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Weltgerichtsfenster und Schutzmantelbild); Frenzel, Eichstätt, 1968, S. 7– 26 (eingehende Auseinandersetzung mit


dem Bestand und dessen Rekonstruktion im Anschluß an die Restaurierung von 1966/68; widerspricht energisch den
Thiemschen Erhaltungsangaben); Edmund Schilling, Städelsches Kunstinstitut, Frankfurt/Main. Katalog der deut-
schen Zeichnungen: alte Meister, München 1973, I, S. 33, zu Nr. 114 (bestätigt von Thiem, 1960, konstatierte lose
Zusammenhänge zwischen dem Weltgericht und dem Frankfurter Entwurf für einen Allerheiligen-Altar); Schindler,
1976, S. 309 (Aufzählung der Holbeinschen Fenster); Fitz-Ulrich, 1984 S. 149 f. (Auflistung unvollständig); Emanuel
Braun, Eichstätt. Dom und Domschatz, Königstein im Taunus 1986, S. 38 f. (Farbabbildung dreier Fenster, Angaben
zu den Stiftern und Resumé der Zuschreibung an Holbein); Andreas Bauch, Der Dom zu Eichstätt, München/Zürich
1988, S. 28 (kurze Beschreibung); Becksmann, 1988, Kat. Nr. 55 (knappe Angaben zu Stifterscheibe und Weltgericht
nach dem Kenntnisstand von Frenzel, 1968); Dehio Oberbayern, 1990, S. 224 (kurze Aufzählung mit Zuschreibung
an Holbein); Scholz, Hypotheken, 1994, S. 103 (Erwähnung im Kontext weiterer Entwerfersignaturen in Ulm und
Nürnberg); Becksmann, DGM I, 1995, Kat. Nr. 73 (wie 1988); Hess, CVMA Deutschland III,2, 1999, S. 65, 240
(erwähnt die Eichstätter Fenster als zeitliche Parallele für ähnliche partielle Farbfenster-Kompositionen im Chor der
Hanauer Marienkirche); Scholz, Monumental Stained Glass, 2000, S. 35 f. (erörtert die kompositionellen Eigentüm-
lichheiten der Eichstätter Fenster stellvertretend für die ansonsten weitgehend verlorene monumentale Glasmalerei
Augsburger Provenienz).

Gegenwärtiger Bestand: In fünf Fenstern des Mortuariums sind insgesamt 41 spätmittelalterliche Scheiben um
1500, eingebettet in eine barocke Sechseckverglasung, zum Teil wieder an ihrem angestammten Platz, erhalten geblie-
ben: Fenster 1: Heilige und Wappen (Fig. 36, 39, 51– 53, Abb. 38 – 42, 67 f.); – 2: Schutzmantelbild (Fig. 41, 54, Abb. 43,
46 – 48); – 3: Kreuzigung (Fig. 42, 55, Abb. 44, 49 – 51); – 4: Jüngstes Gericht (Fig. 37, 45, 50, 56, Abb. 52 – 66); – 5: Hei-
lige (Fig. 49, 57 f., Abb. 69f.)

Geschichte des Baues: Eichstätt war eine kirchliche Neugründung des 8. Jahrhunderts an einer älteren verwüsteten
Siedlungsstätte, die bereits eine bestehende Marienkirche besaß. Die Geschichte des neugegründeten willibaldinischen
Missionsklosters, die des frühen Bistums und die Baugeschichte der Bischofskirche von den Anfängen des späten
8. Jahrhunderts über den 1060 geweihten salischen Domneubau und die verschiedenen Erweiterungs- und Neubau-
maßnahmen des 12.–15. Jahrhunderts hinaus (1256–69 frühgotischer Westchor; um 1350–1400 Neubau von Ostchor,
Lang- und Querhaus; 1471 Westchorerweiterung) sind hier nicht weiter berücksichtigt, da sich keine Überreste der
mittelalterlichen Farbverglasung aus dem Kirchenbau selbst erhalten haben1. Allein die Baugeschichte des Mortuari-
ums und seines Vorgängerbaues – der Afrakapelle – als Grablege der Kanoniker kann daher Gegenstand dieser knap-
pen Einleitung sein. Über den romanischen Kreuzgang des Eichstätter Domes, der an der Stelle des heutigen spätgoti-
schen in der Regierungszeit Bischof Heriberts (1022–1042) errichtet worden war, existieren keine weiteren
Nachrichten2. Dagegen ist gewiß, daß die um 1192/93 von Bischof Otto geweihte Afrakapelle am ehemaligen Westflü-
gel des Kreuzgangs, die bereits einen unbestimmten Teil des jetzigen Mortuariums (im Bereich des Westschiffes) in
Anspruch nahm, spätestens seit Mitte des 13. Jahrhunderts (Bulle des Papstes Innozenz IV. vom 7. Juli 1252) ein
»Cömeterium« hatte und als Sepultur der Kanoniker und Adeligen des Domstiftes diente3. Das Patrozinium der Hl.
Afra verschwand seit dem 14. Jahrhundert; statt dessen erfahren wir von verschiedenen Altargründungen in der
Begräbniskapelle, die auch im späteren Bildprogramm des Mortuariums noch ihren Niederschlag gefunden haben:
1326 dotierte ein gewisser Seifried von March einen Altar zu Ehren der Hll. Margareta und Brictius sowie einen zwei-
ten, der allen Heiligen geweiht war. Ein dritter Altar wurde im Jahr darauf durch Bischof Gebhard dem Hl. Richard
gewidmet, ein vierter um 1337 durch Propst Heinrich dem Hl. Arsacius4. Wenn es zutrifft, daß das nördliche Fenster
im heutigen Westschiff des Mortuariums mit seinem spätgotischen Maßwerk der Zeit um 1400 noch von dieser

1 Zur Geschichte des Hochstiftes Eichstätt: Sax/Bleicher, 1927; zur 2 Vgl. im folgenden stets Mader, 1924, S. 163 ff.
Baugeschichte der Dombauten Joseph Georg Suttner, Baugeschichte 3 Heidingsfelder, 1938, Nr. 482.
des Domes in Eichstätt, Eichstätt 1882, die knappe Darstellung bei 4 Suttner, 1866, S. 194 f.
Mader, 1924, S. 32ff., und zuletzt ausführlich Fabian, 1989.
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Kapelle stammt, dann wird man auch mit zwischenzeitlichen Um- oder Neubaumaßnahmen an der Grablege zu rech-
nen haben5.
Als Abschluß langwieriger Baumaßnahmen, die der spätgotischen Erneuerung des Kreuzgangs und der Sepultur vom
frühen 15. Jahrhundert an gewidmet waren, begann man schließlich unter Bischof Wilhelm von Reichenau
(1464–1496) gegen 1480 anstelle des Westflügels und der Afrakapelle mit der Errichtung des zweischiffigen Mortuari-
ums – der neuen Begräbnisstätte der Stiftsgeistlichkeit. Über den Bauverlauf informieren neben einer Reihe am Bau
befindlicher Jahrzahlen die Domkapitelsprotokolle: Im Jahr 1486 wird notiert, daß auf der Grebnus seit fünf Jahren
nicht gebaut worden sei, was soviel bedeutet, daß mit den Arbeiten bereits vor 1481 begonnen worden war6. Um 1487
dürften bereits die Umfassungsmauern fertiggestellt worden sein, denn im selben Jahr bestimmt das Domkapitel …
von sant leonards altar außbrechen den karner und mit Gewölben versorgen durchaus nach Rat der Steinmetzen und
Meister, damit ein Gewölb dem andern gleich werde7. Dieselbe Jahrzahl findet sich am Bau sowohl über dem Südfen-
ster als auch über dem südlichen Fenster der Ost- und Westseite eingemeißelt. 1489 wurde das Mortuarium laut
Inschrift auf dem gewundenen Schriftband der sogenannten »schönen Säule» geweiht, obgleich die Wölbung noch
nicht vollendet war; die Inschrift lautet: Presens · edificiu(m) · dedicatu(m) · fuit · an(n)o · salutis · 1489 · / dive · virgini
· ac · sancto · Willibaldo · omnisb(u)sq(ue) · a(m)iabus · / Qui · transis · anime · oro · dic · in · pace · quiescant.8 Weitere
Kapitelsitzungen der Jahre 1493, 1494 und 1498, nun bereits unter Bischof Gabriel von Eyb (1496–1535), verhandeln
den Weiterbau, wobei jeweils von der Errichtung der Gewölbe die Rede ist9. 1504 wird der Bau des Mortuariums
letztmals erwähnt. Das Kapitel beschließt Tür und Gitter für die Begräbnisstätte herstellen zu lassen, und es ist anzu-
nehmen, daß der neue Bauteil damit seiner Bestimmung übergeben wurde, d. h. auch vollständig verglast gewesen sein
muß. Als verantwortlicher Baumeister gilt allgemein Hans Paur, der in einer Urkunde des Jahres 1500 als Thummei-
ster (Dommeister) bezeichnet wird, was auch zu den Initialen h p auf der Meisterkonsole von 1497 an der Nordwand
des Mortuariums paßt10. Eine alternative Interpretation der Intialen als Monogramm des in Eichstätt niedergelasse-
nen, langjährigen Ratsherrn Hans Pildschnitzer, wie von Mader diskutiert, ist mindestens insofern interessant, als der
Betreffende im Jahr 1499 im Zusammenhang mit anstehenden Reparaturen farbiger Glasfenster Erwähnung fand,
wobei ihm die Arbeit dann allerdings nicht übertragen wurde (vgl. Reg. Nr. 4).
Bis 1806 diente das Mortuarium seiner Bestimmung als Sepultur. Nach der Säkularisation wurden Teile des Kreuz-
gangs verkauft und als Trinkstube und Stall benutzt, während die Doppelhalle des Mortuariums 1808 als Requisiten-
raum an die Dompfarrei überwiesen wurde und zu diesem Zweck im Ostschiff eine Unterteilung mit Holzwänden
erhielt11. Erst ab 1866 wurden die Einbauten wieder ausgeräumt, das Niveau von Ost- und Westschiff geebnet (ehe-
mals war das Ostschiff um eine Stufe erhöht) und die Grabplatten in eine gleichmäßige Reihung gebracht12. Die so
zurückgewonnene zweischiffige Anlage, eine der schönsten ihrer Art in Deutschland13, umfaßt je acht Joche, zeigt
Kreuzgewölbe mit regelmäßigen Netzfigurationen und besitzt im Ganzen zehn, auf der Ostseite vier, auf der Südseite
ein und auf der Westseite fünf Fensteröffnungen (Fig. 34 f.). Die Fenster der Ostseite sind mit Ausnahme der Maß-
werkschlüsse identisch gebildet und umfassen jeweils drei Bahnen und vier Zeilen. Die einzige Fensteröffnung der
Südseite, über dem Ausgang zum Residenzplatz, besitzt fünf Bahnen und drei Zeilen in den vier Außenbahnen sowie
eine überhöhte vierzeilige Mittellanzette. Von den fünf Fenstern der Westseite sind die beiden nördlichen und das süd-
lichste mit vier Bahnen und drei Zeilen wiederum weitgehend identisch gebildet, während die beiden dazwischen lie-
genden wie die Ostfenster gegenüber dreibahnig sind.

5 Mader, 1924, S. 164. bemerkt außerdem, daß das Zeichen des Meisters h p ein zweites Mal im
6 StAN, Rep. 190II, Nr. 1070, S. 82 (Protokolle von 1486). 1472–1485 erbauten Kreuzgang des Klosters Plankstetten (Oberpfalz)
7 Ebenda, S. 126 (Protokolle von 1487, Sitzung vom 31. August). begegnet.
8 Zitiert nach: Mader, 1924, S. 178. 11 Suttner, 1866, S. 195; 1808 war die Liebfrauenpfarrkirche am Markt-
9 StAN, Rep. 190II, Nr. 1071, S. 259, 304, 415, 634 (Protokolle von 1493, platz, die Wiege der Stadt, geschlossen worden und der Pfarrei die unte-
1494, 1498, 1504). ren Räume der Domkirche zugewiesen worden.
10 Mader, 1924, S. 164 f., Fig. 128, erwägt eine verwandtschaftliche 12 Im Mortuarium der Domkirche (Fortsetzung), in: Pastoralblatt des

Beziehung des Eichstätter »Dommeisters« zum gleichnamigen Parlier Bistums Eichstätt 15, 1868, S. 162–164.
Hans Paur von Ochsenfurt am Chorbau von St. Lorenz in Nürnberg, der 13 Vgl. hierzu Fritz Arens, Kapitelsaal und Sepultur bei deutschen Dom-

freilich schon 1462 gestorben war (vgl. Georg Stolz, Die zwei Schwe- und Stiftskirchen, in: Würzburger Diözesangeschichtsblätter 18/19,
stern. Gedanken zum Bau des Lorenzer Hallenchores 1439–1477, in: 500 1956/57, S. 62–73.
Jahre Hallenchor St. Lorenz, 1977, S. 10 und 17). Mader (S. 166)
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I II III IV

X IX VIII VII VI

Fig. 34. Eichstätt, Dom, Mortuarium. Grundriß mit Fensterschemata. Maßstab 1:300.
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Fig. 35. Eichstätt, Dom, Mortuarium. Innenraum nach Nordosten. Zustand 1999.

Geschichte der Verglasung: Nachrichten oder Rechnungsbelege, die Auskunft über die exakten Entstehungszei-
ten, die verschiedenen Auftraggeber und die beteiligten Künstler der Mortuariumsfenster geben könnten, sind nicht
bekannt. Die einzig einschlägige Erwähnung in jener Zeit galt im Jahr 1499 den reparaturbedürftigen geprennten alten
Fenstern des Domes, für die anscheinend nur der schon erwähnte Meister Hans Pildschnitzer, dem Namen nach kein
eigentlicher Glasmalerei-Spezialist, als potentieller Reparateur zur Auswahl stand. Der Beschluß des Domkapitels
lautet dahingehend, daß ihm besagte Fenster zum Ausbessern nicht verdingt werden sollten, sondern vielmehr abzu-
warten sei, bis ein Meister komme, der in dieser Kunst etwas vermehret sei (Reg. Nr. 4). Gottfried Frenzel hat aus
der Quelle bereits den zutreffenden Schluß gezogen, daß es in Eichstätt damals keine ortsansässige Glasmalerwerk-
statt gab, was auch von Belang für die Herkunft der Mortuariumsscheiben ist. Andererseits darf man sich die erwähn-
ten reparaturbedürftigen Fenster, von denen sich leider nichts erhalten hat, aus baugeschichtlicher Sicht mit gutem
Grund im Verlauf der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts (der Bauzeit von Ostchor und Langhaus) entstanden den-
ken, etwa gleichzeitig mit den großen Farbverglasungen in Rothenburg o.T., Nürnberg, Erfurt und Ulm, und zumin-
dest teilweise aus derselben Werkstatt hervorgegangen wie die noch erhaltenen Chorfenster der Pfarrkirche zu Pollen-
feld (vgl. S. 396), die zum damaligen Zeitpunkt dem Eichstätter Domkapitel inkorporiert gewesen war.
Die eigentliche Restaurierungsgeschichte der Mortuariumsfenster beginnt im Jahr 1842, als das Domkapitel beschloß,
die wenigen Reste der noch nicht zerstörten oder entwendeten Glasgemälde im vormaligen Mortuarium vom gänz-
lichen Verfall zu retten, auszubauen und auf eigene Kosten reparieren zu lassen (vgl. Reg. Nr. 5 – 15). Aus dem Brief-
wechsel des Kapitels mit der Bayerischen Regierung von Mittelfranken, Kammer des Innern, geht hervor, daß der
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größte Teil der alten Glasgemälde wegen der niedrigen Fenster erst in jüngerer Zeit, seit der Umwidmung des vorma-
ligen Mortuariums in die Requisitenkammer der Stadtpfarrei, in Trümmer zerfallen oder in unredliche Hände gekom-
men sei. Die Sorge galt zunächst der Wiederherstellung der Schutzmantelmaria durch den Münchner Glasmaler Max
Emanuel Ainmiller, der den entwendeten Kopf der Muttergottes erneuerte, dazu mehrere Fehlstellen ergänzte und das
Bleinetz stabilisierte. Der uneingeschränkte Beifall der Auftraggeber für diese erste Maßnahme hatte zur Folge, daß
man Ainmiller die Neuverbleiung aller Felder und eine »kleine Restauration« fehlender Stücke um die mäßige
Gesamtsumme von 175 Gulden übertrug. 1847 kamen die restaurierten Scheiben nach Eichstätt zurück, wo sie –
einem Plan des Bischöflichen Ordinariats zufolge und übrigens gegen Ainmillers unter anderem historisch begründe-
ten Rat – nicht ins Mortuarium zurück gelangten, sondern der größeren Sicherheit wegen und zur Freude und Erbau-
ung des Publikums schließlich 1850 in die fünf Chorfenster hinter dem barocken Hochaltar versetzt wurden, wo sie
allerdings nur bis 1884 verblieben14: Alte Innen- und Außenaufnahmen des Ostchores von 1879/80 (Foto Knauf) im
Besitz des Diözesanmuseums überliefern die Halbfiguren des Hl. Willibald und des zweiten Hl. Bischofs in der fünf-
ten Zeile des Chorachsenfensters (I, 5a und c), das Schutzmantelbild mit Inschrifttafel und den kleinen Wappen von
Bistum und Domkapitel im nordöstlichen Flankenfenster (nord II, Zeile 4 – 7), im südöstlichen Fenster das Weltgericht
(süd II, Zeile 4–7) und die Standfiguren der Gottesmutter zwischen Johannes dem Evangelist und dem Hl. Willibald
im Nordfenster des Chors (nord III, 5/6a– c), allesamt umgeben von einer farblosen Wabenverglasung. Unter der
Halbfigur Marias ist die Scheibe mit dem Rechbergwappen zu erkennen (nord III, 4b); das Kreuzigungsfenster und
die beiden Scheiben aus der Sockelzone des Weltgerichts dürften demgemäß in den Zeilen 4– 6 des Fensters süd III
gesessen haben.
Als im Zuge der großangelegten Regotisierung des Eichstätter Domes unter Bischof Franz Leopold Freiherr von
Leonrod (1867–1905) ab 1883 der gesamte Bau sukzessive historistische Farbfenster erhielt, wurden die Mortuariums-
scheiben im Chor 1884 durch neue Farbfenster des Glasmalers Bernhard Mittermaier (Lauingen) nach Entwürfen des
Enkeringer Pfarrers Sebastian Mutzl ersetzt15. Eine neuerliche Restaurierung der spätmittelalterlichen Restscheiben
durch den Freiburger Maler und Glasmaler Fritz Geiges in den Jahren 1890/91 galt der Neuverbleiung und Aus-
flickung der Felder, wobei die Reparaturen Ainmillers aus der Mitte des Jahrhunderts offenbar weitgehend wieder
eliminiert worden sind (Reg. Nr. 15 – 22)16. Der recht bescheidene Betrag von 780 Reichsmark für die Restaurierung
aller alten Fenster deckt sich mit dem Befund, der aufs Ganze gesehen keine größeren Eingriffe erkennen läßt. Bei der
anschließenden Rückführung der Fenster an ihren angestammten Platz im Mortuarium und der Neuanordnung der
Felder kam es gelegentlich zu willkürlichen bzw. ästhetisch motivierten Zusammenstellungen, die teilweise bis heute
bestehen geblieben sind (vgl. S. 126 –132)17.
Die letzte Restaurierung 1966 –1968 in der Werkstatt Dr. Gottfried Frenzel (Nürnberg) war neben einer Reinigung der
Fenster im wesentlichen auf die Beseitigung von Sprungbleien und ausgedehntes Doublieren der betreffenden Gläser
konzentriert – am umfangreichsten im Fenster der Kreuzigung und im unteren Register des Weltgerichts. Lediglich im
oberen Register des Weltgerichts wurden umfassende Ergänzungen des späten 19. Jahrhunderts im blauen Himmel
durch neue, vermeintlich besser angepaßte Gläser ersetzt. Zugleich wurde die obere Partie des Gerichts nach dem
Rekonstruktionsvorschlag von Thiem wieder in ihre ursprüngliche Gestalt mit dem Weltenrichter im großen Okulus
zurückversetzt und die Sockelzone aus dem Schutzmantelfenster sowie das Rechbergwappen hierher überführt. Im
Zuge dieser Maßnahme erhielten sämtliche Fenster eine Außenschutzverglasung.

Erhaltung: Sieht man ab von der nicht unbeträchtlichen Anzahl verlorener Scheiben und zur Gänze abgegangener
Kompositionen, die in erster Linie dem gesteigerten Lichtbedürfnis im Zuge der Umnutzung des Mortuariums zur
Requisitenkammer der Dompfarrei zum Opfer gefallen sein dürften, dann ist der Gesamterhaltungszustand der über-
kommenen Glasgemälde als erstaunlich gut zu bezeichnen. Dies gilt nicht nur für den geringen Umfang an Ergänzun-

14 Eichstätt, DAEI, Akt DK: Restaurierung der Domkirche 1848 – 55; stätter Fenster befinden sich heute auf mehrere Sammlungen verteilt: im
Schreiben vom 15. Juni 1850. Deutschen Glasmalereimuseum in Linnich, im Musée du Vitrail in
15 Vgl. Claudia Grund, Die neugotische Umgestaltung des Domes zu Romont und im Augustinermuseum in Freiburg i. Br.
Eichstätt, Magisterarbeit Eichstätt 1988 (Ms.), S. 47 ff. 17 Die Anordnung von 1892 ist bei Mader, 1924, S. 186 f., und Tafel
16 Die bei dieser Gelegenheit von Geiges angefertigten Kopien der Eich- XVII f. wiedergegeben.
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Fig. 36. Christuskind in I, 3b.


Originale Rückseitenlasuren.

Fig. 37. Kopfdetail aus dem


Weltgericht in IV, 2c.

gen, die überwiegend erst dem späten 19. Jahrhundert angehören und nur im Oberteil des Weltgerichts nochmals in
jüngerer Zeit nachgebessert wurden18, sondern ebenso für den Zustand der Bemalung und der Glassubstanz. Lochför-
mige und flächige Verwitterung der Außenseiten ist – ganz typisch für die Zeit um 1500 – nurmehr vereinzelt in den
braunen Inkarnaten, an einer Reihe gelber und violetter, selten auch roter Gläser anzutreffen. Partieller Abrieb von
Konturen und Halbtonmalerei, besonders stark bei den Figuren und Hintergründen der Kreuzigung in Fenster III, ist
offensichtlich das Resultat mechanischer Reinigungsversuche mit scheuernden Mitteln. Im Umfang erstaunlich sind
die Reste von rückseitiger Bemalung, sei es in Form weich vertriebener und mit dem Lappen ausgewischter hellgrauer
Überzüge, besonders ausgeprägt in den Köpfen und Gewändern des Heiligenfensters I (Fig. 36), oder als scharf
umrissene (schablonierte?) Halbtonzeichnung der Damaszierung in den Gewändern des Hl. Bischofs und der Strah-
lenkranzmadonna (Fenster I und II). Großflächige Übermalungen und Nachkonturierungen, wie sie Thiem fast
durchgängig für ganze Partien angenommen hat, sind nicht festzustellen; ausgenommen jene späteren, mit Lackfarbe
grob und ohne Rücksicht auf den betreffenden Bildgegenstand aufgeschmierten Kaltretuschen von 1966/68 zur
Abdeckung etwaiger Lichtkanten an entfernten Sprungbleien. Die Verbleiung entstammt zum größten Teil dem 19.
Jahrhundert, wobei nicht immer klar zwischen den Maßnahmen von Ainmiller (1842/47) und Geiges (1890/91) unter-
schieden werden kann. An den 1966/68 doublierten Partien wurden nochmals die Umbleie ausgetauscht (vgl. hierzu
die detaillierten Erhaltungsangaben im Katalog der einzelnen Fenster).

Rekonstruktion, ikonographisches Programm, Komposition: Alle fünf partiell mit Glasmalereien besetzten
Fenster des Mortuariums haben noch vor Mitte des 19. Jahrhunderts mehr oder weniger umfangreiche Partien ihrer
ursprünglichen Kompositionen eingebüßt und stehen heute nurmehr als Fragmente vor uns. Allerdings bietet auch
das Erhaltene noch genügend Anhaltspunkte, um berechtigte Aussagen über die einstige Gestalt der verschiedenen
Epitaphien und deren ursprüngliche Verteilung auf die vorhandenen Fensteröffnungen treffen zu können. Auf der
Basis der jüngsten Bestandsaufnahmen sind daher die bereits bestehenden Rekonstruktionsvorschläge von Thiem und
Frenzel wie folgt zu korrigieren bzw. zu ergänzen19:

18 Zweifel an der Originalität bestehen weiterhin bei einzelnen Köpfen nahme zugeschrieben werden wie jene ausgezeichneten Ergänzungen im
im unteren Teil des Weltgerichts, ohne daß wir momentan in der Lage Körper jenes hellblauen Teufels am rechten Rand des Feldes 2b.
sind, diese mit letzter Sicherheit einer der bekannten Restaurierungen 19 Vgl. im folgenden stets Thiem, 1960, S. 182–200, und Frenzel, 1968,

zuzuweisen (vgl. Fig. 37). Sollten die betreffenden Partien wirklich aus- S. 8 –19, Abb. 1, 7, 8 und 10.
gewechselt worden sein, dann kann dieser Eingriff nur derselben Maß-
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Fenster I. Maria mit den Hll. Johannes und Willibald. Stiftung Johannes von Seckendorff (Fig. 39): Die als Block in
zwei Zeilen erhaltene bahnübergreifende Komposition mit den Halbfiguren der Muttergottes im Strahlenkranz zwi-
schen dem Hl. Johannes Evangelista und dem Hl. Willibald unter einer frei in die spätbarocke Wabenverglasung aus-
laufenden Architekturbekrönung ist zunächst in Übereinstimmung mit Thiem und Frenzel dergestalt zu ergänzen,
daß alle drei Heiligen um eine Zeile nach unten zu Standfiguren zu komplettieren sind. Für diese Rekonstruktion der
abgeschnittenen unteren Figurenhälften bietet außer dem Augenschein der von Thiem zum Vergleich herangezogene
Basler Riß für ein verlorenes Eichstätter Fenster mit den Bistumspatronen Willibald, Richard, Wunibald und Wal-
burga die beste Gewähr (Fig. 38). Auch der von Frenzel abgebildeten Anordnung der sechs betreffenden Scheiben in
der dritten und vierten Fensterzeile ist zuzustimmen, da in der ersten Zeile unbedingt mit einer Inschrift zum Geden-
ken an den verstorbenen Stifter und mit dessen Wappen gerechnet werden muß. Daß die beiden kleinen Engel mit den
Wappen des Bistums und des Domkapitels (heute in 2a+c) auszuscheiden sind, erhellt aus dem Umstand, daß das Fen-
ster durch das Wappen auf dem kleinen Schlußstein im Gewölbe über Maria zweifelsfrei als eine Seckendorff-Stiftung
ausgewiesen ist. Aus demselben Grund kann auch das Rechbergwappen, das während der vorübergehenden Diaspora
der Scheiben im Domchor unmittelbar unter der Halbfigur der Gottesmutter abgestellt war, nicht zum Urbestand des
Fensters gehören. Es ist erstaunlich, daß weder Thiem noch Frenzel die ehemalige Zugehörigkeit der konsolartigen

Fig. 38. Fensterentwurf mit den vier Eichstätter


Bistumspatronen Willibald, Richard, Wunibald
und Walburga. Basel, Kupferstichkabinett.
Augsburg, um 1500 (Werkstatt H. Holbein d. Ä.).

Inschrifttafel des 1490 verstorbenen Kanonikers Johannes von Seckendorff (heute fälschlich unter der Kreuzigung in
Fenster III, 1b eingesetzt) zu Fenster I erkannten, obwohl diese in der Farbigkeit ebenso wie in den seltsam eingeroll-
ten Blattkrabben die unmittelbarsten Zusammenhänge mit der Architekturbekrönung des Standfigurenfensters verrät.
Ikonographisch stützt sich diese Zuweisung auf die Präsenz des Evangelisten Johannes, der als Namenspatron des
genannten Verstorbenen gemeinsam mit einem Hl. Bischof – dem in Eichstätt allgegenwärtigen Bistumspatron Willi-
bald? – als Fürbitter vor Maria in Erscheinung tritt. Versetzt man die Seckendorffsche Inschriftkonsole folgerichtig
nach Fenster I, dann sind wir der ehemaligen Gestalt einer schwebenden Bildkomposition, eines farbig-figürlichen
Epitaphs umgeben von farblos-neutralen Butzen (die Sechseckscheiben entstammen erst dem 18. Jahrhundert) einen
deutlichen Schritt näher gekommen20. Im übrigen steht zu vermuten, daß der ursprüngliche Standort für die Fenster-
stiftung des Johannes von Seckendorff neben dem steinernen Seckendorff-Epitaph mit der Kreuzigung Christi und
vier knienden Kanonikern der Familie im dritten Fenster der Ostseite (III) zu suchen ist; zur Frage des ursprünglichen
Standorts vgl. auch das Rechberg-Fenster (II) und das heute an dieser Stelle eingesetzte Kreuzigungsfenster (III).
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Fig. 39. Strahlenkranzmadonna zwischen den Hll. Johannes Ev. und Willibald (Seckendorff-Fenster). Eichstätt, Dom, Mortuarium I.
Augsburg, um 1495/1500 (Entwurf Hans Holbein d. Ä.) – Kat. S. 140 –142.

Fenster II. Schutzmantelmadonna. Stiftung Wilhelm von Rechberg (Fig. 41): Der erhaltene Restbestand in Fenster II
zeigt in Zeile 2– 4 auf sieben Feldern das bahnübergreifende Schutzmantelbild vor farblosem Sechseckgrund. Eine
architektonische Rahmung einschließlich farbigem Hintergrund wie in den benachbarten Fenstern I, III und V ist
nicht überliefert, doch die extrem silhouettierte Gestalt der Schutzmantelmadonna läßt keinen Zweifel daran, daß eine
solche ehemals vorhanden war. Ein Vergleich mit dem im selbem Jahr 1502 enstandenen Holzschnitt des Kaisheimer
Schutzmantelbildes läßt überdies die Vermutung zu, daß auf beiden Seiten hinter dem ausgebreiteten Mantel assistie-
rende Engel die Komposition vervollständigten (Fig. 40). Zurückzuweisen ist dagegen der von Frenzel vorgeschla-
gene Verzicht auf eine Sockelzone, zu deren Lasten er die ganze Komposition um eine Zeile tiefer setzt21. Die

20 Daß die Inschrifttafel dagegen »auf ein volles Rechteckfeld zu erwei- sung der Pfarr- und Wallfahrtskirche in Lautenbach von 1482 –1488 (vgl.
tern« sei, wie Frenzel meint, entbehrt jeder Begründung und ist mit Becksmann, CVMA Deutschland II, 1, 1979, S. 133 –189) und etwa
Blick auf die eigentliche Bildidee schlichtweg auszuschließen. Die voll- gleichzeitig mit den Eichstätter Fenstern in den Chorfenstern der
endetste Ausformulierung dieser besonderen Kompositionsform schwe- Hanauer Marienkirche von 1492/97 (vgl. Hess, CVMA Deutschland III,
bender Epitaphien im Fenster findet sich allerdings erst drei Jahrzehnte 2, 1999, S. 234 – 255) und in der Münchner Salvatorkirche um 1500 (vgl.
später in den Kaiserfenstern der Chorkapellen des Freiburger Münsters, Frankl, 1912, S. 91– 96, und zuletzt Susanne Fischer, Die Münchner
die bezeichnenderweise auf Entwürfe eines Augsburger Meisters Schule der Glasmalerei. Studien zu den Glasgemälden des späten 15. und
(Burgkmair oder Breu) zurückzuführen sind (Hartmut Scholz, Kaiser- frühen 16. Jh. im Münchner Raum. Arbeitshefte des Bayerischen Lan-
liche Fensterstiftungen in Freiburg, in: Kat. Ausst. Freiburg 1998, desamtes für Denkmalpflege 90, München 1997, S. 81– 83).
S. 403–411). – Das freie Ausgreifen der architektonischen Rahmung in 21 Frenzel, 1968, S. 11, Abb. 7.

eine Blankverglasung findet sich vorgebildet in der partiellen Farbvergla-


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Inschrifttafel in der Sockelzone ist vielmehr wörtlich auf das darüber


dargestellte Bild bezogen, und es ist mehr als unwahrscheinlich, daß
dasselbe Thema, wie Frenzel glaubt, in einem zweiten Fenster des
Mortuariums nochmals zu sehen war. Sein einziges Argument, daß
»die Rahmenarchitektur der Scheibe [mit der Inschrift] in der darüber-
liegenden Zeile eine abschließende Fiale verlangt, die aber im Fenster
nicht vorhanden ist«, läßt sich mit einem Blick auf die Predellenzone
in Holbeins Danziger Altarentwurf ohne weiteres entkräften (Text-
abb. 51). Tatsächlich sind auch dort die Bögen fast identisch gebildeter
Rahmenarchitekturen einfach abgeschnitten. Der horizontale obere
Abschluß des Rahmens wird lediglich durch einen dünnen Rundstab
angedeutet, wie er beim zugehörigen Rechbergwappen auch noch
erhalten ist (Abb. 43). Der gleiche abschließende Rundstab dürfte ehe-
mals auch im Feld mit der Inschrifttafel vorhanden gewesen, doch bei
der Versetzung der Scheibe in den Chor einer notwendigen Beschnei-
dung zu Opfer gefallen sein. Bei der Rückführung ins Mortuarium
wurde das Feld von Geiges durch falsche Anstückungen unten und auf
halber Höhe der Rahmenpfeiler wieder auf das ursprüngliche Höhen-
maß gebracht. Aller Wahrscheinlichkeit nach saß also in der ersten
Zeile des Fensters mittig die Inschrifttafel, die den Eichstätter Kanoni-
ker und Kustos Wilhelm von Rechberg als Stifter nennt und den direk-
ten Textbezug zur Darstellung der Schutzmantelmadonna enthält.
Daneben, unklar auf welcher Seite, saß wohl das Rechbergwappen und
gegenüber ein zweites, mutmaßlich eines jener drei, die auch den
Grabstein des Fensterstifters (heute im Durchgang vom Mortuarium
in den Dom an der Westwand des südlichen Querhausarmes) zieren22.
Fig. 40. Kaisheimer Schutzmantelmadonna.
Nicht auszuschließen ist andererseits die Möglichkeit, daß das erhal- Basel, Kupferstichkabinett.
tene Wappen Rechberg einst die Mitte der Sockelzone bildete und von Holzschnitt nach H. Holbein d. Ä., 1502.
zwei Inschrifttafeln rechts und links begleitet wurde, ähnlich dem ein
Jahrhundert später (1622) ausgeführten steinernen Epitaph zum
Gedächtnis des Propsts Vitus von Rechberg von Hohenrechberg und seiner längst verstorbenen Vorfahren: So
erinnert die linke Inschrifttafel ebenda an den am 11. Januar 1511 verstorbenen Subdiakon und Junior Canonicus Wil-
helm(us) de Hohenrechberg, während die rechte Inschrifttafel den nicht mehr komplett verstandenen Text wiederholt,
den der oben erwähnte translozierte Grabstein des älteren Wilhelm von Rechberg, gestorben am 28. Oktober 1503,
noch heute trägt23. Geht man zu guter Letzt davon aus, daß die einzelnen Fensterepitaphien ihren angestammten Platz
einst im Kontext der betreffenden Begräbnisstätten innerhalb des Mortuariums besaßen, dann ergibt der Standort des
besagten Rechberg-Epitaphs im Wandfeld mittig unterhalb der Sohlbank von Fenster I einen wichtigen Anhaltspunkt
für die ursprüngliche Lokalisierung des Schutzmantelfensters: Die zentrale Inschrift des steinernen Epitaphs für Vitus
von Rechberg trägt auch den Hinweis auf das Grab des ein Säkulum zuvor verstorbenen Fensterstifters und jenes
zweiten weitläufigen Vorfahren: HIC IVXTA SITIS 24.

22 Diese zeigen an heraldisch hochrangiger Position oben links (1) das CATHED(RALI)V(M): AUGVSTANAE PRAEPOSITO./EYSTETTENSIS CANO-
Wappen Rechberg, oben rechts (2) ein unbekanntes Wappen mit dem NICO ET SVMMO/CVSTODI R(EVERENDISSI)M(I) EIVSDEM CONSILIARIO VI/
Bild eines Lammes, links unten (3) das Wappen Monfort und unten RO APPRIME PROVIDO AEQUI IVSTIQVE/CVLTORI FRATER HAERES FRATRI
rechts (4) ein unbekanntes Wappen mit dem Bild eines Löwen. CONSANGVINEISQ(VE) VTRIQ(VE) WILHELMO DE RECH/BERG DE HOHEN-
23 Hic situs est Rechberg/Generosa ex stirpe creat(us)/Wilhelmus
RECHBERG HIC IVXTA SITIS/PLVS SAECVLO PRAEDECESSORIB(VS)
priscis/par pietate viris//Dic quicumq(ue) legis/Tumulo pia verba viator/ HOC/MONVMENTVM PONI CVRAT ANNO/M DC XXII (die Transkription
Sic Tua felici/stamine Fata meant. dieser und der vorhergehenden Inschrift ist den Kollegen der Inschrif-
24 ADMODVM R(EVEREND)DO AC GENEROSO D(OMIN)O D(OMIN)O/VITO
ten-Kommission der Mainzer Akademie der Wissenschaften, Dr. Rüdi-
LIBERO BARONI DE RECHBERG/DE HOHENRECHBERG ECCL(ESI)ARVM ger Fuchs, Dr. Eberhard Nikitsch und Dr. Sebastian Scholz, zu danken).
eichstätt · dom 129

Fig. 41. Schutzmantelmadonna. Eichstätt, Dom, Mortuarium II. Augsburg, 1502 (Entwurf Hans Holbein d. Ä.) – Kat. S. 142 –145.
130 eichstätt · dom

Fenster III. Kreuzigung Christi (Fig. 43): Die übergreifende Komposition der Kreuzigung erstreckt sich einschließlich
ihrer architektonischen Rahmung in spätgotischen Maßwerkprofilen typisch Augsburger Manier auf sieben Felder in
der zweiten bis vierten Zeile (2a– c/3a – c/4b) und ist eingebettet in eine barocke Blankverglasung mit Sechseck-
scheiben. Von der ehemaligen Sockelzone mit Stifterinschrift, Wappen und möglichen Stifterbildern hat sich im über-
kommenen Glasmalerei-Bestand nichts erhalten; lediglich die abschließenden gelben Stümpfe der vormaligen Sockel-
architektur reichen in die unteren inneren Ecken der Felder 2a und 2c hinauf. Umgekehrt fehlen die Ausläufer der
seitlichen Rahmenpfosten, die ursprünglich in die Blankverglasung der vierten Zeile hinaufgereicht haben müssen.
Ähnlich wie im Fall der Seckendorffschen Stiftung, deutet alles auf eine partielle Farbverglasung mit farbloser Butzen-
umgebung hin. Unklar bleibt jedoch, ob die Sockelzone wie dort als halbhohe Konsole mit Inschrift und Wappen die
Idee des ›Schwebens‹ der Bildkomposition erst eigentlich zur Geltung brachte oder doch bis zum Fuß der ersten Zeile
hinabreichte. Auszuschließen ist jedenfalls die Zugehörigkeit der jetzt in 1b eingesetzten Inschrift des Seckendorff-
Fensters, die von Frenzel, trotz gewisser einschränkender Bemerkungen im Text, in seiner Rekonstruktion miteinbe-
zogen worden war25. Vorausgesetzt, das im Fall der Fensterstiftungen Rechberg und Seckendorff angeführte Krite-

Fig. 42. Fensterentwurf mit


der Anbetung des Kindes.
Basel, Kupferstichkabinett.
H. Holbein d. Ä., um 1495/1500.

rium der Standortbestimmung in direkter räumlicher Zuordnung zum Begräbnisplatz überzeugt, dann gibt das stei-
nerne Epitaph unterhalb von Fenster II (dem einzig verbleibenden dreibahnigen Fenster auf der Ostseite des Mortua-
riums und heutigen Standort des Schutzmantelbildes) einen möglichen Hinweis auf die Familie des Fensterstifters26.
Fenster IV. Jüngstes Gericht (Fig. 45, 50): Im Bestand weitgehend komplett zeigt sich heute allein das Weltgericht, das
aus formalen Gründen (dem großen Maßwerkokulus für den Weltenrichter) auch von vornherein nur für das vierte
Fenster der Ostseite bestimmt gewesen sein kann. Während die szenische Komposition des Gerichts von der zweiten
Zeile an aufwärts bis ins Maßwerk dem Rekonstruktionsvorschlag von Thiem folgend seit 1968 wieder seinen ange-

25 Frenzel, 1968, Abb. 8; vgl. dagegen Thiem, 1960, S. 233, der die der linken Seite und den Hl. Chistophorus rechts; die zugehörige
Unvereinbarkeit der Architekturformen betont. Inschrift lautet: A. D. 1504 · die · 2 · januarij obyt venerabilis vir
26 Das unterhalb von Fenster II eingesetzte steinerne Epitaph zeigt die d(omi)n(u)s Udalricus de Wolferstorf/decanus Misnensis · at canonicus
thronende Gottesmutter zwischen Vorhang haltenden Engeln, flankiert huius ecclesie … Anima cuius in pace quiescat (Mader, 1924, Taf. XX).
von einem knienden Kanoniker mit dem Wappen der Wolfersdorf auf
eichstätt · dom 131

Fig. 43. Kreuzigung Christi. Eichstätt, Dom, Mortuarium III. Augsburg, um 1495/1500 (Entwurf von Hans Holbein d. Ä.). – Kat. S. 145 –147.
132 eichstätt · dom

stammten Platz einnimmt, sind in der Sockelzone Scheiben unterschied-


licher Herkunft miteinander kombiniert. Auf die ehemalige Zugehörig-
keit der identisch gerahmten Scheiben 1a und 1c mit dem Bild des knien-
den Kanonikers, präsentiert von den Hll. Richard und Brictius, sowie
den Hll. Margareta und Leonhard, weist das Spruchband mit der Für-
bitte des Geistlichen, dessen Inhalt auf das Gerichtsthema in den Zeilen
darüber bezogen ist (zur Auswahl der Interzessoren vgl. den Katalog zu
1a und 1c). Das Rechbergwappen in der Mitte (1b) muß, wie Frenzel
schon bemerkt hat, ausgeschieden werden, da es mit Sicherheit zur
Sockelzone des Schutzmantelbildes gehört (vgl. Fenster II). An dessen
Stelle ist eine verlorene Inschrifttafel zu rekonstruieren, die Name, Funk-
tion und Sterbedatum des nebenan dargestellten Stiftsgeistlichen enthielt
und deren Kielbogenrahmung in die Fiale der zweiten Zeile mündete.
Das Thema des Weltgerichts ist im Ausstattungskontext einer Grablege
hinreichend motiviert und war im Eichstätter Mortuarium – neben Fen-
ster IV – möglicherweise ein zweites Mal in plastischer Gestalt präsent27. Fig. 44. Engel aus verlorenemWeltgerichtsfenster
in Schwaz. Nachzeichnung von L. Penz, 1895.
Zur Ikonographie ausführlich S. 150 –152.
Fenster V. Hll. Bischöfe (Fig. 49): Am stärksten dezimiert ist das fünfbah-
nige Südfenster über dem Portal zum Residenzplatz. Die beiden Brustbilder zweier heiliger Bischöfe (darunter wieder
Willibald), die aufgrund der Scheibenmaße nur in diesem Fenster und hier auch nur in der zweiten Fensterzeile geses-
sen haben können, sind wie im Seckendorff-Fenster nur als Standfiguren zu ergänzen. Welche anderen stehenden Hei-
ligen einst die drei verbleibenden Bahnen füllten, muß offen bleiben, auch wenn wir mit Blick auf das Bild des
Bistumsgründers hier und im Fenster I sowie jenes nur im Entwurf überlieferte vierbahnige Fenster der Eichstätter
Patrone Willibald, Wunibald, Richard und Walburga (Fig. 38) sogar mit mehrfachen ikonographischen Wiederholun-
gen in der Farbverglasung des Mortuariums zu rechnen haben. Für die überhöhte Mittelbahn des Südfensters wäre
dann mit einiger Wahrscheinlichkeit wiederum das Bild der Muttergottes anzunehmen. Alle Standfiguren dürften mit
Architekturbekrönungen nach Augsburger Manier versehen gewesen sein, doch im Unterschied zu Fenster I, das wir
als ›schwebende‹ Bildkomposition umgeben von einer Butzenverglasung rekonstruieren, war das Fenster über dem
Südportal offenbar zur Gänze farbig verglast. Nur so sind die bislang übersehenen farbig ausgefüllten Maßwerk-
zwickel zu interpretieren, in denen sich derselbe blaue Fiederrankengrund wie hinter den Figuren wiederfindet. Ange-
sichts der maltechnischen Übereinstimmungen ist überdies die Herkunft der beiden kleinen fragmentierten Wappen
des Bistums und des Domkapitels, die sich heute anstelle der verlorenen unteren Partien des Seckendorff-Fensters (I)
in 2a und 2c befinden, aus dem Südportalfenster zu erwägen. Da unterhalb des Fensters, anders als im Fall der übrigen
neun Fensterplätze des Mortuariums, keine Grablege vorgesehen war, ist an dieser Stelle des Portals auch nicht unbe-
dingt mit einer Stiftung eines einzelnen Kanonikers zu rechnen. Eine Gemeinschaftstiftung des Domkapitels an die-
sem besonders ausgezeichneten Ort hat daher einiges für sich.
Als Standort jenes Standfigurenfensters mit den Eichstätter Bistumspatronen Willibald, Wunibald, Richard und Wal-
burga, von dessen Basler Entwurfszeichnung bereits mehrfach die Rede war (Fig. 38), kommt zu guter Letzt nur eines
der drei vierbahnigen Fenster auf der Westseite des Mortuariums in Betracht28. Ob dagegen auch die Visierung eines
zweiten vierbahnigen Fensters mit der Anbetung des Kindes und einer Rahmenarchitektur in der Art des Kreuzi-
gungsfensters, ebenfalls im Basler Kupferstichkabinett (Fig. 42), für eine Fensterstiftung im Eichstätter Mortuarium
bestimmt gewesen war, ist in Anbetracht der eher unspezifischen Ikonographie nicht mit definitiver Sicherheit zu
sagen. Die zeitliche Einordnung des Entwurfs um die Mitte der neunziger Jahre spricht aber nicht gegen eine solche
Möglichkeit29.

27 Fraglich, ob das heute an der schmalen Nordseite angebrachte Tym- »Oberdeutschen« des Basler Kupferstichkabinetts herausgesucht und
panon des Jüngsten Gerichts mit dem Wappen des Bischofs Johann von erstmals von Thiem, 1960, S. 200 f., mit der Verglasung des Eichstätter
Heideck (1415–1429) tatsächlich bis 1818 in der Kollegiatspfarrkirche Mortuariums in Verbindung gebracht; vgl. Falk, 1979, Nr. 241.
eingebaut war (Mader, 1924, S. 191, Fig. 136). 29 Falk, 1979, Nr. 146.
28 Die Visierung wurde von Christian Beutler aus den anonymen
eichstätt · dom 133

Fig. 45. Weltgerichtsfenster.


Eichstätt, Dom, Mortuarium IV.
Augsburg, um 1500/5
(Entwurf Hans Holbein d. Ä.).
Kat. S. 147–153.
134 eichstätt · dom

Fig. 46. Kopfstudie


des Benediktiners
Hans Grießherr.
Weimar,
Kunstsammlungen.
H. Holbein d. Ä.

Fig. 47. Kopfstudie


eines Mönchs. Basel,
Kupferstichkabinett.
H. Holbein d. Ä.

Ornament: Anders als in der Nürnberger Glasmalerei um 1500 mit ihrer plakativen Ornamentik treten die Flächen-
muster in Werken Augsburger Provenienz, im Hintergrund und in den Gewändern, in der Gesamtwirkung eher
zurück. Die Damastmuster im Kleid der Schutzmantelmadonna, in der Kutte eines knienden Adoranten (Fenster II)
und in der Kasel des Hl. Willibald (Fenster I) wurden nur mit Halbton auf der Außenseite der Gläser angelegt und
treten demzufolge nur schemenhaft in Erscheinung. Nicht viel präziser ist der Eindruck jener großflächigen Stoffmu-
ster auf dem Vorhang hinter den Standfiguren in Fenster I, das diesmal innenseitig, doch wiederum nur in Halbton
aufgetragen ist. Zu unterscheiden sind vier Muster (X, 35), von denen mindestens eines auch wiederholt in den zeit-
gleichen Tafelgemälden Holbeins d. Ä. nachzuweisen ist (vgl. Kat. S. 135 –138). Daneben finden sich vereinzelt Partien
mit frei aufgemalter Stoffmusterung (Fenster IV, 2c und V, 2d) sowie die geläufigen ausradierten Blatt- und Fieder-
rankengründe in den Heiligenfenstern I und V.

Technik, Stil, Datierung: Die Fenster des Eichstätter Mortuariums sind von Beginn ihrer kunsthistorischen Wür-
digung an stets mit Hans Holbein d. Ä. verbunden worden. Ausschlaggebend war dabei zunächst nicht die stilkriti-
sche Auseinandersetzung mit dem Bestand, sondern die bereits bei Sighart überlieferte, danach von Geiges wieder-
entdeckte zweimalige Signatur des Augsburger Malers im Fenster der Schutzmantelmadonna und in der Sockelzone
des Jüngsten Gerichts30. Eine Konkretisierung dieser Zuschreibung mit den Mitteln der vergleichenden Analyse setzt
ein mit Glasers Holbeinmonographie von 1908, wo zunächst nur die beiden signierten Werke anerkannt wurden,
und Maders Inventar von 1924, in dem alle überkommenen Reste der Mortuariumsverglasung »für Holbein in
Betracht« gezogen werden31. Den Markstein in der Beurteilung dieses bedeutenden Zeugnisses Augsburger Glasmale-
rei jener Zeit bildet die grundlegende Arbeit von Thiem, in der bereits alle maßgeblichen Belege für Holbeins Autor-
schaft an den Entwürfen zusammengetragen sind32. Im Gegensatz zur früheren Forschung aber unterscheidet Thiem
erstmals explizit zwischen dem entwerfenden Meister und der ausführenden Werkstatt, die er in wenigstens drei Fäl-
len mit der des Augsburger Malers und Glasmalers Gumpolt Giltlinger d. Ä. identifizieren will (s. u.). Aber betrachten
wir die Fenster zunächst im Hinblick auf die zugrundeliegenden Entwürfe:

30 Sighart, 1863, S. 645; zu Geiges vgl. Reg. Nr. 20. 32 Thiem, 1960, S. 182–202.
31 Glaser, 1908, S. 67–71; Mader, 1924, S. 188 f.
eichstätt · dom 135

Fenster I: Unter den in Basel erhaltenen Scheibenrissen Holbeins d. Ä. und seines Kreises wären insbesondere die
eigenhändigen Blätter der Hll. Ursula (Inv.Nr.1662.211) und Kunigunde (U.III.14c), die Werkstattzeichnung einer
stehenden Muttergottes mit Kind (U.III.50) oder auch die Nachzeichnung des Entwurfs der thronenden Muttergottes
(U.VII.72) aus der Anbetung der Könige für St. Ulrich und Afra in Augsburg als Indizien für seine Autorschaft im
vorliegenden Heiligenfenster heranzuziehen, womit zugleich dessen Enstehung um 1495/1500 nahegelegt wird (vgl.
Textabb. 50)33. In dieselbe Zeit weist auch der kuppelförmige Maßwerkabschluß, der sich ähnlich über der Mittel-
gruppe in Holbeins »Basilika Santa Maria Maggiore« von 1499 wiederfindet34. Wohl die nächste Parallele zur Gestalt
des Bistumsgründers offenbart die gegensinnige Figur des Bischofs in dem schon mehrfach angeführten – vielleicht
nur nachgezeichneten – Entwurf eines Standfigurenfensters mit den bevorzugten Eichstätter Heiligen Willibald,
Richard, Wunibald und Walburga, das sich ehemals in einem der drei vierbahnigen Westfenster des Mortuariums
befunden haben muß (Fig. 38)35.
Fenster II: Auf einen weitreichenden Anteil Holbeins an den Vorzeichnungen des Schutzmantelfensters verweist –
außer der Signatur HOLBON auf dem Ärmelsaum eines der Schutzflehenden – in erster Linie die einzigartige Ver-
sammlung von individuellen Charakterköpfen, die sich in dieser Vielfalt in Holbeins Œuvre ansonsten nur noch im
zeitgleichen Kaisheimer Altar wiederfinden, und wie dort auch z. T. auf dasselbe “erste Basler Skizzenbuch« zurück-
zuführen sind36. Für die Porträtköpfe im Kaisheimer Altar wie im Eichstätter Schutzmantelbild hat Curt Glaser die
Nachweise schon geführt37: So ähnelt der hagere Mönch am rechten Rand (ein Zisterzienser?) dem als S. Vincentius
bezeichneten Dominikaner im Frankfurter Dominikaner-Stammbaum, während der bärtige Mann zur äußersten Lin-
ken dem Roboam der Frankfurter Wurzel Jesse nahesteht. Die beiden schmalen Greisenköpfe mit glattem Haar auf
der rechten Seite (wohl ein und dasselbe Modell) sind fast wörtlich im Basler Skizzenbuch vorgebildet und zugleich in
der Anbetung der Könige im Kaisheimer Altar verwendet worden (Fig. 47)38. Für den arg ruinierten Mönchskopf
dazwischen kämen – neben dem von Thiem beigezogenen Bildnis des Schreibmeisters Leonhard Wagner von
St. Ulrich – die beiden Bildnisstudien des Priors Johannes von Wilnau und eines namenlosen Dominikaners in Bam-
berg und Dessau als Vorbilder in Betracht39. Der Mönch im Profil auf der linken Seite scheint im knienden König der
Anbetung in Holbeins Basler Entwurf eines Flügelaltars nach Hugo van der Goes ebenso wiederzukehren wie sein
Nebenmann mit der spitzen Nase und dem fliegenden Haarschopf in der Taufe des Paulus im Basilikabild »San Paolo
fuori le mura«40. Wenn freilich das jeweils Verbindende weniger in äußerlichen Ähnlichkeiten als in der zugrunde lie-
genden Bildauffassung beruht, wie Thiem in diesem Zusammenhang betont, oder mit Glaser in der freien Variation
des Künstlers des jeweils gemeinsamen Grundthemas, so bleibt letztlich doch festzuhalten, daß Holbein für die Arbei-
ten des ersten Jahrfünfts offenbar wiederholt auf ein und denselben Fundus an Porträtstudien zurükgegriffen hat,
womit indirekt – auch ohne die umstrittene Zugehörigkeit der Rechbergschen Stiftertafel – die Datierung des Eich-
stätter Schutzmantelfensters um 1502 eine Bestätigung erfährt.
Fenster III: Trotz diverser ikonographischer Bezüge zum Werk Holbeins und seines Kreises ist seine Autorschaft am
Entwurf des Kreuzigungsfensters nur sehr zögerlich in Erwägung gezogen worden41. Selbst Thiem, der die Zuschrei-
bung durch Vergleiche des Gekreuzigten im »Vetter-Epitaph« von 1499 und der Engel in der »Großen Nürnberger
Muttergottes« zu stützen sucht, nennt die Kreuzigung »weniger holbeinisch« als die übrigen Eichstätter Fenster42.
Dies trifft zuallererst auf die breit gedrungene Gestalt der trauernden Maria zu, die so völlig aus dem bekannten Figu-
renkanon auszubrechen scheint. Das frei flatternde Ende des Kopftuchs ist allerdings ein sehr beliebtes Motiv des
Künstlers, und unter den Basler Werkstattzeichnungen kommt das Blatt einer frontal stehenden Maria (wohl ebenfalls

33 Vgl. Falk, 1979, Nr. 156, 159, 201 und 262; der Vergleich mit Nr. 262 36 Vgl. Beutler, 1960, S. 60–64, bzw. Thiem, 1960, S. 187 f.
bereits bei Thiem, 1960, S. 198. 37 Glaser, 1908, S. 69.
34 Augsburg, Staatsgalerie, Inv. Nr. 5335–5337; vgl. Kat. Ausst. Augsburg 38 Vgl. Lieb/Stange, 1960, Abb. 82, 239f.

1965, Nr. 28; Schawe, 2000, S. 24–35. 39 Ebenda, Abb. 235 f. bzw. 60.
35 Von Beutler unter den anonymen »Oberdeutschen« des Basler Kup- 40 Ebenda Abb. 152; Schawe, 2000, Abb. S. 78. – Thiem, 1960, S. 187,

ferstichkabinetts herausgesucht und von Thiem, 1960, S. 200 f., als Fen- verweist im übrigen auf die Ähnlichkeit zwischen dem blauen Ritter und
stervisierung Holbeins d. Ä. für das Mortuarium in Anspruch genom- der Berliner Silberstiftzeichnung des Jörg Schenk zum Schenkenstein
men; so auch von Frenzel, 1968, S. 10f., akzeptiert. Falk, 1979, Nr. 241, (KdZ 2547).
führt die Zeichnung unter Holbein-Umkreis und spricht von einer 41 Mader, 1924, S. 188: »Auch dieses Gemälde kommt für Holbein in

anonymen, sauber durchgeführten Umzeichnung nach Holbeins Vor- Frage«.


lage. 42 Thiem, 1960, S. 194 f.
136 eichstätt · dom

für eine Kreuzigung) der Figur im Eichstätter Fenster immerhin recht nahe43. Die unmittelbarste Parallele für die
Gestalt des Evangelisten ist mit dem Basler Rundscheibenriß einer Kreuzigung schon benannt44. Wenn die Zuschrei-
bung an den jungen Leonhard Beck zu Recht besteht, dann müßte die Zeichnung vor 1503 – d. h. noch in der Werk-
statt Holbeins – entstanden sein. Für die Rahmenarchitektur mit ihren überkreuzten, abgebrochenen Rippen und den
stark gebogenen Fialen sind im Œuvre Holbeins freilich engere Vergleichsbeispiele zu benennen als die von Thiem
angeführte Maßwerkblende der »Kleinen Nürnberger Madonna« von 1499. Statt dessen kommen vielmehr die Visie-
rung für ein weiteres, heute verlorenes Eichstätter Fenster mit der Anbetung des Kindes, gegen 1495/1500 (Fig. 42),
die Tafel der »Basilika Santa Maria Maggiore« von 1499 in der Augsburger Staatsgalerie und der Entwurf zum Hoch-
altar des Augsburger Domes, um 1508, in Betracht (Textabb. 51).
Fenster IV: Seit der Entdeckung der kleinen Holbein-Signatur auf dem Gürtel der Hl. Margarete durch den Freiburger
Restaurator Fritz Geiges im späten 19. Jh. ist das Jüngste Gericht – obwohl nicht direkt bezeichnet – neben dem
Schutzmantelbild stets einhellig für den Augsburger Maler in Anspruch genommen worden. Als formales Argument
für die Zuschreibung des Fensters an Holbein verwies Glaser zudem auf die Verwandtschaft der ganzen Anlage mit
der des Walterepitaphs von 1502 in der Augsburger Gemäldegalerie. Außerdem seien die Typen »unzweideutig Hol-
beinsches Eigentum«, und die Paradiesespforte etwa entspräche »genau der Art, wie Holbein so oft den Einblick in
ein Kircheninneres zeichnet (Weingartener Altar, Afraaltar, Kaisheimer Altar, Paulusbasilika)«45. Thiem hat darüber
hinaus durch mehr oder weniger überzeugende Einzelvergleiche auf Seiten der Erlösten – etwa des tonsurierten
Mönchs mit dem des ersten Basler Skizzenbuches46, des von Petrus begrüßten Herrschers mit dem Papstprofil auf den
»vierköpfigen« Frankfurter Studienblatt47 oder des barhäuptigen Kopfes hinter dem himmlischen Pförtner mit dem
Dreiviertelprofil des Hans Griesherr in Weimar (Fig. 46)48 – die Verwendung von Bildnisstudien vorausgesetzt, die
mit der für die Holbein-Werkstatt typischen Ökonomie in verschiedenen Variationen auch in zeitgleichen Werken
wiederbegegnen. Die bereits angesprochene, zuerst von Thiem konstatierte Nähe des Weltenrichters zum Vorbild
Rogiers im Weltgerichtsaltar in Beaune ist möglicherweise auch durch die Vermittlung Martin Schongauers zu erklä-
ren49: Das frühe, von fremder Hand 1469 datierte und monogrammierte Blatt des Weltenrichters in Paris, das dieser
wohl eher in der Werkstatt Rogiers als im Angesicht des aufgestellten Altars gezeichnet haben dürfte, entspricht bis
in die Details der Tafel und kommt nun seinerseits, vielleicht auf indirektem Weg (der Nachzeichnung) als Vorbild
Holbeins in Betracht50.
Die lockeren Bezüge, die einzelne Figuren oder Gruppen mit dem Walterepitaph (1502), der Paulusbasilika (1503/04)
und den Frankfurter Visierungen zu den Flügelbildern
eines Allerheiligenaltars (um 1506/08) verbinden mögen,
sind als Argument für eine Datierung des Fensters »um
1505« herangezogen worden. Eine indirekte Bestätigung
findet diese späte Datierung im Rahmen der Eichstätter
Mortuariumsverglasung in den Nachzeichnungen eines
seit 1924 verschollenen Jüngsten-Gerichts-Fensters aus
der Totenkapelle St. Michael und St. Veit zu Schwaz in
Tirol, das mit einiger Sicherheit in direktem Zusammen-

43 Falk, 1979, Nr. 211, Taf. 57, bevorzugt eine Deutung als »Stehende
Maria (zu einer Verkündigung?)«, während Glaser, 1908, S. 190, Nr. 47,
die Figur als Schmerzensmutter bezeichnet.
44 Thiem, 1960, S. 195f., Abb. 44; Falk, 1979, Nr. 224.
45 Glaser, 1908, S. 68; vgl. Lieb/Stange, 1960, Abb. 64, 88.
46 Basel, Kupferstichkabinett, Inv. 1662.187; vgl. Landolt, 1960, S. 120,

Nr. 23; Lieb/Stange, 1960, Abb. 257.


47 Schilling, 1973, Nr. 116.
48 Lieb/Stange, 1960, Nr. 191.
49 Thiem, 1960, S. 192, vertritt die Meinung, Holbein habe das Motiv

direkt von Rogier übernommen.


50 Zur Beurteilung der Zeichnung ausführlich Emmanuel Starcky, in:

Kat. Ausst. Colmar 1991, S. 136 –139 (Z 3). Fig. 48. Kopfstudie. Berlin, Kupferstichkabinett. H. Holbein d. Ä.
eichstätt · dom 137

Fig. 49. Hl. Willibald. Eichstätt, Dom, Mortuarium V, 2b. Augsburg, um 1505. – Kat. S. 153f.
138 eichstätt · dom

hang mit der Zahlung von 56 Gulden an den Augsburger Glasmaler Gumpolt Giltlinger im Jahr 1509 gestanden hat51.
Die besagten Nachzeichnungen zweier Posaunenengel stehen den Engeln des Eichstätter Gerichts so geschwisterlich
nahe, daß ein zeitlicher Abstand von mehr als einem halben Jahrzehnt kaum zu vertreten wäre (Fig. 44). Zugleich
unterstreicht die schriftliche Überlieferung in Schwaz die Wahrscheinlichkeit, daß die Ausführung des Eichstätter
Weltgerichts – nach Visierung Holbeins d. Ä. – ebenfalls durch Gumpolt Giltlinger d. Ä. erfolgt sein dürfte52.
Fenster V: Im Hinblick auf die gesamte glasmalerische Ausführung, die außergewöhnlich lockere Konturierung und
Halbtonmodellierung der Figur und das beseelte, ausdrucksstarke Porträt des Bistumspatrons läßt sich die Willibald-
scheibe in Fenster V am ehesten mit dem Weltgerichtsfenster verbinden, das auch annähernd gleichzeitig, um 1505,
entstanden ist. Das Porträt des Kanonikers in der Stifterzeile, einzelne Figuren auf der Seite der Seligen (der Papst,
Petrus und einer der Bischöfe) und die Engel mit Leidenswerkzeugen ebenda offenbaren die gleiche Tendenz zu freier
malerischer Pinselführung und stammen wohl von derselben Hand. Von den Silberstiftstudien Holbeins d. Ä. weist
besonders das duftig hingeschriebene Brustbild eines Bischofs im Berliner Kupferstichkabinett, das bei Lieb/Stange
nur unter den Nachzeichnungen Holbeins nach fremden Kompositionen verzeichnet wird, geradezu kongeniale Züge
gegenüber dem Eichstätter Fenster auf (Fig. 48). Eine unmittelbare Beziehung der Zeichnung mit der Willibaldscheibe
im Sinne eines Entwurfs, wie sie Bushart voraussetzt, ist gleichwohl nicht anzunehmen, da zuviele Abweichungen in
den Details dem entgegenstehen53. Verglichen mit der wuchtigen Präsenz des benachbarten Hl. Willibald, der den
architektonischen Rahmen der Bildnische fast zu sprengen droht, erscheint die Figur des zweiten Bischofs seltsam
schmächtig und maßstäblich reduziert. Dennoch ist an der Einheit des Entwurfs nicht zu zweifeln. Das Motiv der
Tragefiguren an Kapitellen ist zwar aus heutiger Sicht in Holbeins Œuvre nicht bekannt, doch kann dieser Entspre-
chendes gleich mehrfach in seiner Ulmer Zeit gesehen haben54. Die Ausführung offenbart dieselbe lockere Pinselfüh-
rung im Bereich der preziösen Mantelschließe, dieselbe summarische Negativtechnik für die Fiederranken des Hinter-
grunds und dieselben weichen Übergänge in der Halbtonmodellierung von Maßwerkprofilen und der Krümme des
Bischofsstabes.
Was die Frage nach der ausführenden Glasmalerwerkstatt betrifft, so hat Thiem durch seinen Hinweis auf die 1496
ausgeführten Glasgemälde in der Abtskapelle von St. Ulrich und Afra (Textabb. 41), genauer auf eine vergleichbare
Kostbarkeit in Schmuck und Tracht sowie Entsprechungen in der Mal-, Wisch- und Radiertechnik, erstmals eine
Zuschreibung wenigstens der drei späten Eichstätter Fenster – des Schutzmantelbildes, des Weltgerichts und des Hl.
Willibald – an den Augsburger Maler und Glasmaler Gumpolt Giltlinger d. Ä. in die Diskussion gebracht55. Diese
Einsicht wird durch den Vergleich des Eichstätter Weltgerichts mit den erwähnten Posaunenengeln des ebenfalls für
Giltlinger gesicherten Schwazer Fensters von 1509 gestützt, auch wenn die vermeintliche Signatur auf der Gürtel-
schnalle der Hl. Margareta in Eichstätt inzwischen hinfällig geworden ist (vgl. Kat. IV, 1c). Tatsächlich finden sich die
technischen Besonderheiten der Scheiben der Abtskapelle, in allererster Linie das Übermaß an nadelfein radierten
Lichtern in den Köpfen und die sehr locker und nur punktuell gesetzten Pinselstriche des Konturs an Augen, Nase,
Ohren, Mund und Haaransatz am überzeugendsten im Weltgericht in Eichstätt, vor allem in den Köpfen der Sockel-
zone wieder (vgl. Abb. 59 – 62). Fast ebenso evident sind die Bezüge zu einzelnen originalen Köpfen im Schutzmantel-

51 Egg, 1950, S. 40; Thiem, 1960, S. 169, 173f., Abb. 38. – Die Reste des 54 Vgl. Hartmut Scholz, Tradtion und Avantgarde. Die Farbverglasung
Schwazer Jüngsten Gerichts fanden sich, wenn auch in fragmentarischem der Besserer-Kapelle als Arbeit einer Ulmer »Werkstatt-Kooperative«,
Zustand, bis in jüngere Zeit in zwei Chorfenstern der Friedhofskapelle in: DGM II, 1992, S. 119, und CVMA Deutschland I, 3, 1994, Abb. 133 f.,
abgestellt, von wo sie 1924 »von einem heimischen Kunsträuber« ent- 198f., 296f., 350. – Nur aufgrund dieses marginalen Bildmotivs hat
wendet wurden. Unsere Kenntnis der Komposition geht auf zwei Zeich- Thiem, 1960, S. 200, mit Hinweis auf die 1498 datierte Freisinger Tafel
nungen des Schwazer Bildhauers Ludwig Penz von 1895 sowie zwei alte der Sigismundlegende versuchsweise einen Gesamtentwurf aus der
Aufnahmen aus dem Besitz von Erich Egg zurück. umstrittenen Augsburger Frühzeit des späteren Landshuter Meisters
52 Die bekannten Notizen im Schwazer Pfarrarchiv besagen: 1506: Abge- Hans Wertinger, genannt Schwabmaler, ins Spiel bringen wollen (vgl.
rait mit Maister Gumpolt vonn Augspurg für der Gesellschaft [der Bru- Kat. Ausst. Augsburg 1965, Nr. 159).
derschaft der Bergknappen] Glas nach Inhalt ainer Visier 60 Gulden …, 55 Thiem, 1960, S. 199, 201f. – Die dabei vorausgesetzte Zuweisung der

bzw. 1509: Maister Gumpolt vonn Augspurg Glasser das glaswerch auf Fenster der Abtskapelle ist der urkundlichen Überlieferung in Wittwers
der kapellen auf dem freithoff für geschmelzts und scheyben glass 56 Gul- Catalogus zwar nicht mit Sicherheit zu entnehmen, doch spricht einiges
den (Egg, 1950, S. 40). dafür, »daß Wittwer zugleich mit dem Meister der Altartafel auch den
53 Vgl. Lieb/Stange, 1960, Nr. 118; Bushart, in: Kat. Augsburg 1965, der Fenster, pictorem mgrm. Gumpoldum, angegeben hat« (ebenda
Nr. 75. S. 156).
eichstätt · dom 139

Fig. 50. Domherr als Stifter mit den Hll. Richard und Brictius. Eichstätt, Dom, Mortuarium IV, 1a. Augsburg, um 1500 /5. – Kat. S. 147f.
140 eichstätt · dom

bild, wenngleich diese ungleich schlechter erhalten sind (vgl. Abb. 47 f.). Einen sichtbaren Fortschritt markiert das
Heiligenfenster V mit dem großartigen Kopf des Hl. Willibald, dessen duftig malerische Halbtonlasuren aber auch
dem erheblich größeren Maßstab der Figur geschuldet sind. Unterschiede gegenüber dem Heiligenfenster I und dem
Kreuzigungsfenster III, die von Thiem durch die glattere, weniger differenzierte Modellierung begründet werden,
besitzen andererseits nicht das Gewicht, um unbedingt auf eine zweite Glasmalerwerkstatt zu schließen: Zwar lassen
die Köpfe in beiden Fenstern jene ausgeprägte negative Technik radierter Lichter vermissen, doch ein Vergleich der
ökonomisch ausgeführten Halbtonmodellierung der Gewänder in Kreuzigung und Weltgericht zeigt hier wie dort
dieselbe trocken glatte Machart (vgl. etwa Abb. 50f. bzw. 54–57, 63– 66). Zur Werkstatt Gumpolt Giltlingers und
anderer Augsburger Glasmaler vgl. außerdem Kunstgeschichtliche Einleitung S. 76f.).

Vorbemerkung zum Katalog: Alle Fenster wurden im November 1999 in situ vom Gerüst aus untersucht und neu auf-
genommen. Eine Nachuntersuchung im Juni 2001 diente der weiteren Klärung der Mitte bzw. Ende des 19. Jahrhun-
derts erfolgten restauratorischen Eingriffe.

FENSTER I (MUTTERGOTTES UND HEILIGE) Fig. 36, 39, 51– 53, Abb. 38 – 42, 67 f.

Lichtes Gesamtmaß: H. 3,80 m, B. 1,95 m.


Spitzbogiges Fenster von drei Bahnen, vier Zeilen, Kopfscheiben und spätgotischem Maßwerkabschluß: insgesamt 16
Rechteckfelder, drei Kopfscheiben, fünf Maßwerkformen und drei Zwickel. Die fragmentierte, ihrer unteren Hälfte
beraubte Darstellung stehender Heiliger in architektonischer Rahmung übergreift alle drei Bahnen und erstreckte sich
ehemals – als schwebende Bildkomposition in farblose Blankverglasung eingebettet – über alle vier Zeilen; im Maß-
werk barocke Blankverglasung mit Sechseckscheiben.
Rechteckscheiben (lichtes Maß): H. ca. 63– 65 cm (wobei die Einzelfelder durch 5 cm breite Quereisen oben und unten
um jeweils 1 cm verdeckt werden); B. ca. 56–58 cm.
Gesamtaufnahmen: CVMA A 12468, 12477, Großdia 99/189 A, 99/190 A

2a ENGEL MIT WAPPEN DES BISTUMS EICHSTÄTT 2c ENGEL MIT WAPPEN DES DOMKAPITELS
(FRAGMENT) Fig. 51, Abb. 67 (FRAGMENT) Fig. 52, Abb. 68
H. max. 35,5 cm, B. max. 22 cm. H. max. 35 cm, B. max. 21 cm.
Erhaltung: Der Engel wurde unter Verwendung eines alten
Kopfs im 19. Jh. erneuert. Wappenschild alte Substanz; Engels-
kopf und das stark gesprungene Pedum rückseitig doubliert.
Bleinetz Mitte 19. Jh. erneuert.
Ikonographie, Farbigkeit: Das Wappen des Bistums Eichstätt
zeigt in Rot einen goldenen Bischofsstab (Krümme). Halbfigur Fig. 52. ES Mortuarium I, 2c.
des wappenhaltenden Engels in gelber Dalmatik mit grün
gefransten Ärmelsäumen über weißer Albe. Kopf blaßbraun; Erhaltung: Wappen alt. Engel im 19. Jh. erneuert; ebenso das
Haare in dunklem Silbergelb. Bleinetz. Bemalung vorder- und rückseitig im wesentlichen
Ornament: Im roten Schild ausradierter Rankengrund. intakt.
Technik, Stil, Datierung: Locker wässrige Malerei in unter- Ikonographie, Farbigkeit: Das Wappen des Eichstätter Dom-
schiedlicher Schwarzlotintensität (ähnlich der Bischofsfigur in kapitels zeigt in Rot drei goldene Löwen übereinander. Wappen
Fenster V). Um 1500/5. haltender Engel wie in 2a (ausgenommen die purpurrosa Fransen
CVMA A 12469 an den Ärmelsäumen der gelben Dalmatik und das blasse Rosa
des Inkarnats).
Ornament, Technik, Stil, Datierung: Entspricht 2a.
CVMA A 12470

3/4a HL. JOHANNES EVANGELIST IN ARCHITEKTUR-


TABERNAKEL (FRAGMENT) Fig. 39, 53, Abb. 38 f.
H. 65,3/64,5 cm, B. 57,5/56,5 cm.
Erhaltung: Sockelzone und untere Figurenhälfte verloren. Im
Fig. 51. ES Mortuarium I, 2a. übrigen erstrecken sich die Ergänzungen von Geiges auf den
eichstätt · dom 141

Fig. 53. ES Mortuarium I,3/4a – c.

gesamten Architekturbogen in 3a56, ein Stück der Randsäule und ästen, das in seiner heutigen trockenen Malerei vielleicht nach
die Schlange im Kelch des Heiligen. Die barocke Wabenvergla- altem Vorbild erneuert ist, aber dennoch als ernstzunehmender
sung in 4a ersetzte mutmaßlich die ursprünglich aus Butzen und Hinweis auf den einstigen Fensterstifter betrachtet werden muß.
Hornaffen bestehende Umgebung des nur partiell farbig vergla- Dazu fügt sich auch der grau-weiß gewürfelte Saum des damas-
sten Fensters. Korrosionsbedingte Transparenzeinbußen zeigen zierten Vorhangs, der als Wappenbild im Grabstein eines jünge-
sich nur im violetten Glas des Untergewandes. Zwei stärker ren Familienmitglieds gleichen Namens († 1545) neben dem
gesprungene Gläser im Nimbus und in der Architekturbekrö- Familienwappen wiederkehrt57. Für diesen Fall steht zu vermu-
nung wurden von Frenzel 1966/68 doubliert, weitere Sprünge an ten, daß die Inschrifttafel des Johannes von Seckendorff, die sich
den Kanten verklebt und innenseitig kalt mit Lackfarbe retu- heute am Fuße des Kreuzigungsfensters befindet, ursprünglich
schiert. Bemalung des grünen Mantels und des blauen Ranken- zu Füßen der stehenden Gottesmutter oder des flankierenden
grundes in Kontur und Halbton stärker berieben. Beim Kopf des Hl. Johannes als dem Namenspatron des Stifters befunden haben
Heiligen vorderseitige Rotlotmodellierung in kurzen Schraffen dürfte58. Hierzu fügt sich nicht allein das Weiß der Rahmenform,
(original?) sowie rückseitig in hellem Grau flächig weiche Lasu- sondern auch die freie spielerische Gestaltung der eingerollten
ren. Bleinetz im 19. Jh. erneuert; an den geklebten und doublier- Krabbenblätter, die an Astwerkbögen und Inschriftkonsole in
ten Partien von Frenzel überarbeitet und verzinnt. ganz übereinstimmender Form wiederkehren.
Ikonographie, Komposition: Johannes Ev. – wie üblich durch sein Erhaltung: Sockelzone und untere Figurenhälfte verloren. Ver-
persönliches Attribut, Kelch mit Schlange, gekennzeichnet – ist einzelt kleinere Ergänzungen, z. T. mit alten Flickstücken, im
in seiner Wendung zur Mitte hin auf die Gottesmutter im Strah- Bereich der beiden Vorhangengel, Architekturkonsole und Ran-
lenkranz bezogen. kengrund. Fünf stärker gesprungene Gläser 1966/68 rückseitig
Farbigkeit, Ornament: Johannes erscheint in grünem Mantel doubliert, sonst an den Kanten verklebt und partielle Malereiver-
über purpurviolettem Gewand vor damasziertem roten Vorhang
mit weißem Saum. Kopf blaßbraun mit silbergelben Haaren und
56 Die ausgeschiedene originale Partie des linken Bogenansatzes befindet
Nimbus; Hand, Kelch und Schlange weiß mit silbergelb. Grau-
weißer Architekturtabernakel (von Geiges zu braun ergänzt); sich heute zusammen mit anderen originalen Fragmenten unterschied-
blauer Rankengrund. licher Provenienz in einem Fragmentfeld aus dem Nachlaß Geiges im
Stil, Datierung: Augsburg, um 1495/1500 (Entwurf Hans Hol- Freiburger Augustinermuseum (K 38/60).
57 Mader, 1924, Fig. 159. – Es handelt sich um das Wappen des fränki-
bein d. Ä.).
schen Adelsgeschlechts der Truchsessen von Wetzenhausen (Schöler,
CVMA A 12471, 12474
1975, Taf. 13).
58 Schon Thiem, 1960, S. 197 bzw. 233, verweist auf das kleine Secken-
3/4b STRAHLENKRANZMADONNA IN ARCHITEKTUR- dorff-Wappen, zieht jedoch aus der ebenfalls konstatierten stilistischen
TABERNAKEL (FRAGMENT) Fig. 36, 39, 53, Abb. 38, 41 f. Unvereinbarkeit der Inschrifttafel mit dem Kreuzigungsfenster nicht den
H. 63,5/64,5 cm, B. 56,5/56 cm. naheliegenden Schluß auf die ursprüngliche Zugehörigkeit der Inschrift
Wappen und ehemalige Inschrift: Der Schlußstein des Gewölbes zum Standfigurenfenster. Bei Frenzel, 1968, S. 13, sind die Bezüge
trägt das kleine Wappen des alten fränkischen Adelsgeschlechts erwähnt, ohne diese doch in der falschen bildlichen Rekonstruktion
derer von Seckendorff mit den sich umschlingenden Linden- (Abb. 8) zu berücksichtigen.
142 eichstätt · dom

luste besonders im weißen Marienmantel und den Gesichtern stark verwitterte Krümme des Pedums anscheinend aus anderem
innenseitig kalt (auch über die Bleie hinweg) retuschiert. Flächig Kontext hier eingeflickt (kein Anschluß). Drei mehrfach
weiche Rückseitenbemalung in hellem Grau. Bleinetz im 19. Jh. gesprungene Gläser von Frenzel doubliert, die geklebten
erneuert; an doublierten Partien von Frenzel überarbeitet und Sprünge im übrigen durch kalte Asphaltlackretuschen abge-
verzinnt. deckt. Bleinetz im 19. Jh. erneuert, bei doublierten Partien von
Ikonographie, Komposition, Farbigkeit: Als Zentrum der gesam- Frenzel übergangen.
ten dreibahnigen Fensterkomposition erscheint die Gottesmut- Ikonographie, Komposition: Die Identifizierung der Figur mit
ter in weißem Mantel und blauem Gewand mit Kind im gelben Willibald, dem Patron der Domkirche und Gründer des Bistums,
Strahlenkranz, hinterfangen durch den von Engeln gehaltenen, ist Tradition und stützt sich insbesondere auf das Rationale – den
rot damaszierten Vorhang mit grau-weiß gewürfeltem Saum in Eichstätt seit dem 12. Jh. gebräuchlichen kostbaren Schulter-
(Bestandteil des Seckendorff-Wappens). Die überhöhte weiße schmuck der Bischöfe, der hier auf runden Scheiben die Bilder
Maßwerkkuppel mit gelb-rotem Rippengewölbe greift aus in die der Evangelistensymbole zeigt59. Das Rationale war allerdings
umgebende barocke Sechseck-Blankverglasung. Vorhangengel auch den Bischöfen von Paderborn, Halberstadt, Würzburg,
links in grünem Mantel, weißer Albe und grün/amethystfarbe- Speyer, Metz, Toul und Lüttich verliehen, womit grundsätzlich
nen Flügeln, rechts in blauviolettem Mantel, weißer Albe und auch eine zweite Möglichkeit in Betracht zu ziehen wäre. Das
grün/roten Flügeln. Haare und Nimben silbergelb. Blauer Ran- plastische Seckendorff-Epitaph an der Wand zwischen Kreuzi-
kengrund. gungs- und Weltgerichtsfenster war dem gemeinschaftlichen
Ornament: Ranke mit fetten eingerollten Blättern als Hinter- Gedächtnis der Kanoniker Burkard, Peter und Johannes von
grund. Seckendorff gewidmet.
Technik: Partiell ausgeprägt glatte, trockene Maltechnik. In Kopf Farbigkeit, Ornament: Entspricht in Rahmung und Grund den
Marias mit Eisenrot gehöhte Lippen und Wangen. Feldern 3/4a,b. Willibald trägt eine blaue Kasel über grüner Dal-
Stil, Datierung: Augsburg, um 1495/1500 (Entwurf Hans Hol- matika mit gelbem Ärmelsaum und über weißem Kragen; Ratio-
bein d. Ä.). nale gelb. Mitra weiß mit silbergelben Borten, Infulae weiß und
CVMA A 12472, 12475 an den Enden blau gefranst; Pedum: weißer Stab mit gelber
Krümme, Velum weiß; Handschuhe weiß mit silbergelbem Ring;
3/4c HL. BISCHOF (WILLIBALD ODER BURKARD?) IN Buch weiß mit violetten Deckeln, gelber Beutel. Gesicht blaß-
ARCHITEKTURTABERNAKEL (FRAGMENT) rosa, Haare weiß, Nimbus gelb.
Fig. 39, 53, Abb. 38, 40 Stil, Datierung: Augsburg, um 1495/1500 (Entwurf Hans Hol-
H. 64,5 cm, B. 56,5–57 cm. bein d. Ä.).
Erhaltung: Sockelzone und untere Figurenhälfte verloren. Sonst CVMA A 12473, 12476
bis auf wenige Ergänzungen des 19. Jh. original. Die rückseitig

FENSTER II (SCHUTZMANTELMADONNA) Fig. 41, 54, Abb. 43, 46–48

Lichtes Gesamtmaß: H. 3,80 m, B. 1,95 m.


Spitzbogiges Fenster von drei Bahnen, vier Zeilen, Kopfscheiben und spätgotischem Maßwerkabschluß: insgesamt 16
Rechteckfelder, drei Kopfscheiben, drei Maßwerkformen und zwei Zwickel. Im Zentrum der untersten Zeile Rest
einer Sockelzone mit Stifterinschrift. Das Schutzmantelbild darüber übergreift drei Bahnen und drei Zeilen und ist
eingebettet in eine farblose Wabenverglasung des 18. Jahrhunderts (z.T. erneuert); im Maßwerk gleichfalls Blankver-
glasung mit Sechseckscheiben.
Rechteckscheiben (lichtes Maß): H. ca. 63–67 cm; B. ca. 55–57,5 cm.
Gesamtaufnahmen: CVMA A 12478, Großdia 99/191 A

1b ARCHITEKTURRAHMUNG MIT STIFTERINSCHRIFT intakt. Minimale Bemalungsverluste im Randbereich der Archi-


Fig. 41, 54, Abb. 45 tektur. Bleinetz von Geiges erneuert.
H. 65 cm, B. 55,2 cm. Ikonographie: Der Fensterstifter Wilhelm von Rechberg († 3.
Inschrift: Auf der Tafel in Kapitalis die Stifterinschrift des Kano- Oktober 1503), der ältere von zwei Trägern des Namens, Kustos,
nikers Wilhelm von Rechberg: SVB TVAM PROTECCIONEM Senior und Priester, ist laut Franz X. Buchners Generalregister
CONFVGIMVS VBI INFIRMI ACCE PERVNT VIRTVTEM der Geistlichkeit des Bistums Eichstätt im Jahr 1464 erstmals als
ET PROPTER HOC TIBI PSALLIMVS DEI GENITIRX Domherr in Eichstätt nachgewiesen, im gleichen Jahr 1464
VIRGO . WILHELMVS DE RECHBERG CANONICVS ET Kanoniker in Ellwangen und von 1485 bis 1491 überdies auch
CVSTOS EYSTETTENSIS AN(N)O . 1 · 5 ·o 2 . Domherr in Augsburg60. Da die Inschrift ausdrücklich das Amt
Erhaltung: Bis auf drei geringfügige Ergänzungen in der Rah-
menarchitektur (Geiges) diverse geklebte und offene Sprünge
59
sowie ein von Frenzel doubliertes Glasstück am oberen Rand Braun, 1943, Sp. 754 f.
eichstätt · dom 143

Fig. 54. ES
Mortuarium II, 1b, 2/3a – c, 4b.

des Domkustos erwähnt, ist eine Verwechslung mit dem jünge- turen in der Predellenzone des Danziger Entwurfs zum 1508/9
ren Wilhelm von Rechberg, Junior Canonicus († 11. Januar 1511), gemalten Fronaltar des Augsburger Domes (Textabb. 51)61.
wie sie Thiem unterlaufen ist, auszuschließen (vgl. S. 128). CVMA A 12479
Komposition, Farbigkeit, Ornament: Nahezu das gesamte innere
Bildfeld wird durch die gelb gerahmte weiße Inschrifttafel vor 60 Franz X. Buchner, Alphabetisches Generalregister der Geistlichkeit
moosgrünem Fliesenboden und mittelblauem Rankengrund aus-
des Bistums Eichstätt für die Zeit vor 1760 (Hs. DAEI), Bd. I, S. 366; vgl.
gefüllt. Die weiße Architekturrahmung zeigt einen reich gebilde- Sammelblatt des Historischen Vereins Eichstätt 11, 1896, S. 138. – Die bei
ten Kielbogen mit den für Holbein und die Augsburger Spätgo- Thiem, 1960, S. 183 f. mitgeteilten Daten beziehen sich dagegen auf den
tik so überaus charakteristischen, abgebrochenen und an den zweiten Wilhelm von Rechberg, Junior, Subdiakon, Sohn des Gaudenz
Enden überkreuzten Maßwerkprofilen. zu Illeraichen, der erst seit 1467 Domherr in Eichstätt gewesen ist. Dieser
Technik, Stil, Datierung: Augsburg, 1502 datiert. Auf Holbein zählte im Jahr 1478 auch zum Kreis jener Kanoniker, gegen deren
d. Ä. deuten die nahezu wörtlich übereinstimmenden Architek- Exzesse die Eichstätter Bürgerschaft vor dem Rat der Stadt Klage führte.
144 eichstätt · dom

2/3a– c, 4b SCHUTZMANTELMADONNA Mönche, Zisterzienser, Franziskaner, letzterer mit einem dicken


Fig. 41, 54, Abb. 46–48 Schlüsselbund, in zweiter Reihe weitere Tonsuren, einen Ritter,
H./B.: 2a: 63/55 – 55,5, b: 64,5/56–57, c: 63,5/56; 3a: 64/56,5–57, ältere und jüngere Gesichter ohne Standesattribut. Von diesen
b: 64/56, c: 66/56; 4b: 67/57,5 cm. allen scheinen nur die beiden in erster Reihe Knienden besonders
Inschriften: Auf dem Ärmelsaum des in Feld 2c knienden Ado- ausgezeichnet zu sein: Die selbstbewußte Gestalt mit dem mäch-
ranten im weißen Habit steht in Versalien die Signatur: HOL- tigen runden Kopf und den dünnen Haaren auf der linken Seite
BON · [mit seitenverkehrtem N]; auf dem Kragensaum dersel- trägt als einzige das Gewand des Kanonikers: ein weitärmliges
ben Figur (3c) sind die letzten beiden Buchstaben der Signatur Chorgewand und eine mit Pelzquasten verzierte Almutie. In ihm
wiederholt: ON. kann – trotz verwirrender Ähnlichkeit mit Holbeins Silberstift-
Erhaltung: Das im heutigen Zustand noch auf sieben Rechteck- bildnis des Benediktinerabtes Konrad Mörlin von St. Ulrich und
felder ausgedehnte monumentale Schutzmantelbild hat zumin- Afra in Augsburg66 – der mutmaßliche Stifter des Fensters, Wil-
dest Teile seiner ehemaligen Stifterzeile und wahrscheinlich auch helm von Rechberg, vermutet werden. Wer sich andererseits hin-
eine ursprünglich vorhandene architektonische Rahmung einge- ter dessen Gegenüber mit dem schmalen, energischen Gesicht,
büßt (vgl. S. 127f.). Die figürlichen Teile haben, abgesehen von Stirnglatze und langem dünnen Haar, weitem damaszierten
Kopf, Händen und Oberteil der Schutzmantelmaria, ihre origi- Gewand und dem grünen Kragenschal (Gugel?) verbergen mag,
nale Glassubstanz weitgehend bewahrt: Die im Gesamtbild eher bleibt völlig offen. Die Figur trägt am Ärmel die Signatur HOL-
vereinzelten Ergänzungen des 19. Jh. – etwa in den Gewändern BON (die Endung ON nochmals am fast verdeckten Kragen-
kniender Adoranten sowie Partien des Schutzmantels samt der saum), doch mit Holbeins eigenem Konterfei, bekannt aus der
perlenbesetzten Borten – sind überwiegend auf Geiges zurück- »Basilika San Paolo fuori le mura« (1504) oder aus der späteren
zuführen. Unsicherheit herrscht im Fall des technisch recht Vorzeichnung zum Sebastiansaltar (1516), hat das Bildnis des
unsensibel ausgeführten Marienkopfes, der schriftlicher Überlie- zahnlosen Alten nichts gemein67.
ferung zufolge erstmals 1842 durch den Münchner Glasmaler Farbigkeit: Der Gesamteindruck wird bestimmt durch das groß-
Max Emanuel Ainmiller erneuert worden war (Reg. Nr. 7 f.), flächige Zusammenspiel des blauen Mariengewands und des
nach einem sehr verspäteten Selbstzeugnis von Fritz Geiges über roten Schutzmantels. In der Masse gefärbtes Gelb oder Silber-
seine fast viereinhalb Jahrzehnte zurückliegende Restaurierung gelb beherrschen Krone, Nimbus, Haare und den mit Perlen
von 1889–1892 aber wohl gegen eine eigene Ergänzung »mit sowie roten, grünen, violetten und blauen Edelsteinen besetzten
noch unzureichend geschulten Kräften« ausgewechselt wurde62. breiten Mantelsaum. Silbergelb sind ferner die Beschläge,
Transparenzeinbußen durch außenseitige Flächenkorrosion in Schnallen und Nieten auf Marias Gürtel und der Gewandsaum
den originalen roten, grauvioletten und braunen Farbgläsern. des rechts vorn knienden Alten. In der Versammlung der Schutz-
Die originale Schwarzlotbemalung hat durch Korrosion gleich- suchenden dominieren die gebrochenen Farben; 2/3a: links
falls stark gelitten: Insbesondere in den Köpfen und Gewändern außen ein bärtiger Patrizier in grünem Gewand, mit rot ver-
der Schutzsuchenden sind gravierende Verluste der Konturie- brämter, grüner Mütze und rotem Rosenkranz; es folgen: ein
rung und z.T. großflächiger Abrieb im Halbton zu verzeichnen. dunkelblau gerüsteter Knappe, die gewichtige Gestalt eines
Unsauber geschmierte Kaltretuschen im Verbund mit Paraloid Kanonikers in blaugrauer Pelzalmutie über weißem Superpelli-
zur Sicherung loser Malschichten entlang der reduzierten oder ceum und, im Hintergrund, ein Mann im grauen Pelz, ein blasser
verlorenen Konturlinien wurden im Rahmen der Restaurierung Kopf mit fliegendem Haar und ein Franziskaner in brauner
von 1966/68 aufgetragen63. Vereinzelt geklebte Sprünge; ein
Kopf durch rückseitige Doublierung stark vergilbt. Bleinetz von
Geiges erneuert.
Ikonographie, Komposition: Das ursprünglich dem juristischen
Gebrauch entlehnte Motiv der Schutzmantelschaft in Verbin- 61 Kat. Ausst. Augsburg 1965, Nr. 77.
dung mit der Vorstellung von Maria als Mater misericordiae 62 Fritz Geiges, Der mittelalterliche Fensterschmuck des Freiburger
(Mater omnium), das in der abendländischen Kunst bis ins späte Münsters, Freiburg 1931/33, S. 312, Anm. 2. – Bei Thiem, 1960, S. 231,
13. Jh. zurückverfolgt werden kann, erfuhr seine eigentliche Ver- und Frenzel, 1968, S. 24 (Anm. 10) wird der “penetrante» Marienkopf
breitung erst im Zuge wachsender Marienverehrung vom ausge- noch fraglos mit Ainmiller verbunden.
henden 14. bis ins frühe 16. Jh. hinein64. Unter den gebräuch- 63 Ein »Nachziehen der Konturen« durch Geiges, wie von Thiem, 1960,

lichen Darstellungstypen zeigt das überlebensgroße Eichstätter S. 230 f., behauptet, war dagegen nicht festzustellen und bereits von
Schutzmantelbild Maria ohne das Jesuskind und unterscheidet Frenzel, 1968, S. 25, zu Recht in Abrede gestellt worden.
64 Vera Sussmann, Maria mit dem Schutzmantel, in: Marburger Jb. für
sich diesbezüglich etwa von Holbeins zeitgleichem Holzschnitt
der sogenannten Kaisheimer Schutzmantelmadonna (Fig. 40)65. Kunstwissenschaft 5, 1929, S. 285–351; vgl. auch Beissel, 1909,
S. 352–357; Jutta Seibert, in: LCI, IV, 1972, Sp. 129–133; Schiller IV,2,
Folgerichtig breitet die Gottesmutter selbst den Mantel über die
1980, S. 195–198.
Gemeinschaft der Schutzflehenden aus und bedarf hierfür nicht 65 Kat. Ausst. Augsburg 1965, Nr. 112.
der unmittelbaren Hilfe assistierender Engel. 66 Berlin, SMPK Kupferstichkabinett, KdZ 2526; vgl. Lieb/Stange,
Die Gruppe der unter dem weiten Mantel Mariens versammelten 1960, Nr. 205; Kat. Ausst. Augsburg 1965, Nr. 88. – Die von Thiem,
Adoranten zeigt nur Männer und wurde auch nicht nach geist- 1960, S. 187, angeführte Basler Bildniszeichnung des Hans Gleichlin
lichem und weltlichem Stand getrennt; auch fehlen, wie Mader (eher Beychlin) als Vorbild für den mächtigen Kopf des Kanonikers
zurecht betont, die »Spitzen« der kirchlichen und staatlichen überzeugt dagegen nicht und ist von Falk, 1979, Nr. 175, »auch wegen
Macht. Wir sehen statt dessen einen Adligen und einen reichen des zeitlichen Abstandes« als nicht plausibel zurückgewiesen worden.
Bürgersmann mit hermelin- und pelzverbrämten Hüten, diverse 67 Lieb/Stange, 1960, Frontispiz bzw. Abb. 114 und 370.
eichstätt · dom 145

Kutte im Profil. – 2/3b: Mönch in rosaviolettem Habit (ver- Ornament, Technik: Das auf der Rückseite in Halbtonlasur
bräunt), am Gürtel einen dicken weißen Schlüsselbund, dahinter angelegte Stoffmuster im Gewand des knienden Adoranten ist
ein Jüngling mit grünem Hut; rechts der Gottesmutter frontale im malerischen Werk Hans Holbeins zu wiederholten Malen –
Kniefigur in dunkelgrünem Gewand, rotem Gürtel und hell- u. a. im Marientod des Frankfurter Dominikaneraltars (1501), in
braunem Pelzkragen. – 2/3c: im Hintergrund je ein grauer und Beschneidung und Ecce Homo des Kaisheimer Altars (1502)
brauner Kopf, davor ein Mönch in purpurvioletter Kutte und die sowie in der Dornenkrönung der »Basilika San Paolo fuori le
zweite zentrale Figur der Schutzsuchenden in einem weiß mura« (1504) – verwendet worden68. Bemerkenswert ist ferner,
damaszierten Gewand und grüner Sendelbinde, in der Hand eine daß das großflächige Damastmuster X, 35 im Kleid der Gottes-
rote Betschnur; in zweiter Reihe ein blau gewandeter Edelmann mutter (ebenfalls rückseitig aufgetragen) nicht auf der Basis einer
mit blauem pelzbesetzten Hut; am rechten Rand ein Zisterzien- Schablone mit durchlaufendem Rapport, sondern ganz reali-
ser in grauer Soutane und weißer Flocke, vor sich ein rotes Beu- stisch in Falten gelegt gezeichnet wurde.
telbuch. Die Inkarnate vereinen diverse Braun- und Rosatöne bis Stil, Datierung: Augsburg, 1502 (Entwurf Hans Holbein d. Ä.).
hin zum fahlen Grau. Die gemeinsame Bodenfläche der Kompo- Zur Frage der ausführenden Glasmalerwerkstatt vgl. S. 138–140).
sition ist graugrün. CVMA A 12480 –12486

FENSTER III (KREUZIGUNG CHRISTI) Fig. 43, 55, Abb. 44, 49 – 51

Lichtes Gesamtmaß: H. 3,80 m, B. 1,95 m.


Spitzbogiges Fenster von drei Bahnen, vier Zeilen, Kopfscheiben und spätgotischem Maßwerkabschluß: insgesamt 16
Rechteckfelder, drei Kopfscheiben, vier Maßwerkformen und zwei Zwickel. Die nur geringfügig fragmentierte Dar-
stellung der Kreuzigung in einer spätgotischen Architekturrahmung übergreift alle drei Bahnen und erstreckt sich
heute – als schwebende Bildkomposition in eine farblose Wabenverglasung des 18. Jahrhunderts eingebettet – über alle
vier Zeilen; im Maßwerk ebenfalls Blankverglasung mit barocken Sechseckscheiben.
Rechteckscheiben (lichtes Maß): H. ca. 64,5– 66 cm; B. 56–58 cm.
Gesamtaufnahmen: CVMA A 12487, Großdia 99/192 A

1b INSCHRIFTKONSOLE VOR BLANKVERGLASUNG Johannes († 1490) und schließlich Karl († 1505) – erinnert, dürfte
Fig. 55, Abb. 44 freilich erst nach 1490 vom zuletzt Verstorbenen in Auftrag ge-
H. 65 cm, B. 57 cm. geben worden sein71 .
Ehemals zum Standfigurenfenster I gehörig (vgl. S. 126). Komposition, Farbigkeit, Ornament: Die weiße querrechteckige
Inschriften: Auf der Tafel in gotischer Minuskel die Stifterin- Inschrifttafel besitzt an der unteren Längsseite eine zentrale
schrift des Kanonikers Johannes von Seckendorff: Anno salutis Knospe mit volutenartig nach beiden Seiten hin auswuchernden
1490 Septima nove(m)bris/obiit venerandus ac nobilis dominus/ heraldischen Blättern, die ihr die »tragende« Form einer
Johannes de Seckendorff canonicus/eystatensis Cuius anima in Inschrift-Konsole verleihen. Derartige schmale Konsolen sind
pace (re)q(ui)escat. uns aus den plastischen Epitaphien der Zeit – so in mehreren Bei-
Erhaltung: Abgesehen von einer Anzahl geklebter Sprünge, drei spielen im Mortuarium selbst – geläufig, wo ihnen auch dieselbe
rückseitig doublierten Gläsern am oberen Rand und vier belasse-
nen Sprungbleien im rechten unteren Viertel der Inschrift intakt.
Keine Übermalungen. Bleinetz 19. Jh. Die unten anschließenden
Sechseckscheiben wurden im Rahmen der letzten Restaurierung 68 Vgl. Kat. Ausst. Augsburg 1965, Nr. 33; Bushart, 1987, Abb. S. 84,

komplett erneuert. 92, 100; Schawe, 2000, Abb. S. 77


Ikonographie: Johannes von Seckendorff († 1490)69 entstammt 69 Vgl. Johann Gottfried Biedermann, Geschlechtsregister der Reichs-

einem der ältesten, zugleich kopf- und besitzstärksten fränki- Frey-unmittelbaren Ritterschaft zu Franken, Löblichen Orts Steiger-
schen Ministerialengeschlechter, dessen Aufstieg eng an das wald, Nürnberg 1748, Tab. 99–162; der Betreffende findet sich nicht bei
Haus der Nürnberger Burggrafen und späteren Markgrafen von Gerhard Rechter, Die Seckendorff. Quellen und Studien zur Genealo-
Brandenburg-Ansbach gebunden war. Über den Stifter selbst gie und Besitzgeschichte, 2 Bde. Neustadt a. d. Aisch, 1987/1990. Nach
war nicht viel mehr in Erfahrung zu bringen, als daß er – ebenso Franz X. Buchner (wie Anm. 60) ist unser Johann von Seckendorff 1463
Kanoniker in Augsburg, 1469 Scholastikus in Eichstätt, Domdekan
wie der zweite bekannte Fensterstifter im Mortuarium, Wilhelm
daselbst 1471–77, resigniert 1489, Kanoniker in Passau und Pfarrer von
von Rechberg – im Jahr 1478 zu jener Gruppe junger Domherren
Rüsselbach; er starb, gemäß der Inschrift des Epitaphs, am 7. 11. 1490;
gehörte, über deren schlimmste Ausfälle in sittlicher Beziehung, vgl. Sammelblatt des Hist. Vereins 11, 1896, S. 133; ebenso Albert
Zechgelage, Raufereien und nächtliche Schwärmereien, die Eich- Hämmerle, Die Canoniker des Hohen Domstiftes zu Augsburg bis zur
stätter Bürgerschaft Klage führte70. Das plastische Seckendorff- Säkularisation (Hs. DAEI, 1935, S. 133).
Epitaph an der Wand zwischen Fenster III und IV, das die Kreu- 70 Vgl. Sax/Bleicher, 1927, S. 203–206.

zigung mit Maria und Johannes zum Hauptbild hat und in der 71 Mader, 1924, S. 196f., Fig. 141, vermutet eine Entstehung um 1490, da

Sockelzone gleich an vier Eichstätter Domherren der Familie die Inschrift für Karl v. Seckendorff nachgetragen ist, doch waren in der
von Seckendorff – Burkard († 1409), Petrus († 1462), nochmals Stifterzone von vornherein vier kniende Kanoniker vorgesehen.
146 eichstätt · dom

Fig. 55. ES
Mortuarium III, 1b, 2/3a – c, 4b.

Funktion entspricht. Vergleicht man hierzu die ebenfalls weißen 2/3a–c, 4b KREUZIGUNG CHRISTI Fig. 43, 55, Abb. 49–51
Architektur- und Astwerkbekrönungen im Heiligenfenster I mit H./B.: 2a: 65/57, b: 65/57,5, c: 64,5/57; 3a: 66/57,5, b: 65/58, c:
den gleichen spezifischen Blattformen, dann wird der ursprüng- 65/57; 4b: 65/56 cm.
liche Zusammenhang der versprengten Teile deutlich (vgl. S. 126). Inschriften: Am Kreuzstamm in gotischer Majuskel der Titulus:
Technik, Stil, Datierung: Augsburg, um 1495/1500. Das in- I .N .R .I .
schriftliche Todesjahr des Stifters bietet nicht mehr als einen ter- Erhaltung: Trotz zahlreicher Sprünge verzeichnet die auf sieben
minus post quem für die Ausführung des Fensters. Angesichts Felder reduzierte Komposition noch zum größten Teil originale
der Zugehörigkeit zum Standfigurenfenster I ist eine Entstehung Glassubstanz. Von der ursprünglich zugehörigen Sockelzone
eher gegen Ende des letzten Jahrzehnts anzunehmen. (mit Inschrift und Wappen) hat sich augenscheinlich nichts
CVMA A 12488, Großdia 99/192 A erhalten; außerdem reichten die Pfeilerspitzen der architektoni-
eichstätt · dom 147

schen Rahmung auch in den Seitenfeldern ehemals bis in die Gesprenge des Entwurfs zum Hochaltar des Augsburger Domes
vierte Zeile hinauf. Im überkommenen Bestand wurden – entge- (Danzig, Stadtmuseum) in Betracht, die zugleich eine der
gen den weitreichenden Angaben bei Thiem72 – lediglich drei allernächsten Parallelen für die spätgotische Rahmenarchitektur
größere Fehlstellen in der Architektur und ein Mantelzipfel des bietet (vgl. Textabb. 51)76.
Engels am Kreuzfuß im 19. Jh. ergänzt. Transparenzmindernde Farbigkeit: Gerahmt durch die bernsteingelbe Architektur und
Flächenkorrosion ist allein im violetten Gewand Marias, Loch- hinterlegt mit durchgehend blauem Wolkengrund erscheint
fraß in verstreuten gelben Farbgläsern und kratzerförmige Ver- Christus (hellbraunes Inkarnat, durch Doublierung in Oberkör-
witterungsspuren im roten Mantel Johannes des Evangelisten zu per und Teilen der Beine vergilbt, weißes Lendentuch, grüne
beobachten. Die mitunter gravierenden Bemalungsverluste in Dornenkrone und gelber Nimbus) am blaßgelben Kreuz; weißer
den Gewändern, den Engeln, den Architekturen und flächen- Kreuztitulus; gelbe Sonne; weiß-silbergelber Mond. Der
deckend im blauen Wolkengrund sind nur zum Teil auf eindrin- Gekreuzigte ist umgeben von drei schwebenden Engeln mit wei-
gende Feuchtigkeit entlang der Sprünge zurückzuführen, son- ßen Inkarnaten, silbergelben Haaren und silbergelben Kelchen:
dern zeigen zusätzlich Spuren von mechanischer Reinigung Engel am Fuß des Kreuzes mit weißer Albe, gelb-violettem Plu-
(Abrieb durch regelmäßiges Waschen und Kehren der Fenster?). viale und roter Stola; Flügel rot mit grünen Deckfedern; Engel
Vereinzelte Kaltretuschen im Christuskopf, im Gewand des links mit gelber Albe, rotem Umhang und grün-roten Flügeln;
rechten Engels und entlang der geklebten Sprünge. Bleinetz dahinter verdeckt weiße Flügel und gelber Kelch eines vierten
überwiegend 19. Jh., an doublierten Partien im Rahmen der letz- Engels(?); rechts des Kreuzes Engel mit weißer Albe, gelb
ten Restaurierung erneuert und verzinnt. damasziertem Pluviale und roten Flügeln. Maria trägt einen wei-
Ikonographie, Komposition: Die Eichstätter Kreuzigung zeigte ßen Mantel über purpurviolettem Gewand, Johannes einen roten
einst – in der Art eines Epitaphs – eine frei im Fenster schwe- Mantel über einer gelb gegürteten, smaragdgrünen Soutane;
bende, architektonisch reich gerahmte Komposition. In deren Inkarnate weiß, Nimben gelb; Haare und Buch des Jüngers
Zentrum steht das traditionelle Dreifigurenbild des Gekreuzig- silbergelb. Grüner Pflanzenboden.
ten zwischen Maria und Johannes, erweitert um die kosmischen Technik: Maltechnisch sind zwei verschiedene Richtungen an
Symbole Sonne und Mond, links und rechts über dem Kreuzes- den Architekturteilen zu unterscheiden: 1. eine souveräne Manier
balken, sowie das den sakramentalen Bezug des Opfertodes mit geringem Einsatz von Halbtonmodellierung, bei absolut
unterstreichende Motiv der schwebenden Engel, die das Blut sicherer Konturierung; 2. eine übermäßige Negativtechnik mit
Christi in Meßkelchen auffangen73. Als unmittelbare ikonogra- dunklen Halbtonlagen und ausradierten und -gewischten Lich-
phische Quelle ist, wie Thiem zu Recht bemerkte, der Schongau- tern. Sollte dies nicht nur aus einer ganz gezielten Abstufung der
erstich der großen Kreuzigung mit vier Engeln (L. 14) vorauszu- Licht- und Schattenseiten innerhalb des Baldachins zu erklären
setzen, dem der Entwurf freilich nur eine recht allgemeine sein, dann wäre auch eine Unterscheidung in verschiedene Spezi-
Anregung verdankt74. Am engsten erscheinen die Bezüge bei den alisten (Figurenmaler, Architekturmaler) zu erwägen. Daß die
Engeln, während die Assistenzfiguren bewegter und ausgreifen- zusätzliche Rückseitenschattierung mit ihrer akkuraten Wisch-
der gestaltet sind. Für die Gestalt des Evangelisten Johannes ist technik in beiden Richtungen anzutreffen ist, belegt freilich ein-
auf den engen motivischen Zusammenhang mit einem Rund- mal mehr, daß die Arbeitsschritte mehrerer Kräfte an einem Fen-
scheibenriß der Kreuzigung im Basler Kupferstichkabinett hin- ster auch völlig unorthodox ineinandergegriffen haben können.
gewiesen worden, der von Thiem versuchsweise als Nachzeich- Stil, Datierung: Augsburg, um 1495/1500 (Entwurf Hans Hol-
nung des jungen Leonhard Beck (nach Holbein d. Ä.) in bein d. Ä.).
Anspruch genommen wird75. Unter Holbeins eigenhändigen CVMA A 12489-12495, Großdias 99/193–195 A
Werken kommt zuallererst die kleine Kreuzigung mit Engeln im

FENSTER IV (JÜNGSTES GERICHT) Fig. 37, 45, 50, 56, Abb. 52–66

Lichtes Gesamtmaß: H. 3,80 m, B. 1,95 m.


Spitzbogiges Fenster von drei Bahnen, vier Zeilen, Kopfscheiben und großem Maßwerkokulus: insgesamt 15 Recht-
eckfelder, drei hohe rundbogige Kopfscheiben, Maßwerkkreis und vier Zwickel. Komplett farbig verglast.
Rechteckscheiben (lichte Maße): H. ca. 64–67 cm; B. ca. 55–57,5 cm.
Gesamtaufnahmen: CVMA A 12496, Großdia 99/196 A

1a STIFTERBILD EINES DOMHERRN MIT DEN HLL. mung entstammen dem 19. Jh., zwei kleine Ergänzungen in der
RICHARD UND BRICTIUS Fig. 50, 56, Abb. 52, 54, 61 f. Albe des Domherrn und im linken Bogenstück der letzten
H. 67 cm, B. 56 cm. Restaurierung durch Gottfried Frenzel. Die abgebrochenen Rip-
Inschriften: Auf dem Spruchband des knienden Kanonikers steht penprofile in der Mitte, die sich maltechnisch vom Restbestand
in gotischer Minuskel: d(omi)ne ih(es)u d(e)p(re)cor/te/vt a(n)te unterscheiden und außerdem keine nahtlosen Anschlüsse zeigen,
di(mi)ttas qu(am) iu/dicesz.77 zählen mutmaßlich trotzdem zum alten Glasbestand78. Ein hal-
Erhaltung: Reparaturen im linken Sockel, dem angrenzenden bes Dutzend mehrfach gesprungener größerer Gläser (Kopf des
Mauerstück und im rechten oberen Eck der Architekturrah- Hl. Richard, Albe des Stifters und Architekturbogen) sind rück-
148 eichstätt · dom

seitig doubliert. Minimale Verluste an Malerei betreffen den Stif- schliff. Auf halber Höhe zeichnet sich außerdem gut sichtbar
terkopf, der in Halbton und rückseitiger Eisenrotmodellierung eine waagerechte Linie ab, die als Markierung für die spätere
leicht berieben ist. Bleinetz von Geiges erneuert, bei doublierten Windstange bereits im Zuge der Bemalung vorgesehen wurde.
Partien von Frenzel überarbeitet. Stil, Datierung: Die skizzenhafte, mitunter fahrige Zeichnung
Ikonographie, Komposition: Die kompakte figürliche Komposi- der Figuren, insbesondere der Köpfe und Hände84, verbinden
tion eines Kanonikers mit Spruchband, präsentiert von den Hei- das Stifterbild samt den Hll. Richard und Brictius tatsächlich
ligen Richard und Brictius, steht auf schmaler, nur linksseitig aufs Engste mit der Ausführung des Jüngsten Gerichts darüber –
durch eine Mauer begrenzter Raumbühne vor damasziertem ein wichtiges Indiz für die ehemalige Zugehörigkeit. Der mar-
Grund und wird gerahmt durch einen spätgotischen Maßwerk- kante Chorherrenkopf, der jedenfalls auf eine Porträtstudie Hol-
bogen. Der kniende Adorant, ein nicht zu identifizierender beins zurückzuführen ist, erinnert an die diversen Silberstift-
Domherr in weitärmeligem Superpelliceum und Pelzalmutie, Bildnisse, beispielsweise des Augsburger Benediktiners Hans
wird allein durch das Wappen des Domkapitels im linken unte- Grießherr (Fig. 46) 85, findet sich aber ebenso verwandt in meh-
ren Eck als Angehöriger der Stiftsgeistlichkeit charakterisiert79. reren abgewandelten Typen im malerischen Werk um 1500 wie-
Die Fürbitte des Spruchbandes verweist auf den engen Kontext der: etwa unter den Köpfen des Dominikaner-Stammbaums in
zum Jüngsten Gericht im oberen Register und belegt damit auch Frankfurt (1501) oder auch in der Profilfigur des Joachim in
die ursprüngliche Zugehörigkeit der heutigen Sockelzone. Mariae Tempelgang des Kaisheimer Altars (1502)86.
Was die Interzessoren betrifft, so ist der Eichstätter Bistumspa- CVMA A 12497, Details A 12512–12514, Großdia X T 36
tron Richard – der Vita S. Willibaldi des 8. Jh. aus der Feder der
Heidenheimer Nonne Hugeburc zufolge80 – als angelsächsischer 1b WAPPEN RECHBERG Fig. 45, 56, Abb. 43
König mit Krone und Szepter dargestellt; er starb um 720 in H. 66,5–67 cm, B. 56,5–57,5 cm (54,5 cm ohne Randstreifen
Lucca auf einer Pilgerreise nach Rom, die er mit seinen Söhnen links).
Willibald und Wunibald angetreten hatte; Willibald unternahm Ehemals zusammen mit der Inschrifttafel des Domkustos Wil-
724 – 727 eine weitere Pilgerfahrt bis ins Heilige Land, wurde helm von Rechberg zur Sockelzone der Schutzmantelmaria in
Mönch in Montecassino (729 – 739), 740 auf Wunsch des Hl. Fenster II gehörig (vgl. S. 127f.).
Bonifatius zur Mission nach Deutschland gesandt, wo ihn dieser Erhaltung: Periphere Ergänzungen von Fritz Geiges im unteren
742 zum ersten Bischof des neu gegründeten Bistums Eichstätt
weihte81. Als zweiter Fürsprecher ist allerdings nicht der in
Eichstätt ansonsten allgegenwärtige Hl. Willibald dargestellt, 72 Thiem, 1960, S. 232 f.; diese Fehleinschätzung des Bestands wurde
wie bislang stets behauptet, sondern der Hl. Brictius, Nachfolger bereits von Frenzel, 1968, S. 25 korrigiert.
des Hl. Martin auf dem bischöflichen Stuhl von Tours. Dessen 73 Schiller II, 21983, S. 120f. und LCI, II, 1970, Sp. 630.
persönliches Attribut sind die glühenden Kohlen, die er der 74 Vgl. auch für das folgende Thiem, 1960, S. 193 –198.

Legende nach ohne Spuren der Beschädigung in seinem gerafften 75 Neuerdings bei Falk, 1979, Nr. 224.

Gewand zum Grab des Hl. Martin trug, um die leichtfertige Ver- 76 Lieb/Stange, 1960, Nr. 81.
77 Für freundliche Hilfe bei der Transkiption habe ich Herrn Prof. Dr.
leumdung der Vaterschaft an einem unehelichen Kind vor den
Augen der Stadt durch ein Gottesurteil zu widerlegen82. Brictius Konrad Kunze, Freiburg i. Br., und den Kollegen der Inschriften-Kom-
(Briccius) war seit dem 14. Jh. gemeinsam mit Margareta vor- mission der Mainzer Akademie der Wissenschaften herzlich zu danken.
78 Die von Thiem, 1960, S. 183, vertretene Meinung, »außer dem Wappen
übergehend Titelheiliger jener Kapelle, die vor der Neuerrich-
des Domkapitels und dem Stifterkopf [sei] die Scheibe ihrem materiellen
tung des Mortuariums als Sepultur für die Kanoniker gedient
Bestande nach eine Neuschöpfung« ist unzutreffend und bereits von
hatte (vgl. S. 120 f.); seit 1327 befand sich dort auch ein dem
Frenzel, 1968, S. 24 (Anm. 10), zurückgewiesen worden.
Hl. Richard gewidmeter Altar83. Zusammen mit den in 1c darge- 79 Da die Verbindung mit dem Rechbergschen Wappen nebenan in 1b
stellten Hll. Margareta und Leonhard (letzterer löste Brictius im durch Beobachtungen zur Rekonstruktion des Schutzmantelfensters
15. Jh. als Kopatron der Begräbnisstätte ab), weist die Fenster- hinfällig geworden ist, muß die von Thiem, 1960, S. 183 f., irrtümlich
stiftung auf den Vorgängerbau zurück und hatte offenbar allge- vorausgesetzte Identifizierung des Stifters mit Wilhelm von Rechberg
meine Memorialfunktion. hier nicht mehr diskutiert werden.
Farbigkeit: Domherr in weißem Superpelliceum (Doublierung 80 Vgl. den Nachdruck mit dt. Übersetzung der Willibaldvita bei Andreas

vergilbt), braunrosaviolette Almutie. Richard in leuchtend Bauch, Quellen zur Geschichte der Diözese Eichstätt, I: Biographien
blauem Mantel mit weißem Pelzkragen und Ärmelsäumen sowie der Gründungszeit, 1962, S. 11–194; vgl. Rudolf Schiefer, in: VL, IV,
einem silbergelb damaszierten Untergewand, Brictius in weißer 1983, Sp. 221 f.
81 Braun, 1943, Sp. 629f.; Vgl. B. Senger, in: Die Heiligen in ihrer Zeit,
Albe, smaragdgrüner Dalmatik mit weißem Kragen und sma-
ragdgrüner Kasel; Inkarnate weiß; Nimben, Krone, Szepter und hrsg. von Peter Manns, Mainz 31967, I, S. 402 f.; LCI, VIII, 1976,
Sp. 266 f.
Pedum silbergelb; Mitra, Velum, Handschuh und Buch weiß mit 82 Braun, 1943, Sp. 149–151, LCI, V, 1973, Sp. 443 f.; Benz, 91979,
silbergelben Akzenten; in der gerafften Kasel die roten Kohlen.
S. 872 f.
Wappen des Domkapitels: drei goldene Leoparden in Rot. Bild- 83 Mader, 1924, S. 163; vgl. Suttner, 1866, S. 195.
raum: graublauer Fliesenboden vor rotem Damastgrund, links 84 Eine Ausnahme bilden die gefalteten Hände des Kanonikers, die –
braunrosaviolette Mauer; weiße Architekturrahmung. obgleich sicher original – in ihrer dürren, hartbrüchigen Zeichnung und
Ornament: Das großflächige Muster des roten Hintergrundda- Proportionierung wie ein Relikt aus der zweiten Hälfte des 15. Jh.
masts (X, 35) begegnet wörtlich auch im Gewand der Schutz- erscheinen.
mantelmadonna in Fenster II. 85 Vgl. Lieb/Stange, 1960, Abb. 258, 272 – 275.

Technik: Im Wappen des Domkapitels innenseitiger Rotaus- 86 Ebenda, Abb. 44, bzw. Bushart, 1987, Abb. S. 90.
eichstätt · dom 149

Randbereich sind ebenso wie der gesamte linke Randstreifen auf Farbigkeit, Ornament: Leonhard trägt eine blauviolette Flocke,
wiederholte Versetzungen des Feldes zurückzuführen. Im Kern in den Händen ein weißes Buch mit silbergelbem Schnitt, über
des Wappens lediglich eine marginale Reparatur. Schwarzlotma- die Arme gelegt eine silbergraue Kette mit Schloß; Kopf und
lerei stellenweise abgerieben und abgeplatzt. Bleinetz 19. Jh. Hände fleischfarben, Nimbus bernsteingelb. Margarete in
Ikonographie: Das Wappen des schwäbisch-fränkischen blauem Kleid und weißem Mantel (Doublierung partiell ver-
Geschlechts von Rechberg (Rothenlöwen) zeigt in Silber zwei gilbt); Kopf weiß mit silbergelben Haaren; Kreuzstab, Krone
gegenständige rote Löwen87. und Nimbus bernsteingelb; Drache zu Füßen der Heiligen sma-
Komposition, Farbigkeit, Ornament: Das Wappen steht auf grü- ragdgrün mit weißen Zähnen und brauner Zunge. Rahmung,
nem Fliesenboden vor blauem Rankengrund (X, 35); als Schild- Bildraum und Hintergrund wie in 1a.
halterung eine verschränkte gelbe Gürtelschlaufe; weiße Rah- Technik: Auf halber Höhe geringfügige Überreste der Windstan-
menarchitektur. genmarkierung (wie in 1a).
Technik, Stil, Datierung: Augsburg, um 1502 (Entwurf Hans Stil, Datierung: Für Entwürfe von der Hand Holbeins d. Ä.
Holbein d. Ä.). Als Vergleichsbeispiel für die architektonische zeugt die alte Signatur auf dem Gürtel der Hl. Margareta. Für die
Rahmenform bietet sich die Predellenzone im Danziger Entwurf Gewandbehandlung der durch den eingeflickten Kopf stark ver-
für den Hochaltar des Augsburger Domes an (Textabb. 51). unklärten weiblichen Figur kommt unter den Basler Werkstatt-
CVMA A 12498 zeichnungen mit einzelnen stehenden Heiligen insbesondere die
Gestalt der Hl. Barbara mit Kelch (U.VII.21) als Parallele in
1c HLL. LEONHARD UND MARGARETA Betracht92. Deren Gegenüber, eine attributlose weibliche Heili-
Fig. 56, Abb. 55, 59 genfigur (U.VII.20), geht auf Holbeins eigenhändige Zeichnung
H. 67 cm, B. 56 cm. der Hll. Margareta und Dorothea in London zurück und
Inschriften: Auf dem Gürtel der Hl. Margareta aus dem Halbton erscheint ebenso in dem dokumentarisch für Gumpolt Giltlinger
ausgekratzt die Signatur: HOLBAIN (vgl. S. 136)88. gesicherten Altar der sog. Abtskapelle in St. Ulrich und Afra von
Erhaltung: Die Kutte des Hl. Leonhard wurde bis auf den rech- 149693. Damit läßt sich die Ausführung der Scheibe und damit
ten Ärmel von Geiges erneuert. Der jugendlich männliche Kopf des ganzen Fensters durch den Augsburger Maler und Glasmaler
Margaretas, der in jüngster Zeit noch mit Kaltretuschen Frenzels Gumpolt Giltlinger d. Ä. immerhin erhärten, auch wenn wir sein
zu einer Art Caspar David Friedrich mit kräftigem Backenbart Kürzel, wie Frenzel es überliefert hatte, an der angegebenen
verfremdet wurde, stammt als mittelalterliches Flickstück wohl Stelle nicht mehr nachweisen können.
aus einem anderen Fenster des Mortuariums; ein größeres Flick- CVMA A 12499, Detail A 12515
stück im Damastgrund könnte einst der fehlenden dritten
Scheibe der Sockelzone angehört haben. Eine großflächige Dou- 2 – 5a – c JÜNGSTES GERICHT
blierung in der Mantelschürze der Hl. Margareta, zwei kleinere Fig. 37, 45, 56, Abb. 53, 56–58, 60, 63– 66
im architektonischen Rahmen. Die Bemalung der alten Teile H./B.: 2a: 65/56, b: 65/55,5–56, c: 65/56; 3a: 64– 65,5/55,5–56, b:
scheint überwiegend intakt; selbst die freie Schraffur im Kopf 65/55, c: 65/55,5; 4a: 66,5– 65,5/56, 95,5/59, c: 66,5/54,5; 5a:
des Leonhard mit kurzen deckenden Konturstrichen ist wohl 60,5/55, b: 79/77,5, c: 61/56 cm.
original und nicht Resultat jüngerer Nachkonturierung. Bleinetz Inschriften: Kreuztitulus in 5a: I·N·R·I.
im 19. Jh. erneuert. Das von Geiges in einem Brief an den Eichstätter Bischof Leon-
Ikonographie, Komposition: In identisch gerahmter Nische, dies- rod vom 10. Februar 1891 (Reg. Nr. 20) erwähnte Monogramm
mal folgerichtig auf der rechten Seite durch eine Mauer begrenzt,
erscheinen nebeneinander die Standfiguren der Hll. Leonhard
und Margareta: Als Einsiedler, Missionar und Gründer der Klo- 87 Schöler, 1975, Taf. 81.
sterzelle Noblac bei Limoges ist Leonhard wie gewöhnlich in 88 Die von Frenzel, 1968, S. 25, überlieferten ausradierten Buchstaben
eine weite ungegürtete Flocke gekleidet und gekennzeichnet GILTR (Giltlinger) auf der benachbarten Gürtelspange konnten dagegen
durch sein persönliches Attribut, eine zerbrochene Kette, die bei der eingehenden Autopsie der Scheiben vor Ort nicht eindeutig nach-
auf zahlreiche legendäre Wunder der Gefangenenbefreiung ver- gewiesen werden (vgl. Abb. 55).
weist89. Margareta von Antiochia ist als christliche Jungfrau mit 89 Braun, 1943, Sp. 459 –462; LCI, VII, 1974, Sp. 394 – 398; Benz, 91979,

Märtyrerkrone dargestellt; ihre individuellen Attribute Stab- S. 853 – 857.


90 Braun, 1943, Sp. 489 – 493; LCI, VII, 1974, Sp. 494 – 500.
kreuz und Drache verweisen auf den legendären Sieg, den sie im
91 Domkapitelsprotokolle von 1487, S. 126: Sitzung 31. August (Mader,
Kerker über das Ungeheuer errungen hat90. Beide Heiligen zähl-
ten zum Kern der im fränkisch-bayerischen Raum verehrten 1924, S. 163).
92 Falk, 1979, Nr. 190, betont im übrigen zu Recht, daß derlei Blätter
Vierzehn Nothelfer, doch dies ist offenkundig nicht das Aus-
über einen längeren Zeitraum zur Verwendung in der Werkstatt bereit
wahlkriterium für ihre Darstellung gewesen. Als entscheidende
gestanden hätten.
Motivation ist vielmehr die Übertragung der Patrozinien der 93 Falk, 1976, S. 4–11, Abb. 1–3. Die Altarflügel von 1496 mit den Hll.
vormaligen Begräbnisstätte – der 1192/93 zunächst der Hl. Afra,
Petrus, Paulus, Andreas und Simpertus auf den Innenseiten sowie den
im 14. Jh. Margareta und Brictius (vgl. 1a) und schließlich Mar- Hll. Katharina, Margareta, Barbara und Dorothea u. a. auf den Außensei-
gareta und Leonhard geweihten Kapelle – in das Bildprogramm ten sind heute nurmehr in stark übermaltem Zustand und neuer Verwen-
des neuen Mortuariums und zugleich eine allgemeine Memoria dung am Kanzelaltar des Langhauses erhalten geblieben. Die Beschrei-
für die dort bestatteten Kanoniker und Adeligen zu werten (vgl. bung des Altares samt Überlieferung ihrer Verfertigung »per pictorem
S. 120f.). Ein Leonhardsaltar beim Karner, dem vormaligen Bein- mgrm. Gumpoldum« in Wilhelm Wittwers Catalogus Abbatum
haus, wurde 1487 im Zuge der Baumaßnahmen abgebrochen91. Monasterii SS. Udalrici et Afrae im Wortlaut bei Thiem, 1960, S. 168.
150 eichstätt · dom

H. M. H. auf dem Pluvialesaum eines Bischofs der Seligenseite, und unter dem Banner des Bösen (einer Kröte)94 in den fürchter-
das schon Thiem nicht mehr auffinden konnte, war auch im lich aufgerissenen Höllenrachen getrieben werden. Im zentralen
Zuge der Autopsie von 1999 nicht zu verifizieren. Hintergrund tobt noch der Kampf um die Seelen der Auferstan-
Erhaltung: Im figürlichen Kernbestand der zwölf Felder umfas- denen, die in langer Schlange herangetreten sind: Während das
senden Gesamtkomposition ist das Fenster weitgehend intakt, Gewicht ihrer guten und bösen Taten im Kampf des Erzengels
von der Sockelzone nur das mittlere Feld (mit Inschrift?) verlo- mit den Mächten des Satans zum Ausdruck kommt (nicht wie
ren. Umfangreichere Reparaturen des 19. und 20. Jh., verursacht sonst häufig durch die Seelenwägung), erwarten die Betroffenen
durch wiederholtes Versetzen der Scheiben vom Mortuarium in teils mit flehender, teils mit verzagter Miene, oder auch mit
den Chor (Ainmiller 1845), zurück ins Mortuarium (Geiges ungläubiger Ignoranz ihr Urteil. Die architektonisch gestaltete
1892) und zuletzt innerhalb des Fensters (Frenzel 1968), betref- Himmelspforte mit dem Wolkenkranz, der Kampf Michaels mit
fen dagegen vor allem den blauen Wolkenhimmel der oberen den gefallenen Engeln und der um 1500 bereits altertümliche
Fensterzone. Am stärksten davon in Mitleidenschaft gezogen zoomorphe Höllenrachen sind häufig wiederkehrende Bildmo-
sind das Rundfeld des Weltenrichters und das Bogenfeld mit den tive des Weltgerichts95. Ungewöhnlich und neu erscheint dem-
beiden posaunenden Engeln, die durch massives Beschneiden gegenüber der episodische Charakter, der in den Kontakten ver-
bzw. Trennen und Wiederzusammenfügen einen Großteil ihres schiedener kleiner Figurengrüppchen zum Ausdruck kommt,
ursprünglichen Hintergrundes eingebüßt haben. Unter den Seli- sowie die Indivualisierung des Personals, die von Thiem auf
gen und Verdammten der unteren Fensterzone finden sich eine mögliche Anregungen durch zeitgenössische Mysterienspiele
ganze Reihe kleinerer, technisch vorzüglicher, dennoch unter zurückgeführt worden sind96. Eine aus dem Strom der Seligen
Umständen im 19. Jh. erneuerter Köpfe und Figuren, von denen besonders herausgehobene Gruppe findet sich im linken Vorder-
exemplarisch nur das Konterfei des ›greisen Goethe‹ im Höllen- grund (2a): Eine rechte Deutung der Szene ist schwierig, wenn
schlund (Fig. 37) hervorgehoben sei. überhaupt angebracht, doch es scheint so, daß sich alles auf den
Korrosionserscheinungen auf der Außenseite der Gläser bleiben Domherrn im Profil am linken Rand zubewegt; seine unmittel-
auf eine geringe Zahl von Inkarnat-, Rot- und Violettönen in der bare Begegnung mit dem Papst dürfte Kern des Geschehens sein,
Scheibe der Verdammten beschränkt. Im übrigen sind zahlreiche auf das auch die Repoussoirfigur des Engels verweist; im Kreise
Sprünge zu verzeichnen, die im Zuge der letzten Restaurierung der Umstehenden ein Kartäuser, ein Kardinal und ein weiterer
1968 teils auf Kante geklebt, teils durch großflächige rückseitige Prälat. Bemerkenswert sind schließlich noch die beiden Jugend-
Doublierungen mit Araldit gefestigt wurden (Kleber flächig ver- lichen mit Schildmütze und Kappe im Profil am Übergang von
gilbt). Die Bemalung hat über weite Strecken eine erstaunliche Zeile 1 und 2 (Abb. 56), von denen Geiges, wenig überzeugend,
Frische bewahrt und scheint insbesondere in den großen Figuren im oberen das vermeintliche Porträt Ambrosius Holbeins ver-
des Weltenrichters und Johannes des Täufers von beinahe zwei- mutet hat, »den als ausführenden Glasmaler anzunehmenden
felhafter Perfektion. Abrieb von Halbton und partiell verlorene ältesten Sohn des Meisters«97.
Konturen treten dagegen kaum sichtbar in Erscheinung. Punk- Die im Vergleich mit dem Gewimmel im unteren Register klar
tuelle Kaltretuschen. Bleinetz überwiegend im 19. Jh. erneuert, und großzügig angelegte obere Fensterzone von Zeile 4 aufwärts
an doublierten Gläsern von Frenzel überarbeitet. inklusive Maßwerkschluß zeigt vor weitem blauen Wolkenhim-
Ikonographie, Komposition: Die seit 1968 wieder in ihren mel im großen Okulus der Fensterspitze den Weltenrichter im
ursprünglichen Zustand zurückversetzte fensterfüllende Kom- Typus des Wundmalchristus auf Regenbogen und Weltkugel
position des Weltgerichts veranschaulicht das im Matthäusevan- thronend, umschwebt von Engeln mit den Leidenswerkzeugen
gelium (Mt 25, 31–46) und in der Offenbarung des Johannes und Posaunen, schließlich rechts und links als kniende Fürbitter
(Apc 20, 11–15) geschilderte Ereignis des Jüngsten Tages, klas- vor dem Thron des Richters Maria und Johannes Bapt. auf einer
sisch strukturiert in einem streng zweizonigen Aufbau: Die Wolkenbank. Eine Wolkenbank als sinnhafte Unterteilung von
untere Fensterzone in den Zeilen 2 und 3 zeigt in vielfiguriger irdischer Welt und himmlischer Sphäre begegnet in ähnlicher
Kleinteiligkeit die Auferstehung der Toten und die Scheidung Form in zahlreichen spätmittelalterlichen Weltgerichtsbildern,
der Auserwählten von den Verdammten: Der Moment der Auf- doch entspricht die Reduktion der Handlungsträger auf eine
erstehung aus den Gräbern wird freilich nur durch drei nackte,
mit Leichentuch oder Schurz verhüllte Figuren, sozusagen stell-
vertretend im zentralen Vordergrund angedeutet, von denen ein
94
jüngerer und ein älterer Mann bereits von Teufeln ergriffen und Zur giftigen Kröte als Symbol des Teufels und böser Dämonen bzw.
fortgetragen, das junge Mädchen dagegen von einem Engel in auch der Todsünden vgl. LCI, II, 1970, Sp. 676 f. – Das ‘Krötenbanner’ ist
Empfang genommen wird. Alle übrigen Figuren, die Spitzen gelegentlich in volkreichen Darstellungen der Kreuztragung oder des
geistlicher und weltlicher Obrigkeit, Bürgersleute, Mönche und Kalvarienbergs im Kreise der Soldaten zu finden.
95 Zu nennen sind die großen Vorbilder des 15. Jh.: Stefan Lochner,
Bettler, sind – was außerordentlich selten begegnet – standesge-
Rogier van der Weyden, Hans Memling und Martin Schongauer; vgl.
mäß gekleidet und offenbaren, wie unterschiedlos die verschie-
auch Gary D. Schmidt, The Iconography of the Mouth of Hell, London
denen Stände auf beiden Seiten zu finden sind: Besonders Kaiser
1995.
und Könige, Päpste, Kardinäle und Bischöfe scheinen streng 96 Thiem, 1960, S. 193.
paritätisch auf Paradies und Ewiges Feuer verteilt. Links sehen 97 Geiges, 1931–33, S. 312; vgl. auch Reg. Nr. 20. Allerdings besteht kei-
wir unter der Siegesfahne des Christentums den freudig fried- nerlei Ähnlichkeit zwischen dem von Geiges verglichenen Profil des
lichen Zug der Seligen durch die Paradiesespforte, wo eben Sohnes auf der etwa zeitgleichen Basilikatafel St. Paul von 1503/4 und
Petrus persönlich einen Kaiser begrüßt; auf der Rechten die mit dem Bildnis im Fenster. Die irrige Vorstellung eines Glasmalerporträts
Verzweiflung geschlagenen Sünder, die von Teufeln gegriffen hat im übrigen schon Thiem, 1960, S. 190 f. zurückgewiesen.
Fig. 56. ES
Mortuarium IV, 1-5a – c.
152 eichstätt · dom

traditionelle Deesis – die Dreiergruppe des Erlösers mit den weißer Albe, grünem Pluviale und violetten Flügeln mit gelben
Interzessoren Maria und Johannes – ohne weitere Beisitzer beim Deckfedern (5c); Inkarnate weiß und blaßbraun, Haare silber-
Gericht weniger der Bildtradition. Vergleicht man etwa die gelb; Kreuz, Lanze und Nägel silbergelb und weiß; über dem
vorausgehenden monumentalen Schöpfungen Rogier van der Kreuzbalken hängt die grüne Dornenkrone; Geißelsäule purpur-
Weydens im Hôtel-Dieu in Beaune oder Martin Schongauers rosa; gelber Stock, grüne Rute und blaßgelbe Lanze mit
Breisacher Weltgericht, denen zumindest die Gestalt des Welten- Schwamm. Posaunen blasende Engel (4b): oben in weißer Albe,
richters am deutlichsten verpflichtet ist, dann wird die betont grünen Flügeln mit roten Deckfedern, unten in gelber Albe, vio-
zurückhaltende Gestaltung der himmlischen Zone im Eichstätter letten Flügeln mit grünen Deckfedern; Inkarnate weiß, Haare
Weltgerichtsfenster offenbar98. Ein zuerst wohl von Bruno Bus- silbergelb; Posaunen gelb. Fürbitter: (4a) Maria trägt ein violettes
hart mit Eichstätt in Verbindung gebrachter Entwurf Martin Gewand unter weißem Mantel mit silbergelbem Saum; Inkarnat
Schaffners für das Weltgericht auf der Schreinrückseite des Pful- blaß fleischfarben, Haare silbergelb, Nimbus bernsteingelb; (4c)
lendorfer Altars (nach 1496; Zeichnung in Basel Kupferstich- Johannes der Täufer in rotem Mantel über dem traditionellen
kabinett, Inv. Nr. U.XVI.14; Tafeln in Freiburg, Augustiner- gelben Fellgewand; Inkarnate blaßbraun, Nimbus bernsteingelb.
museum) geht vermutlich auf eine verlorene Vorlage der Im unteren Register sieht man auf grünem Pflanzenboden und
Holbein-Werkstatt zurück99. Diese unterscheidet sich zwar u. a. vor atmosphärisch aufgehelltem Himmelblau die bernsteingelbe
durch die zwölf Apostel als zusätzliche Beisitzer des Gerichts Tür zum Paradies, gerahmt von grauen Wolken, zur Mitte hin
von der Eichstätter Komposition. Dennoch weist die Gestalt den grünen Hügel und auf der Rechten einen grünen Höllen-
Christi recht enge, die Zone der Erlösten und Verdammten schlund mit gelben Augen, weißen Zähnen, gerahmt gleich einer
immerhin in einzelnen Figuren und Motiven anklingende Bezie- Löwenmähne, von roten oder gelben Feuerzungen; die Stirn
hungen auf. Die bereits hervorgehobene, in spätmittelalterlichen besetzt ein violetter Teufel mit rotem Kopf und gelben Hörnern,
Weltgerichtsbildern außergewöhnliche Darstellung vollständig bläst eine grün-gelbe Sack-Tröte. Aus der bunten Vielfalt der
bekleideter Auferstandener im Gewand ihres jeweiligen sozialen Gestalten ragen auf Seiten der Erlösten im Vordergrund heraus
Stands (gleichermaßen auf Seiten der Seligen wie der Verdamm- (2/3a): das weiße Superpelliceum des Kanonikers und der weiße
ten) mag einerseits auf das Vorbild älterer plastischer Gerichts- Habit des Kartäusers (Doublierungen vergilbt), das satte Gold-
portale zurückgreifen, wo dieser Gedanke eher geläufig war100. gelb beider Engelsalben, das blaue Pluviale mit silbergrünem
Andererseits zeigt gerade ein ikonographisch recht vereinzeltes Saum und roten Fransen beim Papst, das Rot des Kardinalsor-
Beispiel wie die kleine seeschwäbische Tafel um 1480 im Germa- nats sowie die dunkelgrauen Pelzamutien der Kanoniker. In
nischen Nationalmuseum in Nürnberg, die mutmaßlich einem zweiter oder dritter Reihe sieht man einen Herzog in Grün mit
heute verlorenen bedeutenderen Vorbild aus dem künstlerischen pelzbesetztem grünem Herzogshut, daneben einen Bischof in
Umfeld Jan van Eycks verpflichtet ist101, eine ganze Anzahl von Blauviolett, ebenso der Junge hinter dem Kartäuser, am linken
Motiven und Kompositionselementen, die ganz ähnlich in Eich- Rand zwei Rückenfiguren wieder Blau und Grün, im Zentrum
stätt wiederbegegnen: Wir verweisen nur auf die Hügelland- Petrus mit dem Schlüssel in purpurviolettem Mantel, vor ihm ein
schaft des Mittelgrundes mit den separierten Figurengruppen, Kaiser in Rot und Hermelin. Neben Petrus steht ein Engel in
auf die Gestalt des verzweifelten Papstes im rechten Vorder-
grund, den Kartäuser im weißen Habit mit Kapuze unter den
Seligen und nicht zuletzt auf die besonders suggestive Positio-
nierung des Weltenrichters im bekrönenden Okulus. Holbeins
98 Vgl. Dirk De Vos, Rogier van der Weyden. Das Gesamtwerk, Mün-
früher Stil war bekanntermaßen auch durch das Vorbild der
chen 1999, S. 252–265; Julius Baum, Martin Schongauer, Wien 1948, Abb.
niederländischen Malerei geprägt102. Gut denkbar also, daß die
211.
Bildquellen für die gesamte Komposition – so konkret wie die 99 Kat. Ausst. Augsburg 1960, Nr. 180; ebenso Frenzel, 1968, S. 21 f.
Abhängigkeit der Figur des Weltenrichters von Rogiers Beauner Vgl. Suzanne Lustenberger, Martin Schaffner – Maler zu Ulm (Schrif-
Altar – in der niederländischen Kunst zu suchen sind. ten des Ulmer Museums NF 2), Ulm 1959, Kat. Nr. 2, 2a. – Umgekehrt
Farbigkeit: Die lichte Farbskala ist auf das Zusammenspiel der sind Holbein keine sichtbaren Anleihen bei den beiden bedeutenden
vier Grundfarben Blau, Rot, Gelb und Grün sowie weniger Ulmer Weltgerichtsdarstellungen – dem Gerichtsfenster in der Besserer-
untergeordneter Zwischentöne, diverse Rosa-, Violett-, Grau-, Kapelle von 1430/31 und dem monumentalen Wandbild am Triumphbo-
Braun-, Graublau- und Inkarnattöne reduziert, wobei die ganze gen des Münsters – nachzuweisen, was angesichts seiner vorübergehen-
Palette nur im unteren Register zum Einsatz kam. Im Resultat ist den Ansässigkeit in der Donaustadt (um 1493) immerhin überraschen
dieses durch eine kleinteilig wechselnde Buntheit charakterisiert, mag; zur Besserer-Kapelle: Scholz, CVMA Deutschland I, 3, 1994,
während die obere Fensterzone den Gesamteindruck durch S. 163–165, Farbtaf. XXV; zum Wandbild zuletzt Dorothee Urbach,
großflächige Akkorde dominiert. Alles beherrschend ist der Weltgericht und städtische Selbstdarstellung. Das Wandgemälde am Tri-
umphbogen des Ulmer Münsters, Phil. Diss. Freiburg 2000 (Ms.), dort
leuchtend blaue Himmelgrund, der nur vereinzelt durch hell-
auch weiterführende Literatur zur Ikonographie des Weltgerichts.
und dunkelgraue Wolken verdeckt wird. Im bekrönenden Maß- 100 Wir nennen hier nur die naheliegenden Beispiele an der Nürnberger
werkokulus (5b) thront Christus in rotem Mantel auf rosa-gelb-
Sebalduskirche (Südportal, um 1309/15), am Ulmer Münster (Südost-
grünem Regenbogen und gelber Weltkugel; Inkarnate fleischfar- portal, um 1360) oder an der Würzburger Marienkapelle (Westportal, um
ben mit roten Wundmalen; rot-gelber Kreuznimbus; aus dem 1400).
Mund des Richters ragt rechts ein weißes Schwert mit rot-gel- 101 Christiane Lukatis, Ein verlorenes Weltgerichtsretabel aus dem
bem Griff, links eine weiße Lilie am grünen Stengel. Die beiden künstlerischen Umfeld des Jan van Eyck?, in: AGNM 1992, S. 175–193.
Engel mit Arma Christi links und rechts in gelber Albe, rotem 102 Vgl. Beutler, 1960, S. 17 f.; Lieb/Stange, 1960, S. 9 f., 18; Bruno

Pluviale und grünen Flügeln mit weißen Deckfedern (5a) bzw. Bushart, in: Kat. Ausst. Augsburg 1965, S. 24.
eichstätt · dom 153

blauem Pluviale als Repoussoirfigur; er hält das gelbe Stabkreuz gelber Krone, vorwärts gezerrt von einem blaßgelben Schnabel-
mit der Siegesfahne (rotes Kreuz in Weiß); ihm zugewandt ein tier, der Reiche in Grün mit dem gelbem Geldsack, ein Kardinal
grauer Mönch und eine Frau mit weißer Haube. Im Hintergrund in rot-weißem Ornat und die leichtfertige Dirne mit dem hell-
verdeckt Partien roter, violetter, grüner oder blauer Gewänder. blau damaszierten grünen Kleid, weißem Pelzkragen, Schlüssel-
Inkarnate überwiegend weiß; Haare der Engel, Tiara, Mitren, bund und Beutel. Ein gefleckter blauer Teufel mit Schweinekopf
Kronen und der Nimbus Petri silbergelb gehöht. am rechten Rand hat eine Gruppe rotglühender Figuren an einer
Im Vordergrund der Mittelbahn (2/3b) ein Patriarch in Rot und Kette in den Höllenschlund gezogen; vor ihm die nackte blaß-
Blauviolett mit weißem Stock und gelbem Rosenkranz, in zwei- braune Gestalt eines verzweifelten Sünders. In zweiter Reihe ein
ter Reihe eine Bürgersfrau in grünem Kleid, weißer Haube, gelb Gekrönter samt einer blaßbraunen Dreiergruppe, dazwi-
Schlüsselbund und silbergelbem Beutel, ein Engel mit gelber schen ein rosavioletter Teufel mit dem gelbem Krötenbanner an
Albe, blauen Flügeln, dahinter ein Bettler, weiß mit silbergelben einer weißen Lanze.
Krücken, und schließlich eine zweite Frau in Blau, flankiert von Technik: Maltechnisch sind zwei Grundrichtungen zu unter-
einem Engel in Silbergelb mit roten Flügeln. Die nackten Aufer- scheiden: eine ausgeprägt lineare, die mit sicherem Strich die Fal-
stehenden, blaßbraun im Inkarnat und angetan mit weißen tengebung der Gewänder bestimmt und die plastische Model-
Tüchern, am rechten Rand ein Teufel, blaß graublau (z.T. silber- lierung mittels trockenen Pinselspuren aus einem gleichmäßig
gelb gehöht) mit gelber Lanze, und ein zweiter, abgewandt, in weichen, einfachen Halbtonüberzug entwickelt, und eine zweite,
dunklem Indigo. Der Zug der Verdammten (meist blaßbraune überwiegend in den Köpfen anzutreffende Manier, die mit freien
Köpfe und Hände) wird angeführt von einem Bischof in rotem und locker hingeschriebenen Pinselstrichen von unterschied-
Ornat, begleitet von einer grünen Teufelsfratze. Haare der Engel licher Intensität eine sehr lebendige, malerische Wirkung erzielt.
und Mädchen silbergelb; ebenso die Mitra und der Eisenhut. Im Die Wundmale Christi sind als rote Überfänge auf das fleisch-
oberen Feld Kampf des Hl. Michael (silbergelbe Haare, bern- farbene Trägerglas aufgeschmolzen.
steingelbe Rüstung, roter Mantel, weißes Schwert) mit zwei Auf der Mehrzahl der Scheiben zeichnen sich im übrigen die
Dämonen (rosaviolett und blaßgelb); hell- und dunkelgraue Reste waagerechter Linien ab, die den Verlauf der späteren
Wolken, rote Feuerzungen. Windstangen vor der Verbleiung markieren sollten.
Auf Seiten der Verdammten (2/3c) dominiert die Gestalt des Stil, Datierung: Augsburg, um 1505. Entwurf: Hans Holbein d.Ä.,
Papstes mit gelber Tiara, violetter Albe und silbergelb gesäum- Ausführung: Werkstatt Gumpolt Giltlinger d. Ä. (?).
tem weißen Pluviale, gepackt von einem rosa Teufel mit Schup- CVMA A 12500 –12511, Großdia 99/196 A
penpanzer und Eselskopf, der Kaiser mit blauem Mantel und

FENSTER V (HEILIGE) Fig. 49, 57f., Abb. 69 f.

Lichtes Gesamtmaß: H. 4,40 m, B. 2,85 m.


Spitzbogiges Fenster von fünf Bahnen und drei Zeilen, mit überhöhter fünfzeiliger Mittellanzette, Kopfscheiben und
komplexem spätgotischen Maßwerkabschluß: 17 Rechteckfelder, fünf Kopfscheiben, zwölf Maßwerkformen und
sechs Zwickel (letztere mit Resten des originalen blauen Fiederrankengrunds des ehemals komplett farbig verglasten
Fensters). In den Feldern 2b und 2d Reste von Standfiguren in Tabernakeln (jeweils nur die obere Hälfte der Kompo-
sitionen erhalten). Umgebung: barocke Blankverglasung mit Sechseckscheiben.

2b HL. WILLIBALD Fig. 49, 57, Abb. 69


H. 84,5 cm, B. 50,5 cm.
Zur Frage des ursprünglichen Standorts: Angesichts der Höhen-
und Breitenmaße kann das Feld ursprünglich nur an seinem heu-
tigen Platz, im Fenster V über dem Südausgang gesessen haben,
wo im übrigen in einem kleinen Maßwerk-Zwickel auch derselbe
blaue Rankengrund erhalten blieb. Ob die obere Figurenhälfte
hier jedoch tatsächlich in der zweiten, oder eher in der dritten
Zeile seinen angestammten Platz besaß, muß offen bleiben.
Inschriften: Auf den drei Behängen des Rationale über der roten
Kasel sind in Zierschrift die drei Großbuchstaben S W A ange-
bracht (s. u.). Die geöffneten Buchseiten zeigen einen längeren
nicht transkribierten Text in gotischer Minuskel, der auf der
rechten Seite mit der Initiale A beginnt.
Erhaltung: Über den Verlust der unteren Figurenhälfte, ein altes
Flickstück am linken Rand der Maßwerkbekrönung und eine
marginale Ergänzung des 19. Jh. am rechten unteren Eck hinaus
hat die Scheibe bei Bauarbeiten unmittelbar vor der letzten Fig. 57. ES Mortuarium V, 2b.
154 eichstätt · dom

Restaurierung 1968 im Bereich von Kopf, Mitra und Nimbus


durch Glasbruch Schaden genommen. Die Scherben konnten
großteils geborgen und von Frenzel mit vereinzelten Ergänzun-
gen (Mitra und Nimbus) rückseitig doubliert wieder eingefügt
werden. Bemalung weitgehend intakt. Das Bleinetz wurde von
Geiges Ende 19. Jh. erneuert; an den doublierten Partien im Zen-
trum der Scheibe von Frenzel ersetzt.
Ikonographie, Komposition: Der Hl. Willibald muß – analog zu
Fenster I des Mortuariums und jenem Basler Scheibenriß mit
vier spezifischen Patronen des Bistums Eichstätt (Fig. 38) – als
Standfigur in architektonischer Rahmung konzipiert gewesen
sein. Seine Benennung als erster Oberhirte Eichstätts ist Tradi-
tion, doch läßt sie sich auch durch die Zierbuchstaben S[anctus]
W[illibaldus] A[nglicus] des Rationale stützen. Die Vita S. Willi-
baldi berichtet von seiner angelsächsischen Herkunft, seinen Pil- Fig. 58. ES Mortuarium V, 2d.
gerfahrten nach Rom (um 720 zusammen mit seinem Vater
Richard und seinem Bruder Wunibald) und Jerusalem (724–727),
seiner Zeit als Mönch in Montecassino (729–739) und seiner der verschiedenen überlieferten Altarpatrozinien des Mortuari-
Berufung nach Deutschland durch Bonifatius, wo er 742 zum ums, samt seiner Vorgängerbauten, käme erneut der Hl. Brictius
ersten Bischof des neu gegründeten Eichstätter Bistums geweiht (Briccius) in Betracht, der auch in der Sockelzone des Weltge-
wurde103. richtsfensters erscheint (vgl. dort). Ebensogut könnte aber auch
Ornament: Der blaue Hintergrund zeigt locker ausradierte der Hl. Arsacius gemeint gewesen sein, zu dessen Ehren um 1337
Fiederranken mit selten eingestreuten Blüten. Propst Heinrich einen vierten Altar in die Begräbnis-Kapelle der
Farbigkeit: Der Gesamteindruck wird bestimmt durch den vor- Kanoniker gestiftet hatte104. Arsacius war der legendäre Bruder
herrschenden Einsatz von Gelb und Silbergelb für Maßwerkbe- des Mailänder Bischofs Eustorgius und selbst stets in pontifika-
krönung, Nimbus, Mitra, Krümme, Rationale und Buchblock; lem Gewand mit Buch und Bischofsstab dargestellt105. Seine
weiß ausgespart sind der Perlenbesatz in Mitra und Rationale, Gebeine waren von Papst Zacharias im 8. Jh. von Rom nach Ilm-
Bischofsstab und Velum, Fasciae, Kragen und Handschuh der münster transferiert, 1495 von dort in die Münchner Frauenkir-
pontifikalen Gewandung sowie die Seiten des aufgeschlagenen che überführt und erst 1846 wieder nach Ilmmünster zurückge-
Buches. Rot bezeichnet die Kasel Willibalds, den Amikt und die geben worden. Daß sich hinter den knienden Atlantenfigürchen
innere Stoffbespannung der Mitra, Blau den gesamten Ranken- der beiden Kapitelle, zwei bärtigen Männlein mit spitzem Hut
grund und marginale Akzente im Buchdeckel und Quasten des und Turban, ein weiterer ikonographischer Bezug zur Legende
Velums. Minimale Grünpartien an den Fransen der Fasciae und des Dargestellten verbirgt, ist wenig wahrscheinlich, wenn auch
Violett in den Kapitellen der architektonischen Rahmung (Stüt- nicht auszuschließen.
zen weiß). Das Gesicht des Heiligen blaßrosa (durch vergilbte Ornament: Blauer Rankengrund. Dalmatik aus violettem
Doublierung nach Hellbraun verschoben). Damast.
Technik: Der Amikt zeigt ein ornamentales weißes Muster im Farbigkeit: Im Unterschied zur Willibaldscheibe dominiert nun
roten Überfang (innenseitig ausgeschliffen). die Farbe Weiß in den Pfeilerstützen und im Maßwerkbogen, in
Stil, Datierung: Augsburg, um 1500/5 (Entwurf Hans Holbein Stab, Velum, Mitra, Kragen und Fasciae des pontifikalen Ornats.
d. Ä.) Gelb bzw. Silbergelb bezeichnet den Nimbus, die kunstvoll
CVMA A 12516, Großdia 99/197 A gezierte Mantelschließe, die Krümme des Pedums, Handschuh
und Buchblock, den damaszierten Zierstreifen der Mitra sowie
2d HL. BISCHOF (ARSACIUS ?) Fig. 58, Abb. 70 Krabben einzelne Profile der Maßwerkblende. Rot begegnet nur
H. 85–86 cm, B. 49,5 cm. in den Deckeln des aufgeschlagenen Buches, der inneren Stoffbe-
Zur Frage des ursprünglichen Standorts: Vgl. 2b. spannung der Mitra und den Fransen der Fascien, helles Grün im
Erhaltung: Abgesehen von wenigen kleineren Reparaturen an Pluviale, Violett in der Dalmatik und im Amikt, helles Blaugrau
den Säulen und im Rankengrund wird in erster Linie der von in den figürlichen Kapitellen, durchgehend blauer Rankengrund.
Geiges viel zu dunkel ergänzte Kopf des Bischofs als störend Der von Geiges zu dunkel rotbraun ergänzte »Afrikanerkopf«
empfunden. Problematisch ist auch die Originalität der Mitra, gab der Scheibe den Namen.
deren asymmetrisch angelegte, gelb damaszierte Zierstreifen mit Stil, Datierung: Augsburg, um 1500/5 (Entwurf Hans Holbein
dem umgebenden weißen Damast konkurrieren. Partielle Verlu- d. Ä.).
ste an Malerei und beriebene Halbtonlasuren sind besonders auf CVMA A 12517
dem roten Buchdeckel, dem Pluviale und im Rankengrund zu
verzeichnen. Bleinetz im 19. Jh. erneuert.
Ikonographie, Komposition: Die nach links gewandte Gestalt
eines Hl. Bischofs in pontifikalem Ornat mit Pedum und einem
aufgeschlagenen Buch ist ohne weiteres persönliches Attribut – 103 Braun, 1943, Sp. 754 f.; LCI, VIII, 1976, Sp. 615 f.
das möglicherweise in der verlorenen unteren Figurenhälfte bei- 104 Suttner, 1866, S. 195.
gegeben war – leider nicht sicher zu identifizieren. Angesichts 105 Braun, 1943, Sp. 106 f.; LCI, V, 1973, Sp. 250 f.
600 eichstätt · dom

38. Muttergottes im Strahlenkranz zwischen den Hll. Johannes Ev. und Willibald. Mortuarium I, 3/4a–c. Augsburg, um 1495/1500. – Kat. S. 140–142.

39. Hl. Johannes Ev. Mortuarium I, 3a. – Kat. S. 140f. 40. Hl. Willibald. Mortuarium I, 3c. – Kat. S. 142.
eichstätt · dom 601

41. Strahlenkranzmadonna. Mortuarium I, 3b. Augsburg, um 1495/1500. – Kat. S. 141f.


602 eichstätt · dom

42. Architekturbekrönung. Mortuarium I, 4b. Augsburg, um 1495/1500. 43. Wappen Rechberg. Mortuarium IV, 1b. Augsburg, 1502.
Kat. S. 141f. Kat. S. 148f.

44. Inschriftkonsole. Mortuarium III, 1b. Augsburg, um 1495/1500. 45. Inschrifttafel. Mortuarium II, 1b. Augsburg, 1502.
Kat. S. 145f. Kat. S. 142f.
eichstätt · dom 603

46. Schutzmantelmadonna. Mortuarium II, 1b, 2/3a – c, 4b. Augsburg, 1502. – Kat. S. 142 –145.
604 eichstätt · dom

47. Schutzflehende. Mortuarium II, 3a. Augsburg, 1502. – Kat. S. 144f.

48. Schutzflehende. Mortuarium II, 3c. Augsburg, 1502. – Kat. S. 144f.


eichstätt · dom 605

49. Kreuzigung Christi. Mortuarium III, 2/3a – c, 4b. Augsburg, um 1495/1500. – Kat. S. 145 –147.
606 eichstätt · dom

50. Maria unter dem Kreuz. Mortuarium III, 2a. Augsburg, um 1495/1500. – Kat. S. 146f.
eichstätt · dom 607

51. Hl. Johannes Evangelist unter dem Kreuz. Mortuarium III, 2c. Augsburg, um 1495 /1500. – Kat. S. 146f.
608 eichstätt · dom

52. Kniender Domherr. Ausschnitt aus Abb. 54.


eichstätt · dom 609

53. Jüngstes Gericht. Mortuarium IV, 1– 5 a – c. Augsburg, um 1505. – Kat. S. 147–151.


610 eichstätt · dom

54. Kniender Domherr mit den Hll. Richard und Brictius. Mortuarium IV, 1a. Augsburg, um 1505. – Kat. S. 147f.
eichstätt · dom 611

55. Hll. Leonhard und Margareta. Mortuarium IV, 1c. Augsburg, um 1505. – Kat. S. 149.
612 eichstätt · dom

56. Selige auf dem Weg ins Paradies. Mortuarium IV, 2/3a. 57. Scheidung der Seligen von den Verdammten. Mortuarium IV, 2/3b.
Augsburg, um 1505. – Kat. S. 149 –153.
eichstätt · dom 613

59. Hl. Leonhard. Ausschnitt aus Abb. 55.

58. Verdammte im Höllenschlund. Mortuarium IV, 2/3c. 60. Engel mit Seligen geistlichen Standes.
Augsburg, um 1505. – Kat. S. 149 –153. Ausschnitt aus Abb. 56.
614 eichstätt · dom

61. Hl. Richard. Ausschnitt aus Abb. 54.

62. Hl. Brictius. Ausschnitt aus Abb. 54. 63. Maria als Fürbitterin; Engel mit Leidenswerkzeugen.
Mortuarium IV, 4 /5a. Augsburg, um 1505. – Kat. S. 149 –153.
eichstätt · dom 615

64. Christus als Weltenrichter. Mortuarium IV, 5b. Augsburg, um 1505.


Kat. S. 149 –153.

65. Engel mit Posaunen. Mortuarium IV, 4b. Augsburg, um 1505. 66. Johannes Bapt. als Fürbitter; Engel mit Leidenswerkzeugen.
Kat. S. 149 –153. Mortuarium IV, 4 /5c. Augsburg, um 1505. – Kat. S.149 –153.
616 eichstätt · dom

67. Engel mit Wappen des Bistums Eichstätt. Mortuarium I, 2a. 68. Engel mit Wappen des Domkapitels. Mortuarium I, 2c.
Augsburg, um 1505. – Kat. S. 140. Augsburg, um 1505. – Kat. S. 140.

69. Hl. Willibald. Mortuarium V, 2b. Augsburg, um 1505. – Kat. S. 153f. 70. Hl. Bischof. Mortuarium V, 2d. Augsburg, um 1505. – Kat. S. 154.