschaulicht am Begriff „Nahrung“ als relationalem


Konzept (etwas ist nie einfach an sich Nahrung, sondern etwas ist Nahrung für ein
Subjekt.)
2) Minimalismus stellt eine Möglichkeit bereit, „kritisch das fruchtbarste Anfangsproblem
zur Analyse eines Problemraums zu finden“ (40)
3) Minimalismus ist eine Frage der „inferenziellen Beziehungen zwischen einem Problem
und seinem Raum“ (40)

(41) Der Minimalismus setzt zwei Dinge voraus: 1) Dass ein Problemraum existiert. 2) Dass
ein dynamisches Modell, ob begrifflich, virtuell oder physisch nützlich ist, um die Antwort zum
untersuchten Problem zu finden.

 Der Minimalismus erkläre jedoch nicht, wie der Problemraum analysiert wird und er erklärt
ebenfalls nicht, wie ein solches Modell funktioniert. Das sollen die nächsten beiden Methoden
leisten.

6. Die Methode der Abstraktionsebenen (41-47)

Abstraktionsebenen sind semantische Bezugsrahmen (“frames of reference“ (43)) [Wichtig:


Darauf – auf die Idee der semantischen Bezugsrahmen – scheint sich letztlich die These von
den LoA zu beschränken], die es erlauben, sich auf einen bestimmten Gegenstand („System“)
auf eine bestimmte Weise zu beziehen. F.s Beispiel:

„Suppose we join Alice, Bob, and Carol at a party. They are in the middle of a conversation. Alice
is a collector and potential buyer; Bob tinkers in his spare time; and Carol is an economist. We do
not know the subject of their conversation, but we are able to hear this much:

- Alice observes that it (whatever the reference of ‘it’ is) has an anti-theft device installed, is kept
garaged when not in use, and has had only a single owner;

- Bob observes that its engine is not the original one, that its body has been recently re-painted, but
that all leather parts are very worn;

- Carol observes that the old engine consumed too much, that it has a stable market value, but that
its spare parts are expensive.“ (41)

(42) Das “es” (F. spricht hier von einem „System“), um das es in diesem Gespräch geht, könnte
offenbar unterschiedliches sein (ein Auto, ein Flugzeug, ein Motorrad, usw.). Jeder der
Gesprächsteilnehmer hat seine eigene Abstraktionsebene (LoA): Alice die einer Besitzerin,
Bob die eines Mechanikers, Carol die eines Versicherers.

Eine Abstraktionsebene besteht aus einer Menge von Observablen, die jeweils eine
wohldefinierte Menge möglicher Werte besitzen. Def.: Jedes Ergebnis einer LoA-Analyse
(oder Beschreibung) eines Systems heiße ein „Modell“ des Systems.

Interfaces sind spezifische Formen von LoAs, sofern sie die Outputs einer Quelle in die Inputs
eines Zielsystems übersetzen, wobei ein Wechsel des Datentyps stattfindet. Sie teilen mit LoAs
folgende Eigenschaften:

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1. Sie sind Netzwerke von Observablen
2. Die Observablen sind verknüpft über Verhalten, welche die LoA vermitteln und als
Tranformationsregeln ausgedrückt werden können
3. Sie sind konzeptuell zwischen Daten und dem Informationsraum des Akteurs verortet
4. Sie sind der Ort, an dem unterschiedliche Systeme miteinander interagieren

Der Unterschied zwischen Interfaces und LoA besteht darin, dass Interfaces aus mehreren LoAs
bestehen.

„In the previous example, Alice’s LoA might consist of observables for SECURITY, METHOD OF
STORAGE, and OWNER HISTORY; Bob’s might consist of observables for ENGINE
CONDITION, EXTERNAL BODY CONDITION, and INTERNAL CONDITION; and Carol’s
might consist of observables for RUNNING COST, MARKET VALUE, and MAINTENANCE
COST. For the purposes of discussion, the interface might consist of the set of all three LoAs.“ (43)

(43) LoA können sich überschneiden, gegenseitig enthalten oder voneinander unabhängig sein.
Sie legen „die Ebene fest, auf welcher ein System analysiert wird“.

Die Identifikation verschiedener LoAs soll einen Pluralismus ohne Relativismus ermöglichen.
Beispiel: Der Stein kann als Briefbeschwerer oder als Wurfwaffe beschrieben werden, je nach
LoA (Briefeschreiber-LoA vs. Steineschmeißer-LoA). F.s Beispiele: 1) Telefonnummer kann
(je nach Bezugsrahmen) mit oder ohne Vorwahl usw. angegeben werden (wenn ich weiß, dass
es um eine deutsche Handynummer geht, kann ich die Ländervorwahl weglassen), aber es kann
nicht irgendeine beliebige Zahl oder ein willkürliches Wort (angemessen) als meine
Telefonnummer angegeben werden. 2) „Alice ist groß“ ist immer relativ zu einem
Bezugsrahmen für GRÖßE (Alice ist groß im Vergleich zu einem Staubkorn, sie ist aber klein
im Vergleich zum Weltall  Wie beim Beispiel „Nahrung“ benötigen wir hier einen
semantischen Bezugsrahmen, um zu verstehen, was genau gemeint ist, im Alltag bleiben LoAs
oft implizit). [Inwiefern hat das etwas mit dem Problem des Relativismus zu tun?]

“In general, only some LoAs are possible and, among those, some are better than others. Relativism,
as a position about the interchangeability of LoAs at no epistemic cost, is simply mistaken because,
crucially, the assessment and corresponding preference is usually dictated by the purpose driving the
original request for information.“ (44)

Die queries legen also Spielräume möglicher LoAs fest, welche dann wiederum die Spielräume
möglicher konkreter Modelle und „Antworten“ festlegen.

Was bringt nun die Explikation von LoAs?

“Introducing an explicit reference to the LoA clarifies that:

(i) the model of a system is a function of the available observables;


(ii) different interfaces may be correctly ranked depending on how well they satisfy modelling
specifications (eg. informativeness, coherence, elegance, explanatory power, consistency with the
data, etc.) and the purpose orienting the choice of the LoA (LoAs are teleologically oriented);
(iii) different analyses can be correctly compared provided that they share the same LoA.” (44)

(45) F. ergänzt hier noch die Konzeption transitorischer (d.i. veränderlicher) Systeme.
Dynamische Systeme sind Systeme (d.i. Objekte), die ihre Zustände ändern, was es
entsprechend bei der Modellierung von transition systems zu berücksichtigen gilt:

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„A transition system comprises a (non-empty) set S of states and a family of operations, called the
transitions on S. Each transition may take input and may yield output, but, at any rate, it takes the
system from one state to another and in that way forms a relation on S. If the transition does take
input or yields output, then it models an interaction between the system and its environment and so
is called an external transition; otherwise the transition lies beyond the influence of the environment
(at the given LoA) and is called internal. It is to be emphasized that inputs and outputs are, like states,
observed at a given LoA.“ (45)

Konsequenzen für die ontologischen Festlegungen von Theorien: Eine Theorie besteht
mindestens aus einem LoA und einem Modell. „Das LoA erlaubt es der Theorie, ein gegebenes
System zu analysieren und ein Modell zu entwickeln, welches einige Eigenschaften des
Systems auf der entsprechenden Abstraktionsebene identifiziert.“ (45)

F. unterscheidet zwei Ebenen ontologischer Festlegungen: Eine festlegende Komponente


(LoA) wird von einer festgelegten (Modell) unterschieden (45).

„To summarize, by adopting an LoA, a theory commits itself to the existence of some specific types
of observables characterizing the system and constituting the LoA […], while, by adopting the
ensuing models, the theory commits itself to the corresponding tokens […].” (46)

7. Konstruktionismus (47-49)

(47) Der Konstruktionismus soll klären, wie man ein Problem untersuchen soll, nachdem man
es erst einmal (mithilfe der Methode der LoA) vollständig abgegrenzt und analysiert hat. Der
Konstruktionismus bilde den Kern der Herstellerwissensherangehensweise. F. verdeutlicht dies
am Beispiel der Unterscheidung von Black Boxes und White Boxes: Während eine Black Box
dem Betrachter opak, ihre innere Struktur verborgen bleibe, stelle die White Box ein System
dar, „über welches der Beobachter alles weiß, weil der Beobachter tatsächlich der Hersteller
ist“. [Problem: Heute wird viel über das Problem diskutiert, dass bspw. Computersimulationen
nicht-linearer Systemen oder evolutionär programmierte Algorithmen zwar von „uns“
hergestellt sind und oft zuverlässig die ihnen von uns gestellten Probleme lösen, wir aber über
sie, obwohl wir sie hergestellt haben, gerade nicht alles wissen (Stichwort: opacity). Man würde
sich hier von F. eine genauere Bestimmung von Verwender(wissen) und Hersteller(wissen)
wünschen, um seinen Ansatz besser beurteilen zu können]

Herstellerwissenstradition (Grundüberzeugungen):

1. Man kann nur wissen, was man herstellt, und daher


2. kann man nicht die tatsächliche Natur der Realität an sich erkennen. (47)

(48) Die konstruktionistische Methode setzt sich aus sechs Prinzipien zusammen:

1. The Principle of Knowledge: only what is constructible can be known. Anything that cannot be
constructed at least conceptually could be subject, at most, to working hypotheses.
2. The Principle of Constructability: working hypotheses are investigated by conceptual models
(including simulations) based on them (Humphreys 2004).
3. The Principle of Controllability: models must be controllable.
4. The Principle of Confirmation: any confirmation or refutation of the hypothesis concerns the
model, not the modelled system.
5. The Principle of Economy: the fewer the conceptual resources used in the conceptual models
the better. In any case, the resources used must be fewer than the results accomplished. (48)

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6. The Principle of Context-dependency: isomorphism between the simulated and simulation is
only local, not global. (49)

[Was heißt hier “etwas begrifflich konstruieren“? Eine Theorie und ein Modell einer Sache
entwickeln und dann empirisch überprüfen? So wie empirische Wissenschaft halt?]

Zur Diskussion: F. leitet Prinzip 6. (Kontextabhängigkeit) aus einem Beispiel ab: Alice hat
einen Roboter gebaut, der sich wie eine Ameise verhält, welche sie beobachtet. Prinzip 4.
(Konfirmation) verhindere nun, dass Alice ihre Arbeitshypothesen generalisiere, „als wären sie
die tatsächliche Ursache (oder interne Struktur) des modellierten (Systems)“ (48, unten).

Was genau bildet in diesem Beispiel eigentlich die Arbeitshypothese? Dass der Roboter das
Verhalten der Ameise „erklärt“!? Dass der Mechanismus, der das Verhalten des Roboters
bedingt, auch der Mechanismus ist, der das Verhalten der Ameise bedingt? F. meint, dass „der
Roboter das Verhalten der Ameise erklärt (‚accounts for the behaviour‘)“, dies jedoch nur,
„unter den Einschränkungen, welche durch das Modell spezifiziert werden“ (49, oben). Was
soll das genau heißen? [In der Debatte um Computersimulationen wird diesbezüglich häufig
wie folgt argumentiert: Aus einer partiellen Isomorphie des Verhaltens von realem System S r
und des Verhaltens von simuliertem System Ss folgt, dass Ss mögliche Mechanismen (und
insofern Erklärungen) für das Verhalten von Sr bereitstellt.] Behauptet F. nun, dass der Roboter
eine Erklärung für das Verhalten der Ameise bereitstellt unter der Einschränkung, dass – ja,
was genau? – eine partielle Isomorphie zwischen Roboterverhalten und Ameisenverhalten
besteht? F.s Idee scheint zu sein: Wir konstruieren Modelle von Systemen, welche die Systeme
nur insofern „erklären“, als sie isomorphe Verhaltensweisen wie diese Systeme realisieren. Die
tatsächlichen Mechanismen und Strukturen, die Dinge an sich, bleiben opak und uns
epistemisch unzugänglich. Wir erschließen uns also mittels der (semantischen) Modelle, die
wir selbst konstruieren und kontrollieren können, nur insofern die Realität, als es uns gelingt,
solche Isomorphien zu realisieren.

 Aus konstruktionistischer Perspektive sei daher „Wissen ein Modellierungsprozess, der


Realität formt und bearbeitet, um sie intelligibel zu machen“ (49)

[Es wird nicht ganz klar, wie radikal F. seinen Ansatz hier meint: F. scheint die Idee einer
„mysteriösen Realität an sich“ zu verwerfen (49). Ist die Realität seinem Ansatz zufolge dann
selbst eine Konstruktion? Oder bleibt die Differenz zwischen Realität an sich und dem, was uns
– weil wir es konstruieren können – intelligibel ist, erhalten, wie er an anderen Stellen
suggeriert? Dann bestünde der Unterschied in dem durch konstruierte Isomorphien (indirekt)
intelligibel gemachten Bereich der Realität und dem opaken Bereich der Realität. Ein solcher
Ansatz lässt sich allerdings auch in einem mimetisch-repräsentationalistischen Framework
rekonstruieren. F. kritisiert mimetische Ansätze des Wissens jedoch dafür, dass sie „ontologisch
sehr verschwenderisch“ seien, sofern sie voraussetzen, dass die Realität selbst „transparent“ sei
und „auf bestimmte Weisen“ funktioniere. Der Konstruktionismus dagegen stipuliere „gar
nichts in Bezug auf die Realität an sich“. Wie ist das genau zu verstehen? Was genau setzt der
Repräsentationalismus ontologisch genau voraus? Dass es überhaupt möglich ist, die Realität
zu repräsentieren, sofern sie in bestimmter Weise verfasst ist?]

Konklusion (49-52)

Unser Wissen ist fallibel, immer nur mehr oder weniger zuverlässig oder wahrscheinlich. Wir
haben keinen unmittelbaren epistemischen Kontakt zu Dingen an sich. Die erfahrene Realität
ist ein „semantisches Artefakt“ („Welt der Erscheinungen“, Kant).