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Integration in ein plurales Europa- ein Kommentar zum Artikel „Integriert euch selber!“ -
Claudius Seidl (Quelle: Feuilleton FAZ (20.12.2015))

In Anbetracht der großen Anzahl an Flüchtlingen insbesondere aus dem Krisengebiet


Syrien, die nach Europa kommen, stellt sich die Frage, wie man die Neuankömmlinge in
das europäische Leben integrieren kann. Abgesehen vom pragmatischen Vorgehen
(Unterkünfte, Asylanträge, Sprachkurse, Jobsuche etc.) fragen sich einige zudem, wie die
Flüchtlinge in die europäische Kultur integriert werden können. Ein großes Vorhaben
angesichts der Tatsache, dass irgendwie niemandem so ganz klar zu sein scheint, was sie
nun ist, die große europäische Kultur, die unter sich zahlreiche einzelne Kulturen ihrer
Mitgliedsstaaten zu vereinen meint. Dieser Frage, was die europäische bzw. deutsche
Kultur ist, in die sich die Flüchtlinge integrieren sollten, geht Claudius Seidl in seinem
Artikel nach. Da insbesondere auch die Religion immer eine treibende politische und
kulturelle Komponente dieser Geschichte darstellt, gewinnt dieses Thema auch für die
Religionswissenschaft an Relevanz.
Seidl beschreibt in seinem Artikel zunächst die Dichte innereuropäischer Differenzen und
„kultureller Gräben“, die für den Durchschnittseuropäer kein Problem zu sein scheint,
sogar etwas ist, worauf er stolz ist. Das Problem unüberwindbarer kultureller Differenzen
taucht meist erst auf, wenn es um die Frage nach der Integration von Flüchtlingen aus dem
Nahen Osten oder Afrika geht. Hier werden Forderungen nach Integration in die deutsche
Leitkultur und Bekenntnis zu den gemeinsamen europäischen Werten gefordert. Dahinter
scheint, so Seidl, die Annahme zu stecken, dass die kulturellen Differenzen die an den
Grenzen Europas zum Nahen Osten verlaufen von tieferer Art seien als solche die sich
innerhalb Europas abspielen. Viele Forderungen die deutsche Kultur anzunehmen werden
allerdings mitnichten von einem Großteil der Deutschen erfüllt. Der Begriff der Integration
scheint zu eng, wenn es um die Integration in eine deutsche Kultur geht, die so nicht
einmal von den Deutschen aufrecht gehalten wird, bzw. viel zu schwammig wenn es um
die Integration in ein plurales Europa geht.

Das Zitat, an dem sich mein Kommentar aufhängt, ist folgende Frage im Artikel: „Zeigt
sich die perfekte Integration womöglich darin, dass einer morgens zum Yoga geht, sich
Sushi zum Lunch bestellt und abends amerikanische Fernsehserien im Original schaut?“
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Oder anders formuliert: Ist die europäische/deutsche Kultur heutzutage nicht eine plurale,
deren Ideal es vor allem ist, viele individuelle Kultur-, Konsum- und Sinnangebote
wahrzunehmen? Ist eine Integration in diesem Hinblick nicht hinfällig, wenn es ohnehin
darum gehen soll, Pluralität zuzulassen? Zu beachten ist dabei die folgende
Differenzierung: Die deutsche Kultur muss heutzutage durch Prozesse der Globalisierung
eingebettet in die europäische Kultur begriffen werden. Die deutsche Kultur frei von
äußeren Einflüssen findet man eigentlich kaum noch, viele Verhaltensmuster und Einflüsse
lassen sich durch die Globalisierung nur transnational nachvollziehen. Deshalb soll es hier
auch nicht rein um die Frage nach der Integration in die deutsche sondern vielmehr auch in
die europäische Kultur gehen. Ich möchte dabei den Fokus insbesondere auch auf die
Vorbehalte dem Islam gegenüber legen, sich in die europäische Kultur zu integrieren. Die
Beantwortung dieser Fragen hat zwei Dimensionen: der Blick zurück, auf die Geschichte,
die Europa hinter sich hat sowie einen Blick auf die aktuelle Situation, die Moderne.

Zunächst der Blick zurück: Welche gemeinsamen Wurzeln hat Europa? Kulturelle,
politische? Oder steht doch vor allem die geographische Abgrenzung im Vordergrund?
Rémi Brague vertritt die Ansicht, dass der Begriff von Europa als Ort, d. h. in seiner
geographischen Abgrenzung, stärker sei als der von Europa als Inhalt. 1 Dieser Auffassung
möchte ich mich hier anschließen. Europa im Sinne seines Inhalts, d. h. seiner Werte,
Kultur und Politik ist schwerer zu vereinen, als Europa schlicht als Ort abzugrenzen.
Aufgrund dieser inhaltlichen Unbestimmtheit muss man muss sich zunächst einmal fragen,
welche Wurzeln die europäische Bevölkerung hat. Bragues Antwort dazu ist „Griechen
oder Römer, Juden oder Christen, oder in gewisser Hinsicht, ein bisschen von alledem.
Man könnte also alle diese Antworten geben und keine wäre falsch“ 2. Es gibt keine
einheitlichen Wurzeln des Europäers. Europäische Religionsgeschichte unterliegt oftmals
noch dem Vorurteil sie sei homogen nur von christlichen Werten geprägt worden, ob
protestantisch im Norden oder katholisch im Süden. Daher scheint oftmals Unbehagen
aufzutauchen, wenn es um eine Konfrontation Europas mit dem Islam geht. Gemeinsam
mit vielen weiteren Einflüssen gehört der Islam aber auch historisch schon zu Europa.
Besonders wenn man sich Länder wie Spanien anschaut, die fast 700 Jahre lang Teil des
Islamischen Reiches waren. In der Forschung sind diese Erkenntnisse bereits etabliert.

1 Vgl. Brague, S. 31.


2 Vgl. ebd., S. 32.
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Gladigow schreibt zum Programm europäischer Religionsgeschichte, dass sich dieses vor
allem gegen das Bild eines einheitlich christlichen Europas richte. Die religiöse Geschichte
Europas kann aufgrund seiner hohen Religionsdichte nicht auf Kirchengeschichte begrenzt
bleiben.3
An dieser Stelle kann man an also mit Seidl gehen: Es gibt sie nicht, die eine europäische
Kulturgeschichte. Ihr mangelt es an Einheitlichkeit. Der einzige Versuch der
Vereinheitlichung ging in der Tat von der christlichen Missionierung aus, die für einige
Zeit lokale Traditionen verdrängt hat. Vom Blick der heutigen Forschung aus, wird es der
Geschichte aber nicht gerecht, diese Traditionen und andere Strömungen außer Acht zu
lassen, nur weil sie zeitweilig keinen sozialen Träger mehr hatten. Der heutige
Wertepluralismus resultiert vor allem aus der großen Vielfalt religiöser Einflüsse und
Traditionen. Den Islam als eine Bedrohung bzw. als unangepasst für ein nicht einheitlich
geprägtes Europa zu sehen wirkt dadurch absurd. Wenn es ohnehin um Pluralität geht wäre
der Islam nur ein weiterer pluraler Bestandteil. Abgesehen davon dass, wie oben
beschrieben, der Islam geschichtlich gesehen systemischer Bestandteil europäischer Kultur
ist.

Was ist Europa heute? Zu beobachten ist zum einen der Zuwachs an Einflüssen aus den
religiösen Wissenskulturen Asiens von der insbesondere die zeitgenössische Spiritualität
maßgeblich beeinflusst wird.4 Die Möglichkeiten der Ausübung sind hier vor allem
außerhalb aller Institutionen individuell aus gestaltbar. Das moderne religiöse Subjekt hat
sich selbst ermächtigt, zu entscheiden, welche sinnstiftenden, religiösen Angebote es
wahrnehmen und welche Praktiken es für sich annehmen möchte. Es gibt keine
übergeordneten Vorgaben.5 Zudem gibt es neue Transportmedien für Religionen. Durch die
Popularisierung in den Medien übernehmen auch die Wissenschaft, Literatur und Kunst
sinnstiftende Funktion durch die Wiederherstellung und Verbreitung religiöser Geschichte.
Die Verfügbarkeit von Religion ist damit abgekoppelt von den jeweiligen Institutionen und
erhält große Verfügbarkeit für das einzelne Subjekt. 6 Traditionelle Leistungen von Religion
werden gerade durch diese oben beschriebenen Prozesse, die Individualisierung und die
hohe Verfügbarkeit von Religion in anderen Medien, nicht mehr nur von einer Religion

3 Vgl. Gladigow, S. 24-25.


4 Vgl. Wilke, S. 75.
5 Vgl. Gebhardt u. a., S. 133.
6 Vgl. Gladigow, S. 27-30.
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allein wahrgenommen.7
Man kann Seidl also zustimmen, wenn er bemerkt, dass es nicht das eine Wertesystem in
Europa gibt, insbesondere auch wenn es um Religionen geht. Die Moderne hat Prozesse
der Individualisierung und Ausdifferenzierung gesellschaftlicher Subsysteme erlebt und ist
damit eben nicht mehr ein Ort, an dem bestimmte religiöse Formen besser gestellt oder
besser unterstützt wären als andere. Die kulturellen Subsysteme haben je eigene Deutungs-
und Sinnzusammenhänge. Das Individuum kann sich in diesen Teilsystemen bewegen,
ohne übergeordnet einer bestimmten Schicht zugeordnet zu werden. In jedem System kann
es sich neu definieren und eine Rolle finden.8 Die säkularen Werte dieser gesellschaftlichen
Teilsysteme spielen sich nicht gegeneinander aus, sondern bestehen nebeneinander und
neben den Religionen, die in Europa zu finden sind. Dadurch gibt es also nicht den
Prototypen des derart religiös und gesellschaftlich ausgestalteten Europäers, sodass nicht
klar zu definieren wäre, dass man, um sich zu integrieren, genauso werden müsse. Der
Islam kam nicht nach Europa, um zu missionieren, sondern weil Menschen der Verheißung
eines friedlichen, ökonomisch gut gestellten Europas folgten und einige davon waren eben
Muslime. Die Gründe für Immigration sind also für die europäischen Werte, die vor allem
säkular begründet sind, und nicht gegen sie. Der Islam in seiner liberalen Form muss dazu
keinen Widerspruch darstellen. Seidl beschreibt es passend, dass das größte Bekenntnis zur
europäischen Kultur nicht etwa die Partizipation an bestimmten Traditionen oder gar
Konversion zu einer bestimmten Religion wäre, sondern die Teilnahme an der an Erwerb
und Konsum orientierten Gesellschaft. Dies stellt womöglich die größte Gemeinsamkeit
des pluralen Europas dar.

Ein wesentliches Identitätsmerkmal von Europa scheint demnach gerade zu sein, dass es
Begegnungsort unterschiedlicher Religionen und Weltanschauungen ist.9 Worum geht es
überhaupt, bei einer Integration von Menschen unterschiedlicher Religionen? Doch wohl
nicht darum bestimmte Religionen hinter sich lassen zu müssen, sondern aber, die
Menschen dialogfähig zu machen. Damit zusammen hängt sicherlich auch die kulturelle
Kompetenz, von der Gladigow spricht. Gegenseitiges Wissen ist enorm wichtig, um sich in
der Landschaft pluraler Werte und Traditionen zurecht zu finden und zu verständigen.

7 Vgl. ebd., S. 28.


8 Vgl. ebd., S. 26.
9 Vgl. dazu auch Gladigow, S. 23.
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Zudem liegen enorme Lernchancen in Kulturkontakten, die die europäische Gesellschaft


und die Individuen bereichern können.10 Insbesondere Vorbehalten dem Islam gegenüber,
sich in die Gesellschaft zu integrieren, kann man zwei Dinge entgegenhalten: zum einen ist
der Islam historisch gesehen ein systematischer Bestandteil der europäischen
Kulturgeschichte (gewiss nicht aller Länder, aber so doch absolut akzeptierter
Mitgliedsländer wie Spanien); zweitens gehören die muslimischen Bürger, die schon vor
einigen Generationen nach Europa gekommen sind ebenso zu Europa wie jeder Deutsche
und Franzose. Sie haben einen Teil der europäischen Geschichte als Individuen
mitgestaltet.
Die Integrationsfrage darf nicht so verstanden werden, dass sich die Flüchtlinge in ein
bestimmtes Bild „des Europäers“ einfügen müssten. Erstens gibt es diesen einen Europäer
nicht, zum anderen ist eben genau das, was ihn ausmacht, auch die Fähigkeit, plurale und
interkulturelle Angebote gleichsam wahrzunehmen und zu integrieren. Daher ist es
wichtig, die enge Auslegung der Begriffe „deutsch“ und “europäisch“ hinter sich zu lassen.
„Europäisch“ ist nun einmal plural und wenn man an dieser Gesellschaft teilnehmen
möchte ist diese Partizipation eben auch plural gestaltbar. Nicht jeden Deutschen
interessiert das Gleiche und nicht jeder Europäer hat die gleichen Wertvorstellungen und
diese Forderungen an Flüchtlinge zu stellen wäre vermessen. Um auf Seidls Frage zu
antworten: Ja es kann durchaus einen Europäer und damit auch Integration ausmachen,
dass man Yoga aus Asien, Fernsehserien aus Amerika und Essen aus der Türkei
gleichermaßen zu schätzen weiß und in Anspruch nimmt. Ebenso verhält es sich auch mit
religiösen Angeboten. Vielleicht heißt Integration an diesem Punkt einfach nur, die
Neuankömmlinge selbst wählen zu lassen, was von dem „Markt der Weltanschauungen“
sie für sich annehmen möchte. Denn genauso machen es auch die meisten Europäer.

Verwendete Literatur:
Brague, Rémi. 2012. Europa- seine Kultur, seine Barbarei.Wiesbaden: Springer Verlag.
Gebhardt, Winfried; Engelbrecht, Martin; Bochinger, Christoph. 2005. Die Selbstermächtigung des religiösen
Subjekts. Der „spirituelle Wanderer“ als Idealtypus spätmoderner Religiosität. In ZfR, Nr.13, S. 133-151.
Gladigow, Burkhard. 1995. Europäische Religionsgeschichte. In Lokale Religionsgeschichte. Herausgegeben
von Hans G. Kippenberg, Brigitte Luchesi. Marburg: Diagonal Verlag.
Wilke, Anette. 2013. Säkularisierung oder Individualisierung von Religion? Theorien und empirische
Befunde. Erschienen bei De Gruyter.

10 Vgl. Gladigow, S. 27.