Sie sind auf Seite 1von 7

Ernst Dorfner

Die Wachstumsdynamik
der kapitalistischen Waren- und Erwerbswirtschaft

Im Anhang
Wie wir den Zwang zum Wirtschaftswachstum
verringern könnten:
Es ist nicht der Wachstumszwang der Investitionen
- also der Realwirtschaft-,
für deren Finanzierung es Geld braucht.
Vielmehr braucht es das Geld - und immer mehr Geld -,
um am oberen Ende der Wertschöpfungskette
die immer wieder weiterwachsende Menge der Konsumwaren
gewinnbringend verkaufen zu können.

Dies läuft so:

Das Geld aus Krediten für die Investitionen von heute wird
- über die damit finanzierten Lohneinkommen von heute
- für die Herstellung der Produkte für morgen -
zur Nachfrage nach den Konsumwaren von gestern.

Wird heute mehr Geld investiert als gestern,


steigt heute das gesamte Lohneinkommen
und die Nachfrage nach Konsumwaren.
So können die Produkte von gestern
heute zu Preisen verkauft werden,
die höher sind als ihre Kosten gestern.

Dies wird als Wertschöpfung bezeichnet.


Damit werden die Kapitaleinkommen finanziert.

Weiters ist zu bedenken:


Da wir mit dem Geld aus der Produktion heute für morgen
die Produkte von gestern kaufen,
fehlt morgen das Geld für den Kauf der Produkte von heute.
Dies erhalten wir erst mit der Produktion morgen für Übermorgen.

Es ist ein Zwang!


In unserer Warenwirtschaft werden die Verbrauchsgüter durch den Einsatz
von Lohnarbeit, natürlichen Ressourcen und dem Realkapital, den
Maschinen, den Einrichtungen, etc., in vielen Fertigungsstufen der
Wertschöpfungskette hergestellt. Dabei werden in den meisten, den
unteren Stufen, vorauseilend Waren geschaffen, die dem Menschen weder
als Lebens- noch als Nutzmittel dienen können. Diese Waren dienen „nur“
dazu, um Einrichtungen zu bauen, mit denen diese Mittel dann mit
geringerer Anstrengung des Menschen und in höherer Menge herstellen zu
können.

Diese Arbeitsteilung erfolgt somit nicht zeitgleich auf gleichem Niveau


nebeneinander, sondern in vertikal übereinander lagernden Stufen. Erst
ganz oben werden die Güter erzeugt, die dem Verbrauch des Menschen
dienen.

Diese vertikale hinter einander liegende Arbeitsteilung ermöglicht den


horizontalen Austausch der verschiedenen Produkte untereinander nicht. Es
können Rohmaterialien, Vorprodukte, Maschinen, .... nicht untereinander
und auch nicht gegen Konsumgüter, Nachprodukte nicht gegen Vorprodukte
getauscht werden. Es ergibt sich ein hochkomplexes System, das etwas
braucht, dass ein Zusammenspiel des Ganzen ermöglicht und sicherstellt.
Eines Mittels, das gegenseitiges Vertrauen schafft und mangelndes Bemühen
und Missbrauch im Zusammenspiel ahndet.

Dieses Mittel ist das Geld als Ausfluss dieses Vertrauens, des Kredites. Und
es sind die Banken als Kreditinstitute, die diesen Kredit, dieses Vertrauen
vermitteln (sollen). Damit wird die Erwirtschaftung von Geld das
ökonomische Ziel in all diesen Stufen, das dann ganz oben in der
Wertschöpfungskette den Zugriff auf die Lebens- und Nutzmittel als
eigentliches Ziel ermöglicht.

Mit dem Geld als allgemeines ökonomisches Produktionsziel wird aber nun
überall ein homogenes Gut erzeugt, das einem Austausch untereinander
keinen Sinn gibt. Es gibt hierfür nur ein Ziel, nämlich aus Geld mehr Geld zu
machen, wie schon Marx festgestellt hat. Dieses Ziel vertritt auch die
Schulökonomie mit dem Begriff „Wertschöpfung“. Sie besteht darin, Güter
mit einem höheren Geldwert zu schaffen, also teurer zu verkaufen, als
gekauft wurde.

Investitionsgüter sind dabei solche, die heute von Unternehmen erzeugt und
morgen wieder in Geld, und zwar in mehr Geld, verwandelt werden.
Konsumgüter dagegen sind solche, die heute von den Unternehmen erzeugt
und morgen von den Haushalten gekauft, aber nicht mehr weiterverkauft,
sondern verbraucht werden. Konsumieren heißt somit, Geld durch den Kauf
von Konsumgütern zu verbrauchen.

Damit wird auch deutlich, dass in der Wertschöpfungskette bis am oberen


Ende beim Einkauf des Detailhändlers, immer nur gekauft wird, um teurer
weiterzuverkaufen. Erst ganz oben, beim Kauf des Konsumenten, geht es
nicht mehr um Wertschöpfung, sondern um den Verbrauch, um
Wertvernichtung.

Diese Wertvernichtung, der Verbrauch der Konsumgüter von gestern,


wird heute mit dem Geld finanziert, das heute - also zeitgleich- in die
ganze Wertschöpfungskette zur Erzeugung der Produkte für morgen
investiert wird. Diese Investition heute aber muss stets höher sein als
die von gestern, damit zuletzt auch der Detailhändler sein Warenlager
gewinnbringend verkaufen kann.

Wertschöpfung heißt also, aus Geld mehr Geld zu machen.

Das wird dadurch möglich, dass heute mehr Geld für den Kauf von
Investitions- wie auch Konsumgütern ausgegeben werden muss als gestern
für deren Herstellung aufgewendet wurde.
Dazu aber müssen die Unternehmen heute in die Produktion für morgen
durch Zukauf von Lohnarbeit und bereits verwandelter Lohnarbeit in Form
der Vormaterialien, Maschinen, Betriebsstoffe …. mehr investieren als
gestern.

Das heißt alles in allem, dass gestern für heute, und heute für morgen
produziert wird. Das gilt sowohl für Konsumgüter wie auch
Investitionsgüter. Und heute mehr Geld in die ganze Wertschöpfung
investiert werden muss als gestern, und morgen mehr als heute.

Wir steigen auf eine Leiter, deren Seitenholme nach oben immer weiter
(exponentiell) auseinandergehen, und die Sprossen immer breiter werden.

Diese heute investierte Geldsumme muss so hoch sein, dass nicht nur der
Geldvorschuss für die Produktion von gestern zurückbezahlt werden kann,
sondern auch noch ein Mehrwert in Form von Zinsen und Profiten verbleibt.

Mit dem heute aus dem Kredit hergehenden Geld können nun die
Kreditschulden - die Forderungen der Banken - von gestern getilgt werden.
Damit wird das „alte“ Geld vernichtet und durch „neues“ ersetzt, das somit
schon vorauseilend in größerer Menge vorhanden sein muss. Und dem somit
auch neue- und höhere - Schulden als Forderungen der Banken
gegenüberstehen.

Vollgeld wird dagegen nicht vernichtet, sondern zieht sich von den
Verrechnungskonten der Unternehmen in die Warteposition in den
Sparkonten der Banken zurück. Es kann dies aber nur tun, wenn auch hier
schon vorauseilend anderes - und mehr - Vollgeld („Spargeld“) für die
Kreditaufnahme zur Verfügung steht, mit dem das fertige Produkt gekauft
werden kann. Erst dann kann der Verkäufer von seinen Kreditschulden von
gestern erlöst werden. Der ganze weitere Vorgang, der zum Vorgriff nötigt,
bleibt also gleich.

Das Geld läuft also nicht vorwärts - sondern zurück. Die Vorstellung von
Vorwärts-Umlauf des Geldes kann in einer so komplexen
Wertschöpfungsstruktur wie der gegenwärtigen gar nicht eingebaut werden.
Die üblichen Kreislaufschemas der Schulökonomie berücksichtigen diese
Komplexität deshalb auch nicht. Sie können dies nicht, weil dort der Faktor
Zeit fehlt. Alles erfolgt zugleich. Die Produkte von heute werden schon
heute konsumiert, deren Fertigung benötigt keine Zeit. Es gibt kein Gestern
und kein Morgen, nur das Heute.

Wie auch immer: Es braucht von Periode zu Periode immer mehr Geld, um
die immer weiter anwachsende Gesamtproduktion von gestern heute mit
Preisen verkaufen zu können, die höher sind als ihre Kosten von gestern.

Es ist also nicht das Verlangen nach anwachsenden Investitionen, die nach
mehr Geld verlangen, Es braucht vielmehr – vorauseilend - eine immer
weiter anwachsende Geldmenge, um am Ende der heutigen
Wertschöpfungskette die wachsende Menge an Konsumgütern
gewinnbringend verkaufen zu können. Und diese wachsende Geldmenge
kommt heute nur über anwachsende Investitionen in die morgige
Wertschöpfung zustande, die immer weiter und weiter wuchern muss.!!

Es zwingt zum Wachstum, weil mit dem Geld für die Produktion von
morgen die Produkte von gestern gekauft werden. Nicht zuletzt sind
deshalb auch noch die Konsumenten mittels aggressiver Werbung dazu
zu animieren, möglichst alles Geld rasch für Neues auszugeben - und das
gestern Gekaufte wieder rasch zu beseitigen, zu vernichten.

Da somit die Lohneinkommen von heute für die Produktion von gestern
ausgegeben wurde, fehlt nun aber morgen das Geld für den Kauf der
heute für morgen gefertigten Produkte! Es fehlt sowohl bei der
Verwendung von Kreditgeld als auch von Vollgeld. In beiden Fällen
brauchte es neue Kredite! Auch mit Vollgeld. Hier ist zwar Geld nicht
vernichtet worden, aber stillgelegt („gespart“), und wird erst wieder
durch Aufnahme eines Kredites genutzt.

Der Zwang zum Wirtschaftswachstum findet hier seine letzte


Ausprägung.

Wir steigen hoch wie auf einer Leiter, deren Seitenholme immer weiter
(exponentiell) auseinander gehen - und deren Sprossen damit immer länger
werden müssen - und sichern uns mit der einen Hand durch Vorgriff auf die
nächste höhere Sprosse, ehe wir den vorherigen Sicherungsgriff mit der
anderen Hand lösen.

Anhang

Wie wir den Zwang zum Wirtschaftswachstum


verringern könnten

Dieses System verursacht die Klimakrise, zerstört die Natur, beutet die
Umwelt aus,
aber es sichert nicht nur Profite, sondern schafft auch Arbeitsplätze
und Lohneinkommen und materiellen Überfluss. Und auch das Geld für
den Sozialstaat. Noch!! Es wird deshalb nicht nur von den
Vermögensbesitzern und Unternehmern verteidigt, sondern auch vom
Staat und von den Gewerkschaften. Kollabiert die Wirtschaft,
kollabiert auch alles andere, beginnend mit dem Sozialstaat.

Gerade dieser Sozialstaat wäre aber auch anders zu sichern. Er muss sich
nicht von der kapitalistischen Wirtschaft alimentieren lassen. Es geht hier
in vielen Bereichen nicht um in einer langen Wertschöpfungskette
industriell hergestellten Produkte, sondern um menschliche
Handreichungen, die jede und jeder anbieten kann. Diese können spontan
getauscht, müssen nicht vorfabriziert werden. Für diesen Tausch genügt
ein einfaches Tauschmittel. Mit Vollgeld, das hier nicht in Form von
Krediten zu den Geschäftsbanken gelangt, sondern dem Staat als
Zahlungsmittel zur Verfügung gestellt wird, könnten solche Dienste
finanziert und attraktiviert werden.

Damit braucht der Kapitalismus nicht mehr von der Politik so vehement
verteidigt werden. Er wird nur mehr dazu benötigt, die Produktion von
Waren soweit aufrecht zu erhalten, wie von den Menschen für ein gutes
Leben ohne Verschwendung benötigt wird. Es wird hier zu einem Verlust an
Arbeitsplätzen kommen, jedoch werden mehr Arbeitsplätze für die
sozialen Dienste entstehen, deren Besetzung den dringenden Bedarf an
Arbeitskräften im Sozialbereich besser deckt.
Februar 2020