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ZUR PHÄNOMENOLOGIE DES INNEREN

ZEITBEWUSSTSEINS (1893-1917)
HUSSERLIAN A
EDMUND HUSSERL
GESAMMELTE WERKE

BAND X
ZUR PHÄNOMENOLOGIE DES INNEREN
ZEITBEWUSSTSEINS
(1893-1917)

AUF GRUND DES NACHLASSES VERÖFFENTLICHT IN


GEMEINSCHAFT MIT DEM HUSSERL-ARCHIV AN DER
UNIVERSITÄT KÖLN VOM HUSSERL-ARCHIV (LOUVAIN)
UNTER LEITUNG VON

H. L. VAN BREDA
EDMUND HUSSERL
ZUR PHÄNOMENOLOGIE DES INNEREN
ZEITBEWUSSTSEINS (1893.. 1917)

HERAUSGEGEBEN
VON

RUDOLF BOEHM

Ouvrage pr~par~ sous les auspices


du Conseil International de la Philosophie _t des Sei_nces Hwnain_s
_t d_ la FM~ationlntemationaledesSoci6t~dePhilosophie,
avec I'aide de I'U.N.E.S.C.O.
et du Ministere de l':4ducation nationale et de la Culture de Belgique.

HAAG
MARTINUS NIJHOFF
1966
ISBN 978-94-015-3946-3 ISBN 978-94-015-3945-6 (eBook)
DOI 10.1007/978-94-015-3945-6

Copyright I966 by Martinus Nijholl, The Hague, Netherlands


Softcover reprint of the hardcover 1st edition 1966
All rights reserved, including the right to translate or to
reproduce this book or parts thereof in any form
INHALT

EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS. • • XIII

ZUR PHÄNOMENOLOGIE DES INNEREN


ZEITBEWUSSTSEINS
(1893-1917)

A
VORLESUNGEN ZUR PHÄNOMENOLOGIE DES INNEREN
ZEITBEWUSSTSEINS

ERSTER TEIL: DIE VORLESUNGEN ÜBER DAS INNERE ZEITBEWUSST-


SEIN AUS DEM JAHRE 1905 • 3

EINLEITUNG • • • • • • • • 3
§ 1. Ausschaltung der objektiven Zeit 4
§ 2. Die Frage nach dem" Ursprung der Zeit" . 8

ERSTER ABSCHNITT: BRENTANOS LEHRE VOM URSPRUNG DER ZEIT. 10


§ 3. Die ursprünglichen Assoziationen . . . . . . . . . . 10
§ 4. Die Gewinnung der Zukunft und die unendliche Zeit.. 13
§ 5. Die Abwandlung der Vorstellungen durch die Zeitcharak-
tere . 14
§ 6. Kritik . . . . . . . . . . . . . . . . . 15

ZWEITER ABSCHNITT: ANALYSE DES ZEITBEWUSSTSEINS • 19


§ 7. Deutung der Erfassung von Zeitobjekten als Momen-
tanerfassung und als dauernder Akt . . . . . . . . . 19
§ 8. Immanente Zeitobjekte und ihre Erscheinungsweisen . . 24
§ 9. Das Bewußtsein von den Erscheinungen immanenter
Objekte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25
§ 10. Die Kontinua der Ablaufsphänomene. - Das Diagramm
der Zeit . . . . . . . . . . . . . . . . 27
§ 11. Urimpression und retentionale Modifikation . 29
§ 12. Retention als eigentümliche Intentionalität. 31
VI INHALT

§ 13. Notwendigkeit des Vor/IDgehens einer Impression vor


jeder Retention. - Evidenz der Retention. 33
§ 14. Reproduktion von Zeitobjekten (sekundäre Erinnerung) 35
§ 15. Die Vollzugsmodi der Reproduktion. 37
§ 16. Wahrnehmung als Gegenwärtigung im Unterschied von
Retention und Wiedererinnerung 38
§ 17. Wahrnehmung als selbstgebender Akt im Gegensatz zur
Reproduktion . 40
§ 18. Bedeutung der Wiedererinnerung für Konstitution des
Bewußtseins von Dauer und Folge . 42
§ 19. Der Unterschied von Retention und Reproduktion (pri-
märer und sekundärer Erinnerung bzw. Phantasie) . 45
§ 20. Die "Freiheit" der Reproduktion 47
§ 21. Klarheitsstufen der Reproduktion 48
§ 22. Evidenz der Reproduktion . 49
§ 23. Deckung des reproduzierten Jetzt mit einem Vergangen.
Unterscheidung von Phantasie und Wiedererinnerung . 50
§ 24. Protentionen in der Wiedererinnerung . 52
§ 25. Die doppelte Intentionalität der Wiedererinnerung . 53
§ 26. Unterschiede zwischen Erinnerung und Erwartung. 55
§ 27. Erinnerung als Bewußtsein vom Wahrgenommen-ge-
wesen-sein 57
§ 28. Erinnerung und Bildbewußtsein. Erinnerung als setzende
Reproduktion . 59
§ 29. Gegenwartserinnerung 60
§ 30. Erhaltung der gegenständlichen Intention in der retentio-
nalen Abwandlung . 62
§ 31. Urimpression und objektiver individueller Zeitpunkt . 64
§ 32. Anteil der Reproduktion an der Konstitution der einen
objektiven Zeit 69
§ 33. Einige apriorische Zeitgesetze . . 71
DRITTER ABSCHNITT: DIE KONSTITUTIONSSTUFEN DER ZEIT UND
DER ZEITOBJEKTE • • • • •• • •••• 73
§ 34. Scheidung der Konstitutionsstufen. • • 73
§ 35. Unterschiede der konstituierten Einheiten und des kon-
stituierenden Flusses . 73
§ 36. Der zeitkonstituierende Fluß als absolute Subjektivität. 74
§ 37. Erscheinungen transzendenter Objekte als konstituierte
Einheiten. 75
§ 38. Einheit des Bewußtseinsflusses und Konstitution von
Gleichzeitigkeit und Folge 76
§ 39. Die doppelte Intentionalität der Retention und die Kon-
stitution des Bewußtseinsflusses . 80
§ 40. Die konstituierten immanenten Inhalte . 83
§ 41. Evidenz der immanenten Inhalte. - Veränderung und
Unveränderung 84
INHALT VII

§ 42. Impression und Reproduktion. . . . . . . . . . . . 88


§ 43. Konstitution von Dingerscheinungen und Dingen. -
Konstituierte Auffassungen und Urauffassungen . 90
§ 44. Innere und äußere Wahrnehmung. . . . . . . 94
§ 45. Konstitution der nichtzeitlichen Transzendenzen . 96

ZWEITER TEIL: NACHTRÄGE UND ERGÄNZUNGEN ZUR ANALYSE DES


ZEITBEWUSSTSEINS AUS DEN JAHREN 1905-10. . . . . . . . . 99
Beilage I: Urimpression und ihr Kontinuum der Modifikationen 99
11: Vergegenwärtigung und Phantasie. - Impression
und Imagination. . . . . . . . . . . . . . . . 101
111: Die Zusammenhangsintentionen von Wahrnehmung
und Erinnerung. - Die Modi des Zeitbewußtseins . 103
IV: Wiedererinnerung und Konstitution von Zeitobjek-
ten und objektiver Zeit. . . . . . . . . . . . . 107
V: Gleichzeitigkeit von Wahrnehmung und Wahrge-

..
nommenem. . . . . . . . . . . . . . . . . . 109
VI: Erfassung des absoluten Flusses. - Wahrnehmung
in vierfachem Sinn. . . . . . . . . . . . . . 111
VII: Konstitution der Gleichzeitigkeit . . . . . . . 115
VIII: Doppelte Intentionalität des Bewußtseinsstromes 116
IX: Urbewußtsein und Möglichkeit der Reflexion.. 118
X: Objektivation der Zeit und von Dinglichem in der
Zeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120
XI: Adäquate und inadäquate Wahrnehmung. . . . . 124
XII: Das innere Bewußtsein und die Erfassung von Er-
lebnissen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 126
XIII: Konstitution spontaner Einheiten als immanenter
Zeitobjekte. _. Urteil als Zeitgestalt und absolutes
zeitkonstituierendes Bewußtsein. . . . . . . . . 130

B
ERGÄNZENDE TEXTE
ZUR DARSTELLUNG DER PROBLEMENTWICKLUNG

I. <ZUR EINFÜHRUNG DER WESENTLICHEN UNTERSCHEIDUNG ZWI-


SCHEN "FRISCHER" UND "WIEDER"-ERINNERUNG UND ÜBER IN-
HALTSÄNDERUNG UND AUFFASSUNGSUNTERSCHIEDE IM ZEIT-
BEWUSSTSEIN. >

<Etwa 1893 bis etwa 1901> . 137


Nr. 1. Wie kommt es zur Vorstellung der Einheit eines länger
fortgesetzten Änderungsverlaufs ? <Anschauung und
Repräsentation.> (Etwa 1893). . . . . . . . 137
Nr. 2. Evidenz der Zeitwahrnehmung, Erinnerung etc.. . . 151
VIII INHALT

Nr. 3. <Adäquate Erwartung>. . . . • • . • . • . • .• 154


Nr. 4. Meditation. <Wahrnehmung, Erinnerung und Erwar-
tung> . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155
Nr. 5. <Andauernde Wahrnehmung als einfacher Akt> (1898-
1900). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156
Nr. 6. <Brentano und die Frage nach der Evidenz des Ge-
dächtnisses> . . . . . . . . . . . . . . . . . . 158
Nr. 7. Anschauung, Evidenz vom Vergangensein - bloße Vor-
stellung vom Vergangensein. <Scheinbare Notwendig-
keit der Annahme einer Inhaltsveränderung in der pri-
mären Erinnerung> . . . . . . . . . . . . . . . 158
Nr. 8. Adäquation durch Ähnlichkeit. - Vorstellung eines
Gegenstandes und Vorstellung von der Wahrnehmung
des Gegenstandes. <Das "abgeblaßt" noch Bewußte als
bildlicher Ähnlichkeitsrepräsentant des zuvor Wahr-
genommenen>. . . . . . . . . . . . . . . . . . 160
Nr. 9. Disputation. <Gegenwärtigkeit der Erinnerung, Ver-
gangensein des Erinnerten>. . . . . . . . . . . . 162
Nr. 10. Alte und erste Beobachtung darüber, daß ein wesent-
licher Un'terschied besteht zwischen ursprünglichem
Vergangenbeitsbewußtsein und Wiedererinnerung . . 164
Nr. 11. Haben die Momentanphasen der Wahrnehmung hin-
sichtlich der abgelaufenen Teile des Zeitobjekts den
Charakter von Imaginationen? . . . . . . . . . . 166
Nr. 12. <Die Evidenz des Zeitbewußtseins> . . . . . . . . . 167
Nr. 13. Wahrnehmung eines Zeitlichen und Wahrnehmung der
Zeitlichkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170
Nr. 14. Ob die intuitive Modüikation, vermöge deren aus der
Wahrnehmung unmittelbare Erinnerung wird, ver-
standen werden kann als eine bloße Änderung des prä-
sentierenden Inhalts. (Brentano mag hier nur als Bei-
spiel dienen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171
Nr. 15. Zeit und Erinnerung. <]etztwahrnehmung, Erinne-
rungswahrnehmung und phantastische Erinnerung.
Versetzung der Unterschiede in die Apperzeptions-
weise> (20.XII.1901) . . . . . . . . . . . . . . . 173
Nr. 16. <Was in einer Wahrnehmung als gegenwärtig gegeben
sein kann> . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 176
Nr. 17. <Das Problem des Bewußtseins der Modifikation>.. 177
Nr. 18. Der Charakter der Erinnerung. - Repräsentation
durch Identität: was soll das meinen? • • • . . •• 178
INHALT IX

II. <DIE AUSSCHALTUNG DER OBJEKTIVEN ZEIT, DAS ZEITOBJEKT,


DIE PHÄNOMENOLOGIE DER. OBJEKTIVIERUNG UND IHRE Apo-
RIEN>

<1904 und Anfang 1905>. • • • • •• •••• 187


Nr. 19. <Der völlige Ausschluß aller Suppositionen in betreff
der objektiven Zeit> (1904) . 187
Nr. 20. <Die Wahrnehmung der Sukzession setzt Sukzession
der Wahrnehmung voraus> (1904 Ferien) . 189
Nr.21. <Das Erkennen aufgrund der wiederholten Vergegen-
wärtigung einer selben Sukzession> (1904) . 192
Nr.22. Ist (oder wie ist) adäquate Erinnerung möglich? (1904
Große Ferien) . 195
Nr. 23. Einheit der Zeit und ihre Unendlichkeit. 198
Nr. 24. Wahrnehmung eines individuellen (zeitlichen) Objekts.
<Finden wir in einer Phase der Wahrnehmung des Zeit-
lichen die Wahrnehmungserscheinungen der früheren
Phasen?> (September 1904) . 198
Nr. 25. Adäquate Erinnerung. Frühere Wahrnehmung. -
Wahrnehmung der Vergangenheit. Versuch (Aporie).
<Warum ist die frische Erinnerung nicht einfach die
fortdauernde ursprüngliche Wahrnehmung?> . 201
Nr.26. Zur Hypothese: daß die Wahrnehmungen "Zeitbe-
stimmtheit" als jeweiliges ] etzt, das sich aber be-
ständig verändert, einschließen und daß die primäre
Erinnerung die Bedeutung des Verbleibens dieser
Wahrnehmung hat. 204
Nr.27. <Versuch einer Übersicht: Die fundamentalen zeit-
lichen Unterschiede. Selbst-da und Objektivierung> . 209
Nr. 28. Die Identität des Tones, des Zeitobjekts und jeder
Phase des Zeitobjekts im Flusse des Zeitbewußtseins . 213
Nr.29. Meinongs Unterscheidung in distribuierte und in-
distribuierte Gegenstände. (7. 1. 1905) . 216
Nr.30. <Dreierlei Phasen> . 228
Nr.31. Zeichnung. <]etztauffassung und extensive Wahr-
nehmung> 230
Nr.32. Kontinua. 231
Nr.33. Ergebnisse der Diskussion Stern-Meinong . 232
Nr.34. <Zum Problem des Bewußtseins von einer Aufeinander-
folge> <Februar 1905> 234
III. SEEFELDER MANUSKRIPTE ÜBER INDIVIDUATION

1905 <bis etwa 1907> . . . . . . . • . . . . . • • • . •. 237


Nr.35. Einheit des Zeitdinges als Identischen der Veränderung
oder Unveränderung. (Sommerferien 1905) . . . . . 237
Nr.36. <Zur> Seefelder Reflexion. <Typisches, Mathema-
tisches und die Einheit des Zeitgegenstandes> . . . . 253
x INHALT

Nr.37. Das Zeitobjekt . . . . . • . . . . . • . . . . . 259


Nr.38. Einwand gegen diese ganze Seefelder Betrachtungs-
weise . . . . . 265

IV. <ZUR AUFLÖSUNG DES SCHEMAS AUFFASSUNGSINHALT - AUF-


FASSUNG.>

<1907 bis 1909 > 269


Nr. 39. Zeit in der Wahrnehmung. «Anfang> 1907) 269
Nr. 40. Stufen der Objektivität. . . . . . . . . . 286
Nr.41. Erscheinung und Zeit. - Erleben und Erlebnis. Das
Bewußtsein als das Erleben, in dem die Bewußtseins-
erlebnisse im Plural erlebt sind 288
Nr. 42. Evidenz . . . . . . . . . . 293
Nr.43. Problem . . . . . . . . . . 294
Nr.44. Die Zeitform des Bewußtseins. 295
Nr.45. <Die doppelte Intentionalität der Bewußtseinsflüsse> 297
Nr.46. <Fraglichkeit der Rückführung aller Unterschiede auf
die Auffassungsweise> . . . . . . . . . . . . . . 310
Nr.47. <"Inhalts"- und "Auffassungsmomente" und die Evi-
denz der frischen Erinnerung>. . . . . . . . . . . 311
Nr.48. Ursprüngliche zeitliche Zurückschiebung . . . . . . 318
Nr.49. <Haben wir im Jetztpunkt ein Kontinuum von pri-
mären Inhalten gleichzeitig und dazu gleichzeitig ein
"Auffassungs" -Kontinuum?> . . . . 319
Nr.50. Die primäre Erinnerungsmodifikation . . . . . . . 324

V. <ZUM ERSTEN ABSCHLUSS DER UNTERSUCHUNGEN.>

<Anfang> 1909 bis Ende 1911 •• , •• , , • • • • • • • • • 335


Nr.51. <Das Zeitproblem in der phänomenologischen Funda-
mentalbetrachtung> (Mai-Juni 1909) . . . . . . . . 335
Nr.52. Bloße Vorstellung von Vorgängen oder von individuel-
len (dauernden) Gegenständen. Evidenz der Gedächt-
niswahrnehmung, Evidenz der Wahrnehmung von Ge-
genwärtigem (Ende August 1909) . . . . . . . . . 354
Nr.53. Die Intentionalität des inneren Bewußtseins (10.-13.
November 1911) . . . . . . . . . . . . . . . 359
Nr. 54. <Bewußtsein (Fluß), Erscheinung (immanentes Ob-
jekt) und Gegenstand> . . . . . . . . . . . . 368

TEXTKRITISCHER ANHANG

A. VORLESUNGEN ZUR PHÄNOMENOLOGIE DES INNEREN ZEITBE-


WUSSTSEINS • • • • • • • 385
Zur Textgestaltung . . . . 385
Textkritische Anmerkungen 393
INHALT XI

B. ERGÄNZENDE TEXTE ZUR DARSTELLUNG DER PROBLEMENT-


WICKLUNG • • • • • 443
Zur Textgestaltung . 443
Textkritische Anmerkungen 445
NACHWEIS DER ORIGINALSEITEN 474
SACHREGISTER • 476
NAMENREGISTER 484
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

In einer Tagebuchaufzeichnung vom 25. September 1906


notiert Husserl: "Wir brauchen nicht nur Erkenntnis der Ziele,
der Richtlinien, der Richtmaße, der Methoden, der Stellung-
nahmen zu anderen Erkenntnissen und Wissenschaften. Wir
brauchen auch die wirkliche Durchführung. Wir müssen die
Wege selbst beschreiten. Wir müssen Schritt für Schritt die
einzelnen Probleme lösen. Da ist vor allem also nötig eine
Behandlung der Phänomenologie der Vernunft, Schritt für
Schritt, und auf ihrem Grunde wirkliche Aufklärung der logischen
und ethischen Vernunft in Form der beiderseitigen Prinzipien
und Grundbegriffe.
"Da stehen an erster Stelle die Probleme einer Phänomenologie
der Wahrnehmung, der Phantasie, der Zeit, des Dinges.
"Erste, höchst unvollkommene Entwürfe für eine syste-
matische Darstellung gab ich in den Vorlesungen über ,Haupt-
stücke' im Winter 1904/05. Doch noch früher liegen die schon
vermeintlich druckfertigen, jedenfalls rein ausgearbeiteten Ab-
handlungen aus dem Jahre 1898, welche meiner Vorlesung zu-
grunde liegen, und die noch einmal angesehen werden müssen.
Was davon tauglich ist, muß herausgehoben, das übrige ver-
worfen und fortgeworfen werden. Dazu eine Menge Beiblätter,
oft Schwierigkeiten behandelnd.
"Im Zusammenhang damit habe ich auch Versuche gemacht
über Phänomenologie der A ufmerksamkei t, wäh-
rend es an einer Phänomenologie des Raumes, obschonichdamit
im Jahre 1894 anfangen wollte und darüber allerhand Versuche
habe (aber nichts Brauchbares), mangelt ... " 1
1 Edmund Husserl, "Persönliche Aufzeichnungen", herausgegeben von Walter
Biemel, Philosophy and Phenomenological Research, XVI (1956), S. 298. - Die
Probleme einer "Phänomenologie des Dinges" blieben in der Vorlesung des Winter-
semester 1904/05 im wesentlichen zur Seite; erst in der Vorlesung Hauptstacke aus
der Phänomenologie und Kritik der Vernunft des Sommersemesters 1907 - von
XIV EINLEITUNG DES BERAUSGEBERS

Unter den Arbeiten, die ihm "am meisten vorbereitet"


scheinen, erwähnt Husserl kurz darauf an zweiter Stelle: "ein
sehr umfassendes Werk über Wahrnehm ung, Phantasie,
Zei t" I.
Von jenen "schon vermeintlich druckfertigen, jedenfalls
rein ausgearbeiteten Abhandlungen aus dem Jahre 1898, welche"
nach Husserls Notiz der erwähnten Vorlesung des Winter-
semesters 1904/05 "zugrunde liegen", sind bedeutende Frag-
mente - größtenteils in Form kurrentschriftlicher Manuskripte
Husserls im Folio-Format - erhalten; 2 darunter zum Zeit-
problem - in gleicher Form - einige Seiten einer noch älteren
Aufzeichnung, die Husserl auf dem Umschlag wie folgt cha-
rakterisiert hat: "Genetisches (alter Versuch aus der Zeit vor
der Abhandlung in den Monatsheften), etwa 1893" 3.
Die Göttinger Vorlesungen Husserls aus dem Wintersemester
1904/05 über Hauptstücke aus der Phänomenologie und Theorie der
Erkenntnis, wie der vollständige Titel lautete, umfaßten die
folgenden vier Hauptstücke :
1. "Über Wahrnehmung" ;
2. "Über Aufmerksamkeit, spezifische Meinung etc.";
3. "Phantasie und Bildbewußtsein" ;
4. "Zur Phänomenologie der Zeit" 4.

Busserl auch als die "Ding-Vorlesung" bezeichnet - wurden sie systematisch in


Angriff genommen. Es handelt sich um das Kolleg, dessen erste "Fünf Vorlesungen"
über Die Idee der Phänomenologie von Walter Biemel in Band II vorliegender Ausgabe
veröffentlicht wurden; das Manuskript des anschließenden Bauptteils dieser Vor-
lesung wird im Busserl-Archiv zu Löwen unter der Signatur F I 13 bewahrt. -
Busserls früheste "Philosophische Versuche über den Raum" aus den Jahren 1886
bis 1894 liegen bruchstückhaft in dem Konvolut K I 50 vor. Das Problem der Raum-
Konstitution hat Busserl dann in seiner engen Verknüpfung mit dem der Ding-
Konstitution vor allem in der soeben erwähnten Vorlesung des Sommersemesters
1907 behandelt, deren Manuskript (F I 13) denn auch die Bauptunterlage für eine
von Edith Stein 1917 hergestellte "Ausarbeitung" abgab, der Busserl die Überschrift
Systematische Raum-Konstitution gegeben hat. Dieses handschriftliche Manuskript
Edith Steins liegt im Busserl-Archiv zu Löwen unter der Signatur M II 3 V vor.
1 A.a.O., S. 299.
2 "Altes Manuskript über Wahrnehmung von 1898" in K I 66 und "Wahrnehmung
September 1898" in K I 65; "Aufmerksamkeit, Interesse, altes Manuskript, noch
vorphänomenologisch" von etwa 1897-1898 in K I 63 und "Aufmerksamkeit
12.-18. September 1898" in K I 64; "Phantasie, Zeichen" aus derselben Periode,
mit Zusätzen, die bis ins Jahr 1904 reichen, in K I 67.
3 K I 55. Vgl. den unten in den Ergänzenden Texten unter Nr. 1, S. 137-151,
wiedergegebenen Teil dieses Manuskripts sowie die Textkritischen Anmerkungen dazu.
4 Im Husserl-Archiv zu Löwen liegen die Manuskripte dieser vier Hauptstücke
in folgenden Konvoluten vor; "Über Wahrnehmung" (F I 9/3a) mit einer kurzen
Einleitung zu der ganzen Vorlesung in F I 9/4-68; "Über Aufmerksamkeit, spezi-
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS xv

Zur Charakteristik der Absicht der Vorlesungen seien hier aus-


führlich die Sätze wiedergegeben, mit denen Husserl sie ein-
leitete:
"Als Thema der Vorlesungen, die ich hiermit eröffne, habe
ich ,Hauptstücke aus der Phänomenologie und Theorie der
Erkenntnis' angekündigt. Ursprünglich hatte ich dabei nur die
höheren intellektiven Akte ins Auge gefaßt, die Sphäre der
sogenannten ,Urteilstheorie'. Mit meinen Schülern zusammen-
arbeitend, gedachte ich, den vielfach noch gar nicht formulierten
Problemen dieses weitschichtigen und noch wenig gekannten
Gebiets nachzugehen, Lösungen zu versuchen oder wenigstens
Lösungsmöglichkeiten mit Ihnen durchzudenken. Bei der vor-
bereitenden Durcharbeitung der einschlägigen Materien sah
ich aber bald ein, daß nicht bloß pädagogische, sondern vor
allem sachliche Gründe eine ausführliche Behandlung der
schlichten, zuunterst liegenden intellektiven Akte erfordern. Ich
meine hier natürlich jene Phänomene, die unter den etwas vagen
Titeln Wahrnehmung, Empfindung, Phantasievorstellung, Bild-
vorstellung, Erinnerung 1 allbekannt und doch wissenschaftlich
noch viel zu wenig durchforscht sind. Welche Fülle phäno-
menologischer Arbeit hier zu leisten, welche großen Schwierig-
keiten hier zu überwinden sind, das ist erst in neuester Zeit
geahnt und gelegentlich mit einiger Deutlichkeit bemerkt worden.
Und dabei handelt es sich um eine Arbeit, die im ernstesten
Sinn fundamental genannt werden muß, für die Erkenntnis-
kritik auf der einen und für die Psychologie auf der anderen
Seite. Einige, noch recht unvollständige Versuche zur Behand-
lung der hierher gehörigen Probleme habe ich im zweiten Bande
der Logischen Untersuchungen 2 mitgeteilt. Die ersten An-
regungen zur Beschäftigung mit denselben verdanke ich meinem
genialen Lehrer B ren ta n 0, der schon in der Mitte der achtziger
Jahre an der Wiener Universität ein mir unvergeßliches Kolleg
über ,Ausgewählte psychologische und ästhetische Fragen' las,

fische Meinung etc." (F I 9/68a) bruchstückhaft in A VI 81/23-34; "Phantasie und


Bildbewußtsein" (F I 8/1a) in F I 8/4-71; "Zur Phänomenologie der Zeit" (F I 6/2a)
zu großen Teilen in F I 6 sowie einzelne Blätter in F I 8/90-96.
1 Im Ms. folgte auf "Erinnerung" ursprünglich noch das Wort "Erwartung",
ist aber dreifach kräftig durchgestrichen.
2 Logische Untersuchungen, Zweiter Teil: Untersuchungen zur Phänomenologie und
Theorie der Erkenntnis, 1. Auflage Halle a.d.S. 1901.
XVI EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

welches sich (in wöchentlich zwei Stunden) nahezu ausschließlich


um die analytische Klärung der Phantasievorstellungen im
Vergleich mit den Wahrnehmungsvorstellungen mühte. Meine
eigenen Studien, in die ich mich zumal ein Jahrzehnt später
immer <mehr> verwickelte, führten mich freilich in wesent-
lichen Punkten andere Wege, und vor allem lehrten sie mich,
daß die Probleme noch sehr viel verwickelter und schwieriger
liegen, als Brentano sie damals geschaut hatte. Eine systema-
tische, vollständige Erledigung dieser Probleme konnte mir
damals aber noch nicht gelingen. Es hängt mit der innigen
Verflechtung und wohl auch mit der Eigenart der phänomeno-
logischen Probleme zusammen, daß sie nicht isoliert zur Lösung
kommen können, daß man bald die einen, bald die anderen ein
Stück fördern muß, indem jeder Fortschritt in der Klärung
der einen ein aufhellendes Licht zurückwirft auf die anderen. Bei
einer neuerlichen Durchsicht meiner alten Entwürfe finde ich so
manche Gedankenreihen, die in meinen Logischen Untersu-
chungen nicht zu ihrem Recht gekommen sind, manch wesentliche
Schwierigkeiten, die ich damals schon diskutiert hatte, sind
in meiner Publikation kaum berührt und nicht weiter verfolgt
worden. Ja die ganze Sphäre der Er i n n e run g und damit
auch die gesamten Probleme einer P h ä n 0 m e n 0 log i e der
originären Zeitanschauung sind darin sozusagen tot-
geschwiegen. Die außerordentlichen Schwierigkeiten, die hier
liegen, vielleicht die größten in der ganzen Phänomenologie,
vermochte ich nicht zu bewältigen, und da ich mich nicht im
voraus binden wollte, schwieg ich mich lieber ganz aus.
"Von seiten anderer Forscher sind die angedeuteten Funda-
mentalprobleme einer Phänomenologie der Wahrnehmung,
Phantasievorstellung, Erinnerung und Zeit, soweit ich bisher
urteilen kann, zwar wiederholt berührt, aber nicht irgendwie
erledigt worden. Mancherlei Verwandtes mit meinen Anschau-
ungen findet sich (abgesehen von J ames, den ich noch studiett
und von dem ich starke Impulse erfahren habe), wie es scheinr,
bei S t 0 u t und bei Ho d g s 0 n. Jedenfalls geht das nicht so
weit, daß ich einfach auf diese Forscher verweisen und somit auf
dem vorgegebenen Grunde weiterbauen könnte. Es erscheint
daher am besten, daß wir in gemeinsamer Arbeit uns selbst
und ausführlich mit den fraglichen Problemen beschäftigen, daß
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS XVII

wir sie verfolgen, so weit wir es eben vermögen. Wo es nicht anders


geht, wollen wir mindestens die Schwierigkeiten und Auffas-
sungsmöglichkeiten zur klaren Formulierung bringen, wir wollen
uns überall klarmachen, wo die eigentlichen Probleme liegen,
wie sie reinlich zu fassen, wie sie endgültig zu formulieren sind.
Worüber ich mich als Autor ausschweige, darüber kann ich mich
als Lehrer darum doch aussprechen. Ja am liebsten spreche
ich selbst über Dinge, die noch nicht erledigt, vielmehr im Fluß
begriffen sind 1." 2
Beständig, wenigstens bis hin zu dem 1906 verzeichneten
Plan eines "sehr umfangreichen Werkes über W a h r n e h m u n g,
P h a n t a sie, Z e i t", treten in Husserls Arbeit und Reflexio-
nen diese drei Problemtitel miteinander verbunden auf.
Gleichwohl hat Husserl in seinem Vorlesungsmanuskript zum
Wintersemester 1904/05 zwar die drei ersten Hauptstücke
(über Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und Phantasie) durch-
gehend - von ,,1" bis ,,125", mit einigen Einschüben und
anderen Unregelmäßigkeiten - paginiert, bei der Paginierung
des vierten Hauptstückes (über Zeitbewußtsein) aber mit ,,1"
von vorn begonnen. Vermutlich lagen dafür zunächst äußere,
Form-Gründe vor. In der Tat liegt das - mit geringfügigen
Lücken - vollständig erhaltene stenographische Manuskript
zu den drei ersten Hauptstücken in völlig zusammenhängend
redigierter Form vor; indessen ist es nicht möglich, aus den
erhaltenen stenographischen Blättern in etwa das Manuskript
zu rekonstruieren, auf das sich Husserl in dem der "Phäno-
menologie der Zeit" gewidmeten Schlußteil der Vorlesungen des
Wintersemesters 1904/05 stützte,3 ohne diesem ursprünglichen
Vorlesungsmanuskript eine Reihe von Blättern, von Aufzeich-
nungen zuzurechnen, die bloß den Charakter von Notizen und
Stichworten haben: das Ganze ergibt keinen durchlaufend
zusammenhängenden Text. Husserl hat offenbar die Vorbe-
reitungen für das Schluß stück der Vorlesungen - über das
Zeitbewußtsein - nicht in der Form abschließen können, wie

1 Die beiden letzten Sätze sind im Ms. mit Bleistift hinzugefügt.


2 F I 9/4a-b.
3 Eine der letzten Vorlesungen des III. Hauptstücks hielt Husserl am 9. Februar
1905 (vgl. F I 8/61); die "Zeitvorlesungen" datiert er selbst auf "Februar 1905"
(vgl. F I 6/2a).
XVIII EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

er das für die drei ersten Hauptstücke - und allerdings auf-


grund umfangreicherer Vorarbeiten (s.o.) - getan hat.!
Zweifellos ist in diesem Umstand auch der erste, unmittelbare
Grund dafür zu suchen, daß - im Unterschiede zum Konzept
der drei ersten Hauptstücke der Vorlesung - das Manuskript
der "Zeitvorlesungen" in seiner ursprünglichen Form nicht er-
halten blieb. Husserl fügte diesem Manuskript in der Folgezeit
nicht nur Beilagen und Ergänzungen bei, sondern er schied
sachlich, aber auch einfach formal unzulängliche Teile des
ursprünglichen Vorlesungsmanuskriptes aus und warf sie fort
und ersetzte sie teilweise durch gründlichere und zusammen-
hängendere Ausführungen, ohne sich allerdings um die unmittel-
bare textliche Kohärenz der erhalten gebliebenen alten und der
eingefügten neuen Aufzeichnungen zu bekümmern. Einige der
Teile des ursprünglichen Vorlesungsmanuskripts ergänzenden
oder ersetzenden Aufzeichnungen, deren Entstehungszeit zu-
mindest bis in das Jahr 1911 reicht, wurden der Paginierung
eingefügt oder angeschlossen, andere nur einfach eingelegt. 2
Erhalten ist das auf diese Weise aus dem ursprünglichen
Manuskript der Zeitvorlesungen des Februar 1905 entstandene
Bündel von Blättern mit zwar sachlich, nicht aber textlich un-
mittelbar zusammenhängenden stenographischen Aufzeichnun-
gen Husserls aus den Jahren 1905 bis wenigstens 1911; 3 dies
war - nach Husserls eigenem Vermerk auf dem Umschlag -
"das Manuskript, das Fräulein Stein vorlag".1

* *
*
1 Der vorliegende Band enthält alle verfügbaren Elemente und Hinweise zu
einer möglichst vollständigen Rekonstruktion von Husserls ursprünglichem Manu-
skript zu den "Zeitvorlesungen" des Februar 1905; vgl. unten Zur Textgestaltung,
S. 38Sf., insbesondere die dortige Übersicht I, S. 387f.
2 Das Ergebnis liegt - vermutlich seit 1917 so gut wie unverändert - in Gestalt
des gesamten Inhalts des Konvoluts F I 6 vor; dieser gesamte Inhalt von F I 6,
in dem sich übrigens auch vorbereitende Aufzeichnungen aus den Jahren vor 1904
finden, die in den "Zeitvorlesungen" von 1905 und deren weiterer Ausarbeitung
teilweise noch Verwendung gefunden haben, ist im vorliegenden Bande wiederge-
geben: sei es in entsprechenden Teilen des Haupttextes (wobei die Textkritischen
Anmerkungen besonders zu vergleichen sind), sei es in den Ergänzenden Texten;
vgl. auch den Nachweis der Originalseiten, unten S. 474f.
3 Ein Blatt aus dem Konvolut F I 6 enthält eine Aufzeichnung aus dem Jahre 1917;
vgl. insbesondere die Textkritischen Anmerkungen zu § 24, S. 52f. des Haupttextes.
4 F I 6/2a.
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS XIX

Edith Stein war in den Jahren 1916 bis 1918 in Freiburg


Husserls Assistentin. In diesen Jahren war sie nicht nur in
Husserls Auftrag u.a. damit beschäftigt, seine Manuskripte
zu ordnen 1, sondern darüber hinaus mit eindrucksvoller In-
telligenz, erstaunlicher Arbeitskraft und bewunderswerter Hin-
gabe darum bemüht, vorliegende Manuskripte Husserls durch
eine "Ausarbeitung" der Möglichkeit der Veröffentlichung
näher zu bringen. Wie weitgehende bestimmte Aufträge, genaue
Anweisungen oder aber ausgedehnte Vollmachten und anheim-
gestellte Freiheiten Husserl seiner Mitarbeiterin hierbei gegeben
hat, ist heute schon nicht mehr leicht zu ermitteln. Einen recht
klaren Einblick in die Art der Zusammenarbeit geben indessen
neben den vorliegenden Manuskripten und vereinzelten Notizen
Husserls Edith Steins Briefe aus jenen Jahren an Roman
In gar den, die dieser dankenswerterweise in wichtigen Aus-
zügen kürzlich veröffentlicht hat 2.
1916 und 1917 arbeitete Edith Stein zunächst an Husserls
Manuskript zum Zweiten und Dritten Buch der Ideen 3. Am
5. Januar 1917 erzählt sie Ingarden, sie habe Husserl "sehr
abschreckend die Mühsal geschildert, die man bei der Verarbei-
tung des Rohmaterials der Ideen hat, so daß man sich noch
einmal durchaus einverstanden erklärte, mir dieses Vergnügen
zu überlassen" 4. In einem Briefe vom 18. Januar 1917 spricht
sie in einer wohl für den ganzen Stil der Zusammenarbeit kenn-
zeichnenden, wenngleich ein wenig ironischen Art von einer
"Fortführung der Ausarbeitung, zu der ich mich selbst autorisiert
habe, ohne auf Widerspruch zu stoßen" 5. Am 3. Februar 1917
betont sie, was sie tue, solle nur "die Basis für die Arbeit des
Meisters sein" - "nur für den schlimmsten Fall, daß er gar nicht
an die Überarbeitung heranginge", habe sie "es ins Auge gefaßt,

1 Vgl. etwa S. 163, 171 und S. 174 in der in der nachstehenden Anmerkung ange-
zeigten Veröffentlichung.
2 Roman Ingarden, "Edith Stein on her Acitivity as an Assistant of Edmund
Husserl (Extracts from the Letters of Edith Stein with a Commentary and Intro-
ductory Remarks)", Philosophy and Phenomenological Research, XXIII (1962),
S. 155-175.
8 Erstmals veröffentlicht als Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phäno-
menologischen Philosophie, Zweites und Drittes Buch, herausgegeben von Marly
Biemel, Band IV und Band V vorliegender Ausgabe, Den Haag 1952.
'Siehe Ingarden, a.a.O., S. 162.
5 A.a.O., S. 163.
xx EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

es selbst zu tun": "Natürlich bin ich dann auf jahrelange Arbeit


gefaßt".l Dann wieder, so schreibt sie am 9. April 1917, möchte
sie nach einer bloßen "Durchsicht" ihrer Ausarbeitung durch
Husserl "sehr gern die beiden ersten Teile ins nächste Jahrbuch
bringen". 2 - Vom Zweiten Buch der Ideen hat Edith Stein
dann 1918 - und vielleicht teilweise noch 1919 _3 noch eine
zweite Ausarbeitung angefertigt. Marly Bi e m e 1, die Heraus-
geberin des Zweiten und Dritten Buches der Ideen bei ihrer
erstmaligen Veröffentlichung im Jahre 1952, vermerkt: "Während
ihre ... erste Ausarbeitung mehr eine Abschrift war, hat E. Stein
hier <in der zweiten> bedeutende Zusammenstellungen vorge-
nommen. Die früheste Datierung unter den verwendeten Ma-
nuskripten geht bis auf 1908 zurück, die späteste bis 1917".4
"Es ist anzunehmen, daß Husserl Edith Stein eine Auswahl von
Manuskripten gab, deren Verwendung er ihr überließ".5
Am 20. Februar 1917 schreibt sie Ingarden, als sie sich für
einen Urlaubsmonat von Husserl verabschiedete, habe dieser
"sich ... erboten, <ihr> zu <ihrer> Belustigung die Entwürfe der
6. Untersuchung mitzugeben", 6 mit denen sie sich in der Fol-
gezeit etwas befaßte.
Am 6. Juli 1917 kommt dann die Nachricht: "Ich habe in der
letzten Zeit immer neue Stöße von Manuskripten geordnet und
bin eben jetzt auf das Konvolut ,Zeitbewußtsein' gestoßen. Wie
wichtig die Sachen sind, wissen Sie ja am besten: für die Lehre
von der Konstitution und für die Auseinandersetzung mit
Bergson und, wie mir scheint, auch mit anderen, Z.B. Natorp.
Der äußere Zustand ist ziemlich traurig : Notizenzettel von 1903
an. Ich habe aber große Lust, zu versuchen, ob sich eine Aus-
arbeitung daraus machen läßt; es würde doch einen Schritt
vorwärts zur Druckreife bedeuten, wenn man auch nicht weiß,

1 A.a.o., S. 164.
2 A.a.O., S. 168.
8 Vgl. Ideen usw., Zweites Buch, herausgegeben von Marly Biemel, Band IV vor-
liegender Ausgabe, S. 400.
4 Ebenda.
5 A.a.O., S. XVII.
8 Siehe Ingarden, a.a.O., S. 166. Zu Husserls Versuch einer vollständigen Um-
arbeitung der VI. Untersuchung aus dem Zweiten Teil der Logischen Unte1'suchungen
vgl. Ingardens Anmerkung zu Edith Steins brieflicher Äußerung a.a.O. oder Rudolf
Boehm, "Husserl et l'id6alisme classique", Revue PhilosOPhique de Louvain, LVII
(1959), S. 374, Anm. 74.
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS XXI

ob und wann die Veröffentlichung erfolgen wird. Bevor mir dieser


Fund wieder etwas Geschmack an meiner Tätigkeit einflößte,
war ich übrigens schon nahe an dem Entschluß, im Oktober mein
Portefeuille niederzulegen. Nun scheint es mir doch wieder,
als ob es nicht ohne allen Sinn wäre, was ich hier tue".l Schon
am 7. August 1917 heißt es dann: "Ich habe im letzten Monat
Husserls Zeitnotizen ausgearbeitet, schöne Sachen, aber noch
nicht ganz ausgereift".2 Zumindest eine erste Ausarbeitung
scheint tatsächlich schon fertig vorzuliegen, denn Edith Stein
erwähnt zunächst die "Zeitnotizen" nicht mehr, schreibt hin-
gegen am 28. August 1917: "Ich habe mir jetzt seine Notizen
über Raum-Konstitution vorgenommen und sehe, was sich
damit tun läßt".3 Dann gelingt es ihr, Husserl für ihre Ausar-
beitung der "Zeitnotizen" zu interessieren: Am 8. September
1917 schreibt sie aus Bemau, wo Husserl auf Sommerfrische ist:
"Ich bin auf drei Tage hier beim Meister, es wird eifrig Zeit ge-
arbeitet".4
Das Resultat der "Ausarbeitung" war nichts anderes als
das, was 1928 in Husserls Jahrbuch für Philosophie und phäno-
menologischeForschung (Bd. IX) unter dem Titel Edmund
Husserls Vorlesungen zur Phänomenologie des inneren Zeit-
bewußtseins, herausgegeben von Martin Heidegger, er-
scheinen sollte. Der Inhalt dieser Veröffentlichung von 1928
zerfiel in zwei Teile: "Erster Teil: Die Vorlesungen über das
innere Zeitbewußtsein aus dem Jahre 1905" - "Zweiter Teil:
Nachträge und Ergänzungen zur Analyse des Zeitbewußtseins
aus den Jahren 1905-10".5 Wenig ist über diesen zweiten, aus
dreizehn "Beilagen" zusammengesetzten Teil zu sagen: einer-
seits, weil mit einer einzigen Ausnahme die Manuskriptunterlagen
dieser Beilagen nicht aufgefunden werden konnten, anderer-
seits, weil hier wirklich auf jederlei Bearbeitung scheint ver-
zichtet worden zu sein: die Texte scheinen nur abgeschrieben

1 Siehe Ingarden, a.a.O., S. 171 f.


B A.a.O., S. 173.
8 Ebenda. - Vgl. oben, S. XIII, Anm. 1. Edith Steins Bearbeitung seiner Unter-
suchungen zur Systematischen Raum-Konstitution bezeichnet Husserl auf dem Um-
schlage ihres Manuskripts übrigens als "Fräulein Steins Abschrift nach von ihr
ausgewählten Manuskripten" (M 111 3 V/la).
4 Siehe Ingarden, a.a.O., S. 173.
6 Siehe unten diese im vorliegenden Bande unverändert wiedergegebenen Titel,
S. 3 und S. 99.
XXII EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

und sind unverbunden aneinandergereiht. 1 Was hingegen den


"Ersten Teil" betrifft, ist beim Vergleich der weitgehend
erhaltenen Manuskripte Husserls, auf die die Ausarbeitung sich
stützte, festzustellen: 2
Edith Stein spricht von Husserls "Zeitnotizen" , von bloßen
"Notizenzetteln von 1903 an". In Wahrheit bildete den Grund-
stock des "Konvoluts ,Zeitbewußtsein' " (Stein), des "Manu-
skripts, das Fräulein Stein vorlag" (Husserl), das Konzept der
Vorlesungen "Zur Phänomenologie der Zeit" aus dem Februar
1905, das denn doch in beträchtlichem Umfange zusammen-
hängend redigiert war. Hinwiederum kann man schwerlich
umhin, die Bezeichnung des Inhalts des "Ersten Teils" in der
Veröffentlichung von 1928 als "Die Vorlesungen über das innere
Zeitbewußtsein aus dem Jahre 1905" als eine kaum noch zu-
treffende zu bezeichnen. Es sei hier sogleich nochmals mit
Nachdruck betont, daß schon Husserl selbst das ursprüngliche
Vorlesungsmanuskript keineswegs unangetastet gelassen hat.
Zu bemerken ist freilich ferner, daß auch die von ihm einge-
fügten oder beigelegten späteren Aufzeichnungen nur zum
geringeren Teil bloße . "Notizenzettel", zum größeren Teile
vielmehr zusammenhängend ausgeführte Analysen waren. Das
letzte Ergebnis der "Ausarbeitung" ist aber dieses: Von der
"Einleitung" und insgesamt fünfundvierzig Paragraphen, die
der "Erste Teil" umfaßt, gehen nur die "Einleitung" und vier-
iehn Paragraphen ganz, dazu vier weitere Paragraphen teil-
weise auf das Vorlesungsmanuskript des Februar 1905 zurück;
in der Ausgabe von 1928 etwa vierzig von insgesamt zwei-
undachtzig Druckseiten. Umgekehrt fanden von den zumindest
zweiundsechzig Blättern des ursprünglichen Vorlesungsmanu-
skripts Husserls in dem 1928 gedruckten Text nur siebenund-
dreißig Verwendung. Auch von den Texten dieser verwendeten

1 Vgl. unten Zur Textgestaltung, S. 391f.


a Vgl. unten Zur TextgestaUung, S. 386 ff., insbesondere die dortige tJbersicht II,
S. 389ff., sowie im einzelnen die Textkritischen Anmerkungen zum "Ersten Teil",
S. 393 ff. - Unsere Angaben stützen sich auf den Vergleich des 1928 gedruckten
Textes mit dem der erhaltenen Originalmanuskripte Husserls. Edith Steins hand-
schrütliche Ausarbeitung selber befindet sich nicht im Husserl-Archiv zu Löwen
und scheint verloren. Doch weist alles darauf hin, daß der gedruckte Text von 1928
kaum nennenswerte Abweichungen von dem in Edith Steins Ausarbeitung hergestell-
ten aufweist; vgl. weiterhin vorliegende Einleitung sowie insbesondere auch unten,
Zur Textgestaltung, S. 392, Anm. 1.
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS XXIII

Blätter sind häufig nur Ausschnitte übernommen, bzw. Teile


weggelassen. Dasselbe gilt übrigens für die Art der Benutzung
der erwähnten Aufzeichnungen Husserls aus den Jahren nach
1905. Vor allem sind Anordnung, Folge und Zusammenhang der
Texte aus dem Vorlesungsmanuskript wie auch aus den Auf-
zeichnungen der Folgezeit völlig verändert. Weniger fällt da-
gegen ins Gewicht, daß am Text von Husserls Manuskripten
im einzelnen zahllose - sachlich zumeist wenig bedeutende -
Änderungen vorgenommen sind, daß manche Ausführungen
Husserls nur in knappster Zusammenfassung wiedergegeben
sind, daß anscheinend hie und da kurze Überleitungstexte von
Edith Stein redigiert sind, die auch die Terminologie zu ver-
einheitlichen bemüht war und die Einteilung des Ganzen in
Paragraphen und Abschnitte eingeführt und deren Titel for-
muliert hat.
Es ergibt sich also nicht nur aus dem oben Erwähnten die
für die Einsicht in Husserls Gedankenwege nicht unwichtige
Bemerkung, daß die Texte des "Ersten Teils" der Veröffent-
lichung von 1928 nur zum geringeren Teil auf 1905, zum größeren
auf 1907 bis 1911, ja auf 1917 zu datieren sind. Es stellt sich
darüber hinaus die Frage, inwiefern das Ergebnis der "Aus-
arbeitung", wie es 1928 veröffentlicht wurde, wirklich als eine
Husserls eigenen Intentionen vollauf entsprechende Darstellung
angesehen werden kann. Ehe wir diese Frage zu beantworten
versuchen, müssen wir jedoch den Bericht über die Entste-
hungsgeschichte der Veröffentlichung von 1928 abschließen.

* *
*
Im April 1926 hat Husserl Martin He i d e g ger den Vorschlag
gemacht, sich der Veröffentlichung seiner in Gestalt der Aus-
arbeitung Edith Steins dazu vorbereiteten Forschungen zur
"Phänomenologie des inneren Zeitbewußtseins" aus den Göt-
tinger Jahren anzunehmen. 1 Husserl und Heidegger verbrachten

1 Unsere Darstellung in diesem Abschnitt stützt sich insbesondere - neben den


ferner angegebenen Quellen - auf Mitteilungen von Herrn Professor Heidegger aus
seiner Erinnerung. Betont sei, daß die häufig geäußerte Vermutung bzw. weit ver-
breitete Annahme, es sei Heidegger gewesen, der Husserl zu der Veröffentlichung
veranlaßt bzw. seine Zustimmung zu ihr "erlangt" habe, irrig ist.
XXIV EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

damals beide die Frühjahrsferien in Todtnauberg im badischen


Schwarzwald. Gelegentlich eines Besuches zeigte Heidegger
Husserl das nahezu fertige Manuskript seines Werkes Sein und
Zeit, das er ihm zu widmen gedachte. l Dies war der unmittelbare
Anlaß zu Husserls Vorschlag. Heidegger akzeptierte ihn mit
dem Verstande, daß er ihn erst nach dem Erscheinen von Sein
und Zeit werde ausführen und eine Durcharbeitung der Manu-
skripte Husserls nicht werde auf sich nehmen können, da er um
diese Zeit - bis zum Herbst 1927 - allein mit der Vertretung
der Philosophie an der Universität Marburg belastet war.
Husserl übergab ihm denn auch, nicht seine stenographischen
Manuskripte (bzw. "das Manuskript, das Fräulein Stein vorlag"),
sondern Edith Steins handschriftliche Ausarbeitung aus dem
Jahre 1917, und Heidegger begnügte sich mit einer sorgfältigen
Durchsicht des Manuskripts Edith Steins und mit geringfügigsten
Eingriffen in den Text, wiewohl anscheinend Husserl eine weiter-
gehende Bearbeitung nicht unwillkommen gewesen wäre. 2 Der
Text wurde im Jahre 1928 fertiggestellt und erschien noch im
gleichen Jahre im Bande IX des Jahrbuchs für Philosophie und
phänomenologische Forsch1{-ng, begleitet von der hier nachstehend
wiedergegebenen

VORBEMERKUNG DES HERAUSGEBERS

Die nachstehenden Analysen zur "Phänomenologie des inneren


Zeitbewußtseins" zerfallen in zwei Teile. Der erste umfaßt das letzte
Stück einer vierstündigen Vorlesung "Hauptstücke aus der Phäno-
menologie und Theorie der Erkenntnis" aus dem Wintersemester
1904/05. Während der zweite Band der "Logischen Untersuchungen"
(1901) die Interpretation der "höheren" Akte der Erkenntnis zum
Thema hatte, sollten in dieser Vorlesung die "zuunterst liegenden
intellektiven Akte: Wahrnehmung, Phantasie, Bildbewußtsein,
Erinnerung, Zeitanschauung" untersucht werden. Der zweite Teil

1 Erschienen in Husserls Jahrbuch tal' Philosophie und phänomenologische Forsch-


ung, VIII (1927), S. 1-438 und separat.
a Am 13. Juli 1928 schrieb Husserl an Roman Ingarden: .. Jahrbuchsband IX,
5005., ist bald fertig. Er bringt meine Vorlesungen aber inneres Zeitbewuptsein von
I905 mit den Beilagen unverändert, nur ein wenig stilistisch redigiert und heraus-
gegeben von Heidegger. Ich erhielt nicht einmal die Korrekturen." Die Originale der
Briefe Husserls an Roman Ingarden befinden sich im Besitz der Polnischen Akademie
der Wissenschaften, Photokopien hat Herr Professor Ingarden freundlicherweise
dem Husserl-Archiv zu Löwen zur Verfügung gestellt.
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS xxv

stammt aus Nachträgen zur Vorlesung und aus neuen ergänzenden


Studien bis zum Jahre 1910.
Weiterführende, besonders seit 1917 wieder aufgenommene, mit
dem Individuationsproblem zusammenhängende Untersuchungen
über das Zeitbewußtsein sind einer späteren Veröffentlichung vor-
behalten.
Das durchgehende Thema der vorliegenden Untersuchung ist die
zeitliche Konstitution eines reinen Empfindungsdatums und die einer
solchen Konstitution zugrunde liegende Selbstkonstitution der
"phänomenologischen Zeit". Entscheidend wird dabei die Heraus-
stellung des intentionalen Charakters des Zeitbewußtseins und die
wachsende grundsätzliche Klärung der In t e n ti 0 n a li t ä t über-
haupt. Das allein macht schon, von dem besonderen Inhalt der ein-
zelnen Analysen abgesehen, die folgenden Studien zu einer unent-
behrlichen Ergänzung der in den "Logischen Untersuchungen" zum
erstenmal aufgenommenen grundsätzlichen Erhellung der Inten-
tionalität. Auch heute noch ist dieser Ausdruck kein Losungswort,
sondern der Titel eines zentralen Pro b I e m s .
Dem Text wurde, von äußeren, den Stil nicht berührenden Glättun-
gen abgesehen, der bewegliche Charakter der Vorlesung gelassen. Die
freilich immer wieder wechselnden Wiederholungen wie h t i ger
Analysen blieben im Interesse einer konkreten Nachprüfung des
Verständnisses absichtlich erhalten.
Die Kapitel- und Paragrapheneinteilung wurde von Frl. Dr. S t ein
gelegentlich der Übertragung des stenographischen Konzepts im teil-
weisen Anschluß an Randbemerkungen des Verfassers eingefügt.
Das Inhaltsverzeichnis und Sachregister hat Herr Dr. La n d g r e b e
hergestellt.
Marburg a.d.L., April 1928.
Martin Heidegger. 1

Zum ersten Absatz, insbesondere zu den ersten beiden Sätzen


dieser "Vorbemerkung" zu der Veröffentlichung von 1928 ist
wiederum zu erinnern, was oben schon bezüglich des Verhält-
nisses des "Ersten Teils" der "Ausarbeitung" Edith Steins zu
Husserls Vorlesungsmanuskript des Februar 1905 festgestellt
werden mußte. Andererseits muß die Parallele zwischen den
Hinweisen des ersten Absatzes von Heideggers "Vorbemerkung"
und den oben angeführten einleitenden Sätzen in Husserls
Manuskript zu seinen Vorlesungen über Hauptstücke aus der

1 s. 367f. in Band IX des Jahrbuchs ja, Philosophie und phänomenologische Forsch-


ung (S. 1 f. der Separatpaginierung); S. 368 (bzw. S. 2) beginnt mit der dritten Zeile
des vierten Absatzes der "Vorbemerkung".
XXVI EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

Phänomenologie und Theorie der Erkenntnis von 1904/05 auf-


fallen. 1 Auch aus anderen Gründen mehr ist die Annahme
unumgänglich, daß Heidegger in den Angaben des ersten wie
übrigens auch des zweiten Absatzes seiner "Vorbemerkung"
und ebenso, wo er vom "Charakter der Vorlesung" und von
Edith Steins bloßer "übertragung des stenographischen Kon-
zepts" spricht, sich lediglich auf Mitteilungen Husserls stützte. 2
Jedenfalls hat er im April 1928, ehe er den Text endgültig
abschloß, die "Vorbemerkung" im Manuskript Husserl zur
Billigung vorgelegt. Husserl seinerseits hat sich später auch
mehrfach auf den Inhalt der Veröffentlichung von 1928 als
auf "meine Vorlesungen über Phänomenologie des inneren Zeit-
bewußtseins, herausgegeben von M. Heidegger" bezogen,3 wie
er übrigens schon vor der Entstehung der "Ausarbeitung Stein"
in einer Fußnote des Ersten Buches der Ideen bemerkt hatte:
"Die <auf die Rätsel des Zeitbewußtseins> bezüglichen und
langehin vergeblichen Bemühungen des Vf. sind im Jahre 1905
im wesentlichen zum Abschluß gekommen und ihre Ergebnisse
in Göttinger Universitätsvorlesungen mitgeteilt worden".4

* *
*
Hier können wir nun versuchen, auf die eben zuvor gestellte
Frage der Übereinstimmung der "Ausarbeitung Stein" - und
damit der Veröffentlichung von 1928 - mit den Intentionen
Husserls zu antworten.
Zuerst ist zu sagen, daß im Hinblick auf die zuletzt ver-
zeichneten Tatsachen an der Autorisierung der "Ausarbeitung

1 Vgl. oben, S. XV.


2 Zur Zeit der Entstehung der "Ausarbeitung Stein" war Heidegger im Militär-
dienst (1915-1918) und hat damals von ihr keine Kenntnis gehabt.
8 Formale und transzendentale Logik, im Jahrbuch tar Philosophie und phänomeno-
logische Forschung, X (1929) und separat, S. 146, Anm. 1: "Vgl. hinsichtlich der
Analyse der Konstitution zeitlicher Daten meine Vorlesungen über Phänomenologie
des inneren Zeitbewußtseins, herausgegeben von M. Heidegger .. Dieses Jahrbuch,
Bd. IX". An zwei weiteren Stellen des zitierten Werkes spricht Husserl immerhin
statt von "Vorlesungen" von einer "Abhandlung"; so S. 237, Anm. 1: "Auch die
,immanente' Sphäre hat ihre konstitutiven Probleme. Vgl. z.B. die schon zitierte
Abhandlung in diesem Jahrbuch f. Philos. IX" und S. 253, Anm. 1: "Vgl. ... über
diese Probleme selbst die schon mehrfach zitierte Abhandlung im Jahrbuch IX".
• Bd. III vorliegender Ausgabe, herausgegeben von Walter Biemel, S. 198, Anm.
1 (S. 163 in den früheren Ausgaben).
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS XXVII

Stein" durch Husserl gar kein Zweifel bestehen kann: Husserl


hat ihre Veröffentlichung veranlaßt, als Unterlage für diese hat
er Heidegger nichts anderes übergeben als Edith Steins hand-
schriftliche Ausarbeitung, er hat sich späterhin mehrfach
öffentlich auf die Veröffentlichung von 1928 als eine solche
seiner Arbeiten berufen.
Zum anderen ist die "Ausarbeitung", wie aus Edith Steins
Briefen an Ingarden hervorgeht, ursprünglich aus ihrer
Initiative entstanden: hat sie vielleicht auch zu dieser Arbeit
lediglich "sich selbst autorisiert, ohne auf Widerspruch zu
stoßen" (s.o.). Und wenn wir soeben eine gewisse perspektivische
Verschiebung in Husserls Erinnerung zu verzeichnen hatten,
so müssen wir wohl fragen: Sollte er etwa niemals von Edith
Steins Ausarbeitung gründlich genug Kenntnis genommen
haben, um ihr jedenfalls doch nicht gänzlich unproblematisches
Verhältnis zu seinen eigenen Aufzeichnungen zu erkennen?
Wenn nicht, verbliebe der Autorisierung wenig mehr als ein
moralischer Wert. Wenn er aber ja Edith Steins Arbeit genau
verfolgt hat, dann wäre zu bemerken, daß jene perspektivische
Verschiebung nur dadurch möglich wurde, daß er in Edith Steins
Darstellung nicht die mindeste Entfernung von seinen eigenen
Intentionen empfand. So wird über die Frage der formalen
Autorisierung hinaus diese andere wichtig, welchen Anteil
Husserl tatsächlich in diesem Falle an Edith Steins Arbeit
genommen hat.
Für gewöhnlich beklagt sich Edith Stein bei Ingarden eher
über mangelndes Interesse Husserls für die Resultate ihrer
Bemühungen, seine Arbeiten der Veröffentlichung näher zu
bringen. Bezüglich ihrer Ausarbeitung der "Zeitnotizen" äußert
sie solche Klagen nicht, vielmehr schreibt sie einmal, wie oben
schon angeführt: "Ich bin auf drei Tage hier beim Meister, es
wird eifrig Zeit gearbeitet". Nichts nötigt zu der Annahme, daß
es bei diesen "drei Tagen" geblieben ist, vielmehr ist jedenfalls zu
vermuten, daß dieser Zusammenarbeit eine Beschäftigung
Husserls mit dem von Edith Stein hergestellten Manuskript
bereits vorangegangen war. Tatsächlich finden sich in Husserls
erhaltenen Originalmanuskripten, die der "Ausarbeitung Stein"
zugrunde lagen, mehrere deutliche Belege dafür, daß Husserl
XXVIII EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

die Ausarbeitung und seine eigenen Manuskripte eigens ver-


glichen hat.1 Wie eingehend? Diese Frage bleibt.

* *
*
Die Antwort auf die gestellte Frage kann schließlich nur die
vorliegende Neuausgabe selber geben, die dem skizzierten
Sachverhalt zu entsprechen sucht. An der Autorisierung der
Veröffentlichung von 1928 ist kein Zweifel möglich: ihr Text
wurde im Hinblick darauf in vorliegender Ausgabe, vorangestellt
(unter A), im wesentlichen unverändert wiederabgedruckt. 2
Lediglich aus dem Vergleich mit den Originalmanuskripten
unzweideutig als solche erkennbare Irrtümer wurden berichtigt,
bisweilen eindeutig überflüssige und eher mißleitende Eingriffe
in den Text der Manuskripte rückgängig gemacht. 3 Anmerkungen
des Herausgebers und ein ausführlicher Textkritischer Apparat
geben Aufschluß über des Verhältnis zwischen dem Erstdruck
von 1928 und den Manuskripten.
Andererseits aber wurden, an zweiter Stelle (unter B), als
"Ergänzende Texte zur Darstellung der Problementwicklung"
im vorliegenden Bande die Originaltexte der - zumeist steno-
graphischen - Manuskripte Husserls abgedruckt, vollständig
die des "Konvoluts ,Zeitbewußtsein' ", das einst schon "Fräulein
Stein vorlag", dazu weitere, aus dem Zeitraum von etwa 1893 bis
Ende 1911, von denen sie wahrscheinlich keine Kenntnis hatte. 4
Sie wurden nach Möglichkeit in die chronologische Ordnung der
Reihenfolge ihrer Niederschrift gebracht.5 Und das Studium
dieser Texte, so wie sie in den Manuskripten erhalten sind und
hier gedruckt vorliegen, läßt denn doch einer gewissen Entfernung

1 Siehe hierüber Genaueres unten, Zu, TextgestaUung, S. 392, Anm. 1.


8 Auch der Titel "Vorlesungen zur Phänomenologie des inneren Zeitbewußtsjeins"
(s.u., S. 1; vgl. auch oben, S. XXI, Anm. 5) blieb erhalten. Nur im Titel des ganzen
vorliegenden Bandes fiel das Wort "Vorlesungen" fort.
8 Ferner wurde der schon der Veröffentlichung von 1928 beigegebenen Liste von
"Berichtigungen" Rechnung getragen. Vgl. übrigens unten, Zur Textgestaltung,
S.385f.
4 Andererseits konnten auch einige der von Edith Stein im "Ersten Teil" ihrer
Ausarbeitung verwendeten Aufzeichnungen Husserls nicht in ihrer ursprünglichen
Form wiedergegeben werden, da die Manuskripte im Husserl-Archiv zu Löwen nicht
vorliegen. Es handelt sich hier wohl vornehmlich um Aufzeichnungen Husserls aus
dem Jahre 1917.
6 Vgl. unten, Zu, Textgestaltung, S. 443f.
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS XXIX

des in der Veröffentlichung von 1928 zugänglichen Ergebnisses


der "Ausarbeitung Stein"· von Husserls eigentümlichsten Ge-
dankenwegen und seiner eigensten Problematik gewahr werden.
Gewiß müssen, ja können wohl Gedankengänge, die eine der
Öffentlichkeit übergebene Abhandlung ihre Leser zu führen
sucht, nicht die gleichen sein wie die, die der Denker tatsächlich
gegangen ist, ehe er dahin gelangte, sich lehrhaft mitteilen zu
können. Gewiß, es war so gut wie selbstverständlich, daß Edith
Stein bemüht war, nach Möglichkeit zweifellos gewonnene
Ergebnisse der Forschungen Husserls zugänglich zu machen, diese
sorgfältig trennend von dem, was problematisch war und blieb.
Und gewiß konnte Edith Stein an eine Veröffentlichung von
Aufzeichnungen Husserls in der Form, wie sie im vorliegenden
Bande (unter B) manuskriptgetreu wiedergegeben sind, schlech-
terdings nicht denken. Und vermutlich fußte sogar Husserls -
mit zehnjähriger Verspätung gefaßter - Entschluß zur Ver-
öffentlichung der Ausarbeitung von 1917 auf der Einsicht in
diese notwendigen Konzessionen an die Forderungen einer -
schließlich doch von ihm selber verantworteten - Veröffent-
lichung als solcher. Indessen, in eins mit ihrer Problematik
haben Husserls Aufzeichnungen, wie sie sich von Edith Stein
zusammengestellt und redigiert finden, vielfach ihren ur-
sprünglichen Kontext und damit etwas von ihrem Sinnzu-
sammenhang eingebüßt. Einerseits kommt in der Veröffent-
lichung von 1928 das wahrhaft Problematische nicht eigens zur
Sprache, andererseits bleibt das, war zur Sprache kommt, infolge
einer Vernachlässigung dieser Problematik selber in gewisser
Hinsicht abstrakt, und endlich werden in dieser Abstraktion
unfaßliche Inkohärenzen möglich. 1

1 Während des ersten Stadiums der Vorbereitungen zur vorliegenden Ausgabe


arbeitete der Unterzeichnete in regelmäßigem Kontakt mit Henri Dussort, damals
Assistent an der Sorbonne, der seinerseits mit der französischen Übersetzung der
V01'lesungen zur Phänomenologie des inneren Zeitbewuptseins (nach dem Text der
Veröffentlichung von 1928) befaßt war. Im Verlauf seines genauen Studiums des
Textes war er auf Unstimmigkeiten und Zusammenhanglosigkeiten gestoßen, die
ihm der Unterzeichnete, auf sie hingewiesen, häufig an Hand des ursprünglichen
Wortlautes und Zusammenhanges der erhaltenen Manuskripte Husserls aufklären
konnte. Einmal vom Allgemeinsten des Verhältnisses zwischen der Veröffentlichung
von 1928 und den ihr zugrunde liegenden Aufzeichnungen Husserls unterrichtet,
hat Dussort, der textkritischen Arbeit vorgreifend, einen Versuch zur Rekonstruktion
der ursprünglichen Textzusammenhänge und ihrer Chronologie gemacht, dessen
Vermutungen sich später fast durchweg als zutreffend erwiesen haben. Unter dem
xxx EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

Es bleibt uns, dies an einem Beispiel zu verdeutlichen; wobei


übrigens der maßgebende Hinblick nicht der einer Kritik an der
"Ausarbeitung Stein", sondern der auf die Sache sein muß,
bezüglich dieser aber das Wort Husserl selbst zu geben ist,
aus dessen Manuskripten und Werken wir - mit größter
Zurückhaltung aller Interpretation - ausführlich zitieren werden.
Wir wählen ein weittragendes Beispiel.

* *
*
Im § 81 des Ersten Buches von Husserls Ideen zu einer reinen
Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie ist zu lesen:
"Zeit ist ... , wie aus den später nachfolgenden Untersuchungen
hervorgehen wird, ein Titel für eine völlig ab g e s chI 0 s sen e
Pro b lern s p h ä r e, und eine solche von ausnehmender Schwie-
rigkeit. Es wird sich zeigen, daß unsere bisherige Darstellung
gewissermaßen eine ganze Dimension verschwiegen hat und
notwendig verschweigen mußte, um unverwirrt zu erhalten,
was zunächst allein in phänomenologischer Einstellung sichtig
ist, und was unangesehen 9-er neuen Dimension ein geschlossenes
Untersuchungsfeld ausmacht. Das transzendentale ,Absolute',
das wir uns durch die Reduktionen herauspräpariert haben, ist
in Wahrheit nicht das Letzte, es ist etwas, das sich selbst in
einem gewissen tiefliegenden und völlig eigenartigen Sinn
konstituiert und seine Urquelle in einem letzten und wahrhaft
Absoluten hat".! Keine der in den Ideen vorgenommenen
"Ausschaltungen" kann so sehr befremden wie diese: Die

Eindruck dieser seiner Erfahrungen und Entdeckungen bildete Dussort sich ein
äußerst ungünstiges Urteil über den Wert der Veröffentlichung von 1928 und zog
recht weitgehende Konsequenzen bezüglich des Beitrages Edith Steins zu deren
Gestalt. Aus diesem seinem Urteil und diesen seinen Folgerungen hat er Dritten
gegenüber kein Hehl gemacht, wiewohl er sich mit dem Unterzeichneten völlig einig
war, daß jede öffentliche Äußerung vor Abschluß der Vorarbeiten zu vorliegender
Edition unterbleiben mußte. Nach dem vorzeitigen Tode Dussorts hat dann sein
Lehrer Professor P.-M. Schuh I in einem Nachruf u.a. auch auf mündliche Mitteilungen
Bezug genommen, die ihm Dussort im oben angedeuteten Sinne gemacht hatte.
Dies wiederum hat Professor Roman Ingarden zum Anlaß der in vorliegender Ein-
leitung mehrfach zitierten Veröffentlichung (s.o., S. XIX, Anm. 2) genommen,
um Edith Stein gegen ungerechtfertigte Anwürfe in Schutz zu nehmen. In der Tat
besteht zu kränkenden Anwürfen gegen Edith Stein kein Anlaß, und sicher lagen sie
Dussort gänzlich fern. Da~ Problematische des Verhältnisses ihrer Arbeit zu Husserls
Intentionen aber bleibt unverkennbar.
1 Bd. III vorliegender Ausgabe, S. 197 f. (S. 162 f. der früheren Ausgaben).
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS XXXI

"Phänomenologische Fundamentalbetrachtung" 1, gesteht Hus-


serl ein, hat "eine ganze Dimension verschwiegen". Und welche?
Sie suchte ein "absolutes Sein" zu begründen - das des "Be-
wußtseins" 2 - , aber sie vermied die "Dimension" des "letzten
und wahrhaft Absoluten". Sie begründete ausdrücklich und
ausführlich mannigfaltige "Reduktionen", doch die fundamental-
ste Dimension ließ sie stillschweigend zur Seite liegen. Und wel-
chen Grund gibt Husserl dafür an? Daß die Betrachtung die
Dimension jener "Urquelle" "verschwiegen hat und notwendig
verschweigen mußte, um unverwirrt zu erhalten, was zunächst
allein in phänomenologischer Einstellung sichtig ist". Von einem
Rückgang in die Dimension des "letzten und wahrhaft Ab-
soluten" wäre somit nicht letzte und wahrhaft absolute Klarheit
zu erhoffen, sondern unvermeidliche Verwirrung zu befürchten?
Dabei ist die Verwirrung keineswegs etwa daher zu befürchten,
daß dem Verfasser der Rückgang in jene Fundamentaldimension
und die Orientierung in ihr noch nicht geglückt wären; 3 an der
angegebenen Stelle vermerkt Husserl vielmehr gleich darauf
in einer Fußnote mit Bezug auf die "Rätsel des Zeitbewußtseins" :
"Die darauf bezüglichen und langehin vergeblichen Bemühun-
gen des Vf. sind im Jahre 1905 im wesentlichen zum Abschluß
gekommen und ihre Ergebnisse in Göttinger Universitäts-
vorlesungen mitgeteilt worden". 4 Das eben Dargestellte und
die im vorliegenden Bande mitgeteilten Texte belegen freilich,
daß es sich bei der Angabe des Datums" 1905" um das Ergebnis
einer perspektivischen Verschiebung in Husserls Erinnerung
handelt. Im wahrhaft "Wesentlichen zum Abschluß gekommen"
sind "die darauf bezüglichen und langehin vergeblichen Bemüh-
ungen des Vf." erst gegen 1909. Aber eben zu diesem Zeitpunkt
scheint sich auch bereits Husserls Entschluß anzukündigen,

1 So lautet bekanntlich die Überschrift des Zweiten Abschnitts des Ersten Buches
der Ideen, auf den sich der Hinweis in § 81 insbesondere beziehen muß.
2 Siehe § 49 des Ersten Buches der Ideen.
3 Im Gegensatz zu der in den oben wiedergegebenen einleitenden Sätzen zur Vor-
lesung des Wintersemesters 1904/05 von Husserl beschriebenen Situation zur Zeit
der Logischen Untersuchungen: "Die außerordentlichen Schwierigkeiten, die hier
<in den Problemen einer Phänomenologie der orginären Zeitanschauung> liegen,
vielleicht die größten in der ganzen Phänomenologie, vermochte ich nicht zu be-
wältigen, und da ich mich nicht im voraus binden wollte, schwieg ich mich lieber
ganz aus"; s.o., S. XVI.
4 S. 198 (früher S. 163), Anm. 1.
XXXII EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

in einer "Allgemeinen Einführung in die reine Phänomenologie"!


das hier - bei der Erforschung der "Rätsel des Zeitbewußt-
seins" - Entdeckte zunächst einmal mit Stillschweigen zu
übergehen. In der als "Einführung in die Phänomenologie der
Erkenntnis" angekündigten Vorlesung des Sommersemesters
1909, in der die Gedankengänge der Ideen zuerst in etwa die
in diesem Buch gewählte Gestalt der Darstellung annahmen,
sagt Husserl bereits hinsichtlich der Möglichkeit "objektiv
gültiger Aussagen" über die Gegebenheiten des Zeitbewußtseins :
"Sicher ist, daß sie nicht zu Beginn einer Phänomenologie ge-
macht werden können".2 Warum nicht? Es ist offenbar nicht
die Dunkelheit dieser "Dimension", es ist vielmehr die gewon-
nene Einsicht in sie, welche jene Verwirrungen befürchten lassen
muß. Welche Verwirrungen? Was droht sich zu verwirren?
Der oben zitierte § 81 der Ideen, betitelt "Die phänomenolo-
gische Zeit und das Zeitbewußtsein" , findet sich in dem Kapitel
des Buches, das auf "die allergrößten Probleme" der Phäno-
menologie hinführt, die "f unk t ion e 11 e n Pro b lern e, bzw.
die der ,K 0 n s t i tut ion der Be w u ß t sei n s g e g e n-
s t ä n d li c h k e i t e n' ". 3 .Der dem Schlußparagraphen (§ 86)
des Kapitels, der auf diese Probleme eigens zu sprechen kommt,
vorangehende § 85 führt die Unterscheidung von "sensueller ö).:Yj"
und "intentionaler ILOPqllj" ein. 4 Und dieser Paragraph beginnt
mit einem Hinweis, der vermutlich auch ein solcher auf die
Motive des Verschweigens der Rätsel des Zeitbewußtseins wie
dann auch des Eingeständnisses dieses Verschweigens in den
vorangehenden Paragraphen, ein Hinweis auf die befürchtete
Verwirrung ist: "Auf der Betrachtungsstufe, an die wir bis auf
weiteres gebunden sind, die es unterläßt, in die dunklen Tiefen
des letzten, alle Erlebniszeitlichkeit konstituierenden Bewußt-
seins hinabzusteigen, vielmehr die Erlebnisse hinnimmt, wie
sie sich als einheitliche zeitliche Vorgänge in der immanenten
Reflexion darbieten, müssen wir ... prinzipiell unterscheiden:
,,1. all die Erlebnisse, welche in den Logischen Untersuchungen
als ,primäre Inhalte' bezeichnet waren;
1 Titel des Ersten Buches der Ideen.
I F I 17/42a. Bezüglich der Vorlesung zur Einführung in die Phänomenologie der
Erkenntnis des Sommersemesters 1909 vgl. unten, S. 335, Anm. 2.
• S. 212 (früher S. 176).
4 S. 207 (früher S. 171).
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS XXXIII

,,2. die Erlebnisse, bzw. die Erlebnismomente, die das Spezi-


fische der Intentionalität in sich tragen ... " 1
Kurz darauf betont Husserl nochmals: "Jedenfalls spielt im
ganzen phänomenologischen Gebiet (im ganzen - innerhalb der
beständig festzuhaltenden Stufe konstituierter Zeitlichkeit) diese
merkwürdige Doppelheit und Einheit von sen s u e 11 e r GÄ1J
und i n t e n t ion ale r !LOpq>~ eine beherrschende Rolle". 2
Die verschwiegene Dimension des "letzten, alle Erlebnis-
zeitlichkeit konstituierenden Bewußtseins" ist mithin offenbar
diejenige, in der jene "merkwürdige Doppelheit" von Sensuellem
und Intentionalem, von GÄ1J und !LOpq>~, von Hyletischem und
Noetischem oder, wie es in den Logischen Untersuchungen hieß,
von "primären Inhalten" bzw. "Inhaltscharakteren" und "Ak-
ten" bzw. "Aktcharakteren", auch "Auffassungen" bzw.
"Auffassungscharaktere" genannt, k ein e "beherrschende
Rolle", am Ende überhaupt keine vergleichbare Rolle mehr
spielt. Auf der "Stufe konstituierter Zeitlichkeit" hingegen
scheint diese Unterscheidung unentbehrlich und wesentlich.
Sollte also nicht nur beiläufig die verschwiegene Dimension der
Zeitkonstitution eine solche sein, in der eine solche Unter-
scheidung hinfällig wird, sondern vielmehr in der Verwirrung,
ja Auflösung dieser Unterscheidung in jener Dimension der
Grund zu suchen sein, aus dem Husserl, um die Verwirrung
zu vermeiden, die "ganze Dimension verschwiegen hat"?
Diese Vermutung bestätigt sich in aller Form aufgrund der
folgenden Äußerung Husserls im Schlußparagraphen (§ 107, c)
der Formalen und transzendentalen Logik von 1929: "Der all-
herrschende Daten-Sensualismus in Psychologie wie Erkennt-
nistheorie, in dem auch die meist befangen sind, die in Worten
gegen ihn bzw. das, was sie sich unter diesem Worte denken,
polemisieren, besteht darin, daß er das Bewußtseinsleben aus
Daten aufbaut als sozusagen fertigen Gegenständen. Es ist
dabei wirklich ganz gleichgültig, ob man diese Daten als
getrennte ,psychische Atome' denkt, nach unverständlichen
Tatsachengesetzen in Art der mechanischen zu mehr oder minder
zusammenhaltenden Haufen zusammengeweht, oder ob man von
Ganzheiten spricht und von Gestaltqualitäten, die Ganzheiten
1 S. 208 (früher S. 171 f.).
2 S. 208 f. (früher S. 172).
XXXIV EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

als den in ihnen unterscheidbaren Elementen vorangehend


ansieht, und 0 b man innerhalb dieser Sphäre im voraus schon
seiender Gegenstände zwischen sinnlichen Daten
und in ten tionalen Erle bnissen als andersartigen
D at e nun t er s ehe i d e t.
"N ich t als ob die letztere Unterscheidung V ö 11 i g zu
verwerfen wäre. Man kann sich als ego auf die immanenten
Gegenstände als Gegenstände der immanenten Erfahrung, das
ist als solche der immanenten Zeit einstellen, und das ist offenbar
das Erste für den phänomenologischen Anfänger. I n die sem
Si n n e habe ich bewußt und ausdrücklich in meinen Ideen die
Probleme des immanenten Zeitbewußtseins oder, was dasselbe,
der Konstitution dieser Gegenstände der egologischen Zeitlich-
keit aus g e s c haI t e t 1 und eine zusammenhängende große
Problematik für mögliche Deskriptionen in dieser Sphäre vor-
zuzeichnen und zum Teil auch durchzuführen versucht. In
dieser Sphäre tritt dann notwendig als radikaler Unterschied
der zwischen h y let i s ehe n Da t e n und in t e n t ion ale n
Funktionen auf".2
Damit also ist die soebe~ zuvor geäußerte Vermutung über
den Grund der "Ausschaltung" der Dimension der Zeitkonsti-
tution in den Ideen ausdrücklich bestätigt. Husserl scheut nicht
einmal davor zurück, zumindest den Schein einer Verhaftung
sogar der Ideen an den "allherrschenden Daten-Sensualismus"
zuzugeben und zu kritisieren. Die Unterscheidung zwischen
sinnlichen Daten und intentionalen Erlebnissen, auf welcher die
in den Ideen entwickelte "große Problematik" fußt, ist lediglich
"nicht völlig zu verwerfen". Und heißt sie im letzten der zitierten
Sätze doch noch einmal ein "radikaler Unterschied", so will
dieser Satz gleichwohl weniger die Notwendigkeit des Festhaltens
an der "Radikalität" dieser Unterscheidung betonen, als viel-
mehr erläutern, in welchem sehr relativen Sinne der Unterschied
für eine bestimmte - nicht "fundamentale" - Sphäre als ein
scheinbar "radikaler" hingenommen werden kann. Wiederum

1 Eine Fußnote an dieser Stelle (S. 253, Anm. I) sagt: "Vgl. a.a.O. <nämlich Ideen,
Erstes Buch>, S. 163 <d.i. S. 198 in Bd. III vorliegender Ausgabe>, über diese Pro-
bleme selbst die schon mehrfach zitierte Abhandlung im Jahrbuch IX."
2 Formale und transzendentale Logik, a.a.O., S. 252 f. Hervorhebungen, mit der
Ausnahme nur derjenigen der Worte "hyletischen Daten" und "intentionalen Funk-
tionen" im letzten Satz, vom Unterzeichneten.
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS xxxv

verweist Husserl - in der angeführten Fußnote zu dem wieder-


gegebenen Text der Formalen und transzendentalen Logik - auf
"die schon mehrfach zitierte Abhandlung im Jahrbuch IX".
In der Tat findet sich nun schon auf einer der allerersten
Seiten von Edmund Husserls Vorlesungen zur Phänomenologie
des inneren Zeitbewußtseins, wie sie 1928 veröffentlicht wurden,
die lapidare Anmerkung: ",Empfunden' wäre dann also Anzeige
eines Relationsbegriffes, der in sich nichts darüber besagen
würde, ob das Empfundene sensuell, ja ob es überhaupt im-
manent ist im Sinne von Sensuellem, m.a.W. es bliebe offen, ob
das Empfundene selbst schon konstituiert ist, und vielleicht
ganz anders als das Sensuelle. - Aber dieser ganze
Unterschied bleibt am besten beiseite; nicht jede
Konstitu tion hat das Schema A uffsassungsin-
halt - Au ff ass u n g".l Im Kontext der 1928 veröffentlichten
Texte nimmt sich diese Anmerkung wie eine sehr beiläufige aus,
die vielleicht eher selber "am besten beiseite bliebe", wie wir
leicht werden belegen können. Die Aussagen Husserls aber, auf
die wir uns soeben zuvor bezogen, zwingen, zu begreifen, daß
es sich bei dieser Entwurzelung des scheinbar "radikalen Unter-
schieds zwischen hyletischen Daten und intentionalen Funktio-
nen" um einen grundstürzenden Vorgang handelt, geeignet, den
Ansatz der gesamten Konstitutionsproblematik, dieser "aller-
größten Probleme" der Phänomenologie, wie er sich noch in den
Ideen darstellt, nicht "unverwirrt zu erhalten", ja am Ende
gar grundsätzlich fragwürdig erscheinen zu lassen - wenn
anders es sich bei den Phänomenen des ursprünglichen Zeit-
bewußtseins keineswegs um irgendwelche Randphänomene,
sondern um das letztlich absolut Gegebene handelt, bei dem
"Schema Auffassungsinhalt - Auffassung" aber nicht um eine
unter anderen Distinktionen mehr, sondern in der Tat um den
Grundunterschied, in dem Husserls Konstitutionsproblematik
ursprünglich Wurzel schlug. 2
1 S.u., S. 7, Anm. 1; Hervorhebung vom Unterzeichneten. - Die zitierte Anmer-
kung zu der eine Manuskriptunterlage nicht aufgefunden werden konnte, stammt ohne
jeden Zweifel von Husserl; möglicherweise war sie sogar von diesem als "redaktionel-
ler" Hinweis für die "Ausarbeitung" gedacht und gar nicht zur Aufnahme in diese
selber bestimmt. - Vielleicht muß hier betont werden, daß wir keineswegs behaupten,
sämtliche Veränderungen im Text der Veröffentlichung von 1928 gegenüber dem der
Manuskripte Husserls müßten auf Edith Stein zurückgehen.
a Die ganze Tragweite des Vorganges, der sich in der angeführten Anmerkung
XXXVI EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

Wir kommen hier nicht umhin, zum Beleg ausführlich die


Logischen Untersuchungen zu zitieren. Aufs einleuchtendste
legt der § 14 der V. Untersuchung - "Über intentionale Er-
lebnisse und ihre ,Inhalte'" - den phänomenalen Sinn jenes
"radikalen Unterschieds" dar: es ist im Grunde der Unterschied
"zwischen dem Dasein des Inhalts im Sinne der bewußten, aber
selbst nicht zum Wahrnehmungsobjekt werdenden Emp-
findung und des Inhalts im Sinne eben des Wahrneh-
m u n g so b j e k t s ... Verschiedene Leute können dasselbe emp-
finden, und doch ganz Verschiedenes wahrnehmen. Wir selbst
,d e u t e n' gleiche Empfindungsinhalte einmal so und das andere
Mal anders ... Die Deutung selbst läßt sich aber nie und nimmer
auf einen Zufluß neuer Empfindungen reduzieren, sie ist ein
Aktcharakter, eine ,Weise des Bewußtseins', des ,Zumuteseins':
wir nennen sie Wahrnehmung des betreffenden Gegenstandes ...
Nichts kann ich evidenter finden, als den hierbei hervortretenden
Unterschied zwischen Inhalten und Akten, spezieller zwischen
Wahrnehmungsinhalten im Sinne von präsentierenden Emp-
findungen und Wahrnehmungsakten im Sinne der auffassenden
Intention". 1
Husserl erläutert sodann: "Günstige Beispiele zur weiteren
Verdeutlichung dieser Unterscheidung und zugleich zur wechsel-
seitigen Abhebung verschiedener Aktcharaktere liefert die
Vergleichung der Wahrnehmung mit der Phantasievorstellung,
und beider wieder mit der Vorstellung durch physische Bilder
(Gemälde, Statuten u.dgl.). Die allergünstigsten Beispiele liefern
aber die Ausdrücke. Denken wir uns z.B., es hätten gewisse
Figuren oder Arabesken zunächst rein ästhetisch auf uns ge-

Husserls ankündigt, hat wohl als erster Maurice Merleau-Ponty ermessen: "Husserl
... a longtemps defini la conscience ou l'imposition d'un sens par le schema Auf-
fassung-Inhalt et comme une beseelende Auffassung. 11 fait un pas decisif en recon-
naissant, des les Conferences sur le temps, que cette operation en presuppose une autre
plus profonde par laquelle le contenu est lui-meme prepare a cette saisie. ,Toute
constitution ne se fait pas selon le schema Auffassungsinhalt-Auffassung,' Vor-
lesungen zur Phänomenologie des inneren Zeitbewußtseins, p. 5, note 1," - PMnomeno-
logie de la perception, Paris 1945, S. 178, Anm. 1. - Auf Anregung des Unterzeichneten
hat neuerdings Robert Sokolowski, The Formation of Husserl's Concept of Constitution,
Den Haag 1964 (Phaenomenologica 18), den Ansatz und die Auflösung des "Schemas
Auffassungsinhalt-Auffassung" zum leitenden Gesichtspunkt einer Darstellung der
Konstitutionsproblematik bei Husserl gemacht. Vgl. auch Rudolf Boehm, "Deux
points de vue: Husserl et Nietzsche", Archivio di Filoso/ia, 1962, Nr. 3, S. 167-181.
1 Logische Untersuchungen, 11, 1. Auflage 1901, S. 360-362.
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS XXXVII

wirkt, und nun leuchte plötzlich das Verständnis auf, daß es


sich um Symbole oder Wortzeichen handeln dürfte. Worin liegt
da der Unterschied? Oder nehmen wir den Fall, daß jemand ein
ihm ganz fremdes Wort als bloßen Lautkomplex achtsam hört,
ohne auch nur zu ahnen, daß es ein Wort sei; und vergleichen
wir damit den Fall, daß er späterhin das Wort, mit seiner Be-
deutung vertraut geworden, inmitten eines Gesprächs mit
Verständnis, aber ganz ohne begleitende Veranschaulichung
höre. Worin liegt allgemein der Überschuß des verstandenen,
aber bloß symbolisch fungierenden Ausdrucks gegenüber dem
gedankenlosen Wortlau t? Was macht den Unterschied, ob
wir ein Konkretum A einfach anschauen, oder ob wir es als
,Repräsentanten' für ein beliebiges A' auffassen? In diesen und
unzähligen ähnlichen Fällen liegt die Modifikation in den Akt-
charakteren. Alle logischen Unterschiede und zumal alle kate-
goriale Form liegt in den logischen Akten im Sinne von Inten-
tionen".l
Die Aktcharaktere heißen solche der "Deutung", "Auf-
fassung" oder auch der "Apperzeption": "Apperzeption ist
uns der Überschuß, der im Erlebnis selbst, in seinem deskriptiven
Charakter, gegenüber dem rohen Dasein der Empfindung be-
steht, es ist der Aktcharakter, der die Empfindung gleichsam
beseelt und es macht, daß wir dieses oder jenes Gegenständ-
li ehe wahrnehmen, z.B. diesen Baum sehen, jenes Klingeln
hören, den Blütenduft riechen usw ....
"Ich nehme es in Hinblick auf die betrachteten Beispiele
auch als Evidenz in Anspruch, daß es in der Tat wesentlich
verschiedene ,Weisen des Bewußtseins', nämlich der
intentionalen Beziehung auf Gegenständliches gibt; der Charakter
der In t e n t ion ist ein spezifisch verschiedener im Falle der
Wahrnehmung, der Phantasievorstellung, der Bildvorstellung
im gewöhnlichen Sinne der Auffassung von Statuen, Gemälden
usw., und wieder im Falle der Vorstellung im Sinne der reinen
Logik. Jeder logisch unterschiedenen Weise, einen Gegenstand
gedanklich vorzustellen, entspricht eine Verschiedenheit der
Intention". 2

1A.a.O., S. 362 f.
2A.a.O., S. 363 f. - Die angeführten Texte geben übrigens einen deutlichen
Hinweis darauf, wo also die "günstigsten Beispiele" zum Beleg für die Grund-
XXXVIII EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

Es ist nun zunächst bemerkenswert, daß diese in den Logischen


Untersuchungen "in Anspruch genommene" "Evidenz" auch
noch den grundsätzlichen Ansatz der Probleme des Zeitbewußt-
seins in Husserls Vorlesungen des Februar 1905 vollauf bestimmt.
Kr i t i s c h bemerkte er da: "B ren t an 0 scheidet nicht zwi-
schen Akt und Inhalt bzw. zwischen Akt, Auffassungsinhalt und
aufgefaßtem Gegenstand. Wir müssen uns aber klar werden, auf
wessen Rechnung das Zeitmoment zu setzen ist ... : was ist
das für ein Moment? Gehört es zum Aktcharakter als eine we-
sentlich ihm eigene Differenz oder zu den Auffassungsinhalten,
etwa den sinnlichen Inhalten, wenn wir Z.B. Farben, Töne in
ihrem zeitlichen Sein betrachten? Nach B ren t an 0 s Lehre,
daß das Vorstellen als solches keine Differenzierungen zulasse,
daß es zwischen den Vorstellungen als solchen, abgesehen von
den primären Inhalten, keine Unterschiede gebe, bliebe nur
übrig, daß sich den primären Inhalten der Wahrnehmung
kontinuierlich Phantasmen und wieder Phantasmen anschließen,
qualitativ gleichen, nur etwa nach Intensität und Fülle ab-
nehmenden Inhalts ... Diese Ausführungen sind ... unbefrie-
digend ... "1 "Wenn nun ~ren tano auch nicht in den Irrtum
verfallen ist, in der Weise des Sensualismus alle Erlebnisse auf
bloße primäre Inhalte zu reduzieren, wenn er sogar als der Erste
die radikale Scheidung in primäre Inhalte und Aktcharaktere
erkannt hat, so zeigt seine Zeittheorie, daß er doch gerade auf
die für sie entscheidenden Aktcharaktere nicht Rücksicht
genommen hat". 2 Und die hier angeführten Texte, die eindeutig
auf dem Vorlesungsmanuskript des Februar 1905 fußen, stehen
in dieser Form in der ihrerseits auf Edith Steins Ausarbeitung
des Jahres 1917 zurückgehenden Veröffentlichung von 1928 -
wenige Seiten nach derjenigen, auf der sich die schon oben zi-
tierte Anmerkung findet, die mit dem Satze endet: "Nicht jede
Konstitution hat das Schema Auffassungsinhalt - Auffassung". 3

unterscheidung zu suchen und zu finden sind, die Husserls "klassischem" Ansatz


der phänomenologischen Konstitutionsproblematik zugrunde liegt. - Besondere
Beachtung verdient offenbar der Umstand, daß also Aktcharaktere, Auffassungen,
Noesen, Intentionen sich Husserl ursprünglich als "Deutungen" (auch, wie man
sehen wird, als "Interpretationen") darstellen.
1 S.u., S. 17.
a S.U., S. 19.
8 Schon dieses Beispiel allein - zu dem weitere Belege wie der weiter unten S. XLI
von S. 32 zitierte Text beizuziehen wären - kann hinreichen, um das oben (S. XXVIIIf.)
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS XXXIX

Husserl schreibt hier also Brentano anerkennend die Ent-


deckung der "radikalen Scheidung in primäre Inhalte und
Aktcharaktere" zu, wirft ihm wohl zum ersten nur die mangelnde
Anwendung dieser Scheidung auf die Analyse des Zeit bewußt-
seins, zum zweiten aber vor, das "Zeitrnoment" "auf Rechnung"
bloß der "primären Inhalte" zu setzen. Überhaupt freilich war
es Brentanos "Lehre, daß das Vorstellen als solches keine Dif-
ferenzierungen zulasse", indessen Husserl schon in den Logischen
Untersuchungen es "als Evidenz in Anspruch <nahm>, daß es
in der Tat wesentlich verschiedene ,Weisen des Bewußt-
sei n s " nämlich der intentionalen Beziehung auf Gegenständ-
liches gibt".
Einige Jahre später aber notiert Husserl auf einem einzelnen
Blatt, das wir mit großer Sicherheit auf frühestens 1907 und
spätestens 1908 datieren können, unter der Überschrift: "Ur-
sprüngliche zeitliche Zurückschiebung" - mit der Randbe-
merkung: "Thema: ,Repräsentation', Bewußtseins-seiende sinn-
liche Inhalte ,präsentieren, repräsentieren' etc., kurz, sie sind
,einmal da, und wenn, je nachdem so oder so aufgefaßt''' - :
"Nehmen wir an, Rot erscheint. Und nun ist es eben-gewesen.
Noch anschaulich. Kann da ein aktuell gegenwärtiges Rot sich
forterhalten und als ,Repräsentant' fungieren? Kann man mit
der Repräsentationstheorie auskommen? Wäre no c h ein Rot
da, wirklich erlebt, im selben Sinn wie das frühere Rot, so würde
ja das Rot einfach dauern, höchstens abklingen, an Fülle, In-
tensität abnehmen u.dgl. Und ebenso, wenn wir eine beliebige
Phase in der ursprünglichen zeitlichen Zurückschiebung nehmen

berührte Verhältnis der "Ausarbeitung Stein" zu den in Husserls Manuskripten


verfolgbaren Gedankengängen zu verdeutlichen. Edith Stein hat den Versuch unter·
nommen, in dem "Ersten Teil" ihrer Ausarbeitung, wie sie 1928 veröffentlicht wurde,
die Darlegungen der "Zeitvorlesungen" des Februar 1905 in einer auf die Ebene der
um 1909-1911 von Husserl erreichten Ergebnisse angehobenen Form wiederzugeben.
Zu diesem Zweck hat sie, wie Husserl selbst schon begonnen hatte, wichtige Teile
des ursprünglichen Vorlesungs manuskripts durch spätere Aufzeichnungen - bis
hin zum Jahre 1917 - ersetzt und die beibehaltenen Teile des Vorlesungskonzepts -
vor allem in der Terminologie - korrigiert, endlich das Ganze in einem umgeordneten
Zusammenhange vorgelegt. Gleichwohl sind grundsätzlich auf Husserls Standpunkt
von 1905 fußende Analysen, solche, die aus aporetischen Aufzeichnungen stammen,
welche bereits eine Erschütterung dieses Standpuktes verraten, aber grundsätzlich
noch immer an ihm festhalten, und endlich solche, die im Augenblick der endlich
erlangten - und zu mehr oder minder entschiedener Formulierung gelangten -
Klarheit entstanden, in Edith Steins Ausarbeitung unausgeglichen, ja bisweilen
zusammenhanglos nebeneinander stehen geblieben.
XL EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

und fragen, wie da die ,abklingenden Inhalte' Repräsentanten


sein können, wenn wir das Abklingen als eine ,Inhaltsänderung'
annehmen.
"Die Schwierigkeit wird besprochen auf ältesten Blättern.
Jedenfalls liegen hier Einwände gegen meine ursprüngliche An-
sicht, meine Repräsentationstheorie, die mit erlebten ,Inhalten'
(z.B. sinnlichen Inhalten) operierte und sie je nachdem als so
oder so aufgefaßt ansah. Alles bloß Unterschiede der Auffassung,
die sich an den übrigens erlebten und im Bewußtsein seienden
Inhalt nur anschließe, ihn ,beseelend'. Aber eine solche Inter-
pretation dürfte ganz unhaltbar sein, und es ist die besondere
Aufgabe, hier völlig Klarheit zu schaffen".1
Es ist kein Zweifel: Was Husserl hier als "seine ursprüngliche
Ansicht, seine Repräsentationstheorie" charakterisiert und
nunmehr als "ganz unhaltbar" ablehnt, ist tatsächlich die oben
belegte in den Logischen Untersuchungen und auch im ur-
sprünglichen Konzept der Zeitvorlesungen von 1905 herrschende
"Ansicht" oder "Theorie", die Husserl selber dort Natorp, hier
Brentano und übrigens selbstverständlich vor allem dem Sen-
sualismus entgegensetzte. ~esent1ich ist, daß schon der erste
Absatz der kurzen Aufzeichnung sich in gleicher Weise gegen
die These "alles bloß Unterschiede der Auffassung" wie gegen
die These "alles bloß Unterschiede der Inhalte" wendet - und
daß mithin die Preisgabe des "Schemas Auffassungsinhalt -
Auffassung" überhaupt sich ankündigt. Wir sahen ja oben, daß
Husserl zur Zeit der Formalen und transzendentalen Logik
entschieden dazu neigt, nicht nur die "Reduktion aller Erleb-
nisse auf bloße primäre Inhalte", sondern auch noch die "Unter-
scheidung zwischen sinnlichen Daten und intentionalen Erleb-
nissen als andersartigen Daten" als charakteristisch für den
"allherrschenden Daten-Sensualismus" zu betrachten.
Die wiedergegebene Aufzeichnung ist auch durchaus nicht

1 S.u., Ergänzende Texte lur Darstellung der Problementwicklung (B), Nr. 48, S. 318 f.
Das Blatt, auf dem sich die wiedergebene Aufzeichnung findet, liegt in dem zweiten
Umschlag des Konvoluts F I 6 voran, der nur Autzeichnungen enthält, die zwar
Edith Stein auch vorlagen, von denen sie aber in der Ausarbeitung keinerlei Ver-
wendung gemacht hat; vgl. unten, Zur Textgestaltung, S. 386, Anm. 2. - Bezüglich
der "ältesten Blätter", auf denen "die Schwierigkeit besprochen" wird, vgl. z.B.
die Aufzeichnung Nr. 46, S. 310 f., und den in ihr enthaltenen Rückverweis auf die
Aufzeichnung Nr. 15 (genau datiert auf den 20. XII. 1901), S. 173 f.
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS XLI

etwa nur Ausdruck eines gelegentlichen und vorübergehenden


Zweifels und Schwankens der Meinung. Sie nimmt vielmehr
in der Folge der Forschungen Husserls zum Zeitproblem in jenen
Jahren - bzw. in der Reihe der Aufzeichnungen, in denen der
Fortgang dieser Forschungen festgehalten ist - eine klare
Schlüsselstellung ein. Erwähnen wir z.B. nur eine in unmittel-
barer Nachbarschaft dieser Aufzeichnung stehende andere,l
die zum größten Teil wiederum auch in Edith Steins Ausarbei-
tung Aufnahme gefunden hat; 2 hier heißt es, nach dem Wortlaut
der Veröffentlichung von 1928: "Das retentionale Bewußtsein
enthält reell Vergangenheitsbewußtsein vom Ton, primäre
Ton-Erinnerung, und ist nicht zu zerlegen in empfundenen Ton
und Auffassung als Erinnerung. So wie ein Phantasie-Ton kein
Ton, sondern Phantasie vom Ton ist, oder wie Ton-Phantasie
und Ton-Empfindung etwas prinzipiell Verschiedenes sind, und
nicht etwa dasselbe, nur verschieden interpretiert, aufgefaßt:
ebenso ist primär anschaulich erinnerter Ton prinzipiell
etwas anderes als wahrgenommener, bzw. primäre Erinnerung
(Retention) von Ton etwas anderes als Empfindung vom Ton".3
Aber hier bedarf es nun keiner weiteren Zitate, hier können
und müssen nunmehr die im vorliegenden Bande erstmals zu-
gänglich gemachten Aufzeichnungen Husserls für sich selber
sprechen - und aus ihren Zusammenhange her auch die bereits
1928 veröffentlichten Texte in einem neuen Sinne sich mit-
teilen.
Abschließend sei nurmehr auf eine Einsicht Husserls hinge-
wiesen, die aus der Auflösung des "Schemas Auffassungsinhalt -
Auffassung" f 0 I g t und in diesem Sinne begriffen werden will:
"Betrachten wir ... die k 0 n s ti t u i e ren den Phänomene
<des inneren Zeitbewußtseins>, so finden wir einen Fluß, und
jede Phase dieses Flusses ist eine A bscha ttungskon tin ui-
t ä t. Aber prinzipiell ist keine Phase dieses Flusses auszubreiten
in eine kontinuierliche Folge, also der Fluß so umgewandelt zu
denken, daß diese Phase sich ausdehnte in Identität mit sich
selbst. Ganz im Gegenteil finden wir prinzipiell einen Fluß

1 Nr. 47, von Husserl schätzungsweise datiert auf 1909, in Wirklichkeit schwerlich
später als im Herbst 1908 niedergeschrieben; S. 311-318.
• §§ 12-13, S. 31-34.
a S.u., S. 32; vgl. S. 312.
XLII EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

stetiger ,Veränderung', und diese Veränderung hat das Absurde,


daß sie genau so läuft, wie sie läuft, und weder ,schneller' noch
,langsamer' laufen kann. Sodann fehlt hier jedes Objekt, das
sich verändert; und sofern in jedem Vorgang ,etwas' vorgeht,
handelt es sich hier um keinen Vorgang. Es ist nichts da, das
sich verändert, und darum kann auch von etwas, das dauert,
sinnvoll kein Rede sein. Es ist also sinnlos, hier etwas finden zu
wollen, was in einer Dauer sich einmal nicht verändert".1 Diese
Sätze gehen auf eine wohl Ende 1911 niedergeschriebene Auf-
zeichnung zurück, mit der der vorliegende Band schließt. 2
Aber um einiges früher schon, in einer Aufzeichnung, die mit
Sicherheit auf den Zeitraum zwischen dem 15. Oktober 1908
und dem Sommersemester des jahres 1909 zu datieren ist,
schreibt Husserl: "Liegt eine Absurdität darin, daß der Zeitfluß
wie eine 0 bj ekti ve Bewegung angesehen wird? ja!
Andererseits ist doch Erinnerung etwas, das selbst sei n jetzt
hat, und dasselbe jetzt etwa wie ein Ton. Nein. Da steckt
der Grundfehler. Der Fluß der Bewußtseinsmodi
ist kein Vorgang, das Jetzt-Bewußtsein ist
nicht selbst jetzt. pas mit dem Jetzt-Bewußtsein ,zu-
sammen' Seiende der Retention ist nicht ,jetzt', ist nicht
gl ei c h z e i t i g mit dem jetzt, was vielmehr keinen Sinn gibt ...
"Das sind höchst wichtige Sachen, vielleicht die wichtigsten
der ganzen Phänomenologie".3

* *
*
Aufrichtigen Dank schuldet der Unterzeichnete Herrn Pro-
fessor Martin He i d e g ger und Herrn Professor Ludwig

1 S.u., s. 74; vgl. S. 75 und die Beilage VI nach der Veröffentlichung von 1928,
insbesondere S. 113f.
2 S.u., Nr. 54, S. 368-382; der entsprechende Text S. 370.
3 S.u., Nr. 50, S. 333 f. - Wir haben es versäumt, vom Verhältnis der im vorliegen-
den Bande veröffentlichten Texte zu den aus derselben Periode stammenden "Fünf
Vorlesungen" über Die Idee der Phänomenologie zu sprechen: miln vergleiche unter
dem Gesichtspunkt obiger Erläterungen etwa insbesondere S. 11 f. (Bd. II vorliegen-
der Ausgabe) aus dem auf dem 2. Mai 1907 datierten " Gedankengang". Übrigens
besteht jetzt Anlaß zu der Vermutung, daß der S. 67 H. abgedruckte Text der V. Vor-
lesung ein erst nachträglich, und zwar schwerlich vor Oktober 1908 redigierter ist.
Auch Walter Biemel, der schon darauf hingewiesen hat, daß der Text der V. Vor-
lesung inhaltlich von der im "Gedankengang" gegebenen Zusamenfassung abweicht
(S. 87 seiner Ausgabe), hält diese neue Vermutung für erwägenswert.
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS XLIII

Landgrebe für wertvolle Auskünfte, Herrn Professor Marvin


Farber für freundliche Genehmigung der Zitate aus Philosophy
and Phenomenological Research, Pater Professor H. L. Va n
B red a, dem Leiter dieser Ausgabe, für seine stete Anteil-
nahme an den etwas mühseligen Vorarbeiten für die vorliegende
Veröffentlichung und Herrn Dr. Iso Kern für seine sorgfältige
Hilfe beim Lesen der Korrekturen. Am meisten aber liegt es mir
am Herzen, meinem zu früh verstorbenen Freunde Henri
Dussort, der mir gleich zu Beginn meiner Arbeit die rechten
Fragen stellte, von denen sie sich leiten lassen mußte, ein Wort
schmerzlich-dankbarer Erinnerung nachzurufen.

Löwen, im Dezember 1964. RUDOLF BOEHM