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Theorie des kommunikativen Handelns

Kommunikatives Handeln ist eine Handlungsart, wie Handlungen zwischen Gesprächspartnern


koordiniert werden kann. Beim kommunikativen Handeln stimmen sprach- und handlungsfähige
Personen ihre Handlungen aufeinander ab. Verständigung ist nach Jürgen Habermas erst dann erreicht,
wenn jeder Hörer allen drei (vier) Geltungsansprüchen einer Aussage zustimmen können. Können sie
das nicht, so müssen die Geltungsansprüche im Diskurs geklärt werden.

Nach Habermas liegen die normativen Grundlagen der Gesellschaft in der Sprache, die als
zwischenmenschliches Verständigungsmittel soziale Interaktion erst ermöglicht. Durch diese Teilmenge
der Kommunikation versuchen Handelnde sich verständigungsorientiert aufeinander zu beziehen. Diese
in der Sprache angenommene kommunikative Rationalitätbildet die Grundlage sozialen Handelns und
überholt den Begriff zweckrationalen Handelns, der von einem teleologischen Handlungsmodell ausgeht
und nicht die rationalisierungsfähigen Aspekte sprachlicher Verständigung innerhalb interpersonaler
Beziehungen anerkennt.

Habermas antwortet mit diesem Ansatz auf seine beiden Vorgänger Adorno und Max Horkheimer. Auch
er bietet eine Theorie mit dem Anspruch der Kritischen Theorie zur Begründung von Normativität, aber
sie soll deren pessimistischen Schluss widerlegen, nach dem der Mensch unter Nutzung seiner Vernunft
es nicht geschafft habe, eine menschenwürdige Welt aufzubauen, weswegen die Vernunft ein stumpfes
Schwert sei. Zwar ist nach Habermas der einzelne Mensch nicht von sich aus zur Vernunft begabt, aber
als mögliche Quelle der Vernunft sieht er stattdessen die Kommunikation zwischen Menschen,
insbesondere die in der Form der Sprache. Die Kommunikation funktioniere jedoch nur dann, wenn sie
ihre Prozesse vernunftorientiert organisiert. Dies wiederum bedeute, dass die Teilnehmer
des Sprechaktes darauf verzichten müssen, Wirkungen im Sinne perlokutiver Sprechakte erzielen zu
wollen, solange das, was sie kommunizieren, auch begründbar und kritisierbar bleiben soll.

Letztendlich gibt es nach Habermas vier mögliche Grundlagen – sogenannte. Geltungsansprüche –, die
Bezugspunkte für die Argumentation sein können. Diese sind:
Verständlichkeit (Voraussetzung)
Die Bedeutung einer Aussage muss von allen Gesprächspartnern verstanden werden. Damit es zur
Verständigung kommt, braucht man eine gemeinsame Schnittmenge an Sprache und Kultur.
Beispiel:
Im Hinterland von Barcelona geht ein deutscher Mann in eine Bar und bestellt auf Englisch einen
Rotwein. Doch die Bedienung spricht nur katalanisch und steht mit fragendem Gesicht da. Deshalb zieht
der Mann seine Digitalkamera heraus und zeigt der Bedienung ein Foto mit einem Rotweinglas. Die
Bedienung lacht und zeigt dem Mann einen „Vogel“. Der Mann verlässt verärgert die Bar. Was war
passiert?
Seitliches tippen auf den Schädel bedeutet in Spanien „Clever“, dagegen wird in Deutschland dieselbe
Geste als ein Zeichen der Geringschätzung interpretiert. Verständlichkeit hat etwas mit der
Sprachkompetenz der Beteiligten zu tun.
Objektive Wahrheit Der behaupte Sachverhalt muss stimmen. Beispiel: 2 + 2 = 4
Normative Richtigkeit
Das Gesagte muss sich mit anerkannten Werten und Normen im Einklang befinden.
Beispiel:
„Du kannst ohne Probleme 180 km/h mit dem Auto fahren.“, behauptet Hans. „Nein, das kann ich nicht.“,
sagt Joan, „in Katalonien liegt die Höchstgeschwindigkeit bei 120 km/h.“
und subjektive Wahrhaftigkeit
Das, was der jeweilige Sprecher sagt, meint er ehrlich.
Beispiel:„Bitte spare Dir Deine netten Worte, ich habe den Eindruck, dass Dir mein Bild gar nicht
gefällt.“
Ergebnisse herrschaftsfreier Kommunikation, die ausschließlich unter Berufung auf diese
Geltungsansprüche zustande kommen, sind nach Habermas optimal rational. Für Habermas
korrespondieren und überschneiden sich diese vier Geltungsansprüche mit dem Begriff
der intersubjektivenWahrheit. Intersubjektive Wahrheit bedeutet jedoch, dass jeder theoretisch mögliche
Diskursteilnehmer der Aussage (Proposition) zustimmen könnte. Der optimale Diskurs spiegle sich in
der idealen Sprechaktsituation wider. Ideal wäre die Sprechaktsituation dann, wenn es keine Verzerrung
der Kommunikation gibt, das heißt:

1. gleiche Chancen auf Dialoginitiation und -beteiligung,

2. gleiche Chancen der Deutungs- und Argumentationsqualität,

3. Herrschaftsfreiheit, sowie

4. keine Täuschung der Sprechintentionen.

Diese transzendental pragmatischen Bedingungen ermöglichen Verständigung und einen vernünftigen


Diskurs. Habermas weiß, dass es die ideale Sprechaktsituation in der Realität nicht gibt. Jedoch vertritt er,
dass wir diese Idealisierung vor jedem Diskurs zumindest implizit vornehmen müssen. Nur so kann es zu
dem „eigentümlich zwanglosen Zwang des besseren Argumentes“ kommen. Aus dieser kommunikativen
Vernunft und Organisation von Handlungen heraus ergibt sich dann kommunikatives Handeln.

Buber, M.: Ich und Du. Lambert Schneider: Heidelberg (1979)


Schulz von Thun, F.: Miteinander reden: Störungen und Klärungen. Rowohlt: Reinbek (1981)
Habermas, J.: Theorie des kommunikativen Handelns. (Bd. 1 und 2) Suhrkamp: Frankfurt (1981)