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Walther L Bernecker / Martina Kaller-Dietrich /

Barbara Potthast / Hans Werner Tobler (Hg.)

Lateinamerika
1870 - 2000
Geschichte und Gesellschaft

PR.9MEDIA
Inhalt

Walther L. BERNECKER - Martina KALLER-DIETRICH -


Barbara POTTHAST - Hans Werner TOBLER
Vorwort 7

Walther L. BERNECKER - Martina KALLER-DIETRICH -


Barbara POTTHAST - Hans Werner TOBLER
Einleitung 9

Hans-Jürgen PUHLE
Zwischen Diktatur und Demokratie
Stufen der politischen Entwicklung in Lateinamerika im 20. Jahrhundert 15

Hans Werner TOBLER


Politik und Gewalt
Bauernaufstände, Revolutionen und staatliche Gewalt von oben 35

Walther L. BERNECKER
Die wirtschaftliche Entwicklung Lateinamerikas in der Neuzeit 45

Peter FLEER
Mangel im Überfluss
Agrarstruktur und ländlicher Raum in Lateinamerika
seit dem späten 19. Jahrhundert 67

Silke HENSEL
Ein Kontinent in Bewegung
Bevölkerungsentwicklung und Migration in Lateinamerika,
19. und 20. Jahrhundert 91

Barbara POTTHAST
Urbanisierung und sozialer Wandel 113

Bernd HAUSBERGER
Die Teile und das Ganze
Entwürfe kontinentaler Identität und transnationaler Integration
in und für Lateinamerika von Simon Bolivar bis George W. Bush 131
Wolfgang DIETRICH
Von der Intervention zur Integration
Lateinamerika im Schatten der nordamerikanischen Hegemonialmacht und
die politisch-militärische Rolle der USA im 20. Jahrhundert 153

Holger M.MEDING
Unausweichliche Konfrontationen:
Die lateinamerikanische Staatenwelt und die USA 171

Stephan SCHEUZGER
Die Re-Ethnisierung gesellschaftlicher Beziehungen:
neuere indigene Bewegungen 191

Gerhard KRUIP
Kirchen und Religionen in Lateinamerika
Neue Ambivalenzen zwischen Modemisierungs- und
Retraditionalisierungsprozessen 213

Ursula PRUTSCH
Populismen, Mythen und Inszenierungen -
Getülio Vargas, Juan und EvaPerön im Vergleich 231

Claudius ARMBRUSTER
Film und Literatur in Lateinamerika 249

Autorinnen und Autoren 264


Vorwort

Der vorliegende Band ist eine leicht veränderte Fassung der 2004 erschienenen Aufsatz-
sammlung »Lateinamerika - Geschichte und Gesellschaft im 19. und 20. Jahrhundert«,
die kurz nach Erscheinen vergriffen war. Die Herausgeber haben sich entschlossen, keine
unveränderte Neuauflage vorzulegen, sondern einige Modifikationen vorzunehmen. Vor
allem die Periodisierung ist im vorliegenden Band gegenüber der ursprünglichen Fassung
verändert worden. Umfasste letztere die Entwicklung Lateinamerikas seit der Unabhän-
gigkeit im frühen 19. Jahrhundert, so setzt der vorliegende Band etwa mit dem letzten
Drittel des 19. Jahrhunderts ein. Diese Periodisierung schließt einerseits an den inzwi-
schen (2005) erschienenen Vorgängerband »Lateinamerika 1492-1850/70« an; anderer-
seits markieren die Jahre um 1870 für Lateinamerika eine wichtige Umbruchphase,
insofern als - nach dem ersten halben Jahrhundert seit der Unabhängigkeit im Zeichen
politischer und gesellschaftlicher Instabilität und z. T. wirtschaftlicher Stagnation - mit
der verstärkten Integration in die Weltwirtschaft in großen Teilen des Subkontinents eine
politisch-staatliche Konsolidierung eintrat und eine neue wirtschaftlich-gesellschaftli-
che Dynamik eingeleitet wurde.
Entsprechend diesem neuen Periodisierungskonzept wurde der Beitrag von Renate
Pieper über die Unabhängigkeitsbewegung und frühe Staatsbildung weggelassen, ein
Beitrag über die Agrarentwicklung aus der Feder von Peter Fleer und ein weiterer von
Holger M. Meding über die Beziehungen zwischen den USA und Lateinamerika wurden
neu aufgenommen; die bisherigen Beiträge wurden, wo nötig, der neuen Periodisierung
angepasst.

Wien, im Februar 2007

Walther L. Bernecker, Martina Kaller-Dietrich,


Barbara Potthast, Hans Werner Tobler
Einleitung

Eine Gesamtdarstellung zu Lateinamerika im 19. und 20. Jahrhundert steht noch stärker
vor dem Problem der Diversität des Kontinents als eine solche für die Kolonialzeit. Denn
mit der Unabhängigkeit entfiel die institutionelle Klammer, wie sie durch die spanische
bzw. portugiesische Kolonialmacht vorgegeben war. Dennoch gibt es auch danach
Gemeinsamkeiten, parallele Verläufe oder auch Sonderentwicklungen, die sich aus den
strukturellen Faktoren ableiten lassen. So erfolgte die Unabhängigkeit der meisten ibero-
amerikanischen Staaten mit Ausnahme von Kuba und Puerto Rico etwa zum gleichen
Zeitpunkt. Die Probleme, die sich aus dem Staats- und Nationsbildungsprozess ergaben,
weisen in den unterschiedlichen Staaten viele Ähnlichkeiten auf. Andererseits waren die
lateinamerikanischen Staaten bereits zum Zeitpunkt ihrer Konstitution ethnisch, ökono-
misch und bis zu einem gewissen Grade auch politisch sehr verschieden, ein Umstand,
der die weitere Entwicklung ebenfalls bestimmte. Konkrete Einzelereignisse wie etwa
die Mexikanische Revolution oder Persönlichkeiten wie Getülio Vargas oder Juan
Domingo und Eva Peron formten die jeweiligen Staaten in ganz spezifischer Weise. Ein
Vergleich der letzten drei Personen ebenso wie derjenige verschiedener revolutionärer
Prozesse in Lateinamerika fördert auch wieder Gemeinsamkeiten zutage.
Aus diesen Gründen beabsichtigt der vorliegende Band bewusst keine umfassende
Abhandlung der historischen Entwicklung Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert,
sondern strebt einen Mittelweg zwischen allgemeiner Orientierung und der Diskussion
besonders interessierender Spezialfragen an. Berücksichtigt werden neben politischen,
gesellschaftlichen und ökonomischen Fragen auch solche der kulturellen und ethnischen
Identität sowie der kulturellen Produktion.
Im ersten Beitrag zeichnet Hans Jürgen Puhle die politische Entwicklung der ibero-
amerikanischen Staaten nach. Die Kriege und Bürgerkriege der Staats- und Nations-
bildungsphase waren am Ende des 19. Jahrhunderts in den meisten Staaten Diktaturen
gewichen, die unter dem Motto »Ordnung und Fortschritt« die am europäisch-nordameri-
kanischen Modell orientierte Entwicklung vorantrieben und von einer mehr oder weniger
großen Oligarchie beherrscht wurden. Solch exklusionäre Strukturen riefen jedoch gleich-
zeitig eine Opposition hervor, die eine Beteiligung größerer Kreise an der Macht sowie an
der Verteilung der Ressourcen forderte. Auch entwickelten sie andere, zumeist anti-
imperialistisch ausgerichtete Entwicklungsperspektiven für Lateinamerika. Breitere Parti-
zipation und andere Modelle sozio-ökonomischer Entwicklung sind die großen Forderun-
gen des 20. Jahrhunderts, und sie sollten entweder mit reformerischen oder mit revolutio-
nären Mitteln durchgesetzt werden. Wie Puhle zeigt, ist die Frage nach revolutionärer oder
reformerischer Veränderung jedoch zweitrangig. Die Grenzen zwischen beiden Modellen
10 W.L. Bernecker - M. Kaller-Dietrich - B. Potthast - H.W. Tobler

sind fließend. Viel entscheidender ist der ständige Wechsel zwischen verschiedenen
Formen demokratischer und diktatorischer Herrschaft, der als eine der Konstanten der
politischen Geschichte Lateinamerikas im 20. Jahrhundert erscheint. Am Ende des 20.
Jahrhunderts haben sich die Demokratien weitgehend durchgesetzt. Sie sind aber - von
wenigen Ausnahmen abgesehen - defizitär und anfällig für neopopulistische Regime,
denen jedoch - trotz anderslautender Rhetorik - der revolutionäre Zug und die Ent-
wicklungsperspektive der frühen populistischen Regime weitgehend fehlt.
Fragen der politischen Gewalt greift der Beitrag von Hans Werner Tobler auf. Seit
dem frühen 19. Jahrhundert stand der Subkontinent im Ruf, eine besonders gewalt-
trächtige Region zu sein. Im 19. Jahrhundert war die verbreitete (ländliche) Gewalt
allerdings hauptsächlich Konsequenz des verspäteten Staatsbildungsprozesses, während
sich im frühen 20. Jahrhundert im Zusammenhang mit der spezifischen Agrarentwicklung
bäuerliche Aufstandsgewalt immer mehr ausbreitete und auch große revolutionäre
Umbrüche, wie etwa jenen in Mexiko, prägte. Mit dem wirtschaftlich-gesellschaftlichen
Wandel im Laufe des 20. Jahrhunderts verloren bäuerliche Aufstände an Bedeutung,
während zeitweise städtische Guerillabewegungen stärker in den Vordergrund traten.
Vor allem aber nahm zwischen den 1960er- und 1980er-Jahren die staatliche und
parastaatliche Gewalt von oben markant zu, insbesondere in den Militärdiktaturen Süd-
und Zentralamerikas, wo die ungezügelte Repression meist wesentlich mehr Opfer
forderte als die Aufstandsgewalt von unten. Seit der Redemokratisierung der 1980er- und
der 1990er-Jahre scheint die politische Gewalt zwar abzuflauen, sie wird aber zunehmend
von einer diffusen sozialen Gewalt abgelöst. In einzelnen Ländern durchdringt sie -
besonders drastisch etwa in Kolumbien - immer mehr Lebensbereiche und ist zu einem
Alltagsphänomen geworden.
Die wirtschaftliche Entwicklung Lateinamerikas seit der Unabhängigkeit kommt im
Beitrag von Walther L. Bernecker zur Sprache. Bis ins letzte Drittel des 19. Jahrhunderts
charakterisierte eine ausgeprägte Wachstumsschwäche, ja Stagnation, mehrheitlich die
lateinamerikanischen Wirtschaften. Dies lässt sich nicht etwa auf die außenwirtschaftliche
Verflechtung des Subkontinents zurückführen, wie die Dependenztheoretiker argumen-
tierten, als vielmehr auf vielfältige, hauptsächlich institutionelle Hindernisse, die in der
Kolonialzeit und in den Jahrzehnten nach der Unabhängigkeit ihre Wurzeln hatten. Im
frühen 20. Jahrhundert erhielt Lateinamerika im Zeichen des »Wachstums nach außen«
zwar starke Wachstumsimpulse, die allerdings in der Weltwirtschaftskrise der 1930er-
Jahre versiegten. Dies leitete eine verstärkte »Entwicklung nach innen« ein, die vor und
nach dem Zweiten Weltkrieg in den meisten Ländern in eine beschleunigte Import-
Substitutions-Industrialisierung mündete. Seit den 1980er-Jahren wurde der Subkontinent
mit neuen Herausforderungen - der Verschuldungskrise, dem Neoliberalismus und der
Globalisierung - konfrontiert. Auch im Bereich der Wirtschaft sind in Lateinamerika zu
Beginn des 21. Jahrhunderts zahlreiche strukturelle Defizite noch nicht überwunden, die auf
die ersten Jahrzehnte nach der Unabhängigkeit im frühen 19. Jahrhundert zurückverweisen.
Die wirtschaftliche und soziale Rückständigkeit Lateinamerikas im 19. und 20.
Jahrhundert wird oft mit einem besonders immobilen und stagnierenden Agrarsektor in
Zusammenhang gebracht. Dabei entwickelten sich, wie Peter Fleer in seinem Beitrag
aufzeigt, gewisse Sektoren der lateinamerikanischen Landwirtschaft seit dem ausgehen-
den 19. Jahrhundert durchaus in sehr dynamischer Weise, auch wenn insbesondere die
Einleitung 11

Exportsektoren immer wieder durch externe Schocks tiefgreifende Veränderungen


erfuhren. Mit dieser wirtschaftlichen Dynamik kontrastierte allerdings eine scharfe
soziale Polarisierung zwischen Großgrundbesitzern und campesinos, die einerseits auf
extrem ungleichen Eigentumsstrukturen und andererseits auf diskriminierenden Arbeits-
und Abhängigkeitsverhältnissen beruhte, welche die Kleinbauern zunehmend margina-
lisierten. Daran vermochten auch die verschiedenen lateinamerikanischen Agrarrefor-
men nichts Grundsätzliches zu ändern. Seit dem späten 20. Jahrhundert hat die Agrar-
problematik insofern an Bedeutung eingebüßt, als der relative Anteil der ländlichen
Bevölkerung durch Abwanderung aus der Landwirtschaft zwar stark zurückgegangen ist,
für die im Agrarsektor verbliebenen Kleinbauern und Landarbeiter die Lebensverhältnis-
se aber nach wie vor besonders prekär bleiben.
Der zeitweise wirtschaftliche Aufschwung, der regional sehr unterschiedlich ausfiel,
ist einer der Gründe für die starken Migrationsbewegungen, die Lateinamerika seit der
Kolonialzeit auszeichnen. Silke Hensel beschreibt in ihrem Beitrag, wie sich durch die
verschiedenen Ströme so genannte hybride Gesellschaften herausgebildet haben, die
neben den iberischen je nach Region starke indigene oder afrikanische Elemente
aufwiesen. Die Wanderungsbewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts veränderten diese
kolonialen Gesellschaften weiter. Hervorzuheben sind zum einen die Massenein-
wanderungen in den südlichen Teil des Kontinents, die zwischen 1870 und 1930 ihren
Höhepunkt erreichten, zum anderen die interkontinentalen Migrationen, die vor allem in
der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bedeutsam wurden. Hinzu kommt seit dem
ausgehenden 20. Jahrhundert eine Auswanderungsbewegung aus Lateinamerika, vor
allem in die USA, in geringerem Maße auch nach Europa. Die Migration sowohl von
Europäern und Asiaten nach Lateinamerika als auch von Lateinamerikanern in die USA
und nach Europa beruhte allerdings nicht, wie häufig angenommen, allein auf wirtschaft-
lichen Motiven, sondern vielfach waren politische, ethnische oder auch familiäre Gründe
ausschlaggebend. Auch staatliche Programme zur Förderung der Einwanderung, sowohl
von Seiten verschiedener lateinamerikanischer Staaten um 1900 als auch von Seiten der
USA in den 1940er- und 1950er-Jahren hatten einen nicht unwesentlichen Anteil an
dieser Entwicklung. Die Wanderungsbewegungen veränderten aber auch die lateiname-
rikanischen Gesellschaften und schufen neue ethnische Identitäten, wie diejenige der
schwarzen Brasilianer, der Deutsch-Chilenen, der argentinischen »turcos«, der asiati-
schen Peruaner oder der »Hispanics« in den USA.
Demographische Veränderungen, besonders ein schnelles Bevölkerungswachstum bei
gebremstem oder regional sehr ungleichgewichtigem wirtschaftlichen Aufschwung führ-
ten ebenfalls zu starken Wanderungen vom Land in die Städte, vor allem in die Hauptstädte,
diedem Ansturm so vieler Menschen nicht gewachsen waren. Der Metropolisierungsprozess
setzte in Lateinamerika bereits im 19. Jahrhundert ein. Damit gilt Lateinamerika heute
innerhalb der so genannten Dritten Welt als der am stärksten verstädterte Kontinent. Dieser
Prozess, der bis heute anhält, wird im Beitrag von Barbara Potthast geschildert. Sie zeigt,
dass die ersten Marginalviertel ebenfalls bereits in dieser Zeit entstanden. Das ausgehende
19. und beginnende 20. Jahrhundert waren allerdings gleichzeitig diejenige Epoche, in der
die lateinamerikanischen Städte nach europäischen Vorbildern grundlegend umgestaltet
wurden. Industrialisierung und Metropolisierung veränderten zugleich durch die Entste-
hung von Industriearbeiterschaften und städtischen Mittelschichten sowie durch deren
12 W.L. Bernecker - M. Kaller-Dietrich - B. Potthast - H.W. Tobler

zunehmende Partizipation an der öffentlichen Diskussion das soziale Gefüge. Dies wird
unter anderem an der Entstehung von Frauenbewegungen vornehmlich in denjenigen
Ländern deutlich, in denen auch der Modernisierungs- und Metropolisierungsprozess rasch
voranschritt, und die über ein relativ gutes Bildungssystem verfügen. Doch überwiegen
heute, wie auch um 1900, in der öffentlichen Wahrnehmung eher die sozialen, ökologischen
und gesundheitlichen Probleme, die das unkontrollierte Wachstum der lateinamerikani-
schen Großstädte mit sich gebracht hat, so dass sich heute wie damals die Reichen aus den
Zentren der Städte in abgeschottete »Wohlstandsenklaven« am Stadtrand oder im Umland
zurückziehen. Die soziale Fragmentierung der lateinamerikanischen Gesellschaften spie-
gelt sich somit in der räumlichen Gestaltung der Städte wider.
Mit der schwierigen Suche nach einer eigenen (kontinentalen) Identität Lateiname-
rikas befasst sich der Beitrag von Bernd Hausberger. Anders als im Norden Amerikas,
d.h. in den USA, kam es im Süden weder zu einem gemeinsamen lateinamerikanischen
Staat noch zu einer engen wirtschaftlichen Integration. Dennoch war die Suche nach einer
die einzelnen Staaten und Regionen übergreifenden, gemeinsamen Identität seit der
Unabhängigkeit stets lebendig. Vor dem Hintergrund der ausgeprägten Vielfalt Latein-
amerikas erörtert Hausberger die verschiedenen Identitätsoptionen und zeigt auf, wie im
Laufe des 19. Jahrhunderts die Konzepte einer kontinentalen Einheit - die Latinität, der
Panamerikanismus und der Hispanismus - hauptsächlich von außen kamen. Im 20.
Jahrhundert gewannen die lateinamerikanischen Selbstdeutungen an Gewicht. Phäno-
mene wie der indigenismo oder der mestizaje wurden als spezifische, identitätsstiftende
Faktoren ins Blickfeld gerückt; nach dem Zweiten Weltkrieg wurden aber auch im
lateinamerikanischen (Wirtschafts-)Nationalismus, dem tercermundismo und der regio-
nalen Wirtschaftsintegration Elemente einer gemeinsamen Position Lateinamerikas (vor
allem gegenüber den USA) diagnostiziert.
Das durch Dominanz der USA über Lateinamerika geprägte Verhältnis zwischen dem
Norden und dem Süden Amerikas ist Gegenstand des Beitrags von Wolfgang Dietrich.
Während sich die äußeren Formen dieser Dominanz im Laufe des 20. Jahrhunderts
veränderten - tendenziell von militärischen hin zu politischen und vor allem wirtschaftlichen
Beherrschungsstrategien -, blieb der Kern der US-amerikanischen Prädominanz über den
amerikanischen Doppelkontinent stets erhalten. Dietrich untersucht diese Entwicklung
unter Verwendung der Galtung'sehen Begriffe der »Tiefenstruktur« und »Tiefenkultur«
sowie unter Bezug auf die Weltsystemanalyse Wallersteins. Eine ausführliche Behandlung
erfahren die verschiedenen wirtschaftlichen Integrationsprojekte nach dem Zweiten Welt-
krieg, die einerseits von den USA unter dem Banner des »Panamerikanismus« als
»innerhemisphärisches Herrschaftsprojekt« (von der NAFTA bis zur FTAA) konzipiert
und bis zum Ende des Jahrhunderts schrittweise realisiert wurden und die andererseits von
den Lateinamerikanern als »emanzipatorische Initiativen« (von der CEPAL bis zum
MERCOSUR) dem nordamerikanischen Vormachtsanspruch entgegengesetzt wurden.
Auch diese Letzteren vermochten keine grundlegenden Korrekturen in der Asymmetrie des
Machtverhältnisses zwischen den USA und Lateinamerika herbeizuführen.
Auch der Beitrag von Holger M. Meding widmet sich, allerdings mit anderer
Akzentuierung, den Beziehungen zwischen den USA und der lateinamerikanischen
Staatenwelt. Er legt dar, inwiefern die expansiven Tendenzen der USA und die lateiname-
rikanischen Reaktionen zu »unausweichlichen Konfrontationen« führten. Wirtschaftli-
Einleitung 13

che Zielsetzungen, politische Interessen und ein ungezügeltes Sendungsbewusstsein


ließen die Vereinigten Staaten in den Süden ausgreifen, wo sie eine unzweideutige
Vorherrschaft herstellten. Gleichwohl gelang es den lateinamerikanischen Entschei-
dungsträgern, Strategien der Gegenwehr zu finden, indem sie die politischen Möglich-
keiten der USA an ihre Grenzen führten oder die Vereinigten Staaten in innenpolitische
Auseinandersetzungen hineinzogen, denen nur schwer zu entrinnen war.
Die ungleichen Beziehungen durchliefen Zyklen von Entfremdung und Annähe-
rung. Während für die USA während der Weltkriege und im Kalten Krieg eine hemisphä-
rische Blockbildung hohe Priorität besaß, waren andere Phasen durch regelrechtes
Desinteresse gekennzeichnet. So hat nach dem Abflauen des Ost-West-Gegensatzes die
Bedeutung Lateinamerikas in der global angelegten Politik der USA abgenommen,
wodurch sich hier durch verstärkte Integration regionale Gegengewichte bilden konnten.
In den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts entstand eine neue politische
Sichtbarkeit der indigenen Bevölkerungsgruppen in Lateinamerika. Indianische Bewe-
gungen machten eine ursprünglich koloniale Alteritätsbeziehung innerhalb der latein-
amerikanischen Gesellschaften zur Ausgangslage ihrer politischen Projekte, nachdem
das Staatsdenken der unabhängig gewordenen Nationen im 19. Jahrhundert unter dem
Einfluss liberalen Gedankenguts die »rassisch« ununterschiedene Gleichheit aller Bür-
ger postuliert und Indigenismen im 20. Jahrhundert in zahlreichen Ländern mit bedeuten-
den indigenen Bevölkerungsanteilen lange Zeit vor allem die Integration der indtgenas
in einen insgesamt kulturell homogen vorgestellten mestizischen Nationalstaat verfolgt
hatten - neben der ebenfalls betriebenen Exaltierung des historischen Erbes der vor-
spanischen Völker zur nationalen IdentitätsStiftung. Stephan Scheuzger beleuchtet die
(Re)Konstruktion und die Politisierung ethnischer Identitäten und Grenzen. Er fragt nach
den strukturellen Ursachen und zeitgenössischen Zusammenhängen und umreißt die
zentralen Forderungen der indigenen Organisationen. Die rezenten ethnischen Bewegun-
gen stellen sich in dieser historisierenden Analyse keineswegs als anachronistische
Widerstände einer vormodernen Welt gegen Modernisierungsprozesse dar, sondern
vielmehr gerade als Phänomene einer lateinamerikanischen Moderne.
Lateinamerika war und ist ein katholischer Kontinent. Gerhard Kruip weist in seinem
Beitrag über Kirchen und Religionen in Lateinamerika in einem historischen Überblick
darauf hin, dass dieser Katholizismus weder als Kopie europäischer Frömmigkeits-
formen noch als religiöses Monopol zu verstehen ist. Vielmehr entwickelten sich in
Lateinamerika unterschiedliche Katholizismen, die zunächst in synkretistischen Prakti-
ken den eroberten Völkern Möglichkeiten boten, ihre eigene Religiosität in neuen
Verbindungen von Bedeutungen und Symbolen weiterzuleben. In der jüngeren Vergan-
genheit galt das europäische Interesse am Katholizismus in Lateinamerika vor allem der
Theologie der Befreiung. Der Autor unternimmt eine Bestandsaufnahme der Befreiungs-
theologie nach dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus in Osteuropa
und der Sowjetunion und konstatiert ihre Ausdifferenzierung - auch in ihrer »Option für
die Armen«. Zentrale Inhalte der Theologie der Befreiung existieren in der allgemeinen
christlichen Theorie und Praxis Lateinamerikas einflussreich fort, indes mittlerweile
losgelöst von ihrem angestammten Etikett. Die katholische Kirche hat aber in Lateiname-
rika in den vergangenen Jahren in teilweise empfindlichem Umfang Gläubige an
protestantische Bekenntnisse verloren, namentlich an pfingstkirchliche Gruppen. Bei
14 W.L. Bernecker - M. Kaller-Dietrich - B. Potthast - H.W. Tobler

allem wachsenden religiösen Pluralismus lässt sich indes konfessionsübergreifend eine


Tendenz zur Retraditionalisierung beobachten. Die anhaltend prominente politische
Rolle der katholischen Kirche in Lateinamerika an der Schwelle zum 21. Jahrhundert und
ihre zivilgesellschaftliche Bedeutung werden abschließend anhand der beiden Länder-
beispiele Bolivien und Mexiko vorgeführt.
Veränderungen in religiösen Orientierungen weisen auf einen Wandel der Öffent-
lichkeit und der Mentalitäten hin, die sich in verschiedenen Bereichen offenbaren und
durch technische Neuerungen wie Rundfunk und Fernsehen unterstützt werden. Die
Dekaden nach der Weltwirtschaftskrise führten neue Politikerpersönlichkeiten aufs
politische Parkett, die wohl bekanntesten unter ihnen waren Getülio Vargas in Brasilien
und Juan Perön mit seiner Frau Evita in Argentinien. Im Populismus, im Mythos und in
der massenmedialen Inszenierung der Macht stand keiner dem anderen nach. Im
Gegenteil, der Vergleich von Vargas und Perön mit Evita, den Ursula Prutsch anstellt,
lässt viele Parallelen erkennen. Beide Politiker erkannten in der Produktion von Stereo-
typen der Massenkultur ein zentrales Feld der Politik. Radiosendungen und Filme dienten
als Vehikel der Propaganda und der Modellierung einer »cultura populär«. Im Zentrum
der ständigen Berichterstattung stand die paternalistische Güte der Präsidenten. Im Falle
Peröns galt die öffentliche Aufmerksamkeit zusätzlich dem sozialen Engagement der
Präsidentengattin. Während die Peröns sich mit massiven Gegnern von den argenti-
nischen Linken bis zur US-amerikanischen Außenpolitik konfrontiert sahen, galt Vargas
als Lieblingskind der USA und Garant für deren Wirtschaftsinteressen in Südamerika.
Dies erklärt, warum Vargas' mediale Propagandafeldzüge auch von der einflussreichen
Rockefeller-Foundation unterstützt wurden.
Neben Radio und Fernsehen spielt der Film in Lateinamerika im 20. Jahrhundert eine
bedeutende Rolle. Während die Literatur Lateinamerikas in den Jahren des so genannten
Booms der 1960er- und 1970er-Jahre weltweite Beachtung fand, ist dieses audiovisuelle
Medium, das gerade in weniger alphabetisierten Gesellschaften von großer Bedeutung ist,
von wenigen Ausnahmen abgesehen, noch nicht näher in das Blickfeld der sozio-kulturel-
len Forschung geraten. Mehrere lateinamerikanische Länder verfügen inzwischen über
eine relativ breite und qualitativ hochwertige Filmproduktion. Diese erreicht allerdings erst
dann ein internationales Publikum, wenn ausländische Regisseure sie für dessen Ge-
schmack und kulturellen Horizont aufbereiten, wie Claudius Armbruster in seinem Beitrag
darlegt. Andererseits waren es ebenfalls ausländische Regisseure, die als erste Themen wie
Ausbeutung und Gewalt in den lateinamerikanischen Gesellschaften in ihren Filmen
abgebildet haben. Sie greifen dabei oft auf ein schriftliches »Erzählreservoir« zurück, das
wiederum von der Verfilmung profitiert und verändert wird, wie sich an dem Beispiel des
Films Cidade de Deus / City of God zeigen lässt. Die Orientierung am Markt hat die
lateinamerikanischen Filme, aber auch ihre Literatur, verändert. Der Globalisierungsprozess
hat auch vor der lateinamerikanischen Kultur nicht Halt gemacht, ihr aber auch neue
Chancen und ein breiteres Publikum eröffnet. Die Intermedialität der literarischen und
filmischen Produktion zeugt aber auch von einer hybriden Kultur, wie sie für andere
gesellschaftliche Bereiche in Lateinamerika ebenfalls zutrifft.

Februar 2007 Walther L. Bernecker, Martina Kaller-Dietrich,


Barbara Potthast, Hans Werner Tobler
Hans-Jürgen Puhle

Zwischen Diktatur und Demokratie


Stufen der politischen Entwicklung in Lateinamerika
im 20. Jahrhundert

Am Anfang des 21. Jahrhunderts blicken die meisten Länder Lateinamerikas auf fast
zweihundert Jahre Geschichte als formal unabhängige Staaten zurück, denen weitere
dreihundert Jahre einer in politischer Hinsicht überwiegend europäisch (d.h. spanisch
und portugiesisch) geprägten Kolonialzeit vorausgegangen sind. Wenn man nach einem
zentralen Nenner dieser letzten zwei Jahrhunderte lateinamerikanischer Geschichte
sucht, dann bieten sich vor allem zwei Zusammenhänge als Erklärungsebenen an: die
Kämpfe um Teilhabe (Partizipation) an der Macht, an Entscheidungen und an der
Ressourcenverteilung und die permanente Suche nach den angemessenen Strategien und
Prioritäten für Fortschritt und Entwicklung, für mehr Selbstbestimmung, Gerechtigkeit
und Wohlstand. Und dies in einem weltweiten Kontext, der schon immer (wenn auch mit
periodisch unterschiedlichen Mitteln und Akteuren) dazu tendiert hat, die lateinamerika-
nischen Gesellschaften abhängig und marginalisiert zu halten und ihre autonome Ent-
wicklung zu bremsen.
Der folgende Überblick will vor allem die politisch-strategischen Seiten dieses
Prozesses thematisieren und, nach einer Klärung der wichtigsten Ausgangsbedingungen,
wie sie im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts bestanden, nach den entscheidenden Stufen
der politischen Entwicklung der lateinamerikanischen Länder im 20. Jahrhundert fragen,
die jeweils durch ein charakteristisches Syndrom bestimmter Entwicklungs- und Stabi-
lisierungsstrategien gekennzeichnet gewesen sind. Dazu gehören auch die entsprechenden
Interessenbündnisse und sozialen Koalitionen, die diese Strategien unterstützten, sowie die
jeweils spezifischen >confining conditions<, Umfeldeinflüsse, Gegner und Grenzen. Dabei
hat sich das Oszillieren zwischen diktatorischen und demokratischen Regimeformen als
hartnäckiger und dauerhafter erwiesen als der im Rückblick in der Regel nur noch
scheinbare Gegensatz zwischen revolutionären und reformistischen Veränderungsstrategien.
Am Anfang des 21. Jahrhunderts überwiegen auch in Lateinamerika die Demokratien bei
weitem die Diktaturen, aber es sind durchweg problematische und mit drei Ausnahmen
(Costa Rica, Uruguay und inzwischen auch Chile) >defekte< Demokratien, so wie auch die
sektoralen Entwicklungsleistungen und die Fortschritte, die im 20. Jahrhundert gemacht
worden sind, ihre Probleme, ihre Rückschläge und ihre Grenzen haben.
16 Hans-Jürgen Puhle

Zudem sind Demokratien nicht immer gleich Demokratien und Diktaturen auch nicht
immer gleich Diktaturen. Es gibt sehr verschiedene Ausprägungen, Funktionen, Stadien
und Mischungen von beiden. Wir werden dies sehen, wenn wir uns die vier großen Wellen
von Entwicklungsstrategien vergegenwärtigen, die im 20. Jahrhundert in Lateinamerika
versucht worden sind: zunächst die >radikalen< (d.h. linksliberalen) Konzepte der ersten
Jahrhunderthälfte, sodann die der so genannten populistischen Gruppen zwischen den
1930er- und den 1970er-Jahren (in manchen Ländern auch darüber hinaus), drittens die
Strategien der neueren (und systematischen) autoritären Regime der 70er- und 80er-Jahre
sowie schließlich die Ansätze der postautoritären Demokratisierer unterschiedlicher Pro-
venienz in den letzten zwei Jahrzehnten. - Dafür, dass dabei im Interesse typologischer
Klarheit und der angemessenen Vereinfachung komplexer Zusammenhänge (hoffentlich in
die >richtige< Richtung) zahlreiche Einzelheiten und Ausnahmen auf der Strecke bleiben
werden, bitte ich schon jetzt ein für allemal um Nachsicht.

Ausgangsbedingungen: Varianten oligarchischer Herrschaft

Zunächst müssen kurz die Ausgangsbedingungen skizziert werden, wie sie sich in den
letzten Dekaden des 19. Jahrhunderts und in einigen Ländern noch bis weit ins 20.
Jahrhundert hinein darstellten. Sie waren vor allem gekennzeichnet durch eine lange
Kontinuität oligarchischer Herrschaft mit geringer und oft noch diktatorisch unterdrück-
ter Partizipation, entweder konservativ oder >liberal< getönt, einer Herrschaft der Fami-
lien der großen Händler und Großgrundbesitzer (gelegentlich auch durch Militärs) im
Bündnis mit und durchweg auch im Interesse von dominierenden ausländischen Rohstoff-
abnehmern, Handelshäusern, Banken und Unternehmen. Das Ergebnis insbesondere der
verschiedenen lokalen und regionalen Unabhängigkeitskämpfe in Hispanoamerika (in
Brasilien war vieles anders) während der ersten drei Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts
waren regional und sozial hochgradig fragmentierte und instabile Staaten gewesen, die
weder in einem subjektiven noch in einem objektiven Sinne Nationen waren und die das
notwendige nation building auch im Zeichen zunehmender europäischer Einwanderung
überwiegend exklusionär und abgrenzend (und nicht integrativ) betrieben. Ihnen haftete
lange Zeit der Charakter des Artifiziellen und Provisorischen an. Vor allem blieben sie
ökonomisch und politisch abhängig von den entwickelteren Großmächten, zunächst
Europas, im-20. Jahrhundert, in Mexico schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts, von den
USA. Die Tradition des caudillismo fraktionierte und personalisierte zudem die Politik.
Die meisten der größeren Konflikte und Kriege zwischen den einzelnen Ländern
Lateinamerikas im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind entweder
provinzielle Rivalitäten gewesen oder von außen induzierte Stellvertreterkriege, die, um
die Unterentwicklung von Nationalität und Nationalbewusstsein zu kompensieren, oft
mit all den martialischen Elementen aufgeladen worden sind, die die blühenden europäi-
schen Chauvinismen anzubieten hatten, am stärksten wohl in Bolivien, Paraguay und
Chile. Dieser traditionelle >alte< Nationalismus hat zusammen mit der Langzeitwirkung
neuer Traditionen, Institutionen, Parteiensysteme und Mobilisierungsformen durchaus
auch zur vermehrten Schaffung einer nationalen Identität beigetragen, in der die subjek-
tiven, staatsnationalen Komponenten überwogen. Eine ganz andere entwicklungspolitische
Zwischen Diktatur und Demokratie 17

und strategische Funktion hatte später die zweite Welle eines >neuen<, prononciert
antiimperialistischen Nationalismus mit breiterer Mobilisierung, der im ersten Jahrzehnt
der mexikanischen Revolution nach 1910 und dann vermehrt in den 1920er-Jahren auch
in anderen größeren, entwickelteren, stärker urbanisierten und ansatzweise industriali-
sierten Ländern in Erscheinung trat, vor allem in Mexico, Argentinien, Brasilien und
Chile. Dieses Phänomen wird uns im Kontext der radikalen und populistischen Strategi-
en, zu denen es gehört, noch beschäftigen.
Die Unabhängigkeit der neuen lateinamerikanischen Staaten war jedoch keine
sozialhistorische Zäsur: Die zentralen Mechanismen der spätkolonialen Überlagerungs-
gesellschaft wirkten weiter. Dazu gehörte vor allem die charakteristische Mischung
ethnischer, ständisch-politischer und ökonomischer, marktbezogener Kriterien für die
soziale Statuszuschreibung, allmähliche Oligarchisierung (Verfestigung der kommerzi-
ellen, agrarischen und politisch-bürokratischen Eliten) seit dem 18. Jahrhundert, aber
eine Verzögerung des Übergangs zur Klassengesellschaft. Die Oligarchien blieben stark
und nach außen orientiert. Ihre Modernisierungspolitik begann in der Regel auf Initiative
und im Interesse des Auslands und sie blieb im Ganzen einseitig, partiell und selektiv.
Auch die Industrialisierung, die in einigen Ländern nach 1880 begann, blieb zunächst,
und noch lange, auf wenige Enklaven beschränkt, z.B. Monterrey/Mexico, Buenos Aires,
Uruguay, Säo Paulo, Medellin/Kolumbien oder Santiago/Chile. Die Stellung der meisten
lateinamerikanischen Länder im modernisierten kapitalistischen Weltsystem des letzten
Drittels des 19. Jahrhunderts war überwiegend gekennzeichnet durch liberale Reformpo-
litik, eine Europäisierung des Geisteslebens und die Mechanismen des neuen Imperialis-
mus der Industrieländer. Monokulturelle Exportwirtschaft, hoher Kapitalbedarf, entspre-
chend hohe ausländische Investitionen und die Zunahme des Imports industrieller
Konsumgüter favorisierten dabei vor allem die international und auf Fernmärkte orien-
tierten Kaufleute und Grundbesitzer (>OHgarchie<) und nicht die lokalen oder regionalen
industriellen oder agrarischen Bourgeoisien. Diese blieben zunächst relativ schwach und
konnten sich auch später, als sie sich politisch durchzusetzen begannen (ab 1910 in
Mexico und nach 1918 in Chile und Argentinien in den >radikalen< Bewegungen der
1920er- und 1930er-Jahre und in den auf sie folgenden populistischem oder national-
revolutionären, antiimperialistischen Reformbewegungen), nicht allein, sondern nur in
breiteren Koalitionen und gestützt auf den Staat behaupten. In den langen Phasen der
mexikanischen Revolution, die erst um 1940 beendet wurde, haben dabei der Einfluss des
Auslands und der Druck der Unterschichten eine wichtige Rolle gespielt.
Festgehalten werden sollte auch, dass die oligarchische Herrschaft sehr unterschied-
lich aussehen konnte, obwohl die überwiegend präsidentiellen Verfassungen der latein-
amerikanischen Länder nach dem Vorbild der US-Verfassung einander sehr ähnlich
waren. Die Varianten reichen hier von der repressiven, teilweise blutrünstigen Militär-
diktatur bis zu (mehr oder weniger aufgeklärter) ziviler Regierung in einem Rechts(be-
wahr)staat mit begrenztem Elitenpluralismus und dem Ziel der Stabilisierung und
Institutionalisierung. Auch begrenzte Modernisierungs- und Industrialisierungsinitiativen
konnten zu den politischen Konzepten gehören, wobei die beiden klassischen Parteien,
die Konservativen und die Liberalen, sich oft nicht sonderlich unterschieden, sondern nur
im Hinblick auf familiäre, regionale und ideologische Hintergründe. Besonders die ersten
regionalen Industrialisierungs- und Entwicklungsvorhaben sind oft von Konservativen
18 Hans-Jürgen Puhle

lanciert worden, die ja auch nicht dogmatisch auf den Freihandel festgelegt waren, z.B.
in Peru und z.T. auch in Mexico. Viele Liberale haben, in vielen Ländern, überwiegend
konservative Status-quo-Politik gemacht. Und die große liberale Reformbewegung unter
Führung von Benito Juarez, die in den 1860er-Jahren Mexico gegen das Regime des von
den Franzosen importierten habsburgischen Kaisers Maximilian geeint hatte (LaReforma),
stellte sich in ihrer späteren Phase, in den Jahrzehnten der Diktatur von Porfirio Diaz bis
1910, vielen Liberalen als ein Regime von reaktionärer interessegeleiteter Unbeweglich-
keit dar, noch dazu im Bündnis mit europäischen Mächten statt mit den >moderneren<
USA. Dabei gehörten zur politischen Elite des Porfiriats, den so genannten >cientificos<,
durchaus auch aufgeklärte und kreative Köpfe.
Charakteristisch für die Herrschaft der oligarchischen Gruppen war insgesamt das
Fehlen von Partizipation und das Fehlen von Entwicklungsimpulsen für die große Mehrheit
der Bevölkerung. In jenen Ländern, in denen die neuen Reformbewegungen, die dies
ändern wollten, nicht vorhanden oder schwach waren, blieb dies so bis weit ins 20.
Jahrhundert hinein. Ein entsprechend langes Überdauern traditioneller, nicht modernisier-
ter Politik finden wir z.B. in Paraguay, Ecuador, den meisten Ländern Zentralamerikas
(außer Costa Rica), in Peru und in Kolumbien, wo noch nach dem Ende der letzten offenen
Militärdiktatur 1957 die Konservativen und die Liberalen, ganz im Stile des 19. Jahrhun-
derts, einen Pakt zur Machtteilung schlössen, dessen Mechanismen teilweise bis in die
1990er-Jahre in Kraft blieben. In den größeren und den entwickelteren Ländern Lateiname-
rikas dagegen wurde das 20. Jahrhundert zum Experimentierfeld neuer politischer Strate-
gien mit dem Ziel vermehrter Entwicklung, Stabilisierung und Partizipation, deren Träger
zunächst im Wesentlichen Gruppen der lokalen Bourgeoisien waren.

Entwicklungs- und Mobilisierungsstrategien im 20. Jahrhundert

Bevor wir uns diese Strategien und die sie in vier mehr oder weniger aufeinander
folgenden Wellen tragenden Gruppen und Bewegungen im Einzelnen vergegenwärtigen,
sollte im zweiten Abschnitt kurz auf eine Reihe allgemeiner Kennzeichen und Kontext-
bedingungen hingewiesen werden und es sollten zum besseren Überblick die wichtigsten
Periodisierungseinschnitte genannt werden.
1. Ein zentrales Vehikel der neuen modernisierungs- und entwicklungspolitischen
Strategien ist noch bis in die 1970er- und 80er-Jahre hinein ein (zunächst) moderat bis
(später) stärker ausgeprägter antiimperialistischer Nationalismus gewesen, der ebenso
integrative wie exklusionäre Züge hatte. Erst im Zuge der sich nach der Krise der 70er-
Jahre, und meist noch während der Herrschaft autoritärer Militärregime, zunehmend
durchsetzenden neoliberalen Konzepte zur Wirtschaftsreform, der verstärkten interna-
tionalen Verklammerung der Volkswirtschaften und des reduzierten Stellenwerts natio-
nalstaatlicher Wirtschaftslenkung hat sich dies geändert und die nationalistischen For-
meln sind weniger attraktiv geworden.
Es hat allerdings schon immer eine große Ausnahme gegeben, einen Fall, in dem
Entwicklung und Fortschritt in einem lateinamerikanischen Land im 20. Jahrhundert nicht
nationalistisch konnotiert gewesen sind, und der sich auch sonst unseren Verallgemeinerungen
oft entzieht: Uruguay. In diesem kleinen Land mit einem hohen Anteil europäischer
Zwischen Diktatur und Demokratie 19

Einwanderer konnten dank günstiger Weltmarktkonjunkturen für die Hauptexportgüter


(Fleisch und Wolle) in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts unter der Ägide des Batllismo
seit den 1910er-Jahren durch Verteilungspolitik und institutionelle Modernisierung Refor-
men durchgesetzt werden, die Uruguay in den 30er- und 40er-Jahren zum entwickeltsten
Sozialstaat und zu einer breit verankerten Konsensdemokratie machten (deren Dauerkrise
dann erst nach dem Preiseinbruch in den 50er-Jahren begann). Hier wurden die wesentli-
chen Prioritäten der Radikalen und der Populisten anderswo sozusagen zeitlich zusammen-
gezogen und im Ergebnis noch übertroffen. Der nationalistischen Mobilisierung bedurfte
es dabei nicht, weil es eine breite und massive Basismobilisierung über die beiden
Traditionsparteien schon gab; sie wäre auch schwierig gewesen, weil die Grundlagen des
Reichtums des Landes und der Verteilung (jedenfalls damals) gerade aus dessen interna-
tionaler Einbindung und Verklammerung stammten.
2. Die neuen politischen Entwicklungsstrategien artikulierten sich zum Teil revolu-
tionär, meistens aber reformistisch. Wirkliche Revolutionen sind in Lateinamerika, trotz
mancher Folklore, eher selten gewesen, jedenfalls wenn man darunter grundlegende
strukturelle Umwälzungen eines nationalen Gesamtsystems versteht, mit einer Umver-
teilung von Machtchancen, neuen Prioritäten für >Entwicklung<, Massenmobilisierung
sowie der Anwendung manifester Gewalt in zeitlicher Konzentration: Solche Revolutio-
nen hat es lediglich in Mexico nach 1910 gegeben, in Bolivien 1952, in Cuba Ende der
1950er- und Anfang der 60er-Jahre und im Sturz der Somoza-Diktatur durch die
sandinistisch geführte Koalition in Nicaragua 1979. Alle anderen großen Veränderungen
sind durch Reformen erreicht worden, teils demokratisch legitimiert, teils autoritär
verordnet. Auch im Falle der genannten Revolutionen hat sich deren Erfolg (oder deren
>Nachhaltigkeit<) immer erst in der mittel- und längerfristigen nachrevolutionären
Stabilisierungspolitik erwiesen. Und die ist immer eine Politik der Reformen, so dass wir
es bei Revolution und Reform eher mit einem graduellen Kontinuum zu tun haben als mit
einem Entweder-oder. Manche Reformprozesse haben am Ende ein Land nachhaltiger
verändert als spektakuläre Revolutionen, z.B. der argentinische Peronismus im Vergleich
zur bolivianischen Revolution. Die Übergänge sind fließend, und der dramatisierende
politische Sprachgebrauch trägt dem auch Rechnung: Die meisten populistischen Re-
formbewegungen haben sich durchweg als >nationalrevolutionär< bezeichnet, und die
meisten Reformen sind von ihren Protagonisten, gelegentlich zu Recht, als Devolutio-
nen verkauft worden.
3. Den Konstellationen des jeweiligen Umfelds für die Chancen einer neuen
politischen Strategie kommt große Bedeutung zu. Dies gilt zeitlich, räumlich, konjunk-
turell und machtpolitisch. Zum einen betrifft es vor allem die ökonomischen Konjunk-
turen und Krisen, z.B. den langen Exportboom und die kontinuierliche Nachfrage nach
agrarischen und mineralischen Rohstoffen in der entwickelteren Welt in der Epoche der
Weltkriege, die die Finanzierung großer Projekte ermöglichten, und die Preiseinbrüche,
die sie in Frage stellten. Es gilt auch für die großen Wirtschaftskrisen des Jahrhunderts,
Anfang der 30er- und in den 70er-Jahren, von denen die erste den Übergang zu Strategien
importsubstituierender Industrialisierung (ISI) beschleunigte, die zweite ihn endgültig
umkehrte, und die beide in unterschiedlicher Weise die lateinamerikanischen Regierun-
gen vor die Frage stellten, ob sie ihre Außenschulden honorieren sollten oder nicht, bzw.
wie. Neue Phänomene der zweiten Jahrhunderthälfte waren vor allem auch die Krise der
20 Hans-Jürgen Puhle

Märkte, die HyperVerschuldung, das starke Aufsichtsregime von Weltbank und IWF
unter nordamerikanischem Einfluss, die Vermehrung multinationaler Korporationen und
der zunehmende Fortschritt von Globalisierung, Regionalisierung und Denationalisierung,
die zahlreiche politische Strategiewechsel erzwangen. Auch die immer wieder neu
justierten regionalen gemeinsamen Märkte und ihre internen Einfluss- und Sogwirkungen
gehören in diesen Zusammenhang, bis hin zum Mercosur und zur NAFTA, die erstmals
die Trennlinie zwischen >Erster< und >Dritter< Welt überbrückt.
Zum anderen gehören zu den Konstellationen die auswärtigen politischen Akteure.
Der stärkste von ihnen war in Lateinamerika im 20. Jahrhundert zweifellos die USA, in
jedem Land und in so gut wiejedem Reformprozess, bis hin zu der kontraproduktiven und
perversen Umkehr, sodass es die Fehleinschätzungen, Überreaktionen und self-fulfilling
prophecies der nordamerikanischen Politik gewesen sind, die in den frühen 60er-Jahren
in Cuba und in den frühen 80er-Jahren in Nicaragua überwiegend nationalrevolutionäre
Bewegungen, z.T. aus linksliberalem Geist, dazu gezwungen haben, ihr Heil in der
Abhängigkeit vom sowjetkommunistischen Modell zu suchen (und damit zu scheitern).
Die USA haben die politischen Strategiewechsel in den lateinamerikanischen Ländern
durchweg entscheidend beeinflusst und deren Dimensionen, Chancen und Grenzen
mitbestimmt, wobei der Grad des Respekts für die Autonomie der Latinos mit der
Entfernung von den USA von Norden nach Süden in der Regel leicht zunimmt. Am
meisten und am brutalsten direkt interveniert haben die USA kontinuierlich in ihrem
engeren >Hinterhof<, in Zentralamerika und der Karibik, einschließlich Venezuela und
Kolumbien, in den größeren und weiter entfernten Ländern des Südkontinents dagegen
weniger, und vor allem weniger direkt.
Auch auf Mexico hat sich traditionell die größte Aufmerksamkeit der USA gerichtet,
auch wenn dieses Land zu groß, zu heterogen und zu eigenwillig war, als dass der US-
Botschafter dort, wie anderswo, als Prokonsul hätte sichtbar herrschen und abgewirt-
schaftete Präsidenten mit nackter Gewalt an der Macht halten können, nur weil sie »our
son of a bitch« waren, wie F.D. Roosevelt (oder Harry Truman) von Batista (oder
Somoza) gesagt hat. Im langen Prozess der mexikanischen Revolution, von 1910 bis
1940, sind die USA ein ganz zentraler Akteur gewesen: Sie haben- im eigenen
Interesse - die Revolutionsbewegungen entscheidend gefördert, vor allem die Madero-
Bewegung am Anfang, später zeitweise Pancho Villa, und sie haben sie gebremst, unter
Carranza und den Generälen aus Sonora in den 1920er-Jahren. Die abschließenden
Enteignungen und Agrarreformen unter Cärdenas in der zweiten Hälfte der 30er-Jahre
sind nur im Kontext der von Roosevelt proklamierten zurückhaltenden neuen Politik der
>guten Nachbarschaft möglich gewesen. - Auch die bolivianische Revolution der 50er-
Jahre ist von den USA gebremst worden; viele ihrer Forderungen, vor allem im sozialen
Bereich, wurden nicht umgesetzt, manches schon Realisierte musste später zurückgefah-
ren werden. Als 1964 in Chile der Wahlsieg der Christdemokraten bevorstand, die (mit
Recht) sozialrevolutionärer Ziele verdächtigt wurden, patroullierte die US-Marine in
Alarmbereitschaft vor der langen chilenischen Küste; als sechs Jahre später Allende als
Kandidat des Volksfrontbündnisses gewählt wurde, hatte man sich an die unbequeme
chilenische Reformpolitik gewöhnt und war anfangs weniger aufgeregt.
Auch das allgemeine, geradezu modisch erscheinende Schwanken der wichtigsten
südamerikanischen Länder zwischen neuen Formen umfassender Militärdiktaturen (seit
Zwischen Diktatur und Demokratie 21

den späten 60er-Jahren) und der Wiederherstellung zumindest elektoraler Demokratien


(seit den 80er-Jahren) hat nicht zuletzt damit zu tun, ob die USA in der fraglichen Periode
putschgeneigte Militärs ermutigten oder ob sie sie zum Rückzug in die Kasernen und zur
Achtung der Menschenrechte aufforderten. Letzteres ist insbesondere seit der Präsident-
schaft von Jimmy Carter (1977-1981) eher die Regel geworden. Dies bringt uns zu einem
vierten Punkt.
4. Die lateinamerikanischen Reformpolitiken im 20. Jahrhundert haben, auch schon
vor den neuen Militärregimen seit den 60er-Jahren, eine gewisse Ambivalenz hinsicht-
lich des Demokratiegehalts der sie tragenden Regime aufgewiesen. Sie sind in vielen
Fällen demokratisch durchgesetzt worden, z.B. in Costa Rica, Venezuela, Uruguay und
Chile. Aber in anderen Fällen haben selbst Entwicklungspopulisten mit fortschrittli-
chem Zielen, die viel bewegt und die Partizipation erheblich ausgeweitet haben, autoritär
regiert, wie Vargas in Brasilien seit den 30er-Jahren, Perön in Argentinien seit den 40ern
oder die Führer der bolivianischen Revolution in den 50er- und 60er-Jahren. Nicht zu
reden von den mehr oder weniger kommunistischen Regimen, dem langlebigen in Cuba
und dem kurzlebigen in Nicaragua, und von den in technokratischer Weise auf Entwick-
lung und Gesellschaftsreform ausgerichteten neuen autoritären Regimes der Militärs seit
den 60er-Jahren, vor allem in Brasilien und Peru. Die Militärherrschaft in Bolivien
/.wischen 1964 und 1981 z.B. war keineswegs eine Einheit; sie lässt sich nicht nur in drei
Phasen, sondern auch in drei Typen unterteilen: Zwischen 1964 und 1971 regierten die
militärischen Nachlassverwalter der nationalen Revolutionsbewegung MNR, deren
Zielen sie durchaus verpflichtet blieben. Von 1971 bis 1978 etablierte General Banzer
der später noch einmal demokratisch Präsident werden sollte) ein Militärregime, das
dem Typ des umfassenden und >modernen< bürokratisch-autoritären Regimes entsprach.
L'nd 1980/81 gab es sogar noch einen Rückfall in die erratische und blutrünstige Praxis
personalistischer Revolten des 19. Jahrhunderts, im Verein mit der Kokain-Mafia und
einer Reihe bemerkenswerter Abenteurer.
Auch das spektakulärste lateinamerikanische Entwicklungsprojekt des Jahrhun-
derts, voller partizipatorischer und libertärer Energien und nicht ohne sozialen Fort-
schritt, die mexikanische Revolution, hat in ihrer Stabilisierungsphase nicht zur Demo-
kratie geführt, sondern zur Diktatur zunächst der Revolutionsgeneräle und dann des
Apparats der Staatspartei der >institutionellen Revolution (zuletzt: PRI). Massenmo-
'nilisierung wurde durch geschickte und zunehmend sanftere Massenkontrolle aufgewo-
gen und eingehegt, und es hat rund 80 Jahre gedauert, bis sich, seit den 90er-Jahren, im
revolutionierten Mexico demokratische Praxis nachhaltig verwurzeln konnte.
5. Schließlich ist in diesem Überblick über die allgemeinen Charakteristika der neuen
Hntw icklungsstrategien im 20. Jahrhundert noch hinzuweisen auf einen ganz zentralen
Faktor, der im Einzelnen noch deutlicher werden wird: Das sind die großen Unterschiede
/wischen den sozialen und politischen Koalitionen, die diese Strategien in den verschie-
denen Ländern voranbrachten und stützten. Sie entsprechen im Ganzen den unterschied-
enen Wirtschaftsstrukturen und Gesellschaften. Und doch gibt es gewisse funktionale
(iemeinsamkeiten, zum einen in den Eliten, deren harter Kern die Vertreter der lokalen
,:nd regionalen Bourgeoisien (also des Wirtschaftsbürgertums) waren, und zum anderen
: n der Notwendigkeit, aus den Kräften, die aus ganz unterschiedlichen Gründen politische
.;nd soziale Veränderungen anstreben, möglichst breite Koalitionen gegen das Lager der
22 Hans-Jürgen Puhle

Verteidiger des Status quo zu bauen. Die eher elitären Bewegungen der Radikalen sind
in dieser Hinsicht deutlich begrenzter geblieben als jene der auf sie folgenden anti-
imperialistischen und nationalrevolutionären Populisten, die die Mechanismen umfas-
sender nationalistischer Agitation wesentlich mehr nutzten, von denen auch die späteren
autoritären Regime, und oft auch die auf sie folgenden Redemokratisierer, nicht mehr
absehen konnten. Organisierte Bauern und Landarbeiter, Industriearbeiterund Dienstleis-
ter, Marginalexistenzen, ländliche und städtische Unter- und Mittelschichten sowie
Studenten waren die wichtigsten Gruppen, die dabei in unterschiedlichen Mischungen
und Bündnissen in Erscheinung traten.
In der Folge sollen kurz die wichtigsten Akteure und Bewegungen skizziert werden,
die im 20. Jahrhundert in Lateinamerika bestimmte Entwicklungs- und Stabilisierungs-
strategien vorangetrieben haben. Wie schon erwähnt, taten sie dies grosso modo in vier
aufeinander folgenden, sich aber gelegentlich auch überschneidenden oder zusammen-
gezogenen Wellen: Erstens in der Politik der Radikalen (also der Linksliberalen) in den
ersten vier Jahrzehnten des Jahrhunderts; zweitens in den antiimperialistischen und
nationalrevolutionären, demokratischen oder nichtdemokratischen Populistenbe-
wegungen, beginnend mit der mexikanischen Revolution und der Gründung der APRA
in Peru in den 20er-Jahren; drittens in den umfassenden autoritären Regimen der 60er-
und 70er-Jahre, und schließlich viertens in den Transformations- und Redemokra-
tisierungsprozessen nach dem Niedergang der Militärregime.

Radikale und populistische Regime: Leistungen und Grenzen

Die Träger der Reformpolitik nach 1910 waren nicht, wie man oft lesen kann, Exponenten
der Mittelklassen, sondern Repräsentanten der vordem strukturell schwächeren lokalen
Bourgeoisien in Industrie und kommerzieller Landwirtschaft, die allmählich bestimmte
Mittelschichten integrierten. Weil sie mit den unteren Schichten in der Regel nicht
paktieren konnten und auch nicht allzu offen mit dem Ausland, haben sie sich auf den
Staat fixiert und die Staatsmacht zur Sicherung der neuen Errungenschaften der Wirtschafts-
bürger eingesetzt, die, wie schon in der Kolonialzeit, wichtige Positionen festschrieb und
sie dem Einfluss des Markts entzog. Dass die Mittel der Staatsmacht gewissermaßen als
Krücke für eine sonst noch zu schwache lokale Bourgeoisie eingesetzt werden - ein
typisches Phänomen bei den latecomers im Modernisierungsprozess - findet sich in
Lateinamerika aber nicht nur in nachrevolutionären Situationen, wie in Mexico, in
Bolivien nach 1952 oder in der ersten Phase der kubanischen Revolution. Die meisten
Fälle sind die ohne vorausgehende Revolution. Das Wesen radikaler oder später
populistischer Reformpolitik in zahlreichen Ländern seit 1920 ist gerade der Einsatz des
staatlichen Interventionismus zum Auffangen der Folgen von ökonomischen Konjunk-
turschwankungen zwecks Industrie- und Exportförderung, Infrastrukturausbau, Erzie-
hung, Sozialpolitik und Agrarreformen, also Entwicklungspolitik in einem weiten Sinne
gewesen. Zur Absicherung dieser Politik musste das lokale Bürgertum nicht nur in den
städtischen Mittelschichten und später auf dem Land um Wählerstimmen werben,
sondern vor allem auch Allianzen mit der staatlichen Bürokratie eingehen, oft auch mit
deren militärischem Flügel. In manchen Ländern, wie z.B. in Brasilien, hat diese Allianz
Zwischen Diktatur und Demokratie 23

lange Zeit deutlich korporativistische Züge gehabt und dem Typ konservativer Mo-
dernisierung< ä la Barrington Moore entsprochen.
Die typische Ideologie der lokalen Bourgeoisien in diesem Prozess war der neue
antiimperialistische Nationalismus. Die Notwendigkeit politischer Mobilisierung in den
Städten und auf dem Land erforderte eine Abkehr von der traditionellen Europazentriertheit
des kulturellen Lebens. Gleichzeitig legte der Wunsch nach Durchsetzung der lokalen
Interessen gegenüber denen der international orientierten Oligarchie auch politisch eine
Absage ans Ausland nahe und die Besinnung auf die eigenen lateinamerikanischen und
regionalen Traditionen. Wir finden dies zuerst bei Alberdi in Argentinien, bei Jose Marti
in Cuba, bei den Intellektuellen der mexikanischen Revolution und in den 20er-Jahren im
peruanischen >indigenismo< Mariäteguis und Haya de la Torres. Politisch erfolgreich war
diese neue Bewegung zuerst in Mexico.
Dass Mexico den Anfang machte, ist nicht verwunderlich: Das Land war ökono-
misch im Vergleich relativ weit und differenziert entwickelt, es war nach verlustreichen
Kämpfen gegen die USA und die Franzosen durch die (eben nicht nationalistische)
Modernisierungsdiktatur von Porfirio Diaz zunehmend in Abhängigkeit von Europa und
von dem nahen nördlichen Nachbarn geraten und die Massen waren leicht mobilisierbar.
(Mexico war bereits zu Anfang des 19. Jahrhunderts das einzige Land Lateinamerikas
gewesen, in dem sich breite Volksmassen an der Befreiungsbewegung beteiligt hatten.)
Die Revolution nach 1910 wurde eine soziale Revolution, deren rivalisierende Fraktio-
nen von Carranza, dem Führer der Konstitutionalisten, nur gegeneinander balanciert und
ausgespielt werden konnten, indem er eine relativ konservative Innen- und Sozialpolitik
und die Förderung des Wirtschaftswachstums mit radikaler sozialrevolutionärer Propa-
ganda und antiimperialistischer, nationalistischer Rhetorik und Politik verband. Carranza
wurde so zum Erfinder der politischen Strategie der späteren Staatspartei PRI. Die
sozialen Reformen, die dabei zu kurz gekommen waren, wurden teilweise in den 20er-
und unter Cärdenas in der zweiten Hälfte der 30er-Jahre nachgeholt, andere wieder
rückgängig gemacht.
In den größeren Ländern Südamerikas, vor allen in Argentinien und Chile, aber auch
in Brasilien, wurde die neue nationalistische Politik in den 20er-Jahren von den >Radi-
kalen< Parteien, also den Linksliberalen, begonnen und in der Reaktion auf die Weltwirt-
schaftskrise nach 1929 noch intensiviert. Diese Gruppen der lokalen Bourgeoisie, die
Radikalen der ersten Stufe, strebten ausdrücklich nach einer Verringerung der Auslands-
abhängigkeit und suchten sie durch staatsinterventionistische entwicklungspolitische
Strategien der Förderung importsubstituierender Industrie und durch Infrastrukturaus-
bau, Verfassungs-, Rechts- und Erziehungsreformen und eine behutsame Verbreiterung
der politischen Partizipation zu realisieren. Ihr Hauptaugenmerk galt dem staatlichen
Institutionenbau; ihre typischen Produkte waren die neuen Zentralbanken und staatliche
Ämter zur Industrie- und Wirtschaftsförderung (Corporaciones de Fomento). Größere
soziale Reformen oder strukturelle Veränderungen der Rechts- und Besitzverhältnisse,
besonders im Agrarsektor, gehörten jedoch nicht zu ihrem Programm.
Im Gegensatz zu den Radikalen warben die Exponenten der auf sie in einer zweiten
Stufe folgenden Bewegungen der antiimperialistischen und populistischen National-
revolutionäre oder Reformer auch um die Unterschichten. Sie mobilisierten ländliche
und städtische Arbeiter, kleine Angestellte, Bauern und Marginalexistenzen. Ihr Haupt-
24 Hans-Jürgen Puhle

kennzeichen war ein entschiedener entwicklungsgerichteter Nationalismus. Zusätzlich


zu der staatsinterventionistischen Industrieförderungs- und Erziehungspolitik der Radi-
kalen, die sie fortsetzten, forderten die Populisten in der Regel (mit Ausnahmen, z.B. im
argentinischen Peronismus) eine durchgreifende Agrarreform und haben sie dort, wo sie
regierten, in Angriff genommen. Darüber hinaus haben sie durchweg die Gewerkschaften
gefördert, die Bildung landwirtschaftlicher Genossenschaften sowie eine arbeiter- und
unterschichtenfreundliche Sozialpolitik, den Ausbau der importsubstituierenden heimi-
schen Industrie und einer >mixed economy<, gelegentlich auch die Nationalisierung der
Banken befürwortet. Die lateinamerikanischen Populistenbewegungen sind, mit wichti-
gen Ausnahmen, bei denen Bauernprotest eine entscheidende Rolle spielte (z.B. Mexico,
Bolivien), überwiegend in den Massen der städtischen Bevölkerung verankert gewesen,
denen sie neue Partizipationschancen und -kanäle anboten. Sie mobilisierten primär für
die Wahlurne, und die unter ihrem Druck vorgenommene Ausweitung des Wahlrechts bis
zu über 50 Prozent der Bevölkerung hat in den meisten Ländern beachtliche Dimensionen
gehabt.
Über diese relativ allgemeinen Feststellungen hinaus scheint es jedoch nur wenige
Gemeinsamkeiten zu geben. Die Bewegungen sind höchst verschieden gewesen in Bezug
auf ihre soziale Basis, ihre Mobilisierungskanäle und ihre politischen Interaktions- und
Herrschaftstechniken. Wenn man die Feinheiten weglässt, kann man grob vier Gruppen
unterscheiden: Erstens die in der Regel alle Produktions- und Gesellschaftssektoren
umfassenden Systeme zum Zwecke nachrevolutionärer Stabilisierung. Hierher gehören
der PRI und seine Vorläufer, die überall präsente und bis ans Ende des 20. Jahrhunderts
herrschende mexikanische Staatspartei der >institutionellen Revolution^ und das bolivia-
nische MNR nach 1952, das sich vor allem auf die Minenarbeiter- und Bauern-
gewerkschaften stützte, aber auch die frühe Castro-Bewegung in Cuba, bevor sie nach
1960 leninistisch wurde, und später die sandinistische Bewegung in Nicaragua. -
Zweitens sind die erfolgreichen autoritären populistischen Entwicklungsdiktaturen zu
nennen, die gelegentlich in die Nähe des Faschismus gerückt werden, aber nicht
faschistisch waren: Der argentinische Peronismus und das Vargas-Regime in Brasilien.
Beide stützten sich primär auf die städtische Arbeiterschaft, ihre wichtigsten Zubringer-
und Mobilisierungsorganisationen waren die Gewerkschaften, die Verteilungspolitik
ihre wesentliche Legitimationshilfe.
Drittens gab es (und gibt es teilweise noch) eine Gruppe älterer demokratischer
Reformparteien, die sich oft auch sozialdemokratisch genannt und eine breite Tradition
nicht autoritärer Entwicklungspolitik mit populistischer Absicherung etabliert haben.
Dazu gehören Haya de la Torres APRA in Peru, die älteste dieser Parteien aus den 20er-
Jahren, sowie die Acciön Democrätica (AD) in Venezuela, der Partido Liberaciön
Nacional (PLN) von Figueres in Costa Rica und Juan Boschs Partido Revolucionario in
der Dominikanischen Republik (PRD) aus den 40er-Jahren sowie auch die Regierungs-
koalition der Unidad Populär unter Allende in Chile. In der Regel stützten sich diese
Formationen auf Arbeiter, Angestellte und Bauern in unterschiedlichen Mischungsver-
hältnissen. - Eine ganz ähnliche Politik haben die jüngeren Gruppen eines vierten Typs
seit den 60er-Jahren verfolgt, die Christdemokraten, vor allem in Chile (DC), Venezuela
(COPEI) und in einigen Ländern Zentralamerikas (vor allem El Salvador und Guatema-
la), denen auch Belaündes Acciön Populär in Peru nahe stand. Sie unterscheiden sich von
Zwischen Diktatur und Demokratie 25

den älteren Populistengruppen insbesondere dadurch, dass sie in größerem Umfang und
mit einigem Erfolg auch die arbeitslose städtische Marginalbevölkerung angesprochen
und zu mobilisieren versucht haben. An reformerischer Intensität standen sie den älteren
Gruppen keineswegs nach.
Die Populistenbewegungen haben in Lateinamerika besonders die Periode zwischen
den späten 30er- und den späten 60er-Jahren geprägt. In dieser Zeit waren sie die
entschiedensten und konkurrenzlosen Träger und Vehikel einer gerichteten progressiven
Entwicklungspolitik und haben durchweg einen erheblichen Beitrag zu nation building
und stabilisierenden Reformen geleistet, der positiv gewürdigt werden sollte, auch wenn
er längerfristig nicht ausgereicht hat. Auf der anderen Seite sind aber auch die Grenzen
dieser Strategien deutlich geworden, die vor allem mit der Staatszentriertheit und mit dem
Nationalismus der Bewegungen und Eliten zusammenhängen: Ihre Politik ist häufig ins
Konservative umgekippt, zumal der >starke Staat< oft ineffizient blieb und nicht >liefern<
konnte, und ihr Nationalismus hat durchgehend eine übernationale Solidarität der
Lateinamerikaner gegenüber der entwickelteren Welt verhindert.

Das Versagen der autoritären Regime

Marxistische Kritiker (z.B. Laclau) haben in den Konzepten der lateinamerikanischen


Populistenbewegungen lediglich eine Art Hinhaltetaktik gesehen, eine Strategie des
Übergangs, für eine gewisse Zeit, die konsequenterweise im Sozialismus enden müsse.
Dazu ist es, wie wir inzwischen wissen, nicht gekommen. Statt des Sozialismus setzten
sich in Lateinamerika in den 60er- und 70er-Jahren zunächst bürokratisch-autoritäre
Militärdiktaturen eines >moderneren< neuen Typs durch, die im Unterschied zu den
traditionellen Diktaturen insbesondere durch umfassende, flächendeckende Kontroll-
und Repressionsmechanismen (eine >Kultur der Angst<) und oft auch durch ein kohären-
tes technokratisches Sicherheits-, Entwicklungs- und >Politik<konzept gekennzeichnet
waren, besonders elaboriert in Brasilien und Peru, in Sachen Subversionsbekämpfung
i < •ounter-insurgency) auch anderswo. Sie kamen an die Macht, weil die alten, mehr oder
weniger demokratischen Regime abgewirtschaftet hatten, nichts mehr vermochten, sich
blockierten (wie in Argentinien oder Chile), weil deren Reformpläne den etablierten
Eliten zu weit gingen (wie in Brasilien) oder weil die zivilen Politiker sie selbst riefen,
um law and order, auch gegen Terroristen, wiederherzustellen (wie in Uruguay), aber
auch, und das überall, weil die USA sie zur Machtübernahme ermutigten.
In Südamerika machten Brasilien (1964) und Bolivien (1964/70) den Anfang, es
folgten Argentinien (in zwei Stufen 1966/76), Peru (1968 zunächst mit einer relativ
•progressiv< gestimmten Junta) und zuletzt Uruguay und Chile (1973). In Paraguay und
Ecuador war der Autoritarismus schon wesentlich länger Tradition, ebenso in den meisten
Ländern Zentralamerikas. In den späten 70er-Jahren gab es in Lateinamerika fast nur
autoritäre Regime, mit der Ausnahme von Venezuela und Kolumbien, deren Demokratien
aber immer eingeschränkt und gefährdet waren, und des bedeutenden Lichtblicks Costa
Rica. Ein Vierteljahrhundert später hat sich das Verhältnis umgekehrt: Am Anfang des 21.
J ahrhunderts gibt es in Lateinamerika kaum noch klar autoritäre Regime, mit der Ausnahme
v on Cuba und großen Einschränkungen für Venezuela und Paraguay und für Kolumbien
26 Hans-Jürgen Puhle

(das ein grundlegendes hobbesianisches stateness-Prob\em hat). Aber die im Grundsatz


(wieder)hergestellten Demokratien weisen z.T. erhebliche Probleme und Defekte auf, von
denen noch zu reden sein wird. Als konsolidierte liberal-rechtsstaatliche Demokratien
dürfen derzeit lediglich Costa Rica, Uruguay und Chile gelten.
Die autoritären Regime dauerten durchweg mehr als ein Jahrzehnt, aber nur in
Brasilien zwei Jahrzehnte. Ihre Auflösung oder ihr Rückzug begannen in Peru (1980) und
Bolivien (1981/82) sowie Argentinien (1982 mit dem Falkland-Krieg), es folgten
Uruguay (1985) und Brasilien (1985/90). Am längsten hielt sich das Pinochet-Regime in
Chile (1990). Auch das langlebige Stroessner-Regime in Paraguay wurde 1989 gestürzt,
um nur die wichtigsten zu nennen. Diese Regime haben auf der ganzen Linie versagt:
Abgesehen von ihrer verheerenden Menschenrechts- und Rechtsstaatsbilanz und all dem
Elend, das die Repressionsapparate der >Kultur der Angst< mit Mord und Totschlag,
Folter, > Verschwindenlassen und den dadurch ausgelösten Traumata über die Menschen
und die Gesellschaften gebracht haben, haben die Militärs auch ihre selbstgesteckten
Ziele nicht erreicht: Sie waren ausdrücklich angetreten, um auf bürokratisch-techno-
kratische Weise bessere und effizientere Ordnungs-, Wirtschafts- und Entwicklungs-
politik zu machen als die entweder korrupten oder durch Partizipationsrücksichten
gehemmten demokratischen Politiker. Aber sie haben nicht >geliefert<: Am Ende standen
sie vor denselben Problemen wie jene und haben sie nicht gelöst. Da dies den Bürgern
nicht verborgen blieb, schwanden die Legitimationsreserven, ohne die sich auch solche
Gewaltregime nicht länger halten können, relativ schnell und mit zunehmender Ge-
schwindigkeit.
Durchweg wurde die Lage sogar schlimmer, nicht nur aufgrund der (technokratisch
ausgedrückt) Verschwendung von Humankapital, die ein kleines Land wie Uruguay
eines Großteils einiger Generationen seiner Eliten beraubt hat, sondern auch aufgrund
falscher Politik. Dazu gehören u.a. die trial and error-Experimente, die diese Regime mit
mehr oder weniger extremen Formen neoliberal orientierter Wirtschafts-, Finanz- und
Geldpolitik gemacht haben. Selbst in Chile, das wirtschaftlich noch am stärksten aus der
Diktatur hervorgegangen ist (auch aufgrund einer besseren Politik in deren letzter Phase),
ist die vormals robuste Industriestruktur des Landes durch exorbitante Finanzspekulation
nachhaltig beschädigt und die soziale Polarisierung unerträglich hoch getrieben wor-
den. - Die autoritären Regime haben eine ganze Reihe von Problemen erst geschaffen,
die heute den demokratischen Politikern die Arbeit erschweren.

Redemokratisierung, Transformationen, defekte Demokratien

Die letzten Regimewechsel vom Autoritarismus zu mehr Demokratie in den 80er- und
90er-Jahren sind auch in Lateinamerika sehr uneinheitlich verlaufen und haben unter-
schiedlich viel Zeit gebraucht. Relativ schnell und aus eigenem Entschluss (i.e. der
Einsicht, dass sie sich nicht länger halten konnten) haben sich die Militärs in Peru und
Bolivien aus der Politik zurückgezogen. In Argentinien wurden sie von allen Gruppen der
Gesellschaft nach dem verlorenen Falkland-Krieg in Schande davongejagt, z.T. vor
Gericht gestellt und haben erst viel später wieder eine begrenzte Verhandlungsmacht
erreicht. In Uruguay wurde der Regimeübergang (transition) von Anfang bis Schluss in
Zwischen Diktatur und Demokratie 27

harten Verhandlungen zwischen den Militärs und den Parteien der Opposition paktiert.
Dabei konnten die Militärs bestimmte essentials durchsetzen, vor allem die juristische
Straffreiheit für die Verbrechen des Regimes, ein Problem, das auch die moralische und
historische Aufarbeitung dieser Vergangenheit noch bis vor kurzem verzögert hat. Am
längsten dauerte der Übergang in Brasilien und Chile, den beiden Ländern, in denen die
Militärs am ungefährdetsten im Sattel saßen und beabsichtigten, auch die Weise des
Regimeübergangs zu oktroyieren, also Tempo und Modus der Demokratisierung nach
Möglichkeit bis zum Schluss von oben zu kontrollieren. Da solche Prozesse aber
spätestens dann, wenn man das Volk abstimmen lässt, eine Eigendynamik gewinnen,
konnten sie diese Absicht nicht durchhalten und mussten am Ende auch mit der
(Opposition verhandeln und paktieren, wobei sie allerdings länger am längeren Hebel
saßen als ihre Kollegen anderswo. So haben sich, ganz abgesehen von der vereinbarten
Amnestie, die brasilianischen Generäle bis in die Details in die Beratungen der neuen
Verfassung (einer der längsten der Welt) eingemischt und die Direktwahl des Präsidenten
sehr lange verzögert. Und die Chilenen mussten noch in der neuen Demokratie bis 1998
mit den militärischen Oberbefehlshabern der Diktatur (einschließlich Pinochet) leben
und bis 2005 mit einer Reihe von militärischen Privilegien und undemokratischen
Enklaven in ihrer ansonsten immer besser funktionierenden demokratischen Ordnung.
Die Transformationsprozesse haben zwangsläufig auch eine neue, vierte Welle von
politischen Strategien zur Entwicklung und Stabilisierung der lateinamerikanischen
Länder auf den Weg gebracht, da diejenigen des Autoritarismus entweder nicht mehr
anwendbar waren oder sich als erfolglos erwiesen hatten. Die beherrschende Achse
dieser Strategien bestand und besteht aus Maßnahmen des Institutionenbaus und der
Zivilisierung politischer Interaktionen zwecks Stärkung und Absicherung von Demokra-
ne und Rechtsstaatlichkeit, sozusagen als angemessene Reaktion auf die brutalsten und
härtesten Autoritarismen, die es je in Lateinamerika gegeben hat. Demgegenüber sind die
wirtschafts-, sozial- und entwicklungspolitischen Inhalte und Prioritäten diffuser und
weniger explizit geblieben, zumal die Probleme zum Teil auch sehr viel unübersichtlicher
geworden sind als in früheren Perioden. In einzelnen Bereichen und Sektoren lassen sich
auch durchaus Kontinuitäten zwischen den Regimen, deren Plänen und deren Personal
feststellen, so wie es diese auch früher zwischen den Reformplänen der Populisten und
der Militärs gegeben hatte.
Dabei sah manches zunächst eher wie ei n phantasieloser Rückfal 1 aus, da in der ersten
Phase der Transformation vielfach die alten Traditionsparteien (z.B. in Uruguay) oder die
alten populistischen Gruppen wieder aufgelebt und oft dieselben alten Führer auch an die
Macht gewählt worden sind, z.B. in Bolivien, Peru oder Chile. Manche blieben erfolglos,
wie Belaünde oder die APRA in Peru. Aber manche von ihnen haben sich auch neu
orientiert und dann ganz entscheidende Weichen in Richtung Stabilisierung gestellt, wie
Victor Paz Estenssoro in Bolivien, der 1952 die Nationalisierungspolitik des revolutio-
nären MNR durchgeführt hatte, die er 1985 im Geiste eines neoliberalen >big bang<
wieder rückgängig machte, mit großem und bis heute anhaltendem Erfolg. Selbst ein
politischer Veteran wie Uruguays Präsident (2000-05) Jorge Batlle, der schon in den
60er-Jahren Präsidentschaftskandidat gewesen war, war für kreative Überraschungen
gut, wie z.B. in der Frage der Flexibilisierung in der Staats- und Verwaltungsreform oder
der Aufarbeitung der Verbrechen des Militärregimes. Vertreter einer etwas jüngeren
28 Hans-Jürgen Puhle

Generation wie Cardoso und Lula in Brasilien oder die letzten Präsidenten des chileni-
schen Demokratiebündnisses Concertaciön (Frei, Lagos, Bachelet) haben, teilweise mit
Erfolg, versucht, substanzielle populistische Strategien unter Berücksichtigung der
ökonomischen Zwänge in mühsamer Überzeugungs- und Sacharbeit in eine veränderte,
globalisierte Umwelt hinein weiterzuentwickeln, mit deutlich reformistischen, geradezu
sozialdemokratischem Zügen. Dasselbe gilt auch für den Linksperonisten Kirchner in
Argentinien und für den altmodischen Newcomer T abare Väzquez in Uruguay, der Ende
2005 als erster Kandidat des Linksbündnisses zum Präsidenten gewählt wurde.
Die Krise der älteren Populismen, die ja vielfach die Machtergreifung der Militärs
erst ermöglicht hatte, die Strukturprobleme der Parteien und der Staaten sowie die
Kontinuitäten des endemischen Personalismus haben allerdings auch dazu geführt, dass
zunehmend >neopopulistische< Züge dominierten, unter der Ägide von Politikern, die
zwar populistische Techniken nutzten, den Staat aber eher ausbeuteten oder mar-
ginalisierten, als ihn als Vehikel einzusetzen zum Zwecke einer bestimmten Entwick-
lungsstrategie. Solche neopopulistischen Phänomene sind verbunden mit den Namen der
Präsidenten Collor de Mello in Brasilien (einem reinen Fernseh-Produkt), der 1992 in
Schande vom Parlament abgesetzt wurde, oder Fujimori in Peru, der als demokratisch
gewählter Präsident 1992 gegen Parlament und Verfassung putschte und für einige Jahre
wieder ein autoritäres Regime errichtete. In diese Reihe gehören auch derNeo-Peronist
Menem in Argentinien (1989-1999) und viele Provinzfürsten in zahlreichen Ländern.
Interessanter sind jedoch die gemischten Fälle aus alten und neuen populistischen
Zügen und Strategien, wie sie derzeit von Hugo Chävez in Venezuela und Evo Morales
in Bolivien am spektakulärsten repräsentiert werden: der eine ein früherer militärischer
Putschist, der seit 1998 demokratisch gewählter Präsident seines Landes ist, einen
versuchten Gegenputsch (2002) und ein recall referendum (2004) überlebt hat und 2006
wiedergewählt wurde; der andere, Ende 2005 gewählt, ein indigencr Gewerkschaftsfüh-
rer der Coca-Bauern, dessen Bewegung im letzten Jahrzehnt des stockenden boliviani-
schen Demokratisierungsprozesses zunehmend zu einem verantwortungsbewusst agie-
renden Kristallisationspunkt der Forderungen der Unterprivilegierten und Ausgegrenz-
ten geworden ist; beide sendungsbewusst und inspirierend, charismatisch und gelegent-
lich erratisch, durchweg vertrauenswürdiger als viele andere, und mit relativ wenig
Respekt für Institutionen. Programme und Politik von Chävez wie Morales machen
deutlich, dass es noch starke Kontinuitätslinien aus der älteren Tradition gezielter
staatlicher Entwicklungsstrategien und -instrumente gibt, die jedoch in Reaktion auf
andauernde Strukturprobleme (Armut, defiziente Infrastruktur) und neuere Herausforde-
rungen (mehr Globalisierung und Finanzspekulation) in einigen wichtigen Punkten
weiterentwickelt worden sind, und zwar sowohl im Bereich der Verteilungspolitik und
der Nationalisierung wichtiger Rohstoffe als auch, und vor allem, in einer deutlichen
Vermehrung demokratischer Partizipation von unten (gelegentlich auf Kosten der
repräsentativen Institutionen) und kultureller Autonomie für die indianischen Gemein-
schaften. Mit leichter Übertreibung könnte man sagen, dass diese neue (oder gemischte)
populistische Politik im Wesentlichen die Ausweitung der früheren Strategie auf alle
damals faktisch noch nicht berücksichtigten Bevölkerungsteile ist, mit dem erklärten Ziel
größtmöglicher Inklusion, dem man in beiden Ländern auch durch die Arbeit an einem
grundlegenden neuen Verfassungskonsens mit revolutionärer Geste und indigener Folk-
Zwischen Diktatur und Demokratie 29

lore (z.B. >Bolivarische Revolution^ näher zu kommen hofft. Das Feindbild hat sich
rhetorisch leicht verschoben, von Imperialismus und Dependenz zu Globalisierung und
>Neoliberalismus^ die politischen Fronten sind aber im Ganzen ebenso dieselben
geblieben wie die akklamativen und charismatischen Mechanismen und der antielitäre,
gelegentlich antiinstitutionelle Duktus.
Einen besonders interessanten Fall der Überlagerung von älteren populistischen
Traditionen und neopopulistischen Energien finden wir in Mexico besonders unter der
Präsidentschaft von Salinas (PRI, 1988-1994) und Fox (PAN, 2000-06). Mexico ist in
unserem Zusammenhang auch der einzige Fall einer Demokratisierung eines älteren
revolutionären populistischen Regimes. Diese hat seit Mitte der 90er-Jahre im institutionel-
len Bereich durch die Anerkennung der Ergebnisse demokratischer Wahlen 1994, die
Einrichtung einer wirksamen unabhängigen obersten Wahlbehörde (IFE), die Realität von
divided government, d.h. von unterschiedlichen Mehrheiten in Parlament und Exekutive
seit 1997, und schließlich durch den ersten Wechsel i m Präsidentenamt von der Staatspartei
PRI zum bislang oppositionellen katholischen PAN im Jahre 2000 beachtliche Fortschritte
gemacht. Auch zentrale Fragen der Föderalismus- und Steuerreform, von Infrastrukturaus-
hau und Umweltschutz werden breit debattiert und die Partizipation hat in vielen Bereichen
zugenommen, auch wenn ganz gravierende ökonomische und soziale Probleme, Rechtsstaats-
mängel und Inklusions- und Repräsentationsdefizite bleiben (vgl. die Zapatistas in Chiapas)
und die üblichen desencanto-Phänomene verbreitet sind, wie gerade zunehmende Konflik-
te und Polarisierungen rund um die Präsidentenwahl von 2006 oder in Oaxaca gezeigt
haben. Mexico hat als eines der letzten Länder Lateinamerikas den Übergang vom
autoritären Regime zur defekten Demokratie bewältigt.
Diese, die >defekte Demokratie^ ist derzeit die am meisten verbreitete Regimeform
in Lateinamerika. Der Begriff charakterisiert zweierlei: Erstens, dass es sich nicht mehr
um eine autokratische Herrschaft handelt, sondern dass der harte Kern der Demokratie
im Wesentlichen vorhanden und wirksam ist, ein Wahlregime, das dafür sorgt, dass
diejenigen regieren, die durch im Prinzip freie und faire demokratische Wahlen dazu
legitimiert wurden, und dass der Wahlausgang nicht mit Sicherheit vorhersagbar ist
elektorale Demokratie). Zweitens bedeutet >defekte Demokratie^ dass es sich nicht um
eine konsolidierte rechtsstaatliche Demokratie handelt, in der über das Wahlregime und
Jessen Voraussetzungen hinaus auch die Kriterien der Gewaltenkontrolle (horizontal
jt countability) und der Rechtsstaatlichkeit erfüllt sind. Vielmehr kann es bei allen (II)
Demokratiekriterien Defekte geben. Je nachdem, in welchem Bereich diese auftreten,
können wir es mit unterschiedlichen Varianten defekter Demokratie zu tun haben: Mit
einer illiberalen Demokratie, wenn die politischen Freiheiten oder die Rechtsstaats-
K ri terien eingeschränkt sind; mit einer Enklavendemokratie, wenn es politische Reservat-
rechte für nicht demokratisch gewählte Akteure gibt (z.B. Militärs). Von einer delegati ven
Demokratie sprechen wir, wenn das Kriterium der Gewaltenkontrolle verletzt ist, also
:> pischerweise mehr durch Dekrete der Exekutive als durch Gesetzgebung regiert wird,
•ue in Argentinien unter Menem (oder in Russland unter Jelzin), und von einer
exklusiven Demokratie, wenn es Defizite der Inklusion beim Wahlrecht gibt, um nur die
•A ichtigsten Möglichkeiten zu nennen.
Wenn wir die Länder im Einzelnen durchprüfen, ergibt sich, dass in Lateinamerika
Hnde 2006 die Variante der illiberalen Demokratie am häufigsten ist, in Brasilien und
30 Hans-Jürgen Puhle

Guatemala noch gemischt mit exklusiven Zügen. Enklavendemokratie, die zu Beginn der
Transformation ein häufiges Durchgangsstadium in zahlreichen Ländern war, gibt es
lediglich noch in Paraguay und Ecuador. Delegative Demokratie ist mit der Regierung
Menem fürs Erste verschwunden. - Gute Politik muss unter anderem darin bestehen,
diese Defekte abzubauen. Und in der Tat sind die politischen Strategien der demokrati-
schen Akteure im letzten Jahrzehnt zunehmend darauf gerichtet gewesen, das Wahl-
regime und die Institutionen zu stabilisieren, die Geltung der Menschenrechte und der
rechtsstaatlichen Sicherungen auszuweiten, die Partizipationsrechte der Bürger zu si-
chern und zu erweitern. Dabei gibt es auch z.T. beachtliche Fortschritte.
Allerdings sind die Handlungsspielräume oft noch eingeengt, insbesondere durch die
defizitäre und nachhinkende Leistungsfähigkeit der traditionellen Institutionen und vor
allem des ökonomischen und sozialen Umfelds. Die meisten Länder bedürfen insgesamt
noch gezielter Entwicklungspolitik mit langem Atem und der entsprechenden Anreize
dafür, auch wenn man besondere Ausreißer wie das Ordnungs- und Staatlichkeitsdefizit
im gegenwärtigen Kolumbien (das auch mit der internationalen Drogenpolitik zu tun
hat), das zeitweise Absinken großer Teile Argentiniens in soziale Anomie im Gefolge der
letzten Krise oder provinzielle Sezessionsdrohungen in Bolivien für mittelfristig rever-
sibel hält und für bearbeitbar durch angemessene Politik und ernsthaft daran arbeitende
Eliten. Es scheint nur zu Beginn des 21. Jahrhunderts viel schwieriger zu sein als im
ganzen Jahrhundert davor, die richtigen und angemessenen Entwicklungs- und
Stabilisierungsstrategien und die ihnen entsprechenden politischen Mobilisierungs-
formen und Legitimationsmechanismen zu finden. Im Zeichen von HyperVerschuldung,
Globalisierung und Entstaatlichung und unter der Hegemonie des Weltbank- und WTO-
Regimes empfehlen sich grundsätzlich liberale Rezepte, die auf freien Handel und
Kapitalverkehr, eine neue diversifizierte und intelligente Exportorientierung, interne
Sparsamkeit und Privatisierung setzen, also die strategischen Prioritäten des letzten
Jahrhunderts völlig umkehren, vor allem in der Abwendung vom Staat und der Verklei-
nerung des Staats, mit der viele Lateinamerikaner, und besonders die Eliten, sich
mindestens ebenso schwer tun wie viele Europäer. Vor allem erscheint die Umsetzung
planerischer Konzepte in politische Strategien zur Mobilisierung von hinreichenden
Mehrheiten zu deren Unterstützung prekär. Und die Bestimmung der >richtigen<, also
politisch zu bewältigenden Reihenfolge einzelner Maßnahmen, das berühmte sequencing,
ist ohnehin ein weites Feld.
Am Anfang des 21. Jahrhunderts sieht es so aus, als wäre es nicht mehr möglich, so
klare und in Grenzen verallgemeinerbare Aussagen über die politischen Entwicklungs-
tendenzen in Lateinamerika, deren Stufen, strategische Prioritäten und sozialen Träger zu
machen wie für das 20. Jahrhundert. Die Dinge sind weniger festgebunden, kurzfristig im
Wandel, weniger in großen Dimensionen projekthaft organisiert und strukturiert; sie sind
fragmentierter und vor allem weniger einheitlich an der nationalen Ebene ausgerichtet:
Lokale, regionale und supranationale Faktoren und Einflüsse wirken schneller und
unvermittelter ineinander. Selbst in Uruguay, das dafür berühmt war, ist die klassische
>Stoßdämpfergesellschaft< (sociedad amortiguadora) passe. Die größere Flexibilität
vermehrt sicher auch die Möglichkeiten und Alternativen der Problembewältigung. Die
neue Fragmentierung und Gemengelage kann ein ideales Feld für Planer und >Macher<
in engen Bereichen sein, aber möglicherweise ebenso für wendige und schillernde
Zwischen Diktatur und Demokratie 31

neopopulistische Führer von der Provinz bis zur nationalen Ebene, die zeitgemäße und
pflegeleichte Version des caudillo.
Lateinamerika ist in letzter Zeit demokratischer geworden. Aber die Qualität der
Demokratie ist durchweg noch verbesserungsfähig. Welche Qualität sie mittelfristig
haben wird, liegt in vielen Fällen zu einem großen Teil noch im Dunkeln. Das birgt
Gefahren, aber auch Chancen.
Hans Werner Tobler

Politik und Gewalt


Bauernaufstände, Revolutionen und
staatliche Gewalt von oben

Die Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert scheint in besonders hohem
Maße durch das Phänomen der Gewalt geprägt worden zu sein. Schon im 19. Jahrhundert
gehörten z.B. Berichte europäischer und nordamerikanischer Reisender über verbreitete
Gewalttätigkeit, Gesetzlosigkeit und endemischen Banditismus in den jungen Staaten
Lateinamerikas zur Tagesordnung. Im 20. Jahrhundert prägten zahlreiche Revolutionen,
Bauernaufstände und Guerillabewegungen, aber auch häufige Militärrebellionen und
Gewaltexzesse mancher Staaten das Bild einer außerordentlich hohen Gewaltintensität
in dieser Region.
Rückt man diese Erscheinungen allerdings in eine überregionale oder gar globale
Perspektive, so werden die scheinbaren Besonderheiten und Dimensionen der lateiname-
rikanischen Violenz deutlich relativiert. Jedenfalls lassen sich diese kaum auf eine
angeblich besonders ausgeprägte Disposition der Lateinamerikaner zur Gewalt oder gar
eine besonders gewaltträchtige spanische Kolonialtradition zurückführen. Die verbreite-
te Gewalt in den jungen Staaten Lateinamerikas, im ersten halben Jahrhundert nach der
Independencia, war vielmehr Ausfluss eines nur unvollständigen oder gescheiterten
Staatsbildungsprozesses, der vornehmlich auf strukturelle Gegebenheiten der späten
Kolonialzeit und auf die besonderen Verlaufsformen und Auswirkungen der lateiname-
rikanischen Unabhängigkeitsbewegungen zurückzuführen war. Die lateinamerikanische
Gewalt im 20. Jahrhundert wiederum verblasst angesichts der neuartigen Gewaltexzesse
dieses Jahrhunderts in anderen Weltregionen, wenn man an die Massenvernichtungen
und Genozide, aber auch an die Verwüstungen des modernen »totalen Kriegs« denkt.
Dennoch wäre es verfehlt, die Bedeutung der Gewaltproblematik in der ferneren und
jüngeren Geschichte Lateinamerikas als gering einzuschätzen. In unterschiedlichen
Formen war Gewalt stets gegenwärtig, sei es in Form politischer Gewalt von »unten«
oder von »oben«, diffuser sozialer Gewalt oder - bis in die Gegenwart - einer schon
»alltäglich« gewordenen Gewalt, wie sie seit Jahren etwa in einem Land wie Kolumbien
grassiert.
Einige Aspekte dieser lateinamerikanischen Gewalttradition seit dem frühen 19.
Jahrhundert seien im Folgenden knapp umrissen.
36 Hans Werner Tobler

Aspekte politischer Gewalt im 19. Jahrhundert


Wie bereits angedeutet, legen zahlreiche Berichte europäischer und nordamerikanischer
Reisender in die jungen lateinamerikanischen Staaten des frühen 19. Jahrhunderts
beredtes Zeugnis von den vielfältigen Formen der Gewalt im damaligen Lateinamerika
ab. Die gewaltsamen Auseinandersetzungen rivalisierender Faktionen um die Macht in
den neu entstandenen Staaten, das Auftreten mächtiger caudillos auf der historischen
Bühne Lateinamerikas, die unzähligen militärischen Staatsstreiche, die blutigen Kämpfe
zwischen verschiedenen Regionen eines Landes, die ethnisch, sozial oder politisch
bedingten Volksaufstände und schließlich der in einigen Gebieten endemische Bandi-
tismus illustrierenjene vielfältigen Facetten des lateinamerikanischen Gewaltphänomens,
wie es um die Mitte des 19. Jahrhunderts für viele Länder im südlichen Amerika (mit
teilweiser Ausnahme Brasiliens) charakteristisch war. Hauptursache dieser Entwicklung
war der gescheiterte oder unvollständige Staatsbildungsprozess im Gefolge der
Independencia und der Auflösung der ehemaligen kolonialen Staatsordnung. Insbeson-
dere gelang es den meisten unabhängigen Staaten nicht, das Gewaltmonopol zu erringen
und das neue Staatsterritorium unter die tatsächliche Kontrolle der jeweiligen Zentralre-
gierung zu bringen. In markantem Gegensatz zu den jungen USA, die nach dem
Unabhängigkeitskrieg gegen Großbritannien aus den aufständischen 13 Atlantikkolonien
einen funktionsfähigen Bundesstaat zu schmieden vermochten, waren die neuen latein-
amerikanischen Staaten bis über die Jahrhundertmitte durch eine chronische Schwäche
und Instabilität - den eigentlichen Nährboden für die erwähnten Gewaltphänomene -
gekennzeichnet.
Auf die vielfältigen Ursachen, die diesen Entwicklungen im Unterschied zu jenen in
den ehemals britischen Kolonien Nordamerikas zugrunde lagen, kann an dieser Stelle
nicht näher eingegangen werden; festzuhalten bleibt allerdings, dass sie spezifischen
internen und externen Konstellationen der späten Kolonialzeit, der Unabhängigkeits-
periode und der ersten Jahrzehnte nach der Independencia entsprangen (Tobler 2000).
Seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts begannen sich die bislang ungünstigen,
allgemeinen Voraussetzungen für die Staatsbildung in Lateinamerika allerdings allmäh-
lich zu verändern, mit dem Ergebnis, dass sich die Zentral Staaten sukzessive konsolidie-
ren konnten. Begleitet war dieser Prozess von einer soziopolitischen Befriedung, die
einerseits Voraussetzung, andererseits aber auch Konsequenz der Stärkung des Staates
war und die zwar nicht zum Verschwinden, wohl aber zu einer deutlichen Zurück-
dämmung jener Gewalterscheinungen führte, wie sie bis dahin Lateinamerika charakte-
risiert hatten. Interessanterweise setzten staatliche Konsolidierung und gesellschaftliche
Pazifizierung übrigens zu einem Zeitpunkt ein, da im Norden Amerikas die Intensität
politischer und gesellschaftlicher Gewalt markant zunahm: im Civil War von 1861/65,
mit seinen in der Schlussphase überaus gewalttätigen Auswirkungen, in den blutigen
Indian Wars und dem späteren Auftreten gewalttätiger Organisationen, wie etwa jener
des Ku-Klux-Klans.
Die Entwicklung Lateinamerikas im 19. Jahrhundert sei kurz am Beispiel Mexikos
illustriert. Bis über die Jahrhundertmitte stellte Mexiko einen Herd chronischer politi-
scher Instabilität dar. Eine Militärrevolte folgte auf die andere. In weiten ländlichen
Regionen war das Bandenunwesen endemisch; ein blutiger Indioaufstand, die »guerra de
Politik und Gewalt 37

castas«, suchte in den 1840er- und 1850er-Jahren Yucatän heim, aufständische campesinos
attackierten benachbarte Haciendas und im Norden des Landes bewirkten häufige
Apacheneinfälle die Entstehung von Siedlermilizen, die eine eigene Gewaltkultur, nicht
unähnlich jener an der nordamerikanischen fremder, hervorbrachten.
Auch in Mexiko setzte im späten 19. Jahrhundert eine nachhaltige Stärkung des
Zentralstaates ein. Einerseits war diese Entwicklung auf innermexikanische Faktoren -
die Reformbewegung der 50er-Jahre und ihre Folgen - zurückzuführen, andererseits, wie
im übrigen Lateinamerika, auf exogene Einflüsse, d.h. die zunehmende wirtschaftliche
Integration des Landes in den Weltmarkt. Mit der Zunahme des Außenhandels und dem
Einsetzen von Auslandsinvestitionen flössen dem mexikanischen Staat neue finanzielle
Mittel zu, die u.a. in die Modernisierung der Infrastruktur und den Ausbau des adminis-
trativen Apparates investiert wurden. Unter der Herrschaft des Generals Porfirio Dfaz
(1876-1911) setzte so eine markante Konsolidierung des Nationalstaates ein, die von
einer nachhaltigen gesellschaftlichen Pazifizierung - der Pax Porfiriana - begleitet war,
die u.a. durch die wirksamere Banditenbekämpfung durch die neu geschaffene nationale
Polizeitruppe der rurales erreicht wurde (Tobler 1984; Vanderwood 1992).
Mit der Konsolidierung des mexikanischen Staates im späten 19. Jahrhundert, der
einsetzenden wirtschaftlichen Modernisierung und den damit verbundenen gesellschaft-
lichen Veränderungen erfolgte auch ein gewisser Wandel in den vorherrschenden
Gewaltmustern. Die bis in die 1860er-Jahre besonders verbreiteten Gewalterscheinungen,
wie etwa das Bandenunwesen, konnten nun dank verbesserter Infrastruktur (Eisenbah-
nen, Telegraf) und neuer Polizeikräfte (rurales) wirksamer bekämpft werden; ähnlich
verloren die mit der Institution der caudillos verbundenen Formen der Gewalt immer
mehr in dem Maße an Bedeutung, als den »klassischen« caudillos durch die politische,
wirtschaftliche und gesellschaftliche Modernisierung des Landes zunehmend der Nähr-
boden entzogen wurde.
Während der politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Wandel also gewisse
traditionelle Gewaltformen zurückdrängte, bewirkte er gleichzeitig neue Formen der
Gewalt. In gewissem Sinne kann man in diesem Formenwandel eine Parallele zu jenem
sequenziellen Ablaufmuster sehen, das etwa Charles Tilly im Wandel kollektiver Protest-
und Gewaltformen in Europa unter dem Einfluss grundlegender wirtschaftlicher und
gesellschaftlicher Veränderungen, wie etwa der Industrialisierung und Urbanisierung,
erkannte (Tilly 1972). Am augenfälligsten in dieser Hinsicht war in Mexiko der Wandel
bäuerlicher Gewalt im Laufe des 19. Jahrhunderts. Während im frühen 19. Jahrhundert
Bauern unter Ausnützung der staatlichen Schwäche häufig von sich aus, also durchaus
offensiv, benachbarte Haciendas oder lokale Staatsorgane angriffen, war ihr Protest- und
Gewaltverhalten gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein vornehmlich
reaktiv-defensives. Im Verlauf des späten 19. Jahrhunderts hatte eben nicht nur der Staat
erheblich an Stärke gewonnen; mit der zunehmenden Kommerzialisierung und Moder-
nisierung der Landwirtschaft versuchten auch die Großgrundbesitzer ihr Land in die
angestammten Domänen der Kleinbauern auszudehnen und bedrohten so deren traditio-
nelle Lebensformen.
Während die bäuerlichen Proteste gegen die Expansion der Haciendas bis zum Ende
des Diaz-Regimes (1910/11) noch in überwiegend legalen Formen erfolgten, griffen die
Bauern nach dem Sturz von Dfaz vermehrt zu den Waffen, um ihre Anliegen gewaltsam
38 Hans Werner Tobler

durchzusetzen. Bereits die erste große Revolution Lateinamerikas im 20. Jahrhundert, die
mexikanische, erhielt so von Anfang an einen stark bäuerlichen Anstrich, ein Merkmal,
das, gemäß dem Titel der bekannten Studie von Eric Wolf - Peasant Wars of the
Twenüeth Century - für gewaltsame politisch-gesellschaftliche Umwälzungen in zahl-
reichen, noch vornehmlich agrarischen Ländern der weltwirtschaftlichen »Peripherie« in
diesem Jahrhundert prägend werden sollte (Wolf 1969).

Ländlich-bäuerliche Aufstände und Revolutionen


im frühen 20. Jahrhundert

Bis weit über die Mitte des 20. Jahrhunderts sollten Bauernaufstände und bewaffnete
Bauernbewegungen eine zentrale Rolle in den revolutionären Umwälzungen und anti-
kolonialen Befreiungskriegen dieser Periode spielen. Auch dort, wo revolutionäre
Bewegungen oder antikoloniale Aufstände von nicht bäuerlichen Kadern angeführt
wurden, und letztlich andere Ziele als bäuerlich-agrarische im Vordergrund standen, kam
bäuerlicher Gewaltbercitschaft und bäuerlichem Aufstandsverhalten meist eine Schlüssel-
rolle zu. Dies lässt sich im lateinamerikanischen Kontext wiederum besonders deutlich
am Beispiel Mexikos in der Revolutionsperiode zwischen 1910 und 1920 aufzeigen.
Obwohl Kommerzialisierung und Modernisierung der Landwirtschaft einen allgemeinen
Trend in der lateinamerikanischen Entwicklung seit dem späten 19. Jahrhundert darstell-
ten, kam es nur in Mexiko im frühen 20. Jahrhundert zur Ausbildung großer bewaffneter
Bauernbewegungen. Dafür verantwortlich waren sowohl strukturelle Gründe als auch
prozessuale Faktoren im Verlauf der mexikanischen Revolutionsentwicklung.
Strukturell zeichnete sich die Situation Mexikos dadurch aus, dass hier, im Unter-
schied zum übrigen Lateinamerika »das enge, antagonistische Nebeneinander von
kommerziell orientierten Haciendas, Ranchos und einer bedeutenden, lokal fest verwur-
zelten Bauernschaft (wie es in Morclos, großen Teilen des zentralen Hochlandes und
gewissen Schlüsselregionen des übrigen Mexiko anzutreffen war) charakteristisch und
Grundvoraussetzung bäuerlicher Aufstände« war (Knight 1986,1:157).
In besonders ausgeprägtem Maße waren diese strukturellen Voraussetzungen im
Zuckeranbaugebiet von Morelos gegeben, und so erstaunt es denn auch nicht, dass diese
Region zur Wiege der bedeutendsten Bauernerhebung in der mexikanischen Revolution,
jener unter Führung Emiliano Zapatas, werden sollte. Grundlegende Bedeutung kam
dabei der Institution des freien Dorfes, dem pueblo libre, zu. Dieses vermochte seinen
kleinbäuerlichen Bewohnern, selbst wenn sie wirtschaftlich zunehmend in Abhängigkeit
von den Haciendas gerieten, einen Freiraum autonomer Tätigkeit zu bewahren, wie er für
die fest auf den Haciendas ansässigen Landarbeiter nicht mehr existierte. Es waren denn
auch vornehmlich die in solchen Dörfern lebenden Kleinbauern, die zum Kern der
bäuerlichen Aufstandsbewegungen wurden.
Prozessuale Faktoren, d.h. der Verlauf und die Dynamik der Revolution als ganzer,
spielten für die Ausbreitung bäuerlicher Aufstände ebenfalls eine zentrale Rolle. Die
mexikanische Revolution war ja insgesamt ein sehr komplexes Phänomen, das sich aus
ganz unterschiedlichen politischen, gesellschaftlichen und regionalen Kräften und Teil-
bewegungen zusammensetzte. Bäuerliche Kontingente spielten darin eine unterschied-
Politik und Gewalt 39

liehe Rolle, sei es in Form weitgehend autonomer, hauptsächlich agrarisch motivierter


und auf bäuerliche Reformanliegen ausgerichteter Aufstände, wie im Falle des zapatismo
in Morelos und in einigen anderen regionalen Erhebungen, sei es in Form einer eher
passiven Eingliederung in vornehmlich nicht-bäuerliche Revolutionsbewegungen, wie
in großen Teilen Nordmexikos. In jedem Falle aber spielten Ereignisse und Entwicklun-
gen außerhalb des bäuerlich-agrarischen Bereichs eine wichtige Rolle bei der bäuerlichen
Mobilisierung, sei es, dass z.B. die Lockerung des staatlichen Kontroll- und Repressions-
apparates am Ende der Diaz-Herrschaft die Bauern von Morelos zu den Waffen im Kampf
gegen die Großgrundbesitzer greifen ließ, sei es, dass Bauern ganz, allgemein durch die
Eigendynamik der Revolution in vielfältigen Formen mobilisiert wurden (Tobler 1984).
Obwohl im Vorfeld und in der Anfangsphase der Revolution auch andere Gewalt-
formen eine Rolle spielten - z.B. Streikaktionen und deren gewaltsame Unterdrückung
oder kleinstädtische Gewaltausbrüche (riots) zu Beginn der Unruhen -, prägten letztlich
doch ländlich-bäuerliche Bewegungen den Aufstandscharakter dieser Revolution.
Insbesondere in den »autonomen« Bauernerhebungen nahmen die Aufstände meist
die Form eines ländlichen Guerillakriegs an. Die bäuerlichen Partisanen mussten ihre
Waffen von den feindlichen Bundestruppen erbeuten oder auf dem Schwarzmarkt
erwerben. Große Teile der zapatistischen Truppen verfügten z.B. anfänglich über gar
keine Waffen oder bestenfalls über einige alte Flinten, Pistolen und Macheten. Entschei-
dend war dabei die unmittelbare Unterstützung durch die lokale Bevölkerung; John
Womack hat denn auch die zapatistische Bauernarmee als bewaffneten Arm der vereinig-
ten Dörfer von Morelos bezeichnet (Womack 1969).
Im weiteren Verlauf der Revolution veränderte sich allerdings der Charakter der
gewaltsamen Auseinandersetzungen. Im Bürgerkrieg der Jahre 1913/14 entstand insbe-
sondere im Norden Mexikos eine Revolutionsarmee, die sich zunehmend professionali-
sierte. Möglich wurde diese Entwicklung dadurch, dass die nördlichen Revolutions-
truppen unter Pancho Villa und AI väro Obregön in den von ihnen kontrollierten Regionen
ein kriegswirtschaftliches System einrichteten, das einen intensiven Handelsaustausch
mit den US-amerikanischen Mächten jenseits der Grenze betrieb, was den nördlichen
Revolutionstruppen ermöglichte, sich in den US A mit Waffen und übriger Ausrüstung zu
versorgen und ihre Soldaten regelmäßig zu besolden.
Während sich hier ein Wandel der ursprünglichen, meist spontanen, wirtschaftlich,
sozial und politisch motivierten Aufstandsgewalt in »professionalisiertere« Formen mili-
tärischer Auseinandersetzungen abzeichnete, was sich auch auf den politischen und
gesellschaftlichen Charakter der Revolution auswirken sollte, lässt sich im späteren Verlauf
der Bürgerkriege eine weitere Eigendynamik der Revolution beobachten, in der sich Gewalt
vollständig von ihren ursprünglichen politisch-gesellschaftlichen Motiven und Zielen
loslöste. In einigen Fällen degenerierten aufständische Verbände zu einer Soldateska pur
et simple, die plündernd und brandschatzend durch das Land zog und wehrlose Dörfer in
Angst und Schrecken versetzte, eine Erfahrung, die später immer wieder auch in mexika-
nischen Revolutionsromanen literarisch verarbeitet wurde (Daus 1978).
Insgesamt war die mexikanische Revolutionsentwicklung zwischen 1910 und 1920
durch ein außerordentlich hohes Maß an innerstaatlicher Gewaltsamkeit gekennzeichnet,
forderten die Revolutionskriege doch Zehntausende von gefallenen und verwundeten
Soldaten, wurden Unzählige gewaltsam in die Bürgerkriegsarmeen gepresst und kam es
40 Hans Werner Tobler

zu verbreiteten Gewalttätigkeiten gegen die Zivilbevölkerung, ganz zu schweigen von


der überall praktizierten Zerstörung bzw. gewaltsamen Beschlagnahmung fremden
Eigentums.
Angesichts dieser Gewaltbilanz stellt sich natürlich die Frage nach den gesellschaft-
lichen und politischen Auswirkungen der blutigen Bürgerkriege auf das spät- und
postrevolutionäre System Mexikos nach 1920. Sicherlich besteht kein einfacher Zusam-
menhang zwischen der Gewaltintensität des Revolutionsjahrzehnts zwischen 1910 und
1920 (wie übrigens auch der zeitlichen Länge und dem Umfang der Massenbeteiligung
an den revolutionären Auseinandersetzungen) einerseits und der Tiefe und Reichweite
der nachfolgenden politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen
andererseits, wie schon ein flüchtiger Vergleich der mexikanischen mit der kubanischen
Revolution zeigt. Im Falle Mexikos waren zumindest die wirtschaftlichen und gesell-
schaftlichen Veränderungen zunächst recht begrenzt. Erst in der zweiten Hälfte der 30er-
Jahre kam es zu ziemlich weitreichenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Refor-
men, die allerdings ebenso sehr Ergebnis der spezifischen Dynamik des spätrevolutionären
Stabilisierungsprozesses wie der Nachwirkungen der eigentlichen Revolutionsphase
waren. Eine zentrale Voraussetzung für die Reformen unter Cardenas (1935-1940) war
allerdings in den Revolutionskriegen von 1910 bis 1920 geschaffen worden, nämlich die
Zerstörung des alten politischen Systems und insbesondere die Vernichtung der alten
Bundesarmee, die in Mexiko - im Unterschied zu den meisten übrigen lateinamerikani-
schen Staaten - keine Rolle als reformfeindliche Vetomacht mehr spielen konnte.

Gesellschaftlicher Wandel, veränderte Muster politischer Protestge-


walt und neuartige Formen staatlicher Gewalt in der zweiten Hälfte
des 20. Jahrhunderts

Bauernaufstände und ländliche Guerillabewegungen stellten zwar auch außerhalb Mexi-


kos im Laufe des 20. Jahrhunderts noch immer eine wichtige Form der Aufstandsgewalt
von unten dar, sie verloren aber im Gefolge des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen
Wandels, d.h. der beschleunigten Verstädterung und der Abnahme des ländlich-bäuerli-
chen Bevölkerungsanteils allmählich an Bedeutung. In den größeren gewaltsamen
politischen Umbrüchen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, d.h. in den Revolutionen
in Bolivien (1952), Kuba (1959) und Nicaragua (1979) spielten unzufriedene campesinos
zwar eine aktive Rolle, ohne dass man hier aber von eigentlichen Bauernerhebungen
sprechen könnte. Auch der Aufstand im mexikanischen Chiapas von 1994, der sich
explizit auf den legendären, 1919 ermordeten Bauernführer EmilianoZapata berief, hatte
zwar agrarische Motive, war daneben aber auch ein Protest gegen die politischen
Verhältnisse, also die lokale Herrschaft des Partido Revolucionario Institucional (PRI)
und gegen die ethnische Diskriminierung der Indiobevölkerung dieser Region.
Der wirtschaftlich-gesellschaftliche Wandel des 20. Jahrhunderts äußerte sich nicht
zuletzt in den unterschiedlichen äußeren Verlaufsformen der kubanischen Revolution im
Vergleich etwa zu jenen der ein halbes Jahrhundert älteren mexikanischen Revolution.
Der kubanischen Revolution ging der Massencharakter der mexikanischen weitgehend
ab; die Gewaltintensität, gemessen etwa an der Zahl der Opfer, war in Kuba sehr viel
Politik und Gewalt 41

geringer, und auch die soziale Zusammensetzung der castristischen »Bewegung des 26.
Juli« unterschied sich stark von den mexikanischen Revolutionsbewegungen, insbeson-
dere was den Anteil und die Rolle eigentlicher Bauernbewegungen betraf. Die »Bewe-
gung des 26. Juli«, deren Führung mehrheitlich dem urbanen, studentisch-intellektuellen
Milieu entstammte, hatte sich zwar in der Sierra Maestra Ende 1956 als ländliche
Guerillatruppe formiert. Aber bis weit ins Jahr 1958 blieb diese Rebellenformation
zahlenmäßig ausgesprochen schwach; für die Mitte des Jahres 1958 hat z.B. Boris
Goldenberg die Zahl der um Castro gescharten Partisanen lediglich auf etwa 300
geschätzt (Goldenberg 1963).
Eine eigentliche Bauernerhebung stellte die kubanische Revolution, ungeachtet
späterer Legendenbildung, jedenfalls keineswegs dar, und die späteren kubanisch bzw.
guevaristisch inspirierten Versuche, in Südamerika bäuerlich-ländliche Aufstände aus-
zulösen, scheiterten bekanntlich.
Das abnehmende Gewicht eigentlicher Bauernbewegungen in revolutionären Um-
brüchen nach dem Zweiten Weltkrieg war in Lateinamerika Folge jenes wirtschaftlichen,
politischen und gesellschaftlichen Wandels, der sowohl unterschiedliche Muster politi-
scher und gesellschaftlicher Gewalt von unten als auch neuartige Formen staatlicher und
parastaatlicher Gewalt von oben hervorbrachte. Einsetzende Industrialisierung, Moder-
nisierung der Landwirtschaft, Bevölkerungsdruck, Emigration, Landflucht und beschleu-
nigte Urbanisierung waren Faktoren, die, mit ihrer Tendenz zur Autlösung traditioneller
Solidarbeziehungen, natürlich nicht ohne Einfluss auf die Erfolgschancen populärer
Aufstandsstrategien blieben, insbesondere des gleichsam »klassischen« Typs bäuerlich-
ländlicher Erhebungen. Hinzu kam, dass die lateinamerikanischen Staaten unter dem
Einfluss der Polarisierungen des »Kalten Krieges« und mit militärtechnischer Unterstüt-
zung durch die regionale Hegemonialmacht, die USA, ihre Sicherheitsapparate in einem
Maße ausbauten und professionalisierten, dass sich lokale Aufstände kaum mehr zu
regionalen oder gar nationalen Erhebungen ausweiten konnten.
Zwar kam es, wie oben angedeutet, auch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
noch zu gewaltsamen Umstürzen und Bürgerkriegssituationen, die - wie in Kuba,
Bolivien, Nicaragua und anderen zentralamerikanischen Staaten - stärker den älteren
Formen bewaffneter Konflikte entsprachen. Dennoch zeichnete sich in diesen Jahrzehn-
ten ein Wandel der Konflikt- und Gewaltmuster deutlich ab. Während ländliche Guerilla-
bewegungen in Südamerika in den 60er- und 70er-Jahren von staatlichen Armee- und
Polizeitruppen meist aufgerieben wurden, kam es gleichzeitig zur Ausbildung neuartiger
Formen von politischer Gewalt von unten, wie etwa der südamerikanischen Stadt-
Guerilla, als auch - und insbesondere - zu neuen Erscheinungen von staatlicher und
parastaatlicher Gewalt von oben.
Das Auftreten der Guerilla in Argentinien in den 1960er-Jahren, in einem gesell-
schaftlich als besonders »modern« geltenden Land Lateinamerikas, markierte den
Beginn eines neuen Typus einer politischen Gewaltbewegung von unten, die sich nicht
nur in ihren Kampfformen veränderte, sich z.B. städtischen Aktionsmilieus anpasste,
sondern sich auch in ihrer gesellschaftlichen Zusammensetzung - vornehmlich junge
Angehörige der Mittelschicht (zu einem beträchtlichen Teil Studenten und Priester) -
deutlich vom sozialen Profil älterer lateinamerikanischer Aufstandsbewegungen abhob
(Waldmann 1978).
42 Hans Werner Tobler

Die systematische Bekämpfung dieser Guerilla durch staatliche Sicherheitskräfte


und parastaatliche Organisationen, die schließlich in den späten 1970er- und frühen
1980er-Jahren in einen regelrechten »totalen« Krieg nicht nur gegen die Guerilla,
sondern - nach Ansicht kritischer Beobachter - schließlich gegen die argentinische
Gesellschaft als ganze ausartete, war Ausfluss einer neuen, umfassenden Repressions-
strategie, die sich nicht nur die argentinische Militärregierung, sondern - in unterschied-
licher Intensität - auch die übrigen Militärregimes in den Staaten des Cono Sur zwischen
den 1960er- und den 1980er-Jahren zu eigen machten (Tobler/Waldmann 1991).
Zwar hatte es schon in früheren Jahrzehnten in Lateinamerika Gewaltexzesse durch
staatliche Sicherheitskräfte gegeben. Erinnert sei hier lediglich an das Massaker der
Dominikanischen Armee an haitianischen Siedlern im Grenzgebiet der Dominikani-
schen Republik im Jahre 1937, dem zwischen 10.000 und 20.000 Menschen zum Opfer
fielen, und das in großer Heimlichkeit durchgeführt wurde, und an die im Allgemeinen
besser bekannte matanza in El Salvador 1932, die als blutige Vergeltung für einen rasch
niedergeschlagenen, schlecht koordinierten Bauernaufstand etwa 10.000 Opfer unter der
indianischen Bevölkerung, also etwa das Hundertfache der Zahl der Aufslandsopfer,
forderte (Anderson 1971).
Von diesen Formen brutaler staatlicher Gewaltanwendung, die auch als eigentliche
Ethnozide zur »Lösung« innergesellschaftlicher Konflikte unter dem Einfluss der Welt-
wirtschaftskrise gedeutet wurden (Suter 1996), unterschied sich die in den jüngeren,
»modernen« Militärregimes Südamerikas in den 60er-, 70er- und 80er-Jahren praktizier-
te staatliche Repression allerdings durch ihren umfassenden, systematisch organisierten
und durch Berufung auf die »Doktrin der nationalen Sicherheit« auch ideologisch
begründeten Charakter.
Die staatliche Unterdrückungsgewalt während der 1960er- und 80er-Jahre in den
südamerikanischen Militärregimes, aber auch in Staaten wie Guatemala und El Salvador,
war sowohl in quantitativer als auch in qualitativer Hinsicht eine neuartige Erscheinung.
An dieser Stelle soll es genügen, an die Zehntausenden, ja insgesamt wohl weit über
100.000 Ermordeten zu erinnern, die Opfer staatlicher Gewaltexzesse wurden und an die
wohl ähnlich hohe Zahl so genannter »Verschwundener«, eine Opferbilanz jedenfalls,
welche die Opferzahl der mit drakonischen Mitteln bekämpften Guerillabcwegungen
und Widerstandsorganisationen bei weitem überstieg. Neuartig in dieser Form war auch
das Zusammenwirken von und die Aufgabenteilung zwischen den offiziellen Sicher-
heitskräften - Armee, Polizei und zunehmend Geheimdiensten - und von diesen ausge-
rüsteten und protegierten parastaatlichen Tarnorganisationen, die sich jeglicher Verant-
wortung für ihre Gräueltaten entzogen, sowie die Kombination von öffentlich gemachten
Repressionskampagnen gegen die »Subversion« durch die regulären Sicherheitskräfte
und die Ausübung staatlichen und parastaatlichen Terrors zur Einschüchterung breiter
Bevölkerungsgruppen, die weit über den Kreis möglicher Sympathisanten der Guerilla
hinausreichten.
Insgesamt entstand, besonders ausgeprägt in den Militärregimes Argentiniens und
Chiles, ein - wie zu Recht betont worden ist - »seltsam hybrides Verfolgungs- und
Repressionssystem«, das in mancher Beziehung an jenen »Doppelstaat« erinnert, wie ihn
Ernst Fraenkel am Beispiel des »Dritten Reichs« beschrieben hat (Waldmann 1994:83;
Fraenkel 1974).
Politik und Gewalt 43

Mit dem Ende der Militärregimes in Südamerika in den 1980er-Jahren und der
Beilegung der Bürgerkriege in Zentralamerika sind allerdings auch diese extremen
staatlichen Gewaltsysteme überwunden worden. Überhaupt scheint es, dass die im
engeren Sinne politische Gewalt insgesamt in der Region seit den 1990er-Jahren
tendenziell auf dem Rückzug ist. Heißt dies auch, dass die grundlegenden Ursachen
dieser politischen Gewalt in der Vergangenheit - eine einseitig bestimmte Schichten
begünstigende wirtschaftliche Entwicklung, krasse soziale Ungleichheiten und politi-
sche Marginalisierung breiter Bevölkerungsgruppen - und damit Gewalt überhaupt,
heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, ebenfalls am Verschwinden seien?
Ein flüchtiger Blick auf die Gegenwartsrealität Lateinamerikas belehrt uns eines
Besseren. Das Abflauen der politischen Gewalt hat nämlich vermehrt den Blick auf jene
zwar schon früher existierenden, im Laufe der 1990er-Jahre aber immer dominanteren
Formen einer weniger polarisierten, dafür stärker diffusen sozialen Gewalt gelenkt, die
immer mehr Lebensbereiche durchdringt und sich im dramatischen Anstieg der
Kriminalitätsraten und einem allgemeinen Abbau der Sicherheit im Alltag äußert.
Kolumbien, ein lateinamerikanisches Land mit einer außergewöhnlich intensiven, säku-
laren Gewalttradition, mit den gegenwärtig weltweit höchsten Mordraten, ist ein beson-
ders drastisches Beispiel für diese Entwicklung; nicht zufällig hat man hier geradezu eine
»Veralltäglichung der Gewalt« diagnostiziert (Waldmann 1997).
Ein Ende der verbreiteten Gewalt in Lateinamerika lässt sich deshalb auch zu Beginn
des 21. Jahrhunderts nicht feststellen. Die äußeren Formen der Gewalt haben sich zwar
seit dem 19. Jahrhundert stark verändert, aber auch die gegenwärtige, komplexe Gewalt-
problematik bedarf zu ihrer Eindämmung nach wie vor nicht nur tiefgreifender gesell-
schaftlicher Reformen (also eines Abbaus jener Ungleichheiten, die man auch als
»strukturelle« oder »institutionelle« Gewalt bezeichnet hat), sondern vorrangig auch
einer weitreichenden Staatsreform (Waldmann 1994). Letzterer wäre aufgetragen, nicht
nur das historisch nur unvollkommen verwirklichte Gewaltmonopol des Staates zu
vollenden, sondern vor allem auch, im Zuge der gegenwärtigen Demokratisierung,
rechtsstaatliche Garantien für den Einsatz dieser Staatsgewalt sicherzustellen.

Literatur

Anderson, Thomas F. (1971): Matan/a. El Salvador's Communist Revolt of 1932. Lincoln:


University of Nebraska Press
Bodemcr, Klaus/Kurtenbach. Sabine/Meschkat, Klaus, Hg. (2001): Violencia y regulaeiön de
conflictos en America Latina. Caracas: Editorial Nueva Sociedad
Daus, Ronald (1978): Die Rolle der Gewalt im mexikanischen Revolutionsroman. In: Jahrbuch für
Geschichte von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft Lateinamerikas 15. Köln: 103-122
Fischer, Thomas/Krennerich, Michael (2000): Politische Gewalt in Lateinamerika. Frankfurt am
Main: Vervuert
Fraenkel, Ernst (1974): Der Doppelstaat. Frankfurt am Main: Europäische Verlagsanstalt
Goldenberg, Boris (1963): Lateinamerika und die kubanische Revolution. Köln: Kiepenheuer &
Witsch
Knight, Alan (1986): The Mexican Revolution. 2 Bde. Cambridge: Cambridge University Press
Walther L. Bernecker

Die wirtschaftliche Entwicklung Lateinamerikas


in der Neuzeit

Es ist ein nicht zu bewältigendes Unterfangen, die lateinamerikanische Wirtschaftsent-


wicklung in der Neuzeit im Rahmen eines Aufsatzes auch nur summarisch behandeln zu
wollen; zu vielfältig sind die Aspekte, zu vielschichtig die Ebenen, auf denen die
Entwicklungen sich abspielten, zu zahlreich die Akteure. Die Trennungslinie zwischen
Politik und Wirtschaft ist oft nicht oder nur sehr schwer zu ziehen, große geographische
Regionen mit vielen Ländern müssen differenziert behandelt werden. Um dem gestellten
Thema auch nur einigermaßen gerecht werden zu können, bedarf es daher einer äußerst
synthetisierenden Darstellung, die sich außerdem auf die großen Entwicklungslinien
beschränken und auf Differenzierungen weitgehend verzichten muss.

Zur Problemstellung

Das 19. Jahrhundert lässt sich für Lateinamerika- im Hinblick auf die Beziehung des
Subkontinents zu den »entwickelteren« Nordatlantikstaaten - als eine Periode zwischen
»altem« und »neuem« Imperialismus bezeichnen. Denn: Zu Beginn des Jahrhunderts
konnte Lateinamerika zwar die spanisch-portugiesische Kolonialherrschaft abschütteln
und politisch unabhängig werden; gegen Ende des Jahrhunderts aber war der Subkontinent
in eine neue, diesmal primär wirtschaftliche Abhängigkeit geraten. In diesem »europäi-
schen Jahrhundert« erlebten die lateinamerikanischen Staaten das zunehmende Vordringen
der neueren imperialistischen Mächte Europas, vor allem Großbritanniens, etwas später
und in modifizierter Form auch Frankreichs und Deutschlands, in das durch den erzwun-
genen Rückzug Spaniens hervorgerufene Vakuum; gegen Ende des Jahrhunderts wurden
die europäischen Mächte sodann immer deutlicher von den USA als dem dominanten
Partner in den lateinamerikanischen Außen- und Außenwirtschaftsbeziehungen abgelöst.
Die entwicklungstheoretische Diskussion der letzten Jahrzehnte ist immer wieder
auf die für die Wirtschaftsentwicklung »rückständiger« oder »unterentwickelter« Länder
zentrale Frage nach den Beziehungen zwischen »Entwicklungsland« und Weltwirtschaft
zurückgekehrt. Dabei lautet in der Historiographie eine gängige Annahme, dass europäi-
sches Kapital und europäische Wirtschaftsinteressen vor allem nach den liberalen
46 Walther L. Bernecker

Reformen in vielen Ländern des lateinamerikanischen Subkontinents eine für deren


Ökonomien entscheidende Rolle spielten (Spalding 19831:209 f). Vernachlässigt wurde
zumeist, dass die ibero-amerikanischen Staaten unmittelbar nachdem sie die politische
Tutelage Spaniens abgeworfen hatten, in finanzielle Schwierigkeiten und in deren
Gefolge in wirtschaftliche Abhängigkeiten von den europäischen Großmächten gerieten,
dass sie somit zwar politisch unabhängig wurden, über ihr ökonomisches Schicksal aber
von Anfang an nur sehr partiell Kontrolle ausüben konnten. Zwar in veränderter Form,
doch deutlich wahrnehmbar, blieben in Lateinamerika die wirtschaftlichen Grundmuster
der Europa-Abhängigkeit über die Unabhängigkeit hinaus bestehen.
Ein Grund für die fortbestehende Außenorientierung der lateinamerikanischen Wirt-
schaften wird darin gesehen, dass Lateinamerika während der Kolonialzeit stärker von den
iberischen Mutterländern abhängig war als die 13 Neu-England-Staaten von Großbritanni-
en; diese tiefer verwurzelte Tradition konnte bei der Erlangung der politischen Unabhän-
gigkeit nicht abgeschüttelt werden. Sodann ist zu berücksichtigen, dass der größte Teil der
lateinamerikanischen Bevölkerung ökonomisch kaum eine Rolle spielte und wegen seiner
nahezu nicht vorhandenen Kaufkraft keinen Stimulus zum Aufbau eigener Industrien
darstellte. Schließlich war auch der weitgehende Mangel an Kapital ein zusätzlicher Faktor,
der die Entwicklung industrieller Unternehmungen erschwerte. Blieben somit die latein-
amerikanischen Länder auch nach der politischen Unabhängigkeit wirtschaftlich abhängi-
ge und außenorientierte Länder, so erhebt sich einerseits die Frage nach der Bedeutung der
externen Faktoren für die Nationalwirtschaften; andererseits und vorerst muss es um die
Frage gehen, weshalb die neuen Staaten keine konsequent hochprotektionistische Handels-
politik betrieben oder strikte Einfuhrverbote erließen. Auf einer weitgehend allgemeinen
Argumentationsebene lassen sich aus der Literatur zumindest vier Argumente extrapolie-
ren, die immer wieder zur Erklärung der andauernden Außenorientierung (und damit der
Abhängigkeit) herangezogen werden:
Die erste historiographische Version betont, dass ausländische Mächte entscheiden-
den Einfluss auf die Außenwirtschaft der lateinamerikanischen Länder nahmen. Diesen
Interpretationen zufolge waren Ausländer problemlos in der Lage, die Handelspolitik der
lateinamerikanischen Länder zu beeinflussen, wenn nicht gar zu bestimmen. Ein zweites
Interpretationsmodell geht von der Existenz lokaler lateinamerikanischer »Agenten«
aus, die als »kollaborierende« oder zwischengeschaltete Eliten mit ausländischen Inter-
essen verbündet waren. Das dritte Deutungsschema verbindet Elemente der ersten
beiden: Ein schwacher lateinamerikanischer Staat war nicht in der Lage, sich gegen die
Stärke der nordatlantischen Staaten durchzusetzen, die unter der Führung Großbritanni-
ens Verfechter freihändlerischer Prinzipien waren; der Mangel an innerer Stabilität ließ
den lateinamerikanischen Staat keinen wirksamen Widerstand gegen den Freihandelsan-
griff der entwickelteren Länder entgegensetzen. Schließlich ist noch auf die starke
liberale Strömung innerhalb eines Großteils der lateinamerikanischen »Intelligenzia« zu
verweisen, für die verstärkter Handel eine Möglichkeit zur Herbeiführung wirtschaftli-
chen Wachstums darstellte und die für ihre Länder schon früh im Rahmen der internatio-
nalen Arbeitsteilung die Juniorpartner-Rolle eines Rohstofflieferanten und Manufak-
turwarenempfängers akzeptierte.
In der Auseinandersetzung, die über die Frage nach den Ursachen für die lateiname-
rikanische »Unterentwicklung« und deren Folgen geführt wird, stehen den Vertretern der
Die wirtschaftliche Entwicklung Lateinamerikas in der Neuzeit 47

verschiedenen Dependenztheorien jene Interpreten gegenüber, die (mit vielen Vorbehal-


ten) als Verfechter einer »Autonomietheorie« bezeichnet werden könnten. Die Diskus-
sion wird notwendigerweise auf einer relativ allgemein-abstrakten Ebene geführt und
kann hier einleitend nur in ihren Grundzügen wiedergegeben werden:
In der klassischen Definition, die Theotonio Dos Santos von Dependenz gegeben hat,
wird diese als Situation bezeichnet, in der die Wirtschaft bestimmter (abhängiger) Länder
durch die Entwicklung und Expansion einer anderen (dominanten) Wirtschaft bedingt
wird, der erstere unterworfen ist (Dos Santos 1972:243). Philip O'Brien hat hervorgeho-
ben, dass es den Dependenztheorien darum geht zu zeigen, dass die interne Dynamik
lateinamerikanischer Gesellschaften und deren Unterentwicklung primär durch die
Position Lateinamerikas in der internationalen Wirtschaft und die daraus resultierenden
Bindungen zwischen den internen und den externen Strukturen bedingt wurden und
werden (O'Brien 1977:41; vgl. auch Cockcroft u.a. 1972; Stein/Stein 1970).
Das postkoloniale Lateinamerika und die »Außenwelt« unterhielten, in depen-
denztheoretischer Deutung, eine enge Wirtschaftsbeziehung, wobei Lateinamerika als
Lieferant von Lebensmitteln, Rohstoffen und Edelmetallen sowie als Importeur von
Kapital und Manufakturwaren auftrat. Exogene Faktoren, nämlich die Entscheidungen
in den »metropolitanen« Ländern, bestimmten demnach weitgehend Wachstum und
Struktur der sozioökonomischen Formation Lateinamerikas. Durch Konzentration auf
den Export von Primärprodukten war der Kontinent nicht in der Lage, autonom die
Fähigkeit zu Wachstum und Wandel zu entwickeln.
Die Dependenztheorien haben sich seit längerem schon verstärkter Kritik ausgesetzt
gesehen; vorgehalten wird ihnen vor allem eine unhistorisch-anachronistische Form der
Argumentation, Übertragung bestimmter, zeitlich genau einzuordnender historischer
Erscheinungen auf andere geschichtliche Epochen (etwa die reale Außenabhängigkeit
vieler lateinamerikanischer Staaten gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf die ersten
Jahrzehnte nach der Unabhängigkeit) und, in diesem Zusammenhang, eine »öko-
nomistische« Verkürzung und gröbliche Simplifizierung komplexer Tatbestände. Einer
der Hauptkontrahenten aller Varianten der lateinamerikanischen Dependenz gegenüber
europäischen Ökonomien ist D.C.M. Platt, der in seinen zahlreichen Publikationen (Platt
1980; vgl. auch ders. 1968 und 1985) dem Konzept der Außenabhängigkeit das der
Wirtschaftsautonomie Lateinamerikas nach der Unabhängigkeit der spanischen Koloni-
en gegenübergestellt hat. Sowohl die kolonialen Wirtschaften als auch die der unabhän-
gigen Staaten waren, Platt zufolge, binnenorientiert (inward-looking economies); nach
ihrer Lostrennung von Spanien verharrten die neuen Republiken für mindestens ein
halbes Jahrhundert weitgehend außerhalb der Weltmärkte. In einer Periode wirtschaftli-
cher Depression war der Außenhandel unwichtig und stagnierend; damit verblieb
Lateinamerika aber, vielleicht sogar gegen seinen eigenen Willen, von den Haupt-
strömungen des Welthandels isoliert, selbstgenügsam und folglich auch »unabhängig«.
Hauptsächlich produzierten die Lateinamerikaner für den Binnenmarkt, und an dessen
Bedarf orientierten sich auch die Produktionsstrukturen. Von Plantagen wirtschaften und
Bergwerksenklaven abgesehen, wurde das Muster ökonomischer Entwicklung primär
von eigenen Bedürfnissen und Prioritäten bestimmt (vgl. Louis 1976).
Im folgenden Beitrag, der sich in die soeben kursorisch skizzierte Diskussion
einordnet, geht es zuerst um die lateinamerikanischen Entwicklungskonzepte; vor allem
48 Walther L. Bernecker

in der zweiten Jahrhunderthälfte setzte sich das liberale Konzept einer »Entwicklung
nach außen« durch; das Ergebnis dieser Modernisierungsstrategie wird sodann an
mehreren Beispielen aufgezeigt: am Handel zwischen Europa und Lateinamerika sowie
am Problem von Kapitalinvestitionen und Auslandsverschuldung.

Lateinamerikanische Entwicklungskonzepte

Die lateinamerikanische Wirtschaftsdiskussion über Freihandel, Protektionismus oder


Importverbote hatte schon lange vor der Unabhängigkeit eingesetzt; es war zugleich eine
Debatte über alternative Entwicklungsstrategien. In Übereinstimmung mit dem optimis-
tischen Hochgefühl der soeben errungenen nationalen Unabhängigkeit - und das bedeu-
tete auch: der Überwindung lange bekämpfter Hemmnisse im Wirtschaftsbereich -
sprach sich die Mehrheit der lateinamerikanischen »Wirtschaftstheoretiker« in den
1820er-Jahren gegen ein prohibiti ves, zumeist sogar gegen ein wie auch immer geartetes
protektionistisches Handelssystem aus. Freier Güterverkehr wurde als ein wichtiger
Bestandteil der eben errungenen politischen Freiheit interpretiert; die Ideologie des
Unabhängigkeitskampfes erforderte Handelsfreiheit und Freihandel.
Allerdings: Sehr schnell wurde den lateinamerikanischen Politikern klar, dass
Zolltarife nicht nur die einheimischen Manufakturen und Handwerker schützten, sondern
darüber hinaus und vor allem die leeren Staatskassen füllten, somit also kaum auf sie
verzichtet werden konnte. Außenhandelszölle entwickelten sich in vielen Fällen zur
wichtigsten Einnahmequelle für den Fiskus der einzelnen Länder; Manufakturpro-
tektionismus und staatliche Fiskalerfordernisse bewirkten daher sehr schnell, dass die
Vorstellung eines von Zollschranken völlig unbehinderten Güterverkehrs aufgegeben
wurde.
Trotzdem setzten sich die Liberalen für eine möglichst weitgehende Liberalisierung
des Außenhandels ein. Der entscheidende Aspekt des wirtschaftspolitischen Programms
der liberalen Freihändler bestand darin, dass sie als Quelle privaten und gesellschaftlichen
Reichtums nicht die Entwicklung der Produktivkräfte, sondern - in Übereinstimmung mit
Ricardo und Adam Smith - die Fähigkeit zum Tausch von Werten ansahen. Implizite
Prämisse dieses Programms war die Vorstellung, dass der Freihandel (unabhängig vom
ökonomischen Entwicklungsstand eines Landes) bereits als Garantie für wirtschaftlichen
Fortschritt anzusehen war. In den großen Politikdebatten der ersten Unabhängigkeitsjahre
erstrebten die Liberalen für ihre Länder demokratische Bundesrepubliken mit repräsenta-
tiven Institutionen; die säkularisierte Gesellschaft sollte von klerikalem Einfluss frei sein;
die Nation sollte aus Kleineigentümern, Einzelbauern und Handwerkern bestehen; das freie
Spiel der Marktkräfte, der Wirtschaftskonkurrenz und der Individualinteressen sollte nicht
durch restriktive Gesetze und künstliche Privilegien behindert werden. Sie zeigten sich von
der klassischen Wirtschaftsdoktrin der »unsichtbaren Hand« überzeugt, die die Interessen
des Individuums mit denen der Gesellschaft in Übereinstimmung brachte. Legitimations-
bedürfnisse verbanden sich mit aktuellen Notwendigkeiten und legten liberale Regelungen
nahe - handelspolitisch ebenso wie verfassungsrechtlich.
Die Gegenposition zu den Freihändlern wurde von Personen eingenommen, die
zumeist Unternehmer oder zumindest mit der Produktion einheimischer Güter eng
Die wirtschaftliche Entwicklung Lateinamerikas in der Neuzeit 49

verbunden waren (etwa Handwerker). Sie wurden zu Vorkämpfern von Wirtschafts-


nationalismus und beschworen den Ruin der »nationalen Industrie« herauf, sollten
ausländische Produkte (vor allem Textilien) importiert werden dürfen. Die Prohibitionisten
vertraten ihre Position durchaus überzeugend: Prohibitionen, so argumentierten sie,
kämen der eigenen Industrie zugute, und ohne Förderung dieser eigenen Industrie werde
die Nation zugrunde gehen; wenn auf die politische keine wirtschaftliche Befreiung
folge, werde Lateinamerika noch Generationen später vom Ausland abhängig sein. Die
einzige den Interessen der lateinamerikanischen Industrie entsprechende Lösung seien
Einfuhrverbote. Man dürfe Liberalismus nicht mit Freihandel verwechseln; auch andere,
liberale Länder schützten ihre entstehenden Industrien vor ausländischer Konkurrenz.
Übereinstimmend hoben Protektionisten und Prohibitionisten hervor, dass die von ihnen
geforderte Schutzzollpolitik bzw. die Einfuhrverbote keine dauerhafte Abschottung vom
internationalen Markt sein sollten, sondern als eine temporäre Maßnahme betrachtet
wurden, die in dem Augenblick hinfällig werde, in dem die Wirtschaft des »nachstreben-
den Landes« (Friedrich List) sich hinreichend entwickelt habe, um symmetrische
Austauschbeziehungen mit einstmals überlegenen Handelspartnern zu gewährleisten.
In den meisten Ländern verlor der »doktrinäre« Liberalismus in der politischen
Öffentlichkeit in den ersten Jahrzehnten der Unabhängigkeit die Meinungsführerschaft.
Die wirtschaftspolitischen Entscheidungen wurden in der Regel von konservativen
Pragmatikern beeinflusst, und die Gesetzgebungsmaßnahmen schwankten - je nach
tagespolitischem Bedarf- zwischen Protektion und Importverbot (vgl. die Diskussion
am mexikanischen Beispiel bei Bernecker 1987 und 1988). Eine grundlegende Änderung
erfolgte erst nach der Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Versuche zum Aufbau einer
eigenständigen Industrie zumeist aufgegeben wurden und die liberalen Politiker sich für
ein Entwicklungsmodell entschieden, das auf einer vorwiegend agrarisch orientierten
Exportwirtschaft mit starker Einbindung in den Weltmarkt beruhte und die bis zur
Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre andauernde Phase der »Entwicklung nach außen«
einläutete. Hintergrund dieser zu einer Intensivierung des Agrarexports auf der Grund-
lage der Freihandelspolitik führenden Kursänderung waren die äußerst beschränkten
Ergebnisse der vorhergehenden Versuche, eine eigenständige Industrie aufzubauen, um
vom Import ausländischer Fertigwaren unabhängiger zu werden. In praktisch keinem
lateinamerikanischen Land hatten derartige Versuche durchgreifende Erfolge zu ver-
zeichnen gehabt. Hinzu kamen die weltwirtschaftlichen Veränderungen: Der Siegeszug
des Freihandelskonzepts, die gestiegene Nachfrage auf den europäischen Märkten nach
tropischen Produkten, die Einrichtung des überseeischen Dampfschiffverkehrs. Die
lateinamerikanischen Staaten akzeptierten damit die Einordnung ihrer Wirtschaften in
das bestehende System der internationalen Arbeitsteilung. Nahezu idealtypisch hat um
die Mitte des 19. Jahrhunderts der kolumbianische Wirtschaftsminister Florentino
Gonzales die Überzeugung der wirtschaftsliberalen Kräfte Lateinamerikas artikuliert:
»Europa, mit einer gebildeten Bevölkerung, im Besitz der Dampfkraft und seiner
Anwendung, erfahren bezüglich der Manufakturen, erfüllt seinen Auftrag in der industri-
ellen Welt, indem es die Rohstoffe verarbeitet. Wir müssen unseren Auftrag auch
erfüllen; und angesichts der Fülle an reichen nationalen Produkten, mit denen die
Vorsehung unser Land ausgestattet hat, kann es keinen Zweifel geben, worin er besteht.
Wir müssen Europa unsere Rohstoffe anbieten und unsere Häfen seinen industriellen
50 Walther L. Bernecker

Erzeugnissen öffnen, um den Handelsaustausch zu erleichtern und dessen mögliche


Vorteile zu verwirklichen, sowie um den Verbraucher zu niedrigen Preisen mit Industrie-
produkten zu versorgen.« (F. Gonzales 1848, zit. nach König 1983: 75)

Handelsbeziehungen und Kapitalinvestitionen


Im 19. Jahrhundert war Europa für die lateinamerikanischen Wirtschaften zweifellos
wegen seiner Darlehen und Investitionen, vor allem aber als Handelspartner von
entscheidender Bedeutung. Auf der Ersten Panamerikanischen Konferenz im späten 19.
Jahrhundert wies Argentinien die Idee einer interamerikanischen Handelsunion scharf
zurück, da diese dazu führen würde, »Europa vom Wirtschaftsleben auszuschließen,
dasselbe Europa, das seine Hand nach uns ausstreckt, uns seine starken Waffen schickt,
zu unserer wirtschaftlichen Existenz beiträgt und uns in seine Kultur einbezieht«. Immer
wieder hob Argentinien die Notwendigkeit enger Beziehungen zu Europa hervor, da der
Handel die Lebensader des Landes sei (Hilton 1985).
Im ersten halben Jahrhundert staatlicher Unabhängigkeit waren die lateinamerikani-
schen Hauptimporte Konsumgüter, vor allem Fertig- und Halbfertigwaren: Textilien,
Nahrungsmittel, Tonwaren, Papier; der Rest entfiel auf Eisenwaren, Handwerkszeug,
Maschinen, Metalle. Die herausragende Charakteristik des lateinamerikanischen Import-
handels während eines Großteils des 19. Jahrhunderts war die Dominanz von Textilien;
diese Dominanz spiegelt deutlich das Ausgreifen der europäischen, besonders der
britischen Wirtschaft auf die lateinamerikanischen Märkte und deren einseitige Integrie-
rung in das Weltwirtschaftssystem wider.
Diese Integration Lateinamerikas in das Weltwirtschaftssystem erfolgte vor allem in
der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Nach 1850 war nahezu überall eine deutliche
Steigerung der lateinamerikanischen Exporte zu registrieren, wobei die Spezialisierung auf
wenige Produkte zur Herausbildung von Monokulturen und damit zu einseitiger Abhängig-
keit der lateinamerikanischen Wirtschaften von externen Märkten und Nachfrage-
konstellationen führte. Chile konzentrierte sich auf Salpeter und Kupfer, Peru auf Guano,
Brasilien auf Kaffee, Argentinien auf Wolle und Fleisch, Zentralamerika auf Bananen,
Kuba auf Zucker, Mexiko auf Silber. Um den Transport der Exportgüter zu den Häfen zu
erleichtern, investierte Großbritannien große Summen in den Ausbau des Verkehrswesens,
vor allem in den Eisenbahnbau und (über Staatsanleihen) in den Ausbau von Häfen. Gegen
Ende des Jahrhunderts wurde (bei durchwegs hohen Renditen) viel britisches Kapital in
städtische Infrastrukturmaßnahmen (Gas- und Wasserwerke, Straßenbahnen) sowie in
Bergwerke, Plantagen und (in Argentinien) in die Fleischverarbeitung investiert.
Bis zum Ersten Weltkrieg hatte Großbritannien wegen seiner industriellen Vor-
machtstellung und seiner Handelsflotte auf den meisten lateinamerikanischen Märkten
eine bevorzugte Position; das gilt neben Argentinien insbesondere für Brasilien, das im
19. Jahrhundert eine Art informelle britische Handelskolonie darstellte. Der allgemein-
imperialistische Wettbewerb um die Märkte im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts führte
allerdings dazu, dass das Deutsche Reich und Frankreich, vor allem aber die USA zu
immer bedrohlicheren Konkurrenten Englands in Lateinamerika wurden (Fiebig-von
Hase 19861: 140f).
Die wirtschaftliche Entwicklung Lateinamerikas in der Neuzeit 51

Insgesamt setzten sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts die USA nicht nur immer
deutlicher als dominanter Handelspartner der lateinamerikanischen Staaten durch. (Die
Bindung der mexikanischen Exportwirtschaft an die USA beispielsweise betrug in den
1870er-Jahren etwas über 50 Prozent, gegen Ende des Jahrhunderts schon 75 Prozent.)
Zugleich war auch ein Wandel der Außenhandelsstruktur zu registrieren: Im lateiname-
rikanischen Import sank die Bedeutung der Gebrauchsgüter, vor allem der Textilien,
dafür stieg die der Produktionsgüter (Maschinen, Eisenbahnzubehör) und Brennstoffe.
Hatten 1850 noch 63 Prozent der britischen Exporte nach Lateinamerika aus Textilien
bestanden und nur 18 Prozent aus Metallen und Maschinen, so änderte sich diese Relation
bis 1913 drastisch, als nunmehr ein Drittel der britischen Exporte nach Lateinamerika aus
Textilien, 27 Prozent jedoch aus Metallen und Maschinen bestanden (Safford 1974). Die
Umschichtungen in der Warenstruktur spiegeln die wirtschaftlichen Veränderungen
Lateinamerikas - nach dem Bau von Eisenbahnen, der Herausbildung von Exportland-
wirtschaften und der allmählichen Entstehung einheimischer Fertigindustrien - wider.
Als Folge ihrer einseitigen wirtschaftlichen Entwicklung zu Agrar- und Rohstoff-
exportländern waren die lateinamerikanischen Staaten jetzt allerdings von den Einfuhren
ausländischer Industrieprodukte für ihre weitere Erschließung abhängig.
Zum Handel trat die Rolle Europas als Investor. Auch hier spielte Großbritannien zuerst
die Hauptrolle, gefolgt von Frankreich und Deutschland. Weit abgeschlagen waren
Belgien, das in einige Versorgungsbetriebe und Eisenbahnen (in Argentinien und Brasilien)
investierte, oder Holland, das bestimmten Regierungen Darlehen gewährte. Im 19. Jahr-
hundert investierte Großbritannien in Lateinamerika mehr langfristiges Kapital als in
irgendeiner anderen Region. 1914 gingen, Fred Rippy zufolge, 20 Prozent der britischen
Auslandsinvcstitionen, rund eine Milliarde Pfund, nach Lateinamerika (Rippy 1959).
Die meisten lateinamerikanischen Regierungen hatten unmittelbar nach den
Unabhängigkeitskriegen, 1822-1825, am Londoner Kapitalmarkt Auslandsanleihen
aufgenommen, die damals mehr als die Hälfte aller wichtigen Staatsanleihen umfassten,
die an der Londoner Börse emittiert wurden. Der größte Teil dieser Staatsanleihen wurde
zur Rückzahlung von Altschulden aus den Unabhängigkeitskriegen und zum Waffen-
erwerb - somit unproduktiv - verwendet. Da die Nationalwirtschaften und damit die
Staatseinnahmen langsamer als erhofft wuchsen, mussten die meisten lateinamerikani-
schen Länder schon sehr bald (1827) ihren Auslandsschuldendienst einstellen, womit
eine lange Zwischenphase mit zahlreichen Konversionen der Altschulden und nicht
gezahlten Zinsen begann.
Ab etwa 1870 setzte in Lateinamerika eine zweite Phase öffentlicher Auslands-
verschuldung ein. »Die Erlöse dieser zweiten Welle von Staatsanleihen wurden mehrheit-
lich für Transport- und Versorgungsunternehmen, vor allem im Eisenbahnbau, verwendet.
Voraussetzung für die zweite Phase der öffentlichen Auslandsverschuldung war das
Wachstum der Exportökonomien der Länder und deren Integration in den expandierenden
Weltmarkt.« (Liehr 1988:153) Der Höhepunkt dieser zweiten Phase der Auslands-
verschuldung lag in Mexiko zwischen 1885 und 1910 - somit in der Zeit der porfiristischen
Diktatur, in der, Friedrich Katz zufolge, »Mexiko ein geradezu klassisches Beispiel für das
Eindringen des Auslandskapitals in Lateinamerika« bildete (Katz 1964 und 1981) -, in
Kolumbien und Ecuador etwas später. In dieser Phase sahen sich die Briten immer stärker
den konkurrierenden Kapital- und Warenexportinteressen der übrigen Großmächte USA,
52 Walther L. Bernecker

Frankreich und Deutschland ausgesetzt. Am Vorabend des Ersten Weltkriegs stammten


43,5 Prozent aller Auslandsinvestitionen in Lateinamerika aus Großbritannien, gefolgt von
den USA (20 Prozent), Frankreich (14,1 Prozent) und Deutschland (10,6 Prozent). Die
Hauptempfängerländer dieser Investitionen waren Argentinien, Brasilien und Mexiko.
Fragt man nun, wer von den Handelsgeschäften und Investitionstätigkeiten mehr
profitierte, so ist darauf zu verweisen, dass bis heute in der Forschung über die Verteilung
der Handels- und Investitionsvorteile zwischen Lateinamerika und seinen Partnern
Unklarheit besteht. So ist für die ersten Jahrzehnte der Unabhängigkeit inzwischen
nachgewiesen worden, dass sich für eine ganze Reihe lateinamerikanischer Länder die
terms of trade verbesserten: Brasilien (Zucker, Kaffee, Rohhäute, Kakao), Chile (Roh-
kupfer), Peru (Salpeter, Guano, Rohkupfer, Chinarinde, Baumwolle), Venezuela (Kaf-
fee, Indigo, Kakao, Baumwolle, Farbholz, Häute), Ecuador (Kakao) und Guatemala
(Indigo, Kaffee) erzielten in der Mitte des 19. Jahrhunderts für ihre Exporte weit höhere
Erlöse als zu Beginn der Unabhängigkeit; demgegenüber verschlechterten sich für
Argentinien (Häute), Uruguay (Häute), Kolumbien (Farbholz, Perlmutt, Chinarinde,
Häute) und Mexiko (Cochenille, Farbholz, Vanille, abgesehen vom dominierenden
Silber) die Austauschverhältnisse, was auf diejeweilige Import-Export-Struktur zurück-
zuführen ist (Schneider 1981 1:46-49; vgl. auch Liehr 1989). Insgesamt sanken in dieser
Zeit die Preise für Industrieerzeugnisse (vor allem Textilien) wegen billigerer Herstellungs-
und Transportkosten im Vergleich zu vielen Rohstoffpreisen. Nur - hierauf hat Werner
Baer hingewiesen - genügt eine einfache Analyse der terms of trade nicht, da ein
wesentlicher Teil des Handels in europäischer Hand war und somit nur bedingte
Aussagen über die Verteilung der Handelsvorteile gemacht werden können. Außerdem
brachten die Gewinne, die tatsächlich den Lateinamerikanern aus dem internationalen
Handel zuflössen, keineswegs die entsprechenden langfristigen Entwicklungsvorteile,
da Vermögen und Einkommen stark konzentriert waren und überwiegend für nicht-
produktive Anlagen oder Luxuskonsum verwendet wurden.
Auch weitere bedenkliche wirtschaftliche und gesellschaftliche Strukturverzerrungen
sind als Folge der auf Monopolprodukten beruhenden Außenorientierung Lateinamerikas
zu registrieren: So wurde die Verkehrsinfrastruktur einseitig auf die Exportwirtschaft
ausgerichtet, was zur Stagnation von vorher relativ wohlhabenden Landstrichen und zu
einer überproportionalen Bedeutungszunahme von Küstenstädten führen konnte. Die
Verbreitung der Export-Monokulturen hatte auf dem Land eine Stärkung des Großgrund-
besitzes (Plantagen oder Haciendas) zur Folge; die Situation der Masse der Bevölkerung
erfuhr durch die Ausdehnung der Latifundienwirtschaft (auch infolge der liberalen Refor-
men Mitte des Jahrhunderts) eine Verschlechterung. Skepsis bleibt weiterhin angebracht:
»Unzweifelhaft hat diese Integration Lateinamerikas in die Weltwirtschaft seit dem späten
19. Jahrhundert in den davon besonders erfassten Ländern - wie Argentinien, Brasilien,
Chi le, Uruguay und Mexiko - beträchtliche Wachstumsprozesse ausgelöst und zur Moder-
nisierung der mit der Exportwirtschaft verbundenen Sektoren und Infrastruktur geführt [... ]
Das Modell eines auf Rohstoffausfuhr beruhenden >Wachstums nach außen< (Prebisch)
schien somit - im Zeichen internationaler Arbeitsteilung - durchaus den spezifisch latein-
amerikanischen Ressourcen angepasst zu sein [...] Dennoch blieb dieses Modell letztlich
durch die industriellen Zentren der Weltwirtschaft fremdbestimmt. Weder die Industrie-
nationen noch die vom Exportsektor profitierenden nationalen Oligarchien waren an einer
Die wirtschaftliche Entwicklung Lateinamerikas in der Neuzeit 53

stärkeren wirtschaftlichen Diversifizierung, insbesondere an einer autonomen Industriali-


sierung interessiert - im Gegenteil. Erst der Zusammenburch dieser Exportwirtschaften in
der Weltwirtschaftskrise der 30er-Jahre sollte - wie noch zu zeigen ist - zu verspäteten
Versuchen einer verstärkten Entwicklung >nach innen< führen.« (Tobler 1984:41)
Andererseits hat die neuere Forschung deutlich gemacht, dass man nicht nur von
Ausbeutung der lateinamerikanischen Gesellschaften durch ausländische Wirtschafts-
interessen sprechen kann. Schon vor Jahren hat Patrick O'Brien daraufhingewiesen, dass
der Beitrag der >Peripherie< zur Kapitalbildung in den >Zentren< vor dem industriellen Take-
off relativ gering gewesen ist (O'Brien 1982). Die Bedeutung des Außenhandels für die
lateinamerikanischen Staaten und Gesellschaften wird heute nicht mehr ausschließlich
negativ beurteilt; in der Historiographie werden mehrere positive Aspekte aufgezählt:
Nils Jacobsen hat etwa für Peru herausgearbeitet, dass es in der Phase des Auf-
schwungs der Exportwirtschaft zwischen 1850 und den frühen 1870er-Jahren sowie
später wieder um die Jahrhundertwende zu einer Stärkung des Nationalstaates (und nicht
semi-feudaler Regionaloligarchien, wie in der Literatur häufig behauptet worden war)
gekommen ist. Die in jener Zeit erfolgende Intensivierung der staatlichen Infrastruktur
wäre ohne die ausländischen Investitionen in so kurzer Zeit kaum möglich gewesen
(Jacobsen 1988). Für den brasilianischen Fall ist hervorgehoben worden, dass europäi-
sches, besonders britisches Kapital, Technologie und massenhafte Immigranten aus der
alten Welt, die eine neue Wirtschaftsmentalität und Fertigkeiten mitbrachten, zur
Entwicklung von Handel und Industrie beitrugen (Baklanoff 1969; Graham 1972). Für
Mexiko ist die These aufgestellt worden, dass es das Handelskapital ausländischer
Händler - über die Zölle als einzig beachtenswerte Einnahmequelle des Zentral Staates -
war, das wesentlich zum Fortbestand des mexikanischen Staates beitrug (Bernecker
1988). Für den kolumbianischen Fall (Safford 1976) schließlich sind als positive
Elemente des liberalen Entwicklungskonzepts die Herausbildung eines Handelsbürgertums
sowie die Möglichkeit der Provinzen gewertet worden, ihre eigenen wirtschaftlichen
Möglichkeiten auszuschöpfen und so über die regionale Entwicklung zu Impulsgebern
für die nationale Entwicklung zu werden.

Das 19. Jahrhundert: zwischen Stagnation und Wirtschaftswachstum

Die Antwort auf die Frage nach den Langzeitwirkungen der lateinamerikanischen
Außenwirtschaftsbeziehungen muss somit differenziert ausfallen. Diese Beziehungen
sollten weder ausschließlich negativ als Hauptverursacher der lateinamerikanischen
Unterentwicklung noch ausschließlich positiv als reine Modernisierungselemente von
ansonsten entwicklungsunfähigen Nationalwirtschaften betrachtet werden.
Neuere Untersuchungen (Coatsworth 1992) haben darauf verwiesen, dass in nahezu
allen Ländern Lateinamerikas gegen Ende des 19. Jahrhunderts die wichtigsten Hinder-
nisse für wirtschaftliches Wachstum überwunden waren. Seither sind die Wachstumsra-
ten des lateinamerikanischen Bruttosozialprodukts in etwa denen der Vereinigten Staaten
vergleichbar. Ein besonders signifikantes Beispiel zum Beleg dieser These ist Mexiko:
Ende des 17. Jahrhunderts lag das mexikanische Pro-Kopf-Einkommen ungefähr gleich
hoch wie das in Großbritannien und den 13 britischen Kolonien in Nordamerika.
54 Walther L. Bernecker

Zwischen 1700 und 1800 entsprach das Wachstum der mexikanischen Wirtschaft in etwa
dem des Bevölkerungswachstums, es konnte aber mit dem Produktivitätsanstieg im
nordatlantischen Raum nicht Schritt halten. Um das Jahr 1800 belief sich das mexikani-
sche Pro-Kopf-Einkommen nur noch auf ungefähr 50 Prozent von dem der USA und auf
ein Drittel von dem Großbritanniens. Zwischen 1800 und 1867 stagnierte die mexikani-
sche Wirtschaft, das Pro-Kopf-Einkommen fiel um mindestens 30 Prozent und betrug
schließlich ein Achtel dessen der Vereinigten Staaten. Auf diesem Niveau ist es seither,
mit leichten Schwankungen, geblieben. Das aber bedeutet: Zwischen dem letzten Drittel
des 19. und dem des 20. Jahrhunderts wuchs die mexikanische Wirtschaft in etwa im
gleichen Rhythmus wie die der USA. Eine ähnliche Entwicklung durchliefen auch die
meisten andinen Länder. Wenn nach den Gründen für die Unterentwicklung Lateiname-
rikas gefragt wird, darf somit nicht so sehr auf das späte 19. und das 20. Jahrhundert
geschaut werden, vielmehr müssen die Gründe in der Kolonialzeit und in den ersten
Jahrzehnten der Unabhängigkeit bis ungefähr Mitte des 19. Jahrhunderts gesucht werden.
Das Dependenzmodell geht von der Annahme aus, dass Lateinamerika sich nahezu
ausschließlich auf die Produktion von Primärgütern für den Export konzentrierte und
diese Konzentration zu einem Einkommensverlust führte, der vermieden hätte werden
können, wenn die lateinamerikanischen Wirtschaften eine größere Fähigkeit zu produk-
tiven Aktivitäten entwickelt hätten. Diese dependcnztheoretische Annahme aber lässt
sich nicht beweisen. Vielmehr stiegen die Preise für viele exportierte Primärprodukte
Lateinamerikas im Verhältnis zu den Manufakturexporten Europas zwischen der Mitte
des 18. und der Mitte des 19. Jahrhunderts an, d. h. in einer Zeit, in der Lateinamerika in
der Entwicklung hintan blieb. Die einheimischen Märkte Lateinamerikas hatten somit
nicht die Dynamik der auswärtigen Märkte und konnten nicht an deren Stelle treten. Die
Struktur der außenwirtschaftlichen Beziehungen Lateinamerikas hat somit das Wachs-
tum seiner Wirtschaft nicht entscheidend behindert, die terms of trade legen eher die
entgegengesetzte Hypothese nahe: Lateinamerika hätte von seiner Außenwirtschaft
profitieren können, wenn es in der Lage gewesen wäre, seine Exporte zu expandieren und
die wirtschaftlichen Bindungen an den Nordatlantikraum zu intensivieren. Das wirt-
schaftliche Wachstum, das vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einsetzte,
korrelierte außerordentlich mit den außenwirtschaftlichen Bindungen Lateinamerikas.
Die Annahme der Dependenztheoretiker, die außenwirtschaftlichen Beziehungen hätten
negative Auswirkungen auf die Entwicklung Lateinamerikas gehabt, dürfte falsch sein.
Die Stagnation des Subkontinents lässt sich vielmehr mit den prä-modernen institutio-
nellen Strukturen erklären, deren Wirkung auf die produktive Arbeit durchwegs negativ
war. Es fehlte an Regierungen, welche die bürgerlichen Prinzipien gleicher Rechte
durchgesetzt hätten, es fehlte ein Rechtssystem, das das Privateigentum und geltende
Verträge geschützt hätte, schließlich hätte es einer Politik zur Förderung von Investoren
bedurft. Diese Bedingungen, die im »Norden« vorhanden waren, führten dort zu allgemei-
nem Fortschritt, während sie im »Süden« weitestgehend fehlten. Die Unabhängigkeit zu
Beginn des 19. Jahrhunderts bedeutete für Lateinamerika vor allem eine Änderung des
völkerrechtlichen Status, nicht sosehr eine Änderung der Institutionen. Die notwendigen
Reformen im institutionellen und wirtschaftlichen Bereich wurden erst nach Jahrzehnten
heftiger Bürgerkriege in Angriff genommen. Diese gesetzgeberischen Veränderungen
waren von Land zu Land ähnlich: Es verschwanden die Kasten- und Sklavensysteme
Die wirtschaftliche Entwicklung Lateinamerikas in der Neuzeit 55

ebenso wie die präkapitalistischen Eigentumsrechte, zu denen auch das kommunale


Eigentum der indigenen Stämme zählte; das nicht veräußerbare Kircheneigentum wurde
abgeschafft. Neue legale Rahmenbedingungen wurden geschaffen, Handelsverordnungen
erlassen, Banken gegründet, öffentliche Ländereien privatisiert, Monopole abgeschafft,
öffentliche Eigentumsrechte an Grund und Boden liquidiert, Binnenzölle eliminiert, das
Zollsystem und die öffentliche Verwaltung reformiert. Im Laufe des Jahrhunderts schufen
die Staaten Lateinamerikas somit juristische, legislative und politische Rahmenbedingun-
gen, die wirtschaftlichem Wachstum förderlich waren. Im späten 19. Jahrhundert übernahm
der Staat außerdem die aktive Förderung von wirtschaftlicher Entwicklung, er investierte
in die Infrastruktur und öffentliche Dienstleistungen.
Das wohl überzeugendste Argument der Modernisierungstheoretiker verweist auf
den Zusammenhang zwischen dem Beginn des wirtschaftlichen Wachstums, der Ent-
wicklung des Exportbooms und dem Hereintließen von Auslandskapital in den latein-
amerikanischen Subkontinent. Zwischen der Mitte des 19. Jahrhunderts und dem Ersten
Weltkrieg waren die Wachstumsraten von Chile, Argentinien, Mexiko und Peru mindes-
tens so hoch wie die Großbritanniens und der USA. Karl Marx hatte sicherlich recht, als
er argumentierte, dass eine kapitalistische Entwicklung sowohl ein Proletariat als auch
eine Bourgeoisie benötige. In Lateinamerika kam das Proletariat vom Land, von dem die
indigene Bevölkerung nach Aufhebung ihrer kommunalen Eigentumsrechte vertrieben
worden war und wo der Großgrundbesitz in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
rapide expandierte. In Brasilien sorgten die Abschaffung der Sklaverei und die massive
Einwanderung europäischer Immigranten für Nachschub an Arbeitskräften.

»Vom Wachstum nach außen« zur »Entwicklung nach innen«

Ökonomisch betrachtet, kommt der Jahrhundertwende in Lateinamerika kein Zäsur-


charakter zu. Seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wurde Lateinamerika zusehends
in die von den nordatlantischen Industriestaaten dominierte Weltwirtschaft integriert; diese
Tendenz sollte bis zur Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre andauern. In den ersten drei
Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts erlebte das Modell eines »Wachstums nach außen« sogar
erst seine volle Entfaltung, es kam zu einem beachtlichen wirtschaftlichen Wachstum, vor
allem der dynamischen Exportsektoren. Der Erfolg dieses Wirtschaftsmodells machte
allerdings gleichzeitig alternative Wirtschaftsstrategien, wie z.B. eine verstärkte Industria-
lisierung, weniger attraktiv und trug damit maßgeblich zur Schwäche dieses Wirtschafts-
sektors bis weit ins 20. Jahrhundert hinein bei (vgl. Bernecker/Tobler 1996).
Die wichtigste Auswirkung des Ersten Weltkrieges auf Lateinamerika war das
ökonomische Vordringen der USA. In Mexiko, Zentralamerika und der Karibik verstärk-
ten die Vereinigten Staaten ihre Vormachtstellung, in Südamerika bauten sie ihren Anteil
am gesamten Auslandskapital weiter aus. Auch die Handelsbeziehungen zwischen den
USA und Südamerika wurden intensiver; Europa geriet allmählich ins Hintertreffen
(Thorp 1986).
Die in der älteren Forschung vorherrschende Konzentration auf das Entwicklungs-
modell des »Wachstums nach außen« hat zu der weitverbreiteten Vorstellung geführt,
dass sich die moderne lateinamerikanische Industrie auf breiterer Basis erst unter dem
56 Walther L. Bernecker

Schock der Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre herausgebildet habe. Diese Vorstel-


lung lässt sich im Licht neuerer Forschungsergebnisse nicht aufrechterhalten. Vielmehr
belegt die ökonomische Entwicklung in einzelnen Staaten wie Argentinien, Brasilien und
Mexiko den positiven Zusammenhang von Exportwachstum und industrieller Expansi-
on. In den südamerikanischen Flächenstaaten spielte die starke europäische Einwande-
rung eine stimulierende Rolle. Ab den 1920er-Jahren gingen auch ausländische, vor
allem nordamerikanische Firmen dazu über, die Herstellung bzw. Montage zuvor
exportierter Produkte und Güter in die größeren Länder Lateinamerikas zu verlagern.
Immerhin betrug am Ende der 1920er-Jahre der Anteil der Industrie am Bruttosozialpro-
dukt in Argentinien 20 Prozent, in Brasilien 12,5 Prozent und in Mexiko 14,2 Prozent.
Allerdings kann man insgesamt nur von einem Wachstum der Industrie, noch nicht aber
von einer eigentlichen Industrialisierung sprechen (Lewis 1993). Die Industrie blieb
relativ vernachlässigt, da das exportorientierte Wachstumsmodell ungebrochen attraktiv
war. Erst als die Wirtschaftskrise der 1930er-Jahre auch zu einer Krise dieses Modells
führte, traten alternative Modelle wie Industrialisierung in den Vordergrund.
Die Jahre zwischen dem Ersten Weltkrieg und der Weltwirtschaftskrise lassen sich
als eine entscheidende Transformationsperiode in den Beziehungen im »Atlantischen
Dreieck« und der Außenwirtschaft Lateinamerikas bezeichnen. Die USA wurden zum
wichtigsten ausländischen Kapitalinvestor und Handelspartner einer wachsenden Zahl
lateinamerikanischer Staaten. Auch im Finanzsektor lösten die USA Großbritannien als
Führungsmacht ab, lateinamerikanische Regierungen stellten zur Reform ihrer veralteten
Steuer-, Verwaltungs- und Bankensysteme US-amerikanische Finanzberater ein. Dass
die Vereinigten Staaten in den 1920er-Jahren für Lateinamerika zu einer bedeutenden
Quelle von Auslandskapital wurden, war für die Empfängerländer mitunter allerdings
von zweifelhaftem Wert. Zwar hielten die US-Investitionen auch bei nachlassender
europäischer Investitionstätigkeit an, die lateinamerikanischen Staaten mussten sich aber
den außenpolitischen Zielen der USA unterordnen. In einigen der bedeutenderen Repu-
bliken nahm die Investitionstätigkeit derart zu, dass man vom »Tanz der Millionen«
sprach. Die Verteilung der US-Investitionen entsprach überwiegend den Handels-
bedürfnissen der Metropole. Die in Lateinamerika tätigen Auslandsunternehmen ver-
sorgten gewissermaßen als verlängerter Arm der US-Wirtschaft diese mit Mineralien,
Erdöl und Erzeugnissen der tropischen Landwirtschaft. Viele Investitionsinseln glichen
Enklaven, die keine Beziehungen zur weitgehend unterentwickelten Wirtschaft der
Empfängerländer unterhielten (Hilton 1985).
Die Zwischenkriegsjahre erfuhren in der Weltwirtschaftskrise eine säkulare Zäsur, die
für die weitere Geschichte Lateinamerikas von großer Bedeutung wurde. Der fast völlige
Zusammenbruch des Geld-, Kredit- und Aktienmarktes, der sich in den Industriemetropolen
seit 1929 vollzog, traf in Lateinamerika die bereits durch den globalen Preisverfall
agrarischer und mineralischer Primärgüter schwer in Mitleidenschaft gezogenen Export-
ökonomien in vielfältiger Weise. Die meisten lateinamerikanischen Staaten litten enorm
unter der Kontraktion des Welthandels. Der durchschnittliche Rückgang des Exportvolu-
mens - von 1929 bis 1932 um 27 Prozent - lief parallel zu einer empfindlichen Reduktion
des Bruttoinlandsprodukts, was auf eine hohe Exportabhängigkeit verweist. Der Ausfuhr-
einbruch war zwar von Land zu Land höchst unterschiedlich; insgesamt fiel jedoch der
prozentuale Anteil Lateinamerikas am Welthandel von 8 auf 6,3 Prozent.
Die wirtschaftliche Entwicklung Lateinamerikas in der Neuzeit 57

Zur Reduktion des Export- und Importvolumens kam die globale Verschlechterung
der externen terms of trade. Allerdings muss zwischen Ländern und Exportprodukten
differenziert werden: Die Ausfuhr von argentinischem Weizen, brasilianischer Baum-
wolle, venezolanischem Erdöl, peruanischem Gold und mexikanischem Silber erholte
sich rascher als der Export von chilenischem Kupfer, brasilianischem Zucker oder
zentralamerikanischem Kaffee. Jedoch blieben selbst in den günstigeren Fällen die
Weltmarktperspektiven wenig verheißungsvoll, da die Industriestaaten inzwischen pro-
tektionistische Zollmauern errichtet und diskriminierende Handelsabkommen geschlos-
sen hatten, was den Marktzugang für lateinamerikanische Produkte erheblich erschwerte.
Im Verlauf der Weltwirtschaftskrise erfuhren nahezu alle lateinamerikanischen
Staaten auch eine drastische Verschlechterung ihrer Zahlungsbilanz. 1929 verließen
Argentinien und Uruguay, in den folgenden Jahren zahlreiche weitere Staaten den
Goldstandard. Der Wert der Währungen Boliviens, Chiles, Uruguays fiel bis 1933 um
mehr als 50 Prozent. Viele lateinamerikanische Staaten verloren einen Großteil ihrer
Gold- und Devisenreserven, was zur Reduktion oder Einstellung der Schuldcnzahlungen
ins Ausland führte. Ausländische Kredite wurden abgezogen, neue Anleihen konnten
nicht aufgelegt werden, die meisten Regierungen führten (1931) die Devisenkontrolle zur
Erleichterung der Zahlungsbilanzprobleme ein.
Die im Gefolge der Weltwirtschaftskrise erfolgenden Maßnahmen stellten keine
gezielte Abkoppelung aus der Weltwirtschaft dar; es waren vielmehr pragmatische
Notstandsmaßnahmen, die allerdings zu einer wirtschaftspolitischen und entwicklungs-
strategischen Neuorientierung vieler lateinamerikanischer Länder in Richtung einer
verstärkten »Entwicklung nach innen« führten.
Die Erholung von der Wirtschaftsdepression ab 1932 hing eng mit dem Aufschwung
des Außensektors zusammen. Der erneute Anstieg der Exporte und die damit einherge-
hende Exportkapazität bedeuteten aber nicht unbedingt eine Zunahme des Umfangs des
Außenhandels. Staatseinnahmen aus Handelszöllen blieben weiterhin relativ begrenzt,
was in allen Staaten zu Steuerreformen und einer aktiveren Steuerpolitik führte. Ein
leichter Trend in Richtung auf direkte Steuern und die Einführung zahlreicher indirekter
Steuern sollten den Ausgleich bewirken. Gegen Ende der 193()er-Jahre war die direkte
Korrelation zwischen dem Wert des Außenhandels und den Staatseinnahmen deutlich
gelockert worden, damit entbehrte das außenorientierte Wachstumsmodell einer wichti-
gen Grundlage.
Die nachhaltige Erschütterung der zentralen Exportsektoren während der Weltwirt-
schaftskrise hatte weitreichende Auswirkungen auf die lateinamerikanischen Volkswirt-
schaften und löste schließlich starke Impulse für eine importsubstituierende Industriali-
sierung aus, welche den allmählichen Übergang von einem Modell des »Wachstums nach
außen« zu einer Strategie der verstärkten »Entwicklung nach innen« markiert (Bulmer-
Thomas 1994).
Gestützt auf eine starke Inlandsnachfrage, die durch die Erholung der Exportwirt-
schaft und zum Teil durch ein keynesianisch inspiriertes staatliches deficit spending
angeregt wurde, setzte vor allem in jenen Ländern, die bereits über eine industrielle Basis
verfügten, ein erhebliches Wachstum der Industrieproduktion ein. Argentinien erhöhte
seine Industrieproduktion zwischen 1932 und 1939 um jährlich mehr als 7 Prozent, einen
ähnlichen Wert verzeichneten Brasilien und Chile, während Mexiko und Kolumbien gar
58 Walther L. Bernecker

jährliche Wachstumsraten von mehr als 10 Prozent erzielten. Außerdem erfuhr die
Industrie in den 1930er-Jahren eine deutliche Diversifizierung. Zwar blieben Textil- und
Nahrungsmittelindustrien die wichtigsten Branchen, aber neue Industriezweige wie die
Metallverarbeitung, die Chemie- und Papierindustrie sowie die Herstellung dauerhafter
Konsumgüter konnten sich nun stärker entwickeln.
Bei diesem industriewirtschaftlichen Aufschwung spielte der Staat eine nicht unwe-
sentliche Rolle, indem er einerseits durch seine Währungs- und Zollpolitik besonders
günstige Voraussetzungen für eine auf den Binnenmarkt ausgerichtete Industrieproduk-
tion schuf und andererseits selbst unmittelbar als Unternehmer in Aktion trat, wie im Falle
der 1938 nationalisierten Erdölindustrie Mexikos.
Die in den 1930er-Jahren eingeleitete Wirtschaftsentwicklung wurde durch den
Zweiten Weltkrieg unterbrochen, der nach dem Ersten Weltkrieg und den Auswirkungen
der Weltwirtschaftskrise den dritten großen externen Schock für die lateinamerikanische
Wirtschaft im 20. Jahrhundert bedeutete. In Fortsetzung der Entwicklung, die bereits in
den 30er-Jahren eingesetzt hatte, kam es in Lateinamerika während des Kriegs zu einer
verstärkten Wirtschaftskooperation zwischen dem Staat und der Privatwirtschaft; dieser
Trend sollte das Kriegsende überleben und zu einem wichtigen Fundament der Nach-
kriegsindustrialisierung werden.
Der Zweite Weltkrieg verschob in ganz entscheidender Weise das wirtschaftliche
Gravitationszentrum nach den USA. Die Außenhandelsströme Lateinamerikas richteten
sich nun immer stärker auf die Vereinigten Staaten aus. Während in der zweiten Hälfte
der 1920er-Jahre erst 43 Prozent des lateinamerikanischen Außenhandels auf die USA
entfallen waren, erreichte dieser Wert 1950 bereits 56 Prozent.
Nach dem Krieg verlor Lateinamerika für die USA an politischer Bedeutung. Vor
diesem Hintergrund entstand jene neue Wirtschaftsdoktrin, die eine radikale Abkehr vom
bisherigen außenorientierten Wirtschaftsmodell postulierte. Sprachrohr dieser neuen
Wirtschaftsstrategie wurde die 1948 als Unterorganisation der UNO gegründete »Wirt-
schaftskommission für Lateinamerika« CEPAL (Comision Econömica para America
Latina), die in den späten 1940er- und 1950er-Jahren eine aus den spezifischen Erfahrun-
gen »peripherer« Länder abgeleitete Wirtschaftstheorie entwickelte, die die Notwendig-
keit der lateinamerikanischen Industrialisierungsstrategie begründete. Während die
vorherrschende neoklassische Theorie von der Vorstellung einer für beide Seiten des
weltwirtschaftlichen Systems vorteilhaften internationalen Arbeitsteilung ausging, wies
CEPAL-Generalsekretär Raul Prebisch diese optimistische Erwartung für die Entwick-
lungsländer zurück. Er stützte sich vor allem auf die für die rohstoffexportierenden
Länder nachteiligen, weil angeblich längerfristig fallenden realen Austauschverhältnisse,
die terms of trade. Die Schwäche eines primär auf Rohstoffexporte ausgerichteten
Wirtschaftsmodells lag nach Prebisch nicht nur in dessen extremer Anfälligkeit gegen-
über negativen äußeren Einflüssen, sondern vor allem in der asymmetrischen Verteilung
der Wachstums- und Entwicklungseffekte dieses herkömmlichen Systems internationa-
ler Arbeitsteilung, also in der Förderung der industriellen Zentren auf Kosten der
peripheren Rohstofflieferanten. Überwunden werden konnte diese Form wirtschaftlicher
Abhängigkeit und blockierter Entwicklung nur durch eine Industrialisierung, die wesent-
lich durch den Staat gefördert und gelenkt wurde, also durch eine entschlossene Politik
der »Entwicklung nach innen«.
Die wirtschaftliche Entwicklung Lateinamerikas in der Neuzeit 59

Zwischen 1950 und dem Beginn der lateinamerikanischen Wirtschaftskrise der 1980er-
Jahre erlebte der Subkontinent ein starkes Wachstum des industriellen Sektors mit durch-
schnittlichen jährlichen Zuwachsraten von 6,1 Prozent. Im Unterschied zur Zeit vor 1930
war jetzt der Industriesektor der wichtigste Wachstumsmotor. Gegenüber der Zeit vor 1930
kann man geradezu von einer Umkehr des Wachstumsmodells sprechen, indem der
Großteil der verfügbaren wirtschaftlichen Ressourcen in die Industrie geleitet wurde,
während der traditionell bevorzugte Exportsektor nun eine starke Vernachlässigung erfuhr.
Tempo und Umfang der Industrialisierung der folgenden Jahrzehnte waren in den
einzelnen Sparten bzw. Regionen recht unterschiedlich (Ffrench-Davis/Munoz/Palma
1994). Das stärkste industrielle Wachstum wiesen in den drei Jahrzehnten nach 1950 die
beiden großen Staaten Brasilien und Mexiko auf; in den kleineren Staaten, etwa in
Zcntralamerika, setzte die Industrialisierung erst später ein. Ende der 1950er- und Anfang
der 1960er-Jahre erlebte die eigentliche Importsubstitution ihren Höhepunkt; die Fortset-
zung der industriellen Wachstumsdynamik setzte eine verstärkte Ausrichtung auf den
Export von Industriegütern und den Ausbau der eigenen Kapitalgüterindustrie voraus.
In den 1960er-Jahren verlor die bis dahin vorherrschende lateinamerikanische
Wachstumsstrategie, die importsubstituierende Industrialisierung, zunehmend ihre an-
fängliche Dynamik. Neben dem Aufbau einer eigenen Kapitalgüterindustrie wurde vor
allem in der lateinamerikanischen Wirtschaftsintegration ein Mittel zur Ausdehnung der
Märkte und damit zur Aufrechterhaltung der industriellen Wachstumsdynamik gesucht.
Tatsächlich waren seit den 1960er-Jahren zahlreiche regionale Integralionsbestrebungen
zu beobachten (Mols 1981), die insgesamt aber keinen starken und nachhaltigen Wachs-
tumsschub auszulösen vermochten. Dies bewirkte in den 1970er-Jahren eine allmähliche
Abwendung vom Modell der Importsubstitution und verstärkte Anstrengungen, im
Ausland neue Absatzmärkte zu erschließen.

Verschuldungskrise, Neoliberalismus, Globalisierung


Die internationale Verschuldungskrise der 1980er-Jahre sollte zu einer abermaligen
Zäsur in der Wirtschaftsgeschichte Lateinamerikas führen. Der offene Ausbruch der
Verschuldungskrise erfolgte 1982, als Mexiko seine Zahlungsunfähigkeit erklärte. Vor
allem die gewaltige Expansion der Auslandsverschuldung während der 1970er-Jahre
hatte den Grundstein für die Verschuldungskrise gelegt. In den 1970er-Jahren vereinig-
ten die lateinamerikanischen Länder rund 40 Prozent aller Auslandsschulden kapital-
importierender Entwicklungsländer auf sich; bei Ausbruch der internationalen Finanz-
krise 1982 entfiel fast jeder zweite US-Dollar der Auslandsverschuldung auf diese
Ländergruppe. Hauptschuldnerländer waren damals drei lateinamerikanische Staaten:
Brasilien, Mexiko, Argentinien. Für ganz Lateinamerika lässt sich sagen, dass ab Ende
der 1970er-Jahre die Auslandsverschuldung wesentlich schneller stieg als das Wachstum
des aggregierten Sozialprodukts. Besonders krass entwickelte sich das Verhältnis von
Auslandsschulden zum Exportpotenzial. 1977 überstieg die Verschuldung den Export
von Gütern und Dienstleistungen bereits um fast das Doppelte, und 1986 hätten die
lateinamerikanischen Länder die Exporte von mehr als drei Jahren zur Tilgung ihrer
Auslandsschulden verwenden müssen.
60 Walther L. Bernecker

Die Ursachen der Verschuldungskrise waren vielfältiger Art. In den 1960er-Jahren


setzten sich immer mehr mittel- und langfristige Bankkredite zur Finanzierung des
Industrialisierungsprozesses durch. Dabei stiegen die jahresdurchschnittliche Neuver-
schuldung und die daraus resultierenden Schuldendienstverpflichtungen bereits bedroh-
lich an. Der wichtigste externe Faktor war sodann die Ölpreispolitik der OPEC-Staaten
1973/74; viele Staaten konnten die deutlich erhöhten Ölrechnungen zwar nicht durch
entsprechendes Exportwachstum ausgleichen, hielten aber trotzdem an der kredit-
finanzierten Entwicklungspolitik fest. Dass diese verschuldungsintensive Strategie zu
Beginn der 1980er-Jahre in die Verschuldungskrise überging, hing mit verschiedenen
externen und internen Faktoren zusammen: Zu den externen zählten zum einen die zweite
Olpreiserhöhung durch die OPEC-Staaten 1979, zum anderen die Wirtschaftspolitik der
USA mit dem Wechsel von der Zins- zur Geldmengensteuerung, was zu einer weltwirt-
schaftlichen Rezession führte, die sich vor allem auf die lateinamerikanischen Exporte
negativ auswirkte; hinzu kamen der weitere Verfall der Rohstoffpreise und der neue
Protektionismus der Industrieländer. Parallel hierzu stiegen die Zinsrechnungen der
Schuldnerländer infolge variabler Zinssätze dramatisch an. Die internen Faktoren waren
verschiedene wirtschaftspolitische Fehlentscheidungen der lateinamerikanischen Regie-
rungen: Investitionen in zweifelhafte Industrieprojekte, Konsum- und Rüstungsausga-
ben, großzügige Ausgabenpolitik, lockere Geld- und falsche Wechselkurspolitik, um-
fangreiche Kapitalflucht.
Um einen Finanzkollaps zu verhindern, griffen private und staatliche Gläubiger,
Regierungen, Zentralbanken und internationale Finanzorganisationen nach 1982 in den
Krisenprozess ein. Zum Hauptinstrument des Krisenmanagements wurden die so ge-
nannten Umschuldungen, d.h. neue Kreditverträge zwischen Gläubigern und Schuldnern
zur Verlagerung der fälligen Schuldentilgungen in die Zukunft (Eberlei 1991).
Obwohl die USA während des ganzen Prozesses grundsätzlich nicht von ihrer
neoliberalen Haltung in der Schuldenfrage abwichen, behandelten sie das Problem im
Laufe der Jahre eherpolitisch. Bei allen angewendeten Mechanismen -etwa Umwandlung
der Schulden in Aktien, Verringerung bzw. Fixierung der Zinsraten, Schuldenreduzierung
durch Preisrückgänge lateinamerikanischer Schuldtitel auf dem Sekundärmarkt - hat die
Entwicklung der letzten Jahre erkennen lassen, dass das Problem noch lange die Beziehun-
gen zwischen den USA und Lateinamerika mitbestimmen wird.
Die meisten lateinamerikanischen Schuldnerländer versuchten, um die drohende
Insolvenz zu verhindern, ihre Exporte zu steigern und die Importe zu drosseln; die
Reduzierung der Wareneinfuhr und die Steigerung der Ausfuhrerlöse führten ab 1982 zu
einer Umkehrung des jahrzehntelangen Handelsbilanzdefizits. Allerdings mussten die
Ausfuhrmengen überproportional erhöht werden, um steigende Ausfuhrerlöse zu erzie-
len, da die Weltmarktpreise wichtiger lateinamerikanischer Agrarerzeugnisse (Kakao,
Baumwolle, Rindfleisch) und Rohstoffe (Kupfer, Eisenerz, Bauxit) stark rückläufig
waren. Da die Importe im Verschuldungsjahrzehnt drastisch sanken, ist die Weltmarkt-
integration Lateinamerikas in dieser Phase insgesamt deutlich zurückgegangen.
Über die Steigerung der Ausfuhren hinaus bedurfte es struktureller Reformen zu
Lasten des Konsums oder der Investitionen, um auf diese Weise die internen Ansprüche
an das Bruttosozialprodukt einzuschränken. Die verschiedenen Strukturanpassungs-
programme hatten in vielen Ländern erhebliche rezessive Effekte, die eine Drosselung
Die wirtschaftliche Entwicklung Lateinamerikas in der Neuzeit 61

des Wirtschaftswachstums und damit einen Rückgang des Pro-Kopf-Einkommens zur


Folge hatten. Auch die Situation der öffentlichen Haushalte verschlechterte sich deutlich,
da der Staat zur Erfüllung seiner Zins- und Tilgungsverpflichtungen die interne Verschul-
dung erheblich anheben musste. Da viele lateinamerikanische Regierungen die Auswei-
tung der internen Staatsverschuldung durch Geldschöpfung finanzierten, wurde die
Inflation 1980-1990 in Einzelfällen auf bis zu fünfstellige Jahresraten emporgetrieben
(Feinberg/Ffrench-Davis 1988).
Die lateinamerikanische Auslandsschuld ist in den letzten Jahren nicht zurückgegan-
gen, sondern weiter gestiegen. Im Jahr 2001 überschritt sie bereits die 820 Milliarden US-
Dollar; verschuldungsbedingt muss die Region noch für längere Zeit einen Netto-
ressourcentransfer an die übrige Welt erbringen (Sangmeister 2000:15). Hauptschuldner
ist in Lateinamerika mit 90 Prozent der langfristigen Auslandsschulden die Öffentliche
Hand; bis in die 1980er-Jahre waren die Kreditgeber bis zu 70 Prozent private, vor allem
US-amerikanische Gläubigerbanken; in den 1990er-Jahren ist der externe Finanzierungs-
bedarf verstärkt über Anleihen an den internationalen Kapitalmärkten gedeckt worden.
Zur Zeit (2002) sind über 70 Prozent der lateinamerikanischen Auslandsschulden auf die
drei Staaten Brasilien, Mexiko und Argentinien konzentriert. Im lateinamerikanischen
Durchschnitt müssen fast 50 Prozent der Exporterlöse für den Schuldendienst verwendet
werden.
Die relativ günstigen Bedingungen, die Mexiko und Chile in den Schulden-
reduzicrungsabkommen eingeräumt wurden, dürften auch mit der Bereitschaft dieser
beiden Länder zusammengehangen haben, ihre nationale Wirtschaftspolitik an dem von
den Gläubigern geforderten neoliberalen Reformprojekt auszurichten. In vielen anderen
Schuldnerländern zögerten die Regierungen relativ lange, bis sie die gesamtwirtschaft-
lichen Konsequenzen aus ihrer Verschuldungssituation zu ziehen bereit waren. Trotzdem
war am Ende des »verlorenen Jahrzehnts« der 1980er-Jahre klar, dass Lateinamerika von
dem seit einem halben Jahrhundert dominierenden Leitbild industrieller Binnen-
orientierung weitgehend abgewichen ist und eine grundlegende Restrukturierung der
Volkswirtschaften vorgenommen hat. Die Strategie staatlich angeleiteter und extern
finanzierter Industrialisierung durch Importsubstitution war an ihrem Schlusspunkt
angelangt (Ffrench-Davis/Devlin 1992).
Im 20. Jahrhundert sind die Länder Lateinamerikas im Vergleich zu den Industrie-
ländern und den aufstrebenden Ländern Asiens mehr oder minder kontinuierlich zurück-
gefallen (Foders 2001:1). Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts war - im Unterschied
zur ersten - für den Subkontinent eine durch Wachstumsschwäche gekennzeichnete
Periode. Die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate des realen Pro-Kopf-Einkom-
mens war in den wichtigsten Ländern Lateinamerikas zwar höher als in den USA, lag aber
weit unter Korea/Taiwan und Westeuropa. Das durchschnittliche Einkommen Latein-
amerikas war - relativ zum Einkommen der Vereinigten Staaten - sogar leicht rückläu-
fig. Die Welteinkommensverteilung hat sich im letzten Jahrhundert somit zu Ungunsten
Lateinamerikas verschoben.
Die relativ geringe wirtschaftliche Entwicklung Lateinamerikas nach dem Zweiten
Weltkrieg hat mehrere Gründe: Die Politik der Importsubstitution hatte eine Re-
Allokation von Produktionsfaktoren zur Folge, die vom Primärsektor (Landwirtschaft,
Bergbau) abgezogen und dem Industriesektor zugeführt wurden. Die Entwicklung einer
62 Walther L. Bernecker

wettbewerbsfähigen Exportwirtschaft wurde dadurch behindert; der obwaltende Protek-


tionismus wirkte sich wie eine hohe Steuer auf die Ausfuhren aus. Außerdem hat die
Politik der Importsubstitution die Bildung von Interessengruppen gefördert und zu einer
Segmentierung des Arbeitsmarktes, damit zur Herausbildung einer enormen Schatten-
wirtschaft beigetragen; es wurde versäumt, die Grundlagen einer marktwirtschaftlichen
Ordnung zu schaffen. Möglicherweise hing die schwache Wachstumsleistung Latein-
amerikas auch mit der personellen Einkommensverteilung in der Region zusammen:
Lateinamerika weist nämlich im internationalen Vergleich die mit Abstand am wenigsten
gleiche personelle Einkommensverteilung auf, und neuere Ergebnisse der empirischen
Wachstumsforschung deuten daraufhin, dass eine Zunahme der Ungleichheit zu weniger
Wirtschaftswachstum führen kann.
Die hohe Verschuldung vieler Länder führte zu einer neuen Entwicklungsstrategie,
die »Washington Consensus« genannt wurde. Zunächst drehte sich in Lateinamerika
alles darum, die Unterstützung internationaler Finanzinstitutionen und privater Banken
für Reformen zu erhalten, durch welche die Länder in die Lage versetzt werden sollten,
den Schuldendienst wieder aufzunehmen. »Wichtigste Bestandteile des wirtschaftspoli-
tischen Konsensus waren die Liberalisierung des Handels und des Kapital verkehrs sowie
die Privatisierung und Deregulierung der Wirtschaft.« (Foders 2001:37)
In den 1980er- und 1990er-Jahren erfasste die führenden Handelsnationen eine neue
Liberalisierungswelle; das neue Zeitalter der internationalen Wirtschaft wurde schnell
»Ära der Globalisierung« genannt. Spätestens zu Beginn der 1990er-Jahre fingen die
lateinamerikanischen Staaten an, ihre Volkswirtschaften in Übereinstimmung mit den
Globalisierungstendenzen zu deregulieren und zu privatisieren; viele Hemmnisse für den
Handel und den Kapitalverkehr wurden abgeschafft. Von großer Bedeutung für die
Liberalisierung war die Tatsache, dass sich Mexiko 1994 an der Freihandelszone NAFTA
mit den Vereinigten Staaten beteiligte und in Südamerika die Zollunion MERCOSUR
gegründet wurde. Diese Projekte (sub)regionaler Integration und Kooperation verstehen
sich nicht als Neuauflage protektionistischer Abschottungsstrategien vergangener Jahr-
zehnte, sondern als pragmatische Zwischenschritte auf dem Weg zu dem weitergehenden
Ziel der Weltmarktintegration. Inzwischen hat weitgehende Enttäuschung um sich
gegriffen, die Reformen der 1980er- und 1990er-Jahre haben den meisten Ländern
Lateinamerikas keine sichtbaren Erfolge gebracht. Daher wird von vielen Analysten ein
»Post-Washington-Consensus« gefordert. Denn in vielen Ländern der Region sinkt die
Akzeptanz marktwirtschaftlicher Wirtschaftsreformen wieder, während gleichzeitig der
von unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen getragene Widerstand gegen eine
staatliche Wirtschaftspolitik wächst, die als Einbindung nationaler Volkswirtschaften in
den Prozess der Globalisierung gedeutet wird. Um den begonnenen Wirtschaftsreformen
ökonomisch und gesellschaftlich zum Erfolg zu verhelfen, sind weitere Reformen der
»zweiten Generation« in den Bereichen Arbeitsmarkt, soziale Sicherungssysteme und
(Aus)Bildung erforderlich (Sangmeister 2000:22-25). Die Arbeitsmärkte müssen stär-
ker dereguliert werden, um das Anwachsen der informellen Beschäftigung einzudäm-
men; die korporativistisch geprägte Arbeitsgesetzgebung bedarf der Vereinfachung. Die
sozialen Sicherungssysteme müssen leistungsfähig bleiben oder werden, um die materi-
elle Existenz der Arbeitnehmer zu sichern; für große Bevölkerungsgruppen bedarf es
einer obligatorischen Sozialversicherung, da nur durch diese das Solidaritätsprinzip
Die wirtschaftliche Entwicklung Lateinamerikas in der Neuzeit 63

politisch-gesellschaftlich verankert werden und eine Umverteilung zugunsten der Bezie-


her niedriger Einkommen erfolgen kann. Der Prozess der Humankapitalbildung, der in
Lateinamerika personell stark konzentriert ist und die ungleiche Einkommensverteilung
perpetuiert, muss sich öffnen und durch zeitgemäße Lernorganisation und die Vermitt-
lung von Schlüsselqualifikationen eine breite Schicht ausgebildeter Arbeitskräfte gene-
rieren, die die internationale Konkurrenzfähigkeit ihrer Wirtschaften sicherstellen.
Hierzu aber sind massive Investitionen in das Bildungswesen erforderlich. Der wirt-
schaftliche Reformprozess muss mit einer Lösung der gesellschaftlichen Partizipations-
krise verbunden werden; nur dann gibt es in Lateinamerika eine Chance, allmählich die
katastrophalen Auswirkungen einer fehlgeleiteten Wirtschaftsentwicklung abzubauen.
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts lassen sich für Lateinamerika somit Defizite
aufzeigen, die auf die ersten Jahre der Unabhängigkeit zu Beginn des 19. Jahrhunderts
zurückverweisen: die Schwäche des Staates, der seiner gesellschaftlichen Um-
verteilungsfunktion nur äußerst rudimentär nachkommt; die fehlende Rechtssicherheit,
ohne die es kein langfristiges Wirtschaftsengagement geben wird; der Mangel an
Institutionen, der durch den Rückzug des Staates aus dem Wirtschaftsbereich noch
eklatanter geworden ist. Die extreme Abhängigkeit vieler Volkswirtschaften Lateiname-
rikas vom Auslandskapital erklärt die Volatilität der ökonomischen Entwicklung und die
stets wiederkehrenden Krisenzyklen, die Wachstumsgewinne binnen kürzester Zeit
zerstören können. Es fehlen in Lateinamerika somit wichtige Voraussetzungen für ein
erfolgreiches Funktionieren der Marktwirtschaft; daran wird sich kurzfristig auch nichts
ändern. Allzu optimistischen Marktpropheten sei die Zusammenarbeit mit Historikern
und ein Blick zurück in die Anfänge der Unabhängigkeit empfohlen, als Defizite
vergleichbarer Art ein halbes Jahrhundert Stagnation bewirkten.

Literatur

Baklanoff, Eric N„ Hg. (1969): The Shaping of Modern Brazil. Baton Rouge
Bernecker, Walthcr L. (1987): Industrie und Außenhandel. Zur politischen Ökonomie Mexikos im
19. Jahrhundert. Saarbrücken
Bernecker, Walther L. (1988): Die Handclskonquistadoren. Europäische Interessen und mexika-
nischer Staat im 19. Jahrhundert. Stuttgart
Bernecker, Walther L. (1988): Foreign Interests, Tariff Policy and Early Industrialisation in
Mexico 1821-1848. In: Ibero-Amerikanisches Archiv 1: 61-102
Bernecker, Walther L. (1988): Wirtschaftsimperialismus und Neokolonialismus. Zur Diskussion
über die >abhängige< Entwicklung Mexikos im 19. Jahrhundert. In: Geschichte und Gesell-
schaft, H. 2: 193-219
Bernecker, Walther L./Tobler, Hans-Werner (1996): Staat, Wirtschaft, Gesellschaft und Außen-
beziehungen Lateinamerikas im 20. Jahrhundert. In: Tobler, Hans Werner/Bernecker, Wal-
ther L. (Hg.): Handbuch der Geschichte Lateinamerikas. Band 3: Lateinamerika im 20.
Jahrhundert. Stuttgart: 3-227
Bulmer-Thomas, Victor (1994): The Latin American Economies, 1929-1939. In: Bethell, Leslie
(Hg.): The Cambridge History of Latin America, Bd. 6/1. Cambridge: 65-115
Bulmer-Thomas, Victor (2003): The Economic History of Latin America since Independence.
Cambridge
Peter Fleer

Mangel im Überfluss
Agrarstruktur und ländlicher Raum in Lateinamerika
seit dem späten 19. Jahrhundert

Veränderung der Agrarverhältnisse


in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
Entgegen dem immer noch weit verbreiteten Bild von einem rückständigen und stagnie-
renden Agrarsektor unterlagen die ländlichen Regionen Lateinamerikas seit der zweiten
Hälfte des 19. Jahrhunderts einem konstanten, mitunter spektakulären Wandel. Kein
Aspekt des ländlichen Lebens blieb davon verschont. Neue Produktionszweige und
Wirtschaftsformen entstanden und brachten neue soziale Schichten hervor, neues frontier-
Land wurde von europäischen Einwanderern besiedelt, Eisenbahnen trieben Kommer-
zialisierung und kapitalistische Produktionsweisen in vormals isolierte Gegenden, libe-
rale Eigentumsrechte lösten traditionelle kommunale Besitz- und Nutzungsverhältnisse
ab, die Konzentration des Bodenbesitzes ging mit der Proletarisierung der klein-
bäuerlichen Bevölkerung einher, die Arbeitsverhältnisse lösten sich zusehends aus
klientelistischen Beziehungsnetzen, der kulturellen Identität indianischer Subsistenzbauern
wurde vielerorts der Boden entzogen, Armut und Unterdrückung lösten Revolutionen
und Bürgerkriege aus, die das Land mit Gewalt überzogen, veränderte Macht- und
Herrschaftsstrukturen führten zur Ablösung alter Eliten durch neue.
Wollte man den Bruch zur vorhergehenden Periode betonen, böte sich das Jahr 1870
als symbolische Wegmarke an. In den meisten lateinamerikanischen Ländern hatten sich
bis zu diesem Zeitpunkt Staat, Gesellschaft und Wirtschaft nach den lang dauernden
Wirren der ersten Unabhängigkeitsjahrzehnte so weit konsolidieren können, dass Re-
formvorhaben »von oben« nun tatsächlich auch auf dem Land Wirkung zu zeigen
begannen und nicht bloß toter Buchstabe blieben. Im Innern wurde diese Dynamisierung
paradigmatisch von den sich kontinuierlich ausweitenden Eisenbahn- und Telegraphen-
netzen verkörpert, von außen wirkte sich die intensivierte Einbindung Lateinamerikas in
die Weltmärkte aus, die durch die Einrichtung interkontinentaler Dampfschifffahrtslinien
und Telegraphenverbindungen möglich wurde. Dadurch verringerten sich die ökonomi-
schen Distanzen zwischen den europäischen und aufstrebenden nordamerikanischen
Absatzmärkten und den lateinamerikanischen Rohstoffproduzenten um ein Vielfaches.
68 Peter Fleer

Insgesamt dürfen aber die technisch-ökonomischen Faktoren nicht überbewertet


werden. Obschon es Beispiele wie Argentinien oder Mexiko gab, deren Exporte zwischen
1870 und 1912 gegenüber der vorherigen Periode deutlich anstiegen, lassen sich für
Lateinamerika als Ganzes für das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts keine spektakuläre
Zunahme der Exporte, dafür aber markante Konjunkturwechsel nachweisen.
Auch die Auswirkungen des Eisenbahnbaus auf die Landwirtschaft müssen relati-
viert werden. Insbesondere in den großen Flächenstaaten Lateinamerikas nahm der Bau
von neuen Eisenbahnlinien vor allem nach 1880 zwar beeindruckende Ausmaße an -
Brasilien etwa hatte sein Netz von 15 km im Jahr 1855 bis 1913 auf fast 25.000 km
erweitert, wovon mehr als zwei Drittel der Strecken nach 1885 gebaut worden waren
(Bulmer-Thomas 1994:107). Aber im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung nahm sich die
Streckendichte - mit Ausnahme von Argentinien - im Vergleich zu anderen Welt-
regionen bescheiden aus.
Stärker als das generelle Wachstum der Agrarproduktion, das sich in den Export-
zahlen niederschlug, oder als die absolute Zunahme der Eisenbahnkilometer wirkten sich
politische Faktoren und weltmarktgetriebene Produktionsumlagerungen auf den Agrar-
sektor aus. In Guatemala z.B. hatte die um 1850 einsetzende Ablösung der Cochenille
durch Kaffee als Hauptexportprodukt weitreichende Folgen für die Arbeitsbeziehungen
und die Bodenbesitzverhältnisse. Mit dem Ende der fast dreißigjährigen konservativen
Herrschaft und der Machtergreifung durch die Liberalen im Jahr 1871 schwangen sich die
Kaffeepflanzer zur herrschenden politischen Machtelite auf, wodurch sich der seit der
Jahrhundertmitte bestehende Veränderungsdruck auf die ländliche Gesellschaft und
Wirtschaft verstärkte.
Wirtschaftshistoriker neigen dazu, eher die Kontinuitäten seit der Mitte des 19.
Jahrhunderts zu betonen, indem sie die technischen Innovationen und die allgemein
zunehmende Weltmarktintegration Lateinamerikas in den Vordergrund stellen. Hin-
sichtlich der Exportsektoren mag dies zutreffend sein, mit Blick auf die gesamte
Landwirtschaft - also auch auf die binnenmarkt- und subsistenzorientierten Sektoren -
sind jedoch die politischen Umwälzungen im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts von
entscheidender Bedeutung. Die Konsolidierung der Staatsmacht in den Händen von
exportorientierten Eliten, die die lateinamerikanischen Gesellschaften und Wirtschaften
grundlegend modernisieren wollten, war die Voraussetzung für die weitgehende Unter-
werfung des ländlichen Raums unter die Prämissen des Modells der »Entwicklung nach
außen«.

Die Entwicklung in Mexiko und Argentinien

In Mexiko, das diesen Zusammenhang beispielhaft illustriert, konnten zwar die Liberalen
1855 vorerst die Macht ergreifen und zwei Jahre später eine moderne Verfassung
erlassen, erst mit der Stabilisierung der zentralen Staatsmacht ab 1876 unter der Diktatur
von Porfirio Dfaz erfasste die wirtschaftliche Dynamisierung doch alle Bereiche der
Landwirtschaft. Die Liberalen hatten sich am Vorbild der ländlichen Entwicklung in den
USA orientiert und davon geträumt, die Produktivität der mexikanischen Landwirtschaft
auf der Basis von eigenständigen kleineren und mittleren marktorientierten Landwirten,
Mangel im Überfluss 69

entsprechend dem angelsächsischen Typus des yeoman-Farmers, zu steigern. Große


Bedeutung kam dabei der so genannten Ley Lerdo zu. Das Gesetz sah die Veräußerung
des Grundbesitzes der Toten Hand vor und bildete die Grundlage für die Überführung der
Kirchenländereien und des Kommunallandes der Kleinbauerndörfer in Privatbesitz. Die
Hoffnung, damit eine breitere Verteilung des Grundbesitzes zu erreichen, erfüllte sich
indessen nicht. Im Gegenteil: Der größte Teil des frei gewordenen Bodens geriet in die
Hände mächtiger hacendados. Die faktische Enteignung der kleinbäuerlichen Gemein-
schaften, die sich dadurch ihrer Lebensgrundlage beraubt sahen, erhöhte die sozialen
Spannungen auf dem Land, die sich nicht selten in gewaltsamen Dorfaufständen
entluden.
Obschon die Desamortisation des Kirchenbesitzes verhältnismäßig rasch umgesetzt
wurde, blieben die liberalen Reformen insgesamt in den politischen Wirren und Bürger-
kriegen der folgenden Jahrzehnte Stückwerk, und manche indigenen Kleinbauern-
gemeinden konnten ihre Autonomie und ihr Kommunalland bewahren. Dies änderte sich
nach 1876. Gestützt auf die Interessen der einflussreichen Gruppe der dem französischen
Positivismus anhängenden cientificos, deren herausragendste Figur Dfaz' Finanzminis-
ter Jose Yves Limantour werden sollte, leitete die porfiristische Diktatur eine Entwick-
lung ein, die mitunter mit dem Konzept der »konservativen Modernisierung« von
Barrington Moore verglichen wurde (Tobler 1992:24-33). Angetrieben wurde diese
Entwicklung, die bis dahin vom Wandel unberührt gebliebene Gegenden nachhaltig
veränderte, vom Zusammenspiel einer repressiven Politik, die politische Stabilität und
soziale Ruhe und Ordnung garantierte, und ausländischen Kapitalinvestitionen, die, von
eben diesen Bedingungen angelockt, das Fundament des eindrucksvollen mexikanischen
Wirtschaftswachstums im Porfiriat darstellten und damit der Regierung die finanziellen
Mittel zum Ausbau von Verwaltung, Polizei und Armee in die Hand gaben. Auf dem Land
verkörperte die berittene Polizeitruppe der rurales, die von Dfaz zu einer mobilen und
schlagkräftigen Einheit aufgebaut worden war, die Macht des Staates. Mit wenig
zimperlichen Methoden schlugen die rurales lokale Aufstände ebenso nieder, wie sie das
grassierende Bandenwesen eindämmten.
Die Verlierer dieser Entwicklung waren die Kleinbauern, die den größten Teil ihres
Bodens an die großen hacendados verloren. Gemäß allgemeinen Schätzungen befanden
sich nach der Unabhängigkeit etwa zwei Fünftel des Agrarlandes in den Händen von
kleinbäuerlichen Dorfgemeinschaften, nach dem Sturz von Dfaz im Jahr 1911 verblieben
ihnen nicht mehr als 5 Prozent (Katz 1986:48). Die porfiristische Modernisierung hatte
somit eine Agrarstruktur klarer konturiert, die schon vor der Unabhängigkeit angelegt
gewesen war und das gesamte lateinamerikanische Kerngebiet von Zentralmexiko bis zu
den Anden charakterisierte. Diese von Gegensätzen geprägte Grundstruktur ohne trag-
fähige agrarische Mittelschicht, in der sich Großgrundbesitz und Klein- bzw. Kleinstbesitz
unvermittelt gegenüberstanden, sollte für das gesamte 20. Jahrhundert das Referenz-
modell bleiben.
Es war die mexikanische Revolution, die diese Grundstruktur zuerst radikal in Frage
stellte. Die kleinbäuerliche zapatistische Revolution im Gliedstaat Morelos, die sich
gegen die skrupellose Ausdehnung der Zuckerhaciendas zur Wehr setzte, wurde zum
Symbol des kleinbäuerlichen Kampfes um Land (Womack 1974). Am Ende siegten in
den Revolutionskämpfen jedoch nicht die sozialreformerischen Kräfte des zentralen und
70 Peter Fleer

südlichen Hochlandes, sondern es setzte sich die »Revolution des Nordens« durch, deren
Anführer aus den aufstrebenden Mittelschichten stammten und die ihre neuen Machtposi-
tionen unter anderem dazu nutzten, selbst zu wohlhabenden Großgrundbesitzern aufzustei-
gen. Die in den 30er-Jahren von Läzaro Cärdenas durchgeführte umfassende Agrarreform
besiegelte zwar das endgültige Ende der traditionellen porfiristischen hacienda und
verschaffte einer beachtlichen Zahl von verarmten Bauern und Taglöhnern Zugang zu
Land. Die nach 1940 verfolgte Wirtschaftspolitik, deren Hauptziel die rasche Industriali-
sierung Mexikos war, maß der Weiterführung der cardenistisehen Agrarreform jedoch
keine Priorität mehr bei. Die Produktion des Agrarsektors sollte im Gegenteil auf der
Grundlage kapitalistischer Mittel- und Großbetriebe nachhaltig gesteigert werden. Als
Folge dieser Neuorientierung kam es zu einem eigentlichen neolatifundismo, der das
ländliche Mexiko erneut in technologisch rückständige Klein- und Kleinstbetriebe einer-
seits und Großbetriebe mit kapitalintensiven modernen Produktionsmethoden andererseits
spaltete (Stavenhagen 1970:233-235). Das starke Bevölkerungswachstum mit jährlichen
Wachstumsraten von über 3 Prozent während der 50er- und 60er-Jahre verschärfte die
Situation in der Kleinlandwirtschaft zusätzlich und führte zu wachsender Unterbeschäf-
tigung und Proletarisierung (Chevalier 1993:131). Womit der Agrarsektor auch im
nachrevolutionären Mexiko bei allen Unterschieden die für Lateinamerika typischen
Grundzüge hervorbrachte: krasse Einkommens- und Reichtumsunterschiede, Unterbe-
schäftigung und prekäre Beschäftigungsverhältnisse, Verarmung und Landflucht.
Natürlich kann es sich bei einem solchen Befund nur um eine grobe Verallgemeine-
rung handeln. Der ländliche Raum Lateinamerikas zeichnet sich nicht durch Uniformität,
sondern durch strukturelle Heterogenität und historische Dynamik aus. Besonders
eindrücklich kam dies in Argentinien zum Ausdruck. Ähnlich der frontie r-Situatkm in
den USA und Kanada lockten in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Argentinien jenseits
der etablierten Siedlungsgebiete um Buenos Aires die fruchtbaren Weiten der Pampas.
Obschon diese Gebiete den Lebensraum für nomadisierende Indianerstämme darstellten,
sahen die Argentinier darin unbewohntes freies Land, das es zu besiedeln galt. Der
großangelegte Feldzug von 1879, der die militärische Niederwerfung und fast vollstän-
dige Ausrottung der indianischen Bevölkerung bedeutete, wurde denn auch verharmlo-
send als Conquista del Desierto (Eroberung der Wüste) bezeichnet. Der Eroberungsfeld-
zug vergrößerte das argentinische Territorium fast schlagartig um etwa 350.000 km2 und
löste eine beispiellose wirtschaftliche und gesellschaftliche Dynamik aus (Giberti
1981:157). Hatte um 1865 die gesamte bebaute Ackerfläche Argentiniens kaum mehr als
1.000 km2 betragen, umfasste sie am Ende des Jahrhunderts mehr als 200.000 km2 (Taylor
1948:141). Bis zum Vorabend des Ersten Weltkriegs nahm der Wert der argentinischen
Agrarexporte um mehr als das Fünffache zu. Dabei handelte es sich nicht um einen
kontinuierlichen Wachstumsprozess, sondern um einen dynamischen sozio-ökonomi-
schen Wandel, mit dem eine Diversifizierung der Produktionsstruktur einherging (Zeberio
1999:293-362). Die argentinische Landwirtschaft reagierte jeweils rasch auf veränderte
Konjunkturen auf den Weltmärkten und neue Absatzmöglichkeiten. Bereits vor der
Conquista del Desierto hatte die Schafzucht infolge hoher Nachfrage nach Wolle die
traditionelle Viehzucht im Hinterland von Buenos Aires in die Randgebiete derfrontier-
Regionen verdrängt (Sabato 1990:26). Mitte der 1860er-Jahre weideten 40 Millionen
Schafe auf den Pampas, Wolle war zum wichtigsten Exportprodukt aufgestiegen.
Mangel im Überfluss 71

Zusammen mit technischen Innovationen wie der Einführung von Drahtumzäunungen


führte die Schafzucht zu einem Anstieg der Landpreise und zu einer Intensivierung der
Produktionsprozesse in den estancias, der argentinischen Form des Latifundiums. Als
sich nach 1890 dank der Einführung neuer Kühlmethoden die Möglichkeit eröffnete,
argentinisches Rindfleisch nach Europa und in die USA zu exportieren, stellten die
estancias rasch von der Schaf- auf die Rinderzucht um.
Nach 1880 führte die Erweiterung des Eisenbahnnetzes zu einer beispiellosen
Ausweitung der Getreideproduktion. Innerhalb weniger Jahre stieg Argentinien vom
Getreideimporteur zu einem der weltgrößten Weizenexporteure auf (Meissner 2000:188).
Diese Entwicklung war nur möglich geworden, weil die aktive Einwanderungspolitik der
Regierung im Zeitraum zwischen 1870 und 1914 insgesamt sechs Millionen europäische
(vor allem aus Spanien und Italien stammende) Einwanderer nach Argentinien lockte.
Das Ziel, mit den europäischen Einwanderern auf den Pampas eine mittelständische
Farmergesellschaft nach US-amerikanischem Vorbild zu etablieren, wurde indessen
verfehlt. Viele Einwanderer suchten ihr Glück von Beginn an in der aufstrebenden
Metropole Buenos Aires. Jene, die sich auf dem Land niederließen, wurden nicht ohne
weiteres Eigentümer von Grund und Boden. Viele scheiterten, weil es angesichts ständig
steigender Bodenpreise für landlose Landarbeiter zunehmend schwieriger wurde, Grund-
stücke zu erwerben (Sabato 1990:55). Unter diesen Bedingungen war nur eine Minder-
heit der Immigranten in der Lage, die letzte Stufe der »agricultural ladder« zu überwinden
und Eigentümer von Grund und Boden zu werden (Adelman 1994:101-102). Die meisten
mussten sich mit unsicheren, zeitlich befristeten Pachtverträgen begnügen (Sabato
1990:188-192). Unter den herrschenden sozio-politischen Bedingungen führte das
dynamische Wachstum insgesamt nicht zu einer Eindämmung, sondern zu einer Konso-
lidierung des Großgrundbesitzes. Dessen ungeachtet trugen die Einwanderer viel zum
rasanten wirtschaftlichen Wachstum im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts bei, das
Argentiniens Pro-Kopf-Einkommen auf die gleiche Höhe wie jenes von Deutschland,
Holland oder Belgien ansteigen ließ.

Externe Schocks und ihre Auswirkungen auf den


lateinamerikanischen Agrarsektor im 20. Jahrhundert
Könnte man in Bezug auf die Landwirtschaft das 19. Jahrhundert als das Jahrhundert der
Herausbildung eines genuin lateinamerikanischen Produktionsmodells bezeichnen, so
ließen sich im 20. Jahrhundert die externen Schocks in den Vordergrund stellen. In der
ersten Jahrhunderthälfte lösten die beiden Weltkriege und die Weltwirtschaftskrise der
30er-Jahre nachhaltige Veränderungsprozesse in der lateinamerikanischen Landwirt-
schaft aus. Das letzte Drittel war geprägt von der Erdölkrise der 70er-Jahre und der
Verordnung neoliberaler Strukturanpassungsprogramme durch die internationalen Finanz-
institute in den 80er-Jahren. An der Schwelle zum 21. Jahrhundert zeichnen sich mit den
US-amerikanischen Freihandelsinitiativen neue Herausforderungen für die lateinameri-
kanische Landwirtschaft ab.
Die Auswirkungen der externen Schocks auf den Agrarsektor waren weniger
unmittelbar konjunktureller als vielmehr indirekt struktureller Natur. Tatsächlich wurden
72 Peter Fleer

die lateinamerikanischen Landwirtschaften im Vergleich zu anderen Weltregionen von


den globalen Krisen verhältnismäßig wenig in Mitleidenschaft gezogen. Die externen
Schocks lösten jedoch mittel- und langfristig wirksame Prozesse aus, die zu nachhaltigen
Strukturveränderungen im Agrarsektor führten. Die Umgestaltung des Weltwirtschafts-
systems durch den Ersten Weltkrieg hatte noch keine grundlegende Änderung der
lateinamerikanischen Agrarstrukturen zur Folge. Ungleich schwerwiegendere Konse-
quenzen hatte die durch den New Yorker Börsensturz vom Oktober 1929 ausgelöste
Weltwirtschaftskrise. Sie hatte einen dramatischen Einbruch der Exporterlöse zur Folge
und stürzte die lateinamerikanischen Staaten in eine tiefe Finanzkrise. Ein besonders
eindrückliches Beispiel dieser Exportkrise stellte der Kaffee dar, dessen Weltmarktpreis
sich 1932 gegenüber dem Stand von 1928 um mehr als zwei Drittel reduziert hatte. Der
Grund für diesen markanten Preisverfall lag nicht allein in der schlagartig gesunkenen
Nachfrage, sondern auch in einem seit Ende des 19. Jahrhunderts bestehenden struktu-
rellen Überangebot. Als weltweit größter Kaffeeproduzent hatte Brasilien 1906 begon-
nen, dem Markt einen Teil der Kaffeeernte zu entziehen und Kaffee einzulagern, um den
Preis zu stützen. In anderen Ländern lösten aber diese künstlich hochgehaltenen Kaffee-
preise ungebremste Produktionssteigerungen aus. Die Ungewissheit, wann die über-
schüssigen Lagermengen zum Verkauf gelangen würden, belastete die Kaffeemärkte
zunehmend. Die Kaffeepreise begannen denn auch schon vor Ausbruch der Weltwirt-
schaftskrise zu fallen. Der Zusammenbruch der Finanzmärkte vereitelte weitere Preis-
stützungsmaßnahmen, und die hohe Arbeitslosigkeit in den Abnehmerländern verhinder-
te eine baldige Zunahme der Nachfrage und damit einen raschen Preisanstieg. Lateiname-
rika sah sich Anfang der 30er-Jahrc drastisch verschlechterten Außcnhandelsbedingungen
gegenüber. So hatte sich etwa die Kaufkraft seiner Exporte gegenüber dem Stand vor
Ausbruch der Krise mehr als halbiert (Bulmer-Thomas 1994:197). Dennoch erholten sich
die lateinamerikanischen Volkswirtschaften verhältnismäßig rasch von diesem massiven
Schlag. Bereits ab 1932 begannen die Exporte wieder deutlich zuzunehmen. Am
Vorabend des Zweiten Weltkriegs übertraf das Bruttoinlandsprodukt in den meisten
Ländern den Vor-Depressionswert. Dies änderte jedoch nichts am tiefgreifenden Struk-
turwandel, der durch die Krise ausgelöst worden war und während der 3()er-Jahre vor
allem durch die künstliche Verteuerung der Importe vorangetrieben wurde.
Die Krise der 30er-Jahre leitete nämlich jene Trends ein, die durch den Zweiten
Weltkrieg zwar kurzzeitig unterbrochen worden waren, sich nach Kriegsende dann aber
intensiviert fortsetzten. Ideologisch abgestützt durch den von der UN-Wirtschaftskom-
mission für Lateinamerika (CEPAL) propagierten Dependenz-Ansatz, der den latein-
amerikanischen Ländern eine Entwicklungsstrategie der importsubstituierenden Indus-
trialisierung empfahl, versuchten die Regierungen nun, die Industrialisierung auf breiter
Basis voranzutreiben. Diese Politik wurde von den sich bis in die 70er-Jahre stetig
verschlechternden Austauschverhältnissen (terms of trade) zwischen Rohstoffexporten
und den Importen industrieller Erzeugnisse bestätigt.
Es waren vor allem die großen Flächenstaaten wie Mexiko, Argentinien und
Brasilien, die beachtliche Industrialisierungserfolge verzeichnen konnten; Bestrebungen
in dieser Richtung waren aber in nahezu allen lateinamerikanischen Ländern auszuma-
chen. Für den Agrarsektor hatte die Neuorientierung der Wirtschaftspolitik weitreichen-
de Folgen. Zur Finanzierung ihrer Industrialisierungspolitik hoben die Regierungen die
Mangel im Überfluss 73

Exportsteuern an. Zusammen mit den erhöhten Schutzzöllen, die die Importe verteuerten,
bedeutete diese Maßnahme empfindliche Gewinneinbußen für den Agrarexportsektor.
Insgesamt nahm das politische Gewicht des Agrarsektors ab. In den erfolgreich industria-
lisierenden Ländern dominierten nun die Interessen der Industrie die Politik. Auf der
anderen Seite breiteten sich Kommerzialisierung und kapitalistische Produktionsweisen
durch den weiteren Ausbau der Verkehrsverbindungen im kleinbäuerlich geprägten
Subsistenzsektor immer weiter aus. Diese Entwicklung erfolgte vor dem Hintergrund
eines gewandelten Verständnisses von der Rolle der Landwirtschaft. Unter den Prämis-
sen der Importsubstitution wurde diese nicht mehr als Entwicklungsmotor wahrgenom-
men, sondern es wurde ihr nun eine zudienende Rolle als Lieferant von günstigen
Nahrungsmitteln und Arbeitskräften für die aufstrebenden urbanen Industriezentren
zugedacht (Long/Roberts 1994:326). Dies schlug sich unmittelbar in einem Rückgang
des agrarischen Anteils an der volkswirtschaftlichen Wertschöpfung nieder. Hatte etwa
in Mexiko der Anteil des Agrarsektors am Bruttoinlandsprodukt 1913 noch 24 Prozent
ausgemacht, so betrug dieser Wert 1990 nur noch gut 8 Prozent (Bulmer-Thomas
1994:10,122). Selbst in kleineren, stärker agrarisch geprägten Ländern war dieser Trend
festzustellen. In Nicaragua sank der Wert von knapp 56 Prozent (1920) auf unter 32
Prozent (1990). Als Folge dieser Entwicklung ging der Anteil der in der Landwirtschaft
Beschäftigten markant zurück. In ganz Lateinamerika reduzierte sich dieser Wert
zwischen 1950 und 1980 von knapp 54 auf weniger als 32 Prozent. Ein besonders
dramatisches Beispiel der Beschleunigung dieses säkularen Trends ist Mexiko. Zwi-
schen 1913 und 1950 hatte der Anteil der agrarischen Arbeitskräfte lediglich von knapp
64 auf gut 60 Prozent abgenommen. Bis 1990 halbierte sich dieser Wert auf weniger als
28 Prozent (Bulmer-Thomas 1994:122).
Als das Modell der importsubstituierenden Industrialisierung in den 60er- und 70er-
Jahren zunehmend an Grenzen stieß, begann man, der Exportlandwirtschaft politisch
wieder mehr Beachtung zu schenken. Die Finanzkrise zu Beginn der 80er-Jahre und die
Orientierung der Wirtschaftspolitik an den vorherrschenden neoliberalen Vorstellungen
dieser Jahre verhinderten aber, dass sich die Staaten in größerem Umfang aktiv im
Agrarsektor engagierten. Dieser hatte sich vor allem seit den 60cr-Jahren infolge von
veränderten technischen und betriebswirtschaftlichen Rahmenbedingungen beschleu-
nigt gewandelt. Im Zuge der »Grünen Revolution« erhöhte sich in den marktorientierten
Sektoren unter Einsatz von Maschinen, Kunstdünger, chemischen Pflanzenschutzmitteln
und modernen Anbaumethoden die Produktivität markant. Zugleich nahm der Anteil von
»neuen« Produktionszweigen wie Fleisch, Gemüse, Früchte, Schnittblumen und Getrei-
de für die wachsende städtische Bevölkerung im Inland oder für den Export ständig zu.
Die Erzeugnisse wurden nicht mehr hauptsächlich direkt an die Endverbraucher, sondern
an weiterverarbeitende Unternehmen abgesetzt. Die kommerzielle Landwirtschaft wur-
de dadurch zunehmend Teil einer hochtechnisierten Agro-Industrie, deren richtungwei-
sende Entscheidungen in den Sitzungszimmern multinationaler Konzerne gefällt wur-
den. In scheinbarem Gegensatz dazu stand in Ländern mit bedeutenden indigenen
Bevölkerungsgruppen das Überdauern eines kleinbäuerlichen Subsistenzsektors. Des-
sen Existenz ist jedoch weniger Ausdruck von traditionellen Beharrungskräften als von
risikominimierenden Überlebensstrategien des Teils der ländlichen Bevölkerung, der am
stärksten von Marginalisierung, Armut und ökonomischer Unsicherheit betroffen ist.
74 Peter Fleer

Landkonzentration und kleinbäuerliche Marginalisierung


Im Februar 1988 veröffentlichte die Bischofskonferenz Guatemalas unter dem Titel »El
Clamor por la Tierra« (Der Schrei nach Land) einen Hirtenbrief, der weltweit Beachtung
fand. Darin prangerten die Bischöfe das Elend in den ländlichen Regionen Guatemalas
an: weitverbreiteter Analphabetismus, hohe Sterblichkeitsraten, Arbeitslosigkeit, Unter-
beschäftigung, Fehl- und Unterernährung, menschenunwürdige Wohnverhältnisse. Die-
ses Elend sei Ausdruck der schreienden Ungleichheit, die zwischen der mächtigen
Agraroligarchie und der Masse der verarmten campesinos (Landarbeiter und Kleinbau-
ern) herrsche. Die Ursache dieser Missstände orteten die Bischöfe darin, dass das weitaus
meiste Kulturland sich in den Händen einer zahlenmäßig unbedeutenden Minderheit
befinde, während die Mehrheit der Landbevölkerung nicht einmal ein kleines Landstück
zur Selbstversorgung besitze (El Clamor por la Tierra 1988). Damit hatten die guate-
maltekischen Bischöfe ein Grundproblem Lateinamerikas angesprochen, das immer
wieder als Hauptursache der Entwicklungsprobleme des Subkontinents schlechthin
dargestellt worden ist. Guatemala stellte (und stellt) in dieser Hinsicht einen besonders
krassen Fall dar. Ende der 1970er-Jahre umfassten die 2 Prozent größten Landwirtschafts-
güter fast zwei Drittel des gesamten Agrarlandes, während auf der anderen Seite für die
88 Prozent Klein- und Kleinstbetriebe nur noch 16 Prozent des landwirtschaftlichen
Bodens zur Verfügung standen (Fernändcz Femandez 1992:117-202).
Großgrundbesitz und Kleinstlandwirtschaft, Latifundium und Minifundium, bilde-
ten die beiden sichtbaren Pole eines komplexen Systems von miteinander in engen
Wechselbeziehungen stehenden unterschiedlichen Landnutzungs- und Rechtsformen.
Begründeten die Großgrundbesitzer ihre Landansprüche mit der verfassungsrechtlich
abgestützten Rechtsfigur des Privateigentums, machten die Kleinbauern bezüglich des
Gemeindelandes häufig gewohnheilsrcchtliche Überlieferung geltend. Oft begründeten
sie ihre Nutzungsrechte an einem Landstück mit dem Argument, dieses sei von ihnen seit
»unvordenklicher Zeit« (tiempo inmemorial) genutzt worden. Als Eigentümer unter-
standen aber auch die Kleinbauern dem liberalen Bodenrecht der unabhängigen Natio-
nalstaaten. Im Gegensatz zu den Großgrundbesitzern fehlten ihnen jedoch die Mittel, um
die darin verankerte Eigentumsgarantie auch tatsächlich in Anspruch nehmen zu können,
sei es, weil sie keine formellen Rechtstitel besaßen, sei es, weil korrupte Behörden die
Dokumente in einem Streitfall nicht anerkannten. Die Durchsetzungsfähigkeit der
materiellen Rechtsansprüche auf Land war in Lateinamerika stets vom sozialen Status
des Eigentümers abhängig. Dies äußerte sich unter anderem auch in Bezug auf die
Möglichkeit, das Land zu belehnen. Wurden die Eigentumstitel großer und mittlerer
Grundbesitzer von den Banken als Sicherheiten für reguläre Bankhypotheken anerkannt,
blieben die Kleinbauern im Subsistenzsektor auf monopolistische lokale Geldvermittler
und Wucherer angewiesen, die im Vergleich zu Hypothekardarlehen zehn und mehr Mal
höhere Zinsen forderten.
Neben Groß- und Kleinstbesitz sowie gemeinschaftlichem Eigentum bestand eine
Vielfalt von Pachtverhältnissen, in denen die Eigentümer Landnutzungsrechte gegen
Geld (arrendamiento), Naturalien (aparceria) oder Arbeitsleistungen (colonato) ab-
traten. Bis weit ins 20. Jahrhundert stellten aparceria (Halbpacht) und colonato die Regel
und monetäre Pachtverhältnisse die Ausnahme dar. Bei der Halbpacht musste der Pächter
Mangel im Überfluss 75

die Ernte mit dem Grundeigentümer meist hälftig teilen, aber auch ungünstigere Tei-
lungsverhältnisse waren nicht unbekannt. Im Falle des colonato, das im nächsten
Abschnitt eingehender zur Sprache kommen wird, beruhte die Nutzung einer Pacht-
parzelle auf der Arbeit, die der Pächter für den Eigentümer erbrachte. So unterschiedlich
die konkreten Ausprägungen der Pachtverhältnisse waren, blieb ihnen doch gemeinsam,
dass sie den Pächtern nur in den seltensten Fällen ermöglichten, sich eine eigene solide
Existenz aufzubauen und zu mittleren oder gar größeren Grundeigentümern aufzustei-
gen. Meist waren die Pachtverträge zu kurzfristig ausgelegt, als dass sie den Pächtern
Anreize geboten hätten, Maßnahmen zur dauerhaften Verbesserung des Bodens zu
ergreifen. Häufig reichten die Ernteerträge kaum für die Pachtabgaben und die Selbstver-
sorgung aus, und die Pächter verschuldeten sich gegenüber den Grundeigentümern.

Die Dominanz des Großgrundbesitzes: Haziendas und Plantagen

Dominiert wurden diese vielfältigen Eigentums- und Nutzungsformen vorn Großgrund-


besitz. In der Forschung sind die historischen Wurzeln dieses in ganz Lateinamerika mehr
oder weniger stark ausgeprägten Phänomens unterschiedlich beurteilt worden. Während
ältere Studien den Großgrundbesitz aus der kolonialen Instititution der encomienda
herauswachsen sahen, betonten empirische Arbeiten seit den 1960er-Jahren, dass sich der
laüfundismo zumindest in gewissen Regionen erst im Rahmen der dynamischen Wirt-
schaftsentwicklung während des 19. Jahrhunderts auszubreiten begann (Mörner 1973:186-
192). Angesichts der unterschiedlichen Ausprägungsformen des Großgrundbesitzes, die
sich nach der Unabhängigkeit ausdifferenziert haben, muss auf jeden Fall vor vorschnel-
len Verallgemeinerungen gewarnt werden.
Die ursprünglichste Form des Großgrundbesitzes stellte die traditionelle hacienda
dar, wie sie seit dem 17. Jahrhundert etwa in Mexiko oder Peru verbreitet war. Gemäß der
klassischen Definition durch die Sozialanthropologen Eric R. Wolf und Sidney Mintz
gehörte zu den Merkmalen einer hacienda, dass sie mit geringem Kapitaleinsatz und einer
mittels klientelistischer Beziehungen abhängigen Arbeiterschaft Güter für einen be-
grenzten lokalen Markt produzierte. Für den Besitzer, der auf seinem Gut als patrön
seigneuriale Herrschaftsrechte beanspruchte, diente die hacienda mehr der Beförderung
des sozialen Prestiges als dem Erzielen von Profit und der Kapitalakkumulation (Mörner
1973:185). Als Archetyp dieser Produktionsorganisation wurde in der Literatur die
porfiristische hacienda des 19. Jahrhunderts als eine in sich geschlossene Welt mit
eigener Sozial- und Wirtschaftsordnung, mit eigener Gerichtsbarkeit und Kirche be-
schrieben. Im Band 23 der Fischer Weltgeschichte zu Süd- und Mittelamerika hat
Gustavo Beyhaut dies Anfang der 1960er-Jahre bildhaft dargestellt:
»Den Kern des Landgutes bildeten das große Wohnhaus des Besitzers, das Haus des
Verwalters, die Unterkünfte für die Angestellten, die Büros, die tienda de raya {raya =
Strich, also ein Laden, in dem derpeön in der Kreide stand), die Kirche und das Gefängnis.
Im Herrenhaus standen viele der Bequemlichkeiten des modernen Lebens zur Verfü-
gung: künstliche Beleuchtung, Warmbäder, Billardzimmer, geräumige Säle, dies alles
luxuriös möbliert. In der tienda de raya wurden Decken, Seife, Mais, Bohnen, Brannt-
wein und andere Waren an den peön (landwirtschaftlicher Arbeiter) und seine Familie zu
76 Peter Fleer

höheren als den Marktpreisen verkauft. Der Lohn wurde in Form von Waren, und wenn
noch etwas übrig blieb, der Rest in Münzen der geltenden Währung ausgezahlt. Meist
steckte der peön tief in Schulden; diese gingen von den Eltern auf die Kinder über, ein
besonderer Vorteil für den patrön, der sie auf diese Weise fest an seine Hazienda band«
(Beyhaut 2000:127).
Dieses »klassische« populäre Bild der hacienda ist durch zahlreiche empirische
Studien in verschiedener Hinsicht korrigiert und ergänzt worden (Florescano 1975;
Siebenmann 1979; Nickel 1978). So erreichten nicht alle hacendados den Reichtum, um
sich den geschilderten luxuriösen Lebensstil zu erlauben. Die meisten haciendas boten
auch für die Herrschaft nur einfache ländliche Lebensbedingungen (Bauer 1986:157f).
Insbesondere die Vorstellung eines autarken, quasi feudalen Gutsbetriebs erwies sich als
irreführend. Es hat sich anhand der empirischen Untersuchungen herausgestellt, dass die
haciendas in vielfältige und dynamische Beziehungen mit lokalen und regionalen
Märkten eingebunden waren, wo sie einen Teil ihrer Produktion verkauften und sich mit
Waren und Gerätschaften versorgten. Dass sie eigene Schmieden, Zimmereien und
Sattlerwerkstätten unterhielten, war mehr den großen Distanzen zu den nächstgelegenen
Ortschaften und dem Vorhandensein einer genügend großen Zahl ansässiger Knechte
geschuldet als herrschaftlichen Autarkieprinzipien. Auch der Befund, dass es einen
offenen dynamischen Markt für hacienda-Lund gab und die nicht selten mit hohen
Krediten belehnten Güter häufig die Hand wechselten, aufgeteilt oder mit anderen
haciendas zusammengeführt wurden, passt nicht ins »klassische« Bild. Die hacendados
entsprachen nicht den bloß an Sozialprestige interessierten Feudalherren, sondern waren
durchaus profitorientierte Unternehmer, die die gegebenen Marktbedingungen zum
eigenen Vorteil auszunutzen suchten. Viele von ihnen investierten auch in andere
Wirtschaftszweige, wie etwa den Bergbau oder den Handel. Der Absentismus der
hacendados, der vielfach als Indiz für deren Desinteresse an Profit und Akkumulation
gedeutet wurde, machte unter diesen Gesichtspunkten wirtschaftlich Sinn. In den Städten
konnten sie Märkte und Finanzverbindungen besser bewirtschaften als auf den abgele-
genen Gütern. Zudem waren sie weniger unmittelbar in Arbeitskonflikte auf ihren Gütern
involviert, was ihnen erlaubte, sich im Falle einer Eskalation zumindest dem Anschein
nach als Vermittler hervorzutun (Feder 1973:1390-
Eric R. Wolf (1971) sah den Archetyp des porfiristischen hacendado in der Person
von Luis Terrazas verkörpert, der im nördlichen Gliedstaat Chihuahua zusammen mit
seinem Schwiegerson Enrique Creel ein wirtschaftliches Familienimperium aufgebaut
hatte, das weit über den Besitz von fünfzig haciendas mit insgesamt über zweieinhalb
Millionen Hektar Land hinausging. Der Terrazas-Creel-Clan kontrollierte nahezu alle
Wirtschaftszweige Chihuahuas von der Textil- und Kleiderproduktion über das Trans-
port- und Kommunikationswesen bis zu Bergbau und Erdölförderung. Zugleich mono-
polisierte der Familienclan die politische Macht in Chihuahua und übte auf nationaler
Ebene großen Einfluss aus (Wassermann 1984). Die Konzentration von wirtschaftlicher,
politischer und informell-sozialer Macht machte Terrazas zu einem der mächtigsten
regionalen Machthaber Mexikos.
Der Terrazas-Creel-Clan fungierte einerseits als Schaltstelle zwischen den ausländi-
schen Investoren und der staatlichen Bürokratie, andererseits spielte er eine wichtige
Rolle als Vermittler zwischen der sich rasch modernisierenden urbanen Gesellschaft und
Mangel im Überfluss 77

den ländlichen Massen zunehmend verarmender Kleinbauern und Landarbeiter. Als


hacendado und oberster patrön kontrollierte Terrazas ein Netz von klientelistischen
Beziehungen bis hinunter zu den einfachen Knechten. Indem er damit sowohl Legitimität
herstellen als auch Repression ausüben konnte, diente er der Stabilisierung der
porfiristischen Herrschaft auf dem Land. Wenn auch bezüglich Machtfülle und Einfluss
eine Ausnahmeerscheinung, verkörperte Terrazas doch jenen Typus des ländlichen
autokratischen Herrschers, der in Mexiko als cacique (in Peru als gamonal) zweifelhafte
Bekanntheit erlangt hat (Kern 1973). Roger Bartra (1985a:35) hat das weit verbreitete
Phänomen des caciquismo in den Zusammenhang mit dem Eindringen des Kapitalismus
in traditionelle vor-kapitalistische Gesellschaften gestellt. Im Verlaufe dieses Prozesses
lösten sich ältere an der Dorfgemeinschaft orientierte Formen der politischen Repräsen-
tation auf, wodurch es zu einer Machtkonzentration in den Händen von einzelnen
»starken Männern« kam, die als »power broker« zwischen den unterschiedlichen
Gesellschaftssegmenten vermittelten. Die Skrupellosigkeit und Gewalttätigkeit, die
dieser autokratisch-paternalistischenHerrschaftsform anhafteten, machten den caciquismo
in der öffentlichen Wahrnehmung zur Metapher für die Unterdrückung und Ausbeutung
der ländlichen Bevölkerung.
Im Gegensatz zum Idealtypus der traditionellen hacienda operierten Plantagen in
weiträumigen Märkten und produzierten insbesondere für den Export (Moreno Fraginals
1986:187). Sie setzten große Mengen an Kapital ein und zielten in erster Linie auf
Gewinnmaximierung und Akkumulation. Magnus Mörner (1973:185) hat darauf hinge-
wiesen, dass es sich bei diesen Typen des Großgrundbesitzes nicht um sich ausschließen-
de Gegensätze, sondern vielmehr um die beiden Extreme eines Kontinuums handelt, auf
dem die unterschiedlichen Varianten des lateinamerikanischen Großgrundbesitzes - von
der brasilianischen Kaffee-fazenda, der argentinischen Vich-estancia bis hin zu den
zentralamerikanischen Bananenplantagen im Besitz von US-amerikanischen Unterneh-
men - angesiedelt sind. Diese Varianten unterschieden sich hinsichtlich der Herkunft des
Kapitals (in- oder ausländisch), der Arbeitsverhältnisse (Sklaverei, abhängige oder freie
Arbeit), der Absatzmärkte (Binnen- oder Exportmarkt), der Produktionsmethoden (ex-
tensive oder intensive Faktornutzung) und der Beziehungen zur umgebenden ländlichen
Gesellschaft (Konflikte mit Kleinbauern um Land und Arbeit, Konkurrenz mit anderen
Latifundien um Ressourcen oder Bedrohung durch indianische Nomadenstämme in
frontie r-Regionen).
Die Bananenplantagen der US-amerikanischen Unternehmen im tropischen Tief-
land Zentral- und Südamerikas kommen dem idealtypischen Gegenpol zur traditionellen
hacienda sehr nahe. Sie waren Teil einer von international operierenden Großkonzernen
kontrollierten Produktionskette, die ausschließlich nach kapitalistischen Prämissen orga-
nisiert war. Oft im Zusammenhang mit dem Eisenbahnbau im letzten Drittel des 19.
Jahrhunderts erhielten ausländische Investoren von den Regierungen großzügige Land-
konzessionen. Als Prototyp solcher Konzessionsverträge kann mit gutem Recht der Soto-
Keith-Vertrag zwischen Costa Rica und dem New Yorker Investor Minor C. Keith gelten.
Keith verpflichtete sich, die costaricanische Auslandschuld zu konsolidieren und eine
Eisenbahnverbindung an die Atlantikküste zu bauen. Im Gegenzug erhielt er weitgehen-
de Steuerprivilegien und das Nutzungsrecht für insgesamt über 330.000 ha Land im
tropischen Tiefland. Aus Keith's Unternehmen entwickelte sich 1899 schließlich die
78 Peter Fleer

United Fruit Company (UFCO), einer der größten Bananenkonzerne, der nicht nur die
Produktion in Costa Rica, Guatemala und Honduras kontrollierte, sondern auch großen
Einfluss auf die Politik dieser Länder ausübte (Posas 1993:113-132). Der Ausdruck
»Bananenrepublik« geht auf diese Dominanz ausländischer Konzerne gegenüber schwa-
chen und korrupten Staaten zurück.
In den Bananenplantagen des zentralamerikanischen Tieflandes arbeitete vornehm-
lich die dort ansässige mestizische und schwarze Bevölkerung. Es kam aber auch vor,
dass die Unternehmen Arbeitskräfte von den karibischen Inseln anheuerten. Mehrheitlich
handelte es sich um alleinstehende junge Männer, für die die Arbeit auf den Plantagen nur
eine vorübergehende Beschäftigung darstellte. Sie wurden auf Akkordbasis entlohnt und
waren einer strengen Arbeitsdisziplin unterworfen. Sie lebten auf den Plantagen in
Gemeinschaftsunterkünften, die vom Unternehmen bereitgestellt wurden, und kauften
im unternehmenseigenen Laden ein. Die Bananenplantagen stellten einen eigentlichen
Staat im Staate dar. Sie nahmen zentrale öffentliche Aufgaben wahr und verfügten über
eigene Polizeikräfte und Spitäler. Letzteren kam besondere Bedeutung zu, da sich die in
den Tieflandzonen grassierenden tropischen Krankheiten wie Malaria, Ruhr und Gelb-
fieber infolge der beengten und unhygienischen Wohn- und Lebensverhältnisse leicht
ausbreiten konnten. Die unmenschlichen, von Gewalt geprägten Arbeits- und Lebensbe-
dingungen haben in zahlreichen literarischen Werken ihren Niederschlag gefunden.
Die ethnischen Unterschiede zwischen mestizischen und schwarzen Arbeitern
unterschiedlicher kultureller Herkunft und die konsequente Repression verhinderten die
Bildung von wirksamen Arbeiterorganisationen. So begannen sich die Arbeits- und
Lebensbedingungen auf den Plantagen erst nach dem Zweiten Weltkrieg auf Druck der
öffentlichen Meinung in den USA und der einsetzenden Sozialgesetzgebung der zentral-
amerikanischen Regierungen zu verbessern. Zum Teil gelang es den Konzernen, diesen
Anforderungen auszuweichen, indem sie die Produktion auslagerten und ihre Plantagen
aufteilten und an eigenständige Bauern verpachteten oder verkauften. Diese produzier-
ten, das unternehmerische Risiko nun selbst tragend, auf Kontraktbasis für die Bananen-
konzerne, von denen sie in Bezug auf Absatz, Transport und Kredite abhängig blieben.
Zum Mittel der Produktionsauslagerung griffen die Konzerne insbesondere auch dann,
wenn sich abzuzeichnen begann, dass die Böden ausgelaugt waren und die Produktivität
sank. Tatsächlich wirkten sich die agroindustriellen Monokulturen auf das sensible
Gleichgewicht der tropischen Ökologie verheerend aus. Zogen sich die Bananen-
konzerne aus einer Region zurück, hinterließen sie eine zerstörte Umwelt, entwurzelte
Gesellschaften und eine unbrauchbar gewordene Infrastruktur.
Schon früh wurden die Bananenplantagen aus entwicklungspolitischer Sicht als
»Enklavenwirtschaften« apostrophiert, die in den betroffenen Ländern und Regionen
keine - der von Vertretern der Modernisierungstheorie behaupteten - Entwicklungs-
impulse auszulösen vermochten, weil sie von der regionalen und nationalen Wirtschaft
vollständig abgeschottet waren. Diese Sichtweise ist seit den 1980er-Jahren aufgrund
empirischer Studien relativiert worden. Ohne die insgesamt negativen oder zumindest
wenig nachhaltigen Auswirkungen auf die Entwicklung der betroffenen Länder zu
leugnen, konnten diese Studien nachweisen, dass von einer weitgehenden oder gar
vollständigen Abschottung der »Enklave« nicht die Rede sein konnte. Vielmehr bestan-
den eine ganze Reihe von »linkages« und »leakages« zwischen der »Enklave« und der
Mangel im Überfluss 79

regionalen und nationalen Wirtschaft (Viales Hurtado 2006:99). Inwiefern sich diese auf
die nationale Entwicklung auswirkten, ist jeweils im konkreten Fall zu untersuchen.
Deutlich andere Züge als die Bananenplantagen im dünnbesiedelten tropischen
Tiefland wiesen die Plantagen in den dichter besiedelten gemäßigten und subtropischen
Regionen auf. Ihr janusköpfiger Charakter verwischte die Unterschiede zum ideal-
typischen Bild der traditionellen hacienda. Auf der einen Seite waren diese Betriebe, die
sich meist in der Hand von einheimischen oder eingewanderten Mitgliedern der nationa-
len Eliten befanden, kapitalistische gewinnoptimierende Unternehmen, auf der anderen
Seite organisierten sie die Produktion auf der Basis von vor-kapitalistischen Arbeits-
beziehungen, die extra-ökonomische Zwangsarbeit und klientelistische Abhängigkeits-
beziehungen mit einschlössen. Diesem Typus sind auch die morelensischen Zucker-
haciendas zuzuordnen, deren Landkonflikte mit den kleinbäuerlichen Dorfgemeinschaf-
ten zum Auslöser des zapatistischen Bauernaufstandes von 1910 wurden (Womack
1974). Die zahlreichen Bauernerhebungen während der mexikanischen Revolution
leiteten in diesem Land die erste große Agrarreform Lateinamerikas ein.

Agrarreformen als Antwort auf die verzerrte Agrarstruktur

Zum Kernstück der nachrevolutionären mexikanischen Landreform unter Cärdenas wurde


der ejido, der oft mit dem traditionellen kommunalen Eigentum der Bauerndörfer gleich-
gesetzt wurde. Roger Bartra (1985b: 129ff) hielt dagegen fest, dass der cardenistische ejido
im Grunde eine verdeckte Form des Kleineigentums sei. Eine Gleichsetzung von minifundio
und ejido greift indessen zu kurz, da der ejido eine besondere Eigentumsform darstellte, die
korporative, kollektive und privatwirtschaftliche Elemente verband. Hervorgegangen aus
dem Prozess der unentgeltlichen Land vergabe, stand der ejido unter zahlreichen rechtlichen
Restriktionen, die darauf abzielten, die Hauptmerkmale des Gemeinbesitzes zu wahren. So
war es etwa verboten, ejido-Land zu verkaufen oder zu verpachten. Produktion und
Vermarktung unterlagen strikter staatlicher Kontrolle. In der Praxis entstanden zahlreiche
Spielarten des ejido. Vor allem in kleinbäuerlich geprägten Gebieten wurden sie oft
parzelliert und zur Selbstversorgung an die Dorfbewohner und landlose Arbeiter abgege-
ben. Daneben entstanden aber auch kollektive ejidos, die den Boden nicht unter einzelnen
Familien aufteilten, sondern genossenschaftlich bebauten. Insbesondere für den Markt
produzierende Baumwoll-, Reis- und Sisalplantagen wurden im Rahmen dieses ejido-
Typus betrieben (CEPAL 1985:224). Obschon er die in ihn gesetzten Hoffnungen letztlich
nicht erfüllen konnte, kam dem ejido doch eine beachtliche Bedeutung in der Befriedung
des ländlichen Raums zu, indem dadurch der Proletarisierungsprozess verlangsamt und
dessen Folgen für die campesinos abgedämpft wurden (Friedrich 1968; CEPAL 1985:222).
Die cardenistische Agrarreform war die erste und, abgesehen von der kubanischen, die
weitreichendste in Lateinamerika. Sie beschränkte sich nicht auf die Umverteilung von
Land, sondern umfasste ebenso den Ausbau der technischen Beratung für die Bauern und
die Schaffung eines Agrarkreditsystems. 1940 verfügte etwa ein Drittel der gesamten in der
Landwirtschaft beschäftigten Bevölkerung über eigenen Grund und Boden.
Im übrigen Lateinamerika kam es erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu
Agrarreformen. 1952 schuf die guatemaltekische Regierung unter Jacobo Arbenz (1951-
80 Peter Fleer

1954) die gesetzliche Grundlage für die Enteignung und Umverteilung von ungenügend
oder nicht genutzten Ländereien von Großgrundbesitzern. Zu den Hauptbetroffenen
dieses Gesetzes zählte die UFCO, deren große Ländereien enteignet und verteilt werden
sollten. Schon vor Inangriffnahme der Landreform hatten die USA die Arbenz-Regie-
rung beargwöhnt, weil man glaubte, das guatemaltekische Regime sei kommunistisch
unterwandert. Unter dem Einfluss der UFCO billigte die US-Regierung 1954 den
gewaltsamen Sturz von Arbenz durch eine vom CIA unterstützte kleine Gruppe reaktionärer
Militärs. Unter den folgenden Militärregimes wurden die Reformen wieder rückgängig
gemacht. Die extrem ungleichen Landbesitzverhältnisse, die damit fortgeschrieben
wurden, stellten einen wichtigen Faktor im über 30 Jahre dauernden Bürgerkrieg in
Guatemala dar.
Im Gegensatz zur guatemaltekischen konnte die ebenfalls 1952 beginnende bolivia-
nische Landreform auf die wohlwollende Unterstützung der USA zählen, da sich die
Regierung jeglicher kommunistischer Rhetorik enthielt und keine unmittelbaren US-
amerikanischen Interessen betroffen waren. Ausgelöst wurde die Reform durch einen
Machtkampf zwischen dem populistischen Movimiento Nacionalista Revolutionärin
(MNR) und der republikanischen Partei der Oligarchie, die ihre Wahlniederlage nicht
anerkennen wollte. Der MNR löste daraufhin mit Unterstützung von Teilen der Polizei
und des Militärs einen bewaffneten Umsturzversuch aus, dem sich alsbald in unvorher-
gesehenem Ausmaß Bergarbeiter und Bauern anschlössen. Was als bloßer Aufstand zur
Durchsetzung eines legitimen Machtanspruchs begonnen hatte, endete als eigentliche
Revolution, in deren Verlauf es auch zu spontanen Landbesetzungen kam. Die neue
MNR-Regierung verstaatlichte die großen Bergwerke und verabschiedete ein Gesetz zur
Agrarreform, das in erster Linie dazu diente, die bereits erfolgten Landbesetzungen zu
sanktionieren (De la Pena 1994:424^27).
In den anderen Ländern hingen die in den 60er-Jahren unternommenen Agrarrefor-
men mit der Kubanischen Revolution von 1959, die zu einer raschen Kollektivierung der
kubanischen Landwirtschaft führte (Gutelman 1967), und der als Antwort darauf von der
Kennedy-Regierung initiierten »Allianz für den Fortschritt« zusammen. Hauptziel dieser
Programme, die in begrenzten Agrarreformen ein Mittel zur Entschärfung der gespann-
ten sozialen Lage auf dem Land sahen, war die Modernisierung der Landwirtschaft
(Long/Roberts 1994:360-374). Sozialpolitische Ziele verfolgten sie nur insofern, als sie
in Ergänzung der intensivierten militärischen Guerillabekämpfung eingesetzt wurden,
um der politischen Mobilisierung der ländlichen Massen den sozialen Boden zu entzie-
hen. Die Reformprogramme blieben denn auch ohne nachhaltige Auswirkungen (de
Janvry/Ground 1987:96f). Allein in Chile und Peru kam es in den späten 60er- und frühen
70er-Jahren zu größeren Landumverteilungen. In Chile intensivierte die sozialistische
Regierung unter Salvador Allende (1970-1973) die bereits während der Präsidentschaft
des Christdemokraten Eduardo Frei (1964-1970) begonnene Landreform (Kay 1977:123-
130). Bis 1973 waren etwa 30 Prozent der Landarbeiter zu eigenem Grund und Boden
gekommen. Mit der Machtübernahme der Militärs unter General Augusto Pinochet
(1973-1990) fand die Landreform jedoch ein abruptes Ende, und die meisten Begünstig-
ten verloren ihre Rechtstitel wieder. Peru stellt insofern einen Sonderfall dar, als es hier
das Militär war, das die Landreform vorantrieb. 1968 beendete die Armee unter General
Juan Velasco (1968-1975) durch einen Putsch den Zustand der politischen Blockierung,
Mangel im Überfluss 81

in dem sich das Land seit Mitte des Jahrzehnts befunden hatte. Die Militärs waren
entschlossen, mit einem progressiven Reformprogramm die importsubstituierende Indus-
trialisierung anzukurbeln und die Vorherrschaft der Großgrundbesitzer zu brechen.
Bereits kurz nach der Machtübernahme leiteten sie eine weitreichende Landreform ein,
die die Enteignung der Großgrundbesitzer vorsah. Die enteigneten Ländereien wurden
jedoch nicht an einzelne Landarbeiterfamilien verteilt, sondern in kollektive Produkti-
onseinheiten umgewandelt, die unter unmittelbarer staatlicher Aufsicht standen (De la
Pena 1994:458^67; Long/Roberts 1994:363).
In Nicaragua ebnete die erfolgreiche Sandinistische Revolution von 1979 gegen das
von den USA unterstützte Somoza-Regime den Weg für eine umfassende Landreform.
Entsprechend der allgemeinen Entwicklung der Revolution lassen sich im Wesentlichen
zwei Reformphasen unterscheiden. Zu Beginn zielte die sandinistische Politik darauf ab,
die nationalisierten Güter aus dem Eigentum des Somoza-Clans in leistungsfähige
Staatsbetriebe zu überführen, deren Produktion vornehmlich für den Export und die
städtischen Märkte bestimmt sein sollte. Erst ab 1986 begann die Regierung, auch Land
an einzelne Bauern zu verteilen. Die Sandinisten ermunterten die Bauern, sich zu
Kooperativen zusammenzuschließen. Bei vielen Kleinbauern, die im Bodenbesitz in
erster Linie eine Grundlage zur eigenen Existenzsicherung sahen, stieß die zentralistische
Agrarpolitik der Sandinisten jedoch auf Ablehnung. Unter den Auswirkungen des
Krieges gegen die Contra-Rebellen und der sich verschärfenden Wirtschaftskrise kam die
Landreform ab 1988 bereits zwei Jahre vor der Wahlniederlage der Sandinisten ins
Stocken.
Der Konflikt zwischen kleinbäuerlichen Produzenten, die von der Landreform die
Erfüllung ihrer Forderung nach Selbstbestimmung erwarteten, und dem Staat, der in der
Landwirtschaft einen volkswirtschaftlichen Faktor sah, dessen Exporte Devisen ein-
brachten und dessen Nahrungsmittelproduktion dazu beitrug, die Lebenshaltungskosten
der städtischen Bevölkerung tief zu halten, lag allen Reformprogrammen in Lateiname-
rika zugrunde. Bis heute ist es keiner Agrarreform gelungen, die prekäre Lage der
lateinamerikanischen Landbevölkerung nachhaltig zu verbessern.

Der Wandel der Arbeitsverhältnisse


im lateinamerikanischen Agrarsektor

Entzündete sich der Konflikt zwischen Großgrundbesitz und Kleinbauerntum in Morelos


an der Landfrage, so bezog sich der kleinbäuerliche Widerstand im Westen Guatemalas,
wo sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in den mittleren Lagen der gegen den Pazifik
abfallenden vulkanischen Gebirgskette, der so genannten boca costa, Kaffeeplantagen
auszubreiten begannen, in erster Linie auf die Arbeitsbeziehungen (Samper 1993:64).
Die Landansprüche der Kaffeefincas betrafen ein Gebiet, das von den indianischen
Kleinbauern des Hochlandes zwar auch für den Maisanbau genutzt wurde, aber nicht zu
deren zentralem Lebensraum gehörte. Die Ausdehnung der Kaffeewirtschaft bedeutete
nicht wie in Morelos die Auslöschung ganzer Dorfgemeinden, sondern »lediglich« die
Zurückdrängung der Kleinbauern auf ihr Kerngebiet im westlichen Hochland Guatema-
las. Aus dieser Situation kristallisierte sich ein Produktionssystem heraus, bei dem
82 Peter Fleer

Latifundien und Minifundien in unterschiedlichen geographischen und klimatischen


Zonen beheimatet, aber durch vielfältige Austauschbeziehungen eng miteinander ver-
bunden waren. In seinen Grundzügen ist es für die gesamte traditionelle agrarische
Kernzone Lateinamerikas, bestehend aus Mesoamerika (Mexiko und Zentralamerika)
und der Andenregion (Kolumbien, Ecuador, Peru, Bolivien und Chile), typisch (Bauer
1986:153).
Die engen Austauschbeziehungen zwischen dem latifundistisehen Exportsektor in
der Region der boca costa und dem von Klein- und Kleinstbesitz geprägten Subsistenzsektor
im indianischen Hochland rechtfertigen es, von den beiden Sektoren als Teilen (Subsys-
temen) eines gesamten Produktionssystems zu sprechen. Geographisch umfasste dieses
System drei Klimazonen: die tropischen Küstengebiete {costa), die subtropischen Hö-
henlagen der boca costa und die Hochlandzone der üerrafria. Die klimatischen und
topographischen Unterschiede bestimmten die Herausbildung räumlich differenzierter
Wirtschaftssysteme. Im Hochland bildete der Maisanbau das Rückgrat der Landwirt-
schaft. Er wurde fast ausschließlich von indianischen Kleinbauern (minifundistas)
betrieben. Obschon die Maisproduktion zur Deckung der familiären Subsistenz im
Vordergrund stand, entsprach die indianische Wirtschaft nie dem Bild einer auf Autarkie
ausgerichteten Subsistenzwirtschaft. Vielmehr war der minifundistische Sektor von
produktiver Vielfalt, Spezialisierung und Handel geprägt. Die vorherrschende Ausrich-
tung des wirtschaftlichen Handelns auf die Sicherung des Überlebens der Familie und der
Dorfgemeinschaft (und nicht auf individuellen Gewinn und Kapitalakkumulation) unter-
schied diesen Sektor jedoch grundlegend vom Exportsektor.
Die Kaffeeproduktion der boca costa entsprach dem Typus der lateinamerikanischen
Plantagenwirtschaft. Die Kaffeefincas waren unmittelbar an den Kaffee weitmarkt ange-
schlossen und finanzierten sich auf den nationalen und internationalen Finanzmärkten.
Dabei bildeten die Kaffeeproduzenten (finqueros) keine homogene Gruppe. Es gab nicht
nur in Bezug auf die Größe der fincas beträchtliche Unterschiede, sondern auch hinsicht-
lich der Abhängigkeiten im Verarbeitungs- und Vermarktungsprozess des Kaffees, der
von wenigen großen Unternehmen kontrolliert wurde, die oft gleichzeitig als Kreditgeber
gegenüber den kleineren und mittleren finqueros fungierten.
Die tropische Küstenzone spielte im gesamten Produktionssystem zunächst nur eine
marginale Rolle. Bis in die 1920er-Jahre betrieben dort mestizische Landwirte vornehm-
lich Viehwirtschaft. Erst in den 1930er-Jahren begann sich diese Situation zu ändern, als
die UFCO infolge einer Bananenkrankheit in den herkömmlichen Produktionsgebieten
im Osten des Landes neue Plantagen an der costa errichtete. Doch ins Zentrum des
Produktionssystems Westguatemalas geriet die Region erst nach dem Zweiten Weltkrieg
mit dem aufstrebenden Anbau von Baumwolle und Zuckerrohr.
Sowohl für den Export- wie für den Subsistenzsektor spielten die intensiven
Austauschbeziehungen zwischen den Regionen eine wichtige Rolle. So wurde z.B. ein
Teil der Maisernte des Hochlandes auf den Märkten der boca costa abgesetzt. Umgekehrt
bildeten saisonale Maislieferungen aus dem Tiefland oder der boca costa ein wichtiges
Element zur Entschärfung periodischer Versorgungsengpässe im Hochland. Hochland-
und Tief landzonen standen jedoch nicht bloß durch den marktgesteuerten Austausch von
Mais miteinander in Beziehung. Zahlreiche minifundistas bewirtschafteten Maisparzellen
imilpas) an der boca costa oder im Tiefland. Diese milpas de la costa waren eine wichtige
Mangel im Überfluss 83

Ergänzung zum Maisanbau im Hochland, da sie zwei bis drei Produktionszyklen im Jahr
ermöglichten.
Die wichtigsten und konfliktreichsten Austauschbeziehungen zwischen Export- und
Subsistenzsektor ergaben sich im Rahmen der Rekrutierung von Arbeitskräften für die
Kaffeefincas. Die indigenen Kleinbauern des Hochlandes waren für die Kaffeeplantagen
der boca costa ein unverzichtbarer Produktionsfaktor. Um eine ausreichende Versorgung
ihrer Plantagen mit Arbeitskräften sicherzustellen, schreckten die finqueros auch vor
Zwangsmaßnahmen nicht zurück. Unter Rückgriff auf eine koloniale Praxis rekrutierte
der Staat noch Ende des 19. Jahrhunderts in den Hochlandgemeinden Zwangskontingente
für die Arbeit in den Kaffeeplantagen. Wichtiger waren jedoch Mechanismen, die darauf
abzielten, den Kleinbauern Lohnbevorschussungen zu gewähren, die sie dann abzuarbei-
ten hatten. Diese unter dem Namen Schuldknechtschaft (peonaje, debt peonage, debt
bondage, debtslavery) bekannte Praxis stellte im agrarischen Kerngebiet Lateinamerikas
bis weit ins 20. Jahrhundert hinein eine weit verbreitete Methode dar, um Arbeitskräfte
für den Exportsektor anzuwerben, wobei die Arbeitsverhältnisse im konkreten Fall
verschiedene Ausprägungen annehmen konnten. Anhand der Kaffeeproduktion im
Westen Guatemalas lassen sie sich exemplarisch darstellen. Zunächst ist zwischen den
auf den Kaffeefincas ansässigen Arbeitskräften, den colonos permanentes (in Mexiko
peones acasiüados, in Chile inquilinos, in Peru huasipungueros genannt), und den
eigenständigen Kleinbauern zu unterscheiden (Barraclough/Domike 1970:52).
Die colonos lebten mit ihren Familien dauerhaft auf den Plantagen. Die finca stellte
ihnen eine Parzelle zum Anbau der eigenen milpa zur Verfügung. Dafür mussten die
colonos bestimmte Arbeitsleistungen auf der Plantage erbringen. Das Abhängigkeitsver-
hältnis der colonos gegenüber dem Plantagenbesitzer beruhte allerdings nicht nur auf
dem Nutzungsrecht der Subsistenzparzellen, sondern meist ebenso sehr auch auf der
Verschuldung der colonos. Den größten Teil der Erntearbeiter rekrutierten die Kaffeefincas
in Guatemala jedoch aus den Reihen der selbstständigen Kleinbauern in den Hochland-
dörfern. Zu diesem Zweck gewährten sie den Kleinbauern Lohnvorschüsse. Durch diese
so genannten habilitaciones (in Peru als enganches bekannt) verpflichteten sich die
verschuldeten Kleinbauern für bestimmte Zeiten zu bestimmten Arbeitsleistungen auf
der Kaffeeplantage. Weil man sie zur Erntezeit in Trupps (cuadrillas) zu den Kaffeefincas
schaffte, wurden diese saisonalen Arbeitskräfte auch cuadrilleros genannt.
Zur Anwerbung der selbstständigen Kleinbauern setzten die Kaffeefincas Agenten
(so genannte habilitadores, enganchadores oder contratistas) ein, die mit den sprachli-
chen, kulturellen und sozialen Verhältnissen im indianischen Hochland vertraut waren
(McCreery 1994:225-226). Nicht selten mit unlauteren Mitteln brachten diese die
Kleinbauern dazu, Lohnbevorschussungen entgegenzunehmen. Eine besondere Bedeu-
tung kam dabei den lokalen religiösen Feierlichkeiten zu, bei denen gewöhnlich große
Mengen Alkohol konsumiert wurden. Die habilitadores traten bei solchen Anlässen als
großzügige Spender auf und schenkten entweder den Alkohol auf Kredit aus oder liehen
den Kleinbauern das nötige Geld. Auf der Basis der habilitaciones ergaben sich zwischen
der durch den habilitador repräsentierten finca und den verschuldeten Kleinbauern
verhältnismäßig stabile Abhängigkeitsbeziehungen. Deren Dauerhaftigkeit beruhte je-
doch nicht in erster Linie auf der Höhe des Schuldbetrags. Eine Anhäufung von Schulden
bildete die seltene Ausnahme. Es war vielmehr die fortwährende Bevorschussung der
84 Peter Fleer

Arbeitskraft, die die dauerhafte Bindung der Knechte an die finca bzw. deren Besitzer als
patrön ausmachte.
Einmal verschuldet, war es den mozos von Gesetzes wegen verboten, die finca zu
verlassen. Taten sie es dennoch, wurden sie als mozos fugos (flüchtige Knechte) verfolgt.
Dennoch kamen solche Fluchtversuche besonders während der Erntezeit immer wieder
vor. Sie waren ein Mittel der mozos, den finqueros Konzessionen abzuringen. Die
Abgeschiedenheit vieler Dörfer und die schlechten Verkehrs verbindungen im Hochland
machten die Verfolgung eines Flüchtigen oft zu einer langdauernden und kostspieligen
Angelegenheit.
Im Rahmen ihrer beschränkten Möglichkeiten verstanden es die Knechte, auch für
sich Vorteile aus dem System zu schlagen. Angesichts der Wucherzinsen lokaler
Geldvermittler, die zudem meist auf Sicherheiten in Form von Haus oder Land bestanden,
stellten die habilitaciones eine geradezu günstige und risikoarme Möglichkeit dar, Geld
aufzunehmen. Der Sozialanthropologe Sol Tax (1953), der in den 1930er-Jahren ausge-
dehnte Feldforschungen im indianischen Hochland Guatemalas durchführte, vermutete,
dass aufgrund des Verbotes der habilitaciones Mitte der 1930er-Jahre viele indianische
Kleinbauern gezwungen wurden, ihr Land zu belehnen, und in der Folge von Enteignung
bedroht waren. Verschiedentlich setzten sich finqueros auch für die Freilassung ihrer
Knechte ein, wenn diese wegen geringer Vergehen eingesperrt worden waren, oder sie
sorgten dafür, dass sie vom Militärdienst oder der Pflicht, beim Straßenbau mitzuarbei-
ten, entbunden wurden. Besonders in Notsituationen beriefen sich die mozos mitunter
sogar auf einen gewohnheitsrechtlichen Anspruch auf Lohnbevorschussung als Teil der
patronalen Pflicht der finqueros, ihren Landarbeitern Beistand zu leisten.
Unter dem Stichwort »Schuldknechtschaft« wurden solche Arbeitsverhältnisse als
Ausdruck kolonialistischer Ausbeutung gedeutet. Der einflussreiche Historiker Frank
Tannenbaum hat dieses Bild, das vor allem in Mexiko und Peru zur allgemeinen
Lehrmeinung wurde, in den 1920er-Jahren im Hinblick auf die mexikanische hacienda
geprägt (Bauer 1986:172). Empirische Forschungen seit den 1960er-Jahren haben zu
einem differenzierteren Verständnis der »Schuldknechtschaft« geführt. Diese wurde nun
als Patron-Klientel-Beziehung gedeutet, in der alle Beteiligten Rechte und Pflichten
hatten, die zwar asymmetrisch verteilt waren, aber gleichzeitig gewohnheitsrechtlichen
Reziprozitätsregeln gehorchten (Nickel 1989). Insbesondere konnte die populäre Vor-
stellung widerlegt werden, dass die lebenslange, sogar auf die Kinder übertragbare
Verschuldung die Regel darstellte. Diese Sichtweise erlaubte es ferner, die verschuldeten
Knechte nicht bloß als untätige Opfer zu sehen, sondern deren Interessen und Handlungs-
spielräume zu untersuchen.
In Guatemala wurde die Praxis der Lohnbevorschussung Mitte der 1930er-Jahre
gesetzlich verboten. Dabei ging es nicht etwa um die Befreiung der indianischen
Bevölkerung von Unterdrückung und Ausbeutung, sondern um die Flexibilisierung des
Arbeitsmarktes. Die Maßnahmen spiegelten den allgemeinen Trend hin zur Lohnarbeit,
der sich nach dem Zweiten Weltkrieg weiter beschleunigte. Für die colonos und
Kleinbauern war der Übergang vom abhängigen »Schuldknecht« zum »freien« Lohn-
arbeiter indessen ein zweifelhafter Fortschritt, denn die Subsistenzbedingungen began-
nen sich in derselben Zeit infolge des kontinuierlichen Bevölkerungswachstums und
zunehmender ökologischer Probleme in den kleinbäuerlichen Siedlungszonen gegen sie
Mangel im Überfluss 85

zu wenden. Dieser Übergang von einer Situation der Arbeitskräfteknappheit zu einer


Situation des Arbeitsmangels vollzog sich in ganz Lateinamerika ungefähr gleichzei-
tig. Bezogen auf das Hochland von Peru, hält etwa Geoffrey Bertram (1991:390f) fest:
»(...) continued population growth implied growing strain on limited land resources
(...) and the emergence of surplus labour. This turning-point was reached during the first
half of the twentieth Century, with dramatic effects on the national labour market by
the 1950s.« Weder die Export- noch die Subsistenzlandwirtschaft waren in der Lage,
genügend Arbeitsplätze für die wachsende Bevölkerung zu schaffen. Die Lage der
Kleinbauern wurde immer prekärer. Zwischen 1960 und 1970 reduzierte sich die
Durchschnittsfläche der kleineren und mittleren Betriebe von 4,9 auf 4,7 Hektar pro
Betrieb (Long/Roberts 1994:332). Unterbeschäftigung und Armut wurden zu vorherr-
schenden sozialen Merkmalen des ländlichen Raums in Lateinamerika (Lefeber 2003:41-
43). Statistisch ist die ländliche Unterbeschäftigung zwar zurückgegangen (Bulmer-
Thomas 1994:312). Dies ist aber bloß die Folge der zunehmenden Abwanderung der
Landbevölkerung in die Städte, deren rasch anschwellende Slumgürtel die Kehrseite des
ländlichen Elends darstellen. Die Landflüchtlinge und ihre Nachkommen bilden ein
marginalisiertes Sub-Proletariat, dem der Zugang zum regulären Arbeitsmarkt versperrt
ist. Als soziale Basis des wuchernden informellen Sektors stellen sie das Heer der
ambulanten Straßenverkäufer, Schuhputzer, Abfall verwerter und Kleinkriminellen in
den lateinamerikanischen Metropolen (McCreery 2000:165-167).

Ungleichheit als Grundcharakteristikum


des lateinamerikanischen Agrarsektors

Anhand einiger weniger Schlaglichter wurde in den vorangehenden Abschnitten ver-


sucht, die zentralen Charakteristika des ländlichen Raums in Lateinamerika herauszuar-
beiten. Dass dabei insbesondere die Strukturen in Zentralmexiko und Westguatemala
etwas vertieft dargestellt wurden, entspricht der Einschätzung von Arnold Bauer
(1986:157), der in diesen Regionen zusammen mit einem Großteil des andinen Hochlan-
des die paradigmatische Verkörperung des ländlichen Raums des spanischsprachigen
Lateinamerika sah. Zwangsläufig konnten wichtige Aspekte nur gestreift oder mussten
gänzlich weggelassen werden. So kamen die besonderen Entwicklungen der ursprüng-
lich Sklaven haltenden Plantagenwirtschaften Brasiliens und der Karibik nicht zur
Sprache (Moreno Fraginals 1986; Pfeisinger 2000). Auch blieb eine systematische
geographische Differenzierung, wie sie etwa Long und Roberts (1994) vornehmen,
weitgehend aus. Mit Blick auf das 20. Jahrhundert unterscheiden sie vier Typen von
agrarischen Strukturen: Die vor allem in den Ländern des Cono Sur und Brasiliens
anzutreffende kommerzielle Exportproduktion im großen Stil (Vieh, Kaffee), die Enklaven-
wirtschaften (Bananen, Zucker) Zentralamerikas, der Karibik oder Nordperus, Regionen
mit marktorientierten selbstständigen Kleinbetrieben ähnlich dem angelsächsischen
yeoman-Farmer Typus und Zonen mit vorherrschender Subsistenzproduktion.
In nahezu allen diesen Regionen ist das Grundcharakteristikum des ländlichen
Lateinamerika, die Ungleichheit, anzutreffen. Ungleichheit ist die Konstante im dynami-
schen Wandel der Landwirtschaft. In seiner seit ihrem erstmaligen Erscheinen 1971 zum
86 Peter Fleer

Klassiker gewordenen Anklageschrift gegen die imperialistische Ausbeutung Latein-


amerikas sieht Eduardo Galeano (1988:203f) in der Ungleichheit das Haupthindernis für
die wirtschaftliche Entwicklung Lateinamerikas, wenn er schreibt: »In praktisch allen
Ländern Lateinamerikas bilden das Latifundium und sein armer Verwandter, das
Minifundium, den Flaschenhals, der das landwirtschaftliche Wachstum und die Entwick-
lung der gesamten Wirtschaft stranguliert.« Im Laufe der tiefgreifenden, mitunter
erratisch verlaufenden Veränderungsprozesse in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhun-
derts hat sich die Ungleichheit insgesamt verschärft. Daran konnten auch die verschie-
denen Gegenstrategien der Beteiligten nichts ändern. Die Agrarreformprogramme gin-
gen allesamt zu wenig weit, um den »Flaschenhals« des Latifundium-Minifundium-
Komplexes zu beseitigen (Barraclough/Domike 1970:47). Die in den 1960er-Jahren
einsetzenden staatlichen Entwicklungsprogramme für den ländlichen Raum litten von
Beginn an unter Korruption und stießen aufgrund beschränkter finanzieller und organi-
satorischer Kapazitäten der Regierungen bald an Grenzen. Auch Anstrengungen, die
Produktivität der Landwirtschaft durch den Einsatz moderner Anbaumethoden zu
steigern und die Produktevielfalt zu erhöhen, konnten nichts an der Tatsache ändern, dass
das in den Händen von Großgrundbesitzern konzentrierte Land oft wenig produktiv
genutzt wurde oder gar brach lag, während im kleinbäuerlichen Subsistenzsektor die
Böden übernutzt und die Agrarflächen auch in für die landwirtschaftliche Nutzung
ungeeignete Gebiete ausgedehnt wurden (CIDA 1973:300-304).
Die verheerenden ökologischen Folgen dieses Aspektes der Ungleichheit zeigten
sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts besonders in den Urwaldregionen, deren
Besiedlung und wirtschaftliche Nutzung Wachstumsimpulse und die Lösung der drän-
genden sozialen Probleme der Landbevölkerung versprach. Weltweite Beachtung fand
die zerstörerische Dynamik dieser Zusammenhänge in Brasilien, wo seit Mitte der
1960er-Jahre die Militärregierungen die Erschließung des Amazonasbeckens voran-
trieben. Obschon es besonders Anfang der 70er-Jahre auch Programme für die Ansied-
lung von landlosen Kleinbauern aus anderen Regionen gab, geriet das meiste Land unter
die Kontrolle von großen Viehzuchtbetrieben. Unter diesen Bedingungen führte die
vordringende landwirtschaftliche Nutzung nicht zu einer Verbesserung der Lage der
ländlichen Bevölkerung, sondern lediglich zur fortschreitenden Vernichtung des Regen-
waldes. Die unter gesellschaftlichen, volkswirtschaftlichen und ökologischen Gesichts-
punkten negativen Folgen dieser Entwicklung beruhten jedoch nicht allein auf den
äußeren Phänomenen der Ungleichheit bezüglich der Betriebsgröße und der Intensität der
Bodennutzung, sondern mehr noch auf der Ungleichheit bezüglich der Rechtssicherheit.
Der Mehrzahl der kleineren Siedler gelang es nicht, eigene Parzellen zu erwerben. Sie
hatten juristischen Ränkespielen, korrupten Behörden oder gar gewaltsamen Vertreibun-
gen nichts entgegenzusetzen. In der Folge sahen sie sich gezwungen, weiter in den
Regenwald vorzudringen. Hatten sie dann neue Urwaldgebiete gerodet, folgten ihnen
meist mächtigere Interessen auf dem Fuß (Cammack 1996:1143). Als sich seit der Mitte
der 70er-Jahre die arme Bevölkerung gegen die Übergriffe der Großgrundbesitzer
politisch zu organisieren begann, versuchten diese den Widerstand mit Gewalt zu
brechen und ließen zahlreiche Führer der Widerstandsbewegungen von gedungenen
Mördern umbringen. Dieses Muster der institutionellen Unsicherheit war (und ist) ein
Grundmerkmal aller lateinamerikanischen Staaten. Dass ihm bezüglich der wirtschaftli-
Mangel im Überfluss 87

chen Unterentwicklung der Region eine entscheidende Rolle zukommt, hat der Wirtschafts-
historiker John H. Coatsworth in zahlreichen Aufsätzen dargelegt (z.B. Coatsworth
2000). Hohe politische Risiken und unsichere Eigentumsrechte verhinderten nachhaltige
Investitionen und Produktivitätssteigerungen. Hinzu kam die beschränkte Kapazität des
Staates, zentrale öffentliche Güter wie ein zuverlässiges Justiz- und Polizeiwesen oder
eine leistungsfähige Transportinfrastruktur zur Verfügung zu stellen. Die institutionelle
Schwäche der staatlichen Organe wirkte sich auf die verschiedenen Gesellschaftsschich-
ten unterschiedlich aus. Auf dem Land verstanden es die mächtigen Großgrundbesitzer,
individuellen Nutzen daraus zu ziehen, währen die Kleinbauern unter Korruption und
bürokratischer Willkür litten. Bezogen auf die verzerrte Entwicklung des Agrarsektors
waren diese institutionellen Faktoren daher letztlich bedeutender als die krassen Größen-
unterschiede zwischen den landwirtschaftlichen Betrieben.
Die Strategien der ländlichen Unterschichten gegen die fortschreitende Proletarisie-
rung und Verelendung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hießen Arbeits-
diversifizierung, Migration und Organisation. Angesichts des Versagens der staatlichen
Institutionen begann sich die Bevölkerung selber in Basisorganisationen zu sammeln
(McCreery 2000:172-178). Zum Teil mit Hilfe von internationalen Hilfsorganisationen
gründeten sie Kooperativen oder Genossenschaften, um die gemeinschaftliche Land-
nutzung und den Einsatz von Maschinen besser zu koordinieren, den Zugang zu Krediten
zu verbessern oder die Produktevermarktung effizienter zu organisieren. Besonders in
Gebieten, wo sich krasse Ungleichheit und extensive Landnutzung überlagerten, kam es
seit den 60er-Jahren trotz der meist gewaltsamen Gegenreaktionen von Staat und
Großgrundbesitzern vermehrt zu organisierten Landbesetzungen. In Brasilien führte
diese Entwicklung 1984 zur Gründung der Landlosenorganisation Movimento dos
Trabalhadores Rurais Sem Terra (gewöhnlich kurz Movimento Sem Terra, MST ge-
nannt), die wegen einiger spektakulärer Landbesetzungen, geschickter politischer Agi-
tation und der beachtlichen Mitgliederzahl weit über die Landesgrenzen Aufmerksam-
keit erregte (Harnecker 2002:33-59). Eine besondere Form des organisierten Widerstan-
des stellten die Bewegungen der indigenen Bevölkerungsgruppen dar, deren ethnisch
begründetes Sclbstbewusstsein seit Anfang der 90er-Jahre stark gewachsen ist. Die
Forderungen dieser Gruppen reichen über die traditionellen wirtschaftlichen und sozia-
len Anliegen ländlicher Unterschichten hinaus, indem sie aufgrund ethnisch-kultureller
Merkmale weitreichende territorial abgestützte Autonomierechte beanspruchen (Arias
1990:235-243, vgl. auch den Beitrag von Stephan Scheuzger in diesem Band).
Individuelle Migrations- und Diversifizierungsstrategien bildeten ebenso Vorstufen
wie Alternativen zur genossenschaftlichen oder politischen Organisation. Das Bestreben
der Kleinbauern, zusätzliche Einkommensquellen zu erschließen, umfasste einerseits den
Anbau von neuen Produkten mit überdurchschnittlichen Marktchancen, seien dies Nischen-
produkte wie Saatkartoffeln für die nationalen Märkte oder illegale Coca-Pflanzungen für
den internationalen Drogenhandel. Die andere Dimension der Diversifizierungsstrategien
äußerte sich insbesondere in der Zunahme der weiblichen Erwerbsarbeit. Das Geldein-
kommen, das die Frauen mit außerhäuslicher Lohnarbeit oder der selbstständigen Herstel-
lung und Vermarktung von handwerklichen Erzeugnissen erwirtschafteten, stellte einen
immer wichtiger werdenden Beitrag zum Familienbudget darund war für viele Kleinbauern-
familien eine wichtige Voraussetzung zum Überleben auf ihren Kleinstbetrieben und zum
88 Peter Fleer

Verbleib in der Landwirtschaft. Auch die Migration einzelner Familienmitglieder in die


Hauptstädte oder die USA war Teil dieser Bemühungen. In Mexiko, Zentralamerika und
dem karibischen Raum gehörte auch die Arbeitssuche in den grenznahen Montagebetrieben
internationaler Konzerne, den so genannten maquiladoras, dazu (McCreery 2000:167-
172). Für viele Kleinbauernfamilien reichten jedoch diese Diversifizierungsstrategien nicht
zur Existenzsicherung aus, und sie verließen ihre Ursprungsregionen endgültig in der
ungewissen Hoffnung, in den rasch wachsenden Metropolen oder im Ausland eine Chance
für eine bessere Zukunft zu finden.
Am Anfang des 21. Jahrhunderts hat die Landwirtschaft ihre zentrale wirtschaftliche
und soziale Bedeutung verloren, die sie noch vor fünf Jahrzehnten in den lateinamerika-
nischen Ländern beanspruchen konnte. Der größte Teil der Lateinamerikaner und
Lateinamerikanerinnen lebt mittlerweile in Städten, in vielen Ländern ist der Anteil der
Industrieproduktion am Bruttoinlandsprodukt größer als jener der Landwirtschaft. Den-
noch muss jede Entwicklungspolitik den ländlichen Regionen hohe Priorität einräumen.
Denn es sind die ländlichen Regionen, die am stärksten von Armut, Ungleichheit und
Unterdrückung betroffen sind (North/Cameron 2003:2). Unter diesen Bedingungen
stellen sie ständige Unruheherde dar, die die Länder politisch destabilisieren. Die
Verminderung der Ungleichheit auf dem Land ist nicht nur ein moralisches Anliegen,
sondern eine Grundvoraussetzung für nachhaltiges wirtschaftliches Wachstum und
soziale Entwicklung in Lateinamerika.

Literatur

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Latin America, Bd. 8. Cambridge: University Press: 385-449
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Pietschmann, Horst/Tobler, Hans Werner (Hg.): Handbuch der Geschichte Lateinamerikas,
Bd. 3. Stuttgart: Klett-Cotta: 1049-1166
CEPAL (1985): Economia campesinay agricultura empresarial: Tipologia de produetores del agro
mexicano. Mexico: Siglo XXI
Silke Hensel

Ein Kontinent in Bewegung


Bevölkerungsentwicklung und Migration
in Lateinamerika, 19. und 20. Jahrhundert

In Lateinamerika trafen in den vergangenen fünf Jahrhunderten die verschiedensten


Bevölkerungsgruppen aufeinander. Daraus hervorgegangene ethnische Differenzierun-
gen sind ebenso wie die Entstehung ganz neuer Gruppen konstitutiv für die Gesellschaf-
ten. Seit der Eroberung Amerikas immigrierten zunächst Spanier und Portugiesen nach
Mittel- und Südamerika, während sich im Norden und in der Karibik Engländer,
Franzosen und Holländer niederließen. Mit der Ausbreitung der Plantagenwirtschaft in
der Karibik und in Brasilien wurden Millionen Afrikaner als Sklaven nach Amerika
verschleppt. Bis zur Unabhängigkeit blieb die europäische Auswanderung in die Kolo-
nialgebiete Spaniens und Portugals weitgehend auf die eigenen Untertanen beschränkt
und ihr Umfang war relativ gering. Eine regelrechte Masseneinwanderung von Italienern,
Spaniern, Portugiesen, Deutschen und anderen Gruppen setzte in der zweiten Hälfte des 19.
Jahrhunderts ein (Emmer/Mörner 1992; Moya 2006). In dieser Phase fanden Skla-
venhandel und schließlich die Sklaverei ein Ende, was eine stimulierende Wirkung auf
die Einwanderung anderer Gruppen entfaltete. Neben Europäern kamen nach 1850
asiatische und arabische Migranten in nennenswertem Umfang. Zusammengenommen
führten diese Migrationsprozesse in Lateinamerika zur Ausbildung von Gesellschaften
mit eigenem, als hybrid bezeichnetem Charakter (Hall 1994). Im 20. Jahrhundert
schließlich veränderte sich die Migrationsrichtung. Die transkontinentale Zuwanderung
ging schrittweise auf ein niedrigeres, aber konstantes Niveau zurück. Quantitativ wich-
tiger wurden nunmehr die Wanderungen zwischen einzelnen lateinamerikanischen
Staaten sowie die Arbeitsmigration von Lateinamerikanern in die USA und nach Kanada,
in geringerem Maße nach Europa und Asien. Nach Umfang und Dauer überwog der
Einfluss von Migrationen über den Atlantik, was zu vielfältigen Verbindungen der drei
Kontinente Afrika, Amerika und Europa und dadurch zur Schaffung einer atlantischen
Welt beitrug (Thornton 1992; Pietschmann 2002).
Der folgende Beitrag will zunächst die demographische Entwicklung Lateinameri-
kas und in diesem Zusammenhang die Bedeutung von Migration beleuchten. Im Anschluss
sollen die Wanderungsprozesse selbst und die Integration der Migranten in die Aufnahme-
gesellschaften in den Blick genommen werden.
92 Silke Hensel

Die Bevölkerungsentwicklung in Lateinamerika


Lateinamerika gehört heute zu den als »überbevölkert« geltenden Weltregionen, wo das
Bevölkerungswachstum als gravierendes Problem gilt. Eine solche Einschätzung begann
sich erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts abzuzeichnen. Bis dahin galt
Lateinamerika als Kontinent mit zu wenig Einwohnern. Viele Regierungen begrüßten
und förderten deshalb seit der Unabhängigkeit die Einwanderung. Das Ziel der Bevölke-
rungszunahme formulierte der argentinische Politiker Juan Bautista Alberdi mit den
Worten »gobernar es poblar« - »regieren heißt bevölkern«. Nur in der Ansiedlung von
Einwanderern sahen Alberdi und viele seiner Zeitgenossen die Möglichkeit, das Land in
Wert zu setzen und es gut zu regieren (Rock 1985:139). Dieser Wunsch wurde im 19. und
frühen 20. Jahrhundert von eugenischen Vorstellungen begleitet, denen zufolge der
Charakter der Gesamtbevölkerung - besonders der indigenen und afrikanischstämmigen
Gruppen - verbessert werden könne, wenn genügend »rassisch« wertvolle Immigranten
aus Europa nach Amerika kämen und sich mit den Einheimischen vermischten (Stepan
1991). Diese Bevorzugung europäischer und hier wiederum nordeuropäischer Immi-
granten führte jedoch nicht dazu, dass nur sie tatsächlich ins Land gelassen wurden.
Vielmehr fand eine Reihe von Migranten anderer Herkunftsregionen aus ökonomischen
Erwägungen heraus ebenfalls Aufnahme. Dies traf für die japanische Einwanderung in
Brasilien zu, mit der allerdings eine Umwertung der japanischen »Rasse« einherging, die
aus der Gruppe der Asiaten herausgelöst und den Weißen zugeordnet wurde (Lesscr
1999:91).
Die Bevölkerungsentwicklung Lateinamerikas stand in engem Zusammenhang mit
verschiedenen Einwanderungsbewegungen, wobei sich starke regionale und auch zeitli-
che Unterschiede herauskristallisierten. Die Phase der Masseneinwanderung fiel in die
Jahrzehnte zwischen 1870 und 1930. Danach begann sich die Wanderungsrichtung
umzukehren, bis Lateinamerika in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum Aus-
wanderungskontinent wurde. Zum Haupteinwanderungsland für Lateinamerikaner wur-
den die USA, neben Mexikanern gibt es hier große Gemeinden von Kubanern, Puerto-
ricanern und anderen aus der Karibik stammenden Immigranten. Während der Militär-
diktaturen in Argentinien, Brasilien, Chile und Uruguay sowie des Bürgerkriegs in
Guatemala wuchs die Anzahl von Einwanderern aus diesen Ländern ebenfalls. Es gibt
kein lateinamerikanisches Land, aus dem keine Migranten in den Vereinigten Staaten zu
finden sind (Rumbaut 1992). Neben grenzüberschreitenden Migrationen kam es auch zu
bedeutenden Bevölkerungsverschiebungen innerhalb einzelner Staaten, deren Ausmaß
ebenfalls in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zunahm (Gilbert/Gugler 1992).

Die demographische Entwicklung bis 1930

Das 19. Jahrhundert begann mit einem Bevölkerungsrückgang bzw. einem nur langsa-
men Wachstum. Die Unabhängigkeitsbewegungen führten in den meisten Ländern
wegen der Kampfhandlungen, aber auch Epidemien und geringerer Nahrungsmittel-
produktion zu sinkenden Einwohnerzahlen, allerdings fehlen hier verlässliche Daten.
Außerdem führten die kriegerischen Auseinandersetzungen zu Flüchtlingsbewegungen.
Ein Kontinent in Bewegung 93

Schließlich brachte die Zeit nach der Unabhängigkeit nicht den erhofften wirtschaftli-
chen Aufschwung. Deshalb stieg die Bevölkerungszahl nur geringfügig. Für die erste
Hälfte des 19. Jahrhunderts lässt sich eine Wachstumsrate von ca. 1 Prozent jährlich
verzeichnen, allerdings bestanden regionale Unterschiede. Während die argentinische
Bevölkerung von 1836-1855 immerhin um 4,2 Prozent wuchs, betrug die Steigerung in
Zentralmexiko in den Jahren nach 1825 lediglich zwischen 0,4 Prozent und 1 Prozent, im
Norden des Landes lag die Rate etwas höher, auf Yucatän sank die Einwohnerzahl
hingegen bis in die 1870er-Jahre (Sanchez-Albornoz 1986:121; vgl. auch Tabelle 1).
Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts setzte ein schnelleres, wiederum
regional unterschiedliches Bevölkerungswachstum ein. Zwischen 1850 und 1930 ver-
zeichneten Argentinien, Chile und Uruguay die größte Zunahme ihrer Bevölkerungen. In
Paraguay wirkten sich hingegen der Tripelallianzkrieg gegen Argentinien, Brasilien und
Uruguay (1865-1870) und eine nachfolgende Choleraepidemie negativ aus. Das Land
verlor etwa die Hälfte seiner Einwohner. In Mexiko und Zentralamerika war die
Wachstumsrate am niedrigsten und lag für den gesamten Zeitraum von 1850-1930 bei
etwa einem Prozent (Sanchez-Albornoz 1986:122f). In Mexiko führte der Bürgerkrieg
während der Revolution (1910-1917) zum Rückgang der Bevölkerung um fast eine
Million Menschen. Viele starben in den Kämpfen oder in der Folge von Epidemien,
andere flüchteten in die USA. Die Andenländer verzeichneten in der gleichen Periode ein
Wachstum zwischen ein und zwei Prozent jährlich. In der Karibik lagen die Zuwächse
etwas darüber.

Tabelle 1: Bevölkerungen und Wachstumsraten für einzelne Länder, 1850-1930

in tausend durchschnittl che jährliche


Wachstumsrate
1850 1900 1930 1850-1900 1900-1930

Insgesamt 30 530 61 781 104 144 1,4 1,7


Argentinien 1 100 4 963 11 936 2,9 3,1
Bolivien 1 374 1 696 2 153 0,4 0,8
Brasilien 7 230 17 980 33 568 1.8 2,1
Chile 1 443 2 959 4 365 1,4 1,3
Costa Rica 101 297 499 2,2 1,7
Dom. Rep. 146 515 1 227 2,4 2,9
Ecuador 816 1 400 2 160 1,1 1,5
El Salvador 366 766 1 443 1,0 2,1
Guatemala 850 1 300 1 771 0,9 1,0
Haiti 938 1 560 2 422 1,0 1,5
Honduras 350 500 948 0,7 1,5
Kolumbien 2 065 3 825 7 350 1,2 2,0
Kuba 1 186 1 583 3 837 0,6 3,0
Mexiko 7 662 13 607 16 589 1,0 0,8
Nicaragua 300 478 742 0,9 1,5
Panama 135 263 502 1,4 2,7
Paraguay 350 440 880 0,4 2,3
Peru 2 001 3 791 5 651 1,3 1,4
Uruguay 132 915 1 599 4,0 1,9
Venezuela 1 490 2 344 2 950 0,9 0,8

Quelle: Sanchez-Albornoz 1986: 122.


94 Silke Hensel

DerBevölkerungszuwachs hatte zwei strukturelle Ursachen: Erstens sank die Mortalitäts-


rate bei zunächst gleich bleibend hohen Geburtenraten, zweitens wirkte die interkontinentale
Einwanderung positiv, wobei der natürliche Zuwachs den größeren Teil am Gesamtanstieg
ausmachte. Obwohl Kriege und Epidemien im 19. Jahrhundert die Sterblichkeit zeitweise
stark erhöhten, lässt sich langfristig doch eine Einebnung der Mortalitätsraten erkennen. Die
hohen Ausschläge aufgrund von Krankheiten wie Cholera und Gelbfieber gingen zurück.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war die Lebenserwartung insgesamt gestiegen, sie
erreichte allerdings nur in den Ländern des Rio de la Plata ein ähnliches Niveau wie in
Europa (Sänchez-Albornoz 1986:143). Dazu trugen die Verbesserung der Infrastruktur
(Wasserversorgung), der hygienischen Bedingungen sowie des Gesundheitssystems eben-
so bei wie eine bessere Versorgung mit Nahrungsmitteln. Hinzu kam, dass die Fertilitätsrate
nicht im gleichen Maße sank wie die Sterberate. Dies führte besonders in ländlichen
Gebieten, wo bis in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts und zum Teil darüber hinaus
die Mehrheit der Bevölkerung lebte, zu einem natürlichen Bevölkerungsanstieg.
Daneben beeinflussten Migrationsbewegungen die demographische Entwicklung in
vielfacher Hinsicht. Bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts brachte der fortgesetzte
Sklavenhandel fast 15-20 Prozent der insgesamt 10-15 Millionen Sklaven nach Amerika.
Von 1811-1870 wurden fast 1,9 Mio. Afrikaner auf den amerikanischen Kontinent
verschleppt. Die Hauptempfängergebiete waren im 19. Jahrhundert Brasilien mit dem
Import von über einer Million Afrikanern und Kuba mit etwas mehr als 600.000 Sklaven.
In die französische Karibik wurden nicht ganz 100.000 Menschen verschleppt (Curtin
1969:234). Besonders in Brasilien und Kuba trug die beständige Einfuhr neuer Arbeitskräf-
te dazu bei, dass die Exporte von Kaffee und Zucker beider Länder enorm stiegen. Als
Brasilien dem britischen Druck nachgab und 1850 die Einfuhr von Sklaven tatsächlich
unterband, stiegen die Preise stark an und es kam zum innerbrasilianischen Sklavenhandel.
Die Landwirtschaft im Norden und Nordosten des Landes musste aufgrund der fallenden
Zucker- und Baumwollpreise auf dem Weltmarkt umstrukturiert werden. Gleichzeitig
erlebte die Kaffeeproduktion in den Provinzen Rio de Janeiro und Säo Paulo einen Boom.
Die fazendeiros deckten einen Teil ihres steigenden Arbeitskräftebedarfs mit ca. 200.000
Sklaven aus anderen Regionen Brasiliens (Klein 1986:126; Sänchez-Albornoz 1986:127).
Auf Kuba kam der Sklavenhandel erst 1865-1866 zum Erliegen. Bereits seit 1853 suchte
man dort aber nach Ersatz für die afrikanischstämmigen Sklaven und fand ihn in chinesi-
schen Arbeitskräften, den so genannten »coolies«. Bis 1874 kamen 124.000 Chinesen nach
Kuba. Ihre Lage nahm sklavenähnliche Züge an (Moreno Fraginals 1989:235), ihr Status
unterschied sich allerdings insofern von dem der Sklaven, als sie ihren Vertrag nach acht
Jahren abgegolten hatten und - vorausgesetzt sie erlebten diesen Zeitpunkt und wurden
nicht über Schulden an den Plantagenbesitzer gebunden - ihrer Wege gehen konnten. 1876
umfassten die chinesischstämmigen Einwohner Kubas fast drei Prozent der Inselbevölkerung.
Zwischen 1853 und 1874 kam mit 87.000 Personen ebenfalls ein größeres Kontingent
chinesischer Arbeiter nach Peru. Dem peruanischen Zensus von 1876 zufolge waren zwei
Prozent der Bevölkerung chinesischer Abstammung (Sänchez-Albornoz 1994:125).
In den 1870er-Jahren begann der Massenexodus von Europäern nach Amerika. Die
meisten Emigranten wählten die Vereinigten Staaten als Ziel, einige Millionen wandten
sich aber nach Lateinamerika. Insgesamt belaufen sich die Schätzungen über die Anzahl der
europäischen Einwanderer, die von 1870-1930 nach Lateinamerika kamen, auf 13 Millio-
Ein Kontinent in Bewegung 95

nen Menschen. Darin sind die so genannten »golondrinas« nicht enthalten, die als
Saisonarbeiter vor allem nach Argentinien reisten und danach in ihre Heimat zurückkehrten
(Sänchez-Albornoz 1994:133). Die meisten Europäer wanderten nach Argentinien, Brasi-
lien, Kuba, Uruguay und Chile. Etwa vier Millionen von ihnen ließen sich bis 1930 in
Argentinien nieder, zwei Millionen wählten Brasilien als neue Heimat, 600.000 wanderten
nach Kuba und eine ebenso große Zahl ging nach Uruguay. Die Nettoeinwanderung für
Chile wird auf ca. 200.000 Migranten geschätzt. Angesichts der geringen Einwohnerzahl
nahm Uruguay prozentual gesehen die meisten europäischen Migranten auf. Bereits 1843
bestand die Bevölkerung des Landes zu 63 Prozent aus Ausländern (Sänchez-Albornoz
1986:126). Obwohl die lateinamerikanischen Regierungen nordeuropäische Migranten
bevorzugten, kamen vor allem Einwanderer aus Italien, Portugal und Spanien. Deutsche
wanderten im 19. Jahrhundert in nennenswertem Umfang lediglich nach Brasilien ein,
einige Kolonien entstanden auch in Chile (Luebke, Blancpain). Weiterhin suchten Ost- und
Südeuropäer, unter ihnen viele Juden, die vor Verfolgung flüchteten, in Lateinamerika eine
neue Heimat. Neben europäischen Einwanderern stellten die so genannten »turcos«, die
hauptsächlich aus dem Libanon und Syrien stammten, in einigen Ländern eine relativ
bedeutende Gruppe (The Americas 1996). Im 20. Jahrhundert verzeichnete Brasilien
schließlich eine hohe japanische Einwanderung. Sie begann 1908 und stieg zwischen 1924-
1935 auf 140.000 Immigranten. In dieser Dekade stellten Japaner nach Einwanderern aus
Portugal die zweitgrößte Gruppe (Lesser 1999:91,95).
Schwankungen in der Entwicklung der Einwanderung ergaben sich einerseits
aufgrund von wirtschaftlichen Krisen in den Aufnahmeländern. Andererseits spielten
Bedingungen in Europa eine Rolle. So waren z.B. die Schiffslinien während des Ersten
Weltkrieges unterbrochen, weshalb von 1916-1920 nur relativ wenige Europäer nach
Amerika kamen. In einzelnen Ländern führten auch politische Entscheidungen zu
sinkenden Migrantenzahlen. So erließ Italien 1902 ein Gesetz, das seinen Staatsangehö-
rigen die von brasilianischer Seite subventionierte Migration untersagte. Deshalb sank
die Zahl der italienischen Migranten nach Brasilien vorübergehend (Holloway 1980:42).

Tabelle 2: Einwanderung nach Brasilien (1881-1930)

Zeitraum erstmals nach davon aus


Brasilien Portugal en
Italien Spanien Deutschland Japan
Eingereiste
insgesamt (in % )

1881-1885 133.400 32 47 8 8
1885-1890 391.600 19 59 8 3
1891-1895 659.700 20 57 14 1
1896-1900 470.300 15 64 13 1
1901-1905 279.700 26 48 16 1
1906-1910 391.600 37 21 22 4 1
1911-1915 611.400 40 17 21 3 2
1916-1920 186.400 42 15 22 3 7
1921-1925 386.600 32 16 12 13 5
1926-1930 453.600 36 9 7 6 13
insgesamt 3 964.300 29 36 14 5 3
Quelle: Sänchez-Albornoz 1994:135.
96 Silke Hensel

Tabelle 3: Nettoeinwanderung in Argentinien, Uruguay und Chile (1881-1930)

Zeitraum Argentinien Uruguay Chile insgesamt


1881-1885 191.000 26.700 4.300 222.000
1885-1890 489.400 42.100 23.900 555.400
1891-1895 156.100 13.800 2.800 172.700
1896-1900 303.900 33.900 4.100 341.900
1901-1905 329.300 43.800 3.600 376.700
1906-1910 859.300 92.800 35.600 987.700
1911-1915 490.400 101.000 53.300 644.700
1916-1920 2.400 53.100 14.800 70.300
1921-1925 510.200 70.000 34.300 615.500
1926-1930 481.600 102.600 6.300 590.500
insgesamt 3 813.600 579.800 183.000 4 576.400
Quelle: Sänchez-Albornoz 1994:136.

Generell wanderten vor allem Personen in den produktivsten Altersgruppen, also


zwischen 15 und 45 Jahren. Der Anteil von allein wandernden Männern lag wesentlich
höher als der von Frauen und insgesamt betrug das Verhältnis von Männern zu Frauen
unter den Migranten in etwa 3:1 (Sänchez-Albornoz 1994:139f). Aber auch hier kam es
zu regionalen und gruppenspezifischen Unterschieden. Diejüdische Migration zeichnete
sich durch einen hohen Anteil von Familien aus, dies lag vor allem daran, dass die Juden
Europa bereits mit der Vorstellung verließen, nicht mehr zurückzukehren (Elkin 1996).
Die brasilianische Politik bzw. die Einwanderungspolitik des Bundesstaates Säo Paulo,
der bis 1930 56 Prozent aller europäischen Einwanderer aufnahm, förderte besonders die
Aufnahme von Familienverbänden, da ihr Einsatz in der Kaffeeproduktion gegenüber der
Beschäftigung einzelner Männer als rentabler galt. Bei diesen mit staatlicher Unterstüt-
zung nach Brasilien reisenden Personen zeigte sich deshalb ein ausgeglicheneres Ver-
hältnis zwischen Frauen und Männern als es sonst der Fall war (Holloway 1980:55-59).
In den Ländern des Cono Sur, in Brasilien sowie in Kuba beeinflusste die Einwan-
derung die demographische Entwicklung sehr stark. In Brasilien trug die Immigration in
der Dekade von 1891-1900 immerhin 30 Prozent zum Bevölkerungswachstum bei, hier
handelte es sich allerdings um die Phase mit dem größten Anteil von Migration am
Bevölkerungsanstieg (Sänchez-Albornoz 1994:141). Die hohen Einwanderungsraten
hatten wiederum weitreichende Auswirkungen auf die ökonomische Entwicklung der
Staaten. Ohne die zusätzlichen Arbeitskräfte wäre das rapide Anwachsen der Ex-
portproduktion agrarischer Güter nicht möglich gewesen (Holloway 1980:164ff, Moya
2006:10f)- Die Weltwirtschaftskrise von 1929-1930 bereitete der europäischen Massen-
einwanderung nach Lateinamerika allerdings ein Ende.

Die demographische Entwicklung seit 1930: vom Einwanderungs-


kontinent zur Binnenmigration und Auswanderung

Seit 1930 erlebte Lateinamerika ein starkes Bevölkerungswachstum, das bisweilen als
Explosion beschrieben wird (Sänchez-Albornoz 1994:156ff). Von 1960 bis 1990 wuchs
die Bevölkerung durchschnittlich über 4 Prozent jährlich und vervierfachte sich von ca.
Ein Kontinent in B e w e g u n g 97

110 Millionen Menschen auf fast 450 Millionen. Weltweit verzeichnete der Kontinent
zusammen mit Afrika die höchsten Wachstumsraten. Diese Entwicklung hing vor allem
mit der sinkenden Mortalität bei weiterhin hohen Geburtenraten zusammen. Lediglich in
den Ländern, in denen bis 1930 eine starke Einwanderung zu verzeichnen war, sank die
Geburtenrate seit den 1950er-Jahren, in den restlichen Ländern blieb sie auf relativ
hohem Niveau.

Tabelle 4: Bevölkerungen und Wachstums raten für einzelne Länder, 1930-1990


in tausend durchschnittliche jährliche
Wachstumsrate (%)
1930 1950 1970 1990 1930-50 1950-70 1970-90

Insgesamt 107.408 165.880 285.695 448.076 2,17 2.72 2,25


Argentinien 11.896 17.150 23.962 32.322 1,83 1,67 1,50
Bolivien 2.153 2.766 4.325 7.314 1,25 2,24 2 63
Brasilien 33.568 53.444 95.847 150.368 2,33 2,92 2,25
Chile 4.424 6.082 9.504 13.173 1,59 2,23 1,63
Costa Rica 499 862 1.731 3.015 2,73 3,49 2,17
Dom. Rep. 1.400 2.353 4.423 7.170 2,60 3,16 2,42
Ecuador 2.160 3.310 6.05 1 10.587 2,13 3,02 2,80
El Salvador 1.443 1.940 3.588 5.252 1,48 3,07 1,91
Guatemala 1.771 2.969 5.426 9.197 2,58 2,85 2,81
Haiti 2.422 3.261 4.535 6.513 1,49 1,65 1,81
Honduras 948 1.401 2.627 5.138 1,95 3,14 3,35
Kolumbien 7.350 I 1.946 21.360 32.978 2,43 2.91 2,17
Kuba 3.837 5.850 8.520 10.608 2.11 1,88 1,10
Mexiko 16.589 28.012 52.771 88.598 2,62 3,17 2,59
Nicaragua 742 3.871 1,96 3,13 3,17
1.098 2.053
2,29
Panama 502 893 1.531 2.418 2.88 2,70
2,99
Paraguay 880 1.351 2.351 4.277 2,14 2,77
2,45
Peru 5.651 7.632 13.193 21.550 1,50 2,74
0,48
Uruguay 1.704 2.239 2.808 3.094 1,37 1,13
3,11
Venezuela 2.950 5.009 10.604 19.735 2,65 3,75
1,15
Andere 4.519 6.312 8.665 10.898 1,67 1,58

Quelle: Mcrrick 1994:7.

Die Mortalitätsrate sank seit den 1950ern besonders aufgrund von medizinischen Verbes-
serungen rapide. So wurden z.B. die Malaria übertragenden Mosquitos mit Pestiziden
bekämpft. Medikamente ermöglichten eine erfolgreichere Behandlung von Krankheiten
wie der Tuberkulose, Lungenentzündung und Grippe. Schließlich wurden Impfungen
gegen Masern, Diphtherie, Tetanus und Typhus in großem Umfang durchgeführt. Zwi-
schen 1950 und 1973 konnte die Mortalitätsrate um über 20 Prozent gesenkt werden.
Großen Anteil daran hatte die wirkungsvollere Bekämpfung von Infektionen der Atemwe-
ge und von Durchfallerkrankungen, die besonders Kinder gefährdeten. Insgesamt erhöhte
sich so die Lebenserwartung der Bevölkerung erheblich, wenn auch regional unterschied-
lich. In den 1980er-Jahren betrug das durchschnittliche Höchstalter um die 70 Jahre, in
Bolivien und Haiti allerdings nur etwas über 50 Jahre (Merrick 1994:13ff).
Das Bevölkerungswachstum stellte neue Anforderungen an die Staaten, so musste
das Bildungswesen stärker ausgebaut werden und der Bedarf an Arbeitsplätzen stieg
98 Silke Hensel

ständig. Die Suchenach Überlebensmöglichkeiten trieb viele Menschen seit Mitte des 20.
Jahrhunderts zunächst vom Land in die Städte und führte zur Entstehung von Megalopolis.
Mexiko-Stadt wuchs von 1,5 Mio. Einwohnern im Jahr 1940 auf 8,5 Mio. im Jahr 1970.
Im Großraum lebten in den 1980er-Jahren über 20 Mio. Menschen, d.h. fast ein Viertel
der Landesbevölkerung wohnte in der Hauptstadt. Die Einwohnerdichte betrug in der
Stadt in den 1990er-Jahren durchschnittlich 5.494 Menschen pro Quadratkilometer (vgl.
Kandell 1996). Der Zuwanderungsprozess verlief dabei ohne Steuerung und der Politik
gelang es nicht, die dadurch auftretenden Probleme zu lösen. Arbeitsplätze standen nicht
in ausreichendem Umfang zur Verfügung, es entstanden Armensiedlungen, in denen die
Infrastruktur schlecht bis nicht vorhanden war. Die mangelhafte Wasserversorgung, die
ungenügende Müllbeseitigung ebenso wie das enorme Verkehrsaufkommen führten zu
einer gesundheitsschädlichen Umgebung. Zusätzliche ökologische Probleme wie etwa das
Ausgreifen der Siedlungen auf sensible Hanglagen oder in Niederungen, die sich in der
Regenzeit in Seen verwandeln, erschweren das Leben in der Stadt (Gilbert/Gugler 1992).
Häufig stellten die Städte nur eine Etappe im Wanderungsprozess dar, der von dort
weiter ins Ausland führte. Diese, der Masseneinwanderung der 1870er- bis 1930er-Jahre
entgegengesetzte Migrationsrichtung ist bezeichnend für die demographischc Entwick-
lung im vergangenen Jahrhundert. Fehlten zunächst in vielen ländlichen Gebieten
Arbeiter in einer auf den Export ausgerichteten Landwirtschaft, die im Ausland angewor-
ben wurden, so boten die Bedingungen auf dem Land seit der Mitte des Jahrhunderts
vielfach keine ausreichenden Lebenschancen mehr. Neben der Landflucht kam es in
vielen lateinamerikanischen Ländern zu einer stark ansteigenden Auswanderung. Beson-
ders betroffen davon ist Mexiko. Seine direkte Nachbarschaft zur so genannten Ersten
Welt hat ebenso wie die historische Verbindung des nördlichen Landesteils mit den
Gebieten des heutigen Südwestens der USA dazu geführt, dass die Migration in die
Vereinigten Staaten bereits vor der Jahrhundertmitte einen wichtigen Faktor darstellte
(vgl. Gonzales 1999). Innerhalb Lateinamerikas fanden und finden ebenfalls grenzüber-
schreitende Bevölkerungsbewegungen statt. Nach Argentinien wanderten lange Zeit
Arbeitskräfte aus den Nachbarländern ein. Venezuela, Costa Rica und Mexiko stellen
traditionelle Zielländer für Migranten aus der Region dar. In Venezuela führte vor allem
der Ölboom der 1970er-Jahre zu steigenden Einwandererzahlen (Pellegrino 2000:397f).
Zu einer beständigen Arbeitsmigration, die bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhun-
derts eine wichtige Rolle spielte, zählt auch die Wanderung von Haitianern in die
Dominikanische Republik, wo sie vorwiegend in der Zuckerwirtschaft tätig waren. Der
Anteil der innerkontinentalen Migration an der gesamten lateinamerikanischen Emigra-
tion sank allerdings von 42 Prozent 1960 auf nur noch 19 Prozent in den frühen 1990er-
Jahren. Gleichzeitig stieg die absolute Anzahl von lateinamerikanischen Migranten im
selben Zeitraum von ca. 1,6 auf über 11 Millionen Menschen (Pellegrino 2000:399).

Migrationsprozesse und ihre Auswirkungen in Lateinamerika


Die Ursachen der Migration und die Motive von Migranten

Wanderungen stellen komplexe Prozesse dar, deren Ursachen in den meisten Fällen aus
einem Bündel von Faktoren bestehen. Die Gründe von Migrationen sind dabei auf
Ein Kontinent in Bewegung 99

verschiedenen Ebenen zu suchen. Es handelt sich einerseits um strukturelle Ursachen, die


entweder in den Herkunftsregionen bzw. -Staaten der Wanderer ihren Ursprung haben,
oder um global wirkende Kräfte, die Herkunfts- und Zielregionen miteinander verbinden.
Der Bevölkerungszuwachs in Europa seit dem 18. Jahrhundert und die damit einherge-
hende steigende Nachfrage nach Nahrungsmitteln verband den Kontinent mit solchen
Weltregionen, in denen die Landwirtschaft potenziell den Bedarf in Europa decken
konnte, wo aber Arbeitskräfte fehlten, um die Produktion zu steigern. Die Industrialisie-
rung in Europa führte zu einem wachsenden Rohstoffbedarf, zunächst vor allem in der
Textilherstellung, der wiederum nicht in Europa selbst erfüllt werden konnte. Dieser
ökonomische Prozess zeitigte enorme soziale Folgen, eine davon lag in der Freisetzung
von ländlicher Bevölkerung, die in der Heimatregion kein Auskommen mehr fand und
deshalb die Auswanderung in Betracht zog. Die technologischen Neuerungen im Zuge
der Industrialisierung ermöglichten darüber hinaus den engeren Austausch von Waren
und Menschen über die schnelleren und deshalb billigeren Transportmittel. Erfindungen
wie Kühlschiffe führten zu einer engeren Einbindung der argentinischen Pampa in den
Weltmarkt. Sie ermöglichten es, große Mengen Frischfleisch für den steigenden europäi-
schen Bedarf zu exportieren. Damit wurde die Viehwirtschaft arbeitsintensiver und
förderte wiederum die Einwanderung (Moya 1998:13ff). Die zunehmende wirtschaftli-
che Verflechtung und die Ausbreitung des kapitalistischen Systems in immer neue
Weltrcgionen führten so zu einer steigenden Arbeitsmigration.
Solche Makrostrukturen allein genügen jedoch nicht, um Migrationen zu verstehen.
Die Akteure müssen ebenfalls in Betracht gezogen werden. Es handelt sich dabei
einerseits um einzelne Individuen, andererseits sind diese Personen in Verwandtschafts-
oder lokal verankerte Netzwerke eingebunden, die in der Entscheidung zu wandern
ebenfalls eine wichtige Rolle spielen. Die ältere Literatur sah überwiegend Lohndifferen-
zen zwischen Herkunfts- und Zielrcgion von Wanderern als Ursache für die Migration
und postulierte den Wanderer gewissermaßen als hämo oeconomicus, der eine rationale
Entscheidung allein an der Frage des ökonomischen Nutzens ausrichtete (vgl. Esser
1980). Dieses Modell wird häufig verknüpft mit den Push-and-pull-Faktoren, die
allerdings streng genommen, lediglich nach Ursachen in den Regionen der Aus- und
Einwanderung unterscheiden. Die Erklärung von Migration als Folge unterschiedlicher
Lohnniveaus blendet jedoch wichtige Dimensionen von Wanderungsprozessen aus
(Parnreiter 2000; Massey u.a. 1993).
Die persönlichen Motive eines jeden einzelnen Migranten lassen sich häufig nicht
mehr nachvollziehen, da entsprechende Selbstzeugnisse der Betroffenen fehlen. Es gab
darüber hinaus aber eine Reihe überindividueller Gründe, die größere Wanderungen
auslösten. Wirtschaftliche Not in der Heimat gekoppelt mit der Vorstellung, dass
anderswo ein besseres Leben möglich sei, stellten ein wichtiges Ursachenbündel dar,
wobei allerdings Armut alleine noch keine ausreichende Erklärung für den Aufbruch in
andere Länder darstellte. Es lässt sich vielmehr beobachten, dass die Auflösung über-
kommener Sozialstrukturen ebenso bedeutsam war. Häufig spielte außerdem ein unzu-
reichender Zugang zu Kleinkrediten und/oder Versicherungsleistungen eine wichtige
Rolle. Darüber hinaus fand die Wanderung Einzelner oft als Teil einer Familienstrategie
statt. Damit kann die ökonomische Basis einer Familie diversifiziert werden und das
Risiko wirtschaftlicher Not wird für beide Seiten gemindert, indem die Familie den
100 Silke Hensel

Migranten bzw. häufig die Migrantin in der ersten Phase der Eingewöhnung in der neuen
Umgebung unterstützt und umgekehrt ein Teil des Gehaltes der Gewanderten an die
Familie geschickt wird, die damit z.B. Missernten teilweise ausgleichen kann (Baud
1994).
Neben ökonomischen Gründen, die zur Wanderung führen, spielen häufig politische,
religiöse oder rassistisch motivierte Verfolgungen eine wichtige Rolle bei der Entschei-
dung, die Heimat zu verlassen. Viele Juden aus Osteuropa flohen im 19. und zu Beginn
des 20. Jahrhunderts vor Pogromen, weitere kamen aufgrund der antisemitischen
Verfolgungen durch die Nationalsozialisten hinzu (Elkin 1996). Allein nach Argentinien
wanderten von 1920-1947 120.000 Juden ein (Mörner 1992:240). Die Anhänger der
Pariser Kommune ebenso wie spanische Republikaner oder Anarchosyndikalisten ver-
ließen ihre Länderaufgrund politischer Verfolgung (Sänchez-Albornoz 1994:132). Auch
ein Teil der Migrationsbewegungen innerhalb Lateinamerikas sowie in Länder anderer
Kontinente war bzw. sind politisch motiviert und durch Bürgerkriege ausgelöst. Dies gilt
für die Exilanten, die vor politischer Verfolgung während der Militärdiktaturen aus Chile,
Argentinien, Brasilien und Uruguay flüchten mussten, wie für Zentralamerikaner, die
ihre Länder in den 1970er- und 1980er-Jahren während der dort tobenden Bürgerkriege
verließen. Hunderttausende Guatemalteken brachten sich beispielsweise vor der Strate-
gie der »verbrannten Erde« des Militärs in Sicherheit, indem sie nach Mexiko gingen, wo
viele offiziell als Flüchtlinge anerkannt wurden und Hilfe von den Vereinten Nationen
erhielten. Andere befanden sich ohne Papiere und ohne offiziellen Status im Land, ihre
Lage war dementsprechend prekärer (Garbers 2001:136ff). Unter den verschiedenen
Flüchtlingsgruppen stellen die Kubaner, die nach der Revolution auf Kuba die Insel
verließen und in den USA Asyl erhielten, einen Sonderfall dar, da sie in den Vereinigten
Staaten aufgrund politischer Erwägungen lange Zeit eine Bevorzugung genossen (Masud-
Piloto 1996).
Die Auswahl des Ziellandes hing wesentlich von den zur Verfügung stehenden
Informationen ab. Für europäische Migranten, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert nach
Lateinamerika gingen, stellten Zeitungen und vor allem die Werbung von Kolonisations-
oder Schifffahrtsgesellschaften sowie von staatlichen Stellen ebenso wichtige Informa-
tionsquellen dar wie die Briefe von bereits ausgewanderten Verwandten, Nachbarn und
Freunden. Mit der Ausweitung der Massenkommunikationsmittel boten das Radio und
Fernsehen und heute wohl auch das Internet weitere Informationsmöglichkeiten. Neben
einer Vorstellung über die Zielregion, die aufgrund von Desinformationen nicht immer
den tatsächlichen Bedingungen entsprach, spielte die Erreichbarkeit eines Landes eine
wichtige Rolle. Die Einrichtung von Schiffs-, Eisenbahn- oder Fluglinien führte häufig
zur Kanalisierung von Migrationsbewegungen (Nugent 1992:31). Grenzüberschreitende
Migrationen sind schließlich den gesetzlichen Bestimmungen der beteiligten Länder und
der Form ihrer Durchsetzung durch staatliche Behörden unterworfen.

Die Rolle staatlicher Politik für Migrationen

Entgegen der älteren Konzeption von Wanderungen als Folge individueller Entscheidun-
gen der einzelnen Migranten auf der Suche nach besseren Löhnen oder Arbeitsbedingun-
Ein Kontinent in Bewegung 101

gen, heben neuere Studien die aktive Anwerbung durch potenzielle Arbeitgeber bzw.
staatliche Institutionen hervor. Dieser Aspekt lässt sich im 19. und 20. Jahrhundert
tatsächlich rekonstruieren. Neben einer positiven Einwanderungsgesetzgebung förder-
ten staatliche Institutionen häufig die Migration. Argentinien und Brasilien bemühten
sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in zunehmendem Maße um europäische Arbeits-
kräfte. Bereits die Verfassung von 1859 verpflichtete die Regierung Argentiniens,
europäische Einwanderung zu unterstützen und übertrug Immigranten aus Europa die
Bürgerrechte, von denen lediglich das Wahlrecht ausgenommen war. Dafür mussten
Einwanderer keinen Militärdienst leisten (Moya 1998:49f). 1876 erließ die Regierung ein
Einwanderungsgesetz, das im folgenden Jahr und 1889 erneut überarbeitet wurde. Es
schaffte fast alle Restriktionen für Immigranten ab und sah außerdem deren Unterstüt-
zung mit Unterkunft und Verpflegung in den ersten Tagen nach ihrer Ankunft vor
(Nugent 1992:1120-
Der brasilianische Bundesstaat Säo Paulo richtete zu Beginn der 1880er-Jahre
ebenfalls eine Aufnahmestation für Einwanderer ein, nachdem bereits 1871 und 1872
erlassene Gesetze die Plantagenbesitzer bei der Anwerbung europäischer Arbeitskräfte
unterstützen sollten. 1884, also vier Jahre vordem Ende der Sklaverei, wurde in Säo Paulo
der Besitz von Sklaven besteuert, um mit den Einnahmen die Anwerbung freier Arbeiter
zu bezahlen. 1894 ging der Bundesstaat dazu über, Verträge mit Schiffsgesellschaften zu
schließen und bezahlte die Überfahrt von europäischen Einwanderern. Damit konnten
staatliche Institutionen einen relativ großen Einfluss darauf nehmen, wer angeworben
wurde. Sie forderten vor allem die Anwerbung von Familien, von denen man annahm,
dass sie eher auf den Plantagen bleiben würden als allein stehende Migranten. Zwischen
80 und 100 Prozent der Einwanderer, deren Überfahrt subventioniert wurde, verbrachten
ihre ersten Tage in Brasilien in der Aufnahmestation. Dort erhielten sie neben der
Unterkunft Mahlzeiten und medizinische Versorgung. Allerdings war die für 4.000
Personen ausgelegte Einrichtung mit 10.000 Migranten häufig hoffnungslos überfüllt.
Von hier aus suchten die Einwanderer einen Arbeitgeber. War ein Arbeitsvertrag
geschlossen, erhielten sie die Zugfahrt zu einem Bahnhof in der Nähe ihres künftigen
Arbeitsorts bezahlt, sofern es sich um eine Kaffeeplantage handelte. Dieses System der
staatlich geförderten Einwanderung wurde 1927 aufgelöst. Bis dahin hatte der Bundes-
staat eine wichtige Rolle in der Anwerbung von Migranten gespielt und als Instrument
der Kaffeeplantagenbesitzer fungiert. Die Ausgaben Säo Paulos zur Unterstützung von
Einwanderern beliefen sich in den ersten Jahrzehnten der Alten Republik (1889-1930)
auf etwa 9 Prozent der Steuereinnahmen (vgl. Holloway 1980).
Ohne die finanzielle Unterstützung bei der Überfahrt hätten sich vermutlich weniger
Wanderer nach Brasilien gewandt, nur die hohe Anzahl von Einwanderern gewährleiste-
te aber das enorme Wachstum des Kaffeeanbaus seit Ende des 19. Jahrhunderts, das von
den ehemaligen Sklaven auch dann nicht hätte getragen werden können, wenn alle auf den
Plantagen geblieben wären. Die Anwerbung europäischer Immigranten hatte allerdings
noch weitere Gründe. Die brasilianische Elite bevorzugte sie aufgrund rassistischer
Vorstellungen über die angebliche Minderwertigkeit der afrikanischstämmigen Bevöl-
kerung.
Die staatliche Unterstützung reichte jedoch nicht aus, um ein Land tatsächlich zum
Einwanderungsland werden zu lassen. So stellt Jose Moya (1998:51 f) fest, dass argenti-
102 Silke Hensel

nische Agenten zwar zwischen 1888 und 1890 133 428 freie Schiffspassagen für
europäische Migranten ausstellten, insgesamt nutzten aber von 1840-1930 lediglich zwei
Prozent der Einwanderer dieses Angebot. Neben die strukturellen Bedingungen, die
überhaupt erst die Wanderung an einen bestimmten Ort sinnvoll erscheinen ließen,
mussten weitere wichtige Faktoren treten, die Einfluss auf die Wanderungsentscheidung
nahmen. Moya misst der Existenz von Migrantennetzwerken, die zur Informations-
verbreitung entscheidend beitrugen, eine herausragende Bedeutung bei. Allerdings
bleibt anzumerken, dass der argentinische Staat hier nicht unbeteiligt war. So ernannte
Argentinien in Spanien vor allem in Auswanderungsregionen konsularische Vertreter,
deren Hauptaufgabe eben in der Werbung für Argentinien als möglichem Aus wanderungs-
ziel lag (Moya 1998:6011). Außerdem konnten staatliche Programme der Einwanderungs-
förderung dazu beitragen, dass überhaupt erst eine Immigrantengemeinde entstand,
deren Mitgliederdann wiederum Informationen über die Situation vor Ort an Verwandte
und Freunde schickten. Einige argentinische Provinzen förderten in den 1860er- und
1870er-Jahren die Einwanderung von Europäern, indem sie landwirtschaftliche Koloni-
en gründeten, wo jeder eingewanderte Farmer 30 bis 40 Hektar Land und außerdem Tiere,
Saatgut und Werkzeuge erhielt. 1880 bestanden in den Provinzen Santa Fe, Cördoba und
Entre Rfos 695 solcher Kolonien mit über 53.000 Farmen (Rock 1987:137). Die
Hochphase der staatlichen Unterstützung von Einwanderern lag in den späten 1880er-
und frühen 1890er-Jahren, die meisten Einwanderer kamen aber erst in den ersten
Dekaden des 20. Jahrhunderts. Insofern muss die Bedeutung der staatlichen Ein-
wanderungsförderung als Anschub von konkreten Migrationsbewegungen u.U. höher
bewertet werden, als ihr quantitativer Anteil an dem Prozess vermuten lässl.
Darüber hinaus gab es Beispiele, in denen staatliches Eingreifen wesentlich für den
gesamten Wanderungsprozess war. Dies trifft beispielsweise auf diejapanischc Einwan-
derung nach Brasilien zu. Zu Beginn der Migration unterstützte wiederum der Bundes-
staat Säo Paulo die Anwerbung japanischer Arbeitskräfte für die Kaffeewirtschaft. 1908
kam das erste Schiff mit japanischen Arbeitern. Bis 1914 folgten weitere Migranten,
deren Überfahrt staatlich mitfinanziert war. Dann beendete Säo Paulo seine Förderung
von Japanern, da zu viele von ihnen es den Europäern gleich taten, und die Kaffeeplan-
tagen wegen der schlechten Arbeits- und Lebensbedingungen vor Vertragsende wieder
verließen. Als jedoch mit dem Ersten Weltkrieg kaum noch europäische Migranten
kamen, nahm Säo Paulo die Förderung japanischer Einwanderung wieder auf und als
Brasilien endgültig davon abrückte, übernahm der japanische Staat diese Rolle, da die
Auswanderung als ein Ventil für die internen Probleme galt (Lone 2001:103).
Staatliche Initiativen spielten auch bei der Auswanderung von Lateinamerikanern
eine Rolle. Dies traf für das sogenannte »bracero«-Programm zu. das auf der Grundlage
eines Vertrages zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko die temporäre Arbeits-
migration von Mexikanern in die USA regulierte. Ein erster Vertrag kam 1942 zustande,
als die Umstellung der US-amerikanischen Wirtschaft auf die Kriegsanforderungen zur
erhöhten Nachfrage nach Arbeitern in der Landwirtschaft führte. Bis 1947 kamen etwa
250.000 Mexikaner - ausschließlich Männer - in den Südwesten der USA. Nach Been-
digung des Vertrages lief das Programm auf der Basis informeller Vereinbarungen
zunächst weiter, bis es 1951 per Gesetz wieder aufgenommen und bis 1964 fortgeführt
wurde. Offiziellen Schätzungen zufolge kamen in den 22 Jahren des Bestehens insgesamt
Ein Kontinent in Bewegung 103

fast fünf Millionen braceros in die USA. Die tatsächliche Zahl dürfte jedoch darunter
liegen, da viele braceros mit jedem Vertragsabschluss erneut gezählt wurden, auch wenn
es sich de facto um eine Vertragsverlängerung handelte. Dieses Rekrutierungsprogramm
führte zum Ansteigen der Immigration von Mexikanern in die USA insgesamt. Bei der
Anwerbung gab es regelmäßig mehr Interessenten, als die vertraglich festgelegte Zahl
von Arbeitern vorsah. Die Informationen über Arbeitsmöglichkeiten in den USA brach-
ten aber viele Mexikaner dazu, alleine nach Norden zu ziehen und auch ohne die
notwendigen Papiere die Grenze zu überschreiten. In der Zeit des Bracero-Programms
griff die fro/x/er/rafro/etwa fünf Millionen Mexikaner auf. Die Anzahl derjenigen, denen
es gelang, ihr zu entkommen, lag wesentlich höher, sie ist aufgrund der Natur des
Phänomens aber schwer zu bestimmen (Gonzales 1999:170ff).

Der Prozess der Integration

Einen wichtigen Bereich der Migrationsforschung bildet die Frage nach der Integration
der Wanderer in die Aufnahmegesellschaften. Das Verständnis von Integration ebenso
wie das der verwandten Begriffe von Assimilation, Akkulturation oder Anpassung sind
dabei keineswegs eindeutig und haben in den vergangenen Jahrzehnten einen erheblichen
Wandel durchgemacht. Besonders die Soziologie und die Anthropologie sind mit der
Untersuchung entsprechender Phänomene und der Formulierung von Modellen befasst
gewesen. Dies trifft dabei für die Forschung in Einwanderungsgesellschaften stärker zu
als für solche, die sich zumindest nicht so verstanden haben. In den USA beschäftigten
sich die Mitglieder der Chicago School seit Beginn des 20. Jahrhunderts mit der
Integralion von Einwanderern, sie fassten den Prozess meistens unter dem Begriff der
Assimilation. Dieser Prozess wurde als eine einseitig verlaufende Anpassungsleistung
der Einwanderer an die neue Gesellschaft bis hin zur völligen Angleichung in allen
Lebensbereichen verstanden. Es ging dabei auch um die Frage, welche Gruppen über-
haupt in der Lage zu einer solchen Assimilation seien und welche per se als nicht dazu
fähig betrachtet wurden. Inder Anthropologie stellten sich ähnliche Fragen, Anpassungs-
prozesse erhielten hier allerdings die Bezeichnung Akkulturation, womit die stärkere
Gewichtung kultureller Entwicklungen zum Ausdruck kam. Die Modelle von Akkultu-
ration ähnelten jedoch denen der Assimilation insofern, als auch hier ein einseitig
verlaufender Prozess gemeint war, in dem eine Minderheit sich der Mehrheitsgesellschaft
anpassen sollte. In Lateinamerika spielten die Konzepte von Akkulturation und Assimi-
lation in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vor allem im Hinblick auf die indigene
(Mexiko) bzw. die afrikanischstämmige Bevölkerung (Brasilien) ein wichtiges Unter-
suchungsfeld. In Brasilien vertraten Anthropologen neben anderen Wissenschaftlern die
These von der »Weißwerdung« der brasilianischen Gesellschaft. Danach würden die
Afrobrasilianer über die Vermischung mit Weißen in der Zukunft verschwinden, da ihre
Geburtenrate gering und ihre Kultur schwach sei und sich deshalb nicht gegenüber der
Kultur der Weißen würde behaupten können. Diese rassistischen Überlegungen blieben
nicht auf akademische Kreise beschränkt, sondern stiegen zur offiziellen Ideologie des
Landes auf. Um den Prozess der Aufhellung der Bevölkerung zu unterstützen, förderte
Brasilien die Einwanderung von europäischen Migranten (Skidmore 1993).
104 Silke Hensel

Gegenüber den umfassenden Modellen von Assimilation und Akkulturation, die von
einer vollkommenen Angleichung - bis hin zur Unsichtbarkeit - der Migranten an die
Aufnahmegesellschaft ausgingen, untersuchten einige Historiker die Anpassung. Darun-
ter verstanden sie den Prozess, der es Migranten ermöglichte, sich in der neuen
Umgebung zu bewegen und ihr Leben zu organisieren (Bailey 1983:283; Klein 1983).
Ein Vergleich der italienischen Einwanderer in Argentinien und den Vereinigten Staaten
kommt zu dem Schluss, dass die Anpassung der Italiener in Argentinien - gemessen am
ökonomischen Erfolg der Migranten, ihrer Wohnsituation und dem Organisationsgrad
der Einwanderergemeinden - in Argentinien schneller und erfolgreicher verlief als in den
USA. Die Gründe dafür lagen nicht etwa in einer unterschiedlich geprägten Einwanderer-
bevölkerung, sondern vor allem in den Bedingungen, die sie vorfanden. Während die
argentinische Wirtschaft in der Phase der starken italienischen Einwanderung expandier-
te und Italiener zu den ersten, großen Einwanderergruppen zählten, gehörten Italiener in
den USA zu den späteren Einwanderergruppen, weshalb sich die Bedingungen für sie
schlechter darstellten. Die unterschiedliche Anpassung zeigte sich weiterhin in der
Gründung von Organisationen, die die kulturellen, sozialen und politischen Interessen
der Migrantengemeinden vertraten. In Argentinien bzw. in Buenos Aires existierten eine
ganze Reihe von Vereinen und Clubs, in denen sich die italienischstämmige Bevölkerung
zusammenfand, in den USA war dagegen der Organisationsgrad geringer und die
Vereinszugehörigkeit und -tätigkeit nach der regionalen Herkunft der Italiener aufge-
spalten. Letzteres führte dazu, dass die Italiener in den USA ihre Interessen weniger gut
gegenüber der Aufnahmegesell schaff artikulieren konnten als dies den italienischen
Migranten in Argentinien möglich war (Klein 1983).
Soweit die Konzeptionen von Assimilation und Akkulturation kulturelle Aspekte
betrafen, formulierten sie eine statische Vorstellung von Kultur und Gesellschaft. Die
Herkunfts- und Aufnahmegesellschaften wurden als zwei Pole einander gegenüberge-
stellt, zwischen denen Migranten sich gewissermaßen auf einer Schiene der Akkultura-
tion von einem Pol weg zum anderen hin bewegten. Die Pole selbst blieben davon
scheinbar unberührt (Welz 1994). Dieses Bild ist zu Recht kritisiert und durch ein
dynamischeres Konzept ersetzt worden, demzufolge erstens immer von einem Prozess
ausgegangen werden muss, der in beide Richtungen wirkt. Nicht nur die Einwanderer
verändern sich, die Einheimischen sind ebenfalls einem Wandel unterworfen. Zweitens
stellen Kultur und Gesellschaft keine statischen Einheiten dar, deren Charakteristika
abgelegt bzw. angenommen werden können wie Kleidungsstücke. Vielmehr unterliegen
auch sie einem ständigen Wandel, der durch Migrationsprozesse entscheidend beeinflusst
wird. Ein Aspekt eines solchen Wandels ergibt sich bei der Ausbildung ethnischer
Gruppen, die vielfach auf Wanderungsbewegungen folgt.
Bei ethnischen Gruppen handelt es sich um Kollektive, deren Zusammenhalt sich
nicht »automatisch« aus der gleichen Herkunft ergibt. Vielmehr entstehen sie erst in der
Interaktion mit anderen Wir-Gruppen. In Kontaktsituationen werden soziale Grenzen
gezogen, die über die Zugehörigkeit zu einem Kollektiv bzw. den Ausschluss von ihm
bestimmen. Fremdheit wird hergestellt, indem einzelne kulturelle Merkmale zur umfas-
senden Charakterisierung des Anderen herangezogen werden. Nicht kulturelle Ferne als
solche bringt Exklusion hervor, sondern die Produktion und Reproduktion kollektiver
Identitäten im Wechselspiel von Fremd- und Selbstwahrnehmung führen zur Bildung
Ein Kontinent in Bewegung 105

ethnischer Gruppen. Dies bedeutet auch, dass soziale Grenzen fortbestehen können,
wenn die kulturellen Praktiken der voneinander abgegrenzten Gruppen sich verändern
und einander angleichen (Barth 1969; Jenkins 1997). Wichtig für die Ausbildung
ethnischer Gruppen ist außerdem die Schöpfung einer gemeinsamen Vergangenheit, die
sich häufig auf einen Gründungsmythos beruft. Daraus kann die Vorstellung eines quasi-
natürlichen Zusammengehörigkeitsgefühls gespeist werden. Die »gemeinsame Ge-
schichte« liefert dann den Bezugspunkt für politisches Handeln (Elwert 1989:441). Bei
ethnischen Gruppen handelt es sich also nicht um soziale Einheiten, die aufgrund eines
immer schon vorhandenen inneren Zusammenhalts bestehen würden, sondern um
Kollektive, deren Ausbildung auf soziale Konstruktionsprozesse zurückgeht. Macht-
unterschiede zwischen den sozialen Gruppen spielen dabei eine wichtige Rolle.
Ein gutes Beispiel für die Konstruktion und Rekonstruktion ethnischer Identitäten
bildet die spanischsprachige Bevölkerung New Yorks im 20. Jahrhundert. Vor dem
Zweiten Weltkrieg bildete sich eine soziale Handlungsgruppe von »hispanos« heraus, der
Migranten aus vielen lateinamerikanischen Ländern angehörten. Die drei größten natio-
nalen Gruppen waren Puertoricaner, Kubaner und Spanier. Sie alle beriefen sich auf die
prägende Kraft der spanischen Kolonisation Amerikas und ihr gemeinsames spanisches
Erbe. Dies bildete die Basis für ein Gruppenbewusstsein, das sich u.a. in einer Vielzahl
von Vereinen ausdrückte, die die Interessen der hispanischen Bevölkerung der Stadt
vertraten. Diese Wir-Gruppe brach in den 195()er-Jahren auseinander, als der Anteil der
Puertoricaner beständig stieg und viele von ihnen sich auf ihre puertoricanische Herkunft
in Abgrenzung nicht nur zur angloamcrikanischen Gesellschaft, sondern auch zur
Gruppe der »hispanos« definierten (vgl. Hcnsel 2004:206ff).

Migranten als Teil von Diasporen

Das Konzept der Diaspora fand in der Historiographie zunächst auf die jüdische
Geschichte Anwendung, seit einiger Zeit werden damit aber auch die historischen
Erfahrungen anderer Migrantengruppen beschrieben. Dies gilt z.B. für Schwarzafrika-
ner, deren Versklavung und die nachfolgende rassistische Diskriminierung ihrer Migra-
tion einen besonderen Charakter verliehen. Ebenso wie die jüdische Diaspora bezeichnet
Cohen die afrikanische als Opferdiaspora. Zu diesem Typus einer Diaspora zählt er noch
andere Gruppen, deren Migration allerdings für Lateinamerika von geringer Bedeutung
war. Cohen unterscheidet weitere Formen von Diaspora: die Arbeitsdiaspora, die
imperiale Diaspora, die Handelsdiaspora und schließlich die kulturelle Diaspora (Cohen
1997). Wesentlich für eine Diaspora ist neben der Verbreitung einer Gruppe über mehrere
Länder hinweg, wo sie jeweils eine Minderheit darstellt, das Vorhandensein eines
vorgestellten oder tatsächlichen Heimatlandes und darauf bezogen die Ausbildung einer
gemeinsamen Identität über Ländergrenzen hinweg. Diasporagemeinden verstehen sich
als Exilanten (Skinner 1993). Für Diasporen ist es schließlich wichtig, dass die Angehö-
rigen in unterschiedlichen Ländern miteinander in Kontakt stehen.
Die afrikanische Diaspora hat wesentlichen Einfluss auf die Ausprägung der latein-
amerikanischen Gesellschaften genommen. Der Sklavenhandel führte dazu, dass in
einigen Regionen Amerikas der Anteil der Schwarzen an der Gesamtbevölkerung relativ
106 Silke Hensel

hoch ist. Die Institution der Sklaverei verband nicht nur die verschiedenen Kolonialreiche
in Amerika miteinander, sie war auch Teil eines globalen Systems und die afrikanische
Diaspora stellte einen wesentlichen Teil dieses Netzwerkes dar (Holt 1992:40). Die
Erfahrung von Zwangsmigration und Versklavung brachte für die afrikanischstämmigen
Bevölkerungsgruppen einige Gemeinsamkeiten mit sich. An erster Stelle sind hier der
Widerstand gegen die Unterdrückung und die Suche nach Freiheit zu nennen. Im 19.
Jahrhundert führten die Abschaffung von Sklavenhandel und Sklaverei zu einer Gemein-
samkeit, allerdings verliefen diese Prozesse nicht überall gleich. Neben zeitlichen Ver-
schiebungen gestaltete sich die Abolition und nachfolgende Integration der ehemaligen
Sklaven in den verschiedenen Staaten unterschiedlich. Gemeinsam ist allen Angehörigen
der afrikanischen Diaspora in Amerika, dass für ihre kollektive Identität sowohl ihre
afrikanische Herkunft als auch ihre nationale Zugehörigkeit von Bedeutung waren.
Seit Beginn der Sklaverei beeinflussten verschiedene afrikanische und europäisch-
amerikanische Traditionen, Werte und Orientierungen einander gegenseitig, und es
entstanden oftmals synkretistische Kulturen ganz eigener Prägung. Der kollektive
Zusammenhalt der afrikanischstämmigen Bevölkerung in Amerika stützte sich dabei
nach einiger Zeit auf Afrika insgesamt und nicht mehr auf die konkrete regionale
Herkunft oder ethnische Zugehörigkeitsgefühle. Hierüber ist in den letzten Jahren eine
breite Debatte entstanden, deren Ergebnis bisher ist, dass zumindest in einigen Regionen
der Einfluss von konkreten afrikanischen Kulturen stärker war als der allgemeine Bezug
auf »Afrika« (Hensel im Druck). Diese Entwicklung hielt nach der Abschaffung der
Sklaverei an, auch jetzt beeinflussten einige transnationale Tendenzen, wie etwa der
Aufstieg des wissenschaftlichen Rassismus, das Leben aller Schwarzen ohne deshalb in
jedem Land identische Ausprägungen und Folgen zu haben. Afrika blieb oder wurde zum
Bezugspunkt der Nachfahren der Sklaven und stieg häufig zum vorgestellten Heimatland
auf. Es entwickelten sich pan-afrikanischc Vorstellungen nicht nur in Afrika, sondern
auch in Amerika und Europa (Harris 1982). Außerdem bestanden die Verbindungen
zwischen Afrika, Amerika und Europa über den Sklavenhandel hinaus auch auf der
konkreten Migrationsebene. Ehemalige Sklaven aus Brasilien und Kubaentschieden sich
z.B., nach Afrika zu gehen und verstanden dies als Rückkehr, auch wenn sie sich nicht
am Ort ihrer Herkunft niederließen (Boadi-Siaw 1993; Sarracino 1988). Darüberhinaus
bestanden Handelskontakte, die zu kulturellen Transfers beitrugen. Religiöse Utensilien
und landwirtschaftliche Produkte, wie etwa die Kolanuss, der rituelle Funktionen
zukamen, bildeten einen wichtigen Teil der aus Afrika nach Brasilien importierten
Waren. Schließlich kam es seit Beginn des 19. Jahrhunderts zu politischem Austausch
zwischen verschiedenen afroamerikanischen Bevölkerungen. Informationen über die
Revolution von Haiti inspirierten Sklaven und freie Schwarze anderer Kolonien und die
erfolgreichen Revolutionäre suchten teilweise den direkten Kontakt mit Schwarzen
anderer Regionen (vgl. Geggus 2001). Diese vielfältigen Gemeinsamkeiten und Ver-
flechtungen führten zur Ausbildung eines interkulturellen, transnationalen Raumes, der
auch als »Black Atlantic« bezeichnet wird (Gilroy 1993; Thornton 1992).
Die afrikanischstämmige Bevölkerung in den Amerikas bildet ein gutes Beispiel für
die beständige »Re-konstruktion« ethnischer Identitäten. Studien über Brasilien zeigen,
dass dort ein erheblicher Wandel in Bezug auf die Wir-Gruppen-Bildung der Sklaven und
deren Nachkommen stattfand. Mieko Nishida (1993) teilt das 19. Jahrhundert bis zur
Ein Kontinent in Bewegung 107

Abolition für Bahia in folgende Phasen ein: Bis 1830 überwog insgesamt die aus Afrika
stammende Bevölkerung und so lange spielte die so genannte nacäo, also die konkrete
regionale bzw. ethnische Herkunft der Sklaven ein wichtiges Element der Identifikation.
Als jedoch der Anteil der in Afrika Geborenen an der schwarzen Bevölkerung sank,
gewann von 1831-1850 die Unterscheidung zwischen Afrikanern und den crioulos, also
den in Brasilien geborenen Nachkommen der ersten Generation von Sklaven, an
Bedeutung. Zu diesem Wandel trug auch die Repression gegen »Afrikaner« ganz
allgemein nach der Revolte von 1835 bei. In der dritten Phase von 1851 bis 1870 kam es
zur Verfestigung einer pan-afrikanischen Identität, die nicht mehr so stark nach dem
Geburtsort unterschied, sondern auf die afrikanische Herkunft bezogen war. In der letzten
Phase von 1871-1888 überwog die Mulattenbevölkerung gegenüber den Schwarzen.
Dies brachte eine stärkere Betonung der Hautfarbe bei der Ausbildung von kollektiven
Handlungseinheiten mit sich. Diese letzte Phase zeigt, dass unter den Afrobrasilianern
brasilianische Konzepte über »Rassen« und damit auch über die Einteilung der Bevölke-
rung in Gruppen die Oberhand gewannen. In den folgenden Jahrzehnten führte dieser
zunehmende brasilianische Bezug zur Vereinheitlichung der afrobrasilianischen Kultur
(Butler 1998:47ff).
Nach der Abolition blieb für die Afrobrasilianer ebenso wie für die Angehörigen der
afrikanischen Diaspora in Amerika insgesamt das Problem bestehen, welche Strategie sie
gegenüber der jeweiligen Gesellschaft wählen wollten. Das Streben nach Integration
stand dem der Separation gegenüber, ohne dass sich beide gänzlich ausgeschlossen
hätten. Die Optionen der schwarzen Bevölkerung waren dabei entscheidend von den
neuen Formen der Exklusion geprägt, die nach der Abschaffung der Sklaverei und der
formalen Gleichstellung der ehemaligen Sklaven als Staatsbürger entstanden. Charakte-
ristisch wiederum für alle afroamerikanischen Bevölkerungsgruppen war die Erfahrung
von Diskriminierung und Ausschluss. Die Suche nach einem gleichberechtigten Leben
brachte im 20. Jahrhundert neue Verbindungen innerhalb der African Diaspora. Nach
dem Ersten Weltkrieg richteten Schwarze aus den USA ihr Streben auf die Auswande-
rung, da sie nicht mehr an eine Gleichberechtigung im eigenen Land glaubten. Einige
Gruppen strebten den Auftau eines Gemeinwesens von Afroamerikanern in Brasilien an.
Diese Initiativen waren von dem allgemeinen Glauben an eine »Rassendemokratie« in
Brasilien, wie sie auch dort befürwortet wurde, geprägt. Die brasilianische Regierung war
an einer Immigration von Schwarzen allerdings nicht interessiert und erteilte deshalb
keine Visa an African Americans (Butler 1998:38). Stärkeren Einfluss als in Brasilien
konnten US-amerikanische Organisationen, die eine Emigration der Schwarzen propa-
gierten, in der Karibik nehmen (vgl. Martin 1976).
Insgesamt bleibt festzuhalten, dass die Zwangsverschleppung afrikanischer Sklaven
nach Amerika und die Institution der Sklaverei die Neue Welt entscheidend prägten und
die Auswirkungen bis heute sichtbar sind. Der afrikanische kulturelle Einfluss ist
besonders in den Ländern mit einem hohen Anteil an Nachkommen von Sklaven, also
Brasilien, Kolumbien, Venezuela, den karibischen Staaten und den USA auffällig. Die
Sklaverei und ihre Folgen stellen außerdem einen Zusammenhang innerhalb der westli-
chen Hemisphäre dar und sie verbinden den amerikanischen Kontinent mit Afrika.
Neben der afrikanischen Diaspora gibt es weitere Migrantengruppen in Amerika, die
als Teil einer Diaspora gelten. Dies trifft nicht nur auf die jüdischen Einwanderer zu,
108 Silke Hensel

sondern auch auf Chinesen und Inder (McKeown 2001; Hollett 1999). Die letzten beiden
Gruppen werden unter dieser Kategorie gefasst, da ihre Wanderung häufig zumindest in
Teilen nicht auf freiwilliger Basis stattfand und sie außerdem in Amerika als »indentured
servants« auf Plantagen beschäftigt wurden, wo die Arbeitsbedingungen häufig nicht
besser waren als die für afrikanische Sklaven. Darüber hinaus sahen sich Chinesen und
Inder besonders krassen, rassistisch motivierten Diskriminierungen ausgesetzt. Die
Migration beider Gruppen nach Lateinamerika hing nicht nur mit der afrikanischen
Diaspora zusammen, weil chinesische und indische Arbeitskräfte die ehemaligen Skla-
ven ersetzten, sondern auch, weil mit dieser Einwanderung z.T. eine Auswanderung der
afrikanischstämmigen Bevölkerung einherging. Dies war der Fall bei der Arbeits-
migration von Schwarzen aus der englischsprachigen Karibik, die zu Beginn des 20.
Jahrhunderts von der United Fruit Company für die Arbeit auf den Bananenplantagen in
Zentralamerika angeworben wurden, während indische Arbeiter in die Karibik kamen,
um dort ebenfalls auf Plantagen zu arbeiten. Der Anreiz der Westinder, nach Zentral-
amerika zu gehen, lag dabei vor allem in höheren Löhnen (Chomsky 1996:42ff).

Zusammenfassung und Ausblick

Lateinamerika ist seit der Kolonialzeit durch vielfältige Wanderungsbewegungen stark


bceinflusst. Die Zwangsmigration von afrikanischen Sklaven blieb bis in die Mitte des 19.
Jahrhunderts ein wichtiger Faktor in der demographischen und sozialen Entwicklung
einiger Länder. Die Institution der Sklaverei ebenso wie die Sklaven und ihre Nachfahren
nahmen zudem wesentlichen Einfluss auf die jeweiligen Gesellschaften. Ebenso setzte sich
die Immigration von Europäern in Lateinamerika nach der Unabhängigkeit fort, sie nahm
seit etwa 1870 den Umfang einer Massenwanderung an und die Herkunftsregionen der
europäischen Wanderer beschränkten sich nicht mehr auf die Untertanen der spanischen
und portugiesischen Krone. Neu hinzu traten im 19. und 20. Jahrhundert dagegen umfang-
reichere Wanderungen aus asiatischen Ländern nach Lateinamerika und aus dem Nahen
Osten. Bei der internationalen Migration blieben jedoch diejenigen im atlantischen System
bestimmend. Dies trifft auch für die Emigration aus lateinamerikanischen Ländern zu.
Die Migrationen im atlantischen Raum trugen dazu bei, die drei Kontinente Afrika,
Amerika und Europa über die Kolonialzeit hinaus eng miteinander zu verknüpfen. Es
entstanden vielfältige transnationale und transkulturelle Verbindungen, die es sinnvoll
machen, den Atlantik nicht als trennenden Ozean, sondern als verbindendes Binnenmeer
zu sehen. Die mit den Wanderungsbewegungen einhergehende Ausbildung neuer Wir-
Gruppen und kollektiver Handlungseinheiten fand in Lateinamerika besonders häufig
statt, kann jedoch keineswegs auf diesen Kontinent beschränkt werden. Aus- und
Rückwanderungen beeinflussten die kollektiven Identitäten in Europa und Afrika eben-
falls, Migrationen aus Lateinamerika kamen vor allem im 20. Jahrhundert hinzu. Die
Untersuchung der in Lateinamerika teilweise schon länger zurückliegenden Prozesse der
Ausbildung mestizischer Gesellschaften ermöglicht deshalb auch ein besseres Verständ-
nis aktueller Migrationsprozesse.
Dabei gilt es allerdings die Komplexität der Prozesse zu bedenken, die auf mehreren
Ebenen ablaufen. Neben globalen Strukturen, die zum Entstehen von Wanderungs-
Ein Kontinent in Bewegung 109

bewegungen beitragen, spielen die regionalen und lokalen Bedingungen ebenfalls eine
wichtige Rolle. Schließlich ist die Ebene von Familien verbänden bzw. Individuen zu
beachten. Diese Auffächerung von Makro- und Mikroebene gilt auch für die Integration
von Einwanderern in die Aufnahmegesellschaft. Sie hängt von den verschiedensten
Faktoren ab, wie z.B. dem Fremdbild der Migranten, das häufig von globalen Vorstellun-
gen mit bestimmt wird. Eine solche global wirkende Ideologie stellte der Rassismus dar,
der die Menschheit unterteilt und sie in eine vermeintlich existierende Hierarchie
einordnet. Die konkreten Ausformungen der Rassenvorstellungen hingen allerdings von
den jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnissen ab und die Bedingungen vor Ort spielten
bei der Umsetzung dieser Vorstellungen in die alltägliche soziale Praxis eine wichtige
Rolle. Schließlich bleibt festzuhalten, dass es sich beim Integrationsprozess von Einwan-
derern weder um eine linear verlaufende Entwicklung handelt, noch dass dabei Wandel
nur in einer Richtung verläuft. Nicht nur die kulturellen Orientierungen der Einwanderer
ändern sich, sondern sie beeinflussen auch die Aufnahmegesellschaft. Nicht zuletzt
deshalb gibt es in Lateinamerika so viele unterschiedliche Kulturen.

Literatur

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Barbara Potthast

Urbanisierung und sozialer Wandel

»Kein anderes Volk hat über die Epochen hinweg den urbanen Dimensionen [seines
Lebens] so viel Aufmerksamkeit geschenkt wie die Lateinamerikaner.« (Szuchmann
1996:1) Einige autochthone Kulturen beeindruckten die Conquistadoren durch ihre
hochentwickelten Städte, und spätestens in der Kolonialzeit wurde die Stadt zum
Inbegriff allen politischen und kulturellen Lebens. Dieser Prozess intensivierte sich nach
der Unabhängigkeit, die ebenfalls von den Städten ausging und die Dominanz der Städte,
vor allem diejenige der Hauptstädte, verstärkte. Besonders deutlich wird dies in dem
einflussreichen Essay des argentinischen Schriftstellers und Präsidenten Domingo
F. Sarmiento (1811-1887) über die in der Stadt ansässige »Zivilisation«, der eine
ländliche »Barbarei« gegenübergestellt wird (Sarmiento 1975). Letztere galt es in den
Augen der städtischen Eliten zu überwinden.
Zu den politisch-administrativen und kulturellen Faktoren kam mit der beginnenden
Industrialisierung ein weiterer Faktor hinzu, der das Wachstum der Städte und deren
Dominanz begünstigte. So setzte gegen Ende des 19. Jahrhunderts in den meisten lateiname-
rikanischen Staaten ein Verstädterungs- und Metropolisierungsprozess ein, der bis heute
anhält. Während am Ende der Kolonialzeit die weitaus überwiegende Mehrzahl der Bewoh-
ner im ländlichen Raum lebte, wohnen heute 75,3 Prozent aller Lateinamerikaner in Städten.
Dies ist etwa derselbe Anteil wie in Europa und Nordamerika, währendes in Asien und Afrika
lediglich 36,7 bzw. 27,9 Prozent sind. Lateinamerika ist somit unter den Großregionen der so
genannten Dritten Welt diejenige, in welcher der Verstädterungsprozess am weitesten
fortgeschritten ist (Bähr/Mertins 1995:6). Allerdings hat die Entwicklung hin zu Mega-
städten mit den ihnen innewohnenden Problemen in den letzten Jahren dazu geführt, dass
die uneingeschränkt positive Wertung der Stadt und des städtischen Lebens einer zuneh-
mend skeptischeren Haltung gewichen ist. In den großen Städten ballen sich nicht nur
Kultur, Bildung, politische und ökonomische Macht, sondern auch Schmutz, Armut und
Gewalt. Während sich heute der Blick auf die Verkehrs- und Umweltprobleme, diefavelas
und Straßenkinder richtet, zogen zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor allem die Infrastruktur-
probleme und die mangelhafte Hygiene, aber auch die »unmoralischen« Lebensverhältnisse
und Freizeitvergnügen der Unterschichten die Aufmerksamkeit der Beobachter und
Politiker auf sich. Diese Phänomene und ihre Wahrnehmung sind Indikatoren gesellschaft-
licher Veränderungen und Konflikte, und in dem physischen Erscheinungsbild der Städte
spiegeln sich die sozialen Verhältnisse der jeweiligen Gesellschaft wider.
114 Barbara Potthast

Im Folgenden soll anhand einiger Beispiele die Entstehung moderner Metropolen in


Lateinamerika nachvollzogen werden, zunächst im Hinblick auf die demographische und
städtebauliche Entwicklung, dann aber auch auf die sozialen Implikationen, die sich
daraus ergaben, um abschließend die Situation am Ende des 20. lahrhunderts zu
beschreiben. Die Darstellung wird sich vor allem auf Buenos Aires, Säo Paulo, Rio de
Janeiro und Mexiko-Stadt konzentrieren, da die Prozesse dort am deutlichsten zu
beobachten sind; sie lassen sich mit den entsprechenden regionalen Varianten aber auf
andere Städte, wie z.B. Santiago de Chile, Bogota oder Caracas, übertragen.
Das Wachstum der lateinamerikanischen Städte um die Wende vom 19. zum 20.
Jahrhundert hatte sowohl interne als auch externe Ursachen. Die beginnende Industrielle
Revolution in Europa führte zu steigender Nachfrage nach Rohstoffen wie Häuten, Wolle
und Getreide, seit der Mitte des 19. Jahrhunderts kam der Kaffee als neues lukratives
Exportprodukt hinzu. Zu besseren Absatzchancen und Gewinnen verhalf aber auch die
Binnennachfrage, zumal die Lateinamerikaner nun in weitaus größerem Maße als zuvor
in der Lage waren, Manufakturwaren zu kaufen. Technische Neuerungen schließlich
intensivierten diese Entwicklung oder ermöglichten sie überhaupt erst. So markiert der
Beginn der Dampfschifffahrt und der Gefriertechniken im Exportgeschäft eine radikale
Wende, die in den lebensmittelexportierenden Gesellschaften einer regelrechten Revo-
lution gleichkam. Die Zeit, die man benötigte, um den Atlantik zu überqueren, halbierte
sich dank der neuen Maschinen, die Tonnage stieg, und seit 1883 in Buenos Aires die
ersten Gefrierfleischfabriken ihren Betrieb aufnahmen, konnten die Viehzüchter nun
nicht mehr nur die Rinderhäute nach Europa exportieren, sondern auch das - nun zu
kühlende - Fleisch. Die Verbreitung des Kaffeetrinkens in Europa und Nordamerika
bescherte Mittelamerika, Kolumbien und der Region um Säo Paulo neue Absatzmärkte,
die allerdings erst durch den Bau von Eisenbahnen voll zur Entfaltung kamen. Die
Eisenbahnen machten den Transport der Waren zu den Exporthäfen nicht nur sicherer,
wetterunabhängiger und billiger, sondern reduzierten die Frachtzeit um ein Vielfaches.
Diese Entwicklungen wiederum belebten die Städte als Handels- und Industriemetropolen
und führten zum Aufblühen der Hafenstädte bzw. der in Lateinamerika häufiger anzutref-
fenden »Zwillingsstädte« wie Säo Paulo und seinem Hafen Santos, Santiago de Chile und
Valparaiso, Caracas und La Guaira oder Lima und Callao. Die neuen Metropolen
wiederum zogen Einwanderer an, die dort zunächst vor allem im Dienstleistungssektor,
später auch in den Industriebetrieben Arbeit fanden - oder zu finden hofften (Glade
1986:1-22,33-37).
Das spektakulärste Beispiel für rapides Wachstum und Metropolisierung ist sicher-
lich Argentinien mit seiner Hauptstadt Buenos Aires. Während im Jahr 1869 noch 71
Prozent der Bevölkerung auf dem Land lebten, waren es 1914 nur noch 47 Prozent. Die
argentinische Bevölkerung wuchs in diesem Zeitraum jährlich um mehr als 3 Prozent,
etwa zur Hälfte aufgrund natürlichen Wachstums, zum anderen durch Einwanderung. Bis
zum Ende des Zweiten Weltkrieges verlangsamte sich das Wachstum dann etwas, lag
aber immer noch bei 2 Prozent jährlich. Die vorwiegend europäischen Einwanderer
siedelten sich größtenteils in der Hafenstadt an, die von einer gran aldea zu einer
Metropole heranwuchs und den Vergleich mit europäischen Städten nicht zu scheuen
brauchte. Zwischen 1880 und 1910, d.h. innerhalb von 30 Jahren, vervierfachte sich die
Bevölkerung von Buenos Aires von ca. 300.000 auf 1,2 Millionen Einwohner; betrachtet
Urbanisierung und sozialer Wandel 115

man den Zeitraum von 1869 bis 1920, kommt man sogar auf das Neunfache. Zu Beginn
des 20. Jahrhunderts war etwa ein Drittel der Bonarenser im Ausland geboren, d.h.
Migranten der ersten Generation, während dieser Anteil in den Städten des Binnenlandes
zwischen 8,5 Prozent (Cördoba) und 0,2 Prozent (Corrientes) lag (Cortes Conde 1986:335-
337). Allerdings waren die meisten Einwanderer junge Männer, so dass das zahlenmä-
ßige - und wie später noch zu zeigen wird auch das soziale - Geschlechterverhältnis in
der Stadt sehr unausgewogen war.
Nachdem Buenos Aires 1905 als erste lateinamerikanische Stadt die Millionen-
grenze überschritten hatte, erreichte sie 1926 die Zweimillionen- und 1947 beinahe die
Dreimillionengrenze. Auf diesem Niveau pendelte sich die Bevölkerung der Capital
Federal ein, die Region Groß-Buenos Aires jedoch, die aus 19 kommunalpolitisch
.selbstständigen, aber räumlich und städtebaulich kaum von der Hauptstadt zu trennenden
Randstädten besteht, beherbergte 1980 bereits 10 Millionen Einwohner (Wilhelmy/
Borsdorf 1985:1930- Die sich hierin andeutende ungebremste Flächenausdehnung der
Stadt ist typisch für viele lateinamerikanischen Großstädte, auch wenn dieser Prozess
aufgrund der geographischen Bedingungen nicht immer so gradlinig und städtebaulich
unproblematisch verläuft wie in Buenos Aires. Um die Megametropolen entwickeln sich
zudem Vorstädte und Entlastungsstädte mit hohen Wachstumsraten (Bähr/Mertins
1995:35ff).
Ein ähnlicher Wachstumsprozess lässt sich in Brasilien feststellen, wobei sich hier
allerdings nicht eine übermächtigeprimary city, sondern zwei in Funktion und demogra-
phischer Situation unterschiedliche Metropolen herausbildeten, nämlich die alte Haupt-
stadt Rio de Janeiro und die - ab der Mitte des 19. Jahrhunderts - von einem kleinen
Landstädtchen konstant anwachsende Industriemetropole Säo Paulo, die heute mit mehr
als 15 Mi llionen Einwohnern eine der größten Städte der Welt ist. Brasiliens Bevölkerung
verdreifachte sich zwischen 1872 und 1930 von etwas über 10 auf mehr als 33 Millionen
Einwohner; die jährliche Wachstumsrate betrug hier um die 2 Prozent. Rio de Janeiro,
von 1763 bis 1960 die Hauptstadt des Landes, erlebte bereits durch die Übersiedlung des
portugiesischen Königshofes als Folge der napoleonischen Kriege einen städtebaulichen,
wirtschaftlichen und demographischen Aufschwung. Zwischen 1808 und 1817 wander-
ten allein 24.000 Portugiesen ein und die Stadt zählte 113. 000 Einwohner, d.h. etwa
doppelt soviel wie Buenos Aires. Säo Paulo dagegen dürfte um diese Zeit wenig mehr als
20.000 Bewohner gehabt haben. Im Jahr 1849 war die Bevölkerung Rios auf 226.000
Einwohner angewachsen, 1872 auf 275.000 und 1890 hatte die Stadt die halbe Million
überschritten. Die Millionengrenze erreichte sie 1914, was eine Verfünffachung der
Einwohnerzahl seit 1872 bedeutete. Auch in Rio war gegen Ende des 19. Jahrhunderts
mehr als die Hälfte (55 Prozent) der städtischen Bevölkerung zugewandert, der größte
Teil von ihnen aus Portugal (29 Prozent), 26 Prozent waren auf Binnenmigration
zurückzuführen (Meade 1997:47). Nach der Abschaffung der Sklaverei im Jahr 1888
strömte darüber hinaus eine große Zahl ehemaliger Sklaven in die Stadt, in der Hoffnung,
dort ein besseres Auskommen zu finden als auf den Plantagen.
Ähnliches gilt für Säo Paulo, das gegen Ende des 19. Jahrhunderts als Zentrum des
Kaffeeexportes einen rapiden Aufschwung nahm. Im Jahr 1900 zählte Säo Paulo 240.000
Einwohner, am Ende des Ersten Weltkrieges etwa eine halbe, 1934 dann schon eine
Million Bewohner. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es sowohl in Rio als auch in Säo
116 Barbara Potthast

Paulo erneut zu einem erhöhten Wachstum von jährlich mehr als 4 Prozent. Die absoluten
Zahlen schnellten für Rio von 1,5 Millionen im Jahr 1940 auf 4,3 Millionen 1970 und
5 Millionen 1980 hoch; Säo Paulo wuchs von 2 Millionen 1950 auf nahezu 6 Millionen
1970 und 9,6 Millionen im Jahr 1991 (Wilhelmy/Borsdorf 1985:307, 341, 348; Novy
1997:271). Der Großraum Säo Paulo wird heute auf über 20 Millionen geschätzt.
Während im Cono Sur die Wachstumsschübe um 1900 eng mit der europäischen
Masseneinwanderung zusammenhingen und erst die wirtschaftliche Entwicklung eine
starke Binnenmigration nach sich zog, war diese im Falle Mexikos der wesentliche Motor
des Verstädterungsprozesses. Allerdings stehen wir hier vor der Schwierigkeit, dass die
erste zuverlässige Volkszählung erst 1895 durchgeführt wurde, die Zäsur der Bürgerkriegs-
jahre von 1910 bis 1920 dann jedoch Vergleiche für die nachfolgenden Jahre ungeeignet
erscheinen lässt. Insgesamt verlief der Verstädterungsprozess in Mexiko langsamer als im
Cono Sur, und 1910 lebten noch 80 Prozent der Bevölkerung im ländlichen Raum. Auch
ist in Mexiko zwar ein eindeutiges Übergewicht der Hauptstadt festzustellen, doch gibt es
mit Puebla, Guadalajara, Monterrey und Merida (neuerdings auch Tijuana und Ciudad
Juärez) mehrere wichtige städtische Zentren. In Mexiko-Stadt verdoppelte sich die Ein-
wohnerzahl zwischen 1880 und 1890 beinahe (von 230.000 auf 450.000), und im Jahr 1930
hatte auch diese Stadt die Mi 11 ionenmarke übersprungen. Die Wachstumsraten ergaben sich
fast ausschließlich aufgrund von Binnenmigration, und im Jahre 1910 waren 46,6 Prozent
der Bevölkerung im Distrito Federal aus anderen Bundesstaaten zugewandert (Gucrra
1985:307). Der Sprung zur Megastadt fand in Mexiko ebenfalls in den 50er- und verstärkt
in den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts statt. In dieser Zeit stieg durch forcierte Industria-
lisierung einerseits die Anziehungskraft der Metropole, in der sich die meisten Industrie-
betriebe konzentrierten (1980: 38 Prozent des BIP), andererseits wurde die Landbevölke-
rung durch diese Industrialisierungspolitik marginalisiert und wanderte in die Städte ab. Bis
zu Beginn der 80er-Jahre hielt das »milagro mexicano« und damit die demographische und
flächenmäßige Ausdehnung der Stadt an. Ihr Territorium dehnte sich von ca. 120 km2 auf
mehr als 1.000 km2 aus, die Bevölkerung wird heute auf 17 bis 20 Millionen geschätzt,
womit Mexiko (direkt nach Säo Paulo) zu den fünf größten Städten der Welt zählt.
Bekanntermaßen geht diese Entwicklung aber mit einer hohen Anzahl von Marginal-
siedlungen und angesichts der geographischen Bedingungen des Hochlandes mit noch
schlimmeren Umweltproblemen einher, als sie in Megastädten ohnehin stets auftreten.
Mexiko-Stadt gilt als die Metropole mit der höchsten Umweltbelastung durch Emissionen
in der Welt. Dies hat, zusammen mit wirtschaftlichen Problemen, in Mexiko, aber auch in
anderen Megastädten, in den letzten zehn Jahren zu einer gewissen Trendwende geführt, die
das Wachstum der Megastädte bremst (Bähr/Mertins 1995:29-37, 77-81).

Die „belle epoque" in Lateinamerika

Kehren wir zurück zu den Anfängen der Metropolisierung am Ende des 19. Jahrhunderts
und betrachten wir zunächst die städtebaulichen, sodann die sozialen und kulturellen
Auswirkungen. Diese sollen hier etwas eingehender geschildert werden als die jüngsten
Entwicklungen, da sie nicht nur die unabdingbare Vorgeschichte der heutigen Situation
darstellen, sondern auch das Muster vorgaben, das bis heute weitgehend ungebrochen ist.
Urbanisierung und sozialer Wandel 117

Die zahlreichen Zuwanderer konkurrierten miteinander um Wohnung und Arbeit,


und die aufstrebenden Metropolen waren der Situation bald nicht mehr gewachsen. In Rio
de Janeiro, aber auch in Säo Paulo, Buenos Aires und Mexiko-Stadt stellten sich ähnliche
Probleme. Die Menschen drängten sich vor allem in den Innenstädten, wo der Wohnraum
immer knapper wurde. Die alten herrschaftlichen Wohnungen wurden zu Mietshäusern
umfunktioniert, die Zimmer einzeln an ganze Familien vermietet. Manchmal teilte man
selbst die Zimmer noch oder errichtete im ehemaligen Patio einen weiteren Raum. Viele
Zimmer waren ohne Fenster und mussten mit Kerosinlampen beleuchtet werden, wo-
durch ständige Brand- und Erstickungsgefahr drohte. Die sanitären Anlagen wurden
nicht erweitert, und zusammen mit dem maroden Abwassersystem führte das Zusam-
menleben in cortit^os (Bienenkörben) oder conventillos (kleine Konvente), wie diese
Behausungen in Hispanoamerika genannt wurden, zu enormen hygienischen und ge-
sundheitlichen Problemen.
Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurde Rio von den ersten großen Epidemien heimge-
sucht, deren Ursachen man zunächst nicht in den allgemein schlechten hygienischen
Bedingungen, sondern in der angeblichen Unsauberkeit der Unterschichten suchte. Dies
führte unter anderem dazu, dass die besser gestellten Familien in die luftigeren Viertel auf
den Hügeln am Rande der Stadt zogen, wo sie nun auch von der kolonialen, nach innen
gerichteten Patio-Architektur abgingen und Villen nach nordeuropäischem Vorbild bauten.
Die Innenstädte verfielen immer mehr und die Epidemien breiteten sich weiter aus. Rio
hatte 1686 die letzte Gelbfieberepidemie erlebt, 1849/50 trat diese Krankheit jedoch wieder
auf, in den Jahren 1890-1895 dann in besonders verheerender Weise. Sie forderte allein in
Rio etwa 15.000 Todesopfer. Die Cholera wütete 1855 erstmals in Rio und war der Anlass,
das Abwassersystem zu verbessern. Gerade die Cholera, deren Ursprung man damals
bereits in mangelnder Hygiene und verseuchtem Wasser erkannt hatte, schürte die Ängste
der Wohlhabenden vor den unteren Schichten, stärkte jedoch auch den Einfluss der so
genannten Hygieniker, die städtebauliche Veränderungen forderten. Rio erhielt ein besse-
res Abwassersystem und 1890 Wasserleitungen, die die einzelnen Häuser versorgten.
Bereits 1860 war die Beleuchtung mit Gaslaternen eingeführt worden, und eine Straßen-
bahn erleichterte den Transport in die Außenbezirke. Die einschneidendsten Veränderun-
gen erfuhr die Stadt jedoch zwischen 1903 und 1909, als ein großer Teil des alten Stadtkerns
abgerissen wurde, um neuen, europäischen Vorbildern nachempfundenen Prachtstraßen
Platz zu machen. Die Hafenanlagen wurden modernisiert und die industriellen Außenbe-
zirke durch neue Avenidas mit dem Zentrum und den Wohngebieten verbunden. Gleichzei-
tig begann man in der Nähe der Textilfabriken und Eisenbahnlinien, mit dem Bau von
Arbeitersiedlungen, die mit Wäschereien, Schulen und Gesundheitsstationen ausgestattet
wurden. Allerdings wurden nur wenige Projekte verwirklicht, die insgesamt etwas mehr als
5.000 Menschen, viele von ihnen zudem eher kleine Angestellte als Arbeiter, Platz boten -
ein Tropfen auf den heißen Stein angesichts des allgemeinen Wohnraummangels. Die
durch die Umgestaltung des alten Stadtzentrums obdachlos gewordenen Bewohner der
cortiqos besiedelten zunehmend die Abhänge der nördlichen Hafengegend, die in der Nähe
ihrer Arbeitsplätze lagen, wegen der Erdrutschgefahr jedoch nicht als geeignetes Wohnge-
biet galten. Es entstanden die ersten favelas (Meade 1997; Needell 1987; Hahner 1986).
Die Favelabildung, aber auch die Arbeitersiedlungsprojekte deuten bereits an, dass
sich allmählich eine sozial-räumliche Trennung etablierte, die durchaus gewollt war und
118 Barbara Potthast

durch den Umbau der Innenstadt weiter forciert wurde (Meade 1997:116-125). Die alte,
auf patriarchalischen Hierarchien basierende Gesellschaft hatte diese räumliche Unter-
scheidung nicht benötigt, sie war sogar eher auf das Zusammenleben mit den abhängigen
Bediensteten angewiesen. Doch nun gerieten die alten Gewissheiten durch die Aufhe-
bung der Sklaverei, die europäische Einwanderung und die Industrialisierung zuneh-
mend ins Wanken und wurden durch andere Abgrenzungskriterien und Sozialbeziehungen
ersetzt. Das Wohnviertel wurde nun zu einem Indikator sozioökonomischer Stellung.
Außer der Strukturierung neuer Sozialbeziehungen dienten die »Verschönerungen«
der Städte nach europäischem, zumeist Pariser Vorbild auch der Selbstvergewisserung
der Nation bzw. der nationalen Elite. Die neuen Prachtstraßen wurden geschmückt von
Bauten im Stil der belle epoque, die ausländischen und inländischen Investoren den
Wohlstand und die Modernität des Landes vor Augen führen sollten. Museen, Theater
und Opernhäuser dienten demselben Zweck. Die Prachtstraßen beherbergten auch die
ersten Telegraphenbüros und die neuen Regierungsgebäude, die ebenfalls als Ausweis
wirtschaftlichen und politischen Fortschritts galten. Die neuen Wirtschaftseliten wollten
mit diesen Bauten nicht nur zeigen, dass sie auf der »Höhe der Zeit« waren, sondern auch
den Stolz der Nation und damit die noch immer prekäre nationale Identität stärken. Hierzu
errichtete man entlang der Avenuen nationale Monumente wie Siegessäulen, die an die
Unabhängigkeit erinnerten, Pantheone und Denkmäler. Besonders deutlich wird dies am
mexikanischen Paseo de la Reforma, der bereits von Kaiser Maximilian angelegten
Verbindung zwischen dem Schloss von Chapultepec und dem Nationalpalast. Unter
Porfirio Diaz wurde dieses Projekt unter bürgerlichen Vorzeichen fortgeführt. So wurde
nun eine neue Glorieta (nach dem Vorbild der Pariser etoües) mit einem Monument zu
Ehren von Cuauhtemoc, dem letzten Aztekenherrscher, aber auch eines für Christoph
Kolumbus errichtet. Weitere Denkmäler aus der nationalen Epoche, vor allem der Zeit
von Benito Juarez, gaben im Alameda-Park eine neue Lesart der nationalen Geschichte
vor (Johns 1997; Tenorio Trillo 1996).
Neben den immer reicher und mächtiger werdenden Eliten forderten zunehmend
andere Gruppen Platz und Gehör im öffentlichen Raum. Dies waren die Mittel- und
Unterschichten, aber auch die Frauen, die - mit Ausnahme der Unterschichten - bislang
weitgehend auf die häusliche Sphäre beschränkt gewesen waren. Buenos Aires ist das
deutlichste Beispiel fürdiese Entwicklung. Wirtschaftswachstum und Massenimmigration
bewirkten eine allgemeine Wohlstandssteigerung; Modernisierungsverlierer hingegen
waren hauptsächlich die traditionellen Gewerbebetriebe oder veraltete Transportunter-
nehmen. Durch das Anwachsen des tertiären Sektors entstand eine neue und relativ breite
Mittelschicht, die sich zum überwiegenden Teil aus Immigrantinnen und Immigranten
rekrutierte. Obwohl es schwierig ist, anhand der Zensusdaten genaue Zahlen zu ermitteln
und die Definition von Mittelschicht in dieser Umbruchsphase ohnehin problematisch ist,
geht man davon aus, dass der Anteil der Mittelschicht von 12 bis 15 Prozent im Jahr 1869
auf 35 bis 40 Prozent im Jahr 1914 anwuchs (Gallo 1986:365-372; Alvarez 1996:140).
Auch in Buenos Aires gab es erheblichen Wohnraummangel, und die Lebensbedingun-
gen in den überfüllten conventillos wurden zu einem ernsthaften existenziellen Problem
für viele Einwanderer - nicht nur aus gesundheitlichen Gründen, sondern auch aus
ökonomischen. Die Mieten in den heruntergekommenen Häusern verschlangen nicht
selten ein Drittel des Monatslohnes, so dass es 1907 in Buenos Aires zu dem ersten
Urbanisierung und sozialer Wandel 119

Mieter- und Mieterinnenstreik Lateinamerikas kam. Doch auch im Arbeitsbereich kam


es angesichts der katastrophalen Arbeitsbedingungen häufiger zu Streiks und nicht selten
zu gewaltsamen Auseinandersetzungen (Panettieri 1966). Gleichzeitig jedoch entwi-
ckelten sich, nicht zuletzt durch den Einfluss europäischer Einwanderer, aktive Arbeiter-
bewegungen. Dies verdient in unserem Kontext hervorgehoben zu werden, da sich
sowohl die Arbeiterbewegung als auch die Bedingungen, die zu ihrer Entstehung führten,
auf das soziale Klima und die Geschlechterbeziehungen in der Stadt auswirkten.
Die Tatsache, dass die Löhne nicht ausreichten, um eine Familie zu ernähren, aber
auch der Umstand, dass in den Städten viele allein stehende Frauen mit Kindern lebten,
führten zu vermehrter außerhäuslicher Berufstätigkeit von Frauen. Diese stellten in
Buenos Aires etwa ein Drittel der Arbeitskräfte. Allerdings lag der durchschnittliche
Lohn der Frauen um ein Drittel niedriger als derjenige der Männer gleicher Qualifikation.
(Panettieri 1966:57-95; Menendez 1997:63-92) Daran wird ersichtlich, wie wichtig und
gleichzeitig problematisch die außerhäusliche Erwerbsarbeit der Frauen war. Sie zog
zunehmend die Aufmerksamkeit des Staates und der Gesellschaft auf sich. Ähnlich wie
in Europa begann man nun auch in Lateinamerika, sich über die Konsequenzen der
Frauenarbeit, vor allem im Hinblick auf die Mutterrolle, und über die Struktur der Familie
Gedanken zu machen (Menendez 1997; Lavrin 1995; Guy 1991).
Die Frauen arbeiteten meist in der Nahrungsmittel- und Textilindustrie, so etwa in
der in Argentinien verbreiteten Fleischkonserven-Industrie, in Brasilien und Mexiko in
der Schokoladen- und Tabakproduktion oder in der Leder verarbeitenden Industrie. In
Südbrasilien arbeiteten viele Frauen in der Produktion von Jutesäcken, die zur Verpa-
ckung des Kaffees benötigt wurden. In diesem Fertigungsbereich waren 74 Prozent der
Arbeitskräfte weiblich, viele von ihnen Heimnäherinnen. Dies lag zum einen daran, dass
sich die Säcke nicht gut maschinell produzieren ließen, darüber hinaus war es ein
Stoßgeschäft, denn besonders zur Erntezeit wurden große Mengen benötigt. Die Heim-
arbeit hatte den Vorteil flexibler Arbeitszeit, mit anderen Worten: Während der Erntezeit
konnten die Frauen sie fast endlos ausdehnen. Allerdings war diese Arbeit stark
gesundheitsgefährdend, vor allem wenn sie in engen Räumen ausgeführt wurde, die
schlecht belüftet waren. Der Jutestaub begünstigte die Ausbreitung von Tuberkulose, die
damals in den unteren Schichten weit verbreitet war. Dennoch blieb diese Art von
Heimarbeit für viele Frauen die einzige Möglichkeit, Erwerbsarbeit und Kinderbetreu-
ung miteinander zu verbinden (Samara/Santos de Matos 1993:709-717). In Buenos Aires
arbeiteten zu Beginn des 20. Jahrhunderts ca. 60.000 Personen in ihren Behausungen; die
meisten davon lebten an der Armutsgrenze und waren weiblich. Bald sorgten sich
staatliche Gesundheitsbehörden um diese Frauen, deren Nachkommen schließlich zu-
künftige Arbeitskräfte und Soldaten sein sollten. Zugleich fanden linke Parteien und
Gewerkschaften immer mehr Zulauf und forderten Schutzmaßnahmen für Frauen in den
Industriebetrieben. Wieweit es hierbei allerdings auch darum ging, die weibliche Kon-
kurrenz auszuschalten, die vermeintlich die Löhne verdarb, ist schwer zu sagen.
Neben den vielen Fabrikarbeiterinnen gab es eine wachsende Zahl von erwerbstäti-
gen Mittelschichtfrauen, die überwiegend als Lehrerinnen, Telegraphistinnen, Sekretä-
rinnen oder Buchhalterinnen tätig waren. Sie spielten im öffentlichen Diskurs eine
wichtige Rolle, denn sie waren der Beweis dafür, dass sich das Land auf dem Weg in die
Moderne befand. Sie galten als fähig und fleißig sowie wirtschaftlich unabhängig und
120 Barbara Potthast

lieferten, auch in ihrer eigenen Sichtweise, einen wichtigen Beitrag für die Nation und die
Gesellschaft. Die Berufstätigkeit der Frauen wurde gerade in der Mittelschicht als ein
Weg deklariert, diese aus der Abhängigkeit von den Eltern zu befreien, ihnen eine
Liebesheirat zu gestatten und die Gründung einer glücklichen Familie zu ermöglichen
(Ramosl987; Menendez 1997:92).
Um die Wende zum 20. Jahrhundert rief eine besondere Kategorie erwerbstätiger
Frauen, die Prostituierten, eine breite öffentliche Diskussion hervor. Natürlich war dieses
»älteste Gewerbe der Welt« auch in Lateinamerika nicht neu, es ist jedoch auffällig, dass
es in fast allen Staaten gerade um diese Zeit verstärkt als Problem betrachtet wurde. Durch
die zunehmende Berufstätigkeit von Frauen mussten sich die traditionellen Moralvor-
stellungen verändern. Weibliche Zurückgezogenheit im Hause war für Mittel- und
Oberschichtfrauen kein gangbarer Weg mehr, um Ehrbarkeit zu demonstrieren. Sauber-
keit, Pünktlichkeit, Sparsamkeit und moralische Überlegenheit wurden nun Erkennungs-
merkmale der bürgerlichen und kleinbürgerlichen Gruppen gegenüber den zunehmend
als bedrohlich empfundenen Arbeiterinnen und Arbeitern. Die Prostituierte wurde dabei
zum Symbol für die Gefahren, denen die mittleren und oberen Schichten und vor allem
deren Frauen ausgesetzt waren. Eine Erhebung für Buenos Aires aus dem Jahre 1910 zeigt
allerdings, dass - entgegen dem zeitgenössischen Diskurs - nicht diejenigen Frauen in
die Prostitution abglitten, die in den Fabriken arbeiteten, sondern vor allem solche, die
nicht in die neue Wirtschaftsstruktur integriert worden waren. Prostitution war somit
keine Folge der Industrialisierung und der Fabrikarbeit von Frauen, und die Befürchtun-
gen, die Fabriken würden zu Unmoral verführen, rührten eher aus der Angst, die
werktätigen Frauen könnten der Kontrolle ihrer Ehemänner oder Väter entgleiten. Hinzu
kam, dass sich im Zuge der allgemeinen Modernisierung in den lateinamerikanischen
Großstädten auch das gesellschaftliche Leben veränderte. Die zuvor im Wesentlichen auf
große private Häuser und Paläste konzentrierte Geselligkeit verlagerte sich in den
öffentlichen Raum. Es entstanden neue Freizeitzentren, die gerade von der Mittel- und
Oberschicht genutzt wurden, wie Opernhäuser, Theater, Cafes oder, für die unteren
Schichten, die Tangobars und andere Etablissements. Mit dieser neuen Art von Öffent-
lichkeit, die auch neue öffentliche Räume für Frauen schuf, mussten die Grenzen dessen,
was für »ehrbare Frauen« zulässig war und was nicht, neu definiert werden. Der Besuch
von Theatern und Cafes war unbedenklich, nicht jedoch derjenige einer - damals stets mit
Prostitution assoziierten - Tangobar. Daher bot sich die Prostituierte als Gegenbild zur
modernen, weltoffenen Mittel- und Oberschichtfrau an, die zwar Freizeitvergnügungen
außerhalb des Hauses suchte, jedoch die Grenzen des Zulässigen nicht überschritt (Guy
1991:44-76; Caulfield 2000:78-144; Potthast 2003:222-230).
Das Themader Prostitution wurde nicht nur von Politikern und Moralisten aufgegrif-
fen, es diente einigen gesellschaftlichen Gruppen auch dazu, ihre Position und damit
ihren Einfluss innerhalb der sich wandelnden Gesellschaft zu stärken. Ärzteschaft, Justiz,
Polizei und Gesundheitsverwaltung, aber auch der Stadtrat, der die Gesetze im Einzelnen
umsetzte und die Behörden kontrollierte, stritten um die richtigen Konzepte und um
Kompetenzen. Diese Debatten führten aber zu weiteren Reformen. Die Ärzte hatten
zunehmend erkannt, dass Epidemien wie Gelbfieber, Cholera oder Tuberkulose sich in
den unteren Schichten aufgrund der schlechten hygienischen Bedingungen und Ernäh-
rungslage am ehesten ausbreiteten. Durch ihren Einsatz kam es zu staatlichen Program-
Urbanisierung und sozialer Wandel 121

men zur Förderung der hygienischen und sanitären Wohnsituation in den ärmeren
Stadtvierteln. Die Programme richteten sich vor allem an die Frauen, denen man die
Hauptverantwortung für die Erziehung übertrug und sie dazu anhielt, die Kinder stärker
nach bürgerlichen Vorstellungen von Sauberkeit, Ordnung, Pünktlichkeit und Fleiß zu
erziehen.
»Verantwortungsvolle Mutterschaft« und Erziehung sowie Hygiene wurden immer
mehr zu den bestimmenden Themen, und die Frauen, vor allem die der Unterschicht, zum
Objekt von staatlichen Regelungen und Maßnahmen, mit denen man nicht so sehr die
Situation der Frauen verbessern als vielmehr soziale und wirtschaftliche Missstände
beheben wollte. Durch eine verbesserte Erziehung der Kinder und Maßnahmen im
medizinischen und sanitären Bereich erhoffte man sich eine physische und moralische
Gesundung der Gesellschaft insgesamt, und die Mütter als Erzieherinnen der zukünftigen
Generation galten als ihre Agenten. Dies bürdete den Frauen Lasten und neue Verantwor-
tung auf, bot aber gleichzeitig eine Möglichkeit, mehr Rechte einzufordern. Neben
politischen Rechten betraf dies vor allem das Recht auf Bildung. Da die Frauen für die
Gesundheit und das Wohlergehen ihrer Familie verantwortlich gemacht wurden, musste
man ihnen auch eine entsprechende Ausbildung zukommen lassen. »Wissenschaftliche
Kindererzichung« war das Zauberwort und erschien als eine folgerichtige Ergänzung zur
allgemeinen Erziehungsreform des späten 19. Jahrhunderts (Lavrin 1991:97—124, 3 5 7 -
362).
Die Frage der Bildung ist im Argentinien des 19. Jahrhunderts untrennbar mit dem
Namen Domingo F. Sarmiento verknüpft. Unter seiner Präsidentschaft wurde 1870 die
Escuela Normal de Paranä gegründet, in der die zukünftigen maestros und maestras
ausgebildet wurden; sie legte den Grundstein für das (lange Zeit hervorragende) argen-
tinische Bildungssystem.
Die neuen Schulen sollten zum einen die Bildung vom Einfluss der Kirche lösen, zum
anderen die Zivilisierung vor allem der ländlichen Bevölkerung erreichen, unter der
Analphabetismus noch immer die Regel war. Den Frauen kam für die Hebung des
allgemeinen Bildungsniveaus in den Augen Sarmientos und anderer lateinamerikani-
scher Staatsmänner dabei eine wichtige Aufgabe zu, sowohl in ihrer Rolle als Lehrerin
als auch als Mutter (Lozano 1996:414-424).
Für Frauen der Mittelschichten war der Beruf der Lehrerin eine der wenigen
gesellschaftlich anerkannten außerhäuslichen Beschäftigungen, zumal er als eine Aus-
weitung der Mutterrolle in den öffentlichen Raum hinein gesehen werden konnte. Zu
Beginn des 20. Jahrhunderts gab es in Argentinien und anderen lateinamerikanischen
Ländern bereits die ersten Akademikerinnen, die meisten von ihnen Ärztinnen, die
allerdings häufig im Ausland studiert hatten. Diese vergleichsweise gut ausgebildeten
Mittel- und Oberschichtfrauen engagierten sich nicht nur in der Diskussion um die
Gesundheitsreformen und die Prostitution, sondern waren auch Trägerinnen der sich
allmählich formierenden Frauenbewegung. So sind Bildung, außerhäusliche Erwerbstä-
tigkeit von Frauen, wissenschaftlich-medizinische Reformprojekte, Mutter- und
Arbeitsschutzgesetze für Frauen und der Beginn einer Frauenbewegung eng miteinander
verknüpft.
122 Barbara Potthast

Die Frauenbewegung
Feministische Ideen, wie sie in Europa und den Vereinigten Staaten in der zweiten Hälfte
des 19. Jahrhunderts aufgekommen waren, fanden gegen Ende des Jahrhunderts auch in
einigen lateinamerikanischen Ländern Anklang, vor allem im Cono Sur sowie in Teilen
Mexikos. Dort hatten wirtschaftliche Modernisierung und europäische Einwanderung
einen sozialen Wandel herbeigeführt, der nach politischen und gesellschaftlichen Refor-
men verlangte. Hinzu kam der Fortschrittsglaube der liberalen und positivistischen
Staatsmänner, die gerade in den Mittelschichten und den neuen Frauenberufen wie
Telegraphistin, Stenotypistin oder Lehrerin ein Symbol der Modernität sahen und sich
daher feministische Forderungen nach besserer Bildung und mehr zivilen Rechten für
Frauen zu eigen machten.
So war die Frauenbewegung in ihren Anfängen vorrangig ein Mittel- und Oberschicht-
phänomen. Es waren zunächst vor allem die Lehrerinnen, die sich organisierten, um aus
feministischer Sicht rechtliche, politische und soziale Benachteiligung von Frauen zu
kritisieren. Schließlich stellten sie die erste Generation gebildeter Mittelschichtfrauen,
die sich zugleich in einer noch immer prekären wirtschaftlichen und sozialen Position
befanden. Darüber hinaus standen sie über die Schulen und die Berufsorganisationen
miteinander in Kontakt, wodurch nicht nur die gemeinsamen Probleme und Interessen
deutlich wurden, sondern auch ein Zusammenschluss und konzertierte Aktionen erleich-
tert wurden.
Die Tatsache, dass es sich um gebildete Frauen handelte, die immer auch allgemein
wichtige gesellschaftliche Anliegen vortrugen, ermöglichte die Ausnutzung des interna-
tionalen Parketts, das von Anfang an eine wichtige Rolle für die lateinamerikanischen
Feministinnen spielte. Den Beginn einer länderübergreifenden Frauenbewegung kann
man mit dem ersten wissenschaftlichen Frauenkongress 1910 in Buenos Aires ansetzen,
auf dem anlässlich der Hundertjahrfeier der Unabhängigkeit Modernität demonstriert
werden sollte und Themen wie Gesundheit, Hygiene, Kinderernährung, Mutterschutz
sowie Erziehung und Bildung diskutiert wurden. Diese und folgende Kongresse wandel-
ten sich immer stärker zu einem Forum für gebildete Frauen der Mittel- und Oberschicht
und gipfelten in politischen Forderungen. Auch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhun-
derts spielten internationale Organisationen und Bewegungen (UN-Dekade der Frauen,
Weltfrauen-Kongress in Mexiko 1975, internationale Solidaritätsbewegungen) eine
wichtige Rolle für die lateinamerikanischen Feministinnen.
Der Feminismus bettete sich, damals wie heute, ein in die politischen Strukturen der
Zeit, und der allgemeine Wille zum Wandel gab den Anliegen der Frauen neue Anstöße.
Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts war in den meisten lateinamerikanischen (und
vielen europäischen) Staaten nur etwa ein Zehntel der männlichen Bevölkerung an
Wahlen beteiligt. Der Ruf nach einer wirklichen Demokratisierung - das heißt einer
Erweiterung der an der Politik und dem Staat beteiligten Gruppen über die bis dahin
herrschende Oberschicht hinaus -, wie er sich in Argentinien zu Beginn des 20. Jahrhun-
derts und in Brasilien mit der Ausrufung der Republik 1889 äußerte, bezog sich zwar
zunächst nur auf den männlichen Teil der Bevölkerung, gab den Frauen jedoch einen
Anlass, ihre staatsbürgerliche Rolle zu diskutieren. In diesem Zusammenhang verdeut-
lichte der Ausschluss der Frauen aus der Politik die Defizite der sich demokratisch
Urbanisierung und sozialer Wandel 123

nennenden Systeme noch stärker - ein Prozess, der sich in der zweiten Hälfte des 20.
Jahrhunderts beim Übergang von diktatorischen zu demokratischen Regierungen in
ahnlicher Form wiederholen sollte; so etwa, als eine Demonstration brasilianischer
Frauen für bessere Lebensbedingungen zum ersten großen Protest gegen die Militärre-
gierung wurde oder die chilenische Frauenbewegung das Motto ausgab: democracia en
(•/ pat's y democracia en la casa (Demokratie zu Hause und Demokratie im Lande).
So entstanden Frauenbewegungen vor allem in den Ländern, die mehr oder weniger
stark von der europäischen Immigration geprägt waren und die über ein relativ modernes
Hrziehungssystem verfügten, das beiden Geschlechtern offen stand. Die Einwanderer aus
Huropa brachten neue soziale und politische Ideen ins Land und veränderten die
gesellschaftlichen Strukturen tief greifend. In diesen »modernen« und urban geprägten
lateinamerikanischen Staaten stimmten die Ziele der Frauen in vieler Hinsicht mit denen
der Männer überein. Es war gesellschaftlicher Konsens, dass ein besseres Gesundheits-
system, ein soziales Netz oder ein modernes Erziehungssystem für den Fortschritt der
Nation von Bedeutung waren, und bald sahen auch viele Männer, dass man Frauen, die
solch wichtige öffentliche Aufgaben übernahmen, die staatsbürgerlichen Rechte nicht
mehr vorenthalten konnte. Bis diese gewährt wurden, war allerdings noch eine Reihe von
Problemen zu überwinden. So erhielten die Frauen in Argentinien trotz der Tatsache, dass
sich hier eine der ersten und aktivsten Frauenbewegungen in Lateinamerika gebildet
hatte, erst 1947 die vollen politischen Rechte, in Uruguay und Brasilien wardies hingegen
schon früher geschehen (Miller 1991; Potthast 2003:251-382).

Bildung

Ein anderes, bis heute drängendes Problem vieler lateinamerikanischer Staaten ist das
defizitäre Bildungssystem. Dies hing auch damit zusammen, dass das weitgehend von der
Kirche getragene koloniale System im Zuge der Unabhängigkeitskriege, der internen
Auseinandersetzungen um die Staatsbildung und der liberalen Reformen zusammenge-
brochen war. Daher begannen die meisten Staaten nach ihrer politischen und ökonomi-
schen Konsolidierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit dem Aufbau eines
staatlich geförderten Bildungssystems. In den Städten und in den wohlhabenden Ländern
wie z.B. Argentinien oder Chile erzielte man auch gute Erfolge, insgesamt jedoch blieb
fehlende Bildung für breite Schichten der Bevölkerung eines der gravierendsten Proble-
me der lateinamerikanischen Staaten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Erst in den 50er-Jahren trat eine substanzielle Veränderung der Bildungssituation
ein, als sich die UNESCO und die Organisation Amerikanischer Staaten der Angelegen-
heit annahmen. Ziel der Initiative war zum einen die Steigerung der Anzahl von Schulen
und Schülern, insbesondere mit Blick auf die Grundschulen, zum anderen die Reform der
Sekundarstufenausbildung. Diese hatte bis dahin vornehmlich in der spanischen Tradi-
tion der Geisteswissenschaften gestanden, nun sollte die technische Ausbildung verbes-
sert werden. Es wurden deutschen Fachoberschulen und Fachhochschulen vergleichbare
Einrichtungen gegründet, die vor allem der städtischen Mittelklasse zugute kamen.
Männer wurden im Ingenieurbereich und in landwirtschaftlichen Berufen ausgebildet,
Frauen im Handels- und Dienstleistungssektor. Die Ergebnisse dieser Anstrengungen
124 Barbara Potthast

drücken sich in folgenden Zahlen aus: Während man 1950 die gesamte Anzahl lateiname-
rikanischer Schüler auf etwa 16 Millionen schätzte, waren es 1980 85 Millionen. Die
Grundschulabschlüsse stiegen von 14,2 auf 64,5 Millionen, die Sekundarstufenausbildung
von 1,5 auf 16,5 Millionen. Allerdings spiegeln diese Zahlen auch das allgemeine
Bevölkerungswachstum wider, denn im genannten Zeitraum kann man von einer Ver-
doppelung der Bevölkerung in den meisten lateinamerikanischen Staaten ausgehen.
Zum andern sind die regionalen Unterschiede erheblich. Länder wie Kuba, aber auch
Chile und Costa Rica, in denen bereits vor dieser Bildungsoffensive eine relativ hohe
Alphabetisierungsrate anzutreffen war, konnten ihre Werte auf ein sehr hohes Niveau
steigern; in Ländern wie Peru oder Guatemala, in denen eine Mittelklasse weitgehend
fehlte und das Land von traditionellen Eliten beherrscht wurde, konnten erst ab den 60er-
oder 70er-Jahren Fortschritte festgestellt werden, und diese waren größtenteils auf die
städtischen Zentren beschränkt. Nach wie vor besteht in Lateinamerika ein beträchtlicher
Unterschied zwischen urbaner und ländlicher Region, der in Ländern wie Peru, Guate-
mala und Bolivien, teilweise auch in Mexiko mit einem Gegensatz zwischen mestizischer
oder weißer und indianischer Bevölkerung einhergeht. In diesen Gegenden klaffen
zudem die Alphabetisierungsraten von Männern und Frauen weit auseinander. Zahlen
der UNESCO und lateinamerikanischer Organisationen ergaben für die 80er-Jahre eine
Differenz der Alphabetisierung zwischen städtischem und ländlichem Bereich von ca.
einem Viertel (25,4 Prozent bei Männern, 27,5 Prozent bei Frauen). Der gender gap, die
Differenz zwischen den Geschlechtern, betrug in den Städten »nur« 6,3 Prozent, auf dem
Lande dagegen fast das Doppelte, nämlich 12 Prozent. Zu berücksichtigen sind auch hier
wieder die regionalen Unterschiede. Haiti, Guatemala, Bolivien und Peru, gefolgt von El
Salvador, Ecuador und Mexiko weisen die größten Differenzen zwischen männlicher und
weiblicher Alphabetisierung sowie ländlicher und städtischer Bevölkerung auf. Im
Vergleich zu diesen Ländern zeigt sich in den argentinischen Städten eine annähernd
ausgewogene Bildung von Männern und Frauen, auch in Costa Rica und Chile. Im
Hinblick auf die indianische Bevölkerung ist noch einmal festzuhalten, dass in Guatema-
la eine deutliche Mehrheit der indigenen Bevölkerung nicht lesen und schreiben kann,
zumal diese auch der spanischen Sprache nicht mächtig ist. Hier ist der gender gap
ebenfalls besonders groß. In Bolivien waren im Jahr 2000 20,6 Prozent der Frauen, aber
nur 7,9 Prozent der Männer Analphabeten, in Guatemala waren es sogar 38,9 Prozent
gegenüber 23,8 Prozent. In den meisten anderen Ländern, vor allem in Argentinien,
Brasilien, Chile und Kolumbien, treten dagegen so gut wie keine geschlechtsspezifischen
Unterschiede in der Alphabetisierung auf. Bei den als alphabetisiert registrierten Perso-
nen handelt es sich allerdings vielfach um funktionale Analphabeten, d.h. Personen, die
einmal lesen und schreiben gelernt haben, aufgrund mangelnder Übung inzwischen
jedoch wenig mehr als ihre eigene Unterschrift leisten können.
Was die Universitäten betrifft, so lässt sich insgesamt ein erfreulicher Trend
feststellen, da sowohl eine prozentuale Zunahme der universitären Ausbildung als auch
eine Verringerung der gender gaps zu verzeichnen sind. Während 1960 nur 2 Prozent der
Frauen und 4 Prozent der Männer eine Universität besuchten, waren es 1985 schon 17
Prozent der Frauen und 20 Prozent der Männer. Auf 100 eingeschriebene Studierende
kamen 1960 in vielen Staaten weniger als 30 eingeschriebene Frauen, etwa in Bolivien,
Ecuador, El Salvador, Guatemala, Haiti, Honduras, Mexiko und Nicaragua. Im Jahr 1985
Urbanisierung und sozialer Wandel 125

waren kaum noch nennenswerte Unterschiede in den genannten Ländern zu verzeichnen,


wobei Guatemala und Haiti mit 37 bzw. 43 Studentinnen pro 100 Studierenden das
absolute Schlusslicht bildeten. Dagegen gab es in Argentinien, Brasilien, Panama und
Uruguay sogar mehr weibliche als männliche Studierende, allerdings nicht in den
technischen Berufen. In Staaten wie Costa Rica und Kuba, die bereits 1960 einen hohen
Anteil weiblicher Studierender aufwiesen, stieg dieser weiterhin, wenn auch nicht in so
spektakulärem Maße wie in den Jahren zuvor (Wilkie 2002:249-291; Miller 1991:60).
Andererseits darf man nicht vergessen, dass auch in den Vereinigten Staaten und Europa
bis in die 1970er-Jahre ein erhebliches geschlechtsspezifisches Ungleichgewicht unter
den Studierenden herrschte.
Die Daten über Alphabetisierung und Ausbildung spiegeln nicht nur die positiven
Resultate der staatlichen Bildungsprogramme sowie eine sich allmählich abzeichnende
Modifizierung der Geschlechterrollen wider. Schichtenspezifisch assoziiert man Bil-
dung mit Mittelschichten, und diese wuchs in vielen Ländern in den 60er- und 70er-
Jahren an. Allerdings ist diese Tendenz seit dem letzten Drittel des 20. Jahrhunderts
rückläufig. Der Grund hierfür sind vor allem Wirtschaftskrisen, die die meisten latein-
amerikanischen Staaten in den 80er-Jahren durchliefen (Tequila-Krise, Hyperinflation
im Cono Sur), und die vor allem die Mittelschichten trafen. Hinzu kommen die
Auswirkungen neoliberaler Wirtschafts- und Sozialpolitik der 90er-Jahre, die die ohne-
hin schon großen Einkommensunterschiede weiter auseinander driften ließen.

Die Mega-Cities des 21. Jahrhunderts


Am Ende des 20. Jahrhunderts machte sich eine zunehmende Fragmentierung der
lateinamerikanischen Gesellschaften bemerkbar, die sich auch am gewandelten Bild der
Städte ablesen lässt. Ahnlich wie ein Jahrhundert zuvor kam und kommt es zu einem
Umbau der alten Stadtzentren, der mit Wohnraumumwandlung, Marginalisierung der
dort lebenden Unterschichten und Umweltproblemen einhergeht. Die Wohlhabenderen
weichen erneut in die gesünderen und sichereren Viertel am Stadtrand oder im Umland
aus, bauen diese jedoch darüber hinaus festungsähnlich aus. In den Metropolen, aber
zunehmend auch in den mittleren und kleineren Städten entstehen condominios cerrados/
fechados, abgeschlossene und bewachte Siedlungen, die sich nicht selten zu einer Stadt
in der Stadt entwickeln.
Zwar hat sich der Verstädterungsprozess insgesamt verlangsamt, dennoch hält er an
und ist vor allem in den Megastädten (Städten mit mehr als 5 Millionen Einwohnern)
kaum noch zu kontrollieren. Die Krisen und die weitere Öffnung der Einkommensschere
seit den 80er-Jahren haben dazu geführt, dass heute 30 bis 55 Prozent der Bewohner
lateinamerikanischer Städte in Marginalvierteln leben (Coy 2002:13). Diese waren, wie
geschildert, bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden, wurden zunächst jedoch
als vorübergehendes Phänomen betrachtet, das sich durch forcierte Entwicklung und die
Errichtung von Arbeitersiedlungen beheben ließe. Spätestens nach dem Zweiten Welt-
krieg wurde deutlich, dass dies nicht der Fall sein würde - im Gegenteil, die Marginal-
viertel sind zu einem festen Bestandteil der lateinamerikanischen Mittel- und Großstädte
geworden. Ihre Randständigkeit äußert sich zunächst einmal in ihrer Lage am Stadtrand
126 Barbara Potthast

oder sie liegen, wie in Rio, zwar innerstädtisch, aber auf Territorien, die als ungeeignet
für Bauten gelten, so wie die Hügel in Rio de Janeiro oder die ausgetrockneten Seen im
Nordwesten von Mexiko-Stadt. Sie sind aber auch marginal, weil sie nicht an die
städtische Infrastruktur angebunden sind und die Qualität ihrer Behausungen völlig
unzureichend ist. Allerdings haben die favelas, barrios perdidos, oder, wie sie in Lima
euphemistisch genannt werden, barrios jovenes die Tendenz, sich im Laufe der Zeit zu
konsolidieren. Wohnstandards und Lebensqualität verbessern sich, sowohl durch Selbst-
hilfe als auch durch staatliche Sanierungsprojekte. Wie schnell dies geht, hängt vornehm-
lich von der boden- bzw. besitzrechtlichen Lage ab, d.h. vor allem davon, ob sie legal oder
semi- bis illegal sind. Die illegalen Viertel entstehen durch die - zumeist nächtliche -
Besetzung privaten oder öffentlichen Landes, auf welchem sofort Hütten errichtet
werden, um Besitzansprüche zu demonstrieren. Die legalen oder semilegalen Marginal-
viertel basieren auf genehmigter oder tolerierter Parzel lierung und Bebauung, manchmal
sogar auf dem offiziellen Verkauf von Land. In diesem Fall gelten die Marginalviertel
allerdings im engeren Sinne nicht mehr als favelas (Bähr/Mertins 1995:142-150; Pino
1997:38)
Die Semi- oder Illegalität hat jedoch neben der Rechtsunsicherheit (Gefahr der
Vertreibung) gravierende Konsequenzen für die Wohnverhältnisse, denn sie verhindert
die Anbindung an die städtische Elektrizitäts- und Wasserversorgung, die Müllabfuhr
und anderes mehr. Viele Favelabewohner helfen sich durch das illegale Abzapfen des
Stroms, was aber wiederum improvisierte und überlastete Leitungen mit den entspre-
chenden Gefahren hervorruft. Neben der schlechten technischen Infrastruktur besteht
auch ein Defizit in der Versorgung mit sozialer Infrastruktur wie Schulen, Kinderkrippen
oder Gesundheitsstationen. Auch Polizei und Justiz fehlen, so dass Drogen, Klein-
kriminalität, Banden und Schutzgelderpressungen Einzug halten. Es entsteht eine Spirale
von Armut, Illegalität und Gewalt, die durch die gesellschaftliche Stigmatisierung der
favelados noch verstärkt wird. Allerdings ist dies kein unausweichlicher Teufelskreis,
wie lange angenommen wurde. Nachbarschaftshilfe und klientel istische Netze, aber auch
Sambaschulen und Fußballvereine sind von existenzieller Bedeutung für das Leben in
den favelas. Diese gewachsenen Sozialstrukturen waren mit verantwortlich dafür, dass
in Mexiko wie in Rio oder Säo Paulo alle Versuche fehlschlugen, das Problem mit
staatlichen Wohnprogrammen in Massenwohnanlagen zu lösen, wie sie überall in der
Welt in den 60er- und zu Beginn der 70er-Jahre entstanden. Unter der Militärdiktatur in
Brasilien zeigte sich die Problematik mit besonderer Deutlichkeit, als diese versuchte, die
favelas gewaltsam zu zerstören und deren Bewohner in neue Massenquartiere umzusie-
deln. Die schlechte Bauweise der neuen Siedlungen, die mangelnde Anbindung an die
Arbeitsplätze und fehlende soziale Infrastruktur führten dazu, dass diese von den
favelados nicht angenommen wurden und bald wieder verfielen. Auch konnten viele
Bewohner selbst die staatlich subventionierten niedrigen Mieten nicht aufbringen. Erst
Versuche der neuen demokratischen Regierungen, die Viertel unter Beteiligung ihrer
Bewohner an den Entscheidungen aufzubessern, zeigen erste Erfolge (Bähr/Mertins
1995).
Doch noch immer wachsen die favelas und cortigos, und die Zahl der Obdachlosen
und Straßenkinder nimmt zu, wie sich am Beispiel von Säo Paulo zeigen lässt. Neben den
angeführten allgemeinen wirtschaftlichen Trends der letzten zwei Jahrzehnte kann man
Urbanisierung und sozialer Wandel 127

für Säo Paulo, wie auch für andere lateinamerikanische Städte, den Verlust von Arbeits-
plätzen im Industriesektor und eine zunehmende Bedeutung des tertiären Sektors
feststellen. Dieser führte zu einer Konzentration von Büro- und Handelshäusern in den
Zentren, die wiederum Wohnraum vernichteten. Wer es sich leisten konnte, zog an den
Stadtrand, wo bessere Wohnbedingungen herrschten, und die ehemals bürgerlichen
Wohnungen wurden, sofern nicht zu Büroflächen umgebaut, in corticos umgewandelt.
Noch immer stellt diese Wohnform somit eine wichtige Überlebensstrategie der Unter-
schichtbevölkerung in den Städten dar, vor allem für diejenigen, die keine Behausung in
einer der favelas finden konnten. Die favelas haben zudem den Nachteil, dass sie meist
weiter entfernt vom Zentrum liegen, wo die meisten Angehörigen der Unterschichten und
die Obdachlosen »arbeiten« (Coy 2002:16-23).
Im Südwesten Säo Paulos waren dagegen mit den jardins bereits in den 1960er- und
70er-Jahren hochwertige Wohngebiete entstanden, die nun durch Hochhauskomplexe
mit Bürogebäuden, Banken und großen Einkaufszentren ergänzt wurden. Die überall in
Lateinamerika entstandenen Einkaufszentren nach US-amerikanischem Vorbild sind
nicht nur ein Sinnbild für die Globalisierung der Lebensstile und Konsumgewohnheiten,
sondern auch für die verstärkte sozialräumliche Segregation in den lateinamerikanischen
Städten. Die Shoppings sind nicht nur Einkaufszentren, sondern beherbergen auch
Restaurants und Kinos, die vorwiegend von den Bewohnern des Viertels besucht werden.
Das öffentliche Leben, das sich früher in den Cafes, Restaurants und kulturellen
Einrichtungen des Zentrums abspielte, verlagert sich zunehmend in die »Wohlstands-
enklaven« am Stadtrand oder in die country clubs des Umlandes. Anders aber als noch
vor 100 Jahren sind diese Enklaven nur noch den Wohlhabenden und ihren Angestellten
zugänglich, da sie von hohen Mauern und eigenen Wachdiensten abgeschottet werden.
Das tägliche Leben der Privilegierten spielt sich somit vorrangig in zugangskontrollierten
Wohn-Ghettos, Shopping-Centers und Business-Parks ab, die mit dem Leben der Mittel-
und Unterschichten in der Stadt kaum noch Berührung haben - zumal wenn sich die
Superreichen angesichts der Verkehrsprobleme in Säo Paulo auch innerstädtisch nur
noch mit dem Hubschrauber fortbewegen. Im gated community-Phänomen schlägt sich
vor allem die Globalisierung der Lebensstile der Privilegierten in den lateinamerikani-
schen Städten nieder. Insgesamt werden die Trennlinien zwischen öffentlichem und
privat kontrolliertem Raum zunehmend unüberbrückbar, mit dem Ergebnis, dass die
Fragmentierung der lateinamerikanischen Stadt immer sichtbarer wird. Sie entspricht
heute mehr denn je dem Bild von den »Inseln der Reichen in Ozeanen der Armen« (Coy
2002:30).

Literatur

Alvarez, Juan (1996): Buenos Aires in the Early Twentieth Century. In: Joseph, Gilbert/Szuchmann,
Mark (Hg.): I saw a City Invincible. Urban Portraits of Latin America. Wilmington, Delaware:
SRBooks: 133-147
Bahr, Jürgen/Mertins, Günter (1995): Die lateinamerikanische Großstadt. Verstädterungsprozesse
und Stadtstrukturen. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft
Caulfield, Sueann (2000): In Defense of Honor. Sexual Morality, Modernity, and Nation in Early-
Twentieth-Century Brazil. Durham/London: Duke Univ. Press
Bernd Hausberger

Die Teile und das Ganze


Entwürfe kontinentaler Identität und transnationaler
Integration in und für Lateinamerika von
Simon Bolivar bis George W. Bush

Einleitung
Wenn man von Lateinamerika spricht, dann meint man damit das Gebiet der ehemaligen
Kolonien Spaniens und Portugals in der Neuen Welt; einige werden die französischen,
englischen und niederländischen Teile der Karibik dazuzählen (und andere nicht). Dieser
Raum war nur ein einziges Mal in seiner Geschichte politisch geeint, nämlich zwischen
1580 und 1640. In diesen sechs Jahrzehnten der Verbindung von Spanien und Portugal
bildeten zumindest die von den iberischen Mächten beherrschten Teile Süd- und
Nordamerikas zusammen mit einem Netz von Stützpunkten an den afrikanischen und
asiatischen Küsten sowie den Territorien Spaniens in Italien und in den Niederlanden die
katholische Monarchie der spanischen Könige. Doch diese Einheit glich mehr einem nur
durch eine imperiale katholische Reichsideologie und dünne dynastische Bande zusam-
mengehaltenen Agglomerat verschiedener Territorien als einem integrierten Ganzen.
Die Union zwischen Portugal und Spanien zerfiel schon 1640, im karibischen Raum
gingen mehrere Gebiete an die europäischen Konkurrenten der Spanier verloren und im
frühen 19. Jahrhundert führten die Unabhängigkeitsbewegungen in den iberischen
Kolonien zu einer weiteren Zersplitterung.
Trotzdem ist der Begriff »Lateinamerika« heute zu einer allgemeinen Sprach-
konvention geworden und impliziert die Idee einer Einheit, die als gegeben angenommen
wird. Als die iberische Kolonialherrschaft in Amerika zusammenbrach, gab es den
Begriff jedoch noch gar nicht. Er entstand erst Jahrzehnte später, als die allgemeine
Desillusionierung über den Lauf der Entwicklung zu einer breiten Auseinandersetzung
über das Wesen und die Zukunft der neuen Nationen geführt hatte, deren Wurzeln freilich
teilweise weit in die Kolonialzeit zurückreichen. »Lateinamerika« bezeichnet in diesen
bis heute anhaltenden Debatten keinen primär geographisch definierten, sondern einen
mit historisch-kulturalistischen Argumenten konstruierten Raum und ist somit zuerst
einmal ein dikursives Phänomen. Wie jeder Diskurs ist aber auch der um Lateinamerika
einerseits in einer historischen Praxis verankert, in der er entstand, andererseits blieb er
132 Bernd Hausberger

nicht ohne Folgen auf die praktische Entwicklung, die er gestalten will. Statt eines
monolithischen Gedankengebäudes besteht die Debatte um Lateinamerika dabei eher aus
einer Vielzahl von Parallel- und Gegendiskursen (und Parallel- und Gegenprojekten), die
sich gegenseitig zu integrieren oder zu verdrängen versuchen.
Historisch ist die Debatte um Lateinamerika immer eine Frage nach dem »Ist« und
seinem Werden und damit eine Suche nach Identität gewesen, implizierte stets aber auch
die Frage nach einem »Soll», das heißt nach der Zukunft, und zielte damit auch auf ein
Projekt der Modernisierung. Die Teilnehmer an dieser intellektuellen wie politischen
Auseinandersetzung legten teilweise mehr Gewicht auf die Frage der Identität und
teilweise mehr auf die Aufgabe der notwendigen Veränderung. Beide Argumentations-
linien sind jedoch auf das Engste verknüpft, denn lange Zeit schien weitgehende
Übereinstimmung darüber zu herrschen, dass erst die Definition der Identität und ihrer
Grenzen die Lokalisierung der Probleme und die Entwicklung situationsgerechter
Lösungsvorschläge erlaubt (Deves Valdes 2000:15-21). Selbst die neoliberalen Techno-
kraten, die über allgemeingültige Modernisierungsrezepte zu verfügen glauben, greifen
gerne auf kulturalistische und historische Argumente zurück, wenn sie ihre Schwierig-
keiten begründen wollen.
Die im Laufe der Zeit entwickelten Diskurse über Lateinamerika werden im
Wesentlichen an zwei getrennten Schauplätzen produziert: zum einen in Lateinamerika
selbst, zum anderen in den Metropolen der westlichen Modernität. Die Problematik einer
verzerrenden Fremdbeschreibung durch einen metropolitanen »Lateinamerikanismus«,
analog zu dem von Edward Said (1979) geprägten Orientalismusbegriff, stellt sich hier
aber weniger zwischen räumlich deutlich getrennten Kulturräumen wie Orient und
Okzident, sondern innerhalb der lateinamerikanischen Gesellschaften zwischen den
Oberschichten und dem Rest der Bevölkerung. Denn bei den lateinamerikanischen
Beiträgen zur Debatte handelt es sich ganz überwiegend um Elitendiskurse. Die latein-
amerikanischen Eliten haben sich aber stets und bei allen Bemühungen, ihre distinktive
Besonderheit zu definieren, als Teil des Okzidents gesehen und haben die intellektuelle
Produktion der Zentren der abendländischen Modernität stets mehr oder weniger bereit-
willig rezipiert (Ramos 2001:241).
Trotzdem haben Kontroversen zwischen autochthonem und metropolitanem Latein-
amerikanismus nie gefehlt. In Lateinamerika verdächtigte man nicht ohne Grund die
externen Identitätszuschreibungen, Ansprüche hegemonialer oder imperialistischer
Vormacht zu transportieren, und die im Ausland geschulten lateinamerikanischen
Wissenschafter sahen sich bisweilen dem Misstrauen ausgesetzt, Agenten dieser Vorstel-
lungen zu sein. So haben sich die lateinamerikanischen Identitätskonstruktionen immer
auch als Reaktion gegen die Außenwelt entwickelt, als Antikolonialismus, Anti-
imperialismus, Antiinterventionismus oder Antiamerikanismus, als Abwehrreaktio-
nen auf Veränderungen, auf die man keinen Einfluss zu haben fürchtet (Deves Valdes
2000:80). Dies zeigt auch das Dilemma der lateinamerikanischen Modernisierung, die
von den Eliten bis heute fast immer nur mit Blick auf europäische oder US-amerikanische
Vorbilder verstanden wird und somit einen Wandel bedeutet, der fremden Vorgaben folgt
und bisweilen direkter politischer, »imperialistischer« Einflussnahme entspringt. Gegen
eine solche Vereinnahmung bildeten Ideen einen wirkungsvolleren Schutz als ein Wall
aus Stein, hatte schon 1891 der Kubaner Jose Marti (1977:37) geschrieben, und viele
Die Teile und das Ganze 133

lateinamerikanische Intellektuelle sehen gerade in der Verteidigung der Eigenständigkeit


Lateinamerikas die Relevanz ihres Wirkens. Von einer kritischen internationalen Wis-
senschaft wird dafür gerne auf die politische Intentionalität dieser Versuche hingewiesen,
die die akademische Wertfreiheit vermissen lassen, über die man selbst zu verfügen
glaubt, und die zudem oft nur mit Verzögerung den von den Metropolen vorgegebenen
Moden und Trends folgen. So hat es die intellektuelle Wissensproduktion der Peripherie
schwer, als gleichrangig anerkannt zu werden. Heute ist die gesellschaftliche Rolle
lateinamerikanischer Intellektueller zunehmend von einer Schicht professioneller, aka-
demischer und vor allem von US-amerikanischen Institutionen aus operierenden »Exper-
ten« bedroht, die die »Ideenproduktion« übernehmen (Ramos 2001:243). In Lateiname-
rika auf Spanisch oder Portugiesisch produziertes Wissen wird dabei zum Rohmaterial
für die Erarbeitung meist englischsprachiger Texte mit Anspruch auf globale intellektu-
elle Richtungskompetenz degradiert.
Die Auseinandersetzungen um Lateinamerika verfolgen im Wesentlichen drei
Anliegen:
• erstens die Bestimmung der Distinktivität Lateinamerikas, in der Regel nicht in
Opposition zum Okzident, sondern im Rahmen einer als gemeinsam empfundenen
abendländischen Zivilisation;
• zweitens die Überwindung der internen Gegensätze und Kontraste zum Aufbau einer
Gemeinsamkeit;
• und drittens die Eröffnung von Perspektiven für die Zukunft. Die Debatten zeigen
eine große Ähnlichkeit mit den Versuchen zur Konstruktion nationaler Identitäten.
Lateinamerika ist eine »imaginäre« Gemeinschaft (Anderson 1983), ausgestattet mit
einer »erfundenen« Tradition (Hobsbawm/Ranger 1983), um zwei klassische For-
mulierungen der Nationalismusforschung zu zitieren, auch wenn von einer latein-
amerikanischen Nation (noch?) nicht gesprochen werden kann.

Lateinamerika als Vielfalt

Hinter dem Begriff »Lateinamerika« verbirgt sich eine ausgesprochene Vielfalt. Schon
ein Blick auf die große Zahl verschiedener indigener Kulturen macht das deutlich. Allein
in einem Gebiet wie dem heutigen Mexiko trafen die Spanier auf mehr Sprachfamilien
und Sprachen, Religionen und Kosmovisionen, soziale und politische Organisationsfor-
men und Wirtschaftssysteme als im Europa ihrer Zeit zu finden waren. Die europäische
Eroberung führte ohne Zweifel zu einer gewissen Vereinheitlichung, aber auch zu neuen
Differenzierungen. Die indigene Vielfalt wurde durch neue Bevölkerungsgruppen teils
ersetzt und teils überlagert. Überall entstand seit der frühen Kolonialzeit eine mehr oder
weniger breite aus Europa stammende Schicht, ursprünglich überwiegend Spanier und
Portugiesen, die ab dem 19. Jahrhundert durch anhaltende Einwanderungswellen ande-
ren Ursprungs verstärkt wurde. Zahlreiche Einwanderer aus Italien gelangten nach
Argentinien, Uruguay und Brasilien und vielerorts ließen sich Deutsche und Osteuropäer,
Levantiner, Chinesen und Japaner nieder. Weite Teile Brasiliens und der karibische und
zirkumkaribische Raum erhielten durch den massiven Import schwarzer Sklaven eine
afroamerikanische Prägung. Zwischen all diesen Gruppen, die teilweise Gefühle der
134 Bernd Hausberger

Eigenidentität pflegten, kam es auch zu anhaltenden Prozessen der Vermischung. Dabei


hat Lateinamerika nicht nur Einwanderer empfangen, sondern gerade in den letzten
Jahrzehnten auch Millionen von Auswanderern abgegeben, so dass viele heute von einem
neuen Lateinamerika innerhalb der USA sprechen (Fuentes 1992:372-376).
Das Gewicht der indigenen Bevölkerung ist gleichzeitig seit der frühen Kolonialzeit,
wenngleich regional in sehr unterschiedlichem Ausmaß, drastisch zurückgegangen, und
zahlreiche ethnische Gruppen sind völlig verschwunden. Die Überlebenden wurden in
einer rechtlichen Kategorie zusammengefasst, unter ihnen das Christentum eingeführt,
übergreifende staatliche Organisation abgebaut und kommunale Lebensformen gestärkt,
so dass das Dorf heute allgemein als typische Lebenswelt der Indianer gilt. Doch die
indianischen Dorfgemeinschaften gleichen einander nur auf den ersten Blick und sind
ansonsten von tiefgreifenden Unterschieden der kulturellen und sozialen Strukturen
geprägt. Die indigene Einheit Amerikas ist bis heute eine koloniale Fiktion geblieben,
ausgedrückt im gemeinsamen Namen »Indianer« (indios), den die Bewohner der »Neuen
Welt« erhielten.
Insgesamt blieb eine regional extrem unterschiedliche Bevölkerungsstruktur charak-
teristisch. Selbst die religiöse Einheit, die unter kolonialer Herrschaft wenigstens nach
dem Wunsch der Krone die Teile zusammenhalten hätte sollen, ist Lateinamerika
abhanden gekommen. Die indigenen und afroamerikanischen Gruppen haben sich eigene
religiöse Formen und Vorstellungswelten ohnehin immer bewahrt. Infolge der Einwan-
derung gibt es heute unter anderem in Brasilien oder in Chile regional relevante Gruppen
von Lutheranern. In vielen Städten sind kleinere Gemeinden von Moslems und Juden, in
Buenos Aires ist eine der größten jüdischen Gemeinden außerhalb Israels entstanden. Die
protestantisch-fundamentalistische Mission hat teilweise tiefe Spuren hinterlassen
(Ströbele-Gregor 2002), und besonders in den Oberschichten haben der liberale Antikle-
rikalismus des 19. Jahrhunderts und der laizistische Zeitgeist zu einem erheblichen
Bedeutungsverlust der Kirche geführt.
Darüber hinaus ist dieses Lateinamerika in zahlreiche Staaten gespalten. Gerade die
katholischen, aus Europa stammenden Eliten, die die Einheit hätten tragen sollen,
entwickelten früh ein kreolisches Sclbstbewusstsein und führten im frühen 19. Jahrhun-
dert die politische Sprengung der iberischen Imperien herbei. Während das portugiesi-
sche Brasilien seine territoriale Integrität bewahren konnte, zerfiel Hispanoamerika im
Zuge dieses Prozesses in schließlich 18 Einzelstaaten und erlitt - derart geschwächt -
auch empfindliche Gebietsverluste an das im Inneren Südamerikas expandierende
Brasilien und an die in Nordamerika zur Großmacht aufsteigende USA. Besonders
Hispanoamerika vollzog dabei auch einen radikalen Bruch mit der Kultur der ehemaligen
Metropole, die als zurückgeblieben verdammt wurde. Im Inneren sind die damals
entstandenen Staaten seit jeher von einer extremen sozialen und ökonomischen Un-
gleichheit gekennzeichnet, die eine friedliche Integration der Bevölkerung zu einem
Gemeinwesen erschwert. In kolonialer Tradition herrscht eine teilweise Analogie zwi-
schen sozioökonomischer und ethnisch-kultureller Gliederung der Gesellschaft, die oft
auch an der Hautfarbe und am Begriff der »Rasse« festgemacht wird. Auch wenn diese
Verknüpfung bis heute viel an Gewicht verloren hat und besonders die dabei verwendete
Begrifflichkeit kriti siert und verworfen worden ist, sind ihre Folgen nach wie vor spürbar.
Die Teile und das Ganze 135

Identitätsoptionen
Im Rahmen der politischen, sozialen und kulturellen Realitäten Lateinamerikas erweist sich
die Identifikation mit dem Ganzen nur als eine unter vielen kollektiven Identitätsoptionen -
nationalen, regionalen, ethnischen, klassenspezifischen oder beruflichen -, die in unter-
schiedlichen Kontexten abgerufen werden und kontextbedingt auch unterschiedliche
Funktionen übernehmen können. Dabei ist die Identifikation mit einem Kollektiv immer
auch Folge sozialen Drucks, dem sich das Individuum auf verschiedenen Ebenen ausgesetzt
sieht, und bisweilen auch Ergebnis einer gezielten Politik, die - von innen wie von außen -
mit Methoden, die von der Propagierung erfundener Traditionen oder von Feindbildern bis
zu Gewaltmaßnahmen reichen, einer Identitätsoption eine vorrangige Stellung zuordnen
und andere verdrängen möchte (Wallman 1983; Meyer 2002).
Der Ausbau von Staat und Staatlichkeit ist ohne Zweifel eine der zentralen Entwick-
lungen Lateinamerikas der letzten zwei Jahrhunderte. Die Konstruktion einer Staats-
nation, einer Gemeinsamkeit aus der Vielheit, sieht sich in den meisten lateinamerikani-
schen Staaten jedoch bis heute zahlreichen Problemen gegenüber (König/Wiesborn
1998). Schon Bolfvar hatte den Begriff der Nation bei der Gründung der hispanoame-
rikanischcn Republiken stets verwendet (Collier 1983), und auch nach ihm war er fester
Bestandteil der bombastischen Rhetorik der verschiedenen Führer der neuen Staaten. Vor
dem Ende des 19. Jahrhunderts lässt sich aber kaum von einem entwickelten Natio-
nalbewusstsein sprechen. Die politische Situation Lateinamerikas ist in der Regel zu
unerfreulich, die Gesellschaft zu hierarchisiert und die Güterverteilung zu ungleich, um
der Bevölkerung eine Identifikation mit den Strukturen und der Verfassung ihrer Staaten
abverlangen zu können. Aber auch die Konstruktion der Nation als Kultur- und Bluts-
gemeinschaft ist in Lateinamerika, und ganz besonders in den Staaten mit einer breiten
indigenen Bevölkerung, mehr als problematisch. Neben politischem Zwang sind daher
besondere diskursiv-propagandistische Anstrengungen notwendig, um die Widersprü-
che zu überbrücken und die Einheit zusammenzuhalten, wobei die einzelnen Staaten
verschiedene Wege gegangen sind.
Tatsächlich konkurriert der Nationalismus in Lateinamerika mit einer Reihe von
Parallelidentitäten, von denen die Ethnizität die vielleicht wichtigste ist. Ethnische
Identitäten, auf die neben indigenen Gruppen auch Immigranten zurückgreifen, bilden in
Lateinamerika schon wegen der ethnischen Heterogenität fast aller Länder nie eine
Grundlage des Staates und des Nationalismus. Sie existieren vielmehr parallel zur
Nationalität und manchmal auch gegen sie. Wie die Nationen geben sich ethnische
Gruppen in der Regel weit in die Geschichte zurückreichende Wurzeln, doch sind die
solcherart konstruierten Kontinuitäten meist fragwürdig, gerade auch im Fall der indigenen
Gruppen. Durch die koloniale Politik war für die Mehrheit der indigenen Bevölkerung die
Dorfgemeinschaft und nicht eine übergeordnete Ethnie oder Sprachgemeinschaft zum
entscheidenden Identifikationsbezug geworden (Meißner 1996:167). Trotzdem kam es
immer wieder zu Momenten verstärkter Ethnisierung oder Reethnisierung. Sie sind, wie
etwa unter den Zapoteken Südmexikos, meist Produkt besonderer regionaler Entwick-
lungen, die sowohl die übergreifende Solidarisierung befördern wie auch im Rahmen
eines ethnischen Diskurses schlüssige Erklärungen für herrschende Macht- und Konflikt-
verhältnisse bieten (Scheuzger 2004).
136 Bernd Hausberger

Die lateinamerikanischen Staaten haben gegenüber Eigenidentitäten, die sich nur


schwer in den Nationalstaat integrieren lassen, recht verschiedene Reaktionen gezeigt,
die von einem mehr oder weniger wohlwollenden Gewährenlassen bis hin zur Unterdrü-
ckung und zu Versuchen der physischen Ausrottung reichten. Die innere Zerrissenheit
der neuen Republiken wurde im 19. Jahrhundert vor allem als Konfrontation zwischen
Zivilisation und Barbarei diskutiert, worunter man den Gegensatz der »Barbarei« der
überwiegend ländlichen, indigenen oder mestizischen Mehrheit der Bevölkerung und der
»Zivilisation« der städtischen Eliten verstand. Diese Opposition wurde besonders vom
Argentinier Domingo Faustino Sarmiento (1985 [1845]) als legitimatorischer Diskurs
der Herrschaft der Stadt (d.h. Buenos Aires) über das Land entworfen. Die Beunruhigung,
die die nach Europa und den USA orientierten lateinamerikanischen Oberschichten
angesichts der barbarischen Massen ihrer Länder empfanden, wurde so aber nicht
vertrieben. Man findet sie etwa in Os sertöes (1994 [ 1902]) des Brasilianers Euclides da
Cunha, einem Buch, dessen anhaltender Reiz wohl daran liegt, dass der Autor neben der
Abscheu über die Barbarei der Bewohner des Hinterlandes auch dem Schrecken über die
Gräueltaten der Moderne Ausdruck gibt. Damit stellt er freilich eine im Negativen
verbindende Optik her, die dem Buch einen fundamentalen Platz in der brasilianischen
Nationsbildung zukommen ließ.
In der Zeit da Cunhas versuchte man verstärkt, die Probleme des Kontinents
wissenschaftlich zu erfassen. Die Problemdiagnostik stand vor allem im Zeichen eines
meist sozialdarwinistischen Positivismus, der am Ende des 19. Jahrhunderts auf seinem
Höhepunkt stand. Vielen galt die Überwindung des historischen und kulturellen Erbes als
erste Notwendigkeit, um Lateinamerika an die entwickelten Nationen annähern zu
können. Andere beschrieben den herrschenden Zustand unter dem Einfluss der neu
aufstrebenden Psychologie als klinisches Problem, etwa der Argentinier Carlos Octavio
Bunge 1903 im Rahmen einer Psychologie der Rassen. Nach ihr hatten weder Indianer
und Afroamerikaner noch Mestizen und Mulatten die Kraft zur Modernität, und die
Entwicklung einer kapitalistischen Wirtschaft hielten er und seine Gleichgesinnten nur
unter einer weißen Bevölkerung für möglich. Den indio betrachteten viele im Sinne eines
positivistischen Sozialdarwinismus als eine zum Verschwinden bestimmte Rasse, und
scheuten dort, wo indigene Gruppen Widerstand zeigten oder einfach »modernen«
Kolonisationsprojekten im Wege standen, nicht davor zurück, den evolutionären Gang
der Geschichte mit militärischen Mitteln zu beschleunigen (Larräin Ibänez 1996:146-
148; Deves Valdes 2000:55, 72-77).
Vor allem im Gebiet der altamerikanischen Hochkulturen machte man sich aber auch
Gedanken darüber, wie man die breite bäuerlich-indigene Bevölkerung unblutig und
weniger schmerzvoll in den Lauf der Moderne einbringen könnte. So sah der Mexikaner
Andres Molina Enriquez 1909 noch ganz im Geiste eines positivistischen Evolutionis-
mus die indigenen und mestizischen Gruppen Mexikos in einem rückständigen Stadium
der menschlichen Entwicklungsgeschichte verharren. Aber im Gegensatz zu den übli-
chen sozialdarwinistischen Ansätzen unterstrich er die politische Notwendigkeit, dieser
evolutionären Ungleichzeitigkeit mittels einer Neuverteilung des Landbesitzes abzuhel-
fen (Florescano 1997:506-511). In Mexiko, aber genauso im Andenraum, benützte man
gleichzeitig zur Legitimierung der Nation ethnisch-indigene Traditionen, in deren
Nachfolge man sich stellte. Eine solche Verehrung der präkolonialen Kulturen stand aber
Die Teile und das Ganze 137

im Widerspruch zur Missachtung der noch lebenden Indianer, die man durch Moderni-
sierung und Okzidentalisierung in einer homogenen Nation aufgehen lassen wollte
(Meißner 1996).
Für den Versuch, dieses Missverhältnis zu glätten, und für eine positivere Haltung
gegenüber den indigenen Gruppen stand der allerdings in recht unterschiedliche Richtun-
gen gefächerte Indigenismus. Indios, aber auch negros, mestizos und mulatos - all die
Gruppen, die Sarmiento einst als Barbaren und Hindernis für den Fortschritt galten -
erfuhren jetzt eine Neubewertung (Deves Valdes 2000:109, 255-257). Allerdings
schwankte auch der Indigenismus zwischen einer essenzialistischen Affirmation der
indigenen Rasse als Grundlage der nationalen Entwicklung und der schonenden, aber
langfristig vollständigen Assimilation an die Nationalgesellschaften. So sind die Kam-
pagnen zu Volksbildung und Alphabetisierung, wie sie in Mexiko oder in Peru propagiert
wurden, in ihren Absichten und in ihrer Wirkung immer zweischneidig. Ob die vor-
modernen Strukturen der indigenas langfristig verschwinden oder ob kulturelle Eigen-
heiten im Rahmen einer multikulturellen Gesellschaft erhalten werden sollten, war
unklar und ist es heute mehr denn je (Larram Ibanez 1996:151-153).
Besonders nach dem Ersten Weltkrieg glaubten viele Autoren, eine Lösung der
Probleme und damit den Schlüsselprozess der lateinamerikanischen Nationsbildung in
der Mestizisierung (mestizaje) zu entdecken, der Mischung der verschiedenen Einzeltei-
le, die die Unterschiede aufhebt und zu einer Einheit zusammenfügt (Deves Valdes
2000:111-115). Zu den einflussreichsten Texten dieser Richtung gehört Casa-grande &
senzala (1990 [ 1933]) des Brasilianers Gilberto Freyre, der die kulturelle Mestizisierung
Brasiliens im Kontext einer feudalen Agrarstruktur analysierte. Freyre pries die Rassen-
mischung und die Vorzüge der Mestizen, sowohl wegen ihrer Fähigkeit zur Anpassung
wie auch als Ausdruck der rassischen Toleranz, die Brasilien gegenüber angelsächsisch-
germanischen Ländern auszeichnen sollte. Stand diese neue Mestizophilie der rassischen
Mischung positiv gegenüber, so nahm sie gegenüber der kulturellen Vermischung eine
distanzierte Haltung ein. Fast durchwegs ging sie von einem westlichen Modernitäts-
verständnis der Eliten aus und von einer recht ungleichen Gewichtung der Einzelteile bei
der Formung der gemeinsamen Kultur. Die soziale Komponente der Ungleichheit der
beteiligten Teile wurde dabei oft nur in ziemlich naiver Weise berücksichtigt. Von einer
sich verallgemeinernden Mestizisierung erhoffte man sich die quasi automatische
Emanzipation der marginalisierten unteren Schichten der Gesellschaft. Erst dadurch
erhielt das mestizaje seine endgültige Tauglichkeit als nationaler Einheitsmythos.
Gleichzeitig fehlte es aber nicht an Autoren, die den lateinamerikanischen Identitäts-
konstruktionen eine zunehmend soziale Note gaben. In Ländern wie Mexiko oder Peru
mischte sich der Indigenismus zunehmend mit dem agrarismo. Das Agrarproblem wurde
als eines der Schlüsselprobleme der Nation entdeckt und dabei mit dem Problem der
indigenas gleichgesetzt. Vom Marxismus beeinflusst entwickelte der Peruaner Jose
Carlos Mariätegui einen Indigenismus als Protest gegen die soziale Ungerechtigkeit, die
er allein mit Alphabetisierungskampagnen, wie sie im postrevolutionären Mexiko
durchgeführt wurden, nicht für lösbar hielt (Maihold 1988). Erst durch den Sozialismus
würde sich das Problem der indigenas aufheben. Gespeist wurde diese Hoffnung von der
Interpretation der inkaischen Gesellschaft und den noch existierenden indigenen Ge-
meinden als sozialistische Ordnungen (Deves Valdes 2000:119-128).
138 Bernd Hausberger

Letztendlich lässt sich die Nation in Lateinamerika kaum glaubwürdig als ethnische,
kulturelle oder soziale Einheit darstellen. Als übergreifende Klammer musste daher oft
die Geschichte herhalten: Eine Schar von Nationalhelden erfährt eine bisweilen geradezu
penetrante öffentliche Verehrung. Da die historische Entwicklung wie auch die Gegen-
wart der meisten lateinamerikanischen Staaten wenig glorreich ist, stehen als heroische
Identifikationsfiguren nur an ihren Idealen zerbrochene Märtyrer des Vaterlandes zur
Verfügung, mit deren Hilfe eine Gemeinschaft des Leidens entworfen wird. Den ewigen
Niederlagen ist jedoch die utopische Hoffnung auf eine zukünftige Umsetzung aller
bisher gescheiterten und verratenen Ziele immanent, die sich die Politik der jeweiligen
Gegenwart auf die Fahnen heften kann. Demselben Zweck dienen im Selbstverständnis
der lateinamerikanischen Staaten ihre Revolutionen. Was die Gemeinschaft eint, ist nicht
das Bewusstsein, in einer positiv gewachsenen Ordnung zu leben, sondern der Geist des
gemeinsamen Widerstands gegen das Unrecht und des gemeinsamen Kampfes um
Erneuerung und Verbesserung. Folgerichtig hat man im postrevolutionären Mexiko die
Revolution institutionalisiert und damit zu einem Dauerzustand gemacht. Die Mängel der
Gegenwart werden nicht geleugnet, aber die politische Führung - und mit ihr die
Gesellschaft - ficht ihren ewigen revolutionären Kampf zu ihrer Überwindung. So wird
mit Hilfe der Geschichte eine Utopie formuliert, in der der Wunsch nach Einheit wie auch
der Wunsch nach Besonderheit und nach Unterscheidung als Vision verankert werden
kann, deren Umsetzung freilich in eine unbestimmte Zukunft verschoben wird.

Lateinamerika als Einheit

Überlegungen zu einer lateinamerikanischen oder zumindest hispanoamerikanischen


Einheit, basierend auf einer gemeinsamen Kultur und Sprache, finden sich schon bei
Simon Bolfvar, doch verwarf er sie als nicht praktikabel (Boh'var 1979 [ 1815]:23-28).
Als er 1826 die Staatsoberhäupter der iberoamerikanischen Staaten zu einem Treffen
nach Panama berief, bestätigte dessen völliges Scheitern sein ursprüngliches Misstrauen.
Selbst die von Bolfvar favorisierte Lösung der Schaffung einiger größerer hispanoame-
rikanischer Staaten ließ sich nicht durchsetzen und Länder wie Großkolumbien oder die
zentralamerikanische Föderation zerbrachen an den partikularen Interessen der regiona-
len Eliten. Das Gefühl einer kontinentalen Zusammengehörigkeit lebte in Lateinamerika
zwar weiter, doch die lateinamerikanischen Politiker und Intellektuellen waren zu sehr
mit den internen Problemen ihrer Staaten beschäftigt, um eine Utopie der Einheit zu
entwickeln. Die ersten konkreteren Einheitskonzeptionen kamen so von außen, und
gemäß den Interessen, die sie transportierten, formulierten sie diese Einheit als Teil
verschiedener über Lateinamerika hinausgehender Gesamtheiten.

Latinität
Die Idee der Latinität kam aus Frankreich, als das zweite Kaiserreich zu Beginn der
zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts neue imperiale Ambitionen entfaltete. Vor diesem
Hintergrund entwickelte sich ein politisches Konzept, nach dem die globale Vorherr-
schaft in einem Wettstreit zwischen den angelsächsisch-germanischen und den latei-
nisch-romanischen Staaten entschieden würde (und einige Autoren vermehren dieses
Die Teile und das Ganze 139

Mächtekarussell noch um einen slawischen Block). Diese Gruppen konkurrierten nicht


nur miteinander, sondern wiesen auch tiefe kulturelle und mentale Unterschiede auf.
Wurden die Anglogermanen vor allem von ihrem Materialismus getrieben, so zeichnete
sich die latinite durch Intuition, Phantasie und Sinnlichkeit aus. An der Spitze der
lateinischen Länder dies- und jenseits des Atlantiks sah sich Frankreich selbst. In diesem
Kontext wurde im Kreise lateinamerikanischer Intellektueller in Paris der Begriff
Lateinamerika geprägt, wahrscheinlich als erstes vom kolumbianischen Diplomaten und
Dichter Jose Maria Torres Caicedo (Ardao 1993: 53-75; Heydenreich 1995).

Panamerikanismus
Ein anderes Konzept der amerikanischen Einheit entwickelten die USA: den Panameri-
kanismus. Dabei handelte es sich um einen von den USA initiierten Vorstoß, Gesamt-
amerika, die Western Hemisphere, unter US-Führung zu einer Einheit zusammenzufas-
sen. Die Idee von einer Art von Gemeinsamkeit der Neuen Welt im Gegensatz zu den
europäischen Staaten wurde in den USA schon im frühen 19. Jahrhundert vertreten, und
zum Gründungsdokument des eigenen Vormachtsanspruchs wurde die 1823 formulierte
Monroe-Doktrin. Die hegemoniale Politik nährte sich aus einem aggressiven, mit
rassistischen Elementen angereicherten Nationalismus, ausgedrückt in der Idee der
manifest destiny. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts erhielt die panamerikanische Politik
der USA eine verstärkte Dynamik, und man versuchte, Vorurteile abzubauen und ein
Bcwusstsein gemeinsamer Anliegen und Ziele zu schaffen. Zu diesem Zweck wurde
1889/90 die 1. interamerikanische Konferenz in Washington durchgeführt. Ihre konkre-
ten Ergebnisse blieben freilich dürftig. In der Folge griffen die USA bei ihrer
hemispherischen Politik auf bilaterale Kooperation genauso zurück wie auf die Zusam-
menarbeit in einem Netzwerk von vielseitigen Beziehungen, die unter dem Begriff
»interamerikanisches System« locker zusammengefasst werden. Gleichzeitig scheuten
die USA sich aber nie, ihre Interessen mittels militärischer und wirtschaftlicher Macht-
mittel durchzusetzen (Krakau 1992:182-190). Die alte Kolonialmacht Spanien wurde im
Jahre 1898 aus Kuba, Puerto Rico und den Philippinen vertrieben; besonders in Zentral-
amerika und im karibischen Raum nahm der Interventionismus drastisch zu; und zur
Absicherung des Baus des Panamakanals, der 1914 beendet wurde, schuf man aus einer
kolumbianischen Provinz den neuen Staat Panama. Noch 1928, auf der 6. inter-
amerikanischen Konferenz in La Habana, wehrten sich die USA entschieden gegen die
Anerkennung des Prinzips der Nichtintervention (Fischer 2005).
In den 30er-Jahren erlebten die Bemühungen der USA einen neuen Höhepunkt, als
Washington im Zeichen eines hemispherischen Isolationismus die interamerikanische
Zusammenarbeit verstärken wollte. 1933 erklärte Franklin D. Roosevelt unter dem
Schlagwort good neighbor policy die Zeit der direkten Interventionen für beendet, und
im selben Jahr akzeptierten die USA auf der Konferenz von Montevideo das Prinzip der
Nichtintervention. Während des Zweiten Weltkriegs gelang es den USA, alle lateiname-
rikanischen Staaten, wenn auch teilweise mit einigen Schwierigkeiten, zu einem Kriegs-
eintritt gegen die Achsenmächte zu bewegen, und noch im beginnenden Ost-West-
Konflikt setzten sie neue Initiativen zur engeren Zusammenarbeit, die 1948 in der
Gründung der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) ihren vorläufigen Höhe-
punkt erreichten. Doch durch den Kalten Krieg gewannen zwischen 1947 und 1950 die
140 Bernd Hausberger

atlanti sehen Interessen in der US-Politik ein deutliches Übergewicht über die Belange der
Western Hemisphere. Schwankend zwischen hegemonialen, imperialistischen Maßnah-
men zur Verfolgung unilateraler Vorteile und einer kooperativen Zusammenarbeit zur
Verwirklichung gemeinsamer Interessen war die Politik der USA auch in der Folge nicht
dazu angetan, eine Stimmung der Zusammengehörigkeit aufkommen zu lassen (Krakau
1992:191-195; Hertkampf 1994).

Hispanismus
Der dritte Einheitsentwurf kam in Form des Hispanismus aus Spanien. Der Hispanismus
hatte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Folge der Entwicklung eines
spanischen Nationalismus allmählich zu Wort gemeldet. Einen ersten Höhepunkt er-
reichte er 1892 mit den Feiern zum 400. Jahrestag der Entdeckung Amerikas. Seit damals
beging man zuerst inoffiziell und seit 1918 als offiziellen Feiertag den Dia de la Raza am
12. Oktober, dem Tag, an dem Kolumbus amerikanischen Boden betrat. Durch den
Verlust der letzten Kolonien im Jahre 1898, den man gleichermaßen als Demütigung und
Aufrüttelung empfand, erhielt der Hispanismus als Versuch, die verlorene Größe durch
die Wiedererweckung alter kultureller Bande zurückzuerobern, deutlichen Auftrieb
(Pike 1971; Bartels 2003). Nicht selten wurde auch Portugal - und damit in Lateiname-
rika der Koloss Brasilien - in diese Überlegungen miteinbezogen und der Hispanismus
zu einem »Iberismus« erweitert (Rocamora 1994).

Lateinamerikanische Selbstdeutungen
Am Beginn des 20. Jahrhunderts waren so im Wesentlichen drei Deutungen der
Zugehörigkeit Lateinamerikas zu einem suprakontincntalen Ganzen entwickelt worden,
die sich auch in den Bezeichnungen des Raums niederschlugen: »Lateinamerika«,
»Hispanoamerika«, »Iberoamerika« oder im Sinne des ungeliebten Panamerikanismus
auch nur »Amerika« oder »die Amerikas«.
Diese Konzeptionen standen neben den Argumentationen, die bei der Konstruktion
der verschiedenen Nationalitäten erprobt worden waren (Larräin Ibafiez 1996:15), den
lateinamerikanischen Intellektuellen zur Verfügung, die sich gegen Ende des 19. Jahr-
hunderts vordem Hintergrund der beschleunigten Integration Lateinamerikas in eine sich
globalisierende Welt und des wachsenden Einflusses der Vereinigten Staaten zunehmend
gezwungen sahen, sich Gedanken über ihr gemeinsames Schicksal zu machen und dafür
das >Eigene<, seinen Inhalt und seine Grenzen zu definieren. Die supranationale Auswei-
tung des Blickfelds der lateinamerikanischen Intellektuellen wurde von der allgemeinen
Entwicklung befördert. Die deutlich verbesserten Kommunikationsmöglichkeiten schu-
fen die Voraussetzungen für den Aufbau regelrechter Netzwerke des Gedankenaustau-
sches zwischen den verschiedenen Staaten, in denen einzelne Persönlichkeiten zu
Leitfiguren ganzer Bewegungen wurden (Deves Valdes 2000:163-177; Ramos 2001:244-
247). Zwei der wichtigsten von ihnen und Schlüsselautoren ihrer Epoche waren der
Kubaner Jose Marti, vor allem mit seinem Aufsatz Nuestra America (1982 [1891]), und
der Uruguayer Jose Enrique Rodö mit seinem Essay Ariel (1994 [ 1900]) (Ette/Heydenreich
2000). Der »zähe politische Kampf Lateinamerikas um seine Gleichrangigkeit, letztlich
um seine Würde« (Krakau 1992:191) suchte in diesen Debatten seine identitär-kulturelle
Grundlage.
Die Teile und das Ganze 141

Während es der Panamerikanismus in Lateinamerika immer schwer hatte, konnten


sich die nach Europa orientierten Gedanken der Latinität und der Hispanität etablieren,
wobei die Unterscheidung zwischen beiden Strömungen teilweise verschwamm. Rodö
und seine Jünger, die arielistas, verankerten ihr Amerika in der klassischen Antike
Griechenlands und Roms und in der Gedankenwelt der Latinität, und gleichzeitig erfuhr
die Kolonialzeit, zuvor die Mutter allen Übels, eine teilweise Neubewertung als distink-
tive Epoche Lateinamerikas. Die imperialistischen Implikationen der Latinität waren zu
dieser Zeit längst aufgegeben worden und auch von Spanien ging keine reale Bedrohung
mehr aus. Dafür war besonders die kulturelle Attraktion Frankreichs auf die eurozentrischen
Eliten groß. So wurden das »lateinische Amerika« endgültig zu »Lateinamerika« (Ardao
1991) und die Latinität zu einem wesentlichen Argument der Selbstbestimmung gegen
die panamerikanischen Vereinnahmungsbestrebungen der USA. Doch wurde schon
Rodö zum Vorwurf gemacht, als Sohn spanischer Eltern und Bürger eines rein weißen
Landes in einer für den größten Teil des Kontinents unakzeptierbaren Weise die Wiege
Lateinamerikas an den Gestaden des Mittelmeers zu verorten (Gewecke 1984:172f). So
fehlte es nicht an Gegenentwürfen. Jose Marti vertrat im Gegensatz zu Rodö die Idee einer
lateinamerikanischen Eigenheit, sowohl gegenüber Europa wie auch gegenüber einem
US-amerikanisch definierten Panamerikanismus, und später verfocht besonders der
Indigenismus solche Vorstellungen.
Doch lässt sich die Einheit Lateinamerikas zumindest historisch leichter mit dem
Bezug auf Spanien und Portugal als mit Hilfe der indigenen Kulturen argumentieren
(Granados 2005). Während die koloniale Vergangenheit die Zusammengehörigkeit
untereinander (und mit der Metropole) etabliert, scheint die kleinräumigere indigene
Vorgeschichte die Teilung und Eigenständigkeit zu unterstützen und spielt folglich in
einzelnen Nationalismen eine tragendere Rolle als im Kontinentalismus. Trotzdem hat
man übergreifend immer wieder versucht, einen Panindianismus zu schaffen und einer
gemeinsamen indianischen Tradition für den amerikanischen Doppelkontinent in seiner
Gesamtheit das Wort zu reden. In neuerer Zeit hat etwa Gordon Brotherston (1997) eine
»4. Welt« (neben Europa, Asien und Afrika) mit Hilfe indigener Texte aufzeigen wollen.
Eine solche Argumentation mag eine emanzipatorische Absicht verfolgen, unterschwel-
lig bedient sie jedoch die Vorstellung einer panamerikanischen Einheit Amerikas von
Alaska bis Feuerland und ist wahrscheinlich überhaupt erst aus einer solchen Vor-
annahme heraus formulierbar. Noch simpler argumentiert freilich ein Autor wie Carlos
Fuentes (1992:124, 138, 147), der die aztekische Tradition gleich in ganz Lateiname-
rika wirksam sieht und einem Diskurs der mexicanidad kontinentale Gültigkeit ver-
leiht.
Auch von den Afroamerikanern wurden neben den verschiedensten lokalen und
regionalen Identitäten umfassendere Konzepte der Zusammengehörigkeit diskutiert. Der
Rückgriff auf alte afrikanische Identifikationselemente besitzt zweifellos einen hochgra-
dig konstruktiven Charakter, war doch die Weiterführung afrikanischer Regional-
identitäten unter den Bedingungen der Sklaverei langfristig unmöglich. Es kam daher
eher zu einer Neuschöpfung eines afroamerikanischen Bewusstseins mit verschiedenen
Bezugsrahmen; negritude, antillanite oder creolite sind nur drei Begriffe, die genannt
werden könnten. Von ihnen hebt besonders die creolite das Innovative, die Adaptierung,
die Heterogenität und die Hybridität der afroamerikanischen Kultur hervor (Gewecke
142 Bernd Hausberger

1984:173-179; Pausch 1996; Mann 2001; Fleischmann 2005). Schließlich wurden auch
eigene supranationale und suprakontinentale Entwürfe präsentiert, die alle auf die eine
oder andere Weise ein transatlantisches Bewusstsein pflegen. Es gelingt ihnen aber nicht,
eine wirkliche Gemeinsamkeit aufzubauen, geschweige denn politisch übergreifend
wirksam zu machen. Selbst ein so einflussreicher Autor wie Paul Gilroy (1993) be-
schreibt seinen Black Atlantic als primär nordatlantischen Raum, in dem Afrika und
Lateinamerika nur eine sekundäre Rolle spielen.
In Lateinamerika kam es zu einem recht eklektischen Umgang mit all diesen Ideen.
So entwickelte ein Strang des Hispanismus eine ausgeprägte Mestizophilie (Larrain
Ibänez 1996:157-161; Deves Valdes 2000:219-221, 237f). Der Mexikaner Jose
Vasconcelos, einer der einflussreichsten Intellektuellen seinerzeit, vertrat neben sozial-
indigenistischen Positionen, die ihm den Vorwurf des Sozialismus einbrachten, ausge-
sprochen mestizophile und hispanistisch-katholische sowie konsequent antiimpe-
rialistische Einstellungen, die ihn letztlich zugunsten des nationalsozialistischen Deutsch-
lands zur Feder greifen ließen. Dem mestizaje gab Vasconcelos (1979 [1925]) eine
kontinentale Dimension, indem er die Entstehung einer Einheitsrasse, der raza cösmica,
voraussah. Zum Schlüssel der nationalen wie kontinentalen Integration wurde so die
Sexualität, was wiederum an die Gedankenwelt der latinite anschließt, soll sich doch der
lateinische Mensch vom angelsächsisch-germanischen vor allem auch durch eine inten-
sivere Sinnlichkeit unterscheiden.
War die Idee der raza cösmica eine in die Zukunft gerichtete »rassische Utopie«
(Scarano 1990), so zeichneten sich Hispanismus und Indigenismus, die beiden vielleicht
wichtigsten Versuche einer essenzialistischen Identitätskonstruktion, durch eine letztlich
reaktionäre Geschichtsbetrachtung aus. Beide suchten eine Lösung der Probleme in einer
Verklärung und Wiederbelebung verschütteter Traditionen der Vergangenheit und
interpretierten dagegen die Geschichte seit der Conquista bzw. seit der Unabhängigkeit
als Fehlentwicklung. Diese pessimistische Selbstsicht teilen sie auch mit mehreren
Autoren, die unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise von 1929 die Reflexion über
den Charakter der Lateinamerikaner zu einem Höhepunkt führten. Von ihnen kann
besonders Octavio Paz' Essay El laberinto de la soledad (1998 [1950]) hervorgehoben
werden. Sie sahen für eine positive Entwicklung ihrer Nationen wenig Hoffnung und
kritisierten sowohl die aus der Geschichte heraus erklärte Mentalität der Lateinamerika-
ner wie auch die Rezeption europäischer und US-amerikanischer Entwicklungs- und
Denkmodelle (Sarlo 31999:206-246; Larrain Ibänez 1996:150-162).

Kalter Krieg, Nord-Süd-Konflikt und tercermundismo


Während des Kalten Kriegs gestalteten die USA ihre Beziehung mit Lateinamerika vor
allem im Sinne ihrer atlantischen Sicherheitsinteressen und ließen sich nicht in ernsthafte
Diskussionen über die Neuordnung der wirtschaftlichen Beziehungen ein, wie sie die
Lateinamerikaner zur Förderung der eigenen Modernisierung führen wollten. So fühlte
man sich südlich des Rio Bravo immer mehr aus der westlichen Gemeinschaft ausge-
schlossen, und der Gegensatz zwischen einem reichen Norden und einem armen Süden
rückte ins allgemeine Bewusstsein. In der Folge wandten sich Länder wie Brasilien
immer mehr einer neutralistischen Position zu (Whitaker 1965:83, 91-93), und überall
wuchs die Identifizierung mit den Ländern der »Dritten Welt«. Ein wesentlicher Impuls
Die Teile und das Ganze 143

für eine solche Haltung kam dabei von der 1948 gegen den Willen der USA gegründeten
Comisiön Econömicapara America Latina (CEPAL) der UNO. Gemäß den Analysen der
cepalinischen Wirtschaftswissenschafter, mit Raul Prebisch, dem ersten Generalsekretär
der Kommission, an der Spitze, musste die traditionelle internationale Arbeitsteilung, die
Lateinamerika eine periphere Position in der Weltwirtschaft als Rohstoffproduzent
zuteilte, durch eine forcierte Industrialisierungspolitik überwunden werden. Obwohl der
cepalismo den Kapitalismus als Wirtschaftsform nicht ablehnte, vermischte sich die
Debatte um das Verhältnis Zentrum-Peripherie in der Folge mit einem (sozialistischen)
AntiimperialismusbishinzurDependenztheorie (Prebisch 1950; Senghaas 1974; Deves
Valdes 2000:291-303).
Durch die kubanische Revolution von 1959 erhielt diese Entwicklung eine deutliche
Militanz, und man begann, Lateinamerika in einer gemeinsamen Front einer vom
Imperialismus ausgebeuteten Dritten Welt zu situieren (tercermundismo) (Rangel 1982).
Als die USA auf die Ereignisse in Kuba in der Logik des Ost-West-Konflikts und des
panamerikanischen Hegemonieanspruchs mit Sanktionen reagierten, wurden diese von
Mexiko nicht mitgetragen. Von einer hemisphärischen Einigkeit konnte weniger denn je
die Rede sein. Auch die Allianz für den Fortschritt (Alliancefor Progress), die John F.
Kennedy 1961 ins Leben rief, um dieser Entwicklung und der befürchteten Ausbreitung
des Kommunismus gegenzusteuern, änderte daran wenig (Whitaker 1965:79-87). Für
das castristische Kuba wurde das internationale Engagement zu einer lebenswichtigen
Strategie (Bieber 1985). Gegenüber der weitgehenden Isolation in der OAS seit 1961 und
der anhaltenden US-amerikanischen Bedrohung begann Kuba ab 1962, verschiedene
lateinamerikanische Guerilla-Bewegungen zu unterstützen, teilweise im Widerspruch zu
den nationalen kommunistischen Parteien und anscheinend auch zur Politik der UdSSR.
Aber Kuba ging es darum, seinen Widerstand gegen die USA zum Kampf Lateinamerikas
und gleich der ganzen Dritten Welt zu erheben (Castro 1985). Daraus formulierte ein sich
nach und nach konsolidierender castro-guevarismo die Doktrin der revolutionären
Einigung Lateinamerikas als kompromisslosen antiimperialistischen Kampf. Die Grund-
thesen übernahm man von Victor Raul Haya de la Torre, dem Begründer der peruanischen
APRA {Alianza Populär Revolutionärin Americana, 1924), der jedoch noch eine
Verständigung mit dem US-Kapital gesucht hatte. Nun war das Ziel die Vietnamisierung
Lateinamerikas, um die militärische Übermacht der USA zu neutralisieren. Doch gelang
es nirgendwo, eine ausreichende Basis für diesen Kampf zu gewinnen. Wo es Ansätze
dazu gab, wurden sie zerschlagen, bevor sie sich entfalten konnten. Nach dem Tod von
Ernesto »Che« Guevara 1967 in Bolivien gab Kuba diese Politik vorübergehend auf,
wenngleich die Unterstützung von Guerilla-Fraktionen in Zentralamerika und in Afrika
in den 70er-Jahren wieder aufgenommen wurde und der tercermundismo in der Rhetorik
bis heute weiterlebt.
Nicht zu übersehen ist freilich, dass auch im tercermundismo zahlreiche Elemente
älterer und essenzialistischer Identitätskonstruktionen weiterlebten. Gedanken der Lati-
nität waren selbst der politisch-revolutionären Argumentation nicht fremd (Castro 1985;
Bieber 1985:79). Wichtiger war jedoch die Verknüpfung zwischen indigenistischem und
sozialistisch-anarchistischem Denken. Die alten Oppositionen des 19. Jahrhunderts,
Zivilisation und Barbarei< oder >Stadt und Land<, erfuhren in weiten Kreisen, auch der
Linken, eine Umkehrung der Bewertung, Tradition wurde gegenüber der Innovation
144 Bernd Hausberger

rehabilitiert, Lokalismus gegenüber dem Universalismus (Deves Valdes 2000:93, 97,


156). Der indio-Begriff wurde aus seiner kulturellen Definition gelöst und in die von
Hautfarbe und ethnischer Herkunft unabhängige Klasse der campesinos überführt. Das
Volk, klassisches Argument nationalistischer Einheitsstiftung, verlor seine elitäre Defi-
nition und wurde zum Synonym der ausgebeuteten Klasse, die Schaffung einer nationa-
len Volkskultur zum Schauplatz des Klassenkampfes und des antiimperialistischen
Widerstandes (Ramos 2001:248).

Wirtschaftliche Integration
Konkrete Ergebnisse brachte die Suche nach neuen Formen der Annäherung und des
Zusammenrückens nach 1945 vor allem auf wirtschaftlicher Ebene. In der Zwischenzeit
war in Lateinamerika der Nationalismus erstarkt. Er wurde getragen von einer neuen
Bourgeoisie, die nicht mehr vorrangig von Außenhandel und Exportlandwirtschaft lebte,
sondern ihre Hoffnungen auf eine zügige Industrialisierung setzte, und von einer
angewachsenen Klasse ländlicher und städtischer Arbeiter, die sich eine Verbesserung
ihrer Situation von einem populistischen Nationalismus erhoffen. Unter dem Eindruck
der Krise von 1929 und auch des indigenistischen agrarismo standen beide Gruppen einer
Integration in den Weltmarkt sehr kritisch gegenüber, und von der 1948 gegründeten
CEPAL wurde dieses Misstrauen wissenschaftlich untermauert. Importsubstitution und
Industrialisierung unter staatlicher Direktive wurden zu den Schlüsselbegriffen einer
neuen, nach innen gerichteten Entwicklungsdoktrin, die von Lateinamerika ausgehend
weltweiten Einfluss erlangte (Zimmerling 1991:93-99).
Der Einfluss der CEPAL gab Ideen zur wirtschaftlichen Integration, die ganz
wesentlich auch die Unabhängigkeit gegenüber den USA stärken sollten, einen neuen
Stellenwert. Da die meisten lateinamerikanischen Länder für eine cepalistische Moder-
nisierungspolitik offensichtlich zu klein waren, wurde zwangsläufig über Projekte
regionaler Integration nachgedacht, die ab den 60er-Jahren zu konkreten Ergebnissen
führten, ohne Zweifel, weil ihnen nun auch die USA eine positive Rolle gegenüber der
kommunistischen Gefahr zutrauten. So entstand 1960 der Mercado Comün Centro-
americano (MCCA), der zu einer beachtlichen Intensivierung des interregionalen Han-
dels führte. Allerdings stagnierte diese Entwicklung nach einigen Jahren. Die CEPAL
begriff die wirtschaftliche Integration als rein technischen Vorgang. So gingen von ihrer
Tätigkeit keine Impulse für politische Reformen aus, was sich als negativ erweisen sollte.
Die einzelnen nationalen Regierungen identifizierten sich nur ungenügend mit den
Integrationszielen, nützten das Projekt in erster Linie als Mechanismus für die Erlangung
internationaler Finanzhilfen und konnten ansonsten ihre zwischenstaatlichen Differen-
zen nicht überwinden, wie 1969 der Fußballkrieg zwischen El Salvador und Honduras
drastisch belegt (Zimmerling 1991:81-108, 117f).
In der Folge wurde mit recht unterschiedlichem Erfolg eine Reihe von weiteren
interamerikanischen Institutionen und regionalen Integrationsprojekten gestartet (Sang-
meister 2002:39f). 1969 entstand der Pacto Andino, aus Chile, Bolivien, Peru, Ecuador
und Kolumbien, dem sich 1973 auch Venezuela anschloss, während Chile den Pakt 1976
wieder verließ (Zimmerling 1991:108-119); und 1973 wurde der Caribbean Community
and Common Market (CARICOM) gegründet. Trotzdem blieb die wirtschaftliche
Integration Lateinamerikas insgesamt schwach. Zwar diversifizierten sich die Außen-
Die Teile und das Ganze 145

Wirtschaftsbeziehungen der lateinamerikanischen Staaten deutlich, was speziell ab den


70er-Jahren zu einem Rückgang des wirtschaftlichen - und auch politischen - Einflusses
der USA und zu einem gesteigerten Eigenständigkeitsgefühl der Lateinamerikaner führte
(König 1992:203; Krakau 1992:197). Das galt aber nur im Vergleich zu früheren
Verhältnissen. Im Durchschnitt der 90er-Jahre gingen nur 18 Prozent der lateinamerika-
nischen Exporte in die Länder der Region, 16 Prozent in die Europäische Union und circa
50 Prozent in die USA und nach Kanada. Dies schien all jene zu bestätigen, die stets in
Frage gestellt hatten, welche Integration denn Länder untereinander vornehmen könnten,
die sich nicht einmal selbst integriert hätten. Dabei waren viele Beobachter ohnehin der
Meinung, dass die wirtschaftlichen Integrationsprojekte Lateinamerika nur für ausländi-
sche Interessen leichter kontrollierbar machen sollten (Sangmeister 2002:38^-0).
Tatsächlich gerieten die cepalistischen Industrialisierungsprogramme spätestens in
den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts in eine von anhaltender politischer Instabilität,
Staatsstreichen und steigender Verschuldung begleitete Krise, die zur neoliberalen
Wende führen sollte (Levien 1992). Mit ihr wurden vor dem Hintergrund des Zusammen-
bruchs des realen Sozialismus in der Sowjetunion und in Osteuropa und einer allmähli-
chen Redemokratisierung Lateinamerikas auch neue Integrationsmodelle formuliert,
denen es nicht mehr um Importsubstitution und Abgrenzung als Schutz vor der industri-
ellen Übermacht des Nordens ging, sondern die darauf zielten, durch Eingliederung in die
Weltwirtschaft in die Dynamik des Nordens einzutreten. Unter den zahlreichen Initiati-
ven zur Aufnahme inter- wie transkontinentaler Kooperationen müssen zwei genannt
werden. 1994 trat der Tratado de Libre Cotnercio (TLC; engl. NAFTA) zwischen
Mexiko, Kanada und den USA in Kraft. Schon 1889 hatte die New Yorker Zeitung The
Sun den lateinamerikanischen Staaten geraten, auf den Wagen der von den USA
gezogenen Entwicklung aufzuspringen, wenn sie nicht überrollt werden wollten, und
hatte damit Jose Marti (1977:160) zu einem heftigen Widerspruch gereizt. Mit 100 Jahren
Verspätung wagte Mexiko nun diesen Sprung und scherte damit aus der lateinamerika-
nischen Einheit aus. Nur ein Jahr später wurde als rein lateinamerikanisches Unterfangen
der Mercado Comün del Sur (MERCOSUR bzw. MERCOSUL) gegründet, bestehend
aus Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay. Der Erfolg war beachtlich, doch wird
die Entwicklung des MERCOSUR durch die periodischen Krisen der Mitgliedsstaaten
regelmäßig gebremst, so 1998 von der Krise Brasiliens und 2002 vom Kollaps Argenti-
niens. Damit sind die zwei größten lateinamerikanischen Volkswirtschaften verschiede-
ne Wege gegangen, die auch auf unterschiedlichen Voraussetzungen beruhen. Brasilien
ist die größte Wirtschaft Lateinamerikas, aber das viel kleinere Mexiko weist eine
deutlich höhere Pro-Kopf-Produktivität auf, was eine positive Integration in die US-
Wirtschaft erleichtern mag, und hat außerdem nur das schmale Zentralamerika im
Rücken, während Brasilien von einem breiten Gürtel hispanoamerikanischer Staaten als
eigenem Expansionsgebiet umgeben ist (Lohbauer 2002).
Die USA sind indessen nicht untätig. Für sie war NAFTA nur ein erster Schritt zur
Schaffung einer gesamtamerikanischen Freihandelszone, gewissermaßen als Neubele-
bung der alten hemisphärischen Politik. So wurde 1994 die Free Trade Area of the
Americas (FTAA) bzw. Area de Libre Comercio de las Americas (ALCA) lanciert und
nach langen Vorverhandlungen schließlich 2001 von 34 Staaten Nord- und Südamerikas
und der Karibik beschlossen. Damit sollte 2005 eine Freihandelszone mit 800 Millionen
146 Bernd Hausberger

Konsumenten entstehen (allerdings mit noch recht unterschiedlicher Kaufkraft). ALCA


konnte in Lateinamerika allerdings nie allgemeine Begeisterung erwecken, und Wün-
sche, der USA durch eine verstärkte Zusammenarbeit mit Europa ein Gegengewicht
entgegenzusetzen, sind verbreitet. Einige sehen in ALCA, neben den beiden Kriegen
gegen die Drogen und gegen den Terror, nur eine neue Strategie der USA, ihre
hegemonialen Interessen jetzt gleich hemisphärisch und global durchzusetzen, und
sprechen gegenüber diesem neuen Imperium sogar von der Notwendigkeit einer »2.
Unabhängigkeit« (Mosquera Mesa 2002:20). Brasilien, das sich als recht selbstbewusster
Gegenspieler der USA zumindest in Südamerika profiliert hat, gelang es so, vorerst die
ALCA-Verhandlungen zu bremsen, und schließlich im Bund mit dem charismatischen
Präsidenten Venezuelas Hugo Chävez die Unterzeichnung des Vertrags überhaupt zu
verhindern. Dafür wurde eine Ausweitung des MERCOSUR auf ganz Südamerika als
Gegenprojekt vorgeschlagen, das einer Integration mit den USA vorausgehen sollte.
Diese Entwicklung erfolgte aber gegen die heftige Opposition der lateinamerikanischen
Pazifikstaaten mit Chile und Mexiko an der Spitze. Eine wirkliche wirtschaftspolitische
Alternative zur verstärkten Integration unter neoliberalen Vorzeichen scheint nicht
ernsthaft zur Debatte zu stehen. Während man sich so um die Positionen im kontinentalen
Mächtebankett streitet, bleibt die interamerikanische Kooperation aber von einer nicht zu
unterschätzenden Dynamik (Nolte 2002; Estevadeordal u.a. 2004; Pinön Antillön 2006).
Die lateinamerikanischen Führungsschichten folgen so wenigstens zum Teil neuer-
lich, einem von außen initiierten Entwicklungsprogramm, das man aber wenigstens in
einigen Ländern selbst kontrollieren und dafür den USA keinen allzu großen Einfluss
zugestehen möchte. Solche Versuche gab es auch schon in der Vergangenheit, sie haben
die großen Versprechungen, die sie machten, freilich noch nie gehalten. Der Kontinent
wurde so zum »Mausoleum« der okzidentalen Modernisierungsmodelle (Whitehead
2001). Ob die neoliberale Erneuerung ein anderes Schicksal haben wird, lässt sich noch
nicht eindeutig absehen. Letztlich wird sich vielleicht auch die Lehre von der Allheilkraft
des freien Markts als irrationaler Wunschtraum erweisen. Im Moment scheinen wenigs-
tens die makroökonmischen Daten, wenngleich nicht unbedingt die sozialpolitischen,
eine günstige Zukunft anzudeuten.

Ausblick

Die Konstruktion lateinamerikanischer Identitäts- und Modernisierungsprojekte vollzog


sich in den letzten 200 Jahren vor allem mit Blick auf die okzidentale Entwicklung und
ab dem späten 19. Jahrhundert auch als Abwehrstrategie gegen die wachsende Hegemo-
nie der USA. Unter George W. Bush spielen die USA heute im Weltmaßstab, wie in
Lateinamerika schon längst, »die Rollen des internationalen Gesetzgebers und Exekutiv-
organs in einem« (Krakau 1992:187). Kooperative Zusammenarbeit gibt es nur dort, wo
sie den eigenen Zielen dient. Rund um den Globus reagiert man darauf mit völlig
widersprüchlichen Diskussionen über die eigene Rolle in der neuen Weltordnung.
Lateinamerika zeigt sich in dieser Situation politisch gespalten. Mexiko hat sich in die
pragmatische Lösung des TLC geflüchtet und hofft darüber hinaus, mittels seiner tacos
und enchiladas der wirtschaftlichen und politi sehen Übermacht ein Gegengewicht bieten
Die Teile und das Ganze 147

zu können; andere besänftigen ihre Sorge vor kultureller Überfremdung mit der vagen
Hoffnung auf eine zunehmende Hispanisierung der USA als Ausgleich zum wachsenden
Einfluss der US-amerikanischen Kultur zu Hause. Die in Mexiko traditionsreichen
Bemühungen, sich durch Initiativen in der Außenpolitik ein profiliertes Eigengewicht zu
wahren, leiden dagegen stark unter dem ängstlichen Bemühen, die USA nicht zu
verstimmen. Letztere, nach den Anschlägen vom 11. September 2001 recht überempfind-
lich geworden, zeigen hierbei vielfach auch wenig Entgegenkommen. Auch eine von den
lateinamerikanischen Staaten angestrebte Revision des Rio-Abkommens von 1947, die
die OAS auf eine neue Grundlage stellen sollte, ist nach dem 9.11. der Forderung der USA
nach Solidarität zum Opfer gefallen (Roett 2005). Auf der anderen Seite hat sich rund um
die Regierungen von Brasilien, Venezuela und jüngst auch von Bolivien ein US-
kritisches Lateinamerika verstärkt zu Wort gemeldet, das auch dem in der Zwischenzeit
schon recht isolierten Cuba ein neues Gewicht verleiht. Was daraus werden wird, ist
freilich nicht vorauszusagen. Ob das Regime in La Habana seinen Führer Fidel Castro
überleben wird, steht in den Sternen. Hugo Chävez gilt vielen, etwa Carlos Fuentes, mehr
als Politclown denn als politische Alternative für den Kontinent. Das indigenistische
Modell des am 18. September 2005 zum Präsidenten von Bolivien gewählten Evo
Morales scheint nicht leicht auf einen anderen lateinamerikanischen Staat übertragbar
und hat zudem in einem Brasilien, das im Inneren Südamerikas, zum Beispiel mit Blick
auf die bolivianischen Erdgasreserven, recht eindeutige hegemoniale Interessen vertritt,
einen unsicheren Freund.
In der lateinamerikanischen Öffentlichkeit sitzt das Bewusstsein der Rückständig-
keit, des Unterschieds, der Ungleichheit und der Unterlegenheit jedenfalls tief. Dieser
Schwäche wird, neben der Exaltation diverser Elemente der Volks- und Populärkultur
(wobei sich unschwer Elemente der Selbstcharakterisierung der Latinität wiedererken-
nen lassen), mit anhaltenden Selbstanalysen zu begegnen gesucht, die regelmäßig die
alten Argumente der vergangenen 100 Jahre aufgreifen. Die alten Konzepte haben sich
aber als nicht tragfähig erwiesen. Erhoffte man sich einst von der Mestizisierung die
allmähliche Homogenisierung des Kontinents, stellt man heute in Frage, ob die
Mestizisierung von Identitäten überhaupt zur Vereinheitlichung und nicht vielmehr zu
ständig neuen Ausdifferenzierungen führt. Die Einigkeit der Dritten Welt hat sich außer
in isolierten Momenten nicht eingestellt. Die Dependenztheorie ist als Ablenkungs-
strategie lateinamerikanischer Oberschichten von der eigenen Verantwortung für das
Schicksal ihrer Länder in Misskredit geraten. Dafür lassen sich in letzter Zeit eine
Rückkehr zu essenzialistischen Identitätskonstruktionen und ein Wiederaufleben
hispanistischer (Jandra 2005) wie indigenistischer Vorstellungen beobachten, nicht
zuletzt unter enttäuschten Linken, die den Kapitalismus nicht mehr mit sozialistischen,
dafür aber mit indigenistischen Gegenvorschlägen bekämpfen wollen. Die Kritik am
westlichen Projekt der Moderne und dessen Dekonstruktion durch den Postmodernismus
der 80er-Jahre hat diese Entwicklung noch befördert. Gleichzeitig realisiert Spanien, das
sich als Bindeglied Europas zu Lateinamerika fühlt, ehrgeizige Investitionsprogramme
und begleitet diese mit einer Rhetorik, die gelegentlich direkt aus dem alten Hispanismus
gegriffen scheint.
Wie eh und je ist die Debatte aber äußerst vielseitig. Carlos Fuentes nimmt zum
Beispiel aus allen intellektuellen Traditionen, was er braucht, um die aktuellen Integrations-
148 Bernd Hausberger

prozesse zu bejahen und mit einem essenzialistischen Kultur- und Geschichtsdiskurs zu


beweisen, dass Lateinamerika von ihnen nichts zu fürchten hat. Das Typische und damit
Einende in Lateinamerika ist neben dem hispanistischen Urgrund gerade nicht die
Einheitlichkeit, sondern die Vielheit, meint Fuentes und gibt seinem Kontinent den
komplizierten Namen »Indoafroiberoamerika«. In einer Zeit, in der man alte Traditionen
zerfallen, andere wiederentdeckt und neue entstehen sieht, und die Debatte vom hybriden
Charakter der Kulturen und der Modernität bestimmt ist, integriert er genau diese Ansätze
in seine Idee von Lateinamerika und kann so alle auseinander driftenden Elemente wieder
in das Ganze stopfen und gleichzeitig seinen Kontinent aus marginaler Position in das
Zentrum der Moderne rücken. »Indoafroiberoamerika« wird ihm zum ersten Experi-
mentierfeld von Entwicklungen, die mit 500 Jahren Verspätung den Rest der Welt recht
unvorbereitet treffen (Fuentes 1992; Hausberger 2003). Allerdings, ganz neu ist auch ein
solcher Ansatz nicht. Schon 1913 hatte etwa der Peruaner Francisco Garcia Calderön
ähnlich komplizierte Namen für die lateinamerikanischen Nationen geschaffen. Für ihn
waren zum Beispiel Argentinien »indoiberoangloitalienisch«, Peru »indoafrosinoiberiseh«
und Brasilien gar »afroindofrankoholandogermanolusitanisch«, »barbarische Namen«,
wie er meinte, die die extreme, von keiner europäischen Terminologie fassbare Origina-
lität der lateinamerikanischen Staaten und damit eben genau das >Eigene< und > Amerika-
nische< ausdrückten. Und um dieses Amerika in die Modernität zu rücken, standen ihm
keine postmodernen Theorien der Hybridität zur Verfügung, doch auf der Höhe seiner
Zeit konnte er darüber orakeln, ob nicht Lateinamerika einst die Geburtsstätte des
Übermenschen sein werde (Garcia Calderön 1979 [1913]:244, 314).
So scheinen die Diskurse zum Wesen Lateinamerikas wie auch die Ansätze zur
Lösung der sozialen Probleme des Kontinents auf der Stelle zu treten. Außer Frage steht,
dass ungeachtet ihres diskursiven und elitären Ursprungs die lateinamerikanische Iden-
tität eine praktische, wenngleich fragile Realität geworden ist. Welche Folgen dieser
Umstand in der Praxis haben wird, bleibt abzuwarten.

Literatur

Von den klassischen lateinamerikanischen Sclbstanalyscn liegen einige in deutscher Übersetzung


vor, so die wichtigsten Texte von Simon Bolfvar (1985), Jose Martf (1982), Jose Enrique Rodö
(1994), Euclides da Cunha (1994), Juan Carlos Mariätegui (1980), Gilbcrto Freyre (1990), Octavio
Paz( 1998) oder Carlos Fuentes (1992). Ansonsten ist die Sekundärliteratur zum Thema praktisch
unüberschaubar geworden. Deshalb kann die folgende Bibliographie nur als zwangsweise etwas
willkürliche Auswahl gewertet werden. Besonders hingewiesen werden soll aber auf die vielfälti-
gen Materialien, die mittlerweile das Internet zur Verfügung stellt. Die Akten der Interamerikanischen
Konferenzen von 1889-1954 finden sich unter http://biblio2.colmex.mx/coinam/. Auf der offizi-
ellen Seite von ALCA finden sich etwa die Schlüsseldokumente diverser amerikanischer Gipfel-
treffen bis incl. 2005 (http://www.ftaa-alca.org/); hierzu auch sehr hilfreich die Links, die die
online-Enzyclopedie wikipedia zur Verfügung stellt (http://en.wikipedia.org/wiki/Free_Trade_
Area_of_the_Americas). Ein Fülle von Informationen bietet schließlich die homepage der CEPAL
http://www.cepal.org/.

Anderson, Benedict (1983): Imagined Communities. Reflections on the Origin and Spread of
Nationalism. London: Verso
Wolfgang Dietrich

Von der Intervention zur Integration


Lateinamerika im Schatten der nordamerikanischen
Hegemonialmacht und die politisch-militärische Rolle
der USA im 20. Jahrhundert

Prolog
Eine geschichtswissenschaftliche Analyse von militärischer Intervention und supra-
staatlicher Integration in den Amerikas des 20. Jahrhunderts, geschrieben aus einer
aktuellen europäischen Perspektive, kann methodisch nicht ohne Beachtung der histori-
schen Tiefenstrukturen und Tiefenkulturen auskommen, welche die Sichtweisen der
Akteure am Doppelkontinent ausrichten. Die Befassung damit empfiehlt sich aus der
aktuellen Sicht Europas ganz besonders, weil die politischen Eliten der USA den »Rest
der Welt« seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion nach einer Art behandeln, die zu
einem guten Teil am eigenen Umgang mit Lateinamerika im 20. Jahrhundert erprobt ist.
In Anbetracht des Aufstiegs der USA vom regionalen zum globalen Hegemon im Laufe
des 20. Jahrhunderts verdient die »Lateinamerikanisierung« der US-Außenpolitik aus
europäischer Sicht aufmerksame Beachtung. Die interventionistischen Argumentations-
muster der Administration George W. Bushs, etwa in Afghanistan oder im Irak, unter-
scheiden sich nicht wesentlich von denen Theodore Roosevelts hundert Jahre zuvor im
großkaribischen Raum. In beiden Fällen ging es um die Etablierung eines unbedingten
Hegemonialanspruches und in beiden Fällen sind Interessen europäischer Eliten massiv
betroffen. Dies rechtfertigt eine spezifisch europäische Perspektive auf die entsprechen-
den Vorgänge in den Amerikas.
Die Begriffe »Tiefenstruktur« und »Tiefenkultur« sind Termini, welche die kritische
Friedensforschung in der Tradition Johan Galtungs entwickelte, wobei sich Galtung
seinerseits auf Siegmund Freud, C.G. Jung, Wilhelm Reich und vor allem auf buddhisti-
sche Weltsichten berief, wenn er Tiefenkultur als Summe jener Umstände definierte, die
für die Menschen, die in einer bestimmten Zivilisation (Makro-Kultur) aufwachsen,
festlegen, was sie als normal und natürlich empfinden, und dadurch die Beziehungen
zwischen bewusster und unbewusster Aktionsebene (Innen- und Außenwelt) formen.
Anders ausgedrückt, ein zumeist unbewusstes kollektives Gedächtnis und Zeichen-
system leitet die Handlungsweisen der Akteure und deren Weltsicht (Galtung 1997:141-
154 Wolfgang Dietrich

143/ Galtung 2002:203-216). Aus diesem kulturtheoretischen Ansatz von Galtung leitet
sich unsere erste These für diesen Aufsatz ab:
• Die Konjunktur von militärischer Intervention und suprastaatlicher Integration in
den Amerikas des 20. Jahrhunderts folgt kulturellen Verhaltensmustern der beteiligten
Akteure, welche neben den jeweils aktuellen Prärogativen auch und wesentlich durch
unterschiedliche Tiefencodes bestimmt werden, welche angloamerikanische wie latein-
amerikanische Eliten leiten.
Gleichrangig mit den psychologisch-kulturellen Aspekten gilt es im Rahmen eines
systemtheoretischen Zugangs auch, die materiell-strukturellen zu beachten. Mit Galtung
könnte man dabei von Tiefenstrukturen oder den Fragen der strukturellen Gewalt sprechen.
Geschichtswissenschaftlich gelangt man damit letztlich zur post-marxistischen Welt-
systemanalyse, die nicht im Widerspruch zu den obigen, kulturtheoretischen Zugängen
steht, sondern diese ergänzt. Für die Zwecke dieses Aufsatzes werden daher auch Sprach-
regelung und Methoden der Weltsystemanalysc in der Tradition Immanuel Wallersteins
(Wallerstein 1984) verwendet, woraus sich die zweite Ausgangsthese ableitet:
• Militärische Intervention und suprastaatliche Integration in den Amerikas des 20.
Jahrhunderts sind taktische Herrschaftsmethoden der jeweiligen Eliten. Die Entschei-
dung für die jeweilige Taktik wird durch die Konjunkturzyklen im kapitalistischen
Weltsystem bestimmt. Intervention und Integration sind also nicht rivalisierende politi-
sche Strategien, sondern lediglich Ausdruck konjunkturell unterschiedlicher Taktiken
bei der Verfolgung ein und desselben Ziels - der politischen und ökonomischen Domi-
nanz dereinen über die anderen, in unserem Fall der angloamcrikanischen Eliten über die
lateinamerikanische (Semi-)Peripherie.
Diese beiden Ausgangsthesen sollen nunmehr an der Faktengeschichte von Integra-
tion und Intervention in den Amerikas des 20. Jahrhunderts geprüft werden.

Vorgeschichte und Tiefenkultur


Als der fünfte Präsident der USA, James Monroe, 1822 die unabhängig gewordenen
Staaten Südamerikas anerkannte und 1823 die nach ihm benannte Doktrin formulierte,
deren Kurzform, »Amerika den Amerikanern«, einen bleibenden Platz in der Geschichte
der Amerikas erlangte, tat er dies aus einer Position heraus, in der das von ihm
repräsentierte Land zu einer Umsetzung dieser Doktrin über einen militärischen Abwehr-
kampf im Ernstfall nicht in der Lage gewesen wäre.
Die Monroe-Doktrin setzte sich aus drei Hauptelementen zusammen: dem
Noncolonizing-, dem Nonintervention- und dem für die späte Kolonialzeit besonders
wichtigen No-Transfer-Phnz.ip. Alle drei richteten sich formell gegen jeden Versuch der
Rekolonisierung der Amerikas durch europäische Mächte. Insofern handelt es sich dabei
nach außen um einen anti-imperialistischen Akt. Zugleich blieb die Monroe-Doktrin aber
bis weit ins 20. Jahrhundert hinein eine einseitige Erklärung der USA, deren Schutzherr-
schaft über die Länder im Süden ohne Absprache oder Zustimmung der »Beschützten«
erfolgt war.
Damit erklärten sich die USA seit Monroe zum Subzentrum der amerikanischen
Peripherie. Sie taten dies während des »britischen Jahrhunderts« in diplomatischer
Von der Intervention zur Integration 155

Abstimmung mit dem Hegemon Großbritannien, ohne dessen Rückendeckung über


Jahrzehnte hinweg die Monroe-Doktrin ein in praktische Politik nicht umsetzbares
Gerede geblieben wäre. Dass sich die Doktrin dabei formell auch gegen Großbritannien
richtete, in der Praxis dem Hegemon aber diplomatisch inkonsequent begegnet wurde,
etwa bei der Besetzung der Malvinas oder Ruatäns durch die Briten, ergab sich aus der
Logik der Herrschaft (Kahle 1981:27-51).
Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts stiegen die USA zur Semiperipherie und in
rascher Folge zu einem Europa herausfordernden Zentrum im kapitalistischen Welt-
system auf. Noch vor der Jahrhundertwende versetzten sich die USA im Zeichen des von
Alfred Mahan (Mahan 1898) geprägten Navalismus militärisch in die Lage, die Monroe-
Doktrin auch auf sich selbst gestellt in der gesamten Hemisphäre durchsetzen zu können.
Das ideologische Vehikel, mit dem diese Politik auch noch Jahrzehnte nach Monroe
legitimiert wurde, hieß manifest destiny. Aus der - empirisch damals fast unwidersteh-
lichen - Annahme der puritanischen Erfolgsgeschichte wurde die »offensichtliche Be-
stimmung« abgeleitet, die »zivilisatorische und demokratische Mission« am ganzen
Doppelkontinent umzusetzen.
Zu diesem Zweck griff in den 1880er-Jahren der zweimalige US-Außenminister
James Blaine die gescheiterte Idee Simon Bolfvars von einer amerikanischen Konföde-
ration auf. Der libertaäor hatte damit einst ein /a?f/«amerikanisches Projekt gemeint, das
ohne Beteiligung der USA entstehen hätte sollen (Kahle 1981:49f). Blaine deutete es aber
zu einem neuen Panamerikanismus um, der unter Führung der USA ein multinationales
Konstrukt abgeben sollte. Blaines Projekt des Panamerikanismus war als Mischung aus
einem Freihandelsabkommen und einer innerhemisphärischen Friedensinitiative unter
US-amerikanischer Führung angelegt. Dieses zweite Element richtete sich einerseits in
der Tradition Monroes gegen die europäische Einflussnahme am Doppelkontinent und
folgte andererseits der Überlegung, dass kriegerische Konflikte innerhalb der Amerikas
der ökonomischen Expansion der USA hinderlich wären. Nach einem jahrelangen
Ringen um die richtige Integrationsform fand 1889/90 die erste Panamerikanische
Konferenz von Vertretern der USA und 17 lateinamerikanischer Staaten in Washington
statt.
Das wichtigste Ergebnis dieser Konferenz war die Gründung einer International Union
of American Republics, für die unter Ägide des US State Departement ein Commercial
Bureau ofthe American Republics in Washington eingerichtet wurde. Das formelle und
materielle Übergewicht der USA in dieser Union stellte sich von Beginn an so dar, dass
kritische Stimmen ihm den Beinamen »Kolonialbüro« gaben. Die Tatsache, dass bis 1923
dem US-Außenminister ex officio der Vorsitz in der Union zukam, dass die Vertretung der
lateinamerikanischen Staaten vor der Union von deren Botschaftern in Washington
wahrzunehmen war, wodurch die US-Regierung über die Verweigerung der Akkreditierung
ein faktisches Zensurrecht auch für die Union besaß, und die Klagen über den Umstand,
dass die Informationen des von einem US-Amerikaner geleiteten Büros fast ausschließlich
der US-Administration zugingen, lässt diese Bezeichnung nicht als überzogen erscheinen.
So wurde die 1910 in Pan American Union umbenannte Einrichtung zum Gegenstand
häufiger Grundsatzdispute über ihren faktisch kolonialen Charakter.
Der Antagonismus zwischen dieser Vorstellung einer als hemisphärische Friedens-
ordnung ausgehgtenpaxamericana und einem emanzipatorischen Integrationsmodell in
156 Wolfgang Dietrich

der Tradition Bolivars sollte die inneramerikanischen Beziehungen durch das gesamte
20. Jahrhundert beherrschen und er bestimmt auch die Legitimationsmuster in den
konjunkturellen Wechselfällen von militärischen Inverventionen und völkerrechtlichen
Pakten.
In ideologischer Hinsicht sammelten sich die emanzipatorisch orientierten Eliten
Lateinamerikas seit der Jahrhundertwende hinter dem Schlagwort des Arielismo. Der
Begriff geht auf den berühmten, im Original 1900 publizierten Essay von Jose Enrique
Rodö zurück, in dem er das Wesen Lateinamerikas, symbolisiert durch den Luftgeist
Ariel, dem Materialismus der angelsächsischen Zivilisation, für die der Erdgeist Caliban
steht, gegenüberstellt (Rodö 1994). Wie sehr Caliban zu dieser Zeit allgemein als
Inbegriff des hässlichen Anderen und in diesem Fall des angelsächsisch Anderen
verstanden wurde, illustriert Egon Friedell (Friedeil 1927:167) in seiner Beschreibung
der »Kalibanwesen« eindrucksvoll:
»|...] diese raufenden Bauern, lauernden Hurentreiber, zerlumpten Vagabunden und
glotzenden Wüstlinge mit ihren stupiden Vogelgesichtern, geilen Schweinsschnauzen
und skurrilen Tapirrüsseln haben nichts Menschliches mehr an sich. Auch bei ernsten und
würdigen Vorwürfen frappieren die Menschen oft durch ihre Häßlichkeit.«
Der Arielismo erreichte in erster Linie als literarische Strömung Bedeutung, wirkte
aber als radikal abgrenzendes Element der lateinamerikanischen Identitätssuche von der
angelsächsischen Anmaßung auch in politischer Hinsicht und muss als Eckpfeiler der
entsprechenden Tiefenkultur angesehen werden.
Freilich gelang gerade den politischen Eliten Lateinamerikas dabei eine wirkliche
Überwindung des liberalen Positivismus europäischer Prägung und eine Abkehr von der
Denk- und Herrschaftsweise des kapitalistischen Weltsystems nicht, sondern lediglich -
aber immerhin - eine Kritik an der Legitimation ihrer damaligen wirtschaftsliberalen
Diktaturen und an deren Abhängigkeit von den USA. Sie suchten die Ursachen für die
»Rückständigkeit der lateinamerikanischen Nationen« im Autoritarismus der militäri-
schen Caudillos und in der Korruption der oligarchischen Eliten. Ihre Hervorhebung des
Bürgersinns, der Brüderlichkeit, der Werte des Rechtsstaates und der nationalen Solida-
rität strebte damit nach einer neuen, volksverbundenen Ausgestaltung des nationalen
Fortschritts.
Revolution, ein Schlüsselwort in der politischen Geschichte Lateinamerikas, wurde
in diesem Zusammenhang immer wieder als die Ergreifung der Macht durch fähigere
Eliten auf der Basis eines besseren Gesellschaftskonzepts verstanden. Aufgrund des fast
andauernden Unbehagens aller Bevölkerungsteile mit dem Bestehenden war die Neigung
zu solchen Revolutionen in fast allen Ländern und zu allen Zeiten hoch. Ob all den
gewaltsamen Herrschaftswechseln, welche in ihrer historischen Dichte das kollektive
Gedächtnis Lateinamerikas nachhaltig prägten, der Begriff »Revolution« in seiner
tieferen Bedeutung tatsächlich zusteht, muss aber angezweifelt werden. Denn Revolution
wäre dann wohl so etwas wie eine »Rousseau' sehe Wende«, also ein radikaldemokratisches
Konzept, das darauf ausgerichtet ist, politische Entscheidungen wirklich »aus dem Land«
heraus zu gestalten, wie Rodös Zeitgenosse Jose Marti es kurz vor seinem Tod 1895
ausdrückte:
»Die Regierung muß aus dem Land geboren werden. Der Geist der Regierung muß
der des Landes sein. Die Regierungsform muß mit der eigenen Verfassung des Landes
Von der Intervention zur Integration 157

übereinstimmen. Die Regierung ist nichts anderes als das natürliche Gleichgewicht des
Landes. Es gibt keinen Kampf zwischen der Zivilisation und der Barbarei, sondern
zwischen der falschen Bildung und der Natur. Die jungen Leute gehen hinaus, um die
Welt zu bewundern. Und mit nordamerikanischer oder französischer Prägung möchten
sie dann ein Volk lenken, das sie nicht kennen.« (Marti 1988:18)
Obwohl kaum eine Revolution Lateinamerikas - ob konservativ, liberal, indigen,
populistisch, faschistisch, marxistisch oder postmodern orientiert - diesen radikalen
Anspruchjemals erfüllen konnte, ist derrevolutionäre Reflex eine seit derUnabhängigkeits-
kriege fest in die lateinamerikanische Tiefenkultur eingeprägte Sehnsucht, welche die
Realpolitik immer wieder entscheidend leitet. Während nämlich Jean Jacques Rousseaus
radikaldemokratisches Konzept der Aufklärung in Europa von pragmatischen Strategen
in seine Grenzen gewiesen wurde, blieb es aufgrund seines großen Einflusses bereits auf
Simon Bolivar in Lateinamerika untrennbar mit dem Freiheitsanspruch der zumeist
kreolisch-bürgerlichen Unabhängigkeitskämpfer verbunden und wurde durch die Nach-
folgegenerationen, wie bei Rodö, Marti oder etwa auch Rüben Dan'o, als nationalistischer
Gründermythos gepflegt. Dieser Geist schlägt sich auch und sogar besonders stark in den
revolutionären Bewegungen der jüngeren Geschichte nieder. Diese Form des nationalen
Mythos bewirkte in psychologischer Hinsicht eine latente Oppositionshaltung bei
Lateinamerikas Intellektuellen. Zugleich anerkannten sie aber die Paradigmen, auf denen
politische Herrschaft in der Moderne grundsätzlich generell beruht. Der unauflösbare
Widerspruch zwischen der emanzipatorischen Ablehnung der als fremd empfundenen
Herrscher der Oberschichten und der paradigmatischen Anerkennung desselben
Herrschaftsprinzips »aus dem Volk«, also gleichsam die Sehnsucht nach Rousseau, sollte
die Tiefenkultur Lateinamerikas und damit die Frage der lateinamerikanischen Integra-
tion durch das gesamte 20. Jahrhundert bestimmen.

Intervention als außenpolitisches Prinzip im 20. Jahrhundert


Theodore Roosevelt als erster Präsident der USA im 20. Jahrhundert begegnete der
Herausforderung des Arielismo mit dem Emblem der »Zivilisierung«. In seiner annual
message an den US-Kongress erklärte Roosevelt 1904, dass die »schwachen und
chaotischen Regierungen und Völker im Süden die USA im Falle von flagrantem
Fehl verhalten und Unvermögen im Interesse der Humanität« dazu zwingen könnten, eine
internationale Polizeigewalt auszuüben (Niess 1984:341). Unordnung und Misswirt-
schaft wären somit Grund für die Intervention durch »zivilisierte« Nationen - in den
Amerikas aufgrund der Monroe-Doktrin durch die USA. Damit maßten sich die USA ab
nun ein über die Monroe-Doktrin hinausgehendes innerhemisphärisches Interventions-
recht an. Hinter der philanthropischen Rhetorik von der »Zivilisierung« verbarg sich
strukturell die Legitimierung des Investitionsschutzes der in den USA regierenden Eliten.
Mit dem Beginn des Wirtschaftsbooms nach der Jahrhundertwende machten die US-
Exporte nach Lateinamerika den europäischen Exporteuren ihre führende Stellung
streitig. Zwischen 1896 und 1910 verdreifachten sich diese US-Exporte nahezu, wobei
aufgrund der anfänglich noch mangelnden Transportmöglichkeiten die Zielländer umso
stärker penetriert wurden, je näher sie geographisch lagen. So versiebenfachten sich die
158 Wolfgang Dietrich

US-Exporte nach Kuba zwischen 1896 und 1910. Es verdreifachten sich in derselben Zeit
die nach Mexiko, die alleine schon ein Fünftel aller US-Exporte nach Lateinamerika
ausmachten, während sich die nach Brasilien nicht ganz verdoppelten (Niess 1984:82).
Obwohl das Ansteigen der US-Exporte in den großkaribischen Raum im ersten Viertel
des 20. Jahrhunderts mit der sprunghaften Zunahme der Militärinterventionen in dieser
Zone korrespondiert, wäre es aus systemtheoretischer Sicht aber irreführend, während
dieser Zeit die Exportsicherung als strukturelle Ursache für die Interventionen anzuführen.
Gerade die Geschichte Zentralamerikas steht sinnbildlich dafür, dass während einer
Expansionsphase des Weltsystems die Frage des Absatzes von Exportprodukten der
Zentren ein Selbstläufer und daher taktisch sekundär wird. In diesen Phasen fließen die in
den Zentren erwirtschafteten Gewinne als Direktinvestitionen auch an die Peripherien, wo
sie, je gravierender sich das Missverhältnis zwischen der Macht dieses Kapitalstroms und
der Stabilität der peripheren Nationalökonomie erweist, entsprechend tiefgreifende Verän-
derungen bewirken. Den Eliten des Zentrums liegt in dieser Situation in erster Linie am
wirksamen Schutz ihrer Investitionen vor dem Zugriff der peripheren Staatsorgane.
Zugleich wünschen sie infrastrukturelle und handelspolitische Vorleistungen der periphe-
ren Administrationen, die auf diese Art die Maximierung ihrer Renditen garantieren sollen.
Da die Eliten der Peripherien an solchen Unterfangen ebenfalls beteiligt sein wollen, stehen
sie im permanenten Spannungsfeld von Kaufbarkeit und gewaltsamer Bedrohung. Der
periphere Staat wird somit zum Vehikel derartiger Unternehmungen (Dietrich 1998a).
Die Seeblockade, welche Deutschland, Italien und Großbritannien 1902 über Vene-
zuela verhängten, um auf diese Weise Schadenersatzzahlungen für bürgerkriegs-
geschädigte Privatunternehmer ihrer Länder abzupressen, verdeutlichte dies nachdrück-
lich. Zugleich ist es die letzte derartige Intervention, welche die USA den europäischen
Mächten in ihrer Hemisphäre gestatteten. Der Staatsbankrott in der Dominikanischen
Republik drohte der nächste Anlassfall einer solchen Intervention europäischer Mächte
zu werden, doch die big stick-Politik Roosevelts kam dem zuvor. Die US A beanspruchten
ab nun das alleinige innerhemisphärische Interventionsrecht in der gesamten Hemisphäre
stellvertretend für alle »zivilisierten« Eliten der Welt (Dietrich 1998b:32)
Zeitgleich und in derselben Logik erfolgte die gewaltsame Lösung Panamas von
Kolumbien. Sechs Tage nach der erlangten Unabhängigkeit trat der junge Staat die
spätere Kanalzone auf unbestimmte Zeit an die USA ab. Vom gleich mitvereinbarten
Interventionsrecht machten die USA 1917, 1918 und 1925 Gebrauch. Ähnliche Verhält-
nisse herrschten auf Kuba, wo die USA in der Folge des berüchtigten Platt-amendments
bis 1917 dreimal intervenierten. In Mittelamerika stiegen die US-Direktinvestitionen
zwischen 1897 und 1927 um 1 600 Prozent. Dementsprechend oft und intensiv wurden
Länder wie Nicaragua (1909, 1912) oder Honduras (1903, 1912, 1917, 1919 und 1924)
invadiert. Haiti (1915), die Dominikanische Republik (1903, 1914, 1916) und das
revolutionäre Mexiko (1914, 1916) waren weitere »unzivilisierte« Staaten, in denen die
USA mit den Worten Roosevelts »im Interesse der Humanität Polizeigewalt ausübten«.
Sobald das kapitalistische Weltsystem aber wieder in eine weltwirtschaftliche
Kontraktionsphase trat, was mit den 20er-Jahren begann und sich bis zu deren Ende zu
jener »großen Depression« des 20. Jahrhunderts auswuchs, welche die 30er-Jahre
beherrschen sollte, veränderten sich auch die Akzente im Verhältnis zwischen den USA
und ihrer Peripherie. Das Außenhandelsargument gewann mit Voranschreiten der
Von der Intervention zur Integration 159

Kontraktion an Gewicht gegenüber dem Schutz der Auslandsinvestitionen. Dieser Logik


folgend gingen nicht nur die USA, sondern alle Zentren im kapitalistischen Weltsystem
(England, Deutschland, Frankreich, Japan) daran, ihre internen Märkte mit hohen
Außenzöllen, Devisenkontrollen, Handelsmonopolen, Importquoten, Einfuhrverboten
und allen möglichen Formen nicht-tarifärer Handelshindernisse zu schützen und aggres-
siv nach Absatzmärkten für die eigenen Produkte zu suchen. Zuerst durch den Fordney-
McCumber Tarijf 1922 und dann durch den Smoot-Hawley Act 1930 setzten die USA ihre
Importzölle für landwirtschaftliche Rohstoffe auf 49 Prozent, für andere Waren auf
durchschnittlich 34 Prozent. Besonders betroffen waren davon die karibische und
mittelamerikanische Zucker- und Textilindustrie, die mit solchen Sätzen vom Markt
gedrängt wurden (Dietrich 1998a).
Im depressiven Kontext der 30er-Jahre wuchs also wieder jene freihändlerische
Überzeugung heran, wonach eine starke Nationalökonomie Absatzmärkte benötige, weil
die Binnenmärkte für sie regelmäßig zu klein wären. Fände sie diese Absatzmärkte
verschlossen, so müsste sie fast zwangsläufig gewaltsam für deren Öffnung sorgen. Der
Umkehrschluss lautet, dass Prosperität und Wohlstand in den Zentren gleichbedeutend
mit »Frieden« wären. Wenn aber mehrere Zentren gleichzeitig dieser Doktrin folgen, so
werden sie unter sich selbst und mitsamt ihren Peripherien in ein Konkurrenzverhältnis
treten, welches kurioserweise im Namen von Freihandel und Frieden Protektionismus
und tendenziell Gewalt und Krieg provoziert. Die völlige Desintegration der bis dahin
tradierten Weltwirtschaft in den 30er-Jahren steht als dramatischer Beleg dafür. Karl
Polanyi meint dazu schon während des Zweiten Weltkriegs: »Das wahre Wesen des
internationalen Systems, indem wir lebten, wurde erst erkannt, als es versagte.« (1978:41)
Dass die USA durch ihre protektionistische Außenhandelspolitik während der 20er- und
frühen 30er-Jahre ihre vorher selbst erschlossenen und aufgebauten Exportmärkte in
Lateinamerika ruinierten und dadurch die Wettbewerbschancen ihres schärfsten Rivalen
im Kampf um die Hegemonie im Weltsystem, Deutschland, verbesserten, war tatsächlich
eine ernste strukturelle Frage von Frieden und Krieg.
Unter dieser Vorgabe erscheinen die Bemühungen der Regierung von Franklin
Delano Roosevelt um eine Zurückdrängung des Protektionismus konsequent. Auf der
Basis eines dem Kongress schwer abgerungenen Trade Agreement Act, welcher sie zum
Abschluss von Verträgen über die gegenseitige Reduzierung der Zölle mit anderen
Staaten ermächtigte, schloss er unter dem Schlagwort der Good Neigbor Policy im Laufe
der zweiten Hälfte der 30er-Jahre eine Reihe von bilateralen Abkommen mit einzelnen
Staaten Lateinamerikas. Als Konsequenz dieser Abkommen belebte und verbesserte sich
tatsächlich der Warenaustausch mit diesen Ländern für die Exporteure aus den USA.
Ein Zollabbau auf Gegenseitigkeit unter ungleichen Partnern bedeutet aber nicht für
beide Seiten dasselbe. Die klassische Annahme David Ricardos, dass dennoch beide
Partner davon profitierten, wurde gerade in Lateinamerika oft genug widerlegt. Während
die industriellen Fertigwaren aus den USA nach dem Fall der Zollbarrieren leichter ihre
Märkte gegenüber der Konkurrenz aus Drittländern zurückerobern konnten, legte dieses
Kräfteverhältnis die Produzenten im Süden auf eine enge Palette von potenziellen
Exportprodukten, meist im Rohstoff- oder agroindustriellen Bereich, fest.
Die Abhängigkeit von diesen Exporten verschärfte sich rapide. Insbesondere im
Agrarbereich verdrängte die Exportproduktion etwa von Kaffee, Zucker, Bananen und
160 Wolt'gang Dietrich

ähnliche sehr schnell den Subsistenzbereich. Der Mehrzahl der Menschen, denen
dadurch ihre Existenzgrundlage geraubt wurde, konnte innerhalb des Systems kein
Ersatz geboten werden. Der neue Freihandel zur Rettung des so verstandenen Friedens
im Zentrum wirkte auf diese Art sehr direkt und gewalttätig in die Peripherien hinein.
Neben den menschlichen Tragödien dieser Verlagerung des leisen Kriegs von den
Produktions- und Wohnstätten der Zentren in die Peripherien bleiben in diesem Prozess
auch die materiellen Folgen, wie sie später die Dependenztheoretiker analysieren sollten,
bemerkenswert. Die sich ausweitenden Anbauflächen für den Export vereinnahmten nun
auch immer mehr die Felder für die Herstellung traditioneller Subsistenzgüter. Der viel
beschworene komparative Kostenvorteil versetzte die betroffenen Nationalökonomien
agrarischer Prägung bald in die Zwangslage, Güter wie Kartoffeln, Weizen, Reis,
Speiseöl oder Fisch importieren zu müssen (Dietrich 1998a).
Strukturell gesehen hat sich im zweiten Viertel des 20. Jahrhunderts also die militäri-
sche Intervention als taktisches Allheilmittel zur Investitionssicherung an den Peripherien
überlebt und sie wurde über den Zwischenschritt der »Dollardiplomatie« unter den
Nachfolgern Theodore Roosevelts vom systematischen Aufbau bilateraler Handelsverträ-
ge zur Sicherung der Exportmärkte unter Franklin Roosevelt abgelöst. Dies leitet in die
beschleunigte Ausbildung eines gesamthemisphärischen Integrationswesens über, in dem
die direkte Militärintervention nur noch in Ausnahmefällen angewendet wurde.

Integration als innerhemisphärisches Herrschaftsprojekt

Der (Neo-)Realismus und der Idealismus als klassische Schulen der Disziplin der
Internationalen Beziehungen stellen den Nationalstaat, so wie er im Europa des 19.
Jahrhunderts entstanden ist, ins Zentrum ihrer Überlegungen. Der in seinem Kern auf
Immanuel Kant zurückgehende Idealismus baut dabei auf Demokratie, Souveränitäts-
prinzip und Kooperation der Staaten in internationalen Organisationen, während der zu
Thomas Hobbes zurückreichende Realismus von der Annahme ausgeht, dass die Anarchie
der Staatenwelt höchstens durch einen Weltstaat, vorläufig also überhaupt nicht, zu
überwinden wäre. Zur Durchsetzung von Wohlstand und Sicherheit müsste sich also jeder
Staat selbst die Machtmittel schaffen und gegebenenfalls einsetzen. Während die Konse-
quenzen des idealistischen Denkens Abrüstung, Freihandel und Institutionalisierung der
internationalen Beziehungen sind, führt realistisches Denken zu Protektionismus, Auf-
rüstung und Abschreckung. In der Geschichte des 20. Jahrhunderts folgte die Realpolitik
einem eigenartigen Synkretismus beider Schulen (Dietrich 2001:35-55).
Dabei schlugen sich nun die klassischen Schulen der Internationalen Beziehungen in
entsprechenden integrationstheoretischen Ansätzen nieder. Der Idealismus kehrt hier als
Föderalismus mit dem Leitsatz functionfollows form wieder. Er geht davon aus, dass die
hohe Politik zuerst den institutionellen Rahmen zu schaffen habe, und sich das alltägliche
Leben der zu integrierenden Nationen dann schrittweise in diesen Rahmen fügen werde.
Umgekehrt spiegelt sich die realistische Schule im Funktionalismus wider, der ein
gemeinsames decision making der Staaten im gemeinsamen Interesse voraussetzt und die
institutionelle Form vorerst variabel hält, um sie im Nachhinein den realen Gegebenhei-
ten anzupassen. Der Leitsatz lautet hier form follows funetion.
Von der Intervention zur Integration 161

Im Regelfall werden aber nicht Staaten integriert, sondern einzelne Sektoren der
Gesellschaften dieser Staaten. Zumeist lassen sich dabei drei Ebenen unterscheiden - die
wirtschaftliche, die politische und die militärische. Obwohl ein gewisser spill over in den
Abläufen vom einen zum anderen nicht geleugnet werden kann, gibt es in der Praxis wenige
Beispiele, in denen Integration alle drei Bereiche vollständig und erfolgreich einbezogen hat.
Wer nun diese aus der Integrationsdebatte Europas stammenden Argumente in das
Umfeld des amerikanischen Doppelkontinents überträgt, findet sich vorerst in einem
recht fremden Ambiente. Wie schon dargelegt, stehen sich hier idealtypisch zwei sehr
unterschiedliche Integrations vorstellungen gegenüber, die nicht nur als Tiefenstrukturen,
sondern auch als Tiefenkulturen das politische Handeln der jeweiligen Akteure determi-
nieren. Die Integrationsgeschichte der Amerikas ist durchgehend vom Widerspruch
zwischen emanzipatorischem und panamerikanistischem Integrationsverständnis ge-
prägt, wobei der Panamerikanismus im Sinne unserer obigen Betrachtung der funk-
tionalistischen und damit der realistischen Schule der Internationalen Beziehungen
zugeordnet werden kann, während sich der emanzipatorische Ansatz aus föderalistischen
und damit idealistischen Überlegungen ableitet. Die nachstehende Aufzählung von
Integrationsansätzen in den Amerikas während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
illustriert diese archetypisch theoretische Vorgabe.

Panamerikanistische (= realistisch-funktionalistische) Initiativen:


• Die Konvention von Habanna vom 21. Juli 1940 formulierte erstmals die Multi-
lateralisierung der Monroe-Doktrin. Es wurde proklamiert, dass nunmehr alle
amerikanischen Staaten den Angriff auf das Territorium von einem von ihnen als
Aggression gegen sich selbst verstehen würden.
Im Rahmen der neu gegründeten UNO formalisieren die USA ihre faktische
Hegemonie über die Amerikas. Die Artikel 52 und 53 der Charta der Vereinten
Nationen legten fest, dass regionale Einrichtungen zur Bewahrung des Weltfriedens
und der internationalen Sicherheit errichtet werden können. Hierfür diente ab 1948
die politisch-militärische Doppelkonstruktion des Inter-AmericanTreatyofReciprocal
Assistance, bekannt als Rio-Pakt, und die Organization ofAmerican States OAS. Als
Kinder des Kalten Kriegs tragen Rio-Pakt und OAS einen offen anti-kommunisti-
schen Charakter. Zwar beschwören sie wieder das Bild des gegenseitigen Beistands
im Falle einer äußeren Bedrohung, doch hinter dieser Neuauflage einer multi-
lateralisierten Monroe-Doktrin verbirgt sich recht ungeschminkt das Bild des
Interventionsanspruchs des Hegemons in seiner Peripherie. Dieser politisch-militä-
rischen Konstruktion wurde vorerst keine entsprechende Einrichtung auf wirtschaft-
licher Ebene beigestellt. Hegemonialmächte vertreten im Vertrauen auf die eigene
Stärke in Expansionsphasen die open door policy.
• Als John F. Kennedy in das Amt des Präsidenten der USA trat, versprach er den
Nachbarn im Süden seine berühmt gewordene »Allianz für den Fortschritt«. Mit der
»Charta von Punta del Este« und der »Deklaration an die Völker Amerikas« lief die
»Allianz für den Fortschritt« 1961 formell als multilaterales Unterfangen an. Anlässlich
der dritten Panamerikanischen Gipfelkonferenz 1967 verkündeten die Präsidenten der
Amerikas die Schaffung eines Gemeinsamen Lateinamerikanischen Marktes und die
Vertiefung der Integration durch multinationale Projekte. Damit huldigten sie der
162 Wolfgang Dietrich

»Allianz für den Fortschritt« ein letztes Mal, ehe sie mit der heraufdämmernden
Kontraktionsphase des Weltsystems in der Geschichte verschwand.
• Stolze 27 Jahre später verkündete die vierte Panamerikanische Gipfelkonferenz in
Miami die Schaffung einer Free Trade Area ofthe Americas FTAA von Alaska bis
Feuerland auf der Basis des seit 1988 bestehenden Freihandelsabkommens zwischen
den USA und Kanada bis zum Jahr 2005. Trotz erheblicher Widerstände gegen das
auf eine Rede George Bushs über die Iniciativa para las Americas zurückgehende
Projekt im US Kongress - vor allem während der Amtszeit Bill Clintons - gingen die
Verhandlungen erstaunlich transparent und zügig voran. Nach zwei weiteren Pan-
amerikanischen Gipfeltreffen in Santiago (1998) und Quebec (2001) publizierten die
Handelsminister der Amerikas bei ihrem Treffen in Quito am 1. November 2002
bereits den zweiten offiziellen Vertragsentwurf für das Freihandelsabkommen
(http://www.ftaa-alca.org 10.5.2003) und stellten den Abschluss bis spätestens
Dezember 2005 in Aussicht. Inhaltlich und strukturell gleicht der Entwurf auf
verblüffende Art den Intentionen der ersten Panamerikanischen Konferenz von
Washington, die ein gutes Jahrhundert zuvor stattgefunden hatte.
• Der Beitritt Mexikos zur Nordamerikanischen Freihandelszone N AFTA steht in einem
unmittelbaren Zusammenhang mit dem vorangegangenen Punkt. Hier manifestiert
sich der Panamerikanismus in einem massiven Spannungsfeld einerseits zum mexika-
nischen Verfassungsrecht und seinen sozialen Implikationen, andererseits zum Völ-
kerrecht. Ersteres drückte sich am Tage des Inkrafttretens von NAFTA im Zapatista-
Aufstand aus, der sich den Kampf um die einstmals revolutionäre Errungenschaft des
bäuerlichen Gemeinlandes (ejido) auf die Fahnen schrieb, /weiteres in der materiellen
Unvereinbarkeit der GATT (WTO-)widrigen Doppelmitgliedschaft Mexikos in zwei
verschiedenen regionalen Integrationszonen, NAFTA und ALADI (Hummer 1995:8).
Aus panamerikanisti scher Sicht war dieser Gewaltakt aus mehreren Gründen dennoch
notwendig: Zum einen diente dieser Schritt als protektionistische Maßnahme im
freihändlerischen Gewand der formellen Absicherung des mexikanischen Marktes
gegenüber den massiv hereindrängenden Konkurrenten Europa und Japan (IRELA
1997:17). Zum anderen sollte NAFTA als Vehikel für das gesamtamerikanische
Integrationsprojekt FTAA dienen. Schließlich formalisiert NAFTA in Bezug auf
Mexiko längst geschaffene Tatsachen, die eben jene ungünstigen sozialen Konsequen-
zen für die mexikanische Bevölkerung inkludieren: form follows function.

Emanzipatorische (= idealistisch-föderalistische) Initiativen:


• Die Eliten Lateinamerikas, die seit Theodore Roosevelt daran gewöhnt waren, die
»Unzivilisierten« in der Hemisphäre zu sein, wurden nach dem Zweiten Weltkrieg
von Harry Truman in der Antrittsrede zu seiner zweiten Amtsperiode als US-
Präsident 1949 darüber aufgeklärt, dass sie jetzt die »Unterentwickelten« wären,
denen wieder einmal über Freihandel das Heil beschert würde. Unter diesem Druck
entschlossen sie sich, streng nach den Regeln des Systems, aber doch von den
Prärogativen peripherer und semi-peripherer Nationalökonomien bestimmt, ihr
eigenes, emanzipatorisches Forum für die Planung ihrer wirtschaftlichen Entwick-
lung zu schaffen. So entstand 1948 im Rahmen der UNO die Wirtschaftskommission
für Lateinamerika CEPAL mit Sitz in Santiago de Chile. CEPAL erwies sich als
Von der Intervention zur Integration 163

effiziente Denkwerkstatt, deren Konzepte über Jahrzehnte hinweg eine ernste


geistige Herausforderung für die Leitfunktion der USA in der Hemisphäre werden
sollte. Der Cepalismo als wirtschaftstheoretisches Konzept forderte die klassische
Außenhandelstheorie und ihr Grundkonzept des komparativen Kostenvorteils her-
aus (CEPAL 1972). Aus ihrem Ansatz leitete sich unter anderem die Forderung nach
lateinamerikanischer Wirtschaftsintegration ohne USA ab, um Entwicklungsprozes-
se über erweiterte Binnenmärkte zu ermöglichen. Die Gründung der Lateinamerika-
nischen Freihandelszone ALALC 1960 war eine der ersten, allerdings wenig ruhm-
oder folgenreichen Konsequenzen dieses Denkens. CEPAL stand wohl in taktischen
Fragen häufig im Widerspruch zu den Interessen der Eliten der USA, blieb mit seinen
Paradigmen aber auf der Basis der herrschaftspolitischen Vorgaben im Weltsystem.
Der Staat, die Nationalökonomie, das Völkerrechtssubjekt bildeten die zentrale
Recheneinheit und den Gegenstand des Interesses für die Cepalisten. In dieser
Hinsicht sind alle Versuche CEPALS bolivarianische Reflexe der Sehnsucht nach
Rousseau und als solche Indikatoren für die entsprechende Tiefenkultur.
• Im Consenso Latinoamericana de Vina del Mar verabschiedeten sich die Eliten
Lateinamerikas 1969 von den panamerikanistischen Verlockungen der »Allianz für
den Fortschritt«. Integration wurde von ihnen am Beginn der neuen Kontraktions-
phase neuerlich als emanzipatorischer Weg aus der Unterentwicklung verstanden.
Trotz aller Beschwörung des Gemeinsamen blieben diese Entwicklungsvorstellungen
jeweils auf den Nationalstaat bezogen: funclionfollowsform] Deshalb konnten ohne
Gefahr eines regionalpolitischen Debakels verschiedene Modelle immer wieder
initiiert, verändert, verworfen und neu begonnen werden, woraus nun rasch eine
verwirrende und unbeständige Vielzahl von regionalen und subregionalen Integrations-
und Kooperationseinrichtungen entstanden (Hummer 1980:219).
• Flächendeckend ragt aus ihnen das 1975 gegründete Sistema Economic*) Latino-
americano SELA heraus. Aber trotz der breiten Akzeptanz und Ratifizierung des
SELA-Vertrages durch 27 Staaten konnte diese neue Einrichtung keine dauerhafte
Bedeutung erreichen.
• Die nie vollendete Asociaciön latinoamericana de Libre Comercio ALALC wurde
1980 mit dem Abschluss eines zweiten Vertrages von Montevideo zur Asociaciön
Latinoamericana de Integraciön ALADI umgewandelt Sie stellte sich als neuer
Versuch einer Süd-Süd-Integration im Sinne der damals neuen Ermächtigungs-
klausel des GATT einmal mehr das ehrgeizige Fernziel der Errichtung eines
Lateinamerikanischen Gemeinsamen Marktes (König 1991:101-121).
• Mehr politischen als wirtschaftlichen Ursprungs und deshalb gerade im »verlorenen
Jahrzehnt« der 80er-Jahre von besonderer emanzipatorischer Bedeutung war die so
genannte Rio-Gruppe. Sie hatte ihren Ursprung in der Initiative der »Contadora-
Staaten« (Mexiko, Kolumbien, Venezuela und Panama) als Vermittler im Zentral-
amerika-Konflikt der 80er-Jahre. Mit der Declaraciön de Rio de Janeiro 1986
erweiterte und transformierte sich diese Initiative zu einer Konzertationsgruppe mit
gesamt-lateinamerikanischem Anspruch. Als »Gemeinschaft Lateinamerikanischer
Nationen« sah sie ihre Ziele in der Förderung der bestehenden Integrationsansätze und
der Erarbeitung eigenständiger Lösungen für Probleme und Konflikte in der Region
(Dietrich 1990).
164 Wolfgang Dietrich

Der MERCOSUR als Therapie?


Der Mercado Comun del Sur, MERCOSUR, stellt ein emanzipatorisches Gegenstück zur
panamerikanistischen NAFTA und besonders zur FTAA dar. Er ist in seinem institutio-
nellen Charakter ein Novum, das deshalb ausführlicher beleuchtet werden soll. Der sich
seit 1986 vollziehende Integrationsprozess zwischen Brasilien und Argentinien bettet
sich in die oben beschriebenen Rahmenbedingungen und Vorgeschichten. Diese müssen
allerdings in eine Beziehung zu den dramatischen innenpolitischen Ereignissen dieser
Länder gesetzt werden, um die enorme Beschleunigung des Integrationsprozesses bis zur
Gründung des MERCOSUR unter Einschluss Paraguays und Uruguays am 26. März
1991 im Vertrag von Asunciön und darüber hinaus verstehen zu können.
Die Überwindung der Militärdiktaturen erfolgte in Argentinien als Konsequenz des
Falkland/Malvinas-Krieges schon 1983, in Brasilien und Uruguay 1985, in Paraguay
etwas holprig ab 1989. In allen betroffenen Ländern mündete die Überwindung der
Militärherrschaft in eine Reformphase, bei der es primär um die Festschreibung des
Parlamentarismus und um die Abkehr von dirigistischen Wirtschaftsregimes ging (Nofal
1997:13-26). Suprastaatliche Integration wurde als Vehikel zur synchronen Verfolgung
beider Ziele angesehen. Während man im Vertrag von Asunciön die zoll- und wirtschafts-
politischen Schritte festlegte, die in schneller Abfolge zur Errichtung einer subregionalen
Freihandelszone, einer seit 1995 unvollständig realisierten Zollunion, einer Wirtschafts-
union und eventuell zu einer politischen Union führen sollte, stand im Vertrag als hidden
agenda die möglichst rasche und effektive Absicherung der jeweils nationalen parlamen-
tarischen Systeme durch die völkerrechtliche Verunmöglichung nationalistisch-dirigisti-
scher Regimes, wie sie Militärs jeder Orientierung fast immer anwenden.
In seiner Grundhaltung schließt der MERCOSUR an die Tradition emanzipatori-
scher Integrationskonzepte an. Der Vertrag von Asunciön öffnet die Mitgliedschaft im
MERCOSUR ausdrücklich für Mitgliedsländer der ALADI, die nicht zugleich Mitglie-
der eines anderen inner- oder außerregionalen Integrationssystems sind, womit die USA
über ein erprobtes Instrument emanzipatorischer Integrationskonzepte formell ausge-
schlossen werden.
Die USA schufen sich nämlich über NAFTA ein panamerikanistisches Integrations-
instrument im Norden und erhoben über die Iniciativa para las Americas den Führungs-
anspruch in der bis 2005 geplanten Free Trade Area of the Americas FTAA. Der
MERCOSUR als emanzipatorisches Gegenprojekt des Südens wollte dabei auf die
Stärke seines inneren Marktes durch das neue Integrationsmodell setzen und auf die
Unterstützung der Europäischen Union. Sie war und i st der wichtigste Handelspartner für
die Länder des Cono Sur, hat dort ihre wichtigsten Eigeninteressen in Lateinamerika,
lehnt den Panamerikanismus als ökonomische Rivalin der USA traditionell ab und hatte
durch die NAFTA vorerst Marktanteile in Mexiko verloren.
1992 reagierten EU und MERCOSUR auf George Bushs Iniciativa para las
Americas mit einem Abkommen über interinstitutionelle Kooperation. 1995 folgte dem
Panamerikanischen Gipfel von Miami, wo die FTAA bis 2005 offiziell geplant wurde, die
Unterzeichnung eines Rahmenabkommens EU-MERCOSUR. Dieses zielte auf die
Errichtung einer interkontinentalen Freihandelszone ab, die ebenfalls bis 2005 realisiert
sein sollte. Dieser Wettlauf der konkurrierenden Zentren USA und EU verlieh den
Von der Intervention zur Integration 165

Integrationsbemühungen innerhalb des MERCOSUR trotz aller nachfolgenden wirt-


schaftlichen Krisen enorme Dynamik.
Dieser Schwung wäre auf der Basis der überkommenen Integrationsmodelle der
Amerikas undenkbar. Hier liegt die wesentliche Neuerung des MERCOSUR. Obwohl er
der emanzipatorisehen Tradition folgt, wendet er auf sich selbst nicht das föderalistische
Prinzip an, sondern das funktionalistische. Für Föderalismus blieb angesichts der
instabilen Lage im Inneren und der bedrohlichen Veränderungen im Zeichen der sich
verschärfenden Kontraktion im Weltsystem keine Zeit. Insbesondere die wirtschaftli-
chen Eliten Brasiliens und Argentiniens wussten, dass sie sofort handeln mussten, wenn
sie die historische Chance der neo-liberalen Konjunktur zur Erweiterung ihrer Märkte
und Gewinne wahren wollten. Daher lautete das Gebot der Stunde »do it and formulate
afterwardsl«
Hier stieg also ein traditionell peripheres, subregionales Integrationsprojekt plötz-
lich auf das funktionalistische Prinzip um und offerierte sich seinen Nachbarn im
Glauben an die innere Stärke und im Vertrauen auf strategische Allianzen als realistische
Alternative zurpanamerikanistischen Vision. Brasilien, mit 180 Millionen Konsumenten
und als Quelle von beinahe der Hälfte des lateinamerikanischen BIP auch wichtigster
Partner der Europäer am Kontinent, übernahm dabei naturgemäß die Führungsrolle.
1996 schloss der MERCOSUR ein Freihandelsabkommen mit Chile und Bolivien.
Darüber hinaus unterzeichnete man 1998 in Buenos Aires mit Kolumbien, Ekuador, Peru
und Venezuela einen Rahmenvertrag zur Gründung einer südamerikanischen Freihan-
delszone SAFTA als unmissverständliche Konkurrenz zum panamerikanischen Projekt
der NAFTA. Die EU spielte dabei weiterhin eine entscheidende Rolle. Das Ziel, auf der
Basis des erwähnten Rahmenabkommens EU-MERCOSUR von 1995 bis 2005 die erste
interkontinentale Freihandelszone der Geschichte zu errichten, ist nach dem Abschluss
von zwei der drei Verhandlungssäulen (politischer Dialog, Kooperation) im Jahr 2002
und den raschen Verhandlungsfortschritten bezüglich der dritten Säule, Handel, im Jahr
2003 in greifbare Nähe gerückt (http://europa.eu.int/comm/extrenal realtions/mercosur/
intro/index.htm 10.5.2003). Allen europäischen Unkenrufen und lateinamerikanischen
Wirtschaftskrisen zum Trotz wird die Bedeutung dieser Unternehmung klar, wenn man
sich vergegenwärtigt, dass die Auswirkungen dieser Verträge aufgrund der Assoziierungs-
abkommen des MERCOSUR weit über seine Gründerstaaten hinausreichen. Die Han-
delsbilanz der MERCOSUR-Länder mit der EU ist chronisch passiv, mit dem restlichen
Lateinamerika aber konstant aktiv. Es geht um volkswirtschaftliche Zuflüsse aus einem
Markt von 300 Millionen Konsumenten, mit einem BIP von 1,3 Billionen Dollar (IRELA
1998:5), was in Zeiten schwächerer Konjunktur in Europa nicht zu verachten ist. Die
Konkurrenz zu FTAA und die entsprechende Wettbewerbsdynamik sind unübersehbar.
Das somit trotz aller Wirtschaftskrisen taktisch günstige Bild für den MERCOSUR
erleidet erst dann erhebliche Einbrüche, wenn man die interne Lage der Mitgliedsländer
betrachtet. Der MERCOSUR ist von seiner Konzeption her zuerst ein wirtschaftliches und
dann ein politisches Projekt, bei dem es folgerichtig zuerst um Gewinne der Eliten und dann
um den jeweils nationalen Parlamentarismus geht. Dieser doppelte Zweck heißt natürlich
auch, dass sich das jeweils nationale (Groß-)Bürgertum seine internationale Rolle als global
player und seine nationale als Beherrscher der staatlichen Institutionen sichern will. Diese
Tendenz entspricht dem weltweiten Trend: Der Nationalstaat gibt im wirtschaftlichen
166 Wolfgang Dietrich

Bereich einen guten Teil seiner klassischen Kompetenzen an suprastaatliche Einrichtungen


ab und behält sich selbst im Interesse der Gewinnmaximierer die Rolle des internen Hüters
der Ordnung vor. Der Weg in die jüngste und weitaus schwerste Krise Argentiniens
illustriert die Folgen dieses Verhaltens der Eliten auf erschreckend deutliche Art.
Der MERCOSUR ist seinem Selbstverständnis nach kein soziales Projekt. Das hat
sich nun auch in Argentinien deutlich gezeigt, aber das ist im Hinblick auf die traditionell
äußerst ungleiche Einkommensverteilung in Brasilien dort noch bedeutender. Im gesam-
ten Bereich des MERCOSUR wurde ab 1993 ein dramatisches Ansteigen der Arbeitslo-
sigkeit beobachtet (Reichel 1996:36). Arbeitslosenraten um die 20 Prozent und mehr
drohen aber das wirtschaftliche und politische Projekt des MERCOSUR von innen her
zu gefährden. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass das Wort »Arbeitslose« im
Falle dieser Länder Modernisierungsverlierer des unteren Mittelstandes umschreibt,
die - im Gegensatz zum hier umfangreichen »informellen Sektor« - den Weg zurück in
die Subsistenz mangels entsprechender skills zumeist nicht mehr beschreiten können.
Hier wächst also ein explosives Potenzial heran, dessen Kanalisierung über die in all den
betroffenen Ländern schwachen Interessenvertretungen im formellen Bereich nur schwer
oder gar nicht möglich ist (Becker 1998:132). Die Wahl Lulas in Brasilien drückte den
Unmut breiter Schichten über diesen Umstand aus. Ob ihm der Kraftakt einer nachhal-
tigen sozialpolitischen Wende gelingen wird, ist aber abzuwarten. Der von seiner
Entstehungsgeschichte her verständliche Fokus des MERCOSUR auf den nationalen
Parlamentarismus droht sich also von der sozialpolitischen Seite her selbst als eigentlich
undemokratisch zu delegitimieren und auf diese Weise exakt jene Geister wachzurufen,
die er in die Geschichte zu verbannen trachtet. Freilich weist die Wahl Lulas zumindest
auch auf die Möglichkeit einer formaldemokratischen Transformation hin.

Conclusio
Um die Eingangsthese bezüglich der Tiefenkultur erschöpfend zu beantworten, müsste
eine breite kommunikationstheoretische Untersuchung an Primärquellen durchgeführt
werden, was im hier vorgegebenen Rahmen nicht zu leisten war. Dennoch lassen sich
über evidente Regelmäßigkeiten hinsichtlich der Tiefenstrukturen Aussagen treffen, die
auch Rückschlüsse auf die Tiefenkultur gestatten.
Die Geschichte der Amerikas ist strukturell von einem langfristigen, materiellen
Herrschaftsanspruch der nördlichen Eliten über die südliche Peripherie gekennzeichnet,
der von diesen Eliten - auch wenn sich ihr ausbeuterischer Charakter leicht nachweisen
lässt - im Sinne der manifest destiny als natürlich, moralisch gerecht, zivilisatorisch und
fortschrittlich wahrgenommen wird. Die formelle Ausgestaltung dieses Herrschafts-
prinzips folgt den wirtschaftlichen Konjunkturzyklen und Prärogativen des kapitalisti-
schen Weltsystems und ihren jeweils globalen politischen Leitsätzen. Deshalb wechselt
die Wahl der Mittel zwischen militärischer Gewalt, wirtschaftlichem Druck und (unglei-
chen) völkerrechtlichen Verträgen. Es verändert sich dabei jedoch nur die äußere
Erscheinungsform der Taktik, nicht das strategische Grundprinzip.
Umgekehrt reagieren die Eliten des peripheren Südens mit dem chronischen Wech-
sel zwischen trotziger Opposition und korrupter Komplizenschaft. Da militärischer
Von der Intervention zur Integration 167

Widerstand mit voranschreitender „Durchstaatlichung" im Weltsystem immer weniger


Sinn macht, agieren sie dabei taktisch normativ. Das heißt, als Taktik des Schwächeren
betonen sie seit Bolivar die Frage der Moral in ihrem Verhältnis zu den Eliten des
Hegemons. Dies mag gelegentlich auf künstlerisch-schöngeistige Art in der Tradition des
Arielismo geschehen, das wichtigste derartige taktische Mittel aber ist das Völkerrecht.
Wer in einem auf den Nationalstaat gegründeten internationalen System nicht die Macht
hat, seine eigenen Vorteile durchzusetzen, benötigt zu seinem Schutz das Recht. Realpo-
litisch hat sich dieses Mittel gegen den Hegemon freilich oft als zu schwach erwiesen.
Die entsprechenden Codes sind tief in die Kommunikation zwischen den Eliten der
Amerikas eingeprägt, ebenso tief wie die materiellen Strukturen seit Monroe und Bolivar.
Aus diesem Grund folgen die entsprechenden Integrationssysteme der Amerikas, wie
Gutferrez und Wilhelmy (1993:155f) treffend feststellten, mit wiederkehrender Regel-
mäßigkeit bestimmten Erscheinungsbildern. Diese sind die Schaffung multilateraler
Institutionen, die als Schlüssel zur Erreichung der Kooperationsziele begriffen werden;
starker Legalismus; die Tendenz zum Formalismus auf Kosten der Inhalte; idealistische
Rhetorik, verbunden mit unscharfen Zieldefinitionen; die Konzentration auf die diploma-
tische Ebene; die Tendenz zur sofortigen Einbindung einer größtmöglichen Zahl von
Staaten auf Kosten funktionierender Administrationen.
Die Prognose ist daher eine laufende Verfestigung des Systems, weil aus dem
Trauma des Scheiterns jeder vermeintlich neuen Heilsversprechung immer wieder der
Griff auf jene rivalisierenden Codes resultiert, die in den Tiefenstrukturen und Tiefen-
kulturen der entsprechenden Eliten angelegt sind. Der MERCOSUR scheint von diesem
Wiederholungsmuster etwas abzuweichen. Ob diese Abweichung aber schon das geeig-
nete Rezept für die Therapie des strukturellen Gewaltverhältnisses ist, bleibt zweifelnd
abzuwarten.

Literatur

Der vorliegende Aufsatz fasst jene Thesen zusammen, welche ich in Dietrich (1998a) detailliert
ausgeführt und mit einer breiten Quellensammlung abgesichert habe. Diese Studie vergleicht auch
die Integrationskonzepte der Amerikas mit denen anderer Wellrcgionen. In den späteren Aufsätzen
wurden diese Thesen auf weitere geographische Regionen bezogen und vor den jeweils neuesten
historischen Entwicklungen getestet.
Tiefenstrukturen und Tiefenkulturen sind ein zentrales Anliegen Johan Galtungs seit der Mitte
der 90er-Jahre. Neben den hier zitierten Arbeiten wäre in diesem Zusammenhang auch auf sein
Hauptwerk »Friede mit friedlichen Mitteln«, im englischen Original 1996 erschienen, zu verweisen.
Die Weltsystemanalyse hat sich mittlerweile als eine geschichtswissenschaftliche Methode
weltweit etabliert. Deshalb wird hier nur ein relativ kurzer Text Immanuel Wallcrsteins zitiert, der
trotz seines Alters (1984) immer noch als guter Einstieg in diese Methode dient. Er stehe
stell vertretend für das umfangreiche Oeuvre dieses Autors und der ihm folgenden Schule. Zu seinen
unverzichtbaren Vorgängern gehört neben dem oft zitierten Fernand Braudel vor allem Karl
Polanyi, dessen im Original 1944 erschienenes Buch »The Great Transformation« als epochema-
chendes Werk des Postmarxismus bezeichnet werden kann.
Relativ neu ist allerdings die Tendenz, die Weltsystemanalyse methodisch mit system-
theoretischen Ansätzen aus der Psychologie und den Kulturwissenschaften zu verbinden. In
Galtungs Denken und auch in der Postmoderne läuft da einiges zusammen, aber dieser Zugang harrt
Holger M. Meding

Unausweichliche Konfrontationen:
Die lateinamerikanische Staatenwelt und die USA

Die Geschichte der USA mag als die einer fortwährenden Expansion gesehen werden, die
bereits lange vor der Gründung der Republik einsetzte und bis zur Gegenwart andauert.
Das Unbehagen am Status quo und der nicht selten missionarische Drang zur Grenzüber-
schreitung - territorial, ökonomisch, kulturell und politisch - sind eine irritierende
Konstante im US-amerikanischen Selbstverständnis. Der neokonservative Politikberater
Robert Kagan sieht in dieser beständigen Unruhe seines Landes eine zentrale Kontinuitäts-
linie und spricht - nicht ohne Stolz - von einer »Dangerous Nation« (Kagan 2006). Die
Gefährlichkeit des expansionistischen Geistes, der von einem Bewusstsein der Einzigar-
tigkeit, ja sogar der Auserwähltheit inspiriert ist, erlebten die Nachbarn dieses unruhigen
Staatswesens bei jedem Interessenkonflikt.
Vergleicht man die Entwicklung der Vereinigten Staaten mit der Lateinamerikas, so
ist die Unterschiedlichkeit eklatant. Während die USA - trotz mancher Einbrüche -
einen einzigartigen politischen und ökonomischen Aufstieg erfuhren, der sie schließlich
zur einzigen globalen Supermacht werden ließ, gab es unter den südlichen Nachbarn
hierzu kein Pendant - eher sogar gegenläufige Tendenzen.
Diese ungleiche Entwicklung, deren Ursachen vielfältig verortet wurden - man hat
sie in der protestantischen Wirtschaftsethik gesehen, in der Institutionengeschichte, in
der Besonderheit der Überwindung von Grenzräumen (frontier), im Verhältnis von
Individuum und Gesellschaft-, hat auf dem amerikanischen Kontinent ein komplexes
Beziehungsgeflecht von Anziehung, Abstoßung und Abhängigkeiten geschaffen. Bei
aller Bewunderung für die Modernität, die funktionierenden Institutionen, die prosperie-
rende Wirtschaft der nördlichen Republik herrschte unter den meisten Lateinamerika-
nern doch ein latentes Unbehagen vor, wenn der Einfluss der USA in ihren Ländern
wuchs. Und die Art und Weise der Einflussnahme, die latente Interventionsbereitschaft,
die häufige Ruchlosigkeit des Handelns und der ostentativ zur Schau getragene Dünkel
machte Konfrontationen unausweichlich.
Gleichwohl bleibt - gegenüber einer weit verbreiteten dichotomischen Sichtweise,
die das Verhältnis der USA zu Lateinamerika als Täter-Opfer-Relation beschreibt -
festzuhalten, dass die Durchsetzungsmacht der Vereinigten Staaten, die auf den ersten
Blick so unumschränkt scheint, auch ihre Grenzen kannte und dass die lateinamerikani-
172 Holger M. Meding

sehen Entscheidungsträger durchaus lernten, ihren Spielraum zu nutzen und zuweilen


sogar den nördlichen Nachbarn für ihre eigenen Interessen einzuspannen.

Vom Bürgerkrieg bis zum Kubakrieg: Aufstieg zum Hegemon


Mit dem Ende des Bürgerkrieges traten die Vereinigten Staaten in eine neue dynamische
Phase ihrer Geschichte. Wenngleich dem Wiederaufbau (reconstruetion) der verheerten
Gebiete Priorität zukam, war Washington auf dem internationalen Parkett umgehend
wieder präsent, focht mit Großbritannien die Alabama-Streitfragen aus sowie
Grenzdifferenzen im Oregonraum und wehrte Zudringlichkeiten europäischer Mächte in
der westlichen Hemisphäre ab. Während der Sezessionskrieg die Vereinigten Staaten vor
eine innere Zerreißprobe gestellt und außenpolitisch handlungsunfähig gemacht hatte,
war diese Gunst der Stunde von den europäischen Konkurrenzmächten nicht ungenutzt
geblieben. England hatte zusammen mit Spanien und Frankreich eine Intervention in
Mexiko durchgeführt, und Spanien übernahm 1861 die Herrschaft über Santo Domingo
und besetzte die Chincha-Inseln Perus 1864 mit der Folge eines Regionalkrieges
(Boersner 1990:171-172).
Eine regelrechte Bedrohung aber ging von Frankreich aus. Getrieben von einer
global angelegten geopolitischen Vision beabsichtigte das Zweite Kaiserreich, dem
angelsächsisch und protestantisch dominierten Norden Amerikas einen »lateinisch«
geprägten katholischen Block im Süden entgegenzustellen, dessen Schutzmacht Frank-
reich sein wollte. Das Anliegen, ausstehende Schulden einzutreiben, nutzte der Kaiser der
Franzosen, Napoleon III., gegen Mexiko-Stadt zu marschieren, die liberale Regierung
Juärez (1861 -1872) zu vertreiben und im Zusammenwirken mit mexikanischen Konser-
vativen und der Kirche ein abhängiges Kaiserreich in Mexiko zu etablieren. Mit dem
Ende des Bürgerkriegs machte Washington dem französischen Kaiserreich allerdings in
aller Deutlichkeit klar, dass man eine Fortführung der Intervention als unfreundlichen
Akt ansehen würde. Paris sah sich zu einer Konfrontation mit den USA außerstande und
zog seine Truppen schließlich aus Mexiko ab (Boersner 1990:166-169).
Dieser US-amerikanischen Drohgebärde, welche auf die akute Situation der Inter-
vention reagierte, folgte hingegen keine unmittelbare Neuausrichtung der Lateinamerika-
politik, wenngleich raumfremdes Engagement kritisch beäugt wurde. So wurde der
Versuch der französischen Compagnie lnteroceanique, einen Kanal in Panama zu bauen,
missbilligt und streckenweise behindert, jedoch geduldet. Nikaraguas Bestrebungen,
England aus dem Raum der Mosquitia zu vertreiben, fanden sogar Unterstützung.
In den 80er-Jahren, die durch eine weltweite Wirtschaftswachstumskrise gekenn-
zeichnet waren, suchte US-amerikanisches Kapital im zirkumkaribischen Raum ein
geeignetes Wirkungsfeld und wurde in der Region umworben. Besonders Mexiko konnte
solche Investitionen in das Transportwesen lenken, so dass die bislang dominante
Stellung Englands Konkurrenz erhielt. Die Politik schließlich folgte der Wirtschaft,
flankierte die machtgeschützte Durchdringung Lateinamerikas durch US-amerikani-
sches Kapital. Diese Penetrationsphase, die durch die Suche nach lukrativen Investitions-
räumen und Absatzmärkten gekennzeichnet war, wurde in der Forschung mit dem
Begriff des Sozialimperialismus belegt. Sozialimperialismus meint eine auf defensive
Unausweichliche Konfrontationen: Die lateinamerikanische Staatenwelt und die USA 173

Herrschaftsstabilisierung im Inneren gerichtete außenwirtschaftliche Expansionsstrategie


mit dem Ziel der Verteidigung des gesellschaftlichen Status quo. Um den Wohlstand in
den USA ohne soziale Zugeständnisse zu erhalten, um Klassenkämpfe zu vermeiden,
mussten im Ausland günstigere Produktionsbedingungen und lukrative Absatzmärkte
gefunden werden. Die eigenen sozialen Probleme der USA wurden mithin exportiert
(Wehler 1966; Schoonover 1991).
Begleitet wurde diese Expansionsstrategie durch den Panamerikanismus. Mit dem
Ziel, eine verlässliche und belastbare Gemeinschaft aller Amerikaner zu schaffen und den
europäischen Mächten eine kontinentale Solidarität entgegenhalten zu können, unternah-
men die USA 1889 den Versuch, im Zusammenwirken von 18 Teilnehmerstaaten auf der
First International Conference of American States, hemisphärische Institutionen zu
bilden. Unter Anknüpfung an die Vorläuferideen Simon Boh'vars, dessen panamerikani-
scher Kongress 1826 allerdings wenig erfolgreich geendet hatte, sollten nunmehr - auf
US-amerikanische Initiative - die jeweiligen Interessen koordiniert werden. Während in
der ersten Phase Foren ständigen Kontaktes und Austausches geschaffen - wie das
Commercial Bureau of American Republics mit Sitz in Washington D.C. - und Verein-
barungen zum Schiedsrecht getroffen wurden, waren die panamerikanischen Enthusias-
ten von weiter gesteckten Visionen getrieben: Eisenbahnen und Straßen von Alaska bis
Feuerland, eine kontinentale Zollunion, eine gemeinsame Währung, einheitliche Maße,
Gewichte und Patentregeln waren Elemente der Diskussion.
Nicht zu Unrecht aber fürchteten viele lateinamerikanische Politikerden Sog, in den
sie hineingeraten könnten. Sie sahen in den Bestrebungen Washingtons eher nationale
Interessen am Werk, die garantierte Absatzmärkte, wirtschaftliche, militärische und
politische Einflussnahme erstrebten. Der stärkste Teilnehmer einer engeren Union - das
waren nun einmal die USA - wäre dann in der Lage gewesen, die Richtlinien in zentralen
Bereichen zu bestimmen, industrielle Normen zu diktieren und über das Postulat
hemisphärischer Solidarität die Außenpolitik aller amerikanischen Staaten nach eigenen
Vorgaben gleichzurichten. Getrieben von der Furcht, unter dem Schirm der Monroe-
Doktrin und panamerikanisch eingebunden, zu Quasi-Protektoraten der USA abzusin-
ken, sorgten die Lateinamerikaner dafür, dass der Panamerikanismus bald auf ein
pragmatisches Niveau heruntergestutzt wurde. Auf den Panamerikanischen Konferen-
zen der Folgezeit (Mexiko-Stadt 1901, Rio de Janeiro 1906, Buenos Aires 1910, Santiago
de Chile 1923, Havanna 1928, Montevideo 1933, Lima 1938, Bogota 1948; Letztere rief
die Organisation amerikanischer Staaten OAS ins Leben) wurden vornehmlich wirtschafts-
und sicherheitspolitische Diskussionen geführt.
Das Ziel, unter Betonung der verbindenden Elemente eine hemisphärische Gemein-
schaft zu kreieren, erreichte Washington zwar nur bedingt, doch gaben die Teilerfolge der
eingeschlagenen Politik durchaus recht. Auswärtige Einflüsse galt es in diesem Rahmen
zu minimieren, und lateinamerikanische Staaten nahmen in Konfliktfällen mit europäi-
schen Großmächten gerne Unterstützung aus dem Norden an. So wurde im Jahre 1895 die
Monroe-Doktrin gegen Großbritannien in Stellung gebracht. Seit fast zwei Jahrzehnten
hatte Venezuela die USA ersucht, sich in den andauernden Grenzkonflikt mit dem
Königreich in der Guyanaregion einzuschalten und eine schiedsrichterliche Regelung zu
erzwingen. Doch erst unter dem tatenhungrigen Secretary of State Richard Olney griffen
die USA schließlich in den bilateralen Konflikt ein, nahmen unzweideutig Partei für
174 Holger M. Meding

Venezuela und zwangen London zum Nachgeben. Die Grenzfrage wurde der American
Boundary Commission überantwortet. Den diplomatischen Sieg fasste Außenminister
Olney in dem viel zitierten Satz berstenden Selbstbewusstseins zusammen: »Today the
United States is practically sovereign on this continent, and its fiat is law upon the subjects
to which it confines its interposition.« (Holden/Zolov 2000:66). Die US-amerikanische
Außenpolitik erhielt mit diesem Vorfall eine deutlich aggressivere Note und es zeigte
sich, dass sowohl der Kongress als auch die Presse, die im Venezuela-Konflikt bereits
über einen möglichen Krieg mit Großbritannien spekuliert hatte, der Regierungslinie zu
folgen bereit waren.
Noch im selben Jahr hatte sich auf Kuba, welches unter spanischer Oberhoheit stand,
ein Aufstand der Separatisten ereignet, der inmitten einer Krise der Zuckerwirtschaft
bedrohliche Ausmaße anzunehmen drohte. Spanien reagierte mit Härte, während Exil-
Kubaner in den USA auf ein Eingreifen der Vereinigten Staaten hofften. Vor allem für
die Regenbogenpresse war dieser Konflikt ein gefundenes Fressen: Sie wandte sich
gegen das unbeliebte Spanien, gegen den europäischen Kolonialismus, gegen Unterdrü-
ckung und stritt wacker für Menschenrechte und Freiheit. Die um Sensationsmeldungen
konkurrierenden Pressekampagnen des Hearst- und des Pulitzer-Konzerns verursachten
mit z.T. frei erfundenen Gräuelberichten aus dem Aufstandsgebiet einen Aufschrei der
Empörung bei ihren Leserschaften und schufen in kurzer Zeit selbst unter den Isolationisten
der Demokratischen Partei eine interventionsgeneigte Grundstimmung. Selbst als Spa-
nien, das zwischen der Separatistenbewegung auf der Insel und dem äußeren Druck aus
dem Norden zerrieben zu werden drohte, schließlich einlenkte und Kuba, wie von den
USA gefordert, einen Autonomiestatus gab, verbesserte sich die Situation nicht. Der
regionale Konflikt in der Karibik reihte sich an Vorkommnisse kolonialistischen Vorpre-
schens von Konkurrenzmächten im pazifisch-asiatischen Raum. Die US-Regierung war
über die Bestrebungen Deutschlands und Japans, ihren Einfluss in diesem Raum
auszuweiten, in hohem Maße besorgt und wies das Marineministerium an, Pläne für einen
globalen Befreiungsschlag auszuarbeiten.
Als schließlich am 15.2.1898 das US-amerikanische Schlachtschiff Maine im Hafen
von Havanna explodierte, wiesen die USA die glaubwürdigen Unschuldsbeteuerungen
Spaniens zurück und mobilisierten die Marinestreitkräfte. Spanien wurde vernichtend
geschlagen. Es verlor seine Flotte und bot nach ersten Kämpfen die Kapitulation an. Die
USA übernahmen mit diesem »splendid little war« Kuba und Puerto Rico und drangen
mit der Besetzung der spanischen Philippinen - welche strategisch viel bedeutender
waren als die Antillen - tief in den asiatischen Raum vor, in dem man die Absatzmärkte
der Zukunft erblickte. Der spanisch-US-amerikanische Krieg wurde sowohl als eine
Zäsur als auch als eine folgerichtige Konsequenz einer kontinuierlichen Expansionspo-
litik interpretiert. Unzweideutig allerdings hatten die Vereinigten Staaten ihren An-
spruch, im Konzert der großen Mächte mitzuspielen, machtvoll unterstrichen.
Kuba selbst wurde nach einigen Jahren der militärischen Besetzung in die Unabhän-
gigkeit entlassen, die durch das so genannte Platt Amendment aber derartig konditioniert
war, dass sie eher an ein Protektorat erinnerte. Der entscheidende Passus war 1901 von
US-Kriegsminister Elihu Root und Senator Orville Platt, dem Vorsitzenden des Senats-
ausschusses für Kuba, entworfen und unter Druck der US-Militärregierung in die
kubanische Verfassung von 1902 aufgenommen worden. Den USA stand dadurch ein
Unausweichliche Konfrontationen: Die lateinamerikanische Staatenwelt und die USA 175

Interventionsrecht zu, um Kubas Unabhängigkeit, seine Verfassung und die innere


Ordnung zu schützen.
US-Präsident Roosevelt (1901-1909) unterstützte im Bewusstsein zivilisatorischer
Sendung die Senatsvorlage nachdrücklich. Wenig später bezeichnete er in einer Erklä-
rung an den Senat die Platt-Ergänzung als »that most wise measure of international
statesmanship«. Der Präsident sah darin einen Leitfaden für künftige bilaterale Beziehun-
gen im karibischen Raum und einen Vorteil für alle Beteiligten: »[a] great advantage to
them and to all other peoples.«

Vom Kubakrieg bis zur Weltwirtschaftskrise:


machtgestützte Interessenpolitik
In der kurzen Zeitspanne von 1898 und 1904/05 veränderte sich das Gefüge des
karibischen Raumes fundamental. Mit dem Sieg über Spanien 1898 war das Ende eines
europäischen Gegengewichtes zur US-amerikanischen Hegemonie im karibischen Raum
gekommen. Spanien schied nach 400 Jahren Präsenz als amerikanische Macht aus, und
mit Puerto Rico und Kuba gerieten die Windward- und die Mona-Passage als maritime
Zugänge in den Mexikanischen Golf unter US-Aufsicht. Damit war eine weitgehende
Kontrolle des Zugangs zum Karibischen Meer gegeben, so dass ein künftiger isthmischer
Kanal hier bereits einen Schutz im äußeren Vorfeld besaß. Auf der pazifischen Seite war
der Schutzring mit den Midway-Inseln (1867), Alaska und den Alcuten (1867), Hawaii
(1898), Guam (1898), den Philippinen (1898) und Samoa (1899) noch weiter ausgelegt.
Die militärische Flankierung des Panamerikanismus erfolgte durch Alfred Thayer
Mahans Seemachttheorien. Seingeopolitisch inspirierter Modern Navalismbee'mnusste
das seestrategische Denken der gesamten Welt. Mahan legte in seinen Darlegung großen
Wert auf auswärtige Stützpunkte, über welche die Seeherrschaft (»command of the sea«)
gewahrt werden könne. Wer diese Seeherrschaft besitze, brauche gar keine Kriege mehr
zu führen. Die manifeste Fähigkeit, Seeschlachten zu gewinnen, sichere die nationalen
Handelsströme. Ein US-beherrschter isthmischer Kanal spielte in diesen Überlegungen
eine vorrangige Rolle. Alfred Thayer Mahan plädierte für eine umfassende Verteidigungs-
strategie der USA, die auf der Achse Guam - Panama - Guantänamo zu basieren habe.
Auch die Galäpagos-Inseln gerieten ins Blickfeld der Globalstrategen.
Großbritannien, das unter US-Druck bereits im Guyana-Konflikt hatte nachgeben
müssen und selbst die Auseinandersetzung mit Nikaragua nicht mehr wagte, welches das
ehemals britische Schutzgebiet an der Atlantikküste militärisch eingenommen hatte,
fügte sich auch im zweiten Hay-Pauncefote-Vertrag (1901) in die gewandelte Lage und
überließ den USA das Feld im Hinblick auf einen künftigen Kanalbau in Mittelamerika.
Der mittelamerikanische Isthmus war durch den Krieg von 1898 geostrategisch
aufgewertet worden. Nachdem das schwere Kriegsschiff USS Oregon von San Francisco
endlos erscheinende 68 Tage für den Weg ums Kap Hoorn bis nach Kuba benötigt hatte,
übten die Militärs Druck auf die Regierung der USA aus, eine interozeanische Kanal-
verbindung unter US-Regie herzustellen. Präsident Roosevelt zeigte sich diesen Forde-
rungen in der Verfolgung der expansiven Tendenzen der Vereinigten Staaten überaus
gewogen, und er sah zudem das bedeutende Wirtschaftspotenzial, das mit einer Kanal-
176 Holger M. Meding

Verbindung entfesselt werden könnte. Roosevelt trieb daher den Entscheidungsprozess


massiv voran. Er entschied sich 1902 für den Kanalbau in Panama, und die lange
favorisierte Nikaragua-Variante geriet ins Hintertreffen. Man trat nun in Verhandlungen
mit Kolumbien und machte Angebote. Doch die Kolumbianer, wiewohl geschwächt und
innerlich zerrissen durch den soeben ausgekämpften Tausendtägigen Krieg, wollten
keinen Kanal unter US-Hoheit und stellten ihrerseits Bedingungen. Auch erwarteten sie
für die Kanalbaukonzession erhebliche Gegenleistungen, vor allem finanzieller Natur.
Das war Kolumbiens gutes Recht. Aber es blieb ein gefährliches Spiel. Als der Senat in
Bogota der vorliegenden Vertragsfassung die Ratifikation verweigerte, unterstützte
Washington unmittelbar darauf die Aufstandsbewegung der herrschenden Familien auf
dem Isthmus, die um entsprechende militärische Hilfe ersucht hatten. Am 3. November
1903 erklärte die kolumbianische Provinz Panama schließlich ihre Unabhängigkeit. US-
Kriegsschiffe mit Schießbefehl verhinderten, dass Kolumbien sein Territorium vertei-
digte und sorgten mithin dafür, dass der von den Aufständischen sofort ausgerufene neue
Staat, der sich Panama nannte, schnelle internationale Anerkennung fand. Zwei Wochen
später wurde ein Kanalvertrag mit den Vereinigten Staaten unterschrieben und kurz
darauf ratifiziert. Der Vertrag akzeptierte alle US-Bedingungen für den zu bauenden
Kanal.
Innerhalb von zehn Jahren bauten die USA einen transisthmischen Schleuscnkanal
und nahmen Betrieb und militärische Sicherung fest in ihre Hände. In der zehn Meilen
breiten, das Land durchschneidenden Kanalzone handelten die Vereinigten Staaten, als
wäre es ihr eigenes Territorium. Die US-Diplomaten mischten sich überdies massiv in die
Innenpolitik der Republik Panama ein und dominierten die Außenpolitik. Die wirtschaft-
liche Entwicklung hing von den USA ab, und man erzwang in vielen Fällen über
ökonomischen Druck politische Entscheidungen. Die Abhängigkeit war bald absolut,
und kein Präsident konnte es wagen, den USA in wesentlichen Anliegen die Stirn zu
bieten. Aber es gab nicht nur negative Auswirkung dieser Fremdbestimmung. Das in
vielen Bereichen verschlafene, rückständige Panama wurde mit Macht an die Weltwirt-
schaft angeschlossen und dementsprechend modernisiert. Neue Techniken, Transport-
mittel und Anbaumethoden wurden eingeführt, der allgemeine Lebensstandard angeho-
ben, und der Lebensstandard der herrschenden Eliten insbesondere.
So waren es auch diese Kräfte, die Panama dauerhaft an die USA binden wollten und
ohne äußeren Druck einen Passus in ihre Verfassung schrieben, welcher dem Platt
Amendment entsprach und den USA Interventionsrechte im Falle von politischen
Unruhen gewährte. Der Gedanke, sich durch eine Anbindung an die USA Sicherheit
gegen politische Opponenten zu erkaufen, war auch anderen Regierungen der Region
nicht fremd. So wünschte 1913 Nikaragua, dessen damalige Regierung durch eine US-
Intervention zur Macht gelangt war, eine am Platt Amendment orientierte Vertragsklau-
sel mit den USA zu vereinbaren, was im US-Senat jedoch scheiterte (Dietl 1996:149f).
Für die Vereinigten Staaten ist die Panamakrise von 1903 in den Prozess der
politischen, wirtschaftlichen und schließlich militärischen Expansion einzuordnen, die
den defensiven Rahmen, den die ursprüngliche Monroe-Doktrin noch gesetzt hatte,
sprengte. Als Abwehrinstrument gegen »raumfremde Mächte« gedacht, wandelte sich
die Doktrin zu einem Rechtfertigungsinstrument für Expansion und Kontrolle, vornehm-
lich im karibischen Raum. Der so genannte Roosevelt-Zusatz (Roosevelt Corollary) zur
Unausweichliche Konfrontationen: Die lateinamerikanische Staatenwelt und die USA 177

Monroe-Doktrin dokumentiert diese den veränderten globalen Machtverhältnissen


angepasste politische Richtung.
Präsident Theodore Roosevelt, der durch seine Konfrontationspolitik und eine
ruppig-aggressive Rhetorik zur Inkarnation eines neuen politischen Stils wurde, strebte
größere außenpolitische Handlungsfreiheit an. Für den Fall, dass Regierungen der
westlichen Hemisphäre ein dauerhaftes politisches Fehlverhalten (»chronic wrong-
doing«) an den Tag legen sollten, erhob Washington seit 1904 den Anspruch auf
präventives militärisches Handeln (Holden/Zolov 2000:100-102). Ausgangspunkt war
ein Dilemma: Der völkerrechtlich akzeptierte Grundsatz, dass die Begleichung von
Schulden auch militärisch erzwungen werden dürfe, hatte mehrfach zu entsprechenden
Interventionen europäischer Mächte im karibischen Raum geführt, zuletzt noch 1901 / 02
von England, Deutschland und Italien in Venezuela (Fiebig-von Hase 1986). Dagegen
stand das völkerrechtlich nicht bindende, aber für die USA hochrangige Postulat der
»non-intervention« als Bestandtei 1 der Monroe-Doktrin. Das Dilemma glaubte Roosevelt
mit vorzeitigen US-Interventionen lösen zu können, noch ehe andere Mächte handeln
konnten. Als sich eine Zahlungskrise in Santo Domingo akut zuspitzte und wiederum ein
europäisches Eingreifen drohte, erzwang Roosevelt im Vollzug seiner Ankündigung die
Zustimmung der dominikanischen Regierung zu einer US-Finanzkontrolle. Allerdings
lehnte der US-Senat das Roosevelt-Korollarium ab und verweigerte seine Zustimmung
zu vertraglichen Bindungen auf dieser Grundlage.
Die US-amerikanische Lateinamerikapolitik zwischen Kubakrieg (1898) und
Weltwirtschaftkrise blieb gekennzeichnet durch Einmischungen in die inneren Angele-
genheiten der südlichen Nachbarn, bewaffnete Interventionen, Besetzung von Zolläm-
tern bei ausbleibender Schuldenbedienung, Nichtanerkennung unliebsamer Regierun-
gen, etc. Unter Betonung der unterschiedlichen politischen Nuancen hat sich für die
Roosevelt-Phase der Begriff der Big Stick Policv durchgesetzt, der die gewalttätige
Attitüde herausstreicht und auf ein selbst geäußertes Handlungsmotto des Präsidenten
(»Speak softly and carry a big stick«) zurückgeführt wird. Roosevelts Nachfolger Taft
(1909-1913) sah seine Priorität in der effektiven Durchsetzung des Schutzes US-
amerikanischer Auslandsinvestitionen (Dollar Diplomacy). Unter dem Rubrum »every
diplomat a salesman« wurde das diplomatische Korps den Außenwirtschaftsinteressen
der USA unterworfen.
Gegenüber der Außenpolitik seiner republikanischen Vorgänger verfolgte der Demo-
krat Woodrow Wilson (1913-1921) einen missionarisch geprägten Ansatz (Missionary
Diplomacy), dereinen von den USA initiierten positiven Veränderungsprozess in Latein-
amerika anstrebte. Doch in der Verwirklichung dieses moralisch inspirierten Vorhabens
erwies sich Wilson (»I am going to teach the South American republics to elect good men«)
als der interventionsbereiteste aller US-Präsidenten: Zweimal ließ Washington die Bezie-
hungen zu Mexiko bis an den Rand eines Krieges treiben. Man hatte die Teilung dieses
Landes erwogen (1913), Veracruz besetzt (1914) und militärisch in den Nordprovinzen
interveniert (1916/17); Haiti und die Dominikanische Republik hatten ihre Finanzhoheit an
die USA abtreten müssen (1915/1916); Nikaragua waren Verträge regelrecht aufgezwun-
gen worden (1914), und die Intervention auf Kuba sollte mehrere Jahre dauern (Dietl
1996:265-389). Die Regierung von Costa Rica war nicht anerkannt und destabilisiert
worden, und in Panama war die Provinz Chiriqui zwei Jahre lang besetzt worden.
178 Holger M. Meding

Jede dieser Maßnahmen hatte eine eigene Vorgeschichte und fand ihre Begründung
oft in örtlichen Fehlentwicklungen und tatsächlichem Fehlverhalten. Die humanitär
definierte Politik Wilsons, welche in Lateinamerika demokratiefördernd, friedens-
sichernd und vermittelnd wirken wollte, war aber zwischen Anspruch, eigenem Interesse
und lokaler Realität nur allzu oft in die Sackgasse geraten. Der Gesamteindruck in der
Region war ein fataler. Weniger die Intentionen wurden wahrgenommen als die Tatsa-
chen und die faktische Präsenz US-amerikanischer Soldaten und Finanzberater. Weder
der offene Imperialismus noch die Dollar-Diplomatie der republikanischen Regierungen
hatten so viel Unmut erregt wie die umfassende Einmischungspolitik, die im Gewände
der Uneigennützigkeit einherschritt und bei der das Postulat humanitären Handelns und
die interessengelenkte Durchsetzung der eigenen Ziele in den Augen der Beobachter so
weit auseinander klafften.
Ein völliger Fehlschlag war auch das von der Missionary Diplomacy getragene
mentalhygienische Experiment der Alkoholprohibition in der US-verwalteten Kanal-
zone in Panama. Getrieben von puritanischem Bestreben wurde ein Vertriebsverbot für
Alkoholika über die Zone verhängt, noch bevor in den USA landesweit entsprechende
Maßnahmen verhängt wurden. Panama war mithin ein Experiment und zwar eines, aus
dessen Scheitern man hätte lernen können. Die US-Soldaten wechselten nämlich nach
Dienstschluss über die Zonengrenze in die Republik Panama und feierten ihre Trinkge-
lage in Panama-Stadt und Colon (Meding 2002:263-267).
Zum Testfall der panamerikanischen Politik der USA wurde schließlich der Erste
Weltkrieg. Washington versuchte eine hemisphärische Allianz gegen die Mittelmächte
zu schmieden, doch es zeigte sich bald, dass die Vereinigten Staaten zwar in der Lage
waren, bei den eindeutig abhängigen Staaten Gefolgschaft zu erwirken (Panama und
Kuba folgten einen Tag nach dem Kriegseintritt der USA), doch außer im Falle Brasiliens
wollten sich die größeren Staaten Lateinamerikas nicht an die Seite Washingtons stellen.
Sie beharrten auf eigenständigen außenpolitischen Optionen. Vielfach - wie im Falle
Kolumbiens und Mexikos - wirkten zudem die Demütigungen der Vergangenheit nach.
Gleichwohl profitierten die Vereinigten Staaten enorm vom Ersten Weltkrieg. Seit
seinem Beginn war es den US-Amerikanern zunehmend gelungen, die Handelsengpässe
der Kriegsparteien auszunutzen und vielfach deren Positionen zu übernehmen. Die USA
stiegen in Lateinamerika zum ersten Handelspartner und vielfach auch zum größten
Investor auf. Europa konnte erfolgreich verdrängt werden und fiel auch nach Ende des
Krieges als Gegengewicht zu den erstarkten USA weitgehend aus (Tulchin 1971).
Wenngleich nach der republikanischen Wende der 20er-Jahre in Washington eher
ein isolationistischer Wind wehte, blieb der karibische Raum dennoch eine »sphere of
special interest« und den Raumordnungsvorstellungen der USA unterworfen. Man zielte
generell auf eine Stabilisierung der Region ab (bei Akzeptanz nicht-demokratisch
entstandener Machtverhältnisse) und unternahm dabei den Versuch, Interessenparallelen
zwischen lokaler Elite und US-amerikanischer Politik und Außenwirtschaft auszunutzen
oder zu schaffen. Dieser Versuch erstreckte sich auf Intellektuelle, Gewerkschaften, das
Rechtswesen, das Steuerwesen, Medien, Wirtschaftsverbände, ist aber auch im kulturel-
len und religiösen Bereich (baptistische Mission) zu beobachten.
Doch wurden zuweilen die Lenkungsmöglichkeiten einer Ordnungsmacht über-
schätzt und die Sogkraft der lokalen innenpolitischen Wirren hingegen unterschätzt, aus
Unausweichliche Konfrontationen: Die lateinamerikanische Staatenwelt und die USA 179

denen es mitunter kaum mehr ein Entrinnen gab. Nikaragua ist ein solches Fallbeispiel.
Dort war der langjährige liberale Präsident Jose Santos Zelaya (1893-1910) im Bürger-
krieg gegen die von den USA massiv gestützten konservativen Kräfte unterlegen, und
auch sein liberaler Nachfolger Madriz hatte sich bald geschlagen geben müssen. Doch
Washingtons dollardiplomatisch getränkte Zukunftsvision mit dem Ziel »to Substitute
dollars for bullets by arranging, through American bankers, loans for the rehabilitation
of the finances of Nicaragua« (Dietl 1996: 137) scheiterte an den innenpolitischen
Gegensätzen des Landes, welche die USA seit Jahren geschürt hatten. Die mit Hilfe der
nördlichen Vormacht an die Macht gespülten Konservativen banden ihr Land in Anleihe-
und Handelsverträgen zwar engstens an die USA, erzwangen aber gerade dadurch deren
Schutzgarantie, die zu ihrer wichtigsten Lebensversicherung wurde.
Um ihre Marionettenregierung an der Macht zu halten, blieben Marinestreitkräfte der
Vereinigten Staaten 13 Jahre lang im Lande. Als man glaubte, sich endlich zurückziehen
zu können, brachen umgehend wieder regierungsfeindliche Unruhen mit anti-US-
amerikanischer Attitüde aus und die Marines mussten nach nur einjähriger Abwesenheit
wieder zum Einsatz gebracht werden. Auch der diplomatische Versuch, die streitenden
Parteien an den Verhandlungstisch zu bringen, zeitigte lediglich Teilerfolge. Das
Vertrauen in die Unparteilichkeit der USA war eben nicht übermäßig groß. Im Norden
weigerte sich der Rebellenführer Augusto Cesar Sandino standhaft, die Waffen nieder-
zulegen. Auf nahezu aussichtslosem Posten nahm er einen jahrelangen Guerillakrieg
gegen die hochgerüstete US-Armee auf, trotzte Bombardements aus der Luft, und wurde
so zu einem weltweiten Symbol des antiimperialistischen Kampfes. Die Marines mussten
schließlich abziehen, teils in Erkenntnis der Aussichtslosigkeit ihrer Dauerpräsenz, teils
als Folge der Weltwirtschaftskrise, welche die Handlungsfreiheit der USA einschränkte.
Zur Stabilisierung des Landes hatte man allerdings vorsorgend eine Nationalgarde
aufgebaut - mit Anastasio Somoza als Kommandanten. Nachdem dieser 1934 Sandino
in einem Hinterhalt hatte umbringen lassen, übernahm er die Macht im Lande.
Nikaragua war ein Desaster des US-amerikanischen Interventionismus, der zu
weltweiter Kritik führte und antiimperialistischen und Sozialrevolutionären Bewegungen
wie der Alianza Populär Revolucionaria Americana (APRA) des charismatischen
Peruaners Victor Raul Haya de la Torre Zulauf brachte. Auch stand der Einsatz in seinen
politischen und militärischen Kosten in keinem Verhältnis zu den tatsächlichen oder
potenziellen Gewinnen. Selbst langfristig ist die Bilanz düster: Nikaragua sollte mehr als
40 Jahre unter der Diktatur des Somoza-Klans stehen, zwar treu an der Seite Washing-
tons, aber durch Machtmissbrauch, Korruption und Missmanagement gelähmt und zum
Armenhaus Mittelamerikas herabgewirtschaftet. Die sandinistische Revolution kam
daher 1979 als Nemesis über eine verfehlte politische Strategie.

Gute Nachbarschaft und Zweiter Weltkrieg:


Interessenwahrung neuen Stils

Eine neue Phase der Beziehungen zwischen den USA und ihren südlichen Nachbarn
deutete sich schon vor der Amtsübernahme Herbert Hoovers (1929-1933) an, als der
gewählte, aber noch nicht amtierende Präsident eine good will tour durch Lateinamerika
180 Holger M. Meding

unternahm; doch erst mit dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise wurde eine Änderung
der Politik unvermeidlich. Durch den wirtschaftlichen Einbruch außenpolitisch einge-
engt, verzichteten die USA auf militärische Interventionen und riefen ihre verbliebenen
Streitkräfte aus Nikaragua und Haiti zurück.
Franklin D. Roosevelt (1933-1945) brachte diese neue Ausrichtung auf den einpräg-
samen Begriff der Guten Nachbarschaft (Good Neighbor Policy). Zwar änderten sich
dadurch die Interessen und mithin auch die Leitlinien der US-Politik im Hinblick auf
Lateinamerika nicht, doch wurden die Ankündigungen und Bekenntnisse Washingtons
als Hoffnungsschimmer ge wertet. So verzichteten die USA auf die Anwendung des Platt-
Amendments in Kuba sowie auf andere verbriefe Eingriffsrechte. Zur Nagelprobe dieser
postulierten Zurückhaltung aber wurde Mexiko. Das Verhältnis zum südlichen Nachbarn
war seit der Mexikanischen Revolution streckenweise hoch gespannt gewesen und nach
einem Überfall der Guerillaverbände Pancho Villas auf die US-Grenzstadt Columbus im
Jahre 1916 - man mag auch von einer militärischen Intervention sprechen - war man
einem Krieg gefährlich nahe gewesen.
Nach der Weltwirtschaftskrise revitalisierte Präsident Läzaro Cärdenas (1934-
1940) den mittlerweile erschlafften revolutionären Geist und ergriff einschneidende
Maßnahmen zur Landreform und auf dem Bildungssektor. In einem offen ausgetragenen
Streit mit den US-amerikanischen und englischen Ölmultis setzte er die Interessen des
Staates durch und verstaatlichte 1938 die Erdölreserven und petrochemischen Industrie-
anlagen der Standard Oil of'New Jersey und der Royal Dutch Shell. Obgleich daraufhin
in Washington Interventionsszenarien durchgespielt und Importverbote verhängt wur-
den, nahm Mexiko die Nationalisierung nicht zurück und fand im nationalsozialistischen
Deutschland einen dankbaren Abnehmer seiner Olprodukte. Angesichts wachsender
Kriegsgefahr in Europa und Asien sahen sich die USA zu energischerem Handeln
außerstande (Schuler 1998).
Insgesamt blieb der Ansatz der Guten Nachbarschaft vielfach im Bereich der Klima-
verbesserung stecken; statt aktiver Gestaltung eines gedeihlichen Nachbarschaftsverhält-
nisses lag tendenziell eher eine Vernachlässigung vor. Die Unterlassung wurde der
Regierung Roosevelt erst Ende der 30er-Jahre bewusst, als Washington zu der Einsicht
gelangte, dass man das Deutsche Reich als einen potenziellen ökonomischen und politi-
schen Konkurrenten in Lateinamerika unterschätzt hatte. Besonders das von Getülio
Vargas (1930-1945, 1950-1954) diktatorisch regierte Brasilien, dem faschistische Nei-
gungen unterstellt wurden, und das europaorientierte Argentinien - beides Länder mit
starken deutschen Gemeinschaften - galten als gefährdet. Überall sah man jetzt Fünfte
Kolonnen des Dritten Reiches in subversiver Tätigkeit (Lübken 2004:187-235).
Hektisch - und streckenweise hysterisch - versuchte Washington nun diplomatisch,
propagandistisch und unter Einsatz geheimdienstlicher Mittel gegenzusteuern. Doch
wenngleich die Politik der Guten Nachbarschaft alte Animositäten abgemildert hatte, war
dieses Unterfangen vor allen bei den großen Staaten komplizierter als angenommen.
Brasilien sah sich nun in der glücklichen Lage, von zwei Großmächten umworben zu sein,
und entschied sich einstweilen für eine eqüidistäncia pragmdtica. In Rio de Janeiro
wartete man auf lockende Angebote, welche die USA - als die deutsche Wehrmacht
Frankreich besetzt hatte - schließlich auch machten. Brasilien wurde damit in das
Geflecht der hemisphärischen Solidarität hineinkomplimentiert; das Land erhielt Waf-
Unausweichliche Konfrontationen: Die lateinamerikanische Staatenwelt und die USA 181

fenlieferungen und Industriekredite. Als die USA in den Weltkrieg eintraten, brach
Brasilien bereits im Januar 1942 die Beziehungen zu den Achsenmächten ab und erklärte
seinerseits im August dem Deutschen Reich den Krieg. Die USA errichteten Marine- und
Luftwaffenstützpunkte im Nordosten Brasiliens, und 1944 stellte das südamerikanische
Land ein Expeditionskorps von 25.000 Mann zusammen, welches schließlich an der
Italienfront zum Einsatz kommen sollte (Bonalume Neto 1995).
Schwieriger gestaltete sich der Fall Argentinien. Die auf betonte Eigenständigkeit
ausgerichtete Außenpolitik der Republik Argentinien hatte das Land bereits wiederholt
mit den USA in Konflikte gebracht, die in der Zwischenkriegszeit auf dem Forum der
Panamerikanischen Konferenzen ausgetragen wurden. Buenos Aires wollte sich nicht
von Europa trennen lassen und lehnte die US-Politik, einen kontinentalen Block mit
Washington als Zentrum zu etablieren, strikt ab.
Verstärkt wurden die nun offenen Spannungen einerseits durch einen hochfahrenden
argentinischen Nationalismus wie durch das zuweilen messianische Bestreben der USA,
die eigenen Strukturen und Institutionen zu exportieren. In der unmittelbaren Vorkriegs-
zeit und während des Zweiten Weltkriegs sah sich Argentinien einer wachsenden
ökonomischen und diplomatischen Aggression der USA gegenüber. Der geforderte
Kriegseintritt der La-Plata-Republik auf der Seite der Alliierten entwickelte sich für die
USA zunehmend zu einer Prestigefrage. Seit 1942 verhinderte das State Department alle
Waffenlieferungen an Argentinien und unterwarf das Land sukzessive einem Wirtschafts-
boykott. Quasi in einem symbolischen Kniefall sollte die kontinentale Führungsrolle der
Vereinigten Staaten von Amerika augenfällig demonstriert werden. Buenos Aires gab
nach, gezwungenermaßen. Das Land wäre sonst nicht als Mitglied der Vereinten
Nationen zugelassen worden. Argentinien erklärte schließlich am 27. März 1945 Deutsch-
land und Japan als letzter Staat der Welt den Krieg. Washingtons Führungsanspruch war
hemisphärisch durchgesetzt (Escude 1983).
Doch die USA versuchten nun, ihrem gewachsenen Einfluss am Rio de laPlata Dauer
zu verleihen. Als sich der erklärte Mussolini-Anhänger und Sozialpopulist Juan Domin-
go Perön zum Präsidentschaftskandidaten aufstellen ließ, mischte sich das US State
Department in massivster Weise in den Wahlkampf ein (Holden/Zolov 2000:176-177).
Perön und seine Parteigänger wurden als »Feinde der freien Welt« tituliert. Doch
Argentinien war keine zentralamerikanische Bananenrepublik. Das im höchsten Maße
beleidigte Nationalgefühl der Argentinier spülte Perön auf einer Woge der Sympathie ins
höchste Amt der Republik. Seine Partei erhielt fast zwei Drittel der Sitze in der
Abgeordnetenkammer und alle Sitze im Senat bis auf zwei. Es war die größte diploma-
tische Niederlage der USA in der Geschichte der panamerikanischen Beziehungen.

Kalter Krieg: Lateinamerika im Kampf der Systeme

Die Stärkung der Sowjetunion nach Ende des Zweiten Weltkriegs führte in maßgeblichen
Kreisen Mittel- und Südamerikas zur Furcht vor kommunistischer Infiltration. Bereits zu
Anfang des Jahrhunderts waren insbesondere in den Einwanderungsländern legislative
Maßnahmen eingeleitet worden, um gegen landfremde Anarchisten und Sozialisten vor-
gehen zu können, so dass Anknüpfungspunkte zur nunmehr betriebenen Eindämmung
182 Holger M. Meding

(Containment) sozialistischer Umtriebe vorhanden waren. Die Organisation Amerikanischer


Staaten (OAS), 1948 ins Leben gerufen, war in diesem Sinne ein Sicherheitskollektiv gegen
revolutionäre Veränderungen, das gleichzeitig die Vorherrschaft der USA garantierte.
Die außenpolitischen Interessen der USA und die innenpolitischen Sicherheitsinter-
essen der Mittel- und Oberschichten der lateinamerikanischen Staaten fanden mithin zu
einer Allianz, die Teil der globalen Bipolarisierung wurde. Die gravierenden sozialen
Ungleichgewichte und die starren gesellschaftlichen Strukturen jedoch ließen den
revolutionären Funken - immer wieder angefacht durch die Moskau-treuen kommunisti-
schen Parteien, Trotzkisten, Gewerkschaften aber auch unabhängigen Bewegungen wie
auch Peronisten - nicht erlöschen. Lateinamerika erlebte unruhige Jahrzehnte.
Nach den Erfolgen des Kommunismus in Ostasien wurde in den 50er-Jahren in US-
Regierungskreisen die Dominotheorie entwickelt: Auf die Machtübernahme von Kom-
munisten in einem Staat folge unweigerlich, dass auch die Nachbarstaaten ins Wanken
geraten und schließlich, wie in einer Reihe von Dominosteinen, einer den folgenden
mitreiße. Diesem Effekt müsse man - so die Folgerung - bereits in seiner Anfangsphase
durch stabilisierende Maßnahmen entgegentreten, sei es durch Eindämmung sozial-
revolutionärer Tendenzen oder durch deren aktive Zerschlagung.
Und im Zweifelsfalle waren die Interventionsvorbehalte der alten Good Neighbor
Policy bald vergessen. Als die sozialreformerische guatemaltekische Regierung unter
Jacobo Arbenz gegen den mächtigen US-Konzern United Fruit Company vorging und
dessen Privilegien beschnitt, befürchtete Washington einen kommunistisch inspirierten
Angriff auf die westliche Hemisphäre. Die wenig geschickt agierende Regierung Guate-
malas goss in ihrer scharfen Rhetorik noch Öl in das Feuer der lodernden Beziehungen
und glaubte in Verkennung der globalen Zusammenhänge, dass sich Washington, wie in
den Zeilen der Dol lardiplomatie, lediglich an die Seite der nationalen Auslandsinvestitionen
gestellt habe. Als dann das Gerücht die Runde machte, dass der Ostblock Guatemala mit
Waffen unterstütze, sah das Weiße Haus unmittelbaren Handlungsbedarf. Im Juni 1954
brachten US-Flugzeuge regierungsfeindliche Truppenverbände, die in den Nachbarstaa-
ten aufgerüstet worden waren, an die Grenzen Guatemalas direkt zu ihrem Einsatz.
Marineverbände patrouillierten, zum sofortigen Eingriffbereit, an der Küste. US-Piloten
bombardierten Guatemala-Stadt, Puerto Barrios und San Jose. Die demokratisch gewähl-
te Regierung Jacobo Arbenz wurde beseitigt.
Die Intervention in Guatemala, wenngleich in Kooperation mit mehreren Nachbar-
staaten durchgeführt, beeinträchtigte das Ansehen der Vereinigten Staaten vor allem in
linken, aber auch in gemäßigt reformorientierten Kreisen Lateinamerikas empfindlich.
Anschwellende Anti-US-Manifestationen sowie Tendenzen in Lateinamerika, sich der
Gruppe blockfreier Staaten anzunähern, ließen das Weiße Haus zunehmend Kontakte zu
oppositionellen Kräften in Südamerika suchen. Mitte der 50er-Jahre wurden, bis auf
Alfredo Stroessner in Paraguay, die autokratisch-populistischen Regierungen des Sub-
kontinents abgelöst: Getulio Vargas (Brasilien, Selbstmord im August 1954), Juan
Domingo Perön (Argentinien, September 1955), Victor Paz Estenssoro (Bolivien.
August 1956), Manuel Odrfa (Peru, Juli 1956), Gustavo Rojas Pinilla (Kolumbien Mai
1957), Marcos Perez Jimenez (Venezuela, Januar 1958).
Die Strategie der Eindämmung kommunistischer Strömungen in Lateinamerika erlitt
ihren schwersten Rückschlag mit dem Sieg der aufständischen Verbände über den
Unausweichliche Konfrontationen: Die lateinamerikanische Staatenwelt und die USA 183

diktatorisch agierenden Präsidenten Fulgencio Batista (1940-1944, 1952-1958) auf


Kuba. 1959 zog Fidel Castro siegreich in Havanna ein. Dessen Programm sah soziale
Umgestaltung, gemischte Wirtschaft und demokratische Öffnung vor, war also grund-
sätzlich noch nicht bedrohlich, doch der Comandante en Jefe baute alsbald seine
Machtposition an der Staatsspitze mit eiserner Hand aus, ließ Konfiskationen und
Verstaatlichungen durchführen und initiierte eine Agrarreform - sehr zum Unwillen der
vielfach massiv geschädigten US-amerikanischen Geschäftsleute.
In kürzester Zeit entwickelte sich eine scharfe Kontroverse zwischen den Regierun-
gen in Washington und Havanna, in deren Verlauf Castro schließlich die sowjetische
Karte spielte und vertragliche Bindungen zu mehreren Ostblockstaaten einging. Moskau,
das bislang den Weg des eigenwilligen Rebellenführers eher distanziert verfolgt hatte,
ging nun auf die kubanischen Avancen ein, wurde zum Großabnehmer von Zucker und
lieferte in Gegenzug Öl, Maschinen und Waffen auf die Insel.
Kaum ins Amt gekommen, sah sich der neue US-Präsident Kennedy (1961-1963)
mit dieser beunruhigenden Entwicklung konfrontiert und entschied, einen bereits ausge-
arbeiteten Gcheimdienstplan umzusetzen, der mittels logistischcr Unterstützung militan-
ter Castro-Gegner einen Umsturz auf Kuba vorsah. Doch das Landeunternehmen in der
kubanischen Schweinebucht im April 1961 wurde zu einem Fiasko. Die von der CIA
unterstützten exilkubanischen Invasionsgruppen wurden an der Küste bereits erwartet
und in nur zwei Tagen erbarmungslos zusammengeschossen. Kennedy war damit nicht
nur moralisch angeschlagen, sondern auch mit einer militärischen Niederlage belastet.
Deutlich gefährlicher aber stellte sich die Raketenkrise des Jahres 1962 dar, welche
die Welt mit dem Aufbau sowjetischer Atomraketenstellungen auf Kuba an den Rand
eines nuklearen Weltkriegs brachte. Moskau und Washington konnten den Konflikt
jedoch in einem Kompromiss entschärfen: Die Mittelstreckenraketen wurden angesichts
der Seeblockade Kubas durch die US-Marine abgezogen, aber Washington verpflichtete
sich, nicht weiter gegen Kuba vorzugehen. Die Antilleninsel hatte sich somit erfolgreich
der Umklammerung durch die US A entwunden und bildete nun den ersten sozialistischen
Staat in der westlichen Hemisphäre. Castro allerdings schien sich ehereine Eskalation der
Auseinandersetzung gewünscht zu haben. So hatte er den Sowjets bereits sein Einver-
ständnis mitgeteilt, die USA von kubanischem Territorium aus mit ihrem atomaren
Potenzial bedrohen zu dürfen.
Kuba blieb ein latenter Unruheherd der Region, doch dem Weißen Haus waren hier
nun die Hände gebunden. Um den Revolutionsexport von Kuba auf das Festland zu
verhindern, setzte man, nachdem Kennedys »Allianz für den Fortschritt« nicht die
erwünschten Resultate gebracht hatte und der Vietnamkrieg zunehmend an den Kräften
zehrte, wiederum verstärkt auf autoritäre Regierungen. Die Furcht vor kommunistischer
Unterwanderung gebar eine Interessenallianz der herrschenden Kräfte in den USA und
Lateinamerika, die sich in der Doctrina de Seguridad Nacional manifestierte. Diese
Doktrin der Nationalen Sicherheit besaß in der Betonung der christlichen Werte, die es
gegen den atheistischen Kommunismus zu verteidigen galt, und in der Betonung der
westlichen Zivilisation, die in Gefahr war, subversiv unterminiert zu werden, spezifische
Grundüberzeugungen. In diesem Idearium rückten die Militärs, die sich als Garanten der
öffentlichen Ordnung sahen, als überparteiliche Akteure und verpflichtet allein dem
Wohl des Vaterlandes, in den Mittelpunkt des politischen Handelns und übernahmen in
184 Holger M. Meding

den 60er- und 70er-Jahren in den meisten Staaten Lateinamerikas die Macht. Ein wenig
differenziertes Freund-Feind-Schema beherrschte in dieser Zeit den von Zensur geleite-
ten öffentlichen Diskurs. Das reaktionäre Gesellschaftsbild der Militärs wurde zur Norm
erhoben und der Kampf gegen den inneren Feind war allem anderen übergeordnet.
Aufhebung von Verfassungen, Repression, ja selbst Folter und Liquidierungen galten als
legitime Mittel. Die USA stützten solcherlei Regierungen vielfältig oder brachten sie -
wie im Falle Chiles - sogar an die Macht. Dort hatte Washington die politischen und
militärischen Kräfte des Landes massiv gegen den sozialistischen Präsidenten Allende
(1970-1973) gefördert und auf dessen Sturz hingearbeitet.
Der Kalte Krieg hatte Lateinamerika zu einem Austragungsort der Weltanschauun-
gen der Supermächte gemacht. Hier wurden, wie in anderen Weltregionen, Stell vertreter-
kriege geführt. Im Kampf gegen die Subversion erwiesen sich die Militärs weitgehend als
erfolgreich. So konnten die Tupamaros in Uruguay und die chilenische Linke niederge-
kämpft werden, allerdings nicht die Peronisten in Argentinien.
Auf dem ökonomischen Feld verdichteten sich die Beziehungen zu den Vereinigten
Staaten, die in diesem Prozess offenbar auch zu verdeckten Methoden der Übervorteilung
griffen (Perkins 2005). Parallel wuchs die finanzielle Abhängigkeit Lateinamerikas von
den USA, welche über Weltbank und Internationalen Währungsfonds die Vergabe von
Krediten dirigierten. Die größeren Staaten versuchten zuweilen erfolgreich gegenzu-
steuern und Optionen aufzubauen: So entschieden sich beispielsweise Argentinien und
Brasilien trotz massiver Pressionen aus Washington für deutsche Atomtechnologie.
Einen neuen Ansatz verkörperte US-Präsidenl Jimmy Carter. Menschenrechtsfragen
wurden unter seiner Regierung nicht nur rhetorisch gegen die Sowjetunion ins Feld
geführt, sondern auch gegenüber Diktaturen Lateinamerikas thematisiert. Die hierdurch
ausgelösten Irritationen versuchten Oppositionelle wie auch Regierungen gleichermaßen
zu nutzen. Geschickt verstand es beispielsweise der Kommandant der Nationalgarde und
hombre fuerte Panamas, General Omar Torrijos (1968-1981), die langjährigen Forde-
rungen seines Landes auf dem nunmehr gewandelten politischen Parkett zu platzieren. Es
gelang ihm, den Weltsicherheitsrat in der Kanalfrage gegen die USA zu mobilisieren und
gleichzeitig intensive Verhandlungen zu führen.
1977 wurden schließlich Verträge geschlossen, welche die Übergabemodalitäten
von Kanal und Kanalzone an Panama bis zum Ende des Jahrhunderts regelten. Damit
wurde ein Schlussstrich unter eine schwierige Staatenbeziehung gezogen und der
umstrittene Kanalvertrag von 1903 aufgehoben, der den USA die ausschließliche
Verwaltung von Zone und Kanal auf ewige Zeiten (»in perpetuity«) zugeschrieben hatte.
Das Recht, militärisch im Falle der Bedrohung der Neutralität des Kanals eingreifen zu
können, sicherten sich die USA freilich auch im neuen Vertragswerk. Gleichwohl erlebte
die Vereinbarung in Washington heftigste Anfeindungen aus den Kreisen der Republi-
kaner, die einen Ausverkauf nationaler Interessen erkannten, und passierte mit nur einer
Stimme Mehrheit denkbar knapp den US-Senat.
Weniger glücklich verlief die Entwicklung Nikaraguas. Hier entzog die Carter-
Regierung dem autokratisch und skrupellos herrschenden Somoza-Klan die Unterstüt-
zung und stärkte damit die Oppositionsgruppierungen des Landes. Zwar zählten hierzu
auch bürgerliche Kräfte, doch den Kern der aufständischen Regimegegner bildete eine
heterogene Allianz, die sich in Anlehnung an den Mythos des Rebellenführers Sandino
Unausweichliche Konfrontationen: Die lateinamerikanische Staatenwelt und die USA 185

»Sandinisten« nannten. Nach ihrer Machtübernahme setzten sich schließlich in internen


Machtkämpfen die Sozialisten und befreiungstheologisch inspirierten Sozialrevolutionäre
durch, die sich am kubanischen Vorbild orientierten. Höhepunkt dieser politischen
Standortbestimmung war 1985 eine Reise des eben gewählten nikaraguanischen Präsi-
denten Daniel Ortega (1985-1990) nach Moskau. Dergestalt herausgefordert, attackier-
ten die USA mit zunehmender Heftigkeit diesen »Vorposten der Sowjetunion« in der
amerikanischen Hemisphäre.
Bereits 1980 hatte der Wahlkampf in den USA eine starke außenpolitische Kompo-
nente besessen. Neben der Iran-Problematik prangerte der republikanische Kandidat
Ronald Reagan ein Komplettversagen Carters im zirkumkaribischen Raum an und
versprach eine Kehrtwende zur Sicherung der US-amerikanischen Interessen. Als
Präsident (1981-1989) unterstützte er dann auch massiv die antisandinistische Contra-
Bewegung, die sich aus alten Somoza-Anhängern, abtrünnigen ehemaligen Rebellen und
Leidtragenden der Regierungspolitik zusammensetzte. Kollektivierungsmaßnahmen,
eine rigide Indianerpolitik und Unterdrückung der Opposition hatten ihr Zulauf gebracht.
In Ausbildungslagern der Nachbarländer wurden die »Contras« von US-Militär-
instrukteuren geschult, bewaffnet und zur Führung eines Bürgerkrieges angeleitet, der
mehrere zehntausend Menschen das Leben kostete. Parallel wurde das Land diploma-
tisch und ökonomisch isoliert; selbst vor Gewaltmaßnahmen wie der Verminung der
Häfen Nikaraguas schreckte die US-Regierung nicht zurück. Auf Dauer konnte Nikaragua
diesem Druck nicht standhalten, auch wenn die Sandinisten in linken Kreisen Amerikas
und Westeuropas enthusiastisch gefeiert und unterstützt wurden. Präsident Ortega sah
sich 1989 letztlich genötigt, Wahlen auszuschreiben, welche die Opposition gewann.
Im Falle der Antilleninsel Grenada, deren Regierung von Castro unterstützt wurde,
entschied sich Washington für ein direktes militärisches Vorgehen. Trotz britischer
Missbilligung landeten US-Truppen 1983 auf der Commonwealth-Insel und schickten
die kubanischen Militärberater nach Hause.
Ein klassischer Staatenkonflikt, der jenseits des Gefüges der ideologisch polarisier-
ten Welt lag, führte 1981 Argentinien und Großbritannien gegeneinander. Da beide
Kontrahenten Verbündete der USA waren, stand Washington vor einem außenpoliti-
schen Dilemma. Die Militärregierung in Buenos Aires hatte die Malwinen, die von den
Briten als Falkland-Inseln bezeichnet werden, besetzt, auf die Argentinien seit seiner
Unabhängigkeit Anspruch erhob. Man rechnete, da man in der Vergangenheit die US-
Mittelamerika-Politik aktiv unterstützt hatte, mit Verständnis, wenn nicht gar Unterstüt-
zung aus Washington. Schließlich stand man in Gesprächen über einen Südatlantik-Pakt,
welcher die USA, Argentinien und Südafrika militärisch zusammenführen sollte.
Die USA versuchten vergeblich, den aufgebrochenen Konflikt durch Vermittlung zu
entschärfen, während die Argentinier ihre Stellungen auf den Inseln befestigten und die
britische Flotte sich in Richtung Südatlantik bewegte. Schließlich sah sich Washington
zu einer Entscheidung gezwungen. Am 30. April stellte sich die Reagan-Regierung
unzweideutig auf die britische Seite (Schmelter-Mühle 1996). Argentinien war isoliert.
Der offene Schwenk der USA machte den völlig konsternierten Militärs ihren tatsächli-
chen Stellenwert deutlich. Sie waren der festen Überzeugung gewesen, nicht nur
Argentinien gerettet zu haben, sondern auch einen beträchtlichen Anteil an der Rettung
der freien Welt gehabt zu haben und fühlten sich nun verraten. Dergestalt allein gelassen,
186 Holger M. Meding

konnten die Streitkräfte des La-Plata-Staates den Briten nur begrenzt Widerstand leisten.
Wenngleich das Militärregime kurz darauf stürzte, blieben die Beziehungen zwischen
Buenos Aires und Washington längere Zeit unterkühlt.
Das Abflauen des Kalten Kriegs entideologisierte schließlich die interamerikanischen
Beziehungen. Die strikt antikommunistische Ausrichtung hatte der Lateinamerikapolitik
der USA bei Freunden und Gegnern Berechenbarkeit verliehen. Der Niedergang des
Ostblocks ließ nun wiederum andere politische Interessen in den Vordergrund treten. So
hatten sich beispielsweise die Beziehungen zu Panama rapide verschlechtert. Der starke
Mann des Landes und Kommandant der Nationalgarde, General Noriega (1983-1989),
war von den USA jahrelang als verlässlicher Antikommunist gestützt worden und hatte
gute Dienste geleistet. Dann aber wurde er zum Hindernis der neuen Anti-Drogen-Politik
der USA, da er selber in Drogengeschäfte verwickelt war. Man wollte den Diktator
loswerden, versuchte es diplomatisch und später über Boykottmaßnahmen, jeweils ohne
Erfolg. Es folgten ein Propagandakrieg und provozierte Zwischenfälle. Schließlich
stellte Panama den Kriegszustand mit den USA fest.
Zu diesem Zeitpunkt hatten die USA bereits einen »Enthauptungsschlag« gegen die
Regierung minutiös vorbereitet und General Colin Powell, seinerzeit Stabschef der US-
Streitkräfte, setzte die Aktion kurz vor Weihnachten 1989 auf Befehl von George Bush
(1989-1993) ins Werk. US-Truppen, insgesamt 24.000 Mann, besetzten die Hauptstadt
in einem heftigen Militärschlag. Der kurz zuvor zum Regierungschef ernannte Noriega
wurde verhaftet und sitzt seitdem in einem US-Gefängnis in Haft. Erst mit der neuen, von
den USA ins Amt gebrachten Regierung wurde die stufenweise Rückgabe der Kanalzone
an Panama gemäß den Torrijos-Carter-Abkommen durchgeführt und unter den Augen
der Besatzungsmacht verlief der Aufbau einer Demokratie, die sich in der Folgezeit als
tragfähig erweisen sollte.

Globalisierung
In Lateinamerika gelten die 80er-Jahre des 20. Jahrhunderts vielfach als ein verlorenes
Jahrzehnt (decada perdida). 7.wav wurden in dieser Zeit mehrere zählebige Diktaturen
durch demokratische Aufbrüche abgelöst, aber die Stagnation auf dem ökonomischen
Feld lähmte die Aufschwunghoffnungen. Die 90er-Jahre brachten mit dem Zusammen-
bruch des Ostblocks einen neoliberalen Siegeszug mit sich, der zwar funktionierende
Kooperationen ins Leben rief (Argentinien, Brasilien, Paraguay, Uruguay und seit
kurzem auch Venezuela im MERCOSUR; Kanada, die USA und Mexiko in der
Freihandelszone NAFTA), doch die mexikanische »Tequila-Krise« (1994/95) und der
finanzielle Zusammenbruch Argentiniens (ab 2001) ernüchterte Betroffene und selbst
die Ratgeber beträchtlich. Dem US-gestützten Neoliberalismus folgte ein lateinamerika-
nischer Neopopulismus, der inzwischen weite Teile der Großregion erfasst hat.
Seit dem Fall der Mauer findet zwischen den lateinamerikanischen Staaten eine
verstärkte innere Integration statt, die alte Konflikte abzubauen trachtet und die Zusam-
menarbeit verstärkt. Der klassischen nationalstaatlichen Außenpolitik der USA steht eine
zwar schwächere, aber flexiblere Kooperationspolitik der lateinamerikanischen Staaten
gegenüber. Die iberoamerikanischen Treffen der Staats- und Regierungschefs gewinnen
Unausweichliche Konfrontationen: Die lateinamerikanische Staaten weit und die USA 187

zunehmend an politischer Substanz, und wirtschaftliche Zusammenschlüsse wie der


MERCOSUR wirken stabilisierend und schaffen ein neues Gemeinschaftsbewusstsein.
Auch in der OAS konnten die lateinamerikanischen Staaten den Einfluss Washingtons
deutlich zurückdrängen, und das von den Vereinigten Staaten propagierte Projekt einer
gesamtamerikanischen Freihandelszone zerschlug sich schließlich, da die Befürchtung
einer eindeutigen US-Dominanz in diesem neuen Wirtschaftsraum zu übermächtig war.
Lateinamerika spielt in der neuen Globalpolitik der USA inzwischen eine unterge-
ordnete Rolle. Angesichts des Aufstiegs Ost- und Mittelasiens in wirtschaftlicher und
geostrategischer Hinsicht ist eine regelrechte Herabstufung der Bedeutung Lateinameri-
kas durch die letzten US-Regierungen augenfällig, was sich auch in den Budget-
positionen des US-Haushalts bemerkbar macht. Im Falle der endemischen Unruhen in
Haiti gaben die USA selbst der Teilnahme von Europäern an einer Frieden stiftenden
Intervention ihre Zustimmung, womit sie die ursprüngliche Monroe-Doktrin selbst
untergruben.
Diese hemisphärische Neuausrichtung hat in wenigen Jahren dazu geführt, dass sich
ein regelrechtes strategisches Bündnis mehrerer lateinamerikanischer Regierungen ge-
gen die USA herauskristallisierte (Hugo Chävez/Venezuela, Evo Morales/Bolivien,
Daniel Ortega/Nikaragua, Fidel Castro/Kuba), dem zuweilen die linken Regierungen
(u.a. Chile, Argentinien, Brasilien, Peru) sekundieren. Und auch bislang verlässliche
politische Erziehungsmaßnahmen verfehlen in Zeiten der Globalisierung ihre Wirkung
und führen zu weiterer Entfremdung. So hat die Bush (jun.)-Regierung denjenigen
Ländern militärisch-technische Hilfe entzogen, die eine Übereinkunft zur Immunität US-
amerikanischer Soldaten gegenüber dem Internationalen Gerichtshof verweigert hatten.
Doch anstatt nachzugeben, sahen sich die derart Gestraften nach Alternativen um, so dass
die Lücke an militärischer Expertise partiell von China geschlossen wurde und schließ-
lich Washington seine rigide Haltung mildern musste.
Lateinamerika legt mithin ein gewachsenes Selbstbcwusstsein an den Tag. Spanisch
hat inzwischen Englisch als meist gesprochene europäische Muttersprache überholt und
das starke Bevölkerungswachstum der »Hispanics« bzw. »Latinos« in den USA, die
aktuell auf ca. 40 Millionen Menschen geschätzt werden, deutet eine schleichende
Lateinamerikanisierung der Vereinigten Staaten an. Der mexikanische Schriftsteller
Carlos Fuentes sprach sogar von einer »Reconquista« und erregte damit den Zorn vieler
US-Amerikaner, die sich nunmehr regelrecht unterwandert sahen.
Die offenkundige Asymmetrie der Macht in den interamerikanischen Beziehungen
des vergangenen Jahrhunderts sollte daher nicht dazu verleiten, in tradierten Täter-Opfer-
Dichotomien zu denken. Das Verhältnis von Dominanz und Unterordnung war keines-
wegs immer eindeutig. Selbst die schwächsten Länder haben sich vielfach gegen die USA
durchsetzen können und ihre Interessen behauptet. Auch künftig werden Konfrontatio-
nen unausweichlich sein, zu unterschiedlich sind Ausgangsbedingungen, Einstellungen
und Zukunftsvorstellungen. Doch gleichzeitig sind die politischen, kulturellen und
wirtschaftlichen Verflechtungen inzwischen zu eng, als dass dauerhafte Verwerfungen
noch zuträglich sein dürften. Gegenseitiger Respekt, zu erarbeitendes Vertrauen und das
Bewusstsein, aufeinander angewiesen zu sein, wären die Bedingungen für ein tragfähiges
und gedeihliches Miteinander. Die bislang noch vage Idee einer transatlantischen,
Europa und den amerikanischen Kontinent umgreifenden Freihandelszone mag dazu

fc
188 Holger M. Meding

beitragen, die obwaltenden Ungleichgewichte auszubalancieren und künftigen Entwick-


lungen eine Vision zu geben.

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Stephan Scheuzger

Die Re-Ethnisierung gesellschaftlicher Beziehungen:


neuere indigene Bewegungen

Das letzte Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts brachte eine neue Sichtbarkeit indigener
politischer Präsenz in Lateinamerika. Hatten in den 60er-Jahren erst vereinzelte indigene
Organisationen bestanden, so nahm die Bildung von Zusammenschlüssen auf der
Grundlage indianischer Identitäten in den 70er-Jahren erkennbar zu, um im folgenden
Jahrzehnt eine rasche weitere Verbreitung zu erfahren. Im letzten Dezennium des
Jahrhunderts etablierten sich die indigenen Organisationen schließlich auf den Ebenen
der nationalen und der internationalen Politik. Indigene Massenkundgebungen in Ecua-
dor und Bolivien, der Friedensnobelpreis für die Maya Rigoberta Menchü Tum aus
Guatemala 1992, die Proklamation des »Jahres der indigenen Völker« durch die Verein-
ten Nationen 1993, der Aufstand der größtenteils von Indigenen gebildeten Guerilla-
Organisation des Ejercito Zapatista de Liberation National (EZLN) im südöstlichen
mexikanischen Gliedstaat Chiapas, Verfassungsänderungen in Kolumbien (1991), Me-
xiko (1 992), Peru (1993), Bolivien (1994) oder Ecuador (1998), welche die betreffenden
Staaten neu als plurikulturelle, multiethnische definierten, oder der Eintritt von Indigenen
in nationale Regierungskabinette, etwa in Guatemala oder Bolivien, waren über den
Subkontinent hinaus wahrnehmbare Zeichen für die sich verändernde politische Rolle
der indigenas in Lateinamerika. Die Entwicklung nahm in den ersten Jahren des neuen
Jahrhunderts ihren Fortgang und kulminierte vorläufig im Amtsantritt des Aymara und
Führers des Movimiento al Socialismo (MAS) Evo Morales als Präsident Boliviens im
Januar 2006.
Es erscheint angebracht, diese neue Sichtbarkeit nicht nur als eine Verlaufsform
organisatorischer Durchdringung der indigenen Bevölkerungen Lateinamerikas und
deren Kapazität zu verstehen, auf sich und ihre Anliegen aufmerksam zu machen. Die
indigenas waren in den vorangegangenen Jahrzehnten durchaus nicht jene apathischen,
passiven und erduldenden Gemeinschaften gewesen, als die sie von der nicht-indigenen
Gesellschaft gerne und einflussreich dargestellt wurden. Allerdings waren die Kämpfe
der Indigenen für ihre Interessen bis weit in die 70er-Jahre des 20. Jahrhunderts
vornehmlich in den Bewegungen der Kleinbauern und der Landarbeiter für Land,
gerechtere Löhne, Zugang zu Krediten oder für die Ausschaltung des Zwischenhandels
und fairere Preise aufgegangen. Als Teil der Bauernschaft mit gemeinsamen materiellen
192 Stephan Scheuzger

Interessen waren die Indigenen in den agrarischen Mobilisierungen ethnisch weitgehend


unsichtbar geblieben. Was sich ab den 70er-Jahren abspielte, war somit nicht ein
Erwachen der indigenen Bevölkerungen auf dem Subkontinent, sondern deren Übergang
zu neuen Strategien, welche Forderungen nach Verbesserungen der Lebensverhältnisse
immer deutlicher mit spezifischen kulturellen Anliegen verknüpften und ethnische
Differenz zum politischen Projekt machten. Indigene wurden als solche wahrnehmbar zu
sozialen und politischen Akteuren. In vielfältigen und regional je unterschiedlichen
Wechselwirkungen entstanden neue Diskurse, die soziale Beziehungen ethnisierten.

Indigene Frage und Indigenismus


Der »indio« ist nicht zu trennen von der Geschichte des Kolonialismus, er ist ein
koloniales Produkt. Seine Fremdbestimmung trägt er als geographische Verwechslung
offen im Namen. Als Abstraktion gesellschaftlicher und kultureller Vielfalt vor dem
kolonisierenden Selbst, als Reduktion auf die verallgemeinerte Andersheit ist der indio
ohne den Europäer nicht denkbar.
Die Ende des 15. Jahrhunderts einsetzende iberische Eroberung und Kolonialisierung
Amerikas veränderte die autochthonen Gesellschaften grundlegend. Kriege, Massaker,
die schonungslose Ausbeutung der Arbeitskraft, vor allem aber die von den Europäern
eingeschleppten Krankheiten verschuldeten unter den eingeborenen Bevölkerungen die
größte demographische Katastrophe der Weltgeschichte. Unter der von einer Kombina-
tion aus Machterweiterungsstreben, exploitativem Interesse und zivilisatorisch-missio-
narischem Sendungsbewusstsein getragenen kolonialen Beherrschung transformierten
sich politische Organisationsformen und soziale Systeme einschneidend. Angestammte
Siedlungsräume mussten aufgegeben werden, Land ging verloren. Die indios wurden zu
königlichen Untertanen, jedoch nicht als Gleiche, sondern festgelegt in der Differenz des
kolonialen Objekts: rechtlich gesondert behandelt, der Tutel und Protektion der Krone
unterstellt, von Gesetzes wegen räumlich segregiert und sozial auf der untersten Hierarchie-
stufc angesiedelt.
In der kolonialen Situation überlebten und entwickelten sich die indianischen
Kulturen als Kulturen des Widerstandes. Auch in den höchst asymmetrischen Machtver-
hältnissen kolonialer Beherrschung vollzog sich kultureller Wandel in Wechselbezie-
hungen. Es weitete nicht die Kultur des Kolonisierenden ihre Domäne in das schwinden-
de Terrain der kolonisierten Kultur aus; Europa projizierte sich nicht nur nach Amerika,
Amerika veränderte auch die Voraussetzungen der europäischen Projektion. Der Kultur-
kontakt ließ keinen der Beteiligten in seiner Ursprünglichkeit zurück. Vielmehr inter-
agierten das Selbst und der Andere in einer Weise, in der sich Eigenes ablöste,
entfremdete und umgestaltet weiterexistierte. Übernommene kulturelle Elemente wur-
den refunktionalisiert und reinterpretiert.
In den unabhängig gewordenen lateinamerikanischen Staaten galt die Kategorie des
»indio« als Relikt der Kolonie, die darüber einen Teil der Bevölkerung in Bevormundung
gehalten hatte, und als mit den Prinzipien bürgerlicher Gleichheit unvereinbar. Die
rechtliche Sonderstellung, die das koloniale System der indianischen Bevölkerung
zugewiesen hatte, wurde beseitigt und mit ihr auch der Schutz, der dadurch gewährt
Die Re-Ethnisierung gesellschaftlicher Beziehungen: neuere indigene Bewegungen 193

worden war. Im erfolglosen Bestreben, auch den kolonialen Begriff auszuräumen,


etablierte sich neben der Bezeichnung des »indio« die des »indigena«, des Eingeborenen.
Im theoretischen Individuum, um das herum die vorherrschende liberale Ideologie
aufgebaut war, universalisierte sich ein konkretes, europäisches Menschenbild: Der
citoyen des Liberalismus war weiß, besitzend und männlich. Mit dieser Folie ließ sich die
indigene Bevölkerung nicht zur Deckung bringen, die indigenas mussten als mit schwer
wiegenden gesellschaftlichen Defiziten behaftet erscheinen. In hoffnungsloser Rück-
ständigkeit vorgestellt, waren sie in den Augen vieler lateinamerikanischer Eliten ein
gravierendes Hindernis für die nationale Einheit und die anvisierte Entwicklung. Zu den
Strategien zur Behebung dessen, was zunehmend als »indigenes Problem« bezeichnet
wurde, gehörten insbesondere die Auflösung der kommunalen Grundbesitzformen der
indigenen Gemeinschaften, die Rassenmischung und Bildungsanstrengungen.
Die Beseitigung des von der Kolonie konzedierten juristischen Schutzes der indigenen
Bevölkerungen kulminierte in verschiedenen lateinamerikanischen Republiken in den
Gesetzen gegen den gemeinschaftlichen Bodenbesitz der indigenen Dorfgemeinschaf-
ten. Die indigenas sollten durch die Privatisierung des Eigentums aus den als archaisch
empfundenen Strukturen ihrer comunidades herausgelöst und dynamisiert werden. Statt
zu einer Verbreiterung einer bäuerlichen Mittelschicht führten diese gesetzlichen Maß-
nahmen indessen fast allerorts zur Ausdehnung des Latifundiums. Immer mehr Mitglie-
der indianischer Dorfgemeinschaften sahen sich angesichts der Bodenverknappung
gezwungen, sich als Arbeitskräfte auf den haciendas oder den Plantagen zu verdingen,
um ein Auskommen zu finden. Im Zeichen der dekretierten gesellschaftlichen Gleich-
heit - welche in der Regel auch rechtlich keine war, da den Indigenen, die der spanischen
Schriftsprache nicht mächtig waren, zentrale Bürgerrechte nicht zugestanden wurden -
verschlechterten sich die Lebensverhältnisse fürdie überwältigende Mehrheit der indigenen
Bevölkerungen im 19. Jahrhundert gegenüber einer bereits in der ausgehenden Kolonial-
zeit oft prekären Situation noch einmal drastisch.
Gleichheit wurde in den lateinamerikanischen Auffassungen über den Nationalstaat
mit Homogenität in eins gesetzt. Nur in der Einheitlichkeit der gesellschaftlichen Ideen
und Ziele schien Fortschritt verwirklichbar. Ein Vertrauen in das transformierende
Vermögen der Bildung war unter den lateinamerikanischen Liberalen dabei durchaus
vorhanden. Aber auch wer an die Wandelbarkeit des indigena durch Erziehung glaubte,
befürwortete zur Beschleunigung des vorgesehenen zivilisatorischen Prozesses oftmals
eine Rassenmischung - das privilegierte Rezept derer, welche die indios prinzipiell als
bildungsunfähig erachteten. Die Mestizierung wurde dabei noch kaum als zweiseitiger
Vorgang gedacht, sondern als Absorption der einen Rasse durch die andere, die zur
schließlichen »Verweißung« des indigenen Bevölkerungsanteils führen sollte. Die
europäische Immigration wurde entsprechend auch in Mexiko und den andinen Ländern
als Mittel propagiert, die Gesellschaften auf den Weg des Fortschritts zu bringen.
Der sich ab den 1860er-Jahren vielerorts im politischen Denken Lateinamerikas
ausbreitende Einfluss des Positivismus akzentuierte die Vorstellungen einer homogenen
Nation noch und konnte insbesondere in seiner sozialdarwinistischen Variante die
wahrgenommene Differenz der indigenen Bevölkerung in einer bis zum Rassismus
zugespitzten Konsequenz formulieren. Die Entwicklung des positivistischen Gedanken-
gutes in den lateinamerikanischen Kontexten brachte mit der weiteren Verwissenschaft-
194 Stephan Scheuzger

lichung des Diskurses über die Indigenen aber nicht nur kulturpessimistische Deter-
minismen hervor, sondern auch namhafte bejahende Visionen der Mestizierung und
nachdrückliche Plädoyers zugunsten der Bildung der indigenas.
Neben einer Politik der Integration, der letztlich allerdings auch die Auflösung der
indigenen Gemeinschaften in einer Mischlingsgesellschaft als Ziel zugrunde lag, betrie-
ben verschiedene lateinamerikanische Staaten an ihren Siedlungsgrenzen und bei der
Bekämpfung immer wieder aufflammender indigener Aufstände auch eine Politik der
Deportation und der Exterminierung.
Unter dem Begriff des Indigenismus werden landläufig verschiedenste Phänomene
der Hinwendung der sich selbst als nicht-indigen begreifenden Teile der Gesellschaft zu
den als indigen bezeichneten Bevölkerungen zusammengefasst, seien sie politischer,
administrativer, literarischer oder künstlerischer Natur. Der Indigenismus stand zudem
oft in einer engen Beziehung zu den sozialwissenschaftlichen - insbesondere anthropo-
logischen - Entwicklungen seiner Zeit. Er war ein Komplement der lateinamerikani-
schen Nationalismen und Modernisierungsintentionen und als solches ambivalent. Zum
einen sollte die indigene Bevölkerung in den nationalen Verband eingegliedert werden:
kulturell (wozu vor allem auch die sprachliche Integration gehörte) zur Herstellung einer
Identifikation unter diesen Volksgruppen mit dem Tun und dem Wollen der entworfenen
Nation, aber auch wirtschaftlich - als Produzenten und Konsumenten. Zum anderen
stellten die indigenen Kulturen, insbesondere als geschichtliche Reminiszenz vor-
spanischer Zivilisationen, den sich auf das europäisch-US-amerikanische Entwicklungs-
vorbild hin orientierenden lateinamerikanischen Gesellschaften bereits seit dem 19.
Jahrhundert eine Ressource nationaler Identität, eine Quelle der Unterscheidbarkeit und
des Stolzes in der universalisierenden Moderne zur Verfügung. Im diskursiven Zentrum
des Indigenismus stand in der Regel der Mestize, der Mischling, der neue Protagonist
nationaler Narrationen im ausgehenden 19. und einsetzenden 20. Jahrhundert. Die
Mestizierung war zugleich Voraussetzung und Projekt des Indigenismus.
Bedeutende Indigenismen gab es namentlich in Mexiko, Peru, Bolivien und Ecuador.
In Guatemalablieb der Indigenismus indessen schwach, obwohl das zentral amerikanische
Land über einen sehr hohen indigenen Bevölkerungsanteil und das historische Legat
einer vorspanischen Hochkultur verfügte. Die herrschenden weißen Eliten sahen sich in
der Lage, ihre Interessen - nicht zuletzt über die Ausübung von Gewalt - durchzusetzen,
ohne die indigene Bevölkerung in ein nationales Projekt einzubinden. Guatemala blieb
im 19. und 20. Jahrhundert eine dramatisch desintegrierte Nation.
In Peru erreichte der Indigenismus in den 20er-Jahren des 20. Jahrhunderts einen
ersten politischen und künstlerisch-literarischen Höhepunkt. Von einer Vielzahl ver-
schiedener Positionen aus wurde das Problem der nationalen Einheit eingekreist, mit
unterschiedlichen Gewichten auf einer andinistischen Rückwendung zum historischen
Inkareich oder auf einer neuen Mestizenkultur. Ein Merkmal dieser Phase des peruani-
schen Indigenismus stellten dessen stark sozialkritische Tendenzen und der prominente
Einbezug marxistischen Gedankengutes dar.
Der mexikanische Indigenismus entwickelte sich im 20. Jahrhundert im Kontext des
Aufbaus der postrevolutionären Gesellschaft ab den 20er-Jahren und des neuen mexika-
nischen Nationalismus. Seine (latein)amerikanische Vordenkerrolle etablierte er 1940
mit der Abhaltung des Ersten Interamerikanischen Indigenistischen Kongresses in
Die Re-Ethnisierung gesellschaftlicher Beziehungen: neuere indigene Bewegungen 195

Pätzcuaro, wo er den Grundton des indigenistischen Selbstverständnisses für die nächs-


ten Jahrzehnte vorgab. Die Integration, die hier entworfen wurde, sollte die Indigenen in
die westliche Kultur mit ihren wissenschaftlichen und technologischen Errungenschaf-
ten einschließen und ihnen damit die Möglichkeiten in die Hand geben, ihrer vermeint-
lichen Stagnation und ihrer unzweifelhaft lastenden Armut zu entkommen und zur
Entwicklung der nationalen Gesellschaften beizutragen. Dem Assimilationismus wurde
dabei die Spitze gebrochen, die Programmatik der Eingliederung der indigenen Bevöl-
kerungen verlor an Unilateralität und zeichnete sich durch ein integraleres Verständnis
der im Kulturkontakt ablaufenden Wechselwirkungen aus. Der normative Kern des
Indigenismus blieb dabei jedoch unangetastet: Die indios sollten mexikanisiert, peruanisiert
oder bolivianisiert werden. Bevor der mexikanische Indigenismus ab den 40er-Jahren
zunehmend an politischer Virulenz verlor und als Lenkungsorgan des Kulturwandels
seiner Bürokratisierung in der forcierten Modernisierungspolitik der Nachkriegszeit
entgegenging, hatte der »indigena« in der mobilisierenden Politik der Präsidentschaft
von Lazaro Cärdenas (1934-1940) noch deutlich stärkere Umrisse einer sozialen
Kategorie erhalten.
Der Indigenismus in Bolivien war in der zweiten Jahrhunderthälfte durch die
Revolution von 1952 geprägt. Dafür, dass aus einem geplanten Putsch des Movimiento
National Revolucionario (MNR) eine Massenbewegung wurde, die die oligarchische
Herrschaft im Land brach, waren maßgeblich gewerkschaftlich organisierte indigene
Bergarbeiter und Bauern verantwortlich gewesen. Die analphabetische indigene Bevöl-
kerung erhielt das Wahlrecht, Indigene nahmen Einsitz in der Regierung und auf Druck
der Gewerkschaften wurde eine Agrarreform durchgeführt, welche die haciendas enteig-
nete. Die indigene Bevölkerung entfremdete sich den staatlichen Institutionen in der
Folge allerdings zusehends wieder. Die postrevolutionären Regime Boliviens bauten ihre
nationalistische Ideologie um eine mestizische Identität herum auf und ließen in ihrem
Diskurs - und damit auch in ihrer Gesetzgebung - die indios jenseits ethnischer Diffe-
renz im campesino aufgehen. Gleichzeitig blieben für die indigene Bauernschaft ökono-
mische Verbesserungen größtenteils aus.
Auch der staatliche peruanische Indigenismus verfolgte in den 50er- und 60er-Jahren
die Integration der indigenas in die auf die Modernisierung verpflichtete nationale
Gesellschaft durch den gelenkten Kulturwandel. Die durch den Militärputsch 1968
eingeleitete so genannte »Peruanische Revolution« nahm zwar in ihrer nationalistisch-
autoritären Rhetorik wieder verstärkt Bezug auf eine inkaische Vergangenheit. Neben
diesen politisch interessierten Reanimierungsversuchen eines historischen Erbes richtete
sich in den 70er-Jahren der offizielle Reformdiskurs der Militärregierungen auf dem
flachen Land an eine ethnisch ununterschiedene Bauernbevölkerung.

Indigene Konturen

Die allgemeinen demographischen Umrisse der indigenas blieben trotz der neuen
politischen Sichtbarkeit auch im ausgehenden 20. Jahrhundert undeutlich. Zahlen über
indigene Bevölkerungsstärken waren Schätzungen, die je nach Quelle erheblich variieren
konnten und nicht frei von politischen Intentionen waren. Die generelle ausgewiesene
196 Stephan Scheuzger

demographische Entwicklung der indigenen Bevölkerungen zeigte jedoch den gleichen


Trend des Wachstums wie die lateinamerikanischen Gesellschaften insgesamt. Dabei
übertrafen die Zuwachsraten indigener Bevölkerungsteile nicht selten die nationalen
Durchschnitte ihrer Länder. Andererseits verschwanden aberauch immer wieder Ethnien;
gemäß einer Angabe in ganz Amerika jedes Jahr eine (Wearne 1996:191).
Außer in den karibischen Inselstaaten gibt es in jedem lateinamerikanischen Land
eine indigene Bevölkerung. Für das letzte Dezennium des 20. Jahrhunderts gingen solide
Schätzungen für den Subkontinent von zwischen 34 und 40 Millionen Indigenen aus, was
einem ungefähren Anteil an der Gesamtbevölkerung von zwischen 8 Prozent und 10
Prozent entsprach (Assies 2000:4; Psacharopoulos/Patrinos 1994:26; Stavenhagen
1997:16; Yashar 1995:91). Realistisch kann für das ausgehende letzte Jahrhundert in
zwei lateinamerikanischen Staaten von einer indigenen Bevölkerungsmehrheit gespro-
chen werden: in Bolivien und Guatemala - mit ungefähren Anteilen von 55 Prozent bzw.
60 Prozent Indigenen an der Gesamtbevölkerung (Allebrand 1997:71; Nohlen 2002:122,
349; Psacharopoulos/Patrinos 1994:98). Große indigene Bevölkerungsanteile von über
einem Drittel wiesen Ecuador und Peru aus. In Mexiko lag dieser geschätzte Anteil
zwischen 12 Prozent und 15 Prozent, was rund zehn Millionen Menschen entsprach und
damit die in absoluten Zahlen bedeutendste indigene Bevölkerung in Lateinamerika
darstellte (Yashar 1995:91, 92). Für Brasilien als bevölkerungsreichstes Land des
Subkontinents bewegen sich die Schätzungen über den indigenen Bevölkerungsanteil
zwischen 0,2 Prozent und 0,5 Prozent (Psacharopoulos/Patrinos 1994:28; Wearne
1996:5). Gleichzeitig war Brasilien das lateinamerikanische Land, das mit großem
Abstand am meisten indigene Gruppen auf seinem Territorium vereinigt.
Die meistverwendeten Unterscheidungsgrundlagen zur Bestimmung indigener Grup-
pen waren linguistische Merkmale, die jedoch ob kontrovers diskutierter Sprachgrenzen
zu stark divergierenden Eintei lungen führen konnten. Die allgemein akzeptierte Zahl von
400 indigenen Gruppen für Lateinamerika (Stavenhagen 1997:16, Yashar 1995:91)
signalisierte auch die letztlich summarische Basis, auf der die Quantifizierung ethnischer
Diversität ruhte. Die größte dieser Gruppen war die Quechua-sprachige (in Peru,
Bolivien, Ecuador, im südlichen Kolumbien sowie im nördlichen Chile und Argentini-
en), gefolgt von der Maya-sprachigen (in Südmexiko, Guatemala, Belize und Honduras).
Die am dritt- und viertmeisten gesprochenen indigenen Sprachen Lateinamerikas waren
das Aymara (in Peru und Bolivien) und das Nähuatl (vornehmlich in Mexiko, aber auch
in Zentralamerika). Diesen millionenstarken Sprachgemeinschaften standen am anderen
Ende der Skala Mikroethnien gegenüber, wie sie namentlich im Amazonas-Gebiet
existierten.
Gerade der Blick auf die kolonialen und postkolonialen Ursprünge der Kategorien
des indio und des indigena vermögen die Einsicht in die Eigenschaft von Indianität und
Indigenität als kollektive Repräsentationen von Differenz zu fördern. Als soziale Kon-
struktion war der Indigene von historischen Kontexten abhängig und musste sich allen
definitorischen Fixierungen zuerst durch bestimmte rassische und später kulturelle
Eigenschaften entziehen. Die Sprache beispielsweise - aufgrund ihrer relativen Vorzüge
in der Operationalisierbarkeit das landläufig prominenteste Bestimmungsmerkmal eth-
nischer Identität, insbesondere bei Volkszählungen - unterschlug all jene Gruppen, die
ein ethnisches Selbstbewusstsein beanspruchten, ohne eine indigene Sprache zu spre-
Die Re-Ethnisierung gesellschaftlicher Beziehungen: neuere indigene Bewegungen 197

chen. Sie schuf aber über die notwendige Kategorie der Zweisprachigkeit vor allem auch
einen unter Umständen ausgedehnten Bereich statistischer UnUnterscheidbarkeit: In
verschiedenen Gebieten Lateinamerikas war auch ein mitunter beträchtlicher Teil der
nicht-indigenen Einwohner des lokal oder regional dominierenden indigenen Idioms
mächtig, in Paraguay war und ist Guarani sogar eine Nationalsprache und wurde von
praktisch der gesamten Bevölkerung beherrscht; umgekehrt wurde der Spracherwerb von
Individuen gerade auch als Mittel gesehen, sich von einer stigmatisierten Existenz als
indio zu distanzieren.
Die akademisch dominierende Auffassung von der Konstruiertheit ethnischer Gren-
zen, von der Ethnizität nicht als Gegebenheit eines Bündels kultureller Charakteristika,
sondern als in der Auseinandersetzung mit einer sozialen Umwelt immer wieder neu
geschaffener Identität kontrastiert mit den Ansprüchen der ethnischen Akteure selbst
(Avruch 2003:72; Sierra 1997:131; vgl. auch Warren/Jackson 2002:3-13). Nachdem der
Rassebegriff bereits viel früher zur Bestimmung des Indigenen entwertet worden war,
begann noch vor der Mitte des 20. Jahrhunderts die anthropologische Forschung in
Lateinamerika, auch Vorstellungen einer indigenen kulturellen Authentizität den Boden
zu entziehen. Die Suche nach der Herkunft kultureller Manifestationen verästelte sich in
den Spuren der Wechselwirkungen zwischen den Kulturen bis zur Unübersichtlichkeit.
Indigenes Gewohnheitsrecht, Trachten, Riten, Anbauverfahren, politische Organisati-
onsformen, Ernährungsgewohnheiten und andere traditionell eingesetzte Elemente eth-
nischer (Auto-)Identifikation enthüllten bei näherer Betrachtung von kolonialen und
postkolonialen Einflüssen maßgeblich mitgeprägte Entwicklungen. Damit brauchte
nicht indigener Identitätsverlust cinherzugehen. Gruppenidentitäten können sich über
wandelnde kulturelle Eigenschaften ebenso reproduzieren wie über ein resolutes Festhal-
ten an denselben (Adams 1991:200). Eine Ethnie ist nicht der Ausdruck einer kulturellen
Essenz.
Analytisch ist der Gegensatz zwischen konstruktivistischen Konzepten der Ethnie
und dem Rekurs auf einen festen Identitätskern durch ethnische Diskurse selbst über
ihren Konnex in der Geschichte zu überwinden, dem Stoff, aus dem Ethnizität ist.
Ethnizität ist ein kulturelles Phänomen und steht als solches in der Geschichte - auch
wenn es stets zu den Strategien ethnischer Mobilisierung gehört hat, die Ethnie als eine
natürliche Gemeinschaft vorzustellen. Der Konstituierung ethnischer Identität lag eine
hochgradig selektive Lektüre der Geschichte zugrunde. Ereignisse der Vergangenheit
wurden ausgewählt und in eine sinnvolle Genealogie eingedeutet, ein Phänomen, das als
Erfindung von Tradition in der Historiographie ausführlich diskutiert worden ist
(Hobsbawm 1992). Der Akt der Erfindung bezeichnet dabei nicht einen epistemologi sehen
Gegensatz zu einem Auffinden von Geschichte, sondern eine eng fokussierte Verbindung
der selbstverständlichen Mechanismen des Erinnerns, des Ausblendens und des Interpre-
tierens. Ethnie als kollektive Vorstellung, als in der Interaktion mit anderen sozialen
Gruppen konstruierte zu verstehen, kann also nicht bedeuten, die zur Ein- und Ausgrenzung
mobilisierten kulturellen Inhalte als unerheblich zu begreifen. Diese sind zwar außeror-
dentlich wandelbar, aber keineswegs beliebig. Andererseits sind Geschichten, Mythen
und Symbole weder präexistent, noch sprechen sie für sich. Ihre Auswahl und Bedeutung
werden permanent ausgehandelt, in der Auseinandersetzung mit einer gesellschaftlichen
Umwelt. Ethnienbildung erfolgte in einem Machtzusammenhang.
198 Stephan Scheuzger

Im Zusammenhang der neueren indigenen Bewegungen im Lateinamerika des späten


20. Jahrhunderts manifestierte sich der Umstand, dass Ethnizität nicht aus sich selbst
heraus, sondern im Spiel von Eigen- und Fremdzuschreibungen entsteht, vielleicht am
deutlichsten in einer in den 70er-Jahren aufgekommenen panindianistischen Ideologie, die
mit ihrer Grenzziehung zwischen indios und Nicht-indios bis in die Selbstbezeichnung
hinein das koloniale Alteritätsmuster reproduzierte: »Wenn Indio der Name gewesen ist,
mit dem wir unterworfen worden sind, wird Indio der Name sein, mit dem wir uns erheben
werden.« (Manifiesto del Movimiento Indio Pedro Vilca Apaza, Peru, zitiert nach: Barre
1983:18). Ecuadorianische indigene Bewegungen nahmen in ihrer Programmatik das vom
nationalen indigenistischen Diskurs etablierte Bild einer traditionell kooperativen Produk-
tionsweise der indigenen Gemeinschaften auf, um ihren Landforderungen bessere Aussich-
ten zu verleihen - auch wenn die dortige indigen-bäuerliche Wirtschaft in erster Linie auf
dem Privatbesitz von Grund und Boden basierte (Frank 1993:61). Die Diskurse mexikani-
scher indigener Organisationen bewegten sich oftmals im gleichen national Identität
stiftenden und maßgeblich von den staatlichen Institutionen aus verwalteten imaginario der
Mexikanischen Revolution, der auf der anderen Seite auch den indigenistischen Diskurs der
Integration alimentiert hatte (vgl. Cartade Pätzcuaro, zitiert nach: Bonfil Batalla 1981:373,
374; vgl. Wimmer 1993:139,140). Der Patriotismus des EZLN in Chiapas unterstrich, dass
diese Tatsache keineswegs in Funktion politischer Nähe zum Staat zu begreifen ist. Die
ethnischen Bewegungen waren darauf angewiesen, sich verständlich zu machen - in den
Worten eines Maya-Aktivisten: »Wenn wir uns austauschen, sogar wenn wir unsere
Forderungen stellen, müssen wir dies in einer Art und Weise tun, dass uns der Rest der
Gesellschaft versteht.« (Wearne 1996:15)

Strukturelle Ursachen

Mitte der 80er-Jahre waren in praktisch allen lateinamerikanischen Ländern indigene


Bewegungen entstanden. Entsprechend der unterschiedlichen nationalen und regionalen
Kontexte, aus denen die ethnischen Beziehungen hervorgegangen waren, wiesen diese
Bewegungen ein breites Spektrum von ideologischen Grundlagen, Programmatiken,
Strategien und Reichweiten auf. Es kann an dieser Stelle nur darum gehen, einige
Gemeinsamkeiten in der Vielfalt zu umreißen.
Im Zentrum der strukturellen Ursachen für das Aufkommen indigener ethnischer
Bewegungen standen die wirtschaftliche Lage des allergrößten Teils der indigenen
Bevölkerungen und, damit verbunden, deren untergeordnete, dominierte gesellschaftli-
che Position. Armut und Illiteralität, aber auch eine von lateinamerikanischen Sozial-
wissenschaftlern unter dem Einfluss der Dependenztheorien postulierte anhaltende
koloniale Situation sind immer wieder als Variablen zur Bestimmung des indio herange-
zogen worden.
Eine Studie der Weltbank aus der Mitte der 90er-Jahre bezeichnete die indigene
Bevölkerung Lateinamerikas als »ernstlich benachteiligte Gruppe« und hielt als Haupter-
gebnis fest, dass die meisten Indigenen auf dem Subkontinent in »extremer Armut« lebten
(Psacharopoulos/Patrinos 1994:xvii,xviii). Indigene Arbeitnehmer verdienten in Ländern
wie Mexiko oder Peru auch bei gleicher Ausbildung und Berufserfahrung in den gleichen
Die Re-Ethnisierung gesellschaftlicher Beziehungen: neuere indigene Bewegungen 199

Beschäftigungssektoren markant weniger als nicht-indigene. Die Lebensbedingungen der


indigenen Bevölkerungen waren allgemein als elend zu beschreiben, ihr Zugang zu
fließendem Wasser, sanitären Einrichtungen und Elektrizität war deutlich eingeschränkter
als der der restlichen Bevölkerung. Indigene wurden häufiger krank und hatten eine
schlechtere medizinische Versorgung. In einzelnen indigenen Gemeinden Boliviens starb
jedes dritte Kind. Namentlich im Amazonas-Gebiet wurden zudem noch im ausgehenden
20. Jahrhundert indigene Gemeinschaften durch von Fremden eingeführte Krankheiten
dezimiert, gegen die sie über keine Immunabwehr verfügten. Indigene wiesen in der Regel
niedrigere Einschulungsraten, eine im Durchschnitt weniger lange schulische Ausbildung
und höhere Analphabetenraten auf. Im ländlichen Guatemala konnten 80 Prozent der
indigenen Bevölkerung nicht lesen und schreiben (Psacharopoulos/Patrinos 1994).
Weitere strukturelle Momente lassen sich anführen. Trotz einer formellen Gleichheit
vor dem Gesetz wurden Indigene durchschnittlich öfter Opfer von Menschenrechtsver-
letzungen (vgl. Stavenhagen 1988) - das notorischste Beispiel in den 70er- und 80er-
Jahren stellte dabei zweifellos das Guatemala des Bürgerkriegs dar, wo die Militärdik-
taturen zeitweise eine eigentliche Politik des Genozids den indigenen Gemeinschaften
gegenüber verfolgten (vgl. Comisiön para el Esclarecimiento Histörico 2004). Zudem
waren die indigenen Bevölkerungen in den politischen Institutionen in Lateinamerika,
insbesondere auf nationaler Ebene, eklatant unterrepräsentiert.
Als erste namhafte Organisation, die den neuen lateinamerikanischen indigenen
Bewegungen zugeordnet werden kann, entstand in den 60er-Jahren in Ecuador die
Federaciön de Centros Shuar. Was sie später bisweilen als prototypisch erscheinen ließ,
war die Verbindung ihres Kampfes um materielle Interessen mit einer reklamierten
ethnischen Differenz, einer eigenen indianischen Identität. Auch wenn die anderen beiden
bekannten frühen indigenen Organisationen, der Consejo Regional Indigena del Cauca
(CRIC) in Kolumbien und der Movimiento Katarista in Bolivien, ihr Einzugsgebiet im
andinen Raum hatten, war es nicht nur ein Zufall, dass sich dieser erste bedeutende
Zusammenschluss im Amazonas-Tiefland gebildet hatte. Die indigenen Gruppen sahen
sich hier einem wachsenden Druck auf ihre Territorien einerseits durch Siedler und
andererseits durch Unternehmen ausgesetzt, welche die natürlichen Ressourcen ausbeu-
ten wollten. Im Vergleich zu den größeren indigenen Bevölkerungssegmenten im Anden-
hochland oder in Mesoamerika waren sie aber ungleich unvollständiger in die übrige
Gesellschaft integriert und besaßen insbesondere kaum organisatorische Erfahrungen in
Bauernbewegungen und Gewerkschaften. Während vielerorts im Lateinamerika der
60er- und 70er-Jahren Indigene ihre Kämpfe innerhalb der Bauern- und Landarbeiter-
schaft entlang der Linien der Klassenidentität austrugen - und somit ethnisch unsichtbar
blieben -, formulierten Gruppen in der Amazonas-Region bereits Forderungen nach
Territorien (statt nach Land) und nach Autonomie (Assies 2000:7; Blum 1995:254-260).

Klasse und Ethnie

In den 70er-Jahren zeichnete sich eine breite ethnisch ausgerichtete Ablösungsbewegung


von den Klassendiskursen der Bauernverbände und Gewerkschaften ab, in denen
allerdings nach wie vor ein Großteil der organisierten Indigenen zusammengefasst blieb.
200 Stephan Scheuzger

Eine bemerkenswerte Ausnahme von dieser Tendenz bildete dabei das andine Peru (Albö
1995:417,418).
Das Verhältnis von Klasse und Ethnie stellte sich als ausschließendes dar. Bis in die
Dorfgemeinschaften hinein konnten die Trennungen zwischen den Mitgliedschaften in der
indianischen oder in der Klassenorganisation reichen, in Ecuador etwa der Confederaciön
de Nacionalidades lndigenas del Ecuador (CONAIE) und der Confederaciön Ecuatoriana
de Organizaciones Clasistas (CEDOC). Indigene Bewegungen konnten sich häufig nicht
über ihre Beziehungen zu den Klassenorganisationen einigen und begegneten den traditio-
nellen politischen Kräften mit misstrauischer Skepsis oder offener Ablehnung. Sehr oft
hatten ihre Basis und ihre Führer in der Vergangenheit erfahren müssen, dass die Linke sich
spezifisch indigenen Anliegen gegenüber kaum weniger blind und von evolutionistisch-
integrationistischen Ideen geleitet gezeigt hatte als deren liberale und konservative Wider-
sacher. Dass sich linke Parteien und Gewerkschaften ihrerseits vielfach schwertaten in ihrer
Positionierung vor ethnischen Postulaten, besaß einen Ursprung im Argument, ethnische
Politik berge die Gefahr, soziale Bewegungen zu spalten. Der bis in die Gegenwart
geäußerte Vorbehalt (Allebrand 1997:132, 133) ist nicht nur als Relikt marxistischer
Dogmatik abzutun, er hat auch Indizien auf seiner Seite: Gewisse Regierungen scheinen in
beschränkten Konzessionen an ethnische Forderungen durchaus auch die Möglichkeit
einer Ventilfunktion für die Ableitung eines größeren sozialen Drucks gesehen und
ethnische Mobilisation als das geringere Übel betrachtet zu haben (Wearne 1996:176).
Hinter den Entscheidungen, die Identitätspolitik zu verlangen scheint, gestalten sich
die Beziehungen zwischen Klasse und Ethnie indessen weit durchlässiger. Ethnische
Differenzierungen konnten die Entstehung eines Klassenbewusstseins unterstützen
(Schryer 1990:247-250), Klassenorganisationen halten Anteil an der Generierung ethni-
schen Selbstvcrständnisses. Die am Klassengegensatz orientierten Bauernverbände und
Gewerkschaften standen nicht einfach nur in einer hemmenden Konkurrenz zu den
aufkommenden indigenen Bewegungen, sondern reihten sich als wichtige Faktoren in
deren Entstehungsgeschichte ein. Viele indigene Kleinbauern und Landarbeiter, aber
insbesondere auch zukünftige Kader, waren in diesen Organisationen überhaupt erst
politisiert worden. Die lateinamerikanischen indigenen Bewegungen können den new
social movements zugerechnet werden (vgl. Fowerakcr 1995), und als Teil dieser
Netzwerke haben sie sich wiederholt auch in Allianzen mit nicht ethnisch konstituierten
Bewegungen zusammengeschlossen. In Mexiko gehörten beispielsweise zahlreiche
indigene Organisationen dem Dachverband unabhängiger Bauernbewegungen Coor-
dinadora Nacional Plan de Ayala (CNPA) an. Die Identitäten überlagerten sich. In Peru
übernahm die Umgangssprache im Hochland die vom offiziellen Diskurs forcierte
Bezeichnung des »campesino«, übertrug auf ihn aber einfach die bisherige Bedeutung
von »indio«, was die semantische Intention der ethnischen Neutralisierung ins Leere
laufen ließ; wer sich als nicht-indigener Bauer verstand, bezeichnete sich als »agricultor«
(Albö 1995:419,420). Die mexikanische Coaliciön Obrera Campesina y Estudiantil del
lstmo (COCEI) führte vor, wie Bewegungen politisch gezielt die in den Schnittflächen
sozialer und ethnischer Diskurse entstandenen Mehrdeutigkeiten nutzen und, statt sich
um endgültige Abgrenzung zu bemühen, situationsabhängig zwischen den Identitäten
zirkulieren konnten (Scheuzger 2005) - und damit Auffassungen stützen, wonach gerade
die (hybride) Verbindung von Klasse und Ethnizität politisch effektiv ist (vgl. Bell 1976).
Die Re-Ethnisierung gesellschaftlicher Beziehungen: neuere indigene Bewegungen 201

Momente der Ethnisierung


Das Aufkommen der neueren indigenen Bewegungen gehört zweifellos im Zusammen-
hang der Demokratisierungsprozesse analysiert, die zwischen den 70er- und den 90er-
Jahren verschiedene politische Systeme in Lateinamerika unter unterschiedlichen Vor-
aussetzungen, in unterschiedlicher Intensität und zu unterschiedlichen Zeitpunkten
erfassten. Es öffneten sich neue Räume politischer Ausdrucksmöglichkeiten und Parti-
zipation. Zwar zeigten sich lateinamerikanische Regierungen nach wie vor bereit,
vehement und mit gewaltsamen Mitteln auch auf ethnische Mobilisierungen zu reagie-
ren - oder mindestens von Dritten ausgehende Gewalt gegen ethnische Gruppen und
Zusammenschlüsse zu tolerieren -, wenn sie vitale politische oder wirtschaftliche
Interessen in Gefahr sahen. Die Repression war jedoch zu einer zunehmend problema-
tisch zu handhabenden Option geworden.
Einen zweiten umfassenderen, mit den demokratischen Transformationen verzahnten
Kontext des indigenen Aufbruchs stellten die neoliberalen Strukturanpassungsprogramme
dar, die verschiedene lateinamerikanische Regierungen ihren Ländern verordneten. Der
vormals interventionistische Staat zog sich - öfters ungeordnet - aus zahlreichen gesell-
schaftlichen Bereichen zurück und begann sich zu dezentralisieren. Die Erodierung
traditioneller paternalistischer Muster indigenistischer Politik wurde dadurch weiter be-
schleunigt: 1980 hatte der Achte Interamerikanische Indigenistische Kongress im mexika-
nischen Merida subkontinentweit die Kritik am integrationistischen Indigenismus
offizialisiert. Verkündet wurde nun allenthalben ein »partizipativerlndigenismus«, der den
indigenen Gemeinschaften eine größere Mitverantwortung an den sie betreffenden
Entwicklungsprogrammen versprach. Gleichzeitig wurde die Liberalisierung der Märkte
unter den Bedingungen der wirtschaftlichen Krise der 80er-Jahre für viele indigene
Gemeinschaften zu einer ernsthaften Bedrohung. Überkommene korporatistische Struktu-
ren, die einen gewissen Schutz geboten hatten, lösten sich auf. Insbesondere indigenes Land
geriet durch Privatisierungsgesetze unter noch stärkeren Druck, beispielsweise in Ecuador
oder in Brasilien, aber auch in Mexiko, wo die Revision des entsprechenden Verfassungs-
artikels zu einem der Auslöser für den Aufstand des EZLN wurde.
Der Rückzug des neoliberalen Staates löste diesen darüber hinaus vielerorts zuneh-
mend von der Nation ab. Der staatlich repräsentierte Anspruch der homogenen Nation
war immer schwieriger aufrechtzuerhalten, die Modernisierungsvorstellungen, an wel-
che die lateinamerikanischen Nationalismen gekoppelt gewesen waren, zerbrachen
allerspätestens in der »verlorenen Dekade« der 80er-Jahre. Mit dem Erstarken der
Zivilgesellschaften manifestierten sich auch differente Identitäten, die einen Platz in der
Nation beanspruchten.
Die sich mit wachsendem Selbstbewusstsein auf eine kulturelle Andersheit berufen-
de Formierung indigener Bewegungen war Teil einer internationalen politischen Auf-
wertung ethnischer Zugehörigkeiten. Wichtige hemisphärische Signale wurden dabei
von den indianischen Mobilisierungen in den Vereinigten Staaten und in Kanada nach
Lateinamerika ausgesandt. In den USA nahmen im Zusammenhang mit der Bürger-
rechtsbewegung in den 60er- und 70er-Jahren indianische Proteste spürbar zu. Neben
Aktionen, denen die Anliegen einzelner Gruppen zugrunde lagen, entstand in der so
genannten »Red Power«-Bewegung auch ein supratribales ethnisches Bewusstsein, das
202 Stephan Scheuzger

seinen prominentesten organisatorischen Ausdruck im American Indian Movement


(AIM) fand (Nagel/Snipp 1993:219, 220).
Seit dem Ende der 60er-Jahre sah sich zudem die Anthropologie in den Vereinigten
Staaten und in Europa dem Vorwurf ausgesetzt, eine Wissenschaft im Dienst der
(neo-)kolonialen Beherrschung der Dritten Welt zu sein. Vor allem unter dem expandie-
renden Einfluss des Marxismus auf dem Subkontinent und wissenschaftlich insbesonde-
re auf dependenztheoretische Ansätze gestützt, wurde der indigenistische Konsens
vielerorts in Lateinamerika offen aufgekündigt. Staatlich verwalteten Indigenismen
wurden ethno- und genozide Praktiken vorgeworfen, kritische Anthropologen forderten
eine Beendigung der integrationistischen Programme, die sie als Politik ethnozentrischer
Akkulturation disqualifizierten. Unter den Stichwörtern der autogestiön und des
etnodesarrollo setzten sie sich für eine selbstbestimmte indigene Entwicklung ein, die auf
einem Recht auf kulturelle Differenz gründen sollte.
In Mexiko initiierte der Staat im Zeichen des - auch als Reaktion auf diese Kritik -
neu entworfenen partizipativen Indigenismus, aber vor allem auch im Bestreben, die
aufkommenden indigenen Bewegungen mit der ganzen kooptativen Routine des Re-
gimes des Partido Revolucionario Institucional (PRI) unter seine Kontrolle zu bringen,
Mitte der 70er-Jahre die Bildung der beiden großen nationalen Organisationen Consejo
National de Pueblos Indigenas (CNPI)und Alianza National de Profesionistas Indigenas
Bilingües A.C. (ANPIBAC). Obwohl »von oben« installiert, entwickelten sich diese
Verbände nicht einfach zu Agenturen des offiziellen Indigenismus, sondern zeigten
neben staatlicher Einflussnahmc auch deutliche Unabhängigkeitsbestrebungen. In die-
sem Spannungsfeld wurden sie zu durchaus wichtigen Kristallisationskernen ethnischen
Bewusstseins und relevanten Vertretern indigener Anliegen.
Auch andernorts in Lateinamerika wirkten staatliche Organismen als Katalysatoren
ethnischer Mobilisierung. In Bolivien entstand der Movimiento Katarista, der sich in eine
gewerkschaftliche, eine parteipolitische und eine kulturelle Strömung mit je eigenstän-
digen Organisationen aufteilte, aus den Strukturen der im Pacta Militar-Campesino eng
an den von der Armee kontrollierten Staat gebundenen offizialistischen Bauernverbände
(Ströbele-Gregor 1994:464, 465).
Neben der Anthropologie und dem Staat sind als weitere Instanzen, die von außen
direkt und mitentscheidend zur Bildung indigener Zusammenschlüsse beitragen konn-
ten, mindestens noch die Kirche und die Nichtregierungsorganisationen zu nennen.
Obwohl die Kirche durch die Missionierung eng mit der Geschichte der Kolonialisierung
verbunden war, spielten in vielen regionalen Zusammenhängen progressive, oft an der
Befreiungstheologie orientierte Teile der katholischen Kirche, aber bisweilen auch
Repräsentanten protestantischer Glaubensgemeinschaften eine zentrale Rolle in der
Organisierung indigener Interessen. Wachsende Resonanz für ethnische Anliegen gab es
auch auf den sich vervielfältigenden internationalen Plattformen für Problematiken der
so genannten Dritten Welt, und in den sich dazwischen aufspannenden Diskursen,
namentlich zum Thema Menschenrechte.
Die Formulierung der indigenen Forderungen entwickelte sich ab den 70er-Jahren
nicht zuletzt in den Wechselwirkungen mit einer anhebenden Diskussion über die Rechte
nationaler Minderheiten und autochthoner Bevölkerungen, die in verschiedenen Gremi-
en der Vereinten Nationen (vgl. Martinez Cobo 1987), in der Internationalen Arbeitsor-
Die Re-Ethnisierung gesellschaftlicher Beziehungen: neuere indigene Bewegungen 203

ganisation (vgl. International Labour Organisation 1992) oder von Nichtregierungs-


organisationen geführt wurde.
Die historischen Beziehungen der Linken zu den indigenen Bewegungen waren um
ein Vielfaches komplexer, als es etwa die sich hartnäckig haltende Prämisse unterstellte,
gemäß welcher der Marxismus, um eine ethnische Problematik wirklich zu verstehen,
unmarxistisch werden müsse. In praktisch allen Ländern Lateinamerikas hatte die Linke
in der Vielzahl ihrer Bekenntnisse Beiträge zur Organisation indigener Gruppen geleis-
tet - auch dort, wo im Dogma unterentwickeltes sozialistisches Gedankengut ethnische
Anliegen im Basis-Überbau-Schema aufzulösen gesucht, seinen politischen Anteil an der
Ausblendung indigener Identität im campesino gehabt hatte und sich die politisierten
Kohäsionen erst später ethnisch definierten. Und es waren auch eminente ideologische
Einflüsse von der Linken auf indigene Bewegungen ausgegangen - vom bolivianischen
Movimiento Katarista bis zum EZLN in Mexiko. Die Implosion der sozialistisch
verfassten Systeme in der Sowjetunion und im östlichen Europa kam zu spät, um als
ideologisches Vakuum das Aufkommen der indigenen Bewegungen in Lateinamerika
miterklären zu können. An der weiteren Vertiefung der ethnischen Diskurse in den 90er-
Jahren war sie indessen durchaus mitbeteiligt.
Die Ausweitung der indigenen Bewegungen in ganz Lateinamerika ist schließlich
auch in ihrer Eigendynamik zwischen strategischen Vorbildern, argumentatorischen
Transfers, solidarischen Identifikationen und organisatorischen Zusammenschlüssen zu
sehen. Eine nachhaltige Wirkung auf indigene Bewegungen andernorts in Lateinamerika
übte beispielsweise der aus der Auseinandersetzung zwischen der sandinistischen
Regierung und den teilweise mit der Contra-Guerilla verbundenen Organisationen der
indigenen Minderheiten an der Atlantikküste hervorgegangene Autonomieprozess in den
8()er-Jahren in Nicaragua aus. Die im Blick auf ganz Lateinamerika wohl wichtigste
Etappe indigener Organisation und Bewusstseinsbildung stellten die verschiedenen
Aktionen im Zusammenhang mit dem Quinta Centenario von 1992 dar. Der 1989 in
Bogota in der Campana Continental 500 AFws de Resistencia Indigena y Populär
zusammengefassten Mobilisierung gegen die veranstaltete Erinnerung an fünfhundert
Jahre Begegnung zwischen Europa und Amerika - so der von Euphemie nicht ganz freie
offizielle Sprachgebrauch - gelang es erfolgreich, den staatlich verordneten Feierlich-
keiten ihr Bildeines halben Jahrtausends Geschichte von Unterdrückung und Widerstand
entgegenzustellen und eine Öffentlichkeit für ihre Anliegen zu gewinnen. Der Friedens-
nobelpreis für Rigoberta Menchü und das UN-Jahr der indigenen Völker waren die
signifikantesten Zeichen dafür.

Indigene Bewegungen und Moderne

Die lateinamerikanischen indigenen Bewegungen begriffen sich mitunter auch als


Verlängerung der anti-kolonialen Befreiungsbewegungen der Nachkriegszeit (Staven-
hagen 1997:26). In dieser behaupteten Verbindung ist mindestens eine Parallele augen-
fällig: Die Dekolonisationsprozesse waren vielfach angestoßen und in ihren Anfängen
auch getragen worden von einer Elite, die in dem Sinn als »verwestlicht« bezeichnet
werden kann, als sie eine europäische Bildung genossen hatte. Auch die Ethnisierung
204 Stephan Scheuzger

indigener Diskurse in Lateinamerika besaß ihre Ursprünge durchaus nicht in geographi-


schen und kulturellen Isolationen, sondern in kulturellen Kontaktzonen. Sie ging maß-
geblich von Gruppen meist j iingerer, vergleichsweise gut ausgebildeter Indigener aus, die
ihre Dorfgemeinschaften verlassen, in städtischen Zentren gelebt hatten und wieder
zurückgekehrt oder dort geblieben waren. Es ist gewiss nicht nur eine paradoxe Zuspit-
zung, die ethnischen Bewegungen Lateinamerikas als insbesondere urbanes Phänomen
zu bezeichnen. Es waren gerade die erwünschten sozialen Produkte integrationistischer
indigenistischer Politik, die sich an die Spitze der ethnischen Mobilisierungen stellten.
Diese Umkehr des Intendierten personifizierte niemand so sehr wie die zweisprachigen
Lehrer, die durch die staatlichen Institutionen zu kulturellen brokers im Dienst der
indigenen Integration geschult worden waren, nun aber dank ihrer sprachlichen wie
kulturellen Vermittlungskompetenzen zu prädestinierten Vertretern ethnisch artikulier-
ter Interessen wurden.
Erwartungen sozialer Mobilität waren bei diesen abgewanderten jüngeren Indigenen
trotz ihrer professionellen Qualifikationen häufig frustriert worden - entgegen dem, was
der Indigenismus an Integration in Aussicht gestellt hatte. Sie wurden zurückgeworfen
auf die gesellschaftlich erlebte Differenz, auf die Existenz als indios, die sie dann zur
Grundlage neuer Strategien zur Verbesserung indigener Lebensverhältnisse machten
und entsprechend zu (re-)konstruicren begannen. Gleichzeitig verfügte diese diskurs-
bestimmende Führungsschicht durch ihr Grenzgängertum über das notwendige Maß an
Vertrautheit mit der zur »anderen« fixierten, nicht-indigenen Kultur, um sich politisch
Gehör verschaffen zu können.
Es migrierten allerdings durchaus nicht nur die kleinen Gruppen gut ausgebildeter
junger Menschen aus ihren Dorfgemeinschaften. Seit dem 19. Jahrhundert waren Bauern
unter dem Druck des sich ausdehnenden Großgrundbesitzes auf die Subsistenzwirtschaft
zur Suche nach Vcrdienstmöglichkeiten außerhalb ihrer comunidades gezwungen wor-
den. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts überbrückte die indigene Migration
immer größere Distanzen. Die Wanderungen führten in weit entfernte Landesgegenden
und in die großen Städte, vorzugsweise in die Kapitalen, aber auch in benachbarte Länder
oder in die Vereinigten Staaten. Die Migration zeitigte indessen nicht eine progressive
Assimilation und den Verlust ethnischer Identität. Die Kultur der Wanderer wurde in den
neuen Kontexten reinterpretiert und neuen Bezügen ausgesetzt, aber nicht aufgegeben.
In einer oftmals als feindlich erfahrenen Umwelt konnten herkömmliche Zugehörigkeiten
im Gegenteil gerade bestärkt und erneuert werden. Die finanziellen Rückflüsse aus der
Migration unterstützten zudem die Reproduktion kultureller Muster in den Herkunfts-
gemeinschaften.
Anthropologische Untersuchungen haben immer wieder darauf aufmerksam ge-
macht, dass sich indi'genas hauptsächlich mit ihrer Dorfgemeinschaft, der comunidad,
identifizieren würden und höchst selten mit einer »Ethnie«. Auch als Folge der kolonialen
Ordnung bestanden unter den Dorfgemeinschaften oft wenig Verbindungen, nicht selten
waren die Beziehungen sogar konfliktiv. Die Migration trug zur Überwindung solcher
Gegensätze bei. Die geteilten Erfahrungen in der Fremde - vielfach geprägt von Gering-
schätzung, Diskriminierung und Ausbeutung - ließen kleinräumige Alteritäten an Be-
deutung verlieren, weiteten die Netzwerke über die Mitglieder einzelner Dorfgemein-
schaften hinaus aus - was auch wieder auf das Leben in den comunidades selbst
Die Re-Ethnisierung gesellschaftlicher Beziehungen: neuere indigene Bewegungen 205

zurückwirkte - und begünstigten die Entstehung umfassenderer, ethnischer Identitäten


(Lentz 1994:426-432; Nagenast/Kearney 1990:77-81).
Die ethnische (Re-) Affirmation ab den 70er-Jahren basierte entscheidend auf Errun-
genschaften der modernen Gesellschaft wie Bildungszugang, Mobilität und verbesserten
Kommunikationsmöglichkeiten - in die der Indigenismus über Jahrzehnte sein
assimilationistisches Vertrauen gesetzt hatte. Indigene Bewegungen zeigten bereits
lange vor dem auch schon als erste »Cyber-Guerilla« titulierten EZLN in Chiapas einen
sehr bewussten Umgang mit Medien und Öffentlichkeit zur Durchsetzung eigener
Interessen - bis in entlegene Amazonas-Regionen (Münzel 1993:255-258). Die Artefak-
te des technologischen Fortschritts unterstützten über die Schaffung eines Gefühls der
Gleichzeitigkeit die Vorstellungen von ausgedehnteren Gemeinschaften (imagined
communities) (Anderson 1996; Smith 1998:157, 158) und ermöglichten eine höhere
Effizienz in der politischen Organisation (Wearne 1996:20). Die Moderne hatte entgegen
der Prognosen ethnisch-kulturelle Differenzen keineswegs eingeebnet.

Forderungen

In der Vielgestaltigkeit lokaler, regionaler, nationaler und übernationaler indigener Bewe-


gungen und ihrer Anl iegen ist eine gemeinsame Stoßrichtung erkennbar: der Kampf um das
Recht auf Selbstbestimmung. Diese Selbstbestimmung besaß verschiedene Dimensionen,
die sich gegenseitig durchdrangen: politische, wirtschaftliche, kulturelle.
Im zentralen Kampf um das Recht auf Land unterlag den neuen Bewegungen eine
Kontinuität, die sie mit der langen Geschichte indigenen Widerstandes verband. Auch
wenn dieser Kampf im 20. Jahrhundert oftmals ethnisch indifferent als Teil der Kämpfe
der Bauernschaft ausgetragen wurde, war ihm doch stets ein starkes Identitätsmoment
eigen, indem sich indigene Kulturen fast durchgehend in einem existenziellen Verhältnis
zum Land verstanden haben und verstehen: »Der Indio ist das Land selbst.« (Conclusiones
del Parlamento Indio Amcricano del Cono Sur, 1974, zitiert nach: Barre 1983:163). Das
verteidigte und das (zurück)geforderte Land waren somit zum einen die wirtschaftliche
Voraussetzung des Überlebens der indigenen Gruppen als solcher - unter einem wach-
senden demographischen Druck und angesichts des in vielen lateinamerikanischen
Ländern trotz durchgeführter Agrarreformen nach wie vor sehr ungleich verteilten
Grundeigentums: Die guatemaltekische Bischofskonferenz schätzte 1988 beispielswei-
se, dass 98 Prozent der indigenen Familien des Landes über keinen oder zu wenig Boden
verfügten, um den eigenen Unterhalt bestreiten zu können (Wearne 1996:121). Zum
anderen war die Beziehung zum Land aber auch ein sehr bedeutender Bestandteil des
kulturellen Selbstverständnisses sehr vieler indigener Gemeinschaften.
Dieser Vorstellung einer kollektiven Beziehung der indigenen Gruppen zu ihrer
physischen Umwelt wurde ab den 80er-Jahren verstärkt politischer Ausdruck verliehen,
indem in den Diskursen indigener Organisationen neben die Forderungen nach Boden
(tierrä) immer vernehmbarer die nach eigenen Gebieten (territorios) trat. Damit wurden
meist historisch begründete Ansprüche auf die Anerkennung indigener Siedlungsräume
gestellt. Die tatsächliche oder beanspruchte Kontrolle über ein Territorium konnte in
206 Stephan Scheuzger

einzelnen Fällen von Gruppen, die keine autochthone Sprache mehr sprachen, auch die
konstituierende Funktion ethnischer Identität übernehmen (Adams 1991:192).
Legitimiert wurden die Forderungen nach territorialen Rechten nicht zuletzt mit der
Eigendefinition als pueblos originahos, dem Verweis auf eine Ursprünglichkeit vor der
europäischen Kolonisierung. Überhaupt gehörte ob der kolonialen Herkunft der verall-
gemeinernden Kategorie des indio und der indigenistisch-paternalistischen Festlegung
des indigena die Einforderung des Rechtes auf die Definition des Indigenen für die
Indigenen selbst als fundamentalster Akt der Selbst-Bestimmung eigentlich an den
Ausgangspunkt der Agenden indigener Bewegungen.
Mit der zunehmenden Verrechtlichung der internationalen Diskussion über das
Verhältnis indigener Gruppen zu ihren nationalstaatlichen Umgebungen trat auch die
politische Ladung der verwendeten Gruppenbezeichnungen deutlicher an die diskursive
Oberfläche. Viele indigene Organisationen bezogen sich in der Selbstbezeichnung auf
indigene Völker oder sogar Nationen, um ihren Anspruch auf eine selbstbestimmte
Existenz im Sinn der UN-Charta zu unterstreichen.
Separatistische Tendenzen waren unter den neueren indigenen Bewegungen Aus-
nahmeerscheinungen. Nur von radikalen Randpositionen aus wurde beispielsweise in
Guatemala die Errichtung eines Maya-Staates (Mayab) unter Ausschluss der Mischlings-
bevölkerung gefordert (Allebrand 1997:77). Der indigene Kampf um die Anerkennung
der Differenz hatte meist den Nationalstaat in den bestehenden territorialen Grenzen zur
Referenz. In den 70er- und 80er-Jahren forderten die indigenen Diskurse in erster Linie
die allen Menschen universal zuerkannten Rechte ein - und schlössen sich so an die
internationale Menschenrechtsdiskussion an. Die säkularen Erfahrungen, dass die per-
sönlichen Rechte der Indigenen vielerorts ebenso wenig gewährleistet waren wie eine
effektive Gleichheit der Partizipationsmöglichkeiten an der gesellschaftlichen Entwick-
lung, führten zur Einforderung kollektiver Rechte durch die indigenen Bewegungen.
Anvisiert wurden gesetzlich gesicherte Räume selbstbestimmter Entwicklung in Auto-
nomielösungen. Autonomie als im internationalen Recht nicht festgelegte Kategorie
transportierte dabei unterschiedlichste politische Vorstellungen. Grundlegende Problem-
bereiche, die mit den angestrebten Autonomielösungen verbunden waren, betrafen in der
Regel die Bewahrung sozialer Organisationsformen, die Anerkennung indigener Auto-
ritäten und des praktizierten Gewohnheitsrechts, die Gestaltung der Schulbildung oder
die Kontrolle der natürlichen Ressourcen. Zu Diskussionen Anlass geben musste insbe-
sondere die Frage nach der administrativen Ebene autonomer Einheiten. Die Ideen
reichten von submunizipalen Lösungen bis zur Etablierung umfassender indigener
Regionen. Am längsten, seit 1953, kannte Panama eine territoriale Selbstverwaltung für
indigene Gruppen (Kuna). Nicaragua führte 1987 ein regionales Autonomiestatut ein,
Kolumbien anerkannte 1991 indigene resguardos als autonome Munizipien, und die
ecuadorianische Verfassung von 1998 verankerte die Möglichkeit zur Schaffung quasi-
autonomer indigener Distrikte (Van Cott 2000).
Als Rückzugsbestrebungen aus der nationalen Gesellschaft sind die Forderungen
indigener Organisationen nach Selbstbestimmung und Autonomie kaum zu verstehen,
auch wenn ihnen Hoffnungen auf garantierte Räume mit eigener politischer, sozialer und
wirtschaftlicher Normativität, auf Kontrolle der natürlichen Ressourcen oder auf ein
ethnisch homogenes eigenes Territorium zugrunde liegen mochten. Letztlich ging es den
Die Re-Ethnisierung gesellschaftlicher Beziehungen: neuere indigene Bewegungen 207

meisten neueren indigenen Bewegungen um die Herstellung einer Gleichheit in der


Differenz, die Anerkennung indigener Verschiedenheit in der Nation. Die Anliegen
indigener Organisationen können insgesamt durchaus als Anspruch auf eine effektive
gesellschaftliche Partizipation gelesen werden.
Im Mittelpunkt des Kampfes um kulturelle Bewahrung standen die Sprachen.
Gefordert wurde in erster Linie die staatliche Anerkennung der indigenen Sprachen und
die Einrichtung zweisprachiger (wie auch bikultureller) Bildungssysteme. Den indigenen
Idiomen - im lateinamerikanischen Sprachgebrauch oftmals zu »Dialekten« degradiert -
hatte eine Hauptaufmerksamkeit der indigenistischen Integrationsanstrengungen gegol-
ten. Auch wenn verschiedene Staaten schon seit Jahrzehnten Formen zweisprachigen
Unterrichts kannten, so hatten diese bis in die 70er-Jahre ausschließlich im Dienst einer
effizienteren Hispanisierung gestanden. Im Zuge der Reorientierung des Indigenismus
wurden danach vielerorts in Lateinamerika in von Indigenen bewohnten Gebieten
zweisprachige Erziehungsprogramme etabliert. Aufgrund selten ausreichender finanzi-
eller Mittel sorgten der Mangel an zweisprachigen Lehrkräften, an Unterrichtsmaterialien
und ein allgemein nach wie vor eingeschränktes Bildungsangebot in den autochthonen
Sprachen aber dafür, dass das Thema nicht aus den Forderungskatalogen der indigenen
Organisationen verschwand. Auch bot die vielerorts fragmentierte sprachliche Land-
schaft Gewähr für eine fortgesetzte politische Diskussion über die Ansprüche indigener
Gruppen auf Unterricht in der eigenen Sprache. Gerade aufgrund einer oft komplexen
sprachlichen Situation war das Spanische auch in vielen überwiegend von Indigenen
bewohnten Gebieten die linguafranca. Da sich beispielsweise das Maya in 29 Sprachen
verzweigt, waren auch Funktionäre guatemaltekischer Maya-Organisationen gezwun-
gen, sich auf überregionalen Zusammenkünften auf Spanisch zu verständigen (Allebrand
1997:73-75). Und schließlich konnten in Gesellschaften, in denen die Beherrschung der
Verkehrssprache Spanisch nicht zu Unrecht als Faktor sozialer Mobilität betrachtet
wurde, die Forderungen der Organisationen nach Schulbildung in den autochthonen
Sprachen keineswegs die ungeteilte Unterstützung durch die indigenen Bevölkerungen
finden.

Identitätspolitik

Die Übereinstimmungen in den grundsätzlichen Ausrichtungen der programmatischen


Aussagen lassen ohne Zweifel von der Gemeinsamkeit eines Diskurses der indigenen
Bewegungen sprechen. Eine seiner Voraussetzungen besaß dieser diskursive Zusam-
menhang in der Ausweitung und Verdichtung der organisatorischen Netzwerke durch
Zusammenschlüsse in Dachorganisationen, in überregionalen und übernationalen Ver-
bänden über Lateinamerika hinweg. In den 70er- und 80er-Jahren entwickelte sich zudem
ein Diskurs über eine panindianische Identität. Ein solcher Panindianismus musste seinen
inneren Zusammenhalt naturgemäß in der Opposition zu einer »okzidentalen« Kultur
suchen. Er negierte die Möglichkeit historischer Alternativen für die indigene Bevölke-
rung innerhalb der westlichen Zivilisation, deren Wesen er in Kolonialismus und
Imperialismus aufgefunden zu haben glaubte. Demgegenüber postulierte er die Existenz
einer in der Vielfalt der Kulturen und Sprachen einzigen indianischen Zivilisation in
208 Stephan Scheuzger

Amerika. Die umwertende Radikalität dieser panindianischen Identitätskonstruktion


teilte jedoch in ihrer Position des vollkommenen Widerspruchs die Basis - den funda-
mentalen Gegensatz zwischen indio und Nicht-indio - mit dem ausgegrenzten Gegen-
über. Der Anti-Okzidentalismus war an den Okzident gebunden. Die Willkürlichkeit, in
der dabei solch drastische Versuche kultureller Grenzziehung befangen sind, stellten
panindianistische Diskurse auch gleich an sich selbst aus, indem sie sich in ihrer
Beschwörung indianischer Authentizität - die ebenfalls eine Lösung der »indigenen
Frage« durch eine sozialistische Revolution ausschloss - nicht selten versatzstückweise
bei marxistischen Argumentationen bedienten.
Die Rückgewinnung der eigenen Geschichte gehörte zu den tragenden Postulaten
des Identitätsdiskurses indigener Bewegungen. Radikal panindianistische Positionen
entwarfen in ihrer vollständigen Zurückweisung dessen, was sie als westliche Kultur für
abschottbar hielten, darüber hinaus Erweckungsvisionen einer indianischen Welt in
präkolonialer Ursprünglichkeit. Solche grundsätzlich rückwärtsgewandten Utopien er-
langten namentlich in Peru eine gewisse Bedeutung, wo in den 70er-Jahren nicht nur der
Movimienlo Indio Peruano (M1P) die Errichtung eines zweiten Tawantinsuyo - des
Inkanats - anstrebte.
Vorstellungen einer gemeinsamen indianischen Identität reichten weit hinter die
Entwicklungen in den letzten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zurück, in deren
Dynamik sie aber fraglos weiter gefestigt wurden. Die unerbittlich traditionalistischen,
exklusiven Varianten des Panindianismus büssten indessen in den 90er-Jahren an
politischer Tragweite ein. Erfolgreich waren Bewegungen, die es verstanden, Allianzen
mit nicht-indigenen Organisationen zu schließen, ihre Anliegen mit denen anderer
Sektoren der Zivilgesellschaft zu verbinden und sich mit den nationalen und internatio-
nalen Diskussionen über Demokratisierung, Globalisierung, Menschenrechte oder Öko-
logie in Beziehung zu setzen; Bewegungen, die das Allgemeine in den besonderen
Anliegen der Indigenen darzustellen und einzubringen vermochten.
Die rezenten indigenen Bewegungen sind sowohl Ursache als auch Folge der
Demokratisierungsprozesse in Lateinamerika gewesen. Die Räume politischer Artikula-
tion fielen den indigenen Bewegungen nicht einfach im Zuge einer gesamtgesellschaft-
lichen Entwicklung zu, sondern mussten von ihnen als Teil dieser Entwicklung hart
erstritten werden. Die politische Ressource der Ethnizität wurde darin in vielfältigen
Wechselbeziehungen aufgebaut.
Als gelebtes Recht auf Differenz liegen Identitäten an den Fundamenten demokra-
tischer Ordnung. In der ihnen immanenten Neigung zur Essenzialisierung bergen sie
gleichzeitig Gefährdungen derselben. Essenzialisierungen entziehen sich in ihrer Abso-
lutheit der Diskussion über ihre Legitimität. Kulturelle Fixierungen stehen in einer
Dimension der Macht. Als beispielsweise die indigenen Gemeinden im mexikanischen
Gliedstaat Oaxaca 1995 das Recht erhielten, ihre Autoritäten nach ihren »Sitten und
Gebräuchen« (usos y costumbres) zu bestimmen, stellte sich innerhalb der Gemeinschaf-
ten sofort die Frage, welche die festschreibbaren Sitten und Gebräuchen überhaupt seien;
es kam zu Konflikten, in denen die verschiedenen politischen Fraktionen die Auslegun-
gen kultureller Praktiken zu ihren Gunsten zu manipulieren suchten (Veläsquez Cepeda
2000). Den Machtzusammenhang der kulturellen Legitimation sozialer Praktiken unter-
strich auch die kritische Sicht vieler indigener Frauen in Lateinamerika auf Aspekte der
Die Re-Ethnisierung gesellschaftlicher Beziehungen: neuere indigene Bewegungen 209

Traditionen ihrer eigenen Gemeinschaften - eine Problematik, die weiterverweist auf die
bekannten Reibungsflächen zwischen den im Namen kultureller Identität für Gruppen
einer Gesellschaft eingeforderten kollektiven Rechten und den verfassungsmäßig allen
Mitgliedern der Gesellschaft garantierten Individualrechten.
Was Rigoberta Menchü Mitte der 90er-Jahre in einem Geleitwort zu einem Buch
über die »Rückkehr des Indianers« geschrieben hat, ist auch in der Gegenwart immer
noch als summarische Standortbestimmung zitierbar: »Trotz der enormen Schwierigkei-
ten und des langen und schmerzhaften Weges, der noch vor uns liegt, bis wir der Welt die
Rechte und Werte der indigenen Völker bewusst machen können, haben wir auch bereits
Erfolge zu verzeichnen.« (Wearne 1996:xiii). Als Zeichen zur Hoffnung dürften die
indigenen Bewegungen nicht zuletzt die Abänderungen verschiedener lateinamerikani-
scher Verfassungen zur Kenntnis genommen haben, die das Modell des ethnisch-
kulturell homogenen Nationalstaates verabschiedeten und die Nation als plurikulturelle
oder multiethnische anerkannten; die Prozesse der gesetzlichen Ausgestaltung der
Verfassungsartikel stellten sich in den einzelnen Ländern allerdings unterschiedlich und
für die indigenen Organisationen nicht nur befriedigend dar. Ein weiter Weg wird
hingegen in jedem Fall noch bis zur Beseitigung der massiven sozialen Benachteiligun-
gen der indigenen Bevölkerungen zurückzulegen sein. Und gegen nicht viel geringere
Widerstände dürfte sich in der Zukunft auch der von der legalen Anerkennung und der
sozialen Besserstellung kaum zu trennende Respekt für die indigene Andersheit in den
nicht-indigenen Gesellschaftsteilen und insbesondere in den dominierenden Eliten
durchzusetzen haben. Als Rigoberta Menchü der Friedensnobelpreis verliehen wurde,
enthielt sich der guatemaltekische Präsident Jorge Serrano einer offiziellen Gratulation
und bezeichnete die weltweite Aufmerksamkeit für eine Indianerin als nationale
Schande.

Literatur

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Sherzer, Joel (Hg.): Nation-States and Indians in Latin America. Austin: University of Texas
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palabra y obra en el nuevo mundo, Bd. 4: Tramas de la identidad. Madrid/Mexico, D.F.: Siglo
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Allebrand, Raimund (Hg.): Die Erben der Maya. Indianischer Aufbruch in Guatemala. Unkel,
Bad Honnef: Horlemann: 69-135
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Erweiterte Neuausgabe. Frankfurt am Main/New York: Campus
Assies, Willem (2000): Indigenous peoples and reform of the State in Latin America. In: Assies,
Willem/van der Haar, Gemma/Hoekema, Andre (Hg.): The Challenge of Di versity: Indigenous
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Dennis, Rutledge (Hg.): Race and Ethnicity. Comparative and Theoretical Approaches.
Maiden/Oxford: Blackwell: 72-82
Gerhard Kruip

Kirchen und Religionen in Lateinamerika


Neue Ambivalenzen zwischen Modernisierungs-
und Retraditionalisierungsprozessen

Einführung
Für manche »Linke« in Europa üben der Aufstand der mexikanischen Zapatistas in
Chiapas, der erneute Wahlsieg des brasilianischen Arbeiterführers Luis Inäcio Lula da
Silva und vor allem die politischen Projekte von Hugo Chävez in Venezuela oder Evo
Morales in Bolivien noch eine gewisse Faszinationskraft aus. Trotzdem sind die Zeiten
vorbei, als sich europäische Gesellschaftskritiker ihre Utopien mit Bildern aus Latein-
amerika ausmalten, wo eine »vorrevolutionäre« Situation Veränderungen in Richtung
einer gerechteren Gesellschaftsordnung zu versprechen schien. Insbesondere junge
katholische Christen erhofften sich zudem die kreative Entwicklung eines neuen Modells
von Kirche, das alle Übel des römisch katholischen Christentums, vom notorischen
Bündnis mit konservativen oder gar reaktionären Kräften bis hin zu den internen
hierarchischen Strukturen überwinden sollte. Von diesen utopischen Energien und der
entsprechenden Projektionsdynamik ist heute kaum mehr etwas zu spüren. Die »Theo-
logie der Befreiung«, ja sogar alles, was mit Lateinamerika zu tun hat, scheint »out« zu
sein. Manche Rhetorik, die früher als »progressiv« galt, erscheint heute merkwürdig
rückwärtsgewandt. Viele Neuaufbrüche, die man »an der Basis« beobachten kann, laufen
eher auf eine Retraditionalisierung hinaus. Manche wirtschaftspolitischen Modelle, die
früher verpönt waren, erweisen sich als relativ erfolgreich und werden sogar von »linken«
politischen Kräften propagiert. Die viel geschmähte »Globalisierung« wird zumindest in
der Weise als ambivalent erkannt, als deutlich wird, dass es noch viel schlimmer ist, wenn
man von ihr ausgeschlossen bleibt.
Sich wegen dieser Ambivalenzen enttäuscht von Lateinamerika abzuwenden, wäre
erneut ungerecht, wie damals die erwähnte Projektion eigener Sehnsüchte auf Latein-
amerika. Die Menschen dort kämpfen weiter für eine Verbesserung ihrer Lebenssituati-
on, für die Achtung ihrer Rechte und für mehr Gerechtigkeit zwischen Arm und Reich.
Sie tun dies vor dem Hintergrund ihrer kulturellen Selbstverständnisse, in denen - was
manche Menschen gerade in Westeuropa irritiert - verschiedenste Formen von Religio-
sität eine große Rolle spielen.
214 Gerhard Kruip

Im folgenden Beitrag möchte ich nach einem kurzen Rückblick in die Geschichte
zunächst zu beschreiben versuchen, was aus der »Theologie der Befreiung« inzwischen
geworden ist. Dabei sind zum einen die Folgen des Falls der Mauer zu betrachten, zum
anderen ist auf Diversifizierungs- und Pluralisierungsprozesse innerhalb der Theologie
der Befreiung hinzuweisen. Der wahrscheinlich wichtigste Aspekt für die zukünftige
Entwicklung des religiösen Bereichs ist die Tatsache, dass die katholische Kirche in
Lateinamerika inzwischen ihre Monopolstellung zugunsten eines religiösen Pluralismus
verloren hat. Wie ich im Abschnitt über »religiösen Pluralismus« zeigen möchte, handelt
es sich auch hier um ein ausgesprochen ambivalentes Phänomen, dem man nicht durch
einfache Hypothesen gerecht werden kann. Welche politische, insbesondere zivil-
gesellschaftlich relevante Macht die katholische Kirche trotzdem immer noch hat,
möchte ich schließlich im letzten Kapitel am Beispiel von Mexiko und Bolivien erörtern.

Lateinamerika - im historischen Rückblick seit 1492


ein »katholischer« Kontinent

Von Anfang an war die Missionierung der Ureinwohner mit dem Projekt der Eroberung
Amerikas durch Spanier und Portugiesen verbunden. Die Religion diente nicht nur der
Unterwerfung der Ureinwohner und der Legitimierung der Macht, sondern war der
entscheidende Faktor, der im Selbstverständnis der Eroberer dem Unternehmen Sinn gab.
Dabei sind regional sehr unterschiedliche Formen von kreolischen, mestizischen oder
indianischen, später auch afroamerikanischen Katholizismen entstanden, die nicht ein-
fach nur eine Kopie bekannter europäischer Frömmigkeitsformen darstellen. Deshalb
kann man - besonders in der Karibik - gar nicht davon sprechen, es habe sich mit dem
Katholizismus ein religiöses Monopol etabliert (Lampe 1998). Vielmehr haben sich
religiöse Mischformen entwickelt, die es den unterdrückten Ureinwohnern vielfach
erlaubten, trotz ihrer Unterwerfung unter eine fremde religiöse Symbolwelt eigene
Überzeugungen und Praktiken in Form einer heimlichen Widerstandskultur weiter zu
tradieren. Heiligenstatuen, in denen solche von indianischen Göttern gefunden wurden,
sind dafür nur besonders eindrucksvolle Beispiele. Neben dem intoleranten Katholizis-
mus, der durch die Reconquista gegen den Islam, später von der Gegenreformation
geprägt war und gegen jede Form von »Götzendienst« vorging, gelangten eben auch
Missionare wie Bartolome de Las Casas und - breitenwirksamer noch - die Volks-
religiosität der ärmeren Schichten Spaniens und Portugals nach Lateinamerika. Während
Erstere in ihren Versuchen, den Rechten der Ureinwohner Geltung zu verschaffen,
weitgehend scheiterten, boten ihnen Letztere zumindest Anknüpfungspunkte, um ihre
eigene Religiosität mit neuen Symbolen fortzusetzen, bzw. den neu eingeführten Formen
die eigenen Bedeutungen zu unterlegen (Marroquin 1989).
Solche Ambivalenzen lassen sich an der Figur der »Patronin der beiden Amerikas«,
der »Jungfrau von Guadalupe« in Mexiko studieren. Sie ist typisch für die Art der
lateinamerikanischen Identitätskonstitution. Denn sie ist einerseits unbestreitbar euro-
päischen Ursprungs, wurde aber mit autochthonen Wurzeln verknüpft (der Wallfahrtsort
liegt auf dem Hügel Tepeyac, der vorher der aztekischen Muttergöttin Tonantzfn
Cihuacöatl gewidmet war) und gilt heute als Inbegriff lateinamerikanischer, mindestens
Kirchen und Religionen in Lateinamerika 215

mexikanischer Identität. Das Gnadenbild geht auf eine Mariendarstellung des Wall-
fahrtsortes Guadalupe in der Extremadura/Spanien zurück, der »der« Wallfahrtsort für
die spanischen Eroberer gewesen ist und für die »Hispanidad« stand, also die spanische
Identität des Kolonialreiches. Erst im 17. Jahrhundert fand ein Umdeutungsprozess statt.
Die Jungfrau von Guadalupe wurde zum identitätsstiftenden Symbol der kreolischen
Eliten, die zum Zweck der Distanzierung von Spanien begannen, die vorkolumbische
Vergangenheit zu idealisieren. Die beiden katholischen Priester Miguel Hidalgo und Jose
Maria Morelos führten dann zu Beginn des 19. Jahrhunderts den mexikanischen Unab-
hängigkeitskampf unter dem Banner der Jungfrau von Guadalupe an. Auch der sozial-
reformerische Flügel der mexikanischen Revolution 1911-1917 unter Führung von
Emiliano Zapata und Pancho Villa berief sich auf die Jungfrau von Guadalupe.
Die Unabhängigkeit, die von den meisten lateinamerikanischen Ländern Anfang des
19. Jahrhunderts errungen wurde, stürzte die katholische Kirche in eine massive institutio-
nelle Krise. Denn aufgrund des »Patronatsrechts« war die Ernennung von Bischöfen
Sache der spanischen Krone, so dass die Unabhängigkeit zu langjährigen Vakanzen und
institutioneller Stagnation führte. Außerdem trugen die Ideen der Aufklärung, der US-
amerikanischen Unabhängigkeit und der Französischen Revolution zu einer Emanzipa-
tion der Menschen von kirchlicher Autorität bei. Die Unabhängigkeitsbewegungen
spalteten zudem die katholische Kirche: Der niedere Klerus nahm die neuen Ideen oft
begeistert auf, während der höhere Klerus zu den konservativen Kräften hielt.
In der Folgezeit bildeten sich politische Systeme heraus, die von der Polarität von
eher kirchennahen Konservativen und eher antiklerikal eingestellten Liberalen gekenn-
zeichnet waren. Beide Gruppen repräsentierten die Oligarchie, wenn auch unterschied-
liche politische und ökonomische Interessen: Während die Liberalen eher das Handels-
bürgcrtum vertraten, standen die Konservativen für den Großgrundbesitz. In der zweiten
Hälfte des 19. Jahrhunderts konnten die Liberalen politische und rechtliche Reformen
durchsetzen, vom allgemeinen Wahlrecht (für Männer) bis hin zur Trennung von Kirche
und Staat, mit besonders nachhaltigen Folgen in Mexiko. Dort enteigneten sie den
Kirchenbesitz und das indianische Gemeinschaftseigentum an Land. Für die Liberalen
repräsentierten Kirche und indianische Kulturen die Rückständigkeit ihrer Länder, die sie
u.a. durch die Förderung protestantischer Missionstätigkeit zu überwinden trachteten.
Umgekehrt sah die Kirche in den Liberalen Repräsentanten eines militant antiklerikalen
und unchristlichen Freimaurertums, das alles ablehnte, was ihr heilig war. Vermutlich
spielt ein noch aus dieser Zeit stammender antiliberaler Affekt der Kirche heute bei der
Auseinandersetzung mit dem »Neoliberalismus« eine gewisse Rolle. Von manchen
kirchlichen Dokumenten werden der »Neoliberalismus« und die Modernisierung, die das
»katholische Substrat« der lateinamerikanischen Kultur gefährde, in einen ursächlichen
Zusammenhang gebracht. Besonders heftig wurden die Konflikte in Mexiko ausgetra-
gen. Nach der mexikanischen Revolution kam es zu einer so massiven Frontstellung
zwischen Kirche und Revolution, dass viele Katholiken als »cristeros« zu den Waffen
griffen (1926-1929), um ihre Religion zu verteidigen. Der Konflikt konnte damals nur
durch einen »modus vivendi« abgekühlt werden, schwelte aber bis zur Mitte des 20.
Jahrhunderts weiter. Zu einer Normalisierung des Staat-Kirche-Verhältnisses und der
Aufnahme diplomatischer Beziehungen zum Vatikan kam es in Mexiko erst 1992 (vgl.
Kruip 2004).
216 Gerhard Kruip

Die kurz angedeutete »Standardkonstellation« zwischen katholischer Kirche und


gesellschaftlichen Gruppen wird erst nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962—
1965) grundsätzlich aufgebrochen. Ende der 1960er-Jahre entsteht in Lateinamerika ein
theologischer Neuansatz, der sehr schnell als »Theologie der Befreiung« bekannt wird.
Sie ist zunächst eine Umsetzung und Anwendung der Ergebnisse des Konzils auf die
Situation in Lateinamerika. In der Analyse der eigenen Situation greift sie in eigenstän-
diger Form auf einen dependenztheoretisch vermittelten Marxismus zurück. Der An-
spruch, die Botschaft eines menschenfreundlichen Gottes, der das Heil aller Menschen
will, in die von extremen sozialen Ungerechtigkeiten gekennzeichnete Situation Latein-
amerikas hinein zu verkünden, führt zur »Option für die Armen«, die dann sowohl zum
theologisch-hermeneutischen Schlüssel zur Interpretation der eigenen Tradition wie zur
sozialethischen Maxime einer »befreienden«, nach strukturellen Reformen der Gesell-
schaft strebenden Praxis wird. Die Theologie der Befreiung führt nicht nur zu harten
innerkirchlichen Auseinandersetzungen, sondern in vielen Fällen zur Entfremdung
traditioneller politischer Bündnispartner, zugleich zu erstaunlichen, neuen Bündnissen
zwischen Teilen des Klerus, politischen Basisbewegungen, ja teilweise sogar sozial-
revolutionären Guerillagruppen. In vielen Ländern gehörte die katholische Kirche
während der Zeit der Militärdiktaturen zu den wichtigsten Stützen der Opposition. Sie
hatte meist erheblichen Anteil am Übergang zu demokratischen Strukturen. Gesellschaft-
liche Modernisierungsprozesse, die aufgrund von Urbanisierungs- und Migrations-
prozessen und über die modernen Massenmedien mit Individualisierung und Pluralisierung
der Lebensformen cinhergehen, brachen jedoch in Lateinamerika die traditionellen
Milieus auf und führten zu einem Prozess einer rasanten Pluralisierung im Bereich des
Religiösen.

Theologie der Befreiung - am Ende?

Der Zusammenbruch des Sozialismus in Osteuropa, das Scheitern sozialistischer Expe-


rimente in Lateinamerika und der Erfolg marktorientierter Reformen in vielen Dritte-
Welt-Ländern stellen eine Herausforderung für befreiungstheologische Ansätze dar, die
ja alle davon ausgegangen waren, es bedürfe einer Überwindung des Kapitalismus, um
die Voraussetzung für eine gerechtere Gesellschaft zu schaffen. Mittlerweile erscheint
die Theologie der Befreiung vielen als überholt. Befreiungstheologen selbst haben sich
auf die unterschiedlichste Weise mit dem Zusammenbruch des Sozialismus auseinander-
gesetzt (Alvarado 1999) und dabei deutlich gemacht, dass die realen sozialen Probleme,
die den Kontext ihres theologischen Ansatzes ausmachen, durch den Zusammenbruch
des Sozialismus nicht gelöst sind, sondern sich sogar in den letzten Jahren eher verschärft
haben. Sie wiesen darauf hin, dass ihre Theologie zwar den Bezug zur aktuellen
gesellschaftlichen Situation zum Prinzip macht und deshalb eine sozialstrukturelle
Analyse dieser Situation unverzichtbar ist. Diese müsse aber nicht unbedingt in marxis-
tischen Kategorien erfolgen. Wenn man den Stellenwert marxistischer Theoreme im
befreiungstheologischen Ansatz systematisch rekonstruiert, dann lässt sich angeben,
inwieweit er vom Marxismus ablösbar ist und an welchen Stellen eine Neuformulierung
gesucht werden muss. In vieler Hinsicht sind durch die Befreiungstheologie sozialwis-
Kirchen und Religionen in Lateinamerika 217

senschaftliche, sozialethische und theologische Standards erreicht worden, hinter die


man nicht mehr zurückfallen darf. Meine These ist, dass nach dem Zusammenbruch des
realen Sozialismus die Theologie der Befreiung nicht aufgegeben werden muss, dass aber
nach einer neuen Art gesucht werden muss, Befreiungstheologie zu treiben (ausführli-
cher Kruip 1996,1998 und 2000a). Man kann begründet an ihren Grundintentionen (vgl.
Sievernich 2000) festhalten, wenn man nur zwischen dem Kontext ihrer Genese und dem
Kontext ihrer Geltung unterscheidet. Vor allem in der Frage der sozialethischen Bewer-
tung marktwirtschaftlicher Elemente im Rahmen politisch verantworteter Ordnungs-
strukturen gibt es einen Klärungsbedarf, der im Mainstream der Befreiungstheologie
noch nicht in hinreichendem Maß als Herausforderung erkannt worden ist, obwohl dies
gerade im Sinne der Option für die Armen notwendig wäre.
Die Phase der ersten Begeisterung und des linkstheologischen »Triumphalismus« ist
vorbei; zugleich sind wesentliche befreiungstheologische Gedanken so sehr in den
aktuellen theologischen und kirchlichen Diskurs eingewandert, dass man von einer
breiten Rezeption sprechen kann (Pöppel 1997:18). Bleibende Verdienste der Theologie
der Befreiung liegen sicherlich - knapp zusammengefasst - in den folgenden Punkten:
Auf »sozialanalytischer« Ebene trug sie dazu bei, dass Ursachen und mögliche
Lösungen der Probleme der Dritten Welt in allmählicher Abkehr von den alten Moder-
nisierungstheorien nicht mehr in Rückständigkeit und nachholender Entwicklung, son-
dern in Abhängigkeit und Befreiung gesehen wurden. Mit ihrer Forderung, die christliche
Liebe dürfe sich nicht in einer individuellen Praxis der Barmherzigkeit erschöpfen,
sondern müsse, um effektiv zu werden, die Ebene der strukturellen Ursachen erreichen,
trug sie dazu bei, dass die drohende Spaltung von Glaube und Politik als höchst
problematisch erkannt und das Bewusstsein der Notwendigkeit der Veränderung gesell-
schaftlicher Strukturen und Institutionen wach gehalten wurde. Daraus ergab sich
unmittelbar ein dritter Impuls: Die Strukturen in der »Ersten« und der »Dritten Welt«
hängen so eng zusammen, dass eine Verbesserung in der »Dritten Welt« nur möglich ist,
wenn es auch zu Veränderungen in den »Zentren des Weltsystems« kommt.
Die Option für die Armen ist inzwischen zum Allgemeingut kirchlicher Stellungnah-
men auch in Deutschland geworden. Sie bedeutet jedoch nicht nur eine Priorität der Hilfe
für die Armen vor anderen Aufgaben, sondern die Befreiung zum Selbst-Sein der Armen,
Respekt ihnen und ihrem Subjekt-Sein gegenüber. Ernstnehmen ihrer eigenen Kompe-
tenzen und Interessen, Achtung der »Weisheit des Volkes«. Die Armen wurden als
Autorität anerkannt, so dass jede Form der Hilfe von außen kritisch auf neokoloniale
Implikationen abgeklopft wurde und jede Kritik aus Europa unter Rechtfertigungszwang
geriet. Die Entwicklung kontextueller Theologien hat europäischen Christen bewusst
gemacht, dass auch ihr Glaubensverständnis partikular ist.
Das öffentliche Interesse an der Theologie der Befreiung erlangte seinen Höhepunkt
in den Jahren 1984-1986, als sich die Konflikte zwischen der Glaubenskongregation in
Rom und einigen Vertretern der Theologie der Befreiung (v.a. Leonardo Boff) zuspitzten.
Heute ist die Situation dadurch gekennzeichnet, dass viele Gedanken der Theologie der
Befreiung in Theorie und Praxis lateinamerikanischen Christseins weiterhin eine große
Rolle spielen, aber nicht mehr unbedingt mit diesem Label versehen und in der Öffent-
lichkeit nicht mehr unter diesem Stichwort transportiert werden. Das hat mit mehreren
Pluralisierungsprozessen zu tun, die zum Verlust von Konturen, gleichzeitig aberzu mehr
218 Gerhard Rruip

Lebensnähe und größerer Flexibilität und Diversität in der Entwicklung neuer Ansätze
geführt haben.
Die Befreiungstheologie hat sich inzwischen mit allen Bereichen befasst, die in der
Theologie eine Rolle spielen, sie hat sich sozusagen in den traditionellen Fächerkanon
hinein ausdifferenziert. Gleichzeitig hat ein Prozess der Ausdifferenzierung einer spezi-
fisch akademischen Form des Theologie-Treibens stattgefunden (wodurch u.a. Kompen-
dien wie Ellacurfa/Sobrino 1995 entstanden), was insgesamt das Problem der Ab-
kopplung von der Praxis der Christen jedoch eher verschärft (Palacio 2002). Zugleich
sind solche Prozesse aber notwendig, um im theologischen Diskurs sowohl hinsichtlich
der notwendigen Interdisziplinarität wie des internationalen Austausches mithalten zu
können, was der Theologie der Befreiung derzeit meinem Eindruck nach noch nicht gut
genug gelingt. Anders als in den 1960er-Jahren scheint sie heute kaum die aktuellen und
weltweit diskutierten sozialwissenschaftlichen Ansätze aufzugreifen. Eine Neujustierung
ihres Verhältnisses zu den Sozialwissenschaften ist sicherlich erforderlich (Fornet-
Betancourt 1997). Die intensive, vielfach jedoch kaum mehr in Europa wahrgenommene
Diskussion ist ein Zeichen dafür, dass der unübersichtlich gewordene Komplex
»Befreiungstheologie« durchaus noch lebendig ist (vgl. die Überblicke Gutierrez 2000;
Mette 2001; Ahrens 2002; Lienkamp 1999; Silber 2006), auch wenn ihre oft von
Fundamentalkritik gegenüber dem Bestehenden gekennzeichnete Rhetorik manchmal
arg mit Figuren wie der »Hoffnung wider alle Hoffnung« arbeitet (Richard 2004).
Am wichtigsten ist die Einsicht, dass die Gruppe derjenigen, die eine Praxis der
Befreiung vom Glauben her leben, kein einheitliches Subjekt ist, sondern aus einer
Vielzahl von Menschen mit unterschiedlichen Lebenssituationen, Kulturen und Ge-
schlechtern besteht. So wurde klar, dass »die Armen« aus sehr verschiedenen Gruppen
bestehen können und dass die Ursachen ihrer Armut genauso unterschiedlich sein können
wie die Möglichkeiten, die zu einer Verbesserung ihrer Situation führen. Zwischen
unterschiedlichen Gruppen von »Armen« können durchaus Konflikte bestehen, die eine
naive Umsetzung einer »Option für die Armen« problematisch und ideologieanfällig
machen. Dass man »die Armen« keinesfalls mehr durch ihren Ort im Produktionsprozess
bestimmen kann, wird durch die Beobachtung deutlich, dass gerade jene besonders arm
sind, die aus den ökonomischen Prozessen und der Globalisierung ausgeschlossen
bleiben. In manchen theologischen Ansätzen wird deshalb weniger von einer »Option für
die Armen« als von einer »Option für die Ausgeschlossenen« gesprochen (Schoenborn
1996). Da die Befreiungstheologie jedoch vom Grundsatz der Anerkennung der Würde
aller ausgeht, erscheint es problematisch, die Subjekte als »Ausgeschlossene« und damit
doch noch »vom System her« zu denken, und nicht von deren eigenen Potenzialen her
(vgl. Fornet-Betancourt 1997:378).
Doch damit nicht genug. Die Armen haben noch ganz andere Gesichter, weshalb
spezifisch indianische theologische Ansätze entstanden sind (vgl. Suess 2001; Wagua
1997; Huhn 2006) und eine »Option für die Anderen« eingeklagt wurde. Denn es war
nicht mehr zu übersehen, dass die besondere Unterdrückung der Indigenas eben nicht nur
von ihren sozioökonomischen Bedingungen her verstanden werden kann, sondern das
Problem der kulturellen Differenz eine entscheidende Rolle spielt. Dabei kommen hier
zwei Aspekte zusammen: der Protest gegen Formen ethnischer Diskriminierung und das
theologische Anliegen der Inkulturation des christlichen Glaubens in indigene Kulturen
Kirchen und Religionen in Lateinamerika 219

(vgl. Lienkamp/Lienkamp 1997; Silber 2005), was zu interessanten Vergleichen zwi-


schen der Theologie der Befreiung und der Pluralistischen Religionstheologie geführt hat
(Garay 2003). Der Ansatz der Befreiungstheologie verlangt »eine konsequentere dialo-
gische Grundhaltung gegenüber anderen Religionen« (Fornet-Betancourt 1997:377).
Ähnliche Gründe führten zur Entstehung von Befreiungstheologien aus der Perspek-
tive der Frauen, deren Situation eben durch die Geschlechterdifferenz mindestens ebenso
bestimmt wird wie durch ihre Stellung in den sozio-ökonomischen Strukturen (vgl. z.B.
Lucchetti Bingemer 2002; Gebara 1995; Tämez 1997; Aquino 1997; Eckholt 2000;
Azcuy 2003). Die besonders kreativen Ansätze reichen von einer vorsichtigen »Befreiungs-
theologie aus der Perspektive von Frauen« über indianische und afroamerikanische
feministische Befreiungstheologien bis hin zu ganzheitlich orientierten Öko-feministi-
schen Ansätzen, die die Befreiung der Natur als wichtiges Anliegen integrieren.
Der Befreiungskampf von Frauen ist ein anderer als der der Indfgenas oder der
sozioökonomisch Armen, aber zugleich können sich die Unterdrückungsstrukturen
vielfach überlagern. »Die indigenen Völker werden ihre Freiheit nicht von den Afro-
brasilianern, die Afrobrasilianer nicht von den Arbeitern, die Frauen nicht von den
Männern und die Landlosen von den Obdachlosen als Geschenk erhalten.« (Suess 2001:
262) Es geht also letztlich »um eine Hermeneutik, welche die Pluralitätin der Optik der
Unterdrückten zur Sprache bringe« (Fornet-Betancourt 1997). Deshalb muss man sich
»von der Vorstellung der Einheit der Unterdrückten in einem globalen Befreiungskampf
verabschieden«. Die Einheit der Unterdrückten kann nur noch als Solidarität über
untereinander differente Handlungshorizonte gedacht werden (ebd.:375).
Weiterhin lebendig sind die Kirchlichen Basisgemeinden, auch wenn sie eine
Minderheit in Kirche und Gesellschaft bilden (Mette 2001:39). In Brasilien (Teixeira
2002; Weber 1998) treffen sich regelmäßig Delegierte von Basisgemeinden aus dem
ganzen Land zu einer »interekklesialen Begegnung«, die einer breiten Öffentlichkeit
bewusst macht, wie viele Menschen sich hier engagieren (Kirchliche Basisgemeinden
Brasiliens 2002). Zunehmend wird dabei der ökumenische Dialog und die Begegnung
mit nicht-christlichen Religionen (»Makro-Ökumene«) gepflegt. Auch die Basisgemeinden
haben einen Prozess durchgemacht, der sie zur Beschäftigung mit einer größeren Vielfalt
an Themen geführt hat. Sehr unterschiedlich sind die Ansprüche, die sie mit ihrem Modell
des Kirche-Seins verbinden. Zwar gibt es in ihnen ein starkes kirchenkritisches Potenzial,
vor allem hinsichtlich der Rolle der Hierarchie, des Zölibats und der Beteiligung von
Frauen. Zugleich haben sich die meisten Basisgemeinden aber von dem Anspruch
verabschiedet, »das« Modell einer zukünftigen Kirche zu sein. Und aufgrund sowohl der
politischen wie der religiösen Differenzierung wird es zunehmend schwieriger, in ein und
derselben kleinen Gruppe sowohl ein gemeinsames religiöses Bekenntnis zu praktizieren
wie an einer konkreten gemeinsamen politischen Praxis festzuhalten. Eine aktuelle
Untersuchung aus Mexiko zeigt zudem, dass sich die Basisgemeinden schwer tun,
jüngere Mitglieder zu rekrutieren, so dass die Mitglieder immer älter werden (Leiiero
Otero 2003).
Für eine Politik in Richtung von mehr sozialer Gerechtigkeit, mehr Gerechtigkeit
zwischen den Kulturen und den Geschlechtern sind eine Vielzahl von Basisbewegungen
Voraussetzung, die die Interessen der Benachteiligten organisieren und artikulieren, sie
als moralisch legitim ausweisen und im zivilgesellschaftlichen Raum mit moralischer
220 Gerhard Rruip

Autorität und politischer Macht zur Sprache bringen. Die Armen in ihrer Pluralität
müssen selbst Subjekte gesellschaftlicher Veränderung werden. Christen sind von ihrem
eigenen Selbstverständnis her aufgefordert, sich an dieser »Politik« zu beteiligen, die
Prozesse der Subjektwerdung der Armen solidarisch zu unterstützen und diese Praxis als
Glaubenspraxis zu begreifen. Nichts anderes als die theologische Reflexion der Glaubens-
praxis von Christen in diesen Basisbewegungen ist heute und in Zukunft die bleibende
Aufgabe der Befreiungstheologie, die dafür aus ihrer eigenen Tradition entscheidende
Lernerfahrungen mitbringt. Sie setzt einen undogmatischen Pragmatismus frei, der den
Besonderheiten eines jeden einzelnen Landes gerecht werden kann, jedoch den »trans-
zendenten« Horizont nicht aus dem Auge verliert. Die Armen auf der ganzen Welt
brauchen die Befreiungstheologie heute mehr denn je. Aber auch die Kirche selbst - und
das ist wahrscheinlich »der heikelste Punkt der gesamten Befreiungstheologie« (Moltmann
1995)- braucht sie, um sich selbst immer wieder zu reformieren, weil sie nur so
glaubwürdig allen Menschen ihre Botschaft verkünden kann. Die für 2007 im brasilia-
nischen Aparecida anstehende fünfte Generalversammlung der lateinamerikanischen
Bischöfe wird zeigen, welchen Weg die lateinamerikanische Kirche und Theologie
einschlagen werden und ob es ihnen dabei gelingt, sowohl den eigenen Wurzeln wie den
aktuellen Herausforderungen gerecht zu werden (Libanio 2006).

Religiöser Pluralismus
In den vergangenen Jahren hat die katholische Kirche Lateinamerikas in einem rasanten
Prozess Gläubige an »protestantische Sekten« verloren. Viele der Konvertiten sind
katholisch getauft und werden als Katholiken gezählt. Da viele gleichzeitig Veranstaltun-
gen anderer Konfessionen besuchen oder sogar eine multiple religiöse Identität haben,
sind genaue statistische Angaben schwierig. Bezogen auf ganz Lateinamerika sprechen
Schätzungen von einem Anteil der Protestanten in Höhe von 12 bis 15 Prozent (Freston
1998:337f). In Brasilien gehören nur noch 75 Prozent der Menschen zur katholischen
Kirche (Carranza 2002:327). In Mexiko sind es noch knapp 90 Prozent, in einigen
indianisch geprägten Bundesstaaten aber teilweise schon weniger als 80 Prozent (z.B. in
Chiapas). In Costa Rica, wo im Auftrag der Wissenschaftlichen Arbeitsgruppe für
weltkirchliche Aufgaben der Deutschen Bischofskonferenz eine Fallstudie durchgeführt
worden ist (Bastian u.a. 2000:195), ist der nicht-katholische Bevölkerungsteil auf 22
Prozent gestiegen. Dabei sind es nicht die seit dem 19. Jahrhundert in Lateinamerika
gewachsenen protestantischen Kirchen der Lutheraner oder Reformierten, die den
großen Zulauf haben, sondern vor allem pfingstkirchliche Gruppen (vgl. als sehr gute
Einführung Pollak-Eltz 1998) oder auch, untereinander mehr oder weniger vermischt,
afroamerikanische Kulte, Schamanismus, Revitalisierungen indianischer Riten (Mader
2002) und das breite Spektrum dessen, was man als »New-Age«-Bewegung bezeichnen
kann. Viele der Pfingstkirchen wie etwa die »Universale Kirche vom Reich Gottes« in
Brasilien oder die über ganz Lateinamerika verbreitete »Asamblea de Dios« setzen auf
mediengerecht inszenierte »Show-Gottesdienste« mit Zungenreden, persönlichen
Bekehrungserzählungen und »Wunderheilungen«. Sie versprechen ihren Anhängern
nicht nur ein Heil im Jenseits, sondern bereits im Diesseits Gesundheit, bessere Beziehun-
Kirchen und Religionen in Lateinamerika 221

gen in der Familie, ökonomischen Erfolg und durch »positives Denken« eine leichtere
Bewältigung des Alltags (vgl. Carranza 2002). Von den Sozialstrukturdaten her findet
man die »Pfingstler« vor allem in den Vorstädten unter den Migranten, die durch ihre
Zugehörigkeit zu einer Pfingstgemeinde in einer fremden Umwelt ein enges soziales Netz
organisieren können, und vielfach auch unter kulturell verunsicherten, aber nicht apathi-
schen indigenen Bevölkerungsgruppen in benachteiligten ländlichen Regionen (Stoll
1990). Insgesamt gehören die Anhänger der Pfingstbewegung nicht zu den Ärmsten,
sondern zu denjenigen Bevölkerungsgruppen, die einen bescheidenen wirtschaftlichen
Aufschwung erfahren haben, der auch mit ihrem Religionswechsel zu tun haben kann,
ohne dass man gleich in anachronistischer Weise Weber'sehe Thesen zum Zusammen-
hang von Kapitalismus und protestantischer Ethik bestätigt sehen muss. Die erwähnte
Fallstudie zu Costa Rica hat ergeben, dass es unter den Anhängern der Pfingstgemeinden
»eine höhere Innovationsbereitschaft [gibt], gepaart mit einer geringeren Zukunftsangst
und einer stärker ausgeprägten Disposition, die Risiken von Veränderungen auf sich zu
nehmen.« (Bastian u.a. 2000:196)
Die neuen religiösen Gruppierungen sind insbesondere für Frauen attraktiv, nicht
weil sie ein emanzipatorisches Frauenbild transportierten (das Gegenteil ist meist der
Fall), sondern weil sie sich speziell um Frauen bemühen, ihnen durch diverse Angebote
das Leben erleichtern und die von ihnen propagierte Alltagsethik (Alkoholverbot,
eheliche Treue, Kritik am »machismo«) zu mehr Partnerschaft in der Ehe, insbesondere
einer höheren Verantwortungsbereitschaft der Männer beiträgt (vgl. Brusco 1995).
Manche fragen sich zudem, ob der emotional aufgeladene Gottesdienst, der von
charismatischen religiösen Führerpersönlichkeiten (»pastores caudillos«) geleitet wird
und mit moderner rhythmischer Musik unterlegt ist, weiblichen Bedürfnissen stärker
entspricht (manchmal als »Julio-lglesias-Syndrom« bezeichnet) als die oft in Routine
erstarrte, traditionelle katholische Liturgie.
Ein weiterer, wichtiger Faktor ist das Bestreben der Pfingstgemeinden, in den
modernen Massenmedien präsent zu sein. Die mediale Aufmerksamkeit den »Fernseh-
kirchen« gegenüber unterstützt zugleich die Attraktivität der Veranstaltungen und zieht
zusätzliche Teilnehmer/innen an. Massenveranstaltungen in großen Kinosälen oder
Stadien lassen sich eben besonders mediengerecht inszenieren. Über die Medienpräsenz
vernetzen sich die Pfingstgemeinden weltweit. Weltbekannte Prediger werden eingela-
den, umgekehrt erhalten Prediger ihre Anerkennung vor Ort durch Einladungen aus dem
Ausland (Bastian u.a. 2000:264f).
Von »progressiver« Seite wurden die »Sekten« in den 1980er-Jahren pauschal mit
den Interessen des »US-Imperialismus« und der jeweiligen nationalen Oberschicht in
Verbindung gebracht. Tatsächlich hatte das vielzitierte »Dokument von Santa Fe« 1980
die Förderung der »Sekten« als Mittel gegen die Theologie der Befreiung empfohlen.
Solche »Verschwörungstheorien« reichen aber nicht aus, das Phänomen zu erklären
(Ströbele-Gregor 2002:55), auch wenn in ihnen ein Körnchen Wahrheit stecken mag.
Jedenfalls sind die protestantischen Gruppen, die sich besonders dynamisch entwickeln,
von den USA weitgehend unabhängig, verfügen über ein autochthones Personal und
entwickeln sich in ähnlicher Weise in Afrika und manchen Ländern Asiens. Ihr Erfolg ist
am besten dadurch zu erklären, dass sie in einer Situation eines multireligiösen Super-
marktes, der durch gesellschaftliche Modernisierung entsteht, und dank eines neuen
222 Gerhard Kruip

»religiösen Unternehmertums« charismatischer Pastoren die Bedürfnisse der Menschen


eben am direktesten befriedigen. Außerdem können diese Gruppen Menschen, die sich
zu religiösen Aufgaben berufen fühlen, sehr flexibel ein Betätigungsfeld einräumen, in
dem sie Bestätigung erfahren. Die »Bekehrung« führt bei vielen Gläubigen tatsächlich zu
einem anderen Verhalten im Alltag. Das Alkoholverbot führt zu besseren Beziehungen
zwischen Eheleuten und höherer beruflicher Leistungsfähigkeit. Das hinsichtlich der
Arbeitsdisziplin positive Image mag ihnen auf dem Arbeitsmarkt höhere Chancen
sichern. Die Versprechungen einer »Theologie des Wohlstands« oder einer »Theologie
des Reichtums« erweisen sich damit in vielen Fällen nicht als leer; die Bekehrung erfährt
eine nachdrückliche Bestätigung durch entsprechende Alltagserfahrungen. Dank der
großen Nähe zum Alltag der Menschen greifen die neuen religiösen Strömungen gezielt
Elemente der lateinamerikanischen Volksreligiosität auf, in deren Rahmen Vorstellun-
gen von Dämonen und Geistern verbreitet sind. Die vielen Heilungen und Exorzismen
stehen in Bezug zu einer lateinamerikanischen Lebens- und Denkweise, die man als eine
»Kultur des Wunders« bezeichnen kann (Bastian u.a. 2000:259).
Ob Angehörige der neuen religiösen Gruppen politisch konservativer sind oder nicht.
ist umstritten. Viele engagieren sich gegen Abtreibungen, Homosexualität oder Kondo-
me und weisen eine gewisse Nähe zu fundamentalistischen Positionen auf, wie sie auch
in der katholischen Kirche vertreten werden. Eine solche Retraditionalisierung ist
konfessionsübergreifend und ein Teil einer weltweit zu beobachtenden »fundamentalis-
tischen Erneuerung der Religion« (Riesebrodt 2001). Es wäre aber weit gefehlt, wollte
man jegliche neureligiöse Strömungen als »fundamentalistisch« bezeichnen. Am Bei-
spiel Costa Rica konnte festgestellt werden, dass die Mitgliedschaft in Pfingstgemeinden
nicht zu konservativen politischen Positionen führt. »Die politischen Ansichten und
Wahlabsichten sowie das Partizipationsverhalten von Pfingstlern unterschieden sich
nicht von denen der katholischen Bevölkerungsmehrheit.« (Bastian u.a. 2000: 99; vgl.
Bergunder 2000:19-22)
Seitens der katholischen Kirche reagiert man sehr unterschiedlich auf das Phänomen.
Erstaunlich ist, dass viele pastorale Mitarbeiter sehr wenig über die neuen religiösen
Gruppen wissen (Bastian u.a. 2000:91,95). Vielfach wird die Herausforderung noch gar
nicht wahrgenommen (Hanf/Huhn 2005). Es müsste die katholische Kirche zutiefst
beunruhigen, dass sie gerade religiös besonders engagierte Personen verliert. Viele
Konvertiten führen ihren Austritt darauf zurück, dass sie in ihrem Engagement zu wenig
ernst genommen worden seien (Bastian u.a. 2000:306).
Die gängigen Verschwörungstheorien und Verteufelungen verstellen den Weg zur
notwendigen Selbstkritik. In einem Gespräch erzählte mir ein katholischer Priester im
Gestus moralischer Empörung, die »Sekten« würden die Menschen manipulieren und sie
an sich binden, indem sie sympathisches, kommunikatives und in der Nutzung von
Medien speziell geschultes Personal einsetzten, indem sie lebendige, ansprechende
Gottesdienste feierten, den Menschen in konkreten Notlagen unter die Arme griffen,
allen, die das wollten, Mitwirkungsmöglichkeiten in der Kirche einräumten und das
Leben der Menschen bis in den Alltag hinein (z.B. durch das Alkoholverbot) bestimmen
und ihnen eine emotionale Heimat geben würden. Diesem Priester war nicht bewusst,
dass er eine pastorale Praxis beschrieb, von der die katholische Kirche manches zu lernen
hätte, um eigene traditionelle Gewohnheiten, starre Strukturen, mangelnde Partizipations-
Kirchen und Religionen in Lateinamerika 223

möglichkeiten und fehlende Nähe zum Alltag der Menschen zu überwinden. Auch
Anhänger der Theologie der Befreiung müssen sich fragen lassen, ob sie nicht bestimmte
Aspekte religiösen Lebens vernachlässigt haben. Doch gibt es in der katholischen Kirche
viele, die Defizite erkannt haben und auf mehr Partizipation, mehr theologische Bildung
der Laien und größere Lebensnähe setzen. Dort, wo die Basisgemeinden stark sind,
scheint der Zulauf zur Pfingstbewegung nicht so massiv auszufallen - auch für konser-
vativere Bischöfe Anlass, die Förderung von Basisgemeinden in neuem Licht zu sehen
(vgl. Bastian u.a. 2000:93, 95, 307). Andere kirchliche Gruppen versuchen, die Pfingst-
bewegung katholisch zu vereinnahmen und fördern die charismatische Erneuerung,
handeln sich dadurch aber vielfach innerkirchliche Konflikte um liturgische Formen und
dogmatische Fragen ein.
Sowohl soziologische wie theologische Debatten führen inzwischen zu einer vor-
sichtigen Neubewertung. Trotz vieler Kritik wird zumindest anerkannt, dass die Pfingst-
bewegung im Kontext sozial rücksichtsloser und unvollständiger Modernisierungs-
prozesse (Ströbele-Gregor 2002:43) wirkliche Bedürfnisse der Menschen aufgreift,
Räume hilfreicher sozialer Vernetzung schafft, die es ermöglicht, die sozio-ökonomi-
schen Transformations- und Erosionsprozesse zu bewältigen und für Entwicklungen
offen ist, die ihre Gläubigen in zivilgesellschaftlichem Engagement fördert, anstatt nur
Weltflucht zu predigen (vgl. z.B. Bergunder 2000). Für Parker (1996) sind die neuen
religiösen Gruppen ein Indiz dafür, dass in Lateinamerika Modernisierung eben in keiner
Weise mit Säkularisierung einhergehen muss, sondern sich neue Formen moderner
Volksreligiösität entwickeln, die mindestens als ambivalent anzusehen seien. Verschie-
dene Autoren sehen sehr deutliche Parallelen zwischen Basisgemeinden und »Sekten«
(Seif 2000) oder verweisen darauf, dass die Grenzen zwischen Basisgemeinden und
charismatischer Erneuerung in der katholischen Kirche fließend geworden seien (Ahrens
2002:113). Es gibt einen Prozess der Rezeption befreiungstheologischen Denkens in der
Pfingsttheologie (Sepülveda 2000). Inzwischen wächst zaghaft sowohl auf protestanti-
scher wie auf katholischer Seite die Bereitschaft zu einem echten Dialog (Bergunder
2000:28-30).

Katholische Kirche und politische Macht

Nach wie vor genießt die katholische Kirche in Lateinamerika, anders als in Westeuropa,
ein hohes Ansehen. Bei Umfragen schneidet sie sehr gut ab, ähnlich wie interessanterwei-
se die Presse, während Politik, Polizei und Justiz sehr wenig Vertrauen genießen. Leider
wird diese starke Stellung der Kirche in der Forschung wenig beachtet. So konnte die
Arbeitsgemeinschaft Deutsche Lateinamerika-Forschung 1997 ihre Jahrestagung zum
Thema »Zivilgesellschaft« durchführen, ohne dass ein einziger Beitrag sich mit dem
Thema Kirche und Religion beschäftigt hätte (Hengstenberg/Kohut/Maihold 2000). Nur
Luis Inäcio Lula da Silva bekannte sich in seinem Vortrag zur Bedeutung der Befreiungs-
theologie, der »Pastoral da Terra« und der stark von der katholischen Kirche mitge-
tragenen Bewegung der Landarbeiter ohne Land (Lula 2000). Brasilien ist ein gutes
Beispiel für die spürbaren Folgewirkungen eines fortschrittlichen Katholizismus (vgl.
Whitaker 2002; Burdick 2002). Offizielle Stellungnahmen von Bischofskonferenzen in
224 Gerhard Kruip

ganz Lateinamerika überraschen immer wieder durch ihren kritisch-prophetischen


Charakter. Sie beschäftigen sich mit der Armutsproblematik, den Menschenrechten, den
Gewaltproblemen, der Korruption und in letzter Zeit zunehmend mit Migrationsfragen.
Das mutige Eingreifen der Kirche fordert heute noch Opfer. So wurde z.B. 1998 in
Guatemala Weihbischof Juan Gerardi ermordet, zwei Tage nachdem er den Bericht einer
von der Kirche eingerichteten Wahrheitskommission der Öffentlichkeit vorgestellt hatte.
Aus Platzgründen kann ich hier nur exemplarisch an zwei Ländern diese zivilgesell-
schaftliche Bedeutung der katholischen Kirche skizzieren. Auf der Basis bereits vorlie-
gender Studien wähle ich Bolivien und Mexiko.
Der starke Einfluss der katholischen Kirche Boliviens ist besonders im Zusammen-
hang mit der Debatte um die Auslandsverschuldung deutlich geworden (zum Folgenden
Kruip 2001). Schon früher war in kirchlichen Kontexten eine durchgreifende Entschul-
dung der Entwicklungsländer gefordert worden. Der Papst hatte in seinem Schreiben
Tertio Millenio Adveniente einen solchen Schuldenerlass angeregt (Nr. 50-51) und damit
vielen entsprechenden Initiativen Rückhalt gegeben. In Bolivien wurde 1998 von der
katholischen Kirche die Kampagne »Jubeljahr 2000« mit der Forderung nach einem
Schuldenerlass initiiert. Schnell schlössen sich viele Organisationen an, und binnen
kurzer Zeit kamen 420.000 Unterschriften zusammen. Der Appell richtete sich nicht nur
an die Regierenden im Norden, sondern auch an die eigene Regierung, bei der eine
armutsorientierte Verwendung der frei werdenden Mittel angemahnt wurde.
Beim Kölner Weltwirtschaftsgipfel und bei der Jahrestagung von IWF und Weltbank
1999 wurde dann tatsächlich eine Entschuldungsinitiative (HIPC II) beschlossen, die
unter bestimmten ökonomischen Voraussetzungen den ärmsten der hoch verschuldeten
Länder eine Entschuldung anbietet, wenn die Zivilgesellschaft bei der Erarbeitung,
Kontrolle und Fortsetzung eines Armutsbekämpfungsprogramms beteiligt wird.
In Bolivien machten es die Erfahrungen mit der Kampagne »Jubeljahr 2000«
möglich, ein breites Bündnis gesellschaftlicher Organisationen unter Federführung der
katholischen Kirche zusammenzuführen. Mit dem Ziel, die Erarbeitung des Armuts-
bekämpfungsprogramms nicht allein der Regierung zu überlassen, sondern einen mög-
lichst breiten Konsultationsprozess zu initiieren, wurde im Dezember das »Forum
Jubeljahr 2000« einberufen. Tragende Säule für die Organisation war die Kommission
für Sozialpastoral der bolivianischen Bischofskonferenz. Neben dem Armutsbekämpfungs-
programm sollte vor allem ein Modell für eine zivilgesellschaftliche Kontrolle (»Control
Social«) von Parteien, staatlicher Verwaltung und Regierung entwickelt werden.
Der Konsultationsprozess kulminierte im »Nationalen Forum Jubeljahr 2000« im
April 2000 in La Paz. Mit insgesamt 4.000 Teilnehmern von ca. 800 Organisationen war
das »Forum Jubeljahr 2000« der in der Geschichte Boliviens größte Dialogprozess dieser
Art. Als Ergebnis wurde schon im Mai ein Text publiziert, der die wesentlichen
Forderungen zusammenfasst. Er enthält Vorschläge für Gesetzesänderungen, zur Steu-
erreform und zur Landfrage, geht also weit über eine Zusammenstellung von Einzelpro-
jekten oder ein in engem Sinn verstandenes Armutsbekämpfungsprogramm hinaus.
Angesichts der immer wieder beklagten Korruption und der Unzufriedenheit mit den
politischen Parteien sind detaillierte Forderungen für einen gesetzlich zu schaffenden
Kontrollmechanismus zum Zweck der Überwachung der durch den Schuldenerlass frei
werdenden Finanzmittel wichtig.
Kirchen und Religionen in Lateinamerika 225

Diese Forderung fand dann auch Eingang in das offizielle Armutsbekämpfungspro-


gramm der bolivianischen Regierung. Die katholische Kirche wurde beauftragt, ein
Verfahren zu entwerfen und zu organisieren, nach dem diese Kommissionen der
Sozialkontrolle besetzt werden. Inzwischen wurden entsprechende Gremien und Orga-
nisationen geschaffen und funktionieren trotz vieler finanzieller und politischer Proble-
me verhältnismäßig gut. Das Problem der Auslandsverschuldung, das auch unter Evo
Morales fortbesteht, wird von vielen kirchlichen und nicht-kirchlichen Gruppen weiter-
hin intensiv verfolgt.
In Mexiko ist der katholischen Kirche ein großer Anteil am Demokratisierungsprozess
zu attestieren, der im Jahre 2000 mit der Abwahl des PRI und der Wahl von Vicente Fox
zum mexikanischen Präsidenten einen Ziel- und Höhepunkt erreicht hat (zum Folgenden
Kruip 2000b), auch wenn die demokratische Kultur Mexikos durch den knappen
Ausgang der Präsidentschaftswahlen 2006 und den sich anschließenden, vielfach irratio-
nalen Machtkampf erheblichen Schaden genommen hat. Seit den 1970er-Jahren hat eine
mehr oder weniger befreiungstheologisch ausgerichtete Kirche vor allem in langfristiger
Arbeit in Bildungsprojekten, in Basisgemeinden, in der Förderung von Kooperativen und
Nicht-Regierungsorganisationen sowie der öffentlichen Kritik gesellschaftlicher Miss-
stände einen erheblichen Beitrag dazu geleistet, dass die Menschen selbstbewusstcr und
politisch mündiger wurden. In vielen kirchlichen Projekten wurde großes Gewicht auf die
Ausbildung christlicher Fiihrungspersönlichkeiten für Basisorganisationen gelegt. Viele
katholische Christen engagierten sich in zivilgesellschaftlichen Organisationen, insbe-
sondere bei den Gruppen, die die Abhaltung sauberer Wahlen kontrollierten. Spätestens
seit dem kirchlichen Protest gegen den Wahlbetrug 1986 in Chihuahua gehörte der
Kampf für Demokratie und Einhaltung der Menschenrechte sowie die Kritik an allen
Formen der Korruption zum Standardrepertoire kirchlicher Stellungnahmen. Die Bi-
schöfe ließen sich von ihrer Kritik nur wenig dadurch abhalten, dass die PRI-Regierung
mit einer rechtsstaatlichen Regelung des Staat-Kirche-Verhältnisses durch eine Verfas-
sungsänderung die kirchliche Hierarchie für die eigenen Zwecke der Legitimitätser-
zeugung einzuspannen versuchte. Am 25. März 2000, wenige Monate vor den
Präsidentschaftswahlen, traten die Bischöfe mit einem Hirtenwort unter dem Titel «Von
der Begegnung mit Christus zur Solidarität mit allen«, dem bedeutsamsten Dokument seit
Anfang der 1970er-Jahre, an die Öffentlichkeit. Das Hirtenwort schlug neue Töne an:
Beispielsweise wurden die beiden Helden des Unabhängigkeitskrieges, die damals
exkommunizierten katholischen Priester Hidalgo und Morelos, durchaus positiv gewür-
digt. Wichtiger jedoch waren die Äußerungen zur gegenwärtigen Situation, die in ihrer
Kritik an den bestehenden Verhältnissen sehr deutlich ausfielen. Die Bischöfe konstatier-
ten einen dringenden Reformbedarf im Land. Trotz guter makroökonomischer Daten
gebe es immer noch eine zu große soziale Ungleichheit. Die Armut habe in den letzten
Jahren noch zugenommen und die Vorteile des Globalisierungsprozesses seien nur
wenigen zugute gekommen. Die Bischöfe forderten eine umfassende politische Partizi-
pation aller und ein Wahlrecht, das endlich den Wahlbetrug und die Ungleichheit der
Chancen überwindet. Sie kritisierten den immer noch verbreiteten Stimmenkauf und die
Einschüchterungspraktiken, die zu einer »Stimmabgabe aus Angst« führten. Immer noch
bestehe deshalb die Gefahr einer »autoritären Regression«. Sie betonten, dass zu einem
wirklichen Übergang zur Demokratie auch die »reale Möglichkeit« eines Regierungs-
226 Gerhard Kruip

wechseis gehöre - eine Textpassage, die den Oppositionskandidaten natürlich sehr


gelegen kam und dementsprechend ausgeschlachtet wurde.
Auch nach den Wahlen von 2000 begleitet die katholische Kirche kritisch den Weg
ihres Landes. In einer Erklärung vom April 2002 würdigten die mexikanischen Bischöfe
die Neuregelung des Staat-Kirche-Verhältnisses, wobei sie selbst das Prinzip der Tren-
nung von Kirche und Staat bekräftigten, religiösen Pluralismus akzeptierten und der
Selbstverpflichtung Ausdruck gaben, künftig aus einem größeren ökumenischen Geist
leben zu wollen (Bischöfe, Mexiko 2002). Im Jahr 2003 erregte ein gemeinsames
Hirtenwort der US-amerikanischen und der mexikanischen Bischöfe Aufsehen, in dem
die Kirchenvertreter sehr deutlich für eine bessere Regelung der Migration zwischen
beiden Ländern, insbesondere für die Beachtung der Menschenrechte der Migranten
eintraten (Bischöfe, USA, Mexiko 2003). Nach den Wahlen 2006 nahmen die Bischöfe
vorsichtig und maßvoll Stellung und betonten in verschiedenen Erklärungen immer
wieder, dass das Ergebnis der demokratischen Wahlen akzeptiert werden müsse. Gleich-
zeitig appellierten sie an die Versöhnungsbereitschaft der Kontrahenten und wiesen auf
die anstehenden Probleme des Landes hin.
Zivilgesellschaftliches Engagement entsteht nicht aus dem Nichts, sondern braucht
Möglichkeiten der Anknüpfung an traditionelle Organisationsformen bzw. etablierte
Institutionen. Im Fall Lateinamerika geschah dies vielfach durch den institutionellen
Rückhalt der katholischen Kirche, die sich aus früheren Bindungen an die herrschenden
Eliten gelöst und auf eine praktische »Option für die Armen« eingelassen hatte. Beide
Beispiele zeigen, dass die katholische Kirche Einfluss hat und durch ihren Dienst an
positiven Entwicklungen mitwirkt. Sie zeigen aber auch, dass dies ihr selbst als Organi-
sation nur begrenzt zugute kommt. Auch wenn viele Menschen die Kirche schätzen und
viele politisch Engagierte kirchlich sozialisiert sind, so unterscheiden sie doch zusehends
zwischen ihrem Glauben und ihrem politischen Engagement, so dass ein solches Wirken
der Kirche keine unmittelbaren Effekte auf die Rekrutierung von Mitgliedern bzw. eine
finanzielle Unterstützung durch ihre Gläubigen haben dürfte.

Schluss
Die kurz dargestellten Veränderungen der religiösen Landschaft in Lateinamerika sind
in den breiteren Horizont der Analyse augenblicklicher Trends der gesellschaftlichen
Veränderungsprozesse weltweit einzuordnen, von denen auch Lateinamerika zuneh-
mend erfasst wird. Es wird heute kaum bestritten, dass sich das alte Säkularisierungs-
paradigma überholt hat, Modernisierung also durchaus mit bestimmten Formen einer
Renaissance des Religiösen einhergehen kann (Minkenberg/Willems 2002). Diese kann
je nach Ausgangslage mit einem verstärkten gesellschaftlichen Engagement dieser
religiösen Bewegungen verbunden sein, so dass es zu dem Phänomen einer Entpriva-
tisierung des Religiösen kommt (Casanova 1994 und 2006). Modernisierungsprozesse
mit funktionaler Differenzierung, Individualisierung und Pluralisierung der Lebensfor-
men, vor allem wenn dies mit massiver Migration und prekären sozialen Situationen
verbunden ist, erzeugen Probleme der Identitätskonstitution der Individuen, die diese zu
einer intensiven Suche nach Identifikationsmöglichkeiten zwingen. Da religiöse Diffe-
Kirchen und Religionen in Lateinamerika 227

renzen sich besonders zur Formulierung und Inszenierung individueller Identität eignen,
überrascht es nicht, dass auf sie zurückgegriffen wird. Freilich vollzieht sich dabei eine
Umstellung von Religion als Einheitssemantik auf die Nutzung religiöser Symbolik als
Differenzsemantik. Damit müssen dann gerade die großen, etablierten religiösen Institu-
tionen wie die katholische Kirche Schwierigkeiten haben, weil sie in ihren Strukturen und
ihrer Dogmatik noch auf Einheitssemantiken abstellen. In jedem Fall führt diese neue
Religionsproduktivität zu Formen des Synkretismus, die in der Identität von Individuen
und Gruppen höchst Disparates zusammenbinden und so zu neuen kulturellen Formen
führen. Bastian u.a. (2000:266f) ordnen die neuen protestantischen Gruppen explizit den
von Garcia Canclini (1990) als »hybride Kulturen« benannten Phänomenen zu.

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Ursula Prutsch

Populismen, Mythen und Inszenierungen -


Getülio Vargas, Juan und Eva Perön im Vergleich

In den frühen Morgenstunden des 24. August 1954 beging der brasilianische Staatsprä-
sident Getülio Dornelles Vargas in seinem Amtssitz, dem Palacio Catete, Selbstmord.
Auf diese Weise entzog sich der Ende 1950 demokratisch wiedergewählte Staatsmann
seinen politischen Gegnern, den Vorwürfen der Korruption, der Misswirtschaft und den
Anschuldigungen, ein Attentat auf seinen Kritiker Carlos Lacerda in Auftrag gegeben zu
haben. Die politischen Strategien des »populistischen Taktierens«, die Vargas' Füh-
rungsstil kennzeichneten, hatten zu immer heftigeren Protestkundgebungen aufgebrach-
ter Brasilianerinnen vor dem Präsidentenpalast geführt. Sie wünschten das politische
Ende eines korrupten Demagogen. In einem »Meisterstück populistischer Rhetorik«
(Williams/Weinstein 2004:21), der vielzitierten >Carta Testamentcx an die brasilianische
Bevölkerung hatte Vargas seinen Selbstmord als Opfertat für Volk und Vaterland
dargestellt, als ultimative Reaktion auf feindliche internationale Stimmen gegen Brasi-
lien: »Ich habe Euch mein Leben gegeben. Ich gab Euch mein Leben. Nun biete ich Euch
meinen Tod. Gefasst mache ich den ersten Schritt auf der Strasse der Ewigkeit und
scheide aus dem Leben, um in die Geschichte einzugehen« (Levine/Crocitti 1999:2220.
Getülio Vargas, Meister der Inszenierung, wie sie Populisten beherrschen, hatte nach
insgesamt 18 Regierungsjahren auch seinen Tod inszeniert, jenen des Märtyrers als
Kulminationspunkt einer Heldenkarriere, eines >selbstlosen< Einsatzes für das nationale
Heil. Obwohl die Familie ein Staatsbegräbnis unterließ, ihn in seiner südbrasilianischen
Heimatstadt Säo Borja unter Ausschluss der Öffentlichkeit bestatten ließ, gestalteten sich
die von seiner Tochter und politischen Vertrauten Alzira Vargas do Amaral Peixoto
sowie der katholischen Kirche (trotz seiner unrühmlichen Todesart) betriebenen mehr-
tägigen Trauerfeierlichkeiten zu einem eindrucksvollen Beispiel der Politik des Gedächt-
nisses. Mehrere hunderttausend Brasilianerinnen defilierten am Sarg des >Vaters der
Armen< vorbei und nahmen an den Abschiedszeremonien teil. Im Museu Histörico
Nacional wurde ein Gedenkraum, die >Sala 24 de Agostcx eingerichtet. Dieser blieb
bestehen, bis die Militärdiktatur (1964-1985) den Totenkult auf ein Mindestmaß redu-
zierte (Williams/Weinstein 2004:260- 1973, in der repressivsten Phase der Diktatur,
wurde allerdings das bis heute bestehende, herausragende Forschungszentrum CPDOC
in der Fundagäo Getülio Vargas auf Initiative von Vargas' Tochter gegründet. Seine erste
232 Ursula Prutsch

(1930-1945) und seine zweite Regierungsperiode (1951-1954) sind heute die meister-
forschten Zeitabschnitte der brasilianischen Geschichte.
Das Bild der gütigen Führerfigur von Getülio Vargas war vor allem im kollektiven
Gedächtnis der Arbeiterschaft verhaftet. Im Jahr 1936 hatte Vargas den Mindestlohn als
Teil einer umfassenden Sozialgesetzgebung gesetzlich eingeführt. Er wurde 1940 erst-
mals ausgezahlt und verbesserte die Lebensbedingungen der brasilianischen Industrie-
arbeiterschaft entscheidend. Die Arbeiter und Arbeiterinnen wurden mit Hilfe einer
staatlich gelenkten Gewerkschaftspolitik als loyale Staatsbürgerinnen eingebunden;
seine Wiederwahl Ende 1950 hatte Vargas vor allem der Arbeiterschaft zu verdanken.
Der während der großen staatlichen Privatisierungswelle Ende der 1990er-Jahre vom
Staatspräsidenten Fernando Henrique Cardoso (1995-2002) deklarierte Wunsch, die Ära
Vargas beenden zu wollen, macht das Weiterwirken des Mythos im kollektiven Gedächt-
nis deutlich. Welche Mechanismen aber setzte Vargas in Gang, um den Mythos eines
> Vaters der Armen< zu kreieren und als einer der charismatischsten lateinamerikanischen
Staatsmänner etikettiert zu werden?

Das >Neue Brasilien< des Getülio Vargas

Der aus einer südbrasilianischen Großgrundbesitzerfamilie stammende Staatsmann war


1930 mit Unterstützung der Militärs durch eine Revolution an die Macht gekommen und
von Anfang an von einer >Mission< erfüllt: den riesigen, heterogenen Agrarstaat Brasilien
durch Industrialisierungs- und Bildungspolitik zu einer relativ homogenen Nation zu
entwickeln, die auch die zahlreichen Einwanderergruppen integrierte. Durch die Unter-
bindung sozialer Konflikte und die Verwischung gesellschaftlicher Disparitäten sollte
der ökonomische Modernisierungsprozess beschleunigt werden. Nach der Weltwirt-
schaftskrise war Brasilien zudem gezwungen, eine importsubstituierende Wirtschaftspo-
litik zu forcieren. Die neue Verfassung von 1934 legitimierte Vargas' Macht; bei den für
das Jahr 1938 anberaumten Wahlen kam er möglichen Niederlagen mit dem Staatsstreich
vom 10. November 1937 zuvor. Mit der Ausrufung des >Estado Novo< ließ Vargas den
Kongress auflösen. Als Diktator vereinigte er Legislative und Exekutive in seiner Person
und regierte mittels Dekreten. Die von Francisco Campos ausgearbeitete neue Verfas-
sung orientierte sich auch an polnischen und portugiesischen Modellen.
Vargas' taktisches Geschick, innen- und außenpolitisch zwischen konkurrierenden
Gruppen zu lavieren, sie gegeneinander auszuspielen, zählt zu den Standardcharak-
terisierungen seines Regierungsstils. Durch Lohnerhöhungen gewann er die Militärs für
sich, durch Schuldenreduktionen in der Landwirtschaft Teile der ländlichen Bevölke-
rung, durch die Einführung des Frauenwahlrechtes im Jahr 1932 eine weibliche Wähler-
schaft. Die Industrie wurde staatlich gefördert, die Banco do Brasil erhielt das Monopol
über Kauf und Verkauf von Devisen. Vargas bediente sich der 1932 gegründeten
faschistischen Bewegung der Grünhemden (Acäo Integmlista), um drei Jahre später
gegen linke und linksliberale Gruppen vorzugehen; im Jahre 1938 verbot er die Integralisten,
nachdem ihr Putsch missglückt war, so wie er keine andere Partei duldete.
In der Zeit zwischen dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges und Mitte 1941
verstand es die brasilianische Regierung durch außenpolitisch geschicktes Lavieren, den
Populismen, Mythen und Inszenierungen 233

Preis einer möglichen Allianz mit den USA, ihrem nach dem Deutschen Reich zweitgröß-
ten Handelspartner, zu erhöhen. Die im August 1942 getroffene Entscheidung, mit den
USA eine Waffenbrüderschaft einzugehen, eröffnete Brasilien großzügige Kredite der
Export-Import Bank, Waffenlieferungen und technische Ausrüstung für seine künftigen
industriellen Symbole nationaler >Entwicklung<: für das riesige - 1946 fertig gestellte -
Stahlwerk Volta Redonda nahe Rio de Janeiro sowie den Bergbaugiganten Companhia
Vale do Rio Doce, an dem die USA 49 Prozent der Anteile besaßen. Der nordamerika-
nische Partner verschaffte sich dagegen exklusiven Zugang zu einer Fülle von kriegs-
notwendigen Rohstoffen (wie Kautschuk, Eisenerz, Mangan, Wolfram, Quarzen, Industrie-
diamanten) und zu strategisch bedeutendem