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ACTUALITES

SCIENTIFIQUES

N° 537

ET

INDUSTRIELLES

TRAVAUX DU

IXe CONGRES INTERNATIONAL DE PHILOSOPHIE

OONORttS

DESOARTES

· publies pa.r les soins de

RAYMOND

BAYER

Secretaire general du Comite d'Organisation du Congres.

VIII

Analyse reßexi ve et Transcendance

Ire Partie

I. Transcendance et immanence II. L'acte de reflexion 111. Reflexion et etre

I

PARIS

HERMANN

ET oe, E:DITEURS

6, Rue de la Sorbonne, 6

1937

XVI

Transzendenz und Paratranszendenz

ÜSKAR BECKER (Bonn)

SoMMAIRE. - L'expression connue de Platon brexe:tvoc T'ijc; oöoiocc; et !es considera- tions d' Aristote sur Je theme de Ia philosophie premiere font reconnaltre, dans l'idee de transcendance, un double sens, qui n'est pas eclairci. La poursuite systematique de ce problerne conduit a une separation de J'idee traditionneUe de transcendance en une « transcendance » proprement dite (en un sens eminent) et en une forme nouvelle, jusqu'ici insuffisamment consideree, Ia "paratranscen- dance ». Elle correspond au "nature!», a Ia croissance organique, aux puissances maternelles, sang et terre. La rechereile qui Ia concerne fonde une nouvelle dis- cipline metaphysique de meme genre que J'ontologie, Ia « parontologie •.

Der Begriff und Ausdruck c< Transzendenz >>, lässt sich, wie bekannt, bis auf Platon zurückführen : die Wendung, e7ttXELVot njc; oÖO'(otc; (Rep., 509 B) ergab auf lateinisch die Ausdrücke transcendens und transcendentale, welche zunächst promiscue gebrauchten Worte bei Kant zu zwei bedeutungsmässig getrennten Termini cc transzendent » und cc transzendental >> wurden. Diese sonderbare Erscheinung der Bedeutungsspaltung eines so alten Begriffs regt zu der Frage an, ob nicht von Anfang an in ihm

eine Doppelbedeutung schlummerte oder jedenfalls in ihm gewisser- rnaasen induziert war. Fragen wir, was denn eigentlich cc jenseits der oua(oc n ist, so erhalten wir die Antwort: die Idee des Guten, die oberste der Ideen. Mit oÖO'(oc im Gegensatz zu 't'oc llv't'ot werden die Ideen selbst in Kontrast zu Sinnendingen bezeichnet. Das Gute ist also noch jenseits der Ideen, aber doch, zumindestans ursprünglich, eine Idee. Hierin liegt eine Paradoxie, wenn nicht ein Widerspruch. Mag dieser Widerspruch bei Platon selbst in der mittleren Periode seines Philosophierens nur flüchtig angedeutet sein und in der Spät- zeit durch Einführung des Begriffs des ~v formal vermieden werden,

- dass er nicht wirklich überwunden ist und der Ausdruck einer dem Gedanken der Transzendenz vielleicht notwendig innewohnenden

CONGRES DE

PHILOSOPHIB,

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ANALYSE

REFLEXIVE.

TRANSCENDANCE

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Spannung ist, zeigt die merkwürdige Erörterung des Aristoteles in den Büchern E (Kap. 1) und K (Kap. 7) der Metaphysik, da, wo der

Philosoph von der Aufgabe der 7tpWT"I) cpt/ spricht. Es könne

jemand zweifeln, sagt er, ob die erste Philosophie, die Wissenschaft

vom Seienden als Seienden, eine 6e(J)p(oc xoc66t eine « Schau über

das Ganze hin » ist oder nur auf eine Gattung und eine Wesenheit (cpuar.;) sich bezieht. Und er gibt darauf die merkwürdige Antwort :

das Göttliche, erster und haupt~ächlicher Ursprung von allem, sei die verehrungswürdigste und erste Wesenheit - und deshalb sei das Wissen um sie (( über das Ganze hin », weil es das erste sei (xoc66t oö-t(J)c; Irrt 7tpWT"I), 1026 a 30), es sei allgemein dadurch, dass es das frühere sei gegenüber allem anderen (xoc66/ 't'Cll 7tpottpocv, 1064 b 13). Die Bedeutung des Ausdrucks xoc66:Aou wird ganz klar durch den Vergleich mit den Verhältnissen bei der Mathematik. Die Mathematik « im

Ganzen » sei die gemeinsame Wissenschaft (7toca&v xow~) gegenüber den besonderen Disziplinen der Geometrie und Astronomie, die von einem bestimmten Wesensbereich (7tep( 't'tvoc tpuatv) handeln. Das heisst : die Metaphysik wird einmal gedacht als die allgemeine Lehre vom Sein (alles Seienden), das andere Mal als die zwar allem anderen vorgeordnete, aber doch besondere Theorie des Göttlichen (6eoJ Und beides wird dann in rätselhafter Weise identifiziert. Wiederum sind zwei Arten von Transzendenz inemander verschlun- gen:

erstens : die eigentliche Transzendenz des Seins selbst über ·das Seiende, des av ~ 15v über jedes yevoc; und e!i>a.;. (Denn das ilv ist bei Aristoteles nicht wie das 't'L bei den Stoikern das yevtxW't'IX't'ov. Es ist

zwar

21), aber keine Gattung (oihe 't'o av yevoc;, Met., B. 3, 998 b 22) ; zweitens : die Quasi'-Transzendenz des ersten Seienden, des Gött- lichen, über alle anderen von ihm aus abgestuften Gattungen. Ueber Jahrtausende hinweg nimmt Kant (den man allerdings als Metaphysiker sehen muss) diese Grundspannung europäischer Metaphysik auf, gerade mit der schon erwähnten Spaltung des Trans- zendenz-Begriffs in das (( Transzendentale » der metaphysica gene- ralis, die sich auf das ens qua ens bezieht, und das jetzt für ihn allein

noch «Transzendente» der metaphysica specialis, das ist Gott, Welt und unsterbliche Seele. Diese historisch so hervorgetriebene Unterscheidung nehmen wir nun systematisch zur eigenen Untersuchung auf. Und zwar lassen wir der ersten, der (( transzendentalen » Transzendenz ihren alten

oo<Yp(oc

au,

au

ou

oytx~).

das allgemeinste (xoc66:Aou fLtXAta't'IX 7ttXV't'(J)V,

Met.,

B.

4,

1001 a

TRANSCENDANCE

ET

IMMANENCE

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Namen, da dies besonders in Anbetracht des Sprachgehrauchs der heutigen Existenzphilosophie angebracht erscheint. Die zweite aber, die Quasi-Transzendenz des ersten göttlichen Seienden, nennen wir mit einem vielleicht etwas gewagten Syllogismus « Paratranszendenz », um auszudrücken, daß sie neben der ersten als eine ebenbürtige Form steht. Dies von vornherein - selbst um den Preis eines einigermaßen barbarischen Wortes- zu betonen, ist deshalb von so großer Wichtig- keit, weil die Art und Weise, sich der Paratranszendenz zu nähern, vielleicht mit einer Art Notwendigkeit durch die Negation und schein- bar sogar durch die Privation führt. Was bedeuten nämlich Transzendenz und Paratranszendenz ? Zu deutsch heißt Transzendenz ungefähr« Ueherstieg »oder« Ueher- schreitung », wenn man aber genauer das Wort transcendentia nach- bildet : « Uehersteigendheit ». Dem steht die Paratranszendenz als << Unentstiegenheit » gegenüber- und dies ist man verführt, durch das lateinische intranscendentia wiederzugeben. Unentstiegenheit bedeutet nicht, daß überhaupt nichts überstiegen würde. Aber das Uehersteigen erfolgt nicht so, daß das Ueherstiegene (das sind die c< Dinge») ganz und gar ins Nichts herabsänke, wie das hei der echten Transzendenz der Fall ist. · Des ·genaueren liegt die Sache so : Transzendieren im eigentlichen Sinn heißt - nach Heideggers Untersuchung über das Wesen der Metaphysik- sichangesichtsdes Nichts wiederfinden,« Hineingehal- tensein in das Nichts ». Anders ausgedrückt : das Sein (des Seienden) ist zugleich (sein) Nichts : cc Das reine Sein und das reine Nichts ist dasselbe » (Regel). Das heißt in der Sprache der deutschen Romantik :

das Unbedingte vernichtet die Dinge. Damit das lautere Erz des unbe- dingten Seins selbst herausschmelze, müssen die Dinge zu Schlacke verglühen.

Man darf sich durch die hier notwendig sich einstellende bildliehe Sprache nicht täuschen lassen : das Sein ist gegenüber den Dingen jeder Art das Ganz Andere, ganz anders auch in der begriffiichen Struktur. Es ist in einem bestimmten Sinn überkategorial, sofern die Katego- rien Begriffe sind, die die Dinge irgendwie fassen. Dies gerade drückt das· Wort « Uebersteigendheit » adäquat aus. Denn in seiner aktiv- präsantisehen Form (übersteigend) sagt es die transcendentia in actu aus, das jeweilige Ueberschreiten jeglicher Schranke, ebenso wie das auch der << wesentlich occasionelle Ausdruck » !nhewot, <<jenseits », in

seiner Weise tut.

·

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Ganz anders verhält es sich nun mit der Paratranszendenz. Hier erfolgt kein Versinken ins Nichts, keine Zerstörung kategorialer Form, überhaupt keinerlei Zerstörung. Während das « übersteigende Sein >> unentrinnbar einen nihilistischen Zug in sich trägt, bleibt das « unent- stiegene Wesen>> durchaus und in jedem Betracht positiv. Ihm fehlt die Gewaltsamkeit der echten Transzendenz. Auf die paratranszen- dente Wesenheit findet Nietzsches tiefes Wort uneingeschränkte Anwendung : « Alles Göttliche hat leichte Füße. >> In der Tat haftet allem Paratranszendenten, mythisch gesprochen, etwas Göttliches an :

man könnte es unmittelbar mit dem aristotelischen Ausdruck um- schreiben -r!X q>ocvo:p!X -r&v 0dwv (Met., E, 1, 1026 a 18), der allerdings in einem prinzipielleren Sinne zu nehmen wäre als er, zur Bezeichnung der Gestirnseelen, in den Schriften des Stagiriten hat. Paradox aus- gedrückt bedeutet das Paratranszendente die « unbedingten Dinge >>. In der Tat : was sind die Götter anderes ? Und hier flehließt sich ungezwungen an, was Platon in" der urtranszendentalen Wendung S7teX&LVOC nj.; OUO'[oc<;, VOn der wir ausgingen, die OUO'[oc nannte, näm- lich die Ideen. Auch diese sind - und darin liegt die ganze Schwie- rigkeit ihrer Deutung - unbedingte Dinge, d. h. Dinge, deren Ding- lichkeit oder, was dasselbe ist, «Be-dingtheit>> aufgehoben ist. Diese letzte Formel zeigt aber scheinbar völlig klar die Privation, die sich ja sprachlich in der deutschen Vorsilbe« un n in« un-bedingt n (dem Analogon des lateinischen « in >> und des griechischen oc priPa- tiCium) ausdrückt. Ist also die Paratranszendenz wirklich durchaus positiv ? Ist sie nicht vielmehr « intranscendentia n, d. h. aus der echten Transzendenz durch eine Art Beraubung, Verkürzung, Reduk- tion gewonnen ? Ist sie nicht im Grunde einfach eine << schlechte » Transzendenz ? Man wird diese Frage nicht entscheiden können, ohne aus dem magischen Zirkel des begrifllichen Spiels, in dem wir uns bis jetzt bewegt haben, entschlossen herauszutreten und den Urphänomenen, die hier den Ausschlag geben, uns frei gegenüber zu stellen. « Unentstiegenheit n bedeutet deshalb etwas Positives, weil die privative Vorsilbe « un n die selbst bereits beraubende Silbe « ent » wieder aufhebt. Das dem Seienden entsteigende wird gewissermassen abgefangen und zurückgehalten, ehe es noch völlig « entstiegen n ist. Unentstiegenheit ist somit ein<< dialektisches n Wort ; im Si1,1ne Hegels bezeichnet es eine vermittelte Unmittelbarkeit. Dies ist eine Weise der begrifllichen Annäherung an das zu beschreibende Urphänomen, die vielleicht in der gegenwärtigen Problemlage nicht zu vermeiden

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ist, die aber trotzdem die Gefahr einer grunderschütternden Täu- schung in sich trägt. Denn das Phänomen des Paratranszendenten selbst ist ganz undialektisch. Es wird sehr nahe getroffen in seiner modalen Gegebenheitsweise durch das, was Aristoteles -ro &7t/,.oüv &votyxotf:ov (Met., ß, 5, 1015 b 11), das << schlicht Notwendige» nennt. Gerade diese gewaltlose Schlichtheit, das von selbst und wie selbst- verständlich Erwachsensein, ist sein Kennzeichen. Ueberall wo eine Gestalt organisch erwächst und sich vermöge dieses organischen Wachstums aus ihrer Umgebung heraushebt, ohne doch den Mutterboden, aus dem sie hervorsproß und in dem sie verwurzelt bleibt, hinter sich zu lassen - da ist Paratranszendenz verwirklicht. Paratranszendenz ist also vor allem das Natürliche (Naturhafte), wo immer es erscheint. Man muß den Begriff der Natur ganz wörtlich nehmen : << natura » bedeutet Geburt. Das Wort gehört (vgl. natus

= gnatus) zum Stamme Gen, von dem auch im Lateinischen<< genus », << gens », im Griechischen yevo,;;, yevem,;; und im Deutschen << Kind )) stammt. In diesem Grundbegriff der Geburt liegt schon alles. Geborenwerden bedeutet nicht: geschaffen werden aus dem Nichts. Es ist eine arge Verfälschung des Begriffs des Natürlichen, wenn man ihm mit dem << Kreatürlichen JJ gleichsetzt. Geburt ist sozusagen ein urheidnischer Begriff, er entstammt der Sphäre des Ursprungsmythos, der Theo- gonie. Geborenwerden heißt Hervorgehen als etwas Neues aus dem verwandten Alten, mit dem die Verbindung bleibt trotzdes Schmerzes des Gebärens. Indessen bedeutet Geburt auch eine Loslösung, mitunter sogar in gewaltsamer Form. Geburt ist niemals << Immanenz JJ, Ver- bleiben im mütterlichen Boden, höchstens noch eine gewisse << Inhä- renz J>, ein Darinhängen mit den äußersten Fasern seines Wesens. Geburt ist ferner das metaphysische Gegenspiel zu einem leitenden fundamenta'lontologischen Begriff Heideggers, dem Existenzial

aus dem Nichts Geschaffensein bedeutet

<< Geworfenheit JJ. So wenig wie

Geborenwerden in die Welt Geworfensein. Denn das Existenzial Geworfenheit drückt aus, daß der existierende Mensch seines eigenen Grundes nicht mächtig ist, weder im Können noch im Wissen. Um Geburt und Herkunlt aber weiß der Mensch, er ist ihrer so mächtig, daß er noch seine Macht aus ihnen herleitet- und zwar schlicht und geradlinig, nicht in der Weise der existentialen Paradoxie, in der die Geworfenheit nach Heidegger den Entwurf bestimmt, die Ohnmacht des Menschen seine Mächtigkeit schafft. Das im letzten, wie alle Urphänomene, nur intuitiv zu erfassende

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Phänomen der Geburt bestimmt die Existenz des ungebrochenen Menschen, genauer, die Existenzweise des Menschen, sofern er unge- brochen ist. Hier ist der Ort, wo Grunderfahrungen, wie die Zuge- hörigkeit zu einem bestimmten Volkstum, einer bestimmten Rasse und der heimatlichen Landschaft ihren Platz haben. Was in diesen Grunderfahrungen sichtbar wird, sind die alten mütterlichen Mächte des Blutes und der Erde, von jeher mythisch verwandt. Es ist die Erde, wie sie Sophokles in einem Chorlied seiner Antigone kennzeichnet :

0e&v -rO:v {mep-rchoc.v, rav, &rpe~-rov, &.xoc.ruhoc.v (v. 338), (( die höchste der

Göttinen Erde, die unvergängliche, unermüdliche ». Es ist ferner das Blut, jene scheinbar stoffliche, in Wahrheit im höchsten Masse for- mende und prägende Kraft, die die Typen, die<< Schlägen des Menschen, die Grundgestalten dessen, was für den Menschen möglich ist und wirklich ward, bestimmt. Das Blut, die Rasse, das ist nach den Worten

des

Aristoteles

:

~

xoc.-rO:

't'Ö

e!8o.;

:AeyoflkVYJ rpoo~ 1)

Ö[Loe~8~.; (Met.,

Z, 7, 1032 a 24), << der nach dem Aussehen genannte Wuchs », der immer dasselbe Eidos verwirklicht in der organischen Zeugung, indem stets das yevo.;, die Herkunft, das d8o.;, das Aussehen bestimmt. Von hier aus gewinnt der ungebrochene Mensch sein Dasein. Aber sogleich meldet sich ein Zweifel : ist das, was hier getroffen wird, das menschliche Dasein ? Ist dieses nicht, wie die existentiale Analytik Heideggers lehrt, <<geworfener n Entwurf? Ist die Weise seiner Zeitigung nicht die « gewesende Zukunft n, d. h. gerade nicht jene ewig wiederkehrende Gegenwart desselben Eidos, zu der die Geburt führt ? Ist nicht die Eigentlichkeit der Existenz im Sinne Heideggers durch die Rückbeziehung auf die Geburt gerade vernich- tet ? Ist insbesondere die eigentliche Zeitlichkeit Heideggers, die mit der « duree concrete n Bergsans verwandt ist, nicht durch jene << ewige Wiederkunft des Gleichen n im Grunde - zum Raum geworden, zu der kreisenden Sphäre, mit der nach Aristoteles (Phys., 218 b 1, 6) die << Alten >> die Zeit gleichsetzten ? Es soll versucht werden, wenigstens einige dieser Fragen zu beant- worten.

Wir glauben in der Tat nicht, daß man die naturhafte Weise zu leben in jenem terminologisch fixierten Sinn der existentialen Analytik noch « Dasein n nennen kann. Es gab im Mittelhochdeutschen das einfache Zeitwort << wesen n (von dem das heute noch gebräuchliche Kompositum << verwesen n abgeleitet ist) als zweiten Ausdruck der Existenz. Dieses alte Wort, das ja auch noch in seiner substantivierten Form << das Wesen » (l'etre, the being) gebräuchlich ist, nehmen wir

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VIII. 103

wieder auf und sprechen jetzt nicht mehr vom « Dasein», sondern vom

das Sein des Seienden « Mensch » steht mehr in

Frage, sondern sein Wesen, genauer sein << wesendes Wesen >>. Und hier zeigt sich die philosophische Natur unserer Sprache: wir wenden manchmal den Ausdruck «Wesen» nicht nur abstrakt, sondern auch konkret auf den Menschen an. Aber nicht auf jeden Menschen :

nämlich nicht auf den erwachsenen Mann, wohl auf das Kind und die junge Frau. So sprechen wir etwa von dem << kleinen Wesen » (dem Kind) und einem cc reizenden Wesen» (z. B. einem jungen Mädchen). Der Mann als geschichtliche Persönlichkeit hat wohl ein Wesen (seinen Charakter), aber er ist kein solches. Der naturhafte, der naiven Ur- sprünglichkeit noch nahe Mensch ist dagegen ein Wesen, er cc west ». Seine Existenz oder sagen wir es jetzt genauer : seine Paraexistenz ist wesen. Das sind nicht bloß Worte und Wortklaubereien. Denn die funda- mentale Bestimmung der Ontologie selbst wird hier erschüttert urid verwandelt. Konstitutiv für den Begriff der Ontologie selbst ist die sog. cc ontologische Differenz ».(um den Ausdruck Heideggers zu gebrau- chen), d. h. die Unterschiedenheit von Sein und Seiendem, die ja nichts anderes ist als die Transzendenz des Seins über das Seiende hinaus. Denn vermöge dieser Differenz unterscheidet sich die ontologische Betrachtungsweise, die auf das Sein geht, von der bloß ontischen, die sich mit dem einzelnen Seienden und seinen Gattungen beschäftigt. Wir können das ausdrücken durch die fundamentale cc ontologische Ungleichung » :

« Da-wesen ». Nicht

<<Das Sein übertrifft das Seiende. »

Suchen wir nun nach ihrer Analogie auf dem Gebiete des Wesens! Finden wir dort auch eine solche Ungleichung ? Nein, gerade das Gegenteil : entscheidend ist hier die cc parontologische Gleichung », wie wir sie nennen wollen :

<< Das Wesen ist identisch mit dem W esenden. »

Denn die Ununterschiedenheit von Wesen und Wesendem, die « parontologische Indifferenz », das ist nichts anderes als die Unent- stiegenheit des Paratranszendenten. Damit ist aber schon alles gesagt : Das Naturwesen ist paratrans- zendent, deshalb nur parontologisch, nicht mehr ontologisch bestimm- bar. Was folgt daraus für die Bestimmung des Naturhaft-Menschlichen ?

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Seine Weise zu leben ist weder eigentliche noch uneigentliche (ver- fallene) Existenz, weder ein sich selbst Gewinnen, noch ein sich selbst Verlieren. Es ist vielmehr die Abwesenheit jeglichen Selbstseins - aber nicht im Sinne eines Beraubtseins, einer Privation, sondern in dem einer totalen Negation, oder besser einer antithetischen, eben- bürtigen Position. Eigentlich sein im Sinne des sich selbst zu eigen seins ist keine sinnvolle Möglichkeit des Dawesens. Wohl aber ist das reine, « ganz uneigentliche » Dawesen in all seiner Schlichtheit gleich ursprünglich mit dem eigentlichen, ursprünglichen Dasein. Das bringt ein Letztes mit sich, auf das zum Schluß noch kurz hinge- wiesen werden soll : « Fragwürdig » im doppelten Sinn der Gebrochen- heit und der Problemhaltigkeit für die überlieferte Metaphysik ist nur das Dasein. Denn Metaphysik im strengen Sinn (metaphysica generalis) ist ja Ontologie. Das Dawesen aber (wie das Wesen über- haupt) ist grundsätzlich fraglos. Hierin liegt die Schwierigkeit seiner philosophischen Bestimmung : Begrifflich kann man sich ihm nur «dialektisch», auf dem Wege doppelter Negation, nähern; aber damit verfehlt man gerade seinen innersten Kern, seine Schlichtheit. Und daran liegt es wohl auch, daß der Begriff der Transzendenz sehr alt ist, der der Paratranszendenz, wenn wir nicht irren, erst jetzt mit unserer Untersuchung, von der unklaren Vermischung mit dem erste- ren befreit, ans Licht getreten ist.

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