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Karen Blixen, die ihre Geschichten in ferne Zeiten und exotische Regionen verlegte, gilt als
herausragende Einzelgestalt und Kontrapunkt zu Psychoanalyse und Sozialrealismus in der Literatur
des 20. Jahrhunderts. Ihre Werke wurden entscheidend von jener Ära beeinflusst, von der Blixen am
häufigsten erzählte, nämlich der Romantik. Blixens Ideenwelt ist durch das Zusammenspiel ihres
eigentümlichen Sinns für Gott, ihres Schicksalsglaubens, einer Verherrlichung des Aristokratismus
und Erzählungen im Stile Scheherezades geprägt.

Kindheit

Karen Christence Dinesen kam im Jahr 1885 auf Rungsted an der dänischen Öresundküste zur Welt,
wo sie auch aufwuchs. Wilhelm Dinesen und seine Frau Ingeborg, geb. Westenholz, hatten insgesamt
fünf Kinder. Karen, das zweitjüngste von ihnen, hatte zwei Schwestern und zwei Brüder. Innerhalb
der Familie wurde Karen auch „Tanne“ (Tania) genannt. Die Eltern stammten beide aus vermögenden
Familien und Wilhelm Dinesen hatte als Hauptmann und Offizier in der dänischen und französischen
Armee Karriere gemacht. 1871 war er nach Nordamerika übergesiedelt, wo er einige Jahre als
Pelzjäger in der Wildnis bei einem Indianerstamm verbrachte. Sein abenteuerliches Leben dort
schilderte er später in einem zweibändigen Buch mit dem Titel „Jagtbreve“. Karen entwickelte bereits
früh eine besondere Beziehung zu ihrem Vater, der ihre Fantasie schätzte und ihre künstlerischen
Talente unterstützte. Er motivierte sie auch, schriftstellerisch tätig zu werden, so dass sie schon als
Kind kleine Geschichten und Theaterstücke verfasste, deren Hauptrollen sie selbst und ihre
Schwestern spielten. Die Mutter Ingeborg legte dagegen Wert auf eine traditionelle, bürgerliche
Erziehung der Kinder, so dass die beiden Elternteile mit sehr unterschiedlichen Lebenseinstellungen
an das Familienleben herangingen. Den Vater erlebte Karen als ihren Verbündeten, der sie zu seinen
Abenteuern mitnahm und dessen Geschichten sie faszinierten. Das Verhältnis zur Mutter war
dagegen eher schwierig, so dass sie früh versuchte, sich von ihr abzulösen. Der Vater beging
Selbstmord, als Karen 10 Jahre alt war, was möglicherweise mit seiner Syphiliserkrankung
zusammenhing. Dieser Verlust war der erste von vielen tragischen Rückschlägen, mit denen Karen in
ihrem Leben umgehen musste.

Jugend

Nachdem Karen seit 1903 an der Kunstakademie in Kopenhagen studiert hatte, zog es sie im Jahr
1910 weiter nach Paris, wo die inzwischen 25-Jährige weiterhin Kunst studierte. Während der
Studienzeit kam Karen in Kontakt mit Hans und Bror von Blixen-Finecke, ihren schwedischen
Halbvettern. Karen verliebte sich in Hans Blixen, der ihre Zuneigung jedoch nicht erwiderte. Das
führte dazu, dass Karen sich entschied, dessen Zwillingsbruder Bror zu heiraten. Die Verlobung, die
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Karens Mutter sehr enttäuschte, fand im Jahr 1912 statt. Nachdem Bror Blixen eine Kaffeefarm bei
Mombasa gekauft hatte, siedelte Karen schließlich 1914 nach Kenia über.

Afrika

Am 14. Januar 1914 fand bereits in Afrika die Hochzeit statt, wodurch Karen den Titel „Baronesse von
Blixen-Finecke“ erhielt. Nach einem solchen Titel hatte sie sich seit langer Zeit gesehnt. Sie maß ihm
eine immense Bedeutung zu, da sie, wie bereits erwähnt, eine große Affinität für den Adel zeigte und
alles Bürgerliche ablehnte. Das Leben in Afrika war für sie zugleich eine Befreiung vom puritanischen
Leben des Elternhauses. In ihrer umfangreichen Biografie Karen Blixens hebt Judith Thurman hervor,
dass Karen sich den vor Ort ansässigen afrikanischen Stämmen speziell verbunden fühlte. Im Leben in
der neuen Heimat sah sie eine Art Bestimmung, so dass sie sich „angekommen“ fühlte. Diese
Einstellung sowie die Liebe zu den Menschen Afrikas begleiteten Blixen auch in den kommenden
Jahren, die durch Krankheit und Ungewissheit geprägt waren. Die anfängliche Euphorie verflog
schnell, denn Bror begann, seine Frau zu vernachlässigen. Er ließ sich mit Einheimischen ein, was
letzten Endes dazu führte, dass er Karen mit Syphilis ansteckte. Karen empfand dies als großen
Schicksalsschlag, zumal es zur damaligen Zeit noch an Medikamenten fehlte, um die Krankheit zu
heilen. Stattdessen kehrte sie für kurze Kuraufenthalte nach Dänemark zurück.

In ihren Briefen aus Afrika schildert Blixen ein Paradies, das sich jedoch, so ihre eigenen Worte, dann
als Hölle herausstellte. Gleichzeitig verband sie ihr Leid jedoch immer mit Stolz, so dass sie es als
Beweis auffasste, „auserwählt“ zu sein. Offensichtlich war der adlige Titel, den sie durch die Hochzeit
trug, es für sie wert, mit Syphilis angesteckt worden zu sein. Ihrer Natur entsprechend glaubte Blixen,
ihr Schicksal nicht nur erdulden, sondern zugleich auch lieben zu müssen. Sie war vom Motto „Amor
fati“ (Liebe Dein Schicksal) überzeugt. In diesem Sinne arbeitete sie auf der Farm immer hart mit, um
körperlich einen Beitrag zu leisten und das Gefühl zu haben, dass sie ihr Glück auch verdiene.
Insofern konnte Brixen ihren Traum leben, den sie mit einer Liebe zu den Einheimischen verband, die
sie stets als „bessere“ Menschen schildert. Schon bald kam es jedoch auch noch zu finanziellen
Probleme mit der Farm und die Farmergemeinschaft schloss Bror aufgrund der finanziellen Lage
angesichts sinkender Kaffeepreise aus. Unterstützung erhielt Karen in dieser Zeit von ihrer Familie.
Ihr Bruder Thomas, der Geld in das Projekt investiert hatte, reiste sogar nach Kenia.

Zur offiziellen Trennung zwischen Karen und Bror kam es im Jahr 1925. Damals pflegte Karen bereits
Kontakt zu Denys Finch-Hatton, einem Engländer, der ebenso wie sie sehr abenteuerlustig und
intellektuell war und Brixen stark an ihren Vater erinnerte. Denys war vermutlich auch der erste, dem
sie ihre „Afrikageschichte“ erzählte. Glaubt man den Berichten der Biografin Thurmann, wollte Karen
damit Denys auf die Farm locken. Das erinnert an Scheherezade und den Sultan, dem jene
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Geschichten erzählte, um dadurch dem Tod zu entgehen. Das Glück endete jedoch, als Finch-Hatton
1931 bei einem Unfall mit seinem Flugzeug ums Leben kam. Zudem musste die Farm trotz der
finanziellen Unterstützung durch Karens Verwandtschaft verkauft werden. Schließlich kehrt Brixen
1932 im Alter von 47 Jahren hoch verschuldet nach Dänemark zurück, wo sie sich im Folgenden eine
neue Existenz als Schriftstellerin aufbaute.

Autorenschaft

Karen Blixen begann damit im alten Arbeitszimmer ihres Vaters an den Erzählungen zu arbeiten, die
sie bereits in Afrika verfasst hatte. Die Sammlung an Erzählungen, die dabei entstand, kam 1934 in
den USA und London auf Englisch unter dem Titel „Seven Gothic Tales“ heraus. Das Buch wurde mit
Begeisterung aufgenommen. Ein Jahr später folgte eine selbst übersetzte dänische Ausgabe mit dem
Titel „Syv fantastiske fortællinger“. Blixen nutzte dabei das selbstironische Pseudonym „Isak
Dinesen“. Isak bedeutet auf Hebräisch Gelächter oder der Lachende. Es war für Frauen damals
allgemein üblich, unter Pseudonymen zu schreiben, da weibliche Autoren zu dieser Zeit wenig
Anerkennung fanden. Die Veröffentlichung ihres Werks unter verschiedenen Pseudonymen ist
jedoch zugleich ein wichtiges Kennzeichen der Autorentätigkeit Blixens. Wie schon ihr Vater, der das
Pseudonym „Boganis“ verwendete, versteckte sie sich hinter verschiedenen Namen, unter anderem
Peter Lawless, Pierre Andrézel und Osceola als Name eines Indianerhäuptlings.

Blixens erste Erzählsammlung steht in der Tradition der englischen „Gothic Novel“, die durch ein
historisierendes Ambiente und unheimliche Vorgänge charakterisiert ist, welche katastrophale
Auswirkungen auf das Leben der Figuren haben. Unverkennbar ist auch der Einfluss der deutschen
Romantik, was schon der Titel der dänischen Version ihrer ersten Erzählungen zu erkennen gibt.
Typisch für Blixen war, dass sie Mythen und Märchenmotive aufgriff, die ihrer Ansicht nach zur
Epoche der Romantik gehörten. Folglich empfand sie eine Geistesverwandtschaft mit Vertretern der
Romantik wie M. A. Goldschmidt und insbesondere H. C. Andersen. Die Handlung von Blixens
Geschichten ist häufig in aristokratischen europäischen Familien des 17. und 18. Jahrhunderts
angesiedelt. Damit stach ihr Werk in den 1930er-Jahren heraus, zumal man bedenken muss, dass sie
zu einer Zeit schrieb, in der in Europa Arbeitslosigkeit und Faschismus zentrale Themen waren. In
Dänemark schlug den Geschichten, wie Blixen selbst vorausgesehen hatte, Unverständnis und Kritik
entgegen, da sie als unzeitgemäß und überholt wahrgenommen wurden. Nachdem sie über 20 Jahre
im Ausland von der dänischen Literaturszene abgeschottet war, kehrte Karen in eine Heimat zurück,
in der Sozialrealismus und Psychoanalyse zu den wichtigsten literarischen Strömungen geworden
waren. Blixen selbst verabscheute den Realismus, den sie als etwas für Menschen ohne Fantasie
bezeichnete. Durch ihre Abwesenheit war ihr diese neue Richtung in der Literatur völlig unbekannt,
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weshalb sie diese auch nie akzeptierte. Ihren Zeitgenossen galt Blixen daher als Exotin in Bezug auf
die vorherrschenden Strömungen.

In den Erzählungen Blixens geht es häufig um Maskierung und Rollenspiele. Zu den Grundthemen
gehört daneben auch das Komödienspiel des Schicksals. Sie selbst beschäftigte sich ein Leben lang
mit der Frage, was das Schicksal mit ihr beabsichtigte. Das galt insbesondere, nachdem sie aus ihrer
vermeintlichen Lebensaufgabe, dem Leben auf ihrer Farm in Kenia, gerissen worden war. Danach
fühlte sie sich wie eine Marionette in der Hand eines größeren Plans. Sowohl in der ersten als auch in
der letzten Geschichte der Sammlung („Vejene omkring Pisa“ und „Digteren“) geht es um Menschen,
die versuchen für andere Schicksal zu spielen, daran aber letzten Endes scheitern. Interessanterweise
werden beide Geschichten von derselben Zuschauerfigur erlebt, einem jungen Grafen aus Dänemark,
der im Zweifel über seine eigene Existenz ist. Die übrigen Novellen beschäftigen sich mit der
Erkenntnis der Lebensrolle, die einem zugedacht ist. Hier tauchen Motive auf wie der Traum als
Lebensersatz (z. B. „Drømmerne“ und „Et Familieselskab i Helsingør“), Maskierung und Verwandlung
(z. B. „Sywodfloden over Norderney“) und phantastische „Alben“. Die Erzählung „Drømmerne“, die
an ein Drama mit Kulissenwechsel und neu auftretenden Figuren erinnert, die jeweils ihre
Geschichten erzählen, behandelt neben dem Motiv des Traums auch die Aspekte Maskierung und
Rollenspiel. Nachdem die Sängerin Leoni ihre Stimme verliert, gibt sie ihre Identität auf. Stattdessen
führt sie verschiedene Leben unter wechselnden Verkleidungen. In diesem Sinne kann auch Blixens
Verwendung von Pseudonymen als Maske gedeutet werden, hinter der es ihr möglich war, ihre
eigene Ideenwelt darzustellen, ohne von realistischen und psychoanalytischen Zwängen eingeengt zu
sein.

Blixens Figuren und Helden sind keine gewöhnlichen Menschen und realistischen Figuren wie in der
literarischen Strömung des Sozialrealismus, sondern Träumerfiguren. Der Geschichtserzähler Mira
Jama vergleicht in der Erzählung „Drømmerne“ Träumer mit einer Kaffeepflanze, die mit einer
geknickten Pfahlwurzel angepflanzt wurde und sich deshalb nicht so entwickelt, dass sie Früchte
trägt. Ihre Blüten sind aber dennoch reicher als bei anderen Kaffeepflanzen. Auf gleiche Weise könne
jemand, der mit geknickter Wurzel in der Erde des Lebens angebaut wurde, den großartigen und
blühenden Charakter eines „Träumers“ zeigen. Es treten zum Beispiel Exzentrik, Imagination und
Übermut in Erscheinung, die auf Kosten der Ganzheit gehen. Mira Jama spricht auch davon, dass
Träumen die wohlgesittete Form des Selbstmords darstellen würden. Für Karen Blixen ist Träumen
gleichbedeutend damit, der Kraft der Vorstellung nachzugeben, was insofern eine Art Selbstmord
darstellt, dass kein Versuch mehr unternommen wird, das eigene Schicksal zu beeinflussen. Zugleich
kommt es dadurch zu einer eigentümlichen Verherrlichung des Selbstmordes, indem Selbstmord
höher angesehen wird als eine normale bürgerliche Existenz.
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Letztlich ist Gott der einzig souveräne Dichter in Blixens Werk, denn er hält quasi als
Marionettenspieler die Fäden des Schicksals in Händen. Daher ist es folgerichtig, dass das Symbol der
Marionette ein prägnantes Leitmotiv in Blixens Erzählungen darstellt. Als raffinierte Erzählerin
verfasste Blixen ihre Erzählungen in einer altertümlich anmutenden Sprache, um sie an die Figuren
und Begebenheiten einer verschwundenen Zeit anzupassen. Zugleich werden geschickt Anspielungen
auf die Bibel und auf die Tausendundeine-Nacht-Geschichten eingestreut. Eine tiefe Verbundenheit
verspürte Karen Blixen zur Figur der Scheherezade, aber auch zur Erzählweise von Homer und der
Isländersagas. Sie legte Wert darauf, dass sie Geschichtenerzählerin und keine Schriftstellerin sei.
Wie bei Scheherezade, für die soziale Fragen keine Rolle spielten, war es ihr Ehrgeiz, schöne
Geschichten zu erfinden und damit an mündliche Erzähltraditionen anzuschließen.

In ihrem Buch „Den afrikanske Farm“, das 1937 erscheint und auf Deutsch den Titel „Afrika, dunkel
lockende Welt“ trägt, berichtet Blixen von persönlichen Lebenserfahrungen. In einer Reihe von
Episoden schildert sie ihr Leben auf der Farm, wobei die besondere Denkweise, die sie im Leben der
ortsansässigen Bevölkerung erkennt, eine zentrale Rolle spielt. Das Leben der Einheimischen ist für
Karen ein Idealbild des menschlichen Daseins, in dem sich eine höhere Form von Menschlichkeit
widerspiegelt, wie sie ihrer Meinung nach vor dem Sündenfall und vor der Aufteilung in Gut und Böse
existierte. Von den afrikanischen Stämmen übernahm Blixen die Vorstellung, dass Gott und der
Teufel dieselbe Person sind, weshalb Gott unberechenbar ist und die Menschen mit Höhen und
Tiefen konfrontiert. Blixens Vorstellung entsprach es, das von Gott gegebene Schicksal annehmen zu
müssen. Die Einheimischen vergleicht Blixen mit der früheren Aristokratie. Sie beschreibt sie als
abenteuerlich, lebensbejahend und mit Freude an der Gefahr, betont ihr lebendiges Verhältnis zum
Mythos und schätzt ihren Brauch der mündlichen Überlieferung, denn in dieser Tradition sah sich
Blixen selbst. Als Vorbild dienten ihr, wie bereits deutlich geworden ist, die Erzählungen aus
Tausendundeiner Nacht, was sich auch in „Den afrikanske Farm“ zeigt. Für Karens Weltbild ist es
zentral, dass der Aristokrat bzw. der Eingeborene über dem bürgerlichen Menschen steht, der durch
geistige Selbstbeschränkung charakterisiert ist. Ihre eigentümliche, symbolische Schreibweise wurde
jedoch häufig missverstanden und deshalb als rassistisch verurteilt.

Neben „Syv fantastiske fortællinger“ und „Den afrikanske Farm“ als ihren beiden Hauptwerken
veröffentlichte Blixen auch eine Reihe kleinerer Arbeiten. Das Porträt ihres Somali-Dieners „Farah“
(1950) ist ebenso wie die Stücke in „Skygger Pa Graesset“, in deutscher Übersetzung „Schatten auf
dem Gras“ (1960), als Nachlese auf ihr Leben in Afrika entstanden. Die Sammlung „Vinter-Eventyr“,
auf Deutsch „Kamingeschichten“ (1942), sind als neue Art der fiktiven Geschichte über die Winter der
Kriegsjahre zu verstehen. Die eng mit der Heimat verbundenen Szenen und Figuren machen daraus
„das dänischste von Blixens Büchern“. Die düsteren und introspektiven „Wintergeschichten“ sind
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Ausdruck des Gefühls einer dänischen Solidarität und stellen insofern eine Art Versöhnung mit ihrer
früheren Entfremdung von Dänemark dar, die sich durch ihre lange Abwesenheit ergab. Angesiedelt
sind die Erzählungen, die Blixens eigenen innerlichen Widerstand gegen die deutsche Okkupation
Dänemarks (1942) ausdrücken, alle in Skandinavien. Im Mittelpunkt steht die Idee, sich nicht
unterdrücken zu lassen. Das spiegelte sich auch darin wider, dass Blixen während des Zweiten
Weltkrieges mithalf, Juden aus Dänemark herauszuschmuggeln.

Die Ideenwelt und Motive ihrer Erzählungen veränderten sich durch diesen neuen Rahmen jedoch
nicht. Als Leitmotive sind überall in den „Wintergeschichten“ Traum, Sehnsucht, Verlust als Privileg
und Figuren, die ihr Schicksal mutig annehmen, sowie der Tod als Augenblick der Offenbarung
auszumachen. Ein Beispiel hierfür ist die fantastische Erzählung „Skibsdrengens Historie“, auf
Deutsch „Geschichte des Schiffsjungen“. Darin hilft eine alte Frau in Tiergestalt der Titelperson, ihre
Bestimmung anzunehmen. In den Erzählungen „Helöise“ und „Sorg-Agre“ (zu Deutsch „Leidacker“)
stehen wiederum religiöse Begriffe wie Versöhnung und Opfer im Mittelpunkt. „Sorge-Agre“ beruht
dabei auf einer südjütländischen Sage, die von einer alten Frau handelt, die ihr Leben opferte, um die
Schuld des eigenen Sohnes zu beweisen. Der Gutsherr, der ihr unmenschliche Arbeit abverlangt, um
die Felder zu bearbeiten, übernimmt ohne sein Wissen die Rolle eines betrogenen Mannes. Die
ganze Handlung folgt einer strengen Weltordnung. Diese altfeudale Grundordnung in Blixens Werk
lässt sich als Einheit von Herrschaft und Dienerschaft beschreiben, denn Ober- und Unterklasse sind
für sie komplementäre, zusammengehörende Größen.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass Karen Blixen in ihrem Werk bewusst den Abstand zu den
psychologischen und sozialrealistischen Wirklichkeitsschilderungen sucht, welche die zeitgenössische
Literatur prägten. Ihre Erzählungen sind vielmehr stark durch die Ära der Romantik beeinflusst, aus
der sie auch am liebsten berichtete. Dass Blixens eigenartige, aber dennoch herausragende Kunst
nicht die verdiente Anerkennung bekam, hat sie selbst in der Erzählung „Babettes Gaestebud“, auf
Deutsch „Babettes Gastmahl“ (1950), hintergründig beschrieben. Die Meisterköchin Babette flüchtet
darin aus der Pariser Kommune und kommt bei einer asketischen Brüdergemeinschaft in
Nordnorwegen unter. Als ihr unvermittelt ein Vermögen zufällt, nutzt sie es, um für die Brüder und
Schwestern ein köstlichstes Festmahl zubereitet. Die vorgesetzten Speisen werden jedoch nicht
gewürdigt, obwohl Babette überzeugt ist, ihr Bestes gegeben zu haben. Sie sieht den Gewinn jedoch
als Zeichen des Schicksals und ist daher stolz, die Idee realisiert zu haben, die Gott für sie bestimmt
hatte.