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KLAUS K U N K E L

Im gläsernen Fingzeug
durch die Schallmauer

Verlag Neues Leben Berlin

1953
Die Sonne stieg über die Gebirgszüge der Hohen Rhön und sandte
zögernd ihre ersten rötlichen Strahlen zur Erde. Eilig verschwanden
einige Kumuluswolken vom morgendlich-blauen Himmel. Gegen die
sieghafte Wärme der Lebensspenderin Sonne konnten sie nicht be-
stehen.
Ungefähr achtzig Meter unterhalb des oberen Plateaus der Wasser-
kuppe standen mehrere langgestreckte Schuppen, die ein dreistöckiges
Wohnhaus umsäumten. Auf dem flachen Dach des Gebäudes flatterte
die blaue FDJ-Fahne neben einem metallenen Kugelgestänge, dem
Wind- und Feuchtigkeitsmesser der Meteorologischen Station.
Aus dem Wohnhaus trat der Heimleiter Kurt Mathiesen. Er war
ein älterer breitschultriger Mann mit klugem Gesicht und offenem
Blick. In seinen kurzen Lederhosen, aus denen die behaarten Beine
ragten, wirkte er wie ein Alpenbauer.
Lauschend hob Mathiesen den Kopf, als er heftige Hammerschläge
vernahm. Das Geräusch kam doch aus dem Hangar IV. In jedem
Hangar war eine kleine Reparaturwerkstatt eingerichtet. Hier standen
den Segelflugpiloten eine Hobelbank, ein Schraubstock und das wich-
tigste Handwerkszeug zur Verfügung. - Ja, sollte einer schon vor ihm
bei der Arbeit sein? Im allgemeinen hatten die jungen Segelflieger
einen gesunden Schlaf. Kurt Mathiesen war es gewohnt, als erster
aufzustehen, um dann das junge Volk aus den Betten zu holen. Mit
schnellen Schritten ging er zum Schuppen hinüber, aus dem der
Arbeitslänn kam.
Vor einem großen Segelflugzeug, das auf acht gepolsterten Böcken
ruhte, stand ein großer blonder Junge. Auch er war mit einer kurzen
Lederhose bekleidet. Seine nackten Füße steckten in braunen Leder-
sandalen. Er trug ein blaues FDJ-Hemd, das über der Brust geöffnet
war und eine gesunde, braune Haut sehen ließ. Das Haar war un-
gekämmt. Mit einer ruckartigen Kopfbewegung warf er eine wider-
spenstige Haarsträhne aus dem Gesicht.
„Freundschaft", grüßte der Heimleiter.
„Freundschaft", erwiderte der Junge und ließ sich nicht stören,
sondern feilte weiter an einer eingeschraubten Holzstrebe.
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Mathiesen trat näher. „Was machst du denn schon so früh?" fragte
er. „Alle anderen schlafen noch. Wir haben uns noch gar nicht gesehen.
Du bist wohl erst gestern gekommen?"
„Ja", sagte Hans-Jürgen und legte das Werkzeug aus der Hand. „Sie
sind bestimmt Vater Mathiesen. Ich habe schon in Leipzig viel von
Ihnen gehört."
Der Mann schüttelte dem Jungen kräftig die Hand. „Und warum
bist du schon so zeitig auf?"
„Daß unsere Kiste gut angekommen ist, davon hatten wir uns schon
in der Nacht überzeugt", erklärte Hans-Jürgen. „Aber mir war ein-
gefallen, daß wir noch die zweite Strebe der linken Tragfläche ver-
bessern könnten - das hab' ich dann gleich getan. Ich wollte es nicht
auf die lange Bank schieben."
Hans-Jürgen war mit ganzem Herzen bei der Fliegerei. Er war es
so sehr, daß seine Leistungen in der Schule zurückgegangen waren
und er fast das Klassenziel nicht erreichen würde. Die vielfältigen
Probleme, die mit dem Flugzeugwesen zusammenhingen, begeisterten
ihn. Er wußte Bescheid in der Physik, der Meteorologie und im Flug-
zeugbau. Aber er wollte nicht begreifen, warum er auch Sprachen
lernen, die einfachsten Grundformeln der Chemie beherrschen und
Kenntnisse über die deutsche Arbeiterbewegung sammeln sollte. Oft
machten ihm seine Klassenkameraden Vorwürfe.
„Ach was", entgegnete dann Hans-Jürgen, „ich werde Flugzeug-
führer, und was damit nichts zu tun hat, interessiert mich nicht. Wozu
brauche ich das alles? Ihr könnt mich jetzt schon in jede Maschine
setzen und ich ziehe euch technisch einwandfrei Loopings."
Doch die Freunde des Klassenkollektivs gaben nicht nach. In ihren
Arbeitsgemeinschaften versuchten sie, Hans-Jürgen zu überzeugen.
Das beste Argument war schließlich die Zwischenprüfung, die er nicht
bestand. Danach begann Hans-Jürgen, sich mit den ihm unsympathi-
schen Fächern vertraut zu machen. Es war ihm klar geworden, daß er
ohne bestandene Abschlußprüfung nicht zum SpezialStudium zu-
gelassen würde. Er mußte wenigstens die erforderliche Durchschnitts-
note erringen. In den Ferien wollte er sich nun bei dem geliebten
Segelflugsport Kraft zum Endspurt auf die Prüfung holen.
Der Heimleiter entging der laugen Erläuterung, warum und wie
die Strebe der linken Tragfläche verbessert werden mußte, nur da-
durch, daß er um das große Segelflugzeug herumging und es fach-
männisch begutachtete. „Ein prima Steinadler", brummte er anerken-
nend. „Von der Wasserkuppe sind noch nicht viele Kisten dieser zwei-
sitzigen Art gestartet. Ihr werdet wohl erst kleine Sprünge machen
wollen, wie?"

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„Wo denken Sie hin?" wehrte Hans-Jürgen ab. „Kleine Sprünge
können wir bei uns auch machen. Wir wollen gleich richtig loslegen.
Die Wetterbedingungen sind heute günstig. Wir haben die Eigenarten
der Rhön genau studiert. Der Wart hat den Start für 10.30 Uhr vor-
gesehen. Als Flieger", sagte er selbstbewußt, „bin ich der Meinung,
daß wir den maximalen Aufwind ausnutzen müssen, um dem Abstieg
durch Wind und Trudeln entgehen zu können. Dabei ist zu beachten,
daß die Gleichgewichtslage der Kiste durch den Querschnitt des
hinausgeschossenen Luftteils der absinkenden Massen . . . "
„Schon gut, schon gut", unterbrach Mathiesen den Redefluß des
Jungen. „Ich glaube dir, daß du Bescheid weißt. Doch noch eins: War-
um habt ihr euren Vogel .Hannes Dittmer' genannt? Ich habe den
Namen noch nie gehört! Ist das ein bedeutender Mann?"
Hans-Jürgen wurde verlegen. „Nein . . . das heißt, ja . . . oder
besser . . . noch nicht. Hannes Dittmer ist der Leiter des Klassenkollek-
tivs, unser bester Schüler. Roland bestand darauf, daß wir unsere
Kiste nach ihm benennen. Ich sollte . . . na ja . . . ich sollte seinen
Namen immer vor Augen haben."
„So, so, du hast es also nötig?"
„Eigentlich nicht mehr. Wissen Sie, als Flieger war ich nämlich der
Ansicht, daß ich mich nur damit beschäf ..."•
Hans-Jürgen kam nicht dazu, seine Entschuldigungen anzubrin-
gen. Der Schatten eines Jungen fiel auf die Tür des Hangars. Es war
Roland, der Freund und Schulkamerad Hans-Jürgens. Er begrüßte
den Heimleiter.
Im Gegensatz zu Hans-Jürgen war Roland sorgfältig angezogen.
Das braune Haar lag ordentlich gescheitelt über der hohen Stirn. Er
maß nur einige Zentimeter weniger als der erste Pilot der „Hannes
Dittmer".
Roland war ein zielbewußter junger Mensch. Man konnte Hans-
Jürgen keinen besseren Freund-wünschen.
„Also dann wünsche ich euch Hals- und Beinbruch. Wir sehen uns
beim Frühstück wieder;" Mit diesen Worten verabschiedete sich
Mathiesen.

Die beiden Jungen verzehrten ihr Frühstück mit gutem Appetit.


Hans-Jürgen war schon in vergangenen Jahren mit anderen Flug-
zeugen von der Wasserkuppe geflogen. Für Roland war es der erste
Flug in der Hohen Rhön. Am Vormittag hatten sie damit zu tun, ihr
Flugzeug auf der modernen Katapultbahn startfertig zu machen. Viele
Jungen und Mädchen halfen ihnen und bestaunten den Zweisitzer.
Hans gab bereitwillig Auskünfte.

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„Als Flieger muß ich euch sagen, daß an so einem Zweisitzer gar
nichts Besonderes dran ist", erklärte er. „Von beiden Pilotensitzen aus
kann selbständig gesteuert werden. Man muß natürlich immer wissen,
wer an der Reihe ist, Das Schwierigste beim Bau ist das Ausbalancie-
ren. Da habe ich noch einige Verbesserungen angebracht..."
Endlich war es dann soweit Die Startbahn wurde von Unberufe-
nen geräumt. Die beiden Piloten zogen wärmende Kombinationen an,
denn in den Höhen war es sehr kalt. Hans-Jürgen kletterte in den
Vordersitz, Roland nahm dahinter Platz. Der Startleiter und der
Wetterwart gaben die letzten Ratschläge, auf die Hans-Jürgen nur mit
halbem Ohr hörte.
„Alles fertig?"
„Alles fertig!" antwortete Roland, Hans-Jürgen nickte nur. Er kon-
zentrierte sich auf den Steuerknüppel und beobachtete den Wind-
messer und den Höhenanzeiger.
Das starke Gummiseil des Katapults straffte sich. Der erste Pilot
wartete auf den stärkeren Aufwind. „Achtung - los!"
Wie ein Pfeil schoß das Flugzeug über den Abhang. Starke Auf-
winde packten die Tragflächen. Geschickt nutzte Hans-Jürgen diese
aus. Langsam schwebte der „Hannes Dittmer" höher und höher. Unter
ihnen zogen Berge, Wälder und Täler vorbei.
Es war ein Gefühl, wie es so herrlich nur das Segelfliegen hervor-
ruft. Fast geräuschlos, scheinbar losgelöst von jeder Erdenschwere
gleitet man auf den Winden entlang, wie von unsichtbaren Händen
getragen. Wie stolz war Hans-Jürgen, daß auch er die von der Wissen-
schaft erkannten Gesetze der Natur beim Segelflug anwenden konnte.
Hans-Jürgen wandte den Kopf. „Wir fliegen, wir fliegen", jauchzte
er seinem Freunde zu. Dieser nickte, seine Augen strahlten. An der
Startbahn auf der Wasserkuppe standen die Zurückgebliebenen und
sahen sehnsuchtsvoll dem Flugzeug nach, solange sie es erblicken
konnten.
^ „ D a s war ein großartiger Start", meinte der Wetterwart. „Schätze,
daß sie mindestens drei Stunden oben bleiben werden. Wer weiß, von
wo wir sie zurückschleppen müssen. Hoffentlich machen sie nicht
Bruch."
Der Startleiter schüttelte den Kopf. „Die beiden bestimmt nicht,
sonst will ich nichts mehr vom Segelflug verstehen. Oder es müßte
nicht mit rechten Dingen zugehen."

In einem tiefen Tal des Spessarts lag das Versuchsgelände des VEB-
Düsenflugzeugbau. Man hatte den natürlichen Kessel durch Spren-
gungen erweitert, den Boden geebnet und betoniert. So war ein runder

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Flugplatz entstanden, dessen Durchmesser zweieinhalb Kilometer
betrug. Hier konnten also auch Flugzeuge mit großem Auslauf starten
und landen.
Außer der glatten Fläche w a r von diesem Versuchsgelände nichts
zu sehen. Die Garagen für die Automobile, die Unterkünfte für die
Flugzeuge, die Labors und Werkstätten, die F u n k - u n d Meßräume, die
Energieaniagen, alle w a r e n in die fast senkrechten Felswände hinein-
getrieben. Riesige Glasfenster gaben von dort die Sicht zum Flugfeld
frei. N u r w e n n es notwendig wurde, fuhr man die S t a r t t ü r m e und
Landebrücken aus.
Gegen Beobachtung aus der Luft w a r das Gebiet gut getarnt.
Durch das Gebirge führte n u r ein einziger bewachter Anfahrtsweg
zum Versuchsgelände. Diese Vorsichtsmaßnahmen waren notwendig,
denn hier w u r d e n die wichtigsten Experimente mit neuen Erfindun-
gen durchgeführt, bevor sie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht
wurden. Die Agenten der imperialistischen Staaten scheuten keine
Mittel, um sich in den Besitz neuer Konstruktionen zu setzen. Die
Sicherheitsmaßnahmen w a r e n besonders sorgfältig getroffen, wenn
Experimente u n d Versuche durchgeführt wurden.
Auch heute lag eine Spannung über dem weiten Platz. Besonders
Professor Wasserberg spürte sie beinah schmerzhaft. Mit unruhigen
Schritten ging er in seinem Zimmer auf u n d ab, die Hände auf dem
Rücken verschränkt. Die lange hagere Gestalt w a r leicht nach vorn
übergebeugt, sorgenvoll runzelte er die Stirn.
Füf kurze Augenblicke blieb der Gelehrte vor einem Gerät stehen,
das einem Fernsehempfänger ähnlich sah. N u r w a r es doppelt so groß
und hatte eine geringere Tiefe. Auf der Milchglasscheibe waren viele
kleine Quadrate eingetragen. In ihnen sah m a n den Schatten eines
dreieckigen Flugzeuges, der sich langsam v o r w ä r t s bewegte. Gespannt
beobachteten zwei andere Männer im Zimmer des Professors den
Zeiger des neben dem A p p a r a t angebrachten Zifferblatts. Das Gerät,
ein Geschenk der Sowjetunion, erleichterte den Forschern seit Wochen
die wissenschaftlichen Beobachtungen.
„Ich k a n n deine U n r u h e nicht verstehen, Rudolf", versuchte Pro-
fessor Wenzel, der Direktor des Staatlichen Instituts für Aerodynamik,
seinen nervösen Kollegen zu beruhigen. Beide Professoren kannten
sich durch j ahrzehntelange Zusammenarbeit. Im Gegensatz zu Wasser-
berg besaß Wenzel eine füllige Figur, u n d sein Gesicht strahlte stets
voller Zufriedenheit. I m m e r aber steckte er voller Energie und
Zähigkeit.
Professor Wenzel fuhr fort: „Deine Glasfasern haben bisher alle
Proben bestanden. W a r u m sollten sie also bei d e r letzten versagen?

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Ich bin schon jetzt davon überzeugt, daß wir in Zukunft unsere Über-
schallflugzeuge nur noch aus Glas bauen werden."
„Ich bin der gleichen Meinung, Herr Professor", pflichtete der dritte
Mann im Zimmer bei. Es war der Chefpilot und Einflieger des Werks,
Conrad Martens. „Von mir aus hätten wir auf diesen ferngelenkten
Flug ohne Piloten verzichten können. Am liebsten hätte ich die
Maschine gleich selbst ausprobiert. Ich habe Vertrauen zu Ihrer
Arbeit."
„Habt Dank, Freunde", antwortete der Leiter des Labors für Flug-
zeugbaustoffe im VEB-Düsenflugzeugbau mit verlegenem Lächeln.
„Auch ich habe Vertrauen zu meiner Arbeit. Meine Berechnungen
stimmen. Nur, man wird schon leicht nervös, wenn das Ergebnis einer
langjährigen Arbeit bestehen soll. Die werktätigen Menschen unserer
Republik haben ein Recht darauf, zu erfahren, wie ich die Mittel ver-
wendet habe, die mir zur Verfügung gestellt wurden."
„Die Reibungstemperaturen bei den schnellen Maschinen haben uns
schon immer Kopfzerbrechen gemacht", sagte Professor Wenzel. „Wir
sind an den Punkt gekommen, an dem unsere Kühlanlagen bei der
Überschallgeschwindigkeit nicht mehr ausreichen. Der neue Flug-
zeug-Baustoff Glas hat viele gute Eigenschaften: ausgezeichnete Iso-
lation, hohe Temperaturbeständigkeit, Druckfestigkeit, und er braucht
nicht poliert zu werden. Ich wiederhole: Deine Glasfasern mit der
transparenten Kunststoffverstärkung sind der Baustoff der Zukunft."
Ja, alle in diesem Raum glaubten an den neuen Baustoff Glas für
die Überschallflugzeuge. Immer größer war die Geschwindigkeit der
Vögel aus Metall geworden, von Menschen gesteuert und von starken
Maschinen getrieben. Sie flogen schneller als der Schall, ließen den
Lärm der eigenen Motoren weit hinter sich. Doch auch eine Schwierig -
keit wurde immer größer: die Überwindung der hohen Reibungs-
temperaturen. Die automatischen Kühlanlagen konnten ihrer Auf-
gabe nicht mehr gerecht werden, außerdem belasteten diese Appara-
turen das Flugzeug zu sehr. Nun flog der erste aus einem besonderen
Glasstoff gebaute Überschallrenner ohne Kühlanlage. Es war ver-
ständlich, daß der Schöpfer dieses neuen Baustoffs aufgeregt war.
Das Schweigen wurde nach einiger Zeit von Professor Wasserberg
unterbrochen: „Die Maschine ist gut in die Schallmauer eingedrun-
gen. Sie fliegt jetzt", er vergewisserte sich mit einem Blick auf das
Zifferblatt, „mit 1693 Stundenkilometer Geschwindigkeit. Laßt uns
in den Saal gehen, vielleicht erfahren wir dort mehr."
In einem langen Raum saßen Ingenieure vor vier schrägen Regie-
pulten. Sie steuerten durch Ultrakurzwellen das ferngelenkte Flug-
zeug, das dort oben irgendwo über den Wolken raste. Nein, nicht

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irgendwo. An einer Wand hing nämlich vergrößert die gleiche Milch-
glasscheibe wie im Zimmer des Professors. Auf ihr konnte man die
Bahn des Flugzeuges genau verfolgen.
„Daß man jetzt nicht weiß, was mit der Maschine geschieht", klagte
Professor Wasserberg.
„Sehen Sie, hätten Sie mir den Steuerknüppel überlassen, dann
könnte ich Ihnen genau Bericht erstatten", sagte Martens.
„Niemals würden wir dem Experiment mit bemanntem Flugzeug
zugestimmt haben", wandte der Direktor des Instituts ein. „Es kommt
darauf an, zuerst einmal die Festigkeit des Materials zu überprüfen.
Noch scheint alles in Ordnung zu sein, sonst wäre die Maschine längst
auseinandergeplatzt. Über alles andere werden uns die eingebauten
Apparate nach der Landung Auskunft geben. Gedulden wir uns noch
einige Minuten."
Gehorsam folgte das Ultraschallflugzeug den Befehlen, die ihm
durch die kurzen Wellen mit 94,5 Millionen Schwingungen in der
Sekunde über Spezialsender auf den höchsten Bergen des Spessarts
übermittelt wurden. Professor Wenzel atmete tief und ließ jetzt kei-
nen Augenblick die Beobachtungstafel aus den Augen.
„Was soll denn noch geschehen?" fragte der Chefpilot den Direktor.
„Das Experiment ist gelungen. Man sollte die Maschine schnell her-
unterholen, damit ich mit ihr aufsteigen kann."
Ehe Professor Wenzel antworten konnte, kam ihm Wasserberg
zuvor: „Sie haben recht, Martens. Aber vorher noch den Sturzflug
als letzte Belastungsprobe." Der Professor wandte sich den Ingenieuren
zu und gab ihnen einige Anweisungen.
Die Beobachter konnten an der Tafel sehen, daß das Flugzeug in
die Kurve ging und über das Gebirge zurückkehrte. Jetzt stellte es
sich auf die Nase, und genau lotrecht durchlief der kleine Schatten der
Maschine ein Quadrat nach dem anderen auf die absolute Null-Gerade
zu. Der Überschallrenner stürzte. Aber nicht nur die Schwerkraft und
die Anziehungskraft der Erde wirkten, sondern auch die auf volle
Stärke eingeschalteten Raketen und Strahlturbinen jagten das gläserne
Flugzeug auf die Erde hinunter. Der Geschwindigkeitsmesser zeigte
2127,3 Stundenkilometer. Würde die Maschine der härtesten Zerreiß-
probe standhalten?
Die Menschen wagten nicht, Luft zu holen. Atemlose Stille lastete
im Raum.
Da gellte ein Alarmsignal. Alle Augen richteten sich erschreckt auf
ein Instrument, dessen Zeiger plötzlich auf die Ausgangsstellung
zurückgefallen war.
„Lenkung versagt", rief der leitende Ingenieur.

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„Bremsen Sie!" schrie Professor Wasserberg mit sich überschlagen-
der Stimme. „Bremsen Sie!"
Ein paar schnelle Handgriffe. Die Raketen und Turbinen des Flug-
zeugs hörten mit einem Schlag auf zu arbeiten. Die Geschwindigkeit
des Flugzeugs verringerte sich. Doch vergeblich gaben die Ultrakurz-
wellen die Anweisung an die Steuerung. Wie ein Stein sauste das
gläserne Flugzeug herab. Nur noch fünf - vier - drei - Quadrate trenn-
ten es von der Null-Geraden. Jetzt schlug es auf. Obwohl aus der
Übertragung keine Detonation zu hören war, glaubten alle Anwesen-
den den schrecklichen Lärm des Aufschlages zu vernehmen.
Draußen gellten die automatischen Sirenen. Hilfskommandos rück-
ten aus. Schnell wurde der Absturzort ermittelt. Die Einsatzwagen
preschten davon. Dann war es wieder ruhig.
Auf der Stirn Professor Wasserbergs standen kleine Schweiß-
perlen. Er wischte sie fort. „Hoffentlich ist das Flugzeug in einer un-
bewohnten Gegend abgestürzt", sagte Wenzel und wies auf den Ort
des Unglücks. Professor Wasserberg gab keine Antwort, sondern trom-
melte ungeduldig mit den Fingern auf ein Regiepult.

Alles war vergessen: die mühevolle Arbeit des Kollektivs beim


Bau des „Hannes Dittmer", überhaupt die ganze Schule und ihre.,
Arbeit; vergessen waren die gastfreundliche Aufnahme auf der
Wasserkuppe und die Bewunderung der Freunde, die dem schnittigen
Segelflugzeug gegolten hatte; ja, selbst an den gelungenen Start
dachten Roland und Hans-Jürgen nicht mehr. Sie genossen in vollen
Zügen die Schönheit des Fluges und waren darauf bedacht, den
„Hannes Dittmer" solange wie möglich in der Luft zu halten. Wenn
die beiden Jungen miteinander sprachen, dann nur, um sich gegen-
seitig auf besonders anmutige Landschaften oder bizarre Woiken-
bildungen aufmerksam zu machen. Geschickt nutzten sie das Auf und
Ab der Luftströmungen für ihre Kiste aus.
N%ch dem Start hatte das Segelflugzeug rasch an Höhe gewonnen.
Die Wasserkuppe war 950 Meter hoch. Jetzt zeigte der Höhenmesser
2253 Meter. Den höchsten Stand hatte der „Hannes Dittmer" mit 3167
Metern erreicht. In dieser Höhe machte sich ein langsam immer stär-
ker werdender Wind aus Nordosten bemerkbar, der das Flugzeug nach
Südwesten trug. Über zehn Stunden dauerte bereits der Flug. Eine
gute Zeit, wenn man bedenkt, daß von solch jungen Piloten selten
Flugzeiten über 400 Minuten erzielt wurden. Die Piloten konnten mit
ihrem erstenStart in der Hohen Rhön zufrieden sein. Sie kosteten jede
Minute das herrliche Gefühl des Segelfliegens aus und wurden nicht
müde, den Steuerknüppel zu bedienen.

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Hans-Jürgen hatte die Landkarte auf seinen Knien ausgebreitet.
„Wo sind wir denn ungefähr?" fragte ihn Roland.
„Das Gebirge unter uns ist der Spessart", antwortete Hans-Jürgen.
„Diesen Flug wird uns so leicht niemand nachmachen. Wir haben uns
ungefähr 100 Kilometer von unserem Startplatz entfernt. Mathiesen
und die anderen alle werden Augen machen, wenn sie uns abholen.
Ich glaube, diese gute Flugleistung ist nur auf die verbesserte Strebe
in der linken Tragfläche zurückzuführen. Sieh mal, Roland, die beson-
dere Fähigkeit der Kiste, beim Absteigen die Form zu wahren und
jede Verschiebung zu vermeiden, ist doch ein Verdienst..."
Die langatmigen und umständlichen Erklärungen des ersten Pilo-
ten wurden durch eine Bö unterbrochen, die plötzlich das Flugzeug
packte und die Aufmerksamkeit des Zuhörenden in Anspruch nahm,
der das Steuer führte. Es gelang Roland, die Kiste noch einmal abzu-
fangen, aber sie hatten erheblich an Höhe verloren. Sie waren nur
noch 1300 Meter hoch.
„Wir werden uns einen Landeplatz suchen müssen", meinte Hans-
Jürgen. „Außerdem habe ich schon eine Idee, wie man die rechte Seite
auch noch mehr verbessern kann."
„Such erst einmal den Geyersberg", wies ihn sein Freund an. Das
Flugzeug sackte schon stufenweise tiefer. „Der Geyersberg ist 585 Meter
hoch und soll einen guten Landeplatz haben."
„Roland", rief jetzt Hans-Jürgen aufgeregt, „paß auf beim Landen.
Hier stehen sonderbare Stahltürme auf den Bergen. Sie sehen wie
Antennen oder Sender aus."
Auch Roland beugte sich seitwärts, um besser beobachten zu kön-
nen. Da vernahmen die beiden Jungen auf einmal über sich ein tosen-
des Geheul. Etwas Großes, Glitzerndes schien auf sie herunter-
zustoßen. Ein heißer Luftzug riß den „Hannes Dittmer" mit sich.
Dann erfolgte eine gewaltige Explosion, die von den Bergen wider-
hallte.
Das war das Letzte, was die Jungen mit wachen Sinnen empfan-
den. Sie spürten noch, wie ihr Segelflugzeug zu trudeln begann, schnel-
ler und schneller. Ihre Herrschaft über den Zweisitzer ging verloren.
Rasch kamen sie der Erde näher.
Wie eine zerdrückte Streichholzschachtel lag der „Hannes Ditt-
mer" am Boden. Spanten, Verstrebungen und andere Holzteile ragten
aus dem Trümmerhaufen. Die Freunde gaben kein Lebenszeichen
mehr.

„Wirklich, Doktor, kerne große Gefahr? Das ist aber ein Zufall!
Nur Hautabschürfungen? - Sofort wieder eingeschlafen? - Ich bin

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sehr beruhigt. - Ja, ich erwarte sie sofort, nachdem sie munter ge-
worden sind. - Danke schön, Doktor.''
Aufatmend legte Professor Wasserberg den Telephonhörer nieder
und lehnte sich in seinem Schreibtischsessel zurück. Er wandte sich
seinem Freunde zu: „Wie schrecklich, wenn den Jungen etwas
geschehen wäre. Ein wissenschaftliches Experiment, bei dem Men-
schen verletzt worden wären! Nicht auszudenken!"
Der Direktor des Staatlichen Institutes für Aerodynamik hob die
Schultern und sagte: „Vor allen Dingen haben wir eine wichtige Lehre
aus dem Vorfall zu ziehen: Das Versuchsgelände ist auch für die Segel-
fliegerei zu sperren. Überfliegungsverbot für Motorflugzeuge allein
nützt nichts. Der Wind kann oft die Ursache für großen Schaden
werden, wenn er die leichten Sperrholzkisten hier herüberträgt."
„Natürlich hast du recht", pflichtete ihm Wasserberg bei. „Außer-
dem müssen die ferngelenkten Versuchsmaschinen mit Radarsendern
ausgerüstet werden. Aus Belastungsgründen haben wir bisher davon
abgesehen. Aber die Radarwellen melden automatisch jedes Hemmnis
und lenken durch Relaisschaltungen das Flugzeug selbsttätig an
jedem Hindernis vorbei. Dann kann es auch nicht mehr zu Abstürzen
kommen, nur weil die Fernlenkung versagt. Übrigens scheint es mir
vordringlich zu sein, herauszubekommen, weshalb die Empfangs-
anlage im verunglückten Flugzeug nicht auf die letzten Kommandos
reagiert hat. Die Ursache des Fehlers muß gefunden werden, ehe er-
neut ein Start vorgenommen wird."

Roland schlug die Augen auf und versuchte seine Gedanken zu


konzentrieren. Um ihn herum war es dunkel. Er fühlte nur, daß er in
einem weichen Bett lag. Er richtete sich auf.
Im gleichen Augenblick wurde es im Zimmer taghell. Der Junge
gewahrte, daß in einem zweiten Bett Hans-Jürgen blinzelnd die Augen
öffnete. „Nanu?" wunderte sich dieser.
Die Freunde fühlten sich ausgeruht und erholt. Nicht einmal der
Kopf brummte ihnen. Nur einige Pflaster zeugten von ihrem Unfall.
Neugierig sahen sich die beiden um. Ihre Betten standen in einem
getäfelten Raum. An der einen Wand befand sich eine Tür, die durch,
eine besondere Verkleidung auffiel. Im übrigen bemerkte man weder
eine Klinke noch ein Schloß. An einer anderen Wand stand ein schlich-
ter großer Schrank. Das Licht strahlte indirekt von allen Seiten, ohne
daß sie eine besondere Lichtquelle entdecken konnten.
Angestrengt überlegte Roland. Plötzlich fiel ihm etwas ein. „Hans-
Jürgen", sagte er, „leg dich hin." Erstaunt gehorchte der Freund. Dann
legte sich auch Roland nieder. Sofort erlosch das Licht. Er richtete

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sich auf; wieder wurde es hell. Einige Male wiederholten die Jungen
dieses Spiel.
Hans-Jürgen war begeistert. „So etwas habe ich noch nicht erlebt.
Das ist ja großartig. Aber nun möchte ich endlich wissen, was aus
unserer Kiste geworden ist und wo wir hier sind. Hunger habe ich
auch. Niemand kümmert sich um uns. Was meinst du, ob ich rufen
soll?"
„Nicht notwendig", erwiderte Roland. „Ich denke, daß unsere bis-
her noch unsichtbar gebliebenen Gastgeber bestimmt schon wissen,
daß wir wach geworden sind. Es kommt mir so vor, als ob wir hier
noch allerlei interessante Dinge erleben werden."
Er sprang aus dem Bett und öffnete neugierig den Schrank. Dort
hingen ihre Kleider. Schnell zogen sie sich an. Hans-Jürgen ging auf
die Zimmertür zu, die plötzlich zur Seite rollte.
Draußen stand ein sonderbares Fahrzeug, das aussah wie die
Kabine eines Paternosters, nur ungleich komfortabler eingerichtet.
Der Abstand von der geöffneten Tür betrug nur einen Meter, und es
war offensichtlich, daß dieses Transportmittel für sie bestimmt war.
Bevor die Jungen ihr Zimmer verließen, beschauten sie sich ein-
gehend den langen schmalen Gang, der an der Tür rechts und links
vorbeiführte. Auch er war indirekt beleuchtet.
Hans-Jürgen drängelte. Er wollte endlich das auf sie wartende
Fahrzeug benutzen. Schnell stiegen sie ein. Die Zimmertür rollte
wieder zurück, die kleine Kabinentür schlug zu, und surrend setzte
sich ihre Kabine in Bewegung. Die Fahrt dauerte nicht lange. Die
beiden konnten den Weg, den ihr Fahrzeug nahm, nicht verfolgen. Die
Kabine besaß keine Fenster. Einige Male stoppte das Gefährt, aber die
Tür ging nicht auf. Doch endlich waren sie am Ziel, denn die Tür
öffnete sich von selbst. Die Jungen traten in das Arbeitszimmer Pro-
fessor Wasserbergs.
„Meine lieben jungen Freunde . . . " Mit ausgebreiteten Armen ging
der Leiter des Labors für Flugzeugbaustoffe auf die Eintretenden zu.
„Ich bin so froh, daß euch nichts geschehen ist. Nehmt Platz."
Roland und Hans-Jürgen setzten sich in bequeme Sessel. Der Pro-
fessor ließ sie vorerst nicht zu Wort kommen. Er nannte ihnen seinen
Namen, gab eine kurze Schilderung des Unglücksfalls und schloß mit
der Einladung, die restliche Ferienzeit auf dem Versuchsgelände zu
verbringen.
„Es tut mir sehr leid, euch mitteilen zu müssen, daß ihr euer Segel-
flugzeug nicht mehr gebrauchen könnt. Ihr werdet euch davon über-
zeugen müssen. Natürlich leisten wir Ersatz, aber in diesen Ferien
werdet ihr kaum noch zum Fliegen kommen. Deshalb genießt unsere

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Gastfreundschaft. Seht euch bei uns gründlich um, dann werdet ihr
nichts zu bereuen haben."
Der Professor beobachtete die Jungen aufmerksam, um zu er-
gründen, wie sie seine Einladung aufnahmen. Sie zauderten. Wasser-
berg legte ihre Unentschlossenheit falsch aus.
„Auf folgendes muß ich euch hinweisen: Wenn ihr jetzt zurück-
kehrt, würde man euch nach allen Einzelheiten eures Absturzes
befragen. Ihr seid als gute Segelflieger bekannt, und eure Freunde
würden sich mit oberflächlichen Erklärungen nicht zufriedengeben.
Es liegt uns aber nichts daran, daß vorzeitig bekannt wird, daß wir mit
neuen Experimenten beschäftigt sind. So haben wir bereits den Heim-
leiter auf der Wasserkuppe verständigt, daß ihr vorläufig bei uns
bleibt. Wie denkt ihr nun darüber?"
Als erster antwortete Roland: „Natürlich bleiben wir sehr gern,
Herr Professor. Wir waren nur von der Einladung derart überrascht,
daß wir nicht sofort Antwort geben konnten."
Endlich faßte sich auch Hans-Jürgen. „Wir sind auf dem Versuchs-
gelände des VEB-Düsenflugzeugbau?" fragte er ungläubig. „Das ist ja
großartig! Als Flieger habe ich mir schon immer gewünscht, hierher
zu kommen, um mir alles gründlich ansehen zu können. Oh, ich werde
die neuesten Typen sehen können, vielleicht auch einmal mit ihnen
fliegen! Ich kann schon eine richtige Maschine steuern, Herr Professor.
Vorerst würde ja genügen, wenn ich nur mal als zweiter Pilot mit-
machen darf. Wo stehen denn die Strahlendüsenflugzeuge? Dürfen wir
sie sehen?"
Der Professor lachte: „Aber natürlich, ihr dürft euch alles an-
schauen. Es wird euch vieles interessieren."
„Zum Beispiel die selbsttätige indirekte Beleuchtung und die
geheimnisvolle Kabine, mit der wir durch den Felsen gefahren sind",
sagte Roland.
Willig erklärte der Professor: „Das sind nur einige der modernsten
Bequemlichkeiten, die für die Menschen geschaffen wurden, die hier
in den Bergen arbeiten. Wir brauchen draußen die Fläche für unsere
Versuche und mußten deshalb die Arbeits- und Wohnräume in die
Felsen sprengen. Es kam darauf an, die gleichen Lebensbedingungen
wie an der Erdoberfläche zu schaffen."
Nach einer kurzen Pause fuhr der Professor fort: „Überlegung und
Arbeit hat dies alles gekostet. Niemals aber hätten wir so großzügig
bauen können, wenn nicht unsere Regierung Mittel zur Verfügung
gestellt hätte. Doch diese Investitionen haben sich gelohnt. Die werk-
tätigen Menschen unserer Republik kommen in den Genuß der Kon-
struktionen, die wir hier erproben. Nie zuvor in der Geschichte unseres

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Vaterlandes standen der Entwicklung der'Wissenschaft so viele Mög-
lichkeiten offen wie jetzt, da wir ein einiges demokratisches Vaterland
haben, das stark und friedliebend ist."
„Vor allem kommen bei uns die Ergebnisse der Arbeit den arbeiten-
den Menschen selbst zugute", pflichtete Roland dem Professor bei.
„Aber kühn ist es doch, ein so großartiges Projekt wie dieses hier,
durchzuführen." Wasserberg lächelte. „Die Kühnheit ist uns nichts
Fremdes. Angeregt zu diesem Bau wurden wir durch den Vorschlag
einiger polnischer Kollegen. Als wir über den Plan zur Einrichtung
unseres Versuchsgeländes sprachen, machte Professor Mieslavski von
der Akademie der Wissenschaften zu Warschau den Vorschlag, das
Projekt in den Bergen zu errichten."
„Wäre es nicht billiger gewesen, das Versuchsgelände dort einzu-
richten, wo genügend Platz ist, um auch die Häuser draußen bauen zu
können", fragte Roland den Professor.
Er schüttelte den Kopf. „Dieser Platz ist hier besonders günstig.
Die großen Luftlinien führen nicht über den Spessart. Durch unsere
ständigen Flugversuche würden wir sonst den normalen Verkehr zu
sehr stören, obwohl wir in sehr großer Höhe fliegen. Das muß ver-
mieden werden. Die Hauptwerke und die Produktionsstätten befinden
sich allerdings in der Stadt. Bei dem Ausbau der Versuchsstation im
Spessart haben uns unsere befreundeten Partner sehr geholfen. Sie
stellten uns ihre neuesten Anlagen zur Verfügung. So sind zum Bei-
spiel die Transporteinrichtungen im Berg aus der Tschechoslowakei."
„Ja, wie funktionieren denn nun die Fahrzeuge in den Felsgängen
und die Beleuchtung?" wollte Hans-Jürgen endlich wissen.
„Ach so", lächelte der Professor wieder, „wir sind vom eigentlichen
Thema abgekommen. Es handelt sich hierbei um eine Art Fahrstuhl.
Der einzige Unterschied ist der, daß unser Fahrstuhl waagerecht durch
den Berg führt. Auch wird er nicht durch Seile gezogen, sondern fährt
mit eigener Energie auf kleinen Rädern. Man steigt ein, drückt auf
einen bestimmten Knopf . . . je nachdem, wo man hingebracht werden
w i l l . . . und schon geht die Fahrt los. Kreuzen sich die Fahrstühle, so
stoppt nach der Verkehrsordnung ganz automatisch der von links
kommende und läßt den andern vorbei. Zusammenstöße gibt es nicht.
Man kann die Fahrzeuge auch fernlenken, wie ihr es bei eurer ersten
Fahrt erlebt habt. Ihr dürft auch allein fahren. Die Handhabung ist so
gefahrlos wie die der Aufzüge in den Hochhäusern."
„Das ist mir nun klar", meinte Roland. „Und wie ist es mit der
Beleuchtung?" fragte er wißbegierig weiter.
„Das Prinzip der automatischen Schaltungen ist sehr einfach", er-
klärte der Professor. „In verschiedenen Höhen werden bestimmte

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Wellen durch die Räume gesendet. Wird der gleichmäßige Strom ge-
stört, erhält der Empfänger keine Energie mehr, so schnappt eine
feine Relaiszunge ein, und es wird hell. Wir ersparen uns auf diese Art
das lästige Schalten. Früher benutzte man ähnliche Anlagen zum
Sichern von Kassenschränken und schützte sie vor Unbefugten. - In
unseren Türen sind verbesserte Photozellen eingebaut. Sie reagieren,
sobald sich jemand nähert, und die Türen öffnen sich. Dadurch er-
übrigen sich Schlösser und Klinken."
„Toll", staunte Hans-Jürgen. „So etwas bau ich mir zu Hause auch."
„Allerdings hat so etwas nur eine Berechtigung, wenn die Anlage
sich lohnt. Man muß bei allen Arbeiten beachten, daß das Ergebnis
auch den Aufwand rechtfertigt. Das ist oberstes Prinzip bei unserem
Schaffen. In unseren Räumen haben wir die ersten Versuchsanlagen
dieser Beleuchtungsweise eingebaut, um sie in der Praxis gründlich
auszuprobieren. Später wird man diese Anlagen hauptsächlich in
Fabrikräumen und Werkstätten benutzen."
Stundenlang hätten die Freunde den Erläuterungen des Professors
zuhören können. Doch Wasserberg verabschiedete sie bald, denn
dringende Arbeiten waren zu erledigen. Er brachte die Jungen an den
Fahrstuhl, der vor der Tür wartete.
„Drückt auf den Knopf mit der Aufschrift: Halle II", sagte ihnen
der Professor. „Dort arbeitet unser Chefpilot, der Kollege Martens.
Ihr werdet euch mit ihm gut verstehen. Ich melde euch inzwischen an.
Besucht mich recht bald wieder und erzählt mir, was euch besonders
gefällt und womit ihr nicht einverstanden seid."
Noch ein freundliches Grüßen, dann klappte die Tür des Fahr-
zeuges zu. Surrend setzte es sich in Bewegung.

Die Halle II war der größte Raum innerhalb des Felsmassivs und
ebenfalls mit indirekter Beleuchtung und einer Klimaanlage aus-
gerüstet. Die Stirnseite wurde durch eine riesige Glaswand ab-
gegrenzt, die nach Bedarf fortgezogen werden konnte und den Aus-
und Eingang für die Flugzeuge freigab. Nach den Versuchsflügen
wurden hier die Maschinen genau überprüft, auseinandergenommen
und wieder montiert. Jede Materialveränderung wurde registriert.
Ständig brachten die Ingenieure Verbesserungen an.
Es war ein weiter Weg, bis so ein neuer Flugzeugtyp „auf Serie"
gelegt werden konnte. Immer wieder wurde verbessert und aufs neue
geplant. Dafür flogen dann auch die Menschen die schnellsten und
sichersten Luftverkehrsmittel. Die Deutschen, die selbst Besitzer der
Fabriken und Werke waren, kannten nicht mehr wie ihre Väter die
Profitgier, die die Kapitalisten anderer Länder dazu trieb, schlecht

16
durchentwickelte Maschinen zu produzieren. Es war kein Geheimnis,
daß selbst die Geschäftsleute der imperialistischen Länder die volks-
demokratischen Luftlinien bevorzugten, nachdem bestimmte in kapi-
talistischen Ländern produzierte Flugzeugtypen fast täglich abgestürzt
waren.
Traurig standen Roland und Hans-Jürgen vor den Trümmern ihrer
„Hannes Dittmer", die in einer Ecke der Halle lagen. Kleinholz, das
war alles, was von ihrem stolzen Segelflugzeug übriggeblieben war.
Viel war davon nicht mehr zu gebrauchen. Beide fühlten Tränen in
die Augen steigen. Mannhaft unterdrückten sie die wehleidige
Stimmung.
Roland bückte sich und warf die Holzteile suchend auseinander. Er
fand eine lange Spante, auf der der Name „Hannes Dittmer" ziemlich
unversehrt zu lesen war. Hans-Jürgen klemmte sich diese unter den
Arm: „Laß man", versuchte er seinen Freund zu trösten, „wir bauen
uns eine neue Kiste; ,Hannes Dittmer II' wird schöner werden als die
erste."
Die Freunde gingen zur anderen Seite der Halle hinüber. Dort
lagen die Reste des gläsernen Überschallrenners. Bestand ihr Segel-
flugzeug immerhin nach dem Absturz noch aus meterlangen Bruch-
stücken, so war von dem Versuchsflugzeug nur ein Gewirr von Glas-
teilen, Federn und Stahlresten geblieben. Es sah aus, als hätte die
Faust eines Riesen eine Taschenuhr auf dem Felsboden zerschmettert.
„Na, da staunt ihr, was", fragte plötzlich ein Mann im blauen Kittel,
der sich ihnen näherte. Es war Conrad Martens, der Chefpilot. Er
hatte die Freunde schon beim Eintritt in die Halle beobachtet und
gesehen, daß sie die Trümmer ihres Segelflugzeuges betrübt betrach-
teten. Jetzt wollte er sie auf andere Gedanken bringen.
„Sie sind wohl Martens, der berühmte Einflieger?" staunte Hans-
Jürgen, der schon viel von dem bekannten Mann gehört hatte. Dieser
nickte. Bei der Produktion jedes neuen Flugzeugs wurde stets der
Name des Einfliegers genannt. Hans-Jürgen wußte darüber natürlich
Bescheid. „Ich habe schon immer mal mit Ihnen zusammenkommen
wollen. Sie werden doch Zeit für uns haben? Wir wollen von Ihnen
lernen. Sie müssen uns alles genau erklären, denn Sie wissen doch
soviel. Kann ich nicht mal mit Ihnen starten? Das ist mein größter
Wunsch, mit so einem berühmten Mann zu fliegen."
Martens wehrte das Lob und den sprudelnden Redefluß des Jungen
ab. „Nur nicht so überschwenglich. Ich tue meine Arbeit wie jeder
andere auch. Jeder Kollege des Werkes hat an den Leistungen unserer
Maschinen großen Anteil. Nur weil wir gemeinsam an unseren schönen
Aufgaben arbeiten, erringen wir Erfolge." Der Chefpilot wandte sich

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jetzt Hans-Jürgen zu: „So, du willst also auch ein Flugzeugführer
werden! Das ist ein schöner Beruf. Man muß viel wissen und lernen.
Bestimmt hast du die besten Zeugnisse in der Schule?"
Hans-Jürgen schluckte. Nun fing sein großes Vorbild auch noch
damit an. Das Wichtigste war doch, daß man über die Fliegerei Be-
scheid wußte. Er wollte mit dem Chefpiloten über die neuesten Flug-
zeugtypen sprechen und nicht über die Arbeiten in der Schule.
Der Chefpilot bemerkte die Verlegenheit des Jungen nicht, son-
dern fragte Roland: „Willst du auch Flieger werden?"
Der Angesprochene schüttelte den Kopf. „Nein, ich will später
Pädagogik studieren. Der Segelflug genügt mir zur Erholung und
Entspannung."
„Pah, Segelfiug", sagte Hans-Jürgen, „was ist das dagegen!" Er
deutete auf die Reste des Überschallflugzeugs. „Die Maschine macht
mindestens 1500 Stundenkilometer. Stimmt es?"
„Ja", antwortete Martens, „wir kommen damit sogar bis auf
4,5 Mach."
„Mach", fragte Roland, „was ist das für eine Bezeichnung?"
„Aber", tadelte Hans-Jürgen, „als Flieger muß man da doch Be-
scheid wissen. Der Schall legt in der Sekunde 331,6 Meter zurück. Das
sind in der Stunde ungefähr 1200 Kilometer."
„Genau 1193,76 Stundenkilometer", ergänzte Martens.
„Ja", fuhr Hans-Jürgen fort, der ahnte, daß es bei der wissenschaft-
lichen Arbeit kein Ungefähr gab, „die Schallgeschwindigkeit ist gleich
Mach 1. Je schneller man fliegt, um so breiter wird der Machzahlen-
sektor auf dem Anzeigergerät."
„Diese Grenze von Mach 0,8 bis 1 zu überwinden, ist das Schwie-
rigste für jedes Flugzeug", berichtete der Chefpilot. „Bei den großen
Geschwindigkeiten läßt sich die Luft nicht mehr beiseitestoßen oder
durchschneiden. Sie verdichtet sich immer mehr und wird buchstäb-
lich fester. Deshalb schieden auch die altmodischen Propellerflugzeuge
mit ihren Flügeln und Rümpfen aus. Sie boten der Luft zuviel Wider-
stand. Die neue Bauart ist die Pfeil- tfder Deltaform. Ihr kennt doch
die dreieckigen Typen mit der nadeiförmigen Spitze und der messer-
scharfen Vorderkante an den Flügeln."
„Was geschieht eigentlich noch, wenn man sich der Schallgrenze
nähert?" wollte Roland wissen. „Woher kommt der große Tempover-
lust?"
„Zuerst treten sogenannte Stoßwellen auf", erklärte Martens weiter,
„die dem Flugzeugführer einfach das Steuer aus der Hand schlagen.
Die kleinste Unebenheit kann zu einer Kante werden, an der sich die
gefürchtete Stoßwelle bildet. Sobald sie auftritt, verändert sich die

13
gesamte Luftströmung um das Flugzeug herum. Die Maschine gerät
in Schwingungen, das Material erzittert, und das Gerippe reißt ausein-
ander. Deshalb müssen die Flugzeuge, die es mit der Schallgeschwin-
digkeit aufnehmen wollen, glatt wie ein Silberspiegel poliert sein."
„Da ist ja Glas ein guter Baustoff", sagte Hans-Jürgen und nahm
eine der harten Glasscherben vom Boden auf.
„Nicht nur deshalb, weil es glatt ist", entgegnete der Einflieger.
„Aber erst noch ein Wort zum Geschwindigkeitsverlust. Der Pilot ist
gewohnt, die Leistungen seiner Antriebsmaschine stetig zu steigern.
Wenn sich ihm aber plötzlich die verdichteten Luftmoleküle wie eine
Mauer entgegenstellen, muß er die Leistungen ruckartig erhöhen."
„Wenn die Schallmauer durchstoßen ist, geht alles viel leichter",
unterbrach Hans-Jürgen den Sprechenden.
„Ja und nein", antwortete Martens. „Das Bild vom Durchstoßen der
Mauer ist falsch. Man sollte eher vom Eindringen in einen anderen
Dichtezustand der Luft reden."
„So etwa, als ob ein Schwimmer vom Turm ins V/asser springt?"
versuchte Roland, der aufmerksam zuhörte, ein Beispiel zu finden
„Erst durchdringt er die Luft, dann prallt er auf eine Art .Wasser-
mauer' und gleitet nun unter veränderten, aber wieder gleichbleiben-
den Bedingungen durch das neue Element?"
„Ganz richtig", griff Martens das Beispiel auf, „ähnlich ist es nach
der Überwindung der Schallbarriere. Denn daß die Widerstands-
erhöhung nach dem Erreichen der Schallgeschwindigkeit wieder
nachläßt und allmählich normale Verhältnisse eintreten, ist recht ein-
fach zu erklären. Die gewaltige Widerstandserhöhung wird durch die
Arbeit des Komprimierens der Luft an den Störungskanten ver-
ursacht. Wenn diese Arbeit einmal geleistet ist, muß sie zwar fort-
geführt, braucht aber nicht mehr gesteigert zu werden. Es ist, als
würde plötzlich ein Tuch über das Flugzeug geworfen, das es von nun
an mitschleppen muß. Dann ergäben sich ebenfalls ein heftiger Ruck
und eine erhebliche Mehrarbeit. Man müßte, ganz einfach gesprochen,
in diesem Augenblick wesentlich mehr Gas geben. Die erforderliche
Motorenleistung schnellt nämlich aus der üblichen Größenordnung
von 2000 auf 6000 PS und höher hinauf. Wenn man nun wieder
etwas schneller fliegen will, braucht man nun nicht mehr plötzlich
eine Menge Gas zu geben, sondern es genügt wieder das regelmäßige
Gasgeben. Technisch erklärt: Im Normalflug nimmt das Flugzeug eine
gewisse Gleichgewichtslage ein. Diese wird durch das Auftreten der
Verdichtungswelle gestört. Es muß dann eine neue Gleichgewichts-
situation erstrebt werden. Das ist im Bereich der Übergangsgeschwin-
digkeiten kaum möglich, weil in ihm die Strömungsverhältnisse völlig

19
unstabil sind. Wenn aber an sämtlichen Flugzeugteilen, von der Spitze
über die Flügel bis zum Leitwerk, einwandfrei Übersehallströmung
herrscht, dann ist die neue Gleichgewichtssituation erreicht."
Conrad Martens sprach so anschaulich, daß seine Zuhörer gut
folgen konnten. Gespannt lauschten sie und nahmen alle ihnen noch
unbekannten Tatsachen auf.
„Ich habe gehört, daß man bei den schnellen Flugzeugen darauf
achten muß, daß sie nicht zu schnell werden. Ist das nicht wider-
sinnig", fragte Roland.
„Das hängt mit der Überwindung der Schallmauer zusammen",
entgegnete der Chefpilot. „Wir sind jetzt erst dabei, die Luftschicht in
allen Einzelheiten zu erforschen. Wenn ein Flugzeug ohne Spezial-
ausrüstung in die Schallmauer eindringt, und das ist bei der großen
Leistungsfähigkeit unserer Maschinen nicht so schwer, dann besteht
die Gefahr, daß es auseinanderplatzt. Auch kann der Druck zu stark
werden oder bei der hohen Reibungshitze das Metall schmelzen.
Jahrelang hat Professor Wasserberg, den ihr bereits kennengelernt
habt, gearbeitet, um einen geeigneten Baustoff zu finden. Eingebaute
Kühlanlagen machen die Überschallrenner zu schwer. Jetzt probieren
wir besondere Glasfasern aus, die mit einem durchsichtigen Kunst-
stoff überzogen werden. Das ist bestimmt der geeignete Baustoff."
„Können wir nicht einmal ein gläsernes Flugzeug sehen?" fragte
Hans-Jürgen.
„Später", vertröstete der Einflieger den Ungeduldigen. „Unser Werk
baut von jedem Versuchstyp drei Maschinen. Nachdem eine jetzt ab-
gestürzt ist, wird die zweite Maschine gerade geholt. Sie wird auf-
steigen, wenn der Fehler in der ersten gefunden ist. Das kann unter
Umständen sehr lange dauern. Erst dann werde ich den Flug unter-
nehmen."
„Solange sollen wir warten?" fragte Hans-Jürgen.
„Wer sagt das?" lachte Conrad Martens. „Wir fliegen noch andere
Typen ein. Ihr habt doch sicher schon vom Libellenflugzeug gehört?"
Die Jungen nickten. Besonders Hans-Jürgen hatte aufmerksam in der
Presse die Diskussionen über die Umstellung im Flugzeugbau verfolgt.
„In einer Stunde startet die Maschine. Auf dem Flugplatz sind die
Vorbereitungen schon im Gange. Wenn es euch interessiert..."
„Na, und ob uns das interessiert", erwiderten beide. Sie bedankten
sich bei Conrad Martens und konnten nicht schnell genug zum Fahr-
stuhl gelangen, der sie zum Ausgang brachte.

Auf dem Platz stand ein Flugzeug, das die beiden Jungen bisher
nur von Skizzen, Zeichnungen und gelegentlichen Modellabbildungen

20
kannten. Sein Rumpf, der die Form einer Zigarre hatte, war zwölf
Meter lang. An Stelle der Bauchbinde lief ein dicker 220 Zentimeter
breiter, leicht gewölbter Eisenring um den Rumpf und trennte das
vordere Drittel, eine Glaskabine, in der der Pilot saß, vom hinteren
Teil. An dieser sonderbaren Bauchbinde waren drei lange Flügel
befestigt, an deren Spitzen sich Antriebsdüsen befanden.
Das Triebflügelflugzeug stand senkrecht auf dem eigenen Leit-
werk. Die große Antriebsdüse am Schwanzende war dadurch ver-
deckt. Einige Männer hantierten an der Maschine, um sie startfertig
zu machen. Jetzt gab einer von ihnen dem Flugzeugführer ein Zeichen
Die drei großen Flügel begannen sich langsam mit dem breiten
Ring um den Rumpf zu drehen. Das Tempo wurde schneller. Sanft,
löste sich die Maschine vom Erdboden und blieb in ein Meter Höhe
stehen.
Es war ein phantastisches Bild. Ohne zu zittern stand der Rumpf in
der Luft. Nur die Flügel rotierten schillernd in der Sonne. Unbeküm-
mert gingen die Menschen unter dem Flugzeug hindurch, das regungs-
los in der geringen Höhe verharrte. Die Jungen kamen aufgeregt
näher.
„Na, da staunt ihr, was?" wurden sie zum zweiten Male mit der
gleichen Anrede begrüßt. Ein korpulenter Mann, dessen Gesicht vor
Zufriedenheit strahlte, reichte ihnen die Hand und machte sie mit den
übrigen Ingenieuren bekannt. „Ich heiße Wenzel und bin vom Staat-
lichen Institut für Aerodynamik", sagte der Professor. „So ein Flug-
zeug habt ihr euch als kühne Segelflieger wohl nicht träumen lassen?"
„O doch", widersprach Hans-Jürgen leicht gekränkt, „als Flieger
sind wir selbstverständlich über die neuesten Typen auf dem laufen-
den. N u r . . . "
Das Triebflügelflugzeug begann jetzt mit einigen schwierigen
Übungen. Die Maschine flog noch einige Meter höher, drehte auf der
Stelle und blieb waagerecht in der Luft stehen. Jetzt hatte es große
Ähnlichkeit mit einer Libelle, die ununterbrochen ihre silbernen
Flügel schlägt. Wieder wendete das Flugzeug leicht und elegant. Die
Kanzel zeigte senkrecht nach unten. Der Sitz des Piloten mit dem
Armaturenpult und der Steuerung wahrte wie ein lotrechtes Pendel
die normale Lage. Der Flugzeugführer winkte den Menschen unter
ihm zu. Professor Wenzel zeigte mit der Hand aufwärts.
Da begannen die Antriebsdüsen zu zischen und zu knallen. Die
Maschine wendete und raste dann mit großer Geschwindigkeit auf die
Felswand zu. Kurz vorher bäumte sich das Flugzeug auf und zog um
Flügelbreite haarscharf hoch. Es flog wieder waagerecht und steuerte
mit voller Düsenkraft im Kreis um den Flugplatz.

21
Es w a r großartig anzusehen, wie der Rumpf der Maschine alle
diese Bewegungen ohne besondere Erschütterungen mitmachte. Ein
Wunderflugzeug!
Nun schoß es senkrecht in die Höhe u n d w a r in Sekundenschnelle
verschwunden.
„Ich möchte mit der Maschine fliegen", sagte Hans-Jürgen noch
immer voll Begeisterung.
„Das wird sich machen lassen", entgegnete Professor Wenzel. „Ab
heute wird dieser Triebflügier in Serien hergestellt. Die Konstruktion
ist abgeschlossen. Ihr habt selbst gesehen, wie gut alles klappt."
„Haben die Techniker n u n einfach eine Libelle nachgebaut?" wollte
Roland wissen.
„Nicht ganz", gab der Professor Auskunft. „Der Schneider von Ulm
und Gustav Lilienthal, ein Pionier der deutschen Flugtechnik, wollten
den Schwingenflug der Vögel nachahmen. Sie w a r e n vom ruhigen
und doch schnellen Gleiten der Tiere fasziniert. Doch es gelang ihnen
nicht, denn auf die Flugzeuge läßt sich das Prinzip des Schwingen-
flugs nicht anwenden. N u r aus dem Flug der Libelle können Lehren
für die Technik gezogen werden."
„Ich weiß", sagte Roland, „die Libelle schlägt ein Flügelpaar a b -
wärts und zieht das andere nach oben. Aber die Maschine, die wir
eben sahen, h a t t e doch n u r drei Flügel."
„Dafür aber Antriebsdüsen an den Flügelspitzen, die den vierten
Flügel überflüssig machen", ergänzte der Professor. „Dieser Trieb-
flügier startet u n d landet senkrecht, steht in der Luft still und k a n n
schnell fliegen. Große Flugplätze w e r d e n dadurch überflüssig. Die
Passagiere fliegen ruhig und bequemer. Das ideale Reisefiugzeug für
uns Menschen. Die Überschallrenner w e r d e n den Post- und Schnell-
verkehr übernehmen."
Noch lange standen die J u n g e n auf dem Flugfeld und begut-
achteten das neue Flugzeug. Dann meldete sich der Hunger, und sie
begaben sich zur Kantine.

Die Tage vergingen wie im Flug. Langeweile k a m nicht auf.


Roland und Hans-Jürgen wurden mit allen Mitarbeitern des Ver-
suchsgeländes bekannt, und jeder schätzte ihr offenes Wesen.
Roland interessierte sich für alles. Er studierte die indirekte Licht-
anlage, fertigte sich eine Skizze der F a h r s t ü h l e und des Prinzips ihrer
Fortbewegung an u n d versuchte den Ingenieuren zu helfen. Täglich
kontrollierte er die Arbeit des zigarrenkistengroßen Atommeilers, der
die enormen Anlagen des Versuchsgeländes u n d einen großen Teil der
umliegenden Produktionsgenossenschaften u n d Maschinen-Traktoren-

oo
Stationen mit Energie versorgte, die ihrerseits die Felder mit elek-
trisch betriebenen Traktoren und Ackergeräten bestellten.
Hans-Jürgen dagegen hatte nur Augen und Ohren für die Fliegerei.
Er hing den ganzen Tag über wie eine Klette an dem Chefpiloten,
fragte ihn unaufhörlich nach allen Einzelheiten und ruhte nicht eher, -
bis er über alles Bescheid wußte. Er war schon einige Male mit ihm
geflogen und durfte auch gelegentlich die Maschine zum Start rollen
Nur, zu seinem großen Leidwesen, selbständig fliegen, das erlaubte
man ihm trotz aller Bitten nicht. Vergebens bewies er, daß er jeden
Handgriff kannte, bot er an, sich aller möglichen Prüfungen unterziehen
zu wollen, beteuerte, sich der großen Verantwortung bewußt zu sein,
wenn man ihm ein Flugzeug anvertrauen würde. Hans-Jürgen wollte
sogar mit der ältesten Maschine fliegen, die zur Zeit von der Luftfahrt
benutzt wurde. Aber eine solche gab es gar nicht auf dem Versuchs-
gelände. Professor Wasserberg und Chefpilot Martens sagten bei aller
Freundschaft und Bereitwilligkeit, mit der sie sonst auf die Bitten der
Freunde eingingen, entschieden „nein". Es schien, als sollte der größte
Wunsch Hans-Jürgens unerfüllt bleiben. •
Unmerklich war in dem Jungen eine Veränderung vorgegangen
Er gebrauchte kaum noch die Formulierung: „Als Flieger..." und
hatte in seinem ganzen Wesen, wie man so sagt, einige Pflöcke zurück-
gesteckt. Das machte das Beispiel, das ihm der Chefpilot täglich gab,
Conrad Martens war bei den Kollegen wegen seiner ständigen
Hilfsbereitschaft beliebt. Für jeden hatte er ein freundliches Wort,
aber ebenso beharrlich ging er gegen den Schlendrian an, gegen un-
nütze Verschwendung von Material und übte unerbittlich dort Kritik,
wo seiner Meinung nach etwas nicht richtig getan wurde. Er konnte
auch den Monteuren wertvolle Hinweise bei ihrer Arbeit geben, war
er doch selbst ein gelernter Feinmechaniker.
Wenn Conrad Martens vor dem Steuerknüppel saß, dann schien es,
als liebkosten seine feinnervigen Hände die Instrumente wie ein kost-
bares Kunstwerk. Mit allen Fasern des Körpers spürte er das Arbeiten
der Düsen und der Raketen seiner Maschine.
Eine Überraschung für Hans-Jürgen war der Besuch, den er mit
seinem Freund zum erstenmal dem Chefpiloten abstattete. Er glaubte,
es würde in seiner Wohnung ähnlich wie in seinem Arbeitszimmer
aussehen: zahlreiche Abbildungen von Flugzeugen, die Lampe als
kleines Modell einer Düsenmaschine, an den Wänden Fliegertrophäen
und ähnliches. Aber nichts dergleichen sah er.
Die Zimmer waren nach dem persönlichen Geschmack ihres Be-
sitzers ausgestattet. In einer Ecke stand unter Glas eine Gesteinssamm-
lung, die von Martens laufend ergänzt wurde.

23
,,Was?" hatte Hans-Jürgen entsetzt gefragt, „Sie sind auch noch
Mineraloge? Ich dachte, die Fliegerei füllt Sie ganz aus?"
„Tut sie auch", antwortete der Einflieger, „doch es macht mir
Freude, meine Heimat in allen Einzelheiten kennenzulernen. So
wählte ich als Spezialgebiet die Erforschung der Zusammensetzung des
Erdbodens im Spessart. Aber das ist nicht das einzige, wofür ich Inter-
esse habe. Ich nehme am Fernstudium für slawische Sprachen teil, um
das Wesen unserer Freunde jenseits der Grenze noch besser verstehen
zu lernen. Ich will mich vielseitig bilden und kann alles für meine
Arbeit auswerten. Zu bedauern ist der Flieger, dessen Interessen nicht
weiter reichen, als der heiße Strahl der Düsen seiner Maschine zischt."
Roland hatte Hans-Jürgen vielsagend angesehen, dann aber
kameradschaftlich geschwiegen.
Heute unternahmen nun die Freunde in den späten Nachmittags-
stunden mit dem Chefpiloten einen Ausflug in die Berge des Spessarts.
Sie waren mit einem der offenen geländegängigen Sieg-Elektro-
Wagen über grüne Hügel und schmale Waldwege gefahren. Bald
lagen die Jungen in-einer kleinen erhöhten Lichtung auf einer Wiese
und blinzelten träge in die untergehende Abendsonne. Es war am
Vortag des ersten Fluges mit dem bemannten gläsernen Flugzeug.
Eine internationale Kommission war zu dem Versuch geladen worden.
„Es will mir gar nicht so recht in den Kopf, daß so eine kleine
Schraube an dem Absturz der Maschine schuld gewesen sein soll."
Hans-Jürgen ließ einige Grashalme durch seine gespreizten Finger
laufen. Er sah zu dem Chefpiloten hinüber.
Martens lag ausgestreckt, die Hände hinter dem Kopf verschränkt,
und hielt die Augen geschlossen. „Das war eine knifflige Arbeit, die
unsere Techniker geleistet haben", antwortete er schließlich. „Aus
den Trümmern die Ursache des Unglücks festzustellen, ist nicht ein-
fach - alle Achtung! Aber es stimmt, was sie sagen. Auf so etwas
muß man bei ferngelenkten Flügen mit Überschallgeschwindigkeit
gefaßt sein. Es ist uns noch nicht gelungen, einen leichten Apparat zu
bauen, der das Flugzeug nicht übermäßig belastet und gleichzeitig,
feinfühlig wie ein Mensch, die Geschwindigkeit beim Eindringen in
die Schallmauer regelt. Beim Fernlenken muß man sich darauf be-
schränken, die Geschwindigkeit ruckartig stufenweise zu schalten. So
kann beim Schlackern und Stoßen der Maschine leicht etwas be-
schädigt werden. - Immerhin hat der Flug das Ergebnis gebracht, daß
der Glasbaustoff ausgezeichnet allen Anforderungen gewachsen ist.
Dies zu ergründen, war schließlich das Ziel des Versuchs."
„Dein Wagnis morgen ist deshalb um nichts geringer", meinte
Roland. Schon längst herrschte zwischen den beiden Freunden und

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dem Chefpiloten das vertraute „Du". „Kein Mensch ist bisher in so
einer Maschine geflogen. - Was bewegt dich eigentlich, wenn du so ins
Ungewisse startest und auf dich allein angewiesen durch die Wolken
rast?"
Der Chef pilot legte sich auf den Bauch und verzog schmerzhaft das
Gesicht. Seit zwei Tagen hatte er leichte Stiche in der rechten Bauch-
seite. Nach dem Flug wollte er sofort den Arzt aufsuchen. Vielleicht
vergingen die Schmerzen auch mit'der Zeit. Allzu schlimm war es ja
nicht.
„Was ich denke?" wiederholte er. „Wenn ich ehrlich sein soll,
zweierlei: Zuerst einmal wenn mich der Antrieb in den Sessel drückt,
möchte ich so schnell wie möglich wieder zur festen Erde zurück.
Doch ich weiß, daß es dort oben an mir liegt, an mir ganz allein, ob
das Experiment gelingt, ob die Arbeit zahlreicher Menschen von Er-
folg gekrönt ist oder nicht. Das . . . nennen wir es ruhig . . . Angst-
gefühl verfliegt. Ich werde zum Herrn der Maschine, zwinge ihr
meinen Willen auf, lausche auf jeden Ton und dann bin ich sehr stolz,
wenn es gelingt. Ja, so ist es. Ganz genau so."
Die Jungen hatten sich aufgerichtet und sahen den Erzähler an. Da
gewahrte Roland, daß Martens das Gesicht verzog. „Ist dir nicht gut?"
fragte er besorgt.
„Doch, doch", wehrte der Chefpilot ab. „Es wird schon vorüber-
gehen. Gleich morgen, wenn ich wieder unten bin, suche ich den Arzt
auf. Ich kann die Vorbereitungen zum Flug jetzt nicht stören oder gar
gefährden."
Doch dann kam der Schmerz so stark, daß der Einflieger die Beine
anziehen mußte. Er stöhnte.
„Wir müssen etwas unternehmen", sagte Hans-Jürgen. „Ich werde
den Wagen heranfahren, und wir bringen dich zur Poliklinik nach
Würzburg. Dort stellt man dich bestimmt schnell wieder her. Hoffent-
lich ist es nicht gefährlich."
Martens protestierte. Doch es nützte ihm nichts. Die Freunde
halfen ihm in den Wagen. Hans-Jürgen nahm hinter dem Steuer Platz,
und der Wagen setzte sich mit leisem Schnurren in Bewegung. Er
rumpelte über unebene Wege Würzburg zu, während die letzten Strah-
len der Sonne von den höchsten Gipfeln der Berge aufgesogen wurden.

Die Rollen zwischen Professor Wenzel und seinem Kollegen


Wasserberg schienen vertauscht. Die sprichwörtliche Ruhe hatte den
Direktor des Staatlichen Instituts für Aerodynamik verlassen. Ihn hielt
es nicht auf seinem Sessel. Immer wieder sprang er auf und fuchtelte
mit den Armen, um seinen Argumenten mehr Gewicht zu verleihen

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„Aber wir müssen doch etwas u n t e r n e h m e n " , rief er, „es k a n n
einige Wochen dauern, bis Martens wieder gesund ist. Wir können die
Wissenschaftler aus der Sowjetunion, den Volksdemokratien u n d den
befreundeten Ländern doch nicht solange w a r t e n lassen. Die Kollegen
haben uns geholfen. Sie teilten uns ihre Erfahrungen mit u n d gaben
uns Ratschläge. Sollen w i r ihr V e r t r a u e n enttäuschen und sie n u n ein-
fach nach Hause schicken?"
Die Versammelten schwiegen. Werkleitung und Kollegium des
Staatlichen Instituts waren zu einer eiligen Beratung zusammen-
getreten. Die Ursache hierfür w a r ein Telephonanruf der Poliklinik
aus Würzburg. Die diensthabende Assistentin hatte mitgeteilt, daß
Conrad Martens, der Chefpilot und Einflieger des Werkes, zur Zeit mit
aufgeschnittenem Bauch auf dem Operationstisch liege: Blinddarm-
operation im vorletzten Stadium. - Damit w a r der für den nächsten
Tag vorgesehene Versuchsflug des b e m a n n t e n gläsernen Überschall-
renners in Frage gestellt.
Professor Wasserberg hob unschlüssig die Schultern. Niemand sah
ihm an, wie schwer es ihm fiel, sich mit dem Gedanken v e r t r a u t zu
machen, den Flug zu verschieben. Trotzdem machte er diesen Vor-
schlag. „Ich sehe keinen anderen Ausweg", sagte er. „Wir könnten
höchstens den Flug ohne Piloten, der das erstemal einen unglück-
lichen Ausgang nahm, wiederholen. Allerdings dauert der Einbau der
betreffenden Apparate mehrere Tage, da die Maschine neu ausbalan-
ciert w e r d e n m u ß . Einem anderen Piloten können wir das Flugzeug
nicht anvertrauen, es gibt niemand, der mit allen Einzelheiten so ver-
traut ist wie Martens . . . "
,,Es gibt jemand, Herr Professor", w u r d e Wasserberg von einer
hellen Stimme unterbrochen. „Ich k a n n mit dem Überschallrenner
fliegen!"
Lautlos h a t t e sich die Doppeltür zum Konferenzzimmer geöffnet.
Roland u n d Hans-Jürgen, die eintraten, w u r d e n mit erstaunten Ge-
sichtern empfangen. Störungen bei Beratungen waren nicht üblich.
Jeder Angehörige des Betriebs gehorchte, aus Respekt vor den Be-
ratungen des Leitungs-Kollektivs, diesem ungeschriebenen Gesetz.
Und nun erfolgte die Störung durch die beiden Jungen.
Bevor einer der Wissenschaftler H a n s - J ü r g e n antworten konnte,
gab Roland eine Erklärung: „Entschuldigen Sie bitte unser Ein-
dringen. Das, was wir zu sagen haben, gehört in die Beratung. Bevor
Kollege Martens, nach heftigem Sträuben, sich bereit erklärt hat, sich
der dringend notwendigen Operation zu unterziehen, bat er uns,
Ihnen mitzuteilen, daß er empfiehlt, meinen Freund Hans-Jürgen für
den morgigen Versuchsflug starten zu lassen."
„Ausgeschlossen!" Professor Wenzel sprang von seinem Sitz auf.
„So etwas ist ja noch nicht dagewesen."
Hans-Jürgen trat an den ovalen Konferenztisch. „Laßt ihn
sprechen", bat Professor Wasserberg seinen Kollegen.
„Die Maschine kenne ich genau", sagte der Junge. „Ich habe gehol-
fen, das abgestürzte Flugzeug zu untersuchen und mit Conrad Martens
gemeinsam den neuen Überschallrenner startfertig zu machen. Einige
Male bin ich mifdem Chefpiloten geflogen, und die Bedingungen des
neuen Baustoffes Glas habe ich genau studiert. Ich weiß, daß mein
Flug eine harte Arbeit im Dienst der Wissenschaft ist, und ich ver-
spreche, gut zu arbeiten."
Die einfachen und entschlossenen Worte Hans-Jürgens verfehlten
ihre Wirkung nicht. Der Junge war in den letzten Wochen im Umgang
mit dem Einflieger gewachsen. - Doch alle Widerstände waren noch
nicht beseitigt. Eine heftige Debatte setzte ein.
Würde der Flug rechtzeitig durchgeführt werden, so war das für
die wissenschaftliche Arbeit von Bedeutung. Groß war auch die Ver-
antwortung, wenn man einem Achtzehnjährigen die Führung über-
lassen wollte. Aber vollbrachte nicht die Jugend täglich große
Leistungen, stand sie nicht in vorderster Reihe bei der Erfüllung
der großen Wirtschaftspläne? Schwer wog auch die Empfehlung
des Chefpiloten. Er war ein verantwortungsbewußter Mensch,
der Hans-Jürgen gut kennengelernt hatte. Bei ihrem Aufenthalt
auf dem Versuchsgelände hatten sich die Jungen viele Freunde
erworben.
Die Meinungen gingen hin und her. Seinen wärmsten Befürworter
fand Hans-Jürgen in Professor Wasserberg. Auch der Direktor des
Staatlichen Instituts für Aerodynamik stand dem Einsatz des Freundes
nicht mehr so ablehnend gegenüber, wie er es impulsiv im ersten
Augenblick getan hatte.
Nach langer Diskussion entschied sich das Leitungs-Kollektiv da-
für,«die Verantwortung zu übernehmen. Die Einsetzung Hans-Jürgens
als Versuchspilot wurde einstimmig beschlossen. Der Flug konnte
stattfinden.

Auf dem Flugplatz des Versuchsgeländes wurde das gläserne Flug-


zeug startfertig gemacht. Erstmalig .sollte die Maschine, von einem
Menschen gesteuert, den Wettlauf mit dem Schall aufnehmen. Der
neue Baustoff Glas wurde der letzten Bewährungsprobe unterzogen.
Das Flugzeug hing in einer Startbahn, die mit einer Gleitfläche von
60 Grad ziemlich steil nach oben ragte. Wie aus einer feinen Filigran-
röhre würde das Flugzeug in den Himmel hinaufschnellen.

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Die Vertreter der internationalen Delegation - unter ihnen be-
kannte Wissenschaftler der Sowjetunion - drängten sich um das Ge-
rät. Die Monteure hatten ihren besonderen Ehrgeiz daran gesetzt, das
durchsichtige Glas - der Baustoff aus dem das Flugzeug bestand -
ganz blank zu polieren. So konnte man alle Einzelheiten der Innen-
ausstattung der Maschine erkennen, die sich nur unwesentlich von
der der gewöhnlichen Düsenflugzeuge unterschied.
Um den Startplatz standen riesige offene Kessel, die wie über-
dimensionale altmodische Grammophontrichter aussahen. Ein offen-
sichtlich nach einem bestimmten System geordnetes Gewirr von Leit-
blechen, Doppelwänden und Kammern baute sich vor den Trichtern auf.
Es waren komplizierte Schallschlucker, die dafür sorgen sollten,
daß auch nicht ein Phon Lärm zuviel an die menschlichen Ohren
drang. Die Strahldüsen der Turbinenwerke des Flugzeugs konnten
sonst beim Probelaufen die Menschen im Umkreis von drei bis vier
Kilometern fast taub machen. Eine mit voller Schicht arbeitende
Kesselschmiede mit einem Lärm von etwa 120 Phon bedeutete lieb-
liche Musik gegen die 175 Phon, den die Nachbrenner bei der Er-
zeugung des heißen Luftstrahles hinausgrölten. Das ist mehr, als die
Nerven der Menschen ertragen können.
Durch den Startingenieur wurden jetzt die Besucher aufgefordert,
die Startbahn freizugeben und sich hinter die Schallschlucker zurück-
zuziehen. Aus der Tür des Felsens trat der Pilot und ging auf die
Maschine zu. Die Besucher, die dem Start beiwohnten, spendeten dem
kühnen Einflieger herzlichen Beifall. Er galt gleichzeitig all den Men-
schen, die an dem gläsernen Flugzeug gearbeitet, es konstruiert, ent-
wickelt und gebaut hatten. Einen Augenblick schien es, als wollte
der Flieger seine Sturzkappe abnehmen. Doch vergewisserte er sich
nur, ob die Sicherheitsventile festsaßen. Den Beifall wehrte er ver-
legen ab.
Der Pilot trug einen dicken gerippten Schutzanzug, die Füße
waren mit wuchtigen Filzstiefeln bekleidet, die Hände steckten in
breiten, mit Pelz gefütterten Lederhandschuhen. Die Sturzkappe sah
aus wie ein Taucherhelm und verdeckte das Gesicht. Überhaupt hatte
die Gestalt, die jetzt schwerfällig den Startturm emporkletterte, viel
Ähnlichkeit mit einem Tiefseetaucher, der vom Grunde des Ozeans
hochstieg.
Der Startingenieur rief dem Piloten die letzten Verhaltungsmaß-
regeln zu. Die Ohrenschützer der Haube des Fliegers waren noch hoch-
geklappt, so daß er ihn gut verstehen konnte. „Und vergessen Sie ja
nicht, daß die Stärke des Motors fast verdoppelt ist. Statt mit vier,
fliegen Sie mit sieben Düsen. Vergessen Sie das nicht!"

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Noch einmal wurden der Pilot und die Maschine in das Kreuzfeuer
der Kameras für die Fernsehübertragung genommen. Trotz der wuch-
tigen Bekleidung wirkte der Flugzeugführer gegenüber der gigan-
tischen Maschine zwergenhaft. - Dann mußten auch die Reporter die
Startbahn verlassen.
Der Flugzeugführer nahm hinter dem Steuerknüppel Platz. Er ließ
die Strahldüsen Probe laufen, die mit donnerndem Geheul einen
heißen Luftstrahl hinausjagten. Obwohl gleichzeitig durch die
Bodenmannschaften des Versuchsgeländes die Schallschlucker ein-
geschaltet wurden, dröhnte trotzdem den Zuschauern noch starker
Lärm in den Ohren. Dann wurde es plötzlich still. Man konnte sehen,
wie der Flugzeugführer in seiner gläsernen Kanzel den Arm hob.
Im gleichen Augenblick zischten die Raketen. Wie ein Pfeil schoß
die Maschine steil nach oben und war schnell aus den Augen der Zu-
schauer verschwunden.
Professor Wasserberg bat die Gäste in den Beobachtungsraum.
Hier konnten sie an der großen Milchglasscheibe den Flug des Über-
schallrenners in allen Etappen verfolgen. Nur war dieses Mal den
Ingenieuren keine Möglichkeit gegeben, die Bahn der Maschine zu
beeinflussen. Ein Mensch mit eigenem Willen flog dort oben eine Form
aus Glas mit Hilfe von vier Turbinen und zwei Raketen. Ein Meister-
werk des Flugzeugbaus.
Noch hielt sich die Geschwindigkeit des Versuchsflugzeuges in
normalen Grenzen. „Sehr vernünftig von ihm, daß er die Maschine
stufenweise ausprobiert", bemerkte Professor Wenzel zu Wasserberg.
Der Angesprochene nickte nur und wandte kein Auge von den Instru-
menten, die den Flug der Maschine zuverlässig registrierten. Am
liebsten wäre der Erfinder des gläsernen Baustoffes auch noch auf und
ab gelaufen, um seiner gestauten Erregung einen Abfluß zu ver-
schaffen.

Der Überschallrenner flog über den wetterbildenden Wolken in


12 000 Meter Höhe. Das rechteckige Instrument auf dem Armaturen-
brett zeigte 0,8 Mach. Jetzt kam die schwierigste Strecke für die Ver-
suchsmascHine.
Der Pilot erhöhte die Geschwindigkeit. An seiner Kanzel jagten
einige Wolkenfetzen vorüber, die er nicht beachtete. Seine ganze Auf-
merksamkeit mußte er auf die Steuerung des Flugzeugs konzentrieren.
Um ihn herum war noch immer das Donnern der Strahldüsen. Dei
Fv,aketenantrieb war sofort nach dem Start ausgeschaltet worden.
Das Flugzeug raste mit steigender Geschwindigkeit der Schall-
mauer entgegen. Der Pilot duckte sich hinter seinem Armaturenbrett,

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als könnte er dadurch den fürchterlichen Stoßwellen, die jeden Augen-
blick dem Flug ein Ende bereiten konnten, entgehen. Doch die äußere
Form der schnittigen Maschine konnte er nicht verändern. Jetzt mußte
es sich beweisen, ob auch wirklich nicht die geringste Kante, nicht
die kleinste Beule die glatte Form des Glases beeinträchtigte.
Schnell steigerte sich die Geschwindigkeit. Die an ihrem Ende im
Querschnitt verengten Düsen gaben ihr Letztes her. Das Flugzeug fing
an zu bocken. Der Pilot biß sich mit den Zähnen auf die Unterlippe
und packte das Steuer mit eiserner Kraft. Das Instrument zeigte Mach
0,9, Mach 0,95.
Alle Kraft legte der Pilot in seine rechte Hand. Vorsichtig lockerte
er die Linke und betätigte den Kontakt, der die Raketen einschaltete.
Es gab einen spürbaren Ruck - es war, als stoße das gläserne Flugzeug
gegen ein gummiartiges Hindernis, und im gleichen Augenblick wurde
es still, unheimlich still.
Der Schall der eigenen Motoren erreichte nicht mehr das Ohr des
Flugzeugführers. Er flog dem Schall davon, ihm voraus, und die Schall-
wellen konnten ihn nicht einholen. Mach 1, Mach 2, Mach 3 - und
immer noch kletterte der Zeiger des Geschwindigkeitsmessers. Un-
beirrbar glatt und ruhig zog die gläserne Maschine ihre Bahn, Em
freudiges Gefühl durchpulste den einsamen Menschen über den Wol-
ken. Nein, er war nicht einsam. Er fühlte sich mit all den Menschen
verbunden, die der Naturgewalt zum Trotz diese gläserne Maschine
geschaffen hatten.
Mach 4, Mach 4,5, Mach 5 - immer größere Geschwindigkeit
schufen die leistungsfähigen Antriebsmaschinen. Hatten die Strahl-
düsen das Flugzeug bis zur Schallgrenze getragen, war es der gemein-
samen Kraft der Turbinen und der Raketen gelungen, in die Schall-
mauer einzudringen, so waren es jetzt die Raketen, die die ganze
überschüssige Energie darauf verwandten, das gläserne Flugzeug
schneller und immer schneller vorwärts zu treiben. Und das Glas . . .
der neue Baustoff... er hielt stand. Er zeigte keine Veränderungen.
Der Pilot hätte jauchzen mögen vor Freude. Und er schrie, wild
und frei in die aufgestülpte Atemmaske. Es war das Gefühl über-
strömenden Glücks.
Sicherer wurden die Bewegungen des Flugzeugführers. Es galt,
ohne Komplikationen die Geschwindigkeit zu vermindern und in die
normale Luftdichte zurückzufinden und glatt zu landen.

Der gläserne Überschallrenner setzte vorschriftsmäßig auf dem


Flugplatz des Versuchsgeländes auf. Der Flugzeugführer verließ seine
Kanzel. Er wurde von den Vertretern der internationalen Kommission

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umringt, die ihm zu seinem Flug gratulierten. Andere stürzten sich
sofort auf das Flugzeug und untersuchten, ob das Material irgend-
welche Veränderungen aufwies.
Hans-Jürgen, noch immer in seiner unkenntlich machenden Kom-
bination, wollte sich in den Felsen zurückziehen. Doch Professor
Wenzel und Professor Wasserberg nahmen ihn in ihre Mitte. Ehe es
der Überraschte verhindern konnte, lösten sie die Sicherheitsventile
und entledigten ihn seiner Sturzkappe.
Ein blonder Wuschelkopf und zwei verlegen blickende Augen
waren das erste, was die Umstehenden sahen. Dann wurde es auch
allen anderen klar: nicht der bekannte Chefpilot Conrad Martens hatte
die Versuchsmaschine geflogen, sondern Hans-Jürgen, der achtzehn-
jährige FDJler und Schüler der 10. Klasse im IV. Stadtbezirk von
Leipzig.
Mit einigen Worten erklärte Professor Wenzel die Zusammen-
hänge. Noch einmal klang herzlicher Beifall auf. Dann endlich konnte
sich Hans-Jürgen zurückziehen.

Auf einer schattigen Bank im herrlichen Park der Würzburger


Poliklinik saßen die Freunde mit Conrad Martens. Die Jungen waren
gekommen, um Abschied zu nehmen, denn in zwei Tagen begann die
Schule wieder.
„Schade, daß man mir nur einen Flug gestattet hat", sagte Hans-
Jürgen bedauernd. „Ich werde den Tag nie vergessen."
„Wir sind stolz auf deine Tat", entgegnete Conrad Martens. „Du
hast der Wissenschaft einen Dienst erwiesen, das bedeutet aber nicht,
daß du einige Ausbüdungsstufen überspringen kannst. Jetzt ist das
Wichtigste für dich das Abschlußexamen, das du in fünf Monaten ab-
legen mußt."
„Und nicht nur befriedigend, sondern mit gut wirst du es schaffen",
ergänzte Roland.
„Ob es möglich ist, in wenigen Monaten alles das nachzuholen, was
man in langer Zeit versäumt hat?" zweifelte Martens.
Hans-Jürgen sah seine Freunde an. „Als Flieger . . . " Er unterbrach
sich und wurde rot. Dann begann er noch einmal: „Ich verspreche
euch, daß ich mein Bestes tun werde."

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Alle Rechte vorbehalten
Copyright 1953 by Verlag Neues Leben, Berlin W 8
Lizenz Nr. 303 • Gen.-Nr. 305/95/03
Umschlagzeichnung: Heinz Rammelt, Bernburg
Gestaltung und Typographie: Kollektiv Neues Leben
Druck: Karl-Marx-Werk, Pößneck, V 15/30
Schlanke Segelflugzeuge schweben über Täler und Bergkuppen,
klettern bei günstigem Aufwind zu großen Höhen hinauf bis dicht
unter die weißen bauschigen Wolken und kommen dann wieder
sanft zur Erde herab. '
Manchmal wird auch bei schlechtem Wetter geflogen, in die „Wasch-
küche" dicker, grauer Regenwände hinein. Dann pfeift und heult
der Sturm in den Verstrebungen, rüttelt an den Tragflächen und
wirft die „Kiste" wild herum.
Wollt ihr das und Adalberts Bruchlandung miterleben?
Dann lest das Buch von Hans-Joachim Härtung

fitifmud Aber Qroknaberg


Die Pferde reißen und zerren an den Seilen, Viktor reißt das
Gewehr hoch - doch es versagt . . .
Viele Gefahren müssen Viktor, Wadim und die anderen jungen
Mitglieder der Expedition überstehen, die im fernen Tien-schan-
Gebirge nach der „wunderbaren Pusteblume" forschen.
Doch es lohnt sich - diese Pflanze enthält Kautschuk.
Wollt ihr mitsuchen ? Dann beschafft euch
aus eurer Buchhandlung oder Bibliothek das Buch

vonAnatoliAgranowski • Illustriert • 264 Seiten • 4,80 DM