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Recherchen gestoppt: SRG-

Regionalvorstand interveniert im Fall


Maudet
Ein Mitglied des Führungsgremiums der SRG Westschweiz
moniert, die Berichterstattung im Fall Maudet sei weder
objektiv noch faktenbasiert.

von Andrea Kučera / 3.11.2018

FDP-Staatsrat Pierre Maudet weiht die Genfer Herbstmesse «Les Automnales»


ein. (Genf, 2. November 2018) (Bild: Martial Trezzini / Keystone)

Die E-Mail, die ein Regionalvorstand der SRG Westschweiz an


jenem Samstag verschickt, hat es in sich: «Ich kann nicht
zulassen, dass aus der RTS ein Klatsch-Radio wird», schreibt
Eric Benjamin am 2. Juni dem Direktor des Westschweizer
Radios und Fernsehen RTS, Pascal Crittin.

Was Benjamin derart in Rage versetzt, ist ein Radiobeitrag


vom Vortag von Laetitia Guinand, die für die RTS als
Investigativjournalistin arbeitet und wiederholt über die
umstrittene Luxusreise von FDP-Staatsrat Pierre Maudet nach
Abu Dhabi berichtet hat.

Guinand deckte etwa auf, dass nach Maudets Rückkehr die in


den Vereinigten Arabischen Emiraten domizilierte Firma
Dnata einen wichtigen Auftrag am Flughafen Genf erhielt.
Maudet ist als Wirtschaftsminister der politische
Verantwortliche für das Flughafendossier.

Im Beitrag vom 1. Juni rief Guinand die Rolle von Maudets


Bürro-Chef in Erinnerung, der 2015 zusammen mit seinem
Vorgesetzten nach Abu Dhabi gereist war und sich ebenfalls
hatte einladen lassen. Benjamin moniert, die
Berichterstattung sei weder objektiv noch faktenbasiert.

In der E-Mail an den RTS-Direktor listet er vier Punkte auf,


die falsch seien. Er zähle auf Direktor Crittin, die Sache zu
untersuchen. «Was will Laetitia Guinand?», fragt Benjamin:
«Hat sie etwa eine Rechnung o en mit Pierre Maudet?»

Ein Regelverstoss?
Ein Regionalvorstand, der die eigene Journalistin
schlechtmacht und einen Beitrag kritisiert? Das Vorgehen
wirft Fragen auf. Der neunköp ge Regionalvorstand ist das
Führungsgremium der SRG Westschweiz. In den Statuten ist
festgehalten, dass der Regionalvorstand in laufenden
Programmangelegenheiten keine Einzelweisungen erteilt.
Unter diesem Gesichtspunkt ist die Intervention heikel.
Griff ein: Eric Benjamin.

Benjamin selber sieht dies anders: Auf Anfrage schreibt der


Marketingfachmann, er habe keine Anweisungen gegeben,
sondern nur seine Meinung ausgedrückt und eine objektive
Analyse der Sachlage gefordert. «Das ist keine Verletzung der
Statuten.»

Valérie Perrin vom Schweizer Syndikat Medienscha ender


(SSM) ist hingegen überzeugt, dass Benjamin eine rote Linie
überschritten hat, wie sie der Zeitung «Tribune de Genève»
sagte. Investigativjournalisten müssten in absoluter
Unabhängigkeit arbeiten können und vor Ausseneingri en
geschützt werden, sagt sie auf Anfrage.

Es fällt auf, dass die schriftliche Onlineversion des Beitrags


nach Benjamins Schelte angepasst wurde: Dem Artikel wurde
ein Korrigendum beigefügt, in dem darauf hingewiesen wird,
Maudets Bürochef bestreite einzelne Angaben im Beitrag. Laut
RTS-internen Quellen handelt es sich um ein Detail, das in der
Erstversion falsch war.

Die betro ene Journalistin selbst nimmt keine Stellung. RTS-


Direktor Crittin beteuert, er habe den Mailverkehr mit
Benjamin der Redaktion nicht direkt weitergeleitet und auch
keine Weisungen erlassen. «Ich garantiere für die
Unabhängigkeit meiner Journalisten.»

Drei Monate nach Benjamins Eingreifen gibt die Genfer


Staatsanwaltschaft am 30. August bekannt, dass sie gegen
Maudet wegen Verdachts auf Vorteilsannahme strafrechtlich
vorgehen will. Auf Facebook nimmt der SRG-
Regionalvorstand den Politiker in Schutz. Benjamin kritisiert
die Attacken, denen Maudet ausgesetzt sei, und ruft dessen
Meriten als Polizeivorsteher und Wirtschaftsförderer in
Erinnerung.

Später beteiligt er sich an der Onlinekampagne «Pierre bleib!


Genf braucht dich!», die seit Oktober läuft: Sein Name steht
auf der Liste derjenigen, die ihre Unterstützung für den
angeschlagenen Staatsrat ö entlich gemacht haben. Eine
Verbindung besteht auch über Benjamins Arbeitgeber, die PR-
Agentur Cabinet Privé de Conseils. Über den Firmengründer
Philippe Eberhard heisst es in einem Zeitungsporträt, er sei
ein enger Vertrauter Maudets.

«Arme Schweizer Presse»


Dass Benjamin als Privatperson für den FDP-Staatsrat Partei
ergreift, ist sein Recht. Problematisch wird es, wenn er diese
Haltung als Regionalvorstand zum Ausdruck bringt – was er
nach der E-Mail vom 2. Juni ein zweites Mal tut.

Benjamin bestätigt, dass er Ende Juni erneut nach einem


Beitrag von Guinand interveniert habe. Seither hat die
Journalistin nur noch wenig publiziert; ihr letzter Beitrag
datiert vom 18. September. Recherchen ergeben, dass die RTS-
Berichterstattung zum Fall Maudet von internen Journalisten
als zurückhaltend wahrgenommen wird. Direktor Crittin
dementiert, dass Benjamin einen Ein uss auf die
Programmgestaltung gehabt habe.

Anfang Oktober hätte Journalistin Guinand zeitgleich mit der


Sendung «Rundschau» des Deutschschweizer Fernsehens
einen Beitrag publizieren wollen. Doch die Zusammenarbeit
wurde gestoppt. Über den «Rundschau»-Beitrag schrieb
Benjamin später auf Facebook: «Arme Schweizer Presse. Sie
sinkt tiefer und tiefer.»

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