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Uwe Wolff

Alles über die


gefallenen Engel

Aus dem Wörterbuch des


Teufels

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Geister, Hexen, Dämonen und Magier sind allgegenwärtig - Harry Potter und
Halloween, Herr der Ringe und Satansmessen stehen hoch im Kurs. In der
Kirche und im Religionsunterricht dagegen ist seit Jahrzehnten nicht mehr
von Geistern und Teufeln die Rede.
Das vorliegende Buch gibt in lexikalisch gegliederten Stichworten Auskunft
über die »gefallenen Engel«. Es erhellt die Hintergründe des Geister-,
Hexen-, Dämonen- und Teufelsglaubens, verfolgt ihre
Entstehungsgeschichten und erzählt kenntnisreich und hintergründig, welche
Vorstellungen im Volksglauben lebendig waren und heute noch sind.

ISBN 3 7831 2152 3


© 2002 Kreuz Verlag GmbH & Co. KG Stut tgart, Zürich
Umschlagbild: Hugo Simberg, Der verwundete Engel, 1903
Umschlaggestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart

Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!!


Über das Buch:

Über 60 Prozent der Deutschen glauben an Schutzengel. Mit


der Wiederkehr der Engel rücken aber auch die gefallenen Engel
wieder in den Blick. Sind sie eine Erfindung der Kirche? Gibt es
sie wirklich? Fördern die Lektüre von »Harry Potter« oder das
Hören von Death- und Heavy Metal-Musik indirekt die
Hinwendung zum Okkultismus oder Satanismus? Gibt es
Geister auch in außerchristlichen Religionen? Was steckt hinter
dem Glauben an Hexen? Was ist ein Teufelspakt? Erscheinen
Tote als Geister wieder? Können gefallene Engel wieder zu
richtigen Engeln werden? Was unterscheidet den kriminellen
Satanismus vom Protestsatanismus der Kunst, der Dichtung und
der Pop-Musik? »Alles über die gefallenen Engel« macht Eltern,
Erziehern, Lehrern, Schülern und allen, die mit Jugendlichen
zusammenarbeiten, Mut, den Hintergrund des Geister-, Hexen-,
Dämonen- und Teufelsglaubens zu erhellen.
Der Autor

UWE WOLFF, geboren 1955, Dr. phil., ist Studiendirektor,


Publizist und Autor von Romanen und Sachbüchern. Er schreibt
regelmäßig für überregionale Zeitungen, u.a. Neue Zürcher
Zeitung, Die Zeit, Welt am Sonntag, und veröffentlichte schon
mehrere erfolgreiche Bücher über Engel.
»Gerade im Blick auf das Böse ist uns die sich selbst so
nennende Aufklärung eine radikale Aufklärung schuldig
geblieben. Auch die Theologie ist sie der Zeit bisher schuldig
geblieben. Böse ist trotz der ungeheuren Exzesse von Bosheit,
die das zu Ende gegangene Jahrhundert kennzeichnen, noch
immer eine bourgeoise, eine verbürgerlichte und insofern auch
schon verharmloste Kategorie.«
(Eberhard Jüngel in der FAZ vom 18. Januar 2000)

Für Heimo Schwilk


Inhalt

Einführung: Harry Potter und die Wiederkehr der Magie ............8


Angst ....................................................................................10
Antichrist ..............................................................................12
Apokalypse ...........................................................................14
Beelzebub .............................................................................17
Behemot und Leviathan..........................................................18
Belial....................................................................................19
Besessenheit ..........................................................................20
Blocksberg ............................................................................22
Das Böse...............................................................................25
Böser Blick ...........................................................................28
Aleister Crowley....................................................................29
Dämonen...............................................................................34
Eheteufel...............................................................................35
Elementargeister ....................................................................36
Engelsturz.............................................................................39
Erscheinungsbild des Teufels..................................................41
Exorzismus............................................................................43
Der Exorzist (Film) ................................................................49
Farben des Teufels .................................................................50
Fatima ...................................................................................51
Faust.....................................................................................54
Fegefeuer..............................................................................57
Franz von Assisi....................................................................61
Sigmund Freud ......................................................................64
Gebet....................................................................................66
Geister ..................................................................................66
Georg, der Drachentöter.........................................................71
Gnosis ...................................................................................75
Gog und Magog .....................................................................77
Gothic-Szene .........................................................................79
Halloween.............................................................................83
Hell's Angels .........................................................................84
Hexen...................................................................................85
Hexenring .............................................................................90
Hiob......................................................................................91
Hirnforschung .......................................................................94
Hölle .....................................................................................95
Homosexualität.................................................................... 103
Internet ............................................................................... 105
Islam................................................................................... 107
Jesus ................................................................................... 110
Judas................................................................................... 114
Judentum............................................................................. 123
Carl Gustav Jung ................................................................. 127
Kain und Abel ..................................................................... 132
Katholizismus ...................................................................... 133
Krimineller Satanismus ........................................................ 137
Leiden................................................................................. 140
Jakob Michael Reinhold Lenz ............................................... 144
Liebeszauber ....................................................................... 149
Lilith................................................................................... 152
Lucifer ................................................................................ 152
Martin Luther ...................................................................... 154
Magie.................................................................................. 156
Manichäer ........................................................................... 159
Charles Manson................................................................... 161
Marilyn Manson .................................................................. 162
Heilige Margarete ................................................................ 164
Mephistopheles.................................................................... 165
Moloch ............................................................................... 166
Musik ................................................................................. 167
Mutterschwein ..................................................................... 169
Neosatanismus ..................................................................... 170
Neutrale Engel..................................................................... 174
Okkultismus ........................................................................ 176
Heiliger Patrick.................................................................... 178
Pentagramm ........................................................................ 183
Poltergeister ........................................................................ 183
Protestsatanismus................................................................. 186
Rangordnung unter Teufeln .................................................. 191
Redensarten......................................................................... 194
Rolling Stones ..................................................................... 196
Rosemary's Baby (Film) ....................................................... 200
Der Fall Ruda ...................................................................... 202
Satan, Diabolos und Teufel................................................... 207
Satanskirche ........................................................................ 208
Schwarze Messe .................................................................. 209
Schwarzer Mann.................................................................. 216
666 ..................................................................................... 217
Sexualität ............................................................................ 218
Spukorte.............................................................................. 224
Sündenbock......................................................................... 225
Sündenfall........................................................................... 226
Sündenstufen....................................................................... 230
Taufe .................................................................................. 231
Teufelspakt.......................................................................... 232
Das große Tier..................................................................... 234
Vampire .............................................................................. 234
Versöhnung ......................................................................... 237
Versuchungen...................................................................... 237
Vorgeburtliches Trauma ....................................................... 242
Wiedergänger ...................................................................... 247
Zarathustra.......................................................................... 249
Zombies .............................................................................. 251
Zum Schluß: Was ist ein gefallener Engel, und warum
interessieren sich gerade junge Menschen für dieses Thema?.. 252
Literatur in Auswahl ............................................................ 258
»Der Aberglaub', in dem wir aufgewachsen, verliert, auch
wenn wir ihn erkennen, darum doch seine Macht nicht über
uns.- Es sind nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten.«

Lessing

Einführung:
Harry Potter und die Wiederkehr der
Magie

Nicht nur Kinder lieben spannende Geschichten von


magischen Welten mit Zauberern, Wiedergängern, Unholden
und bösen Geistern. Das Geheimnisvolle und Verborgene zieht
uns an. Warum eigentlich? Wir wissen doch, daß es Professor
Snape, Rubeus Hagrid, Voldemort, die Hobbits oder Orks, die
ganze Welt von »Harry Potter« oder von Tolkiens »Herr der
Ringe« nicht wirklich gibt.
Der Grund für unsere Faszination hat vielleicht einen
einfachen Grund: Wir erkennen in ihm die andere Seite unserer
eigenen Natur wieder. Wir sind wie eine alte Burg mit vielen
dunklen Geheimgängen. Wir haben eine helle und eine dunkle
Seite. In der Burg unserer Seele gibt es von Licht erfüllte Räume
und Türme, die sich den warmen Strahlen der Sonne
entgegenstrecken. Das Licht der Selbsterfahrung und
Selbsterkenntnis leuchtet in ihnen. Doch niemals wissen wir
vollständig, wer wir wirklich sind. Viele Geheimgänge unserer
Seele sind noch zu entdecken, andere bleiben uns vielleicht ein
Leben lang verborgen.
Die lichte und die dunkle Seite unserer Seele finden in der
Welt der guten und bösen Geister ihr Spiegelbild. Licht und
Schatten, Engel und Teufel, Gutes und Böses sind in uns selbst.
Auch Jugendliche spüren dies. Daher rührt ihr Interesse an

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Magie, Okkultismus, Spiritismus und Satanismus.
Über 60 Prozent der Deutschen glauben an Schutzengel. Mit
der Wiederkehr der Engel rücken aber auch die gefallenen Engel
wieder in den Blick. Sind sie eine Erfindung der Kirche? Gibt es
sie wirklich? Fördern die Lektüre von »Harry Potter« oder das
Hören von Death- und Heavy Metal Musik indirekt eine
Hinwendung zum Okkultismus oder Satanismus? Gibt es
Geister auch in außerchristlichen Religionen? Wo tauchen sie
auf? Welche Gefahren gehen von ihnen aus? Was steckt hinter
dem Glauben an Hexen? Was ist ein Teufelspakt? Erscheinen
Tote als Geister wieder? Können gefallene Engel wieder zu
richtigen Engeln werden? Was unterscheidet den kriminellen
Satanismus vom Protestsatanismus der Kunst, der Dichtung und
der Pop-Musik?
»Alles über die gefallenen Engel« will Eltern, Erzieherinnen,
Lehrern, Schülern und Schülerinnen und allen, die mit
Jugendlichen zusammenarbeiten, Mut machen, den Hintergrund
des Geister-, Hexen-, Dämonen- und Teufelsglaubens zu
erhellen. Ich schreibe dieses Buch als Vater von drei Kindern,
als Ausbilder von Lehrern und als Autor von sechs
Engelbüchern. Mit diesem Wörterbuch will ich Licht in die Welt
der gefallenen Engel bringen. Es ist ein Kommentar zum
Zeitgeist, zu dem, was zur Zeit »abgeht«. Manchmal ernst,
gelegentlich heiter im Stil, doch stets informierend und
aufklärend über jahrtausende alte Vorstellungen, die noch
immer lebendig sind. Ich denke, Goethe hat Recht, wenn er sagt:
»Der Aberglaube gehört zum Wesen des Menschen und flüchtet
sich, wenn man ihn ganz und gar zu verdrängen denkt, in die
wunderlichsten Ecken und Winkel, von wo er auf einmal, wenn
er einigermaßen sicher zu sein glaubt, wieder hervortritt.«

-9-
Angst

»Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?« Mit dieser Frage


beginnt ein altes Kinderspiel. Die Antwort darauf mußte lauten:
»Niemand!« Dann hatte der »schwarze Mann« die nächste Frage
zu stellen: »Wenn er aber kommt?!« - »Dann laufen wir!« Der
schwarze Mann oder kurz »der Schwarze« war der Teufel.
Offenbar gibt es eine Scheu, seinen Namen direkt
auszusprechen. Warum eigentlich?
Irgendwann verdunkelt der schwarze Schatten der Angst jede
Kindheit. Der zweijährige Golo Mann sieht in allem
Unheimlichen das Wirken eines geheimnisvollen Wesens. Er
gibt ihm den Namen »Mämä«. Unbekannte Geräusche im Haus,
Hämmern in der oberen Etage, ein unvorhersehbares Geschehnis
- immer ist es die Mämä, die ihm Angst in die Seele jagt, so daß
sich das Kind verkrampft und fortbegehrt. »Heut nacht hab ich
einen Zweerg geträumt, daß er bees war«, notiert die Mutter des
Dreieinhalbjährigen ins ledergebundene Tagebuch. Sie verlangt
nach genauerer Auskunft, doch Golo entgegnet vieldeutig
verschmitzt: »Beese, beese Sachen.«
Niemand redet den Kindern die Angst vor den dunklen
Kräften ein. Sie brechen auch in die behütetste Kindheit ein, wie
die Schlange ins Paradies. Das Kind gibt die Furcht vor den
Dämonen der Nacht zu. Es kommt zu den Eltern ins
Schlafzimmer, weint, wird getröstet und darf vielleicht neben
der Mutter einschlafen, so als wäre ihm für eine Nacht die
Rückkehr in die Geburtshöhle gestattet. Doch wenn es neun
oder zwölf Jahre alt ist: Wer singt dann gegen die Angst, wer
kuschelt sie weg? Die Furcht vor den Schatten der Nacht gilt
jetzt als kindisch und unbegründet. Auch Golo Mann gibt den
Mächten einen anderen Namen. Was ihn ängstigt, heißt nicht
mehr »Mämä«, sondern »Mörder« oder »Einbrecher«. Das

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klingt rationaler und zählt in der Welt der Erwachsenen als
realistische Bedrohung. Golos Zimmer lag im zweiten Stock.
Wenn er nachts die Toilette aufsuchte, pflegte er niemals die
Kettenspülung zu ziehen. Seine Mutter befremdet die
unzureichende Hygienemaßnahme, und sie fragt nach dem
Grund des seltsamen Verhaltens. Golo erklärt, er habe es
vermeiden wollen, durch laute Geräusche Einbrecher
anzulocken. Das war eine Notlüge. »Der wahre Grund war ein
anderer: die Angst, durch das Rauschen des Wassers die Stille
der Nacht zu durchschneiden und Kräfte zu wecken, die besser
ungeweckt blieben.« Welche Kräfte und Energien sind gemeint?
Nicht die naheliegenden, nicht die Ungeduld des Vaters oder der
Mutter, überhaupt nichts Sagbares, eher das namenlose
Unheimliche.
Längst berühmt geworden durch seine Arbeiten, weilt Golo
Mann als Gast der Prinzessin Margret von Hessen auf einem
Jagdschlösschen. Für den Historiker ist es eine Freude, im so
genannten Zarenzimmer schlafen zu dürfen. Doch in der Nacht
holt ihn die »Mämä« ein. Namenloser Schauder erfasst ihn am
Waschtisch, es läuft dem Historiker eiskalt über den Rücken.
Die Haare sträuben sich, das Blut in den Adern gerinnt. Was
greift nach ihm? Dem wortgewandten Mann fehlen die Worte,
er rettet sich in Redewendungen, weil sich nicht anders sagen
läßt, was die Nacht durchdringt und nach ihm greift. Wer kennt
den Schatten der Angst und des hilflosen Ausgesetztseins, wer
kennt seinen Namen? Die Angst steht im Zarenzimmer, sie sitzt
dem Historiker im Nacken: »Zweimal erfuhr ich es in
Augenblicken höchster Erregung oder tiefster Erschütterung: ein
mit nichts Anderem zu verwechselndes heißes ›Kribbeln‹ im
ganzen Körper.« Er könnte den Ort verlassen, durch die Flure
des Schlosses eilen, an die Zimmertür der Prinzessin klopfen.
Doch was sollte er ihr sagen? Etwa, daß er sich vor Gespenstern
fürchte?
Die Angst, sagt der Philosoph Martin Heidegger, gehört zu

-11-
den Grundmustern unseres Lebens. Wer lebt, hat Angst.
Niemand muß den Teufel an die Wand malen. Die Angst ist
auch ohne ihn in unserer Seele. Angst vor der Finsternis, Angst
vor Selbstverlust, Angst vor Liebesentzug, Angst vor dem Tod.
Im Teufel werden diese Ängste personifiziert. Sie erhalten einen
Namen und eine Gestalt.
»Angst fressen Seele auf« heißt es treffend in einem der Filme
von Rainer Werner Fassbinder. Ängste kann man nicht
wegreden. Sie sind da. Selig, wer ihnen eine Gegenmacht zur
Seite gestellt weiß: »In der Welt habt ihr Angst; aber seid
getrost, ich habe die Welt überwunden.« (Johannes 16.33)

Antichrist

Das Auftauchen des Antichristen galt als sicheres Zeichen für


das bevorstehende Ende dieser Welt (1. Johannes 2.18) und den
Beginn eines neuen Lebens in ewigem Frieden. In der
Apokalypse des Johannes (Apk 13.11-18) wird der Antichrist
beschrieben: Er verführt die Christen zum Glaubensabfall. Mit
geschickter Propaganda und durch Gewalt zwingt er alle
Menschen zur Anbetung des großen Tieres (siehe dort). Wer
sich den Anweisungen dieses Diktators nicht beugt, wird
getötet. Alle Menschen bekommen unter der Herrschaft des
Antichristen ein Erkennungszeichen an der Stirn oder der Hand.
Dieses Zeichen ist die Zahl 666 (siehe dort). Der Antichrist ist
also das Urbild eines totalitären Herrschers, der rücksichtslos
über Leichen geht. Das Wort »Antichrist« bedeutet
»Gegenchristus«. Jesus selbst hatte seine Gemeinde gewarnt: Es
werden zahlreiche falsche Propheten kommen und sich als
Christus ausgeben (Matthäus 24.5). Deshalb wird der Antichrist
auch als »falscher Prophet« bezeichnet. Auf dem Haupt trägt er
die Hörner eines Schafsbockes. Obwohl seine Macht groß ist,
steht doch sein ewiges Schicksal schon jetzt fest: Er wird in den

-12-
Flammen der Hölle schmoren (Apokalypse 20.10).
Da der Antichrist nicht nur ein Urbild des Schreckens war,
sondern auch ein Zeichen für die unmittelbar bevorstehende
Erlösung, hielten viele Christen Ausschau nach ihm. Martin
Luther (siehe dort) wollte in Papst Paul III. (1534-1549) den
Antichristen erkannt haben. Das Papsttum selbst sah er als
Erfindung des Teufels an, wie er in seiner Kampfschrift »Wider
das Papsttum zu Rom, vom Teufel gestiftet« (1545) bekennt.
Unter dem Titel »Der Antichrist. Fluch auf das Christentum«
(1888) hat Friedrich Nietzsche gegen den Glauben an Jesus
Christus und die christliche Moral gewettert. Mit der
Vollendung der Niederschrift am 30. September 1888 will er die
neue Zeitrechnung eines nachchristlichen Äons begonnen
wissen. Er verkündigt einen »Todkrieg gegen das Laster: das
Laster ist das Christenthum«. Nietzsches Gedanken haben den
Satanisten Aleister Crowley (siehe dort) beeinflusst. Wie viele
Menschen, die sich in Abgründiges hineingedacht haben, ist
auch Nietzsche wahnsinnig geworden. Ob dies auch das
Schicksal des Sängers Marylin Manson (siehe dort) sein wird,
bleibt abzuwarten. Auf seiner CD gibt er sich selbst den Titel
»Antichrist Superstar« (2001). Im Zeitalter der elektronischen
Datenübertragung hat der Antichrist selbstverständlich eine
eigene Website (www.ANTICHRIST.com/acim.htm).
Doch wo Gefahr ist, da wächst das Rettende auch: Arnold
Schwarzenegger nimmt in dem Film »End of Days« (1999) den
Kampf gegen den Antichristen auf.
Der Film beginnt 1979 in New York City: In einem
Krankenhaus in Manhattan kommt ein Kind zur Welt, ein
wunderschönes kleines Mädchen. Gleichzeitig, 10000 Kilometer
entfernt, wispert ein junger Priester dem Papst zu, daß sich eine
geheimnisvolle Prophezeiung erfüllt habe. Das kleine Mädchen
trägt den Namen Christine. Es ist auserwählt, sich im Jahre 1999
mit dem Satan zu vermählen, um den Antichristen zu
empfangen. Arnold Schwarzenegger, der sonst als Terminator
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eine moderne Version des Teufels verkörperte, hat in diesem
Film die Aufgabe, die Zeugung des Antichristen zu verhindern.
In der Rolle des heruntergekommenen Ex-Polizisten Jericho
Cane versucht er, Christine Beistand zu leisten. Doch woran ist
ein moderner Teufel zu erkennen? Sicher nicht an Pferdefuß und
Schwefelatem. Er tritt vielmehr in der Gestalt eines seriösen
Geschäftsmannes auf. Gabriel Byrne verkörpert im Film die
Rolle des Teufels. Er kommentiert: »Ich wollte bei dem
Gedanken bleiben, daß der Teufel schon immer in
Menschengestalt unter uns weilte. Er könnte der Typ sein, der
neben dir in der Bar oder in einem Flugzeug sitzt. Du würdest
nicht zweimal hinschauen. Er ist ein ruhiger, überlegter
Geschäftsmann. Es gefällt ihm, wieder lebendig zu sein. Es
gefällt ihm in dieser wahnsinnigen Welt.« Jericho Cane besiegt
den Teufel nach klassischem Muster: Er opfert sich selbst, gibt
sein Leben für das Christines.

Apokalypse

Unter dem Titel »Apocalypse Now« (1976-79) verfilmte der


Regisseur Francis Ford Coppola seine Sicht des Vietnam-
Krieges. Mit dem Wort »Apokalypse« verbinden wir Bilder vom
Weltuntergang: Umweltzerstörung und atomare Verstrahlung
der Erde, das wachsende Ozonloch über der Antarktis, das
Aussterben ganzer Tierarten, zunehmende Gewalt in den
Großstädten, Hungersnöte in der »dritten« Welt, militärische
Konflikte.
In allen Religionen gibt es Apokalypsen. Ihr Thema ist nicht
nur das Ende der Welt, sondern vor allen Dingen die Zeit nach
dem Weltuntergang. Apokalypsen sind Enthüllungen einer
geheimnisvollen Wirklichkeit hinter dem Schleier der sichtbaren
Welt. Sie gehen zurück auf eine Offenbarung in Bildern
(Visionen) und Worten (Auditionen). Diese geheime

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Offenbarung wird für einen begrenzten Leserkreis
aufgeschrieben. Nur er soll in das Geheimwissen eingeweiht
werden. Fünf typische Merkmale kennzeichnen eine
Apokalypse:
1. Zwei-Äonen- Lehre: Die Weltgeschichte ist in zwei
Zeitalter oder Äonen eingeteilt. Dieser Äon ist vergänglich, der
kommende Äon ist ewig.
2. Jenseitshoffnung: Der gegenwärtige Äon wird vom Teufel
regiert. Es herrscht ein sittlicher und religiöser Niedergang, doch
in der Zukunft wird alles besser werden. Mit dem neuen Äon
kommt das Paradies. Alle Menschen, die im ersten Äon unter
dem Satan gelitten haben, werden in der kommenden Welt für
ihre irdischen Leiden entschädigt werden.
3. Weltgericht: In den neuen Äon gelangt der Mensch nur
durch ein Gericht. Hier werden die Guten von den Bösen
getrennt.
4. Vorherbestimmung: Das Schicksal der Menschen ist
vorherbestimmt (prädestiniert). Schon jetzt steht fest, wer im
Weltgericht nicht bestehen wird. Gott hat das Schicksal des
Menschen im »Buch des Lebens« verzeichnet.
5. Naherwartung: Das Ende der Welt und der Beginn des
neuen Zeitalters sind nahe. Die Gegenwart ist eine Zeit des
Umbruchs.
Zwischen den alten und den modernen Apokalypsen gibt es
einen wesentlichen Unterschied: Während wir mit der
Apokalypse ausschließlich den Untergang unserer Welt
verbinden, dachten fromme Juden an den Beginn einer neuen
friedlichen Zeit. Die ersten Christen hatten geglaubt, sie würden
noch das Ende dieser Welt und den Anfang des neuen Lebens
im Himmel erleben. Doch es kam anders. Die Wiederkehr
Christi und die Vollendung der Erlösung verzögerten sich. Im
römischen Reich wurden die Christen sogar wegen ihres
Glaubens verfolgt und ermordet. Erst unter Kaiser Nero, dann

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unter Domitian (95 n. Chr.), der als »wiedergekehrter Nero«
bezeichnet wurde. In den römischen Arenen wurden die
Christen in Tierfelle eingenäht und von Hunden zerfleischt, ans
Kreuz geschlagen, zum Zweck nächtlicher Beleuchtung mit
Pech bestrichen und verbrannt. Wie hält ein Mensch diese
Situation äußerster Bedrohung aus? Wie schafft er es, jetzt
seinem Glauben nicht abzuschwören? Eine Antwort auf diese
Fragen versucht die Apokalypse des Johannes zu geben.
Inmitten der Aussichtslosigkeit irdischer Verhältnisse richtet
Johannes einen Blick hinter den Schleier der Zeit. Was die
Gemeinde in diesem Äon erlebe, sei Teil eines kosmischen
Ringens zwischen den guten und den bösen Mächten, zwischen
dem Erzengel Michael und dem Satan. Im Kernstück der
Apokalypse (Apk 12-14) steht die bekannte Teufelszahl 666
(siehe dort), hier tauchen auch die berühmten Widersacher
Christi auf: Der Satan (siehe dort), der Antichrist (siehe dort)
und das große Tier (siehe dort). Im modernen Satanismus
werden diese Widersacher Christi positiv gewertet. Auch
schreiben ihnen Satanisten eine größere Macht als Gott zu. Aus
Sicht der Apokalypse des Johannes zeugt dieser Glaube an die
Macht Satans von einer groben Unkenntnis der wahren
Machtverhältnisse. Denn Teufel, großes Tier und Antichrist
werden im kommenden Äon keine Macht mehr haben. Ihr Ende
ist vorherbestimmt: Michael hat den Teufel bereits aus dem
Himmel verstoßen. Jetzt sind seine Tage gezählt. Deshalb heißt
auch einer der zentralen Sätze der Apokalypse: »Denn der
Teufel kommt zu euch hinab und hat einen großen Zorn und
weiß, daß er wenig Zeit hat.« (Apokalypse 12.12) Während
einer Friedenszeit von eintausend Jahren, dem so genannten
tausendjährigen Reich, wird der Satan in der Unterwelt
angekettet. Anschließend wird er ein letztes Mal losgelassen.
Zusammen mit anderen teuflischen Mächten, Gog und Magog,
dem Antichrist und dem großen Tier werden sie für alle Zeit
»geworfen in den Pfuhl von Feuer und Schwefel«, wo sie

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»gequält werden Tag und Nacht, von Ewigkeit zu Ewigkeit.«
(Apokalypse 20.10) Dann endlich wird es keine Verfolgung
mehr geben, weder Leid, Schmerz noch Tod, denn mit dem
neuen Himmel und der neuen Erde ist der zweite Äon des
ewigen Friedens angebrochen.
Die Vorstellungswelt der Apokalypse des Johannes zeigt
deutlich, warum der Satanismus eine moderne Erscheinung ist,
denn solange die Menschen an eine jenseitige Welt glaubten,
wäre niemand auf die Idee gekommen, im Teufel den wahren
Machthaber zu sehen. Der Satanismus ist ein Kind der
modernen aufgeklärten Welt. Er entsteht erst im 18. Jahrhundert.
Die Leser der Apokalypse fürchteten sich vor dem Teufel.
Gestärkt durch die Lektüre, blickten sie durch den Schleier einer
bösen Zeit auf die kommende Erlösung.

Beelzebub

Der Titel »Beelzebub« kommt aus der hebräischen Sprache.


Er bedeutet »Herr der Fliegen«. Da Fliegen sich gern auf Kot
und Aas niederlassen, ist Beelzebub ein Schmähtitel. In Goethes
»Faust« stellt sich Mephistopheles (siehe dort) als »Herr der
Ratten und der Mäuse/Der Fliegen, Frösche, Wanzen, Läuse«
(V. 1516ff.) vor. Der englische Schriftsteller William Golding
beschreibt in seinem Roman »Herr der Fliegen« (Lord of the
flies), wie sich das Böse in den Seelen einer Gruppe von
Kindern ausbreitet. Das Buch gehört zu den klassischen
Lektürestoffen an unseren Schulen. »Beelzebub« leitet sich von
dem Wort »Baal-Zeebub« ab. Es ist eine Verballhornung des
Fruchtbarkeitsgottes Baal, dem einige Juden im Tal Ben-
Hinnom (Gehenna) Kinderopfer gebracht hatten (Jeremia
32.35).
Wer den Teufel mit Beelzebub austreibt, der macht alles nur
noch viel schlimmer. Dem Exorzisten Jesus (siehe dort) wurde

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vorgeworfen, er stehe mit Beelzebub, dem Obersten aller
Dämonen, im Bund (Matthäus 12.24). Denn anders konnten sich
die jüdischen Schriftgelehrten seinen Einfluss auf die bösen
Geister nicht erklären. Jesus korrigierte diesen Irrtum. Mit dem
Teufel kann man nicht erfolgreich paktieren. Wer ihn besiegen
will, der muß einen Stärkeren an seiner Seite wissen.

Behemot und Leviathan

Behemot und Leviathan waren ursprünglich Monster, die Gott


geschaffen hatte. Sie werden im Buch Hiob (40.15-41.26)
ausführlich beschrieben. Thomas Hobbes (1588-1679) benutzte
sie, um seine Philosophie vom bösen Wesenskern des Menschen
zu entfalten. Bekannt ist Hobbes' Satz: »Der Mensch ist des
Menschen Wolf.«
Der Behemot ist ein Urvieh. Seine äußere Erscheinung gleicht
dem Nilpferd. Allerdings hat er einen langen Schwanz.
Er ist Vegetarier. Seine Nahrung findet er auf den Bergen und
im Wasser. Wie die Elementargeister (siehe dort) ist er friedlich,
wenn man ihn in Ruhe läßt. Am liebsten döst er unter
Lotosbüschen und im Uferschlamm unter Weidenbäumen. Der
Leviathan trägt einen Schuppenpanzer, den weder Speer noch
Schwert durchstechen können. In seinem Maul blitzen Reihen
von spitzen Zähnen. Sein Atem verbreitet Feuer, und seine
Augen glühen leuchtend rot. Der Leviathan si t der König der
Tiere. Beide Monster kennen keine Furcht und sind für
Menschen unbesiegbar. Für Gott allerdings sind sie wie
Spielzeugdrachen. Die Beschreibung ihrer schrecklichen Größe
soll also keine Angst verbreiten, sondern eine Ahnung von der
unvorstellbaren Größe ihres Schöpfers vermitteln. Wenn
Behemot und Leviathan schon von so überwältigender
Erscheinung sind, wie groß muß dann Gott sein! Diese Analogie
gilt auch für die Rede vom Teufel. Was immer er in der Welt an

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Zerstörung anrichtet, Gott ist und bleibt mächtiger. Der
Religionsforscher Rudolf Otto hat daher Gott selbst als ein
faszinierendes und zugleich Ehrfurcht gebietendes Wesen
(mysterium tremendum et fascinosum) beschrieben.
Die Leser des Buches Hiob rätselten vor allen Dingen über
einer merkwürdigen Stelle, in der es von Behemot heißt: »Er ist
das erste der Werke Gottes« (Hiob 40.19). In den
Schöpfungsberichten wird allerdings sein Name nicht erwähnt.
Als erstes Werk Gottes wird dort die Erschaffung des Lichtes
mit der anschließenden Trennung von Licht und Finsternis
beschrieben. Das Licht des ersten Schöpfungstages aber sind die
Engel. Demnach wäre auch der Behemot ursprünglich ein Engel
gewesen. Engel in Tiergestalt sind durchaus nicht
ungewöhnlich. Warum der Behemot aus den himmlischen
Chören der Engel fiel, bleibt wie so Vieles ein Geheimnis. Doch
eins ist gewiss: Kein Teufel kommt als Bösewicht auf die Welt.
Auch die beiden Unholde Behemot und Leviathan wurden erst
im Laufe der Geschichte zu Verkörperungen Satans.

Belial

Belial ist der Name eines Teufels, vor dem Paulus die
Gemeinde in Korinth besonders warnt. »Belial« bedeutet
»Nichtsnutz«. Nomen est Omen: Das gilt auch bei diesem
Teufelsnamen. Der Pakt mit dem bösen Belial bringt nichts
Gutes ein. Deshalb sollen Christ und Christin den Belial meiden:
»Was hat das Licht für Gemeinschaft mit der Finsternis? Wie
stimmt Christus überein mit Belial?« (2. Korinther 6.14f.), so
fragt Paulus. Die Antwort liegt auf der Hand: Nichts!

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Besessenheit

Dämonen sind Geister der Luft. Sie besitzen keinen eigenen


Körper. Doch können sie blitzschnell eine Gestalt annehmen.
Dabei sind sie durchaus wählerisch, denn sie bevorzugen die
eines schwarzen Pudels oder Katers, eines Ziegenbockes oder
einer Schlange. Dieser Körper existiert jedoch nicht wirklich. Er
ist eine Sinnestäuschung, ein Trugbild und Gaukelspiel der
Dämonen. Gern benutzen Dämonen den Körper eines Menschen
als Wohnstätte. Die Vorstellung, daß Menschen oder Tiere vom
Teufel in Besitz genommen werden, ist in vielen Religionen
verbreitet. Es gibt mancherlei Gründe, warum der Mensch nach
katholischer Auffassung ein Opfer der Dämonen werden kann.
Der 1925 in Modena geborene Don Gabriele Amorth, Mitglied
der Internationalen Päpstlichen Marianischen Akademie und seit
1985 beauftragter Exorzist der Diözese Rom, gilt neben dem
1930 in Sambia geborenen Erzbischof Emmanuel Milingo
(Arluno bei Mailand) auf diesem Gebiet als Spezialist. Don
Gabriele nennt vier mögliche Gründe für dämonische
Besessenheit:
1. Wie bereits im biblischen Buch Hiob nachzulesen, kann
Gott selbst den Teufel beauftragen, einen Menschen zu
versuchen. Dieser Fall gilt als äußerst selten. Jesus wurde
allerdings vom Satan in der Wüste versucht.
2. Oftmals sind Verwünschungen (Flüche) Ursache eines
dämonischen Angriffs. Während in den ersten beiden Fällen das
Opfer unschuldig ist, gibt es zwei selbstverschuldete Ursachen
für dämonische Nachstellungen:
3. Der Mensch verharrt ohne Reue im Zustand der Sünde.
4. Er sucht bewußt den Kontakt zu Zauberern, Satanskulten
oder schließt sogar einen Pakt mit dem Teufel.

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Dämonische Anfechtungen, so der Exorzist Pfarrer Franz
Knothe (Diözese Fulda), machen sich unterschiedlich bemerkbar
durch körperliche oder seelische Leiden, Misserfolge im
Berufsleben, Pessimismus, Verzweiflung und
Selbstmordgedanken. Treten diese Beeinträchtigungen nur
zeitweilig auf, so spricht der Exorzist von einer Umsessenheit
(circumsessio). Zu ihrem Bild gehören auch körperliche oder
seelische Störungen, etwa von unsichtbarer Hand ausgeführte
Schläge oder Geißelungen. Die Umsessenhe it gilt als Vorstufe
der Besessenheit (obsessio). Der Besessene ist von dem Dämon
vollkommen in Besitz genommen. Dieser spricht durch ihn in
unbekannten Sprachen. Er weiß über entfernte und verborgene
Dinge Bescheid, verursacht in Kopf und Magen körperliche
Beschwerden und verbreitet einen »höllischen Gestank«,
besonders Brandgeruch. Zuweilen kann er sein Opfer über dem
Boden oder Bett schweben lassen. Medikamente sind ihm
gegenüber unwirksam. Aggressiv dagegen reagiert der Dämon
auf alles Heilige und Geweihte: Weihwasser, Kreuze, Reliquien,
Medaillen, Jesusbilder, Gebete und Hostien.
Der Theologe Kurt Koch hatte zahllose Begegnungen mit
Menschen, die als besessen galten. Auf dem Hintergrund seiner
Erfahrungen nennt er vier Hauptkriterien für Besessenheit:
1. Das Resistenzphänomen: Geisteskranke, so hatte er
beobachtet, wurden durch sein Gebet beruhigt. Im Besessenen
jedoch bewirkte das Gebet einen Widerstand gegen den Beter.
Der Besessene schrie, tobte und griff den Beter an.
2. Besessene fielen beim Gebet in Trance, zeigten
3. hellsichtige Fähigkeiten und sprachen
4. in der Trance manchmal Fremdsprachen, die sie nicht
gelernt hatten.
Als wichtigstes Kriterium zur Beurteilung der Besessenheit
gilt jedoch nach Kurt Koch:
»Die Menschen, die von sich sagen, sie seien besessen, sind

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es nicht. Die wirklich Besessenen wissen es nicht und sagen es
nicht.«
Und noch eine Warnung gibt Koch seinen Hörern und Lesern
mit auf den Weg: »Es gibt auch eine durch plumpe oder auch
schwarmgeistige Seelsorge aufsuggerierte Besessenheit. Hier
muß ein neuer Warnschuss losgelassen werden. Es gibt extreme
Kreise, vor allem in überspannten ›Pfingstkreisen‹, in denen
suggestiv herbeigeführte Besessenheitsfälle geradezu
hochgezüchtet werden. Vor solchen Kreisen ist zu warnen. Vor
allem sollte niemals ein okkult Belasteter oder gar ein wirklich
Besessener solchen Kreisen zur Betreuung übergeben werden.
Das verschlimmert nur den Zustand dieser armen geplagten
Menschen. (...) Extreme religiöse Kreise sind Brutstätten für
Neurosen und Depressionen aller Art.«
Die moderne Psychiatrie kennt keine Besessenheit, wohl aber
Krankheitsbilder wie Epilepsie oder Schizophrenie. Unsere
Sprache dagegen ist konservativ: In Panik geraten, schreien
einige wie besessen. Wer mit dem Auto wie ein Besessener
fährt, ist sich und anderen Menschen eine Gefahr. Er wird vom
Teufel geritten. Einige arbeiten wie besessen. Anderen sitzt der
Teufel im Nacken. Sind sie von Ideen oder gar Ideologien
besessen, dann können sie gefährlich werden. Mit der
Besessenheit wird ein Zustand der Unfreiheit und des
Selbstverlustes bezeichnet. Der Besessene gilt als nicht mehr
zurechnungsfähig. Er ist nicht mehr frei in seinen
Entscheidungen. Er ist sich und anderen fremd geworden.

Blocksberg

Bibbi Blocksberg heißt eine der vielen Hexen, deren


Abenteuer unsere Kinder vor dem Schlafengehen in den Bann
ziehen. Zum Glück haben sie noch keine Ahnung, was auf dem
Blocksberg wirklich getrieben wurde. Erst im Deutschunterricht

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der Oberstufe werden sie mit den unsittlichen Spielen der Hexen
konfrontiert.
Seit dem 17. Jahrhundert wurde der Brocken als Berg der
Hexen und Blocksberg bezeichnet. Der Name »Blocksberg«
wurde vom Harz aus auf andere deutsche Verwünschungsberge
und Sammelpunkte von Unholden übertragen. Zur
Walpurgisnacht, aber auch zu Joha nnis, am Michaelisfest, zu
Weihnachten und Neujahr kamen sie hier zu einer schwarzen
Messe (siehe dort) zusammen. Die weiten Wege zum
Blocksberg legten sie fliegend auf ihren Hexenbesen zurück.
Dazu benutzten sie eine spezielle Flugsalbe. Johannes Praetorius
beschreibt die Herstellung in seinem Buch »Blockes-Berges
Verrichtung« (1668): Die Hexen nahmen das Fleisch von
neugeborenen Kindern, kochten es zu Brei und mischten Mohn,
Schierling und Sonnenwedel darunter. Dann schmierten sie sich
mit dieser Flugsalbe ein und sprachen: »Oben aus und nirgends
an!« - und schon flogen sie zum Fenster oder Schornstein
hinaus. Neben dem Besen dienten Böcke, Ziegen, Katzen,
Mutterschweine (siehe dort), dreibeinige Pferde oder Mistgabeln
als Fortbewegungsmittel.
Gegen das Hexentreiben hilft ein einfacher Abwehrzauber:
Wenn sich Kinder als Hexen verkleiden und auf Besen reitend
durch die Straßen toben, so soll dies die Hexen fernhalten.
Besen, Ziegen und Böcke werden am besten versteckt. In die
Fenster kann man ein Kräuterbüschel hängen und vor die
Haustür zwei gekreuzte Eggen stellen. Wer die fliegenden
Hexen sehen möchte, muß sich einen Kranz von
Tausendgüldenkraut aufsetzen, eine Schlangenhaut um den Hals
hängen oder den Kopf mit Baldrian einreiben.
In Goethes »Faust« wird das derbe Treiben der Hexen auf
dem Blocksberg offen geschildert. Er folgt dabei dem
klassischen Ablauf eines Hexensabbats: Huldigung des Teufels,
Küssen von Satans Hinterteil (Homagialkuss), Satansdienst,
Bergpredigt, Hexentanz, Orgie. Daß sich die satanische

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Gemeinde auf einem Berg trifft, ist natürlich kein Zufall. Der
Satanskult ist immer eine Parodie christlicher Riten, und auch
die Wahl des Ortes will eine Gegenwelt zur christlichen
errichten. Da Jesus seine Bergpredigt auf einer Erderhöhung
hielt, predigt auch der Satan auf dem Brocken. Vor allen Dingen
aber steht die sexuelle Enthemmung im Zentrum der schwarzen
Messe. Goethe läßt daher den Satan sagen:

»Für euch sind zwei Dinge


Von köstlichem Glanz:
Das leuchtende Gold
Und ein glänzender Schwanz
Drum wißt euch, ihr Weiber,
Am Gold zu ergötzen
Und mehr als das Gold
Noch die Schwänze zu schätzen!
(...)
Seid reinlich bei Tage
Und säuisch bei Nacht!
So habt ihr's auf Erden
Am weit'sten gebracht.«

Goethes »Faust« gehört zur klassischen Schullektüre. So le gt


niemand in Deutschland die Reifeprüfung ab, ohne in die
Geheimnisse der schwarzen Magie eingewiesen worden zu sein.
Warum dieser Sachverhalt noch nicht die
Kultusministerkonferenzen beschäftigt hat, bleibt rätselhaft.

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Das Böse

Drei Kinder dürfen mit Erlaubnis ihrer Eltern die Nacht im


Zelt verbringen. Um Mitternacht sind sie noch nicht müde,
wollen etwas unternehmen, wissen aber nicht was. Die Zeit wird
lang, die Herzen und Köpfe sind leer. Nichts ist los.
Lähmende Langeweile. Plötzlich reitet sie der Satan: Ist nicht
eine Schrebergartenanlage in der Nähe? Und befinden sich dort
nicht Kaninchen- und Hühnerställe? Die Kinder schleichen sich
auf das Gelände, brechen die Ställe auf und holen drei
Kaninchen und acht Hühner heraus. Sie wissen nicht, warum,
und denken nicht darüber nach. Die Tiere werden hin- und
hergeworfen. Dann wird mit ihnen Fußball gespielt. Sie werden
getreten und durch die Luft geschossen, bis sie tot sind. Des
bösen Spiels ist damit noch kein Ende. Die Kinder werfen die
Tierleichen vor fahrende Züge.
Fälle wie dieser finden sich jeden Tag in den Zeitungen. Das
Böse gehört zu unserem Alltag. Das Böse ist nicht der Böse,
doch auch ohne Teufel bleibt das Böse rätselhaft. »Den Bösen
sind sie los, das Böse ist geblieben«, sagte schon Goethe. Doch
woher kommt es? Hier gibt es sechs klassische Antworten:
1. Das Böse ist der Preis der Freiheit.
2. Das Böse ist eine Folge verfehlter Erziehung.
3. Das Böse ist eine Folge sozialer Ungerechtigkeit.
4. Das Böse entsteht aus ungelebter Liebe.
5. Das Böse gehört als Aggressions- und Todestrieb zum
Wesen des Menschen.
6. Das Böse ist unser Schatten.
Alle Lebewesen sind äußeren Gefahren ausgesetzt. Beim
Menschen jedoch kommen die größten Bedrohungen aus dem
Inneren. Kein Tier überfrisst sich bis zur Herzve rfettung, kein
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Tier missbraucht den natürlichen Sexualtrieb im perversen
Treiben, kein Tier eignet sich ein größeres Revier an, als es zum
Nahrungserwerb braucht, oder tötet absichtlich im Rivalenstreit
das Brudertier. Völlerei, Unzucht, Neid, Zorn und Habsucht sind
einige Namen für das Böse in uns. Fast unwillkürlich
personifizieren wir sie.
»Es war das Wort des Onkels, das mir die Augen geöffnet
hatte.« Mit eben diesen Worten erinnert sich Erwin Wickert
(*1915) an böse Streiche aus seiner Kindheit. Im Dorf Bralitz
am Rand der Alten Oder wird Hochzeit gefeiert. Der
siebenjährige Knabe soll Blumen auf den Weg des Brautpaares
streuen. Von der anderen Seite des Hofes hatte er
Kinderstimmen vernommen. Dorfjungen spielten in der alten
Ziegelei. Sie »fingen Frösche aus den Becken, steckten ihnen
einen Strohhalm in den After, bliesen sie auf, daß sie ganz rund
waren, und warfen sie ins Wasser, daß sie aufklatschten und wie
Bälle schwammen, mit den Beinen ruderten, aber zu unserem
Gaudium nicht vorwärtskamen. Auch ich ließ mir einen
Strohhalm geben und beteiligte mich an dem Spiel.«
Der Knabe hatte nicht gehört, wie er zur
Hochzeitsgesellschaft gerufen wurde. Ein Stallknecht brachte
ihn ins Haus und berichtete, was er gesehen hatte. Onkel Martin
»fragte mich, wie ich mich wohl fühlen würde, wenn jemand
mich so aufblasen würde wie die Frösche«. Das saß und war
schlimmer, als jeder Vorwurf es hätte sein können. Der Knabe
schämte sich und verließ das Zimmer. »Erst da, erst in dem
Augenblick, als ich die Forderung des Onkels anerkannte, die
Tiere nicht als Sachen, sondern als mir verwandte Wesen
erkannte und ihre Schmerzen mitfühlen konnte, erst da entstand
das Böse.«
Was gut oder böse ist, lernen Kinder von den Eltern. Aber die
Stimme des Gewissens ist mehr als die Verinnerlichung dessen,
was die Eltern einst sagten. Sie ertönt unvermittelt und kann
durchaus gegen die Konventionen der Familie oder der

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Gesellschaft sprechen. Unter der Dorfjugend in Reuden war es
jedes Frühjahr üblich, die Nester von Sperlingen und Krähen
auszunehmen. Das galt im Dorf als gute Tat, das war nicht böse,
wie das Aufblasen der Frösche. Die Bauern ermunterten die
Jungen dazu, und schon der Dorfschullehrer hatte sie die
heimische Fauna in gute und böse Tiere einzuteilen gelehrt.
Gute Tiere waren die nützlichen, böse Tiere die schädlichen.
Böse waren Mücken und Fliegen, Krähen und Spatzen, Habichte
und Bussarde, Füchse und Marder, gut dagegen alle Haustiere,
Schwalben, Regenwürmer, Singvögel.
Onkel Martin hatte die Knaben die Achtsamkeit gegenüber
den Fröschen gelehrt. »Quäle nie ein Tier zum Scherz, denn es
fühlt wie Du den Schmerz.« Nun hätte der Knabe wissen
können, was gut und was böse ist. Böse ist die Unachtsamkeit
gegenüber dem Brudertier, böse die fehlende Anerkennung des
fremden Schmerzes. Doch es bedurfte einer weiteren Erfahrung.
Vom Vater hatte der Neunjährige ein Luftgewehr geschenkt
bekommen. Schießübungen im Garten zeigten, wie wenig
treffsicher der Knabe war. Eine Flasche auf einem Pfahl bildete
das Ziel. Doch die Kugeln pfiffen vorbei. Vielleicht war das tote
Objekt auch keine genügende Herausforderung für den jungen
Schützen, denn als er auf den Vogel im Kirschbaum zielt und
abdrückt, flattert dieser herab mit einem schleppenden Flügel.
Mit Entsetzen sieht das Kind, daß es kein »böses«, sondern ein
»gutes« Tier getroffen hat, ein Rotkehlchen.
Das Rotkehlchen wird umhegt, in einen Korb gesetzt. Ein
Wassernapf wird geholt, Körner werden vor das Brudertier
gelegt. Das Herz klopft. »Ich wollte wiedergutmachen, aber was
ich auch tat, es war vergeblich.«
Am Abend ist das Rotkehlchen tot. Im Garten wird es
begraben. Ein kleines Holzkreuz kennzeichnet die Stelle. Es
markiert auch eine Wende im Wissen des Kindes um Gut und
Böse. Die böse Tat weist über den Tag hinaus, ja über den Rand
des Lebens in die Ewigkeit. Gut und Böse, Leid und Sterben,

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Tod und Schuld gehören auf geheimnisvolle Weise zusammen.
Das Gewehr wird in eine Ecke des Speichers gestellt und nie
mehr benutzt. Die Erinnerung an den Tod des Rotkehlchens
begleitet untergründig den Knaben durch ein langes Leben.
Noch siebzig Jahre später denke er nicht gerne an die Tat
zurück: »Ich bitte die Frösche und die Vögel, die ich
misshandelt oder umgebracht habe, um Verzeihung.«

Böser Blick

Die Augen werden auch als Fenster der Seele bezeichnet.


Menschen können einen klaren, freundlichen, einen trüben oder
traurigen Blick haben. Wer ein schlechtes Gewissen hat, der
senkt den Blick. Wer sich freut, dessen Augen lachen. Einem
bösen Hund soll man so lange fest in die Augen schauen, bis er
den Blick senkt. Blicke können hypnotisierend, verletzend,
niederschmetternd, ja sogar tödlich sein. Schlangen wird ein
lähmender Blick nachgesagt. Im Mittelalter war es streng
verboten, den Blick des Königs zu erwidern. Die Zauberkraft
des Auges erstreckt sich sogar auf leblose Gegenstände. Uri
Geller, heute einer der Betreuer von Michael Jackson, hat in
Fernsehshows der Siebziger Jahre allein durch den Blick seiner
Augen Gabeln verbogen und Kompassnadeln bewegt.
Mit dem Wort »böser Blick« wird die zerstörerische Kraft
dämonischer Menschen bezeichnet. Ihre Seele ist voller Neid,
Eifersucht und Zorn, eben jener Laster, die auch den Teufel
kennzeichnen. Deshalb wird der böse Blick auch »neidischer
Blick« oder »Neidstrahlen« genannt. Die Angst vor dem bösen
Blick ist in allen Ländern der Welt zu finden. In Tadschikistan
schützt man sich vor den Folgen des bösen Blicks durch das
Bärenkissen, ein stacheliges Gewächs, das über jedem
Hauseingang zu finden ist, oder durch eine Kette mit
schwarzweißen Perlen. Überall auf der Welt verbreitet sind

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Augenamulette. Im Christentum gilt das Augensymbol Gottes
als apotropäisches Mittel: Zur Abwehr des bösen Blicks wird es
über den Türen angebracht.
Jesus hat bekanntlich Blinde geheilt. Er öffnete diesen
Menschen wieder das Fenster der Seele, damit das Licht des
Glaubens in sie einströmen kann. So gibt es neben dem bösen
Blick den guten Blick. Es ist der Blick der Liebe, unter dem die
dunklen Mächte weichen.

Aleister Crowley

Edward Alexander Crowley (1875-1947) wurde in


Leamington Spa in der Nähe von Shakespeares Heimatstadt
geboren. Er hielt sich für den größten Dichter seiner Zeit. Der
Vater verdiente als Brauereibesitzer ein Vermögen. Zugleich
zog er als Laienprediger der stark fundamentalistischen Sekte
»Plymouth Brethreu« durch das Land und predigte strikte
Abstinenz vom Alkohol. Sein Sohn Edward Alexander wuchs
als Einzelkind auf. Sehr früh kam es zu großen Spannungen
zwischen ihm und seinen Eltern. Die Mutter soll ihn während
einer Auseinandersetzung als »Das große Tier« bezeichnet
haben. Eine größere Verunglimpfung war in dem Kreis der
Sekte nicht denkbar, denn »Das große Tier« (siehe dort) ist eine
zentrale Gestalt aus der Apokalypse, ein Verbündeter des
Teufels, ein eitler Widersacher Christi und Christenverfolger.
Das Zeichen des Tieres war die Zahl 666.
Als die Verhältnisse zu Hause unerträglich wurden, schickten
die Eltern ihren Sohn in ein Internat der Sekte. Der Vater stirbt
früh an Zungenkrebs. Er hinterläßt seinem Sohn ein großes
Vermögen. Finanziell unabhängig, hat Crowley ausreichend Zeit
und Geld für ausgedehnte Reisen, Wanderungen in den Alpen
und Bergbesteigungen im Himalaja. Er experimentiert mit
Drogen, wird alkohol- und heroinabhängig, schreibt unablässig,

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wird aber wenig gelesen. Das Interesse an Okkultismus (siehe
dort) und Satanismus liegt in der Luft der Zeit. Neue okkulte
Ordensgemeinschaften entstehen. Am 18. November 1898 tritt
Crowley einem der zahlreichen Geheimorden bei, dem
»Hermetic Order of the Golden Dawn« (Hermetischer Orden der
Goldenen Dämmerung).
Wie andere Geheimorden bildet auch er ein Gegenmuster zu
den christlichen Ordensgemeinschaften. Die Mitglieder tragen
wie die Mönche den Titel »Frater« (Bruder), und wie in jeder
katholischen Ordensgemeinschaft bekommt auch hier das neue
Mitglied (Novize oder Neophyt) beim Eintritt einen
Ordensnamen. Crowley heißt nun »Frater Perdurabo«. Die
Ordenssprache ist Latein. Nach dem Vorbild der katholischen
Kirche ist das Leben in einer klaren Hierarchie gegliedert. Sie ist
durch unterschiedliche Weihestufen geprägt. Der »Hermetic
Order« kennt zehn Grade der Einweihung, und wie die Kirche,
so hat auch der Geheimorden eine »Heilige Schrift«.
Ein gemeinsames Merkmal aller Geheimorden ist die
Berufung auf alte außerchristliche Traditionen und
Geheimschriften. Besonders der Mythos von den verborgenen
(apokryphen) und von der Kirche angeblich bewußt
unterdrückten Geheimschriften gehört zu den
Gründungslegenden. Die »Heiligen Schriften« des »Hermetic
Order« wurden bei einem Londoner Antiquar gefunden.
Crowley erreicht nur den sechsten Grad in der
Ordenshierarchie, denn kurz nach der Weihe zum Adeptus
Minor (16. Januar 1900) verlangt er einen vollständigen
Einblick in die Geheimschriften der Ordensleitung. Da ihm
dieser verweigert wird, kommt es zum Bruch. Sieben Jahre
später wird Crowley seinen eigenen Orden gegründet haben. Er
nennt ihn »Argenteum Astrum«.
Die notwendigen Geheimschriften schrieb Aleister Crowley
während seines Aufenthaltes in Kairo 1904 selbst. Sie sind unter
dem Titel »Liber Legis« (Buch des Gesetzes) bekannt. In ihm
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befinden sich auch die berühmten Worte, die jeder mit dem
Namen Crowley verbindet: »Do what you want shall be the
whole of the law« - »Tu was du willst sei das ganze Gesetz.«
Hier heißt es weiter:
»Es gibt keinen Gott außer dem Menschen.
Der Mensch hat das Recht, nach seinen eigenen Gesetzen zu
lebenzu leben, wie er will: zu arbeiten, wie er will: zu spielen,
wie er will: zu ruhen, wie er will: zu sterben, wann und wie er
will.
Der Mensch hat das Recht, zu essen, was er will: zu trinken,
was er will: zu wohnen, wo er will: sich auf dem Antlitz der
Erde umherzubewegen, wie er will.
Der Mensch hat das Recht, zu denken, was er will: zu sagen,
was er will: zu schreiben, was er will: zu zeichnen, zu malen,
schnitzen, ätzen, formen, bauen, was er will: sich zu kleiden,
wie er will.
Der Mensch hat das Recht, jene zu töten, die ihm diese Rechte
streitig machen wollen.«
Zu neuen Offenbarungen gehören neue Zeitrechnungen. Das
gilt auch für Crowleys ägyptische Offenbarung des Jahres 1904.
Crowleys Kalender rechnet in Zeiteinheiten von 22 Jahren. Eine
Zeiteinheit wird mit dem großen römischen Buchstaben I (Eins)
bezeichnet. Die Zahlenfolge IIII (Vier) bezeichnet 88 (4 mal 22)
Jahre. Alle anderen Zahlen bis 22 werden mit klein
geschriebenen römischen Zahlen ausgefü hrt. Zehn Jahre wären
also ein »x«. Die Zeitangabe beginnt immer mit den Buchstaben
»AN«. AN IIIIx bezeichnet also das Jahr 2002, in Crowleys
Chronologie als »gemeine Zeitrechnung« oder »era vulgari«,
abgekürzt »e.v.« bezeichnet. Diese wird der Zeitangabe gerne
beigefügt: AN IIIx, 2002 e.v.. Die Mystifikation gehört zu
Crowleys Selbststilisierung. Seine Vornamen ändert er von
Edward Alexander zu Alick und später zu Aleister, der
gälischen Form des Namens »Alexander«. Zur Selbststilisierung

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gehört auch ein ausschweifendes Sexualleben mit Männern und
Frauen, durch das Crowley bald den Ruf bekommt, der ihn bis
heute zum liebsten Kind der Medien macht. Fortan ist sein
Lebensweg von Opfern begleitet: Nervenzusammenbrüche,
Selbstmorde. Seiner Tochter gibt er den Dämonennamen
»Lihth«. Sie stirbt früh. Sein Sohn verkommt.
Im Jahr 1912 wird Crowley durch Karl Kellner zum Mitglied
des Ordens Ordo Templi Orientis (O.T.O.) berufen. Aus diesem
Orden ist auch Ron Hubbard, der Gründer der Scientology
Church, hervorgegangen. Während des Ersten Weltkrieges hält
sich Crowley in Amerika auf. Er verdient sein Geld als
Ghostwriter von astrologischen Büchern und schreibt pro-
deutsche Kriegspropaganda. Auch während der Zeit des
Nationalsozialismus steht er auf deutscher Seite. Die geistige
Verwandtschaft vieler seiner Ideen mit Hitlers Gedanken ist ihm
selbst aufgefallen.
Aleister Crowleys Mutter hatte ihren Sohn im Zorn als »Das
große Tier« bezeichnet. In Amerika nimmt Crowley diesen
Namen an. »Das große Tier« oder »To Mega Therion« ist fortan
sein Titel. Unverhohlen bricht der Hass gegen das Christentum
aus ihm hervor:
»Tue, was du willst, sei das ganze Gesetz. Siehe, Jesus von
Nazareth, wie bist du mir in die Falle gegangen. Mein Leben
lang hast du mich geplagt und beleidigt. In deinem Namen
wurde ich - wie alle freien Seelen im Reich der Christenheit in
meiner Jugend gemartert; mir war jede Freude untersagt; alles,
was ich hatte, wurde mir genommen, und das, was sie mir
schuldig sind, bezahlen sie nicht - in deinem Namen. Nun
endlich habe ich dich; der Sklavengott ist in der Gewalt des
Herrn der Freiheit. Deine Stunde ist gekommen, wo ich dich
vom Antlitz dieser Erde auslösche, so sicher wird die Finsternis
hinweggenommen werden; und Licht, Liebe, Leben und Freiheit
sollen einmal me hr das Gesetz der Erde sein. Mach Platz, o
Jesus, für mich; dein Äon (= Zeitalter) ist vorbei; das Zeitalter

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des (ägyptischen Gottes) Horus ist angebrochen durch die
Magick (=Magie) des Meisters, des Tieres, das der Mensch ist;
und seine Zahl ist sechshundertundsechsundsechzig. Liebe ist
das Gesetz, Liebe unser Willen. Ich, To Mega Therion,
verurteile dich, Jesus, den Sklavengott, daher dazu, daß du
verhöhnt und angespieen und gegeißelt und hernach gekreuzigt
werdest.«
Der Wille des Menschen ist sein Gesetz, sagt Crowley, und
der Wille des »Großen Tieres« Crowley ist das Gesetz seiner
Ordensmitglieder. Aus Amerika zurückgekehrt, gründet er am 2.
April 1920 in Cefalù auf Sizilien ein Ordenshaus. Er nennt es
Abtei Thelema. Mönche wohnen in einem Kloster oder einer
Abtei. Die Abtei wird von einem Abt geleitet. Dieser verfügt
auch über die Gerichtsbarkeit des Klosters. Das griechische
Wort »Thelema« bedeutet »Wille«.
Crowley gibt sich selbst den höchsten Ordenstitel eines
»Ipsissimus«. »Er selbst ist gottgleich« - so könnte die
Bedeutung umschrieben werden. Drei Jahre später verweist die
italienische Regierung den »Gottgleichen« des Landes.
Als in den Sechziger Jahren der Protestsatanismus aufkam,
wurde Crowley auch in der Musikszene populär. Sein Bild
findet sich auf dem berühmten Platten-Cover der Beatles »Sgt.
Pepper's Lonely Hearts Club Band« (1967). Es gab auch Pläne,
sein Leben zu verfilmen. Mick Jagger sollte dabei die
Hauptrolle spielen. Die Rolling Stones ließen sich auf ihrer LP
»Their Satanic Majesties Request« (1967) von Crowleys
Gedanken inspirieren. Das Lied »Sympathy for the devil« wurde
zur Protesthymne einer ganzen Generation. Ozzy Osbourne von
der Gruppe Black Sabbath komponierte ein Lied mit dem Titel
»Mr. Crowley«, und Jimmy Page von der Gruppe Led Zeppelin
erwarb sogar Crowleys Haus in Boleskine. Aleister Crowley
verdankt seinen Nachruhm den Mystifikationen und Gerüchten
von grausamen Tabubrüchen, von denen sein Leben begleitet
war.

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Dämonen

Wer die erste Seite der Bibel aufschlägt, findet dort den
Mythos von der Erschaffung des Lebens. Alles, was Gott
geschaffen hat, ist gut! So lautet der Refrain der Schöpfung.
Also waren auch Dämonen ursprünglich gut. Ihr gewaltiges
Heer setzt sich aus ehemaligen Engeln sämtlicher neun Chöre
zusammen. Während die himmlischen Heerscharen eine heilige
Ordnung bilden, sind die Dämonen eine reine Chaostruppe oder
- wie Bonaventura lehrte - eine »perversitas«, eine verkehrte
Ordnung. Unter den Dämonen findet man ehemalige Cherubim,
Seraphim, Erzengel, Mächte und Gewalten. Dämonen sind
geradezu besessen von ihrem Hass gegen die göttliche Ordnung.
Deshalb stellen sie auch den Gläubigen nach und versuchen, sie
gegen Gott aufzuhetzen. So schärft der Apostel Paulus seiner
Gemeinde in Ephesus (6.11 f.) ein: »Zieht an die Waffenrüstung
Gottes, damit ihr bestehen könnt gegen die listigen Anschläge
des Teufels. Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu
kämpfen, sondern mit Mächtigen und Gewaltigen, nämlich mit
den Herren der Welt, die in der Finsternis herrschen, mit den
bösen Geistern unter dem Himmel.« Das Wort »Dämon« ist aus
dem griechischen »Daimon« abgeleitet. Dämonen dürfen nicht
mit Elementargeistern (siehe dort) verwechselt werden, denn die
Naturgeister bilden ein eigenes Reich. Sie interessieren sich
nicht für religiöse Fragen, sie streben nicht nach Gnade und
Gotteserkenntnis, sie wissen nichts von Sünde. Die meisten
Elementargeister wollen einfach nur in Ruhe gelassen werden.
Als körperlose Geister suchen sich die Dämonen eine
Wohnung. Sie bevorzugen den menschlichen Körper, fahren zur
Not aber auch in Schweine als Wirtstiere ein (Markus 5.12). Da
Dämonen gern in Rotten auftreten, können sie im Körper des
Menschen eine verheerende Wirkung auslösen. Die Bibel nennt
Seh- und Hörstörungen, Stummheit, Epilepsie, Lähmung,
soziale Isolation und autoaggressive Handlungen. Jesus hatte
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den Kampf gegen die Dämonen aufgenommen und den Anbruch
einer neuen Zeit verkündet: »Wenn ich aber durch Gottes Finger
die bösen Geister austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch
gekommen.« (Lukas 11.20) Und weiter: »Blinde sehen, und
Lahme gehen, Aussätzige werden rein, und Taube hören, Tote
stehen auf, und Armen wird das Evangelium gepredigt.«
(Matthäus 11.5) Aus Maria von Magdala hatte Jesus sieben
Dämonen ausgetrieben, aus dem Besessenen von Gerasa sogar
6000. Dämonen kehren jedoch gerne an den Ort ihres
unheilvollen Wirkens zurück. »Wenn der unreine Geist von
einem Menschen ausgefahren ist, so durchstreift er dürre
Stätten, sucht Ruhe und findet sie nicht; dann spricht er: Ich will
wieder zurückkehren in mein Haus, aus dem ich fortgegangen
bin. Und wenn er kommt, so findet er's gekehrt und geschmückt.
Dann geht er hin und nimmt sieben andere Geister mit sich, die
böser sind als er selbst; und wenn sie hineinkommen, wohnen
sie darin, und es wird mit diesem Menschen hernach ärger als
zuvor.« (Lukas 11.24-26).
An Agnostikern und Atheisten gehen die Dämonen achtlos
vorüber. Der Grund liegt auf der Hand, denn was gäbe es bei
ihnen noch zu holen? Dämonen selbst sind jedoch niemals
Ungläubige, Skeptiker oder Zweifler. Sie können keine
Atheisten werden. Das unterscheidet sie von den Menschen. Sie
glauben an den einen Gott (Jakobusbrief 2.19).

Eheteufel

Wenn die Ehe zur Hölle wird, muß nicht gleich der Teufel
seine Hand im Spiel haben. Auch bei drastisch zunehmenden
Scheidungsraten in der westlichen Welt sollte nicht gleich der
Teufel an die Wand gemalt werden. Ehekrisen können höchst
irdische Ursachen haben. Auch ist es unfair, Frauen zu
verteufeln, wie es Elvis Presley mit den Versen »You... walk

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like an angel..., but... you're the devil in disguise« getan hat.
Wie überall, so schützen auch im Fall des Eheteufels Wissen
und Aufklärung vor Mystifikationen. Der Eheteufel Asmodi
(Asmodäus) ist aus dem biblischen Buch Tobit bekannt. Hier
wird eine Geschichte vom Erwachsenwerden zweier
Jugendlicher erzählt. Sie heißen Tobit und Sara. Der
Schutzengel Raphael will sie zum Bund der Ehe
zusammenführen. Dabei stellen sich ihm einige Widerstände in
den Weg. Einer erscheint in der Gestalt des Eheteufels Asmodi.
Der Name leitet sich aus der Religion Zarathustras (siehe dort)
ab. Hier heißt der Bösewicht Dev Aeschma. Er kommt in der
Brautnacht und versucht, die Männer vor dem Vollzug der Ehe
zu töten. Der Eheteufel ist also ein eifersüchtiger Geist. Doch
mit Hilfe des Schutzengels kann er leicht vertrieben werden.
Das Buch Tobit empfiehlt zur Vertreibung Asmodis zwei
Mittel:
1. Ein magisches Räucherwerk aus Lebertran (Tobit 6.20) und
2. eine Zügelung der Triebe, denn Sara und Tobit schlafen
drei Nächte keusch nebeneinander, ehe sie die Ehe vollziehen.
Dieses Keuschheitsritual war auch unter den jungen
Gralsrittern verbreitet. So schlafen Parzival und Condwiramurs
erst drei Nächte nach der Hochzeit miteinander. Verständlich,
daß bei diesen hohen ethischen Auflagen zur Bannung von
Eheteufeln viele Paare heute ohne Trauschein zusammenleben
wollen. Eheteufel sind also Eheverhinderungsteufel. Ihrer nun
gibt es viele im 21. Jahrhundert.

Elementargeister

Wenn Häuser, Städte und Länder ihren eigenen Geist haben,


dann noch mehr die Natur. Jeder Wanderer im Gebirge oder am
Meer und jeder Waldgänger spüren diese Naturkräfte. In den

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Elementargeistern werden sie seit Urzeiten personifiziert.
Elementargeister sind trotz ihres hohen Alters wieder populär,
denn sie verkörpern heute ein ökologisches Bewußtsein. Ihr
Name leitet sich aus den vier Elementen Erde, Wasser, Feuer
und Luft ab. Jedem Element werden bestimmte Elementargeister
zugeordnet.
In der Luft schweben die Sylphen. Sie sind sterbliche Geister
weiblichen Geschlechts. Im Feuer wohnen die Salamander. Im
Wasser die Undinen, Nixen, Meerjungfrauen, Nymphen und die
Lorelei. Der Erde sind die Gnome, Bergwerksdämonen, Zwerge,
Schrate und Trolle zugeordnet. Die Elementargeister sind älter
als das Christentum. Teilweise stammen sie aus der griechischen
und der nordischen Mythologie. Sagen und Märchen, aber auch
die Dichtung berichten von ihnen. Ob damit die
Elementargeister ein reines Produkt der Fantasie sind, darüber
streiten sich die Geister.
Trotz großer Unterschiede in Erscheinungsbild und Wesensart
haben alle Naturgeister gemeinsame Charakterzüge:
1. Sie wollen nicht von Menschen beobachtet werden.
2. Sie besitzen keine Seele.
3. Viele von ihnen haben ein starkes erotisches Verlangen.
Elementargeister sind deutlich von Dämonen zu
unterscheiden. Dämonen (siehe dort) sind gefallene Engel (siehe
Engelsturz), also ehemalige Himmelsbewohner. Dämonen
stellen der Seele des Menschen nach, wollen sie zum Bösen
verführen und in die Hölle hinabziehen. Da Elementargeister
keine Seele besitzen, sind sie für einen Teufel ohne Interesse. So
könnte man denken, doch ist das Verhältnis zwischen
Elementargeistern, Teufel und Mensch vertrackter. Während
viele Erdgeister wie Trolle und Schrate, aber auch der
Feuergeist des Salamanders glücklich über ihre Lebensform
sind, drängt es Zwerge, Sylphen und Undinen zuweilen nach
mehr. Sie haben Sehnsucht nach einer eigenen Seele. Wenn

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dieses Verlangen in ihnen auftaucht, kann es für den Menschen
gefährlich werden. Die plumpen Zwerge bedienen sich dazu
eines üblen Tricks. Sie tauschen das neugeborene Menschenkind
gegen ein Zwergenkind aus. Dies wird Wechselbalg genannt.
Die ersten sechs Wochen nach der Entbindung gelten als die
gefährlichste Zeit für Säuglinge. Der Glaube an Wechselbälger
hat sich in einer tiefen Schicht der Seele bis auf den heutigen
Tag erhalten. Denn besonders in Krisenzeiten taucht bei
Jugendlichen gelegentlich die Fantasie auf, sie wären auf der
Säuglingsstation vertauscht worden. Wie immer, so ist auch hier
die Frage nach Geistern mit der Frage nach der menschlichen
Identität eng verbunden. Als böser Seelenräuber gilt bekanntlich
der üble Zwerg mit Namen Rumpelstilzchen. Das Märchen der
Brüder Grimm verrät auch, wie diesen Burschen beizukommen
ist: Man muß sie nur beim Namen nennen, dann weicht der
Spuk.
Obwohl Elementargeister keine Dämonen sind, kann sich der
Teufel ihrer dennoch bedienen. So sah es jedenfalls Martin
Luther: »Wechselbälger und Kielköpfe legt der Satan an der
rechten Kinder statt, damit die Leute geplaget werden. Etliche
Mägde reißt er oftmals ins Wasser, schwängert sie und behält sie
bei ihm, bis sie des Kindes genesen, und legt darnach dieselben
Kinder in die Wiegen, nimmt die rechten draus und führet sie
weg. Aber solche Wechselbälge sollen, wie man sagt, über 18
oder 19 Jahre nicht leben.«
Besonders gefährlich sind die Wassergeister. Die neben der
Lorelei bekannteste Nixe der Welt ist die kleine Seejungfrau,
das Wahrzeichen der Stadt Kopenhagen. Sie ist klein und
zierlich. Ihr offenes Haar ist lang. Schöne Brüste zieren den
nackten Oberkörper. Der Unterleib mündet in einen
Fischschwanz. Die Meerjungfrau sitzt auf einem Stein am
Hafen. Niemand möchte bei ihrem Anblick glauben, daß sie ein
Wässerchen trüben könnte, doch schon Hans Christian
Andersens Märchen von der kleinen Seejungfrau offenbarte

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abgründige Charakterzüge und ein starkes Verlangen nach der
Seele des Menschen. Wassergeister sind ein beliebtes Motiv der
Romantik. Teilweise haben die Autoren Mitleid mit den Nixen,
teilweise warnen sie vor ihnen. Oft mischen sich bei den
Männern Angst und Lust am Untergang. Die erotische
Ausstrahlung der Nixe ist jedoch immer teuflisch. Denn wie die
femme fatale verspricht sie alles und gibt nichts. In seiner
Ballade »Der Fischer« (1778) hat Goethe diesen Charakterzug
der Meerjungfrauen beschrieben:
»Ach wüßtest du, wie's Fischlein ist So wohlig auf dem
Grund, Du stiegst herunter, wie du bist, Und würdest erst
gesund.
Das Wasser rauscht', das Wasser schwoll, Netzt' ihm den
nackten Fuß, Sein Herz schwoll ihm so sehnsuchtsvoll, Wie bei
der Liebsten Gruß.
Sie (die Nixe) sprach zu ihm, sie sang zu ihm;
Da war's um ihn geschehen:
Halb zog sie ihn, halb sank er hin
Und ward nicht mehr gesehen.«

Engelsturz

Teufel sind gefallene Engel. Doch warum stürzten sie aus


dem Himmel? Zur Beantwortung dieser Frage sind ganze
Bibliotheken geschrieben worden. Von allen Erzählungen über
den Engelsturz sind drei besonders beliebt gewesen. Sie heißen:
»Das Leben Adams und Evas«, »Die Schatzhöhle« und »Das
Henochbuch«. Über Jahrhunderte waren diese äußerst populär
und haben die Kunst nachhaltig beeinflusst. Wer nach dem
Grund für den Engelsturz fragt, bekommt durch sie zwei
verschiedene Antworten:
1. Der erste Versuch einer Antwort lautet: Eifersucht auf den

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Menschen und Rebellion gegen Gott führten zum Engelsturz. So
erzählt die Geheimschrift »Das Leben Adams und Evas«: Satan
und seine Engel wollten sich nicht vor dem Menschen
verbeugen. Darüber wurde Gott zornig. Satan reagierte mit
Trotz. Sein Herz verhärtete sich. Es kam zum offenen
Widerspruch. Satan verstieg sich mit Worten immer mehr,
wurde übermütig und verlor jedes Maß. Schließlich gab er vor,
Gott gleich sein zu können. Gott verwies ihn des Himmels.
Seitdem gilt die Hybris (Übermut) als höchste Sünde.
2. Der zweite Versuch einer Antwort lautet: Sexuelle
Leidenschaft führte zum Engelsturz. Einige »Gottessöhne«
(Genesis 6.1-4) verliebten sich in die ersten Frauen auf Erden,
verließen ihre Plätze im Himmel und vollzogen auf Erden den
Beischlaf. Diese Überschreitung der von Gott gezogenen Grenze
zwischen Enge l und Mensch hatte die unwiderrufliche
Verbannung aus dem Himmel zur Folge.
Hielt sich der Bericht der Bibel mit Namensnennungen und
Zahlenangaben noch diskret zurück, so wusste das Henochbuch
von exakt zweihundert männlichen Engeln, die mit irdischen
Frauen Verkehr gehabt haben sollen. Der Anführer hieß
Semjasa. Die anderen gefallenen Engel trugen Namen wie:
Urakib und Arameel, Sammael und Akibeel, Tamiel und
Ramuel, Danael und Erzeqeel, Saraqujal und Asael, Armers und
Batraal, Anani und Zaqebe, Samsaveel und Sartael, Tumael und
Turel, Jomjael und Arasjal.
Sie schwängerten die Frauen und lehrten sie dämonische
Künste wie Abtreibung, Erstellung von Zaubermitteln und
Beschwörungsformeln, das Schneiden von heilkräftigen
Wurzeln und Pflanzen, Astrologie und Wolkenkunde,
Zeichendeutung an Erde, Sonne und Mond, Herstellung von
militärischem Gerät, Schlachtmesser, Waffen, Schilde,
Brustpanzer, Gebrauch von Augenschminke und Verschönerung
der Augenlider, Färbetechniken und Goldschmiedekunst.
Der Engelsturz war die Folge der Engelsünde des Neids und
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des Ungehorsams. Mit Blick auf den Sündenfall (siehe dort) der
ersten Menschen bildet er das »Vorspiel« im Himmel. Die Folge
des menschlichen Sündenfalls war die Erbsünde, die nach
kirchlicher Lehre durch das Sühnopfer Chr isti überwunden
wurde. Menschen können also die freien Plätze im Himmel
einnehmen. Adam, Eva und andere Menschen aus der Zeit vor
Christi Geburt sind sogar schon durch die Höllenfahrt Christi
aus der Vorhölle (siehe Fegefeuer) befreit worden. Die
Engelsünde aber hat die ewige Verdammnis zur Folge.
Durch den Aufstand Satans und seiner Engel waren natürlich
alle Engel vor die Entscheidungsfrage gestellt worden. Der
größte Teil von ihnen blieb Gott treu. Wie groß ihre Zahl war,
läßt sich nicht fassen. Die Enge lforschung kann hier nur
mutmaßen. Martin Luther (siehe dort) sagte einmal, wo 20
Teufel aufträten, da seien gewiss auch 100 Engel sonst wäre es
auf Erden gar nicht auszuhalten. Der Reformator geht also von
einem Verhältnis von 1:5 aus. So dürften 80 Proze nt der Engel
Gott treu geblieben sein. Ob es neben den beiden Gruppen der
gefallenen und der treuen Engel eine dritte Gruppe neutraler
Engel (siehe dort) gegeben hat, wird unter Engelforschern
kontrovers diskutiert.

Erscheinungsbild des Teufels

Früher war es leicht, den Teufel an seinen markanten äußeren


Merkmalen zu erkennen. Wenn ein finster blickender fremder
Mann mit schwarzer Kleidung und einem roten Umhang (siehe
Farben des Teufels) durch das Dorf zog, so wusste jedes Kind:
Das könnte der Teufel sein. Letzte Zweifel beseitigte ein Blick
auf Füße und Kopf. Kleine Hörner zwischen den Haaren, ein
lahmes Bein oder ein Pferdefuß waren unverwechselbare
Kennzeichen Satans. Wer sich näher an den Schwarzen
herantraute, konnte den Teufel an seinem Schwefelatem

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erkennen. Auch in einer Kröte, einem schwarzen Pudel, einem
Affen, einem Wolf oder einer Schlange konnte sich Satan
verbergen.
Das Erscheinungsbild des Teufels wurde durch Künstler und
Märchenerzähler immer weiter ausgeformt. Sie griffen dabei auf
Geschichten der Bibel, die Legenden von der Versuchung des
heiligen Antonius (siehe Versuchungen) oder auch heidnische
Vorbilder zurück. Besonders beliebt waren Mischwesen wie der
Minotaurus und der Hirtengott Pan. Beide trugen Hörner. Der
Minotaurus hatte den Unterleib eines Menschen und den
Oberkörper eines Stieres. Sein Gegner war der Held Theseus. In
christlicher Zeit wurden Theseus mit Christus und der
Minotaurus mit dem Teufel gleichgesetzt. Pan besaß den
Oberkörper eines Menschen, trug Ziegenhörner auf dem Kopf
und hatte den Unterleib eines Bockes. Der Bock war ein Symbol
der Geilheit (siehe Sexualität), die man dem Teufel nachsagte.
Auch die Bibel beeinflusste das Erscheinungsbild des Teufels.
Satan war die Schlange, die Eva verführt hatte, der brüllende
Löwe und der böse Drache aus der Apokalypse (siehe dort). Vor
allen Dingen die zahlreichen Dämonen, die Jesus (siehe dort)
aus den Besessenen vertrieben hatte, bestimmten das Bild vom
Teufel. So sind die ersten Teufelsdarstellungen aus dem 6.
Jahrhundert Schattenbilder von Dämonen, die aus den
Besessenen fahren. Das Erscheinungsbild Satans in der Kunst ist
vielfältig: Er ist der Seelenverschlinger beim Jüngsten Gericht,
der Höllenfürst, der große Versucher der Heiligen oder der
Besiegte beim Abstieg Jesu in die Hölle. Hieronymus Bosch und
Pieter Breughel gehören zu den bekanntesten Höllen- und
Teufelsmalern. Teufel und Dämonen erscheinen auch als
Wasserspeiher an romanischen Kirchen und auf
Säulenaufsätzen.
Die Kirche war nicht immer glücklich über die Darstellungen
des Teufels. Der Grund lag auf der Hand: Wer sich ein
bestimmtes Bild vom Teufel machte, der war zugleich

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Gefangener dieses Bildes. Oft fühlte man sich unter ganz normal
aussehenden Menschen sicher - niemand weit und breit mit
Pferdefuß oder Schwefela tem - und übersah dabei, daß der
Teufel mal wieder im Detail steckte. Er ist ein großer
Verwandlungskünstler und geht seit der Aufklärung weitgehend
inkognito durch die Welt. Denn im Gegensatz zu den Schönen
und Reichen dieser Welt legt er überhaupt keinen Wert darauf,
erkannt zu werden. Schon die alte Hexe (siehe dort) in der
»Hexenküche« von Goethes Faust erkennt den Teufel nicht, weil
sie ausschließlich auf das traditionelle Erscheinungsbild fixiert
ist. Deshalb klärt sie Mephistopheles (siehe dort) auf:
»Auch die Kultur, die alle Welt beleckt, Hat auf den Teufel
sich erstreckt;
Das nordische Phantom ist nun nicht mehr zu schauen;
Wo siehst du Hörner, Schweif und Klauen?«
(Faust 2495ff.)
Selbst die Anrede »Junker Satan« verbittet sich der Teufel.
Der Satan gehöre ins Reich der Fabel. Allerdings: »Den Bösen
sind sie los, die Bösen sind geblieben.« (Faust 2509) Das ist
nicht nur ein Kernsatz zum Erscheinungsbild des Teufels,
sondern ein Kommentar zum Bösen in der modernen Welt. Es
hat keinen Namen und kein Gesicht mehr. Das macht es umso
bedrohlicher, wie der moderne Terrorismus zeigt.

Exorzismus

Wie die Engel, so sind auch die Dämonen für das menschliche
Auge unsichtbar. Doch können beide eine Gestalt annehmen
oder in den Körper eines Tieres oder Menschen schlüpfen.
Wenn der Dämon von einem Menschen Besitz ergriffen hat,
dann spricht man von Besessenheit (siehe dort). Die
Austreibung von Dämonen aus dem Menschen wird Exorzismus

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genannt. Exorzismus ist in allen Religionen verbreitet. Er gehört
zu den Aufgaben des Schamanen und Medizinmannes.
Im osteuropäischen Judentum ist der religiöse Meister
(Zaddik) für die Teufelsaustreibung zuständig. Sein
Hauptgegner ist der Dibbuk, ein Aufhocker und Umklammerer,
der aus der Totenwelt hinaufsteigt, um die Seele eines
Menschen in Besitz zu nehmen. Weihrauch, Gebet (siehe dort)
und das Blasen des Schofarhornes vertreiben ihn.
Da Jesus (siehe dort) ein großer Exorzist war, fühlen sich
auch die Priester zur Teufelsaustreibung berufen. Die
katholische Kirche hat sogar ein eige nes Ritual für den
Exorzismus entwickelt. Das »Rituale Romanum« oder
»Römisches Ritenverzeichnis« von 1614 ist ein klassisches
Handbuch für Exorzisten, nach dem noch heute gearbeitet wird.
Es enthält Gebete, Bibelzitate, Litaneien und
Beschwörungsformeln.
Woran kann ein katholischer Priester einen Besessenen
erkennen? In den Richtlinien (»Normae observandae circa
exorcizandos a daemonio«) zur Durchführung des Exorzismus
werden vier Maßstäbe zur Enthüllung des Teufels benannt:
1. Der Mensch muß eine ihm unbekannte Sprache sprechen
oder verstehen,
2. hellseherische Fähigkeiten besitzen, Gedanken lesen oder
Auskunft geben können über Geschehnisse an einem fernen Ort
und
3. über außergewöhnliche Körperkräfte verfügen.
4. Beim Verhör durch den Exorzisten muß der Dämon in dem
Menschen wahrheitsgemäße Auskunft geben.
Die Vorschriften aus dem Römischen Ritenbuch warnen den
Priester ausdrücklich vor einer Überschreitung seiner
Befugnisse. »Der Exorzist hüte sich, dem kranken Besessenen
irgendeine Arznei zu verabreiche n oder anzuraten. Diese Sache
überlasse er den Ärzten.« Auch soll er nicht leichtfertig

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annehmen, jemand sei vom Teufel besessen. Der Teufel sei ein
mit allen Wassern gewaschener Lügner, der voll List und
Heimtücke den Exorzisten zu irritieren versuche. Mal gebe er
sich für einen Heiligen, mal für einen Engel aus, dann verhalte
er sich ruhig, so daß der Exorzist glaube, der Kranke sei nicht
besessen. Vor allen Dingen lasse sich der Geistliche nicht auf
Gespräche mit dem Teufel ein, sondern »vollziehe die
Exorzismen mit befehlender Macht, voll Glaube, Demut und
Eifer«. Nach Möglichkeit solle die Austreibung unter
Ausschluss der Öffentlichkeit, aber im Beisein von Angehörigen
in einer Kirche vorgenommen werden. Der Geistliche habe stets
ein Kruzifix zur Hand oder in Reichweite. Auf Brust und Kopf
des Besessenen solle er Reliquien legen.
Der Exorzist beruft sich auf die Vollmacht des Gottessohnes.
»Im Namen unseres Herrn Jesus + (Priester macht das
Kreuzzeichen) Christus, beschwöre ich dich, unreiner Geist,
jede feindliche Macht, jedes Gespenst: reiße dich los und weiche
von diesem Geschöpf Gottes + » (»Exorcizo te, immundissime
Spiritus, omnis incursio adversari, omne phantasma, omnis
legio, in nomine Domini nostri Jesu + Christi eradicare, et
effugare ab hoc plasmate Dei.«).
Bei den Dämonenaustreibungen Jesu genügte ein mächtiges
Wort, und die bösen Mächte gaben ihr Opfer frei. Das Rituale
Romanum jedoch ist eine endlose Beschimpfung des Teufels
und seiner Dämonen: »Höre es also und fürchte dich, Satan
(›Audi ergo, et time, satana‹), du Glaubensfeind, du
Widersacher des Menschengeschlechtes, du Mörder und Räuber
des Lebens, du Verächter der Gerechtigkeit, du Wurzel aller
Übel, du Herd aller Laster, du Verführer der Menschen, du
Verräter der Völker« - so geht es in einem fort, unterbrochen
von schwersten Beschuldigungen: »Du bist schuldig vor dem
allmächtigen Gott, dessen Gebot du übertreten hast. Du bist
schuldig vor seinem Sohn Jesus Christus, unserem Herrn, den du
zu versuchen wagtest und in deiner Vermessenheit gekreuzigt

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hast. Du bist schuldig am Menschengeschlecht, dem du mit
deiner Überredung den tödlichen Gifttrank dargereicht hast.«
Dramatischer Höhepunkt des Rituals ist die Aussprechung
ewiger Verdammnis in den Flammen der Hölle: »Weichet von
mir, ihr Verfluchten, ins ewige Feuer, das dem Teufel und
seinen Engeln bestimmt ist!« (»Discedite a me, maledicti, in
ignum aeternum, quae paratus est diabolo et angelis eius.«)
»Dich, du Gottloser, und deine Engel werden Würmer peinigen,
die niemals sterben. Dir und deinen Engeln ist ein
unauslöschliches Feuer bereitet. Denn du bist der Urheber
verfluchten Mordens, der Anstifter der Blutschande, der
Anführer der Religionsfrevler, der Lenker schändlicher Taten,
der Lehrmeister der Irrlehrer, der Erfinder jeglicher Unzucht.«
Jeder katholische Priester ist zur Ausübung des Exorzismus
befugt. Der Jesuit Adolf Rodewyk (1894-1989) ist der
bekannteste und umstrittenste deutsche Exorzist des 20.
Jahrhunderts. Nach eigenen Angaben soll er über 500
Teufelsaustreibungen vorgenommen haben. Seine Bücher
»Dämonische Besessenheit heute« und »Dämonische
Besessenheit in der Sicht des Rituale Romanum« wurden zu
Klassikern.
Dem Aschaffenburger »Main-Echo« (9. Oktober 1974) gab
der achtzigjährige Rodewyk ein ausführliches Interview zum
Thema »Besessenheit«. Auf die Frage, wie er eine körperliche
oder seelische Abnormität von einer Besessenheit unterscheide,
gab er zur Antwort: Er spreche bei begründetem Verdacht einen
Probeexorzismus. Wenn der Mensch daraufhin keine Reaktion
zeige, sei er nicht besessen. Falle er jedoch in Trance, spreche
oder verstehe fremde Sprachen, entwickle übernatürliche Kräfte,
könne hellsehen oder reagiere aggressiv auf geweihte
Gegenstände, so erhärte sich der Verdacht. Der Besessene spüre
den Unterschied zwischen einem geweihten und einem
ungeweihten Rosenkranz. »Er stürzt sich auf ihn und zerreißt
ihn in Stücke. Unter Umständen reagiert er auch körperlich,

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bekommt Brandblasen.« Besessenheit sei für den Teufel selbst
eine Strafe. »Das ist gar kein Vergnügen für ihn, an einen
anderen Menschen gebunden zu sein.«
Aber warum läßt Gott die Heimsuchung des Menschen zu?
Besessenheit könne eine Strafe Gottes sein oder die Auswirkung
eines Fluches. Aber es gebe auch das unschuldige Opfer,
vergleichbar mit einem Mann, der »ein Kind aus einer Gruppe
herausgreift und es anständig verprügelt. Er überfällt also einen
völlig Harmlosen.« Gott schicke den Blitz, zerstöre und bringe
alles wieder in Ordnung. Er brauche sich nicht zu rechtfertigen.
Manchmal sei Besessenheit eine erzieherische Maßnahme
Gottes, nämlich wenn »Gott einmal zeigen will, was ein Teufel
aus einem Menschen machen kann. Das kann pädagogisch sehr
gut sein. Der Mensch kann ja hinterher alles wieder gutmachen.
Es ist ein Lehrbeispiel. Wenn Gott hilft, die Besessenheit zu
überwinden, dann ist das auch für die Umwelt lehrreich.«
Rodewyk arbeitete während des Zweiten Weltkrieges als
Seelsorger in einem Standortlazarett in Trier. Hier begegnete er
1941 einer dreißigjährigen Krankenschwester, die nach seiner
Diagnose von sieben Teufeln besessen war. Magda hatte eine
tiefe Abneigung gegen alles Heilige, stahl geweihte Oblaten
(Hostien) und stach mit einer feinen Nadel den Namen »Judas«
hinein. Sie fügte sich tiefe, lange Schnittwunden zu und griff
auch ihren Exorzisten an. Mehrfach hatte sie versucht, ihrem
Seelsorger mit einem Rasiermesser oder Skalpell Arme und
Gesicht zu zerschneiden oder ihn mit Strychnin zu vergiften. Sie
setzte ihm mit Besenstiel, Beil, Schere oder Messer zu. Ein
Schnitt mit dem Rasiermesser verletzte Rodewyk am rechten
Zeigefinger, ein weiterer tiefer Schnitt mit dem offenen
Rasiermesser auf dem linken Handrücken zerschnitt eine Ader,
durchtrennte eine Sehne und riss eine weitere an. Sich selbst
fügte Magda über 87 Wunden zu. Der Exorzist führte ein
genaues Protokoll: Die Größe der Schnitte schwankte zwischen
2 und 10 cm Länge und 0,5 bis 2,5 cm Tiefe. Im ersten Jahr der

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Besessenheit stellte ein Arzt mit dem Stechzirkel die Länge der
Narben fest. Die Schnittlänge der Wunden an Armen und
Händen ergab zusammen 57,9 cm, an Brust und Leib 43,9 cm,
an den Beinen 99 cm, zusammen also 200,7 cm. Rodewyk
deutet die Schnitte als Sühneleiden.
Als verantwortlich für die autoaggressiven Tendenzen und
antiklerikalen Affekte galten die sieben Teufel, die Magdas
Persönlichkeit in Besitz genommen hatten. Nach einiger Zeit
konnte Rodewyk ihre Namen ausfindig machen. Sie lauteten
Beelzebub, Lucifer, Judas, Nero, Kain, Herodes, Barabbas und
Abu Gosch. Magda war ein NSDAP-Spitzel, Rodewyk gehörte
der bedeutenden Gesellschaft Jesu an, die Hitler verboten hatte.
Vor seinem Eintritt in den Orden (1918) war Rodewyk aktiver
Kriegsteilnehmer im Rang eines Offiziers. Den Zweiten
Weltkrieg mußte er aus der Etappe erleben. Die
Teufelsaustreibungen im Trierer Standortlazarett waren sein
Kampf gegen die satanischen Mächte der Zeit. Deshalb verstand
er den »Fall Magda« als Gleichnis für die religiöse Lage der
Gegenwart, den kleinen Kriegsschauplatz ihres Leibes als ein
Abbild des großen besessenen Volkskörpers. Beelzebub spricht
den Zusammenhang direkt an: »Was du an Magda siehst, ist
Symbol der Zeit. An ihr siehst du im Kleinen, was draußen im
Großen vorgeht. Die Teufel, die dir in ihr begegnen,
beherrschen mit ihrem Geist das Zeitgeschehen, jeder in seiner
Weise.«
Besessenheit bedeutet nach Rodewyks Auffassung für die
Teufel eine schreckliche Bestrafung. Sind sie doch in den
Menschen wie in ein Gefängnis gesperrt. Der Exorzist gilt dabei
als Gefängnisaufseher und Chefankläger. Er stellt den Teufeln
Fragen, die sie wahrheitsgemäß beantworten müssen. Was der
angebliche Teufel Judas mitteilt, wirkt jedoch wenig
überzeugend, denn Magda zeigte keine Anzeichen von Geldgier
oder Besitzstreben.
Eingefahren war Judas in Magda drei Tage vor der ersten

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heiligen Kommunion, und er blieb in ihr bis zum Lebensende
(15. Dezember 1954). Rodewyk gelang es, Magda von vielen
Teufeln zu befreien. Warum wollte ausgerechnet Judas nicht
weichen? Vielleicht, weil er Ausdruck der heimlichen Liebe
zwischen dem Priester und der Krankenschwester war? Denn
Magda trug einen Ehering, den ihr Rodewyk geschenkt hatte.
Exorzismen offenbaren manchmal ganz weltliche Abgründe.

Der Exorzist (Film)

Am 26. Dezember 1973 kam der Film »Der Exorzist« von


William Friedkin in die amerikanischen Kinos. Der Regisseur
hatte sich von Jesuiten beraten lassen. Seine Filmerzählung von
dem zwölfjährigen Mädchen Regan (Linda Blair) ist eine
Pubertätsparabel. Sie beschreibt die Angst vor dem
Erwachsenwerden, die in vielen Fällen von Besessenheit eine
wichtige Rolle spielt. Fremde Mächte haben von Regan Besitz
ergriffen und ihr Wesen verändert. Der Film deutet diese
Inbesitznahme nach dem klassischen Muster der Besessenheit
(siehe dort): Regan spricht in veränderter Stimmlage, redet in
einer fremden Sprache. Paranormale Phänomene tauchen auf.
Sie würgt grünen Brei hervor, ihre Gesichtshaut verändert sich.
Levitationen geschehen: Sie selbst schwebt über dem Bett,
Gegenstände fliegen durch die Luft. Sie stößt sexuelle
Obszönitäten hervor, während sie mit einem Kruzifix
masturbiert: »Lass Jesus dich ficken!« Regans Welt bekam
einen Riss, als ihre Mutter eine neue Bindung zu einem Mann
einging.
»Der Exorzist« wurde ein Welterfolg. Warum?
Studentenunruhen in Paris und Berlin, Anti-
Vietnamdemonstrationen, Kaufhausbrände, Bombenanschläge,
Überfälle auf Botschaftsgebäude, Flugzeugentführungen, der
Watergate-Skandal, der Sturz Allendes in Chile, die

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Bombenattentate der PLO bei den Olympischen Spielen in
München: Vom Tod Benno Ohnesorgs (2. Juli 1967) bis zum
Selbstmord der Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und
Jan-Carl Raspe (28. April 1977) und der anschließenden
Eskalation des Terrors in Deutschland zog sich ein Riss durch
die Gesellschaft. Im Spiegel des Einzelschicksals der besessenen
Regan fand sich eine vaterlose Generation wieder, die auch
zwischen den Zeiten leben mußte. Die Welt drohte
auseinanderzubrechen.

Farben des Teufels

Farbgebungen bleiben nicht ohne Wirkung. Das lehren die


asiatische Kunst des Feng Shui ebenso wie die moderne
Farbpsychologie. Auch der Teufel besitzt Signalfarben.
Klassische Teufelsfarben sind rot, schwarz, blau, gelb, grün und
grau. Kein Maler käme auf die Idee, einen weißen Teufel zu
malen. Wenn etwa die Bibel von Männern in weißen Kleidern
spricht, so weiß jeder: Das können nur Engel sein. Weiß ist auch
die Farbe der Friedenstaube und der Feste Weihnachten,
Epiphanias, Gründonnerstag und Ostern.
Bei der roten Farbe denken wir an die Flammen der Hölle und
den feuerroten Drachen der Apokalypse des Johannes. Rot ist
die Farbe der Verführung. Deshalb gehören rote Farben auch in
jedes Bordell. Im Mittelalter wurden den von der Kirche
verurteilten Ketzern rote Kreuze auf die Kleidung genäht. Rot
scheint also eindeutig eine Teufelsfarbe zu sein. Doch auch in
der Farbpsychologie steckt der Teufel im Detail. Denn Rot ist
zugleich die Farbe der Liebe und die liturgische Farbe der
Märtyrer. Deshalb ist jedes vorschnelle Urteil unangebracht.
Auch hilft eine genaue Kenntnis der Farbskala zu einem
differenzierten Urteil: Rot ist von purpurrot zu unterscheiden.
Rot trägt der Teufel, purpurrot der Kardinal.

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Weil Satan der Affe Gottes ist, ahmt er auch die schwarze
Kleidung der Priester nach. Deshalb sollte man sich hüten, in
jedem schwarzgekleideten Priester oder Gothic-Fan einen
Anhänger Satans sehen zu wollen. Schwarz ist die Farbe des
dritten apokalyptischen Reiters, des Todes und der Unterwelt.
Auch bei der Farbe blau muß man genau hinsehen, um den
Teufel nicht mit der Muttergottes zu verwechseln. Dunkelblau
gilt als Teufelsfarbe, hellblau ist dagegen eindeutig eine heilige
Farbe. Maria trägt ein himmelblaues Gewand. Grau ist nicht nur
alle Theorie, sondern auch die Farbe der Ketzer. Hexen mußten
ein graues Gewand anziehen. Auch die Farbe gelb ist des
Teufels. Im Mittelalter trugen die zum Tod verurteilten Ketzer
ein ärmelloses gelbes Bußgewand mit einer aufgemalten
Teufelsfigur. Gelb ist aber auch der »Judenstern«. Gerade dieses
Beispiel zeigt, wie gefährlich und fragwürdig die alten
Signalfarben des Teufels sind. In der modernen Welt helfen sie
bei der Identifizierung Satans nicht mehr weiter.

Fatima

Mit dem Namen des portugiesischen Wallfahrtsortes Fatima


verbinden Katholiken Höllenvisionen, die Ankündigung eines
großes Strafgerichtes und die Ermordung eines Papstes. Am 13.
Mai 1917 war hier die Muttergottes erschienen. Am 3. März
1917 hatte Zar Nikolaus II. (1868-1918) nach der
Februarrevolution abdanken müssen. Im November 1917
besiegelte die Oktoberrevolution den Sieg der Bolschewiki und
den Triumph des Kommunismus. Die Stadt Fatima liegt etwa
190 Kilometer nördlich von Lissabon. In Fatima hüteten die
zehnjährige Lucia Santos, ihr neunjähriger Vetter Francisco und
ihre sieben Jahre alte Cousine Jacinta Marrto jeden Tag die
Schafe. Die drei Hirtenkinder hatten nie eine Schule besucht.
Am 13. Mai 1917 erschien ihnen Maria als Lichtgestalt über

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einer Steineiche schwebend.
»Habt keine Angst, ich tue euch nichts zuleide«, sagt sie.
»Woher seid Ihr?«, fragt Lucia.
»Ich komme vom Himmel«, lautet die Antwort.
Dann folgt eine lange Erklärung: »Ihr sollt sechs Mal
nacheinander zur gleichen Stunde wie heute, am dreizehnten
jedes Monats, hierher kommen bis Oktober. Im Oktober werde
ich euch sagen, wer ich bin und was ich von euch will. Ich
werde dann noch ein siebtes Mal kommen. Wollt ihr euch Gott
schenken, bereit, jedes Opfer zu bringen und jedes Leid
anzunehmen, das er euch schicken wird, als Sühne für die vielen
Sünden, durch die die göttliche Majestät beleidigt wird, um die
Bekehrung der Sünder, von denen so viele auf die Hölle zueilen,
zu erlangen und als Genugtuung für die Flüche und alle übrigen
Beleidigungen, die dem unbefleckten Herzen Mariens zugefügt
werden?«
Die Kinder von Fatima gehen nun, wie es die Lichtgestalt
befohlen hatte, jeden 13. des Monats zu der Steineiche. Die
ihnen folgende Menschenmenge wird immer größer. Am 13.
Oktober 1917 sind es mehr als 50000 Menschen, die in
strömendem Regen an der Steineiche auf die Erscheinung
warten. Da blitzt es, und die Madonna erscheint. Sie stellt sich
als Rosenkranzkönigin vor und fordert alle zum regelmäßigen
Beten des Rosenkranzes auf. Anschließend öffnet sie ihre hell
strahlenden Hände. Die Wolken teilend, geht die Sonne auf. Am
Himmel beginnt ein seltsames Schauspiel, das zehn Minuten
währt: Wie ein Feuerrad rotiert die Sonne und taucht die
Talmulde in ein farbiges Lichtspektakel aus blauen, roten,
gelben, grünen und violetten Farben. Dann erscheint neben der
Sonne die Heilige Familie: die Jungfrau im weißen Gewand mit
himmelblauem Mantel und neben ihr der Namenspatron vieler
katholischer Bischöfe, der Heilige Josef mit dem Jesuskind.
Drei geheime Botschaften vermittelt Maria über die Kinder.

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Die ersten beiden Offenbarungen werden schnell bekannt. Im
Jahr 1930 ist Fatima bereits offiziell als Wallfahrtsort anerkannt.
Das so genannte erste Geheimnis von Fatima, eine Höllenvision,
lautet:
»Ein großes Feuermeer, und in ihm versunken schwarze,
verbrannte Wesen, Teufel und Seelen in Menschengestalt, die
fast wie durchsichtige glühende Kohlen aussahen. Sie wurden
innerhalb der Flammen in die Höhe geschleudert und fielen von
allen Seiten herab wie Funken bei einer großen Feuersbrunst,
gewichtlos und doch nicht schwebend; dabei stießen sie so
entsetzliche Klagelaute, Schmerzens- und Verzweiflungsschreie
aus, daß wir vor Grauen und Schrecken zitterten. Die Teufel
hatten die schreckliche und widerliche Gestalt unbekannter
Tiere, waren jedoch durchsichtig wie glühende Kohle.«
Das zweite Geheimnis von Fatima kündigt den Ausbruch des
Zweiten Weltkrieges an und fordert zur Verehrung des
Unbefleckten Herzens der Gottesmutter auf: »Wenn ihr eines
Nachts ein unbekanntes Licht sehen werdet, so wisset, es ist das
Zeichen von Gott, daß die Bestrafung der Welt für ihre vielen
Verbrechen nahe ist: Krieg, Hungersnot. Um das zu verhindern,
will ich bitten, Russland meinem Unbefleckten Herzen zu
weihen und die Sühnekommunion am ersten Samstag des
Monats einzuführen. Wenn man meine Bitten erfüllt, wird
Russland sich bekehren, und es wird Friede sein. Wenn nicht, so
wird es seine Irrtümer in der Welt verbreiten, Kriege und
Verfolgungen der Kirche hervorrufen; die Guten werden
gemartert werden, der Heilige Vater wird viel zu leiden haben.«
Das dritte Geheimnis aber sollte im Jahr 1960 bekannt
gegeben werden. In einem versiegelten Brief wurde es deshalb
nach Rom geschickt. Veröffentlicht wurde es jedoch erst am 26.
Juni 2000. Das Attentat auf den Papst hatte sich inzwischen
ereignet- ausgerechnet am »Fatimatag«, dem 13. Mai 1981.
Johannes Paul II. hatte seine wunderbare Rettung auf die Hilfe
der Muttergottes von Fatima zurückgeführt. Die Kugel, die ihm

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Ärzte aus dem Leib operierten, wurde zum Dank in die Krone
der Gottesmutter eingelassen.

Faust

Alle Menschen, die mit dem Teufel paktiert haben, befanden


sich in einer Krisensituation. Das gilt auch für den berühmtesten
Teufelsbündler, dessen Geschichte Johann Wolfgang von
Goethe (1749-1832) erzählt. Goethe kannte sie seit seiner
Kindheit in Frankfurt. Siebzig Jahre Autorschaft widmete er der
Gestaltung des Stoffes.
Wie kommt ein Mann dazu, mit dem Teufel zu paktieren?
Heinrich Faust ist ein kluger, gelehrter Arztsohn, vielfach
studierter Doktor, ausgebildeter Mediziner, Jurist, Philosoph und
Theologe, von den Bürgern geachtet und von seinem
Assistenten bewundert. Niemand ahnt, daß er todunglücklich ist.
Bis zur »Midlife-Crisis« hatte er sein Leben ausschließlich den
Wissenschaften gewidmet. Zu religiösen oder familiären
Bindungen war er unfähig. Jetzt wird er alt, die Lebenssäfte
fließen träger. Viel Wissen hat Faust erworben, aber keine
Weisheit erlangt. Ein entwurzelter Mensch. Seine »esoterische
Phase« hat er hinter sich. Jetzt spielt er mit
Selbstmordgedanken. Das ist die Bühne innerer Leere, auf der
Satan in Gestalt eines schwarzen Pudels erscheint.
Faust schließt einen Pakt und besiegelt ihn ganz traditionell
mit seinem Blut (siehe Teufelspakt). Der Preis kümmert ihn
nicht. Er hat nichts zu verlieren. Der Teufel (siehe
Mephistopheles) bietet ihm seinen Dienst auf Erden an, im
Jenseits müsse ihm dafür Faust zu Diensten stehen. Für Faust
zählen die Gegenwart und das Leben auf der Erde. Der gefallene
Engel und der entwurzelte Mensch schließen einen Pakt, eine
Solidarität der Außenseiter. Der Teufel vermittelt Faust eine
Verjüngungskur und entfacht seine Libido. Schnell ist ein

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Mädchen zur Stelle und wird ins Unglück gestürzt: Verführung,
Schwangerschaft, Kindsmord, Brudermord, Muttermord folgen
einander. Dazu kommen Experimente am Menschenleben,
Machtstreben und Wirtschaftskriminalität, kühne
Deichbaumaßnahmen, Expansion des Besitzes und die
heimtückische Ermordung eines alten Ehepaares.
Wer mit dem Teufel paktiert, gehört in die Hölle. So hatte es
die Kirche seit Jahrhunderten gelehrt, und so glaubte es das
Volk. Wirklich? Bleibt nicht im Menschen ein Rest vom Traum
der Versöhnung und Erlösung, die auch dem schlimmsten
Sünder zuteil werden kann? Hat nicht der Böseste eine
schwache Stimme des Gewissens, die ihm sagt: »Es ist nicht
richtig, was Du tust!« Faust kennt Momente der
Gewissensanwandlung und der Verzweiflung, sie führen ihn
aber nicht von seinem Höllenweg ab. Als er im Alter von
beinahe hundert Jahren stirbt, will der Teufel seine Seele
schnappen. Doch da kommen Engel und retten sie. Langsam
steigt Faustens unsterbliche Seele in den Himmel hinauf. Hier
kommt es zu einem Wiedersehen mit der Geliebten. Am Ende
steht bei Goethe die Allversöhnung und Wiederherstellung der
gefallenen Schöpfung. Alles ist im Himmel vereint, so wie es
der junge Goethe beim Kirchenvater Origenes gelesen hatte.
Das menschliche Leben hat ein Vorspiel und ein Nachspiel im
Himmel. Auch über Faust hatten Gott und Teufel im Himmel
gesprochen. Der Teufel war als Widersacher und Querulant
mitten in den Gesang der Engel geplatzt. Michael, Gabriel und
Uriel sangen von der Herrlichkeit der Schöpfung und ihrem
wunderbaren Geheimnis. Satan widersprach, stellte die
Harmonie des Weltganzen in Frage und spielte sich dabei als
Anwalt des Menschen auf. Als Gegenbeispiel brachte Gott
ausgerechnet Faust ins Spiel, keinen frommen Christen, keinen
Zufriedenen, sondern einen zerrissenen Menschen, einen
Zweifler und Selbstmordkandidaten. Ein völlig anderer Typus
als Hiob, der fromme Dulder. Ein Mensch voller Unruhe, rastlos

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strebend nach neuer Erfahrung. Gerade er soll den Beweis der
harmonischen Schöpfung erbringen. Am Ende, da ist Gott
gewiss, werde der Mensch aus der Dunkelheit der Welt und des
Irrtums in die Klarheit der Erkenntnis geführt sein. Nicht die
Frömmigkeit, das Gebet und die Tugendhaftigkeit führen zur
Erlösung, sondern das Streben. Die Engel (Verse 11934-41)
singen von diesem »Stairway to heaven«:
»Gerettet ist das edle Glied Der Geisterwelt vom Bösen, Wer
immer strebend sich bemüht, Den können wir erlösen. Und hat
an ihm die Liebe gar Von oben teilgenommen, Begegnet ihm die
selige Schar Mit herzlichem Willkommen.«
Zu den Skeptikern an diesem Konzept der Allversöhnung
gehörte Thomas Mann (1875-1955). Als er seinen Roman
»Doktor Faustus« (15. März 1943-29. Januar 1947)
niederschrieb, erlebte er aus dem sicheren kalifornischen Exil
den Höllensturz Deutschlands, die Befreiung der
Konzentrationslager und die erste Atombombenexplosion in
Hiroshima. Deutschland hatte mit dem Teufel paktiert, es war
zum Land der Dämonen geworden. Beispiellose Verbrechen
waren verübt worden. Da konnte es kein Erbarmen geben! Und
»was nur immer auf deutsch gelebt hat, steht da als ein Abscheu
und als Beispiel des Bösen«. Die Bevölkerung von Weimar, der
Stadt Goethes, Herders, Schillers, wird von amerikanischen
Soldaten vor die Krematorien des nahe gelegenen
Konzentrationslagers auf dem Ettersberg geführt, »Bürger, die
in scheinbaren Ehren ihren Geschäften nachgingen und nichts zu
wissen versuchten, obgleich der Wind ihnen den Gestank
verbrannten Menschenfleisches von dorther in die Nasen blies«.
Seinen »Doktor Faustus« versteht Thomas Mann deshalb als
pädagogische Maßnahme und Aufklärungsbuch über das Böse
in und außerhalb des Menschen. Deutschland war nicht der
verführte Unschuldsengel. Das Dämonische gehörte vielmehr zu
seinem Wesen. Vor ihm erschaudert der Dichter und sucht -
Michelangelos Weltgericht in der Sixtinischen Kapelle vor

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Augen - Zuflucht im Gebet:
»Deutschland, die Wangen hektisch gerötet, taumelte dazumal
auf der Höhe wüster Triumphe, im Begriffe, die Welt zu
gewinnen kraft des einen Vertrages, den es zu halten gesonnen
war, und den es mit seinem Blute gezeichnet hatte. Heute stürzt
es, von Dämonen umschlungen, über einem Auge die Hand und
mit dem ändern ins Grauen starrend, hinab von Verzweiflung zu
Verzweiflung. Wann wird es des Schlundes Grund erreichen?
Wann wird aus letzter Hoffnungslosigkeit ein Wunder, das über
den Glauben geht, das Licht der Hoffnung tragen? Ein einsamer
Mann faltet seine Hände und spricht: Gott sei euerer armen
Seele gnädig, mein Freund, mein Vaterland.«

Fegefeuer

Über Himmel und Hölle (siehe dort) gab es in der Bibel


eindeutige Aussagen. Die Gerechten kamen in den Himmel, die
Sünder in die Hölle. So weit schien die Sachlage klar. Doch
schon Augustinus empfand die Alternative als zu schroff.
Schließlich war der Kirchenvater in seiner Jugendzeit selbst ein
großer Sünder gewesen und hatte später Frau und Kind
verlassen. Der Tod seiner geliebten Mutter Monika wurde für
ihn zum Schlüsselerlebnis. Monika war eine fromme Christin,
gewiss. Aber war sie soweit frei vom Makel der Sünde, daß sie
Gott unmittelbar nach ihrem Tod zu sich in den Himmel
aufnehmen würde? Wer, außer wenigen Heiligen und Märtyrern,
konnte überhaupt sicher sein, daß er vor Gott Gnade fände? Die
endgültige Scheidung der Menschheit in Höllen- und
Himmelbewohner war zu radikal, als daß sie nicht eine
Kompromisslösung gefordert hätte. So entwickelte Augustinus
vier Typen des Sünders:
Typ 1: Gottlose, Ungläubige, Todsünder und ungetaufte
Kinder kamen nach ihrem Tod auf direktem Weg in die Hölle.

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Jede Fürbitte durch die Lebenden war hier sinnlos.
Typ 2: Märtyrer, Heilige und Gerechte kamen direkt in den
Himmel. Sie bedurften der Fürbitte der Lebenden nicht, konnten
aber ihrerseits die Christen auf Erden durch ihr Gebet
unterstützen.
Typ 3: Nicht ganz Schlechte erlitten eine entschärfte Form der
Hölle. Durch die Fürbitte der Lebenden konnte ihre Qual
gemildert, aber nicht aufgehoben werden.
Typ 4: Nicht ganz Gute konnten durch ein reinigendes Feuer
geläutert werden und somit auf einem Umweg in den Himmel
gelangen. Ihnen diente die Fürbitte der Kirche. Augustinus
zählte seine Mutter zu diesem vierten Typus.
Im Laufe der Zeit entwickelte die Kirche eine Topografie des
Jenseits. Die Unterwelt, von der Thomas von Aquin annahm, sie
liege im Zentrum der Erde, wurde in vier Bereiche gegliedert:
1. Die eigentliche Hölle. Sie ist eine Dauereinrichtung und
wird bis in alle Ewigkeit bestehen bleiben. Wer hier gefangen
ist, hat keine Chance auf Befreiung. Die Hölle ist auch der
Bestrafungsort für die gefallenen Engel. Satan ist der »Fürst der
Hölle«.
2. Auch die ungetauften Kinder hatten keine Chance, in den
Himmel zu kommen. Andererseits wollte man sie nicht wie
noch Augustinus - an einem Ort mit den Todsündern sehen.
Ihnen konnte keine persönliche Sünde vorgehalten werden. In
den Himmel oder in das Fegefeuer konnten sie dennoch nicht
kommen, weil sie mit der Erbsünde belastet waren. So erfand
man im Jenseits einen eigenen Ort für sie. Diese »Kinderhölle«
wurde »limbus puerorum« genannt. Wie die Hölle wird sie in
alle Ewigkeit bestehen. Allerdings werden die Kinder nicht von
Teufeln gequält. Deshalb wird sie auch »Vorhimmel« genannt.
3. Einen Problemfall bildeten aus kirchlicher Sicht auch die
Männer und Frauen des Alten Testaments. Abraham und Sara,
Adam und Eva, Moses und Miriam konnten aufgrund der

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Erbsünde gleichfalls nicht ohne weiteres in den Himmel
gelangen. Sie hielten sich in der »Vorhölle« auf. Dieser Ort
wurde auch »Abrahams Schoß« oder »limbus patrum« genannt.
Teufel hatten zu diesem Teil der Unterwelt keinen Zutritt.
Schließlich hatte es ja auch in dem Gleichnis vom armen
Lazarus und dem reichen Mann (siehe Hölle) geheißen, die
Engel hätten die Seele des verstorbenen Lazarus in Abrahams
Schoß getragen. Der limbus patrum galt daher als Ort der Engel.
Allerdings durften die Teufel diesen Ort der Erbsünder in einer
Art Belagerungsring umgeben. In ihn war Christus am
Karsamstag hinabgestiegen, um die Gerechten nachträglich zu
taufen und von der Erbsünde zu reinigen. Der limbus patrum
war also nur ein zeitweiliger Aufenthaltsort. Seit der Höllenfahrt
Christi steht er leer.
4. Ein zeitweiliger Aufenthaltsort ist auch das Fegefeuer
(Purgatorium). Das Fegefeuer ist ein Bestrafungsfeuer. Es dient
der Vorbereitung des Eintritts in den Himmel. Teufel sind hier
nicht in den Dienst genommen.
Die noch heute verbindliche katholische Lehre vom Fegefeuer
wurde im Hochmittelalter entwickelt. Schon Augustinus sprach
von »reinigenden Strafen« (poenae purgatoriae). Doch erst
Anselm von Canterbury klärte die genauen Voraussetzungen für
den Eintritt in diesen Läuterungsort. Er unterschied zwei Typen
des Sünders:
1. Todsünder, die wissentlich gesündigt hatten, kamen in die
Hölle.
2. Nur Christen, die unwissentlich gesündigt hatten, bekamen
die Chance der Reinigung im Fegefeuer. Ihre Sünden wurden
auch lässliche Sünden genannt. Sünden waren jedoch nicht
einfach aus der Welt zu schaffen. Für sie galt folgendes System
der Tilgung: Sie mußten a) bereut, b) gebeichtet, c) gebüßt und
d) bestraft werden. Die Bewohner des Fegefeuers wurden
folglich in zwei Gruppen unterteilt: Wer zu Lebzeiten seine
Sünden bereut, gebeichtet und gebüßt hatte, wurde im Fegefeuer
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nur noch bestraft, weil er durch die Buße bereits gereinigt war.
Wer allerdings seine Sünden auf Erden noch nicht vollständig
gebüßt hatte, weil er beispielsweise vor Vollendung der Buße
gestorben war, der wurde im Fegefeuer bestraft und gereinigt.
Die Büßer im Fegefeuer werden auch »Arme Seelen«
genannt. Durch Gebet, Ablass und Pilgerfahrten können ihnen
die Lebenden beistehen. Der 2. November, Allerseelen, ist der
Hauptfeiertag dieser unerlösten Toten. Dante Alighieri (1265-
1321) hat in seiner »Göttlichen Komödie« die ausgefeilten
Vorstellungen von einem jenseitigen Reinigungsort festgehalten.
Im Zentrum des Fegefeuers steht bei Dante der Berg der
Läuterung. Nach alter Lehre lag das Paradies auf einem Berg,
und Adam und Eva mußten nach dem Sündenfall diesen
Paradiesberg hinabsteigen. Hier knüpft Dante an: Über sieben
Stufen steigt die Seele wieder in das Paradies hinauf. Dabei
helfen ihr körperliche Strafen, Meditation und das Gebet.
Das Fegefeuer aber war vor allen Dingen der einzige Ort im
Jenseits, auf den die Kirche Einfluss ausüben konnte. Denn
einmal half das Gebetsgedächtnis der Lebenden den Seelen im
Fegefeuer, zum anderen war die Kirche bei der wichtigen
Unterscheidung zwischen lässlicher Sünde und Todsünde
gefragt. Mit dem Fegefeuer entstand die Ohrenbeichte. Nach ihr
entschied der Priester, welche Art der Sünde vorlag und welche
Form der Sühne zu vollziehen war.
Es gab Sündenablässe in vielfältiger Form, und seit 1300
feiert man alle 25 Jahre das »Heilige Jahr«. Das letzte rief Papst
Paul II. für das Jahr 2000 aus.
Das Fegefeuer ist gültige katholische Lehre bis auf den
heutigen Tag. Innozenz IV. und das Erste Konzil von Lyon (28.
Juni - 17. Juli 1245) definierten: Hier werden die Seelen von
kleinen und geringfügigen Sünden gereinigt, »die nach dem
Tode auch dann belasten, wenn sie im Leben vergeben wurden.
Wer aber ohne Buße in einer Todsünde dahinscheidet, der wird
ohne Zweifel auf immer von den Gluten der ewigen Hölle
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gepeinigt.« (Denzinger 838f.) Das Zweite Konzil von Lyon (7.
Mai - 17. Juli 1274) unter Gregor X. ergänzte: »Und zur
Milderung derartiger Strafen nützen ihnen die Fürbitten der
lebenden Gläubigen, nämlich Messopfer, Gebete, Almosen und
andere Werke der Frömmigkeit, die von den Gläubigen
entsprechend den Anordnungen der Kirche für andere Gläubige
gewöhnlich verrichtet werden.« (Denzinger 856)
Evangelische Christen glauben nicht an die Existenz des
Fegefeuers. Martin Luthers Reformation hatte sich am
Widerspruch gegen den Ablasshandel entzündet. Zudem, so
Luther, gäbe es keinen biblischen Beweis für einen dritten Ort
neben Himmel und Hölle. Die Katholiken beriefen sich auf die
Rede des Apostels Paulus, von einer Rettung »wie durchs Feuer
hindurch« (1. Korinther 3.15). Luther war dieses Wort zu
dunkel, als daß es die Wirklichkeit eines Reinigungsortes im
Jenseits bewiesen hätte.

Franz von Assisi

Franz von Assisi hatte eine Heidenangst vor der Hölle. Er sah
das Ende der Zeit kommen und das Gericht Gottes.
Schrecklicher als der erste, der leibliche Tod, werde der zweite
Tod sein. Der zweite Tod aber war die Verurteilung zu ewiger
Höllenqual. Franz glaubte, jeder Mensch werde eines Tages vor
Gott stehen, und Gott werde jeden einzelnen fragen:
»Was hast Du aus Deinem Leben gemacht?« Franz hatte
somit schreckliche Angst vor diesem Augenblick, und er bezog
einen großen Teil seiner Energie aus dem Glauben, alles dafür
tun zu müssen, daß kein Mensch dem Zorn Gottes begegnet. In
seinem berühmten »Sonnengesang« (Cantico di frate Sole) lobt
er Gottes Schöpfung, doch eindringlich erklingt auch die
Warnung vor der Hölle (siehe dort):
»Wehe jenen, die in tödlicher Sünde sterben.
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Selig, die er finden wird in deinem heiligsten Willen, denn der
zweite Tod wird ihnen kein Leid antun.«
In zahlreichen Legenden wird vom Kampf des Heiligen Franz
von Assisi (1182-1226) gegen die Welt des Bösen erzählt. Es ist
stets die gleiche Geschichte in anderer Form: Drei Raubmörder,
also drei mögliche Kandidaten der ewigen Verdammnis,
kommen zu einem Kloster der Franziskaner auf dem Monte
Casale. Der Leiter (Guardian) heißt Bruder Angelo, aber seine
Reaktion auf die Bitte der Raubmörder um eine Mahlzeit ist
wenig engelhaft. Er weist sie mit den Worten ab, sie seien nicht
wert, noch weiterhin von der Erde getragen zu werden: »Denn
ihr habt keinerlei Achtung, weder vor den Menschen noch vor
Gott, der euch erschuf. Hebt euch weg um eurer Missetaten
willen, und kommt mir nie mehr vor die Augen!«
So muß man mit Wölfen umgehen, wird sich Bruder Angelo
gedacht haben. Die Keule schwingen und zuschlagen! Franz ist
da ganz anderer Meinung. Als er von dem Vorfall erfährt, tadelt
er den Bruder heftig und belehrt ihn, Sünder würden eher durch
Sanftmut als durch hartes Schelten zu Gott zurückgeführt.
Bruder Angelo muß hinter den drei Räubern herlaufen, sie für
seines Herzens Härte um Verzeihung bitten, ihnen Brot und
Wein überreichen und sie im Namen des Heiligen auffordern,
keine Untaten mehr zu begehen. Sollten sie dazu bereit sein, so
verspreche er, täglich für ihre leiblichen Bedürfnisse
aufzukommen.
Während sich Bruder Angelo auf den Weg macht, bittet
Franz, Gott möge die Herzen der Räuber zur Buße bekehren. Da
passiert es. Die Räuber erkennen ihr ewiges Schicksal und
bekennen: »Wir aber sind Söhne des ewigen Verderbens, welche
die Strafen der Hölle verdienen, und jeden Tag wachsen wir
unserer Verdammnis entgegen.« Aber vielleicht gibt es
Hoffnung für sie. Die Räuber folgen Bruder Angelo und suchen
den Rat des Heiligen. Der sagt: »Und wenn wir auch
unermesslich viele Sünden hätten, Gottes Barmherzigkeit ist

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noch größer als unsere Sünden.« Angespornt von dieser
Hoffnung des Heiligen, entsagen die drei Raubmörder dem
Teufel und seinen Werken und werden von Franz in den Orden
aufgenommen.
Auf seinen Wanderungen durch Italien kommt der Heilige
Franz zur Stadt Agobbio. Hier leben die Menschen in Angst und
Schrecken vor einem ungeheuren Wolf, der Tiere und Menschen
reißt. Die Städter hausen wie Gefangene und treten nur schwer
bewaffnet aus den Mauern hervor. Franz hat Mitleid mit den
Menschen. Er will ihnen helfen, verläßt die Stadt und sucht den
Wolf. Alle haben ihm abgeraten, der Fall sei hoffnungslos.
Niemand könne den Wolf überwinden. Doch Franz macht das
Zeichen des Kreuzes und zieht mit Gottvertrauen des Weges.
Heimlich folgen ihm die Bürger. Da erscheint das Untier und
rennt mit offenem Rachen auf Franz zu. Der Gottesmann macht
erneut das Zeichen des Kreuzes und umarmt den Wolf.
Sanft wie ein Lamm sitzt der Wolf zu seinen Füßen und läßt
sich belehren. Wenn er in Zukunft seine räuberischen Angriffe
auf Mensch und Tier unterlasse, sagt Franz zum »Bruder Wolf«,
werde er zwischen ihm und den Städtern Frieden stiften und
dafür sorgen, daß er von ihnen bis an sein Lebensende mit
Nahrung versorgt werde. Zum Erstaunen der Gaffer folgt der
Wolf wie ein sanftmütiges Lamm. Franz klärt die Städter auf.
Gott habe sie wegen ihrer Sünden durch den Wolf heimgesucht.
Sie hätten Angst vor dem Rachen des Wolfes gehabt, obwohl
der Wolf nur den Leib zu töten vermöge! Viel mehr sei dagegen
der Rachen der Hölle zu fürchten, wo die Verdammten ewige
Qualen zu leiden hätten. Deshalb fordert Franz die ungläubigen
Städter auf, sich zu bekehren: »Kehret euch also, ihr Lieben, zu
Gott und tut gerechte Buße wegen eurer Sünden; und Gott wird
euch befreien von dem Wolf in diesem und von dem Feuer der
Hölle im künftigen Leben.«
Franz schließt Frieden zwischen den Städtern und dem Wolf.
Bis an sein Lebensende wird er unter ihnen wohnen, und alle

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werden ihn bei seinem natürlichen Tod betrauern. Franz von
Assisi glaubte an die Möglichkeit der Verständigung zwischen
Christen und Muslimen, er glaubte an den Frieden zwischen
Mensch und Natur, er glaubte an die Gemeinschaft zwischen
Kranken und Gesunden, er glaubte an die Bekehrung der
Sünder, er glaubte an eine Erneuerung der Kirche. Er glaubte:
Es gibt die Hölle, aber niemand muß hier enden.
Draußen vor dem westlichen Tor seiner Heimatstadt Assisi
befand sich eine Hinrichtungsstätte für Verbrecher, die
Höllenhügel genannt wurde. Wer hier starb, dem war nach
Meinung der Städter die ewige Verdammnis sicher. War es ein
Wink Gottes, wie damals mit dem Wolf von Agobbio, daß der
Heilige Franz ausgerechnet hier begraben wurde? Zwei Jahre
nach seinem Tod schenkte Papst Gregor IX. das Land vor dem
westlichen Stadttor den Brüdern. Am 17. Juli 1228 erfolgte die
Grundsteinlegung für die Grabeskrypta der Kirche San
Francesco, dort, wo einst der Höllenhügel gewesen war.

Sigmund Freud

Alle modernen Therapieformen weisen zurück auf Sigmund


Freud (1856-1939), den Urvater der Psychoanalyse. Wie Jesus
bannte Freud die Schattenmächte der Seele allein durch das
Wort. Die Kunst der Heilung durch das Wort hatte Freud bei
dem berühmten französischen Nervenarzt Jean Martin Charcot
(1825-1893) gelernt. Charcot war Klinikchef der Salpétrière in
Paris.
»Nach manchen Vorlesungen gehe ich fort wie aus Notre-
Dame, mit neuen Empfindungen vom Vollkommenen«,
berichtet der junge Freud (24. November 1885) seiner Verlobten
Martha Bernays. Charcot hatte reich geheiratet, das verschaffte
ihm Ansehen in der mondänen Gesellschaft. »Charcot war ein
armer Teufel, ihr Vater soll ungezählte Millionen besitzen«,

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heißt es in einem weiteren Brief an die Verlobte (20. Januar
1886). Martha Bernays (1861-1951), Enkeltochter eines
Oberrabbiners aus Hamburg, war wie Sigmund Freud ohne
Vermögen.
In seinem berühmten Salon am Boulevard Saint Germain
empfing Charcot die Pariser Prominenz. Dienstagvormittags
fanden öffentliche Vorlesungen und Demonstrationen von
Patienten statt, darunter Auftritte der jungen Hysterikerin
Augustine, die unter dem hypnotischen Einfluss ihres Arztes
sämtliche Phasen eines großen Anfalls vor dem Publikum
zeigen konnte. Guy de Maupassant und andere Schriftsteller,
Schauspieler oder Journalisten ließen es sich nicht entgehen,
Charcot eine gelähmte Nonne mit den biblischen Worten »Steh
auf und wandle!« heilen zu sehen. Vor ihren Augen vollzog sich
ein grundlegender Wandel in der Deutung und Behandlung
schwerer seelischer Leiden. An die Stelle des Priesters trat der
Nervenarzt. Die Aura des heiligen Mannes wurde auf den »Gott
in Weiß« übertragen. Selbst der Atheist Freud vergleicht den
Vorlesungssaal mit einer Kathedrale und die äußere Erscheinung
seines verehrten Lehrers mit der eines Weltgeistlichen. Charcot
hatte mit Hilfe der Hypnose geheilt, Freud dagegen kehrte zur
alten Verhörmethode der Teufelsaustreiber zurück. Tief
verborgen im Menschen lag das Geheimnis der Krankheit. In
Gespräch und freier Assoziation auf der Couch des Therapeuten
konnte es ergründet werden, vorausgesetzt, der Heiler kannte die
Namen der Teufel. Freuds Dämonen heißen Kastrationsangst,
Ödipuskomplex, Todestrieb und Aggressionstrieb. Seine
Psychoanalyse wurde zum Exorzismus des 20. Jahrhunderts.

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Gebet

Es gibt keine bessere Waffe gegen die Anfechtungen und


Anfeindungen des Teufels als das Gebet. Darauf weist Jesus
(Markus 9.29) ausdrücklich hin. Auch in dem von Jesus für die
tägliche spirituelle Praxis empfohlenen Vaterunser, dem
bekanntesten Gebet der Christenheit, wird auf den Teufel Bezug
genommen. In der dritten Bitte heißt es: »Dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.« Engel und Mensch sollen sich
dem göttlichen Willen beugen und nicht wie der Satan gegen die
himmlische Ordnung rebellieren. Und in der siebten Bitte des
Vaterunsers heißt es: »Sondern erlöse uns von dem Bösen.«
Damit ist der Teufel gemeint. »Denn dieser ist's, der all das, was
wir bitten, unter uns verhindern will: Gottes Namen oder Ehre,
Gottes Reich und Willen, das tägliche Brot, das fröhliche, gute
Gewissen«, erläutert Martin Luther in seinem »Großen
Katechismus«. »Darum haben wir auf Erden nichts zu tun, als
ohne Unterlass gegen diesen Hauptfeind zu beten. Denn wenn
uns Gott nicht hielte, wären wir keine Stunde vor ihm sicher.«

Geister

Zu allen Zeiten haben die Menschen geglaubt, daß es neben


der sichtbaren Welt eine unsichtbare Welt der Geister gibt. In
den Naturreligionen war es die Aufgabe des Schamanen, den
Kontakt zu den Geistern zu pflegen. Noch heute gibt es unter
den Indianern Amerikas, den Nomadenstämmen des Altai-
Gebirges und in Sibirien Schamanen. Der bekannteste
Schamane der Gegenwart ist der mongolische Schriftsteller
Galsan Tschinag. Seine Lehrzeit als Geisterbeschwörer
beschreibt er in den Romanen »Die Graue Erde« (1999) und

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»Der weiße Berg« (2000). Die sibirischen Schamanen waren
unter der Herrschaft des Diktators Stalin grausam verfolgt
worden. Der englische Reiseschriftsteller Colin Thubron
beschreibt die Aufgabe des Schamanen in seinem Buch
»Sibirien: Schlafende Erde - erwachendes Land« (2001):
»Er war der Hüter der Erinnerungen seines Volkes, der
Geschichte und Überlieferungen des Stammes und seiner
eigenen ererbten Geheimnisse. Er hatte Einblick in den Tod. Er
kannte die Ahnengeister und konnte sie in der Trance als Helfer
gewinnen oder vertreiben. Manchmal befriedete er sie. Doch er
lebte von seiner Gemeinschaft getrennt und war oft gefürchtet.
Er wurde nicht nur zur Behandlung normaler Krankheiten
gerufen, sondern auch um tiefere Leiden zu heilen, etwa wenn
Patienten von feindseligen Toten gefressen wurden, oder um ein
widriges Schicksal des Stammes zu wenden. Wenn er
ein›weißer Schamane‹war, bediente er sich der guten Geister,
war er ›schwarz‹, wehrte er das Böse ab oder bezwang es.«
Der Schamane wird von einem Lehrer oder einer Lehrerin in
die geheimen Künste eingeweiht. Doch kann niemand zum
Schamanen werden, der nicht von den Geistern selbst berufen
worden ist. Der Geisterglaube ist älter als die Weltreligionen. In
der Entwicklungsgeschichte der Menschheit sind sie erst spät
entstanden. Der alte Geisterglaube wurde von Juden, Christen
und Muslimen zwar offiziell verboten und als Aberglaube
(Gegenglaube) abgewertet, er hat sich jedoch überall auf der
Welt als »Volksglaube« erhalten. Selbst im Islam, der sich als
Religion des strengsten Monotheismus (Eingottglaube)
bezeichnet, ist der Glaube an Geister weit verbreitet. Überall
zwischen Peshawar und Marrakesch können Muslime
Geschichten von Geistern (Dschin) erzählen. Der muslimische
Geisterglaube ist auch in den Märchen aus 1001 Nacht überreich
dokumentiert. Geister bevölkern auch den modernen Film,
Horrorromane und die Fantasy-Literatur, die Kinderzimmer und
zu Halloween (siehe dort) die Gärten und Hauseingänge. Der

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Geisterglaube hat alle Versuche der Aufklärung überlebt. Selbst
in Menschen, die keiner Glaubensgemeinschaft mehr angehören,
lebt zuweilen der Geisterglaube weiter fort.
Die Welt der Geister ist so vielfältig wie die Welt der
Menschen, der Tiere und Pflanzen. Nicht jeder Geist ist gut,
nicht jeder Geist ist böse. Auch in der Geisterwelt gilt es
zwischen den Holden und den Unholden zu unterscheiden. Wie
in der Menschenwelt dürften die Mischformen am häufigsten
auftreten. Selten ist ein Geist ein reiner Unhold. Geister sind
auch von den Dämonen (siehe dort) zu unterscheiden. Dämonen
sind immer böse. Sie lassen sich auch nicht zum Guten
bekehren. Dämonen gehören in die Welt der Religionen. Der
Glaube an Geister ist nicht nur älter als die großen
Weltreligionen, er ist auch unabhängig von der Frage, ob es
einen Gott gibt. Das macht ihn für viele Menschen des 21.
Jahrhunderts wieder attraktiv. Dagegen ist die Rede vom Teufel
immer an den Gottesglauben gebunden. Denn Satan ist ja der
Widersacher Gottes.
Geister bevölkern die vier Elemente Wasser, Feuer, Erde und
Luft (siehe Elementargeister). Als Hausgeister sind sie meist
unsichtbare Mitbewohner menschlicher Wohnstätten. Schon die
Römer verehrten diese Hausgeister als Schutzgeister der
Familie. Für den Personenschutz waren die Penaten zuständig,
für die Wohn- und Wirtschaftsgebäude die Laren. Sie galten den
Römern als Geister der Ahnen der Familie. Zu jedem römischen
Haus gehörte ein Altar, wo dem Schutzgeist (Genius) des
Familienoberhauptes, den Penaten und Laren täglich geopfert
wurde. Neben diesen Familiengeistern (lares familiares) gab es
auf dem Land und in den Städten auch öffentlich verehrte Laren
(lares compitales). Sie galten als Schutzgeister der Stellen, wo
Menschen zusammenkamen, etwa Kreuzungen von Ländereien
und Stadtbezirken. Auf fröhlichen Nachbarschaftsfesten feierte
man das segensreiche Wirken dieser Laren.
Ihre dunklen Gegenspieler sind die bösen Totengeister der

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Lemuren. Hausgeister sind auch die Heinzelmännchen aus Köln.
Das sind kleine unsichtbare Kobolde, die beinahe engelgleich im
Haus segensreich wirken. Im Gegensatz zu den Menschen
verlangen sie für ihre Dienste keine Gegenleistung. Ein
Schüsselchen mit Milch genügt. Kobolde wohnen gern im
Keller, auf Dachböden, in Scheune, Stall oder im
Gartenhäuschen. Sie lieben Diskretion und wollen nicht, daß
man von ihrer Anwesenheit irgendein Aufsehen macht. Auch
erwarten sie keine Geschenke. Wer meint, seinem Hausgeist
etwas Gutes tun zu müssen, der wird ihn verärgern. Hausgeister
dienen immer umsonst. Wer dies nicht beachtet oder gar
versucht, seines Hausgeistes ansichtig zu werden, der
verscheucht ihn auf alle Zeit.
Nicht jeder Geist wurde als Geist geboren. So sind die
Übergänge zwischen Mensch und Geist fließend. Ein Mensch
kann nach seinem Tod zu einem unruhigen Geist werden. Er
erscheint dann als Wiedergänger (siehe dort) oder Untoter (siehe
Vampire) und verfolgt seine noch lebenden
Familienangehörigen oder hält sich an Spukorten auf. Diese
Geister werden von Schamanen, Hexen (siehe dort) oder
Magiern (siehe Magie) beschworen. Das berühmteste Beispiel
für die Beschwörung eines Totengeistes findet sich in der Bibel.
Unter den Juden war jede Form von Geisterbeschwörung bei
Todesstrafe verboten. »Die Zauberinnen sollst du nicht am
Leben lassen« (Exodus 22.17) hieß es. »Wenn ein Mann oder
eine Frau Geister beschwören oder Zeichen deuten kann, so
sollen sie des Todes sterben; man soll sie steinigen; ihre
Blutschuld komme über sie.« (Leviticus 20.27) »Wenn sich
jemand zu den Geisterbeschwörern und Zeichendeutern wendet,
daß er mit ihnen Abgötterei treibt, so will ich mein Antlitz
gegen ihn kehren und will ihn aus seinem Volk ausrotten.«
(Leviticus 20.6) Wie weit der alte Geisterglaube trotz dieser
drastischen Mahnungen im Judentum verbreitet war, zeigt die
stete Wiederholung der Verbote. Einige Juden verbrannten sogar

-69-
ihre Kinder als Brandopfer, um den bösen Geist Moloch zu
besänftigen. Daher heißt es: »Daß nicht jemand unter dir
gefunden werde, der seinen Sohn oder seine Tochter durch das
Feuer gehen läßt oder Wahrsagerei, Hellseherei, geheime
Künste oder Zauberei treibt oder Bannungen oder
Zeichendeuterei vornimmt oder die Toten befragt.«
(Deuteronomium 18.10f.)
Trotz dieses Verbotes suchte der jüdische König Saul eine
Totenbeschwörerin auf. Die so genannte Hexe von Endor besaß
die Gabe, die Geister der Ahnen zu befragen (1. Samuel 28). Sie
beschwörte den Geist des verstorbenen Propheten Samuel aus
der Unterwelt. Die Stelle ist in vielerlei Hinsicht aufschlussreich
für den Geisterglauben. Sie ze igt, daß sich der Geisterglaube als
Alternative zur offiziellen Religion anbietet. Denn Saul hatte
zuerst die Geisterbeschwörer verfolgt und getötet, ganz so, wie
es die jüdischen Gesetze vorschreiben. Erst als er selbst keine
Gotteserfahrungen mehr macht, wendet er sich an die
Totenbeschwörerin. Die Begegnung mit dem Geist endet jedoch
für Saul tödlich. Wenige Tage später nimmt er sich das Leben.
Geisterbeschwörungen finden auch auf spiritistischen
Sitzungen (siehe Okkultismus) statt. Ende des 19. Jahrhunderts
wurden sie zu einer Modeerscheinung. 1862 tauchten in Boston
sogar angebliche Geisterfotografien auf: Bilder mit
Doppelbelichtungen, die bald in ganz Europa Mode wurden. Der
Spiritismus ist heute eine nicht immer ungefährliche
Freizeitbeschäftigung vo n Jugendlichen. Dennoch wird es den
Glauben an Geister auch deshalb immer geben, weil er einer
tiefen menschlichen Urerfahrung entspricht. Mit dem Wort
»Geist« wird die Atmosphäre bezeichnet, die in einem Haus,
einem Land oder einer bestimmten Epoche herrscht. Früher
wurde das Dienstmädchen als »guter Geist des Hauses«
bezeichnet. Wir sprechen vom Geist der Antike, dem Zeitgeist,
dem Weltgeist, dem Geist einer Schule oder Universität - und
bezeichnen damit den Wesenskern. Ohne es zu wollen, hat

-70-
unsere Sprache aus ihm eine Person gemacht.

Georg, der Drachentöter

In Asien ist der Drache ein Glückssymbol. Niemand käme auf


die Idee, einen Drachen töten zu wollen. In der christlichen
Tradition gilt dagegen der Drache als ein Symbol für den Teufel.
Denn in der Apokalypse des Johannes (siehe dort) wird der
Satan als »großer Drache« und »alte Schlange« (Apk 12.9)
bezeichnet. Sein Gegner ist der Engel Michael. Er hat ihn im
Kampf aus dem Himmel auf die Erde gestoßen. Hier bedroht
nun der Drache die Menschen. Doch wie Michael im Himmel,
so setzt der Ritter Georg auf Erden den Kampf gegen den Teufel
fort. Die Georgslegende gehört zu den beliebtesten
Heiligenlegenden der Christenheit.
Georg, ein Christ aus kappadozischem Geschlecht, kam einst
in die Nähe der Stadt Silena. Hier hatten sich Menschen aus
Angst vor einem gefährlichen Drachen hinter Stadtmauern
verschanzt. Draußen in der Wildnis wohnte der Unhold in einem
tiefen Wasser. Die helle Welt der Städter und die dunkle Welt
des unergründlichen Sees stehen sich gegenüber wie
Unbewußtes und Bewußtes. Tief unten im Wasser ist die böse,
todbringende Macht verborgen. Vergeblich war man mit
Waffengewalt gegen sie zu Felde gezogen. Der Drachen hatte
die Städter mit seinem Gifthauch in die Flucht geschlagen.
Vielleicht hätte er für Jahrhunderte tief unten im Wasser des
Unbewußten geschlummert, hätte man den Kampf nicht
herausgefordert.
Langsam steigert sich die Tyrannei. Die Städter verkennen
das Wesen des Bösen. Sie meinen, mit ihm paktieren zu können,
und bieten dem Drachen ein tägliches Opfer an. Jeden Tag,
wenn er vor die Stadt gekrochen kommt, wirft man ihm zwei
Schafe zum Fraß vor. So nimmt die Zahl der Schafe rapide ab,

-71-
und die Städter kommen überein, dem Drachen jeden Tag
abwechselnd ein Schaf und einen Menschen zu opfern. Längst
haben sich alle mit dieser Diktatur abgefunden. Niemand denkt
an Widerstand. Täglich bestimmt das Los ein neues
Menschenopfer, bis der Höhepunkt erreicht ist: Die einzige
Tochter des Königs soll dem Drachen zum Fraß vorgeworfen
werden.
Das Königsopfer markiert den Höhepunkt. Schlimmer kann es
nicht mehr kommen. Jetzt steht alles auf dem Spiel: die Seele
der Stadt, die Königstochter. Der Vater klagt voller Ohnmacht:
»O weh, liebe Tochter, ich gedachte königliche Kinder von
deinem Schöße zu erziehen; nun wirst du von dem Drachen
verschlungen. Ich dachte, zu deiner Hochzeit edle Fürsten zu
laden, das Schloss mit Perlen zu schmücken, Pauken und
Trompeten zu hören; nun gehst du hin, daß dich der Drache
essen soll.« Die Stunde des Abschieds kommt. Noch einmal
küsst der Vater seine Tochter. Die Königstochter kennt keine
Angst. Sie ist bereit, ihr junges Leben zu opfern. Mit einer
Rettung rechnet sie nicht. Aus der Welt der Städter steigt kein
Stern der Hoffnung auf. Der Erlöser kommt von außen. Nur
einer, der sich nicht von dem Drachen beeindrucken läßt, kann
die Seele befreien.
»Da kam Sankt Georg von ungefähr dahergeritten, und da er
sie weinen sah, fragte er, was ihr wäre.« Viele Tränen, lange
Reden, das kennzeichnet die Welt der Städter. Ganz anders trit t
der Retter auf. Er ist voll geistiger Präsenz und Tatendrang,
erkundigt sich nach dem Grund der Tränen. Mit sicherem Blick
erkennt er die Lage. Im Rücken die starren Blicke der Städter,
vor sich den Erlöser, fordert ihn die reine Seele zur sofortigen
Flucht auf, andernfalls werde er mit ihr sterben müssen. Georg
bleibt beharrlich und erfährt die Vorgeschichte des Opferganges.
Seine Anrede wird väterlich. »Liebe Tochter, sei ohne Furcht«,
antwortet er und verweist auf die Kraft des Glaubens, die ihm
Unerschrockenheit und Siegesgewissheit schenkt. »Ich will dir

-72-
helfen in dem Namen Christi.«
Die königliche Seele spürt sofort, ihr Retter handelt selbstlos.
Kein Abenteurer steht vor ihr. Georg ist nicht auf Brautschau, er
sucht nicht ein halbes Königreich und eine schöne Prinzessin
dazu. Seine uneigennützige Hilfe ist reine Barmherzigkeit im
Namen Christi. Von diesem Gottessohn hatte die Seele noch
nichts vernommen. Der Name Christi sagte ihr nichts, und so
wehrt die Prinzessin das Angebot ab. Georg solle fliehe n, es
reiche, wenn sie heute sterben müsse. Damit ist auch der edle
Charakter der Prinzessin genügend deutlich geworden, daß
endlich der altböse Feind aus dem See des Unbewußten
auftauchen kann. Schon zittert die Jungfrau vor Schrecken,
vergeblich mahnt sie den Ritter zur Flucht. Der weiß, wer vor
dem Teufel flieht, ist bald verloren, springt auf sein Ross,
bekreuzigt sich, legt die Lanze an, befiehlt sich Gott und stößt
den Drachen mit einem Stoß zu Boden.
Undramatischer kann ein Drachenkampf nicht verlaufen. Die
Bestie ist niedergestreckt, doch nicht getötet. Georg fordert die
Königstochter auf, ihren Gürtel zu lösen und dem Drachen um
den Hals zu legen. Die gute Seele bindet den Unhold an ihren
Gürtel, das Symbol ihrer Keuschheit. Der Drache scheint
gewandelt. Zahm wie ein Hund läßt er sich führen und folgt der
Königstochter in die Stadt. Das Volk erschrickt, flieht auf Berge
und in Höhlen. Was hat der fremde Ritter vor? Will er mit dem
Drachen die Herrschaft über das Reich übernehmen?
Georg hat ein pädago gisches Meisterstück inszeniert. Ihm
wäre es ein Leichtes gewesen, den Teufel mit einem Streich zur
Strecke zu bringen. Das Volk hätte gejubelt, der König seine
Tochter in die Arme geschlossen und dem fremden Ritter zur
Ehefrau angeboten. Königliche Hochze itsgewänder trug sie ja
bereits. Auch Georg hatte ein Hochzeitsfest im Sinn, an dem das
ganze Volk aktiv teilnehmen sollte. Jetzt gibt er sich zu
erkennen, nennt seinen Auftraggeber und das Ziel seines
Einsatzes: »Fürchtet euch nicht, denn Gott der Herr hat mich zu

-73-
euch gesandt, daß ich euch erlöse von diesem Drachen.«
Nun gut, mögen die Städter gedacht haben, warum macht er
dem bösen Treiben kein Ende? Georg will nicht den Drachen
bekehren. Er glaubt nicht daran, daß die Macht der Liebe die
Diktatur des Te ufels brechen kann. Der alte Drache ist
abgrundtief böse, das hatte er durch seine Opfergier unzählige
Male bewiesen. Nicht der Teufel soll bekehrt werden, sondern
die ungläubigen Städter. Was hülfe es ihnen, wenn Georg den
Drachen erschlüge und sie nicht zu neuem Glauben kämen? In
einer anderen Gestalt würde sie der Teufel kurz über lang
wieder in Angst und Schrecken versetzen. Nein, sie mußten
neue Menschen werden ohne Furcht vor diesem und allen
anderen Drachen, die aus der Tiefe des Sees in Zukunft
erscheinen mochten. Deshalb ließ Georg den Unhold am Gürtel
der Keuschheit in die Stadt führen. Das Herz der Königstochter
hatte er bereits gewonnen, jetzt galt es, die Herzen aller
Stadtbewohner zu dem Gott zu bekehren, der Georg
Urvertrauen, Kraft und Mut geschenkt hatte. »Darum glaubet an
Christum und empfanget die Taufe allesamt, so will ich diesen
Drachen erschlagen.«
Gesagt - getan. Der König läßt sich taufen, 20.000 Männer
und ungezählte Frauen werden ihm im Laufe des Tages folgen.
Georg erschlägt den Drachen, vier Paar Ochsen ziehen ihn aus
der Stadt auf ein großes Feld. Zu Ehren des Ritters und der
Muttergottes läßt der König eine Kirche bauen. Georg aber reitet
weiter zu neuen Taten. Er hat die wahren Quellen der
Fruchtbarkeit erschlossen, die Prinzessin und das ganze Volk
zur Hochzeit mit dem himmlischen Bräutigam geführt, dem sie
sich in der Taufe vermählten.
Wie jede Legende, so erzählt auch diese von den Vorzügen
und Folgen des Glaubens. Ihr Bildervorrat ist so tief, daß ihn
Jahrhunderte nicht auszuschöpfen vermochten. Deshalb gehört
die Legende vom Ritter Georg zu den beliebtesten ihrer Art.
Georg, der ritterliche Held, wurde in Deutschland seit dem 9.

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Jahrhundert verehrt. Bischof Hatto von Mainz brachte im Jahr
896 die vermutete Schädelreliquie auf die Insel Reichenau. Im
größten Volksbuch aller Zeiten, der »Legenda Aurea« des
Jacobus de Voragine (1230-1298), wird die Erinnerung an den
Drachenkampf bewahrt. Georg ist der Schutzpatron vieler Städte
und Bistümer, seit der Synode von Oxford (1222) ist er der
Patron Englands, er gab dem Land Georgien seinen Namen und
wird als einer der vierzehn Nothelfer verehrt. An ein 500 Jahre
altes bayerisches Brauchtum erinnert die Sondermarke
»Drachenstich in Furth im Wald« vom 9. August 2001. Im Jahre
1415 schickte das Konstanzer Konzil den böhmischen
Kirchenreformer Jan Hus auf den Scheiterhaufen. Seine
Anhänger fielen darauf in Bayern ein. Sie raubten, brannten und
mordeten. In der Grenzstadt Furth galt fortan der Drache aus der
Georgslegende als Symbol für die Anhänger von Jan Hus. Im
Ritterspiel des »Further Drachenstichs« werden jene
schrecklichen Zeiten erinnert.

Gnosis

Gott ist gut. Er ist der Schöpfer des Himmels und der Erde.
Das lehren alle Religionen. Woher aber kommt das Böse? Hat
Gott auch das Böse geschaffen? Die Christen sagten: Nein! Sie
führten das Böse auf den doppelten Sündenfall der Engel und
der Menschen zurück. Die Gnostiker glaubten, daß der gute Gott
weder diese Welt noch den Menschen erschaffen habe. Woher
kommen wir dann? Wer rief die Welt ins Leben? Daß wir
Menschen existieren, führten die Gnostiker auf einen
kosmischen Unfall zurück: Ein teuflisches Wesen versuchte sich
als Schöpfer. Dabei kamen eine unvollkommene Welt und ein
zu allem Bösen fähiger Mensch heraus, sagten sie.
Die Gnostiker verstanden sich selbst als Wissende, wo andere
nur blind Gläubige waren. Christliche Gnostiker unterschieden

-75-
zwischen dem Gott des Alten Testaments und dem Gott des
Neuen Testaments. Ein Blick auf den Zustand der Welt zeigte
ihnen, daß der Schöpfergott nur ein Dilettant gewesen sein
konnte. Die Welt war unvollkommen, Mensch und Tier litten,
überall wütete das Böse. Zu billig erschien den Gnostikern die
christliche Antwort auf die Frage nach dem Ursprung des
Bösen. Für sie war es nicht der sündhafte Mensch, sondern der
unvollkommene Gott selbst, der für alles Übel und Leid die
Schuld trug. Wer dies erkannt hatte, der kam zu einer
Umwertung der negativen Helden der jüdisch-christlichen
Tradition. Kain, Eva und der Schacher am Kreuz wurden zu
positiven Helden, zu Vorbildern des Protestes, weil sie sich
nicht unter die Ordnung des Schöpfergottes gebeugt hatten. Eva
hatte mit der Schlange paktiert, weil sie den Riss in der
Schöpfung erkannt hatte. Die Gnostiker trugen die Namen ihrer
Helden. Sie nannten sich Kainiten oder Ophiten, nach dem
griechischen Wort für Schlange (»ophis«).
Es gab Gnostiker, die ein asketisches Leben führten. »Gnosis«
hieß für sie, jeden Kontakt mit Irdisch-Körperlichem soweit wie
möglich zu vermeiden und sich ausschließlich auf das Geistige
zu konzentrieren. Am besten wäre es, niemals in diese Welt
geboren worden zu sein, gut war, sie möglichst schnell zu
verlassen. Deshalb zeugten sie keine Kinder. Jenseits der
missratenen Schöpfung wussten sie eine reine Lichtwelt des
Geistes. Aus ihr stammten ihre Seelen, in sie sollten die
göttlichen Funken möglichst rein zurückkehren.
Andere zogen aus dem gleichen Weltbild gegenteilige
Schlüsse: Man müsse das Böse in der bösen Welt noch steigern,
damit endlich die alte Schöpfung zugrunde gehe: Diese
libertinistischen Gnostiker sind die Ahnherrn des Marquis de
Sade. Der Kirchenvater Epiphanius (* um 315) berichtet von
gnostischen Spermakulten und schwarzen Messen, in denen das
christliche Abendmahl verspottet würde. Die Gnostiker seien zu
Fress- und Saufge lagen zusammengekommen, um wild

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kopulierend übereinanderzusteigen. Weil sie die Zeugung von
Kindern aus religiösen Gründen ablehnen, verhüten sie durch
einen Coitus interruptus. Der Mann ejakuliert in die Hände der
Frau. Anschließend erheben sie den Blick zum Himmel,
strecken die geöffneten Arme aus und sprechen: »Wir bringen
dir diese Gabe, den Leib des Christus.« Dann lecken sie das
Sperma auf und sagen: »Dies ist der Leib Christi, und dies ist
das Passa, um deswillen unsere Leiber leiden und gezwungen
werden, das Leiden Christi zu bekennen.« Mit dem Monatsblut
der Frauen gehen sie auch kultisch um, bezeichnen es als »Blut
Christi«. Ungewollt Schwangeren wird der Fötus aus dem Leib
gerissen. Dann, so Epiphanius, »stoßen sie ihn in dem Mörser
mit einer Keule, mischen Honig und Pfeffer und einige andere
Gewürze und Myrrhen darein, um sich nicht zu erbrechen, es
kommen alle zusammen, und dann nehmen alle Mitglieder der
Herde von Schweinen und Hunden, jeder mit dem Finger, von
dem zerstoßenen Kind.«
Christentum, Judentum, Islam und auch die Gnosis glauben
an den einen allmächtigen Gott. Erst hier wird die Wirklichkeit
des Bösen zu einem echten religiösen Problem. Die Gnosis
wollte Gott nicht in die Schuldfrage verstricken und führte alles
Böse auf den stümperhaften und eifersüchtigen Teufel zurück.
Sie übersah dabei, daß auch ihr reiner Lichtgott sich die Frage
stellen lassen mußte: Warum hast Du das böse Tun des Teufels
nicht verhindert?

Gog und Magog

Ein Teufel kommt selten allein. Diese Erfahrung wird in der


Apokalypse des Johannes beschrieben. Ihr großes
Weltuntergangsszenario beginnt mit einem Kampf im Himmel.
Der Engel Michael vertreibt den Teufel und seine Anhänger.
Nun verfolgen sie die Christen auf der Erde. Mit dem Antichrist

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(siehe dort) und dem großen Tier (siehe dort) stellen sich dem
Teufel weitere böse Geister hilfreich zur Seite. Ihr Ziel ist die
Auslöschung des Glaubens und die Errichtung einer
Weltdiktatur.
Während einer tausendjährigen Zeit des Friedens, dem so
genannten tausendjährigen Reich, liegt der Satan an Ketten
geschmiedet in der Unterwelt. Dann erfolgt der letzte Kampf
zwischen den guten und bösen Mächten. »Und wenn die tausend
Jahre vollendet sind, wird der Satan losgelassen werden aus
seinem Gefängnis und wird ausziehen, zu verführen die Völker
an den vier Enden der Erde, Gog und Magog, um sie zum
Kampf zu versammeln; deren Zahl ist wie der Sand am Meer.«
(Apokalypse 20.7-8) Mit Gog und Magog tritt der Endzeitkampf
in wahrhaft apokalyptische Dimensionen. Das Böse, das hier
von den Enden der Erden erscheint, zielt auf die Vernichtung
der zivilisierten Welt. Gog und Magog, das ist ein
unvorstellbarer Terror, das ist ein Anschlag auf die
Schöpfungsordnung und deshalb eine Herausforderung Gottes.
Im Buch des Propheten Hesekiel (38.2ff.) taucht der Name
Gog zum ersten Mal auf. Hier ist Gog der König des Landes
Magog. In der Apokalypse wird er zum Gehilfen des Teufels.
Gog und Magog, das große Tier, der Antichrist und der Teufel
lassen sich nicht bekehren. Sie sind das Böse schlechthin. Gog
und Magog werden in einem Feuerregen vernichtet. »Und der
Teufel, der sie verführte, wurde geworfen in den Pfuhl von
Feuer und Schwefel, wo auch das Tier und der falsche Prophet
waren; und sie werden gequält werden Tag und Nacht, von
Ewigkeit zu Ewigkeit.« (Apokalypse 20.10)

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Gothic-Szene

Die Gothic-Szene ist eine Jugendkultur, die ihr Lebensgefühl


durch Kleidung und einen eigenen Musikstil zum Ausdruck
bringt. »Gothic ist ein Lifestyle«, sagt Mike Kanetzky von der
Bochumer Szenedisko »Matrix«. Gothic-Fans fallen durch
schwarze Kleidung, bleiche Haut, grell geschminktes Gesicht,
rot oder violett gefärbtes Haar auf. Frauen tragen gern ein mit
Nieten, Stacheln oder Noppen besetztes Hundehalsband und
erotisch stimulierende Kleidung mit tiefen Ein- und
Durchblicken. Sowohl schwarz als auch rot sind bewußt
gewählte Signalfarben der Gothics. Die Farbe »rot« steht für
Sexualität, Blut, Vampirismus (siehe Vampire) und Satanismus,
»schwarz« für die Nachtseiten des Lebens, alles Dunkle,
Unbewußte und Verbotene. Gothic ist eine typische Gegenkultur
zur bürgerlichen Welt der Erwachsenen. Wegen der dunklen
Kleidung und des Interesses an Geisterwelten wird sie auch
»schwarze Szene« genannt.
Das Wort »Gothic« kommt aus der englischen Sprache. Es
verweist auf die Gespenstergeschichten (gothic novel) des 19.
Jahrhunderts. In ihnen mischen sich Faszination und Grauen,
wie auch in den Erzählungen des amerikanischen Autors Edgar
Allan Poe. Die deutsche Band »The House of Usher« hat ihren
Namen einer Geschichte Poes entlehnt. Die Themen der Gothics
sind Traum und Alptraum, Melancholie und Suizid, die
Nachtseiten des Lebens und das Tabu, Gräberwelten und
Geister, der ewige Kampf zwischen Gut und Böse, Sex und Tod,
Dämonen, Teufeln und Engeln. Kultorte der Gothic-Szene sind
Friedhöfe wie etwa der Johannisfriedhof (13. Jahrhundert) in
Nürnberg oder der Friedhof im irischen Glendalough. Gothic-
Fans sehen aber genauso gerne Kindervideos aus der Serie »Der
kleine Vampir«. Die »Grufties« haben eine eigene Musikkultur.

-79-
Zu ihr gehören Gruppen wie »Das Ich« (Stefan Ackermann) mit
den Musiktiteln »Gottes Tod«, »Blasses Kind«, »Im Rausch der
Tiefe« oder die Bands »Sepultura«, »Wolfsheim«, »Paradise
Lost«, die Hannoveraner Band »Cherubim Inc.« oder »Saints of
Eden«. Die Szene hat ihre eigenen Magazine und Festivals. Die
bekanntesten sind das »Zillo Festival« und das Hildesheimer
»Mer'a Luna Festival«. »Mer'a Luna« heißt »schöner Mond«.
Der Mond steht für die Nachtseite des Lebens, das Dunkle,
Geheimnisvolle und Verborgene.
Die Gothic-Festivals stellen auch ein Missionsfeld für
freikirchliche Gemeinden dar. So warnte die »Gemeinde der
Christen ›Jesus lebt‹« aus Hildesheim vor den Gefahren der
anderen Seite. Auf dem »Mer'a Luna Festival« im September
2001 verteilte sie folgendes Flugblatt:
»Begreife doch endlich:
Nimmt Satan Deine Probleme weg?
Oder löst er sie?
Können Menschen Dir vielleicht helfen?
Oder die großen Engel im Himmel?
Findest Du aus der Unterwelt Hilfe?
Hast Du Angst, Jesus Christus anzurufen?
Denn er allein hat alle Macht über
Mächte und Gewalten!«
Viele Gothics spielen gern mit satanischen Motiven. So heißt
ein Titel der CD »Im Beichtstuhl der Begierde« der Band »Die
Untoten«: »Ficken und Töten«. Eine andere CD trägt den Titel
»Schwarze Messe«. Auf einem T-Shirt, das die Band vertreibt,
sind drei Satanskreuze abgebildet. Damit wird die für satanische
Messen (siehe dort) typische Mischung aus Gewalt, Sex und
Demütigung der Frau zu sadomasochistischen Spielen bis hin
zum Ritualmord beschworen. Die Gruppe »Engelsstaub« zitiert
sogar den berüchtigten »Hexenhammer«, ein übles Machwerk

-80-
der Hexenverfolger (siehe Hexen). Ihre CD heißt »Malleus
Maleficarum«. Das englische Ehepaar Candia und Tony
McCornack nennt ihre Band »Inkubus Sukkubus«. Der Incubus
ist unter Satanisten als männlicher Teufel, der Succubus als
Teufelin bekannt. Neben Satanismus und Geisterglauben spielen
aber durchaus auch romantische Motive wie Sehnsucht,
Schönheit und Tod eine Rolle.
Die Gruppe »Silke Bischoff« hat sich nach einer jungen Frau
benannt, die in Köln tödliches Opfer einer Geiselnahme wurde.
Auf ihrer CD »Phoenix from the Flames« ist Diana, ein bleiches
junges Mädchen in durchsichtigen Dessous, zu sehen. Auf ihrem
Minislip steht der Name der Band. Die erotische Ausstrahlung
lenkt zuerst vom Blick auf die Armgelenke ab. Beide Pulsadern
sind aufgeschnitten. Gothic ist ein Spiel mit dem Feuer, wie
alles, was sich mit Faszination den Nachtseiten der Wirklichkeit
hingibt. Wie beim Protestsatanismus (siehe dort) oder im »Fall
Sandro Beyer« (siehe Neosatanismus) ist der Übergang fließend.
So ermordeten im Juli 2001 die Gothic-Fans Manuela und
Daniel Ruda (siehe dort) einen Mann mit 66 Messerstichen.
Nach der Festnahme gaben sie an, Satan habe ihnen den Auftrag
zu dem Mord gegeben. Das Ehepaar Ruda hatte das Opfer in
seiner Wittener Wohnung umgebracht. Hier fand die Polizei
schwarz gestrichene Wände mit SS-Runen und Hakenkreuzen
und einen Sarg. Auch die Kleidung der beiden Täter wies
szenetypische antichristliche und sadomasochistische Symbole
auf. Aus dem Spiel mit dem Bösen war blutiger Ernst geworden.
Lieblingsbands des Mörderpaares wie »Das Ich« und
»Wumpscut« wurden schnell als geistige Brandstifter angeklagt.
In der Szene-Zeitung »Zillo« (9/2001) versuchte Bruno Kramm
von der Band »Das Ich« klarzustellen: »Zwei einzelne schwarze
Schafe töten im krankhaft deformierten Satanswahn einen
braven Bürger, und schon waren wir's alle.« Dann geht er aber
gleich zum Angriff über: »Wenn man all die Blutopfer, die im
Namen Jesu Christi gefoltert und gerichtet wurden,

-81-
zusammenzählen würde und den Taten verirrter Jugendlicher
gegenüberstellen würde, dann würde so mancher jetzt den
Zeigefinger hebende Hobbytheologe schnellstens um Ablass
bitten.« Rudy Ratzinger von »Wumpscut« kommentiert die
Frage, ob er Schuldgefühle habe: »Nein, ich wüsste auch nicht,
warum. Ich kann nichts (oder nur sehr wenig) dazu, wenn sich
jemand derartig versteigt, wie es bei den Rudas der Fall war.«
Nicht jede Gothic-Band ist ein Ideenlieferant für die
Satanistenszene. Doch fehlt vielen von ihnen ein Bewußtsein für
die psychologischen Folgen der Beschwörung von Geistern,
Vampiren, Teufeln und Dämonen. Das berüchtigte Altamont-
Festival der Rolling Stones (siehe dort) hat deutlich gemacht,
wohin die Sympathie für Satanisches führen kann. Wie die
Rock-Musik der sechziger und siebziger Jahre verstehen sich
jugendliche Gothics als Gegenkultur. So schreiben etwa die
Szene-Autorinnen Tania Krings und Kirsten Borchardt: »Die
Gotik bezeichnet eine mittelalterliche, nicht nur architektonische
Kultur, die von der Abkehr oder zumindest dem Infragestellen
der christlichen Kirche geprägt ist. Vereinfacht übertragen auf
das Heute: die Abkehr und das Infragestellen einer Welt, in der
alles, aber auch alles kommerzialisiert wird und der Mensch mit
Konsum, auch primitivem Fernsehkonsum, zugeschüttet wird,
um nicht zu sagen, vom Nachdenken abgehalten wird.« Ähnlich
formulieren es Stefan Großmann und Tilo Ladwig von der
Gruppe »Absurd Minds« in einem Interview: »Die größten
Lügen, die wir verabscheuen, sind die Lebenslügen, die nicht
gerade vo n Nutzen für uns sind: 1. Desinteresse und
Unaufgeschlossenheit, 2. absolutes Wissen zu erlangen, indem
man nur Dinge zu beweisen versucht, anstatt sie zu fühlen, 3.
Fanatismus in jeglicher Form, 4. sich selbst für einen geistig
Gerechten zu halten.«
Gothic gilt als Suche nach Lebenssinn und Wahrhaftigkeit.
Dabei werden Symbole, Gestalten und Mythen der Geister-,
Vampir- und Dämonenwelt unkritisch aufgenommen und

-82-
miteinander zu Phantasiewelten vermischt. Diese Art des
ahistorischen Umgangs mit überlieferten Glaubensinhalten wird
Synkretismus oder Mischreligion genannt. Der Synkretismus ist
ein typisches Kennzeichen von Krisenzeiten. Das Spiel mit
satanischen Symbolen dürfte in den seltensten Fällen auf einen
echten Satansglauben verweisen. Die Gothic-Szene hat sich der
satanischen Symbole bedienen können, weil sie von der Kirche
»freigegeben« worden sind. Diese Jugend ist in einer Zeit
aufgewachsen, wo vom Teufel und den Dämonen weder in
Familie, Schule noch in den Kirchen mehr die Rede war. So
haben die Verdrängung und die Tabuisierung des Teufels
indirekt seine Wiedergeburt in der Jugendkultur gefördert.
Satanische Symbole auf Schüleretuis, East-Packs oder T-Shirts
werden kaum ernst genommen. Im Gegensatz zum 19. und 20.
Jahrhundert scheint der Satanismus des 21. Jahrhunderts seine
provozierende Kraft verloren zu haben. Das aber macht ihn
gefährlich.

Halloween

Halloween geht zurück auf ein keltisches Fest zu Ehren des


Todesfürsten Samhain. Im keltischen Kalender zeigte es die
Jahreswende vom 31. Oktober auf den 1. November an. Die
Toten wurden verehrt und zugleich gefürchtet, denn besonders
in der dunklen Winterzeit konnten sie als Wiedergänger (siehe
dort) aus der Unterwelt hervorsteigen und den Lebenden zur
Bedrohung werden. Wie viele andere vorchristliche Feste
verschmolz auch Halloween mit christlichen Vorstellungen,
besonders mit den Festen Allerheiligen und Allerseelen.
Allerheiligen ist ein Gedenktag für die Märtyrer und Heiligen.
Ursprünglich feierten die Christen am 13. Mai das
Allerheiligenfest. Papst Gregor III. verlegte es Anfang des 10.
Jahrhunderts auf den 1. November. In Irland wurde es 998 durch

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Abt Odilo von Cluny eingeführt. Im Mittelalter kam am 2.
November das Fest Allerseelen dazu. Aus »All Saints Day« oder
»All Hallows« (Allerheiligen) soll der »All Hallows' Even«, der
Abend vor Allerheiligen, entstanden sein. Von Irland breitete
sich Halloween nach Amerika aus. In Deutschland ist es
mittlerweile als Kostümfest heimisch geworden.
Schon Anfang September, wenn das Weihnachtsgebäck in die
Regale der Supermärkte kommt, bieten die
Spielzeugabteilungen der Kaufhäuser Gespensterkleider,
Kürbismasken, Hexenfiguren, Vampirkostüme und Skelette für
eine gruselige Dekoration an. In den irischen Pubs fließt wie
immer das schwarze Guiness. Doch statt fish and chips gibt es
»Paddy's Kürbissuppe« oder »Georgina's Guiness Heart of
Halloween-Kuchen«. Die Agentur »Luzifer« bietet »Luzifers
Halloween« für den Hausgebrauch: einen gemütlichen Abend
mit Kürbislaternen, einen Überraschungsbesuch von einem
Vampir oder ein Horrorwochenende für die ganze Familie
(www.luzifer.at/event/hallow.html).
Die Kürbismasken hatten ursprünglich die Aufgabe, Geister
(siehe dort), Vampire (siehe dort) und Wiedergänger (siehe dort)
zu vertreiben. Heute sind sie nur noch Dekoration. Halloween ist
ein Klaumauk. Selbst der Liebeszauber (siehe dort) funktioniert
nicht mehr.

Hell's Angels

Die Hell's Angels verstehen sich selbst als eine Bruderschaft,


die bereit ist, füreinander zu kämpfen und zu sterben. Der
Anlass spielt keine Rolle. Die »Engel der Hölle« wurden in
Kalifornien gegründet. Zu ihrem äußeren Erscheinungsbild
gehören Harleys, Chopper, Full Dressers und gestohlene
Motorräder. »Wir von den Hell's Angels unterscheiden uns von
all den anderen Motorradfahrern durch unsere Maschinen und

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die Art und Weise, wie wir sie fahren«, schreibt Sonny Barger.
»Unsere Bikes - das sind wir.« Der Hell's Angels Motorcycle
Club veranstaltet etwa fünf Pflichtfahrten pro Jahr und 15 bis 20
Partys. Auch diese gehören zum Pflichtprogramm der
Höllenengel. Der Männerbund wurde im April 1957 von Sonny
Barger gegründet. Der Name stammt von Don Reeves. Er hatte
ihn von einer Gruppe Weltkriegsveteranen übernommen. Nach
dem Zweiten Weltkrieg fuhren sie mit ihren Maschinen durch
Kalifornien. Die verängstigten Bürger sollen ihnen gelegentlich
nachgerufen haben: »Da fährt wieder einer von diesen
Höllenengeln!«

Hexen

Das zentrale Buch in der Geschichte der europäischen


Hexenverfolgung war der »Hexenhammer« (Malleus
Maleficarum) von Heinrich Kramer. Mit über dreißig Auflagen
zwischen 1486 und 1669 hatte es eine lange und unheilvolle
Wirkungsgeschichte. Friedrich von Spees »Cautio Criminalis
oder Rechtliches Bedenken wegen der Hexenprozesse« (1631)
dagegen versuchte der Verfolgung Einhalt zu gebieten. Seine
Antwort auf die Frage, ob es wirklich Hexen gebe, war dennoch
ein klares »Ja«. Von Spee kannte viele Fälle von angeblicher
Hexerei aus eigener Anschauung. Das Gespräch mit den
Angeklagten ließ ihn skeptisch und im Urteil vorsichtig werden.
Die Hexenverfolger mahnte er zu Weisheit und Besonnenheit.
Heute gelten Hexen als weise und emanzipierte Frauen.
Hexen zeigen »Frauenpower«. Sie wissen: Gute Mädchen
kommen in den Himmel, böse dagegen überall hin. Im Harz sind
die Hexen ein wichtiger Teil der Tourismusindustrie geworden.
Gutmütig ist die Hexe in Otfried Preußlers beliebtem
Kinderbuch »Die Kleine Hexe«. Ihre Zauberkraft setzt sie
ausschließlich zu guten Zwecken (weiße Magie) ein. Die

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russische Hexe Baba Yaga ist nicht nur in ihrer Heimat, sondern
auch unter modernen Hexen ein Symbol für die Kraft der Natur.
In den Märchen der Brüder Grimm und in weiten Teilen des
Orients und in Afrika hat sich dagegen der alte Glaube an die
teuflische Macht der Hexe erhalten. Diese wird besonders
deutlich im »bösen Blick« (siehe dort), mit dessen Hilfe die
Hexen Menschen und Tieren Schaden zufügen können. Fünf
Merkmale kennzeichnen eine Hexe im traditionellen Sinn:
1. Sie hat einen Pakt mit dem Teufel geschlossen und
vollzieht mit ihm den Geschlechtsverkehr.
2. Sie hat dem christlichen Glauben abgeschworen
(Apostasie).
3. Sie kann Schadenszauber ausüben.
4. Sie kann durch die Luft fliegen und
5. sich in ein Tier verwandeln.
Hexen gelten als Meisterinnen in der Ausübung schwarzer
Magie. Zu ihren Spezialitäten gehört der Schadenszauber: Sie
können die Ernte schädigen, einen Brand entfachen, jemandem
eine Krankheit anhexen, einen »Hexenschuss« ins Kreuz jagen
oder Männern die Potenz rauben. Auch die »Hexenmilch«, die
manchmal aus der Brust eines Neugeborenen fließt, gilt als ihr
Werk. Diese bösen Taten werden als »maleficia« bezeichnet, die
Hexen selbst als »malefici« oder »maleficae«.
Das Wort »Hexe« leitet sich aus dem Althochdeutschen
»hagzissa« ab. Es bedeutet »Zaunreiterin«. Die moderne
Vorstellung von der Hexe als weiser und emanzipierter Frau
deutet das Bild von der Zaunreiterin so: Wenn die Hexe auf dem
Zaun sitzt, dann hat sie a) einen größeren Überblick als andere
Menschen und kann b) nach zwei Seiten schauen. Hexen sind
also Frauen mit einer erweiterten Perspektive, Frauen mit
Überblick und Durchblick, denn das Bild des Zauns steht auch
für die Grenze zwischen der sichtbaren und unsichtbaren Welt.
Normalsterbliche »blicken« hier nicht durch. Die Hexe aber hat

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einen freien Blick über die Grenze hinweg. Sie sieht auf den
Grund der Wirklichkeit.
Früher galten Hexenbesen und Zaunlatte als ein Symbol für
den Phallus des Teufels. Als Incubus (siehe Sexualität) hat
dieser sexuellen Verkehr mit der Hexe. Da sein Sperma kalt und
zeugungsunfähig ist, kann der Teufel mit der Hexe keine Kinder
zeugen. Allerdings verstehen sich beide auf die Erzeugung von
Trugbildern. Durch den Kräutertrank einer Hexe entstehen im
Mann sexuelle Phantasien und täuschend echte Bilder. Auch
bringt der Trunk die volle Manneskraft zurück, wie noch die alte
Hexe in der Sze ne »Hexenküche« beweist, als sie Faust
verjüngt, damit »sich Cupido regt und hin und wider springt«
(V. 2598).
Die paranormalen Fähigkeiten der Hexe gelten aus
christlicher Perspektive als Teufelswerk. Sie ergeben sich aus
dem Teufelspakt (siehe dort). Die Hexe schwört ihrem
christlichen Glauben ab. Zur Besiegelung des Vertrags küsst sie
das Hinterteil des Teufels und erhält von ihm ein Zeichen,
ähnlich einer Tätowierung oder einem Piercing. Das Hexenmal
wird an einer nicht sichtbaren Stelle angefertigt. Be liebt sind der
Genitalbereich, die Achselhöhlen oder die Pobacken. Wie bei
der schwarzen Messe (siehe dort), so werden auch beim
Hexensabbat typische Elemente der katholischen
Eucharistiefeier parodiert. Die Christen essen den »Leib des
Herrn«, die Hexen kleine Kinder oder abgetriebene Föten. Der
christliche Priester liest während der Messe aus der Heiligen
Schrift, die Hexen studieren am Hexensabbat die
schwarzmagischen Zauberbücher. Da ihre Versammlungsorte
aus Sicherheitsgründen meist in großer Entfernung von den
Wohnorten liegen, haben die Hexen eigene Flugtechniken zur
Überwindung räumlicher Distanzen entwickelt. Mit Hilfe von
Hexensalben aus Tollkirsche, Johannis- und Bilsenkraut
verwandeln sie ihren Hexenbesen in ein Fluggerät. Zentraler
deutscher Versammlungsort ist der Brocken oder Blocksberg

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(siehe dort) im Harz. Goethe hat ihn drei Mal besucht.
Französische Hexen bevorzugen einen Platz in Neufundland.
Neben der Walpurgisnacht (30. April) gelten Weihnachten,
Ostern und Pfingsten als Hauptfeiertage.
Die Hexenversammlung auf dem Blocksberg ist eine Art
Generalkonvent. Das bedeutet für die Hexen Teilnahmepflicht
und pünktliches Erscheinen. Wer zu spät kommt, den bestraft
hier wahrlich der Teufel. Alte Hexen erstatten Bericht über ihre
Tätigkeiten, neue werden vom Teufel in ihr Amt eingewiesen.
Wer im Teufelsglauben rückfällig geworden ist und sich wieder
dem Christentum zugewandt hat, erhält hier die Chance der
Buße. Anschließend besprengt der Teufel, der gern im
Kardinalspurpur auftritt, die satanische Gemeinde mit
Weihwasser. Selbstverständlich wird auch eine
Anwesenheitsliste geführt. Wer also glaubt, eine
Hexenversammlung erschöpfe sich in orgiastischem Treiben,
der verkennt den buchhalterischen Charakter des Teufels.
Gotteslästerung und sexuelle Ausschweifungen bestimmen
das weitere Programm eines Hexensabbats. Hexen lieben vor
allen Dingen einen ausgelassenen Tanz in unbekleidetem
Zustand. Das christliche Glaubensbekenntnis sagen sie
rückwärts auf und werden anschließend vom Hexenmeister mit
der Formel gesegnet: »Gehet hin im Namen des Teufels«.
Bekanntlich können sich Hexen und Teufel in Tiere
verwandeln. So nimmt der Teufel gern die Gestalt eines
schwarzen Pudels, Bockes oder Hahnes an. Hexen erscheinen
als Bär, Eidechse, Eule, Katze, Rabe, Kröte, Ratte, Schlange,
Spinne oder Ziege. Die Unterscheidung zwischen einem echten
Haustier und einem verhexten ist gar nicht so schwer.
Hexenkatzen haben einen längeren Schwanz. Auch wenn eine
Katze zu sprechen beginnt, liegt eindeutig ein Fall von Hexerei
vor. Tanzende Katzen sind gleichfalls des Teufels.
Frauen werden nicht als Hexen geboren, sondern zu Hexen
gemacht. Gleiches gilt auch für die »Hexenpädagogik«. Der
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Pakt mit dem Teufel ist der Abschluss des Noviziates unter der
Anleitung einer erfahrenen Hexe, der Novizenmeisterin. Jede
Hexe ist verpflichtet, junge Hexen auszubilden. Die Ausbildung
dauert 21 Jahre. Erst nach ihrem Abschluss erhält die Hexe das
Teufelsmal. Die ersten sieben Lebensjahre gelten dabei als
entscheidende Grundlage für den Erwerb von magischen
Fähigkeiten. Eine solche »schwarze Pädagogik« deckt sich
teilweise mit Erkenntnissen der modernen Lernpsychologie.
Kinder über sieben Jahre können das Hexen nicht mehr erlernen,
heißt es. Das erklärt, warum Hexen kleine Kinder stehlen. Eltern
können ihre Kinder durch eine Haube schützen, auf die ein
Kreuz und ein Stern gestickt sind.
Moderne Hexen sind nicht gleich an ihrem äußeren
Erscheinungsbild zu erkennen. Das war früher anders: Hexen
blinzeln aus leuchtenden Augen. Ihr Haar ist ungeordnet. Über
der Lippe tragen sie einen Damenbart und am Kinn dicke lange
Stoppeln. Sie sind mager, hinken gelegentlich oder haben einen
Buckel. Ihre Finger sind krumm. Darüber hinaus tragen Hexen
immer zwei verschieden farbige Strümpfe, meist einen roten und
einen schwarzen. Die dunklen Flecken auf ihren Armen sind die
Fingerspuren des Teufels. Auch an typischen Gewohnheiten ließ
sich früher eine Hexe eindeutig erkennen. Sie sammelt gern
Kräuter, isst fett, weicht bei einer Begegnung nach links aus und
beschenkt Kinder mit Spielsachen und Süßigkeiten. Hexen
können auch durch die Weihwasserprobe leicht erkannt werden.
Wie der Teufel, so fürchtet die Hexe das Weihwasser. Während
des Messopfers oder wenn der Priester die Monstranz hochhält,
muß sich die Hexe abwenden.
Hexen erkennen ist gefährlich, denn eine erkannte Hexe wird
sich rächen und einen Schadenszauber ausüben. Gut, wenn man
den Gegenzauber kennt. Ein Besen vor die Haustür gelegt oder
aufrecht hinter die Tür gestellt, verhindert den Eintritt der Hexe.
Erfolgreich gegen Hexen darüber hinaus sind die Ausrufung des
Namens Gottes, Jesu, des Schutzengels oder ein Stoßgebet. Als

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absolut zuverlässiger Abwehrzauber gilt das Stricken, weil dabei
die Nadeln gekreuzt werden und jede Hexe und jeder Teufel den
Anblick des Kreuzes meidet. Kinder, die ein kleines Kreuz um
den Hals tragen, und Häuser, über deren Eingang sich ein Kreuz
befindet, sind daher vor allem Bösen sicher geschützt.
Der moderne Hexen- oder Wicca-Kult bestreitet jeden
Zusammenhang zwischen Hexenwesen und Teufelspakt. Aus
ihrer Sicht bewahren Hexen das geheime Wissen einer uralten
heidnischen Magie. Da die Worte »Magie« und »Heidentum«
negativ belastet sind, bezeichnen sich moderne Hexen als
»Pagans« und ihre Hexenkunst als »Magick«. Die fünf Zacken
des Pentagramms deuten sie als Symbol für die vier Elemente
und den Geist.

Hexenring

Hexen schließen mit dem Teufel einen Pakt. Als Siegel dieses
Vertrags tragen sie das Hexenmal. Satan erhält dafür einen Kuss
auf den Hintern. Dieser wird in der Fachsprache Homagialkuss
genannt. Eigentlich wäre zu erwarten, daß die Hexen einen
Ehering tragen, denn der Satanismus und alle Hexenriten
parodieren bekanntlich den christlichen Glauben. Nonnen tragen
einen Ehering. Sie sind die »Bräute Christi«. So müssten
folgerichtig die Hexen als »Bräute Satans« einen Ring als
Zeichen ihrer Vermählung tragen. Merkwürdigerweise herrscht
hier eine gewisse Inkonsequenz im Hexenglauben. Der
Hexenring ist also kein Schmuckstück oder Ehering der Hexe.
Vielmehr entstehen Hexenringe an den Stellen im Wald und auf
Lichtungen, wo die Hexen in der Nacht getanzt haben. Mit dem
Wort »Hexenring« wird eine große Zahl von Pilzen in
kreisförmiger Ordnung bezeichnet. Meist sind diese Pilze
besonders schön anzusehen, doch giftig wie der rote Fliegenpilz
(Amanita muscaria) mit seiner weiß gepunkteten Kappe. In

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einigen Gegenden Lapplands und Sibiriens wurde er früher
getrocknet und dann unter Anleitung des Schamanen gegessen.
Flugträume und Visionen sollen die Folge gewesen sein.
Für den Pilzsammler, der giftige, ungenießbare und essbare
Pilze nicht eindeutig unterscheiden kann, gilt eine einfache
Regel: Hände weg von allen Pilzen, die im Hexenring wachsen!
Auch der netzstielige Hexenröhrling (Boletus luridus) sollte
gemieden werden. Er ist zwar gekocht essbar, kann jedoch
Bauchschmerzen verursachen. Vom Satansröhrling (Boletus
satanas) sollte man unbedingt die Finger lassen. Sein großer
weißer Hut täuscht nur Unschuld vor. Er ist giftig, wie alles, was
vom Teufel kommt.

Hiob

Der Teufel hat viele Gesichter. Im Buch Hiob erscheint er als


eine Art Staatsanwalt im Himmel. Sein Name deutet zugleich
seine Aufgabe an: Er heißt Satan und bedeutet Widersacher.
Dieser Satan (siehe dort) ist nicht der gefallene Engel, nicht der
trotzige Rebell gegen Gottes Ordnung. Im Gegenteil! Er gehört
zur himmlischen Ordnung. Als Staatsanwalt achtet er auf die
Einhaltung der göttlichen Gesetze. Er ist eine Art Präfekt der
himmlischen Glaubenskongregation.
Der berühmte Streitfall, an dem sich sein Widerspruch gegen
Gott entzündete, war die »Akte Hiob«. Bekanntlich hat diese
Goethe zu dem »Prolog im Himmel« in seiner Tragödie »Faust«
inspiriert.
Gott hatte Hiob mit Wohlstand und Fruchtbarkeit reich
gesegnet. Sieben Söhne und drei Töchter zählte Hiob. Er besaß
siebentausend Schafe, dreitausend Kamele, eintausend Rinder,
fünfhundert Esel und sehr viel Gesinde, kurzum, er war der
reichste Mann im Lande Uz. Das Familienleben war
harmonisch, und der fromme Hiob galt als Vorzeigebeispiel für
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alle Menschen, die fragten: Was habe ich denn davon, wenn ich
an Gott glaube? Die Antwort lautete: Sieh den Gottesmann
Hiob! Wer auf den Wegen Gottes wandelt und seine Gebote
hält, der lebt in Wohlstand, so wie Hiob! Gott und Hiob, beide
bildeten eine Einheit.
Wie stolz Gott auf Hiob war, das zeigte der Lobpreis, der sich
auf das weitere Schicksal Hiobs verhängnisvoll auswirken
sollte. Eine himmlische Ratsversammlung war anberaumt
worden, zu der auch Satan erschien. Der Staatsanwalt war
soeben von einem Kontrollgang auf der Erde zurückgekehrt.
Gott kam sogleich auf Hiob zu sprechen. »Hast du Acht gehabt
auf meinen Knecht Hiob? Denn es ist Seinesgleichen nicht auf
Erden, fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und meidet das
Böse.«
Hiobs Frömmigkeit sei nicht echt, lästerte Satan. Wer so reich
wie Hiob sei, der habe allen Grund, den Gottesfürchtigen zu
spielen. Der Herr solle die Probe machen, den Besitz antasten
und sehen, wie Hiob seinem Glauben abschwören werde.
Glaubensprüfungen gehören zur Geschichte aller großen
Religionen. Aber diese Prüfung scheint völlig sinnlos. Das
Leiden der Märtyrer beweist die Macht des Glaubens. Es führt
viele Menschen zur Bekehrung. Wer aber soll im Fall Hiobs
bekehrt werden? Etwa Satan selbst, damit er einstimmt in den
Lobgesang der Engel? Wäre das eine Rechtfertigung dafür, daß
Gott dem Teufel erlaubt, Hiobs Söhne und Töchter, seine
Knechte und seinen gesamten Viehbestand von
elftausendfünfhundert Stück zu töten?
Nach der ersten Attacke kehrt Satan in den Himmel zurück.
Gott hat die Wette gewonnen. Hiob ist in allem Leid treu
geblieben. »Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen;
der Name des Herrn sei gelobt!«, waren seine Worte.
Warum ist jetzt der unerträglichen Prüfung kein Ende? Was
soll noch bewiesen werden? Der Satan läßt nicht locker, sein
Misstrauen kennt keine Grenzen. Hiob habe zwar keine Kinder
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und keinen Besitz mehr, aber er sei noch bei guter Gesundheit.
Wenn es ihm Gott erlaube, daß er diese antaste und Hiob mit
Geschwüren vom Scheitel bis zur Sohle peinige, so werde er es
binnen kurzem erleben, wie sein angeblich frommes Kind ihm
den Rücken kehre. Am Ende ist alles wieder gut. Nach langer
Leidenszeit wird Hiob geheilt, er kommt zu neuem, noch
größerem Wohlstand und vielen Kindern. Davon werden aber
die ermordeten zehn Kinder und elftausendfünfhundert Stück
Vieh nicht wieder lebendig. Vom Satan ist nicht mehr die Rede.
Er ist an Hiob gescheitert, wie es ihm prophezeit worden war.
Gott und Hiob sind weiterhin Freunde. Aber Hiob ist
»erwachsen geworden«. Seine Vorstellung von Gott hat sich
gewandelt: Gott ist der Allmächtige, aber nicht der Gute. Er hat
die Welt erschaffen, er ist Herr der Zeit und des Raumes, selbst
die schrecklichen Ungeheuer im Ozean, der Behemot und der
Leviathan (siehe dort) sind sein Werk. Vor ihm verstummt alle
Gottesgelehrsamkeit, alles Verstehenwollen. Das Rätsel dieses
Schöpfers von Himmel und Erde wird nicht enthüllt. »Ich hatte
von dir nur vom Hörensagen vernommen«, spricht Hiob zu Gott,
»aber nun hat mein Auge dich gesehen« (Hiob 42.5). Gott
erkennen heißt in sein Geheimnis einkehren und schweigen.
Im Jahr 1952 tritt der Psychoanalytiker Carl Gustav Jung
(1875-1961) mit einer »Antwort auf Hiob« an die Öffentlichkeit.
Auch Jung (siehe dort) stellt sich die Frage, warum Gott dem
Satan so große Macht zugesteht. Seine Antwort lautet: Gott
kann nicht anders, denn der Satan ist sein eigener Widerspruch,
der Schatten an seiner Seite. In Gott herrsche ein ständiger
innerer Zweikampf zwischen Licht und Dunkelheit. Der
schuldige Mensch aber sei erwählt, die Gegensätze von Gut und
Böse miteinander zu versöhnen. Die Erlösung des Menschen
werde zugleich eine Erlösung Gottes sein. »Seit der Apokalypse
wissen wir wieder, daß Gott nicht nur zu lieben, sondern auch zu
fürchten ist. Er erfüllt uns mit Gutem und mit Bösem, sonst wäre
er ja nicht zu fürchten, und weil er Mensch werden will, muß die

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Einigung seiner Antinomie im Menschen stattfinden. Das
bedeutet für den Menschen eine neue Verantwortlichkeit. Er
kann sich jetzt nicht mehr mit seiner Kleinheit und Nichtigkeit
ausreden, denn der dunkle Gott hat ihm die Atombombe und die
chemischen Kampfstoffe in die Hand gedrückt und ihm damit
die Macht gegeben, die apokalyptischen Zornschalen über seine
Mitmenschen auszugießen. Da ihm sozusagen göttliche Macht
geworden, kann er nicht mehr blind und unbewußt bleiben. Er
muß um die Natur Gottes und um das, was in der Metaphysik
vorgeht, wissen, damit er sich selbst verstehe und dadurch Gott
erkenne.«

Hirnforschung

Nicht immer, wenn es spukt, muß gleich ein Geist


dahinterstehen. Das gilt auch für den Verdopplungsspuk. Schon
Fjodor Dostojewski erzählt in seinem Roman »Der
Doppelgänger« von der Begegnung mit dem eigenen
Schattenbild. Dieses merkwürdige Phänomen wird auch in dem
Film »Being John Malkovich« beschrieben. Menschen sehen
plötzlich ihr Double. Sie stehen ihm gegenüber, starr sitzt es am
Schreibtisch oder hängt tot an einem Baum. Die Hirnforschung
spricht von Heautoskopien. Unter ihnen leiden besonders
Epileptiker, suizidgefährdete Menschen, Schizophrene und
Depressive. Aber auch emotionaler Stress,
Erschöpfungszustände und Ängste können das Bild des
Doppelgängers erzeugen.
Britische Hirnforscher geben folgende Kennzeichen des
Doppelgängerspuks: Die geisterhaften Figuren erscheinen meist
in der Morgen- und Abenddämmerung. Wenn man versucht, mit
den Händen nach ihne n zu greifen, so verschwinden sie. Sie
reden nicht und stehen als stumme Beobachter im Zimmer. Ihre
Gestalt ist grau und schemenhaft, ihr Erscheinen geschieht ohne

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Vorankündigung. Der Doppelgänger wirft keinen Schatten. Eine
neurologische Erklärung des Doppelgängerspuks ist bisher noch
nicht gelungen. Alle Merkmale dieser Halluzinationen findet
man seit Jahrhunderten im Geisterglauben bezeugt. Morgen-
und Abenddämmerung sind klassische Tageszeiten für die
Begegnung mit Geistwesen, wie Jakobs Kampf mit dem Engel
zeigt. Geister können nicht mit den Händen »begriffen« werden,
sie werfen keinen Schatten und sind als so genannte
Wiedergänger (siehe dort) im Volksglauben bezeugt.

Hölle

Der Bildhauer Auguste Rodin hatte einen prophetischen Blick


in das 20. Jahrhundert geworfen, als er ein Relief mit dem Titel
»Das Höllenportal« (1880) entwarf. Über den leidenden
Menschen sitzt kein Teufel, sondern eine kleine Nachbildung
der berühmten Figur des Denkers. Um von der Hölle zu reden,
braucht es den Teufel nicht. Mensche n haben sich Höllen
ausgedacht und mit den Vernichtungslagern Höllen von
beispielloser Grausamkeit geschaffen. In seiner Rede zum
fünfzigsten Jahrestag der Auschwitz-Befreiung spricht Samuel
Pisar in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem von dem
»unaussprechlichsten Bösen« und der »größten Tötungsstätte
aller Zeiten, an denen Eichmanns grauenvolle Wirklichkeit die
Höllenvision Dantes noch an Düsternis übertraf«.
Das Leben kann zur Hölle werden. Die Hölle der Angst (siehe
dort) und die Hölle, die Menschen den Menschen auf Erden
bereiten, sind schreckliche Wirklichkeit. Aber ist die Hölle auch
ein Ort des Jenseits? Auf Tausenden von Bildern setzten Maler
die Hölle ins Bild. Steinmetze meißelten den Rachen der Hölle
über die Kirchenportale des Mittelalters. Dante (»Die göttliche
Komödie«, 1311-1321) und andere Dichter haben die sieben
Kreise der Hölle beschrieben, mittelalterliche Philosophen sie

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sogar vermessen. Nach katholischer Lehre ist die Sachlage
eindeutig: »Wir definieren zudem«, schreibt Benedikt XII. (20.
Dezember 1334-25. April 1342), »daß nach allgemeiner
Anordnung Gottes die Seelen der in einer aktuellen Todsünde
Dahinscheidenden sogleich nach ihrem Tod zur Hölle
hinabsteigen, wo sie mit den Qualen der Hölle gepeinigt
werden« (Denzinger 1002). Selbst das als liberal geltende
Zweite Vatikanische Konzil hält Ende des 20. Jahrhunderts an
der Existenz der Hölle fest. »Darum könnten jene Menschen
nicht gerettet werden, die sehr wohl wissen, daß die katholische
Kirche von Gott durch Jesus Christus als eine notwendige
gegründet wurde, jedoch nicht in sie eintreten oder in ihr
ausharren wollten.« (Denzinger 4136) Wer kommt in die Hölle?
Die Antwort lautet: Alle Christen, die aus der katholischen
Kirche austreten oder nicht in sie eintreten. Der Abfall vom
wahren katholischen Glauben, Apostasie genannt, gilt noch
heute als Todsünde (siehe Sünde).
Das Wort »Hölle« bezeichnet in den germanischen Sprachen
ein verborgenes Totenreich (»hel«). In den romanischen
Sprachen wird dieser unterirdische Bereich »infernum« genannt.
Die Griechen sprechen vom Hades. Einen jenseitigen Strafort
kannten auch die Ägypter. Höllenvorstellungen sind im
Judentum und im Islam verbreitet. Die Hölle ist also keine
Erfindung der Priester. Sie ist im Neuen Testament an zentraler
Stelle verankert. Christen glauben, daß Jesus gekommen ist, um
die Menschheit von der Macht der Sünde und des Teufels zu
befreien. Eines Tages, so hatte er vor seiner Himmelfahrt
prophezeit, werde er mit seinen Engeln wiederkommen und die
große Scheidung der Menschheit in Gute und Böse, Erlöste und
Verworfene vollziehen. »So wird es auch am Ende der Welt
gehen: die Engel werden ausgehen und die Bösen von den
Gerechten scheiden und werden sie in den Feuerofen werfen; da
wird Heulen und Zähneklappern sein.« (Matthäus 13.49-50) Die
Lehre von der Wiederkehr Jesu (Parusie) zum Jüngsten Gericht

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über die Lebenden und Toten ist im Glaubensbekenntnis fest
verankert. Dort heißt es: »Von dort (dem Himmel) wird er
(Jesus) kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.«
Die christliche Vorstellung von Fegefeuer und Hölle ist auch
durch das berühmte Gleichnis vom Reichen Mann und Armen
Lazarus (Lukas 16.19-31) nachhaltig bestimmt worden. Im
irdischen Leben erging es dem Reichen bestens. Er trug feine
Kleidung aus Purpur und kostbarem Leinen und lebte alle Tage
herrlich und in Freuden. Nicht, daß er seinen Wohlstand genoss,
wird ihm zum Verhängnis. Der reiche Mann dachte nur an sich,
er hatte nicht zu teilen gelernt und verschloss die Augen vor
dem bejammernswerten armen Mann, der vo n Geschwüren
bedeckt vor seiner Tür lag und auf ein paar Abfälle von der
reichgedeckten Tafel hoffte. Nur die Hunde haben Mitleid. Sie
lecken seine Wunden. Nach dem Tod wird Lazarus von den
Engeln in Abrahams Schoß (siehe auch Fegefeuer) getragen.
Der reiche Mann aber fährt zur Hölle. Soweit erzählt die
Geschichte von einer Wiedergutmachung oder ausgleichenden
Gerechtigkeit.
Zwischen Himmel und Hölle ist ein Blickkontakt möglich. In
seiner Qual hebt der Reiche hilfesuchend die Augen und sieht in
der Ferne das Bild der Geborgenheit. Die gerechte Trennung der
Menschheit in Himmel- und Höllenbewohner wird von dem
Reichen so wenig bestritten wie die Berechtigung seiner
Verurteilung. Er bittet Abraham nicht um eine Befreiung aus der
Hölle, sondern allein um einen kleinen Liebesdienst: Lazarus
solle kommen, »damit er die Spitze seines Fingers ins Wasser
tauche und mir die Zunge kühle; denn ich leide Pein in diesen
Flammen«. Dieses Bild von den ewigen Flammen der Hölle, die
brennen, ohne die Sünder zu verbrennen, ha t nachhaltig auf die
Jenseitsvorstellungen der Menschen gewirkt.
Darf man dem Reichen die kleine Bitte abschlagen? Ist es
nicht unbegreiflich grausam, dem Verurteilten keine
Verringerung seiner Qual zu gewähren? Doch auch die

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umgekehrte Frage stellt sich: Darf es Lazarus zugemutet
werden, jetzt den Mann zu pflegen, der sich zu irdischen
Lebzeiten in keiner Weise um sein erbarmenswertes Schicksal
gekümmert hatte? Soll ausgerechnet das Opfer zum
Krankenpfleger des Täters werden?
Abraham antwortet dem Reichen: »Gedenke, Sohn, daß du
dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, Lazarus hat Böses
empfangen; nun wird er hier getröstet, und du wirst gepeinigt.«
Eine Ewigkeit in der Hölle für sechzig oder siebzig Jahre
angenehmen Lebens auf Erden, da scheint mit ungle ichen
Gewichten gewogen zu werden. Doch nicht weniger
beunruhigend ist die zweite Antwort, die Abraham dem Reichen
gibt: »Und überdies besteht zwischen uns und euch eine große
Kluft, daß niemand, der von hier zu euch hinüber will, dorthin
kommen kann und auch niemand von dort zu uns herüber«
(Lukas 16.26). Niemand könne ihn heilen, niemand könne den
tiefen Abgrund zwischen Himmel und Hölle überwinden, weder
Abraham, Lazarus noch einer der Höllenbewohner. Gilt das
auch für Gott?
»Daß die Parabel vom reichen Prasser und dem armen
Lazarus nichts weiter sein will als eine ernste Warnung an die
Lebenden, sich des Armen vor ihrer Tür zu erbarmen, ist klar.«
Ist das wirklich so »klar«, wie Hans Urs von Balthasar
behauptet? So müsste es sein, und auch der Reiche bittet, daß
Abraham wenigstens den Lazarus zu seinen noch lebenden fünf
Brüdern schicke, damit sie gewarnt seien und »nicht auch
kommen an diesen Ort der Qual«. Abraham entgegnet, die
Brüder des Reichen hätten Moses und die Propheten als Mahner
der Nächstenliebe. Und selbst »wenn jemand von den Toten
auferstünde«, ergänzt er in Anspielung auf Christus, »so werden
sie sich auch nicht überzeugen lassen« (Lukas 16.31).
»Die große Seelenwahrheit des Infernos erfasst keiner so
leicht vor seinem vierzigsten Jahr«, sagt Hans Carossa. Das
Rätselhafte ist weniger die Vorstellung eines jenseitigen
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Strafortes als die dunkle Erfahrung, daß sich Menschen trotz
besseren Wissens der Stimme der Wahrheit und der
Menschlichkeit verschließen. Deshalb sind nicht wenige große
Heilige mit ihrem Liebeseifer Sturm gegen die Pforten der Hölle
gelaufen. Katharina von Siena sagt: »Wie könnte ich denn, Herr,
mich damit abfinden, daß ein einziger von denen, die Du wie
mich nach Deinem Bild und Gleichnis geschaffen hast,
verlorenginge und Deinen Händen entglitte? Nein, auf gar
keinen Fall will ich einen einzigen meiner Brüder zugrunde
gehen sehen, einen einzigen derer, die mir durch eine gleiche
Geburt zur Natur und zur Gnade geeint sind. Ich will, daß sie
alle dem alten Feind entrissen seien, daß Du sie alle zur Ehre
und zur größeren Verherrlichung Deines Namens gewinnst.«
Neben der offiziellen Kirchenlehre über die Hölle gab es von
Anfang an eine alternative Entwicklung. Das schreckliche
Entweder - Oder von Himmel und Hölle wurde schon von den
frühen Christen gelockert. Die Antike kannte verschiedene
»Höllenfahrten«. Odysseus war in das Totenreich gestiegen, der
Sänger Orpheus hatte versucht, Eurydike aus dem Reich des
Hades zu befreien. In apokryphen Evangelien wie den
Pilatusakten (auch Nikodemusevangelium genannt) erzählen sie
vom Abstieg Christi in die Hölle, wo er die Seelen aus der
Gefangenschaft befreite. Auch diese Höllenfahrt Christi
(descensus ad inferos) wurde Teil des Glaubensbekenntnisses,
wenn es heißt: »Hinabgestiegen in das Reich des Todes«. Die
Erzählung von der Höllenfahrt Christi wurde so beliebt, daß sie
in die Märchenwelt einging. Das bekannte Grimmsche Märchen
vom Teufel mit den drei goldenen Haaren erzählt von einem
unerschrockenen Knaben, der in die Hölle hinabsteigt und dort
den Teufel überlistet.
Zur Entschärfung der Hölle trug auch die irische Legende von
Brandan (484-576), dem Seefahrer, bei. Der Heilige hatte viele
Klöster in Kerry, Clare und Galway sowie auf den Inseln des
Shannon gegründet. Clonfert (Clúainferta) war das größte und

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zählte zeitweilig 3000 Mönche. Irland lag weit entfernt von
Rom, und die offene See blies frischen Wind in geistliche
Gelehrtenstuben. Brandan war auch als Seefahrer wagemutig. Er
segelte mit ausgewählten Mönchen bis an die Ränder der damals
bekannten Welt, in jene Zonen, wo Geographie und Mythologie
ineinander verschmolzen. Auf offenem Meer entdecken sie eine
kleine felsige Insel, gerade so groß, daß eine Person darauf
sitzen kann. Der Mann, dem sie hier begegnen, leidet eine
unsägliche Pein. Sein Leib ist schwarz von Pech und Harz, das
ihn glühend umhüllt. Die Flammen haben ihm große Löcher in
den Körper gefressen. Vor den Augen hängt zur Linderung der
Schmerzen ein kleines Tüchlein, und vom Himmel fällt
kühlender Hagel auf ihn. Brandan erkundigt sich nach dem
Schicksal und der Herkunft des Gepeinigten und erfährt, der
Gequälte komme aus der Hölle. An jedem Samstagabend erhalte
er bis Sonntagmittag einen halben Tag Höllenurlaub. Dann
führten ihn die Teufel wieder zurück in großes, unsägliches
Leid.
Brandan kann sich nicht vorstellen, daß ein noch größeres
Leiden möglich sei, als es dem Mann bereits jetzt zugefügt wird.
Da unten in der Hölle, erklärt der Mann, werfen ihn die Teufel
in waberndes Pech. Da ist die Hitze so groß, daß ein stählerner
Berg darin schmelzen würde. Der Heilige erkundigt sich nach
dem Namen des Gefolterten, und dieser antwortet: »Ich bin der
arme Judas.« Brandan kann den Anblick nicht ertragen. Voller
Mitleid fragt er Judas, ob ihm nicht geholfen werden könne.
Immerhin sei es Lehre der Kirche, daß Christen und besonders
die Heiligen durch ihre Fürbitten Gottes besondere Gnade für
die Sünder erwirken können. Er und seine Mönche seien bereit,
mit allem Eifer für das Seelenheil des Gemarterten zu beten.
Judas erwidert: »Alles Bitten für mich ist gar verloren, denn
Gott will sich nimmermehr meiner erbarmen.« So lehrt es auch
die römische Kirche. Der Ire Brandan beugt sich ihrer
Lehrmeinung nicht. Die ganze Nacht harrt er neben Judas aus

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und leidet mit ihm bis Sonntagmittag. Dann kommt die Stunde
der Teufel. Judas schreit so jämmerlich, daß es einen Stein
erbarmen könnte: »Oh weh, ach und weh, muß ich aber in die
große, unsägliche Pein!« Sein Fall ist aussichtslos, an seinem
Schicksal gibt es nichts zu ändern. Alle glauben das, auch Judas
selbst. Brandan ist da anderer Meinung. Er hat eine andere
Vorstellung von Gott. Deshalb schaut er nicht resigniert zu, wie
Judas vor Angst zittert.
Wer damals eine Reise unternahm, der führte Reliquien,
Überreste von Heiligen mit sich. Unter ihrem Beistand konnte
man sich sicherer fühlen. Brandan läßt den ganzen
Reliquienschatz an Deck holen zur Unterstützung des
Gebetskampfes gegen die Teufel, den er und seine Mönche jetzt
aufnehmen. Da brausen die Höllendiener in einem großen
Feuergewitter he ran, daß es scheint, als brennten Meer und Luft.
Die Teufel Umschweifen das Schiff, spucken Feuer, Rauch,
Pech und Schwefel aus ihren Mäulern. Ein Bruder will
verzagen, doch Brandan läßt sich nicht von den Angriffen der
Teufel irritieren, auch dann nicht, als sie brennende
Schwefelstücke ins Meer fallen lassen. Er bittet Gott, daß er
Judas noch eine weitere Nacht Höllenurlaub gewähre. Was
niemand für möglich hielt, geschieht. Gott schenkt Judas sein
Erbarmen. Die Teufel jaulen auf und drohen Judas, sie werden
ihn am nächsten Tag desto stärker peinigen. Doch auch hier
weicht Brandan nicht zurück und verbietet den Teufeln im
Namen Gottes, die Pein bei der Rückkehr zur Hölle zu steigern.
Warum hatte Brandan nicht gebeten, daß Gott dem Judas die
Höllenqual gänzlich erspare? Wer so fragt, übersieht die
Provokation der offiziellen kirchlichen Meinung, die darin lag,
daß Brandan es erreicht hatte, Judas einen weiteren halben Tag
der Befreiung von den Höllenqualen zu erwirken. Noch
wichtiger war der Einbruch in das als unerschütterlich gerecht
geltende Gottesbild, den Brandan vollzogen hatte. Gott zeigt
Erbarmen. Das war Brandans große Wiederentdeckung. Der

-101-
maßgebliche Theologe der katholischen Lehre war da anderer
Meinung.
Wie läßt sich der Glaube an die Güte Gottes mit der
Vorstellung von einem Strafort vereinbaren, wo die Sünder ewig
gequält werden? Der Dominikanermönch Thomas von Aquin
(gestorben 1274) hat diese und andere Fragen seiner
Zeitgenossen aufgegriffen. Gott ist gerecht, sagt Thomas. Ziel
aller Höllenstrafen sei die Wiederherstellung der göttlichen
Ordnung. Wer sich auf Erden seiner Barmherzigkeit gegenüber
als unwürdig erwiesen habe, erhalte im Jenseits die gerechte
Strafe. Gläubige, die vom Glauben abgefallen sind, werden
stärker bestraft als Ungläubige, denn im Gegensatz zu den
Ungläubigen wussten die Gläubigen ja, was sie erwartet. Nach
dieser Logik ist es für Thomas auch selbstverständlich, daß
zwischen den Himmels- und Höllenbewohnern Blickkontakt
herrscht. »Damit nun den Heiligen ihre Seligkeit noch
erfreulicher sei und sie Gott dafür noch reichlicher danken, wird
es ihnen verliehen, die Strafe der Gottlosen vollkommen zu
schauen.« Mitleid gegenüber den Verdammten kennen sie nicht,
allerdings weiden sie sich auch nicht an ihrer Qual. Vielmehr
freuen sie sich an der Wiederherstellung der göttlichen Ordnung
und ihrem eigenen seligen Zustand. Thomas weiß auch, wo sich
die Hölle befindet, nämlich in der Erdmitte. Das dort brennende
Feuer versteht er als Bild für die äußerst schmerzhaften
seelischen und körperlichen Qualen. Auch über die Art der
Bestrafung ist der größte Theologe der katholischen Kirche
unterrichtet: In der Hölle wird nach dem Grundsatz »Womit
jemand sündigt, damit wird er auch gestraft« (per quae peccat
quis, per haec et torquetur) gehandelt. Zur Steigerung ihrer Qual
haben auch die Verdammten Blickkontakt zu den Erlösten. Das
schürt ihren Hass: »Daher wollen sie, alle Seligen seien
verdammt.« Mit dem Tag des Jüngsten Gerichtes wird der
Blickkontakt jedoch ein Ende haben. »Doch wird ihre Pein
deswegen nicht geringer, sondern größer werden; denn sie

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werden die Erinnerung an die Herrlichkeit der Seligen behalten,
die sie während des Gerichtes oder vor dem Gericht sahen; und
das wird ihnen zur Qual gereichen.«

Homosexualität

Jahrhundertelang wurde die Homosexualität verteufelt. Zur


Rechtfertigung diente eine Überlieferung der Bibel, nach der
sich die Einwohner von Sodom und Gomorra an zwei
männlichen Engeln sexuell vergehen wollten (Genesis 19.5).
»Du sollst nicht bei einem Mann liegen wie bei einer Frau; es ist
ein Greuel« (Leviticus 18.22), so heißt es in einer jüdischen
Gesetzsammlung.
Als tragisches Opfer der Verteufelung homoerotischer
Neigung gilt heute der Fall des Jürgen Bartsch. Der
Metzgergeselle hatte Anfang der sechziger Jahre vier
Jugendliche in eine Höhle gelockt, sich an ihnen sexuell
vergangen und sie anschließend ermordet. Jürgen Bartsch
erlebte eine weitgehend typische Kindheit im
Nachkriegsdeutschland. Der Wiederaufbau läßt wenig Zeit für
Kinder. Sie wachsen neben den vielbeschäftigten Eltern auf.
Jürgen Bartsch verbringt das erste Lebensjahr in einem Heim.
Die leibliche Mutter hat ihn nach der Geburt verlassen. Er wird
von einem kinderlosen Metzgerehepaar adoptiert. Materiell geht
es ihm gut, allerdings haben die Eltern kaum Zeit für ihn. Das
Geschäft fordert die ständige Anwesenheit beider. Die
Erziehung ist streng, die Reinlichkeitserziehung übertrieben.
Noch im fünfzehnten Lebensjahr übernimmt die Metzgergattin
beim wöchentlichen Bad die Körperpflege ihres Adoptivsohnes.
Jürgen Bartsch wird von seinen Mitschülern als Außenseiter
behandelt. Die Eltern geben ihn in ein Kinderheim. Es wird eine
glückliche Zeit.
Später im Knabeninternat »Don Bosco« der Salesianer drückt

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Bartsch mit fünfzig Mitschülern die Schulbank. Hier ist die
Erziehung streng, Prügelstrafen sind wie an sämtlichen
deutschen Schulen jener Jahre üblich. Onanie gilt als schwere
Sünde. Sexualität ist vom Teufel. Jungenfreundschaften werden
nicht gern gesehen, denn allzu große Vertrautheit könnte der
Verfehlung Vorschub leisten, heißt es. Schnell verliere sich die
Knabenhand unter fremder Bettdecke. Die Geistlichen sind
zugleich Lehrer. Im Beichtgespräch gilt ihr besonderes Interesse
den pubertären Regungen des erwachten männlichen
Geschlechts. Auf der einen Seite wird die geschlechtliche Liebe
verteufelt (siehe auch Sexualität), andererseits macht der
Erzieher Pater Pütz homoerotische Annäherungsversuche,
schmust mit seinen Lieblingen, küsst sie und greift ihnen in den
Schritt.
Jürgen Bartsch flieht mit einem Freund aus dem Internat. Sie
laufen über die Eisenbahnschienen rheinaufwärts. Da, für Jürgen
Bartsch selbst »wie aus heiterem Himmel«, überfällt ihn der
Wunsch, den Freund auf die Schienen zu werfen, damit er von
dem anrollenden Zug überfahren wird. Gewalt und der Wunsch
nach sexuellem Kontakt verbinden sich in dieser Attacke.
Niemand sei erschreckter gewesen als er selbst, erinnert sich
Bartsch später. Hier auf der Flucht bricht zum ersten Mal die
Verflechtung von Sexualität und Sadismus aus ihm hervor, die
zum Muster der später erfolgten vier Morde wird. Die
Stiefeltern schicken ihn ins Internat zurück. Niemand kennt
seine geheimen Wünsche, niemand weiß, daß er unter
Freisetzung sadistischer Phantasien onaniert. Nach dem
Hauptschulabschluss arbeitet Jürgen als Metzgerlehrling bei
seinem Adoptivvater in der Wurstküche. Er verdient sein erstes
Geld und kauft sich einen VW-Käfer.
Durch finanzielle Freigebigkeit erwirbt er auf
Jahrmarktbesuchen die Gunst männlicher Jugendlicher. Dann
erfolgt wie unter Zwang der erste Sexualmord an einem
gleichaltrigen Jungen. Er habe das »Gefühl gehabt, du mußt das

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tun«. Anschließend sei er geschockt gewesen über seine Untat,
habe nächtelang geweint und sein Kopfkissen umklammert, als
wäre es der Ermordete. »Lieber Gott, wenn Du mich von dieser
Scheiße befreist, baue ich Dir eine Kapelle!«, betet er. Eine
Woche später erfolgt der zweite Mord. Jürgen Bartsch wünscht
sich, gefasst zu werden. Noch zwei weitere männliche
Jugendliche werden sein Opfer, bis dieser Wunsch in Erfüllung
geht.
Bartsch hatte das Böse als Einbruch einer höheren Macht
erlebt. Er entschuldigte sich nicht mit einer verfehlten
Erziehung. Er selbst fühlte sich schuldig. Der Wunsch zu lieben
und der Drang zu töten waren in ihm auf rätselhafte Weise
miteinander verbunden. Am 27. November 1967 begann der
Prozess. Das Urteil des Landesgerichtes Düsseldorf lautete auf
zehn Jahre Jugendstrafe mit anschließender Einweisung in die
Psychiatrie. In der Begründung vom 6. April 1971 hieß es: »Gut
und Böse kämpften in seinem Inneren. Brüsk entschied er sich
für das Böse.«
Im Gefängnis erwägt Jürgen Bartsch eine Hirnoperation, weil
er sich davon eine Zerstörung des aggressiven Potentials
verspricht. Eine Krankenschwester sorgt für Pressewirbel, als sie
Jürgen Bartsch einen Heiratsantrag macht. Sie glaubt, seine
sadistischen Neigungen heilen zu können. Schließlich
entscheidet sich Bartsch freiwillig für eine Kastration. Er stirbt
bei der Operation. Das Leben in der Hölle auf Erden hat für ihn
ein Ende gefunden.

Internet

Früher flogen die Hexe n (siehe dort) in Gedankenschnelle


zum Blocksberg. Heute surfen sie mit gleicher Geschwindigkeit
im Internet. Auch der Teufelspakt (siehe dort) muß nicht mehr
während der Walpurgisnacht auf dem Brocken unterschrieben

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werden. Auf der Auktionsseite der Website »eBay« hatte Adam
Burtle aus Woodinville im Bundesstatt Washington die »kaum
benutzte Seele eines 20jährigen Jungen aus Seattle« angeboten.
Mindestgebot waren fünf Cents. Die Bieter sollen sich ein
regelrechtes Gefecht geliefert haben. Den Zuschlag erhielt
schließlich eine Frau aus Iowa für 400 Dollar. Den Anbieter
brachte sie in Schwierigkeiten: »Ehrlich gesagt, ich habe keine
Ahnung, wie sie meine Seele kriegen soll«, gestand Adam
Burtle. »eBay«-Sprecher Kevin Pursglove verbot schließlich den
Handel mit der Begründung: »Man sollte schon etwas anbieten,
was der Verkäufer dem Käufer auch wirklich liefern kann.«
(FAZ vom 12. Februar 2001)
Nicht nur der Teufel, auch seine bekennenden Anhänger
haben eine eigene Homepage. Die kalifornische Church of Satan
kommentiert auf den Websites Satan2000.com und
SatanicRituals.com das Weltgeschehen. Unter der Adresse
SatanShop.com findet der Satanist das komplette Zubehör für
satanische Messen (siehe dort): Kleidung, Schwerter, Kelche,
Dolche, Statuen und anderes »Home decor«. Beim Surfen auf
dieser Homepage hat man zuerst den Eindruck, das Angebot
eines Kostümverleihs für Karneval zu sehen. Doch bald hört der
Spaß auf. Da wird der Live-Mitschnitt einer satanischen Messe
angeboten, ein Kruzifix mit dem Corpus Christi, Weihwasser
und gewandelte Hostien. Im Angebot wird ausdrücklich betont,
daß die Oblaten und das Wasser von einem Priester gewandelt
worden sind. In der schwarzen Messe werden Kreuz, Hostie und
Weihwasser geschändet. Das Angebot verführt also zum
Tabubruch und ist in hohem Maße bösartig.
Eigene Homepages haben auch satanistische Bands wie
Slayer. Ihr Album »God hates us all« (September 2001) wird
unter www.slayer.net vorgestellt. Gerade durch das Internet
findet eine gefährliche Verbreitung satanischer Texte und Musik
statt.

-106-
Islam

Teufel und Dämonen sind im Volksglauben der islamisch


geprägten Welt weit verbreitet. »Dschin« genannte Naturgeister
können in vielerlei Weise den Menschen plagen. Überall in den
Dörfern zwischen Kabul und Kairo wissen die Menschen vom
Treiben der Dschin zu erzählen. Die Dschin sind älter als der
Islam, aber sie haben Eingang in das heilige Buch der Muslime
gefunden. In der Sure 72 des Koran wird ihr Wesen beschrieben.
Nach muslimischem Glauben sind sie aus dem Element Feuer
geschaffen worden.
Auch aus der islamischen Lehre ist der Teufel nicht
wegzudenken. So gehört zu den verbindlichen Ritualen einer
Pilgerfahrt nach Mekka (Hadsch) die »Steinigung des Satans«.
Jeder Pilger hebt dazu dreimal sieben Steinchen vom Boden auf
und wirft sie gegen die so genannten Teufelssäulen. Diese
symbolisieren den Satan und die Dämonen. Die größte Säule
trägt den arabischen Namen »Dschamarat«.
Aus der christlichjüdischen Tradition übernimmt der Koran
die traditionelle Darstellung und Wertung der Gestalt Satans.
Auch hier ist er ein gefallener Engel. In der zweiten Sure,
genannt »Bakara« (Die Kuh), berichtet der Koran vom Wunsch
Gottes, den Menschen zu erschaffen und ihn als seinen
Statthalter auf Erden einzusetzen. Die Engel protestierten: Gott
solle sich weiterhin allein an ihrem Lobpreis ergötzen und nicht
das Risiko einer zweiten Welt neben der himmlischen Welt der
Engel eingehen. »Willst du auf ihr einen einsetzen, der auf ihr
Verderben anstiftet und Blut vergießt?«, warnen sie den
Schöpfer. Die Engel meinen kommendes Unheil zu spüren. Gott
aber läßt sich von ihren düsteren Ahnungen nicht beirren.
Mögen die Engel auch viele Erkenntnisse besitzen, letztlich ist
er allein der Allwissende, der weiß, was er mit der Erschaffung
des Menschen bewirkt. »Siehe, ich weiß, was ihr nicht wisset«,

-107-
heißt es im Koran. Schließlich beugen sich die Engel vor Gottes
Schöpferwillen und verbeugen sich vor Adam, dem ersten
Menschen. Damit erkennen sie Gottes unerforschlichen
Ratschluss an.
Doch ein Engel leistet Widerstand. Er ist aus der
jüdischchristlichen Überlieferung bekannt. Im Koran heißt er
»Iblis« oder »Schaitan«. Aus eitler Selbstüberschätzung habe er
sich geweigert, Gottes Werk anzuerkennen. So wurde er aus
dem Himmel verstoßen. In der siebten Sure, »A'raf« (Der Wall),
kommt der Koran erneut auf Satans Verweigerung zu sprechen.
Von Allah direkt gefragt, warum er sich nicht wie die anderen
Engel vor Adam niedergeworfen habe, bekennt Satan offen
seine Eifersucht und Eitelkeit: »Ich bin besser als er. Du hast
mich aus Feuer erschaffen, ihn aber erschufst du aus Ton.« Für
das heilige Buch ist die Lage eindeutig: Der himmlische Rebell
wurde zu Recht bestraft. Er war ungehorsam und mußte aus den
Chören der Engel entfernt werden.
Wie das Christentum, so geht auch der Islam davon aus, daß
der gefallene Engel weiterhin dem Menschen nachstellt. Er kann
Körper und Geist in Besitz nehmen (siehe Exorzismus), um ihn
mit sich in den Abgrund der Hölle zu reißen. Im Koran spricht
Satan zu Gott: »Weil Du mich hast abirren lassen, werde ich, ich
schwöre es, ihnen auf Deinem geraden Weg auflauern. Dann
werde ich zu ihnen treten von vorn und von hinten, von ihrer
rechten und von ihrer linken Seite.« (Sure 7,16-17) Folgerichtig
gilt der Prophet Mohammed als großer Exorzist. Wie Jesus heilt
er die Besessenen durch sein mächtiges Wort. Seine Exorzismen
sind von Ahmad ibn Hanbai aufgezeichnet worden.
Die Muslime bezeichnen sich selbst als die reinsten und
konsequentesten Monotheisten. Gott ist für sie der Eine allein.
Er hat keinen Sohn an seiner Seite, ist nicht in Gestalt eines
Menschen Fleisch geworden, gilt auch nicht als Dreieiniger Gott
(Trinität). Neben Gott darf es keinen zweiten Gott geben! An
dieser Stelle haben die islamischen Mystiker weitergedacht und

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kamen dabei zu einer überraschenden Umwertung von Satans
Verhalten: Niemand hatte Gott so sehr geliebt, niemand sich
ihm so bedingungslos hingegeben wie Satan. Gott war für ihn
der Eine, ihn allein wollte er anbeten. Deshalb weigert er sich
aus Liebe zu Gott, Gottes Willen zu folgen und vor Adam
niederzuknien. Er wollte Gott allein anbeten.
Von allen Monotheisten war Satan der entschiedenste, so
konsequent, daß er dabei Gottes Zorn und seine eigene
Verbannung von der Liebe Gottes riskierte. Der berühmte
Mystiker Husain ibn Mansur al-Hallaj (* 858, hingerichtet am
26. März 922) rechtfertigt Satans Ungehorsam als wahres
Liebesbekenntnis zu dem heiligen Gott: »Mein Aufruhr heißt:
Dich heilig zu erklären!« Für seine Liebe wird Satan verbannt,
für seine Gottesliebe stirbt der Mystiker den Märtyrertod. »Geh,
lerne die Methode des echten Dienstes von Satan, erwähle eine
Gebetsrichtung und wirf dich vor nichts sonst nieder!«, fordert
der Sufi Sarmad (hingerichtet 1661) die Gläubigen auf. Das Ziel
der absoluten Gottesliebe war für Hallaj die Einswerdung des
Geliebten mit Gott. »Tötet mich, o meine Freunde«, rief er,
»denn im Tod nur liegt mein Leben.« Im Gefängnis hatte ihn ein
Derwisch nach dem Wesen der Liebe gefragt und von Hallaj die
Antwort erhalten: »Du wirst es heute sehen und morgen sehen
und übermorgen sehen!« Am gleichen Tag wurde er getötet, am
nächsten verbrannt, und am dritten Tag verstreute man seine
Asche. Gott lieben und leiden sind für den Mystiker eins. Satan
wollte lieber von Gott verflucht sein und unter seiner
Verwerfung leiden, als aufzuhören, Gott allein die Ehre zu
geben. Aus mystischer Sicht war er ein Anwalt der Heiligkeit
Gottes, die durch nichts in der Welt getrübt werden durfte und
für die kein Opfer zu hoch schien.
In der islamischen Mystik ist der Satan auch ein Bild für den
Schatten der Seele. Der Mensch hat die Freiheit, sich von Gott
abzuwenden. »Schaitan« bezeichnet diese Kraft des
Widerspruchs gegen den Willen Gottes. Für Rumi (1207-1273),

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den Gründer des Ordens der tanzenden Derwische, war Satan
das Sinnbild eines Menschen, der auf den Augen der Seele blind
ist und folglich nur einen Teil der göttlichen Wirklichkeit sieht.
Satan wird bei Rumi und anderen Mystikern gleichgesetzt mit
der niederen Seele (nafs). Sie ist blind für die Herrlichkeit
Gottes. Doch können ihr die inneren Augen durch die
verwandelnde Kraft der Liebe geöffnet werden. Satan muß nicht
auf alle Zeit der ewige Widersacher Gottes bleiben. Sein Wesen
kann geläutert werden. Das gilt auch für den Widerspruchsgeist
des Menschen. Mohammed selbst soll, nach Rumi, bezeugt
haben: »Mein Schaitan ist Muslim geworden.«

Jesus

Jesus war der größte Exorzist aller Zeiten. Das klingt


reißerisch, ist aber nichts als die Wahrheit. Teufel austreiben
konnten damals viele (vgl. Apostelgeschichte 19.13f.).
Menschen aber wieder Glaube, Hoffnung und Liebe schenken
und den Riss in der Schöpfung heilen, das konnte eben nur Jesus
allein. Erinnern wir uns: Einige Engel waren aus den
himmlischen Chören gestürzt (siehe Engelsturz). Gott hatte
daraufhin bestimmt, daß die Menschen einst die freigewordenen
Plätze im Himmel einnehmen sollten. Dies wiederum erregte
den Neid des Teufels. Mit seinen Dämonen stellte er den
Menschen nach. Doch nun tritt ihm Jesus entgegen. Seine
Exorzismen haben einen kosmischen Hintergrund: »Wenn ich
aber die bösen Geister durch den Geist Gottes austreibe, so ist ja
das Reich Gottes zu euch gekommen« (Matthäus 12.28).
Der Besessene aus der Stadt Gerasa, dessen Heilung Markus
(5.1-20) überliefert, haust in Grabhöhlen bei den Dämonen,
schreit ohne Unterlass und schlägt sich selbst mit Steinen. Ihm
ist die Mitte abhanden gekommen. Vergeblich hatten die Städter
den Kranken durch Fesselung zu schützen versucht. Mit

-110-
übernatürlicher Kraft zersprengte er selbst eiserne Ketten. Ein
Mensch mit einem unreinen Geist sei von den Gräbern
herkommend auf Jesus zugelaufen, berichtet Markus. Wer läuft?
Es läuft! Er wird getrieben. Es läuft in ihm. Er fällt vor Jesus
nieder.
Alte Gegner treffen aufeinander, Versucher und Versuchter,
Satan und Christus. Kampfstimmung herrscht. Hier wird nicht
diskutiert und nicht verhandelt. Kompromisse gibt es nicht.
Erlösung naht. Entweder Du oder ich! Gott oder Satan. Der
Mensch ist ohne Alternative. Von Ferne hatten sich die
unversöhnlichen Gegner erkannt. Jesus hatte dem unreinen Geist
zugerufen, er solle sofort das Haus der Seele räumen. Deshalb
kommt der Gegner gelaufen und schreit: »Was willst Du von
mir, Jesus, Du Sohn Gottes, des Allerhöchsten? Ich beschwöre
Dich bei Gott: Quäle mich nicht!«
Jesus fordert ihn auf, seinen Namen zu nennen, denn Name ist
Macht. »Legion heiße ich; denn wir sind viele«, antwortet die
Stimme. Jetzt wird das Ausmaß der Entfremdung des
Besessenen deutlich. Sechstausend römische Soldaten zählt eine
Legion, sechstausend Mann stark ist die Besatzungsarmee im
Haus der Seele. Wer hält das aus?
Gerasa ist eine römische Garnisonsstadt in Israel. Zur
Versorgung dieser Besatzungsarmee werden hier Schweine
gehalten. Sie gelten aus jüdischer Sicht als unrein. Die
Innenwelt des Kranken spiegelt die Außenwelt. Der Riss in den
sozialen, politischen und religiösen Beziehungen wird von dem
Besessenen besonders stark empfunden, er leidet seelisch und
körperlich unter einer Zeit, die aus den Fugen geraten ist.
Jesus erlöst den Mann aus Gerasa. Bekleidet, bei vollem
Bewußtsein, ruhig und zufrieden neben Jesus sitzend, finden ihn
die Städter. Der Geheilte will Jesus nachfolgen. Jesus verwehrt
es ihm mit dem Hinweis, er solle hier vor Ort von der Befreiung
erzählen. Es war etwas geschehen, das alle Menschen erschüttert
hatte. Die Dämonen ha tten Jesus um Erlaubnis gebeten, beim
-111-
Ausfahren aus dem Mann einen neuen Zufluchtsort in einer
Schweineherde nehmen zu dürfen. Jesus hatte es ihnen erlaubt.
Am Berghang oberhalb des Sees durchwühlten zweitausend
römische Säue den Boden. Die Dämonen fuhren in sie. Die Säue
stürmten den Abhang hinunter, stürzten in den See und ersoffen.
Zur Unterstützung seiner Teufelsaustreibungen in den Dörfern
und Städten Galiläas hatte Jesus einen Kreis von zweiundsiebzig
Jüngern ausgesandt. Jeweils zu zweit zogen sie über das Land,
predigten und trieben Dämonen aus. Als sie zurückkehrten und
von gelungenen Heilungen berichteten, stieß Jesus einen
Jubelruf aus: »Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen
Blitz« (Lukas 10.18). Aber es gab auch andere Erfahrungen mit
dem satanischen Gegner. Mancher Fall erwies sich als so
hartnäckig, daß die Jünger scheiterten. Nichts aber ist schlimmer
als eine misslungene Dämonenaustreibung. Wie bei einer nicht
auskurierten Krankheit oder abgebrochenen
Penicillinbehandlung folgt ein Infekt dem anderen. Ständig muß
die Dosis erhöht werden. Im schlimmsten Fall droht eine
Resistenz gegen das Medikament. Ist ein unreiner Geist
ausgetrieben, so bleibt das geheilte Haus der Seele anfällig. Der
Dämon »nimmt mit sich sieben andere Geister, die böser sind
als er selbst; und wenn sie hineinkommen, wohnen sie darin;
und es wird mit diesem Menschen hernach ärger, als es vorher
war« (Matthäus 12.45).
An einem besonders schweren Fall von Besessenheit waren
die Jünger gescheitert. Später werden sie wissen, daß hier nur
das Gebet geholfen hätte. Aber mit dem Glauben haperte es bei
allen Beteiligten, dem Vater des Besessenen wie den Heilern.
Der besessene Knabe (Markus 9.14-29) zeigt klassische
Symptome des großen hysterischen Anfalls der Epileptiker, wie
sie Jean-Martin Charcot (siehe Freud) beschrieben hat: Starke
Bewegungen des gesamten Körpers unter schrecklichen
Verrenkungen der Gliedmaßen, Atemstillstand, verquollenes
Gesicht, verdrehte Augen, Zerreißen der Kleidung, Zerkratzen

-112-
von Gesicht und Körper, Abwehr jeder Hilfe durch Beißen und
Schlagen mit Kopf und Fäusten, Halluzinationen,
Grimassenschneiden, Muskelverkrampfungen,
markerschütternde Schmerzensschreie, die selbst dem
abgehärtetsten Nervenarzt erschütternd nahegehen.
Petrus, Jakobus und Johannes durften auf dem Berg Tabor
Zeugen der Verklärung Jesu sein. Nach dem Abstieg stießen sie
auf den restlichen Jüngerkreis, umringt von einer aufgebrachten
Menge. Während ihrer Abwesenheit mußte sich etwas
Schreckliches ereignet haben. Es war den Gesichtern anzusehen.
Vergeblich hatten die Jünger versucht, einen besessenen Knaben
zu heilen. Jetzt tritt der Vater vor Jesus und schildert das
entsetzliche Schicksal seines Kindes. Während der Anfälle, die
ihn seit frühester Kindheit plagen, leide der Sohn unter
Sprachlosigkeit, von unsichtbarer Hand werden ihm Schläge
verpasst, er werde auf den Boden niedergerissen, Schaum trete
ihm vor den Mund, er knirsche mit den Zähnen und falle in eine
Starre. Dann versuche der Dämon, das Kind in den Selbstmord
zu stürzen, werfe es ins Feuer oder Wasser. Jesus gerät über den
missglückten Exorzismus in Zorn und verurteilt seine Jünger vor
aller Öffentlichkeit wegen ihres schwachen Glaubens: »O du
ungläubiges Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein? Wie
lange soll ich euch ertragen?« (Markus 9.19)
Dann wird der Knabe vorgeführt. Sofort bäumt sich der
Widersacher auf und zwingt sein wehrloses Opfer mit einem
epileptischen Anfall zu Boden. »Und er fiel auf die Erde, wälzte
sich und hatte Schaum vor dem Mund« (Markus 9.20). Jesus
möge sich der Familie erbarmen, wenn er Macht über die
Geister besitze. Alles sei dem möglich, der glaubt, erwidert
Jesus. Der Vater schreit auf, denn der Sohn ist ja während des
Anfalls taub und stumm. Beide sind eins, der Vater und der
Sohn, beider Glaube liegt danieder, beide sind zermürbt von
dem, was sie gefangen hält. »Ich glaube; hilf meinem
Unglauben!« (Markus 9.24). Ein Wörtchen kann den Satan

-113-
fällen, wird später Martin Luther (siehe dort) sagen. Als der
Dämon weicht, zeigt er noch einmal seine zerstörerische Kraft,
so daß die Umstehenden glauben, der Knabe sei während der
Austreibung gestorben, denn für eine Zeit liegt er da wie tot.
Doch wie Gott den Adam ins Leben rief, so reicht Jesus jetzt
dem Knaben die Hand und richtet ihn zu neuem Leben auf. Die
lange Krankheit der Gottesferne ist geheilt.

Judas

Der Fall »Judas« galt über Jahrhunderte als eindeutig gelöst.


Judas sollte seinen Herrn aus niedrigen Motiven verraten haben.
Der »Judaslohn« betrug 30 Silberlinge. Der Jünger Jesu führte
das Verha ftungskommando in den Garten Gethsemane am
Ölberg. Als Erkennungszeichen hatte er mit den Soldaten einen
Kuss, den »Judaskuss«, verabredet. Nach katholischer
Auffassung muß Judas zur Strafe für diesen Verrat in den
ewigen Flammen der Hölle (siehe dort) schmoren. Aus heutiger
Sicht erscheint der Fall »Judas« jedoch einer Revision bedürftig.
Schon das überaus harte Urteil will nicht überzeugen, denn
schließlich hatte auch der erste Papst seinen Herrn drei Mal
verraten. Petrus und Judas: Beide haben Jesus geliebt, beide
haben ihn verraten. Der eine wird später in Rom der erste Papst,
den anderen verdammt die Kirche zur ewigen Feuerqual in der
Hölle. Der eine hat die Macht, Menschen von Sünden zu
erlösen, der andere ist der ewig Unerlöste. Der eine ist erwählt,
der andere verflucht.
Wer war Judas wirklich? Ein Verführer oder der Verführte?
Täter oder Opfer? Handelte er frei, oder war er lediglich
Handlanger Gottes? War seine Tat Ausdruck abgrundtief
boshaften Verrates oder geheimnisvolles Instrument der Gnade?
Die Gestalt des Judas ist bereits in den biblischen Berichten
schillernd. So viel aber ist gewiss: Am Anfang war die Liebe.

-114-
Judas liebte Jesus mehr als alles andere auf der Welt. Ihm folgte
er nach, für ihn wurde er ein Wanderer, für ihn gab er allen
Besitz und sämtliche Bindungen auf. Sein vollständiger Name
lautete Judas Iskariot, Sohn des Simon. Wie aber kam es zum
Bruch mit Jesus?
Vor dem letzten Abendmahl, das Jesus mit seinen zwölf
Jüngern feiert, vor dieser geheimnisvollen Verschmelzung von
Leben und Tod im Mysterium des Neuen Bundes hatte Judas
bereits seinen Herrn an die Hohenpriester und Schriftgelehrten
verraten. Die jüdische Obrigkeit, so will Lukas wissen, habe
Jesus gefürchtet und deshalb nach seinem Tod getrachtet.
Jahrhundertelang sind die religiösen Führer zur Zeit Jesu als
blutrünstig dargestellt worden. Ihnen wurde die Schuld am Tode
Jesu zugesprochen. Das hat dem Antisemitismus und
AntiJudaismus einen schrecklichen Nährboden verschafft. Wer
die Schuld am Tod Jesu auf jüdischer Seite sucht, der verurteilt
sie zu Unrecht. Jesus wurde auch nicht das Opfer eines
tragischen Justizirrtums oder seines politischen Engagements für
die Armen. Immer wieder verteufeln christliche Gottesdenker
den Menschen, um Gott zu entlasten. Doch wie bei dem
frommen Gottesknecht Hiob steht auch das Leiden Jesu in
einem rational nicht vollständig aufzuhellenden Zusammenhang
mit dem Willen Gottes, in dessen Plänen Satan wieder eine
Rolle spielt.
Warum hat Judas seinen Herrn verraten? Wer den Bericht des
Lukas liest, erhä lt auf die Frage eine klare Antwort: Judas sei
ein Opfer des Teufels geworden. In der Sprache der Religionen
wird diese Entmachtung des Menschen, die ihn zum
Ausführungsorgan eines fremden, bösen Willens degradiert,
»Besessenheit« (siehe dort, Exorzismus) genannt. Judas, so
Lukas' Behauptung, sei vom Satan besessen gewesen. »Es fuhr
aber der Satan in Judas, genannt Iskariot, der zur Zahl der Zwölf
gehörte. Und er ging hin und redete mit den Hohenpriestern und
mit den Hauptleuten darüber, wie er ihn an sie verraten könnte.

-115-
Und sie wurden froh und versprachen, ihm Geld zu geben. Und
er sagte es zu und suchte eine Gelegenheit, daß er ihn an sie
verriete ohne Aufsehen.« (Lukas 22.3-6) Die jüdische Obrigkeit
wollte also Jesus, der öffentlich predigte und jederzeit
festzunehmen war, heimlich verhaften, damit seine
Gefangennahme keinen Skandal auslöste. Dazu brauchte sie die
Mithilfe eines Informanten, der mit den Gewohnheiten des
Nazareners vertraut war.
Zu diesem Plan der Geheimhaltung der Verhaftung will
jedoch die später erfolgte öffentliche Kreuzigung nicht passen.
Widersprüchlich scheint auch die zweifache Begründung des
Verrates. Erst heißt es, Judas sei vom Satan verführt worden,
dann berichtet Lukas von einem Geldangebot der Juden. Schon
an dieser Stelle durchdringen sich die Motive. Der Verrat soll
Werk des Teufels und zugleich Ausdruck der Geldgier gewesen
sein. Aber ist dies glaubwürdig? Judas hatte ja, um Jesus
nachzufolgen, allen Besitz aufgegeben. Gerade er, der auf
Reichtum und alle Schätze der Welt nichts gab, gerade er soll
aus diesem niedrigen Motiv seinen Herrn verraten haben?
Andere spekulierten über Judas' persönliche Motive und
vermuteten, er sei ein Zelot, ein jüdischer Widerstandskämpfer
gegen die römische Besatzungsmacht gewesen, der von Jesus
eine politische Befreiung Palästinas erwartet und sich nun
enttäuscht von ihm zurückgezogen habe. Das sind hilflose
Versuche einer Rationalisierung des Geheimnisses der
Lebenshingabe Jesu, in die Judas verstrickt wird.
Festzuhalten ist: Der Tod Jesu war eine bei Gott beschlossene
Sache. Ohne Gottes Erlaubnis hätte Satan niemals Judas zum
Verrat treiben können. Der Teufel war in Judas gefahren. Ist
also Satan der Schuldige? Wohl kaum! Denn welches Motiv
sollte ausgerechnet er gehabt haben, das Werk der Erlösung
voranzutreiben? Satan war der Feind des Menschen. Wegen des
Menschen war er aus dem Himmel gefallen. Jesu Opfertod sollte
das Verhältnis zwischen Gott und den Menschen wieder heilen,

-116-
die Sünde überwinden und einen neuen Menschen schaffen. Die
Erlösung war ein Werk gegen die Macht Satans. Wenn Satan
mit Hilfe von Judas den Gang der Passion vorantreibt, dann tut
er dies gegen seine eigenen Interessen. Er handelte also wohl
kaum freiwillig, sondern im Auftrag Gottes.
Wer trägt also die Schuld an der Passion? Judas ist der
Verführte und der Verführer. Er ist schuldlos schuldig. Sein
Handeln ist frei und vorherbestimmt. Jesus selbst spricht dieses
Paradox vor seinen zwölf Jüngern beim Abendmahl aus: »Denn
der Menschensohn geht zwar dahin, wie es beschlossen ist, doch
weh dem Menschen, durch den er verraten wird!« (Lukas 22.22)
Die Jünger sind entsetzt über diesen Ausspruch, wollen auch
wissen, wer unter ihnen der Verräter ist. Jesus enthält sich einer
klaren Antwort. Seine Andeutungen werden noch
geheimnisvoller. Vor Petrus enthüllt er das Ergebnis seines
Gespräches mit Gott und dem Teufel: »Simon, Simon, siehe, der
Satan hat begehrt, euch zu sieben wie den Weizen. Ich aber habe
für dich gebetet, daß dein Glaube nicht aufhöre« (Lukas 22.31-
32). Was sollen die Rätselworte bedeuten?
Offenbar hatte es im Himmel Verhandlungen über den Ablauf
der Passion und die Zeit danach gegeben. Satans Mithilfe beim
Tod Jesu konnte nur als Strafe angesehen werden, weil hier der
Teufel gegen seine eigenen Interessen handeln mußte. Hatte es
zwischen Gott und Teufel einen Handel gegeben? »Ich verführe
Judas, damit er Dein Erlösungswerk vorantreibt - Du gibst mir
dafür seine Seele.« Davon ist nicht die Rede. Seit seinem Sturz
aus dem höchsten Engelchor (siehe Engelsturz) hatte der Te ufel
den Menschen nachgestellt. Nun sollte eine neue Epoche
beginnen, die Zeit der Erlösung. Die besondere Aufmerksamkeit
des Satans würde fortan den Menschen gelten, die sich als
Christen bezeichneten. Der Teufel hatte es auf die christliche
Kerngemeinde, den Jüngerkreis, abgesehen. Der Ankläger
vermutete, daß sich viele schwankende Geister und spirituelle
Leichtgewichte unter den Jüngern befänden. Er wollte nach dem

-117-
Tod Jesu die Wahrheit ans Licht bringen, Gläubige von
Scheingläubigen, den Weizen von der Spreu trennen. Ja, die Zeit
des
Siebens hatte eigentlich schon begonnen. Gott hatte Satan
dazu die Vollmacht erteilt. Jesus dagegen hatte als Verteidiger
der Menschen Gott gebeten, er möge ihre Glaubenskraft stärken,
daß sie nicht zum Opfer des Teufels würden.
Petrus ist schier entsetzt über Jesu Enthüllungen. Wie könne
Jesus nur annehmen, er würde jemals schwach im Glauben
werden? Er sei bereit, mit Jesus ins Gefängnis und in den Tod zu
gehen. Großspurige Worte eines Mannes, der bei der ersten
Anfechtung umgeworfen wird. Jesus prophezeit ihm einen
dreifachen Verrat. Im Garten Gethsemane erscheint Judas mit
den Häschern und identifiziert Jesus mit einem Kuss. Nach der
Gefangennahme Jesu wird Petrus als einer seiner Jünger
erkannt. Wie vorhergesagt, verleugnet er drei Mal seinen Herrn.
Auf dem Hof vor dem Haus des Hohenpriesters, wo Jesus
gefangengehalten wurde, hatte Petrus gewartet, war identifiziert
worden und hatte seinen Herrn verleugnet. Dann verließ er den
Hof »und weinte bitterlich« (Lukas 22.62).
Von einer Versöhnung zwischen Petrus und Jesus ist nicht die
Rede. Nach Jesu Auferstehung war Petrus plötzlich zum
Oberhaupt der Jüngergruppe aufgestiegen, vom Verräter zum
Führer geworden. Judas dagegen hatte sich von dem Geld, das
er für den Verrat erhalten haben soll, einen Acker gekauft und
verunglückte hier tödlich, so daß seine Eingeweide
hervorquollen (Apostelgeschichte 1.18). Dieses Ende ist wenig
glaubwürdig. Was in aller Welt wollte ein ehemaliger Jünger
Jesu mit einem Acker vor den Toren Jerusalems? Wein
anbauen? Mit Grundstücken spekulieren? Wahrscheinlicher ist
das Ende, von dem Matthäus berichtet.
Bei diesem Evangelisten wird zudem deutlich, daß Judas
selbst nicht mit dem Tod Jesu gerechnet hatte und schon gar
nichts von der göttlichen Vorherbestimmung seines Tuns
-118-
wusste. Als er erfährt, daß Jesus zum Tod verurteilt worden ist,
bereut er seine Tat. Er geht mit den dreißig Silberlingen zu den
Hohenpriestern und Ältesten und will ihnen das Geld
zurückgeben. Hoffte er, er könne Jesus wieder freikaufen, den
Verrat rückgängig machen? Im Gegensatz zu Petrus gesteht er
sogar öffentlich seine Schuld: »Ich habe Unrecht getan, daß ich
unschuldiges Blut verraten habe.« Die Priester lassen sich von
den Gewissensproblemen des Mannes nicht beeindrucken: »Was
geht uns das an? Da sieh du zu!« (Matthäus 27.4) Auch die
Kirche wird später diese öffentliche Beichte in ihrem
erbarmungslosen Urteil über Judas nicht berücksichtigen. Judas
fällt durch die Maschen des Gnadennetzes in den Abgrund der
Hölle.
Einen Grund für seine ewige Verdammnis sah die Kirche in
dem Selbstmord. Nachdem Judas seinen Herrn nicht auslösen
konnte, warf er »die Silberlinge in den Tempel, ging fort und
erhängte sich« (Matthäus 27.5). Selbstmord galt später als
Todsünde. Daß Judas keinen Ausweg mehr sah, wurde ihm nicht
verziehen. Niemand hatte Mitleid mit dem Mann, der seine
Schuld nicht mehr ertragen konnte und seinem Herrn in den Tod
nachfolgte. Judas hatte Jesus geliebt. Er hatte ihn verraten.
Vielleicht aus enttäuschter Liebe. Jesu Tod aber hatte er nach
dem Bericht des Matthäus nicht gewollt. Auch die Priester
wollten mit dem Blutgeld nichts zu tun haben. Für sakrale
Zwecke war es nicht mehr zu gebrauchen. So kauften sie davon
einen Acker zum Begräbnis für Nichtjuden vor den Toren
Jerusalems.
Bei Matthäus tritt die menschliche Seite des Judas in seiner
Verzweiflung am stärksten hervor. Lukas weiß Judas als
schuldlos schuldiges Instrument in der Hand Satans. Er ist das
»Bauernopfer« der Erlösung, erwählt zum Verrat und nach dem
Abschluss des Erlösungswerkes niedergestreckt durch ein
Gottesurteil auf dem Blutacker Hakeldamach.
Johannes überbietet die Vorstellung von der absoluten

-119-
Vorherbestimmung des Verrates. Nach einer langen Predigt vor
einer großen Jüngerschar spricht Jesus im Johannesevangelium
deutliche Worte über den wirklichen Glauben derjenigen, die
vorgeben, ihm treu ergeben zu sein. Niemand solle ihm oder
sich selbst etwas vormachen. Der Herr kenne die Herzen der
Menschen. »Es gibt einige unter euch, die glauben nicht.«
(6.64a) Das sind die Wölfe unter den Schafen. Und nach den
harten Worten Jesu verlassen sie die Herde.
Zurück bleibt der harte Kern, unter ihnen Judas. »Jesus wusste
von Anfang an, wer die waren, die nicht glaubten, und wer ihn
verraten würde.« (6.64b) Jesus wusste folglich auch, daß in dem
Zwölferkreis ein Verräter verborgen war. Den Jüngern
gegenüber spricht er es offen aus: »Einer von euch ist ein
Teufel.« (6.70b)
Wusste Judas zu diesem Zeitpunkt, daß er Jesus verraten
würde? Hatte er sich bewußt mit der Absicht des Verrates in den
Kreis geschlichen? Wohl kaum. Jesus hatte ihn wie alle anderen
Jünger berufen. »Habe ich nicht euch, die Zwölf, erwählt?«
(6.70a) Es gibt hier keinen Zweifel und keine Deutelei: Der
Verräter Judas hatte sich nicht heimtückisch an Jesus
herangeschlichen. Als Jesus der großen Masse Unglauben
vorwarf und sich von da an viele ehemalige Jünger von ihm
abwandten, war Judas nicht darunter. Er hatte keine Zweifel. Er
liebte seinen Herrn, und er wusste nicht, daß er der Verräter sein
würde.
Niemand hat jemals die Frage gestellt, wie Gott es zulassen
konnte, daß Judas zum Verräter wurde. Unter allen
Denunziationen und Halbwahrheiten, die über Judas gehäuft
wurden, sind sein wahrer Charakter und seine Empfindungen
kaum auszumachen. Auch Johannes unterstellt ihm Geldgier.
Judas war im Zwölferkreis der Finanzexperte. Er verwaltete die
gemeinsame Reisekasse der Jünger. Als Jesus in Betanien von
Maria mit einem Pfund kostbaren Salböls von reiner Narde an
den Füßen gesalbt wurde, erregte sich Judas über die

-120-
Geldverschwendung. Man hätte das Öl für dreihundert
Silbergroschen, also den Wert von zehn großen Ackern,
verkaufen und das Geld den Armen geben können.
Johannes zerstört diesen sympathischen sozialen
Charakterzug sofort mit dem Kommentar, Judas habe sich in
Wahrheit überhaupt nicht um das Schicksal der Armen
gekümmert, sondern hätte als Verwalter des gemeinsamen
Geldbeutels der Gruppe, aus dem auch die Almosen gespendet
wurden, Geld in die eigene Tasche gewirtschaftet: »Er war ein
Dieb, denn er hatte den Geldbeutel und nahm an sich, was
gegeben war« (Johannes 12.6). Judas wird hier das Klischee
vom geldgierigen Juden angeheftet. Es bleibt für die
kommenden Ereignisse jedoch ohne Bedeutung.
Der Verrat ist Sache des Teufels. In zwei Angriffen nimmt er
Judas in Besitz. Zuerst ist Judas vom Teufel umsessen, dann
besessen. Vor dem Pessachfest beim gemeinsamen Abendessen
gab Satan Judas den Gedanken ins Herz, Jesus zu verraten.
Auch bei Johannes weist Jesus darauf hin, daß unter den
Zwölfen ein Verräter sei. Die Jünger blicken sich gegenseitig an
und sind entsetzt. Wer von ihnen könnte es sein? Niemand wagt,
den Herrn direkt zu fragen. In der Zwölfergruppe gibt es nur
einen, der dies wagen könnte. Es ist der Lieblingsjünger
Johannes. Bei Tisch liegt er an der Brust Jesu, ein Bild zärtlicher
Männerfreundschaft und geistlicher Nähe.
Petrus bittet Johannes, er möge nachfragen, wer unter ihnen
der Verräter sei. Johannes kuschelt sich an Jesu Brust und fragt:
»Herr, wer ist's?« Jesus flüstert Johannes die Antwort ins Ohr.
Die übrigen Jünger erfahren also den Namen nicht. »Der ist's,
dem ich den Bissen eintauche und gebe.« Der dem Jünger
überreichte Bissen gilt als Zeichen besonderer Zuwendung des
Meisters, als ein Liebesdienst. Niemand merkt auf, als Jesus
Judas den Bissen reicht. Sollte es eine Trübung ihres
Verhältnisses gegeben haben, so war diese äußerlich nicht
bemerkbar. Entscheidend ist, was mit der Übergabe des Bissens

-121-
unsichtbar geschieht. Auch Johannes weiß nicht, was hier
eigentlich gespielt wird. Als Judas »den Bissen nahm, fuhr der
Satan in ihn«. Aus der Umsessenheit ist eine Besessenheit
geworden. Eine Transsubstantiation des Bösen hat sich ereignet,
ein diabolisches Gegenstück zum Abendmahl. Jesus wusste, was
geschehen würde. Er fordert Judas auf: »Was du tust, das tue
bald!« (Johannes 13.27) Keiner der Jünger versteht, was
gemeint ist. Judas steht auf und verläßt den Raum. Die anderen
denken, Jesus habe ihn zum Einkauf von Festzutaten für das
Pessachfest geschickt.
Der wahre Judas liegt unter den drei Charakteren, die
Johannes, Lukas und Matthäus von ihm zeichnen, verborgen.
Rivalitätskräfte und Streit um die Rangordnung hatte es unter
den Jüngern bereits zu Jesu Lebzeiten gegeben. Vielleicht war
Judas, und nicht Johannes, der Lieblingsjünger Jesu. Er war
zuverlässig, sonst hätte ihm Jesus nicht die Reisekasse
anvertraut; er war voller Fürsorge für die Armen. Warum fuhr
der Satan in ihn und nicht in einen anderen der Zwölf? Denkbar
ist, daß er, den die Jünger verwerfen, der Erwählte gewesen war.
Und genau diese Erwählung stieß bei den Jüngern auf völliges
Unverständnis. Judas stellte sich in den Dienst des
Erlösungswerkes, das so unbegreiflich war, daß selbst die
Jünger die Notwendigkeit des Todes am Kreuz nicht verstanden.
Sie flohen und verleugneten ihren Herrn, sie standen nicht unter
dem Kreuz und glaubten den Frauen nicht, als sie von der
Auferstehung berichteten. Sie waren Zweifler. Einer mußte
Jesus an die Obrigkeit ausliefern, und es konnte nur ein
zuverlässiger Jünger sein, der mehr von dem Geheimnis des
Kreuzes begriff als alle anderen.
Vielleicht war Judas ein Liebesmystiker, der glaubte, daß Gott
auch in der Nacht der Gottesferne zu finden ist. Dann hätte er
letztlich einen Liebesdienst ausgeführt, weil er mit Jesus den
Zusammenhang von Liebe, Opfer und Versöhnung begriffen
hatte. Sollte tatsächlich zwischen Jesus und Judas dieses tiefe

-122-
Einverständnis geherrscht haben, dann erhält auch die letzte
Begegnung im Garten Gethsemane eine hintergründige
Bedeutung. Judas war mit den Soldaten in den Garten
gekommen und hatte Jesus mit einem Kuss identifiziert. Warum
wählte er den Kuss als Erkennungszeichen? Er hätte den
Häschern ebensogut ins Ohr flüstern können, welcher der
Männer Jesus war, oder er hätte mit dem Finger auf ihn weisen
können. Der Kuss ist ein Zeichen der Liebe und eine
Abschiedsgeste. In der Mystik gilt der Kuss als Hinweis auf die
Vereinigung von Gott und Mensch. Wenn dies der Sinn des
Kusses zwischen Jesus und Judas gewesen war, dann hatte ihn
niemand verstanden.

Judentum

Warum läßt Gott die Verfolgung des jüdischen Volkes zu?


Das ist die Frage, die sich im Jahr 70 nach Christus der
jüdischen Gemeinde stellt. Zum zweiten Mal ist der Tempel
Salomons in Jerusalem zerstört worden. Ein Jude mit Namen
Esra sucht nach einer Antwort. Denkt Esra über das Schicksal
seines Volkes nach, dann stößt er auf unlösbare Probleme. Gott
hat sein Volk den Römern preisgegeben. Er hat zugelassen, daß
Jerusalem dem Erdboden gleichgemacht und das erwählte Volk
über den Erdkreis zerstreut wurde. Warum handelte Gott so?
Sind Antisemitismus und Verfolgung eine Strafe Gottes für die
Sünden des Volkes Israel?
Gott ist gerecht. Er straft nicht ohne Grund. So denkt Esra, so
glauben viele Fromme. Esra hat das römische Leben vor Augen.
Die Römer sind keineswegs frommer und gottesfürchtiger als
sein Volk. Also stimmt der Zusammenhang von Tun und
Ergehen nicht, nach dem der Fromme gut, der Sünder dagegen
schlecht leben werde. »Denn ich habe die Völker hin und her
durchwandert und sie im Glück gesehen, obwohl sie deine

-123-
Gebote vergessen hatten.« Dreißig Jahre versucht Esra über den
Widerspruch nachzudenken. Überall auf der Welt leben Sünder,
in Jerusalem ebenso wie in Rom. Warum aber wird das Volk
Israel von Gott bestraft, die anderen Völker jedoch nicht?
Eines Tages liegt Esra auf dem Bett. Er denkt wieder über
Gottes Gerechtigkeit nach, vor den inneren Augen erscheinen
Rom mit seinen vielen Göttertempeln und die zerstörte
Gottesstadt Jerusalem. Da überfällt ihn Bestürzung, sein Herz
erzittert. Eine heftige Erregung ergreift seine Seele und eine
namenlose Angst. Jetzt bricht es aus Esra hervor. Er fordert
Gottes Antwort heraus. Er hadert mit Gott. Esra spricht von der
Geburt des Menschen im Garten Eden, von der Kindheit und der
besonderen Erwählung Israels. Warum hat Gott seine Kinder ins
Unglück laufen lassen! Gott bleibt nicht stumm. Er schickt den
Engel Uriel. Der tritt geschäftsmäßig auf: »Dein Herz entsetzt
sich über diese Welt, und du wünschst, die Wege des Höchsten
zu begreifen?« Die Antwort fällt nach dem Muster der
Rätselfragen aus, vor denen Hiob (siehe dort) in die Knie ging.
Uriel stellt Gegenfragen: Wie schwer ist das Gewicht des
Feuers? Wie lang ist der Wind? Wo ist der gestrige Tag
geblieben? Esra solle ihn zurückholen, wenn er's vermag. Esra
läßt sich nicht einschüchtern. Niemand unter den Sterblichen
kann diese Fragen beantworten. Esra wirft Gott vor, er habe
seinen Kindern kein ausreichendes Maß an Vernunft und
Weisheit gegeben, um die großen Fragen des Lebens zu
beantworten.
Als ob es nötig wäre, vermehrt Uriel noch die Probleme und
stellt Fragen nach der Geographie der außerirdischen Welt, den
Toren der Hölle und den Wegen ins Paradies. Seine Absicht ist
klar. Esra soll zum Schweigen gebracht werden wie Hiob. Er
soll erkennen, daß kein Mensch die Geheimnisse der Schöpfung
ergründen kann, und sich mit seiner Begrenztheit zufrieden
geben. Esra soll an einen Gott glauben, den seine Vernunft nicht
zu denken vermag. Das kann er nicht akzeptieren. »Herr, ich

-124-
flehe dich an, weshalb ist mir dann überhaupt das Licht der
Vernunft gegeben?« Ja, er geht noch tiefer und stellt den Sinn
seiner Existenz grundsätzlich in Frage: »Besser wäre es, wir
wären nie auf die Welt gekommen, als nun in Sünden zu leben
und zu leiden und nicht zu wissen, weshalb!«
Deshalb läßt Esra nicht locker. Der Engel hatte ihm gesagt, er
solle sich mit der Begrenztheit seiner Vernunft zufrieden geben.
Die Erdenbewohner könnten nur das Irdische erkennen, nicht
aber die himmlischen Ordnungen Gottes. In ergreifenden
Worten entgegnet Esra, es seien die elementaren irdischen
Fragen, die einer Antwort harrten. Sie beträfen das Überleben
seines Volkes: »Denn ich wollte dich nicht über Dinge fragen,
die uns zu hoch sind, sondern über solche, die uns selber
betreffen, jeden Tag aufs Neue. Weshalb ist Israel den Heiden
hingegeben zur Schmach, dein geliebtes Volk den gottlosen
Stämmen? Das Gesetz unserer Väter ist vernichtet, die
geschriebenen Satzungen sind nicht mehr, wir schwinden aus
der Welt wie Heuschrecken, unser Leben ist ein Rauch.«
Jeder Leser nach der Shoah hört in Esras Worten das Grauen
der Lager mitschwingen und die Klagen derer, die in den
Krematorien verbrannt wurden. Wie kann nach diesen
Katastrophenerfahrungen noch von Gott gesprochen werden?
Der Engel Uriel möge endlich verstehen: Der Ruf Gottes stehe
auf dem Spiel. Esra will nicht, daß die Satanisten und Sadisten
das letzte Wort haben und über den Glauben triumphieren. Dann
endlich erhält er aus dem Mund des Engels eine konkrete
Antwort. Diese Welt, dieser Äon sei so verderbt, die Menschheit
so krank, daß sie nicht mehr geheilt werden könne. Es gäbe nur
eine Hilfe, und die bestünde in der Zerstörung der alten Welt.
Esra werde erstaunt sein, »denn der Äon eilt mit Macht zu
Ende«. Die Apokalypse (siehe dort) dämmere am Horizont, die
Endzeit sei angebrochen.
Der Weltuntergang steht bevor. Wird Esra selbst ihn noch
erleben? Und wie wird das Ende der Zeit sein? Schreckliche

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Katastrophen kündigt der Engel an: Das Land werde in Wüste
verwandelt werden, die Sonne bei Nacht scheinen und der Mond
am Tag. Blut werde von den Bäume n träufeln, und die Steine
werden schreien. Eine Diktatur werde errichtet. Aus dem Meer
ertöne ein fürchterliches Brüllen, an vielen Stellen öffne sich die
Erdkruste und Lavamassen quöllen hervor. Wilde Tiere träten
aus den Urwäldern und Savannen, Frauen gebarten verkrüppelte
und geistig behinderte Kinder. Es herrschten Anarchie und
Willkür. Eine Welt nach dem Supergau, an deren Ende der
Messias erscheine, um alle Menschen zu richten und
Gerechtigkeit herzustellen.
Nur die wenigsten Menschen werden gerettet werden. An
ihnen solle er sich freuen, wie der Herr im Himmel, entgegnet
der Engel, und »keine Trauer hegen über die Menge derer, die
verlorengehn«. Die »massa damnata« werden sie später von den
mittelalterlichen Theologen genannt werden. Esra wollte, daß
sich Gott für das Böse in der Welt rechtfertige. Jetzt ist die
Diskussion an dem Punkt angelangt, wo die meisten Versuche,
Gott verantwortlich zu machen, enden: Dem Menschen wird die
ganze Last des Bösen aufgebürdet. Er trägt die Schuld. Erneut
widerspricht Esra: »Dies bleibt mein erstes und letztes Wort:
Besser wäre es, die Erde hätte Adam nie hervorgebracht oder sie
hätte ihn wenigstens von der Sünde ferngehalten. Denn was hilft
es uns allen, daß wir jetzt in Trübsal leben müssen und nach
dem Tode noch auf Strafe zu warten haben?«
Offenbar gibt es im Himmel keine Antwort auf Esras Fragen,
und so versucht ihn der Engel auf eine andere Weise mundtot zu
machen. Er teilt ihm sein eigenes ewiges Schicksal mit: Esra
gehöre zu den Erwählten, den wenigen Geretteten. Er solle sich
hinfort nicht mehr mit dem Schicksal der verlorenen Masse
plagen und die quälenden Fragen beiseite lassen. Die bösen
Menschen hätten aus freiem Willen gesündigt und erhielten zu
Recht ihre Strafe. Er aber forsche nach der Herrlichkeit des
Paradieses und dem Leben der Geretteten.

-126-
Weil ein unbestechlicher Mann wie Esra nicht zum
Schweigen gebracht werden kann, wird er auf andere Weise aus
dem Verkehr gezogen. Der fromme Rebell wird »befördert« und
bei lebendigem Leibe in den Himmel entrückt, so wie einst die
Gottesmänner Henoch und Elia. Die Frage nun, warum Gott das
Böse in der Welt und im Menschen zulasse, hat keine Antwort
erhalten. Nach dem Holocaust stellt sie sich umso dringlicher.
Wie lassen sich Gottes Gerechtigkeit und seine Güte mit dem
beispiellosen Völkermord vereinbaren?
Im Sommer 2000 erhitzte Rabbi Ovadia Josef die Gemüter in
Israel. Er sagte, die Opfer des Holocaust seien wiedergeborene
Sünder gewesen. Der Rabbi berief sich dabei auf eine Theorie
der Kabbalisten. Nach ihr werden Sünder wiedergeboren, um in
einem zweiten Leben für ihre Sünden zu sühnen. Sünden, so
lehrt das kabbalistische »Buch Bahir«, werden nicht durch eine
Strafe im Jenseits, sondern durch Wiedergeburt vergolten.
Die Frage, wie sich der Glaube an einen guten Gott angesichts
des Leidens rechtfertigen läßt, wird »Theodizee-Frage« oder
»Frage nach der Rechtfertigung Gottes« genannt. Die
Theodizee-Frage jedoch hat weder im Christentum noch im
Judentum jemals eine überzeugende Antwort gefunden. Die
Belastung der Opfer des Holocaust ist keine Entlastung Gottes.
Das Rätsel des Bösen bleibt.

Carl Gustav Jung

In seiner Autobiografie erinnert sich Carl Gustav Jung an ein


Schlüsselerlebnis aus seiner Kindheit: Die Sonne scheint. Ihre
Lichtstrahlen werden glitzernd von den neuen, buntglasierten
Ziegeln des Baseler Münsters widergespiegelt. Ein Bild der
Harmonie von Himmel und Erde ergreift die Seele des Knaben.
»Die Welt ist schön, und die Kirche ist schön, und Gott hat das
alles geschaffen und sitzt darüber, weit oben im blauen Himmel,

-127-
auf einem goldenen Thron und... « - jäh brechen die Gedanken
des Knaben ab. Er spürt in sich einen Widerstand. Er will seine
inneren Bilder unterdrücken, aber es gelingt ihm nicht. »Vor
meinen Augen stand das schöne Münster, darüber der blaue
Himmel, Gott sitzt auf goldenem Thron, hoch über der Welt,
und unter dem Thron fällt ein ungeheures Exkrement auf das
neue bunte Kirchendach, zerschmettert es und bricht die
Kirchenwände auseinander.«
Vom Schulweg heimgekehrt, bemerkt seine Mutter die
Verstörung. Der Knabe kann sich ihr nicht offenbaren. Drei
Nächte schläft er schlecht, dann droht der innere Widerstand
zusammenzubrechen. Ein verzweifelter Aufschrei folgt. Das
Kind klagt Gott an. »Woher kommen solche Dinge? Es ist
passiert ohne mein Zutun. Wieso?« Woher das Böse und die
bösen Gedanken? Vielleicht waren sie des Teufels? Nein, ihren
Ursprung auf den Teufel zu schieben, wäre allzu bequem. Hatte
Gott nicht den Teufel geschaffen? Jung will sich über den Bösen
informieren. Sein Vater ist Pfarrer. In der Bibliothek des Vaters
studiert er die dogmatischen und systematischen Lehrbücher.
Doch was wussten die Theologen über den Teufel! Die
Wissenschaft hatte ihn verbannt. Ihm aber saß er im Nacken.
Wenn Gott der Urheber von allem war, dann auch der
Gedanken, die er auf dem Münsterplatz nicht zu denken wagte.
Hätten Adam und Eva sündigen können, wenn es Gott nicht
gewollt hätte? Das Böse kam von Gott.
Der Kirchenvater Augustinus sei nicht tief genug ins
Geheimnis der Gottheit vorgedrungen, als er das Böse als bloße
Minderung des Guten (»privatio boni«) definierte. Jung kam zu
dem Ergebnis, daß auch Gott eine Schattenseite habe. »Ich war
in etwas Übles hineingestoßen, in etwas Böses oder Finsteres,
und es war doch zugleich wie eine Auszeichnung.« Konnte das
neue Gottesbild mit dem lieben Gott des reformierten Schweizer
Pfarrhauses vereinbart werden? Jungs Gott war Licht und
Schatten, unergründliches Geheimnis.

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Mütterlicherseits zählte Jungs Familie sechs, väterlicherseits
drei Pfarrer. Von nun an wohnte der Dreizehnjährige den
Predigten, theologischen Diskussionen und religiösen
Gesprächen mit dem Bewußtsein der Überlegenheit bei. »Ja, ja,
das ist ganz schön. Aber wie verhält es sich mit dem
Geheimnis? Es ist ja auch das Geheimnis der Gnade. Ihr wisst
nichts davon. Ihr wisst nicht, daß Gott will, daß ich sogar das
Unrecht tue, das Verwerfliche denke, um seine Gnade zu
erleben.« Während der Konfirmation vollzieht sich der
endgültige innere Bruch mit dem Vater und der Kirche. »Zur
›Gotteswelt‹ gehörte alles ›Übermenschliche‹, blendendes Licht,
Finsternis des Abgrunds, die kalte Apathie des Grenzenlosen in
Zeit und Raum und das unheimliche Groteske der irrationalen
Zufallswelt. ›Gott‹ war für mich alles, nur nicht erbaulich.«
In der großen Selbstanalyse während des Ersten Weltkriegs
entdeckt Jung das Mandala als therapeutisches Mittel, den
Gegensatz von Licht und Schatten in ein Gleichgewicht der
Kräfte zu bringen. Es entsteht das Mandala »Systema mundi
totius« (1916) mit dem gnostischen Gott Abraxas als Herrn der
Welt (siehe Gnosis). Gleichzeitig versucht Jung eine literarische
Verdichtung seiner inneren Erfahrungen mit dem Traktat
»Septem Sermones ad Mortuos«. Die sieben Belehrungen im
Stil des »Zarathustra« werden dem Gnostiker Basilides in den
Mund gelegt. In ihnen fungiert Abraxas als Symbol der
Lebenskraft.
»Der Abraxas zeugt Wahrheit und lüge, gutes und böses,
licht und finsternis im selben wort, und in derselben tat.
Darum ist der Abraxas furchtbar.
(...)
Er ist das Volle, das sich mit dem Leeren einigt.
Er ist die heilige begattung, Er ist die liebe und der mord,
Er ist der heilige und sein verraten
Er ist das hellste licht des tages und die tiefste nacht des

-129-
Wahnsinns.
Ihn sehen, heißt blindheit,
Ihn erkennen, heißt krankheit,
Ihn anbeten, heißt tod,
Ihn fürchten, heißt Weisheit,
Ihm nicht widerstehen, heißt erlösung.«

Carl Gustav Jung hatte den Schatten nicht erfunden, sondern


eine alte jüdischchristliche Weisheit wiedergefunden. Hinter
dem Brudermörder Kain lauert überlebensgroß der Schatten der
Sünde, Christus hat einen dunklen Begleiter, der ihn in der
Wüste versuchen darf, Mephistopheles (siehe dort) ist Faust als
Schatten zur Seite gestellt. Auch Gott, so meint Jung, besitzt
einen Schatten. »Dem Licht folgt der Schatten, die andere Seite
des Schöpfers.« Gott und Mensch bilden eine
Schicksalsgemeinschaft, beide sind vor die Aufgabe einer Arbeit
an der Bewußtwerdung des Schattens gestellt.
Im Anfang, so spekuliert Jung, geschah eine zweifache
Abspaltung des Schattens aus Gott. Die Schlange weckte im
Adam den Drang nach Wissen und Grenzüberschreitung, die
gefallenen Engel zeugten mit den Menschentöchtern ein
Geschlecht von Riesen (Genesis 6.1-4) und setzten damit den
technischen Entwicklungsprozeß in Gang, der mit dem Turmbau
zu Babel schon bald unbegrenzte Möglichkeiten erreichte. »Es
kommt jetzt nur noch darauf an, ob der Mensch eine höhere
moralische Stufe, das heißt ein höheres Niveau des
Bewußtseins, zu erklimmen vermag, um der übermenschlichen
Macht, die ihm die gefallenen Engel zugespielt haben,
gewachsen zu sein.« Mit der Inkarnation, der Menschwerdung
Christi als dritter Stufe des Wandlungsprozesses, hat das
Zeitalter der Fische begonnen. Die schöpferische
Auseinandersetzung im Wesen der Gottheit finde nun auf der
Bühne der menschlichen Seele statt. Hier soll sich eine

-130-
Bewußtwerdung der Gegensätze von Licht und Schatten
vollziehen. Auf der vierten Stufe dämmert die Hoffnung, daß
Mensch und Gott wie Licht und Schatten in Harmonie wieder
vereint sein werden. Im Dogma der »Assumptio Mariae« (1950)
sah Jung einen zeitgemäßen Ausdruck dieser eschatologischen
Perspektive.
Jung verdeutlicht die Gefahren einer Verdrängung des
Schattens unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg in seinem
Aufsatz »Nach der Katastrophe« (1945) am deutschen Beispiel.
Die Deutschen hätten eine »völlige Blindheit für den eigenen
Charakter«, »eine erstaunliche Unwissenheit in Bezug auf den
Schatten« und ein »Nichtwissen um die andere Seite«. Daraus
folge eine »große innere Unsicherheit: man weiß nicht recht,
wer man ist, man fühlt sich irgendwo minderwertig, und
wünscht doch nicht zu wissen, wo, und vergrößert durch diese
neue Minderwertigkeit die schon bestehende. Aus dieser
Unsicherheit ergibt sich die Prestigepsychologie der
Hysterischen, das›Eindruckmachen‹, das Vorführen und
Einhämmern der Verdienste, die nie gestillte Sehnsucht nach
Anerkennung, Bewunderung, Bestätigung, Geliebtwerden. Aus
dieser Unsicherheit ergibt sich auch die Großmäuligkeit,
Anmaßlichkeit, Arroganz, Frechheit und Taktlosigkeit, durch
welche viele Deutsche, die zu Hause hündisch zu Kreuz
kriechen, im Ausland ihrem Volke für eine schlechte Reputation
sorgen.«
Die Frage, die am Ende bleibt, hat Jung sich selbst gestellt:
»Wie lebe ich mit diesem Schatten? Welche Einstellung braucht
es, um trotz dem Bösen leben zu können?« Aus Jungs Welt von
Licht und Schatten gibt es keine Erlösung. Keine Gnade kommt
hier dem Menschen zu Hilfe.

-131-
Kain und Abel

Kain war der erste Mörder auf Erden. Er verdiente seinen


Unterhalt durch Ackerbau. Sein Bruder Abel lebte als Nomade
von der Schafzucht. Da waren Spannungen vorprogrammiert,
wenn Abel mit seinen Herden an Kains Feldern vorbeizog. Kain
und Abel glaubten beide an Gott. Beide brachten ihm
Opfergaben. Doch Kain mußte erleben, daß sein Opfer von Gott
abgewiesen wurde. Abels Opfer dagegen nahm Gott an. Kain
war sich keiner Schuld bewußt. Deshalb empfand er Gottes
Verhalten als ungerecht, und darüber geriet er in so großen
Zorn, daß er seinen Bruder Abel erschlug.
Kains Tat hat sich seitdem hunderttausendfach wiederholt.
Warum hatte Gott Kains Opfer abgelehnt? Sollte er lernen, sich
in Geduld zu üben? Sollte er lernen, Vertrauen zu haben? Sollte
er seine eigene Schattenseite kennenlernen? »Bist du aber nicht
fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie
Verlangen; du aber herrsche über sie« (Genesis 4.7), spricht
Gott zu ihm.
Kain versagt vor der Aufgabe der Freiheit. Er läßt dem
Dämon der Habgier und des Neides Zutritt zu seinem Herzen
und tötet seinen Bruder. Eifersucht, am Ende auch Selbstmitleid
mögen ihn und seine Tat bestimmt haben. Die Folgen des
Brudermords sind verheerend. Durch die Habgier hat sich die
Sünde Zugang zu Kains Seele verschafft. Von ihr wird
gesprochen wie von einem Menschen. Sie lauert vor der Tür des
Herzens. Dann nimmt sie es in Besitz. Kain ist wie ein
Besessener. Die Sünde zerstört den Lebensraum, vernichtet die
berufliche Existenz, trennt Freundschaftsbande. Kain ist
entwurzelt. Aus dem sesshaften Bauern ist ein heimatloser
Wanderer geworden. Erst als er ganz unten ist, hebt er wieder
den Kopf. Wie soll er weiterleben können, unstet und flüchtig

-132-
als Zigeuner unter den Sesshaften, als Gesetzesloser unter den
Nomaden? Soll er sich für den Rest des Lebens vor den
Menschen verbergen, die ihn totschlagen werden wie die
Schlange?
»Und der Herr machte ein Zeichen an Kain, daß ihn niemand
erschlüge, der ihn fände.« (Genesis 4.15) Jeder sollte Kain als
einen von Gott geschützten Menschen erkennen. Das Siegel
zeigte es allen, die ihm Böses wollten. So wurde aus Kain, dem
Mörder, Kain, der Erwählte. Er war schuldig und doch geliebt.

Katholizismus

Bekanntlich läßt der Satan die Atheisten und Agnostiker links


liegen. Warum sollte er auch ein Interesse an Menschen haben,
die nicht an Gott glauben? Doch warum haben Katholiken mehr
Probleme mit dem Leibhaftigen als evangelische Christen? Liegt
es an der Frömmigkeit? Als Luther (siehe dort) auf der
Wartburg die Bibel übersetzte, war auch der Teufel anwesend.
Doch heute? Wo hat man in den letzten 50 Jahren einen
evangelischen Theologen ernsthaft vom Teufel reden hören?
Vielleicht unter den Evangelikaien und schwäbischen Pietisten.
Aber sonst? Auch Papst Paul VI. (1963-1978) hatte sich darüber
Gedanken gemacht, warum gerade Katholiken den
Nachstellungen des Teufels in besonderer Schärfe ausgesetzt
sind. Er hatte nämlich beobachtet, wie »durch eine Ritze der
Rauch des Satans in den Tempel Gottes eingedrungen« war. Im
Osservatore Romano (Nr. 150, 30. Juni/l. Juli 1972) schrieb er:
»Da qualche fessura sia entrato il fumo di Satana nel tempio di
Dio.«
Was war geschehen? Einer Eingebung des Heiligen Geistes
folgend, hatte Johannes XXIII. das Zweite Vatikanische Konzil
(1962-1965) nach Rom einberufen, um über eine weltweite
Erneuerung der Kirche zu beraten. Frischer Gottesbraus sollte

-133-
die alten Gemäuer durchwehen und neuer Glaubenseifer
einkehren. Die Kirche war aufgefordert, sich vorsichtig der
modernen Welt zu öffnen, ohne sich ihr anzupassen. Durch
diese Öffnung sollten die Ausbreitung des Christentums und
eine Vertiefung der Einheit gefördert werden. Johannes XXIII.
starb am 3. Juni 1963. Er hatte nur die erste von vier
Sitzungsperioden des Konzils miterlebt. Jetzt trat Paul VI. seine
Nachfolge auf dem Stuhl Petri an. Unter den würdigen greisen
Erzbischöfen und Kardinalen saßen auch junge, modern
denkende Geistliche. Einer vo n ihnen war der Schweizer
Theologe Hans Küng. Nach dem Ende des Konzils glaubte Paul
VI. feststellen zu müssen, daß mit Theologen wie Hans Küng
der Widersacher selbst unter den Vätern des Konzils gesessen
habe.
Denn kaum war das Konzil beendet, zeigte es Wirkungen, die
der Papst so nicht gewünscht hatte: Liberale Kräfte in der
katholischen Kirche beriefen sich in einer Weise auf das Konzil,
daß sich der Vatikan zu drastischen Korrekturen genötigt sah.
Der Rauch des Satans war in den Tempel Gottes eingedrungen:
Das glaubten auch konservative Gegner des Konzils, die seine
Reformen, besonders die Abschaffung der lateinischen Liturgie
und die Einführung der Handkommunion, als Teufelswerk
verdammten. Statt ökumenischer Einheit hatte das Konzil
Unruhe in die weltweite Gemeinde gebracht. Wissenschaftliche
Theologen pochten auf das Recht einer rationalen, von Rom und
seinen Dogmen freien Auslegung der Bibel. Ultrakonservative,
wie der Erzbischof Marcel Lefebrve, beharrten auf dem
Althergebrachten. Den einen gingen die Reformen des Konzils
zu weit, den anderen nicht weit genug. Die große Einheit der
weltumspannenden großen Mutter Kirche drohte zu zerbrechen,
der »Durcheinanderbringer« schien erfolgreich Verwirrung
gestiftet zu haben.
Es begann die Zeit der großen Lehrprüfungsverfahren und
Abgrenzungen gegen Traditionalisten und allzu liberale

-134-
Theologieprofessoren. Marcel Lefebrve wurde die Befugnis,
Priester zu weihen, entzogen. Er hielt sich nicht an das Verbot.
Offener Ungehorsam gegen Rom an allen Fronten: Das Buch
»Abschied vom Teufel« (1969) des Tübinger
Theologieprofessors Herbert Haag wurde abgelehnt, dann
kamen die Werke von Hans Küng, später der »Fall
Drewermann«. Küngs Bücher »Die Kirche« (1967) und
»Unfehlbar? Eine Anfrage« (1970) wurden Gegenstand eines
römischen Lehrverfahrens, das am 15. Februar 1975 mit dem
Entzug der kirchlichen Lehrbefugnis endete. Mit der Erklärung
»Mysterium ecclesiae« (24. Juni 1973) hatte die
Glaubenskongregation die Unfehlbarkeit der Kirche erneut
betont und Küng widersprochen.
Außerhalb der kirchlichen Mauern begann die Zeit der Papst-
Schelte. Paul VI., den die Medien gern wegen seiner Enzyklika
»Humanae vitae« (25. Juli 1968) als »Pillen-Paule«
verspotteten, hatte am Nachmittag des 29. Juni 1972 aus
doppeltem Anlass eine Messe im Petersdom gefeiert. Es war das
Fest der Apostel Petrus und Paulus, also der Grundpfeiler der
katholischen Kirche, und zugleich der elfte Jahrestag (21. Juni)
seiner eigenen Ernennung zum Papst. Er blickte zurück auf das
Konzil und erinnerte an die Hoffnungen, die es begleitet hatten.
Zweifel und Unsicherheit hätten sich jetzt unter Christen
ausgebreitet. Der Papst sah den Widersacher Christi und der
Kirche am Werk, und er war überzeugt, »daß etwas
Außernatürliches in die Welt gekommen ist, gerade um die
Früchte des Ökumenischen Konzils zu stören und zu ersticken,
und um zu verhindern, daß die Kirche in den Hymnus der
Freude ausbreche, das Bewußtsein ihrer selbst in Fülle wieder
erlangt zu haben«.
Knapp fünf Monate später vertiefte Paul VI. diese Einsichten
in die düstere Lage der Kirche durch eine Pilgeransprache im
Rahmen der Mittwoch-Generalaudienzen (15. November 1972).
Sie wurde in deutscher Übersetzung am 24. November 1972 im

-135-
»Osservatore Romano« veröffentlicht und fand weltweite
Aufmerksamkeit. Die Ansprache beginnt mit einer Frage: »Was
braucht die Kirche heute am dringendsten?« Ein Drittes
Vatikanisches Konzil mögen viele Gläubige darauf antworten.
Oder eine Reform der Sexualethik, die Freigabe der Pille, die
Aufhebung des Pflichtzölibats, die Frauenordination. Der Papst
weiß, daß er eine unpopuläre Antwort geben wird, und macht
deshalb eine vermittelnde Einleitung. »Unsere Antwort soll euch
nicht erstaunen, nicht einfältig oder geradezu abergläubisch und
unrealistisch vorkommen: Eines der größten Bedürfnisse der
Kirche ist die Abwehr jenes Bösen, den wir den Teufel nennen.«
Da sind die Reaktionen der Öffentlichkeit vorweggenommen:
Unverständnis, Kopfschütteln, Vorwurf des dunklen
Aberglaubens, anti-aufklärerischen Denkens, der Dummheit und
Ignoranz. Anfang der siebziger Jahre kennt man den Teufel aus
der Rockmusik, aus Horrorfilmen und Romanen. Deshalb
erinnert Paul VI. ausführlich an die biblischen Aussagen vom
Wesen und Wirken des Teufels, dem »Gott dieser Welt« (2.
Korintherbrief 4.4), dem »Vater der Lü ge« und »Mörder von
Anfang an« (Johannes 8.44-45). Die Rede vom Teufel sei keine
Marginalie im Christentum, sondern ihr komme eine zentrale
Rolle zu. Leider fliehe die Theologie vor der wichtigen
Aufgabe, die Teufelslehre neu und zeitgemäß zu formulieren.
Sie sei »ein sehr wichtiger Abschnitt der katholischen Lehre«.
Immerhin wagt der Papst einige Hinweise auf die Bereiche, wo
der Teufel in den siebziger Jahren sein Unwesen treibe. Sein
Wirken sei überall dort anzunehmen, »wo die Leugnung Gottes
radikale, scharfe und absurde Formen annimmt, wo die Lüge
sich heuchlerisch und mächtig gegen die offenkundige Wahrheit
behauptet, wo die Liebe von einem kalten, brutalen Egoismus
ausgelöscht wird, wo der Name Christi mit bewußtem und
aufrührerischem Hass bekämpft wird, wo der Geist des
Evangeliums ins Reich der Märchen verbannt und verleugnet
wird, wo die Verzweiflung das letzte Wort behält.« Wie kann

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sich die Christenheit gegen die Versuchungen des Teufels
verteidigen? Die päpstliche Antwort lautet: »Die Gnade ist und
bleibt die entscheidende Verteidigung.«
Am 13. August 1986 nimmt der Nachfolger Pauls VI. direkten
Bezug auf die Ansprache. Johannes Paul II. (seit 16. Oktober
1978 im Amt) zitiert ausführlich dogmatische und biblische
Aussagen über den Teufel, unter anderem den ersten
Johannesbrief: »Die ganze Welt steht unter der Macht des
Bösen« (5.19), und beschreibt die Lage der Kirche in den
achtziger Jahren. Der »Zustand des Kampfes« gehöre »zum
Leben der Kirche«. Ihr Gegner, der Teufel, zähle zu jenen
Geistern, »die radikal und unwiderruflich Gott und sein Reich
zurückgewiesen, sich Gottes Herrscherrechte angemaßt und
versucht haben, die Heilsökonomie und die Ordnung alles
Geschaffenen umzukehren.« Der Teufel sei also da am Werke,
wo der Mensch in die »Haltung der Rivalität, der
Widersetzlichkeit und der Opposition gegen Gott« verfallen sei,
wo die Wahrheit Gottes abgelehnt werde. Der Papst erinnert
daran, daß der Teufel gerne unerkannt bleiben will. »Der
Einfluss des bösen Geistes kann ganz tief im Dunkeln verborgen
am Werk sein; es entspricht ja seinen Interessen, unerkannt zu
bleiben. Die besondere Gewandtheit des Teufels in dieser Welt
besteht darin, die Menschen dazu zu verführen, seine Existenz
zu leugnen, und zwar im Namen des Rationalismus und eines
jeden derartigen Denksystems, das alle möglichen Ausflüchte
sucht, um ja nicht das Wirken des Teufels zugeben zu müssen.«

Krimineller Satanismus

Der Satanist wendet sich von der Kirche und dem christlichen
Gott ab. Doch nicht jeder Satanist ist damit zugleich ein
Krimineller. Vielleicht ist er psychisch gestört, vielleicht benutzt
er den Namen Satans als Metapher für einen Protest gegen die

-137-
überlieferten Vorstellungen von Moral (siehe
Protestsatanismus), vielleicht ist er auch nur ein armseliger
Spinner und Wichtigtuer. Erst die Verbindung von Satanismus
und Sadismus ist ein strafwürdiges Vergehen. Zum kriminellen
Satanismus gehören Friedhofs- und Leichenschändung, die
Tötung von Tieren und der rituelle Missbrauch (siehe Schwarze
Messe) von Kindern und jungen Frauen. Diese Form des
sadistischen Satanismus geht auf Marquis de Sade (1740-1814)
zurück. Es sind Männerfantasien übelster Art.
Alles ist böse, alles ist Satans Werk, so lautet der Wahlspruch
von Donatien-Alphonse-François Marquis de Sade. Seine
Romane wollen die Absurdität des christlichen Glaubens vor
Augen führen. »Ich sage mir: Es gibt einen Gott; was ich
erblicke, hat eine Hand geschaffen, aber um des Bösen willen.
Ihr gefällt nur das Böse; das Böse und ihr Wesen; was immer sie
uns an Verbrechen begehen läßt, ist für ihre Pläne unerlässlich.
Der Schöpfer des Alls ist das boshafteste, grausamste,
fürchterlichste aller Wesen. Er wird also auch nach den
Geschöpfen existieren, welche diese Welt bevölkern. Und in ihn
werden sie alle zurückkehren, um andere, noch bösartigere
Wesen hervorzubringen.«
De Sades Welt ist sozial-darwinistisch, sie kennt keine Moral.
Das tugendhafte Leben führt ins Elend, das Laster in den
Wohlstand. »Warum habt ihr euch auf die Pfade der Tugend
verirrt, da ihr doch wissen mußtet, daß alles auf Erden Laster
und Verbrechen ist?«, so läßt de Sade den Gott-Teufel sprechen.
»In welcher meiner Taten habt ihr mich denn als Wohltäter
wirken sehen? Habe ich euch nicht Pest, Bürgerkrieg, Krankheit,
Erdbeben, Unwetter gesandt? Habe ich nicht unaufhörlich über
euren Häuptern die Nattern der Zwietracht ausgeschüttet? Etwa
um euch zu überzeugen, das Gute sei mein Wesen?« Die Frage,
warum Gott das Böse in der Welt zuläßt, existiert nicht im
satanistischen Kosmos des Marquis de Sade. Es gibt keinen
guten Gott. Dennoch braucht de Sade die unschuldigen

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tugendhaften Mädchen, die an das Gute glauben, um immer
wieder neu die Triumphzüge des Lasters, der Wollust und des
satanischen Verbrechens inszenieren zu können. Wie die
Gnostiker (siehe dort) glaubt auch er, daß wir in eine teuflische
Welt geboren wurden. Er leidet aber nicht unter dieser
Geworfenheit und sucht sie nicht zu überwinden. Im Gegenteil:
Er weidet sich wie ein KZ-Wächter am grausamen Schicksal der
Menschen.
Da Marquis de Sade den größten Teil seines Lebens in
Gefängnissen und Irrenanstalten verbrachte, konnte er seine
kriminellen Fantasien nicht ausleben. Heute tauchen in den
Medien vermehrt die Themen »Satanismus« im Zusammenhang
mit »sexuellem Missbrauch« auf. Parallel dazu wird die Polizei
zunehmend mit Verdachtslagen wie Störung der Totenruhe und
Verdacht von Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung
konfrontiert. Der Nachweis des satanischen Hintergrundes von
kriminellen Taten fällt jedoch schwer. So gibt es laut
Information des Landeskriminalamtes
Niedersachsen keinen kriminalpolizeilichen Meldedienst für
Straftaten im Zusammenhang mit dem Satanismus. Auch sind
keine objektiven Feststellungen zu der tatsächlichen Existenz
einer Satanismus-Szene in Niedersachsen vorhanden. »Bekannt
gewordene Ermittlungsverfahren im Zusammenhang mit
Delikten wie Störung der Totenruhe, Sachbeschädigung,
Diebstahl z.B. sakraler Gegenstände durch junge Menschen
dürften, obwohl die Sachverhalte im weitesten Sinne einen
satanischen Hintergrund haben könnten, weitestgehend als
jugendtypisches Fehlverhalten zu bezeichnen sein und eher
episodenhaften Charakter haben. Demzufolge sind
entsprechende Hinweise in kriminalpolizeilichen
Ermittlungsverfahren mit der gebotenen Sensibilität zu
bewerten.«
In den USA hat der Soziologe Jeffrey S. Victor über 60
angebliche Fälle von kriminellem Satanismus untersucht. Dabei

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fand er keinen einzigen echten Vorfall. Diese moderne
Satanshysterie nennt er »Satanische Panik« (Satanic Panic). Er
führt sie auf wachsende ökonomische Unsicherheit zurück. Der
Satanismus-Verdacht sei wie im Mittelalter und zur Zeit der
Hexenverfolgung eine Art Sündenbock für die Probleme der
Gegenwart.

Leiden

Eine der schrecklichen Krankheiten des Mittelalters war die


Mutterkornvergiftung. Die befallenen Hände und Füße wurden
schwarzfaulig und fielen allmählich ab. Die Krankheit wurde
auch Antoniusfeuer genannt. Einmal wegen der brandartigen
Schmerzen, zum anderen wegen des Heiligen, durch dessen
Hilfe man eine Linderung des Leidens erbat. Der im 11.
Jahrhundert gegründete Antoniterorden widmete sich besonders
der Krankenpflege. Im Jahr 1330 betraute ihn Papst Johannes
XXII. ausschließlich mit der Verehrung des Heiligen Antonius.
Eine wichtige Einnahmequelle der Bruderschaft war die
Schweinezucht. Die »Schweine des heiligen Antonius« bekamen
das Antoniuskreuz (den griechischen Buchstaben Tau, der wie
ein »T« aussieht) eingebrannt und trugen eine Glocke um den
Hals. In der Schweiz heißt der Heilige Antonius deshalb noch
heute »Süüli-Toni« (»Sau-Toni«). Die Spanier verehren ihn als
Schutzpatron der Haustiere. Sein Festtag ist der 17. Januar.
Für das Antoniterkrankenhaus im elsässischen Isenheim schuf
Matthias Gothart Nithard, genannt Grünewald, einen Altar, auf
dem auch der von Teufeln geplagte Antonius dargestellt ist. Wie
Rogier van der Weydens Weltgerichtsaltar im Hospices de
Beaune, so stand der Isenheimer Altar (1512-1516) des Matthias
Grünewald ursprünglich in einem Krankensaal. Der Leidende
hatte das Bild des Heiligen Antonius stets vor Augen. Der von
Teufeln gepeinigte Antonius liegt auf dem Boden. Ein Teufel

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zerrt an seinen Haaren, ein anderer am Mantel. Einer versucht,
seinen Rosenkranz zu stehlen, ein anderer schlägt mit dem
Knüppel und einem Eselskinnbacken auf Antonius ein. Im
Vordergrund ist ein zweiter Le idender dargestellt. Er hat
Schwimmfüße, sein Körper ist von Wunden und Pusteln übersät.
In einem zerrissenen Sack hält er das Buch des Heiligen. Ihm
gegenüber befindet sich ein Pergamentblatt gegen einen
Baumstumpf gelehnt. Die lateinische Inschrift lautet übersetzt:
»Wo warst Du, guter Jesus, warum bist Du nicht gekommen, um
meine Wunden zu heilen?«
Die Leidensgeschichte des Antonius führt in die Zeit der
frühen Christenheit zurück. Am 23. Oktober 1992 berichtete die
Neue Zürcher Zeitung von den Ausgrabungen österreichischer
Forscher in Abu Fana, einer frühchristlichen Klosteranlage in
Mittelägypten. Unter 1,90 Meter Wüstensand legten sie den
einbalsamierten Leichnam eines Erwachsenen frei.
Untersuchungen ergaben, daß der etwa 1,70 Meter große Mann
im Alter von rund vierzig Jahren gestorben war. Die Mumie ließ
einen Körper von robuster Statur mit ausgeprägten, spornartigen
Muskelansätzen erkennen. »Hätte sich diese Person hingelegt,
wäre sie nicht mehr auf die Beine gekommen«, urteilten die
Forscher. Es war der Körper von Apa Bane, den die
Wissenschaftler unter den Sandmassen entdeckt hatten. Die
Zeitung berichtet weiter: »Die Wissenschaftler stellten
außerdem gravierende, schmerzhafte Veränderungen an den
Wirbelgelenken, insbesondere an der Halswirbelsäule, fest, die
vermutlich von einer Einschränkung der Bewegungsfunktion
stammen. Ernährungsbedingter Zahnabschliff und dessen
Folgeerscheinungen müssen dem Mann ebenfalls quälende
Schmerzen bereitet haben.«
Es war kein Zufall, daß Antonius in die Wüste ging, denn zu
seiner Lebenszeit entwickelte sich das Christentum unter Kaiser
Konstantin zur römischen Staatsreligion. Da wollten Männer
wie Antonius nicht mitmachen. Sie zogen sich in die Wüste

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zurück und nannten sich daher Eremiten (»eremos«, griechisch
für »Wüste«), Mönche (»monazein«, griechisch für »einzeln
leben«) oder Anachoreten (»anachorein«, griechisch für »sich
zurückziehen«). Antonius trug ein Untergewand aus Haaren und
ein Obergewand aus Fellen. Der Sohn reicher Bauern wurde um
250 in dem Dorf Coma in Mittelägypten geboren. Antonius
hatte im Alter von zwanzig Jahren Jesu Wort an den reichen
Jüngling vernommen und das Gesagte auf sein eigenes Leben
bezogen. Damit fing alles an: »Willst Du vollkommen sein, so
geh hin, verkaufe, was Du hast, und gib's den Armen, so wirst
Du einen Schatz im Himmel haben; und folge mir nach!«
(Matthäus 19.21) Der Weg zur Vollkommenheit ist nicht nur
steinig. Er ist ein Leidensweg. Antonius beginnt einen
schrittweisen Rückzug aus der Gesellschaft. Zuerst lebt er unter
Anleitung eines erfahrenen Mannes ein enthaltsames Leben am
Rand menschlicher Siedlungen. Er will sensibler werden für
Gottes Stimme, die Achtsamkeit für das Heilige üben, sich
reinigen und im Kampf gegen die Leidenschaften bewähren.
Fünfzehn Jahre lebt er als Eremit und kämpft gegen sein eigenes
Herz, wie er vor einem Besucher bekennt: »Wer sich in der
Abgeschiedenheit befindet und zur Ruhe kommt, hält sich aus
einem dreifachen Kampf heraus: aus dem Kampf des Hörens,
des Sprechens und des Sehens, und er wird nur noch gegen eines
kämpfen müssen: gegen sein Herz.«
Antonius entdeckt die Wüstenstürme der Seele und den
Taifun des Herzens. Schwarze Vögel überschatten sein Gemüt,
und die Schatten der Unkeuschheit, der Verzweiflung, des
Zornes und der Trägheit suchen ihn heim. Wer vollkommen
werden will, sagt er, müsse den Kampf gegen sie aufnehmen.
Antonius zieht deshalb noch tiefer in die Einöde, um die innere
Wüste zu entdecken und zu bezwingen. Über Jahre hockt er
einsam in einem Felsengrab, dem Ort, wo nach Meinung seiner
Zeitgenossen ganze Heere von Teufeln hausen. Der Mensch ist
ein Wesen, das Versuchungen ausgesetzt ist. Antonius stellt sich

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ihnen. Er nimmt den Kampf gegen den Teufel auf. In
Jahrzehnten der Stille, des Gebets und der Enthaltsamkeit hat
sich sein Blick für die Schattenwelt geschärft. Er sieht Mächte
und Gestalten, die anderen Menschen verborgen bleiben.
In der Grabeshöhle sind die Teufel so leibhaftig anwesend,
wie sie Grünewald auf seinem Isenheimer Altar malt und
Hieronymus Bosch, Martin Schongauer oder Salvador Dali ins
Bild setzen. Die Teufel greifen Antonius auch körperlich an,
schlagen ihn so heftig, daß er vor Qualen sprachlos zu Boden
fällt. Ein anderes Mal wird er ohnmächtig. In wildem Geschrei
toben die Teufel und suchen ihn zu bezwingen. Dann erscheinen
sie in der Gestalt von Löwen, Tigern, Stieren, Wölfen und
Schlangen und verwunden den Heiligen mit ihren Zähnen,
Hörnern und Krallen auf grausamste Weise. Als nach diesen
schrecklichen Attacken endlich eine wunderbare Helligkeit die
Höhlendecke durchdringt und die bösen Geister vertreibt, hat
Antonius eine Christuserscheinung.
»Wo warst Du, mein guter Jesus? Wo warst Du? Warum bist
Du nicht von Anfang an hier gewesen, um mir zu helfen und
meine Wunden zu heilen?«, fragt Antonius.
Jesus antwortet: »Antonius, ich war hier. Aber ich wartete ab,
um deinen Kampf zu sehen.«
Menschen können im Leiden wachsen. Der Glaube an den
Sinn des Lebens kann aber auch im Leiden zerbrechen. Darin
liegt die Versuchung, in die der Leidende geführt wird. In
Gustave Flauberts (1821-1880) Roman »Die Versuchungen des
Heiligen Antonius« (1874) spricht der Teufel: »Bete mich an!
und verfluche das Phantom, das du Gott nennst!«
Weil Antonius die ganze Wirklichkeit des Lebens kannte,
konnte er vielen Menschen ein Ratgeber sein. Sie ließen ihn
nicht in Ruhe, als er sich nach Jahren des Ringens mit den
Teufeln noch tiefer in die Wüste zurückziehen wollte. Antonius
bewohnte nun ein verlassenes Kastell nilaufwärts in einer Oase

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am Fuß des Berges Pispir. Hier vollbrachte er Wunderheilungen
im Gebet und gab den Pilgern Ratschläge. Einige hörten wie
Antonius den Ruf Jesu zur extremen
Nachfolge und siedelten sich in seiner Nähe an. Andere
kamen nur auf einem Pilgermarsch in die Wüste, um sich Rat zu
holen. Ein Ratschlag des Heiligen lautete: Überspanne den
Bogen nicht, sonst zerbricht er! Das bezog Antonius auch auf
das Streben nach Vollkommenheit. »Wenn wir uns über das
rechte Maß hinaus anstrengen wollten, dann würden wir
ziemlich schnell zerbrechen. Es ist also angebracht, die
Anspannung dann und wann zu lockern.«

Jakob Michael Reinhold Lenz

Die berühmteste Geschichte einer Besessenheit ist mit dem


Namen Jakob Michael Reinhold Lenz verbunden. Sie ist in
vielen deutschen Gymnasien Pflichtlektüre. Lenz war ein
Dichter ohne den ge wünschten Erfolg, ein unzufriedener Lehrer,
ein Mann, der seinen Freund Goethe vor den Kopf gestoßen und
mit seinem Vater gebrochen hatte. Als Mensch voller Ängste
und Selbstzweifel kommt der mittellose Lenz (1751-1792) am
20. Januar 1778 im Vogesendorf Waldbach (Valdersbach) bei
Pfarrer Johann Friedrich Oberlin an. Schweizer Freunde hatten
ihm die Adresse empfohlen. Der fortschrittliche und rastlos
tätige Gottesmann Oberlin war für seine sozialreformerischen
Ideen